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In sündiger Silvesternacht / Bad Boys verführen besser / Fest der Liebe, Fest der Lust

Julie Kenner

In sündiger Silvesternacht

1. KAPITEL

Claire Daniels blickte sich auf der vollen Tanzfläche des „Decadent“ um, betrachtete die bunten pulsierenden Lichter, nahm den hämmernden Beat wahr und fragte sich, was zum Teufel sie hier machte.

Na ja, sie fragte sich das eigentlich nicht, sondern haderte eher mit Alyssa, ihrer Freundin, denn die hatte sie mitgeschleppt. So konnte es einem ergehen, wenn man ausgerechnet am Silvesterabend kein Date hatte!

„Was zum Blasen gefällig?“

Ein gut aussehender Kerl in engem schwarzem T-Shirt mit dem Aufdruck „Decadent“ hielt ihr zweideutig lächelnd etwas vors Gesicht.

„Wie bitte?“ Claire hob eine Augenbraue. Das hatte sie schon als achtjähriges Mädchen vor dem Spiegel geübt. Damals hatte sie sich ständig die Wiederholungen von „Star Trek“ angesehen. Mister Spock von der Enterprise hatte sie am stärksten beeindruckt.

„Für Mitternacht.“ Das schiefe Lächeln des Mannes verriet, dass er wusste, in welche Richtung sich ihre Gedanken bewegt hatten. „Um Lärm zu machen.“

„Oh, verstehe. Na klar, danke.“ Sie schnappte sich die Tröte, blies einmal kurz hinein und lächelte den Adonis an. „Fantastisch. Super. Ist bestimmt lustig“, sagte sie abweisend, damit er kapierte, dass sie allein sein wollte, um sich wieder ihrer melancholischen Einsamkeit in diesem Club in Texas hingeben zu können. Allein am Silvesterabend, konnte man sich etwas Traurigeres vorstellen?

Ich hätte nicht herkommen sollen, dachte sie zum wiederholten Mal.

Der Prachtkerl verschwand in der Menge, und Claire suchte nach Alyssa, um ihr zu sagen, dass es ihr reichte. Sie hatte beschlossen, nach Hause zu gehen. Dort würde sie ihre bequeme Jogginghose anziehen und sich in eine Decke kuscheln. Um Mitternacht würde sie sich da wenigstens nicht wie eine Idiotin vorkommen, weil sich alle um sie herum leidenschaftlich küssten, während sie allein im Trubel stand und Däumchen drehte.

Leider konnte sie Alyssa nirgends sehen.

Das war allerdings nicht sonderlich schlimm, denn dafür entdeckte sie einen Mann, der einfach zum Anbeißen aussah. Er war groß und schlank und trug enge Jeans, die typische Texaskluft. Das perfekt sitzende Teil vermittelte einer Frau einen erstklassigen Eindruck von dem, was sich darin verbarg. Zur Jeans trug er ein weißes Button-down-Hemd, das trotz der Hitze im Club immer noch makellos gebügelt aussah.

Auch aus der Entfernung konnte Claire erkennen, dass er blaue Augen hatte. Jetzt blickte er sich im Raum um wie ein König, der sein Reich begutachtet. Er hatte tatsächlich etwas Herrschaftliches an sich. Seine Haltung und der Dreitagebart ließen ihn verwegen aussehen. Wäre er ein Foto, hätte sie geschworen, es sei digital bearbeitet worden. Der Mann war das fleischgewordene Äquivalent zu einer Großpackung Sahneeis: köstlich, himmlisch und süchtig machend.

Ruhig, ganz ruhig, ermahnte sie sich.

Andererseits, wieso?

Der Mann war heiß und sah obendrein auch noch in ihre Richtung. Sie war Single und im Moment zu allem bereit.

Claire ging einen Schritt auf ihn zu, doch ein bulliger Kerl, dessen schwarzes T-Shirt den Aufdruck „Decadent“ trug, trat zum König des Clubs und sprach kurz mit ihm, woraufhin der Traummann dem Bulligen ernst dreinblickend folgte. Leider nicht in ihre Richtung.

Security, dachte Claire. Entweder arbeitet der Traummann auch für den Sicherheitsdienst, oder er wird gerade aus dem Club geworfen.

In jedem Fall war er damit für sie tabu. Als Angehöriger des Sicherheitsteams musste er an diesem Abend arbeiten, und wenn er rausgeworfen wurde, dann …

Claire sehnte sich zwar nach einer wilden Nacht mit einem heißen Typ, aber wer aus einem Club geworfen wurde, stand bei ihr nicht mehr ganz oben auf der Wunschliste.

Wirklich schade, dachte sie. Mister Texas, der Traumtyp, sah zum Vernaschen aus, und verdammt – sie wollte einen Mann! Sie wollte in den Arm genommen, geküsst und gestreichelt werden und all den sexuellen Frust abbauen, der sich in ihr seit der Trennung von Joe aufgestaut hatte. Es war schon Monate her, und im Augenblick sehnte sie sich mehr denn je nach einem Ersatz.

Du hättest einen haben können.

Ja, danke.

Entnervt stieß sie die Luft aus, schnappte sich vom Tablett einer vorbeieilenden Kellnerin einen Jello-Shot und schlang den gelierten Cocktail hinunter. Sie hätte ihren Ex Joe wiederhaben können. Er hatte sie nach einem Jahr Beziehung fallen lassen, und als sie sich dummerweise trotzdem wieder auf einen Drink mit ihm verabredet hatte, nur um zu sehen, ob es für sie beide vielleicht doch noch eine Zukunft gab, hatte er offenbar beschlossen, Sex als Versöhnungsmittel einzusetzen.

Fast wäre sie wieder mit ihm im Bett gelandet, aber nur fast.

Im letzten Moment hatte sich zum Glück ihr Selbstwertgefühl gemeldet, und sie war aus Joes Apartment marschiert. Dabei hatte sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Tür hinter sich zuzuknallen. Der Anblick von Joe mit heruntergelassener Hose an den Beinen und fassungsloser Miene im Gesicht hatte ihr als Triumph gereicht.

Moralisch hatte sie diese Auseinandersetzung gewonnen, aber leider war sie nach dem Treffen noch genauso frustriert und sexuell unerfüllt gewesen wie zuvor. Letztlich, so dachte sie, habe ich mich selbst genauso bestraft wie ihn.

„Du hast das Richtige getan.“

Alyssa stand plötzlich neben ihr und reichte ihr eine von zwei Champagnerflöten. Claire nahm das Glas dankbar entgegen und kippte den Champagner dem Jello-Shot hinterher. „Ist es so offensichtlich, was mir durch den Kopf geht?“

Alyssa lächelte. „Nur, weil ich dich so gut kenne.“

Claire seufzte. „Das ist doch nicht fair. Wir beide beschließen, dass wir uns zu Weihnachten einen Mann angeln, und du bekommst sofort deinen Traumpartner, während ich wieder bei Joe lande, nur um schließlich vor ihm zu flüchten, während er mit nacktem Hintern dasteht.“

„Was Weihnachten nicht geklappt hat, das klappt vielleicht heute Abend.“ Alyssas Lächeln war vielsagend.

„Du hast leicht reden. Du bist in festen Händen.“

„Ist es das, wonach du dich sehnst?“

Claire zuckte mit den Schultern. Das war die alles entscheidende Frage. „Heute Nacht würde mir schon ein heißes Date auf einem Autorücksitz reichen.“

Alyssa lachte. „Es ist schon eine Weile her, stimmt’s?“

„Selbstverschuldet. Ich hätte Joe ja nicht so stehen lassen müssen.“

„Doch, das musstest du.“

„Du hast recht.“ Claire wusste, dass sie sich überhaupt nicht wieder mit ihm hätte treffen sollen. Dass er sie verlassen hatte, hatte sie im Grunde nur deswegen so tief getroffen, weil sie ihre Träume von einer Familie damit vorerst begraben musste. Sie sehnte sich nach Stabilität. Im Gegensatz zu ihrem Privatleben lief ihre Karriere ganz nach Plan. Ein Haus hatte sie sich sogar auch schon gekauft, und sie engagierte sich bei zwei Wohltätigkeitsorganisationen.

Seit zwei Jahren arbeitete sie für Richterin Doris Monroe am Fünften Berufungsgericht, und vor Kurzem hatte sie beschlossen, in die Abteilung für Berufungsfälle der angesehenen Kanzlei „Thatcher and Dain“ zu wechseln.

Diese Entscheidung hatte Claire mit gemischten Gefühlen getroffen, denn sie respektierte ihre bisherige Chefin Richterin Monroe sehr. Diese Frau war nicht nur eine brillante Juristin, sie war auch klug und erfahren. So ganz konnte sie es immer noch nicht ganz glauben, dass sie ab Juli in einer Anwaltskanzlei arbeiten würde und nicht mehr für die Richterin.

Ihr Vater, Senator im texanischen Senat, hatte sich immer gewünscht, dass sie der Kanzlei beitrat, die er mitgegründet hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie hatte jedoch schon zu Beginn ihres Studiums gewusst, dass sie ihren eigenen Weg gehen musste. Von Anfang an hatte für sie festgestanden, dass sie erst in eine Kanzlei eintreten würde, wenn sie sich vor dem obersten Gerichtshof behauptet hatte, ihr Profil im Anwaltsverzeichnis aufgeführt wurde und in der „Dallas Morning News“ veröffentlicht worden war. Nur so konnte sie in dem Bewusstsein durch die Tür schreiten, auf der ihr Name stand, dass sie es wegen ihrer Leistungen verdiente, dort zu sein, und nicht wegen der Beziehungen ihres Vaters.

Im Großen und Ganzen konnte sie sich glücklich schätzen, denn ihr Leben war nicht schlecht. Das Einzige, was ihr fehlte, war jemand, mit dem sie ihre Erfolge teilen konnte. Joe war nicht dieser Mensch gewesen, so sehr sie auch versucht hatte, sich das Gegenteil einzureden.

Ein trautes Heim mit einem liebevollen Partner war schön und gut, doch heute, am Silvesterabend, wäre sie schon mit einem langsamen Tanz und einem heißen Kuss zufrieden. Und noch glücklicher wäre sie, wenn es zu etwas mehr käme.

Seufzend trank sie den letzten Tropfen Champagner. „Wo ist Chris?“ Chris war Alyssas ehemals bester Freund, der sich an Weihnachten als deren Traummann entpuppt hatte.

