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TIFFANY SEXY BAND 93

MEG MAGUIRE

Ein Lover zum Abheben

Ein bildhübsches Starlet trösten, das sich nach einem Liebesskandal ins karibische Luxusresort zurückzieht, und gleichzeitig bei den Klatschblättern abkassieren? Klingt nach einem guten Deal, findet Will Burgess. Doch je heftiger es zwischen dem abenteuerlustigen Insel-Piloten und der öffentlichkeitsscheuen Leigh knistert, desto mehr drückt sein Gewissen …

ISABEL SHARPE

Bitte recht sündig

Was bildet dieser Typ sich eigentlich ein – sie heimlich beim Yoga abzulichten? Melissa ist empört, lässt sich vom Fotokünstler Jack dann aber doch zu ein paar sinnlichen Sessions überreden. Ihr fester Vorsatz: Kein Sex! Was gar nicht so einfach ist, wenn der Mann hinter der Kamera so wahnsinnig verführerisch ist – und man selbst nichts als einen Seidenschal trägt …

CANDACE HAVENS

Mission: Verführung

Mimis Mails sind der Lichtblick in Rafes Leben, auch wenn er das Model seit Monaten weder persönlich sah noch sprach. Umso freudiger folgt er ihrer Einladung nach Fidschi. Dort erwartet ihn allerdings nur Mimis sexy Schwester Kelly, was Rafe in Konflikte stürzt. Denn er begehrt sie von der ersten Sekunde an! Aber was ist mit der Frau, mit der er so heißen Schriftverkehr hatte?

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Ein Lover zum Abheben

1. KAPITEL

Leigh drückte vor sich eine Kuhle in die Daunendecke ihres Hotelbettes, legte eine Serviette hinein und ein schon geöffnetes Glas Erdnussbutter samt Löffel. Tief tunkte sie den Löffel in das Glas. Kaum breitete sich der süße Geschmack auf ihrer Zunge aus, verblasste ihre Angst, und für einen Moment waren all ihre Sorgen vergessen.

Im Fernsehen nahmen gerade zwei Moderatorinnen den Kleidungsstil eines jungen Sternchens auseinander. Leigh sah neugierig zu, während sie, ohne einen Gedanken an die Kalorien zu verschwenden, erneut den Löffel in das Glas tauchte und sauber ableckte. Was die Presse wohl dazu sagen würde?

„Also, Leigh Bailey mag Hollywoods letztes anständiges Mädchen sein, aber was glaubst du? Wird sie in Weiß heiraten?“

Ein alberndes Lachen der zweiten Frau, dann: „Keine Skandale bisher, aber jetzt? Immerhin wird sie einen Musiker heiraten.“

Ihr Handy läutete, es war der Klingelton, den sie für ihre Mutter gewählt hatte und sogleich wieder Panik in ihr weckte und den magischen Bann der Erdnussbutter durchbrach. Sie schälte sich aus dem Wirrwarr der Decke, tappte zur Kommode und nahm das Handy. „Hi, Ma.“

„Leigh, wo bist du?“

„Im Bett, esse Erdnussbutter und sehe mir Klatschsendungen im Fernsehen an.“

„Schätzchen.“ Ihre Mutter seufzte. „Die Schneiderin ist bereits in der Suite, es ist halb neun. Und du solltest nicht so einen Müll essen, kurz bevor die halbe Stadt dich in maßgeschneiderte Seide gehüllt sieht.“

Jetzt war es an Leigh zu seufzen. Sie drehte sich zum Fernseher um, gerade in dem Moment, als ein Bild von ihr im Bikini eingeblendet wurde.

„Diese Fotos …“, sagte die Moderatorin.

„Sie sah nie besser aus“, fügte ihre Kollegin hinzu.

Leigh lächelte trocken. Großartig. Zwei Wochen lang hatte ein ekelhafter Virus sie damals quasi ans Bad gefesselt, aber sie hatte nie besser ausgesehen … Sehnsüchtig beäugte sie die Erdnussbutter.

„Leigh?“

„Ja?“

„Wie lange noch, Schätzchen?“

„Ich komme schon. Nur noch duschen“, sagte sie resigniert.

„Das ist keine Premiere, Leigh Bailey. Es ist deine Hochzeit.“

„Der Tag, an dem ich Flip-Flops und ein Sommerkleid tragen sollte, im Garten meiner Oma“, sagte Leigh frustriert. „Ich wollte ein Barbecue. Ich wollte dich und Dad und Cody da haben und Dans Familie. Keine achthundert Leute, die ich kaum kenne, auf irgendeinem riesigen Anwesen.“ Lustig, wie sich in nur sechs Monaten die Gäste vermehrt hatten, eine andere Lokalität gewählt wurde, das Budget explodiert war und Leighs großer Tag von einer Grillparty zu einem riesigen Zirkus geworden war.

„So läuft das nun mal nicht, wenn man ein Star ist, Schätzchen“, fuhr die Direktorin dieses Zirkus fort.

„Ich bin kein Star, Ma. Ich bin nur ein Mädchen, das ständig in irgendwelchen Magazinen erscheint. Ich habe seit zwei Jahren keinen Film gedreht.“

„Darum geht es heutzutage aber nicht mehr.“

Gedankenverloren betrachtete Leigh die Erdnussbutter.

„Leigh?“

„’Tschuldigung, was?“

„Ich sagte, du bist ein Star. Ich weiß, dass du alles lieber etwas schlichter gehabt hättest, aber denk an Dan. Er möchte es so.“

„Anfangs wollte er das nicht.“ Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Jetzt wollte Dan es, den ganzen Zirkus. Manchmal fragte sie sich, welche Frau ihr Verlobter in ihr sah – die aus dem Fernsehen, über deren Kleidung und Taillenweite diskutiert wurde, oder die, die im Pyjama Erdnussbutter aß. Dan war ein Anker für sie gewesen, der sie inmitten des ganzen Chaos am Boden gehalten hatte, aber über die letzten zwei Jahre hatte es kleinere Veränderungen gegeben, die sich schließlich summierten. Eine neue Wohnung, neue Kleidung, neue Meinungen darüber, in welches Restaurant sie gehen konnten und in welches nicht. Genau wie ihre Hochzeit mutiert war, so hatte sich auch ihre Beziehung verändert, Schritt für Schritt, kaum merklich, wenn man jetzt nicht zum Anfang zurücksah.

Dan hatte immer von seiner Musik gesprochen und seiner Band. Aber seine Band hatte seit Monaten nicht mehr zusammen gespielt, und sein Enthusiasmus fürs Songwriting war seinem Gerede übers Produzieren gewichen und darüber, in ein Label zu investieren und einen Club zu eröffnen. Mehr von Prestigedenken beeinflusst als von Kreativität. Manchmal fürchtete sie, er glaubte an den Mythos des Mädchens aus dem Fernsehen. Manchmal glaubte sie selbst daran. Aber nicht mehr in letzter Zeit, nicht seit ihre bevorstehende Hochzeit derartige Ausmaße angenommen hatte.

„Glaubst du, er liebt mich noch?“, fragte Leigh ihre Mutter.

„Natürlich liebt Dan dich. Ihr zwei passt perfekt zusammen. Hör zu, jede Braut kriegt Bammel vor der Hochzeit. Wir müssten uns Sorgen machen, wenn du nicht nervös wärst.“

„Stimmt.“

„Nun beeil dich, junge Dame.“

Sie legte auf und trottete zu dem beeindruckenden Bad der Suite. Alles aus glänzendem Marmor und Glas. Nach dem Duschen cremte sie ihre gewachsten Beine mit einer Lotion ein, wickelte ein Handtuch um ihre Haare und putzte vorsichtig ihre Zähne; so frisch gebleicht schmerzten sie noch ein wenig. „Du selbst, nur besser“, wie ihre Mutter zu solchen Dingen immer sagte. Aber sollten Mütter einen nicht so lieben, wie man war?

Nackt wie sie war, betrachtete sie sich in dem großen Spiegel, heilfroh, dass sie sich nie zu wesentlichen Eingriffen hatte überreden lassen – größere Brüste würden an ihrem schmalen Körper lächerlich aussehen und wären nur hinderlich, sollte sie jemals wieder mit dem Tanzen beginnen. Glücklicherweise bewunderte man ihren blassen, cremigen Teint, sodass das Thema ‚Fake Tan‘ schon mal vom Tisch war. Sie sah auf ihre Fingernägel, gefeilt und poliert von einem Nagelstylisten, aber ansonsten ihre eigenen.

Ihr Verlobungsring funkelte im Licht der Halogenspots. So hübsch. Sie hatte hart dafür gekämpft, ihn behalten zu dürfen, entgegen der Proteste ihrer Mutter, dass er zu schmal und zu schlicht war, zu sehr nach jedermann aussah. Doch genau wie bei den Brüsten fand Leigh, dass klein und unauffällig genau zu ihr passte.

Sie ging den langen Flur entlang zum anderen Ende des Hotels und klopfte an die Tür. Ihre Mutter öffnete sofort, schon komplett gestylt. Sie hatte ein Handy am Ohr, und ihr Tonfall schnürte Leigh die Kehle zu. Es konnte nur ihr Vater am anderen Ende sein.

Unbemerkt verdrehte Leigh die Augen. Ständig gifteten die beiden einander an, das war schon immer so gewesen. Deshalb war Leigh früher, so oft es ging, im Tanzstudio abgetaucht. Erst Ballett, später Modern Dance, egal was, solange es sie von zu Hause und den ewigen Streitereien ihrer Eltern fernhielt. Als Leigh ihre erste Filmrolle bekam, hatte das Gezanke wie durch Zauberei plötzlich ein Ende, und ihre Eltern verbündeten sich für ein neues Projekt – Leighs Karriere. Natürlich war der Frieden nicht von langer Dauer gewesen, also stand sie jetzt hier, zehn Jahre später, und strengte sich immer noch an, das brave Mädchen zu sein, erfolgreich und angesehen, immer noch mit der kindlich naiven Hoffnung, sie könnte die Ehe ihrer Eltern irgendwie retten, wenn sie nur hart genug arbeitete.

Kopfschüttelnd beendete ihre Mutter das Gespräch, seufzte frustriert und schaltete dann urplötzlich auf fürsorgliche Mutter um, als hätte jemand einen Knopf gedrückt. Sie lächelte warm und schloss Leigh in die Arme. „Oh, Liebling, dein großer Tag. Endlich ist er da, nicht?“

Leigh nickte, und erwiderte das Lächeln ihrer Mutter so gut, wie sie konnte.

