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TIFFANY SEXY BAND 92

CATHY YARDLEY

Atemloses Abenteuer

Diana weiß: Der Sohn ihres Chefs ist absolut tabu … aber Finn Macalisters Küsse sind nun mal das pure Adrenalin. Soll sie ihre Bilderbuchkarriere für den sexy Abenteurer sausen lassen?

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Im freien Fall des Verlangens

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Atemloses Abenteuer

1. KAPITEL

Finn Macalister lehnte sich zurück und ließ das Paradies auf sich wirken. Der Himmel war unglaublich blau und die Wellen des türkisfarbenen Wassers rauschten auf den weißen Sandstrand mit den jadegrünen Palmen zu. Obwohl er schon einige Male auf Oahu gewesen war, kam es ihm so vor, als hätte er es noch nie gesehen.

„Paddel!“, rief der zweiundzwanzigjährige Ben neben ihm. „Paddel, was das Zeug hält!“

Ohne nachzudenken befolgte Finn die Anweisung. Die Welle rollte mit ungeheurer Wucht auf ihn zu. Sie drohte, über ihm zusammenzuschlagen und ihn bis zum Meeresgrund niederzudrücken. Er paddelte energisch mit den Händen, fluchte und schaffte es, auf seinem Brett über den Kamm der Welle zu gleiten.

In diesem Moment signalisierte Ben ihm, was er vorhatte. Dann nahm er auch schon Kurs auf die Gefahrenzone. Er attackierte die Welle, die beinahe übermächtig schien, doch er bezwang den Wellenhang und glitt gekonnt die steile Seite der Welle hinunter.

Finn hielt den Atem an, als der junge Mann einen Moment lang hinter den tosenden Wassermassen verschwand und dann mit einem breiten, freudestrahlenden Grinsen wieder auftauchte. Er atmete aus. Geht doch, Junge. „Willkommen im Players Club“, sagte er vor sich hin. Dann warf er einen Blick zurück auf die nächste Welle, die sich haushoch auftürmte. Sein Herz klopfte schneller und er musste lächeln.

Auch wenn er kein Profi war, war er schon oft gesurft. Sicherlich hatte er Lincoln gesagt, nur vor Ort zu sein, um sicherzustellen, dass dem neuesten Anwärter auf die Clubmitgliedschaft nichts passierte. Ben war halbprofessioneller Surfer, Basejumper und ein knallharter Kerl – was ziemlich gut für so einen Jungspund war. Finn feierte zwar bald seinen dreißigsten Geburtstag, aber er wollte nicht demonstrieren, dass er noch spielend mithalten konnte. Ihm ging es vielmehr um den Kick, der einen fast süchtig machte.

Seine Nerven vibrierten. Finn erschauerte beinahe vor Aufregung. Seine Haut prickelte. Das ist es, was ich brauche. Er signalisierte, dass er die Monsterwelle reiten wollte. Er glaubte, in der Entfernung Rufe zu hören. Die Rettungsschwimmer, die er extra angeheuert hatte, waren wahrscheinlich ziemlich sauer auf ihn. Ben jedoch schien ihn anzufeuern. Da Finn beinahe das Gleichgewicht verlor, als er sich auf das Surfbrett stellte, war das jedoch eher entmutigend.

Das Wasser strömte an ihm vorbei. Er sah die Schaumkrone des Wellenkamms in einem Bogen gekrümmt über sich. Wie das Zentrum eines Wirbelsturms schien ihn die Welle verschlucken zu wollen. Er war völlig auf diesen Moment fokussiert. In diesem Augenblick war er nicht der einzige Sohn und Erbe des milliardenschweren Vermögens, das Macalister Enterprises mit Süßwaren machte. Er war nicht der Mitbegründer des streng geheimen Players Club oder der eingeschüchterte und spindeldürre Sechsjährige, mit dem seine Familie wegen seiner Krankheit sonderbar umging. Er war einfach nur Finn.

Als er den Hang der Welle im Höllentempo hinunterglitt, stieß er einen Triumphschrei aus. Dann hörte er ein krachendes Geräusch und spürte einen gewaltigen Ruck. Sein Surfbrett zerbarst und die Welle riss ihn mit. Der Wasserstrudel zog ihn nach unten, nahm ihm den Atem. Panik stieg in ihm auf. Er spürte, dass etwas Hartes gegen seinen Kopf prallte.

In Sekundenbruchteilen gingen Finn zwei Gedanken durch den Kopf. Zum einen Lincolns Warnung, dass Surfen in der Banzai Pipeline eine seiner idiotischsten Ideen seit Langem gewesen war. Eine, die ihn das Leben kosten könnte. Zum anderen, dass er wahrscheinlich sogar jetzt dieselbe Entscheidung noch einmal getroffen hätte. Es ist besser, sich lebendig zu fühlen und zu sterben, als am Leben zu sein und sich wie tot zu fühlen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

„Hat dir das Abendessen gefallen?“

„Es war reizend“, antwortete Diana Song lächelnd und nahm das Weinglas mit dem Pinot Noir entgegen. Sie hatten in irgendeinem trendigen und lauschigen Thai-Restaurant gegessen. Ehrlich gesagt, erinnerte sie sich kaum daran. Sie war in Gedanken nicht bei der Sache gewesen.

„Ich bin froh, dass wir zu dir gefahren sind.“ Travis setzte sich neben sie auf das Sofa, streichelte ihre Schulter und sah sie mit vor Erwartung leuchtenden Augen an.

Sie schaute eine Sekunde lang weg und trank schnell einen Schluck des teuren Weines. Ich hätte wirklich die Akte Peterson mit nach Hause nehmen sollen. Sie schloss kurz die Augen. Nein. Heute Abend würde sie nicht an die Arbeit denken. Sie vermasselte sich diese Verabredung nicht dadurch, dass sie abgelenkt war. Heute Abend würde sie Sex haben, verdammt.

Diana hatte sich bereits sechs Mal mit Travis verabredet. Auch wenn sich die Dates auf einen Zeitraum von über vier Monaten verteilt hatten, war das praktisch eine Beziehung. In Anbetracht ihrer Erfolgsgeschichte in diesen Dingen war das sogar fast mit einer Ehe gleichzusetzen. Sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Ich bin auch froh, dass wir zu mir gefahren sind.“

„Weißt du …“, er lehnte sich weit genug zu ihr, damit sie den Duft seines Eau de Toilette riechen konnte. „Ich bewundere dich für deinen Ruf bei Macalister. Aber jetzt, da ich dich kennengelernt habe … Du bist viel weicher und zugänglicher, als ich gedacht habe“, sagte er in sinnlichem Ton und strich mit dem Finger über ihr Kinn. „So viel sexier.“

„Welcher Ruf?“, fragte sie, obwohl er offensichtlich einen Annäherungsversuch startete.

Lachend lehnte Travis sich zurück. „Sie nennen dich Macalisters Hammer.“

Diana erstarrte und stellte das Weinglas auf den Couchtisch. Sie verabscheute diesen Spitznamen. „Ich bin schlicht und einfach Anwältin. Nur weil ich gut in meinem Job bin, denken manche Leute vielleicht, dass ich tough bin – oder was auch immer.“

„Tut mir leid“, meinte er zerknirscht. „Ich wollte nicht … Ich versuche nicht, dir zu unterstellen, dass du tough oder kalt oder etwas anderes Unsinniges bist, das sie im Büro über dich sagen.“

Sie starrte ihn an. Das trägt nun absolut nicht dazu bei, mich dafür zu entscheiden, dich in mein Bett einzuladen, Kumpel. Sicherlich hatte sie daran gedacht, mit Travis zur Sache zu kommen, als sie ihn mit nach Hause genommen hatte. Im Moment war er auch der einzige Kandidat, der dafür infrage kam. Er war attraktiv und umgänglich, ohne zu aufdringlich zu sein. Bei Macalister Enterprises war er dafür zuständig, die Patente für Süßigkeiten durchzuboxen. Sie hatte ihn bei einem Meeting getroffen. Ihr hatte sein Aussehen und die Tatsache gefallen, dass er an ihr interessiert zu sein schien.

Jetzt fragte Diana sich, ob sie die Latte vielleicht ein bisschen zu niedrig gelegt hatte. Bequemlichkeit und einige oberflächliche Eigenschaften mochten nicht der beste Gradmesser für Bettgenossen sein. Während er an ihrem Ohrläppchen knabberte, war sie weiterhin in Gedanken nicht bei der Sache. Ja, sie hatte anderthalb Jahre keinen Sex mehr gehabt. Aber seitdem sie das erste Jahr hinter sich gebracht hatte, schien das Bedürfnis nicht mehr so drängend zu sein.

„Also …“ Travis fuhr mit den Fingerspitzen über ihren Arm bis hinauf zur Schulter. „Wo waren wir stehengeblieben?“ Er strich mit den Lippen über ihren Mund.

Diana versuchte es wirklich. Es war ja nicht schlecht, aber es fehlte das Prickeln, der sexuelle Kick. Er schien es auch zu spüren. Doch anstatt die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, verdoppelte er seine Bemühungen und küsste sie fordernd. Sie zuckte zusammen, als er seine Zunge in ihren Mund gleiten ließ. Als sie zurückwich, keuchten sie beide – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Er war auf Touren gekommen, sie rang schlichtweg nach Luft.

Komm schon, Diana, schimpfte sie in Gedanken mit sich. Vielleicht bekomme ich keine zweite Chance. Will ich wirklich noch einen Abend mit einem Becher Eiscreme und einem schlechten Frauenfilm verbringen?

„Komm schon, Diana“, ermunterte Travis sie. „Wir wissen beide, worauf es hinausläuft. Seit Monaten steuern wir schon darauf zu. Warum gehen wir nicht ins Schlafzimmer und sehen, wohin es führt?“

Das bezweifle ich ernsthaft. Es sei denn, du bist unglaublich gut bestückt und hast Karamelleis mit Ingwerkeksen bei dir. Als er ihre Hand nahm und sie auf die Ausbuchtung unter dem Stoff seiner Hose legte, kam sie allmählich wieder etwas in Stimmung. Denn was er vorzuweisen hatte, war zumindest annehmbar. Außerdem konnte sie sich selbst mit Eiscreme versorgen.

Sie küsste ihn und wich aus, als er ihr die Zunge tief in den Mund stecken wollte. Aber sie versuchte immer noch, sich verführen zu lassen. Ihre Brüste fühlten sich schwer an. Sie trug den schwarzen BH aus Spitze, den sie am vorigen Wochenende mit dem Gedanken an dieses Date gekauft hatte. Das kann passieren. Das kann wirklich …

„Was, zum Teufel, ist das?“ Travis sah sich um.

