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Spionin in Satin und Seide / Masken der Lust / Trau dich, nimm mich

Lori Wilde

Spionin in Satin und Seide

1. KAPITEL

„Du bekommst den Job, aber nur unter einer Bedingung.“

Taylor Milton Corben, geschäftsführende Gesellschafterin von „Eros Airlines and Fantasy Adventure Vacations“, verschränkte die Arme und musterte den früheren Air Force Captain Dougal Lockhart. Taylor war eine attraktive Rothaarige mit schokoladenbraunen Augen und tollen Beinen – und frisch verheiratet mit Dougals bestem Freund Daniel Corben.

Dougal richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter achtundachtzig auf und hielt Taylors Blick stand. Ich hätte wissen müssen, dass die Sache einen Haken hat, dachte er. Seiner Erfahrung nach gab es immer einen Haken.

Hing die Bedingung vielleicht mit der Geschichte zusammen, weshalb er das Militär verlassen und einen privaten Flugsicherheitsbegleitdienst gegründet hatte? Daniel hatte seiner Frau wahrscheinlich erzählt, was in Deutschland passiert war. Unwillkürlich schob Dougal eine Hand in die Hosentasche und berührte das Neun-Millimeter-Geschoss, aus dem er einen Schlüsselanhänger hatte machen lassen, um die Geschichte niemals zu vergessen. Die Narbe der Schusswunde auf seinem rechten Oberschenkel pochte.

Dougal wappnete sich innerlich gegen Taylors Forderungen. Er konnte es sich nicht leisten, empfindlich zu sein, denn er brauchte den Auftrag dringend. Letzten Monat hatte er schon einen Kredit aufnehmen müssen, um seinen Mitarbeitern das Gehalt auszahlen zu können.

„Was für eine Bedingung?“, fragte er vorsichtig.

„Ich möchte, dass du und deine Leute undercover arbeiten …“

„Das ist selbstverständlich.“

Taylor ging über seinen Einwurf hinweg und fuhr fort: „Und zwar als Reiseleiter.“

„Reiseleiter?“ Damit hatte er nicht gerechnet.

„Reiseleiter“, wiederholte sie.

„Warum?“

„Ich brauche dich und deine Leute nicht nur während der Flüge, sondern anschließend auch in den Resorts.“ Taylor lehnte sich im Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und schaute zu ihm hoch.

„Die Lockhart Agency ist ein Sicherheitsdienst für Privatjets, nicht für Urlaubsresorts.“

„Soll das heißen, dass du den Job ablehnst?“

Verdammt, er brauchte diesen Auftrag, das wusste Taylor ganz genau. Wenigstens hatte sie nicht auf die Sache mit Ava in Deutschland angespielt. Dougal verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere und stemmte die Hände in die Hüfte.

Taylor lachte. „Du siehst aus wie ein Sheriff im Wilden Westen, der sich gegen eine lynchwütige Meute stellt. Entspann dich, Dougal, nimm Platz.“

Er ließ die Arme sinken und setzte sich auf die gediegene Ledercouch gegenüber von Taylors teurem Mahagonischreibtisch. „Was erwartest du von uns?“, fragte er.

„Du wirst die volle erste Maihälfte im Einsatz sein“, antwortete sie. „Es handelt sich um einen Zwei-Wochen-Trip.“

Er nickte. „Das ist kein Problem.“

„Du und deine Leute, ihr werdet ein Reiseleitertraining absolvieren. Nächsten Monat haben wir vier neue Reisen im Programm, und ich möchte jeweils einen von euch im entsprechenden Flieger und vor Ort haben.“

„Okay“, stimmte er zu. „Was noch?“

„Ihr werdet Kostüme tragen.“

„Wie bitte?“

„Es tut mir leid, aber daran führt kein Weg vorbei.“ Taylor mochte aussehen wie ein verwöhntes Supermodel, doch sie war eine knallharte Geschäftsfrau. „Wenn du den Auftrag annimmst, kannst du dir schon einmal einen Bart wachsen lassen.“

„Einen Bart?“ Unwillkürlich strich er sich übers Kinn. Er hatte noch nie Bart getragen.

„Du wirst den Barden spielen.“

„Wen?“

„Shakespeare.“

Dougal runzelte die Stirn. „Ich kann dir nicht folgen.“

„Ich befürchte, dass der Saboteur unsere ‚Romance of Britannia‘-Reise im Visier hat. Der Reiseleiter wird wie Shakespeare gekleidet sein. Beziehungsweise so, wie er in dem Film ‚Shakespeare in Love‘ dargestellt wird.“

„Warum bist du dir so sicher, dass der Saboteur es ausgerechnet auf diese Reise abgesehen hat?“

Taylor zog eine Schublade auf, nahm eine grüne Aktenmappe heraus und schob sie über den Schreibtisch. Dougal öffnete sie und las den Brief darin.

Du glaubst, dass die kleinen Zwischenfälle in deinem Resort in Venedig eine Katastrophe waren? Du hast ja keine Ahnung, Bitch. Warte, bis eins deiner Flugzeuge abstürzt. Das wird Schlagzeilen machen! Weißt du überhaupt, wie verwundbar deine Luftflotte ist? Schau’s dir an.

Dem anonymen Brief war eine Zeichnung vom Innern eines Flugzeugs beigefügt. Am Rand waren mit roter Tinte ausführlich die zahlreichen Möglichkeiten vermerkt, wie ein Saboteur den Privatjet manipulieren könnte.

Dougal lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Was hat die Polizei zu dem Brief gesagt?“

Taylor winkte entschieden ab. „Ich habe sie nicht eingeschaltet.“

„Warum nicht?“

„Ich kann nicht noch mehr negative Publicity gebrauchen, daher möchte ich die Sache diskret regeln.“

„Wir hätten den Brief auf Fingerabdrücke untersuchen lassen sollen.“

„Das hat bereits ein privates Labor für mich erledigt. Auf dem Kuvert befanden sich Dutzende von Abdrücken, aber auf dem Schreiben selbst nur meine und die meiner Sekretärin.“

„Was ist in Venedig passiert?“

Taylor atmete tief durch. „Vor ein paar Monaten gab es dort eine Reihe von … Problemen.“

„Das heißt?“

„Defekte Rauchmelder, die schuld daran waren, dass ein Brand in der Wäschekammer erst entdeckt wurde, als der Schaden schon einige Tausend Dollar hoch war. Verdächtig schien, dass die Rauchmelder erst eine Woche vorher überprüft worden waren. Es hatte keine Beanstandungen gegeben.“

„Brandursache?“

„Ungeklärt.“

„Erzähl weiter.“

„Nach einem Festessen mussten einige Gäste mit einer Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden. Und dann wurde auch noch ein Renoir gestohlen. Da die Alarmanlage ausgeschaltet worden war, ging die Polizei von einem Mitarbeiter als Täter aus, konnte jedoch niemandem etwas nachweisen. Ich kündigte dem Manager und stellte einen neuen ein. Danach kehrte Ruhe ein. Ich dachte schon, die Sabotage hätte ein Ende, aber anscheinend“, sie deutete auf den Brief, den Dougal noch immer in der Hand hielt, „habe ich mich geirrt, und der Mann hat nur abgewartet, damit ich mich in Sicherheit wiege.“

„Du meinst, es handelt sich um einen Mann?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Werden solche Sachen normalerweise nicht von Männern gemacht?“

Dougal dachte an Ava. „Nicht unbedingt.“

Taylor biss sich grübelnd auf die Lippen. „Auf eine Frau bin ich bisher nicht gekommen.“

„Warum glaubst du, dass der Saboteur bei der ‚Romance of Britannia‘-Reise zuschlagen wird?“

„Die Zeichnung wurde aus dem Handbuch genau des Flugzeugs herausgerissen, das bei dieser Reise eingesetzt wird.“ Sie nahm eine dicke Broschüre aus einem Schreibtischfach und reichte sie ihm.

Er schlug sie hinten bei den Abbildungen auf und fand die Stelle, wo die Seite herausgerissen worden war. Man brauchte keine kriminaltechnische Untersuchung, um zu sehen, dass der gezackte Rand der Broschüre und der der Zeichnung zusammenpassten. „Irgendein Hinweis darauf, wer dahinterstecken könnte?“

Taylor schüttelte den Kopf. „Mir sind Widerstände nicht fremd. Einmal haben religiöse Fanatiker eins meiner Resorts umzingelt, weil sie es als Orte der Sünde verurteilten. Manchmal beschweren sich perverse Kunden, weil Eros nicht auf ihre abartigen Bedürfnisse eingeht. Meine Mitbewerber neiden mir den Erfolg. Ich habe die marode Fluglinie meines Vaters in ein sehr profitables Reiseunternehmen umgewandelt, das passt nicht allen. Selbst im Vorstand sind nicht alle glücklich über unsere neue Richtung. Sich Feinde zu schaffen gehört im Geschäftsleben dazu.“

„Dies sieht mir eher nach einer persönlichen Sache aus.“ Dougal hielt die herausgerissene Seite hoch. „Wie konnte der Täter an dieses Handbuch herankommen?“

„Ich weiß es nicht. Das herauszufinden ist deine Aufgabe.“

„Ich bin mir nicht sicher, wie es meinen Männern gefallen wird, sich zu verkleiden und Fremdenführer zu spielen.“

„Mir ist bewusst, dass ich viel verlange. Daher bin ich bereit, den Handel zu versüßen.“ Sie nannte eine so hohe Summe, dass Dougal beinahe ungläubig geblinzelt hätte. „Was meinst du dazu?“

Er lächelte. „Wie könnte ich dieses Angebot ablehnen?“

Taylor legte eine Hand auf seinen Unterarm. „Ich möchte, dass diese Person gefasst wird und dass meine Kunden sicher sind.“

„Wir kümmern uns darum.“

„Ich verlasse mich auf dich.“

Dougal stand auf. Bei dem Gedanken daran, was in Deutschland geschehen war, schluckte er schwer, doch er hatte aus der Vergangenheit gelernt. Er würde sich nicht noch einmal zum Narren halten lassen. Er sah Taylor an und versprach: „Du kannst dich auf mich verlassen.“

In dem Moment klopfte jemand an die Tür, und noch ehe Taylor etwas sagen konnte, betrat ein großer, breitschultriger älterer Herr mit militärisch aufrechter Haltung das Büro.