„Siebenundzwanzig. Wo ist nur die Zeit geblieben?“

Ja, wo nur? Und mit siebenundzwanzig war man viel zu alt, um immer noch für die Anerkennung seiner Eltern zu leben. Sie dachte an das Flugticket in ihrer Handtasche. Wenn sie in ein paar Wochen wieder in den Staaten landete, würde sie ein Machtwort sprechen. Ihre Eltern hatten ihr eigenes Leben, genau wie Leigh. Wenn sie nur wüsste, wie dieses Leben aussehen sollte …

Ihre Mutter wandte sich dem Treiben im Raum zu, dem Hochzeitsplaner, der Schneiderin.

Dieses Kleid! Die Schlacht darum hatte sie aufgegeben, um den Krieg für ihren Ring zu gewinnen. Den Ring würde sie für den Rest ihres Lebens tragen, das Brautkleid nur für einen Tag. Es war dennoch ein hübsches Kleid. Viel eleganter als das verspielte Modell, in das Leigh sich verliebt hatte, aber man musste eben Kompromisse eingehen, um Mütter glücklich zu machen … oder sie zumindest zum Schweigen zu bringen.

„Wunderschön, nicht wahr?“, meinte ihre Mutter.

„Ja, wirklich.“

„Und bist du jetzt froh, dass ich dich dazu überredet habe? Es passt perfekt zu der Location.“

Leigh nickte. Sie hatte diese Worte so satt – Location, Auftritt, Präsentation.

Sie ließ sich zu der Schneiderin führen und zog sich artig aus. Das Kleid war glatt und kühl wie Seewasser, als es an ihrer nackten Haut hinabglitt, und es fühlte sich an, als sei sie in noch etwas anderes als Seide gekleidet … ins Erwachsensein, vielleicht. Ins Frausein. Ihre Mutter riss sie aus ihren Gedanken.

„Oh, Leigh.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger an Leighs Bauch. Und nur in L. A. würde man das überhaupt Bauch nennen. „Du und diese Erdnussbutter.“

„Mädchen sollten wissen, dass es normal ist, einen Bauch zu haben.“

„Das stimmt zwar, aber es ist trotzdem nicht normal, ein halbes Glas von dem Zeug ganz alleine zu essen. Es ist viel zu fettig, und dein Stoffwechsel wird nicht ewig so gut funktionieren.“

Leigh zuckte nur die Schultern.

„Wie auch immer“, sagte ihre Mutter, „du siehst wunderschön aus, auch der Bauch und so.“

Leigh betrachtete sich im Spiegel und musste zugeben, dass ihr gefiel, was sie sah.

Durch das große Fenster schaute sie hinaus auf die Stadt. Was Dan wohl grade tat? Vermutlich schlief er nach seinem Junggesellenabschied aus. Obwohl er nicht zu der wilden Sorte zählte. Er war eher der ruhigere Typ. Zumindest war er das einmal gewesen. Inzwischen war ihr nicht mehr ganz so klar, wer Dan eigentlich war.

Sie vermisste seine Leidenschaft. Ihre hektische Verlobung, die groß durch die Medien gegangen war, hatte ihrem Sexleben nicht gutgetan, und Leigh vermutete, dass er sie mittlerweile mit anderen Augen sah. Sie war nicht mehr seine Freundin, sondern seine zukünftige Frau.

Während die Schneiderin am Saum des Kleides hantierte, lehnte Leigh sich zu ihrer Mutter und flüsterte: „Ich glaube, Dan und ich hatten seit einem Monat keinen Sex mehr.“

„Ihr habt beide viel zu tun.“

„Niemand hat so viel zu tun. Wir sind noch nicht einmal verheiratet, das ist doch nicht normal?“

„Du und Dan seid keine normalen Leute. Und Dan ist sehr ehrgeizig. Du hast Glück, einen Mann mit so viel Tatendrang zu haben, wirklich. Nicht wie dein Vater …“

„Ma.“

„Viele Mädchen in deiner Position haben Ehemänner, die keinen Finger mehr krumm machen, wenn sie sich erst so eine Berühmtheit geangelt haben. Dan ist keiner von denen. Du hast sehr, sehr viel Glück.“

Leigh wusste, dass sie glücklich sein sollte. Ihr zukünftiger Ehemann war ihr bester Freund. Oder war es einmal gewesen. Sie hoffte, sie würden etwas davon zurückgewinnen, während sie zwei Wochen alleine miteinander waren. Nein, sie würden es zurückgewinnen. Sie musste positiv denken. Trotzdem konnte etwas Bestätigung nicht schaden.

Als die Schneiderin wegen eines Telefonats kurz unterbrach, lief Leigh kurz entschlossen zurück in ihr eigenes Zimmer, schloss die Tür und lehnte sich an die Bar. Dann nahm sie ihr Handy und rief Dan an.

Er ging dran, als sie eben schon wieder auflegen wollte. „Hey, du. Was gibt’s?“

„Hey, ich, ähm … Oh Gott, ich weiß nicht.“ Sie lachte nervös.

Seine Stimme klang warm, aber auch angespannt. „Alles in Ordnung? Du klingst etwas verkrampft.“

Seine Worte brachten sie zum Lächeln. „Ich glaube, ich habe ein bisschen Bammel, aber ich wollte deine Stimme hören, ehe ich dich sehe. Du weißt schon … vor dem Altar.“

„Du bist süß. Ich habe auch Bammel. Besonders bei dem Publikum, das wir haben werden. Es wird alles gut gehen.“

Leigh wartete einen Augenblick auf etwas … vielleicht ein ‚Ich liebe dich‘. Es kam nicht, aber Dan war genauso gestresst wie sie, und genau wie sie wusste auch er nicht wirklich, was er tat. Es gab kein Drehbuch, nur zwei junge Menschen, die kurz vor ihrem Ehegelübde standen. Es war ganz normal. Etwas, was Leigh sich am meisten wünschte, zu sein. Sie betrachtete ihren Ring mit den in der Sonne blitzenden Diamanten.

„Okay“, sagte sie. „Danke, ich musste nur reden.“

„Atme einfach tief durch, und dann bin ich schneller bei dir, als du gucken kannst. Ich muss Schluss machen, mein Bruder ist in der anderen Leitung.“

„Grüß ihn von mir. Bis später.“

„Bye.“

Leigh zögerte noch, aufzulegen, und Dan fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Babe?“ Seit Monaten hatte er sie nicht mehr so genannt; voller Erleichterung hörte sie den Kosename.

Fast hätte sie ihn angefleht, einfach durchzubrennen, um diesem ganzen Drama zu entfliehen, aber sie hielt sich zurück. „Ja?“

„Tut mir leid. Das war sie.“

Leigh runzelte die Stirn. „Sie?“

Dan lachte. „Es war Leigh. Ihre Nerven liegen vor der Hochzeit blank.“

Sie verstummte. In ihrem Kopf hallte es dumpf, als sie begriff, dass er glaubte, mit jemand anderem zu sprechen.

„Babe?“

Dieses Mal traf sie der Kosename wie ein Schlag. „Ja?“, antwortete sie mechanisch.

„Sag nicht, du bist eifersüchtig.“

„Nein“, murmelte Leigh.

„Ich weiß genau, wo du heute stehen wirst. Ich werde zu dir hinsehen, so oft es geht. Ich meine, in ein paar Jahren stehen vielleicht wir vor dem Altar. Wir müssen geduldig sein. Wenn es passieren soll, dann wird es passieren. Man kann nie wissen.“

Ihre Benommenheit ließ nach, doch sie fühlte sich wie eingeschnürt in ihrem Kleid, ihr wurde heiß, und brennende Tränen schossen ihr in die Augen. Ihr Herz schlug so laut, dass es in ihren Ohren pochte. „Man kann nie wissen“, flüsterte sie.

„Nicht weinen. Ich weiß, dass das Timing beschissen ist, aber wir haben es ja nicht geplant. Wir waren uns einig, dass es das wert ist. Du und ich, unsere Zeit wird kommen. Letzte Nacht das war kein Abschied, das sagte ich doch.“

Leigh antwortete nicht.

„Okay? Allie?“

Zitternd atmete sie ein. Allie. Allie. Ihr Kopf war zu leer, um dem Namen ein Gesicht zuzuordnen … oder zu überlegen, ob sie ihn schon einmal gehört harre. Nicht, dass das helfen würde. „Okay“, hauchte sie.

„Ich werde dich in den zwei Wochen vermissen. Das weißt du.“

Sie konnte nichts sagen.

„Ich liebe dich.“

Das war’s. Er sagte diese Worte, die Leigh so sehr gebraucht hätte, um eine mysteriöse Frau zu trösten. Eine Allie. Mit zitternder Hand drückte sie das Gespräch weg.

Sie starrte in den Spiegel über der Bar, sah diese Fremde an, die ihr Gesicht hatte und ein wunderschönes Kleid trug. Gedanken blitzten in ihrem Kopf auf, aber ihre Benommenheit reduzierte sie auf abstrakte Skizzen. Es gab eine Allie, die Leighs Kosenamen gestohlen hatte. Derentwegen Dan nicht sofort ans Telefon gegangen war, am Tag ihrer Hochzeit.

Der erste Schock verflog, und hinter der Benommenheit blieb purer Schmerz zurück, so stark, dass sie glaubte, ihr Herz würde Faser um Faser auseinandergerissen. Weiße Funken tanzten vor ihren Augen, und sie fühlte sich so plump und schwer, dass sie sich gegen die Bar lehnen musste. Das Kleid schien zu schrumpfen, als trüge sie ein Korsett, das immer enger geschnürt wurde, sodass ihr kein Platz zum Atmen blieb. Der Raum verschwamm, und für einen Moment wusste sie, dass alles nur ein Traum war. Sie würde daraus aufschrecken, und alles wäre so, wie es sein sollte, die sich drehenden Wände und das sie erstickende Kleid nur die Überbleibsel eines Alptraumes.

Tatsächlich hörten die Wände auf, sich zu bewegen, sie konnte wieder atmen, und die Blitze vor ihren Augen verschwanden. Sie stieß sich von der Bar ab und sah die Braut im Spiegel an, deren Gesicht übersät war mit roten Flecken und deren Augen wild funkelten. Leigh war es, als sähe sie eine Fremde, eine verängstigte siebenundzwanzigjährige Frau, genauso ignorant wie damals mit siebzehn, die sich verkleidete und in eine weitere glitzernde Identität schlüpfte.

Sie packte das Handy, wollte es in den Spiegel werfen. Aber nein, sie sollte nicht gerade jetzt Hotelzimmer zertrümmern. Doch, eigentlich war genau jetzt der richtige Zeitpunkt für so etwas, aber das lag Leigh nicht, ganz gleich, wie gern die Klatschpresse so etwas breittrat.