„Wovon redest du?“

„Dieses Geräusch. Es hört sich wie ein Alarm an oder so etwas.“

Diana wollte schreien. Offenbar küsste sie nicht besonders gut, wenn er abgelenkt wurde … Dann wurde das blecherne und dröhnende Geräusch zunehmend lauter. Es handelte sich um „Can’t Get No Satisfaction“ von den Rolling Stones. Sie sprang auf. „Mein Handy.“

„Hast du es nicht ausgeschaltet?“, fragte Travis beleidigt. „Egal. Lass den Anruf auf die Mailbox gehen.“

„Das kann ich nicht. Wahrscheinlich ist es wichtig.“ Sie schnappte sich das Handy. Immer wenn die Rolling Stones erklangen, rief ihr Chef unter seiner Privatnummer an. Er wäre verärgert, wenn sie sich nicht meldete. „Hallo?“

„Diana. Es gibt einen Notfall“, meinte Thornton Macalister kurz.

„Was ist passiert?“

„Finn.“

Sie schloss die Augen. Es war zehn Uhr abends und ihr Chef rief sie wegen eines Notfalls an. Natürlich ging es wieder einmal um Finn Macalister – den aufsässigen Sohn und das schwarze Schaf der Familie. „Soll ich wieder dafür sorgen, dass Sie eine Kaution hinterlegen können? Oder …“

„Er ist im Krankenhaus.“

Diana erstarrte. „Das tut mir leid. Wie schlimm ist es? Was kann ich tun?“

„Das weiß ich nicht. Wir fliegen heute Abend hin, um nach ihm zu sehen“, sagte er zugleich wütend, traurig und frustriert. „Er hätte ums Leben kommen können. Betty hat einen nervösen Zusammenbruch. Ich weiß nicht, wie viele dieser Eskapaden wir noch ertragen.“

Finn war für seine gefährlichen Abenteuer bekannt. Obwohl seine Eltern gewöhnlich erst etwas darüber in Erfahrung brachten, wenn er gesund und wohlbehalten davon zurückgekehrt war. Der Mann hatte unglaubliches Glück. Diana war überrascht, dass er so lange überlebt hatte. Sie hatte ihn ein paar Mal bei Familienfesten gesehen. Obwohl er Mitglied im Vorstand war, tauchte er selten in der Macalister Konzernzentrale auf.

Er sah gut aus mit seinem jungenhaften Gesicht, dem umwerfenden Lächeln und dem total durchtrainierten Körper. Sie erinnerte sich, ihn einmal im herrschaftlichen Haus der Macalisters in der Badehose gesehen zu haben. Sie seufzte. Wie schade um ihn – in so vieler Hinsicht. „Was soll ich für Sie erledigen, Thornton?“

„Ich brauche Sie in Oahu – so bald wie möglich. Betty und ich sitzen schon im Flugzeug. Ich schicke Ihnen einen Wagen mit Chauffeur, der in zwanzig Minuten da sein wird. Dann können sie das andere Flugzeug von Macalister Enterprises nehmen. Betty wollte nicht auf Sie warten. Wenn Sie dort sind, besprechen wir das weitere Vorgehen.“

„Gut. Ich werde fertig sein.“ Sie war nicht überrascht, dass ihr Chef abrupt auflegte, und warf Travis einen Blick zu. „Tut mir leid. Wir müssen unsere Pläne ändern.“

„Wie bitte?“, meinte er entgeistert. „Einfach so?“

Diana sammelte bereits ein, was sie brauchte, und ignorierte ihn weitgehend. „Eine Krise bei den Macalisters. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis alles geregelt ist. In zwanzig Minuten holt mich ein Wagen ab. Ich fürchte, dass wir das vielleicht auf ein anderes Mal verschieben müssen?“

„Das war Thornton Macalister? Das große Tier höchstpersönlich?“ Travis stand auf. „Ich habe noch nie direkt mit ihm zusammengearbeitet. Aber mein Boss sagt, dass er ziemlich anspruchsvoll ist. Tut er so etwas öfter?“

„Was?“, rief sie über die Schulter, als sie zum Schrank im Flur ging. Sie hatte zwei Koffer: Jeweils einen mit Kleidung für kaltes und warmes Wetter. Sie schnappte sich den Trolley mit den sommerlichen Kleidern und lief dann ins Schlafzimmer, um einen Kleidersack hinzuzufügen. Zuletzt nahm sie die Laptoptasche vom Schreibtisch. Schon war alles gepackt. Sie hatte diese Routine schon öfter durchexerziert.

Travis starrte auf ihr rasch zusammengestelltes Gepäck. „Macalister sagt dir, dass du in zwanzig Minuten abgeholt wirst, und du bist in weniger als zwei Minuten zur Abreise bereit? Er ruft dich um zehn Uhr abends an und du schickst den Mann, mit dem du verabredet bist, einfach nach Hause?“

„Deswegen bezahlen sie mich so gut.“ Diana sah, dass er die Stirn runzelte. Offenbar wollte er ihr Haus noch nicht verlassen. Vielleicht müsste sie mit ihm nach draußen gehen, wenn der Wagen sie abholte.

„Hast du jemals daran gedacht, Nein zu sagen, wenn er etwas will? Daran, dass du auch ein Privatleben hast?“

„Warum sollte ich? Fragst du das, weil ich jetzt nicht mit dir schlafen kann?“

Beleidigt straffte Travis die Schultern. „So schwer vorstellbar das auch zu sein scheint: Ich kann Sex mit anderen Frauen haben und gehe auch häufig mit anderen Frauen ins Bett.“

Diana blinzelte. „Okay.“

Er sah sie finster an. „Das war nicht … Verdammt. Mir ging es darum, dass ich um dich geworben habe – trotz anderer Möglichkeiten. Ich war daran interessiert, eine Beziehung mit dir einzugehen. Du bist intelligent, stark, ehrgeizig und hast es in jungen Jahren schon weit gebracht.“

„Nun, wenn man ständig Nein sagt, wenn der Chef etwas von einem will, kommt man nicht weit, Travis.“ Jetzt war sie wirklich froh, nicht mit ihm geschlafen zu haben.

„Ich glaube, dass ich nicht hinter einem anderen Mann an zweiter Stelle kommen will.“

Diana brachte ihr Gepäck zur Tür. „So ist es nicht mit Thornton.“

„Nein, du hast recht. Es ist der Job.“ Er lachte reumütig. „Aber … Jetzt, da ich das miterlebe, weiß ich nicht, ob ich hinter deinem Job zurückstehen will.“

„Das ist wirklich sexistisch, weißt du“, sagte sie eher überdrüssig als verärgert. „Ich bin hier nicht die Einzige, die zu beschäftigt ist. Hattest du vor, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit für unsere ‚Beziehung‘ zu haben?“

„Der Punkt geht an dich“, meinte Travis. „Nun, dann haben wir uns vermutlich nichts mehr zu sagen.“

„Vermutlich nicht.“ Diana öffnete die Tür. „Einen schönen Abend noch.“ Als er sie für einen langen Moment ansah, wusste sie, dass er auf eine Entschuldigung wartete. Sie hielt seinem Blick stand und verlor den letzten Funken Respekt vor ihm, als er zuerst wegsah. Dann ging er zur Tür hinaus, die sie hinter ihm schloss. Erneut seufzte sie. Das war es dann mit dem Sex. Zumindest hatte sie ihre Arbeit, richtig? Ja, Arbeit ist viel besser als Sex, dachte sie sarkastisch.

Finn wachte im Krankenhaus mit einer gewissen Beklommenheit auf. Oh Mist, nicht schon wieder. Er griff sich an den Kopf, der höllisch wehtat. Am Haaransatz war eine neue Narbe. Aber Haare hatte er wenigstens. Und Augenbrauen, stellte er fest, als er sein Gesicht abtastete. Plötzlich fiel ihm alles wieder ein. Hawaii. Der berühmte Surfspot Banzai Pipeline.

„Guten Morgen.“ Sein bester Freund Lincoln saß auf einem Plastikstuhl neben seinem Bett. „Wie geht es dir?“

„Prima. Aber siehst du bitte mal nach meiner Brieftasche? Denn ich könnte schwören, überfallen und ausgeraubt worden zu sein.“ Er lachte, registrierte aber sofort, dass Lincoln nicht in sein Lachen einstimmte. „Okay, ich habe schon bessere Witze erzählt.“

„Du hast dich auch schon klüger verhalten.“

Finn runzelte die Stirn. „Du willst mir doch jetzt nicht einen deiner väterlichen Vorträge halten, oder? Mein Kopf tut auch so schon weh genug.“

„Ich mache mir Sorgen“, meinte Lincoln. „Um dich und deinen Anwärter Ben.“

Jetzt setzte er sich auf. Sein ganzer Körper schmerzte. „Ich würde nie etwas tun, das andere Leute gefährdet. Das weißt du verdammt gut. Ben ist ein fantastischer Surfer und ein guter Schwimmer. Außerdem hatte ich für den Fall der Fälle Rettungsschwimmer engagiert.“

„Wie vorausschauend von dir. Waren die wirklich für ihn gedacht? Denn dann hättest du einfach mit ihnen am Strand bleiben und deinen Pflichten als Mentor nachkommen können.“

Finn machte ein finsteres Gesicht. „Wo bleibt da der Spaß?“

„Du hast uns Angst eingejagt“, meinte Lincoln. „Und dieser Jungspund Ben – wo, zum Teufel, hast du ihn aufgelesen?“

Er zuckte die Achseln. „Beim Basejumping von der Hoover-Staumauer. Für seine zweiundzwanzig Jahre hat er wirklich Talent und Potenzial und er wird …“

„Warum braucht er uns dann?“

„Er fand, dass wir cool sind. Er ist auf mich zugekommen.“

„Eine Menge Leute stellen die Verbindung zwischen dir und dem Players Club her“, gab Lincoln zu bedenken. Als Finn ihn böse ansah, hob er abwehrend die Hände. „Ich meine ja nur.“

„Ich habe niemandem ein Wort davon gesagt, der nicht in den Club aufgenommen werden wollte, und keine unserer Regeln gebrochen. Du weißt, dass ich nicht wegen der Ehre dabei bin.“

„Ich weiß. Aber die Mutproben, die sich Ben aussucht, klingen leichtsinnig.“

„Oh, komm schon. Noch haben wir keinen Mann verloren.“

„Es gibt immer ein erstes Mal.“ Lincoln seufzte. „Und ich hasse die Vorstellung, dass es dich treffen könnte.“

Finn war nicht sicher, was er darauf erwidern sollte. Zum Glück kam in diesem Moment Lincolns Freundin Juliana herein, die ebenfalls zu den Playern gehörte.

