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Der Fremde vom See / Süßer Sündenfall / Sex in Zimmer 706

Kathleen O’Reilly

Der Fremde vom See

1. KAPITEL

Die Ferienhütte war ein winziges Kabuff voller Spinnweben. Ein Überbleibsel aus einer Ära vor der Zeit von Klimaanlagen und Sprungfedern. Jennifer Dade sah sich in der Behausung um. Ja, es fehlten auch die heutzutage üblichen sanitären Einrichtungen.

Es war ja nicht so, dass sie zum Meckern neigte, aber dieser Dreck …

Jenn wand sich innerlich. Was sollte sie tun?

Die Vermieterin bemerkte ihr Zögern und tätschelte den Kopf des kleinen Mädchens, das sich an ihre Hüfte schmiegte.

„Besuchen Sie das Summer Nights Festival?“, fragte sie, und fügte hinzu, als Jenn nickte: „Weiter oben an der Straße sind mehrere Pensionen. Das ‚Wildrose Inn‘ ist die hübscheste. Ich hab gehört, dass dort jemand abgesagt hat. Wenn Sie vor dem Lunch hingehen, bekommen Sie das Zimmer vielleicht noch.“

„Wildrose Inn?“ Jenn hauchte die Worte, hingerissen von der Vorstellung einer viktorianischen Villa mit üppigen Rosenbüschen auf dem Rasen. Tee auf einem Silbertablett – und eine Toilette mit Wasserspülung. Es erschien ihr himmlisch und äußerst reizvoll hinsichtlich ihres Auftrags.

Das kleine Mädchen sah mit seinen großen blauen Augen zu seiner Mutter hoch. „Ist schon gut, Momma. Bald kommt jemand anders und mietet die Hütte. Das weiß ich.“

Als Jenn die Kleine betrachtete, fühlte sie ein Ziehen in ihrem Herzen und fragte sich erschrocken, ob das die ersten mütterlichen Regungen waren. Was auch immer es sein mochte, sie musste diese Gefühle bekämpfen, wenn sie den Job ihrer Träume behalten wollte. Sie war beruflich hier, und ihr Computer brauchte Strom, sonst konnte sie nicht arbeiten.

Ihr Blick fiel auf die Steckdose in der Wand. Okay, es gab Strom.

Trotzdem würden die Leser das „Wildrose Inn“ lieben. Wahrscheinlich hatten dort schon Präsidenten übernachtet. Bestimmt gab es eine bezaubernde Liebesgeschichte über Geister, die einst in den Korridoren gespukt hatten. Einen Gourmetkoch gab es sicher auch. Das würde die Kritiker begeistern.

Das kleine Mädchen mit dem traurigen Gesicht drückte sich enger an die Seite seiner Mum. Jenn entschlüpfte ein Seufzer. Nein. Sei stark.

„Es ist nicht genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wollte etwas …“

„… Schickes“, half die Frau aus, die den Verlauf solcher Gespräche offenbar kannte.

Zeit für eine andere Taktik, entschied Jenn – für eine, die ihr keine Schuldgefühle verursachte. „Das hier ist doch die Luxushütte, oder?“, fragte sie hoffnungsvoll. Vielleicht hatte die Reiseabteilung der Zeitung einen Fehler gemacht und versehentlich die Sparunterkunft gebucht.

„Die Hütten unterscheiden sich nicht sehr voneinander“, erklärte die Frau. „Mein Ex war ein Naturfreak, wissen Sie. Er hat diese Anlage für ’n Appel und ’n Ei gekauft. Und dann ist er über alle Berge und hat es mir überlassen, den Laden zu schmeißen. Nicht dass ich schlecht über Emilys Vater reden will …“, sie hielt ihrer Tochter die Ohren zu, „… aber er ist ein egoistischer Mistkerl.“

Jenn schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich weiß, wovon Sie reden. Wir sind ein leichtgläubiges Geschlecht. Zu weich, um für das zu kämpfen, was für uns am besten ist. Wir bringen immer nur Opfer, Opfer, Opfer.“

Das war eine Gewohnheit von ihr. Kameraderie zu schaffen, Einigkeit und Vertrautheit. Es war der Schlüssel zu ihren Reportagen, der Weg, in kurzer Zeit die Herzen Fremder zu erreichen.

„Sie werden sich in der Pension wohler fühlen. Es ist dort wirklich nett. Die haben da diese tollen Daunendecken, und nachmittags kommt Mario und massiert die Gäste. Er hat wundervolle Hände.“

Ihre Wangen färbten sich rot, und Jennifer vermutete, dass die Frau Marios Hände auf die intimste Art und Weise kannte.

Sentimentalität und Gewissensbisse kämpften mit ihrem Wunsch, ihre Story gut hinzukriegen. Sie schaute Emily an, deren große Augen jetzt in Tränen schwammen.

Das Mädchen sah aus wie eine kleine Meryl Streep, und Jenn war eine große Bewunderin der Filmschauspielerin, die mit einem einzigen Blick tiefe Melancholie hervorrufen konnte.

Ach, zum Teufel!

Jennifer fasste ihren Entschluss und nickte. „Ich nehme die Hütte. Mir gefällt es hier. Manchmal ist es wichtig, von den Zerstreuungen des Alltags wegzukommen.“

„Fernsehen gibt’s hier nicht“, sagte die Frau.

„Prima. Und mein Handy werfe ich in den See, wenn das Klingeln mich zu sehr nervt.“

Nun lachte die Frau. „Das ist nicht nötig. Hier gibt’s meilenweit keinen Empfang für Handys.“

Meilenweit? Meilenweit? Sehnsüchtig streichelte Jenn das nagelneue iPhone in ihrer Jeanstasche. Niemals würde sie das Ding in den See werfen können. Ihr elektronisches Spielzeug würde ihr fehlen.

Ja, du bist und bleibst ein Dummkopf, dachte sie. Die nächsten zwei Wochen würde sie ein urwüchsiger Outdoor-Dummkopf sein.

„Willkommen in Harmony Springs. Ich bin Carolyn, und das hier ist Emily.“

Nun, da Jenn beschlossen hatte, auf alle Bequemlichkeiten der nachindustriellen Gesellschaft zu verzichten, stellte sie ihren Koffer ab. „Und was benutzt man hier als Toilette?“

Carolyn lachte. „So primitiv leben wir nun auch wieder nicht. Dieser Weg hier führt zu den Waschräumen. Nachts sollten Sie immer eine Taschenlampe bereithalten. Bettzeug und Seife haben Sie doch mitgebracht, ja?“

„Ich hab alles dabei.“

„Prima. So, jetzt lassen wir Sie erstmal in Ruhe. In der großen Lodge wird jeden Abend ein Film gezeigt, und es gibt einen Wettkampf im Hufeisenwerfen.“

„Wow“, sagte Jenn lahm.

„Sind Sie sicher, dass sie bleiben wollen?“

„Ich glaube, dass ich das prima wuppen kann.“ Auch ohne dreilagiges Toilettenpapier.

Wirklich? fragte die höhnische kleine Stimme in ihrem Kopf.

„Oh, da wäre noch etwas – wir achten sehr darauf, dass es hier ruhig ist. Momentan haben wir nur zwei Gäste, aber Hütte Nummer drei legt großen Wert auf Privatsphäre.“

„Er mag keine Kinder“, murmelte Emily, und Jenn verkniff sich ein Lächeln.

„Das wissen wir doch gar nicht, Emily“, schimpfte Carolyn.

„Doch! Er sagt es mir andauernd.“

„Ich werde mich bemühen, ihm aus dem Weg zu gehen“, versicherte Jenn den beiden, während Hütte Nummer drei ihr immer sympathischer wurde.

Nun, da Emilys Vermietungsjob vollbracht war, stieß das Mädchen die Holztür auf und hüpfte die Stufen hinab. Jenn beneidete sie um ihren Übermut, um die Freiheit, mit offenen Schnürsenkeln über das Gelände zu rennen, ohne an mögliche Folgen wie etwa ein aufgeschlagenes Knie zu denken oder an den Verlust des Traumjobs.

„Darf ich Sie etwas fragen?“, wandte sie sich an Carolyn und sagte, als die nickte: „Warum ziehen Sie nicht weg, wenn Sie hier nicht glücklich sind?“

„Ich habe es erwogen, noch mal von vorn anzufangen“, antwortete Carolyn, „aber noch bin ich nicht so weit. Irgendwann werde ich morgens aufwachen und wissen, dass ein Neuanfang fällig ist. Jetzt wache ich auf und gehe an die Arbeit. Das genügt momentan.“

„Wie kommt es, dass Sie nicht mehr wollen? Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie feststecken?“ Genau davor hatte Jenn Angst. Festzustecken, nach dem Motto: Eine Frau muss erfolgreich sein und sich mittels finanzieller Werte Anerkennung verschaffen.

„Warum interessiert Sie das so sehr?“, fragte Carolyn, die offenbar die Panik in Jenns Stimme bemerkt hatte. Panik, die von ihrer persönlichen und beruflichen Unsicherheit herrührte.

Jenn beschloss, ihre Karten auf den Tisch zu legen. „Ich bin Journalistin und habe vor, über diese Stadt und über das Summer Nights Festival zu schreiben. Dabei muss ich um meinen Job kämpfen, und zwar gegen eine Frau, die mit dem Boss schläft. Ich muss hier also eine super Story zustande bringen. Eine Story, die den Chefredakteur weit stärker begeistert als der Anblick von Miss Nolitas Brüsten.“

Offensichtlich wusste Carolyn, was Verzweiflung war. „Wollen Sie nicht vielleicht doch in die Pension gehen? Die haben da einen fantastischen Koch. Genauer gesagt ist er …“

Heldenhaft hielt Jenn eine Hand hoch. „Vergessen wir mal kurz den Koch, ja? Was würden Sie machen, wenn Sie nicht hier wären?“

„Ich erlaube es mir nicht, so weit vorauszudenken.“

„Warum nicht?“

„Weil es nicht gut ist und weil ich gern glücklich bin. Wenn ich nicht zu viel über morgen nachdenke, bin ich glücklich.“

Die meisten jungen New Yorkerinnen wollten irgendeinen glamourösen Beruf ergreifen. Carolyn hingegen wollte einfach nur glücklich sein. Dieses Lebenskonzept fand Jenn so interessant, dass sie sich vornahm, es näher zu untersuchen. Frauen, die den Erwartungen der Welt den Rücken kehrten und sich für das Glücklichsein entschieden? Also das war eine Story.

Aaron Barksdale trommelte mit den Fingern auf die Mahagoni-Tischplatte und sah zum hundertsten Mal auf seine Armbanduhr. Er wollte in dieser durchgestylten feminin wirkenden Umgebung nicht ungeduldig aussehen, aber als Schriftsteller schwor er auf absolute Ehrlichkeit, und ja, er war ungeduldig.

