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Küss mich endlich!

PROLOG

Caleb Martin lehnte sich an den Tresen im Fresco Club und beobachtete Shay White. Sie feierte die Tatsache, dass sie mit diesem Tag alt genug war, die ganze Nacht in einem erst ab achtzehn zugelassenen Club durchzutanzen.

Er gab sein Bestes nicht darauf zu achten, dass Shays rotes Seidenkleid ihre schmale Taille und jede sinnliche Bewegung ihrer schlanken, aber kurvigen Hüften betonte. Oh ja, dachte er, während er zusah, wie sie mit einem Mitschüler tanzte, das Kleid schmiegt sich viel zu verführerisch um ihren herzförmigen Po. Als besagter Junge die Hand auf ihre Taille legte und Shay näher an sich zog, verstärkte Caleb den Griff um sein Bierglas, bis er glaubte, es würde gleich zerspringen.

„Soll ich mich darum kümmern, oder willst du das tun, Caleb?“, fragte Kent White, Shays großer Bruder und sein bester Freund seit der Grundschule. Die schnelle Popmusik wechselte zu einem langsamen Blues, und die Hand des Jungen auf Shays Rücken rutschte tiefer.

Kent stellte sein Glas so hart ab, dass Bier herausspritzte. „Verdammt, nein.“ Er stürmte auf die Tanzfläche. Im Stillen feuerte Caleb ihn an, während er beobachtete, wie Shay ihr langes blondes Haar über die Schultern warf, die Hände in die Hüften stemmte und Kent angriffslustig anfunkelte.

Caleb hatte gewollt, dass die Hand von Shays Po verschwand, und das war nun der Fall. Sein Wunsch resultierte allerdings nicht aus brüderlichem Schutzinstinkt, auch wenn das eigentlich so sein sollte. Schließlich hatten die Whites ihn vor sechs Jahren bei sich aufgenommen und behandelten ihn wie ein Familienmitglied, nachdem er mit fünfzehn Jahren beide Elternteile verloren hatte. Er fühlte sich auch als Familienmitglied. In der Familie, in der alle blond waren und helle Augen hatten, sah er mit seinem hellbraunen Haar und den grünen Augen sogar äußerlich so aus, als würde er dazugehören.

Vor zwei Jahren dann, ungefähr zu der Zeit, als Shay sechzehn geworden war, hatte sie angefangen, mit ihm zu flirten. Schon damals war er schlau genug gewesen zu wissen, dass neunzehn zu alt für eine Sechzehnjährige war, abgesehen von der Tatsache, dass sie wie eine Schwester für ihn sein sollte. Also hatte er kurzerhand jeden ihrer Annäherungsversuche abgeblockt.

An diesem Abend jedoch bewirkten ihre neckischen Blicke und ihr aufreizendes Lächeln in Kombination mit diesem Kleid – diesem höllisch sexy Kleid –, dass der Mann in ihm geweckt wurde. Ständig fragte er sich, wie ihre Küsse wohl schmeckten, wie sie sich in seinen Armen anfühlen würde.

Als könnte sie seine Gedanken erraten, sah sie ihn an, und dieser Blick bewirkte, dass ihm heiß wurde. Er wäre ein Narr, wenn er glaubte, er könnte Shay widerstehen, sobald sie nächsten Monat auf die University of Texas ging, an der auch er studierte. Genau das war er aber ganz sicher nicht – ein Narr. Deshalb hatte er eine in der Familie lange debattierte Entscheidung getroffen und inzwischen offiziell gemacht. Er würde am Montag wegfahren, jedoch nicht zurück auf den Campus.

Shay wusste das noch nicht. Sie war die Einzige, die davon bisher nichts erfahren hatte. Er hatte allen anderen Familienmitgliedern das Versprechen abgenommen, nichts zu verraten, bevor sie ihren Geburtstag gefeiert hatte. Gerade erst hatte er seinen Einberufungsbefehl erhalten, und er wollte nicht, dass irgendetwas ihre Party verdarb oder seine Beziehung zu ihr oder zur Familie belastete. Sollte er der Versuchung nachgeben, die Shay White für ihn darstellte, würde aber genau das passieren, so viel stand fest. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden.

Seine Gefühle überwältigten ihn, und er unterbrach den Blickkontakt zu Shay. Er rieb sich kurz das Kinn, stellte sein Bier ab und ging zur Toilette. Ab morgen war er ein Soldat, genau wie sein Dad, der als Held gestorben war, als er das Leben eines anderen Soldaten gerettet hatte. Zur Army zu gehen war die richtige Entscheidung. Caleb fühlte sich schon ziemlich lange berufen, und endlich folgte er seiner Bestimmung.

Ein paar Minuten später verließ er die Toilette und trat auf den engen Gang hinaus. Seine Stiefel scharrten beim Gehen leise über den Holzfußboden. Da entdeckte er Shay, die auf ihn wartete.

„Die Army?“, rief sie. „Und wann genau hattest du vor, mir das zu erzählen?“

„Danke, Kent“, sagte er leise zu sich selbst. „Ich wollte es dir sagen, Shay. Bloß nicht an deinem Geburtstag, Kent wusste das genau.“

„Nicht“, schluchzte sie und warf sich ihm in die Arme.

Sie war warm und anschmiegsam.

„Geh nicht.“ Sie hob das Kinn und sah ihn an, Tränen in den Augen. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass dir irgendetwas passieren könnte.“

Weitere dieser verdammten unerlaubten Gefühle stiegen in ihm hoch. „Mir wird nichts passieren“, versprach er.

„So, wie deinem Vater nichts passiert ist?“, fragte sie. „Nein. Ich lass dich nicht gehen. Ich …“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und presste die Lippen auf seinen Mund. Caleb erstarrte einen Moment lang, dann gewannen seine Gefühle die Oberhand. Sie hatte recht. Sein Vater war im Krieg gestorben und seine Mutter an einem Herzanfall. Auch er konnte sterben. Wenn er erst fort war, kam er möglicherweise nie mehr zurück. Doch wenn, wollte er ohne Reue sterben. Und er würde es auf jeden Fall bereuen, wenn er Shay niemals geküsst hätte …

Er schob die Hände in ihr Haar und küsste sie – zuerst tief und gefühlvoll, dann leidenschaftlich. Dabei genoss er das zaghafte Drängen ihrer Zunge gegen seine. Shay schmeckte herrlich. Ein kaum hörbares Seufzen entschlüpfte ihr, während sie ihren Körper an seinen presste, und steigerte seine Erregung.

Plötzlich ertönte Gelächter, und Stimmen näherten sich. Rasch beendete Caleb den Kuss und wich von Shay zurück. Schuldgefühle breiteten sich in ihm aus. „Tut mir leid. Das hätte nicht passieren dürfen. Das war falsch.“

„Mir nicht“, flüsterte sie. „Mir tut es nicht leid.“

Kent kam um die Ecke und beendete dadurch ihr Gespräch. Der intime Augenblick war vorbei, aber die Erinnerung an den Kuss blieb. Dies war kein einfacher Kuss, der bloß geschehen war, dachte Caleb. Er hatte alles für ihn und Shay verändert. Ein Kuss, würdig, einen Mann zur Army ziehen zu lassen und damit vielleicht sogar in den Krieg. Dieser Kuss, fand Caleb, war ebenso Bestätigung, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

1. KAPITEL

„Kommt er?“

„Wer soll kommen?“

Shay ließ das Messer sinken, mit dem sie die Glasur auf die Torte zum vierzigsten Hochzeitstag ihrer Eltern strich, und blickte ihren älteren Bruder Kent an. „Du weißt, wer.“

„Caleb“, sagte er und fischte in der Schüssel neben der Torte nach einer Erdbeere.

Shay schlug ihm auf die Finger. „Nichts essen, bevor die Gäste angekommen sind! Und von wem sonst sollte ich wohl reden? Natürlich frage ich nach Caleb.“ Allein der Klang seines Namens verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch. „Also kommt er nun?“

Kent schnappte sich noch eine Erdbeere und biss davon ab. „Ja, das hat er vor. Warum sollte er nicht kommen? Schließlich ist heute Moms und Dads Hochzeitstag. Sie sind auch seine Eltern.“

„Er ist schon ein paar Monate nicht mehr bei der Army, und ich habe ihn noch immer nicht zu Gesicht bekommen. Deshalb frage ich.“ Und weil sie ihn an ihrem achtzehnten Geburtstag vor zehn Jahren geküsst hatte. Seitdem waren sie einander kaum begegnet. „Innerhalb von zehn Jahren ist er überhaupt nur ein paar Mal nach Hause gekommen.“

Kent schnaubte. „Was erwartest du denn? Er war bei den Special Forces. Eine Eliteeinheit, über die er nicht einmal reden darf. Außerdem hast du ihn vielleicht nicht gesehen, seit er zu Hause ist, aber ich schon.“

„Weil du zu einem Fallschirmspringkurs unter seiner Leitung gegangen bist und dich aus einem Flugzeug gestürzt hast.“ Kent arbeitete als Handelsvertreter für eine führende Sportartikelfirma, und der Körper ihres Bruders war nicht zufällig athletisch und sonnengebräunt. Bei ihm drehte sich alles um Sport, je extremer desto besser. „Du bist zu ihm gegangen, Kent, er ist nicht zu dir gekommen.“

„Er versucht eben, sein Unternehmen in Gang zu bringen“, erklärte er. „Sei nicht so streng mit ihm. Das bedeutet nichts weiter. Seit du deine schicke Psychologie-Praxis aufgemacht hast, liest du immer viel zu viel in alles rein.“

„Ich will bloß nicht, dass Mom und Dad enttäuscht sind“, erwiderte sie. „Heute ist ein besonderer Tag.“

„Er wird da sein“, versicherte ihr Bruder. Die Türglocke läutete. „Das muss der Caterer sein.“ Er sah auf die Uhr. „Nicht eine Minute zu früh. Dreißig hungrige Leute, die auf unserem Garten herumstreunen, könnten unangenehm werden.“ Er wollte schon an die Tür gehen, überlegte es sich dann aber doch noch einmal anders und sagte: „Hör auf, dir Sorgen zu machen. Er wird kommen, und Mom und Dad werden einen wunderschönen Tag erleben.“

Sie nickte halbherzig. Kent musterte sie durchdringend, bis die Türglocke erneut läutete. Daraufhin kratzte er sich am Kinn und ging endlich. Er hatte den Verdacht, dass hinter ihrem Verhalten mehr steckte als schlichte Sorge um ihre Eltern, das hatte sie an seinem Blick erkannt. Wahrscheinlich würde er deswegen später Fragen stellen, die sie ihm ganz bestimmt nicht beantworten würde.

