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Süße Spiele, heiße Nächte / ... und es hat Zoom gemacht! / Ein unverschämter Verführer

Cara Summers

Süße Spiele, heiße Nächte

1. KAPITEL

„Falls Sie Pläne für Weihnachten haben, sagen Sie sie ab“, befahl Colonel a. D. James McGuire, kaum dass Dino Angelis das Büro im obersten Stockwerk des Merceri Bank Building betreten hatte. Dino überquerte gemessenen Schrittes den ausladenden Orientteppich und musterte den großen, schroffen Mann, der hinter dem mit Schnitzereien verzierten Eichenschreibtisch stand.

Admiral Robert Maxwell, Dinos Boss, hatte seinen ältesten und besten Freund treffend beschrieben. James McGuire war ein schlanker Mann Anfang sechzig, der trotz seines weißen Haars deutlich jünger wirkte. Er war vor zwei Jahren aus der Army ausgeschieden und hatte zum zweiten Mal geheiratet, Gianna Merceri, die eines Tages das Merceri-Bankvermögen erben würde. Seitdem leitete er die Filiale in New York. Obwohl er einen tadellosen Anzug trug, verrieten Haltung und Befehlston den Exsoldaten.

„So ungern ich den Leuten auch die Feiertage ruiniere, aber der Job könnte mehr Zeit in Anspruch nehmen, als es irgendeinem von uns gefällt“, fuhr der Colonel fort.

Dino seufzte im Stillen. Na schön, seine Befürchtung, Weihnachten nicht nach Hause zu können, bewahrheitete sich. In der Regel stimmten neunzig Prozent seiner Vorahnungen, auch die in Bezug auf seine Familie. Diese Ahnungen traten immer wieder auf und hatten ihm schon oft das Leben gerettet. Allerdings würde dies das dritte Weihnachtsfest in Folge sein, das er nicht mit seiner Familie verbringen konnte. Abgesehen davon heiratete sein Cousin Theo Ende Dezember.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob er irgendwie um diesen Auftrag hätte herumkommen können. Dummerweise stand Admiral Maxwell in Colonel McGuires Schuld, und Dino stand in der Schuld seines Admirals. In den letzten zwei Jahren hatte er an Spezialeinsätzen unter Maxwells Kommando teilgenommen und war vor drei Monaten auf einer dieser Missionen angeschossen worden. Eine Kugel hätte beinah seine Wirbelsäule zerschmettert. Während der Genesung, erst in einem Krankenhaus in Deutschland und später in Washington, hatte er Zeit, darüber nachzudenken, wie er den Rest seines Lebens gestalten wollte. Er war zur Navy gegangen, weil er das Meer liebte, Abenteuer erleben und die Welt sehen wollte. Außerdem hatte er das Gefühl, dass es das Richtige für ihn sei, aber jetzt wollte er einen Job, der ihn nicht so sehr von seinen Cousins, seinem Onkel und seiner Mutter isolierte. Er vermisste die Nähe und die Verbundenheit zu seiner Familie. Admiral Maxwell hatte seinen Entschluss nicht nur verstanden, sondern sich auch sehr für seine Entlassung eingesetzt, und er, Dino, gehörte zu den Menschen, die ihre Schulden gern zurückzahlten.

Deshalb hatte er sich zu einem Job bereit erklärt, von dem er nichts wusste –, nur dass er McGuires Familie betraf. Diese Information hatte Maxwell natürlich als Köder benutzt, denn dem Admiral war klar, wie wichtig ihm die Familie war. Unter anderem wollte er ja deswegen aus der Navy ausscheiden. Maxwell wusste außerdem, dass er den Wunsch geäußert hatte, als Privatdetektiv oder bei einem Sicherheitsdienst zu arbeiten, sobald er Zivilist war. Dieser Auftrag war eine gute Gelegenheit, sich in dem Bereich zu erproben.

Um den Auftrag noch verlockender zu machen, hatte der Admiral ihm die Visitenkarte seines alten Navy-Kumpels Jase Campbell gegeben, der eine Sicherheitsfirma in Manhattan leitete. Dino hatte seine ersten Aufträge für Maxwell mit Jase an seiner Seite durchgeführt und dabei festgestellt, dass sie gut zusammenpassten. Jase war ein genauer Planer, während er sehr gut improvisieren konnte und sich auf sein Bauchgefühl verließ.