„Der hat einen Freund getroffen. Wahrscheinlich sollte ich mich auf die Suche nach ihm begeben. In einer Viertelstunde haben wir Mitternacht.“

Claire runzelte die Stirn. „Ich glaube, ich verschwinde lieber.“

„Wag das bloß nicht. Amüsier dich mit dem Barkeeper, tanz und trink Champagner.“

„Glaub mir, Champagner hatte ich schon reichlich.“ Normalerweise trank sie so gut wie nie Alkohol, aber aus Langeweile und vor Nervosität hatte sie sich bereits mit drei Gläsern Champagner und einigen Jello-Shots getröstet. Allmählich spürte sie die Wirkung.

„Ich sollte gar nicht hier sein“, sagte sie seufzend. „Meine Mutter hat mich gebeten, zu ihr nach Austin zu kommen und mit ihr zusammen zur Feier des Gouverneurs zu gehen. Dort hätte ich Richter getroffen und Kontakte knüpfen können.“ Sie seufzte. „Ich sollte wirklich lieber nach Hause gehen.“

„Und was ist mit unserer Abmachung? Du musst dich daran halten. Verwirkliche deine Träume!“

„Im Moment träume ich eher davon, mit einem Glas Wein im Bett zu liegen und mir ‚Harry und Sally‘ anzusehen.“

Tadelnd schüttelte Alyssa den Kopf. „Erstens darfst du jetzt nicht mehr Auto fahren, und zweitens haben wir Silvester.“

„Ja, und? Mitternacht an Silvester ohne Partner, das ist kein Vergnügen.“ Für Alyssa freute sie sich, weil die endlich mit Chris zusammengekommen war, aber sie wünschte, sie selbst hätte ebenfalls mehr Glück damit gehabt, den gemeinsamen Vorsatz zu verwirklichen, ihr Liebesleben in Schwung zu bringen.

„Ich würde dir ja Chris zum Küssen anbieten, aber dann wäre ich sicher eifersüchtig.“ Alyssa zwinkerte ihr zu. „Und dazu darf ich es nicht kommen lassen.“

Claire gab ihr einen kleinen Stoß in Richtung Bar. „Na los, geh ihn suchen. Ich komme schon zurecht. Vielleicht schnappe ich mir noch einen armen hilflosen Kerl und mache ihn für heute Nacht zu meinem Sexsklaven.“ Unwillkürlich dachte sie an Mister Texas, der leider mit dem Kerl von der Security verschwunden war.

„Schon besser. Das ist genau die richtige Einstellung.“

Alyssa umarmte sie und verschwand in der Menge. Schlagartig fühlte Claire sich wieder unwohl, weil sie allein war und es immer mehr auf Mitternacht zuging.

Würde ihre Freundin es überhaupt merken, wenn sie jetzt nach draußen ginge und sich in ihr Auto setzte? Sie könnte so tun, als wollte sie etwas holen, und dann einfach in ihrem Wagen abwarten, während die Uhren Mitternacht schlugen. Wenn die Küsserei vorbei war, könnte sie wieder zurückkommen. So würde sie zumindest diesen peinlichen Moment vermeiden.

Entschlossen trat sie durch die nächste Tür ins Freie, doch die führte nicht vor den Club, sondern in einen mit Naturstein gepflasterten Innenhof. Der hämmernde Beat drang nicht nach draußen, stattdessen hörte sie gedämpfte Klassik. Genau der richtige Ort, um sich zu sammeln und etwas Ruhe zu finden. Allerdings führte kein Weg von diesem Hof zum Parkplatz.

Claire wollte gerade in den Club zurückkehren, als sie ihren Mister Sünde-und-Sex entdeckte. Diesmal unterhielt er sich mit einigen Frauen.

Seufzend überlegte sie, ob sie hinübergehen und sich unter die Groupies mischen sollte, da zerstreute die Frauengruppe sich auf einmal in alle Richtungen und machten damit den Weg zwischen ihr und dem texanischen Traum frei. Er sah ihr direkt in die Augen.

Sein heißer Blick war unmissverständlich.

Wow!

Claire schluckte und griff sich vom Tablett einer Kellnerin ein weiteres Glas Champagner. Sie wandte sich ab, weil sie nicht wollte, dass dieser Mann sah, wie sie sich Mut antrank. Leider war sie, was das Flirten anging, völlig aus der Übung.

Joe hatte sie über den Freund einer Freundin kennengelernt, und davor hatte sie ihre Zeit damit verbracht zu lernen, nicht damit zu feiern.

Jetzt machte sich dieses Defizit schmerzhaft bemerkbar, denn sie musste einen Weg finden, Mister Texas anzusprechen. Das war es doch, was sie wollte, oder nicht? Das war es, worauf sie und Alyssa sich vor den Weihnachtsfeiertagen geeinigt hatten: Jede von ihnen angelte sich einen Mann.

Derzeit hatte sie keinen Zweifel: Wenn es irgendjemanden gab, den sie um Mitternacht an ihrer Seite haben wollte, dann war es Mister Dekadent.

Als sie sich voller Entschlossenheit wieder umdrehte … war sie allein. Nun, nicht richtig allein, es waren noch Dutzende Partygäste im Innenhof, aber ihr Traummann war weg.

Verdammt!

„Kein geeigneter Zeitpunkt, um seinen Begleiter zu verlieren.“

Claire fuhr herum, wobei ihr vom vielen Champagner etwas schwindlig wurde, und sah sich einer Blondine gegenüber, die ihr ein Tablett mit vollen Gläsern hinhielt.

„Entschuldigung? Meinen Begleiter?“

„Sie schauen so, als würden sie denken ‚Mist, wo ist er jetzt wieder hin‘.“

„Oh!“ Verlegen blickte Claire sich um. Es war ihr peinlich, dass man ihr den Frust so deutlich ansah, dabei hatte sie sich nach einem völlig Fremden umgesehen. Andererseits waren ihr dabei sehr eindeutige Gedanken durch den Kopf gegangen, die man nur mit einem Partner in die Tat umsetzen konnte. „Nein, sehen Sie, ich war nur …“

„Der Countdown fängt gleich an“, unterbrach die Kellnerin sie. „Finden Sie ihn lieber schnell.“

Bevor sie der Frau erklären konnte, dass der Mordskerl nicht ihr Partner war, bekam Claire ein volles Champagnerglas in die Hand gedrückt, und die Kellnerin eilte mit ihrem Getränketablett weiter.

Claire seufzte. Da sie nun schon mal einen Drink in der Hand hielt, trank sie einen Schluck und blickte sich noch einmal suchend auf dem Innenhof um. Leider ohne Erfolg.

Mittlerweile kamen immer mehr Gäste aus dem Club ins Freie, und als sie nach oben sah, erkannte sie den Grund dafür. Der Vollmond schien am wolkenlosen Himmel und tauchte den gesamten Innenhof in silbriges Licht.

Erst jetzt bemerkte sie, dass die Musik im Club verstummt war, genau wie die klassische Musik im Innenhof. Stattdessen hörte man über Lautsprecher die samtweiche Stimme von Fred, dem Manager des Clubs.

„Im Namen aller Angestellten des ‚Decadent‘ wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr. Und jetzt schnappt euch euren Partner oder eure Partnerin und macht euch zum Anstoßen bereit, denn es sind nur noch dreißig Sekunden bis Mitternacht.“

Hastig versuchten viele Leute, noch an ein Getränk zu kommen, und dann zählten alle gemeinsam mit Fred aus dem Lautsprecher den Countdown von fünfzehn rückwärts.

Weil sie hoffte, es könnte sie in die richtige Stimmung bringen, machte Claire einfach mit und hob ihr Glas, wobei sie etwas Champagner verschüttete.

„Vier!“ Sie trank einen Schluck.

„Drei!“ Sie ließ den Blick über die Menge gleiten.

„Zwei!“ Sie entdeckte Joe. Joe! Zusammen mit einer Frau!

Es war ihr zwar egal, was er tat oder ließ, aber sie wollte nicht, dass er sie hier allein sah, während er eine andere Frau im Arm hielt.

„Eins!“ Joe hatte sie entdeckt!

Verdammt. Hastig wandte Claire sich ab – mit etwas Glück hatte er sie nicht erkannt – und stieß gegen eine verführerisch männliche Brust. Mister Texas.

Vielleicht lag es am Champagner, vielleicht wollte sie Rache an Joe, vielleicht wollte sie auch einfach nur etwas riskieren.

Claire kannte den Grund nicht, doch als sie in die blauen Augen des Fremden sah, legte sie ihm die Hände auf die Schultern, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Ich küsse ihn!, schoss es ihr eine Sekunde später, als ihr Verstand wieder einsetzte, durch den Kopf. Ich küsse den texanischen Traum! Den Wahnsinnstyp! Den perfekten Kerl!

Und nicht nur das: Er erwiderte den Kuss.

Es war einfach traumhaft. Claire versuchte zu begreifen, was gerade geschah, aber die Empfindungen waren zu überwältigend, außerdem war das Ganze sowieso unwirklich. Sie konnte nur hoffen, dass Joe sie gerade beobachtete, denn er hatte sie niemals so geküsst.

Der Mann presste die Lippen auf ihre, aber nicht zu fest, und er drang nur ein bisschen und fast spielerisch mit der Zunge in ihren Mund vor.

Sie schmeckte Champagner, Schokolade und Erdbeeren. Leise seufzend öffnete sie die Lippen, und er ergriff die Chance und küsste sie, als gäbe es für ihn nichts Schöneres, als sie ganz für sich zu haben und ihren Geschmack tief in sich aufnehmen. Ihr Körper schien sich mit einem Seufzer aufzulösen, die Knie wurden ihr weich und sie fühlte sich diesem Mann ausgeliefert.

Zum Glück hielt er sie fest in den Armen und stützte sie, dabei umfasste er mit einer Hand ihren Hinterkopf und ließ die Finger durch ihre Locken gleiten. Die andere legte er tief unten auf ihren Rücken, wobei seine Fingerspitzen den Ansatz ihres Pos berührten.

Es fühlte sich unglaublich erotisch an.

Als er den Druck seiner Hand verstärkte und sie enger an sich zog, merkte Claire, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Seine Erektion so deutlich zu fühlen, hätte ihr eigentlich peinlich sein müssen, und obwohl sie wusste, dass sie von ihm abrücken sollte, damit sie beide etwas Luft bekamen, tat sie das genaue Gegenteil. Sie schmiegte sich an ihn und genoss den Druck, als er seine Hand tiefer auf ihren Po gleiten ließ und sie noch fester an sich presste.

Ja, dachte sie und bewegte verlangend die Hüften, während sie sich ausmalte, wie seine Hand tiefer glitt, zwischen ihre Beine strich, sie berührte und sie streichelte bis sie kam.

Allein bei der Vorstellung wurde sie feucht. Wie würde es erst sein, wenn seine Hände tatsächlich dort wären? Wenn sie diesen Mann bei sich im Bett hätte?