Sie presste eine Hand auf ihr hämmerndes Herz, entsetzt über diesen blanken Schmerz, darüber, so wütend zu sein und sich so verletzt zu fühlen. Ihre Wut war wie ein wildes Tier, das sich mit scharfen Klauen einen Weg aus ihrer Brust heraus bahnen wollte, doch sie hielt es zurück, wie sie es immer tat. Sie zwang sich, praktisch zu denken. Es mussten Entscheidungen getroffen werden.

Sie könnte Dan damit konfrontieren.

Nein, konnte sie nicht.

Sie musste Schluss machen. Aber dann würde die Presse sie erbarmungslos jagen, und die ganze Welt würde alles erfahren.

Aber was sonst? Die Hochzeit durchziehen und später mit den Folgen leben? Ihr Herz verkrampfte sich erneut, und ihre Hände zitterten bei der Vorstellung, vor dem Altar zu lügen. Sie biss die Zähne zusammen, und ihre Lippen bebten, als sie sich vorstellte, ihr Ehegelübde zu sprechen und Dan seines sprechen zu hören, und zu wissen, dass er es längst gebrochen hatte. Wahrscheinlicher war, dass sie kurz vor dem Altar kehrtmachen und abhauen würde, vor den Augen dutzender Pressefotografen und hunderter Gäste, eine öffentliche Demütigung der Extraklasse.

Noch immer drückte sie eine Hand auf ihr hämmerndes Herz. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt eine eigene Entscheidung getroffen hatte, aber jetzt wusste sie, was zu tun war.

Sie musste flüchten.

Jetzt.

Im Moment war ihr nicht klar, was sie vom Leben erwartete, aber sie wusste, dass es nichts von all dem hier war – ein Affentheater von Hochzeit mit einem Mann, der sie nicht liebte, eine von anderen gelenkte Karriere, eine Stadt, die ihr nicht einen einzigen Augenblick Anonymität gönnte.

An der Tür stand ihr Koffer, komplett gepackt mit allem Nötigen für zwei Wochen; ihr Pass und ihr Flugticket waren schon in ihrer Handtasche – für die Reise, auf die sie sich so sehr gefreut hatte, auf der, wie sie gehofft hatte, Dan und sie einander wieder näherkommen würde. Allein der Gedanke war wie eine erstickende Hand an ihrer Kehle. Die Klatschpresse hatte schon ewig nach ihrem Absturz gelechzt, und wenn sie schon dazu verdammt war, deren Ausdauer zu belohnen, dann würde sie ihnen ein Hochzeits-Fiasko erster Güte präsentieren.

Sie schaltete ihr Handy ab und steckte es in ihre Handtasche. Das würde sie so bald nicht wieder anschalten.

Alles war ruhig, als sie ihren Koffer den Flur entlangrollte, der Aufzug war leer, die Lobby ebenfalls. Sie raffte ihr Kleid zusammen und stapfte barfuß an der Rezeption vorbei, durch die Tür, die ihr ein Portier mit versteinerter Miene aufhielt, hinaus an die kühle Frühlingsluft. Welche der schwarzen Stretchlimousinen ihr zur Verfügung stand, erkannte sie an dem Fahrer, der am Kofferraum lehnte.

„Hector.“

Er hob die Brauen, stellte sich aufrecht hin und musterte sie. „Guten Morgen, Leigh. Sie sind früh dran. Sehr früh.“ Seine vertraute, dunkle Stimme beruhigte sie. „Und Sie haben Ihre Schuhe vergessen. Und Ihre Mutter. Planänderung?“

Das bedeutete normalerweise, dass sie von einem Reporter belästigt wurde und vorzeitig irgendwo wegwollte.

„Planänderung“, stimmte sie zu und stieg, als Hector ihr die Tür öffnete, ins Auto. Er schloss sie fest und sorgsam wie stets, dann hörte sie, wie er ihren Koffer im Kofferraum verstaute.

Er setzte sich hinter das Steuer, ließ die Scheibe ein Stück herunter und fuhr langsam Richtung Ausgang. „Hat Ihre Mutter sich einen eigenen Wagen organisiert?“

„Machen Sie sich um meine Mutter keine Sorgen. Wenn sie Sie anruft, sagen Sie ihr, ich wollte zurück in meine Wohnung. Ich brauche Zeit, um über ein paar Dinge nachzudenken.“

„Wollen Sie, dass ich Sie vorher ein wenig herumfahre? Für einen dramatischen Auftritt?“ Wahrscheinlich entging ihm nicht, dass sie weder Make-Up noch Schmuck trug, ihre Haare nicht gemacht waren und ihr Gesicht rot und fleckig war.

„Wir fahren nicht zum Anwesen raus“, sagte sie seltsam gelassen. „Wir fahren zum Flughafen.“

„Oh?“

Inzwischen war sie eisern entschlossen. Sie nickte. „Ich fliege in meine Flitterwochen. Alleine.“

2. KAPITEL

Am Flughafen angekommen, schälte Leigh sich, geschützt durch die getönten Scheiben, auf dem Rücksitz aus ihrem Kleid und zog Jeans und ein T-Shirt an, fischte aus ihrem Koffer ein Paar Slipper, schlüpfte hinein und warf dabei einen Blick auf das Kleid. Es sah aus wie die abgeworfene Haut einer wunderschönen, mystischen Kreatur. Sie ließ es im Auto liegen.

Um ihr Gesicht und die Tränen in ihren Augen zu verbergen, setzte sie ihre große Sonnenbrille und eine Kappe der Giants auf. Sie schluckte all die Wut und Traurigkeit und ihre aufsteigende Verwirrung hinunter und zwang sich zu lächeln.

„Danke, Hector.“

„Das ist mein Job.“

„Würden Sie noch etwas für mich tun?“

Er nickte, und Leigh zog den Verlobungsring von ihrem Finger und reichte ihn ihm. Statt der Trauer, die sie erwartet hatte, fühlte es sich an, als fiele eine fünfzig Kilo schwere Last von ihr ab.

„Geben Sie das Ma oder Dad oder Dan … wen Sie als Erstes sehen. Und das Kleid auch. Aber gehen Sie denen allen erst einmal ein paar Stunden aus dem Weg, so lange, bis ich im Flieger sitze.“

„Muss ich mir Sorgen um Sie machen?“

Sie atmete tief durch. „Nein, es wird alles gut werden. Ich brauche nur etwas Zeit für mich. Zum Glück geht die Reise an einen Ort, wo mich niemand erkennen wird.“

Wieder nickte er, steckte den Ring in seine Brusttasche und, aus einem Impuls heraus, tat Leigh etwas, was sie nie zuvor getan hatte. Sie umarmte ihren Fahrer. Der erwiderte die Umarmung kurz, soweit es sein Berufsethos zuließ.

„Passen Sie auf sich auf. Ich werde Ihre Mutter möglichst lange hinhalten.“

Sie zog den Griff des Rollkoffers heraus. „Drücken Sie mir die Daumen, dass ich einen früheren Flug bekomme.“

Er hielt zwei symbolisch gedrückte Daumen hoch. „Genießen Sie Ihre Flucht.“

Sie winkte zum Abschied. Seins würde für die nächsten zwei Wochen das letzte bekannte Gesicht sein. Stumm sagte sie auf Wiedersehen zu L. A. und zu dem Mädchen, das nicht mehr länger sie selbst war, dann trat sie mit einem Schritt durch die automatischen Schiebetüren des Flughafens ins Unbekannte.

Der Flug, den sie nach New York ergattert hatte, war irrsinnig überteuert, doch jeden Cent wert, denn sie sah L. A. unter sich verschwinden. Wenn irgendeiner der Erste-Klasse-Passagiere sie erkannte, war er nett genug, sich nichts anmerken zu lassen. Es waren die ruhigsten sechs Stunden der letzten Wochen; nichts als blauer Himmel und weiße Wolken, der komplette Gegensatz zu dem Sturm, der in ihrem Kopf tobte.

Der Anschlussflug ließ sich nicht umbuchen, sodass sie gezwungen war, bis zum nächsten Morgen zu warten. Die Vorstellung, allein mit ihren Gedanken in einem fremden Hotelzimmer zu hocken, ängstigte sie so sehr, dass sie es vorzog, im Flughafen zu nächtigen.

Gegen Mittag erreichte sie Bridgetown auf Barbados. Sie hatte noch einige Stunden bis zu ihrem letzten Flug, glücklicherweise, denn ihr Koffer war nicht mit ihr angekommen, und so nutzte sie die Zeit, um durch die Straßen zu schlendern und sich ein paar neue Sachen zu kaufen, etwas zu essen und ihrer Mutter eine SMS zu schicken:

Es geht mir gut. Werde eine Weile nicht erreichbar sein. Mach dir keine Sorgen und folge mir nicht. Tut mir leid, dass ich dir Stress mache. Wir sehen uns in zwei Wochen. Leigh.

Die Mitteilungen und verpassten Anrufe ignorierte sie schlichtweg.

Um halb drei setzte ein Taxi sie an einem Flugplatz an der Küste ab – ein winziges Gebäude, keine Landebahn. Ein langer Steg über glitzerndem Wasser führte zu einem kleinen Wasserflugzeug – eine Cessna auf Skiern –, das träge auf den Wellen schaukelte. Soweit sie wusste, war das die einzige Möglichkeit, nach Harrier Key zu gelangen. Sie hatte das Inselchen wegen seiner Abgeschiedenheit gewählt und eine von lediglich vier Villen darauf gebucht.

Sie ging durch die offenen Türen des Terminals, wo hinter einem langen Tresen eine dunkelhäutige Frau in lachsfarbenem Kleid stand. Außer ihr war nur noch ein weiterer Passagier da, der in der Abflughalle Zeitung las. Leigh holte ihr Ticket hervor.

„Miss Bailey?“, begrüßte die Frau sie mit dem für die Inseln typischen breiten Lächeln, und Leigh fiel krachend zurück auf den Boden der Wirklichkeit. So viel zu ihrer Anonymität.

„Ja. Das bin ich.“

„Ich wusste es! Wissen Sie, woher ich es wusste?“

„Hoffentlich nicht aus der Klatschpresse.“

Die Frau warf ihr einen amüsierten Blick zu. „Klatschpresse? Gott, nein. Ich weiß es, weil Sie die einzige Frau sind, die heute mit uns fliegt.“

„Oh, verstehe.“

„Und schon sind Sie eingecheckt. Was ist mit Mr Cosenza?“

Sie verzog das Gesicht. „Er wird nicht kommen.“

„Ach je.“

„Planänderung.“

„Ich fürchte, das Geld für das Ticket kann nicht erstattet werden.“

„Das ist schon in Ordnung. Tut mir leid, wenn es Ihnen jetzt Umstände macht.“

„Kein bisschen. Sie haben zwanzig Minuten bis zum Start. Bedienen Sie sich, wenn Sie Kaffee oder Tee möchten.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken zu einem Tisch, auf dem Kannen und bunt gemischt ein paar Tassen standen.