Nicht ohne Grund. Der Speiseraum der Pension „Wildrose Inn“ war mit Blumen überladen und roch nach Haarspray und Parfum.

Er hasste Parfum und war auch nicht gerade durch Schnittblumen zu begeistern. Und Frauenhaar war noch immer im Naturzustand am schönsten, weich und unverklebt. Missmutig lehnte er sich auf seinem schmalen Stuhl zurück.

Wo steckte Didi bloß?

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich störe, aber könnten Sie mit Ihrem Stuhl vielleicht ein wenig zur Seite rücken?“

Beim Klang der weiblichen Stimme hörte er auf, die Tischplatte mit seinen Fingern zu malträtieren, und drehte sich zu dem neuen Ärgernis um. Er verzog den Mund zu einem obligatorischen höflichen Lächeln, doch es fiel ihm nicht so schwer wie sonst.

Die Frau hatte große braune Augen, die dieses erstaunte Entzücken ausdrückten, das man so oft in Zeitschriftenanzeigen für Reinigungsmittel sah. Ihr Gesicht war schmal, mit einer scharfen Nase, die dazu geschaffen schien, sich in Dinge zu stecken, die sie nichts angingen. Ihr Haar war hübsch, das musste er zugeben. Herbstgoldene Wellen, die ihr über die Schultern fielen, schimmernd und natürlich.

„Ihr Stuhl“, wiederholte sie in angenehm sachlichem Ton.

Er rückte nach links, bis er mit den Knien an den benachbarten Stuhl stieß. Nachdem er seine gesellschaftlichen Pflichten erfüllt hatte, nickte er der Frau kurz zu.

„Brauchen Sie so viel Platz?“, fragte sie, offenbar noch nicht zufrieden. „Ich muss arbeiten“, fügte sie hinzu, als sei es selbstverständlich, dass jeder sein Privatbüro in Speiseräumen einrichtete. Er bemerkte mehrere elektronische Geräte auf der Tischfläche vor ihr – kein Wunder, dass sie zusätzlichen Platz benötigte.

„Die Stühle sind nicht besonders groß“, argumentierte er. „Noch weiter kann ich nicht rücken.“

Sie musterte ihn von oben bis unten und lächelte – ein gekonnt künstliches Lächeln.

„Sie sehen nicht dick aus.“

Dick? Also das ist doch … Nun bemerkte er den belustigten Ausdruck in ihren Augen. „Werden Sie jetzt nicht gehässig“, antwortete er gereizt.

„Wie ich schon sagte, möchte ich hier arbeiten, aber ich kann meine Ellenbogen nicht bewegen. Und ich muss meine Ellenbogen bewegen“, erklärte sie resolut.

„Müssen wir das nicht alle?“, murmelte er, bevor er widerwillig noch ein Stück zur Seite rutschte. Um den Rest der Welt auszublenden, begann er wieder, mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln.

Sie blickte stirnrunzelnd auf seine Hand.

„Ich irritiere Sie, nicht wahr?“, fragte er, und irgendwie freute er sich darüber.

Kaum hatte er das ausgesprochen, starrte eine stark parfümierte Matrone am Nebentisch tadelnd zu ihm hinüber.

Griesgrämige alte Zicke, dachte er. Hat wahrscheinlich Katzen.

„Sorry“, entschuldigte sich seine Tischnachbarin und nickte zum Tisch neben ihnen. Er hätte fast gelächelt, als die Matrone entrüstet schniefte.

Aaron merkte, dass ihm gleich der Kragen platzte. Es musste an der Umgebung liegen, an dem Übermaß an Dekorationsgegenständen und Goldrahmen. Wenn er mit Lärm konfrontiert war, mit zu viel Gold und zu vielen Blicken, die auf ihn gerichtet waren, überkam ihn immer ein überwältigendes Bedürfnis zu flüchten.

„Ich bin nicht gern in Menschenmengen“, erklärte er, „vor allem nicht unter Leuten mit Gurken-Sandwiches, Perlenketten und geblümten Kleidern.“

„Sie gehen wohl nicht oft aus, wie?“

„Oh doch“, log er. Er ging sehr selten aus, und jedes Mal, wenn er es tat, bereute er es hinterher. Er bevorzugte die Isolation. Er bevorzugte die Stimmen in seinem Kopf, die Welt, die er selbst schuf, die vollkommene Sprache.

Aaron liebte das Alleinsein.

„Warum sind Sie hier?“, fragte sie unverblümt – offenbar hatte sie seine Lüge durchschaut.

„Um zu essen.“

„Hat jemand den Drachen aus seiner Höhle gelockt? Muss ja ’ne tolle Freundin sein.“

Er kicherte bei der Vorstellung. „Didi ist keine Freundin.“

„Oh“, antwortete sie, und dieser eine Laut sprach Bände. „Entschuldigen Sie bitte. Ich muss wieder an die Arbeit.“

„Lassen Sie sich nicht davon abhalten“, sagte er, als sie sich fortdrehte. Nach einigen Minuten bewegte sie sich wieder, wobei sie ihn anstieß.

„Ich kann eine schreckliche Aufschieberin sein. Obwohl ich weiß, dass ich arbeiten müsste, drücke ich mich oft mit dem Vorwand, keine Zeit zu haben. Und wenn ich mir klarmache, dass ich Zeit habe, dann ist es wie Zähneziehen.“

„Sie sollten disziplinierter sein.“ Er vermutete, dass sie tatsächlich mehr Platz zum Arbeiten brauchte, und setzte sich auf den freien Stuhl neben seinem. Das war etwas besser. Sie würden sich nicht mehr so oft berühren.

„So diszipliniert wie Sie?“, fragte sie mit einem Blick auf seine undisziplinierten Finger.

Er verspürte eine seltsame Hitze in seinem Gesicht aufsteigen. Leicht zu erklären mit der Wärme im Raum, mit der Anwesenheit von Chemikalien und dem daraus resultierenden Sauerstoffmangel.

„Ich habe nicht behauptet, ein gutes Beispiel zu sein“, murmelte er, und sie lächelte.

Schweißperlen rannen seinen Nacken hinab, denn er mochte ihr Lächeln. Es erfüllte ihn mit Wärme und machte ihn lethargisch. Aber er wollte sich nicht lethargisch fühlen. Deshalb konzentrierte er sich auf das Lilienmassaker in der Vase auf dem Tisch.

Aus dem Augenwinkel konnte er dennoch sehen, wie der Kugelschreiber über die Seite ihres Schreibblocks huschte. Locker, doch energisch. Das gefiel ihm.

Beim Schreiben sprach sie mit sich selbst, und er begriff, dass sie ihren Text laut las. Er war gar nicht so schlecht. Ein paar überflüssige Adjektive, einige Verben hätten treffender sein können, aber im Großen und Ganzen war er recht ordentlich.

Aaron beobachtete die Bewegungen ihrer Lippen und entschied, dass ihr Mund auch nicht übel war. Weich und ausdrucksvoll.

Seltsam fasziniert, vergaß er die durchdringenden Gerüche und die krampfartigen Schmerzen in seinen Knien. Nicht, dass diese Frau besonders hübsch war, aber ihr Gesicht nahm ihn gefangen. Eine vibrierende Energie strahlte von ihr aus, nicht entspannend oder wohltuend, aber magisch. Wenn sie bei ihrer Arbeit eine Pause machte, strich sie sich mit der Hand durchs Haar und bauschte es dabei immer stärker auf. Jedes Mal, wenn sie die Hand hob, starrte die Matrone grimmig herüber. Aaron mochte diese ärgerlichen Blicke nicht und schenkte der Frau sein gefährlichstes Krokodilslächeln. Augenblicklich endete die Gafferei.

Das Drama des Lebens wurde um die junge Frau herum aufgeführt, doch sie schien dagegen immun zu sein. Diese Fähigkeit, alles auszublenden, war ihm rätselhaft. Er konnte nur staunen.

Viel zu früh kam der Kellner und reichte ihr die Rechnung. Sie blickte nicht in seine Richtung, während sie einige Scheine aus ihrer Tasche zog. Das fand er erleichternd, denn schließlich hasste er es, gestört zu werden. Als sie aufstand, fühlte er sich sogar extrem gestört. Er wollte sie ignorieren, wollte ihren Körper nicht anglotzen wie ein sexuell unterversorgter Teenager, aber das war unmöglich. Sie hatte Brüste, deren Anblick in jedem Mann Begehren geweckt hätte. Üppige Rundungen, die perfekt in seine Hände passten.

Er wurde hart, in seinem Glied pochte es schmerzhaft. Es war zu lange her, seit er das letzte Mal Sex gehabt hatte. Sein sexueller Appetit war einmal legendär gewesen, und es war beschämend zu erkennen, dass er zu einem gewöhnlichen Mann mit einem gewöhnlichen Geschmack geworden war, der fast erschrak, wenn er eine Erektion hatte.

Um seine Energie in eine andere Richtung zu lenken, trommelte er wie wild auf die Tischplatte ein.

Gott sei Dank sah es keiner.

Außer ihr.

Als sie ging, warf sie einen Blick auf seine trommelnden Finger und lächelte ihn an. Es war ein kurzes, nervöses Lächeln, keine sexuelle Aufforderung – nicht dass sein Körper den Unterschied kannte. Aaron starrte sie dümmlich an. Von allen menschlichen Schwächen hasste er Dummheit am meisten, aber er konnte nicht anders. Ihre Augen weiteten sich, als ahnte sie, was in ihm vorging.

Hastig blickte er fort. Ein einziges harmloses Lächeln, und er hatte sie in Gedanken geküsst, sie ausgezogen und gestöhnte Laute aus ihrem Mund gehört, mit dem sie seinen Namen flüsterte.

Als sie gegangen war, beruhigte sich sein aufgewühlter Körper. Er lehnte sich zurück und atmete den Rosenduft ein wie Riechsalz. In wenigen Minuten hatte sich sein üblicher unangenehmer Zustand wieder eingestellt.

Eine Stunde nach der verabredeten Zeit kreuzte Didi endlich auf. Diese enorme Verspätung überraschte ihn nicht. Es gab viele Worte, um Didi Ziegler zu beschreiben, aber „Pünktlichkeit“ gehörte nicht dazu. Gekleidet in flammendes Rot sah Didi durch ihre große Brille in die Welt. Es wurde getuschelt, dass Demenz der Grund dafür war, dass sie mit über siebzig noch immer Rot trug. Didi, die ein halbes Jahrhundert lang regelmäßig Männerherzen gebrochen hatte, ignorierte das Getuschel und ging fröhlich ihrer Wege.