Lieber Himmel, ja!

Egal, ob es sich um Chemie handelte, ob es am Champagner lag oder ob es Schicksal war – im Moment konnte Claire an nichts anderes denken, als mit diesem Mann im Bett zu sein und ihn in sich zu spüren. Alles um sie herum schien sich zu drehen, und der Fremde wirkte wie ein Fels in der Brandung, und nur ihn wollte sie.

Genau in diesem Augenblick hob er langsam den Kopf, und sein lustvoller Blick gab ihr den Rest. Ja, dachte sie, er wird mit mir kommen.

„Dir auch ein Frohes Neues Jahr.“ Er lächelte.

„Anscheinend wird es ein sehr gutes.“

„Ich habe dich gesehen.“

Eine Stimme wie seine hatten Männer nur in Träumen. Sie war samtweich wie bei einem Radiomoderator, aber in keiner Weise schmierig oder anbiedernd wie bei einem Vertreter. So einer Stimme konnte eine Frau im Bett die ganze Nacht lang zuhören. Mit einer solchen Stimme konnte ein Mann eine Frau zum Höhepunkt bringen, ohne sie überhaupt zu berühren.

„Ist das wahr?“ Ich schmelze, dachte sie. Ich werde hier und auf der Stelle zu einer Pfütze zerfließen.

„Ja, in der Bar. Da habe ich dich gesehen. Und du mich auch.“

„Ja.“ Unwillkürlich rückte sie wieder etwas dichter an ihn heran. Küss mich, dachte sie, küss mich noch mal.

„Was hast du gedacht, als du mich beobachtet hast?“

Behutsam legte er eine Hand an ihre Taille und zog Claire an sich. Ihr kam es vor, als würden zwischen ihnen Funken aufwirbeln. Sie schluckte und versuchte vergeblich, den Blick von seinen Lippen abzuwenden. Alles andere schien wie in einem dichten Nebel zu verschwinden. Sie wusste genau, was sie gedacht hatte. „Ich … ich kann im Moment nicht richtig denken.“

„Tatsächlich? Ich kann mich noch sehr genau an das erinnern, was ich gedacht habe.“

„Nämlich?“ Ihre Stimme klang atemlos, sie hauchte dieses Wort fast.

„Das hier.“

Damit neigte er den Kopf, und während der Mond sie in silbriges Licht tauchte, presste er die Lippen auf ihre und gab ihr den Kuss, nach dem sie sich gesehnt hatte.

2. KAPITEL

Fantastisch!

Ty konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, solch einen Zauber strahlte die Frau in seinen Armen aus. Und ein Ty Coleman gehörte wahrlich nicht zu den Menschen, die sich leicht verzaubern ließen.

Nein, der Mann, den „Entertainment Weekly“ als Kronprinzen der Nachtclubszene betitelt hatte, der Mann, der mit neunzehn aus Dallas weggegangen war, um in Los Angeles sein Glück zu machen, der Mann, der inzwischen für die fünf beliebtesten Clubs in und um L. A. verantwortlich war und schon zwei Mal eine der angesagten Partys nach einer Oscarverleihung ausgerichtet hatte, auf denen er mit schönen Schauspielerinnen im Arm fotografiert worden war, der Mann ließ sich nicht so leicht von einer Frau umhauen.

Diese Frau hingegen hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert.

Es war nicht ihr Aussehen, obwohl sie zweifellos sehr schön war. Ihr braunes Haar war lockig, und ihre großen ausdrucksstarken Rehaugen blickten ihn fragend an. Da war aber noch mehr, ein Funkensprühen, wie die Ankündigung des Knisterns, mit dem sich gerade eben beim Küssen zwischen ihnen die Spannung entladen hatte.

Er war sich sicher, dass sie es auch spürte. Nur deshalb hatte er es riskiert, sich wenige Sekunden vor Mitternacht durch die Menge in ihre Nähe zu drängeln.

Zuvor hatte er sie beim Gespräch mit ihrer Freundin beobachtet. Sie hatte selbstbewusst und gerade dagestanden, obwohl er ihr angemerkt hatte, dass sie sich unwohl fühlte. Genau das hatte sein Interesse geweckt.

Jeden Abend traf er zahllose Frauen, doch diese faszinierte ihn so sehr, dass er tatsächlich dankbar für die Umstände war, die ihn dazu gezwungen hatten, sich in das Höllenloch Texas zu bewegen.

Er hatte niemals hierher zurückkehren wollen. Es war schon schlimm genug, sich am Telefon ständig von seinen Eltern anhören zu müssen, er werde es nie zu etwas bringen. Hier, nur ein paar Meilen von ihnen entfernt, konnte er fast hören, wie sie an ihm herumnörgelten und alles, was er tat, in den Dreck zogen.

Sie sahen in ihm nur den Jungen mit der Lese- und Rechtschreibschwäche. Damals war es ihm wichtig gewesen, Freunde zu gewinnen, da er schnell erkannt hatte, dass seine Schulnoten niemals gut sein würden. Er hatte sich oft geprügelt und war in den unpassendsten Momenten mit Mädchen entdeckt worden. Seine Lehrer hatten ihn als Störenfried abgestempelt, und dieses Urteil hatten seine Eltern übernommen.

Selbst nachdem er nach Kalifornien umgezogen war und dort viel Geld verdiente, sahen sie in ihm nichts als einen wertlosen Angeber.

Es ärgerte ihn, dass ihm immer noch so viel an ihrem Urteil lag.

Genau aus diesem Grund hatte er niemals wieder nach Dallas zurückkehren wollen. Allerdings hätte er sich auch niemals träumen lassen, dass die diesjährige Gewinnerin des Oscars für die beste weibliche Hauptrolle ihn auf einer Hollywood-Party mit Roberto Murtaugh bekannt machen würde, dem Milliardär mit Wohnsitz in Dubai.

Ty hatte deutlich gespürt, dass sich ihm dadurch eine einzigartige Gelegenheit bot. Er konnte zwar keine Bilanzen lesen, ohne dass ihm die Zahlen vor den Augen verschwammen, aber er wusste, wie er diese Zahlen wachsen lassen konnte.

Er hatte Murtaugh erzählt, was er während seiner Zeit in Los Angeles erreicht hatte. Mit Neunzehn hatte er in jedem Nightclub geschuftet, in dem man ihm einen Job gegeben hatte, doch irgendwann war der Tag gekommen, an dem er bei der großen Eröffnung seines fünften Clubs das Band vor dem Eingang zerschnitten hatte.

Es war nicht überraschend, dass Murtaugh bereits von ihm gehört hatte. Selbst in Los Angeles war es ungewöhnlich, dass ein so junger Mann schon so viel Geld verdiente. Wenn jemand aus schlichten Nightclubs In-Orte machte, wenn die Leute regelmäßig auf den Websites dieser Clubs surften, um sich zu verabreden, dann nahmen die Medien so einen Erfolg unter die Lupe. Zuerst taten sie ihn als unerfahrenen Glückspilz ab, doch als er sich über Jahre im Geschäft hielt, wurde er zum Partyboy mit immer neuen Starlets an seiner Seite hochgejubelt, dessen Leben eine ewige Party war.

Das störte ihn nicht. Jede Publicity steigerte den Erfolg seiner Clubs. Er hatte nicht vor, seinen Lebensstil zu ändern, der ihn aus der Armut seiner Kindheit herausgeführt hatte. Mehr als einmal war über ihn in „Good Morning America“ berichtet worden, die Presse war ihm ständig auf den Fersen, und die Hollywood-Prominenz bedrängte ihn, um Tickets für besondere Events oder für ausverkaufte Veranstaltungen zu bekommen.

Wenn er sich für diesen Erfolg als Partyboy abstempeln lassen musste, dann war er dazu bereit, auch wenn er inzwischen dreißig war.

Er war zu vielem bereit, wenn sein Unternehmen dadurch wuchs. Mittlerweile war er der Mann, der er nach Überzeugung seiner Eltern niemals hätte werden können. Er war erfolgreich und wohlhabend, und er genoss hohes Ansehen.

Jetzt war er zum Wohle seines Unternehmens nach Dallas zurückgekehrt.

Mit Murtaugh hatte er sich auf Anhieb gut verstanden, aber der Milliardär hatte sein Vermögen nicht gemacht, indem er Fremden sofort vertraute, und als Ty ihm vorgeschlagen hatte, Nightclubs wie seine auch in Europa und Asien zu eröffnen, hatte Murtaugh interessiert, aber auch misstrauisch reagiert.

„Sie gefallen mir“, hatte der ältere Mann schließlich gesagt, „aber bislang haben Sie nur in einer Stadt Erfolg. Woher soll ich wissen, dass Sie Ihre Expansionspläne umsetzen können? Diese Sicherheit brauche ich, bevor ich investiere.“

„Sagen Sie mir, wie ich Sie überzeugen kann.“

„Ich habe zwei Grundstücke in Dallas.“ Murtaugh hatte gelächelt und ihm seinen Plan geschildert.

Die Idee war sehr einfach: Innerhalb von acht Monaten sollte er Murtaughs Club „Decadent“ wieder zu Erfolg verhelfen. Er sollte mit der Belegschaft sprechen, beraten, wo es nötig war und alles tun, was dem Club wieder auf die Beine half. Gleichzeitig hatte Murtaugh ihm angeboten, ein altes hässliches Gebäude, das ebenfalls dem Milliardär gehörte, als Ableger seines ersten Clubs in L. A., dem „Heaven“, aufzubauen – mit fünfzigprozentiger Gewinnbeteiligung für Murtaugh.

Vorausgesetzt, dass beide Projekte innerhalb dieser kurzen Zeitspanne Erfolg hatten, war Murtaugh bereit, in seine Expansionsvorhaben zu investieren.

Ty fand, dass dies alles zu schön klang, um wahr zu sein. Doch sobald Murtaugh ihm verraten hatte, wo diese beiden Grundstücke lagen, hatte er gewusst, wo der Haken bei der ganzen Sache war.

Er würde seinen größten Traum verwirklichen können, doch zuvor musste er durch die Hölle gehen.

Natürlich hatte er eingewilligt.

Jetzt war er seit sechs Monaten wieder in Dallas. Zwei weitere musste er noch durchhalten, dabei konnte er es kaum erwarten, diese verhasste Stadt wieder zu verlassen.

Mühsam verdrängte er diese Gedanken. Es spielt keine Rolle, sagte er sich. Ich bin hier, und die Frau in meinen Armen lässt mich zumindest für den Moment vergessen, dass dies Dallas ist.