Sofort salutierte Dougal dem ehemaligen General, der einst sein Vorgesetzter gewesen war. „General Miller, Sir.“

„Ich bitte Sie.“ Der General winkte ab. „Das ist nicht nötig. Wir sind beide nicht mehr im Dienst.“

Dougal entspannte sich.

„Wie geht es dir, Onkel Chuck?“, fragte Taylor und stand auf, um ihn zur Begrüßung auf die Wange zu küssen.

„Mir geht’s gut, Prinzessin.“ Er legte einen Arm um ihre Taille.

„Und Tante Mizzi?“

„Sie ist dabei, mein Geld bei einem Spa-Tag mit ihren Freundinnen zu verschwenden.“ Er lächelte Taylor an. „Störe ich euch? Ich wollte dich zum Lunch einladen, damit du mir alles über diese Sabotagegeschichte erzählen kannst.“

„Ich habe Dougal und sein Team zur Verstärkung meines Sicherheitsdienstes engagiert. Es ist wieder ein Drohbrief gekommen. Diesmal richtet er sich gegen meine Flugzeuge.“

„Oh?“ Der General wandte sich mit fragendem Blick an Dougal.

„Ich habe einen privaten Flugsicherheitsbegleitdienst gegründet, Sir“, erklärte er.

„Aha.“ Miller nickte. „Um die Lektion, die Sie aus dem Schlamassel in Deutschland gelernt haben, in der Praxis umzusetzen?“

Der spitze Tonfall des älteren Herrn löste Unbehagen in Dougal aus. „Ja. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um die Sicherheit von Eros Airlines zu gewährleisten.“

„Tun Sie das“, erwiderte Miller knapp. „Tun Sie das.“

„Hey, Hübscher, du kannst deinen Speer jederzeit hier drüben landen lassen.“

Dieser anzügliche Zuruf kam aus einer Gruppe von plappernden und kichernden Frauen, die das Flugzeug bestiegen. Dougal musste sich beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. Die meisten waren jung, reich und attraktiv. Die Rothaarige, die die zweideutige Bemerkung gemacht hatte, sah ihm kurz in die Augen und fuhr sich aufreizend mit der Zungenspitze über die Lippen, bevor sie zwischen den Sitzreihen weiterging.

Die Tatsache, dass er so kostümiert war wie Joseph Fiennes in „Shakespeare in Love“ und einen Kinnbart trug, besserte seine Laune nicht gerade. Doch er war im Dienst für Eros Airlines and Fantasy Adventure Vacations, und der Werbeslogan des Unternehmens lautete: „Something Sexy in the Air“. Außer dem Piloten und dem Kopiloten, beide an die sechzig, war er der einzige männliche Mitarbeiter an Bord. Er kam sich vor wie das letzte Stück Premiumrind am Nationalfeiertag auf dem Fleischmarkt.

Er würde mit Taylor reden müssen. Das Hemd mit den Puffärmeln und die hautenge Lederhose waren schon schlimm genug, aber der Bart musste einfach ab. Dougal widerstand dem Drang, sich das Kinn zu kratzen, begrüßte jeden Gast mit einem einstudierten Lächeln und hieß ihn mit einstudiertem britischen Akzent an Bord willkommen. Innerlich seufzte er. Das würden zwei lange Wochen werden.

Denk an die Vorteile. Du hast eine sehr gute Chance, in dieser Zeit eine Eroberung zu machen.

Vorausgesetzt, er ignorierte, dass er und seine Männer einen Vertrag unterzeichnet hatten, der sexuelle Kontakte mit den Gästen strikt verbot. Dougal sah einer jungen Frau mit tollem Po und sinnlichem Hüftschwung nach und stöhnte unterdrückt.

Verdammter Vertrag.

In dem Moment entdeckte er sie.

Die letzte Frau, die an Bord kam.

Sie passte nicht zu den anderen Gästen.

Sie stach aus der Menge hervor wie eine einzelne rote Rose auf einem Feld voller Butterblumen, vornehm und wie von einer anderen Welt. Ihr Haar war rabenschwarz, ihre Haut hell wie Alabaster, und ihre Augen waren auffallend eisblau. Sie trug ein gelbes Sommerkleid aus einem leichten, duftigen Stoff. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es unter dem Kleid aussah. Hatte sie einen weißen Baumwollslip und einen schlichten Bügel-BH an, oder würde sie ihn vielleicht mit einem sündigen roten Bustier und einem Stringtanga überraschen?

Dougal neigte den Kopf und grüßte sie mit einem Lächeln. Nein, entschied er. Rosa Satinslip und dazu passendes Hemdchen. Süß und trotzdem frech. Ein braves Mädchen, das sich nach Abenteuer sehnte, aber Angst hatte, sich einfach zu nehmen, was es wollte.

Doch es war mehr als ihre zarte Schönheit, die diese Frau von den anderen unterschied. Er war darauf geschult, feinste Hinweise zu erkennen. Ihre aufrechte Haltung und das entschlossen angehobene Kinn, ihre zielstrebigen Bewegungen und die Art, wie sie ihn abschätzte – genauso intensiv wie er sie – verrieten ihm, dass dies keine gewöhnliche Urlauberin war. Keine Frau, die sich einfach nur amüsieren wollte. Diese geheimnisvolle Lady hatte einen Plan.

Alarmglocken schrillten in seinem Kopf. Bis er wusste, was genau dieser Plan beinhaltete, würde er sie beobachten.

Noch etwas stimmte nicht – sie reiste allein. Kein liebevoller Ehemann oder Verlobter oder Freund an ihrer Seite. Keine pausenlos plappernde beste Freundin, keine Mutter oder Schwester oder Cousine.

Eins war seltsam – während sein Verstand und seine Erfahrung ihm rieten, diese Frau im Auge zu behalten, sagte ihm sein Bauchgefühl etwas ganz anderes.

Sie ist die eine, auf die du gewartet hast.

Warum zum Teufel diese widersprüchlichen Botschaften? Als ihm so etwas das letzte Mal passiert war, hatte es mit einer Pistolenkugel in seinem Oberschenkel geendet.

Die Frau erreichte die oberste Stufe der Gangway. Ihre Blicke trafen sich. Rasch musterte sie sein Kostüm, und als sie ihm wieder in die Augen sah, umspielte ein Lächeln ihre Lippen. Sie machte sich über ihn lustig.

Dougal ließ sich nichts anmerken und streckte ihr eine Hand entgegen. „Willkommen bei Eros Airlines. Ihr Vergnügen ist unser einziges Anliegen.“

Die Begrüßungsfloskel mochte vorgeschrieben sein, aber die Betonung kam von ihm allein. Er wusste nicht, warum er dieser Frau die Hand reichte. Er hatte bis jetzt keiner Frau an Bord die Hand geschüttelt. Es war eine spontane Eingebung, und das gab ihm zu denken. Er musste seine Impulse besser unter Kontrolle haben.

Eine ganze Weile sagte sie nichts, stand einfach nur da und schaute auf seine Hand. Es war nervenaufreibend.

„Hallo“, raunte sie ihm dann mit heiserer Stimme zu und ging an ihm vorbei.

„Warten Sie!“ Er berührte sie an der Schulter, um sie zurückzuhalten. Achtung, du wirkst zu streng. Du willst doch nicht deine Tarnung auffliegen lassen. „Wie ist Ihr Name?“

Sie drehte sich um und zog die Brauen hoch. „Mein Name?“

Warum war sie so zurückhaltend? Hatte sie etwas zu verbergen, oder war er zu misstrauisch?

„Für unseren beispiellosen Kundenservice“, redete er sich heraus und lächelte, wie er hoffte, vertrauenerweckend. „Wir haben unseren fünften Stern nicht dafür bekommen, dass wir unsere Gäste mit ‚He, Sie da‘ anreden.“

Da war es wieder, dieses amüsierte Schmunzeln. „Ich bin Roxanne Stanley, aber meine Freunde nennen mich Roxie.“

„Roxie.“ Er streckte ihr wieder eine Hand hin.

„Sie nehmen also an, dass wir Freunde werden“, fragte sie und zog eine Braue hoch.

„Ich nehme es nicht an, ich hoffe es lediglich.“

In der Sekunde, als ihre Handflächen sich berührten, jagte ihm ein Schauer über den Rücken. In seinem Bauch kribbelte es verräterisch, Lust regte sich in ihm. Diese Frau ging ihm unter die Haut.

Die Intensität seiner Reaktion beunruhigte ihn. Von Natur aus war er ein vorsichtiger, verschlossener Mensch, und seine Erfahrungen, die er während vieler Einsätze gesammelt hatte, hatten ihn eher noch argwöhnischer werden lassen. Einmal hatte er sich geöffnet, seine Vorsicht vergessen, und – peng!

Seine alte Schusswunde schmerzte bei dem Gedanken. Einmal reingefallen – Pech. Zweimal reingefallen – Dummheit.

„Und Sie sind …“ Roxie neigte den Kopf und sah ihn auffordernd an.

„… hier, um all Ihre Fantasien wahr werden zu lassen.“

„Aha“, meinte sie. „Ist das so?“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, bei dem sich zwei kleine Grübchen in ihrer linken Wange bildeten. Himmel, er hatte eine Schwäche für Grübchen, und sie hatte auch noch zwei davon.

Stichwort Schwäche. Reiß dich zusammen, Lockhart. Du bist im Dienst.

„Lassen Sie mal sehen, wo Sie sitzen.“ Dougal lehnte sich näher zu ihr, scheinbar um ihre Bordkarte zu lesen, doch er wusste bereits, welchen Platz sie hatte. Er hatte sich den Sitzplan eingeprägt und erinnerte sich, dass Miss Stanley in der ersten Reihe am Fenster saß, und er saß neben ihr am Gang. Welch günstiger Zufall.

Vor allem interessierte ihn, wie sie reagieren würde. Würde sie mit ihm flirten wie eine harmlose Urlauberin, oder würde sie ausweichen wie jemand, der nichts Gutes im Schilde führte? Er würde es auf jeden Fall herausfinden.

Weder noch. Roxanne Stanley sagte mit unerschütterlicher Ruhe: „Sie stehen mir im Weg, Mr. Fantasy-Man. Wenn Sie mich bitte entschuldigen …“

Er trat zur Seite, aber er war groß und der Durchgang zu schmal. Sie musste sich an ihm vorbeizwängen, um zu ihrem Sitz zu gelangen. Dabei streifte ihre Hüfte seinen Oberschenkel. Es war nur eine flüchtige Berührung, kaum spürbar, und doch regte sich sein Verlangen so stark, als hätte sie ihn gestreichelt.