McGuire stocherte mit seiner jungfräulichen Zigarre in der Luft herum. „Dieses kleine Problem, das Sie für mich lösen sollen, könnte sich bis ins neue Jahr hineinziehen.“

Zum Glück hatte er seiner Mutter nicht versprochen, dass er rechtzeitig zu Hause sein würde. Cass Angelis wusste dank ihrer hellseherischen Fähigkeiten – die unter den Frauen in der mütterlichen Linie seiner Familie sehr ausgeprägt waren – wahrscheinlich längst, dass sie ihn nicht erwarten konnte. Seine Mutter behauptete, die Abstammung dieser Fähigkeiten ließe sich bis zum Orakel von Delphi zurückverfolgen, und gerade ihre waren besonders stark.

Als Kind war es nahezu unmöglich gewesen, ihr irgendetwas vorzumachen, da sie immer schon wusste, was er im Schilde führte. Allerdings hatten ihm seine eigenen Vorahnungen oft aus der Klemme geholfen. Bei dem Gedanken daran musste er sich ein Grinsen verkneifen. Er konzentrierte sich wieder auf den Colonel.

„Vielleicht können Sie mir verraten, um was für einen Auftrag es sich handelt. Admiral Maxwell sagte, es habe mit einem Familienproblem zu tun, aber er nannte mir keine Details.“

Maxwell hatte sich dafür entschuldigt und erklärt, sein Freund habe ihm auch nicht mehr Informationen gegeben. Er habe lediglich erklärt, er brauche seinen besten verfügbaren Mann. Dinos Ansicht nach ließ sich darüber streiten, ob er Maxwells bester Mann war, verfügbar war er auf jeden Fall. Da er auf seine Entlassungspapiere wartete, die im nächsten Monat kommen sollten, erledigte er nur noch Schreibarbeiten im Pentagon für Maxwell.

Mit finsterer Miene legte der Colonel die Zigarre in den Aschenbecher. „Ein Familienproblem – so könnte man es auch beschreiben. Meine …“

Eine forsche weibliche Stimme aus der Gegensprechanlage unterbrach ihn. „Colonel, Ihre Tochter ruft gerade zurück. Sie ist auf Leitung drei.“

„Danke, Margie.“ McGuire nahm den Hörer ab und warf Dino einen Blick zu. „Ich muss diesen Anruf entgegennehmen.“

Dino nutzte die Gelegenheit, um sich ein wenig im Büro umzuschauen. Die Wand hinter ihm war aus Spezialglas, sodass man den Empfangsbereich sehen konnte, vermutlich damit Colonel McGuire kontrollieren konnte, wer die Lobby betrat. Andersherum funktionierte das allerdings nicht. Dino fragte sich unwillkürlich, wie lange der Colonel ihn beobachtet hatte, bevor er ihn hereinbat.

Die Fensterfront hinter dem Schreibtisch dagegen bot eine Aussicht auf den Central Park. Die Bäume draußen waren kahl, und der Rasen war bräunlich-grau. Die Wettervorhersage kündigte einen Schneesturm an, der bis zu dreißig Zentimeter Neuschnee bringen sollte.

Entlang der Wand rechts reihten sich Bücherregale aneinander, und die Wand links schmückte das Porträt einer Frau. Auf dem Messingschild am Bilderrahmen stand „Lucia Merceri“. Admiral Maxwell hatte sie erwähnt und sie als die große Matriarchin der Familie Merceri bezeichnet, eine Frau mit eisernem Willen. Zwar lebte sie in einer Villa außerhalb von Rom, doch hielt sie engen Kontakt zu den Familienmitgliedern in New York. Auf dem Gemälde trug sie ein schwarzes Kostüm und hatte das weiße Haar zu einem Knoten aufgesteckt. In der rechten Hand hielt sie einen Gehstock. Es waren aber vor allem die dunklen, durchdringenden Augen, die ihm auffielen. Diese Frau machte keine Gefangenen.

„Cat, Liebes, wir müssen uns heute sehen. Wie wäre es zum Lunch?“

Dino warf dem Colonel einen Blick zu, der mit seiner Tochter in einem völlig veränderten Ton sprach. Auch sein ernster Gesichtsausdruck war verschwunden.