„Du kommst zu spät“, sagte er brummig und hielt gehorsam den Kopf hoch, als Didi irgendwo neben seinem Ohr die Luft küsste.

„Ich sehe dich gern wütend, Darling. Was für eine Literatur-Agentin wäre ich, wenn ich meine Klienten nicht quälte?“

„Eine menschliche.“

„Du willst doch gar keine menschliche Agentin. Du willst eine Schlange, das wissen wir beide. Spar dir die Lügen für deine Schreiberei auf. Apropos Schreiberei …“ Sie hob ihre strichdünnen Brauen, bis sie fast ihre silbergrauen Locken berührten. „Haben wir inzwischen Fortschritte gemacht, oder drehst du noch immer Däumchen? Bei dieser Isolation in der Wildnis nehme ich das Schlimmste an.“

Didi hatte großartige Methoden, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu bringen, und er warf ihr ein dankbares Lächeln zu. „Bevor du mit deinem Verhör beginnst, würde ich gern essen. Wenn die Teller abgeräumt sind, wirst du mir diverse Neuigkeiten erzählen, denen ich mit vorgetäuschtem Interesse lauschen werde. Danach werde ich über den Zustand der Welt jammern, über die schmelzenden Pole und das traurige Schicksal von Seehundbabys.“

Didi warf den Kopf zurück und lachte, ein volltönendes Lachen, das um sie herum irritierte Blicke hervorrief. „Ich denke, ich werde dich demnächst feuern, du unnützer Witzbold.“

Aarons Mund zuckte vor Belustigung. „Ich bin dein Klient, Didi.“

„Und das musst du immer wieder betonen. Es trübt unsere ohnehin schon kränkelnde Geschäftsbeziehung.“

„Wenn du mich beißen willst, nur zu“, sagte er ohne eine Spur von Bosheit.

„Dein Glück, dass ich kein richtiges Gebiss mehr habe, sondern diese riesigen Monde, die man Kronen nennt. Kannst du mir sagen, was mit den echten Zähnen passiert ist, mit den echten Brüsten und den natürlichen Falten? Hässlichkeit ist eine sterbende Kunstform“, sagte sie und strich bedeutungsvoll über ihre hübsche Frisur.

„Du bist immer wundervoll, Didi.“ Das stimmte. In Aarons Augen verkörperte Didi das Beste des weiblichen Geschlechts. Sie war intelligent, loyal und großherzig.

„Ich bin nicht wundervoll, sondern exzentrisch und egoistisch. Darauf sind früher zig Männer hereingefallen.“

„Sie tun es noch immer“, sagte er, und Didi strahlte.

Während sie aßen, tischte sie ihm das Neueste aus der Verlagswelt auf. Einige alte Namen fielen und viele neue, und wieder einmal war er froh, dass er nicht mehr dazugehörte. In den Norden des Staates New York zu ziehen, zu flüchten, wie Didi es nannte, war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Leider sah sie es nicht so.

„Ich hab deinen Vater getroffen.“

„Ach ja?“, fragte er und streute Pfeffer über seinen Teller, ohne darauf zu achten, wie viel es war oder wo der Pfeffer landete.

„Ja. Er hat sich nach dir erkundigt. Wird alt und mager, so wie das Hähnchen, das du gerade in eine gepfefferte Hölle schickst. Er sah unglücklich aus. Ich dachte mir, dass du das vielleicht wissen willst.“

„Es liegt am Whiskey.“

„Ich könnte ihm eine Nachricht übermitteln, obwohl das eine furchtbare Verschwendung meiner Zeit wäre, aber ich bin eine außergewöhnliche Agentin, die sich voll und ganz den Bedürfnissen ihrer Klienten widmet.“

Aaron säbelte grob an seinem Hähnchen herum. „Sag ihm das Übliche.“

„Es macht mich immer glücklich, Obszönitäten auszuspeien und seine Augen zu beobachten, wenn sie zu Schlitzen werden.“ Didi stocherte in ihrem Salat herum. „Martin wartet auf das Manuskript“, fügte sie hinzu, womit sie von einem unerfreulichen Thema zum nächsten überging.

„Ich bin noch nicht so weit, wieder zu schreiben.“

„Ich weiß. Du bist emotional erfroren, ohne Empfindungen und ohne Herz. Bla, bla, bla. Allmählich wirst du langweilig.“

Er starrte sie wortlos an, so, wie jeder herzlose, emotional erfrorene Mann, der noch genug Selbstachtung besaß, es getan hätte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Ich brauche mehr Zeit“, log er. Tatsache war, dass zehn fertige Manuskripte unter seinem Bett lagen. Was Literatur betraf, war er für absolute Aufrichtigkeit. Im Leben nicht so sehr.

„Das erzähle ich Martin seit acht Jahren. Er wird immer älter und wird irgendwann sterben, und du wirst deine Chance vertan haben. Nicht, dass es mich kümmert.“

Aaron zuckte mit den Schultern, obwohl Gewissensbisse an ihm nagten. Er hasste Schuldgefühle. Auf seiner Liste menschlicher Schwächen kamen Schuldgefühle direkt nach Dummheit. „Ich werde etwas haben, wenn ich etwas habe.“ Es war eine leere Phrase, und Didi wusste es. Sie schob die Vase beiseite, damit er ihr ärgerliches Gesicht besser sehen konnte.

„Gib mir wenigstens ein Fitzelchen, Aaron. Etwas, das ich vor Martins habgierigen Augen baumeln lassen kann, damit er sich an das sagenhafte Talent erinnert, das du besitzt.“

Es schmerzte ihn, dass er Didi enttäuschen musste. „Wenn ich so weit bin. Der perfekte Roman braucht Zeit. Es ist nahezu unmöglich, zweimal im Leben etwas Perfektes hinzukriegen.“

„Du wirst nie so weit sein, wenn du deine ganze Zeit in diesem öden Kaff verbringst. Du gehörst in die Stadt.“

Sie sprach mit der Arroganz seines Vaters, die sie sich in den zwei Jahren als Cecil Barksdales Geliebte zugelegt hatte. Es gab jedoch einen bedeutenden Unterschied zwischen den beiden – Didi betrachtete ihn mit Zuneigung, während sein Vater nur sich selbst mit Zuneigung betrachtete, nämlich im Spiegel. Das war der Grund, weshalb sie ihn beide verlassen hatten.

„Da deine Willenskraft zu etwas Scheußlichem versteinert ist, das man normalerweise nur in Museen findet, habe ich keine andere Wahl. Nächste Woche werde ich hier für einen kurzen Urlaub campieren.“ Didi hustete nicht besonders damenhaft. „Wenn du einen warmen, unaufhörlichen Wind im Nacken spürst, der dich antreibt, dann werde ich das bei der Ausübung meines Jobs sein.“

Bei der Vorstellung, dass jemand dasitzen und ihn bedrängen würde zu schreiben, begann Aaron wieder, auf die Tischplatte zu trommeln. Sein Vater hatte immer gesagt, dass echte Genialität sich nicht herbeizwingen ließ. Das war so ziemlich das Einzige, worin er und Cecil sich einig waren.

Didis entschlossene Miene sagte ihm, dass er ihr reinen Wein einschenken musste.

„Oh, oh, du listiger Schwindler“, murmelte sie, und ihr Mund verzog sich zu einem triumphalen Grinsen. „Du hast doch geschrieben, das sehe ich dir an. Ich sehe es an deinem Gesicht und an deinen rastlosen Fingern.“ Angesichts seines schockierten Ausdrucks rieb sie sich die Hände. „Jetzt weiß ich, was wir tun werden. Wir lunchen jeden Tag zusammen, und du wirst mir über deine Fortschritte berichten.“

„Du kannst zu Mittag essen, wo immer du möchtest, und zwar allein.“

„Würdest du mich so schäbig behandeln, Aaron?“ Sie musterte ihn mit ihren durchdringenden schwarzen Augen.

„Nein“, sagte er mit einem resignierten Seufzer. Er hatte alle Menschen in seinem Leben fortgejagt, und nun war nur noch Didi an seiner Seite. Er war sich nicht sicher, ob nur sein monatlicher Provisionsscheck sie bei der Stange hielt, oder ob sie ihn aus einem hartnäckigen Drang heraus ans Leben binden wollte. Er vermutete Letzteres. Geld war nie ihr Antrieb gewesen.

„Es würde mir das Herz brechen, wenn du beschlossen hättest, mich jetzt auch aus deinem Leben zu streichen.“

„Du hast doch gar kein Herz“, erinnerte er sie.

„Stimmt, aber wenn ich eins hätte, würde es zerbrechen.“

Aaron schob seinen Teller mit dem Rest des zähen Hähnchens fort. „Na gut, einverstanden … solange wir nicht noch einmal hier essen“, sagte er und trank hastig einen Schluck Wasser, weil plötzliche Zweifel seine Kehle zuschnürten. Dieses Unternehmen würde eine Katastrophe werden, da nützte auch Didis Siegerlächeln nichts.

2. KAPITEL

„Ein ruhiger Abend in Harmony Springs. Tag Nummer eins in diesem idyllischen Städtchen, wo nie etwas los ist, wo es nichts Interessantes zu entdecken gibt. Musste Quinn mich wirklich hierher schicken? Ist das Wort ‚Versagerin‘ auf meine Stirn tätowiert? Muss ich andauernd diese blöden rhetorischen Fragen stellen?“

Jenn stellte den Aufnahmemodus an ihrem Handy aus und streckte sich auf der Felsplatte aus. Über ihr wölbte sich der Himmel. Er war voller Sterne. Natürlich wusste sie von deren Existenz, aber als Bewohnerin New Yorks hatte sie noch nie so viele Sterne am Himmel gesehen.

Hier draußen waren noch andere Lebewesen unterwegs. Jenn hörte sie rascheln und umherhuschen und zwang sich, nicht in Panik zu geraten. Das waren niedliche pelzige Dinger. Mickey und Minnie.

Es gab natürlich auch noch die nicht ganz so niedlichen Wesen mit teuflisch roten Augen. Wesen mit großen Zähnen, die an menschlichem Fleisch nagen konnten.

Schon fühlte sie, wie etwas über sie hinwegkroch.

Sie wischte hektisch über ihre Jeans. Manchmal war eine lebhafte Fantasie ein Plus, und manchmal, so wie jetzt, war sie eindeutig ein Problem. Jenn atmete tief ein, stand auf und hielt ihr Handy hoch.

Zwei Signalstriche. Fast genug, um eine Verbindung zu bekommen.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Hand gen Himmel.

Beim Anblick von drei Strichen jubelte sie vor Freude, wobei sie fast den Halt verlor.

Die drei Striche waren den Beinahe-Tod wert.