Es war verrückt. Normalerweise verlor er nicht so leicht die Kontrolle, schon gar nicht bei so geringem Anlass. Mit einem tiefen Atemzug versuchte er, sich abzukühlen. Denk an etwas anderes. Was immer du tust, starr ihr nicht auf den Hintern.

Roxie ging an ihm vorbei. Ganz automatisch sah er auf ihren Po. Sie schaute sich über die Schulter zu ihm um und ertappte ihn. Der Blick aus ihren faszinierend blauen Augen verschlug ihm den Atem.

In dem Moment war es, als ob sie allein im Flugzeug wären. Das Stimmengewirr schien zu verstummen. Dougal blendete alles aus und nahm nur noch sie wahr.

Ihre Wangen röteten sich zart. Schließlich schlug sie die Lider mit den langen schwarzen Wimpern nieder. Sein Herz klopfte wild. Diese Frau wirkte stark und zugleich sehr verletzlich. Welche Geheimnisse mochte sie hüten?

Hatte einer von Taylors Feinden sie geschickt? Ein aufgebrachter Aktionär oder ein Konkurrent? Oder gab es ein persönliches Motiv? Ging es um Rache an Taylor? War Roxanne Stanley vielleicht eine prüde Saboteurin, angewidert von Eros Airlines und dem erotisch angehauchten Konzept der Reisen? Oder war er bei ihr auf einer völlig falschen Fährte?

Sein Instinkt sagte ihm, dass sie völlig harmlos war, doch sicher war er sich nicht. Sich an sie heranzumachen war daher die einzige Möglichkeit, mehr über sie herauszufinden. Irritierend war nur die penetrante innere Stimme, die ihn darauf aufmerksam machte, dass er gute Chancen hatte, sich ordentlich die Finger an ihr zu verbrennen.

Dougal presste die Lippen zusammen. Am liebsten hätte er Roxie in eine versteckte Ecke des luxuriös ausgestatteten Privatjets gezogen, um ihr die Kleidung vom Leib zu reißen und sich davon zu überzeugen, ob ihre Haut so süß war, wie sie aussah. Er wollte ihre Brüste streicheln, seine Finger in ihr dichtes schwarzes Haar schieben, seinen Mund auf ihre vollen Lippen pressen.

„Brauchen Sie noch etwas?“, fragte sie.

Dich.

„Nein“, antwortete er sanft.

Er glaubte beinahe ihr Herz klopfen zu hören und fühlte zugleich, wie sein Herz gegen seine Brust hämmerte. Hinter ihm schloss die Stewardess die Tür, doch er schaute nicht hin.

Roxie war es, die den Blickkontakt beendete. Sie senkte den Kopf und hastete zu ihrem Platz am Fenster. Dougal hatte das Gefühl, als wäre er völlig schutzlos einem drohenden Wirbelsturm ausgeliefert.

2. KAPITEL

Ihr Chef Porter Langley, Besitzer von Getaway Airlines, hatte Taylor Corben wohl deutlich unterschätzt. Roxie bezweifelte, dass ihm bewusst war, wie verschwenderisch seine Mitbewerberin ihre Privatjets ausstattete oder welch umwerfend attraktive Männer sie als Reiseleiter beschäftigte. Das war natürlich der Grund, weshalb Mr. Langley sie auf diese Reise geschickt hatte, mit der Aufgabe, heimlich die Konkurrenz auszuspähen.

Mit der luxuriösen Ausstattung würde sie ihren Bericht beginnen – sobald sie keine feuchten Hände mehr hatte und ihr Herz nicht mehr so wild klopfte. Die Art, wie der Hüne im historischen Kostüm sie gemustert hatte, ließ sie befürchten, dass er ihr Geheimnis erraten hatte.

Sie war eine Spionin.

Roxie war nicht glücklich über den Auftrag, aber sie hatte Porter einiges zu verdanken. Außerdem hatte er ihr eine Beförderung in Aussicht gestellt. Sollte es ihr gelingen, ihm entscheidende Insiderinformationen zu beschaffen, hatte er ihr die Leitung der Abteilung für Public Relations in Aussicht gestellt. Die Position war nicht nur genau nach ihrem Geschmack, sondern auch sehr gut bezahlt. Die Gehaltserhöhung würde ihr ermöglichen, ihrer kleinen Schwester Stacy die Ausbildung auf dem College zu finanzieren. Stacy sollte nicht dasselbe Schicksal wie sie erleiden – ihren großen Traum aufgeben zu müssen. Sie, Roxie, wollte Schauspielerin werden, doch wegen der Umstände und aus Geldmangel war das nicht möglich gewesen.

Roxie schaute aus dem Fenster. Obwohl sie für eine Airline arbeitete, flog sie nicht gerne. Der Langstreckenflug nach London bereitete ihr schon im Voraus Magenschmerzen.

Sie atmete tief durch, strich mit den Handflächen über ihre Oberschenkel und holte ihr Smartphone aus der Handtasche. Um sich abzulenken, tippte sie stichwortartig ihre ersten Eindrücke ein: Mahagonivertäfelung, Cocktailbar mit Granittresen im hinteren Teil der Maschine, schwerer Teppichboden, Reiseleiter im Shakespeare-Kostüm. Jemand trat an ihre Sitzreihe, setzte sich neben sie und legte den Sicherheitsgurt an. Es war ausgerechnet der Mann, über den sie gerade geschrieben hatte.

Entnervt klappte sie ihr Handy zu und schob es wieder in die Designerhandtasche, die sie bei einem Lagerverkauf entdeckt hatte. Sie passte nicht in die Gruppe reicher Reisender, doch schon als Kind hatte sie gelernt, in brisanten Situationen in eine andere Rolle zu schlüpfen. Für die nächsten zwei Wochen war sie eine kaltblütige Spionin, die durch nichts aus der Fassung zu bringen war. Das musste sie sich nur ständig vor Augen halten.

Beim Einatmen nahm sie einen Hauch von würzigem Eau de Cologne wahr und wurde nervös. Vor Angst ging ihr Puls schneller. Was, wenn der Reiseleiter nun tatsächlich ahnte, dass sie nicht zu dem betuchten Kundenkreis von Eros gehörte?

Spiel deine Rolle.

Trost suchend berührte sie ihre Halskette. Der Anhänger aus Gold und Silber war einer Theatermaske mit zwei Gesichtern, halb komisch, halb traurig, nachgebildet. Es war das letzte Geschenk von ihren Eltern, die zwei Wochen nach ihrem achtzehnten Geburtstag ums Leben gekommen waren.

„Hallo noch mal“, sagte ihr Nachbar mit tiefer Stimme, die in ihren Ohren wie ein unheilvolles Grollen klang.

Keine Panik. Du bist eine tolle Spionin. Denk an Mata Hari.

„Hi“, antwortete sie lässig.

„Ich heiße übrigens Dougal. Dougal Lockhart. Tut mir leid, falls ich vorhin zu aufdringlich war. Flirten gehört zum Rollenspiel, das Eros von seinen Reiseleitern erwartet.“

Von Rollenspielen verstand Roxie etwas. Damit schaffte es ein schüchternes Mädchen aus Albany, sich in New York zu behaupten. „Das habe ich mir schon gedacht. Bleiben Sie während des ganzen Fluges hier sitzen?“

Verdammt! Ihre Stimme hatte hoch und schrill geklungen.

„Ja. Ist Ihnen das unangenehm?“

„Keineswegs, aber für Sie könnte es unangenehm werden“, entgegnete sie. Porter Langley hatte ihr beigebracht, wie man geschickt in die Offensive ging, wenn man sich in die Enge getrieben fühlte. Es war ein schwieriger Lernprozess für sie gewesen, da sie von Natur aus offen, gefühlsbetont und freundlich war. Sie neigte dazu, es allen recht machen zu wollen. Nur wenn sie vorgab, jemand anders zu sein, konnte sie sich auch anders verhalten.

„Ach?“ Dougal sah sie mit zur Seite geneigtem Kopf an.

„Ich muss Sie warnen“, erklärte sie. „Ich fliege nicht gern. Ich werde dabei zappelig.“

„Und trotzdem reisen Sie allein.“

„Ja.“

„Urlaub ganz ohne Begleitung?“

Wollte er sie aushorchen? Angespannt krallte sie die Fingernägel in ihre Handballen. „Was ist daran falsch?“

„Nichts. Es ist mutig.“

„Ich reise gern allein“, log sie. „Ich brauche dann auf niemanden Rücksicht zu nehmen.“

„Das stimmt allerdings.“ Sein Blick fiel auf ihren nackten Ringfinger. „Ich gehe davon aus, dass Sie nicht verheiratet sind.“

„Scharf beobachtet.“

„Frech.“ Seine Augen blitzten. „Unerwartet, aber bezaubernd.“

„Wie schön, dass ich zu Ihrer Erheiterung beitragen konnte“, meinte sie ironisch. Sie schaute auf seine Hand. „Sie scheinen ebenfalls ledig zu sein.“

„Scharf beobachtet.“

„Jetzt machen Sie sich über mich lustig.“

„Ich versuche nur, Sie vom Start abzulenken.“

„Das ist allerdings nett.“

„Wenn es hilft, halten Sie sich ruhig an meinem Arm fest“, bot Dougal ihr an.

Roxie warf einen Blick auf seine kräftigen Unterarme, die aus den aufgekrempelten Ärmeln seines weißen Rüschenhemds herausschauten, ballte die Hände zu Fäusten und zwang sich, gleichmäßig zu atmen.

„Ich fange an zu plappern, wenn ich nervös bin.“ Unbehaglich ließ sie die Schultern kreisen.

„Tun Sie sich keinen Zwang an. Ich habe Ohrstöpsel.“

Sie musste lachen. So sonderbar es auch schien, sie amüsierte sich.

Das Flugzeug rollte Richtung Startbahn.

„Schnell“, sagte Roxie. „Erzählen Sie mir etwas. Starts und Landungen sind für mich das Schlimmste. Und der Blick aus dem Fenster, wenn man übers Meer fliegt.“

„Hinauszuschauen macht Ihnen Angst?“

„In gewisser Weise.“

„Warum dann der Fensterplatz?“

„Weil ich beim Hinausschauen wenigstens keine Platzangst bekomme.“

„Sie leiden auch noch unter Platzangst?“

„Nur, wenn ich mich eingeschlossen fühle.“

Er lachte. „Sie sind lustig.“

„Es freut mich, dass Sie meine Panik erheiternd finden.“

„Der Flug dauert sieben Stunden. Da bin ich auf jede Art von Erheiterung angewiesen“, neckte er sie.