Vom ersten Augenblick an hatte er vorgehabt, sie anzusprechen. Er hatte sie in den VIP-Bereich des Clubs bitten wollen, um ihr einen Drink auszugeben und mit ihr zu tanzen.

Niemals hätte er damit gerechnet, sie könne sich ihm in die Arme werfen und ihn so lustvoll küssen.

Sie stöhnte leise und presste ihren Körper an ihn, und auf ihren Lippen schmeckte er Champagner. Er hatte gesehen, wie sie die Gläser geleert hatte, während sie sich immer wieder umgesehen hatte, als suche sie jemanden. Dieser Jemand war ganz bestimmt nicht er gewesen. Pech für denjenigen, dachte er.

Ihm war heiß vor Erregung. Er wollte sie berühren, wollte ihre nackte Haut unter seinen Händen spüren, stellte sich vor, wie seine Finger über ihre Brüste glitten. Er wollte seine Lippen um ihre Brustwarzen schließen und spüren, wie sie hart wurden, während er sie leckte und küsste.

Er wollte diese Frau, und wenn es eins gab, das er immer sicherstellte, dann, dass er das bekam, was er wollte.

Leider hatte er sich im „Decadent“ kein Privatbüro einrichten lassen, zumal er hier nur als Berater fungierte. Stattdessen hatte er in der City im Wardman Tower ein kleines Büro angemietet, doch das lag im Moment für seine Zwecke viel zu weit entfernt.

Verdammt! Egal, nach wem diese Frau den Abend über im Club gesucht hatte, zurzeit wollte sie ihn. Davon war er jedenfalls überzeugt, bis …

„Claire?“

Als links von ihm eine Männerstimme erklang, zog die Frau in seinen Armen, offenbar Claire, sich von ihm zurück, ihre Augen weit offen, ihre Miene wachsam.

„Oh, Joe. Was für eine Überraschung, dich hier zu sehen.“

Ty erkannte sofort, dass es keine Überraschung für sie war.

„Ich habe dich von da hinten gesehen, da dachte ich, ich komme rüber und sage Hallo.“

„Verstehe.“ Claire lächelte betont höflich. „Sehr lieb.“ Sie wedelte mit den Händen, als wüsste sie nicht genau, was sie mit ihnen tun sollte. „Frohes Neues Jahr.“

„Dir auch.“ Joe wandte sich an ihn und streckte ihm die Hand hin. „Ty Coleman, es freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Joe Powell. Von ‚Power Publicity‘.“

Während Ty ihm die Hand schüttelte, versuchte er, den Namen einzuordnen. Ja, er hatte von Joe Powell gehört. Es hieß, Joe werde bald einer der wichtigsten PR-Agenten von ganz Texas sein. Er hatte schon ein paar Mal überlegt, ob er über seine Assistentin nicht ein Treffen mit ihm vereinbaren sollte.

Anscheinend brauchte er Lucy damit nicht mehr zu behelligen, denn es war offensichtlich, dass Joe nicht herübergekommen war, um Claire zu begrüßen, sondern um sich ihm vorzustellen.

„Hören Sie“, sagte Joe. „Ich will Ihnen nichts vormachen, ich bin heute hierhergekommen, weil ich gehofft hatte, Sie zu treffen.“

Bingo, dachte Ty, doch dann bemerkte er Claires Verwirrung. Offenbar wusste Joe besser als sie, wer er war. Das überraschte ihn und gefiel ihm zugleich. Wann hatte eine Frau sich das letzte Mal nur zu ihm als Mann hingezogen gefühlt und nicht zu dem bekannten Clubbesitzer?

Joe lächelte Claire an. „Ich schätze, ich hätte auch dich bitten können, uns bekanntzumachen, aber mir war nicht klar, dass du Mr Coleman kennst.“

„Ja, also …“

Sie hob die Augenbrauen, als wüsste sie nicht, was sie als Nächstes sagen sollte. Ty hatte keine Ahnung, was ihn dazu veranlasste, aber er nahm ihre Hand und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Handfläche. „Unsere Beziehung war bislang ein bisschen turbulent.“

Claire öffnete den Mund, sagte jedoch nichts.

Ty sah ihr an, dass sie sich fragte, ob sie zugeben sollte, dass es keine Beziehung zwischen ihnen gab, oder ob sie einfach mitspielen sollte.

Gerade als er annahm, sie werde die Wahrheit sagen, tauchte eine schlanke Rothaarige auf Stilettos neben Joe auf und ergriff strahlend lächelnd seine Hand.

„Turbulenz ist mir nicht fremd“, sagte Joe. „Das ist Bonita.“

Claire sah ihn fassungslos an.

Die junge Frau lächelte noch herzlicher. „Ich bin Joes Freundin.“

In ihrem Kopf drehte sich alles, doch das konnte nicht nur am Champagner liegen. Woher kannte Joe den Namen ihres Traummanns? Ty Coleman. Der Name sagte Claire etwas, aber in ihrem beschwipsten Zustand konnte sie ihn nicht einordnen.

Und wie kam Joe zu dieser Freundin? War dies derselbe Joe, der erst kurz vor Weihnachten einen Annäherungsversuch bei ihr gemacht hatte?

Andererseits war Bonita es gewesen, die sich als Joes Freundin bezeichnet hatte. Vielleicht sah Joe das Ganze anders?

Einen Moment lang grübelte Claire darüber nach, dann verdrängte sie diese Gedanken. Es spielte im Grunde keine Rolle, ob Bonita seine Freundin, seine Verlobte oder seine aus dem Katalog bestellte Braut war. Sie wollte nur, dass die beiden verschwanden. Es war ihr egal, wieso Ty für Joe von Interesse war. Sie wusste nur, dass der Mann sich ernsthaft für sie interessierte, und sie wollte ihn ganz für sich allein haben.

Anscheinend war an positivem Denken doch etwas dran, denn Joe trat einen Schritt zurück, als wolle er sich verabschieden, und Claire führte in Gedanken schon einen Freudentanz auf, doch der fand ein abruptes Ende, als Bonita Joes Arm umklammerte und ihn festhielt.

„Du solltest sie einladen, Sugar.“

„Honey, ich bin mir nicht sicher, ob dies der richtige Zeitpunkt ist.“

Claire wusste, dass Joe sich keine Gelegenheit entgehen ließ, um einen potenziellen Kunden zu umgarnen. Sie vermutete, dass Bonita und er dieses kleine Spielchen abgesprochen hatten.

„Ich werde Sie anrufen lassen, um für nächste Woche einen Termin auszumachen. Wären Sie damit einverstanden?“ Joe sah Ty an. „Ich würde mich mit Ihnen sehr gern über die Öffentlichkeitsarbeit für die Eröffnung des ‚Heaven‘ unterhalten. Ich weiß, dass Sie eine andere Agentur damit beauftragt haben, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ‚Power Publicity‘ über die Kontakte und das Know-how verfügt, um dem ‚Heaven‘ zu großem Erfolg zu verhelfen. Die Eröffnung findet in einem Monat statt, da sollten wir uns Ihren PR-Plan sehr genau ansehen. Mein Ziel wäre es, dieses Event noch größer und aufsehenerregender zu gestalten als bei Ihren Clubs in Kalifornien.“

In diesem Moment fiel bei Claire der Groschen. „Du bist Ty Coleman!“, platzte sie heraus. „Natürlich!“ Ohne Champagner hätte sie sich eindeutig besser unter Kontrolle gehabt.

„Wusstest du etwa nicht …“, setzte Joe an.

„Ach, das ist ein kleiner Scherz zwischen uns.“ Ty winkte lachend ab. „Als wir uns das erste Mal trafen, wusste sie nicht, wer ich bin.“

Claire hätte ihn aus Dankbarkeit küssen können.

„Ah.“ Bonita war gerührt.

„Rufen Sie in meinem Büro an.“ Ty nickte Joe zu. „Bitten Sie meine Assistentin, eine halbe Stunde einzuplanen. Wenn mir gefällt, was ich höre, dann sehen wir weiter.“

„Klingt toll.“ Joe wirkte wie jemand, der gerade den Hauptgewinn gezogen hat. „Ich freue mich darauf.“

„Wieso lädst du die zwei nicht zur Party ein?“, bohrte Bonita weiter.

Joes Blick glitt von Bonita zu ihr. „Oh, ich weiß nicht, ob …“

„Aber Daddy würde sich riesig freuen, Mr Coleman kennenzulernen, und ihr zwei hättet Gelegenheit, euch ohne all den Geschäftskram zu unterhalten. Außerdem“, fuhr sie lächelnd an sie gewandt fort, „wäre es schön, jemanden dabeizuhaben, der nichts mit PR zu tun hat. Das haben Sie doch nicht, oder?“

„Ich bin am Berufungsgericht. Wer ist denn Ihr Vater?“ Insgeheim ahnte Claire die Antwort bereits.

„Jake Powers. Ihm gehört die Agentur, für die Joe arbeitet.“ Bonita drückte Joes Arm. „Er hat Joe gefragt, ob er nicht sein Teilhaber werden will.“

„Das ist ja wunderbar.“ Claire fragte sich, ob Joe ihr nur den Laufpass gegeben hatte, damit er sich mit Bonita treffen konnte, um auf diesem Weg näher an ihren Daddy heranzukommen.

„Ihr kommt doch, oder?“

„Wann denn?“, fragte Ty nach.

„Morgen. Es ist unser traditionelles Neujahrsevent für unsere Kunden im ‚Starr Resort‘. Alles ganz ungezwungen und entspannt. Jeder kommt und geht, wie er mag.“

Auf eine Party zu gehen, bei der auch Joe anwesend war, gehörte nicht gerade zu den Dingen, die Claire sich für den ersten Tag des neuen Jahres wünschte. „Ich glaube nicht, dass wir …“

„Es wird ganz toll werden“, unterbrach Bonita sie. „Es kommen auch Leute aus Ihrer Branche. Wir haben gerade mit ‚Daniels and Taylor‘ einen Vertrag über ein paar Fernsehspots abgeschlossen.“ Damit bezog sie sich auf die Kanzlei, die Claires Vater mitgegründet hatte. „Und mindestens fünf Mitglieder der Anwaltskammer haben schon zugesagt. Dutzende von Anwälten kommen. Sie können nie wissen, wen Sie dort treffen.“

Claire hob eine Augenbraue. „Und Sie arbeiten nicht in der Agentur?“

„Ich? Um Himmels willen, nein. Ich bin nur den Männern in meinem Leben ein bisschen behilflich.“ Ihr Lächeln wurde strahlend. „Na los, ihr zwei. Ihr braucht ja nicht den ganzen Tag lang zu bleiben.“

Claire war unentschlossen. Einerseits konnte sie dort offenbar wirklich wertvolle Kontakte knüpfen, andererseits war es eine Party mit Joe. Letztlich gaben die Kontakte den Ausschlag. Die Klienten eines Anwalts am Berufungsgericht waren schließlich andere Anwälte, und in dieser Hinsicht konnte man nicht früh genug anfangen, sie kennenzulernen.