Endlich leuchteten auf dem Display ihres Telefons die Sternbilder Jungfrau und Steinbock auf. Jenn suchte sie vergeblich am Himmel. Die funkelnden Konstellationen dort wurden normalerweise von den Lichtern der City überstrahlt. Sie wirkten so trügerisch nah, als könnte man die Arme hochwerfen und sie berühren.

Sterne schienen wie New Yorker Politiker zu sein – geboren, um zu betrügen.

Jenn wiederholte den Satz, fand ihn gut und nahm ihn als literarisches Juwel für ihren Artikel mit dem Handy-Rekorder auf. Und da wird behauptet, dass ich nicht schreiben kann!

Unter ihren Notizen flimmerten die Nachrichten des Tages über das Display. All die Dinge, die in New York ohne sie geschahen. Es war eine beschämende Erkenntnis, dass die Welt sich nicht um sie drehte. Vielleicht würde es ganz heilsam sein, eine Zeit lang hier im Nirgendwo zu leben, mit nichts als ihrer eigenen Gesellschaft.

Sie setzte sich wieder auf den Felsen und las die Nachrichten. Sie war gerade in eine Meldung über die aktuelle Haushaltsdebatte vertieft, als sie ein Geräusch vernahm. Lautes Rascheln, dann ein leises „Umpf“.

Schon wieder Viecher! Vor Angst kniff sie die Augen zu.

„Hallo“, sagte eine ärgerlich klingende Stimme.

Keine Maus, dachte Jenn erleichtert und öffnete die Augen. Nein, es war keine Einbildung, sondern der unkooperative Mann aus dem Speiseraum der Pension. Der Mann, dessen Anblick ein Kribbeln zwischen ihren Schenkeln ausgelöst und ihre Neugier geweckt hatte.

Er trug sein schwarzes Haar lang, war also ein Mensch, der sich um die Meinung der Welt nicht scherte. Die blauen Augen blickten jetzt arrogant und distanziert. Sein Blick hatte nicht die brennende Intensität, die er am Mittag gehabt hatte.

Seine Nase war markant, das Profil aristokratisch. Keine Züge, die auf Sensibilität hindeuteten. Nur das leichte Grübchen in seinem Kinn passte nicht ganz in das unschöne Charakterbild, das sie von ihm gezeichnet hatte.

Warnsignale gab es genug, das bedeutete aber nicht, dass sie sich keinen Fantasien hingeben durfte. Das Wunderbare an Träumen war ja, dass sie harmlos waren.

Mr Mürrisch setzte sich neben sie und streckte seine langen Beine aus.

„Ihr Handy ist sehr störend“, sagte er in einem absolut untraumhaften Ton.

Verblüfft blickte Jenn zu dem unschuldigen Gerät in ihrer Hand. Die Benutzer von Handys waren zu vielen Sünden fähig, aber da sie die meisten davon nicht beging, wurden sie und ihr Telefon fälschlicherweise beschuldigt. „Wie das?“

„Ich wollte arbeiten und habe von meinem Fenster aus dauernd diesen Blitz gesehen. An Arbeit war nicht zu denken. Dann entdeckte ich Sie bei der Ausübung eines seltsamen Rituals.“

„Sie hätten mich doch ignorieren können.“

„Ja, aber dann dachte ich, dass Sie möglicherweise einen heidnischen Kult praktizieren und sich dabei vielleicht nackt ausziehen. Von da an ging es bergab. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Deshalb bin ich hergekommen, um Sie zu bitten, in Ihre Hütte zurückzugehen, wo Sie hingehören.“

Sofort begriff Jenn, und ihr Herz klopfte schneller vor Glück. Das war nie ein gutes Zeichen. „Sie wohnen in Hütte Nummer drei, stimmt’s?“

„Haben Sie mich ausspioniert?“

„Ich schnüffle nicht“, verteidigte sie sich. „Mir wurde eingeschärft, Sie nicht zu stören.“

„Zu spät. Sie haben mich bereits gestört.“

Er strich sich durchs Haar und zerzauste es dabei. Das erhöhte nur noch seine sexy Ausstrahlung. Jenn bemühte sich, nicht zu lächeln.

„Ich bin mir sicher, dass jeder Gesundheitsexperte Ihnen sagen würde, dass Sie schon gestört waren, bevor ich zu diesem Felsen spaziert bin. Und übrigens würde der größte Teil der Bevölkerung einen abendlichen Spaziergang nicht als Störung betrachten.“

„Ich bin auf diesem Campingplatz die gesamte Bevölkerung.“

„Nein, nur fünfzig Prozent davon, denn jetzt bin ich auch noch hier. Ich betrachte die Sterne und werde das weiterhin tun, auch wenn es Sie stört.“

„Sie betrachten die Sterne ja gar nicht. Sie betrachten Ihr Telefon. Da oben ist ein vollkommener Himmel. Sie sollten es mal damit probieren.“

„Ich kenne nicht alle Sternbilder, aber ich lerne dazu. Ich nehme an, Sie kennen sie alle“, sagte sie vorsichtig und hoffte, dass er kein schwärmerischer Sternengucker war, weil ihn das noch interessanter machen würde.

„Nein, ich kenne sie längst nicht alle“, antwortete er.

Jenn zeigte zu den Sternbildern auf dem Display ihres Handys. „Wenn Sie einen Internetzugang hätten, könnten Sie alles über die Konstellationen lernen.“

„Sie reden wie der typische amerikanische Konsument. Besessen von allem, was das Leben angeblich leichter macht. Begeistert von Geräten, die Sie glauben lassen, Sie könnten die Zeit beherrschen und Ihr Leben perfekt managen. Am Ende machen eben diese Dinge die Menschen zu Sklaven statt zu Herrschern.“

Jenn lachte spöttisch. „Das sagt der Mann, der seine Eremitenhütte verlässt und auf einen Felsen klettert, weil er sich einen kostenlosen Anblick von Nacktheit erhofft. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“ Leider sah er kein bisschen beschämt aus.

„Ich bin nur ein erbarmungswürdiger Mann, der Schwäche des Fleisches ausgeliefert und zu einem kläglichen Leben verdammt“, rezitierte er.

Ja, das ist das Problem mit dem schwachen Fleisch, dachte Jenn und wünschte, ihr Körper wäre dieses Mal etwas klüger. Stattdessen fiel ihr die Länge seiner Schenkel auf, die Breite seiner Schultern und die sexy Art und Weise, wie er sie ansah, wenn er sie nicht ansehen wollte.

„Wer hat denn das gesagt?“

„Jemand, von dem Sie noch nie gehört haben.“

„Er scheint reichlich überreizt zu sein.“

„Das ist der gemäßigte Ausdruck für seine Denkweise“, sagte er.

Seine Zähne blitzten im Dunkeln, und Jenn war schockiert darüber, wie normal er aussah. Wie reizvoll. Wie unromantisch und dennoch heiß.

„Warum genau sind Sie hier?“, fragte sie.

„Ich dachte mir, dass Sie ohne Kleidung hübsch aussehen könnten.“

Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie sich wahrscheinlich ausziehen würde, wenn er sie nett darum bäte. „Glauben Sie, Sie können mich mit diesem Spruch herumkriegen? Sie müssten schon den Lack von Ihrem vornehmen Vokabular abkratzen, um das richtig hinzubekommen. Folglich ist diese Antwort auf meine Frage noch schlimmer als die, dass Sie nur ein erbärmlicher Mann sind.“

Er sah sie belustigt von der Seite an. „Sind Sie Psychologin?“

„Ich bin Reporterin.“

Seine Miene veränderte sich abrupt. Der amüsierte Ausdruck verschwand, und sein Mund zog sich zu einer dünnen Linie zusammen. „Schlammwühler.“

Sie war Mangel an Respekt gewohnt und hatte sich mit hartem Training dagegen gewappnet. „Sie sind ein Charmeur. Ich wette, Ihre Komplimente kommen gut bei den Ladies an. Was haben Sie gegen Reporter?“

„Möchten Sie Einzelheiten hören, oder genügen Ihnen die verallgemeinerten Sünden der Gattung?“

„Einzelheiten. Ich kann die Wahrheit vertragen.“

„Es gibt keine Wahrheit, sondern nur das, was für den, der gerade spricht, am praktischsten ist.“

Seine Worte gefielen ihr nicht, seine Verbitterung gefiel ihr nicht, und ihr gefiel nicht, dass er recht hatte. Sie hatte schon als Kind Reporterin werden wollen, aber sie war sich der Gratwanderung bewusst, die man als Journalist bewältigen musste. In ihrem Job bewegte man sich stets auf einem schmalen Pfad zwischen beruflicher Integrität und Sensationsgier.

„Ist das Ihre Vorstellung von einer Verführung?“

„Nein. Es ist ein Versuch, Sie von hier zu vertreiben.“

Er wirkte seltsam zufrieden für einen Mann, der in seiner Arbeit gestört worden war. Dann begriff sie, was hier lief. Er provozierte sie, und sie spürte die Reaktion ihres Körpers – das Pulsieren in ihren Adern, das Pochen zwischen ihren Schenkeln.

Sie schlug die Beine übereinander, und sein Blick folgte der Bewegung. „Das wird nicht klappen. Ich bin wegen eines Auftrags hier, und ich werde hierbleiben, bis ich ihn erledigt habe. Falls meine Anwesenheit Ihr Einsiedler-Dasein stört, tut es mir leid. Das heißt … nein, es tut mir nicht leid. Es macht mir Spaß, Sie zu nerven.“

„Gehören Sie zu der Sorte, die Schmetterlingen die Flügel abschneidet?“

Es war faszinierend, wie leicht ihm seine Beleidigungen über die Lippen kamen. Offenbar war das sein Schutzschild, der alles abwehrte, was ihm zu nahe kam. „Ach, sind wir ein Schmetterling?“, konterte sie.

„Ich spreche gern in Metaphern. Mit Sprachbildern entmenschliche ich Themen so stark wie möglich. Es erleichtert den Umgang mit Menschen. Am liebsten meide ich Leute.“

Nicht ganz sicher, was sie hierauf antworten sollte, nicht ganz sicher, wieso er anscheinend trotzdem gern mit ihr auf dem Felsen saß, blieb Jenn lieber still.

Der Abend war zu schön, um nicht an Sex zu denken. Die Geräusche der Natur waren nicht mehr so unheimlich, seit dieser Mann neben ihr saß. Grillen zirpten, und die Sterne funkelten am samtenen Himmel. Der Technologie-Verächter neben ihr warf ab und zu einen Blick auf ihr Handy und verglich die Sternenstellung auf dem Display mit derjenigen über ihnen. Das tat er natürlich nur, wenn er dachte, dass sie es nicht sah.