Die Maschine raste über die Startbahn, immer schneller, bis der graue Asphalt vor Roxies Augen verschwamm. Krampfhaft umklammerte sie die Armlehne.

Dougal streckte seine Hand aus. „Ich bin hier, falls Sie jemanden zum Festhalten brauchen.“

Dankbar ergriff sie seine Hand, doch sobald sich seine Finger um ihre schlossen, erkannte sie, dass sie einen schweren Fehler gemacht hatte. Sein Griff war fest, seine Handfläche rau. Sein Duft, eine Mischung aus würzigem Cologne, Leder und Sonne, stieg ihr verführerisch in die Nase.

Es war verrückt.

Das Flugzeug hob steil vom Boden ab. Baumkronen verschwanden unter ihnen. Die Autos auf dem Freeway glitzerten wie bunte Steine. Die Morgensonne leuchtete orangefarben zwischen den Wolken hervor. Roxie wandte sich hastig vom Fenster ab und betrachtete den Mann neben sich.

Wärme durchflutete sie und steigerte sich zu siedender Hitze. Vor Verwirrung vergaß sie beinahe zu atmen. Was passierte mit ihr? Warum fühlte sie sich so …

In seinen Bann gezogen.

Ja, das war der richtige Ausdruck. Sie fühlte sich in Dougals Bann gezogen, und das machte ihr Angst.

Er hielt ihre Hand fest. Roxie schloss die Augen, damit er nicht merkte, wie durcheinander sie war.

Ruckelnd wurde das Fahrgestell eingezogen, und sie riss die Augen auf. Dieses Geräusch schaffte es immer wieder, sie in Panik zu versetzen. Dougal drückte ihre Hand. Ein sinnliches Kribbeln überlief ihren Arm.

Denk an etwas anderes.

Sie suchte nach einem neutralen Gesprächsstoff. „Seit wann sind Sie schon Reiseleiter?“, fragte sie schließlich.

„Ich habe gerade erst damit angefangen“, erwiderte er. „In Wahrheit ist dies meine erste Reise.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Sie wirken so selbstbewusst.“

„Das ist alles gespielt“, gestand er. „Insgeheim habe ich weiche Knie.“

„Sie haben mich getäuscht.“

„Inwiefern?“

„Sie sehen nicht so aus, als ob Sie vor irgendetwas Angst hätten.“

„Der Schein kann trügen.“

So, wie er das sagte, klang es, als hätte er sie längst durchschaut.

„Was haben Sie vorher gemacht?“, erkundigte sie sich.

„Alles Mögliche.“

„Sie scheinen mir ein bisschen zu alt dafür, noch auf der Suche nach sich selbst zu sein.“

„Manche sind eben Spätzünder.“

„Ein Spätzünder mit weichen Knien? Das kaufe ich Ihnen nicht ab.“

Er strich über sein bärtiges Kinn. „Nein?“

„Wie alt sind Sie?“

„Dreiunddreißig. Und Sie?“

„Hat Ihnen noch nie jemand gesagt, dass es unhöflich ist, eine Frau nach dem Alter zu fragen?“

„Sie haben damit angefangen“, erinnerte er sie.

„Da haben Sie recht. Wie alt schätzen Sie mich?“

„Das ist nicht fair. Wenn ich Sie älter schätze, als Sie sind, dann werden Sie nie wieder mit mir reden, und das wäre sehr schade. Also mal überlegen. Sie sind sechzehn, vielleicht siebzehn?“

Roxie fühlte sich geschmeichelt. Sie hörte selten Komplimente. Hauptsächlich, weil sie verfängliche Gespräche vermied. Sie ging Männern generell aus dem Weg, aber sie war nicht dumm. Sie wusste, dass es zu Dougals Job als Reiseleiter gehörte, den Gästen zu schmeicheln, deshalb beendete sie das Geplänkel. „Ich bin achtundzwanzig.“

„Und Ihre Lebensziele liegen klar vor Ihnen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich denke ja.“

Er stellte die Lehne seines Sitzes zurück und legte die Füße übereinander. „Was machen Sie beruflich?“

„Ich bin leitende Angestellte“, erwiderte sie vage, um so wenig wie möglich lügen zu müssen.

„Fliegen Sie zum ersten Mal nach Europa?“

„Ja. Und Sie?“

„Ich war schon oft dort. Ich habe zwölf Jahre bei der Luftwaffe gedient.“

„Deshalb sind Sie wohl Reiseleiter geworden. Weil Sie sich in der Welt auskennen.“

„Ja, ich habe einiges gesehen.“

Dougal kniff leicht die Augen zusammen. Einen Moment erinnerte er Roxie an einen Falken, der seine Beute ins Visier nahm, bevor er im Sturzflug auf sie stieß. Sie kam sich dagegen wie eine Feldmaus vor, die sich zu weit von ihrem Bau entfernt hatte.

Seine Gesichtszüge entspannten sich und er fragte: „Welche Küche mögen Sie am liebsten?“

„Die italienische.“

„Geht mir genauso. Und was ist Ihr Lieblingsgericht? Lasagne?“

„Die nehme ich immer wieder gern, doch mein absoluter Favorit ist Hähnchenbrust in Marsalasauce.“

„Kein Witz? Das ist auch mein Lieblingsgericht.“

„Welches Dessert ist Ihr Favorit?“, fragte sie.

„Brownies.“

„Mit Nüssen.“

„Auf jeden Fall“, bekräftigte Dougal.

„Pekan- oder Walnüsse?“

„Beides geht, aber Walnüsse mag ich am liebsten.“

Sie musterte ihn misstrauisch. „Sie erzählen mir nur, was ich hören will. Das ist Ihr Job.“

Er grinste und zuckte mit den Schultern. „Ich sehe Sie gern lächeln.“

„Ha! Ich wusste es. Schmeichler.“

„Das heißt nicht, dass ich lüge. Hähnchen in Marsala, Walnussbrownies zum Dessert, dazu noch Sie – das ist der Stoff, aus dem Träume sind.“

Roxie schwieg befangen. „Sie können jetzt loslassen“, flüsterte sie nach einem Moment.

„Was?“

„Meine Hand. Kann ich sie wiederhaben? Die kritische Startphase ist vorbei.“

„Oh, natürlich.“

Er ließ ihre Hand los. Roxie wandte den Blick ab. Ihr Puls raste. „Danke“, sagte sie. „Sie lenken mich gut von meiner Flugangst ab.“

Jetzt brauche ich nur noch etwas, das mich von der Ablenkung ablenkt.

Als das Anschnallzeichen verlöschte, beschloss sie, den Waschraum aufzusuchen, um sich mit ein paar Spritzern kaltes Wasser ins Gesicht abzukühlen. „Entschuldigen Sie, würden Sie mich vorbeilassen?“

Dougal streckte seine langen Beine in den Gang, um ihr Platz zu machen. In derselben Sekunde sackte das Flugzeug plötzlich ein Stück ab. Roxie atmete zischend ein, verlor das Gleichgewicht und landete auf Dougals Schoß. Sofort legte er die Arme um sie und hielt sie fest. Sie schaute in sein Gesicht, senkte die Lider und starrte ihn wieder an. Er schien ihr bis in die Seele zu schauen.

„Alles okay?“, fragte er mit sonderbar heiserer Stimme.

„Was war das?“

„Turbulenzen. Kein Grund zur Beunruhigung.“

Roxie war zunächst wie gelähmt, schließlich seufzte sie tief. Sie fühlte sich sicher, begehrt, erregt und verwirrt zugleich. Dougal war ein Fremder, und doch war ihr, als würde sie ihn schon ihr ganzes Leben lang kennen. Wie konnte das sein?

Ihr Herz flog ihm zu, aber ihr wurde zugleich bewusst, dass sie völlig die Kontrolle verloren hatte. Wie zum Teufel sollte sie Firmenspionage betreiben, wenn sie nur daran denken konnte, Dougal Lockhart die Kleidung vom Leib zu reißen?

Sie können mich jetzt loslassen“, sagte Roxie.

Dougal lockerte seinen Griff, und sie versuchte aufzustehen. Das Flugzeug sackte erneut ab, sodass sie mit einem überraschten Keuchen wieder auf seinem Schoß landete. Er hielt sie fest. „Vielleicht sollten Sie einfach still sitzen bleiben, bis die Turbulenzen vorbei sind.“

Noch während er das vorschlug, spürte er, wie sich Verlangen in ihm regte. Mit einer Frau wie Roxie auf seinem Schoß eine Erektion zu bekommen mochte normal sein, aber es würde sie erschrecken. Es erschreckte auch ihn. Schließlich war er für die Sicherheit der Passagiere da und nicht etwa, um sich an eine Touristin heranzumachen.

Er atmete tief ein. Ihr zarter Duft betörte seine Sinne, bis er nur noch an sie denken konnte. Dann rutschte sie auch noch auf seinem Schoß hin und her. Dougal unterdrückte ein Stöhnen. Es war zum Verrücktwerden. Er musste sich irgendwie aus der Situation retten. „Vielleicht sollten Sie sich doch lieber wieder auf Ihren Platz setzen.“

„Aber Sie sagten …“

„Schnallen Sie sich an.“ Hastig schob er sie in ihren Sitz, nahm eine Zeitschrift aus dem Seitenfach und legte sie zur Tarnung aufgeschlagen auf seinen Schoß. Er betete, dass Roxie den offenkundigen Beweis seiner Erregung nicht bemerkt hatte. Verstohlen musterte er sie. Sie starrte ihn mit großen Augen an.

Sein Puls jagte. Ihr Blick ruhte einen Moment wie suchend auf seinem Gesicht. Wunderschöne blaue Augen, voller Unschuld. Sie lächelte schüchtern, wandte sich ab und schaute aus dem Fenster.

Was hatte dieser Blick zu bedeuten gehabt?

Das Flugzeug sackte ab und ruckelte. Etliche Passagiere schnappten laut nach Luft. Roxie fasste sich an den Hals.

Dougal legte eine Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung?“

Das Flackern in ihren Augen verriet ihm, dass sie Angst hatte, doch sie schluckte tapfer. Ihre Verletzlichkeit rührte ihn.