Ty legte einen Arm um ihre Taille, und Claire erschauerte vor Vorfreude, bald allein mit ihm zu sein. Der Gedanke, diesen Mann auch am kommenden Tag um sich zu haben, gefiel ihr noch besser, doch dann riss sie sich zusammen. Mach dich nicht lächerlich, sagte sie sich. Er hat dich um Mitternacht geküsst, das heißt noch nicht, dass er eine heiße Nacht mit dir verbringen wird, geschweige denn gleich den gesamten nächsten Tag!

Ganz besonders traf das auf einen Mann wie Ty Coleman zu. Sie las die Klatschspalten nicht regelmäßig, aber selbst sie hatte mitbekommen, dass Ty zu den Männern gehörte, die auf jedem Foto eine andere Frau an ihrer Seite haben.

Vielleicht wollte er eine Nacht mit ihr verbringen, das hoffte sie inständig, doch die Chance, dass sich daraus mehr ergeben könnte, war verschwindend gering.

Dieser Gedanke deprimierte sie, zumal sie ohne Ty nicht auf die Party gehen konnte. Joe war an ihr nicht interessiert, weder privat noch beruflich. Daher würde sie sich dort wie ein Idiot vorkommen, wenn Ty Coleman nicht mitkäme. Und sie hatte ihn gerade eben erst kennengelernt.

Sie räusperte sich und entschied sich für eine höfliche Ausrede. „Ich würde wirklich gern kommen, aber ich habe morgen leider schon etwas vor.“

Wir hatten etwas vor.“ Ty sprach mit seiner tiefen Stimme, die Claire sofort wieder ins Schwärmen versetzte. „Aber weißt du denn nicht mehr?“ Er beugte sich zu ihr und sprach etwas leiser direkt in ihr Ohr: „Wir haben doch abgesagt. Jetzt haben wir zwei morgen den ganzen Tag Zeit.“

Überrascht und froh sah sie ihn an und bemerkte das kleine Zwinkern und das angedeutete Lächeln.

Strahlend wandte er sich wieder Joe und Bonita zu und sagte: „Herzlichen Dank für die Einladung. Wir kommen gern.“

3. KAPITEL

„Nicht, dass ich unglücklich über die Einladung bin, aber was wäre, wenn ich für morgen tatsächlich etwas vorgehabt hätte?“

Sie saßen an der Bar. Ty hatte eine Hand auf ihr Knie gelegt, die Fingerspitzen reichten knapp unter ihren Rocksaum. Die Geste war beiläufig, dafür war die Wirkung unglaublich. Claire konnte sich kaum konzentrieren. Selbst das Atmen fiel ihr schwer.

„Hattest du denn etwas vor?“

„Eigentlich hatte ich einen Termin im Krankenhaus, weil ich eine meiner Nieren spenden wollte, aber das muss jetzt ausfallen.“

Er rückte näher und legte seine andere Hand an ihre Hüfte. „Wer immer deine Niere bekommt, ist ein sehr glücklicher Mensch.“

Es klang humorvoll, doch Claire lächelte nicht. Wie sollte sie lächeln, wenn ihr das Denken schon so schwerfiel? Sie war völlig angespannt. Seine Berührung, sein Duft und auch das leise Geräusch, wenn er atmete, machten sie verrückt. Sie musste sich beherrschen, um nicht eine Hand auf seine zu legen und sie von ihrer Hüfte höher auf ihre Brust zu schieben. Gleichzeitig würde sie auch seine andere Hand an ihrem Schenkel höher schieben, um seine Fingerspitzen dort zu spüren, wo sie es sich am meisten ersehnte.

Ja, ich will ihn, dachte sie. Er soll mich berühren. Wieso saßen sie überhaupt noch hier an der Bar herum?

Er nahm die Hand von ihrer Hüfte, und Claire konnte wieder atmen.

Ty gab dem Barkeeper ein Zeichen, ihnen noch eine Runde zu bringen, und nahm eine ihrer Hände in seine.

„Ich dachte, ich tue dir in der Sache mit Joe einen Gefallen. Lag ich da falsch?“

Sie befeuchtete sich die Lippen. „Bin ich so leicht zu durchschauen?“

„Ich habe gelernt, die Menschen genau zu beobachten. Ich verbringe viel Zeit mit Verhandlungen. Normalerweise sagen die Leute nicht das, was sie denken.“

„Und was habe ich gedacht?“ Hatte er etwa erkannt, dass sie sich einen Tag mit ihm erträumte? Wollte er das auch?

„Du dachtest, diese Party könnte für dich eine gute Gelegenheit sein.“

„Das stimmt. Ich arbeite schon einige Zeit für eine Richterin. Das hat mir viel Erfahrung und auch tolle Referenzen eingebracht, aber jetzt muss ich meine eigenen Kontakte knüpfen. Nächsten Sommer trete ich einer Kanzlei bei.“

„Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Ich habe mein Leben damit verbracht, jede Gelegenheit zu nutzen.“

Sie versuchte sich alles ins Gedächtnis zu rufen, was sie über ihn gehört hatte. Ab und zu war sein Name in Fernsehshows erwähnt worden, und sie hatte ihn auch in diversen Internet-Blogs gelesen. Da sie den ganzen Klatsch und Tratsch normalerweise nicht verfolgte, sprach allein schon die Tatsache, dass sein Name ihr aufgefallen war, für sich. Wenn Joe ihn so umschmeichelte, dann mussten Tys Clubs zu den angesagtesten gehören, die es gab.

„Danke, aber im Grunde bist du es, den sie auf ihrer Party haben wollen, nicht ich.“ Sie runzelte die Stirn. „Ehrlich gesagt überrascht es mich, dass Joe nicht versucht hat, mich davon abzuhalten, dich zu begleiten.“ Sollte sie Bonita erzählen, dass Joe kurz vor Weihnachten versucht hatte, mit ihr zu schlafen? Claire beschloss, zuerst herauszufinden, ob er zu dem Zeitpunkt schon fest mit der Tochter seines Arbeitgebers zusammen gewesen war.

„Du wirkst nachdenklich.“ Ty trank einen Schluck von dem Scotch, den der Barkeeper ihm hingestellt hatte. „Was geht dir durch den Kopf?“

„Ach, gar nichts.“ Sie lachte. „Es sind wirklich nur Nebensächlichkeiten. Ich will mir nicht den Mund über andere zerreißen.“

Sanft strich er mit einem Finger erst über den Rand seines Glases, dann über ihre Lippen.

„Es wäre auch wirklich schade um deinen wunderhübschen Mund.“

So einen Tonfall sollte er nur benutzen, wenn er nackt mit einer Frau im Bett liegt, dachte Claire. Sie schloss die Augen und kostete den Klang seiner Stimme aus. Dabei saugte sie sinnlich an seinem feuchten Finger, der ein bisschen nach Scotch und sehr nach Ty schmeckte.

Als sie ein leises Stöhnen hörte, wurde ihr klar, dass der Laut von ihr kam. Schnell öffnete sie die Augen wieder. Ty lächelte, die Leidenschaft in seinem Blick war unverkennbar. Seltsamerweise war ihr das nicht peinlich, sondern sie fühlte sich sexy und stark. „Ich glaube, du machst mich ein bisschen verrückt.“

„Vielleicht liegt’s am Champagner.“

Sie schüttelte den Kopf. „Der Alkohol macht mich vielleicht etwas mutiger, aber du machst mich …“

„Ja?“

Feucht. „Kribblig.“

„Vielleicht kann ich dir auch dabei helfen, dieses Kribbeln wieder loszuwerden.“

Einen Moment stockte ihr der Atem. „Das würde ich mir sehr wünschen.“

Mit verführerischem Lächeln beugte er sich zu ihr, und als seine Lippen über ihre strichen, erwiderte Claire den Kuss, legte einen Arm um seinen Nacken, schmiegte sich an Ty und kostete seine Nähe mit allen Sinnen aus.

Ein lautes Räuspern erklang, und Ty hob den Kopf.

Es freute Claire zu sehen, wie widerwillig er den Kuss unterbrach. Sein Blick verriet, dass es für den Störenfried ratsam war, einen guten Grund für die Unterbrechung zu haben. Es war eine junge Frau Anfang Zwanzig, die ein enges T-Shirt mit dem Aufdruck „Decadent“ trug. Ihr Lächeln zeigte keinerlei schlechtes Gewissen, so, als wäre Claire nur eines von zahllosen Mädchen, die Ty Coleman sich aus der Menge pickte.

Wahrscheinlich bin ich das auch, dachte sie. Ist das für mich ein Problem?

Er beugte sich zu ihr und küsste sie so fordernd, dass sie alles andere vergaß, dann schaute er sie mit einem Blick an, der Stahl schmelzen konnte.

Nein, dachte sie, überhaupt kein Problem.

„Tut mir leid.“

Er stand vom Barhocker auf und ließ dabei eine Hand an ihrem Schenkel entlanggleiten. Claire hatte das Gefühl, einen leichten Stromschlag zu bekommen.

„Ich muss schnell ein paar Details mit Fred klären. Wartest du auf mich?“

Benommen nickte sie. Schlagartig fühlte sie sich wieder wie das unerfahrene Mädchen von damals, als Tommy Blake, der Junge, in den sie als Teenager verschossen war, sie zum ersten Mal geküsst hatte.

Gedankenverloren zog sie eine Kirsche aus der Schale auf dem Tresen und saugte daran, wobei sie sich im Club umsah. Sie sah Joe und Bonita, die gerade zum Ausgang gingen. Hastig wandte Claire sich ab und entdeckte Alyssa, die mit Chris zusammen in einer Gruppe von Gästen zu einem anderen Ausgang drängte.

Alyssa flüsterte Chris etwas zu, der sich daraufhin zu ihr umsah und ihr zuwinkte. Alyssa kam zu ihr.

„Ich wollte dir schon eine SMS schicken.“ Ihre Freundin atmete tief durch. „Aber jetzt bist du ja allein.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Bist du allein oder nicht?“

„Nur vorübergehend.“ Claire musste sich beherrschen, um nicht zu kichern.

„Er sieht toll aus.“ Alyssa setzte sich auf Tys Platz. „Siehst du? Was habe ich dir gesagt? Es hat sich gelohnt, noch zu bleiben. Wie ist er so? Wie heißt er?“

„Er ist fantastisch, zumindest bis jetzt. Er heißt Ty.“ Sie machte eine kurze Pause, um zu sehen, ob Alyssa darauf ansprang. „Ty Coleman.“

„Schöner Name.“

Claire wusste nicht, ob sie stolz oder beschämt sein sollte, weil sie sich beim Klatsch und Tratsch besser auskannte als Alyssa.