„Danke.“

Leigh füllte eine regenbogenfarbene Tasse und setzte sich gegenüber von dem anderen Passagier. Er trug Jeans und ein weißes Leinenhemd, bei dem er die oberen Knöpfe offen gelassen hatte. Aufgrund seines Teints und seiner überlangen braunen Haare schloss sie, dass sein Urlaub schon etwas länger andauerte. Er sah aus wie ein Mann ohne Ziel und ohne Eile, selbiges zu erreichen.

Er erwiderte ihren Blick. Seine Augen waren so blau wie das Wasser draußen vor dem Fenster, und Leigh sah nicht schnell genug weg, um höflich zu erscheinen, also lächelte sie stattdessen und winkte ihm flüchtig zu. Er lächelte zurück, dann wandte er sich wieder seiner Zeitung zu.

Leigh versuchte, sich auf den Ozean zu konzentrieren, aber ihr Blick wanderte alle paar Minuten zu dem Fremden.

Etwas an seiner Ruhe zog sie an. Leigh war so lange von Leuten aus L. A. umgeben gewesen – eine eigene Spezies, deren Männchen sich ebenso prächtig aufdonnerten wie deren Weibchen – dass sie das fehlende Styling dieses Mannes als erfrischend exotisch empfand. Außerdem war er kein bisschen wie Dan, was nicht schadete. Größer, nahm sie an, generell kräftiger, hübscher, mit diesen unfassbar blauen Augen.

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit stellte Leigh sich vor, wie es wäre, einen Mann zu küssen, der nicht Dan war. Wie würde er schmecken? Wie würde seine Haut riechen? Wie würden sich diese Bartstoppeln anfühlen – nachdem sie zwei Jahre lang einen stets glatt rasierten Mann gehabt hatte. Allein die Tatsache, dass sie über solche Dinge nachdenken konnte, machte ihr das Atmen leichter. Sie war verletzt, nicht vernichtet.

Der Fremde faltete seine Zeitung zusammen, dann rief er der Frau am Tresen zu: „Nur die eine, Jackie?“

„Nur die eine.“

„Gut.“ Dann wandte er sich an Leigh. „Sind Sie bereit?“

Sie blinzelte. „Bereit? Zum Abflug?“

„Wenn Sie nicht schwimmen wollen.“

„Nein. Ich bin bereit.“ Sie trank ihre Tasse aus, brachte sie zurück auf den Tisch und nahm ihren Koffer. „Arbeiten Sie auf einer der Inseln?“, fragte sie den Mann.

Wieder lächelte er, sodass man seine Grübchen sah. „Ja.“

„Er ist Ihr Pilot, Liebes“, warf Jackie ein.

„Oooh.“ Sie lächelte ein bisschen dümmlich. „Tut mir leid, ich dachte, Sie wären ein Passagier.“

„Nur wenn Sie das Fliegen übernehmen wollen. In diesem Fall würde ich sehr gerne ein kleines Nickerchen machen.“

Sie lachte. „Nein, nein, Sie fliegen.“

„Also gut.“ Er winkte Jackie zu und ging nach draußen, Leigh folgte ihm in den Sonnenschein.

„Sie sind Amerikaner“, sagte Leigh.

„Schuldig.“

„Woher kommen Sie?“

„Ich entsinne mich, dass ich in einem früheren Leben mal in New York City gelebt habe.“ Falls er je den scharfen New-Yorker Akzent gehabt hatte, war der ihm inzwischen verloren gegangen. Seine Stimme passte zu seinem Look. Er war eine angenehme Erscheinung für Augen und Ohren.

„Wow, dann haben Sie Ihren Lebensstil ganz schön verändert.“

Ein paar Schritte vor der Maschine blieb er stehen, drehte sich um und verschränkte die Arme vor der Brust. Plötzlich wirkte er noch größer. „Ehe Sie an Bord dürfen, müssen wir noch eine Kleinigkeit klären.“

Ihr Magen zog sich besorgt zusammen. „Oh?“

„Ich stecke wegen Ihnen ein bisschen in Schwierigkeiten.“

„Wieso? Beide Tickets sind bezahlt.“

Er schüttelte den Kopf, lächelte eher boshaft als warm, weshalb sie all ihre voreiligen, schmeichelhaften Vorstellungen über ihn verdrängte. „Ihre Mutter hat ungefähr zehn Nachrichten hinterlassen und verlangt, dass ich Sie nicht von dieser Insel wegbringe.“

Leigh runzelte die Stirn, leichte Panik keimte in ihr auf.

Er beugte sich näher zu ihr. „Das ist eine heikle Lage. Das verstehen Sie sicher.“

Leigh sah hektisch von seinem Gesicht zu dem Flieger, dann aufs Wasser … „Kann ich Sie bestechen?“

Er reckte die Schultern und sein Gesicht erhellte sich. „Klar. Was bieten Sie?“

Sie wühlte in ihrer Handtasche. „Reichen Hundert?“, fragte sie und versuchte ihre Verwirrung zu verbergen.

Er nahm den bunten Schein in Landeswährung entgegen und steckte ihn in seine Hosentasche.

Erleichtert atmete Leigh aus, wenn sie auch etwas verärgert war. Umgerechnet hatte sie eben fünfzig Dollar abgedrückt, andererseits war kein Preis zu hoch, wenn sie dafür nur dorthin kam, wo sie hinwollte.

„Können wir dann?“

„Klar.“ Er ging mit ihr den Steg entlang. Das Flugzeug war klein, die Unterseite in fröhlichem Aquamarin gestrichen, auf der strahlend weißen oberen Hälfte prangte der Schriftzug The Passport.

Leighs skrupelloser Pilot sah über die Schulter zu ihr. „Laut Flurfunk in der Anlage sind das hier Ihre Flitterwochen.“

„Ja.“

„Dann haben Sie wohl vergessen, Ihren Ehemann mit einzupacken. Oder hat er den falschen Flug erwischt?“

Sie lächelte, um den plötzlichen Schmerz zu überspielen. „Planänderung.“

Will verstaute ihre Tasche im Flugzeug. Für eine Prominente reiste sie mit ziemlich wenig Gepäck. Er stellte sich den unbekannten Verlobten daheim in L. A. vor, wie er auf dem Bett saß, neben einem Stapel ebenfalls zurückgelassener Kleidung. Armer Kerl.

Er sprang zurück auf das Dock. „Da wir alleine sind, haben Sie die Wahl: hier hinten sitzen oder Copilot spielen.“

„Was ist besser?“

„Der Blick aus dem Cockpit ist kaum zu übertreffen.“

Ebenso unübertrefflich war seine Chance, eine Audienz bei ihr zu haben, ohne dass sie flüchten konnte. Und da er sicher nicht viele solche Gelegenheiten bekommen würde, war er insgeheim sehr angetan, als sie „Okay, gut“ sagte.

Über eine kleine Leiter kletterte sie hinter ihm ins Cockpit, setzte sich auf ihren Platz und sah sich erst einmal die Konsole mit den vielen Knöpfen und Schaltern an. Als Will sich anschnallte und seine Sonnenbrille aufsetzte, tat sie es ihm gleich, dann musterte sie seine Fluglizenz, die über der Frontscheibe befestigt war.

„William Burgess.“

Captain William Burgess“, korrigierte er übertrieben. „Aber sagen Sie ruhig Will.“

„Leigh Bailey.“

Er schüttelte ihr in bester Pilotenmanier die Hand, selbstsicher und bestimmt, Qualitäten, die man an jemandem schätzte, der einen durch die Luft über das Meer transportieren sollte.

Während Will den Start vorbereitete, streckte Leigh die Hand aus, um das Armaturenbrett zu berühren. Finster packte er ihre Hand und legte sie unsanft auf ihr Knie.

„Nichts anfassen“, sagte er, holte ein Tuch aus einem kleinen Fach und wischte weg, was auch immer Leigh für Fingerabdrücke hinterlassen haben mochte. Er kleidete sich vielleicht nicht wie ein Captain, aber dieses Flugzeug war für ihn mehr als nur eine Verdienstmöglichkeit – es war sein Baby. Und er ließ keine Fremden daran herumfummeln und Tapsen und Flecken darauf machen.

Verärgert runzelte Leigh die Stirn. „’Tschuldigung.“

Nach einer kurzen Einweisung in die Sicherheitsvorkehrungen startete Will The Passport, und bald darauf überflogen sie schon die Strände von Barbados. Er fragte sich, was sie dachte, und warf ihr einen neugierigen Blick zu. Vielleicht genau das, was er auch immer dachte – all der Sand, all das Wasser. All das, nur für sie alleine.

Über den Lärm der Maschine hinweg sagte er: „Wissen Sie, Sie hätten mich gar nicht bestechen müssen.“

Erneut runzelte sie die Stirn.

„Auf dem Ticket steht Ihr Name. Es interessiert mich nicht, was Ihre Mutter für ein Problem mit Ihren Plänen hat.“ Er warf ihr ein Lächeln zu, das sie erröten ließ. Aus Unbehagen, nahm er an. „Wollen Sie Ihr Geld zurück?“

„Nee, Sie haben es sich verdient.“ Er wusste, dass ihr beifälliger Tonfall nur aufgesetzt war.

„Muss schön sein, wenn es egal ist, ob man hundert Kröten hat oder nicht.“

„Denke schon.“

„Muss auch schön sein, wenn es egal ist, ob man einen Ehemann verlässt oder auch nicht.“ Das war ein fieser Seitenhieb, aber garantiert würde sie darauf reagieren und ihm so ungewollt ein paar Informationen liefern. Vermutlich in Form einer gepfefferten Ohrfeige, wenn er nicht gerade ein Flugzeug flöge. „Also, was von beidem ist es?“

„Ich habe ihn verlassen“, antwortete sie kühl.

„Gut für Sie. Ich hoffe, es kommt eine hübsche Abfindung auf Sie zu.“ Das war noch viel mieser, aber man hatte Will eine großzügige Summe geboten, wenn er Neuigkeiten über diese Frau beschaffte, und er hatte nicht vor, das durch sympathisches Süßholzraspeln zu erreichen. So würde er zumindest nicht ihr Vertrauen ausnutzen.