„Sind Sie sicher, dass es nur Turbulenzen sind?“, flüsterte sie.

Bis zu diesem Moment war er davon überzeugt gewesen, aber ihre Frage weckte seinen Argwohn. Könnte etwas mit der Maschine nicht stimmen?

Dougal dachte an die Drohungen, die Taylor erhalten hatte. Vor dem Start hatte er das Flugzeug durchsucht, doch er war kein Mechaniker. Ein sachkundiger Saboteur hätte etwas an der Maschine manipulieren können, das weder ihm noch dem Piloten aufgefallen war.

Der Jet vibrierte.

Die Passagiere wurden unruhig.

Dougal löste seinen Sicherheitsgurt und stand auf.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Roxie sofort. „Sie sehen beunruhigt aus.“

„Ich will nur mal mit dem Piloten über die Turbulenzen sprechen.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu.

„Danke.“ Sie seufzte tief.

Dougal ging zum Cockpit. Zwischendurch musste er immer wieder stehen bleiben und sich festhalten, weil der Flieger wie ein Boot auf stürmischer See hin und her geworfen wurde. Er pochte mit dem verabredeten Klopfzeichen an die Kabinentür, und der Kopilot ließ ihn herein.

„Probleme?“, fragte Dougal, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

„Irgendetwas stimmt nicht mit dem Autopiloten“, antwortete Kapitän Nicholas Peters. „Jedes Mal, wenn wir umzuschalten versuchen, gerät die Maschine ins Trudeln.“

Ein Frösteln überlief Dougal. „Schon einen Verdacht, was die Ursache sein könnte? Etwa Sabotage?“

Peters runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Kann ich mir nicht vorstellen. Ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass nur ein defektes Ventil schuld ist.“

Es war der Rest von einem Prozent, der Dougal Sorgen bereitete. „Müssen wir umkehren?“

„Nicht nötig“, erwiderte Jim Donovan, der Kopilot. „Wir können manuell fliegen. Wir haben das Problem schon der Flugleitstelle gemeldet. Von dort haben wir das Okay, den Flug fortzusetzen. Wir werden nur ein wenig mehr zu tun haben, aber es ist nichts, womit wir nicht fertig werden.“

Das mochte stimmen, trotzdem beschloss er, Taylor gleich nach der Landung in London anzurufen und sie zu bitten, die Maschine von einem Expertenteam durchchecken zu lassen, nur um sicherzugehen, dass es keine Sabotage war.

„Um die Passagiere zu beruhigen, werden wir den unruhigen Flug auf Turbulenzen schieben. Ich wollte gerade die Durchsage machen, als Sie hereinkamen“, meinte Peters.

Dougal nickte. „Geben Sie mir sofort Bescheid, wenn Sie mich brauchen.“

„Klar“, versicherte Peters.

Dougal kehrte an seinen Platz zurück. Roxie schaute ihn mit einem Blick an, der einem Mann das Herz brechen konnte.

„Alles in Ordnung“, meinte er und setzte sich wieder neben sie. Dabei merkte er, dass sie verkrampft die Armlehne umklammerte. „Sie können sich entspannen.“

„Danke, dass Sie nachgefragt haben“, erwiderte sie. „Jetzt fühle ich mich besser.“

Sanft, hell, weiblich, verführerisch – sie hatte die erotischste Stimme, die er je gehört hatte.

„Kein Problem“, antwortete er heiser.

„Nicht jeder hätte sich mir zuliebe die Mühe gemacht.“

Dougal konnte kaum noch klar denken. Er war wie verzaubert von Roxies Schönheit. Perfekt geschwungene Augenbrauen, ebenso schwarz wie ihr Haar. Lange, dichte Wimpern. Eine gerade, zierliche Nase. Lächelnder Erdbeermund. Faszinierend.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und ballte sie zu Fäusten. Roxie war nichts für ihn. Er hatte einen Auftrag, und sie könnte immerhin eine Saboteurin sein, egal wie süß und unschuldig sie auch aussah. Wahrscheinlich war sie auch süß und unschuldig im Bett, doch er bevorzugte erfahrene Frauen, die keine Hemmungen hatten. Zweitens schienen sie aus verschiedenen Welten zu kommen. Der Mädchen-von-nebenan-Typ passte nicht gut zum ausgebrannten Luftwaffenoffizier, der zu viel von der dunklen Seite des Lebens gesehen hatte.

Er würde sein Verlangen beherrschen, bis diese Reise zu Ende war, auch wenn er womöglich mehrmals am Tag kalt duschen musste. Nicht nur zu seinem Besten, sondern auch um Roxies willen.

3. KAPITEL

Ihre körperliche Reaktion auf Mr. Lockhart beunruhigte Roxie mehr, als sie sich eingestehen mochte. Nicht nur das, sie fühlte sich auch noch emotional stark zu ihm hingezogen. Jedes Mal, wenn er sie berührte, hatte sie das seltsame Gefühl, nach einer langen Reise endlich zu Hause angekommen zu sein.

Verstohlen musterte sie ihn und stellte fest, wie muskulös er trotz seiner schlanken Statur war. Kein überflüssiges Gramm Fett. Seine Unterarme waren sehnig, seine kräftigen Hände hatten die Narben eines Mannes, der körperlich gearbeitet hatte, und waren dennoch gepflegt. Seine Gesichtszüge verrieten Entschlossenheit. Gerade Nase, kantiges Kinn, geschwungene Lippen.

Dougal wandte sich zu ihr um und ertappte sie dabei, wie sie ihn beobachtete. Der Blick aus seinen dunkelbraunen Augen wirkte stolz und bestimmend, aber da war noch mehr. Roxie sah Leidenschaft und Güte durchschimmern. Sie zweifelte nicht daran, dass er sie auffangen würde, sollte sie fallen – er hatte es schon einmal getan.

„Wie kommt es, dass ein Mann wie Sie noch Single ist?“, fragte sie.

Himmel, warum hatte sie das nur gesagt? Sie könnte sich ohnehin nicht mit ihm einlassen. Er arbeitete für Eros, sie spionierte für Getaway. Keine vielversprechenden Voraussetzungen für eine Beziehung.

Dougal zog eine Augenbraue hoch. Um seine Mundwinkel zuckte es belustigt. „Wie bitte?“

Jetzt musste sie die Frage auch noch wiederholen. „Wie kommt es, dass ein Mann wie Sie noch Single ist?“

Er zog die Braue noch ein wenig höher. „Ein Mann wie ich?“

Roxie merkte, dass er ein Lachen unterdrückte. „Sie wissen schon“, erwiderte sie. „Gut aussehend, groß, stark und beschützerisch.“

„Beschützerisch?“ Seine Augen funkelten amüsiert.

„Ich meine nur, dass Sie nicht wie ein typischer Reiseleiter wirken.“

„Nicht?“

„Nicht ganz.“

„Wie wirke ich denn?“

„Wie ein Polizist, ein Soldat oder ein Feuerwehrmann. Irgendwie rau und männlich.“

„Wie ein Söldner vielleicht?“

Bei der Art, wie er das Wort „Söldner“ aussprach, sträubten sich ihr die Nackenhaare. „Sind Sie einer?“

„Sind wir es nicht alle?“ Sein Blick verdüsterte sich. „Auf die eine oder andere Weise?“

Beklommen presste Roxie eine Hand an ihr Herz. Ahnte er etwa, was sie vorhatte?

Dreh nicht durch. Er kann unmöglich wissen, weshalb du hier bist.

Richtig, aber wenn sie ihre Angst nicht endlich in den Griff bekäme, würde sie sich noch verraten. „Waren Sie je verheiratet?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, obwohl ihr der Schweiß über den Rücken rann.

„Nein.“

„Verlobt?“

„Beinahe. Zwei Mal.“

„Was ist passiert?“

Dougal zuckte mit den Schultern. „Beim ersten Mal waren wir beide zu jung, fast noch Kinder, gerade mit der Highschool fertig. Zum Glück kamen wir zur Besinnung, bevor es zu spät war. Das zweite Mal …“ Er verstummte.

„Ja?“, drängte sie neugierig. Sie hatte das Gefühl, dass er hinter seiner beherrschten Fassade eine verletzliche Seite verbarg. Hatte er vielleicht jemanden verloren, der ihm nahestand? Sie dachte an ihre Eltern und presste die Lippen zusammen.

„Sagen wir einfach, ich war blind.“

„Oh.“ Also hatte seine Exverlobte ihn hintergangen. Wer würde einen solchen Mann betrügen? Wenn er ihr Mann wäre …

Denk nicht einmal daran.

„Waren Sie je verlobt?“, fragte er.

„Ich?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein.“

„Sie tun so, als wäre die Vorstellung lächerlich.“

Roxie wollte ihm schon von ihren Eltern und von Stacy erzählen, doch dann biss sie sich auf die Zunge. Sie war eine Spionin. Spione schwatzten nicht. Sie brachten andere zum Reden.

„Nicht der Typ zum Heiraten?“, hakte Dougal nach.

„So etwas in der Art.“

Er löste seinen Sicherheitsgurt. „Ich unterhalte mich gern mit Ihnen, Roxie, aber wir haben inzwischen unsere Reiseflughöhe erreicht, und da muss ich mich auch um die anderen Passagiere kümmern. Ein Reiseleiter ist immer im Dienst.“

„Natürlich“, antwortete sie. Dabei ärgerte sie sich, dass sie ihn mit ihrer Fragerei offensichtlich vergrault hatte.

Er stand auf und ging nach hinten, um mit den anderen Fluggästen zu plaudern. Sofort drang der Klang von kokettem Gelächter an ihre Ohren. Mit wem redete er?

Roxie wandte sich unauffällig um und sah, wie Dougal sich ein paar Reihen weiter hinten mit zwei attraktiven jungen Frauen unterhielt. Eine der beiden trug eine tief ausgeschnittene Bluse und drehte sich so, dass er einen guten Blick auf ihr üppiges Dekolleté hatte. Die andere Frau musterte ihn ziemlich unverschämt.

Roxie knirschte mit den Zähnen.

Du bist eifersüchtig …

Nein, es war ihr nur peinlich, wie schamlos die Frauen sich ihm an den Hals warfen. Es ärgerte sie, dass er in deren Gesellschaft anscheinend mehr Spaß hatte als bei der Unterhaltung mit ihr.

Ich bin … ich bin …

Oh, verdammt, sie war eifersüchtig.

Warum er? Warum jetzt?