„Deine Eltern sind auf dem Weg zu dir.“ Sie ging zum Bett und küsste ihn auf die Wange. Dann schlug sie ihm auf die Schulter. „Du bist ein Blödmann.“

„Aua! Was soll das, verdammt?“

„Schlimm genug, dass du ein Adrenalinjunkie bist. Aber dieser junge Kerl, mit dem du unterwegs bist, sehnt sich anscheinend nach dem Tod.“ Sie wandte sich an Lincoln. „Komm. Mit den Macalisters will ich mich bestimmt nicht unterhalten.“

Lincoln stand auf und musterte Finn. „Wir reden über all das, wenn du zurück in San Francisco bist. Ich schicke dir jemanden, der dich zu Tuckers Wohnung am Turtle Bay bringt.“

„In Ordnung.“ Finn sah den beiden nach. Ihm blieb kaum Zeit, um sich zu wappnen, bevor seine Eltern hereinkamen. Sein Vater trug ein blaues Poloshirt zur Hose und sah seltsam zerknittert aus. Wahrscheinlich sind sie vom Flughafen direkt ins Krankenhaus gefahren, dachte er mit dem Anflug eines schlechten Gewissens. Seine Mutter war sehr blass. Er fragte sich, ob sie überhaupt ein Auge zugemacht hatten. Statt hallo zu sagen, fragte er: „Wie habt ihr davon erfahren?“

Sein Vater machte ein unheilvolles Gesicht. „Hast du wirklich geglaubt, das vor mir verbergen zu können?“

„Wir hatten doch abgemacht, dass mir keine Privatdetektive mehr nachspionieren, nachdem ich die letzten fünf Ermittler abgehängt habe.“ Warum war er nicht auf der Hut gewesen? Er hätte nicht darauf vertrauen sollen, dass sein Vater sich an die Vereinbarung hielt.

„Ich habe gedacht, dass du endlich damit aufhörst, dumme Stunts wie diese zu machen“, entgegnete sein Vater scharf. „Vermutlich haben wir uns beide getäuscht.“

„Wir sind nicht hergekommen, um zu streiten“, meldete sich seine Mutter ein bisschen panisch zu Wort. Sie ging zu Finn, musterte seinen Kopf. „Wie geht es dir?“

„Gut, Mom.“ Tatsächlich hatte er pochende Kopfschmerzen und bei jeder Bewegung tat ihm der Körper weh. Aber jetzt war wirklich nicht der Zeitpunkt, um das zu erwähnen. „Du hättest dir keine Sorgen machen müssen, wenn Dad nicht wieder einen Privatdetektiv engagiert hätte. Dann hättest du erst davon erfahren, wenn ich wieder völlig auf dem Damm bin.“

„Was kommt als Nächstes, Finn?“ Sein Vater ging vor seinem Bett auf und ab. „Wirst du russisches Roulette spielen?“

Finn erinnerte sich an Bens zweite Mutprobe. „Nun, in ein paar Wochen soll ich aus einer Kanone geschossen werden.“

„Das ist nicht komisch, verdammt.“

„Es ist mein Leben, Dad. Ich weiß, dass du nicht damit einverstanden bist. Aber es ist mein Leben.“

„Ich kann dir den Geldhahn zudrehen, Finn. Ich kann dich aus dem Vorstand werfen und sicherstellen, dass du keine Gewinne mehr aus den Wertpapieren bekommst.“

„Ich habe das Geld, das ihr mir bisher gegeben habt, noch nicht angerührt.“ Genau aus diesem Grund. „Ich habe immer noch Geld von Grandma Macalister. Und …“ Er sah seine Mutter an, die er nicht an seine andere Einkommensquelle erinnern wollte. „Nun, Schmerzensgeld. Also, nur zu. Dreh mir den Geldhahn ab. Streich mich aus deinem Testament, wenn du das willst.“

„Welchen Unterschied macht das?“, entgegnete sein Vater verärgert. „Wenn das so weitergeht, überlebe ich dich.“

Seine Mutter schluchzte erstickt auf.

„Siehst du jetzt, was du angerichtet hast“, fuhr sein Vater ihn an.

„Was habe ich getan?“, protestierte Finn.

„Es kümmert dich nicht, was du deiner Mutter und mir damit antust!“, rief sein Vater mit hochrotem Kopf. „Wann, zur Hölle, wirst du endlich erwachsen?“

Er zuckte zusammen, weil sein Kopf dröhnte. „Warum glaubst du, dass erwachsen zu sein bedeutet, alles zu tun, was auch immer du mir sagst? Soll das dann Reife sein?“

„Und jetzt bist du auch noch in irgendeiner Sekte!“

„Ich bin was?“

„George hat es uns gesagt.“

Finn drehte sich der Magen um. Wenn er zurück aufs Festland käme, würde er sich seinen Cousin vorknöpfen.

„Dieser Players Club oder wie sich das Teufelszeug nennt“, fuhr sein Vater fort. „George meinte, dass es sich um Adrenalinjunkies handelte. Die Polizei soll euch im Visier haben.“

„Das stimmt nicht und George weiß das auch“, erwiderte er scharf. Wie sollte er seinen Eltern erklären, dass die Polizei kein Problem mehr mit den Playern hatte, seitdem George aus dem Club ausgeschlossen worden war?

„Ich habe Zeitungsartikel über diese Leute gelesen.“ Seine Mutter nahm seine Hand und drückte sie. „Oh, mein Schatz … Vielleicht solltest du dir Hilfe holen. Dein Vater und ich kennen einige der besten Spezialkliniken auf der Welt. Wir können dich noch heute Abend in einer davon unterbringen.“

„Spezialkliniken?“ Finn empfand die Unterhaltung als zunehmend surreal. „Für Adrenalinjunkies?“

„Dort schaffen sie es mit einer Art Hirnwäsche, dass die Leute aus diesen Sekten aussteigen“, fuhr ihn sein Vater an. „Ich wette, dass du deine Denkmuster ändern musst.“

Finn musste bei diesen Worten lachen.

„Verdammt, es ist dein Leben, über das wir reden. Ich werde es nicht dabei belassen, dir lediglich Vorträge zu halten. Das hast du dir selbst eingebrockt, mein Sohn.“ Sein Vater ging zur Tür. „Komm, Betty.“

Finns Mutter drückte ein letztes Mal seine Hand, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und flüsterte: „Wie hoch war die Zahl der weißen Blutkörperchen?“

Eine Sekunde lang bekam er wie aus dem Nichts Angst. Dann verdrängte er ihre Frage und die Vergangenheit, die ihm dadurch zu Bewusstsein gekommen war. „Mir geht es gut, Mom“, sagte er fest. „Wir reden bald miteinander.“

Zwölf Stunden nach dem Telefonat mit Thornton betrat Diana das Four Seasons Oahu. Bis auf die Aktentasche stellte sie ihr Gepäck ab und bat darum, zur Suite der Macalisters gebracht zu werden. Wegen der Tropenhitze fühlte sie sich in dem taubenblauen Hosenanzug unbehaglich. Aber zum Glück würde sie sich wohl nicht lange genug draußen aufhalten, damit ihr das etwas ausmachte. Sie sah aus dem Fenster auf die Palmen und den unbeschreiblich blauen Himmel. Ja, ich bin wirklich ein Glückspilz.

Betty öffnete ihr die Tür der Hotelsuite. Offenbar hatte Thorntons Ehefrau geweint. Das teure Make-up war verschmiert. Mit den sanft gelockten blonden Haaren, den wässrigen blauen Augen und dem fast durchsichtig scheinenden Porzellanteint wirkte sie sehr zerbrechlich.

„Diana? Was um Himmels willen tun Sie hier? Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, dass mein Mann heute Verträge unterschreibt und sich ums Geschäft kümmert!“

Thornton tauchte hinter ihr auf, sah Diana an und schüttelte leicht den Kopf. „Ich hatte dir gesagt, dass ich Diana herkommen lasse, erinnerst du dich, Liebes?“, sagte er beruhigend.

Betty blickte verwirrt. „Hast du das? Vermutlich … Entschuldigen Sie, Diana. Es war eine harte Nacht und …“

„Warum legst du dich nicht hin und nimmst eine Schlaftablette?“ Thornton schob seine Frau sanft in Richtung Schlafzimmer. Ein paar Minuten später kam er zurück und sah Diana mit blanker Wut im Blick an.

Sie atmete tief ein, holte einen gelben Block und einen Stift aus der Aktentasche und setzte sich an den Esstisch. „Womit haben wir es zu tun und was soll ich wann für Sie erledigen?“ Während er auf und ab ging, wartete sie geduldig. Ihr Chef musste erst Dampf ablassen, bevor er sich einen logischen Angriffsplan überlegen konnte. Das wusste sie aus Erfahrung.

„Ich könnte ihn umbringen“, sagte Thornton schließlich. „Er ist unser einziger Sohn und ich liebe ihn. Aber dafür, dass er uns das antut, könnte ich …“

Diana hatte ihren Chef schon vorher zornig erlebt, doch das war nie besonders angenehm. Sie schrieb „Finn“ oben auf die Seite des Papiers.

„Er ist in der verdammten Banzai Pipeline gesurft. Die Wellen dort sind so hoch, dass selbst erfahrene Surfer dabei ums Leben kommen. Aber hält Finn das auf? Nein, natürlich nicht.“ Er erging sich in Tiraden über Finns viele Verfehlungen in der Vergangenheit, wie Basejumping vom Hoover-Staudamm oder den Versuch, den Eifelturm hochzuklettern.

Daran erinnerte sie sich. Mit den französischen Strafverfolgungsbehörden zu verhandeln, war äußerst nervig gewesen. Wenn Betty nicht so außer sich gewesen wäre, hätte sie Finn am liebsten nur aus Bosheit für ein paar Monate in einer der kleinen Gefängniszellen schmoren lassen.

Nach einer Weile kämpfte Diana gegen den Drang an nachzusehen, wie spät es war. Sie hatte Verständnis dafür, dass sich ihr Chef abreagieren musste. Aber bei Familienangelegenheiten neigte er dazu, sie als eine Art Ersatzseelenklempner zu benutzen. Das geht schon in Ordnung. Sie wusste dass sie für die Macalisters mehr als nur eine Anwältin war. Dennoch: Nachts nach Oahu zu fliegen, nur um sich das Lamento über den sexy, verwöhnten Finn anzuhören, war selbst für ihren Chef übertrieben.

„Und jetzt ist er in eine verdammte Sekte eingetreten“, ereiferte sich Thornton.

Sofort wurde sie wieder aufmerksam. Sekten angelten sich oft Kinder reicher Eltern und knöpften ihnen viel Geld ab. „Welche Sekte?“

„Er ist in diesem Players Club.“

Diana hatte schon davon gehört. Der Players Club war legendär in San Francisco. Jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der behauptete, Mitglied zu sein. Aber nur wenige Leute waren jemals jemandem begegnet, der wirklich dazugehörte. Ein Reporter hatte sogar geheime Recherchen angestellt, um darüber zu schreiben. Demnach handelte es sich um eine berüchtigte Gruppe von Adrenalinjunkies sehr reicher Eltern im Untergrund, die rund um den Globus verrückte Sachen anstellten – was Finn haargenau beschrieb. „Wie haben Sie das herausgefunden?“

„George hat es mir erzählt“, antwortete Thornton.