„Ich weiß, dass du viel zu tun hast – in einem Spielzeugladen um diese Jahreszeit, aber brauchst du nicht auch mal eine Pause? Ich dachte, ich könnte dich in dieses Restaurant in der Fünfundvierzigsten Straße locken, das du so magst. Schließlich musst du mal etwas essen.“

Dino wusste, dass Cat McGuire das einzige Kind des Colonels aus seiner ersten Ehe war. Laut Admiral Maxwell war Nancy McGuire an MS gestorben, als Cat zehn war. In den acht Jahren, bis sie aufs College ging, hatte der Colonel dafür gesorgt, dass sie ihn an all seine Stationierungsorte begleitete, mit Ausnahme der Kampfgebiete. Selbst in diesen Zeiten hatte er versucht, sie an einem Ort unterzubringen, an dem er sie regelmäßig besuchen konnte.

„Eine Lieferung?“ Der Colonel klang enttäuscht. „Ich weiß, dass im Augenblick sehr viel los ist, aber kann das nicht einer deiner Angestellten machen?“

Der beinah einschmeichelnde Ton McGuires überraschte Dino, denn der Mann, den er jetzt vor sich hatte, war das genaue Gegenteil desjenigen, der vor wenigen Minuten noch Kommandos gebellt hatte. In diesem Moment sah der Colonel in seine Richtung und bedeutete ihm mit einer Geste, sich zu setzen. Erst da fiel Dino auf, dass er in Habachtstellung vor dem Schreibtisch des Colonels gewartet hatte.

Cat McGuire ließ sich offenbar nichts von ihrem Vater sagen. Genau genommen hatte es den Anschein, als sei sie diejenige, die das Reden übernahm.

Fasziniert machte Dino es sich in einem der Ledersessel bequem und streckte die Beine aus. Die enge Freundschaft des Colonels zu seinem Admiral ging darauf zurück, dass die beiden zusammen in Toledo, Ohio, aufgewachsen waren und dieselbe Highschool besucht hatten. Obwohl der eine später die Militärakademie in Annapolis und der andere in West Point besuchte, hielt die Freundschaft. Maxwell war sogar Cats Taufpate.

Der Admiral hatte ihm Fotos seines Patenkindes gezeigt, und bei ihrem Anblick hatte er eine plötzlich intensivere Sinneswahrnehmung gespürt. Auf die gleiche Weise wie vermutlich seine Mutter in solchen Situationen wusste er, dass das Schicksal etwas für ihn bereithielt, das mit Cat zu tun hatte, vor dem er nicht davonlaufen sollte.

Genauso war es auch bei den Sondereinsätzen unter Admiral Maxwell gewesen – er wusste stets, für welche er sich freiwillig melden sollte. Die Gefahr, die bei seiner letzten Mission auf ihn gewartet hatte, war ihm zuvor in einer Vision erschienen. Das passierte nur selten, und dann sah er das Geschehen jedes Mal wie das Negativ eines Schwarz-Weiß-Fotos. Seine Vorahnung hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Als er Cats Foto betrachtete, fühlte er eine starke Anziehung, die er sich zunächst damit erklärte, dass es schon lange keine Frau mehr in seinem Leben gegeben hatte. Die Arbeit, der er in den vergangenen zwei Jahren nachgegangen war, hatte keinen Platz für ein Privatleben gelassen. Außerdem war Cat mit ihren rotblonden Haaren und ihrer hellen Haut sehr hübsch. Ihre ausgeprägten Wangenknochen verrieten Kraft, ihr Kinn Willensstärke.

Am meisten faszinierten ihn jedoch ihre Augen, denn ihre Farbe war eine wundervolle Mischung aus Gold und Grün. Katzenaugen, in deren Blick ein Mann sich verlieren konnte.

In seinem Kopf schrillten in dem Moment Alarmglocken. Dies war der völlig falsche Zeitpunkt. Er wollte mehr von seiner Familie haben und herausfinden, wie viel ihm seine bei der Navy erworbenen Fähigkeiten im zivilen Leben nützten. Momentan konnte er sich mit keiner Frau einlassen, schon gar nicht mit einer, deren Anziehung so stark war wie die von Cat McGuire.