Es musste an der besonderen Atmosphäre in diesem gediegen ausgestatteten Flieger liegen. Roxie erinnerte sich an den Slogan auf der Werbebroschüre in ihrer Handtasche: „Eros – wo all Ihre Fantasien wahr werden“. In ihr wurde der Wunsch wach, sich so zu benehmen, wie sie es zu Hause nie tun würde. Eros hatte ein magisches Netz über sie gesponnen, und sie war sich dessen nicht einmal bewusst gewesen. Bis jetzt.

Mach dir Notizen. Du musst deine Eindrücke aufschreiben.

Sie griff schon nach ihrer Handtasche, doch dann hielt sie inne. Was, wenn Dougal zurückkäme und sie beim Schreiben überraschte? Sie schaute über die Schulter. Er war mit plappernden Frauen im Gefolge weitergegangen. Sie verdrehte die Augen.

Eifersüchtig.

Okay, sie wollte ihn für sich allein haben. Sie wollte diesen entschlossenen Mund küssen, wollte ihre Arme um seine Taille schlingen, wollte … Oh, was sie nicht alles wollte.

Vielleicht steckte mehr dahinter als nur der besondere Zauber dieser Reise. Vielleicht rührte ein Teil dieser plötzlichen und starken Sehnsucht daher, dass sie ihr Vergnügen in den letzten zehn Jahren, in denen sie ihre kleine Schwester großzog, hintangestellt hatte. Zwei Beziehungen waren gescheitert, weil ihr Stacys Wohl über alles andere ging. Nach der letzten Trennung hatte sie sich geschworen, romantische Verstrickungen zu vermeiden, bis Stacy erwachsen war. Jetzt war ihre Schwester auf dem College, und sie hätte endlich die Gelegenheit, sich auf eine Affäre einzulassen und ihre Sexualität zu erforschen.

Bei dem Gedanken brannten ihr die Ohren. Sie hatte noch nie eine flüchtige Affäre gehabt und keine Ahnung, wie das ging.

Sie konnte es nicht.

Oder doch?

Um sechs Uhr abends landete die Maschine auf dem Londoner Flughafen Gatwick. Ein Bus brachte die Reisegesellschaft zum Eros-Resort etwas außerhalb von Stratford-upon-Avon. Graue Wolken hingen am Himmel, und selbst im Bus roch es nach Regen. Dougal hatte hinter dem Chauffeur Platz genommen und erklärte auf dem Weg durch die belebten Straßen die Londoner Sehenswürdigkeiten. Roxie saß gegenüber von Zwillingsschwestern, der Sitz neben ihr blieb leer. Das war ihr nur recht. Sie brauchte keine Reisebegleitung.

„Hi“, sagte eine der Schwestern und streckte die Hand aus. „Ich bin Samantha, aber alle nennen mich Sam.“

Die andere stellte sich ebenfalls vor. „Und ich bin Jessica, aber alle nennen mich Jess.“

Roxie schüttelte ihnen die Hand. „Hi, Sam, hi, Jess. Ich bin Roxie.“

„Schön, dich kennenzulernen“, antworteten Sam und Jess gleichzeitig.

Die Zwillinge sahen mit ihrem modischen blonden Bob und ihren Designerjeans wie Models aus. Neben ihnen fühlte sie sich in ihrem gelben Sommerkleid plump und fehl am Platz.

Sam beugte sich zu ihr und senkte die Stimme. „Du hast so ein Glück.“

„Glück?“

„Du hast den ganzen Flug über neben Shakespeare gesessen.“ Jess nickte in Dougals Richtung.

„Es hat eben auch seine Vorteile, allein zu reisen“, erwiderte Roxie ausweichend.

„Erzähl mal“, bat Sam atemlos. „Wie ist er?“

Roxie zuckte mit den Schultern. „Er ist auch nur ein Mann.“

In dem Moment drehte Dougal den Kopf und schaute sie direkt an. Unter seinem durchdringenden Blick wurde ihr heiß. Sie senkte die Lider.

„Mmh.“ Jess seufzte. „Der Typ ist so süß.“

„Wie kommt es, dass du allein reist?“, fragte Jess, nachdem sie und ihre Schwester Dougal eine Weile stumm angeschmachtet hatten. „Hat ein Freund dich sitzen lassen?“

Roxie schüttelte den Kopf. „Ich brauchte etwas Abstand.“

„Ah.“ Sam nickte verständnisvoll. „Liebeskummer.“

Roxie wollte ihr schon widersprechen, doch dann beschloss sie, Sam vorsichtshalber in dem Glauben zu lassen, und lächelte nur.

„Armes Ding“, meinte Jess. „Ich habe vor sechs Monaten eine Trennung durchgemacht. Es ist schlimm, aber weißt du was? Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich hörte auf, nach Liebe zu suchen, und fing stattdessen an, einfach nur Spaß zu haben.“

„Ich beneide dich um deine lockere Einstellung zur Liebe.“ Roxie veränderte ihre Haltung, um nicht in Dougals Richtung sehen zu müssen.

„Oh, glaub mir“, sagte Jess, „es geht wirklich nicht um Liebe. Es geht einzig und allein um heißen Sex.“

Der selbstzufriedene Unterton in Jess’ Stimme ließ Roxie neidisch werden. Sie hatte sich nie viel aus Sex gemacht. Vielleicht hatte sie es nie richtig angestellt.

„Hast du nie eine flüchtige Affäre gehabt?“, fragte Jess.

Roxie schüttelte den Kopf.

„Im Ernst, es ist ungeheuer befreiend, deine sexuelle Macht zu entdecken und gleichzeitig zu wissen, dass es nicht zu mehr führt, als es ist. Wunderbar – solange du nur dein Herz aus dem Spiel lässt“, setzte Jess hinzu.

Sam berührte Roxie an der Schulter. „Hey, da du ganz allein bist, hättest du nicht Lust, dich mit mir und Jess zusammenzutun? Wir würden uns freuen.“

Roxie wusste, dass sie sich lieber eine elegante Ausrede einfallen lassen sollte. Sie konnte auf dieser Reise keinen Anschluss gebrauchen. Je unauffälliger sie blieb, desto besser. Doch sie fühlte sich geschmeichelt. Mehr noch, sie wollte mit Jess und Sam zusammen sein. Sie schienen sehr nett zu sein.

„Wir verstehen natürlich, wenn du Nein sagst“, ergänzte Jess. „Zumal du die Aufmerksamkeit unseres Reiseleiters erregt hast. Er schaut immer wieder zu dir rüber. Du möchtest vielleicht lieber mit ihm zusammen sein.“

Roxie wagte nicht, den Kopf in seine Richtung zu drehen. „Ich bin nicht an einer Romanze interessiert.“

„Wer hat etwas von einer Romanze gesagt?“ Jess machte ein Geräusch, das wie ein Schnurren klang. „Ich hätte zu gern Sex mit ihm. Das heißt, nur wenn du wirklich nicht interessiert bist.“

Roxie brachte es nicht fertig zu behaupten, dass sie nicht interessiert war. Da war wieder diese verdammte Eifersucht. Unbegründet und ärgerlich.

„Egal“, meinte Sam, „wir werden dir für alle Fälle beim Dinner einen Platz frei halten.“

Roxie hatte nicht so viele Freunde. Ihre Kollegin Magda, Mrs. Kingsley, die gegenüber wohnte, und Susan, die Filialleiterin im Supermarkt. Alle waren sie über fünfunddreißig, verheiratet und hatten Kinder. Es gab niemanden in ihrem Alter.

Du kannst nicht mit ihnen zusammen sein. Du bist unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hier. Erfinde irgendeine Ausrede.

Sie öffnete den Mund, um abzulehnen, sagte jedoch: „Danke, ich freue mich.“

4. KAPITEL

Das Eros-Resort war ein Traum.

Die malerische Anlage mitsamt Burggraben befand sich auf einem sanften grünen Hügel, der zum Fluss Avon hinabführte. Das Hauptgebäude war im Stil eines Schlosses aus dem sechzehnten Jahrhundert erbaut, und an einem Weg aus Kopfsteinpflaster standen anheimelnde kleine Reetdachhäuschen. Als Roxie im Nieselregen aus dem Bus stieg, hatte sie das Gefühl, eine Märchenwelt zu betreten.

„Lassen Sie mich das nehmen, Mylady.“ Ein umwerfend gut aussehender Page im historischen Kostüm verbeugte sich vor Roxie und nahm ihr den Koffer ab. Jess und Sam kicherten, als ähnlich gekleidete junge Männer sich um ihr Gepäck kümmerten und ihnen freundlich zunickten.

Die elegante und zugleich sehr romantisch wirkende Lobby des Fünf-Sterne-Resorts bot einen überwältigenden Anblick. Riesige Vasen voller frischer Rosen, Lilien und Gladiolen standen auf polierten antiken Tischen. Die Luft war erfüllt von ihrem süßen Duft. Die Sofas und Sessel waren mit hochwertigen Stoffen in Bordeauxrot und Gold bezogen. Über dem großen Kamin mit aufwendigen Verzierungen hing ein stattliches Wappen, die Wände waren mit berühmten Zitaten über die Liebe in goldener, schwarz umrandeter Schrift dekoriert. Roxie las die teils unanständigen Sprüche und unterdrückte ein Schmunzeln.

Eine hübsche Assistentin in einem duftigen bodenlangen Kleid und einer Krone aus geflochtenen Blumen im Haar bot den durstigen Reisenden, die am Empfangstresen Schlange standen, hohe Kelchgläser mit Eiswein an. Roxie nippte an dem goldfarbenen Getränk und stellte erfreut fest, dass es wie Honig schmeckte, süß und rein. Da sie nur selten Alkohol trank, genügten wenige Schlucke, um sie innerlich durchzuwärmen und noch empfänglicher für die magische Atmosphäre zu machen.

Eine ältere Frau, ebenfalls im historischen Gewand, verteilte Formulare unter den Wartenden. „Herzlich willkommen, mein Name ist Lucy Kenyon, und ich bin für das Unterhaltungsprogramm zuständig. Um Ihren Wünschen noch besser gerecht werden zu können, bitte ich Sie, diesen Fragebogen auszufüllen und ihn mir dann zurückzugeben.“

Roxie nahm den Zettel und las die kurze Liste durch. Die meisten Fragen drehten sich um persönliche Vorlieben und Abneigungen. Sie beantwortete sie, so gut sie konnte, hielt aber inne, als sie ans Ende kam.