Shay schob sich das Haar hinter die Ohren und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie trug ein schlichtes Strandkleid über ihrem Badezeug. Da sie auf dem College Rettungsschwimmerin gewesen war, hatte ihre Mutter sie eingeteilt, ein Auge auf die vielen Kinder auf der Feier zu haben.

Caleb war früher auch bei den Rettungsschwimmern, dachte Shay. Immer wieder holte die Erinnerung an ihn sie ein. Gerade jetzt sah sie ihn in ihrer Vorstellung in der roten Badehose vor sich, seinen nackten Oberkörper mit den perfekt geformten Brustmuskeln. Sein hellbraunes Haar war mit hellen, von der Sonne gebleichten Strähnen durchzogen gewesen. In seinen grünen Augen schimmerten kleine bernsteingelbe Punkte, und er trug eine Trillerpfeife um den Hals. Sogar diese Pfeife sah sexy an ihm aus. Wie oft hatte sie sich geschworen, eines Tages in diese Trillerpfeife zu blasen? Das war wirklich albern.

Sie schüttelte den Kopf, entsetzt darüber, wie lächerlich deutlich sie sich zudem seine „Trillerpfeife“ ins Gedächtnis rufen konnte. Immerhin war es über zehn Jahre her, seit Caleb besagte rote Badehose getragen hatte. Oder wie leicht es ihr fiel, sich an den Moment zu erinnern, als sie die Lippen auf seinen Mund gepresst hatte, und wie wundervoll straff und geschmeidig er sich angefühlt hatte. Caleb hatte leise gestöhnt, und ihr war klar geworden, dass er diesen Kuss genauso wollte wie sie, auch wenn er niemals den ersten Schritt unternommen hätte. Als er eine Hand auf ihren Rücken gelegt hatte und sie an sich zog, hatte sie geseufzt.

Natürlich war ausgerechnet in diesem Augenblick Kent aufgetaucht und wie vom Blitz getroffen war Caleb zurückgewichen und hatte gesagt, der Kuss sei ein Fehler gewesen.

Nach einem peinlich berührten Familienabschied am nächsten Tag, zumindest peinlich für sie beide, reiste er ab. Während der wenigen Male, in denen er in den letzten zehn Jahren nach Hause kam, war die Spannung, die Anziehung, zwischen ihnen unangenehm deutlich gewesen. Und jetzt, wo er nicht mehr zur Army zurückmuss, geht er mir aus dem Weg, dachte Shay. Das bedeutete, er mied die Familie, ihre gemeinsame Familie.

Sie straffte ihre Schultern, als ihr klar wurde, was sie zu tun hatte. So konnte es nicht weitergehen. Liebe Güte, sie war Therapeutin. Sie half Menschen, mit Problemen umzugehen, und sie wusste, dass sie darin gut war. Jetzt musste sie sich eben auch einmal um die eigenen Angelegenheiten kümmern. Caleb und sie würden miteinander reden und klären, was auch immer zwischen ihnen vorging, statt davor wegzulaufen. Der Schaden war sowieso schon angerichtet.

Sie wollte nach dem Messer greifen, um die Torte fertig zu bestreichen, hielt jedoch inne und stützte sich auf der Arbeitsplatte aus Marmor ab. Wem versuchte sie etwas vorzumachen? Mit einem Gespräch löste sich gar nichts. Ein Gespräch würde niemals die hochexplosive sexuelle Spannung zwischen ihnen abbauen. Bei genauerem Nachdenken kam sie nur auf eine mögliche Lösung. Es war eine drastische Lösung. Sie musste Caleb erneut küssen. Er und sie mussten ein für alle Mal klären, was da zwischen ihnen ablief. Wenn sie es noch einmal taten, wäre es ziemlich wahrscheinlich, dass ihr dieser Kuss gar nichts bedeutete. Dann wäre die ganze Situation endlich entspannt. Wäre das nicht eine echte Erleichterung?

Die heißeste Frau, die Caleb je im Leben gesehen hatte, balancierte in einem rot-weiß gepunkteten Bikini auf dem Sprungbrett. Außerdem war sie die achtundzwanzigjährige „kleine“ Schwester seines besten Freundes. Und da besagter Freund direkt neben ihm stand, versuchte Caleb sich nicht anmerken zu lassen, wie scharf sie ihn machte. Das war nicht leicht, denn seit er sich erinnern konnte, fühlte er sich in Shay Whites Gegenwart immer wie ein Teenager, der seine sexuelle Begierde nicht im Griff hatte.

Wenn Shay ihn damals nicht in Versuchung geführt und stetig provoziert hätte, wäre er möglicherweise gar nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten und zur Army gegangen. Sie hatte praktisch den ausschlaggebenden Anstoß für seine Entscheidung gegeben.

Caleb beobachtete sehr genau, wie sie auf dem Brett auf und ab sprang, als wollte sie ihn absichtlich in ihren Bann ziehen. Für ihn gab es nur noch den Augenblick und Shay auf dem Sprungbrett. Shay in einem Bikini, der einerseits absolut angemessen für die Hochzeitstagfeier im Garten ihrer Eltern war, andererseits aber genug nackte Haut zeigte, um seine Fantasie auf Hochtouren zu bringen.

Ein weiterer Sprung und ihr schlanker, geschmeidiger Körper schwebte anmutig gebogen und dann perfekt gestreckt in Richtung Wasseroberfläche. Caleb ließ den Blick von den Fingerspitzen über ihr schulterlanges blondes Haar und weiter bis zu den umwerfenden langen Beinen gleiten, bis sie schließlich in die blaue Tiefe des Pools eintauchte. Sein Herz hämmerte. Eigentlich müsste Shay das Poolwasser zum Kochen bringen, mit seinem Blut hatte sie das jedenfalls geschafft. Diese Frau war heißer als die späte Julisonne in Austin, Texas, die im Augenblick durch Schleierwolken vom Himmel herunterbrannte.

„Sie stand schon immer gern im Mittelpunkt.“

Caleb blinzelte und erinnerte sich daran, dass Kent neben ihm stand.

„Ja“, stimmte er zu und trank einen Schluck eisgekühltes Bier aus der Flasche in seiner Hand. Das war jetzt nötig. „Shay war immer der Mittelpunkt.“ Kent hatte ja keine Ahnung, wie hundertprozentig das für ihn galt.

„Caleb!“

Sharons warme, freundliche Stimme erklang hinter ihnen. Caleb drehte sich um und landete direkt in ihren Armen.

„Alles Gute zum Hochzeitstag. Vierzig Jahre sind etwas, worauf man wirklich stolz sein kann, Sharon“, sagte er.

„Danke, mein Sohn“, erwiderte sie, während sie ihn noch immer festhielt. Schließlich lehnte sie sich zurück und musterte ihn gründlich. „Nachdem Bob und ich das Lehrerdasein an den Nagel gehängt haben, planen wir, uns ein bisschen zu amüsieren.“

„Das verdient ihr auch.“ Caleb dachte daran, wie sehr sie beide in ihrem Beruf als Highschool-Lehrer aufgegangen waren. Mit fünfzehn war er Kents bester Freund und einer von Sharons Schülern gewesen, als seine leibliche Mutter, die sich abgemüht hatte, um ihn alleine aufzuziehen, an einem Herzanfall starb. Sein Vater war ein paar Jahre zuvor bei einem Militäreinsatz in Übersee ums Leben gekommen.

Ein vertrauter Duft rief Erinnerungen an die Zeit zurück, als Sharon seine zweite Mom geworden war. „Riechst du nach Zuckerplätzchen“, fragte er, „oder bilde ich mir das nur ein?“

„Du hast früher ständig gebettelt, dass ich welche backe.“ Sharon lächelte. „Deshalb habe ich ein ganzes Blech gemacht und für dich in der Vorratskammer versteckt. Ich muss mir ja anscheinend irgendwas einfallen lassen, damit du mich besuchst.“ Sie verzog die Lippen. „Du bist jetzt schon zwei ganze Monate nicht mehr in der Army, und ich habe dich in dieser Zeit erst zweimal gesehen, wenn man heute mitzählt. Schäm dich, Caleb Martin.“

Schuldbewusst senkte Caleb den Kopf. „Tut mir leid.“ Er bedauerte wirklich, dass seine Sorge, Shay über den Weg zu laufen, ihn davon abgehalten hatte, Sharon und ihren Ehemann Bob zu besuchen. Sharon war sein Fels in der Brandung gewesen – sie hatte ihm oft beigestanden, wenn er traurig war, und ihm geholfen, seinen Platz im Leben zu finden. „Du wirst mich ab jetzt ganz bestimmt öfter sehen.“

Die feinen Linien um Sharons wache hellblaue Augen vertieften sich, während sie ihn prüfend musterte. In einer mütterlichen Geste berührte sie sein Haar und dann sein Kinn.

„Du siehst müde aus.“ Sie seufzte. „Ihr arbeitet zu viel, du und deine Freunde. Ich verstehe ja, dass ihr eure Fallschirmsprungschule zum Laufen bringen wollt, aber ihr könnt nicht ständig aus Flugzeugen springen, ohne euch zwischendurch auszuruhen.“

Caleb überlegte kurz. Sie wollte ganz bestimmt nicht hören, dass bis vor gut zwei Monaten Schlaf noch purer Luxus für ihn gewesen war. Stattdessen war es die Norm, zu jeder Tages- und Nachtzeit mit dem Fallschirm in irgendeinem gefährlichen Land zu landen. Also versprach er: „Ich werde vorsichtig sein, aber ich muss hart arbeiten und mit meiner Firma ‚Hotzone‘ Erfolg haben, wenn ich Zivilist bleiben will.“ Das hatte er tatsächlich vor, obwohl es vor einem Jahr noch unvorstellbar für ihn gewesen war.