„Arbeitet er hier?“

Mit einem Kopfnicken deutete Alyssa über ihre Schulter, und als Claire sich umwandte, sah sie Ty mit dem Geschäftsführer des Clubs sprechen, wobei er zu ihr sah und sie anlächelte.

„Knallbumm“, sagte Alyssa.

„Wie bitte?“

„So wie ihr euch anseht. Das ist nicht nur Lust, das ist eine echte Verbindung.“

Claire lachte und winkte ab. „Nur weil du jetzt mit Chris zusammen bist, willst du unbedingt, dass ich auch was Festes finde, aber ich habe ihn ja gerade erst kennengelernt.“

Alyssa hob die Schultern. „Auf jeden Fall bist du mir was schuldig, weil ich dich zum Bleiben überredet habe. Ich wollte dir nur noch sagen, dass du heute Nacht lieber nicht mehr Autofahren solltest, aber so wie es aussieht“, Alyssa beugte sich vor und umarmte sie, „gibt es schon Jemanden, der dich nach Hause bringt.“

„Dann habe ich ja die perfekte Ausrede, um mit zu ihm zu fahren. Vorausgesetzt, er will das auch“, sagte Claire.

„Vertrau mir.“ Alyssa lächelte sie vielsagend an. „Das will er.“

Sie winkte und ging, bevor Claire etwas erwidern konnte. Erst als sie Tys Hand auf ihrer Schulter spürte, begriff sie, wieso ihre Freundin sich so abrupt verabschiedet hatte.

„Sorry, im Grunde habe ich immer noch zu tun.“

„Oh. Tut mir leid, ich wollte nicht …“

„Nein, nein.“

Er ergriff ihre Hand, bevor sie etwas so Dummes tun konnte, wie vom Barhocker zu hüpfen. Sie wollte nicht gehen, jedenfalls nicht ohne Ty.

„Als Chef hat man den Vorteil, dass man die Regeln selbst aufstellen kann. Allerdings lautet eine meiner Regeln, dass ich arbeite, wenn es etwas zu tun gibt.“

„Und das kann auch um halb eins am Neujahrstag sein?“

„Mehr als du dir vorstellen kannst.“ Er setzte sich wieder auf den Barhocker und lehnte sich entspannt zurück. „Erstens trinken die Leute heute mehr.“

„Kann man wohl sagen.“ Claire hob ihr Glas. Sie trank nur selten Champagner, weil sie davon schnell angesäuselt war und anschließend wie eine Tote schlief, doch an diesem Abend hatte sie zugelangt. Und jetzt genoss sie die Wirkung. Ein Schwips und der nötige Mut, den sie für die Nacht brauchte.

„Genau.“ Er lachte. „Daher müssen wir dafür sorgen, dass ausreichend Shuttlefahrzeuge und Taxen zur Verfügung stehen. Zur Not stecke ich Gäste auch ins Hotel, wenn ich befürchten muss, dass sie sich sonst ans Steuer setzen. Die Ausgabe lohnt sich, weil wir dadurch das Image von verantwortungsbewussten Clubbetreibern bekommen. Besonders bei Collegestudenten.“

Er räusperte sich. „Es gibt noch viele andere Dinge zu klären. Die heutigen Einnahmen sind höher als sonst, und da möchte ich nicht, dass der Manager das Geld allein zur Bank bringen muss. Außerdem gibt es nach solchen Nächten oft Ärger mit den Inhabern der Nachbargeschäfte, wenn wir nicht dafür sorgen, dass morgen früh alles sauber ist. Dann muss ich mich noch um …“ Er schüttelte den Kopf. „Sorry, manchmal lasse ich mich ein bisschen mitreißen.“

„Mir war gar nicht klar, was alles zu beachten ist, wenn ein Club nachts schließt. Ehrlich gesagt bin ich sowieso keine große Club-Gängerin. Ich war früher eher mit meinen Eltern in Konzerten, und als ich aufs College ging, da …“

„Da hast du abends gelernt anstatt auszugehen.“

„Merkt man mir das so deutlich an?“

„Ich kenne die Menschen eben.“

„Und du warst eher der Typ, der ausgeht anstatt zu lernen?“

„Ich habe nie studiert, sondern bin mit neunzehn losgezogen und habe mit dem Geldverdienen angefangen.“

„Und wie bist du hier in unserer kleinen Ecke der Welt gelandet?“

„Hier schließt sich für mich der Kreis, zumindest vorerst.“

Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Das verstehe ich nicht.“

„Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen. Ich kann sogar den Two-Step tanzen.“ Er zog die Hosenbeine ein Stück hoch und tippte auf seine Boots. „Ich bin ein Junge aus Texas“, sagte er mit breitem texanischen Akzent.

„Jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch auf.“ Sie lachte. „Wieso bist du wieder hier?“

„Das ist eine komplizierte Geschichte. Ich habe noch zwei Monate hier zu tun, und bis vorhin kam mir diese Zeit grauenhaft lang vor, aber jetzt glaube ich, dass ich die restlichen Tage meiner Strafzeit hier viel leichter verkraften kann.“

Er nahm eine Kirsche und strich damit zart über ihre Unterlippe. Als Claire den Mund öffnete, zog er die Kirsche zurück. Sie folgte ihr lachend mit dem Mund und stützte sich dabei auf seinem Barhocker ab. Genau zwischen seinen Beinen.

Claire fing die Kirsche mit den Lippen und schloss die Augen, während sie sie in den Mund nahm. Als Ty sich etwas bewegte, spürte sie die Wärme seiner Schenkel an ihren Fingerspitzen.

Sie öffnete die Augen. Ihre Hand war dicht an der Wölbung unter seiner Jeans. Sie bräuchte nur die Finger zu bewegen, um ihn zu berühren. Wenn sie die Hand umdrehte, könnte sie ihn umfassen.

Unwillkürlich malte sie sich aus, was geschehen würde, sollte er sie so berühren. Dann würde er entdecken, wie feucht und erregt sie war. Er könnte mit einem Finger in sie eindringen und ihre Lippen mit einem Kuss verschließen, während sie kam.

Sie wollte ihn genauso verrückt vor Lust machen, wie sie es allein durch seine körperliche Nähe schon war. Ohne groß darüber nachzudenken streichelte sie ihn durch die Jeans hindurch. Sie spürte das leichte Zucken unter dem Stoff, merkte, wie sein Körper sich anspannte und hörte, wie er scharf die Luft einsog.

Claire fühlte sich sexy und machtvoll. Sie beugte sich etwas vor und sah ihm in die Augen. „Küss mich.“

Ihr Kleid war rückenfrei, und sie erschauerte, als Ty über ihre nackte Haut strich. Er ließ sich nicht lange bitten. Sein Kuss war perfekt. Er schien gar nicht genug von ihr bekommen zu können, und es kam ihr vor, als würde er sie am liebsten nach Hause tragen wollen, damit er sie an all den Stellen küssen konnte, die er nicht erreichte, solange sie auf einem Barhocker saß.

Schon bei dem Gedanken daran rutschte sie auf dem Hocker herum. Sie musste sich eingestehen, dass sie beschwipst war, erregt und scharf auf den Mann vor ihr.

Ty zog sich von ihr zurück, und Claire musste sich beherrschen, um vor Enttäuschung nicht zu wimmern. Sie biss ihm spielerisch in die Unterlippe. Als sie sachte daran zog, musste er lächeln. Es war ihr völlig egal, dass männlicher Stolz in seinem Blick lag und dass sie sich wie eine läufige Hündin aufführte. Wenn es ihn glücklich machte, dass sie ihm nicht widerstehen konnte, dann war das eben so.

„Kannst du denn hier weg?“ Sie flehte im Stillen, dass er es ermöglichen konnte. „Ich meine, gibt es hier noch Arbeit für dich?“

„Zum Teufel mit der Arbeit.“ Er stand auf und stellte sich vor sie.

Sie legte die Arme um seine Taille und zog ihn an sich. Er war so heiß, dass sie zu verbrennen befürchtete. „Lass uns gehen.“

Sobald sie vom Barhocker aufstand, schien der Raum sich zu drehen. Ty zog sie in seine Arme, und dankbar und verlegen zugleich sah sie ihm in die Augen. „Tut mir leid, Champagner hat nun mal diese Wirkung auf mich.“

„Zum Glück hast du es mit einem Mann zu tun, dem es wichtig ist, seine Gäste sicher nach Hause zu bringen.“ Zärtlich küsste er sie aufs Ohr. „Ich verspreche dir, dass ich mich in deinem Fall höchstpersönlich darum kümmere.“

Sie rang nach Luft und stellte sich Ty bei sich zu Hause vor. „Mein Haus ist ein einziges Chaos“, sagte sie leise. „Ich fürchte, meine Putzfrau hat dieses Jahr frei.“

„Vielleicht sollte ich dir dann an der Haustür einen Gutenachtkuss geben.“

Sie hörte die Belustigung in seinem Tonfall und nahm die Herausforderung an. Eine Hand legte sie auf seinen Nacken und zog seinen Kopf dichter zu sich, während sie mit der anderen seinen Po umfasste und Ty an sich zog bis sie aneinandergeschmiegt dastanden und sie seine Erektion fühlte. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr: „Wag es ja nicht. Ich will dich in meinem Bett. Je eher, desto besser.“

4. KAPITEL

Ich will dich in meinem Bett.

Ty konnte kaum noch denken, so sehr brachte diese Frau ihn aus der Fassung. In jeder Faser seines Körpers spürte er ihre Wirkung, und sein Puls hämmerte. Fast schmerzhaft fühlte er seine Erektion, so sehr sehnte er sich nach Sex mit ihr.

Er hatte keine Ahnung, wo sie wohnte, doch er hoffte, es war gleich in der Nähe. Einen Moment überlegte er, ob er mit ihr in das Zimmer gehen sollte, das er von einem seiner Freunde angemietet hatte, doch in der Wohnung hausten im Moment noch zwei andere Kumpel seines Freunds. Es war eine typische Junggesellenbude und kein Ort, an den er Claire bringen wollte.

Bisher hatte er es vermieden, eine Frau mit zu sich nach Hause zu nehmen oder zu ihr zu gehen, doch mit Claire war es anders. Er war nur noch für zwei Monte in Dallas, warum also nicht zu ihr gehen? Sie könnten ein Hotelzimmer nehmen, doch das kam ihm nicht richtig vor. Anderseits konnte er es kaum noch erwarten.