„Was für Hobbys, besondere Fähigkeiten oder Talente haben Sie in vergangener Zeit sehr zu Ihrem Bedauern vernachlässigt?“ Jess las die letzte Zeile laut vor.

Die Frage berührte einen wunden Punkt bei Roxie. Es war so lange her, dass sie Gelegenheit gehabt hatte, die Dinge zu tun, die ihr Spaß machten. Nach dem tragischen Autounfall ihrer Eltern hatte sie im Alter von achtzehn Jahren gleichzeitig Vater- und Mutterrolle bei Stacy übernommen und war dadurch schnell erwachsen geworden. Traurigkeit befiel sie, vermischt mit der Sehnsucht, das Versäumte nachzuholen.

„Was ist mit dir, Roxie?“, fragte Jess. „Was schreibst du hin?“

„Ich habe früher gern geschauspielert“, gab sie zu und kritzelte auf den Rand des Formulars. Sie hatte sogar mit dem Gedanken geliebäugelt, auf dem College Theater als Hauptfach zu belegen – nur dass sie niemals aufs College gekommen war.

„Gibt es noch etwas, das du früher gern gemacht hast?“, wollte Sam wissen.

„Fechten.“

„Im Ernst? Wie bist du dazu gekommen?“

„Mein Vater qualifizierte sich mit zwanzig für die olympische Fechtmannschaft“, erzählte Roxie ihren neuen Freundinnen. „Doch meine Mutter hatte gerade festgestellt, dass sie mit mir schwanger war, deshalb fuhr er nicht mit.“

„Das ist so süß und so romantisch“, meinte Sam seufzend.

„Wir haben oft zusammen gefochten, er und ich.“ Seit seinem Tod hatte sie kein Florett mehr in die Hand genommen. Sie blinzelte und schluckte, denn ich ihrem Hals schien sich ein Kloß gebildet zu haben. Ohne weiter zu grübeln, schrieb sie Schauspielern und Fechten als Antwort auf die letzte Frage hin.

„Vielen Dank.“ Lächelnd sammelte Lucy Kenyon die Bögen wieder ein. „Wenn Sie eingecheckt haben, besuchen Sie gern unsere Requisite. Viele unserer Gäste lieben es, sich für die Veranstaltungen in historische Gewänder zu kleiden.“

„Sie haben eine Requisite?“, fragte Roxie nach.

„Ja, dort drüben.“ Lucy deutete auf den hinteren Bereich der Lobby, bevor sie sich anderen Neuankömmlingen widmete.

„Wow.“ Jess legte den Kopf in den Nacken. „Seht euch die Decke an.“

Roxie schaute hoch und schluckte. Halb nackte Männer und Frauen tollten über ihnen in einer erotischen Szene, die man nur als Orgie bezeichnen konnte. Verlegen riss sie ihren Blick von der drastischen Darstellung los und trat einen Schritt zurück. Prompt stieß sie mit jemandem zusammen.

Eine Männerhand berührte ihren Ellbogen. „Vorsicht!“

Roxie wirbelte herum und sah Dougal vor sich stehen. Ihre Wangen röteten sich. „Ich … ich …“

Unter dem Blick aus seinen geheimnisvollen Augen verstummte sie. Hatte der Mann eine Ahnung, wie ungeheuer sexy er wirkte in dem weißen Seidenhemd, das weich über seine breiten Schultern fiel? Dazu trug er eine enge Lederhose, die noch faszinierendere Teile seines Körpers betonte. Als er einen Schritt näher kam, roch sie seinen verführerischen Duft – eine Mischung aus Leder, Sandelholzseife und einer typisch männlichen Note. Sein Haar war vom Wind zerzaust. Sie unterdrückte den Impuls, die Hand auszustrecken und die unordentlichen Strähnen zu ordnen, nur um zu fühlen, ob sie so weich waren wie sie aussahen.

„Beinahe überwältigend.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Wie bitte?“

„Das Schloss, die Lobby, das Deckengemälde.“

„Ach so, ja“, murmelte sie verwirrt. Spontan schoss ihr das Bild in den Sinn, wie sie und Dougal sich zu den liebestollen Paaren auf dem Fresko gesellten, und sie errötete noch heftiger. Ihr Herz schlug schneller.

In dem Moment nahm sie leise Flötenmusik wahr, die aus Lautsprechern kam. Die lyrischen Klänge, der Blumenduft, der Geschmack von Eiswein auf ihrer Zunge, Dougals Blick und die Berührung seiner Hand an ihrem Ellbogen brachten sie völlig durcheinander. Heißes Verlangen stieg in ihr auf. Noch nie hatte sie sich so stark zu jemandem hingezogen gefühlt.

Sie seufzte tief. Dougal stand dicht vor ihr. Wenn er den Kopf nur ein wenig senkte, wäre sein Mund zum Küssen nah. Befangen wich sie zurück.

„Die Nächste, bitte“, sagte der Angestellte an der Rezeption.

„Sie sind dran.“

Roxie blinzelte benommen. „Wie bitte?“

Dougal deutete zum Empfangstresen. „Sie sind die Nächste.“

„Oh, richtig.“

Der Bann war gebrochen. Dougal lächelte, drehte sich um und ging fort.

Eine Stunde später betrat Dougal den Saal, in dem das Dinner serviert wurde. Es beunruhigte ihn, pausenlos an Roxie denken zu müssen. Was hatte sie nur an sich, dass sie ihm so unter die Haut ging?

Die Art, wie sie ihn in der Lobby angesehen hatte, mit großen Augen und glühenden Wangen, hatte seine Lust entfacht. Es war verrückt. Er war verrückt. Schließlich hatte er einen Auftrag, bei dem er einen klaren Kopf behalten musste.

Als Reiseleiter wurde von ihm erwartet, dass er sich unter die Gäste mischte. Er fand seinen Platz an einem Tisch mit zwei vollbusigen Frauen, die ständig seine Unterarme streichelten. Nur wegen seines Jobs ertrug er ihre aufdringlichen Berührungen, während er seinen Blick auf der Suche nach etwas oder jemand Verdächtigem durch den Raum schweifen ließ.

Da entdeckte er Roxie. Sie saß mit den Zwillingsschwestern zusammen, die sie schon im Bus kennengelernt hatte, schaute zum Kellner im Troubadourkostüm hoch und stellte offenbar Fragen zur Speisekarte. Der Mann beugte sich tief über sie und starrte ungeniert in ihren Ausschnitt.

Dougal konnte sich nur mühsam zurückhalten. Am liebsten wäre er über den Tisch gesprungen, um den Mann am Kragen zu packen. Der Impuls war so stark, dass er verwirrt innehielt. Was war nur los mit ihm?

Lächelnd klappte Roxie die Speisekarte zu und reichte sie dem Kellner, der damit zum nächsten Tisch ging.

Dougal entspannte sich ein wenig, bemerkte etwas zu der Frau zu seiner Rechten, während die Dame links von ihm über seinen Arm strich. Er fühlte sich unbehaglich und schaute wieder zu Roxie.

Sie trug ein historisches Kleid und sah hinreißend darin aus. Ihr glattes schwarzes Haar hatte sie aufgesteckt, was sie noch jünger und bezaubernder machte. Keine Frau in ihrem Alter kann so unschuldig sein, argwöhnte er misstrauisch, während sein Bauchgefühl ihm zugleich sagte: Sie ist es aber.

Dass er keine klare Meinung über sie hatte, war Grund genug, wachsam zu sein. Was ihm jedoch am meisten Angst machte, war die erotische Spannung zwischen ihnen. Roxie hatte etwas entwaffnend Anziehendes an sich, und er wollte sich nie wieder von einer Frau entwaffnen lassen.

Ihre Blicke trafen sich.

Wow.

Er lächelte und nickte ihr zu.

Roxie erwiderte sein Lächeln.

Sie schauten sich einen Moment zu lange an, bevor sie beide den Blick abwandten. Eine Hitzewelle durchströmte seinen Körper, und er trank einen Schluck Bier aus dem Krug vor ihm, um sich abzukühlen.

Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn zusammenzucken. Er riss den Kopf herum und sah die Entertainment-Managerin Lucy Kenyon neben sich stehen. Lucy war eine kleine Brünette Anfang vierzig. Er hatte ihren Lebenslauf überprüft wie den von allen anderen Angestellten. Sie war frisch geschieden, ihre Kinder waren erwachsen, und sie erfüllte sich ihren Traum, in England zu leben. Wie die übrigen Mitarbeiter trug auch sie ein Kostüm der Tudor-Ära. „Wir können jetzt mit dem Programm beginnen, Dougal.“

Er stand auf und folgte Lucy zur Bühne wie ein Verurteilter auf dem Weg zum Galgen. Vor diesem Teil des Abends graute ihm. Er gab es nicht gerne zu, doch er war nervös. Sie hatten den Sketch zwar geprobt, aber es war das erste Mal seit seinem achten Lebensjahr, dass er vor Publikum auftrat. Damals im Schülertheater hatte er eine Zwiebel spielen müssen und dabei jämmerlich versagt.

„Suchen Sie sich eine Person im Publikum aus, auf die Sie sich fixieren“, flüsterte Lucy ihm zu, die seine Bühnenangst zu spüren schien. „Spielen Sie nur für diesen einen Menschen, und das Lampenfieber wird sich legen.“

Ihm blieb nichts anderes übrig, als es zu versuchen.

Die Szene, die sie aufführen würden, rankte sich um die Anekdote, dass Shakespeare seiner acht Jahre älteren Frau Anne Hathaway sein zweitbestes Bett vermacht hatte. Der etwas derbe Humor zum Auftakt der zweiwöchigen „Romance of Britannia“-Reise sollte die Gäste auf das Abenteuer, das vor ihnen lag, einstimmen.

Der Zeremonienmeister, ein schlanker langhaariger Mann im Kostüm eines Hofnarrs, hieß das Publikum willkommen und begann, das Szenario für den Humbug zu entwerfen.

Dougal atmete tief ein. Komm schon, du bist verantwortlich für die Sicherheit von Kampfflugzeugen gewesen. Du kannst dieses alberne Stück mit geschlossenen Augen spielen.

Der Vorhang ging auf. Die Zuschauer applaudierten.

Dougals Magen krampfte sich zusammen.

In der Mitte der Bühne stand ein riesiges Himmelbett mit einer barocken roten Tagesdecke und passenden Kissen. Lucy sagte ihren Text auf, dann schaute sie ihn an.