Mit vor Wut glühenden Wangen starrte sie ihn an. „Das ist wirklich unverschämt.“

„Ist es das?“

„Ja, richtig unverschämt.“

„Dann hab ich ja Glück, dass ich nicht für Trinkgeld fliege.“

Sie blinzelte, dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. All ihre Freundlichkeit versank irgendwo tief unten in den Wellen.

„Noch können Sie schwimmen, wenn Sie mit dem Service unzufrieden sind.“

„Nein, danke. Obwohl ich auf dem Rückflug wohl doch lieber hinten sitze.“

„Vermutlich eine weise Entscheidung. Mein alter Herr war Taxifahrer in New York. Mein Talent für Kundenbetreuung ist genetisch bedingt.“

„Ganz sicher eine sehr seltene, bösartige Störung. Zum Glück sind Sie nicht ansteckend.“

Er grinste, die Sticheleien eher genießend.

„Und wenn Sie schon so neugierig sind, sollten Sie wissen, dass es keine Abfindung geben wird, da ich nicht geheiratet habe.“

Will schluckte. „Gebührend zur Kenntnis genommen.“ Die Information war der Hammer! Eigentlich sollte er etwas wie Triumph spüren, aber das blieb aus. Im Gegenteil, es fühlte sich sogar mies an, wie ein Knoten in seinem Magen.

„Ich wollte Sie nur necken.“ Will suchte ihren Blick – soweit das durch die Gläser zweier Sonnenbrillen möglich war. „Macht es das besser?“

„Eher nicht.“

„War nicht meine Absicht.“

„Hoffentlich können Sie mit dem Flieger besser umgehen als mit Menschen.“

„Tut mir leid.“ Er bemühte sich kein bisschen, so zu klingen, als täte es ihm wirklich leid. „Bisher hat noch keine flüchtige Holly­woodbraut auf diesem Platz gesessen.“

Sie schürzte die Lippen. „Sie wissen, wer ich bin?“

Insofern, als dass irgendein Ekel aus L. A. gutes Geld dafür zahlen wird zu erfahren, was du vor hast. „Hier macht nur eine bestimmte Sorte Leute Urlaub. Und wenn es Frauen aus Los Angeles sind, dann sind es meistens Schauspielerinnen, Models oder Ehefrauen von Hollywoodstars. In diesem Fall wurde die Ehefrau bereits ausgeschlossen.“

Leigh schien eine Antwort herunterzuschlucken.

„Nicht, dass mich das interessierte“, sagte Will mit einem theatralischen Seufzen. „Ich bin nur der Chauffeur.“

Sie antwortete mit einer Arroganz, die auf ihn ziemlich ungeübt wirkte. „Ich habe manchmal einen Chauffeur, aber der ist sehr viel diplomatischer als Sie.“

„Das bezweifele ich nicht.“ Will warf ihr einen weiteren forschenden Blick zu. Sie war nicht die Frau, die er erwartet hatte, und, so einträglich es auch für ihn war, sie verdiente diese Feindseligkeit nicht … andererseits gefiel ihm, wie sie bei seinen Neckereien errötete. Dennoch fuhr er sanfter fort: „Nehmen Sie es nicht persönlich, aber für mich tragen Sie nicht das Etikett ‚verschmähte Frau‘.“

„Nein?“

Er schüttelte den Kopf. „Eher ‚Ausbrecherin‘. Dachte, ich wäre vielleicht der Fahrer Ihres Fluchtwagens.“

Sie öffnete den Mund, antwortete aber nicht. Ihr Blick sagte ihm, dass er recht hatte; sie war geflüchtet. Nur vor was wusste er nicht, aber eins schien klar – ihre Flucht war nicht bloß ein PR-Gag.

Er spürte einen weiteren Stich in seinem Magen.

Will hatte sich, soweit es eben möglich war, ein Leben frei von Schuldgefühlen und Verantwortungen geschaffen, um genau die hässlichen Empfindungen zu vermeiden, die er jetzt empfand. Er wollte nicht länger Informationen über diese Frau weitergeben, allerdings bedeutete sie ihm im Endeffekt rein gar nichts. Er brauchte das Geld für wichtige Dinge. Wichtigere jedenfalls als ein paar harmlose Brocken, die er irgendeinem Schmierlappen tausende Meilen entfernt in Hollywood zuspielte.

Leigh schien ein wenig besänftigt. „Das sind Sie auch“, sagte sie schließlich. „Der Fahrer meines Fluchtwagens.“

Ein wenig entspannter lehnte sie sich im Sitz zurück. Für eine Weile schwiegen sie, dann deutete Will auf etwas in der Ferne. „Sehen Sie da?“

Sie kniff die Augen zusammen und sah einen kleinen Punkt im türkisfarbenen Ozean. „Ist sie das?“

„Jap. Das ist Ihr Versteck.“

„Wow. Das ist privat.“

„Elf Quadratmeilen Paradies. Nichts als weißer Sand, wehende Palmen und Zimmerservice.“

„Klingt himmlisch. Obwohl das für Sie vermutlich nichts Exotisches mehr hat.“

Will lachte. „Machen Sie Witze? Ich lebe jetzt seit sieben Jahren auf diesem kleinen Fleckchen, und ich wache immer noch jeden Morgen auf und muss mich erst einmal kneifen.“ Kaum hatte er beschlossen, sie nicht weiter auszuspionieren, hatten sich seine Magenschmerzen gelegt.

„Sie leben hier?“

Er nickte. „Zweimal am Tag fliege ich die Leute für ein passables Gehalt hin und her.“

„Wow.“

„Das sagen Sie ziemlich oft, wissen Sie das?“

„Oh. Ja, ich schätze, das stimmt.“

„Sie sind sehr leicht zu beeindrucken“, meinte Will, während er zur Landung ansetzte. „Mir gefällt das an Frauen.“

„Das ist auch eine Voraussetzung für einen Mann mit ihrem Charme.“

Wieder lachte er, dann begriff er, dass er diese Frau wirklich mögen könnte. Prominente, geflohene Braut hin oder her. Das verhieß nichts Gutes für seinen Nebenverdienst.

Die Insel kam näher, und er zog das Flugzeug leicht nach links. „Also, Sie sind berühmt, richtig?“, fragte er.

„Nicht so wahnsinnig berühmt. Eher in der Kategorie B. Vielleicht B-Plus.“

„Und wofür sind Sie berühmt?“ Sie hatte in ein paar Filmen mitgespielt, von denen er nie zuvor gehört hatte, aber mehr wusste er nicht über sie.

„Als ich in der Highschool war, in einem Vorort von San Francisco, war ich ganz verrückt danach zu tanzen. Als ich wieder mal total frustriert war, weil ich nicht am Theater angenommen wurde, fuhr meine Mutter mit mir nach L. A., wo ein Vorsprechen für einen Film stattfand. Ich bekam die Rolle.“

„Was war das für ein Film?“

„Über ein schüchternes Mädchen, das in den Sommerferien nach Miami geht, dort all die heißblütigen Turniertänzer trifft und sich in einen Jungen verliebt. Eine von diesen typischen Teenagerromanzen mit vielen Tanzszenen. Mit solchen Filmen bin ich dann bekannt geworden. Außerdem habe ich ein paar romantische Komödien gedreht. Und man hat mich zu einer Kosmetik-Kampagne überredet, aber das war nichts Besonders.“

„Und was steht als Nächstes an?“

„Das genaue Gegenteil.“

Überrascht zog Will die Brauen zusammen, hoffte aber, dass sie es nicht sah.

„Ich wäre froh, wenn ich morgen als absoluter Niemand aufwachen würde.“

„Ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber vor Ihrer Hochzeit zu flüchten wird nicht grade dazu beitragen, die Aufmerksamkeit von Ihnen abzulenken.“

„Was Sie nicht sagen.“

„Aber wenn Sie ein Niemand sein wollen, dann haben Sie sich dafür zumindest den besten Ort der Welt ausgesucht.“

„Tja … Ich konnte Sie bestechen, damit Sie mich hierherbringen, kann ich Sie vielleicht auch bestechen, damit sie nichts über mich ausplaudern? Vor niemandem?“

„Diskretion gehört zum Standard. Genau genommen habe ich Ihren Namen schon wieder vergessen, Miss …?“

Sie lächelte grimmig, und Will versuchte, angesichts seiner Lüge seine neu erwachten Schuldgefühle zu ignorieren.

Nach einer holperigen Landung sprang Will auf den Steg, vertäute das Flugzeug und half Leigh schließlich, auszusteigen.

„Danke.“

Er nahm ihren Koffer und steuerte ein großes, weiß verputztes Haus im spanischen Stil an. Sie folgte ihm, tief die nach Meer duftende Luft einatmend. Andächtig betrachtete sie den weißen Sand, den blauen Himmel, den Rücken ihres Piloten … Letzteren vor allem aus Groll gegen Dan. Nicht, weil immer noch eine gewisse Neugier in ihr lauerte, wie es wäre, diesen unerträglichen Kerl zu küssen. Ganz bestimmt nicht. Obwohl Will einen gewissen Reiz hatte. Sie war es so gewöhnt, dass Leute ihr schmeichelten, dass Wills Unverschämtheiten eine seltsame Faszination auf sie ausübten.

Am Gebäude angekommen hielt er ihr die Tür auf. Dahinter lag die Lobby. Panoramafenster, ein Springbrunnen und diverse exotische Pflanzen ließen den Raum elegant und rustikal zugleich erscheinen.

Er stellte den Koffer vor der Rezeption ab und betätigte eine silberne Klingel.

„Danke“, sagte Leigh, doch Will machte keine Anstalten zu gehen.

Sie biss sich auf die Lippe. In seiner Nähe fühlte sie sich komisch. Nackt. „Entschuldigung. Sollte ich Ihnen ein Trinkgeld geben?“

Er lächelte. „Wenn Sie eingecheckt haben, fahre ich Sie zu Ihrer Villa.“

„Das gehört auch zu Ihrem Job?“

„Nur für diesen Teil der Anlage. Weil ich in der Nähe wohne.“

„Okay.“

„Dafür könnten Sie mir übrigens ein Trinkgeld geben.“

Zum Antworten kam Leigh nicht mehr, denn es tauchte eine hektische junge Frau auf.

„Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Mrs Cosenza?“ Und wieder ein Stich ins Herz.

„Miss Bailey“, korrigierte Will, die Hände in die Taschen gesteckt.

„Oh?“ Die Frau sah Leigh überrascht an.

„Ja, nur ich. Es wurde unter dem Namen Cosenza gebucht, aber ich … Na ja, wie auch immer. Planänderung.“ Sie sollte sich das auf ein T-Shirt drucken lassen.