„Bitte“, flüsterte sie und er fühlte die Wärme ihrer Hand auf seinem Hintern. Ihre Brüste schmiegten sich an seine Brust. Ty bemerkte, dass sie unter dem dünnen Kleid keinen BH trug.

„Komm mit.“ Er führte sie durch die kleine Küche zum Angestelltentrakt und seufzte erleichtert, als er sah, dass die Tür, die ihn zum Ziel führte, offen stand.

„Hier.“ Er wartete gar nicht erst auf ihre Antwort, sondern zog sie in die kleine Lounge für die Angestellten und verriegelte die Tür hinter ihnen. Dann lehnte er sich an die Wand. „Ich kann nicht länger warten.“ Verlangend strich er über ihre Brüste.

„Ein Glück.“ Mit zitternden Fingern tastete sie nach dem Reißverschluss seiner Jeans.

Ty löste den Knoten der Träger hinter ihrem Nacken, die ihr Kleid hielten. Lautlos glitt der Stoff nach unten und entblößte ihre perfekten Brüste. „Claire“, stieß er hilflos aus und wusste in diesem Augenblick, dass er verloren war. Er streichelte ihren nackten Rücken und ließ die Hände nach vorn gleiten, um mit den Daumen ihre Brustwarzen zu reizen.

Stöhnend drängte sie sich ihm entgegen und schloss die Augen. „Nicht aufhören“, flüsterte sie.

Diese Aufforderung wäre nicht nötig gewesen, denn er dachte nicht im Traum daran. Voller Verlangen saugte er an einer ihrer mittlerweile harten Brustwarzen, schob eine Hand unter Claires Rock und fuhr ihre Schenkel hinauf, bis er mit den Fingerspitzen den zarten Seidenslip berührte.

Sie stieß einen lustvollen Seufzer aus und zerrte sein T-Shirt hinten aus der Hose, als müsste sie unbedingt Haut auf Haut fühlen. Verdammt, ihm ging es nicht anders! Er strich über ihren Slip und schob dann einen Finger zwischen ihre Schenkel, die sie offenbar bereitwillig für ihn öffnete. Dabei hauchte sie verzweifelt „bitte“ – so leise, dass er es beinahe nicht gehört hätte.

Ty konnte gar nicht aufhören, er musste sie spüren, wollte sie in den Armen halten, wenn sie vor Lust erschauerte und zitterte. In diesem Moment wollte er nichts sehnlicher, als sie zum Höhepunkt bringen. Die Tatsache, dass sie schon so feucht war, erregte ihn noch mehr. Seine Finger neckten die kleine feste Knospe, die gefangen war in der hauchzarten Seide.

Rosa, dachte er, wie sie. Er wollte Claire sehen, wollte sie schmecken, wenn sie kam. Er wollte, dass sie ihre Lust hinausschrie, wollte, dass sie ihre Fingernägel in sein Fleisch bohrte, wenn sie einen absolut umwerfenden Orgasmus hatte. Aber noch viel lieber wollte er in ihr sein. Er wollte einfach alles auf einmal, konnte sich kaum noch bezähmen. „Ich kann nicht länger warten“, platzte es aus ihm heraus.

„Dann lass es.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Also zerrte er erst ihren Slip herunter und sofort darauf seine Jeans. Kurz dankte er seinem Schutzengel, denn er hatte am Morgen noch ein Kondom in seine Brieftasche gesteckt, das jetzt zum Einsatz kam. Dann schob er eine Hand zwischen Claires Schenkel und reizte sie mit einem Mittelfinger.

„Jetzt!“, flehte sie. „Ty, bitte jetzt.“

Da das wie eine gute Idee klang, drehte er sie mit dem Rücken zu sich und küsste sie auf den Nacken. Dabei spreizte er ihre Beine mit einer Hand, mit der andern führte er seine Erektion zum heißen, feuchten Paradies. Spielerisch tippte er sie an und rieb sich an ihr, immer auf der Hut, sich nicht zu früh gehen zu lassen.

„Lass die Spielchen und komm endlich zur Sache“, stieß sie keuchend aus.

Das reichte ihm als Aufforderung, und er drang in sie ein, erst nur wenig, damit ihr Körper sich an ihn gewöhnen konnte, bis sie ihn völlig umschloss. Sie so zu fühlen, war der Himmel auf Erden.

„Härter“, flüsterte sie und ließ ihr Becken im Rhythmus seiner Stöße kreisen.

Sie bewegten sich in völligem Gleichklang, hart und schnell. Er spürte es, als bei ihr der Höhepunkt einsetzte, fühlte die Schauer, die sie durchrieselten, die Anspannung ihrer Muskeln, und nahm die Veränderung in ihrer Atmung wahr. Seine Bewegungen wurden noch intensiver, er wollte mit ihr kommen, wollte sich gemeinsam mit ihr im Universum verlieren. Die süßen leisen Töne, die sie von sich gab – kleine verzweifelte Seufzer, die von ihrer Lust zeugten – wirkten auf ihn wie ein Aphrodisiakum.

Ein Beben durchlief ihren Körper, als der Orgasmus über sie hinwegspülte. Sie bäumte sich auf, und mit einem letzten kräftigen Stoß ließ auch er sich gehen. Das Vergnügen war so überwältigend, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn er in Ohnmacht gefallen wäre. Schließlich sank er auf sie, drehte sie herum, sodass er sie küssen und in ihre traumhaften schokoladenbraunen Augen sehen konnte.

So war sie – reich, dekadent und absolut sinnlich. Er zog sich aus ihr zurück, streichelte sie dabei aber weiter, sodass sie erschauerte und einen tiefen, scharfen Atemzug machte. Sie legte ihren Kopf zurück und sah ihn an, ihre Lippen leicht geschwollen und einladend.

„Wow“, sagte sie, und ihre Augen blitzten mutwillig. „Das war unglaublich. Ich frage mich, wie gut wir erst im Bett sind …“

Erleichtert atmete er aus und merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, weil er befürchtete, das sei schon alles gewesen.

„Vielleicht sollten wir es herausfinden.“

Leise lachend schlang sie ihm die Arme um den Nacken und küsste ihn auffordernd.

„Wag es ja nicht, mich zu Hause einfach abzusetzen. Das hier war nur ein kleiner Appetizer.“ Ihre Hand umschloss seine Erektion. „Komm mit zu mir, und wir genießen das ganze Menü.“

„Ich fürchte, ich habe meinen Slip liegen gelassen“, sagte Claire, nachdem sie den Raum verlassen hatten und die Tür hinter ihnen zugefallen war.

An jedem anderen Abend und bei jedem anderen Mann wäre ihr so eine Äußerung peinlich gewesen, bei Ty war sie schon froh, dass sie daran gedacht hatte, wenigstens ihr Kleid wieder zu richten.

„Keine Sorge.“ Er legte eine Hand auf ihren Po, der im Moment nur vom dünnen Kleiderstoff bedeckt war. „Den wirst du nicht brauchen.“

Zärtlich strich er mit der anderen Hand über ihren nackten Arm. „Hast du einen Mantel dabei?“, fragte er.

Für diese Jahreszeit war es ungewöhnlich warm. Zehn Grad gab es in Dallas in der Neujahrsnacht nur selten, doch im rückenfreien Kleid ohne Mantel würde sie frieren. Prompt begann sie zu zittern, weil seine Frage sie daran erinnerte, dass es ein Leben in Kälte und ohne Ty an ihrer Seite gab. „Ich habe ihn an der Garderobe abgegeben.“ Sie blieb stehen und wollte zurückgehen.

Sanft zog er sie mit sich und hängte ihr seinen Mantel, den er von einem Kleiderhaken nahm, um die Schultern.

„Nimm den hier. Um deinen kümmere ich mich morgen früh.“

Sie steckte die Arme in die mit Seide gefütterten Ärmel und zog sich den Mantel eng um die Schultern. Es war nicht nur die Wärme, nach der sie sich sehnte, sondern auch Tys Duft, der vom weichen Material aufstieg. „Jetzt wirst du frieren.“

Leise lachend ließ er den Blick an ihr hinabgleiten. „Glaub mir, bei deinem Anblick wird mir alles andere als kalt.“

Der Weg zu Tys Auto war nicht weit. „Wow!“, stieß sie aus, als ihr klar wurde, dass sie auf den roten Ferrari zusteuerten. Fast hätte sie die Nase an die Seitenscheibe gedrückt. „Gehört der dir?“

„Ehrlich gesagt, ist es ein Mietwagen.“ Mit der Fernbedienung entriegelte er die Türen und hielt ihr dann die Beifahrertür auf. „Ich fand, dass ich mir das verdient habe.“

„Als Trost für deine Strafzeit hier in Dallas?“ Sie fragte es in heiterem Tonfall, obwohl der Gedanke sie bedrückte. War das nicht albern? Konnte es ihr nicht egal sein, ob er sich in Dallas wohlfühlte oder nicht? Letztlich sollte es für sie keine Rolle spielen, wie lange er in der Stadt blieb. Sie hatten sich ja gerade erst getroffen.

Knallbumm.

Ihr gingen Alyssas Worte durch den Kopf, doch sie verdrängte sie hastig wieder. Hier ging es nur um Lust und Leidenschaft. Sie sehnte sich nach Sex, und diesen Hunger stillte sie mit Ty.

Trotzdem wünschte sie sich, er würde länger als zwei Monate bleiben. Sechzig Tage konnten wie im Flug vergehen.

Sie lehnte sich im Beifahrersitz zurück, atmete den Duft von Leder und Ty ein und beschloss, den Augenblick zu genießen. „Ich wünschte fast, ich würde weiter weg wohnen. Viel zu schade, diesen tollen Wagen nur für so eine Sprintstrecke zu nutzen.“

„Ich denke ständig an einen ganz anderen Sprint, und da kann es mir gar nicht schnell genug gehen, mit dir loszulegen.“

Bei seinem Tonfall wurde ihr sofort wieder heiß. „Wenn du so weiterredest, brauche ich deinen Mantel nicht mehr.“

„Gut.“ Er nickte. „Ich sehe dich sowieso lieber in dem dünnen Kleid. Es gefällt mir, wie es deine Kurven betont.“

„Tatsächlich?“ Sie zog den Mantel aus und legte ihn auf ihrem Schoß zusammen. Ty wollte gerade auf die Straße biegen, doch nun trat er noch mal auf die Bremse.