„Zivilist bleiben …“, ertönte eine sanfte Stimme hinter ihm.

Shay.

In der Sekunde, bevor er sich umdrehte, breitete sich in kleinen Wellen Spannung in seinem Körper aus. Dann sah er Shay an. Die großartige, zierliche und lebhafte Shay hatte sich ein Badetuch um den schlanken Körper gewickelt und trocknete sich mit einem kleineren Handtuch das weizenblonde Haar. Ihre hellblauen Augen blitzten ihn übermütig und herausfordernd an.

„Shay“, warnte Sharon sie, „ärger Caleb nicht.“ Sie lachte und stieß Caleb mit dem Ellbogen an. „Oder besser… Bitte, tu es. Ich finde es einfach wunderschön, meine drei Kinder wieder mal ein bisschen harmlos balgen zu sehen.“

Kinder? Balgen? Kent und er waren einunddreißig. Shay war gerade mal drei Jahre jünger. Man konnte sie kaum mehr Kinder nennen. Im Übrigen wäre eine Balgerei zwischen ihr und ihm kaum harmlos ausgegangen.

„Ihr beiden Damen solltet euch benehmen.“

Diese scherzhafte Rüge kam von Bob White, der sich zu ihnen gesellte. Er hatte Khaki-Shorts an und trug stolz ein T-Shirt mit der Aufschrift „Die Vierziger sind die neuen Dreißiger“. Sein ehemals blondes Haar war nun silbergrau, doch er war immer noch groß und athletisch gebaut und wirkte optisch wie eine ältere, lebenserfahrenere Ausgabe seines Sohnes.

„Gönnt Caleb mal ein bisschen Ruhe“, forderte Bob. „Er baut gerade ein neues Unternehmen auf.“ Er küsste Sharon auf die Wange und legte dann Caleb eine Hand auf die Schulter. „Komm, Junge! Nimm den alten Mann hier mal in die Arme.“

Sie umarmten sich herzlich und klopften sich dabei gegenseitig auf den Rücken.

„Und wo bleibt meine Umarmung?“, fragte Shay.

Caleb erstarrte. Sofort fiel ihm ein, wie Shay sich an ihrem achtzehnten Geburtstag in seinen Armen angefühlt hatte. Diese Umarmung hatte alles verändert. An jenem Abend hatte er sich vergessen und sie geküsst. Falls sie nicht gestört worden wären, wäre vielleicht sogar noch mehr passiert. Nein, sagte er sich, vielleicht war das falsche Wort. Er hätte ganz sicher nicht widerstehen können. Die Anziehung, die von Shay ausging, war unfassbar stark und schien mit den Jahren sogar noch zugenommen zu haben. Es war ein bisschen so, wie bei gutem Wein, der über die Jahre reift und schließlich unwiderstehlich schmeckt. Diese Lektion hatte er bei den wenigen Besuchen zu Hause lernen müssen. Jetzt stand Shay direkt vor ihm, und ihre Nähe machte ihn wie immer verrückt.

„Es sei denn, du hast Angst, dabei nass zu werden“, sagte sie spöttisch und ließ den Blick über seine Jeans und sein T-Shirt gleiten.

Mit dieser Kleidung bildete er einen Kontrast zu allen anderen Anwesenden, die entweder Badesachen oder Shorts und lässige Strandkleidung trugen.

„Du bist wirklich nicht für den Pool angezogen.“ Sie grinste. „Du weißt aber schon, was Poolparty bedeutet, oder?“

Im Grunde genommen hätte er nichts lieber getan, als mit Shay in den Pool zu springen, mit nichts zwischen ihnen als den dünnen Stoff ihrer Badesachen, aber genau deswegen war er in voller Montur erschienen.

Er wappnete sich innerlich vor der Wirkung, die diese unvermeidliche Umarmung gleich auf ihn haben würde, und beschloss, sofort danach auf die andere Seite des Pools zu flüchten. Entschuldigend hob er die Bierflasche und versuchte, mit einer kurzen, einarmigen Umarmung davonzukommen. „Wie geht’s dir denn so, Shay?“

Sie schlang sofort die Arme um seinen Nacken und verhinderte ein Ausweichen. Die Umarmung musste für unbeteiligte Beobachter herzlich und harmlos wirken, während Shay ihren warmen, kurvigen Körper an ihn schmiegte, doch sie beide wussten, dass mehr dahintersteckte. Caleb sehnte sich seit langer Zeit danach, sie in den Armen zu halten. Er wollte sie an sich ziehen, er wollte ihren Duft einatmen und ihn verinnerlichen.

Im Lauf eines Jahrzehnts hatte er als Soldat in einer Spezialeinheit die Welt bereist, und natürlich hatte es für ihn andere Frauen gegeben. Doch er hatte es nie bedauert, sie verlassen zu müssen, wenn er an einen anderen Einsatzort gerufen wurde. Shay verlassen zu müssen hatte er dagegen sehr bedauert. Er fragte sich oft, ob seine Gefühle für sie der Grund waren, weshalb keine andere Frau ihm jemals mehr bedeutet hatte. Fraglos hatte sie ihn vor langer Zeit tief im Innern berührt und nie wieder losgelassen.

„Du hast mir gefehlt, Caleb“, sagte sie dicht an seinem Ohr.

Du hast mir auch gefehlt, dachte er, schwieg jedoch, denn er hatte Angst, dass die anderen hören würden, dass er diese Worte als Mann sagte und nicht als Bruder. Doch er war ihr Bruder. Geschwister blieben für immer miteinander verbunden. In dem Augenblick, da mehr aus Shay und ihm wurde, wären sie wie jedes andere Paar. Sie könnten sich zerstreiten und anfangen, einander zu hassen. Er würde dadurch mehr als nur sie verlieren – er würde seine ganze Familie verlieren. Ein zweites Mal. Nie wieder wollte er durchmachen, was er als Teenager hatte durchstehen müssen.

Also schnappte er sich das nasse Handtuch, das sie ihm über die Schulter gelegt hatte, und trat einen Schritt zurück. „Danke für die feuchte Schulter, Shay-Shay“, neckte er sie in Erinnerung an früher. Mit diesem spielerischen Umgangston brachte er ihre Beziehung wieder dorthin, wo sie hingehörte. Sie waren Geschwister, die sich wie üblich gegenseitig aufzogen.

„Oh Mann“, protestierte sie und nahm ihm das Handtuch weg. „Nenn mich nicht so. Du weißt, dass ich das hasse.“

Kent lachte. „Dir hat es gefallen, als du dreizehn warst …“

„Dreizehn“, stieß sie aus. „Damals habe ich auch gern ‚Verkleiden‘ in Moms Ankleidezimmer gespielt.“

„Und du hast dich in Shay-Shay Vavoom verwandelt“, stichelte Kent weiter.

„Ich hasse dich, Kent“, fauchte sie ihren Bruder an. „Ich hasse dich wirklich.“

Kent lachte nur noch mehr. „Für einen Bruder ist diese Aussage das ultimative Kompliment, richtig Caleb?“

„Richtig“, stimmte Caleb ihm zu. Dieses Gespräch führte genau dahin, wo er es haben wollte. Zufrieden wollte er einen Schluck Bier trinken, da riss Shay ihm die Flasche aus der Hand. Dabei streiften sich ihre Fingerspitzen und seine Haut kribbelte an der Stelle, wo sie ihn berührt hatte.

„Ich bin die Jüngste“, sagte sie und nahm einen Schluck. „Ich bekomme immer, was ich will.“

Während diese Bemerkung auf jeden anderen völlig unschuldig wirkte, wusste er genau, dass sie alles andere als unschuldig gemeint war.

Caleb nahm Shay die Flasche aus der Hand. „Es ist schon komisch mit diesem Bier“, sagte er. „Ich habe es mir aus der Küche geholt, und jedes Mal, wenn ich diese Küche betrete, fällt mir eine gewisse Jeans ein, die dir wirklich viel bedeutet hat.“

Ein wenig entsetzt sah Shay ihn an. „Denk nicht mal dran, Caleb“, warnte sie ihn.

Kent grinste. „Oh ja. Diese verdammte Jeans.“

„Das gilt auch für dich, Kent“, sagte sie. „Oder ich organisiere nicht dieses Blind Date mit Anna, um das du mich gebeten hast.“

Bob lachte. „In dem Fall muss wohl ich für uns alle sprechen. Warum, um alles in der Welt, hast du die Jeans überhaupt in den Backofen gesteckt? Erklär mir das mal. Das wollte ich schon immer wissen.“

„Diese Frage habe ich schon tausendmal beantwortet“, erklärte sie und verzog ärgerlich die Lippen. „Ich war damals sechzehn. Sechzehn! Jetzt bin ich achtundzwanzig und, ich darf hinzufügen, eine zugelassene Psychologin. Ich helfe Menschen Traumata zu verarbeiten, die durch schlimme Erfahrungen entstanden sind. Für den Fall, dass du das nicht weißt, Daddy, diese Geschichte war eine schlimme Erfahrung.“

„Der Wäschetrockner war kaputt“, erklärte Caleb, als auf Bobs Gesicht völlig unnötig ein schuldbewusster Ausdruck auftauchte. Egal, wie aufgebracht Shay wirkte, sie würde mit den Spötteleien fertig werden. Er liebte es, wenn ihre Wangen sich röteten und ihre Augen förmlich Funken sprühten. „Sie brauchte ihre beste Jeans für eine Party.“ Diese Jeans hatte er ebenfalls besonders gemocht. Sie hatte fabelhaft gesessen und Shays knackigen Po besonders vorteilhaft zur Geltung gebracht.

Shay warf ihm einen scharfen Blick zu, der das Lächeln aus seinem Gesicht wischte. Mit ziemlicher Sicherheit wäre sie sonst wohl auf ihn losgegangen.