„George hat es Ihnen erzählt“, wiederholte sie möglichst sachlich. Sie wusste, dass ihr Chef es nicht mochte, wenn Untergebene seine Wahrnehmungen und Auffassungen infrage stellten. Doch eigentlich wollte sie ihn fragen: Sie vertrauen Ihrem nichtsnutzigen, hinterhältigen Neffen George, dem boshaften, verantwortungslosen Schleimer?

Thornton registrierte den Wink und reagierte dennoch gereizt. „Ich weiß, dass George vor einiger Zeit in Schwierigkeiten gesteckt hat. Aber er und Finn haben sich immer sehr nah gestanden. Besonders als George auf dem College war. Finn hat ihn bewundert, ja sogar verehrt.“

Das erklärte auch eine Menge von Finns Problemen. Doch diesbezüglich machte Diana ebenfalls keine Andeutung.

„Im Moment hat George Streit mit seinen Eltern. Mein Schwager nimmt ihn hart an die Kandare. Aus welchem Grund, sagen sie mir nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass George mich demütig um einen Job gebeten hat. Sein Abteilungsleiter sagt mir, dass er sehr hart arbeitet. Das ist mehr, als ich von meinem Sohn behaupten kann.“

Diana unterdrückte einen Seufzer. Sie wusste, dass Thornton sehr enttäuscht darüber war, dass Finn kein Interesse am Geschäft zeigte. Wenn sie sich auch noch die Tiraden darüber anhören müsste, kostete sie das eine weitere Stunde ihres Lebens. „George sagt also, dass Finn Mitglied dieses Clubs ist. Was soll ich jetzt tun?“

„Dafür sorgen, dass er dort aussteigt, natürlich!“

Sie konnte nicht verhindern, dass sie kurz auflachte. „Sie wollen, dass ich einen streng geheimen Club von reichen jungen Leuten ausfindig mache und ihren Sohn zum Verlassen dieses Clubs bewege? Ihren Sohn, der nicht einmal darauf hört, was ihm die eigene Familie sagt, und routinemäßig die Privatdetektive abhängt, die Sie wegen ihm engagieren?“

„Ja. Mit allen erforderlichen Mitteln“, fuhr er sie an. „Unbegrenztes Budget. Tun Sie, was immer Sie tun müssen. Aber er muss diesen Club verlassen haben, bevor sie ihn umbringen!“

„Ah.“ Diana nickte beflissen. „Wollen Sie, dass er entführt und in eine Spezialklinik für solche Fälle gebracht wird? Oder soll ihm nur jemand von außerhalb tatkräftig klarmachen, dass er den Club besser verlässt, um in Zukunft seine Gesundheit nicht zu gefährden?“ Sie runzelte die Stirn. „Ich kann mich an ein paar Leute wenden, die dafür sorgen, dass er genau das tut, was er tun soll – ohne ihm dauerhaften körperlichen Schaden zuzufügen.“

Thornton starrte sie mit offenem Mund an. „Ist das Ihr Ernst?“

„Sie haben gesagt, mit allen erforderlichen Mitteln“, erinnerte sie ihn.

„Aber nicht, dass Sie meinen Sohn entführen sollen! Und ich habe ganz bestimmt nicht vorgeschlagen, dass Sie Schläger anheuern sollen, die ihm zusetzen!“

Diana lächelte nicht, als sie diese Möglichkeiten auf ihrer Liste durchstrich. Sie hatten ihren Zweck erfüllt: Ihrem Chef zu zeigen, dass er sich vollkommen irrational verhielt. „Ich sehe nicht viele andere Möglichkeiten. Ich werde ein bisschen Brainstorming betreiben, aber …“

„Dennoch würden Sie diese Dinge tun, nicht wahr?“

Diana zuckte mit den Schultern. Ihre Familie war in Drogenhandel und verschiedene andere kriminelle Vergehen verwickelt gewesen, als sie aufgewachsen war. Sie kannte tatsächlich Leute, die für ein paar hundert Dollar mit Vergnügen jemanden die Knochen brächen. Aber sie wusste, dass Thornton kein Mistkerl war – auch wenn er seine Mitarbeiter hart rannehmen konnte. Er hatte seine weichen Seiten. Das war einer der Gründe, warum sie sein ab und zu anmaßendes Verhalten hinnahm.

„Verdammt. Sie sind wirklich der Hammer“, stellte Thornton ungeheuer stolz fest. „Alle haben mich für verrückt erklärt, als ich eine dreißigjährige Frau zur führenden Anwältin im Unternehmen befördert habe. Aber in den letzten fünf Jahren haben Sie bewiesen, dass Sie tougher als alle meine anderen Angestellten und die meisten meiner Konkurrenten sind.“

Sie setzte sich aufrechter hin, erwiderte sein Lächeln und sonnte sich in seiner Bewunderung.

„Ich meine es ernst, Diana“, fuhr er fort. „Ich will, dass mein Sohn diesem Club den Rücken kehrt, bevor ihn sein Glück verlässt und er ums Leben kommt. Er begreift nicht, was er seiner Mutter damit antut. Also – abgesehen von einer Entführung oder Gewaltanwendung – müssen Sie sich etwas einfallen lassen, um meinen Jungen zur Vernunft zu bringen.“

Sie nickte. „Ich tue mein Bestes.“

„Nein“, entgegnete Thornton. „Sie erledigen das. Endgültig.“

Das habe ich im Grund gesagt, dachte sie, beließ es aber dabei. „Wo ist Finn jetzt?“

„Immer noch im Krankenhaus.“

„Ich rede mit ihm. Vielleicht macht er es mir ja einfach.“ Diana steckte den Block und den Bleistift ein.

„Es handelt sich um Finn“, meinte ihr Chef trocken. „Wie wahrscheinlich ist das?“

„Höchst unwahrscheinlich“, gab sie zu. „Aber irgendwo muss ich anfangen.“

2. KAPITEL

„Mr Macalister, wo wollen Sie hin?“, fragte die Krankenschwester.

„Ich habe lediglich eine Gehirnerschütterung und unzählige blaue Flecken. Also werde ich mir an einem Ort Ruhe gönnen, der ein bisschen komfortabler ist.“ Finn zwinkerte der Frau zu, wünschte sich jedoch sofort, es nicht getan zu haben, denn jetzt schmerzte sein Kopf fürchterlich. „Sie waren wirklich ein Sonnenschein. Aber ich halte mich lieber irgendwo in Strandnähe auf. Könnten Sie jetzt bitte so lieb sein, mir meine … Ah, da sind ja meine Klamotten.“

„Ich werde mit dem Arzt reden.“

„Tun Sie, was Sie nicht lassen können.“ Er streifte sein Krankenhaushemd ab und stöhnte. Da er mit dem Rücken zur Tür stand, bemerkte er nicht, dass jemand das Zimmer betrat.

„Finn, ich muss mit Ihnen reden.“

Er wirbelte herum und versäumte es, sich das Krankenhaushemd zu seinen Füßen zu schnappen. „Äh, hallo? Hat jemand angeklopft?“ Dann sah er sie. Zum ersten Mal, seitdem er im Krankenhaus gelandet war, lächelte er wirklich.

Diana Song, genauso cool und gefasst wie immer, trug einen hellgrauen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Die schwarzen Haare hatte sie streng hochgesteckt. Kein Härchen stand ab. Mit ihren dunkelbraunen Augen musterte sie seinen nackten Körper.

Sie scheint nie überrascht zu sein. Sein Lächeln wurde breiter, als er bemerkte, dass sie ihn anstarrte und offensichtlich versuchte, den Blick nur bis zu seiner Taille und nicht tiefer wandern zu lassen – was ihr nicht gelang. „Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“ Finn wiegte sich ein wenig in den Hüften und ignorierte seine Schmerzen. Diesen Moment musste er genießen. Er bemerkte, dass sie schluckte, bevor sie wieder die für sie typische ausdruckslose Miene aufsetzte.

„Sie bekommen ziemlich heftige Blutergüsse“, sagte sie weich. „Am Ende sehen sie noch aus wie eine Flickendecke.“

Noch immer lächelnd griff er nach dem Krankenhaushemd und hielt es sich vor den nackten Körper. „Sie sollten mich sehen, wenn ich …“

„Sie müssen den Players Club verlassen.“

Das war ein Schock für Finn. Also war sie nicht hergekommen, um ihm einen Strauß Blumen zu bringen und mit ihm zu flirten. Bei Diana Song ging es immer um den Job. Dennoch zwang er sich zu einem Grinsen, damit sie nicht bemerkte, dass sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. „Welchen Club?“

Sie verschränkte die Arme und sah ihn ungeduldig an. Er erwiderte ihren Blick standhaft. Nach einem langen Moment nickte sie ihm zu und wirkte beeindruckt. Aus welchem Grund verstand er nicht.

„In der Pipeline zu surfen, war nicht mutig, sondern dumm. Das wissen Sie, nicht wahr?“

„Zu diesem Zeitpunkt schien es eine gute Idee zu sein.“

„Das scheinen alle Ihre Ideen zu sein“, murmelte Diana. „Ihre Eltern machen sich Sorgen, dass die nächste gute Idee auch Ihre letzte sein könnte. Und dass Ihre Mitgliedschaft in diesem Club negative Auswirkungen auf die Qualität Ihres Wohlergehens hat. Diese extremen Ausflüge – sagen wir es so – müssen jetzt ein Ende haben.“

„Also diese anwaltsmäßig klingenden Formulierungen …“, meinte Finn. „Intelligente Frauen sind so wahnsinnig sexy.“ Das stimmte tatsächlich. Aber er sagte es vor allem, um sie zu ärgern. Doch wenn sie davon verärgert war, zeigte sie es nicht.

„Ihr Vater hat mich gebeten, Sie davon zu überzeugen, dass Sie den falschen Weg eingeschlagen haben. Und Sie dazu zu bringen, sich einer weniger gefährlichen Gruppe von Enthusiasten anzuschließen.“

Schon wieder diese sexy Intelligenz. „Ich bin bekannt dafür, dass ich nur sehr schwer zur Vernunft zu bringen bin.“ Er sah Diana langsam von oben bis unten an. „Nein, ich bin sicher, dass Sie höchstens versuchen könnten, mich mit den Waffen einer Frau zu manipulieren, indem Sie mich verführen.“

„Ich habe es zur Kenntnis genommen. Ich hatte eher an gnadenlose Härte gedacht. Aber das zeigt nur, dass es mehrere Wege gibt, die wir beschreiten können, um die erwünschten Ergebnisse zu erzielen.“

Plötzlich wünschte Finn sich, seine Kleider anzuhaben. Auch wenn es ein Witz gewesen war, dass sie ihn verführen sollte – nun irgendwie –, war es schwer, ihrem scharfen Verstand gewachsen zu sein, ohne die Hose anzuhaben. „Nichts für ungut, Diana. Aber Sie sind die Anwältin der Familie. Sie sind zwar unbestritten brillant, aber was können Sie mir letztendlich anhaben? Mich bis zu meinem Ende schriftlich vorladen?“ Er lehnte sich zu ihr und flüsterte verschwörerisch: „Meine Güte, werden Sie mich zu Tode verklagen?“

Er sah, dass sie diese sexy Lippen für einen Sekundenbruchteil gegen ihren Willen zu einem Lächeln verzog. „Na los, Diana. Sie wissen, dass Sie lachen wollen. Er wollte wissen, wie sie war, wenn sie sich nicht so geschäftsmäßig und zugeknöpft gab. „Das war ein guter Witz.“

„Sie sind wie zum Stand-up-Komiker geschaffen. Ich weiß nicht, wie Ihnen das entgehen konnte. Vielleicht können Sie den Players Club verlassen und stattdessen dieser Berufung nachgehen.“

„Ich werde verkannt, das stimmt“, meinte Finn. „Aber im Ernst: Was erwartet mein Vater von Ihnen? Was sollen Sie tun?“

„Was immer erforderlich ist, um den Job zu erledigen“, antwortete sie knallhart.