„Also dann nur ein Schlüssel. Gar kein Problem. Sie sind in der Villa Shearwater untergebracht. Wenn Sie irgendetwas brauchen, finden Sie alle nötigen Telefonnummern in der Mappe auf ihrem Couchtisch. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt, Miss.“

Leigh folgte Will nach draußen auf einen kleinen Parkplatz; vorbei an einigen glänzend weißen Geländewagen führte er sie zu einem rostigen alten Pickup. Will verstaute ihren Koffer auf der Ladefläche, dann öffnete er die Beifahrertür, und wieder einmal hievte Leigh sich als Copilot hinein.

Als Will hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte, tatschte Leigh provokativ über das Armaturenbrett.

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich bin nur bei dem Flugzeug so radikal.“ Der Truck heulte laut auf, als Will den Motor startete. Leigh kurbelte das Fenster herunter, um die Vögel hören und die Sonne auf ihrem Arm spüren zu können, während sie auf einer schmalen Straße landeinwärts fuhren.

„Der letzte Schritt Ihrer Flucht.“

Sie nickte.

„Wann wollen Sie sich denn stellen?“

„In zwei Wochen.“

„Sehr schön.“

Allein schon hier zu sein hatte ihren stechenden Schmerz in ein dumpfes Pochen verwandelt. Solange sie in diesem Paradies war, würde sie die Realität verdrängen können. Sie lächelte. Der Gedanken war purer Luxus.

„Zwei Wochen lang nichts als Wellen und Sand und Rum“, sagte Will, ihre Gedanken in Worte fassend.

„Und Ruhe. Wellen, Sand und Rum haben wir in L. A. auch. Ich habe diesen Ort wegen seiner Abgeschiedenheit gewählt.“ Schmunzelnd sah sie Will an. „Was hat Sie eigentlich hierher verschlagen?“

Er zog ein Gesicht, als habe er darüber noch nie nachgedacht. „Mit neunzehn habe ich meinen Pilotenschein gemacht. Bin dann nach Cancún gezogen. Nach Nassau. San Juan. Sieben Jahre später bin ich hier aufgewacht.“

Das klang ein bisschen wie Leighs Leben. An einem unvorhersehbaren Ort aufzuwachen … nur dass dieser Mann aus eigenem Antrieb hergekommen war, sie dagegen war dorthin verfrachtet worden. Sie hatte die Nase voll davon, herumgeschubst zu werden. Sie mochte noch nicht wissen, wo sie letztendlich landen wollte, aber sie hatte es bis hierher geschafft – gegen den Willen von allen anderen. Und es fühlte sich verdammt gut an.

Sie fuhren aus einem kleinen Palmenhain hinaus und an ein paar kleineren bunten Häusern vorbei, die allesamt Einheimischen gehörten. Will hob eine Hand bei jedem, der ihn grüßte, alberte mit einem der Männer kurz herum und wandte seine Aufmerksamkeit dann lachend wieder der Straße zu. Wie seltsam es sein musste, irgendwo zu leben, wo man den Großteil der Menschen seine Freunde und Bekannte nannte und nur ein kleiner Teil Fremde waren. Seltsam und behaglich.

„Was ist das da?“

„Die Siedlung? Da leben wir normalen Leute, wenn wir nicht grade eure Kissen aufschütteln oder eure Bidets polieren.“

„Ein ganzes Dorf, um die Besucher von vier popeligen Villen glücklich zu machen?“

„Das ist leichter gesagt, als getan.“

Sie starrte einen Moment seinen Arm an, sonnengebräunt, trainierte Muskeln, unter cremefarbenem Leinenstoff. „Was war zuerst da? Die Hotelanlage oder das Dorf?“

„Die Anlage. Die Insel war menschenleer, ehe sie vor fünfzehn Jahren erschlossen wurde.“

„Was kann man da im Dorf machen?“

Will lachte. „Ihr Besucher? Gar nichts. Da sind nur ein paar ruppige Hotelratten, die trinken und tanzen und all die Sachen sagen, die wir in Gegenwart der Gäste nicht sagen dürfen.“

„Tanzen?“

„Bleiben Sie bei Ihren Spa-Behandlungen. Ihre Villa hat alles, was Sie brauchen; es gibt eine Direktwahl für jeden Ihrer Wünsche.“

„Vielleicht kann man meine Wünsche nicht auf silbernen Tabletts servieren“, sagte Leigh. Der skeptische, anzügliche Blick, den Will ihr zuwarf, ließ eine ungebetene Hitze in ihrem Unterleib aufflammen. Sie nahm ihre Sonnenbrille ab, um Will ungehindert anzustarren. „Nicht solche, Captain Pervers. Nur … ich weiß nicht. Vielleicht möchte ich einfach raus und alles erkunden. Die Einheimischen treffen.“

„Wenn Sie das gewollt hätten, wären Sie nicht hierhergekommen. Aber wenn Sie nach Bridgetown wollen – ich fliege um zehn und um zwei, sieben Tage die Woche. Für einen ordentlichen Preis biete ich auch Sonderflüge an. Im Dunkeln fliege ich nicht, also buchen Sie ein Hotel, falls sie auf dem Festland Party machen wollen.“

Sie nickte und versuchte, sich die Zeiten zu merken.

„Da sind wir schon“, verkündete er. Vor ihnen tauchte ein herrschaftliches, weiß verputztes Gebäude mit riesigen Fenstern auf – so riesig, dass Leigh durch das Gebäude hindurch den Ozean dahinter sehen konnte. „Wow.“

„Wow …“, echote Will, während er das Auto vorfuhr. Sie stiegen aus, und Will trug ihr Gepäck die breiten Steinstufen hinauf zum Eingang.

„Danke.“ Leigh öffnete die Tür, brachte die Reisetasche hinein und begann dann, in ihrer Handtasche zu wühlen, aber Will schüttelte den Kopf.

„Nicht.“

„Kein Trinkgeld?“

„Ihre Vergütung vorhin war großzügig genug.“

„Oh, tja, dann danke fürs Mitnehmen.“

„Schönen Aufenthalt. Wir sehen uns, sobald Sie zurück zum Festland wollen.“

Sie reichte ihm die Hand. Dieser selbstsichere Händedruck, seine Haut ebenso warm wie sein gefährliches Lächeln … Leighs neugieriger, rachsüchtiger Teil stellte sich diese Berührung anderswo auf ihrem Körper vor. Die ihr nicht vertrauten Handflächen eines neuen Mannes auf ihrer nackten Haut, zum ersten Mal seit zwei Jahren … Als ihr bewusst wurde, dass ihr Händeschütteln schon viel zu lange dauerte, ließ sie hastig los.

„Wir sehen uns“, sagte sie unbeholfen.

„Denke ich auch. Genießen Sie Ihre Flucht.“

„Ich versuch’s.“

Er lächelte höflich, dann trottete er die Stufen hinunter und stieg, ohne sich noch einmal umzusehen, in seinen Truck und fuhr davon.

Kaum war er hinter einigen Palmen außer Sicht, vermisste Leigh ihn schon. Nicht Will als Person, nur die Art Person, die er war – eine, die es einen Dreck interessierte, wer sie war.

Endlich nahm sie ihren Koffer und ging hinein. Die Villa hatte nur ein Stockwerk, aber die kathedralenartig hohe Decke und die hohen Fenster ließen sie doppelt so weiträumig wirken. Üppige Polstermöbel, ein riesiger Fernseher an einer Wand. Frisch geschnittene Lilien füllten die Luft mit ihrem betäubenden tropischen Duft.

Sie ging vom Wohnzimmer weiter in das große Schlafzimmer. Eine Wand war komplett aus Glas, mit Blick auf die Veranda mit Schwimmbecken und Whirlpool, direkt dahinter erstreckten sich makellos weißer Sand und der Ozean.

Es war umwerfend schön hier. Die Exotik der Insel, gepaart mit dem Stil L. A.s, friedlich, ordentlich, still …

Zu still.

Hier war es zu leicht, sich in seinen Gedanken zu verlieren, dabei wollte Leigh sich lieber außerhalb ihrer Gedanken verlieren, zumindest so lange, bis ihre Wunden ein wenig verheilt waren.

Um sich zu beschäftigten, packte sie sofort aus. Zu ihrer Überraschung fand sie einen zusammengeknüllten Hunderter in ihrer Tasche. Sie glättete ihn und beschwor in Gedanken Wills Schmunzeln herauf. „Freak.“

Dann rief sie die Rezeption an und wies sie an, möglichen Anrufern nur mitzuteilen, dass sie ihren Aufenthalt genieße und nicht gestört werden wolle, man aber gerne eine Nachricht hinterlassen könne.

Der erste Abend verlief wundervoll langweilig. Leigh machte ein Nickerchen, watete durch die Brandung, bestellte sich ein köstliches Abendessen und widerstand bewundernswert der Versuchung von Telefon und Fernsehen. Sie tat alles, was zur Entspannung beitrug, nur fühlte sie deren Wirkung nicht.

Seit Jahren hatte sie nicht so lange Zeit irgendwo verbracht, ohne auch nur ein bekanntes Gesicht zu sehen, und sie hatte nicht damit gerechnet, wie allein und winzig sie sich fühlen würde. Die Einsamkeit hätte ihren Geist klären sollen, stattdessen meldete sich ihr Kummer umso lauter. Ab und an war sie fast so weit, Dan zu vermissen … aber nein. Sie vermisste nur ihr altes Leben, diese bequeme Lüge, an die sie sich so gewöhnt hatte.

Leigh schlief schlecht. Sie lag auf der Couch und las, bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen – sie war noch beim Zähneputzen – klingelte es an der Tür. Sie ging durch die Lounge und sah Will Burgess’ Pickup vor der Tür stehen. In ihrem Magen kribbelte es seltsam. Sie brauchte wirklich dringend Gesellschaft, wenn sie die Unterhaltung mit diesem unglaublich schroffen Kerl verlockend fand und ein sachtes Flattern im Bauch spürte. Sicher, war er sexy, aber ebenso taktlos.

Sie öffnete die Tür.

Wills Augen waren hinter einer Sonnenbrille verborgen, auf der er noch eine weitere stecken hatte – Leighs. „Guten Morgen, hochgeschätzter Gast.“

„Guten Morgen, schräger Pilot.“

Er nahm beide Sonnenbrillen ab und reichte ihr ihre. „Die haben Sie gestern in meinem Truck vergessen.“

„Danke. Und Sie haben ihr Bestechungsgeld in meiner Tasche vergessen.“

Er grinste, und Leigh war versucht, ihre Sonnenbrille aufzu­setzen, um sich vor seinem außergewöhnlichen Blick zu schützen.