Sharon seufzte. „Männer verstehen einfach nicht, wie wichtig die perfekte Jeans für eine Frau ist“, verteidigte sie ihre Tochter. „Eigentlich war das ziemlich schlau, sie in den Backofen zu schieben. Das war wie Wäschetrocknen in einer Sauna. Ich finde, damit hat Shay Initiative und Einfallsreichtum gezeigt.“

Bob riss verständnislos die Augen auf. „Seit wann nennt man es einfallsreich, die Küche abzufackeln?“

„Wie viele Experimente, glaubst du, sind dem berühmten Erfinder Thomas Edison schiefgegangen?“, entgegnete Sharon.

„Was hat sie denn versucht zu erfinden?“ Bob gab nicht auf. „Die schnellste Art und Weise, das Haus ihrer Eltern zu zerstören?“

„Wenn du den Herd vielleicht nur auf warm gestellt hättest und nicht auf höchste Stufe, Shay-Shay“, sagte Kent in väterlichem Ton, nachdem er einen Schluck Bier getrunken hatte, „dann wäre aus deinem tollen Einfall möglicherweise kein zündender Reinfall geworden.“ Er warf Caleb einen Blick zu. „Was denkst du?“

„Ich hab den Herd nicht auf höchste Stufe gestellt!“, widersprach Shay lautstark, bevor er etwas erwidern konnte.

Sie stemmte die Hände in die Hüften, wie sie das immer tat, wenn sie wütend war und dabei rutschte das Handtuch bis zu ihrer Taille hinunter. Beim Anblick ihrer festen Brüste, die mit nichts als einem kleinen Bikinioberteil bekleidet waren, musste Caleb schlucken.

„Ich hatte den Herd auf warm gestellt, als ich zum Duschen ging. Wie sollte ich denn ahnen, dass die Hose in Flammen aufgehen würde?“ Mit einer Hand griff sie nach dem Badetuch und mit der anderen machte sie eine wütende Geste in Richtung Kent und Caleb. „Wie kommt es eigentlich, dass ich jedes Mal von einer Erwachsenen zum Teenager werde, der sich verteidigen muss, sobald ihr beide anwesend seid?“

Kent grinste. „Betrachte es als Geschenk.“

Sie schnaubte aufgebracht. „Ich habe ein Geschenk für dich, Kent“, sagte sie. „Und ihr Name ist nicht Anna.“ Sie fixierte Caleb. „Ich weiß, was du gerade beabsichtigst, Caleb Martin, aber das wird nicht funktionieren. Dein Spiel kann von zweien gespielt werden. Merk dir das.“

Bevor er darauf reagieren konnte, machte sie auf dem Absatz kehrt und stolzierte zum Pool zurück, wo sie das Badetuch fallen ließ. Es glitt auf den Boden, und er konnte ihren sexy Po bewundern. Innerlich stöhnte Caleb auf. Das einzige Spiel, das er nach der Party spielen würde, hieß „lange kalte Dusche“.

2. KAPITEL

Caleb war ziemlich lange fort gewesen, aber das Werfen von Hufeisen war anscheinend immer noch beliebt. Er spülte ein weiteres Bier hinunter, während er Kent dabei zusah. Ungefähr sieben oder acht Personen, die alle entweder zur Familie gehörten oder Freunde waren, hatten sich zum Spielen versammelt. Caleb kannte ein paar.

Bob stieß bellendes Gelächter aus, als Kents Wurf ungefähr so nah am Ziel landete, wie Caleb bei dem Versuch erfolgreich war, so zu tun, als wüsste er nicht ständig genau, wo Shay sich gerade aufhielt. Vor wenigen Minuten hatte sie im Pool auf die Kinder aufgepasst und mit ihnen gespielt. Die süße, bewundernswerte Shay half immer gerne.

Als er vor ein paar Jahren zu Besuch nach Hause gekommen war, hatte es ihn nicht überrascht, dass Shay ehrenamtlich in der College-Beratungsstelle jobbte. Diese Arbeit hatte vermutlich sogar zum Wechsel ihres Studienfachs beigetragen, denn sie studierte irgendwann nicht mehr Wirtschaft, sondern Psychologie. Schon früher hatte sie jedes streunende Tier aufgenommen, das ihr über den Weg lief. Im Prinzip war es genau das, was ihre Familie auch mit ihm gemacht hatte. Die Whites hatten alles getan, was in ihrer Macht stand, damit er sich ihnen zugehörig fühlte. In der Army hatte er ebenfalls eine Art Zugehörigkeitsgefühl entwickelt, aber keinen Familiensinn – das hatten nur die Whites geschafft.

„Hast du auf die Auffahrt draußen gezielt, Kent?“, erkundigte sich Bob, während Kent sein Gesicht mit den Händen bedeckte und sich über seinen schrecklichen Wurf ärgerte. Kent hatte Bier noch nie gut vertragen. Caleb hatte fast vergessen, wie unterhaltsam diese Tatsache sein konnte. Er hatte in den letzten Jahren vieles verpasst, auch wenn er das lange nicht zugeben wollte und sich vormachte, er würde nichts vermissen.

Kent warf ihm einen finsteren Blick zu. „Willst du nicht auch noch deinen Senf dazugeben?“

„Nee, Mann“, sagte Caleb mit unschuldiger Miene. „Mir ist klar, dass du selbst weißt, wie schlecht dieser Wurf war, da muss ich dich nicht extra darauf hinweisen.“

Rick Jensen, Kents Kumpel, der sich zu ihnen gesellt hatte, meinte: „Du gibst dem Slogan ‚Just Do It‘ eine ganz neue Bedeutung.“

Rick arbeitete als Arzt für das Baseballteam der University of Texas und spielte offensichtlich auf Kents Angewohnheit an, im Alltag häufig Werbeslogans zu zitieren.

„Du musst gerade reden, Rickster“, erwiderte Kent und schnappte sich seine Bierflasche von der Stelle, wo er sie auf dem Boden abgestellt hatte. „Wir wissen doch beide, dass du die Bedeutung von ‚Just Do It‘ gar nicht kennst, denn sonst hättest du Shay inzwischen wenigstens mal gefragt, ob sie mit dir ausgeht.“

Caleb war nicht sicher, wessen Kinnlade tiefer herunterklappte – Ricks, Bobs oder seine. Es war ein denkbar knappes Ergebnis.

„Verdammt, Kent“, schimpfte Rick, der plötzlich trotz der gebräunten Haut ziemlich blass wirkte. „Warum kannst du nie deine Klappe halten?“

„Nun, Schweigsamkeit gehört nicht gerade zu seinen hervorstechenden Eigenschaften“, sagte Bob trocken. „Man musste dem Jungen nicht mal einen Klaps auf den Hintern geben, als er auf die Welt kam. Er schrie schon damals von ganz alleine.“

Shay und ihr Liebesleben gingen Caleb nichts an, weshalb also sträubten sich ihm dann sämtliche Nackenhaare, weshalb bekam er eine Gänsehaut?

„Du wartest immer auf ein Zeichen“, fuhr Kent an Rick gewandt fort, als hätte er die Bemerkung seines Vaters gar nicht gehört. „Da wartest du vergeblich. Shay gehört nicht zu den Frauen, die flirten. Da ist sie altmodisch. Sie wird nicht auf dich zukommen. Du wirst dich überwinden und den ersten Schritt machen müssen.“

Rick wirkte nicht überzeugt, machte den Mund auf und schloss ihn wieder, ohne etwas zu sagen.

Bob musterte ihn. „Was beunruhigt dich denn, Junge?“

Seine Frage ließ Caleb erstarren. Bob mochte diesen Kerl. Verflixt, er selbst mochte Rick. Nein, er hasste ihn.

„Sie ist nett zu mir“, sagte Rick nach kurzem Zögern. „Aber nicht übermäßig. Falls sie mich abblitzen lässt, möchte ich nicht, dass sich jemand von euch später in meiner Gegenwart unwohl fühlt.“ Er lachte. „Oder dass Kent mir in den Hintern tritt, weil ich sie verrückt mache oder so was.“

Genau darum ging es. Rick hatte gerade in Worte gefasst, was Caleb fühlte. Dabei gehörte Rick nicht einmal zur Familie.

„Zum Mitschreiben“, verkündete Kent. „Meine Schwester ist eine Lady, aber sie gibt sich nicht mit Schrott ab. Sie wird dir persönlich in den Hintern treten, wenn du die Sache versaust. Dazu braucht sie mich nicht. Aber du musst dich schon vorher mit ihr verabreden, damit überhaupt jemand von uns die Chance bekommt, dir in den Hintern zu treten.“

„Und ich möchte nichts lieber als euch diese Chance geben“, erwiderte Rick sarkastisch. „Mann, du bist nicht gerade hilfreich.“

Kent seufzte frustriert und wandte sich an Caleb: „Sag du’s ihm. Sag Rick, wenn er Shay will, muss er den ersten Schritt machen.“ Er wies in die gegenüberliegende Ecke des Gartens zu den Tischen, auf denen das Büfett hergerichtet war. Dort stand seine Schwester.

Caleb schaute hinüber und stellte erleichtert fest, dass sie jetzt ein gehäkeltes weites Oberteil über dem Bikini trug, sodass er sie nun anschauen konnte, ohne sofort eine Erektion zu bekommen. Mann, bin ich erbärmlich, dachte er gereizt.

„Mach es. Jetzt. Heute. Frag sie, ob sie mit dir ausgeht“, drängte Kent seinen Kumpel Rick.

Caleb fühlte sich ebenfalls angesprochen und dachte über das nach, was Kent gesagt hatte. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass Shay nicht auf ihn zukommen würde. Es war nicht ihre Art, sich an Männer heranzumachen. Kent hatte recht, aber an ihn hatte sie sich herangemacht. Früher schon und sogar heute hatte sie offen mit ihm geflirtet, hatte ihn umarmt, ihn festgehalten und ihren sinnlichen Körper an ihn gepresst, ihn bewusst gereizt. Möglicherweise hieß es, dass sie ihn wirklich begehrte. Oder vielleicht bedeutete es auch nur, dass sie eine verdorbene Seite hatte, die er nicht kannte – dass sie es genoss, ihn zu verhöhnen, weil sie wusste, er würde es niemals wagen, seinem Verlangen nachzugeben. Wenn sie tatsächlich zu solchen Spielchen fähig wäre, würde es ihm leichtfallen, sich von ihr abzuwenden. Doch tief im Innern wusste er genau, dass Shay nicht verdorben war.