Bei jedem anderen wäre dieser Satz eine bedeutungslose Plattitüde. Aber bei Diana war das etwas anderes. Sie wurde seit Jahren den verrückten Erwartungen seines Vaters gerecht und hatte in einem Unternehmensumfeld überlebt, in dem Anwälte völlig austauschbar waren und dementsprechend schlecht behandelt wurden. Das bedeutete, dass sie tough, engagiert und ehrgeizig war. Wahrscheinlich sollte er sich nicht mit ihr anlegen. Aber er hatte keine andere Wahl. „Also werden Sie mich stoppen. Koste es, was es wolle.“

„Ja. Das tue ich.“

Finn konnte nicht anders. Er ließ das Krankenhaushemd wieder fallen, verschränkte die Arme vor der nackten Brust und sah sie streng an. „Drohen Sie mir, Ms Song?“

Sie sah ihm in die Augen. „Versuchen Sie, mich zu beeindrucken, Mr Macalister?“, konterte sie. „Oder wollen Sie noch einen billigen Lacher provozieren?“

Er lachte leise. „Das war jetzt einfach kalt wie eine Hundeschnauze.“ Er streckte ihr die Zunge heraus und drehte sich dann um, um seine Shorts anzuziehen. Aber er hatte sich verrechnet. Seine Muskeln schmerzten höllisch. „Verdammt.“ Die Shorts verfing sich zwischen seinen Schenkeln. Wie peinlich. Er sah Diana an. „Könnten Sie mir vielleicht behilflich sein? Ich bin ein bisschen angeschlagen.“

Mit einem tiefen Seufzer ging sie zu ihm und griff nach dem Bund der Shorts.

„Das ist so seltsam.“ Er versuchte, sich weniger hilflos zu fühlen, indem er einen Witz machte. „Normalerweise versuchen die meisten Frauen, mir die Shorts auszuziehen.“

„Da gehe ich jede Wette ein.“ Sie zog ihm die Shorts hoch bis zur Taille. „Aber ich bin nicht wie die meisten Frauen.“

Finn legte ihr leicht die Hände auf die Unterarme, hielt sie fest und betrachtete sie aus der Nähe. Sie ist wirklich schön. Offenbar war sie amerikanisch-asiatischer Abstammung, wahrscheinlich eine chinesisch-lateinamerikanische Mischung. Ihre mandelförmigen, dunklen Augen waren fast schwarz, ihre Haare schwarz und glänzend. Sie hatte hohe Wangenknochen und volle, erdbeerfarbene Lippen. Ihr Gesichtsausdruck war wild entschlossen.

„Entschuldigen Sie“, sagte er. „Ich neige dazu, Witze zu machen, wenn ich mich in die Enge getrieben fühle. Sie haben versucht, mir zu zeigen, wer hier der Boss ist – so etwas bringt mich unweigerlich auf die Palme. Aber dass ich mich nackt in Szene gesetzt habe, war unangemessen. Dafür bitte ich um Verzeihung.“

Diana lächelte überrascht. „In Ordnung. Es hätte schlimmer kommen können.“

Er hielt eine Sekunde lang inne. „Dann wäre es also sehr unpassend, wenn ich Sie heute Abend zum Essen einlade, nicht wahr?“

„Finn, Sie haben kein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe“, meinte sie ruhig. „Ihr Dad hat mich angewiesen, dafür zu sorgen, dass Sie dem Players Club den Rücken kehren.“

„Dennoch müssen Sie etwas essen, richtig?“

Diana lachte. „Mein Job ist es, Sie dazu zu bringen, den Club zu verlassen. Und in diesem Punkt wollen Sie mir offenbar nicht entgegenkommen. Also muss ich Ihnen wahrscheinlich das Leben zur Hölle machen, bis Sie es tun.“

Finn mochte ihr Lachen, das tief und ansteckend klang. Er grinste. „Versuchen Sie es, egal wie. Aber ich bin ein ernstzunehmender Gegner.“ Er zwinkerte ihr zu. „Also tun Sie Ihr Bestes. Mal sehen, wer gewinnt.“

„Ich spiele keine Spielchen“, murmelte sie.

Doch er konnte in ihren Augen sehen, dass die Herausforderung sie reizte. Ein Moment lang klopfte sein Herz schneller und ein Kribbeln überlief ihn – genau so war es … Er lächelte, als es ihm bewusst wurde. Genauso fühlte er sich, kurz bevor er sich seinen Lieblingsmutproben stellte.

„Wir sehen uns, Finn“, versprach Diana. Dann verließ sie das Zimmer.

„Hoffentlich“, meinte er und sah ihr nach. Ihr Gang war ebenso entschlossen wie sexy. „Das Spiel beginnt.“

Zwei Tage später saß Diana in ihrem vor Macalister Enterprises geparkten BMW. Wann immer sie an Finn dachte, hatte sie Magenflattern. Sie konnte überhaupt nicht verhindern, oft an ihn zu denken. Schließlich hatte er oberste Priorität. Es wäre allerdings hilfreich, wenn ich ihn mir dann nicht nackt vorstelle. Sie schloss die Augen. Sie brauchte Sex. Warum sonst sollte sie so von einem superheißen, superreichen, superverwöhnten, hübschen jungen Mann abgelenkt sein, der noch an keinem Tag seines Lebens gearbeitet hatte?

Ohne Vorwarnung hatte sie wieder seinen nackten, perfekt gebauten Körper vor Augen. Augenblicklich wurde ihr heiß vor Verlangen. Ja, warum fühle ich mich wohl zu einem Adonis hingezogen?

Diana stieg aus und knallte die Autotür zu. Auch wenn ihre gegenwärtige Aufgabe darin bestand, sein von Spaß erfülltes Leben zu ruinieren, war er nicht ihr Typ. Und sie war ganz bestimmt nicht sein Typ. Obwohl – wenn sie jetzt darüber nachdachte, war sie nicht ganz sicher, welchen Typ Frau er bevorzugte.

Zudem war er Thorntons Sohn und fünf Jahre jünger als sie. Es war völlig unmöglich, ihre erotischen Fantasien auszuleben. Also musste sie umgehend die Anziehungskraft im Keim ersticken, die er auf sie ausübte.

Ich kann mir jegliche Hoffnung abschminken, jemals mit diesem heißen Prachtkerl im Bett zu landen. Warum versuche ich also nicht, mich auf die Angelegenheit zu konzentrieren, um die es eigentlich geht?

Als Diana kurz darauf durch die Flure der Konzernzentrale ging, fühlte sie sich eher in ihrem Zuständigkeitsbereich, wieder mehr wie sie selbst. Im zweiten Stock machte sie sich auf den Weg zu einem kleinen Büro in der Marketingabteilung. Bevor sie einen Plan aushecken konnte, um mit Finn fertig zu werden, benötigte sie mehr Fakten. Also betrat sie das Büro von George Macalister. Er hatte das Handy am Ohr und lächelte sie anzüglich an.

„Ich rufe zurück.“ Er legte das Handy zur Seite. „Sieh mal an, wer hier ist. Der Hammer. Habe ich irgendetwas getan, das den Besuch der Vollstreckerin meines Onkels verdient?“

Was für ein Idiot. Diana lächelte höflich und schloss die Tür hinter sich. Auch wenn sie das Gefühl hatte, sich in einem begehbaren Schrank aufzuhalten. Trotz der Vetternwirtschaft wollte Thornton offensichtlich, dass sich George erst einmal von ganz unten nach oben arbeitete. „Ich muss privat mit Ihnen reden.“

„Wie privat?“ George lehnte sich nach vorn.

Sie ignorierte die versteckte sexuelle Anspielung und setzte sich auf den einzigen freien Stuhl. „Ich muss wissen, wie Sie herausgefunden haben, dass Finn Mitglied im Players Club ist.“ Sie bemerkte, dass er seine Bestürzung und Nervosität mit einem Achselzucken überspielte. Vielleicht hatte er sich die ganze Geschichte doch nicht ausgedacht, um zu versuchen, Finn in Misskredit zu bringen.

„Ich weiß es, weil wir eine Weile lang beide Mitglied im Club waren.“

Diana hob die Augenbrauen. „Wirklich.“

George machte ein finsteres Gesicht. „Was? Glauben Sie mir nicht?“

„Warum überzeugen Sie mich nicht?“ Sie hob abwehrend die Hand, als er Anstalten machte, ihr erneut dumm zu kommen. „Erzählen Sie mir alles, was Sie über den Club wissen. Ich brauche jede Information und jeden Beweis, den Sie haben.“

„Wir sind alle unter Eid zur Geheimhaltung verpflichtet worden.“

„Das ist rührend“, meinte Diana. „Und dennoch kümmert mich das nicht. Welchen Beweis haben Sie?“

„Mit Fotos oder etwas in der Art kann ich nicht dienen. Ich hatte beinahe ein Video. Aber die Mistkerle – Finn eingeschlossen – sind in mein Haus eingebrochen und haben es mitgehen lassen.“

„Ich habe gehört, dass in Ihr Haus eingebrochen wurde und dass sich der Polizeichef darum gekümmert hat. Wenn Sie wissen, wer der Täter war, warum wurde Finn dann nicht verhaftet?

Diana verschränkte die Arme. Als führende Anwältin der Familie Macalister war sie auf dem Laufenden. Ihr war nicht entgangen, dass George etwas getan hatte, das den Polizeichef aufgebracht hatte. Die Anzeige wegen Einbruchs war hastig zurückgenommen worden. Zudem hatte Georges Familie das protzige Haus verkauft, in dem er gewohnt hatte, und ihm den Geldhahn zugedreht.