Jenn gestand sich ein, dass sie ihn mochte. Er gehörte zur besseren Sorte Mann. Brutal ehrlich und ohne jegliche Hemmung, seine Meinung zu äußern – so düster und verdreht sie auch sein mochte. Diese Ehrlichkeit war erfrischend.

Seine Brust hob und senkte sich stetig, sein Blick war auf den Himmel gerichtet. Was mochte er gerade denken? Wieso war er allein in dieser Wildnis? Woran arbeitete er da in seiner Hütte? Er war das genaue Gegenteil der Männer, die sie kannte und die so gern über sich selbst redeten. Eine Aura des Geheimnisvollen konnte sehr sexy sein.

Jenn sah ihn verstohlen von der Seite an. Vielleicht sollte sie es tun. Vielleicht sollte sie eine Affäre mit ihm haben. Vielleicht sollte sie sich hinüberbeugen und ihn küssen. Diesen markanten Mund erkunden. Die Hände unter sein Hemd schieben und herausfinden, ob sein Herzschlag sich beschleunigte.

„Was für einen Auftrag haben Sie denn?“, fragte er.

Eine schlimmere Frage hätte er in diesem Moment nicht stellen können.

Widerstrebend wandte sie sich wieder den Dingen zu, die nicht annähernd so aufregend waren wie ihre derzeitigen Gedanken. „Harmony Springs. Das Summer Nights Festival. Das Mekka der New Yorker, die alljährlich zu einem stillen kleinen Nest pilgern, das im Vergleich zu Manhattan nur sehr wenig zu bieten hat. Ich soll ergründen, warum zum Teufel all diese Leute hierherkommen.“

„Für welches Blatt arbeiten Sie denn? Für eine Zeitung, die Skandalen nachjagt und einen Hang zum Boulevard-Journalismus hat, oder für ein teures Hochglanzmagazin, das bei den Lesern unrealistische Vorstellungen von Schönheit und Reichtum aufrechterhält?“

Sie sah ihn scharf an, überrascht von seinem zornigen Ton. Neuerdings waren Politiker, Wirtschaftsbosse und Banker den Menschen zuwider, aber die Medien waren doch schon vor langer Zeit abserviert worden. „Ich arbeite für eine große, angesehene Tageszeitung. Hauptsitz Manhattan. Viele Pulitzer-Preisträger in der Belegschaft. Sie haben wahrscheinlich noch nicht von dem Blatt gehört.“

Ihr Giftpfeil prallte an ihm ab. Statt entrüstet zu antworten, dass er die erwähnte Zeitung selbstverständlich kannte, verzog er nur den Mund und sagte: „Den Pulitzer-Preis bekommt doch jeder aufwieglerische Journalist, der als Student den Film über den Watergate-Skandal gesehen hat.“

Es enttäuschte sie, dass er von ihrer Position kein bisschen beeindruckt war. Sie hatte sich einen anerkennenden Kommentar erhofft, denn er war zweifellos ein Intellektueller – geistige Elite. Das verriet die sorgsame Art, mit der er seine Umgebung beurteilte, sein Gebrauch der Sprache, sein hoher moralischer Anspruch. Er war offenbar Mitglied der Schicht, der auch sie angehören wollte.

„Was machen Sie denn beruflich?“

Es dauerte lange, bis er antwortete.

„Ich schreibe.“

Das war ihr viel zu vage. „Was schreiben Sie?“

Wieder zögerte er. „Romane.“

Ein Schriftsteller? Sicher, er hatte etwas an sich, was an einen Künstler erinnerte, aber er schien zielgerichteter zu sein als diese Träumer, die allein in ihrer Höhle saßen und darauf warteten, dass die Muse sie mit Genialität beschenkte. Dieser Mann würde nie dasitzen und hoffen, dass er inspiriert wurde.

Er gehörte mitten ins Leben.

„Warum sind Sie hier in der Wildnis?“, fragte sie. „Warum sind Sie nicht in der nackten City und mischen sich unter die acht Millionen Storys, die dort herumlaufen?“

„Müssen Sie unbedingt wieder das Wort ‚nackt‘ ins Gespräch bringen?“

Wie verändert er plötzlich aussah! Er schien aufgebracht, besorgt und von etwas so Gewöhnlichem wie Begierde befallen zu sein. Sie hatte Lust, sich ihre Bluse vom Leib zu reißen. Klugerweise tat sie es nicht, sondern wechselte das Thema.

„Sind Sie hier, um zu schreiben? Nein, streichen Sie das. Ich begreife Sie einfach nicht. Wie können Sie hier wohnen, ohne verrückt zu werden? Wollen Sie denn gar nicht wissen, was in der Welt passiert?“

„Ich nehme an, dass noch immer Menschen überfallen werden, dass noch immer Hurrikane stürmen und dass das Land sich noch immer am Rande des Ruins befindet.“

Okay, ein Punkt für ihn. Trotzdem verblüffte es sie, dass jemand so abgeschottet von den Weltereignissen leben konnte, die sie doch alle berührten.

„Das sind doch News“, argumentierte sie lahm, ganz Journalistin.

„Es sind keine News. All das ist nichts Neues. Es ist so alt wie die Geschichte. Alt wie die Zeit.“

„So alt wie der Sex“, fügte sie hinzu und bemerkte erfreut die plötzliche Röte in seinem Gesicht.

„Sie haben versprochen, das nicht noch mal zu tun“, protestierte er, jedoch halbherzig.

Er betrachtete sie voller Begehren – wie bei allem anderen widerwillig, aber unfähig wegzusehen.

„Ich habe nichts versprochen.“ Er war sehr nah, nur einen Atemzug weit weg. Sie bräuchte sich nur ein winziges Stück zu bewegen.

„Weib, du bist das Tor zur Hölle, die Verführerin mit der verbotenen Frucht. Du bist das erste Wesen, das gegen das Gesetz Gottes verstieß.“

Die Worte klangen leise und rau, und Jenn hatte sich noch nie in ihrem Leben so erregt gefühlt.

„Ist das von Dante?“, fragte sie flüsternd und rutschte etwas dichter an ihn heran.

„Nein, von Tertullian.“ Sein Blick begegnete ihrem.

„Es gefällt mir.“ Sie spürte, wie die Spannung in ihr zunahm.

Sein Blick ruhte auf ihrem Oberkörper und bewirkte, dass ihre Brustwarzen hart wurden.

„Ich muss gehen“, verkündete er plötzlich, wobei er von ihr fortrückte.

Jenn redete sich ein, dass sie froh war. Sogar erleichtert.

„Ja, die Arbeit ruft“, sagte sie resolut und versuchte, sich auf wichtige Dinge wie etwa ihre berufliche Zukunft zu konzentrieren anstatt auf die Länge und den Umfang seiner Mannespracht.

„Genau so ist es“, stimmte er zu, machte aber keine Anstalten zu gehen.

Jenn fühlte, wie Panik in ihr aufstieg, während ihr Drang, näher an ihn heranzurücken, sich noch verstärkte. Es war so verlockend, ihn zu küssen, doch sie zwang sich, der Versuchung zu widerstehen. Er wollte Sex, sein Körper strahlte das förmlich aus, und im Gegensatz zu einem vierundzwanzigjährigen Schlagzeuger mit der Leidenschaft für Comics würde dieser Mann ihr eine Nacht voller sagenhafter Orgasmen bescheren und ihr das Herz brechen. Höchstwahrscheinlich beides gleichzeitig.

„Wer sind Sie?“, fragte sie, denn falls das geschehen sollte, wollte sie wenigstens seinen Namen wissen.

„Aaron.“

„Aaron wer?“

„Smith.“

„Ach, wirklich?“ Sie machte sich nicht die Mühe, den Sarkasmus zu verbergen.

„Eigentlich heiße ich Jenkins-Smith, aber das erschien mir prätentiös, deshalb habe ich mich für Smith entschieden.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr Smith. Ich bin Jennifer Dade, und von jetzt an werde ich mich bemühen, Ihnen nicht mehr im Weg zu sein.“

Es war ein verzweifelter Hinweis darauf, dass nicht sie ihm im Weg war, sondern dass er ihren Felsen okkupierte. Wenn er wirklich diese Einsamkeit wollte, von der er ständig erzählte, dann müsste er sich weniger … angeregt benehmen. Nicht dass sie sich beklagte. Jedenfalls nicht sehr.

„Ich muss jetzt gehen“, wiederholte er, doch er bewegte sich näher zu ihr hin. Sein Blick war auf ihren Mund geheftet, und ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. „Normalerweise ignoriere ich die Menschen. Es macht mein Leben leichter.“

„Warum können Sie mich nicht ignorieren?“, fragte sie, denn sie wollte, dass er das tat. Sie konnte keine Verwicklungen gebrauchen, musste sich auf ihren Auftrag konzentrieren. „Warum gehen Sie nicht einfach in Ihre Hütte, wenn Sie die Einsamkeit so lieben?“

Er strich zart mit einem Finger über ihre Brauen. „Sie sehen mich mit diesen wachen Augen an und suchen nach einer klischeehaften psychologischen Erklärung für mein Verhalten. Es kümmert Sie nicht, dass es immer eine Drei-Punkte-Analyse gibt, die für die Beschreibung unseres Wesens ausreicht. Sie denken, dass es für alles einen Grund geben muss, aber die Menschen sind einfach so, wie sie sind.“

Das war nicht das, was sie hatte hören wollen, und plötzlich brachen all diese turbulenten Gefühle aus ihr heraus. „Das klingt nach der Theorie, die besagt, dass unser Verhalten in den Genen festgelegt ist. Dann könnte ja jeder Verbrecher sagen: Ich musste das tun. Ich wurde schon als schlechter Mensch geboren. Nein, nein, es gibt für alles einen Grund. Sie wollen es mir nur nicht sagen.“

Jenn dachte, dass er jetzt gehen würde. Glaubte, dass sie es endlich geschafft hatte, ihn zu verjagen, aber er sah sie nur mit diesem gefährlichen Verlangen im Blick an.

„Ich habe über Sie geschrieben. Heute Nachmittag, als ich in meine Hütte zurückkam, habe ich zig Seiten über eine Frau mit Ihrem Gesicht, mit Ihrem Haar und Ihren Augen geschrieben.“

„Und wie endete die Geschichte?“, fragte sie atemlos.

„Sie haben sich vor einen Zug geworfen.“

„Warum denn das?“

„Sie sind der Albatros, der magische Meeresvogel des Seemanns. Sie sind Kapitän Ahabs weißer Wal – die verkörperte Besessenheit. Am Ende gab es keine Alternative. Sie mussten sterben“, sagte er und klang dabei todunglücklich.