„… verschiebe nicht auf morgen. Richtig, Caleb?“

„Richtig, was?“

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, wiederholte Kent und ballte eine Hand zur Faust. „Mach es, Rick.“

Caleb holte tief Atem und hob sein Bier. „Wenn du es machen willst, dann mach es.“ Am besten hier und jetzt, wo er Rick in seinen Doktor-Gutmensch-Hintern treten konnte, sollte er sich danebenbenehmen. Was er natürlich nicht tun würde. Schließlich war er ein netter Kerl. Doch die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.

Caleb musste wieder daran denken, wie Shay sich damals auf die Zehenspitzen gestellt und ihre vollen Lippen auf seine gepresst hatte. Er erinnerte sich an ihre Zunge, mit der sie zögernd seine berührt hatte. Beinahe hätte er aufgestöhnt.

„Du hast den Mann gehört“, sagte Kent. „Just do it.“

Rick atmete tief ein und reichte Caleb seine Bierflasche. „Pass für mich darauf auf. Ich könnte den Alkohol später noch brauchen.“

Falls Rick dachte, er würde sein Bier wiederbekommen, war er schief gewickelt. Ich werde ihm gar nichts geben. Jedenfalls nichts, dachte er bitter, außer der Frau, die ich selbst gern hätte und nicht haben kann. Nein, das Bier würde Rick auf keinen Fall zurückbekommen.

Shay stand am Büfett und aß aus Frust Gurkensalat mit einem herzhaften Ranchdressing, das hatte sie schon als Kind gemocht. Sie wagte es nicht mehr, zu dem Teil des Gartens zu schauen, wo die Männer mit Hufeisen warfen, sie hatte auch genug gesehen. Ihren Plan, Caleb erneut zu küssen, hatte sie längst aufgegeben. Während sie ihn dabei beobachtete, wie er mit Kent, ihrem Vater und den anderen Familienmitgliedern und Freunden umging, waren ihr die Augen aufgegangen. Jede Sekunde, die er länger hier war, entspannte er sich mehr und beteiligte sich an den Scherzen und Insiderwitzen.

Er gehörte hierher, obwohl er so lange weggeblieben war. Sie wusste, weshalb er das getan hatte. Es war ihretwegen gewesen, weil sie ihn geküsst und er sich dadurch unwohl in seiner Haut gefühlt hatte. Er glaubte nicht, dass sie dieselbe Familie teilen und gleichzeitig eine Beziehung haben konnten. Das bedeutete wiederum, dass ihr verlockender Plan, ihn noch einmal zu küssen, selbstsüchtig und falsch war.

„Hi, Shay.“

Shay erschrak heftig und kippte, sie wusste selbst nicht wie, ihren vollen Pappteller auf Ricks Hemd. Bei dieser Gelegenheit flog eines der Gurkenstückchen durch die Luft und landete auf seinem Kopf. Wieder einmal hatte sie es geschafft, einen von Kents Kollegen in Verlegenheit zu bringen.

„Oh Gott! Rick. Tut mir schrecklich leid.“ Zerknirscht schnippte sie die Gurkenscheibe von seinem Kopf und warf den Pappteller in einen Mülleimer. An Ricks Hemd klebte noch reichlich Salatsoße. „Ich kann nicht glauben, dass ich so ungeschickt bin. Ich habe gerade dran gedacht, dass … ich … Es tut mir leid.“ Shay reichte ihm mehrere Servietten.

„Das ist schon okay“, sagte er und wischte lächelnd sein Hemd ab. „Obwohl das jetzt schon irgendwie den coolen Auftritt verdirbt, den ich gerade geplant hatte.“

Sie lachte. „Eine todsichere Sache, um zu erkennen, wie cool jemand wirklich ist, ist die Art und Weise, wie er mit einem Teller Gurkensalat und Dressing auf seinem Hemd umgeht. In Anbetracht dessen, dass sich das ziemlich eklig anfühlen muss, hast du die Situation mit absoluter Coolness gemeistert.“

Er holte tief Luft. „Dann hoffe ich, dieser Augenblick ist der richtige, um dich zu fragen, ob du Lust hast, mit mir essen und ins Kino zu gehen.“

„Oh … ich …“ Liebe Güte, das hatte sie nicht vorausgesehen, sie hatte sich doch noch nie länger mit ihm unterhalten. „Abendessen und Kino? Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Wie wär’s denn mit einem Ja?“, fragte er hoffnungsvoll und wirkte dabei bemerkenswert unsicher für jemanden, der eine Menge Gründe hatte, selbstbewusst zu sein.

Mit seinem dunklen Haar, den dunklen Augen und dem schüchternen Lächeln sah er sehr gut aus. Er war Arzt und noch dazu betreute er eine Profibaseballteam. Es gab genug Themen, über die sie sich unterhalten konnten, ihren Beruf, Patienten, die körperlichen Auswirkungen von Stress und so weiter.

Warum sagte sie dann nicht einfach zu? Wegen Caleb natürlich. Caleb war der Grund. Caleb. Caleb. Caleb. Caleb, der tabu war. Caleb, nach dem sie sich nicht sehnen durfte. Sag einfach Ja, befahl sie sich im Stillen. Stattdessen sagte sie: „Ich möchte nicht zwischen dich und Kent geraten. Er ist da manchmal ein bisschen schwierig.“

„Oh, er weiß es“, sagte Rick rasch. „Genau wie dein Vater und Caleb. Ich würde nicht im Traum daran denken, mich dir zu nähern, ohne vorher mit deiner Familie gesprochen zu haben. Immerhin sind wir alle befreundet.“

Das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. Einen Moment lang war sie wieder das junge Mädchen, das für einen Jungen schwärmt, der sie nicht will, der behauptet, sie sei zu jung. Sie hatte es satt, in seinen Augen dieses Mädchen zu sein. Schon viel zu lange sehnte sie sich nach diesem Mann, der sie immer wieder abwies.

„Caleb?“, fragte sie. „Caleb weiß, dass du mit mir ausgehen willst?“ Sie erwartete gar keine Antwort, da sie sie sowieso schon kannte.

Sie drehte sich um und blickte zum anderen Teil des Gartens. Caleb lehnte lässig am Stamm einer alten Eiche. Er beobachtete sie und Rick, das sah sie, obwohl er zu weit weg war, um seinen Gesichtsausdruck zu erkennen. Das war auch gar nicht nötig. Sie spürte seine Anwesenheit mit jeder Faser ihres Körpers, auch wenn sie das nicht wollte. Nicht mehr. Sie wollte ihn sich aus dem Kopf schlagen. Er sollte nicht mehr ihre Träume und ihr Leben beeinflussen. Außerdem schien er zu glauben, Rick würde gut zu ihr passen. Vielleicht sollte sie auch so denken. Trotzig hob sie das Kinn und ignorierte den feinen stechenden Schmerz in der Brust, der sich auszubreiten drohte.

„Ich wollte dich nicht aufregen“, sagte Rick. „Ich dachte, Caleb wäre wie ein Bruder für dich. Kent meinte …“

„Das ist er“, unterbrach Shay ihn und wandte sich wieder Rick zu. „Caleb ist mein zweiter Bruder. Ich bin bloß nicht mehr daran gewöhnt, ihn um mich zu haben.“ Sie musterte Rick. Verdammt, er sah sehr gut aus und er war nett. Sie wäre verrückt, würde sie ihn nicht beachten. Außerdem brauchte sie jemanden, den sie küssen konnte. Jemand anderes als Caleb, jemanden, der sie veranlasste, klar zu denken.

Sie schenkte Rick ein strahlendes Lächeln in der Hoffnung, es würde wenigstens ein bisschen überzeugend wirken und hakte sich bei ihm unter. „Lass uns reingehen, und ich sehe zu, dass ich ein Hemd für dich finde, das nicht mit Salatsoße beschmiert ist.“

Seine Miene erhellte sich, und er legte eine Hand auf ihre. Während sie zum Haus gingen, erzählte Rick irgendetwas aus seinem Berufsleben. Shay versuchte zuzuhören, aber das Kribbeln auf ihrer Haut, weil sie beobachtet wurde, lenkte sie ab. Caleb sah ihr nach. Wahrscheinlich war er jetzt froh, denn er hatte sich durchgesetzt. Sie ging mit einem anderen Mann weg.

In dem Augenblick, als Shay mit Rick in Richtung Haus ging, fühlte Caleb sich betrogen. Es war ein bisschen so, als hätte jemand aus seiner Einheit – ein vertrauter Freund – plötzlich eine Waffe gezogen und auf ihn geschossen. Caleb spürte einen heftigen Stich, obwohl das völlig verrückt war. Shay schuldete ihm nichts. Er hatte kein Recht, irgendwelche Ansprüche zu stellen.

Er trank sein Bier aus, danach machte er dasselbe mit Ricks Bier. Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren wollte er sich betrinken, und zwar so richtig, bis er sturzbesoffen war. Er blickte zu Sharon, die neben Bob stand und ihren Mann glücklich anlächelte. Also gut, sich betrinken kam nicht infrage. Zumindest nicht hier und nicht jetzt.

Er sah zu, wie einer von Bobs Brüdern ein Hufeisen warf. Onkel Mickey war ein gutmütiger Kerl, der ihm immer das Gefühl gegeben hatte, ein echtes Familienmitglied zu sein, was ja auch der Fall war. Dies hier war seine Familie. Shay war seine Familie. Er holte sich ein weiteres Getränk. Diesmal schmeckte das Bier schal und bitter, wie das Gefühl, das sich in ihm ausbreitete.

Kent warf ebenfalls noch einmal und verfehlte erneut das Ziel. Mickey und Bob rissen Witze darüber, und Kent kam zu ihm.

„Mach schon und lass deinen Spruch hören. Bring es hinter dich.“

Caleb hörte Kent kaum zu, obwohl der direkt neben ihm stand und ziemlich aggressiv wurde. Er dachte über Shay nach und über ihren Gesichtsausdruck, kurz bevor sie sich abgewandt hatte. Sie hatte trotzig ausgesehen, dann war sie Arm in Arm mit Rick weggegangen. Sie versuchte ihn eifersüchtig zu machen. Oder sie wollte ihn ärgern.