Er wurde rot. „Ich hatte nicht genug Beweise.“

„Nun, ich bin nicht bei der Polizei und muss den Fall nicht strafrechtlich verfolgen.“

„Was brauchen Sie?“

„Ich muss dafür sorgen, dass Finn den Club verlässt“, sagte Diana. „Wenn das nicht funktioniert, könnte ich sicherstellen, dass der Club stillgelegt wird. Also warum sagen Sie mir nicht, was Ihnen vorliegt, und ich erledige meinen Job.“ Als er herumdruckste, kam ihr ein Gedanke. „Befürchten Sie, dass jemand in diesem Club Ihnen schaden könnte, wenn Sie Ihr Schweigen brechen?“

Innerhalb eines Sekundenbruchteiles setzte George ein sehr besorgtes Gesicht auf. „Ich habe keine Angst. Ich bin nur nervös. Als ich Mitglied im Club wurde, glaubte ich, dass ich viel Spaß haben würde. Aber Lincoln, der führende Mann, hat viele Geheimnisse und wohl eine dunkle Vergangenheit. Er ist ein Diktator. Jeder soll alles so machen, wie er es will.“

„Zwingt er Finn zu diesen gefährlichen Mutproben?“

„Machen Sie Witze?“ Er winkte ab. „Vielmehr zwingt Finn andere Leute dazu, Dinge zu tun, die zunehmend lebensgefährlich sind. Er verdreht die im Club herrschende Philosophie. Ich erkenne ihn kaum wieder. Ich glaube, er könnte sich schaden. Oder jemand anderem.“

Was für ein Blödsinn. Diana seufzte. George bekäme in absehbarer Zeit keinen Preis für seine Schauspielkunst. Er versuchte schlicht und einfach, Finn schlechtzumachen. Vielleicht sollte sie auch einige Nachforschungen über Georges Aktivitäten anstellen. „Wissen Sie, wo sich die Mitglieder des Clubs treffen und wie viele es sind?“

„Sie treffen sich immer an einem anderen Ort. Es sind etwa dreißig Mitglieder. Aber mit mir haben noch viele andere den Club verlassen, als Lincoln die Führung übernommen hat.“ Er griff nach einem Stück Papier. „Ich kann Ihnen ein paar Namen aufschreiben, mehr nicht. Und bitte, sagen Sie niemandem, dass Sie die Informationen von mir haben.“

„Ich bin diskret.“ Sie zwang sich, nicht die Augen zu verdrehen, als er ihr verstohlen das zusammengefaltete Stück Papier reichte. Schnell stand sie auf. Sie wollte das winzige Büro verlassen und von George wegkommen. „Falls ich weitere Fragen habe, rufe ich Sie an.“

Er stand ebenfalls auf und kam näher. „Es ist fast Mittagspause. Vielleicht können wir zusammen einen Happen essen. Ich könnte Ihnen etwas von den Abenteuern erzählen, die ich als Player erlebt habe.“

Pfui Teufel. „Ich habe keinen Hunger und muss heute ungeheuer viel erledigen.“ Diana riss die Tür auf und versetzte ihm mit dem Ellbogen einen Schubs, bis er zurückwich. „Weiter so, George.“

Er führt etwas im Schilde. Zum Glück schien es ihm an Durchhaltevermögen zu fehlen. Außerdem war er im Moment ihr geringeres Problem. Auf dem Weg zu ihrem Büro schaute sie auf das Stück Papier. Darauf standen nur ein paar Namen. Einer davon war jedoch unterstrichen: Lincoln Stone. Mit ihm würde sie anfangen.

George machte früh Feierabend und ging zu seiner Lieblingsbar, die zehn Minuten von Macalister Enterprises entfernt war. Weit genug, um keinen anderen Mitarbeitern des Unternehmens über den Weg zu laufen. Er bestellte sich wie üblich einen Martini, setzte sich an einen Tisch in einer Nische und wartete.

Kurz darauf tauchte Victor auf, der ein gereiztes und ängstliches Gesicht machte. Er war einer der aufstrebenden Buchhalter bei Macalister Enterprises, der sich unter dem Leiter der Finanzabteilung abmühte.

„Ich bin so schnell wie möglich hergekommen.“ Er setzte sich zu ihm. „Hätten wir uns nicht irgendwo treffen können, wo wir unter uns sind?“

„Er versucht nicht, dich hereinzulegen, Victor“, schaltete sich Jonesy St. James ein, der nach ihm hereingekommen war. Er setzte sich zu den beiden.

„Für mich nur ein Wasser“, sagte Victor, dem der Schweiß auf der Stirn stand.

Jonesy bestellte sich einen doppelten Whiskey. „Was ist los, George?“

„Diana Song war heute bei mir im Büro.“

Victor wurde kalkweiß. „Was? Warum?“

„Moment mal“, unterbrach ihn Jonesy. „Wer ist Diana Song?“

„Sie ist die Familienanwältin. Eine Art Beraterin meines Onkels.“ George lehnte sich zurück. „Sie ist auch sein verlängerter Arm bei Macalister Enterprises und sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft.“

„Sie ist uns auf der Spur.“ Victor bestellte sich schnell einen Cocktail.

„Entspann dich“, meinte George. „Sie hat Fragen über den Players Club gestellt. Und jetzt kommt der gute Teil: Mein Onkel scheint sie auf Finn angesetzt zu haben.“

Aber Victor schien nicht erleichtert. „Mir behagt das trotzdem nicht. Verdammt, George, ich habe dir doch gesagt, dass du dich unauffällig verhalten sollst. Wenn du Aufmerksamkeit erregst, vermasselt du es!“

Noch bevor George ihn zusammenstauchen konnte, wandte sich Jonesy mit gefährlich leiser Stimme an ihn. „Man könnte meinen, dass du hier die Anweisungen gibst – bei dem Ton, den du anschlägst.“

Als Victor blass wurde, grinste George. Sich mit Jonesy anzufreunden, war einer seiner besten Schachzüge gewesen, seitdem seine Eltern ihn aus dem Haus geworfen und ihm den Geldhahn zugedreht hatten. Sie waren sich im Lauf von mehreren Martinis nähergekommen, weil auch Jonesy von seinen Eltern keinen Cent mehr bekam. Schließlich hatte Jonesy ihm den Plan mit der Veruntreuung vorgeschlagen.

„Ich sage nur, dass wir vorsichtig sein müssen.“ Victor schüttete den Cocktail hinunter.

„Glaub mir, ich weiß, was ich tue.“ George trank bereits seinen zweiten Martini und war in Hochstimmung. Finn würde es noch leidtun, seinen Ruf ruiniert zu haben. Er würde sich dafür rächen, aus dem Club ausgeschlossen worden zu sein. „Der Plan war, an Geld zu kommen. Die Veruntreuung sollte funktionieren wie geschmiert. Irgendwann werden sie es herausfinden. Aber ich habe nicht vor, ewig auf der Flucht zu sein. Also brauchen wir einen Sündenbock, dem wir es anhängen können.“

Victor blinzelte. „Das war nicht der Plan!“

„Er hat recht“, meinte Jonesy.

George wurde unbehaglich zumute. „Keine Sorge. Du bekommst dennoch deinen Anteil“, versicherte er. „Aber wenn wir Finn die Schuld in die Schuhe schieben können, wird sein Sitz im Vorstand frei. Das bedeutet, dass ich ein regelmäßiges, einträgliches Einkommen habe und nicht mehr arbeiten muss. Also Geld jetzt und später und jeder ist glücklich.“ Außer Finn. Bei dem Gedanken, dass sein schmieriger Cousin für eine Weile hinter Gittern säße, lächelte er.

„So war das nicht geplant“, meinte Jonesy in scharfem Ton. „Das nächste Mal, wenn du auf diese Weise improvisierst, warnst du mich besser vorher.“

„Wie schwer kann es sein, Finn das anzuhängen?“ George sah jetzt Victor an.

„Sehr schwer.“

„Dann lass dir besser etwas einfallen, Victor. Denn im Moment deutet alles auf dich hin.“

Victor schluckte und legte das Geld für den Cocktail auf den Tisch. „Ich muss zurück ins Büro.“ Fluchtartig verließ er das Lokal.

„Behalte ihn im Auge“, warnte Jonesy, als George lachte. „Ich weiß nicht, ob man ihm trauen kann. Er ist die Schwachstelle und könnte von der Stange gehen.“

„Das klappt schon“, meinte George, obwohl er nicht davon überzeugt war. „Außerdem: Wenn es hart auf hart kommt, kann Victor es wie einen Buchungsfehler aussehen lassen und das Geld zurücklegen. So etwas passiert ständig.“

Jonesy sah ihn eiskalt an. „Nein, Kumpel. Das Geld geht nicht zurück.“

Er blinzelte. „Nun … Nein, ich meine, falls es Probleme gibt, könnte man das machen. Aber es wird keine Probleme geben.“ Da Jonesy nicht beruhigt zu sein schien, fuhr er fort: „Da Diana und mein Onkel wegen Finn abgelenkt sind, werden sie bestimmt nicht wegen irgendwelchen Unstimmigkeiten in der Buchhaltung Nachforschungen anstellen. Sie haben alle Hände voll mit meinem Cousin zu tun.“

„Das hoffe ich für dich. Dennoch halte ich vielleicht besser die Augen offen und sorge dafür, dass alles reibungslos läuft.“

„Sicher, sicher“, meinte George geistesabwesend und bestellte sich noch einen Martini.

Um neun Uhr abends fuhr Diana vom Büro nach Hause. Sie hatte eine frustrierende Woche hinter sich. Als ihr Handy klingelte, setzte sie das Headset auf. „Diana Song.“

„Wir haben seine Spur verloren.“

Sie umklammerte das Lenkrad. „Bob, Sie sind einer der besten Privatdetektive aller Zeiten. Also warum ist es so schwer, einen neunundzwanzigjährigen Sohn aus einem reichen Elternhaus ausfindig zu machen?“

„Bei jedem anderen würde ich sagen, dass es ein Kinderspiel ist. Ich weiß nicht, wie er mich oder die zwei von mir engagierten Männer entdeckt hat und uns entwischt ist. Sie haben ihm doch bestimmt nicht gesagt, dass Sie ihn beschatten lassen wollen?“

„Nein.“ Diana runzelte die Stirn. „Aber vielleicht hat ihn ja sein Vater unabsichtlich darauf gebracht.“

„Das macht meinen Job kein bisschen einfacher.“

„Dann erhöhen Sie Ihr Honorar, Bob.“ Sie parkte das Auto vor ihrem Haus, nahm ihren Block und notierte: Frage Thornton, was er zu Finn gesagt hat. „Sie haben keine Ahnung, wo er sich jetzt aufhält?“

„Nein.“

„Er fährt ein auffallendes Auto. Einen Jaguar, glaube ich. Vielleicht einen Porsche. So schwer kann so ein Wagen doch nicht auszumachen sein.“

„Das Auto hat er in der Nähe des Union Square geparkt. Dann ist er in der Menschenmenge untergetaucht und in einen Bus umgestiegen.“

Diana blinzelte. „Puh. Das hätte ich nicht erwartet.“

„Wir auch nicht, glauben Sie mir. Es ist mittlerweile das dritte Mal, dass er uns abhängt. Ich bin total verärgert. Wenn es Ihnen Ernst damit ist, ihm auf die Spur zu kommen, muss ich vielleicht zu Mitteln greifen, die nicht völlig legal sind.“

„So weit sind wir noch nicht. Aber Sie sind der Erste, den ich anrufe, wenn es der Fall ist, Bob. Vermutlich wird das nicht billig, oder?“

„Qualität hat ihren Preis. Wie wäre es, wenn ich in der Zwischenzeit noch mehr Männer auf ihn ansetze? Das geht allerdings auch ins Geld.“

„Ich weiß.“ Sie musste sich etwas einfallen lassen, um die Mehrkosten vor Thornton zu rechtfertigen. Er hatte von einem unbegrenzten Budget gesprochen. Aber Diana kannte ihren Chef. Aufs Geld passte er auf wie ein Luchs. Das erinnerte sie daran, dass einer der Buchhalter bei Macalister Enterprises sie per E-Mail darüber informiert hatte, dass es Unstimmigkeiten gäbe. Als ob sie für noch etwas anderes Zeit hätte, das ihr Kopfschmerzen bereitete.