Im nächsten Moment berührte er ihre Hand – eine kleine, jedoch vielsagende Geste. Manchmal war Sex eine Zerstreuung, und manchmal war Sex das menschliche Bedürfnis, jemanden zu berühren. Alle Handys, alle elektronischen Spielsachen, die menschlichen Kontakt imitierten, waren nichts im Vergleich zur Vollkommenheit von Sex.

„Sie mögen mich gern, nicht wahr?“, fragte sie und verschränkte ihre Finger mit seinen.

„Ich will Sie nicht gern mögen“, gestand er. „Sie sind glücklich und Ihrer selbst sicher, und Sie mögen seelenlose Apparate.“

„Ich will Sie auch nicht gern mögen.“

„Aber Sie tun es?“ Er sah sie an, unglücklich und zugleich hoffnungsvoll.

„Frauen mögen Männer wie Sie nicht“, antwortete sie, denn unglücklich-hoffnungsvoll war schlecht. Es sprach von seelischen Wunden und vom Leid, das den Frauen seit Jahrtausenden durch Männer zugefügt wurde.

„Was für Männer sind das?“

„Möchten Sie eine Drei-Punkte-Analyse, die Sie mit weniger als fünfzig Wörtern beschreibt?“

„Ja.“

Jenn wählte die ungefährlichere Charakterisierung. „Sie sind brillant und verletzt, und Ihre Schriftstellerei zieht Sie in menschliche Abgründe. Aber die Menschheit stößt Sie ab, und Sie können diese beiden Aspekte nicht miteinander vereinen. Das frustriert Sie.“

„Wissen Sie, was mich frustriert?“

„Was denn?“

„Dass ich Sie unbedingt küssen will. Ich mag Ihren Mund nicht, und ich liebe Ihren Mund. All dieses Geschwafel, das Sie von sich geben, ist das Erregendste, was ich je gehört habe.“

„Und warum küssen Sie mich dann nicht?“

„Weil es damit nicht enden wird.“

„Ich weiß“, sagte sie mit einem Lächeln.

Im nächsten Moment presste er seine Lippen auf ihre, und sie spürte seine Frustration an der Art, wie seine Zunge in ihren Mund drängte und wie seine Hände ihr Gesicht umschlossen.

Ihr Blut schien zu sieden, und ihr wurde heiß. Seine Küsse verursachten ihr süße Pein, seine Hände glitten über ihren Körper und zogen sie näher an ihn, sodass ihre Brüste seine Brust berührten. Sie schob die Finger in sein weiches dunkles Haar, und ihr kostbares Handy fiel nutzlos auf die Felsplatte. Wieder einmal ließ sie sich zu Handlungen hinreißen, die schlecht waren.

Andererseits, wie konnte dies schlecht sein? Er flüsterte ihr Worte zu, die weder hübsch noch poetisch waren, aber seine raue Stimme, der feste Druck seiner Berührung – all das traf genau den richtigen Punkt und verursachte heißes Kribbeln zwischen ihren Schenkeln.

Ihre Bluse war offen, und seine Lippen strichen über das dünne Material ihres BHs, schlossen sich um eine Brustwarze, zupften und saugten daran. Sehnsuchtsvolles Ziehen schoss wie Stromstöße durch ihren Körper, und sie hörte sich stöhnen. Ungeduldig schob er den Stoff beiseite und liebkoste ihre Brüste. Jenn war froh über den Schutz der Dunkelheit.

Fehler, die ich im Sommerurlaub gemacht habe, Teil VI: Der mit dem großen …

Sie legte eine Hand auf seinen Schoß und streichelte ihn durch den festen Jeansstoff. Sie wusste, dass es einen Teil VII in diesem Film geben würde, einen Teil VIII und vielleicht sogar noch mehr.

Er drängte sich an sie, und das kam ihr wundervoll verrucht und roh vor. Dann zog er den Reißverschluss ihrer Jeans auf und schob die Hand hinein. Ein Finger glitt zwischen ihre Beine, rieb und streichelte sie, und sie hörte auf, sich Gedanken zu machen und ließ sich auf das Vergnügen ein.

Er zog sie auf sich, sodass seine Erektion gegen ihren Po gepresst wurde, und sie wiegte sich vor und zurück. Mr Wildnisabenteuer hielt sie jedoch auf. Offenbar hatte er andere Pläne.

Sie begriff schnell, was für Pläne das waren.

Er schob ihre Bluse auseinander, zog an ihrem BH, bis dieser seitwärts herabhing, dann streifte er ihr die Jeans über die Hüfte. Sie lag nun fast nackt unter dem Sternenhimmel, während er ihren Nacken küsste und seine Hände auf Forschungsreise an ihrem Körper schickte.

Er drang mit einem Finger in sie ein und bewegte ihn vor und zurück. Gleichzeitig presste er sie gegen seinen Schoß, sodass seine Erektion sich an ihrem Po rieb. Es war wundervoll.

„Siehst du den Himmel?“, flüsterte er ihr ins Ohr, „den Mond, die Sterne?“

Sie öffnete die Augen, zwinkerte, um klar zu sehen, und hauchte ein Ja.

„Dafür brauchst du kein Handy.“

Er beschleunigte die Bewegung seiner Finger. Sie wollte lachen, doch es war zu schwer zu atmen, zu sprechen oder irgendetwas anderes zu tun, als seine Hand zu spüren.

Seine Finger glitten vor und zurück. Fanden die kleine Knospe zwischen ihren Beinen. Streichelten sie, umkreisten sie. Oh! Ihr Körper schien vor Wonne zu weinen. Sie presste ihr Becken gegen die harte Wölbung unter ihrem Po und hörte ihn stöhnen. Er hielt sie jedoch weiter fest und setzte die süße Folter fort.

Es schien ihm zu gefallen, dass sie sich wand und wimmerte. Genau, er ist ein Sadist! Es machte ihm offensichtlich Spaß, sie zu quälen. Die Bewegungen seiner Finger wurden schneller, gleichzeitig rieb er sich an ihrem Po. Das brachte sie noch mehr auf, aber sie konnte an nichts anderes denken als an den Rausch, den sie erleben wollte, an die intensiven Empfindungen, die sich in ihrem Schoß anbahnten, und an die Sterne über ihnen.

Sie schloss die Augen, und ihr Körper bäumte sich auf, während der Mann unter ihr über sie lachte. Das würde sie ihn büßen lassen, aber jetzt noch nicht. Jetzt wollte sie nur …

Kommen.

Es schien ihr, als würde es eine halbe Ewigkeit dauern, bis ihre Atmung wieder einsetzte und sich ihr Körper beruhigte. Sie sank befriedigt und matt gegen ihn, und schon wollte sie mehr. Sie wollte ihn in sich spüren.

Zum Teufel mit der Reue am Morgen danach. Toller Sex würde sie wahrscheinlich zu einer fantastischen Story inspirieren. Sie würde den Pulitzer-Preis bekommen und der kleinen Lizette zeigen, wie es gemacht wurde.

Mit journalistischem Ethos. Mit Anstand. Mit einem Mann, hart wie Granit, zwischen ihren Beinen.

Sie drehte sich um und presste ihre Lippen auf seine, um ihn ihre Erregung spüren zu lassen, doch er wich zurück. Der Mann, der ihr dabei helfen sollte, ihren Job zu sichern, machte sich von ihr los.

Mistkerl.

Sie ärgerte sich darüber, dass er einfach so aufhören konnte, dass er die Disziplin dazu besaß.

Wütend auf ihn, auf sich selbst und darüber, dass ihre Jeans ihr um die Beine hing und ihre Bluse halb zerrissen war, stand sie auf. Sie zog ihre Hose hoch und hob ihr Handy auf. Im Moment zog sie es allem anderen vor.

„Ich habe einen Auftrag, der sehr wichtig für mich ist. Ich muss ein Kaninchen aus einem Hut zaubern und weiß nicht, ob ich das überhaupt kann, aber ich muss es versuchen. Mit dir werde ich die nächsten zwei Wochen auf dem Rücken verbringen und mir in orgiastischer Ekstase die Lunge aus dem Hals schreien. Das kann ich nicht gebrauchen. Ich muss in dieser gottverlassenen Gegend nach Storys fahnden, die es wert sind, veröffentlicht zu werden. Das hier werde ich nicht mitmachen.“

„Du hast recht“, stimmte er sofort zu, viel schneller als es ihr lieb war.

Seine Augen waren nicht gut zu erkennen, deshalb konnte sie nicht feststellen, ob er meinte, was er sagte.

Nicht, dass es mich interessieren würde.

„Ich weiß, dass ich recht habe. Und jetzt geh“, sagte sie, weil dies ihr Felsen war. Es war ihr Platz. Er wollte die Sterne nicht. Er wollte seine verrottete Hütte im Wald, und er konnte sie haben, aber jetzt musste er beweisen, dass er sie verlassen konnte. Er musste zeigen, dass er auf den Sex verzichten konnte, auf die menschliche Berührung, die sie sich so sehr wünschte.

Langsam stand er auf und strich sich durchs Haar. In diesem Moment dachte Jenn, sie hätte ihn. Sie dachte, er würde kapitulieren, weil er reglos auf ihren Mund starrte, auf ihr Gesicht. Vom Mond in Silber getaucht, stand er da, sein Blick noch immer vor Begehren verhangen. Es war das Romantischste, was sie je gesehen hatte.

Schließlich drehte er sich um und ging fort, und sie blieb allein auf ihrem Felsen zurück, so wie sie es gewollt hatte.

Nachdem er verschwunden war, hantierte Jenn an ihrem Handy, um sich im Sternenhimmel zu verlieren, doch traurigerweise schienen die Sterne zu verblassen.

Zurück in seiner Hütte, zog Aaron sein T-Shirt und seine Jeans aus und stelzte zum See hinaus. Es war einer der seltenen Momente, in denen er nach einer kalten Dusche lechzte, und momentan hatte er nur den See. Das Wasser war eiskalt, kalt genug, um das Begehren eines Mannes einzufrieren.

Es klappte nicht.

Mist.

Aaron hielt sich eine Predigt, während er mit weit ausholenden Zügen von einem Ufer zum andern schwamm. Er wusste nichts über sie, eigentlich nur, dass sie Reporterin war und hier die Story ihres Lebens schreiben wollte. Eine Story, für die sie kein Thema und kein Konzept hatte. Offenbar erwartete sie, dass der Stoff für ihre Geschichte ihr vor die neugierigen Augen sprang. Oder sie wollte, dass die verdammte Story sich zwischen ihren Schenkeln entwickelte, wie ein mieses Porno-Stück.

Eine Reporterin.