Er sah Kent an und stieß die beiden Bierflaschen, die er gerade geholt hatte, aneinander. „Nüchtern warst du noch nie ein guter Schütze. Trink aus. Ich besorge uns Nachschub.“

Bevor Kent etwas erwidern konnte, ging Caleb weg. Unwillkürlich verkrampften sich seine Hände. Vermutlich spielte er schon zu lange dieses Katz-und-Maus-Spiel mit Shay. Selbstverständlich konnte sie jeden Mann haben, den sie wollte, aber nicht heute. Nicht gerade jetzt. Nicht in dieser Situation.

Sie sollte sich nicht auf jemanden einlassen, nur weil sie ihn damit treffen wollte. Dieses Argument war zumindest ein guter Vorwand, sich nicht mit der brennenden Eifersucht auseinanderzusetzen, die er zweifellos empfand.

Er stürmte durch die Terrassentür ins Haus und biss sich auf die Unterlippe, als Shay und Rick nirgends zu sehen waren. Auch sonst war niemand zu entdecken. Alle waren draußen, unterhielten sich, hatten Spaß und überließen Shay völlig gedankenlos und unverantwortlich Rick und das in einem leeren Haus. Er durchquerte das Zimmer. Jemand anderes hätte ihn jetzt wohl besitzergreifend genannt. Dabei hatte er seiner Meinung nach lediglich einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.

Der Klang von Shays Lachen hallte durch den Flur. Dieses verflixte engelhafte Lachen machte ihn schon sein halbes Leben lang verrückt. Jetzt klang es auch noch samtweich und enthielt einen deutlichen Hinweis darauf, dass sie flirtete. Caleb ging ein paar Schritte weiter vor. Seine Nerven waren inzwischen zum Zerreißen angespannt.

Das Lachen klang jetzt näher und nun hörte er auch Shays gedämpfte Stimme. Caleb blieb wie angewurzelt stehen. Die Geräusche kamen aus ihrem alten Schlafzimmer. Verdammt! Das ging ja nun gar nicht. Gereizt jagte er um die Ecke und sah durch die offene Tür Rick auf ihrem Bett sitzen.

„Bin gleich fertig“, rief Shay aus dem begehbaren Kleiderschrank.

Caleb wollte gar nicht wissen, wofür sie gleich fertig war. Er war schrecklich wütend. Nur seine jahrelange Einsatzerfahrung ließ ihn äußerlich ruhig bleiben, während er innerlich kochte.

Rick richtete den Blick zur Tür, als würde er die Spannung spüren, die in der Luft lag. Offensichtlich gefiel ihm der Gesichtsausdruck gar nicht, den er zu sehen bekam. Er wurde blass und stand sofort auf.

„Geh“, forderte Caleb ihn auf, bevor Rick etwas sagen konnte.

Rick steuerte bereits auf die Tür zu.

„Okay, ich habe ein Hemd gefunden“, ließ sich in diesem Moment Shay vernehmen und tauchte aus dem Schrank auf. Sie trug immer noch das Strandkleid, das sie sich übergeworfen hatte, nur dass es jetzt viel knapper wirkte als noch vor Kurzem im Garten.

„Caleb?“, fragte sie überrascht. „Was ist los? Rick! Warte! Du brauchst doch das Hemd.“

„Rick wollte gerade gehen“, erklärte Caleb. „Er hat sein eigenes Hemd.“ Rick blieb notgedrungen vor ihm stehen, da er ihm den Weg versperrte. „Am besten machst du Schluss für heute“, sagte Caleb drohend.

„Das hier ist nicht so, wie es aussieht“, erwiderte Rick. „Ich …“

„Ist mir egal“, fiel Caleb ihm ins Wort. „Das will ich gar nicht wissen.“

„Caleb!“, mischte sich Shay jetzt ein. „Sei kein Idiot. Rick, geh nicht.“

Rick sah sie nicht an, und Caleb trat einen Schritt beiseite. „Auf Wiedersehen, Rick.“

Im nächsten Augenblick war Rick verschwunden. Shay stemmte die Hände in die Hüften und schaute ihn an.

„Was zum Kuckuck hast du dir eigentlich dabei gedacht?“

Er kam ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ein Duft nach Zitrone und Honig stieg ihm in die Nase. Solange er sich erinnern konnte, war das Shays Duft. Im Augenblick nahm er ihn genauso intensiv wahr wie die Spannung, die schon viel zu lange zwischen ihnen herrschte. Es war an der Zeit, diese Sache ein für alle Mal zu klären.

Er lehnte sich an die Tür und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir müssen reden.“

3. KAPITEL

Caleb sah einen Ausbruch voraus. Shays Augen verdunkelten sich und rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Beides ein Zeichen dafür, dass sie in Kampfstimmung war. Er hatte ein Talent dafür, solche Emotionen in ihr zu wecken. Auch jetzt hatte er sie absichtlich gereizt, wie er das früher so oft getan hatte. Das war seine Strategie, um von der verbotenen erotischen Anziehung zwischen ihnen abzulenken.

„Reden“, wiederholte Shay und kam auf ihn zu. „In den zwei Monaten, seit du zu Hause bist, habe ich kein Wort von dir gehört, und jetzt willst du auf einmal reden? Weil dir danach ist, oder was? Die ganze Zeit, in der ich reden wollte, hast du den Schwanz eingezogen und bist weggelaufen.“

„Jetzt laufe ich nicht weg, Shay“, erklärte er, ohne sich zu verteidigen. Was sie gesagt hatte stimmte. „Ich bin hier. Ich bin bereit. Lass uns reden.“ Ein Gespräch war längst überfällig, das war ihm klar.

„Nun, jetzt passt es mir aber gerade nicht.“ Sie blieb vor ihm stehen und wedelte ungeduldig mit einer Hand, damit er den Weg freimachte. „Lass mich durch, Caleb. Der Einzige, mit dem ich jetzt sprechen werde, ist Rick. Mit deinem Auftritt als ‚großer, böser Exsoldat‘ hast du diesen Mann halb zu Tode erschreckt. Das war unangebracht und falsch.“

„Unangebracht war, ins Schlafzimmer der Tochter des Gastgebers zu gehen“, widersprach er. „Rick hat den Schreck verdient.“

„Du bist auch in meinem Zimmer“, wies sie ihn zurecht. „Was sagt das über dich aus?“

„Ich gehöre hierher. Rick nicht.“

„Ich entscheide, wer in mein Zimmer gehört“, erklärte sie und hob eine Hand, um seine Einwände zu stoppen. „Das ist immer noch mein Zimmer, ob ich hier wohne oder nicht, und Rick habe ich, im Gegensatz zu dir, aufgefordert hereinzukommen.“

Sie schleuderte das Hemd, das sie in der Hand hielt, an seine Brust, und er fing es auf.

„Zu schade, dass ich mit meinem Salat ihn und nicht dich erwischt habe.“

Er wollte das Hemd gerade beiseite werfen, als sein Blick auf das Logo darauf fiel: Texas Championship. „Verdammt, warte mal.“ Er kniff leicht die Augen zusammen. „Das ist doch mein Hemd“, meinte er ungläubig. „Du wolltest ihm mein Hemd geben?“

„Das ist mein Hemd“, entgegnete sie.

„Das Hemd, das du mir geklaut hattest als ich in dieses Haus zog und nie zurückgegeben hast. Du weißt verdammt genau, dass du es ihm geben wolltest, um mich wütend zu machen.“

Sie riss ihm das Hemd aus der Hand und warf es sich über die Schulter. „Es bot sich an. Genauso, wie es sich für dich anbot, Rick zu mir zu schicken, weil du mit meiner Nähe nicht umgehen kannst.“

„Ich würde sagen, ich bin dir gerade aber ziemlich nahe.“ Nah genug, um die Sommersprossen auf ihrer Nase zu zählen, die sie hasste und die er liebte. Nah genug, um sie zu berühren. „Außerdem hatte ich nichts mit Rick zu schaffen, außer ihn hier rauszuwerfen. Dass er sich mit dir verabreden soll, kam von Kent und deinem Vater.“

Sie wirkte nicht überzeugt. „Rick hat das aber ganz anders gesehen.“

„Ich sage ja nicht, ich wäre nicht dabei gewesen, als Rick dich angeschmachtet hat“, gab er zu. „Aber du weißt sehr gut, dass ich nichts dagegen hätte sagen können, ohne dass Fragen aufgekommen wären.“

„Richtig“, antwortete sie schnippisch. „Wir wollen ja nicht, dass irgendjemand Fragen stellt. Da soll lieber jeder denken, wir würden einander nicht mögen, statt auf die Idee zu kommen, dass wir am liebsten übereinander herfallen würden.“

„Da ist aber jemand empfindlich“, spottete er. „Ich wusste doch, dass du sauer auf mich bist. Genau deshalb wollte ich nicht zulassen, dass du Rick benutzt, um mich zu ärgern.“

„Du bildest dir ’ne Menge auf dich ein, Caleb Martin. Man muss schon echt arrogant sein, um anzunehmen, ich würde Rick nur deshalb wollen, um dir eins auszuwischen.“

„Du sagtest gerade, dass du über mich herfallen willst“. Er grinste provozierend.

„Ich sagte wir, nicht ich, und ich habe das nur gesagt, um meinen Standpunkt zu unterstreichen, das weißt du genau.“

„Wut hat bei dir die gleiche Wirkung wie Alkohol“, behauptete er. „Dann sagst du, was du wirklich fühlst. Wenn du auf mich wütend bist, dann machst du außerdem Dinge, die du normalerweise nicht tun würdest. Du wolltest Rick nicht nur mein Hemd geben, du bist auch allein mit ihm in dein Schlafzimmer im Haus deiner konservativen Eltern gegangen. So etwas machst du sonst nicht.“

Ihre Augen sprühten förmlich Funken.