„Engagieren Sie mehr Männer und überprüfen sie jeden, mit dem sich Finn trifft. Ich will detaillierte Berichte haben.“ Sie hielt inne. „Und nehmen Sie diesen Lincoln Stone gründlich unter die Lupe. Auch mit Mitteln, die vielleicht nicht ganz legal sind. Ich nehme das auf meine Kappe.“

Bob stieß einen leisen Pfiff aus. „Sie fahren also harte Geschütze auf?“

„Ich will nur vorbereitet sein.“ Diana beendete das Telefongespräch und schloss die Augen. Sie war angespannt und erschöpft. Dann stieg sie aus und ging zur Haustür. Ihr kam wieder Finn in den Sinn – wie ständig in letzter Zeit. Wer hätte gedacht, dass er so schwer zu beschatten war?

Als sie näher zur Tür kam, hatte sie auf einmal das gruselige Gefühl, heimlich beobachtet zu werden. Sie versuchte möglichst unbefangen zu wirken, als sie in ihre Aktentasche griff. Hastig holte sie das Pfefferspray heraus und zielte auf den Hortensienbusch neben ihr.

„Oha. Entspannen Sie sich“, sagte Finn. „Ich bin unbewaffnet und wehrlos.“ Mit erhobenen Händen kam er grinsend hinter dem Busch hervor.

„Unbewaffnet vielleicht“, meinte Diana und richtete weiterhin die Spraydose auf ihn. Ihr Herz hämmerte. Noch immer war sie nervös und wütend genug, um ihn nur so zum Spaß mit Pfefferspray einzunebeln.

„Sie wussten nicht, dass ich es war? Das überrascht mich.“ Seine haselnussbraunen Augen funkelten. „Schließlich haben Sie drei wirklich gute Privatdetektive auf mich angesetzt, richtig?“

Er war großspurig. Also warum lächelte sie? Über sich selbst verärgert steckte sie das Pfefferspray weg, ging an ihm vorbei und schloss die Haustür auf. „Sie haben bewiesen, dass Sie cleverer als meine Privatdetektive sind. Das Kunststück wird sein, das morgen oder übermorgen noch einmal zu beweisen.“ Als Finn ihr zur Tür folgte, hatte sie noch immer Herzklopfen.

„Sie sind Herausforderungen gewachsen. Das mag ich an Ihnen.“

„Ich habe es Ihnen schon gesagt, dass ich keine Spielchen spiele.“ Diana drehte sich zu ihm um. Er lehnte sich so weit zu ihr, dass sie die Hitze seines Körpers spüren konnte.

„Aber ich“, flüsterte er und bemerkte, dass sie sich die Lippen befeuchtete. „Spielen Sie mit mir, Diana.“

Eine Sekunde lang wollte sie nichts mehr, als ihn auf den Mund zu küssen, sich an ihn zu schmiegen und herauszufinden, wohin das führte. „Sie haben hier schlichtweg ein bisschen Spaß“, sagte sie stattdessen und war verärgert über sich und ihre sexuellen Fantasien. „Aber ich erledige meinen Job.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und schrie auf, als Finn ihr erneut folgte. „Was tun Sie?“

„Wonach sieht es denn aus? Ich komme mit Ihnen herein. Bis das Taxi da ist, das mich wieder abholt, dauert es zwanzig Minuten.“

Sein Lächeln war so flehend, seine Grübchen so bezaubernd, dass sie lachen musste. Warum konnte sie ihm nicht lange böse sein? „Ich habe Sie nicht eingeladen, hierher zu kommen, und habe Sie gewiss nicht zu mir hereingebeten.“ Sie hasste es, dass ihre Stimme atemlos klang, und sah ihn streng an. „Wenn Sie draußen warten müssen, ist das Ihr Problem.“

„Nehmen Sie immer alles so ernst?“

„Nehmen Sie überhaupt nichts ernst?“, fragte Diana ungeduldig und bemerkte, dass sie den fatalen Fehler begangen hatte, ihm körperlich zu nah gekommen zu sein. Sie nahm den frischen, herben Duft seines Aftershaves wahr. Sie sah, dass sich seine muskulöse Brust unter dem Stoff des engen T-Shirts abzeichnete. Offenbar registrierte er, dass sie ihn jetzt mit anderen Augen ansah. Denn er kam noch näher.

„Ein paar Dinge nehme ich sehr, sehr ernst.“ Finn streichelte sanft ihre Wange. „Ich hätte nichts dagegen, Ihnen das irgendwann zu zeigen.“

„Funktioniert diese Masche tatsächlich bei Frauen?“ Sie versuchte, geringschätzig zu klingen – was ihr jedoch kläglich misslang.

„Sagen Sie es mir, Diana“, flüsterte er und beugte sich über ihren Mund. „Sagen Sie mir einfach, dass ich aufhören soll, und ich tue es sofort. Allerdings muss ich zugeben, noch nie jemandem begegnet zu sein, der mich auch nur annähernd so fasziniert wie Sie.“

„Ich versuche nicht, Sie zu faszinieren.“

„Vielleicht tun Sie es gerade deshalb.“

Sie schien seine Lippen schon auf ihren spüren zu können und zwang sich zurückzuweichen. „Wie schmeichelhaft. Ich übe eine gewisse Anziehungskraft auf Sie aus, weil ich mich nicht zu Ihnen hingezogen fühle. Es gibt doch einen Ausdruck für diese Art Fixierung. Solche Leute nennt man Stalker, oder?“

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie sich nicht zu mir hingezogen fühlen.“ Finn sah sie ebenso amüsiert wie bewundernd an. „Ich habe gesagt, dass Sie nicht versuchen, mich in den Bann zu ziehen. Das finde ich übrigens großartig. Die meisten Frauen, die ich kenne, finden heraus, dass ich reich bin, und tun fast alles, um sich mich zu angeln.“

„Ich versuche nicht, Sie an die Angel zu bekommen“, erwiderte Diana beleidigt. „Und ich fühle mich nicht zu Ihnen hingezogen.“

„Lügnerin“, sagte er mit samtweicher Stimme.

Sie verschränkte die Arme. „Okay. Sie haben mich durchschaut. Ich stehe so wahnsinnig auf Sie. Nehmen Sie mich. Nehmen Sie mich jetzt. Oh, Süßer.“ Sie verdrehte die Augen, als er lachte. Verdammt. Er hatte ein tolles Lachen.

„Jetzt sind Sie wirklich verletzend.“ Finn ging ein, zwei Schritte zurück. „Ich sage ja nur, dass wir irgendwie mit dieser verfahrenen Situation umgehen müssen. Sie versuchen, mich dazu zu bringen, den Club zu verlassen. Ich nehme das nicht persönlich, weil Sie nur Ihren Job erledigen. Ich hasse es, dass meine Eltern mir nachspi­onieren. Allerdings haben sie diesmal wenigstens eine fantastische und intelligente Frau auf mich angesetzt. Also kann ich genauso gut das Beste daraus machen.“

„Nach dem Motto: Wenn das Leben Zitronen für dich bereithält, mach Limonade daraus.“

„So ungefähr.“ Er zwinkerte Diana zu. „Doch vermutlich ist es gut, dass Sie sich nicht zu mir hingezogen fühlen. Sie nehmen die Dinge zu ernst.“

„Ach, ja?“, fragte sie fast gereizt.

Finn zuckte die Achseln. „Ich habe viel Spaß mit Frauen. Aber bei Ihnen habe ich das Gefühl, dass Sie nicht der Typ sind, um nur Spaß zu haben.“ Er grinste sie kurz an. „Ich möchte es Ihnen ersparen, mich zu küssen, sich bis über beide Ohren in mich zu verlieben und dann festzustellen, dass Sie nicht ohne mich leben können.“

„Und die Gefahr besteht?“ Sie lachte über seine Unverfrorenheit.

„Ja. Leider. Ich küsse ziemlich gut.“

Diana bemerkte das Glitzern in seinen Augen und hatte den Eindruck, dass seine scherzhafte Bemerkung vielleicht ein Körnchen Wahrheit enthielt. „Zum Glück bin ich aus härterem Holz geschnitzt. Glauben Sie mir, Finn. Ich verliebe mich nicht in Sie.“

„Das sagen Sie jetzt“, meinte er. „Zur Hölle, das sagen sie alle.“

Jetzt wurde ihr klar, dass er das ernst gemeint hatte. „Sie glauben ehrlich, dass ich mich in Sie verliebe, wenn ich Sie küsse?“

„Nein. Doch wenn Sie Sex mit mir hätten, wahrscheinlich schon.“ Er drehte sich zum Gehen um. „Ein Kuss würde wahrscheinlich bedeuten, dass Sie nicht aufhören würden, mich anzurufen. Wir sehen uns, Diana. Glauben Sie nicht, dass Ihre Privatdetektive mich …“

Bevor er den Satz beenden und sie es sich noch einmal anders überlegen konnte, schnappte sie sich ihn, drehte ihn herum und küsste ihn hart auf den Mund. Als sie ihn wieder losließ, lachte Finn leise. Das nahm sie jedoch kaum wahr. Ebenso wenig wie den Schock, etwas so Dummes getan zu haben.

Dann hörte er auf zu lachen und sie küssten sich wieder.

Diana verlor den Kopf. Einfach so. Sie seufzte weich. Er fühlte sich so gut an. Während er ihre Taille umfasste, fuhr sie ihm über den Nacken und durch die Haare. Oh, er konnte wirklich unglaublich gut küssen. Sie hörte ein schwaches Hupen. Dann noch ein Hupen, das ungeduldiger klang. Wenn ich jetzt nicht aufhöre, tue ich es überhaupt nicht mehr. Das bedeutete, dass Sie ihren Job nicht erledigte – was sie sonst immer tat. Sofort beendete sie den Kuss. „Das ist dein Taxi.“

„Zum Teufel mit dem Taxi.“ Finn beugte sich über ihren Mund.