„Muss mir aus der Tasche gefallen sein.“

„Und rein in meine verschlossene Reisetasche.“

„Die Mysterien der Physik. Sie haben da was …“ Er deutete auf seinen Mundwinkel.

Es musste Zahnpasta sein. Leigh fuhr sich mit der Hand über die Lippen.

„Jetzt ist es weg.“ Er lehnte sich gegen den Türrahmen. „Muss hart sein, wenn der Butler nicht da ist, um einem zu sagen, wenn man sich bekleckert hat.“

Sie verdrehte die Augen.

„Wie kommen Sie damit klar, sich die Zähne selbst zu putzen?“

„Warten Sie auf ein Trinkgeld, Captain? Ihre Chancen schwinden nämlich rapide.“

„Ich bin nur freundlich. Kundenservice und so. Brauchen Sie irgendetwas?“

Gesellschaft war alles, wonach sie sich wirklich sehnte, aber das würde sie diesem Mann nicht gestehen. „Nur wenn Sie wissen, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Das ist so ein High-Tech-Ding, ich hab’s nicht hingekriegt.“

„Hoffen wir, dass mir das nicht zu hoch ist.“

Sie trat zur Seite, und er ging zu dem Apparat.

„Verdammt, das ist High-Tech.“

Sie sah zu, während er sich mit den digitalen Anzeigen abmühte. In dieser stylischen Küche kam seine Lässigkeit noch viel mehr zur Geltung. Ihre Gefühle gestern im Terminal – da ging es nicht um eine Retourkutsche. Es war Anziehungskraft, allerdings rein körperlicher Art, was nichts hieß, außer dass sein Sexappeal seine anstrengende Art übertraf.

Nach einigem Herumgefummel begann die Maschine zu zischen und zu gurgeln, und schließlich füllte sich die Kanne mit Kaffee.

„Brauchen Sie sonst noch etwas?“

„Nein, ich habe alles. Danke für die Sonnenbrille.“

„Gern geschehen.“

Sie war kurz davor, ihn zu einem Kaffee einzuladen, aber er redete zuerst und bewahrte sie somit davor, sich lächerlich zu machen.

„Ich sollte los zu meinem Morgenflug.“

„Ja, klar.“

Während sie ihn zur Tür brachte, mühte sie sich, seine körperliche Attraktivität auszublenden – seine breiten Schultern, den maskulinen, lässigen Gang.

„Danke noch mal.“

Er hob salutierend die Hand an die Stirn. „Genießen Sie den Kaffee.“

„Genießen Sie Ihren Flug.“

Leigh schloss die Tür und lauschte dem sich entfernenden Motorengeräusch, dann goss sie sich Kaffee ein und blätterte uninteressiert durch die Prospekte. Massagen, Reitstunden … nichts davon wollte sie.

Alles, was sie wollte, war, was Will ihr eben geboten hatte – Gesellschaft.

Dann ging ihr etwas auf. Um die ersehnte nette, aufrichtige Gesellschaft zu genießen, musste sie nicht auf Wills Rückkehr warten. Sie konnte sich selbst darum bemühen. Was hatte es ihr in letzter Zeit schon gebracht, sich an die Regeln zu halten?

3. KAPITEL

Mit der langsam sinkenden Sonne stieg Leighs Laune zunehmend.

Sie war im Meer geschwommen und schlüpfte nun in die neu erworbenen Shorts und ein niedliches Trägertop. Als sie sah, dass es schon halb sechs war, nahm sie ihre Sandalen in die Hand, ging hinaus und wanderte barfuß den Strand entlang. Nach etwa zwanzig Minuten entdeckte sie, wie sie gehofft hatte, in der Ferne die Siedlung der Angestellten.

Wills alter Pickup war neben der Straße geparkt. Leigh folgte einem hölzernen Steg durch Sand und Gras zu einem Haus. Musik tönte blechern irgendwo aus einem Radio, und als sie näher kam, konnte sie dessen Besitzer erkennen.

Er hockte auf einem umgedreht aufgebockten Kanu, gleich neben dem Gebäude, und schleifte abblätternde Farbe ab. Was seine lässige Kleidung anging, gab es scheinbar keine Grenzen. Er trug eine über den Knien abgeschnittene Khakihose; um seinen Oberkörper flatterte ein verblichenes, völlig offenes Hemd in der sachten Brise. Als er sich sein zerzaustes Haar aus den Augen strich, musste Leigh ihn einfach bewundernd anstarren. Gebräunt, sehnig, das hübsche Gesicht mit den schalkhaften Zügen zur Abwechslung einmal ganz friedlich, schien er ganz auf seine Arbeit konzentriert.

Sie schlug die Sohlen ihrer Sandalen zusammen. „Klopf, klopf.“

Grinsend sah Will auf. „Na, sieh mal an! Haben Sie sich auf dem Weg zu einer Hot-Stone-Massage verirrt?“

„Wohnen Sie hier, Captain?“ Sie nickt zu dem auf Stelzen ruhenden Gebäude. „Das ist bezaubernd.“

Gespielt beleidigt funkelte Will sie an.

„’Tschuldigung. Es ist männlich. Echt männlich.“

Er legte das Schleifgerät zur Seite und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Was kann ich für Sie tun, Miss Bailey? Brauchen Sie einen Chauffeur in die Zivilisation?“

„Nein.“

„Gott sei Dank.“ Er nahm eine Flasche Bier vom Fensterbrett und trank einen großen Schluck. „Wie war der Kaffee?“

„Gut, danke.“

„Sind Sie den ganzen Weg zu Fuß gegangen?“

„Ist doch nur ungefähr eine halbe Meile.“

„Ich wusste nicht, dass Ihre Sorte überhaupt zu Fuß geht.“

Sie warf ihm einen arroganten Blick zu und kam zögernd näher. „Meine Sorte?“

Sein Lächeln wurde breiter, und Leighs Puls erhöhte sich augenblicklich. „Ja, Ihre Sorte, kleines Fräulein Filmstar.“

„Sie sind anscheinend sehr schlecht informiert. Meine Sorte tut noch weit mehr, als zu Fuß zu gehen. Ich bin hier, weil Sie gestern vom Tanzen sprachen.“

Er hob die Brauen. „Was? Sie wollen tanzen?“

„Klar. Ich liebe nichts mehr. Zumindest war das mal so.“

„Und ich dachte, Sie hätten mich vermisst.“

„Noch mal, Sie sind schlecht informiert.“

„Ich weiß ja nicht, woran Sie so gedacht haben, aber das Tanzen hier ist sicher nicht das, wonach Sie suchen. Es ist mehr so was wie Trockensex im Stehen.“

„Klingt wie ein Film, in dem ich mitgemacht habe.“

Ein weiteres tödliches, höhnisches Lächeln. „Und worum ging es da?“

„Der nervtötende Pilot zeigt der charmanten Schauspielerin, wo man kühle Drinks und tolle Rhythmen findet.“

„Was auch sonst.“

Diese verdammten Grübchen! „Also, werden Sie mir sagen, wo?“

„Besser noch. Ich nehme Sie mit.“

„Ehrlich?“

„Klar, was soll’s.“

Sie lächelte. „Danke. In meiner Villa ist es viel zu ruhig.“

„Ich werde einen Anschiss kassieren, wenn die aus der Hotelleitung denken, ich hätte Sie ermutigt, sich mit uns kleinen Angestellten zu verbrüdern.“

„Ich könnte Sie bestechen“, meinte sie.

„Keine Bestechungen mehr.“

„Machen Sie das in Ihrer Freizeit? Alte Boote reparieren?“ Leigh strich mit einer Hand über eine glatte, schon polierte Stelle und starrte auf Wills nackte Brust, während der ein paar Werkzeuge verstaute.

„Ich mache alles Mögliche. Und da ich weniger als vier Stunden am Tag arbeite, tue ich eine Menge davon.“

Sie wartete, während Will im Haus verschwand. Das Radio verstummte, kurz darauf kam er mit einer Kühlbox und einem Paar Sandalen darauf zurück.

„Was ist da drin?“

„Lebensnotwendige Dinge.“ Er warf die Sandalen auf den Boden und schlüpfte hinein, als sie die raue Straße erreichten. Leigh tat es ihm gleich.

„Danke“, sagte sie.

Will zuckte die Schultern. Eiswürfel klirrten in der Kühlbox aneinander. „Ich wäre vermutlich so oder so da gelandet, mit oder ohne Ihnen.“

„Wohin gehen wir?“

„Zu Bethany und Oscar.“

„Arbeiten die auch hier?“

„Klar. Bethany ist Köchin, Oscar managt den Fahrdienst.“

„Und schmeißen sie viele Partys?“

„Wir sind hier nicht so organisiert. Man geht einfach in die Richtung, aus der der Lärm kommt.“

„Wie oft kommen Gäste mit zu solchen Treffen?“

„Selten. Vor allem so welche wie Sie.“ Will grinste selbstgefällig.

„So welche wie ich? Und was bedeutet das?“

„Nur, dass Sie ein Mädchen sind. Normalerweise sind es ältere Männer, die den Urlaubsvorstellungen ihrer Ehefrauen entkommen wollen. Aber auch das ist eher selten. Und Sie sind ganz besonders selten.“

Sie lachte. „Wie alt sind Sie eigentlich?“

„Dreiunddreißig.“

Unsicher, was sie erwartet hatte, nickte sie einfach nur. Seinen Lebensstil hätte sie eher einem entweder deutlich jüngeren Mann zugeschrieben, der noch auf der Suche war, oder einem älteren, der das herkömmliche Leben satthatte. „Wie ist es, in so einer Postkartenwelt zu leben?“

Einen Moment blickte er schweigend über das Meer. Leigh sah in seine Augen, die im Licht der untergehenden Sonne leuchteten wie blaue Glaskristalle.

„Es ist wundervoll“, sagte er schließlich.

„Was ist am wenigsten wundervoll daran?“

„Die Orkane.“

„Ich meine, so im Alltag.“

„Ehrlich gesagt gibt es da nicht viel. Es ist nur etwas schwierig, an manche Dinge zu kommen, weil es ein Vermögen kostet, sich etwas aus den Staaten liefern zu lassen. Deshalb auch die Bestechungsgelder.“

„Und was wäre das? Was vermissen Sie?“

„Sie haben ziemlich viele Fragen.“

Leigh lächelte. „Ich brauche bloß dringend menschlichen Kontakt.“

„Müssen Sie wohl, wenn Sie zu mir kommen. So viel zu Ihrem Traum von Abgeschiedenheit.“

„Also, was vermissen Sie?“

Er dachte kurz nach. „Die Knicks spielen zu sehen. Hab keinen Fernseher.“

„Ich bin mir sicher, dass ich einen Sportsender in der Villa empfangen kann. Kommen Sie ruhig rüber und sehen sich ein Spiel an, als Gegenleistung für die Party heute.“

Einen Moment sah er sie direkt an. „Eventuell komme ich darauf zurück.“

„Natürlich muss es sich für mich lohnen“, sagte sie, machte die Geste des Geldzählens und sah ihn vielsagend an. Schon ewig hatte sie nicht mehr so herumgealbert.