Blöd, wie er war, flatterte er wie eine hirnlose Motte um sie herum und setzte wegen der Verbrennungsgefahr seine Existenz aufs Spiel. Verdammt, er hätte sich fast den Kopf am Felsen aufgeschlagen, und hatte er aufgehört, sie zu streicheln? War er so klug, wegzugehen? Zum Teufel, nein. Stattdessen war sie es gewesen, die ihm am Ende eine Predigt über die Probleme einer Liaison gehalten hatte. Liaison.

Was für ein pompöses Wort für solch ein primitives Bedürfnis.

Er war und blieb ein jämmerlicher Mann mit dem krankhaften Zwang, im Tausch für seine Seele einen kurzen Moment mit einer Frau zu verbringen.

Seine Arme schnitten durchs Wasser, seine Beine pumpten, bis seine Muskeln brannten. Es wäre viel klüger gewesen, sich müde zu schreiben.

Jetzt konnte er nur daran denken, wie sie da neben ihm auf dem Felsen gelegen und ihn in ihren Bann gezogen hatte wie eine Erdgöttin. Sie, die am Altar der Massenkommunikation und Technologie ihre Weihen abhielt statt im Tempel der Fleischeslust.

Verdammt noch mal.

Das eisige Wasser war fast tödlich auf seiner Haut, aber nutzlos gegen seine Erektion. Als er sich dem Ufer näherte, wo seine Hütte stand, tauchte er tief unter, kam dann wieder hoch und setzte seine Füße auf die feuchte Erde. Er schüttelte seinen Kopf wie ein Hund und stelzte auf den Rasen zu, wobei ein dumpfer Schmerz in seinem Kopf pochte. Eine Gehirnerschütterung wäre ihm lieber gewesen als diese bewusstseinsverändernde Begierde.

Als er, noch immer gequält, den sandigen Weg erreichte, hielt er inne. Er drehte sich um und erspähte die Frau zwischen den Bäumen. Schlank, mit mondbeschienenem Haar und Sternenaugen.

Aaron fühlte, wie er hart wurde. Sein Mund war trocken, und er glaubte idiotischerweise, dass er ihren Atem hören konnte.

Sein lauter Fluch sollte sie verjagen, doch sie rührte sich nicht. Sie stand da, als erwartete sie, dass er zu ihr lief, um sie zu nehmen. Als glaubte sie, er könne sich nicht beherrschen.

Trotz all seiner Erfahrungen, trotz seiner vielen Fehler, aus denen er gelernt hatte, wollte er sie wieder fühlen. Er wollte sie noch einmal schmecken, ihren reinen Atem absorbieren und mit großen, gierigen Schlucken von ihrem strahlenden Wesen trinken.

Er ging einen Schritt auf sie zu, doch dann meldete sich seine Vernunft und erinnerte ihn daran, dass er nicht zu jenem Leben zurückkehren wollte. Er blieb stehen und brachte seine sorgsam gepflegte Selbstdisziplin wieder an ihren Platz.

Der Mund der Frau verzog sich zu einem kleinen spöttischen Lächeln. Offenbar wusste sie, was es ihn kostete, standzuhalten, aber egal.

Seelenlos, herzlos drehte er sich um und machte sich auf den Weg zu seiner Hütte. Stolz und Selbstbeherrschung waren wieder exakt an Ort und Stelle.

Jenn stolperte rückwärts gegen den nächsten Baum, um Halt zu finden.

Sie hatte noch nie einen besser gebauten Mann gesehen. Er hatte keinen Waschbrettbauch von einer Liebesaffäre mit Trainingsmaschinen. Seinen Körper schmückten keine kunstvoll geformten Bowlingkugel-Bizepse, wie man sie nur durch mühsames Gewichtheben bekommt. Nein, er war schlank und feingliedrig und schwer erregt.

Das war das Schlimmste. Er war groß und kraftvoll, und sie lechzte danach, ihn in sich zu fühlen. Er wollte sie auch, aber was tat er? Starrte verlangend zu ihr hinüber, machte dann kehrt und ging.

Sie stand an den Baum gelehnt, die warme nächtliche Brise streichelte ihre Haut. Es wäre schöner gewesen, jetzt von seinen Händen gestreichelt zu werden. Sie sah ihn in Gedanken vor sich, sah das brennende Begehren in seinem Blick.

In der City verhielten die Männer sich anders, wenn sie eine Frau begehrten. Den Männern in der City verursachte sexuelles Verlangen keine Schmerzen. Irgendetwas hier draußen kratzte den Lack von der Oberfläche. Vielleicht lag es nicht an diesem Ort. Vielleicht lag es nur an ihm.

Aaron.

Sie war zu seiner Hütte unterwegs gewesen, um sich zu entschuldigen – jedenfalls war das die Story, die sie sich ausgedacht hatte. Dann hörte sie Geräusche vom See her und erblickte ihn. Aus der Deckung der Bäume heraus beobachtete sie ihn beim Schwimmen und sah all diese ungenutzte Energie.

Es war aufregend. Es war entnervend.

Jenn wusste instinktiv, dass ihr Interesse an Aaron Smith ein Fehler war, und sie hatte mehr als genug Fehler begangen. Selbst wenn sie auf Nummer sicher gehen wollte, erwies es sich als Fehler. Zum Beispiel der Finanzanalyst aus Tribeca, der Typ mit der traumhaften Wohnung und dem nervösen Lächeln. Keine Frauenzeitschrift hätte den Mann auf die Tabu-Liste gesetzt. Er hatte völlig normal gewirkt, mit einer Tendenz zu langweilig. Zwei Dates später entdeckte sie den Grund für das nervöse Lächeln. Der gut verdienende Analyst war ein Kleptomane, mit einer starken Neigung zu Ladendiebstählen. Beinahe wäre sie auch festgenommen worden.

Oh, sicher, der Polizist mit den hübschen Augen war sehr nett und verständnisvoll gewesen und hatte zwanglos mit ihr geflirtet. Genau gesagt, war er so nett gewesen, dass er sie erst nach ihrem Versprechen, ihn anzurufen, laufen ließ. Wäre sie nicht wachsam gewesen, hätte sie den Ehering an seiner linken Hand nicht bemerkt.

Mistkerl.

Aaron flirtete nicht, er war nicht lustig, und er würde nie etwas vortäuschen. Ja, er versteckte sich, aber er hatte etwas an sich, das sie zu ihm hinzog …

Sie suchte mit den Blicken Hütte Nummer drei und sah zwischen den Bäumen ein schwach erleuchtetes Fenster. Nicht gerade eine Einladung. Sie hörte wütend klackende Laute, als würden die Tasten einer Schreibmaschine attackiert.

Eine Schreibmaschine?

Jenn konnte nicht anders, sie musste lächeln.

Die Art, wie er auf die Tasten hämmerte, passte zu ihm. Fehler oder Korrekturen kamen nicht infrage. Nein. Die Wörter, die er auf die Seite fließen ließ, mussten perfekt sein.

Innerlich weit entfernt von jeglicher Perfektion, ging sie zu ihrer Hütte zurück. Dort zog sie ein bequemes T-Shirt an, ließ sich auf die unbequeme Matratze fallen und meinte, noch immer seine Finger auf ihrem Körper zu spüren und das Feuer seiner Küsse.

In dieser Nacht lag sie nicht wach und gruselte sich vor Mäusen und Schlangen. Stattdessen träumte sie von einem großen schwarzhaarigen Mann mit blauen Augen voller Leidenschaft.

3. KAPITEL

Am Morgen waren keine lärmenden Müllfahrzeuge oder hupenden Autos zu hören. Stattdessen vernahm Jenn Vogelgezwitscher.

Die Stille irritierte sie, weil sie nun das ziellose Rattern in ihrem Kopf wahrnehmen konnte. In der City war es unmöglich, sich ziellos zu fühlen, dort hatte man immer ein Ziel, und es gab überall Richtungsschilder. In Harmony Springs fehlten Richtungshinweise, und Jenn begann sich zu fragen, ob sie überhaupt selbständig navigieren konnte.

Zum Beispiel die Sache am vergangenen Abend. Das Geknutsche mit Mr Poet auf einem Felsen. Hatte das irgendeine Richtung gehabt, ein bestimmtes Ziel? Nein.

Warum erwog sie dann, noch einmal dort hinzugehen? Ja, warum wohl? Natürlich war das der sagenhafte Orgasmus, der da aus ihr sprach.

Bevor es noch mehr Freuden in dieser Richtung gab, musste sie eine Orientierung haben, einen Kurs. Vor allem musste sie ihre Story in Angriff nehmen.

Es wäre leichter gewesen, wenn sie Kaffee gehabt hätte, aber in ihrer Hütte war keiner. Kein Starbucks in der Nähe, doch ihre geübte Nase sagte ihr, dass irgendwo auf dieser Insel der Hoffnung Kaffee gebrüht wurde. Es dauerte nicht lange, bis sie das Lebenselixier im Büro geortet hatte, wo sie Carolyn vorfand, die vor dem Computerbildschirm saß und vor sich hin murmelte.

„Spinnkram. Spinnkram. Blöder Spinnkram.“

„Probleme?“, fragte Jenn höflich, worauf Carolyn zusammenzuckte. „Sorry, ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Carolyn drehte sich um. „Sie sind sehr leise.“

„Normalerweise nicht. Was lesen Sie da gerade?“

„E-Mails.“

Dem vollen Bildschirm nach zu urteilen, bekam Carolyn mehr Post als sie. Ja, es war kleinkariert, das zu bemerken, doch es änderte nichts an den Fakten. „Sie haben viele Freunde“, sagte Jenn locker, als hätte jeder viele Freunde.

Carolyn lachte. „Diese Mails sind nicht für mich, sondern für meinen Boss.“

„Sie haben einen Boss? Ich dachte, Sie seien die Besitzerin des Campingplatzes.“

„Ich bin nur die Managerin und arbeite außerdem als virtuelle Assistentin.“

„Wow, das ist cool. Was müssen Sie tun?“, fragte Jenn. In Anbetracht ihrer prekären Lage fand sie es klug, sich über alle beruflichen Möglichkeiten zu informieren.

„E-Mails lesen, E-Mails beantworten und die Finanzen verwalten.“

„Haben Sie eine Menge Kunden?“ So viele E-Mails, so viel Zeug, so viele Verpflichtungen … da schwirrte einem ja der Kopf.

„Nur einen. Er ist Schriftsteller.“

Einen einzigen? Wow. „Wie haben Sie den Job bekommen?“

„Durch die Empfehlung einer Freundin. Der Verdienst hält mich und Emily über Wasser.“

Knapp bei Kasse und trotzdem zufrieden. Das erschien Jenn paradox. „Sie wirken überhaupt nicht bekümmert.“

„Ich erlaube es mir nicht, mir Sorgen zu machen. Es ist selbstzerstörerisch, und Emily bekommt es mit und wird quengelig.“

„Ich finde es toll, wie Sie das alles hinbekommen. Das könnte ich nie“, sagte Jenn, und es war keine Heuchelei. Allein in der Wildnis zu leben und die E-Mails von irgendeinem Typen zu erledigen, nein, dazu hätte sie nicht die Kraft.