Sein Verstand stand still. Er öffnete den Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus.

Such dir eine Person im Publikum und fixier dich auf sie.

Er hatte es nicht geplant. Wie hätte er auch planen können, wenn er nicht mal denken konnte, aber sein Blick schweifte über die Menge und fiel auf Roxie.

Spiel nur für sie.

Roxie hielt seinem Blick stand. Zu seiner Überraschung löste sich seine Blockade tatsächlich, und sein Text kam ihm leicht über die Lippen. „Sprich, liebste Gemahlin, was soll ich dir hinterlassen, wenn ich einmal sterbe? Vielleicht mein zweitbestes Bett?“

Lucys Rat hatte funktioniert. Wer hätte gedacht, dass es so einfach war?

„Und welche dieser Schlampen soll dieses hier, dein bestes Bett, erben?“

Lucy deutete auf das Himmelbett, bevor sie mit zusammengekniffenen Augen über das Publikum schaute, als säßen dort die Rivalinnen um Shakespeares Gunst.

„Das liegt an dir“, erwiderte Dougal, der seine Aufmerksamkeit immer noch auf Roxie richtete. „Such ein Mädchen aus, mit dem ich dann mein Bett teilen will.“

„Drei in einem Bett erscheinen mir etwas viel, verehrter Gemahl“, antwortete Lucy spitz. „Vielleicht werfen wir beide dich hinaus.“

Bei diesem Satz ging ein Kichern durch die Menge.

„Oder vielleicht“, fuhr Lucy fort, „hole ich lieber einen jungen Burschen, der uns Gesellschaft leistet.“

„Ein Mädchen soll es sein, Weib“, entgegnete Dougal. „Doch beeil dich, oder ich hinterlasse dir nicht einmal mein zweitbestes Bett.“

„Wie es dir beliebt.“ Lucy ging die Stufen von der Bühne hinunter, um jemanden aus dem Publikum auszuwählen. Ein Dutzend Hände schossen nach oben.

„Nehmen Sie mich, nehmen Sie mich“, bat jemand eifrig.

„Ich würde nur zu gern in Shakespeares Bett landen“, meinte eine andere laut.

„Ich werde ihm schmutzige Sachen ins Ohr flüstern“, rief die freche Rothaarige, die Dougal schon im Flugzeug angemacht hatte.

Lucy ging durch den Saal, ohne sich um die Frauen, die sich freiwillig meldeten, zu kümmern. Erst an Roxies Tisch blieb sie stehen.

Da begriff er, dass Lucy Roxie auf die Bühne holen würde.

„Hallo“, sagte Lucy.

Roxie erkannte sie als die Frau wieder, die die Fragebögen in der Lobby verteilt hatte. Sie schluckte und wurde sich bewusst, dass alle am Tisch sie anschauten. Nein, alle im Saal schauten sie an, einschließlich Dougal. Zu allem Überfluss wurde nun auch noch ein Scheinwerfer auf sie gerichtet. „Ich … hallo.“

Lucy lehnte sich näher zu ihr. „Ich habe gelesen, dass Sie gern schauspielern.“

„Ja“, antwortete Roxie.

„Möchten Sie Spaß haben?“

Das waren die magischen Worte. Roxie wusste, dass sie ablehnen sollte, aber der Reiz, wieder auf der Bühne zu stehen, war stärker als jede Vernunft. Sie erinnerte sich, wie gern sie im Dinnertheater ihrer Eltern aufgetreten war und wie sie auf der Highschool die Hauptrolle in „Romeo und Julia“ bekommen hatte. Vor ihr hatte das an ihrer Schule noch keine Schülerin aus dem ersten Semester geschafft.

Roxie lächelte, wandte jedoch ein: „Ich kenne den Text nicht.“

„Genau das wollen wir. Improvisation. Kommen Sie“, lockte Lucy sie. „Es wird Ihnen Spaß machen.“

„Na los.“ Sam stieß sie in die Seite.

„Du wirst mit unserem Shakespeare auftreten“, fügte Jess hinzu. „Lass dir das nicht entgehen.“

Roxie zögerte, aber nur einen Moment. Dann gewann die Komödiantin in ihr die Oberhand. Sie nickte.

„Wundervoll.“ Lucy reichte ihr die Hand und führte sie auf die Bühne.

Roxies Herz klopfte wild, doch sobald sie sich zum Publikum umdrehte, überkam sie ein überschwängliches Glücksgefühl. Es war so lange her, dass sie etwas nur für sich getan hatte. Es war befreiend.

„Leg dich auf dieses Bett, holde Maid“, befahl Lucy in der Rolle der Anne und klopfte mit einem anzüglichen Funkeln in den Augen auf die Matratze. „Und sag uns, was du davon hältst.“

Gehorsam kletterte Roxie auf das Bett und lehnte sich gegen die Kissen. Das enge Oberteil des rosa geblümten Seidenkleids, das sie aus der Requisite ausgeliehen hatte, spannte, und ihre Brustwarzen richteten sich unter der dünnen Seide auf. Zu spät erkannte sie, dass sie statt eines Hemdchens lieber einen BH hätte anziehen sollen.

„Nun, was ist?“, fragte Anne ungeduldig.

Roxie wippte auf der Matratze, dass die Sprungfedern quietschten. „Es ist ein wenig laut, Mylady. Und auch ein bisschen zu hart“, stellte sie fest und hopste, zunehmend Geschmack an ihrer Rolle findend, auf dem Bett herum.

„Zu hart, sieh an. Als ob ich es mir nicht gedacht hätte.“ Anne schaute scharf auf Shakespeares Schritt. Die Zuschauer lachten.

Shakespeare und Anne setzten ihren frechen Dialog voller sexueller Anspielungen fort. Roxie verdrehte die Augen und seufzte übertrieben. „Ehepaare“, meinte sie kopfschüttelnd. Je stärker sie übertrieb, desto ausgelassener wurde das Gelächter im Publikum. Sie war sich bewusst, dass sie den Hauptdarstellern die Show stahl – und fand es herrlich.

Anne sagte etwas zu Shakespeare, aber er antwortete nicht. Im Saal wurde es still. Roxie wandte den Kopf und sah, dass Dougal sie anstarrte, als wären sie beide die einzigen Menschen im Raum.

Ihr stockte der Atem, ihr Puls raste. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Keusch verschränkte sie die Arme vor der Brust. Ihr war, als ob er sie mit seinem Blick nackt ausgezogen hätte.

Lucy wiederholte ihren Text und stieß ihn an.

„Ich … äh …“, stammelte Dougal.

„Die kleine Hexe hat dir wohl die Sprache verschlagen“, vermutete Anne.

„Sie ist keine Hexe“, erwiderte er, sobald er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Sondern die Muse, die meine Seele berührt.“

Seine Worte klangen seltsam wahr. Roxie schluckte verwirrt und konnte den Blick nicht von ihm abwenden, als er über die Bühne kam und neben ihr aufs Bett sank.

Was sollte sie tun? Sie hatte es schon erotisch gefunden, im Flugzeug auf seinem Schoß zu sitzen. Doch diese Situation war hundert Mal intensiver. Sie lagen Seite an Seite.

Auf einer Matratze.

Nur Zentimeter voneinander entfernt.

In einem Saal voller Menschen, die jeden ihrer Schritte gespannt beobachteten.

Sie spürte die Hitze seines muskulösen Körpers. Sicher hatte noch kein Mann in bauschigem Rüschenhemd, enger Lederhose und kniehohen schwarzen Stiefeln so sexy ausgesehen. Ein Schatten, der auf sein Gesicht fiel, verlieh seinem Ausdruck eine düstere Note, die sie so aufregend fand, dass sie eine Gänsehaut bekam. Ein Blick auf seinen Mund, und sie konnte an nichts anderes mehr denken, als daran, ihn zu küssen. Ihr Atem ging schneller.

Die Menge lachte über eine Bemerkung Annes, die wutentbrannt vor dem Bett auf- und abmarschierte. Roxie fiel wieder ein, wo sie war. Warum nur hatte sie zugestimmt, auf die Bühne zu kommen? Aus Geltungsdrang? Um die Gelegenheit zu nutzen, ihren Kindheitstraum, Schauspielerin zu werden, auszuleben? Oder um eine Chance zu haben, nah bei Dougal zu sein?

Sie fürchtete, dass Letzteres der Hauptgrund war.

„Wahrlich“, sprach Anne ins Publikum, „ihr seid meine Zeugen. Seht euch meinen Gatten an! Wie er die Verführerin mit Blicken verschlingt! Hat sie ihn derart verzaubert, dass er Sprache und Verstand verloren hat?“

Dougal wirkte verwirrt, so als ob auch er vergessen hätte, wo er war und was er zu tun hatte. Sofort sprang er vom Bett, das Haar zerzaust, das Hemd verrutscht. Er starrte einen Moment auf sie herunter, dann wandte er sich halb von ihr ab und wandte sich an Anne.

„Du hast recht, Weib, ich bin verzaubert“, gestand er laut.

„Schlampe.“ Vorwurfsvoll deutete Anne mit dem Finger auf Roxie. „Du hast mir gestohlen, was von Rechts wegen mir zusteht.“

„Deinen Ehemann?“ Er ging mit ausgestreckten Armen auf Anne zu.

„Mein Bett“, rief Anne jammernd und ließ sich in komischer Verzweiflung neben Roxie auf die Matratze fallen.

Die Menge lachte schallend.

Dougal zuckte mit den Schultern. „Nimm das Bett, Weib.“ Er reichte Roxie die Hand. „Ich nehme meine Muse.“

Roxie ergriff seine dargebotene Hand nicht.

Dougal wiederholte seinen Vers eindringlich und fügte hinzu: „Ich brauche dich, Muse.“

Seine Worte klangen so aufrichtig, dass ihr Herz schneller schlug. Er streckte wieder seine Hand aus.

„Bitte, lass mich nicht im Stich.“

Roxies Improvisationstalent verpuffte. Plötzlich war sie sich bewusst, dass jeder im Saal darauf wartete, was sie als Nächstes tun würde. Am liebsten wäre sie von der Bühne geflohen.

„Komm.“

Dougals Finger streiften ihre. Unfähig, ihm zu widerstehen, legte sie ihre Hand in seine. Er zog sie hoch. Ihre Blicke trafen sich. Dann begann er mit seiner aufregenden Baritonstimme ein ...

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