„Miss Bailey, Sie passen hervorragend hierher.“

Ihre Blicke trafen sich länger als üblich, ehe sie beide wieder auf die Straße sahen. Leigh spürte wieder diese Hitze in sich, die sie am liebsten auf das Wetter geschoben hätte. Dieses Mal hatte es nichts mit Rache an Dan zu tun; etwas hatte sich verschoben, und sie empfand es als erfreulich und gefährlich zugleich.

„Da ist es.“ Will nickte zu dem letzten Haus in der Siedlung, größer als sein eigenes, aber ebenfalls auf Stelzen gebaut, mit runden, lavendelfarbenen Dachschindeln, die wie Fischschuppen wirkten. Überall am Strand waren Fackeln aufgestellt, und um einen Grill sammelten sich ein Dutzend Leute, die Becher und Bierflaschen in den Händen hielten und wild gestikulierend miteinander redeten. Der sachte Wind trug das Gelächter zu ihnen, die Aromen des brutzelnden Fleisches und der Ozeanbrise und den unverkennbaren Duft der Karibik, nach Blumen und Sand und dem unendlichen Himmel. Leigh sog alles tief in sich auf und versank einen Moment im Anblick der sich in der Dämmerung verfärbenden Wolken. Sie sog diesen Ort in sich auf, bis kein Platz mehr für einen einzigen unangenehmen Gedanken blieb.

Will zog die Sandalen aus, als sie von der Straße herunter auf den Strand kamen, dann sah er Leigh an. „Sind Sie bereit?“

Sie betrachtete die Leute. „Klar. Scheint ruhig genug für mich.“

Er grinste. „Warten Sie, bis die Sonne ganz untergegangen ist.“

„Ihr könnt hier unmöglich verrückter sein als die Spinner in L. A.“

Als sie um das Haus herumgingen, klatschten einige der Partybesucher, als sie Will entdeckten.

„Hört mal alle her“, rief er. „Wir haben heute Abend einen blaublütigen Gast unter uns Primitiven.“

Noch mehr Leute jubelten und schwenkten grüßend ihre Bierflaschen.

„Ihre Hoheit möchte etwas vom Leben der echten Insulaner abbekommen“, fuhr Will mit einem nachsichtigen Grinsen fort. „Also benehmt euch so schlecht, wie ihr könnt.“

Er führte Leigh über den warmen Sand zum Grill, wo er seine Kühlbox abstellte. Ein großer, beleibter Mann begrüßte ihn mit Handschlag und einem Klatsch auf den Rücken, ehe er sich lächelnd Leigh zuwandte.

„Oscar, das ist Leigh, sie ist Gast im Shearwater, Leigh, das ist Oscar, der Gastgeber des heutigen Abends.“

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte sie und schüttelte ihm die Hand.

„Gleichfalls.“ Oscars Aufmerksamkeit driftete ab, als Will zwei glänzend blaue Fische aus der Kühlbox zog. „Die sind toll! Bethany wird sich freuen.“

Will reichte ihm das Mitbringsel und säuberte seine Hände im Eis, während Oscar die Fische zum Grill brachte, an dem eine hochschwangere Frau werkelte.

„Haben Sie die gefangen?“, fragte Leigh.

„Hm, ich fahre fast jeden Morgen raus. Mit dem Motorboot, nicht dem Kanu.“

„Wow.“ Dieses Mal bemerkte sie es selbst und äffte sich nach, ehe Will es tat. „Wow.“

Er lächelte. „Einen Drink? Bier? Cocktail?“

„Bier.“ Sie wusste nicht, ob sie schon für härtere Sachen bereit war. Sie folgte Will in die belebte Küche und lächelte den anderen Gästen nervös zu, während Will ihr ein Bier holte. Mit herzlichen, neckenden Worten wurde sie einer Flut an Namen und Gesichtern vorgestellt.

Draußen ertönte eine Trommel. Will schien ihre Unsicherheit zu spüren, er nickte Richtung Ausgang, und Leigh ging mit ihm hinaus in die kühle Abendluft. Sie schlenderten zum Wasser, wateten in der Gischt, tranken und genossen stumm, wie das Licht der Fackeln sich in den dunklen Wellen spiegelte.

Will räusperte sich. „Also, bereuen Sie es? Ihn verlassen zu haben?“

Verblüfft sah sie ihn an. Verblüfft, weil er etwas so Persönliches ansprach, so Gefühlsbetontes, und zugleich überrascht, dass ihr selbst diese Frage noch gar nicht gekommen war. Über die Antwort musste sie allerdings nicht lange nachdenken. „Nein, ich bereue es nicht.“

Will nickte, seine Miene gab nichts preis, während er den Blick wieder auf das Meer richtete.

Leigh stieß einen langen, melancholischen Seufzer aus, an dessen Ende sie sich unvernünftig erleichtert und entspannt fühlte. „Es wäre ein großer Fehler gewesen, die Heirat durchzuziehen. Die Art und Weise, wie ich erkannte, dass ich ihn nicht heiraten kann … Es tut trotzdem weh. Es ist erniedrigend und kompliziert, aber wenn das alles erst einmal verblasst ist, werde ich mit meiner Entscheidung sehr glücklich sein.“

„Sie wirken auf mich ziemlich vernünftig.“

„Für einen Prominenten …“, sagte Leigh trocken.

„Für jedermann.“ Er trank einen Schluck. „Wie kann man vor dem Altar landen, wenn man auch nur einen Funken Zweifel spürt?“

„Das ist schwer zu erklären. Stellen Sie sich Ruhm als eine Droge vor. Es macht etwas mit Ihrem Kopf. Es macht Sie irgendwie betrunken, oder high, es verändert die Realität. Besonders, wenn alle um Sie herum die Dinge genauso sehen.“ Sie sah auf die wabernden Reflektionen im Wasser. „Als sähe man die Welt durch einen Zerrspiegel, aber jeder stimmt zu, dass alles normal ist, also … gewöhnt man sich an das Verzerrte, schätze ich.“

„So sehr, dass man den falschen Mann heiraten würde?“

„Beinahe. Ich weiß, es klingt schrecklich.“

„Klingt irgendwie typisch. Die Leute aus Hollywood sind nicht grade für ihre stabilen Beziehungen bekannt.“

Leigh nickte. „Meinen Verlobten – oder zumindest den Kerl, wie er früher war – hätte ich ohne zu zögern geheiratet. Aber als der große Tag dann da war, war er anders. Und in dieser Welt ist es so einfach, sich zu sagen, dass sich alles normalisieren wird, sobald X passiert ist. Aber X passiert, und gar nichts normalisiert sich. Normal existiert einfach nicht mehr, sobald man Teil der Unterhaltungsindustrie ist.“

„Viele Menschen träumen davon, das zu haben, was Sie haben.“

„Ich weiß.“

„Aber Sie nicht.“

Nachdenklich trank sie ihr Bier. „Ich wollte nie berühmt sein. Ich war siebzehn und wollte nichts außer tanzen und versuchen, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Berühmt zu werden war Zufall, aber es hatte eine ganz eigene Dynamik, besonders, als ich sah, wie stolz es meine Eltern machte. Ich will es irgendwie jedem recht machen. Okay. Ich will es immer jedem recht machen.“

Will lachte. Und das wirkte ebenso entspannend wie der Alkohol. So warm und intim, wie seinen Atem in ihrem Nacken zu spüren, dachte sie.

„Es ist schwer zuzugeben, dass ich nichts mehr von all dem will. Vermutlich werden mich wer weiß wie viele Leute undankbar nennen, wenn ich wirklich aufhöre.“

„Sie meinen die Fans?“

„Die auch. Aber es geht noch viel mehr um die Familie, die glaubt sonst was für einen geopfert zu haben. Und die vielen Leute, die an dein Talent geglaubt haben, dich gefördert und vorangebracht haben. Aber ich weiß, dass ich entbehrlich bin. Ich bin nicht mehr das zwanzigjährige Sternchen von nebenan.“

Endlich sah er ihr in die Augen, die im Fackellicht ebenso hell glänzten wie im Sonnenschein. „Mit fünfundzwanzig schon verbraucht? Das ist krass.“

„Siebenundzwanzig, aber ja. Ich bin eine bestimmte Art von Ware, und meine Zeit ist begrenzt. Es gibt eine Menge frischer Nachfolger, die froh wären, meine alte Rolle zu übernehmen.“

„Autsch.“

Leigh lachte. „Ja, mein Verfallsdatum ist fast erreicht.“

Sie lächelten sich an, wieder länger, als es unschuldig wäre. Ihr Blick wanderte zu seiner nackten Brust, ehe sie sich wieder im Griff hatte und hinüber zu der Party am Strand sah. Die Leute lachten und aßen, und zu dem Trommler hatten sich noch andere Musiker gesellt, Kinder tanzten im Sand.

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, fragte Will. „Wenn Ihr Traum, ein Niemand zu sein, wahr wird?“

Sie hielt ihren Blick auf die Party gerichtet. „Ich will tanzen.“

„Wie ‚auf der Bühne‘ oder …“

„Nein, jetzt. Ich will tanzen.“ Sie wollte nicht daran denken, was sie tun würde, wenn sie nach Hause kam. Wollte nur das Jetzt genießen, den Spaß an diesem Ort.

Sie schlenderte zum Strand zurück, stellte ihre Flasche in einem leeren Kasten ab und ging rüber zu den Musikern.

Sie tanzte alleine, genoss den Rhythmus und die Atmosphäre, das Flackern des Feuers und das tiefe Indigoblau des Himmels über ihr. Sie schloss die Augen und sog das Lachen und die Musik in sich auf, fühlte sich so frei wie seit Jahren nicht mehr. Sie war nur irgendein Mädchen, das an irgendeinem Strand tanzte. Einfach nur Leigh, zum ersten Mal seit einer Ewigkeit.

Über den Strand hinweg traf sie Wills Blick. Dieses verdammte Lächeln … Ihr inneres Kraftfeld verlagerte sich, rutschte tief in ihren Bauch hinein, warm und neugierig, und Leigh fragte sich, ob es nicht höchste Zeit war, einige schlechte Entscheidungen zu treffen.

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