„Woher willst du wissen, was ich mache und was nicht, Caleb?“ Angriffslustig tippte sie ihm auf die Brust. „Die wenigen Male, die du während der letzten zehn Jahre in die Stadt gekommen bist, hast du mich gemieden wie die Pest. Du bist vor deinen Gefühlen weggelaufen, aber jetzt, wo du wieder zu Hause bist, wird das nicht länger funktionieren. Kent, Mom und Dad werden Fragen stellen. Sie werden wissen wollen, was zwischen uns los ist.“

Durchdringend sah sie ihn an. „Und weißt du, was auch nicht länger funktioniert? Dass du so tust, als wäre dieser bescheuerte Kuss vor zehn Jahren nicht passiert, um mich dann doch wieder so anzusehen, als würdest du mich am liebsten noch einmal küssen. Das geht mir nämlich auf die Nerven.“ Erneut tippte sie auf seine Brust. „Sehr sogar.“

Am liebsten hätte er sie in die Arme genommen. Er sehnte sich mit allen Sinnen nach ihr. „Ich will dich nicht ärgern, Shay.“

„Zu spät“, erklärte sie und hob das Kinn eine Spur höher. Das deutete eigentlich auf Konfrontation hin, aber gleichzeitig legte sie eine Hand auf seine Brust und meinte sanft: „Manchmal denke ich einfach … vielleicht ist das so, wie mit dem Apfel bei Adam und Eva. Das war bloß ein Apfel, aber das Verbot machte ihn zu etwas sehr Verlockendem. Möglicherweise, wenn wir uns noch einmal küssten, würden wir feststellen, dass dieser erste Kuss in der Erinnerung zu etwas viel Größerem geworden ist, als er es tatsächlich war. Vielleicht könnten wir danach einfach normal weiterleben.“

Wow. Sie glaubte dieser Kuss, der seit zehn verflixten Jahren seine Fantasie beflügelte, war nicht so gut gewesen, wie sie ihn in Erinnerung hatten? Er musste verrückt sein, aber er hielt ihre Idee für gar nicht mal so schlecht. Er wollte, dass dieser Kuss nichts bedeutete. Einerseits wollte er, dass die Qual endlich aufhörte, andererseits auch wieder nicht. Er wollte Shay ohne die unangenehmen Konsequenzen, also etwas Unmögliches.

„Das wird nicht funktionieren“, sagte er und zuckte vor ihr zurück, als hätte er sich verbrannt. Sie hatte sich leicht in seine Richtung geneigt, und durch seine schnelle Bewegung verlor sie das Gleichgewicht. Ihr schlanker Körper fiel gegen ihn. Überrascht keuchte sie auf. Zweifellos lag es daran, was sie spürte. Er war hart und erregt. Das war so, seit er ihren Duft wahrgenommen hatte.

Caleb nahm sie bei den Schultern und blickte ihr in die Augen. Sie befeuchtete ihre Lippen. Das geschah aus Nervosität und nicht, weil sie ihn verführen wollte, doch der Effekt war deshalb nicht weniger faszinierend. Plötzlich entstand ein neuer Anreiz, sie zu küssen.

Er ließ die Hände über ihre Schultern bis zu ihrem Nacken gleiten, und Shay erschauerte unter seiner Berührung. Zum ersten Mal erlaubte er sich, sie zu berühren, wie ein Mann eine Frau berührt.

„Shay“, sagte er leise und schob die Finger in ihre blonden, vom Poolwasser noch feuchten Locken, die ihr herzförmiges Gesicht umrahmten.

Sie war nur knapp eins sechzig groß, und er maß gut eins achtzig. Kurzerhand stellte sie sich auf die Zehenspitzen, sodass ihre Lippen dicht vor seinen waren. Er spürte ihren warmen Atem. Gleich würde er sie schmecken. Noch einmal. Endlich.

Ausgerechnet in diesem Augenblick hämmerte jemand mit der Faust gegen die Tür.

„Shay?“, rief Kent. „Caleb? Seid ihr da drin? Was ist mit Rick los?“

Caleb hatte sich sofort wieder unter Kontrolle, denn Kents Stimme hatte auf ihn die Wirkung einer kalten Dusche, doch Shay hielt ihn an den Handgelenken fest.

„Nein“, sagte sie leise. „Nicht schon wieder.“ Sie hob die Stimme. „Verschwinde, Kent.“

„Nicht, bevor ich herausgefunden habe, warum Rick so plötzlich weggefahren ist und nicht an sein Handy geht.“

„Nein“, sagte sie leise. „Nicht dieses Mal. Nicht, bevor wir die Sache ein für alle Mal beendet haben.“

„Was denn beenden?“, ließ sich Kents Stimme durch die Tür vernehmen.

Shay stöhnte wütend auf, wie das nur eine Schwester ihrem Bruder gegenüber fertigbrachte. „Einen Streit! Wir streiten gerade.“

„Wenn ihr nicht sofort die Tür aufmacht“, warnte Kent sie, „dann habt ihr auch gleich Streit mit mir.“

Kent würde in der nächsten Minute ungeduldig am Türknopf drehen, der nicht verriegelt war, da hatte Caleb keinen Zweifel. Deshalb flüsterte er Shay zu: „Wenn du morgen aufwachst, werde ich nicht weg sein. Ich bleibe.“ Was das für sie beide bedeutete, wusste er nicht. Was es auch war, sie mussten sich dem stellen. Nur nicht jetzt in diesem Augenblick.

Bevor sie protestieren konnte, schob er sie von sich und öffnete die Tür. Kent war im Bruchteil einer Sekunde im Zimmer. Genau wie früher, dachte Caleb. Kent kam im perfekten Moment, um ihn vor einem großen Fehler zu bewahren. Wenn er Shay geküsst hätte, dann hätte er so schnell nicht aufhören können. Diesmal nicht. Er begehrte sie viel zu sehr.

„Also, dann lasst mal hören“, forderte Kent seine Schwester und seinen Freund auf, wobei er nach Shays Geschmack viel zu viel Raum in ihrem Zimmer einnahm. „Was zum Teufel ist mit Rick passiert?“

Shay schaute zu Caleb, ihre Haut war immer noch heiß von seiner Berührung, doch er sah sie nicht an. Mit verschränkten Armen lehnte er an der Wand und konzentrierte sich auf Kent.

„Rick hielt sich nicht nur in Shays Schlafzimmer auf“, erklärte Caleb, „er befand sich außerdem auf ihrem Bett.“

„Caleb, verdammt noch mal!“ Shay war wütend. Er versuchte die Aufmerksamkeit von ihnen beiden wegzulenken, indem er Rick schlechtmachte.

„Was?“, fragte Kent und musterte sie. „Ich hätte Rick mehr Stil zugetraut. Da muss ich ihn mir wohl mal vorknöpfen, aber was ist mit dir Shay? Weißt du eigentlich, wie aufgebracht Mom und Dad wären, wenn sie dich hier mit ihm gefunden hätten?“

„Oh Mann!“ Sie schnaubte und warf Caleb einen vernichtenden Blick zu. „Ihr beiden könnt das ausdiskutieren. Ich gehe jetzt und rufe alle zusammen für die Geschenkübergabe und zum Kuchenessen.“

„Du kommst sofort wieder her!“, rief Kent ihr hinterher.

Shay ging einfach weiter, aber sie hörte ihren Bruder noch sagen: „Als ich Rick sagte, was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen, habe ich natürlich nicht gedacht, dass er gleich hier und heute so weit gehen würde.“

Shay blieb stehen. Sie würde nicht zulassen, dass Ricks Freundschaft zu Kent wegen ihr und Caleb litt. Sie wollte sich gerade umdrehen, um sich noch einmal in das Gespräch einzumischen, als sie Calebs Erwiderung hörte.

„So war das gar nicht. Shay war gerade dabei, für Rick ein frisches Hemd zu suchen, weil sie ihren Teller auf ihn gekippt hatte, doch ich habe ihn weggeschickt, bevor ich wusste, was vorging. Mein Fehler.“

Obwohl sie frustriert und verärgert war, musste sie lächeln. Es gab gute Gründe, weshalb ihre Familie Caleb aufgenommen hatte. Er war ein Ehrenmann, ein geborener Gentleman. Sie seufzte schwer. Deshalb war er auch nicht mit ihr zusammen, denn eine sexuelle Beziehung zwischen ihnen würde gegen alles verstoßen, woran er glaubte. Sie war tatsächlich eine Art verbotene Frucht für ihn. Nun, sie wollte genauso wenig aus dem Paradies vertrieben werden wie er, aber da er nun mal zurück war und bleiben würde, war die Verlockung groß, herauszufinden, ob sie nicht vielleicht beides haben konnten.

Eine Stunde später waren alle mit Kuchen abgefüllt und ungefähr fünfundzwanzig Gäste – Familie, Freunde und Nachbarn – versammelten sich neben dem Pool, während Sharon und Bob ihre Geschenke öffneten.

Shay war sich nur allzu bewusst, dass Caleb nicht weit weg von ihr saß und eine Flasche Bier in der Hand hielt, von der er kaum trank. Sie stand hinter ihren Eltern und nahm das Einwickelpapier von den Geschenken entgegen.

Als ihr Vater, der eine Dauerkarte für die Footballmannschaft der University of Texas, den Longhorns, besaß, zwei T-Shirts im Partnerlook von den Aggies, den Lokalrivalen seiner Mannschaft, auspackte, schmunzelte sie. Das war ein Geschenk eines früheren Arbeitskollegen. Der Rektor der Schule, an der ihre Mutter zwanzig Jahre lang unterrichtet hatte, versorgte die beiden mit einem großzügigen Vorrat an Kaffee. Er wusste sehr gut, wie launisch Sharon ohne die morgendliche Dosis Koffein sein konnte, und wollte mit seinem Geschenk weitere vierzig glückliche Ehejahre garantieren.

Eines der letzten Geschenke war ein großer dicker Umschlag von Caleb. Shay betrachtete ihn neugierig und warf Caleb einen fragenden Blick zu. Doch er lächelte nur und nippte an seinem Bier.

„Von Caleb“, sagte Shay und reichte ihren Eltern den Umschlag. Gleichzeitig mit ihrer Mutter stieß sie einen erstaunten Laut aus, als sie kurz darauf Flugtickets und Hotelgutscheine für eine zweite Hochzeitsreise entdeckte.