„Nein, nein, nein.“ Er griff nach dem Mantel und warf ihn achtlos hinter den Fahrersitz. „Keine Sorge“, sagte er auf ihren fragenden Blick hin, „den kann ich reinigen lassen.“

Er legte ihr eine Hand aufs Bein und ließ sie langsam höher gleiten. Seine Finger schienen unter dem Saum ihres Kleides zu tanzen, und ein Hitzestrahl schoss in ihren Schoß. Sie war praktisch nackt, und seine Finger waren ihr so nahe. Fast berührte er sie.

Er zog die Hand zurück und umfasste den Schaltknüppel.

Verdammt!

„Wo wohnst du?“

„Bieg nach links ab.“ Inständig hoffte sie, dass er die Hand wieder zurück auf ihren Schenkel legte. „Wir müssen zum ‚White Rock Lake‘.“

Sein Mund verzog sich zu einem schrägen Grinsen. „Im Moment wünschte ich, ich hätte einen Automatikwagen genommen.“

„Himmel, ja.“

Er schaltete wieder und bog nach links ab. „Wieso tauschen wir nicht die Rollen?“

„Was? Ich soll ans Steuer?“ Sie fuhr schon mit einem Standardwagen lausig und hatte Höllenangst, dieses teure Ding in Schrott zu verwandeln. Außerdem hatte sie zu viel Champagner getrunken.

„Nein, ich bin nur versichert, wenn ich selbst fahre. Ich meinte das Streicheln.“

Sein Tonfall war unmissverständlich, und sie schluckte. Ihr Puls ging schneller. „Du meinst …“

„Leg deine Hand auf deinen Schenkel.“

„Ich …“

„Schsch, vertrau mir. Schließ die Augen.“

Das kann ich nicht, dachte sie. Sie konnte sich doch nicht vor ihm streicheln. Nicht die Augen schließen, sich entblößen und sich selbst zum Höhepunkt bringen. Unvorstellbar …

Andererseits, mit Ty …

Sie schluckte. Mit ihm wollte sie es, wollte wild sein, hemmungslos, wollte ihn erregen. Sie wollte, dass sie beide so heiß waren, dass das Bett Feuer fing, wenn sie bei ihr zu Hause ankamen und sich darin liebten.

„Genau so“, stieß er heiser aus.

Ihr war bis zu diesem Moment gar nicht bewusst gewesen, dass sie seinem Wunsch gefolgt war. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen. Beschwipst vom Champagner hatte sie begonnen, sich zu streicheln. Ihre Fingerspitzen glitten über die Innenseiten ihrer Schenkel. „Was …“

„Nein, nein, nicht reden, es sei denn, ich stelle dir eine Frage. Wie lautet deine Adresse?“

Sie gab ihm die Anschrift und hörte an den leisen Piepstönen, dass er den Zielort in sein GPS einspeicherte.

„Spreiz die Beine.“

Sie tat es und spürte den wundervoll erotischen, kühlen Lufthauch zwischen den Schenkeln.

„Und jetzt leg die andere Hand auf deinen Schenkel. Ja, genau so. Nur mit den Fingerspitzen reizen, immer auf und ab. Gefällt dir das?“

„Hmm.“ Sie stöhnte. Zu mehr fehlte ihr die Kraft.

„Und wer streichelt dich?“

„Du.“

„Soll ich dich weiter so streicheln?“

Sie stöhnte erneut, denn sie wollte mehr. Sie wollte alles.

„Was willst du, Claire?“

„Bitte.“ Sie atmete keuchend. „Ich will dich in mir spüren.“

„Das würde mir auch gefallen.“

Seine Stimme war rau, und Claire wurde noch feuchter. Ohne darüber nachzudenken, spreizte sie die Schenkel etwas weiter.

„So ist es richtig. Und jetzt lass die Hand am Schenkel nach oben gleiten. Ganz langsam. Spürst du es? Spürst du, wie feucht und erregt du bist?“

Sie konnte nichts erwidern. Ihr Atem ging keuchend, und sie konzentrierte sich ganz auf die Empfindungen, die sie durchströmten. Ihre Hand, seine Stimme und die Vorstellung, dass es seine Zunge war, die sie so intim berührte, seine Zunge, die über die Perle zwischen ihren Schenkeln schnellte, und sie öffnete sich ihm noch weiter.

„Lass den Finger darübergleiten. Ist es feucht? Spürst du dich? Spürst du die pralle Schwellung? Kannst du es kaum noch erwarten?“

„Ich will kommen. Bitte, Ty, ich will, dass du mich streichelst.“

„Ich berühre dich. Das sind meine Hände, die du spürst. Ich bin es, der dich streichelt. Du bist so feucht, und ich bin so hart wie noch nie. Ich wäre gern in dir, Claire, aber im Moment will ich, dass du kommst. Kannst du das tun? Streichle dich. Schneller. Noch schneller …“

Lieber Himmel!

Der Orgasmus durchschoss sie wie ein Blitz.

Claire warf den Kopf zurück und bäumte sich auf, während die erlösenden Wellen sie durchströmten. Ihr Atem ging keuchend, bis ihre Lust schließlich abebbte. Die ganze Zeit über hielt sie die Augen geschlossen und verharrte so, bis sie wieder normal atmen konnte.

Sie wünschte, dieser Moment würde niemals enden, denn sie scheute davor zurück, Ty wieder anzusehen. Jetzt war ihr das Ganze doch peinlich. Leider konnte sie nicht für alle Zeiten halbnackt dasitzen und die Augen geschlossen halten. Als sie spürte, wie das Auto an einer Ampel anhielt, machte sie die Augen auf und wandte sich langsam zu Ty um.

Er sah sie so bewundernd und leidenschaftlich an, dass sie jegliche Verlegenheit schlagartig verlor.

„Du bist wunderschön“, sagte er nur, und sie wurde rot bei dem Kompliment.

Claire sah zum Seitenfenster hinaus und erkannte die Straße. „Wir sind gleich da.“

„Ein Glück.“

Sie musste lachen, weil sie sah, wie seine Erektion sich unter der Jeans abzeichnete.

„Und was wird aus meinem Auto?“ Allmählich lichtete sich der sinnliche Nebel in ihrem Kopf. „Ich habe vor dem Restaurant neben dem Club geparkt, aber auf dem Schild stand, dass die Wagen, die morgen früh noch dort stehen, abgeschleppt werden.“

„Mach dir darüber keine Gedanken.“ Er zog sein Handy hervor und rief rasch den Club-Manager an. „Alles geregelt“, sagte er als er wieder auflegte.

Erleichtert lächelnd lehnte sie sich zurück. „Es ist schön, wenn jemand sich um einen kümmert. Ehrlich gesagt bin ich das überhaupt nicht gewöhnt.“

Er hob die Augenbrauen. „Hat Joe sich nicht um dich gekümmert? Ich bin mir nicht sicher, ob ich Geschäfte mit einem Mann machen soll, der nicht weiß, wie man seine Freundin richtig behandelt.“

„War es so offensichtlich, dass wir mal zusammen waren?“ An seinem Gesichtsausdruck erkannte sie, dass es so war. „Es ging nur ein paar Monate. Bis zum heutigen Abend haben wir uns seitdem nur ein einziges Mal gesehen.“ Bei der Erinnerung daran, wie Joe an dem Abend versucht hatte, Sex mit ihr zu haben, runzelte sie die Stirn.

„Habt ihr euch gestritten?“

„Was? Oh nein, aber … also, es war kurz vor Weihnachten, und da hat er sich an mich rangemacht.“

„Das kann ich ihm nicht verübeln. Das spricht eigentlich nur für ihn, weil er guten Geschmack beweist.“

Entnervt verdrehte sie die Augen. „Aber er hat auch eine feste Freundin.“ Wieder runzelte sie die Stirn. „Wenn sie zu dem Zeitpunkt schon zusammen waren, dann …“ Sie verstummte und zuckte mit den Schultern. „Ich frage mich, ob ich darüber mit Bonita reden sollte.“

„Dass Joe sich an dich rangemacht hat?“

„Ja.“

„Sie sind nicht verlobt, und sie wirkten glücklich. Vielleicht sind sie sich einig, dass beide weiterhin tun und lassen können, was sie wollen.“

„Oh.“ Der Gedanke deprimierte sie. Was Joe tat, war ihr ziemlich egal, aber würde Ty es auch für völlig normal halten, wenn er morgen mit einer anderen Frau zusammen wäre? Schnell verdrängte sie diese Gedanken, denn sie hatten schließlich keinerlei Beziehung.

„Wir haben also geklärt, dass Joe, der Bastard, sich nicht richtig um dich gekümmert hat“, sagte er und brachte sie damit zum Lachen. „Und wie war das vor Joe? Wer hat sich da um dich gekümmert?“

„Ach, meine Vergangenheit ist eine traurige Geschichte von Kummer und Streit.“ Auf seinen Blick hin musste sie wieder lachen. „Nein, nur ein Scherz, aber ich war oft allein. Meine Eltern sind wundervolle Menschen, doch sie leben in Austin. Ich war hier in Dallas auf der Highschool in einem Internat und anschließend auch auf dem College und an der Universität.“ Sie lächelte. „Siehst du, da haben wir einiges gemeinsam.“

„Wieso im Internat?“

„Mein Dad ist ein texanischer Senator, und meine Mom arbeitet als Unternehmensberaterin für einen internationalen Konzern. Sie reist ständig durch die Welt, da war ein Internat für mich die beste Lösung.“ Sie atmete tief durch. „Mir hat es in Dallas immer sehr gefallen, und deshalb bin ich geblieben.“ Sie sah zu ihm. „Wie ist es mit dir? Gefällt dir Dallas wirklich nicht?“

„Hier leben meine Eltern. Und das ist überhaupt nicht schön.“

Sie beschloss, nicht weiter nachzufragen. „Wirklich schade. Für mich ist es meine Heimat, und ich liebe diese Stadt.“

„Kann das Zuhause nicht irgendwo sein? In New York, Chicago oder Los Angeles?“

Darüber dachte sie ernsthaft nach. Ihr lagen Stellenangebote aus all diesen Städten vor, dort würde sie sogar deutlich mehr verdienen als in der Kanzlei, in der sie im Juli anfing, doch sie hatte diese Angebote ausgeschlagen. „Wenn irgendein Ort dein Zuhause ist, dann weißt du das einfach.“ Wieder warf sie ihm einen Blick zu und musste wegen seiner Miene lächeln. „Vielleicht auch nicht. Ist Los Angeles nicht dein Zuhause?“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist nur die Stadt, in der ich meinen ganzen Kram habe.“

„Denkst du so?“ Wie traurig! „Wo führt dein Weg dich denn hin?“ Auf jeden Fall weg von Dallas, dachte sie, und damit weg von mir.

„Ins Ausland.“

Sie hörte ihm die Aufregung an. „Du freust dich drauf, stimmt’s?“

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