„Sie wären überrascht. Man merkt erst, wozu man fähig ist, wenn man es durchlebt. Es ist nicht so, dass ich eine Heilige bin. Manchmal fluche ich, manchmal trinke ich etwas zu viel Wein, und manchmal …“

Jenn hob eine Braue. „Mario?“

Carolyn blickte um sich. Da sie niemanden im Raum sah, nickte sie.

Ja, es war sehr schwer, eine Frau mit gewissen Bedürfnissen zu sein und kein Roboter. Jenn machte es sich gemütlich, indem sie lässig zum Tisch mit der Kanne schlenderte und sich einen Becher voll heißem Kaffee einschenkte. „Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, hier zu ersticken? Jeder kennt jeden. Jeder sieht jeden. Würde es Sie gar nicht stören, wenn Sie und Mario oder Sie und jemand anders zufällig beim … Sie-wissen-schon gesehen werden?“

Ihre Frage entsprang zum Teil journalistischer Neugier und zum Teil dem verschlagenen weiblichen Geist, der wissen musste, ob Carolyn und Aaron womöglich irgendwann …

„Keiner weiß es“, sagte Carolyn.

„Wirklich?“

„Keiner außer Ihnen.“

„Verraten Sie der Reporterin all Ihre Geheimnisse? Nicht sehr schlau, hm?“

Carolyn schnaubte. „Ist nicht mein Tag.“

Jenn trank einen Schluck Kaffee und seufzte, als das heiße Gebräu ihre Kehle wärmte und ihr Gehirn in Schwung brachte. „Es liegt an den Männern. Sie machen uns dumm.“

„Haben Sie in der City jemanden?“

„Nein“, platzte es aus Jenn heraus.

Carolyn betrachtete sie neugierig, und plötzlich blitzte die Erleuchtung in ihren Augen auf. „Oh.“ Dann legte sie die Stirn in Falten. „Ist es ernst?“

Jenns Gesicht wurde heiß. „Nein. Es war nur ein Moment.“

„Wirklich? Ich hätte nicht gedacht, dass er Momente hat.“

„Haben Sie das getestet?“, fragte Jenn vorsichtig.

„Bei Aaron?“ Carolyn lachte. „Großer Gott, nein!“ Dann hielt sie eine Hand hoch. „Lassen Sie uns das klarstellen: Er ist mein einziger Dauermieter. Geld übertrumpft alles.“

„Wohnt er schon lange hier?“

„Sieben Jahre.“

„Und Sie hatten nie Interesse an ihm?“ Jenn war schon am ersten Abend der Versuchung erlegen. Sieben Jahre lang zu widerstehen erschien ihr unmöglich.

„Nein. Ich habe eine Tochter. So nahe bei unserem Zuhause darf ich nicht neugierig sein.“

„Aha“, sagte Jenn. Sie versuchte, blasiert zu klingen, und gab dann auf. „Glauben Sie, dass er mal jemanden umgebracht hat?“

„Körperlich oder mit Worten?“

„Die verbrecherische Art von Mord.“

„Nein, das glaube ich nicht. Er sitzt immer nur in seiner Hütte. Schreibt. Brütet.“

„Und Sie sind gar nicht an seiner Story interessiert?“

Carolyn nahm Jenn sanft den Becher aus der Hand und drückte sie in einer sehr mütterlichen Art auf einen Stuhl.

„Mir wird allmählich klar, dass diese Sache mit dem Artikel ein Problem für Sie ist. Lassen Sie mich von diesem Ort erzählen. Es gibt in Harmony Springs zwei Sorten von Menschen. Da wären diejenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind und beschlossen haben zu bleiben. In diese Kategorie fallen vier Leute. Alle anderen sind Menschen, die von auswärts hierhergekommen sind. Die meisten von ihnen waren anderswohin unterwegs und haben Harmony Springs zufällig auf der Durchfahrt entdeckt. Sie sind hergezogen, um in einer Art Versteck zu leben, wo keiner sich Gedanken über ihre Lebensgeschichte macht.“

„Worüber soll ich dann bloß schreiben?“

„Es gibt hier Stoff, Jenn. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.“

„Wo fange ich am besten an?“

„Stöbern Sie in den Läden an der Main Street. Mr Goodnight vom Antiquitätengeschäft wird Ihnen die Ohren vollquasseln. Das meiste von dem Zeug ist wertlos, aber wer weiß? Und vergessen Sie nicht, in der Eisdiele einen Stopp zu machen.“

„Eis? Ich liebe Eis.“

Carolyn lachte nur.

Das Koffein, das durch ihre Adern gepumpt wurde, verlieh Jenn den Mut, sich der Notwendigkeit der Körperhygiene zu stellen. Also biss sie die Zähne zusammen und begab sich zum Gemeinschaftsduschraum.

Fairerweise musste sie zugeben, dass er gar nicht so schlecht war. Der Betonfußboden und die Wände waren weiß gestrichen, und auf den Duschvorhängen prangten leuchtend rote Mohnblumen.

Privatsphäre, Sauberkeit, Funktionalität. Eine Holzbank in der Mitte des Raums bot Platz für Kleidung und zum Sitzen oder für Dinge, die man sonst noch in Duschhäusern tat. Jenn wusste nicht, was das sein könnte, aber wenigstens fand sie eine trockene Stelle für ihre Sachen.

Ja, sie hatte einen gewissen Psycho-Moment, als sie in die Duschkabine trat, aber das wundervoll heiße Wasser spülte Schmutz, Staub und ihre Angst vor der Wildnis fort. Sie hatte eine Flasche Shampoo mit dem Namen „Tropische Gärten“ gekauft, und wenn sie sich Mühe gab, konnte sie sich vorstellen, dass sie sich in einem üppigen grünen Dschungel befand, wo warmer Regen über ihren Körper strömte. Hoch oben in den Baumkronen zwitscherten exotische Vögel, und draußen wartete Cabana Boy mit einem angewärmten Handtuch.

Da Jenn mit einer regen Fantasie gesegnet war, verwandelte Cabana Boy sich bald in einen völlig erwachsenen, völlig erregten und völlig griesgrämigen Cabana-Mann, der um nichts in der Welt ein Handtuch bereitgehalten hätte.

Wenn er doch nur nicht so geheimnisvoll wäre, so wie Mütter immer Männer beschrieben, vor denen sie ihre Töchter warnten. Wenn er doch nur nicht so … groß wäre. Jenns Körper schien zu prickeln und zu summen. Ein sirrender elektrisierender Strom bewegte sich von ihren Brüsten tiefer, vibrierte zwischen ihren Schenkeln, glitt dann an ihren Beinen hinab und über ihre …

Zehen?

Jenn blickte hinunter und schrie auf.

Aaron arbeitete schwer an der siebenunddreißigsten Fassung von Seite zweiundvierzig, als er den Schrei hörte. Zuerst dachte er, der Laut befinde sich nur in seinem Kopf. Manchmal passierte das, wenn er sich in seinem Roman verlor, aber er schrieb ja keinen Thriller.

Er befahl sich, das Richtige zu tun, und hastete aus der Tür. Draußen blieb er horchend stehen.

Kommen die Schreie vom Duschhaus?

Aaron war kein Pfadfinder, er hasste diese Pseudo-Naturburschen, und es gefiel ihm nicht, dass er jetzt wie ein Pfadfinder handelte. Trotzdem lief er weiter in Richtung Duschhaus, denn Schreie riefen überall auf der Welt dieselbe Reaktion hervor. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass die Person, die geschrien hatte, die störende Jennifer Dade war.

Eine Sekunde später schlitterte Aaron in den Duschraum für Frauen. Glücklicherweise entdeckte er kein Blut auf dem Boden. Auch ein Eindringling war nirgends zu sehen. Hinter einem der Duschvorhänge rauschte Wasser, aber das Schreien hatte aufgehört. Aaron sah nichts als einen von Dampf erfüllten Raum. Alles erschien ihm normal, bis er unter den Rand des Vorhangs lugte und eine am Boden aufgerollte Ringelnatter erblickte.

Beunruhigenderweise waren nirgends Füße zu sehen.

„Jennifer?“, fragte er bemüht locker.

„Aaron? Bist du das?“, ertönte hinter dem Vorhang ihre Stimme, die ziemlich angespannt klang.

„Bist du da drinnen?“

„Schaff sie fort!“

„Wo bist du?“

„Zwischen zwei Wänden eingekeilt. Schaff! Sie! Fort!“

Aaron wusste instinktiv, dass Lachen schlecht ankommen würde. „Es ist eine harmlose Ringelnatter“, erklärte er in seinem geduldigsten Ton.

„Das ist mir egal. Sie ist über meine Füße geschleimt.“

„Geglitten“, korrigierte er und lehnte sich gegen die Trennwand.

„Es ist mir egal, wie sie sich fortbewegt. Von mir aus kann sie gehüpft sein. Schaff sie fort.“

„Es macht dir nichts aus, wenn ich dich … nackt sehe?“ Es war eine Sache, im Dunkeln auf einem Felsen zu knutschen – aber bei Tage in eine Duschkabine zu gucken, das war intim und persönlich.

„Wenn jemand meinen Körper besichtigen will, dann ziehe ich dich der Schlange vor. Bist du jetzt glücklich?“

Nein, er war nicht glücklich. Er musste heute arbeiten und fühlte sich viel zu gut für einen Mann, der Glückszustände nicht mochte. Egal, gleich würde er wieder vor seiner Schreibmaschine sitzen und tippen.

Er zog den Duschvorhang zurück, und ihm stockte der Atem. Obwohl er sich gewappnet hatte, war er auf diesen Schock nicht gefasst gewesen.

Dort hing Jenn, eingeklemmt zwischen den zwei Wänden. Ihre Füße waren an die eine Wand gestützt, ihr Rücken an die andere, doch es war das Dazwischen, das ihm den Atem raubte.

Es war lange her, seit er zuletzt eine nackte Frau gesehen hatte. Na ja, genauer gesagt war es zehn Stunden her, aber in der Nacht war sie nicht völlig nackt gewesen. Und in der Dunkelheit hatte er nicht viel von ihr sehen können. Seine Atemlosigkeit war also völlig verständlich, da er in der vergangenen Nacht nicht dem Anblick glänzender nasser Haut ausgesetzt gewesen war. Oder dem rosigen Leuchten einer nackten Brust. Oder der Verlockung eines feuchten Dreiecks zwischen zwei festen Schenkeln.

„Hier drinnen ist eine Schlange“, erinnerte Jennifer ihn.

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