„Das ist eine Reise nach Italien“, verkündete Sharon den Gästen, und sofort hörte man laute Ohs und Ahs. „Dort wollte ich schon immer mal hinfahren.“

„Ich erinnere mich, dass du das jedes Mal sagtest, wenn wir beim Italiener im ‚Olive Garden‘ gegessen haben“, neckte Caleb sie.

Alle lachten, und Sharon errötete. „Die schicken ihre Köche auf Fortbildung nach Italien. Das ist so aufregend. Die Vorstellung, auf eine Schule nach Italien geschickt zu werden, lässt mich von einer Karriere als Köchin träumen.“

„Du kannst ja einen Kurs besuchen, während du dort bist“, schlug Caleb vor.

Sharons Miene erhellte sich, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Das können wir nicht annehmen, Caleb. Nein, das ist zu extravagant. Was ist denn mit deiner Firma, die du gerade aufbaust, ‚Hotzone‘?“

„Ich habe ein bisschen Geld von meinen Weiterverpflichtungsprämien abgezweigt und in ein paar gute Aktien investiert. Dadurch habe ich genug verdient, um die Army zu verlassen, als der Zeitpunkt günstig war, die Fallschirmschule aufzubauen. Außerdem habe ich schon vor Jahren Geld für euren vierzigsten Hochzeitstag beiseitegelegt.“

Kent betrachtete die Broschüre über das Urlaubsdomizil, das Caleb für seine Eltern gebucht hatte. „Mann, welche Aktien hast du denn gekauft? Kann ich auch ein paar davon haben?“

Caleb lehnte sich auf dem Stuhl zurück und stellte seine Bierflasche auf den Boden. „Apple, aber noch vor dem Ipod-Wahnsinn“, meinte er beiläufig, als wäre das keine große Sache. „Ich habe zum richtigen Zeitpunkt gekauft und die Aktien behalten.“

„Nee, oder?“, sagten Kent und Bob gleichzeitig. „So etwas passiert mir nie“, fügte Kent noch hinzu. „Wie viel hast du denn verdient?“

„Kent“, wies Sharon ihn scharf zurecht, „das ist unhöflich. Wir haben Gäste.“

„Richtig“, sagte Kent und stieß Caleb mit dem Ellbogen an. „Sag’s mir einfach später.“

Caleb lachte. „Die Reise ist das Mindeste, was ich tun kann, um euch dafür zu danken, dass ihr es so lange mit mir ausgehalten habt.“

Shay wusste, dass hinter diesen Worten echte Zuneigung und tiefe Dankbarkeit steckten. Niemals hatte sie sich stärker zu Caleb hingezogen gefühlt als in diesem Augenblick. Ihr war aber auch nie bewusster gewesen, wie falsch es war, ihrem Interesse für ihn nachzugeben. Die Vorstellung, dass er ihretwegen die Menschen gemieden hatte, die ihm lieb waren, war schwer zu verkraften. Trotzdem passierten jedes Mal, wenn sie zusammen waren, Dinge wie vorhin in ihrem Zimmer. Die knisternde Spannung zwischen ihnen löste nicht mehr nur Funken aus, sie war allmählich zu einem richtigen Feuerwerk geworden.

„Junge“, ließ Bob sich vernehmen, „dafür ist eine Familie schließlich da. Es ist unsere Aufgabe, uns gegenseitig zu treten, zu ärgern und zu schikanieren, um gleichzeitig jedem Außenstehenden einen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen, der irgendetwas dergleichen bei einem von uns versucht. Das Einzige, was Sharon und ich uns von dir wünschen, ist ein bisschen mehr von deiner Zeit. Du musst einfach öfter nach Hause kommen.“

„Sobald ihr aus Italien zurück seid“, versprach Caleb, „werde ich regelmäßig vorbeikommen und mich sehr gerne treten, ärgern und schikanieren lassen.“

Kent bot sofort an, diese Aufgabe zu übernehmen, und obwohl Shay normalerweise ebenfalls ihre Dienste angeboten hätte, hielt sie sich diesmal zurück. In ihrer Zerstreutheit hätte sie das letzte Geschenk übersehen, wenn ihre Mutter sie nicht extra darauf hingewiesen hätte, eine Flasche Wein von ihren Nachbarn. „Das war’s“, rief sie und blinzelte in Richtung untergehender Sonne.

„Das Pokerspiel beginnt um sieben“, verkündete Kent, wobei er Caleb einen Blick zuwarf und sich die Hände rieb. „Zeit, dass du ein bisschen von deinem gewonnenen Geld abtrittst.“

Shay schüttelte den Kopf. „Poker ist kaum als romantischer Abschluss für diesen Tag geeignet.“

„Dafür ist doch die Reise nach Italien da“, entgegnete Kent. „So, wie Dad pokert, wird er groß abräumen, und Mom kann in Italien umso mehr ausgeben.“

„Morgen geht es los“, sagte Caleb. „Also solltet ihr vielleicht besser anfangen zu packen.“

Sharon sprang auf. „Morgen? Ich kann morgen nicht wegfahren. Im Haus herrscht totales Chaos und …“

„Ich werde aufräumen“, versprach Shay. „Ihr könnt packen. Ein bisschen Unordnung wegen einer Feier ist kein Grund, eine Reise nach Italien zu verpassen.“

„Ihr seid im Ruhestand“, erklärte Caleb. „Ihr könnt kurzfristig verreisen. Die ganze Idee beruht doch darauf, dass ihr eure Feier verlasst und praktisch in die zweiten Flitterwochen fahrt.“

„Ich bin dabei. In der Zwischenzeit spiele ich ein bisschen Poker.“ Bob küsste Sharons Hand. „Während du packst.“

„Bob!“, protestierte Sharon.

„Kent hat recht“, erwiderte Bob rasch. „Ich gewinne beim Pokern. Das bedeutet, du kannst öfter einkaufen gehen.“

„Und wenn du verlierst?“, fragte Sharon und stemmte eine Hand in die Hüfte.

Bob zwinkerte ihr zu. „Nach vierzig Jahren solltest du wissen, dass ich nie verliere.“

Sharon schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Das scheinst du aber immer zu vergessen, wenn du gerade eine Pechsträhne hast.“

Bob zog sie auf seinen Schoß. „Weil ich seit vierzig Jahren einen Glücksbringer habe.“

Sharon ließ sich bereitwillig von ihrem Mann auf die Wange küssen, dann stand sie auf, um Caleb zu umarmen, und Bob folgte ihrem Beispiel.

„Wenn ihr beide aus Italien zurück seid, könnten wir doch ein Familientreffen im ‚Hotzone‘ machen. Bisher war bloß Kent zum Fallschirmspringen da. Wir haben einen riesigen Grill. Wir könnten ein Barbecue veranstalten und uns einen schönen Tag machen.“

„Oh ja“, stimmte Kent zu. „Fallschirmspringen ist eine unglaubliche Erfahrung.“

„Das klingt toll“, meinte Sharon. „Solange ich vom Boden aus zusehen kann. Ich werde nämlich ganz bestimmt nicht aus einem Flugzeug springen.“

„Aber ich möchte es vielleicht versuchen“, sagte Bob, dem diese Idee zu gefallen schien.

„Was ist mit dir, Shay?“, wandte Caleb sich an sie.

„Sie nimmt Flugunterricht“, prahlte ihr Vater, noch bevor sie antworten konnte. „Sie hat eine Liste mit hundert Dingen aufgestellt, die sie vor ihrem fünfzigsten Geburtstag erledigen möchte, und ihr Flugschein gehört zu den fünf wichtigsten Punkten.“

„Tatsächlich“, sagte Caleb. „Flugstunden also, und was steht da sonst noch drauf?“

„Du hast gehört, es handelt sich um hundert Dinge“, wich Shay aus, die ganz bestimmt nicht die Absicht hatte zu erzählen, dass der Punkt „endlich Sex mit Caleb haben“ auf ihrer Liste ziemlich weit oben stand. „Das ist viel zu viel, um ins Detail zu gehen, aber ich kann dir versichern, Fallschirmspringen gehört nicht dazu. Ein Flugzeug zu fliegen ist nicht dasselbe wie aus einem Flugzeug zu springen. Genau genommen lassen sich diese beiden Aktivitäten überhaupt nicht miteinander vereinbaren.“ Sie zögerte eine Sekunde, bevor sie hinzufügte: „Manche Dinge lässt man lieber bleiben.“

Er musterte sie nachdenklich. „Und manchmal muss man etwas wagen und einfach springen.“

Na, das war ja eine interessante Aufforderung. Ihr fielen die verschiedenen Gelegenheiten ein, wenn Caleb zu Hause gewesen war. Jedes Mal, wenn sie einen Schritt auf ihn zugemacht hatte, war er zurückgewichen, aber wenn sie sich zurückzog, war er auf sie zugekommen. Das kam einem regelrechten Tauziehen gleich, was ihr bis jetzt noch gar nicht so richtig bewusst gewesen war. Und sie bezweifelte, dass Caleb dieses Spiel schon durchschaut hatte, denn noch vor einer Stunde war er dankbar für Kents Unterbrechung gewesen. Jetzt versuchte er dagegen, ihre ablehnende Haltung aufzuweichen.

Sie straffte die Schultern. War es denn nicht möglich, dass sie zur selben Zeit einmal dieselbe Position einnahmen? „Wenn man eine Person aus dem Flugzeug hinausschubsen muss, ist es vielleicht besser, sie gleich auf der Erde zu lassen.“

„Du könntest einen Tandemsprung mit mir zusammen machen“, schlug Caleb vor. „Wir gurten uns aneinander und springen dann gemeinsam.“

Kent schnaubte. „Sie wird vom Pech verfolgt. Am Ende zieht sie dich mit sich in den Abgrund, Caleb.“

„Ich bin gar nicht vom Pech verfolgt“, widersprach sie ihrem Bruder erbost.

„Dann denk mal an die Jeans im Herd.“

Shay nahm die Flasche Wein und stellte sie zu den anderen Geschenken, weil sie unbedingt ihre Hände beschäftigen musste, damit sie nicht auf ihren Bruder einschlug. Trotzdem konnte sie nicht den Mund halten. „Stimmt ja“, sagte sie ironisch.

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