Sie schob ihn zurück. „Ich finde, ich habe bewiesen, dass ich vor deinem Charme sicher bin“, sagte sie möglichst cool. „Also ab mit dir. Bevor du nach mir süchtig wirst.“

Seine Augen funkelten und er trat einen Schritt zurück. „Das ist noch nicht vorbei, Diana.“

„Doch.“ Sie ignorierte, dass sie sich schon jetzt körperlich nach ihm sehnte. „Doch, das ist es.“ Sie machte ihm die Tür vor der Nase zu. Es war vorbei. Weil es vorbei sein musste.

Sie nahm ihr Handy und rief Bob an. „Gehen Sie mit härteren Bandagen vor.“

Der Privatdetektiv hielt eine Sekunde lang inne. „Wozu genau geben Sie Ihr Einverständnis?“

„Ich habe Finns Handynummer. Verfolgen Sie seine Spur.“ Sie schloss die Augen. „Bringen wir das zu Ende. Ich habe genug von den Spielchen.“

3. KAPITEL

Als Finn in der folgenden Nacht um ein Uhr beim Treffen der Player auftauchte, grinste er noch immer. Treffpunkt war diesmal eine Bar in der Lower Haight. Einige Clubmitglieder zeigten Fotos, mit denen sie ihre zuletzt bestandenen Mutproben dokumentierten. Einige andere planten den nächsten großen Ausflug des Clubs nach Machu Picchu, der Ruinenstadt in Peru. Drei der Anwärter waren nach bestandenen Mutproben in den Club aufgenommen worden. Mindestens sechzig Mitglieder hatten sich versammelt.

„Ich bin froh, dass du in Ordnung bist.“ Ben klopfte Finn auf die Schulter. „Mann, ich dachte schon, dass du unter Wasser ums Leben kommst!“

Er mochte den Clubanwärter, mit dem er gesurft war. Aber er musste zugeben, dass ihm der junge Mann manchmal irgendwie unheimlich war.

„Also.“ Ben rieb sich die Hände. „Der Kanonenschuss findet in zwei Wochen statt. Dann geht es zum Mount Everest …“

„Bis zur Besteigung des Everest bleiben uns noch sechs Monate Zeit“, meinte Finn.

„Ich denke, wir können in vier Wochen aufbrechen“, sagte Ben verschwörerisch mit glänzenden Augen. „Höchstens in sechs Wochen.“

Er blinzelte. „Wie zum Teufel willst du das bewerkstelligen?“

„Ich habe einige Hochgebirgsträger aufgetan, die unsere Ausrüstung und das Gepäck ins Basislager bringen. Wenn man etwas nur genug will, kann man alles schaffen, weißt du?“

„Um dich zu motivieren, ist diese Einstellung toll“, neckte Finn ihn. „Aber vielleicht nicht, wenn es um etwas geht, wie den Everest zu erklimmen.“

„Du willst doch nicht kneifen, oder?“

Finn runzelte die Stirn. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre er sofort Feuer und Flamme gewesen. Ein Teil von ihm wollte auch rufen: Ja! Ich bin dabei! Das mache ich, bevor es zu spät dafür ist. Aber eine andere Stimme, die neu und überraschend eindringlich war, fragte: Was würde Diana davon halten? Wie zur Hölle war diese Stimme in seinen Kopf gekommen? „Okay, zeig mir deinen Plan. Wenn er okay ist, machen wir das.“

Als Ben einen Freudenschrei ausstieß, wurden die anderen Player aufmerksam. Finn schickte ihn zur Bar, um einen Drink zu holen. Prompt kamen Lincoln und Juliana, die neuen Mitglieder Scott und seine Freundin Amanda sowie Tucker, einer seiner besten Freunde, zu ihm. „Hallo, Leute.“ Finn sah, dass sie ihn alle vorwurfsvoll ansahen. „Mist, was habe ich verbrochen?“

Lincoln deutete mit dem Kopf hinüber zur Bar, wo Ben jetzt voller Begeisterung eine Geschichte erzählte. „Er ist ein toller Kerl. Sehr enthusiastisch.“

„Du wirst aus einer Kanone geschossen.“ Juliana betonte jedes einzelne Wort.

„Es hat sich herausgestellt, dass sie kein Schießpulver benutzen“, wiegelte Finn ab. „Man wird herauskatapultiert. Ein lauter Knall und ein bisschen falsches Pulver sollen das Ganze dann wie einen Kanonenschuss aussehen lassen. Es ist also überhaupt nicht so knallhart, wie du denkst.“

„Wirklich?“ Tucker klang enttäuscht. „Mist. Was für ein Nepp!“ Als die anderen ihn entrüstet anstarrten, zuckte er zusammen. „Ich meine …“

Finn grinste.

„Aber über den Everest müssen wir noch reden“, meinte Lincoln.

„Wie hast du davon gehört?“

Lincoln funkelte ihn an.

„Es ist nicht meine Schuld, dass Ben Hochgebirgsträger gefunden hat, die bereit sind, früher als geplant hinauf zum Basislager zu steigen“, protestierte Finn. „Ich gehe seinen Plan Punkt für Punkt durch und sorge dafür, dass alles sicher ist, bevor ich …“ Er hielt inne. „Du wusstest nichts davon, nicht wahr?“

„Früher als in sechs Monaten?“, fragte Lincoln wütend.

„Ich sorge dafür, dass es in Ordnung geht.“

„Dazu kann ich mein Einverständnis nicht geben. Wir haben schon weniger gefährliche Kunststückchen abgelehnt.“

Finn hatte seinen besten Freund selten so stocksauer und fix und fertig erlebt. „Du hast das getan“, erwiderte er und kam sich dann kindisch vor.

„Du würdest zu allem Ja sagen.“

Lincoln klang nicht wütend, sondern nur traurig. Vielleicht auch enttäuscht. Das wurmte Finn gewaltig. „Bei dir hört es sich so an, als suchte ich den Tod!“ Er erwartete ein paar Lacher. Aber plötzlich starrten ihn alle an, als machten sie sich genau deswegen Sorgen. „Meine Güte“, meinte er nach einem Moment. „Ich habe keine Todessehnsucht oder so etwas. Bestimmt nicht.“

„Ich sage nur, dass wir diese Mutprobe nicht gutheißen können“, sagte Lincoln.

„Heißt das, dass du dann mich und Ben aus dem Club wirfst?“ Er lachte, verstummte jedoch abrupt, als er den Gesichtsausdruck seines Freundes sah.

„Ich glaube, dass Ben vielleicht einen anderen Mentor braucht.“

Finn war beleidigt. „Ich habe ihn mitgebracht. Er kennt im Club sonst kaum jemanden.“

„Er kennt dich auch kaum.“ Lincoln deutete mit dem Kopf auf Ben, der jetzt ein lebhaftes Gespräch mit fünf Leuten gleichzeitig führte. „Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass er gut zurechtkommt.“

„Hör mir zu. Entweder du vertraust mir oder nicht. Was für ein Freund bist du?“

„Ich fordere eine Auszeit“, schaltete sich Juliana ein, als sie sah, dass ihr Mann vor Wut schäumte. „Lincoln, Liebling, holst du mir einen Drink?“ Ohne abzuwarten, ob er zustimmte, hakte sie sich bei Finn unter und zog ihn in eine Ecke. „Du bist uns wichtig. Auf eine kumpelhafte Art und Weise liegst du Lincoln sehr am Herz. Du bist seine Familie. Seine einzige Familie.“

„In mir Schuldgefühle zu wecken, ändert überhaupt nichts.“

„Du bist so halsstarrig. Lincoln wird nicht einfach an der Seite stehen und jubeln, wenn der Mensch, der wie ein Bruder für ihn ist, im Begriff ist, sich umzubringen.“

„Ich werde mich nicht …“ Ein Aufruhr stoppte abrupt die Unterhaltung. Finn entdeckte sieben Männer in dunklen Anzügen, die wie eine Gruppe Geheimdienstmitarbeiter aussahen. Obwohl der Türsteher darauf beharrte, dass es sich um eine Privatparty handelte, blieben die Männer, wo sie waren.

Bis der Blick des Anführers auf Finn fiel. Der Mann ging auf ihn zu und reichte ihm einen großen Umschlag. „Von Diana Song. Sie sagte, dass wir Ihnen den Umschlag sofort übergeben sollen. Sie wüssten, was Sie dann zu tun haben.“

Finn starrte ihn ungläubig an, bevor er in Gelächter ausbrach. „Ernsthaft? Okay, ich bin beeindruckt. Wie haben Sie mich gefunden?“

Der Mann zuckte die Schultern. „Das können Sie Diana Song fragen. Entschuldigen Sie uns.“ Er nickte Lincoln zu, bevor er mit den anderen Männern die Bar verließ.

„Was war das denn?“, fragte Juliana.

„Nur meine Familie …“ Finn lachte leise.

Lincoln kam zu ihnen und reichte Juliana den Drink. „Gibt es etwas, das ich wissen sollte, Finn?“

„Sie ist besser, als ich gedacht habe“, murmelte er und öffnete den Umschlag. Ja, sie war eine höllische Herausforderung. Er hatte nie bemerkt, dass er verfolgt worden war. Mit Diana hatte er den meisten Spaß seit … Als er die Dokumente sah, verschlug es ihm die Sprache. Es waren Fotos von Lincoln und einige Kontoauszüge. Versehen mit einer Notiz, die vermutlich Diana handschriftlich hinzugefügt hatte.

Anscheinend steht dein Freund Lincoln an der Spitze des Players Club. Außerdem scheint er auch Geldwäsche zu betreiben. Ich kann mir vorstellen, dass bei weiteren Nachforschungen mehr belastende oder peinliche Details ans Tageslicht kommen. Vielleicht ist es das Beste, wenn du den Club verlässt, bevor die Presse Wind davon bekommt.

Diana wurde aus dem Tiefschlaf gerissen, als jemand vehement an die Haustür klopfte. Ruckartig setzte sie sich auf. Ihr Herz hämmerte. Eine Polizeirazzia? Doch dann erinnerte sie sich, dass sie nicht mehr mit ihrer drogenabhängigen Mutter und einem Haufen Krimineller zusammenlebte. Sie schnappte sich den Baseballschläger sowie das Pfefferspray und ging zur Haustür.

„Verdammt, Diana. Mach die Tür auf!“

Finn. Er hatte sich so wenig in der Gewalt wie ein Dreijähriger. Wenn er heute Nacht den Umschlag bekommen hatte, hätte sie damit rechnen sollen, dass er sie morgens zur Rede stellte. Sie behielt das Pfefferspray in der Hand, als sie die Tür öffnete. „Nicht so laut“, ermahnte sie ihn. „Das ist eine ruhige Gegend.

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