Colonel McGuire nahm die Zigarre aus dem Aschenbecher und klopfte damit auf den Tisch. „Wenn wir uns nicht zum Lunch treffen können, dann auf einen Drink nach Ladenschluss … sagen wir um acht? Du schließt doch um sieben.“ Es folgte eine Pause, dann sagte er: „Also um acht. Treffen wir uns in der Stadt in der Bar des ‚Algonquin‘.“ Seine Hand mit der Zigarre bewegte sich immer schneller. „Na schön, dann eben in ‚Patty’s Pub‘, gegenüber von deinem Laden. Um acht.“

Er legte auf und sah Dino verzweifelt an. „Mit neunzig Prozent aller Leute, mit denen ich verhandle, werde ich leichter fertig als mit ihr. Alles dreht sich für sie um diesen Laden.“

„Genannt, ‚The Cheshire Cat‘.“

„Genau. ‚Alice im Wunderland‘ war als Kind ihr Lieblingsbuch.“ Er ließ die ungerauchte Zigarre wieder sinken und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Hat mein Freund Maxwell Ihnen den Namen des Ladens verraten?“

„Nein, ich habe selbst recherchiert.“ Dino war neugierig gewesen, auf den Laden wie auf die Besitzerin, deshalb hatte er früh am Morgen dort vorbeigeschaut. Vor sich selbst rechtfertigte er es als Aufklärungseinsatz – je mehr Informationen man sich beschaffte, bevor man einen Auftrag annahm, umso besser.

Das Geschäft war noch nicht geöffnet gewesen, aber er sah sich die Schaufenster an und mochte die Art, wie das Spielzeug thematisch arrangiert worden war. Ein Schaufenster erzählte die Geschichte der Piraten, im anderen war der Kampf zwischen einem Drachen und einem tapferen Ritter dargestellt.

Plötzlich sah er drinnen Cat McGuire eine schmiedeeiserne Wendeltreppe herunterkommen. Sie kam an die Ladentür geeilt und öffnete sie. Dabei verspürte er eine noch intensivere Sinneswahrnehmung als beim Betrachten ihres Fotos. Kein Wunder, denn in natura war sie geradezu atemberaubend schön, und sie war groß. In ihren Stiefeln musste sie fast eins fünfundsiebzig messen.

Obwohl er merkte, dass er sie anstarrte, konnte er nicht damit aufhören. Sie hatte die Haare mit weiblichem Geschick zurückgebunden, sodass die rotgoldenen Locken ihr auf die Schultern fielen. Er fragte sich, ob sie sich warm anfühlen würden, wenn er sie berührte. Sie trug silberne Creolen, einen dunkelblauen Pullover mit einem Gürtel und einen wehenden Rock, der ihn an tanzende Zigeunerinnen am Lagerfeuer erinnerte.

Während die Kunden in den Laden strömten, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment, und dieser Blickkontakt löste tief in ihm etwas aus. In ihren Augen las er, dass sie das Gleiche empfand wie er – heftiges, beinah überwältigendes Verlangen.

Ehe er über diese Reaktion nachdenken konnte, sah er ein Bild vor seinem geistigen Auge – er und Cat standen in einem Raum. Cat war bis auf ein paar knappe Fetzen aus Spitze nackt und hatte die Beine um seine Taille geschlungen, während er wieder und wieder in sie eindrang.

Die Erinnerung daran erhitzte sein Blut.

„Ich habe über Sie auch Erkundigungen eingeholt“, sagte McGuire.

Dino riss sich zusammen.

„Ich gebe unumwunden zu, dass ich Bobby gebeten habe, mir jemanden aus der Army zu vermitteln.“

Er wich McGuires Blick nicht aus. „Admiral Maxwell bat mich, Ihnen auszurichten, dass Sie mit einem Navy-Mann besser dran sind.“

McGuire grinste erst, dann brach er in Gelächter aus. „Ja, das hört sich ganz nach Bobby an.“ Seine Miene wurde wieder ernst. „Ich vertraue darauf, dass er mir den richtigen Mann ausgesucht hat, und das wiederum bedeutet, dass ich Ihnen die Sicherheit meiner Tochter anvertraue.“

Erneut waren Dinos Sinne geschärft. Hatte er nicht von Anfang an gewusst, dass es bei diesem Auftrag um die Tochter ging? War er nicht genau aus diesem Grund vorher zu ihrem Geschäft gefahren, um sich ein Bild von ihr zu machen? In Anbetracht seiner Reaktion auf Cat würde er äußerst vorsichtig sein müssen.

„Warum erzählen Sie mir nicht, was genau Sie von mir erwarten?“, schlug er vor.

„Sie wissen bereits, dass meine Tochter einen Spielzeugladen in Tribeca besitzt, seit etwa anderthalb Jahren. Davor hat sie sich in der Spielzeugabteilung bei ‚Macy’s‘ zur Chefeinkäuferin hochgearbeitet.“ McGuire nahm die Zigarre wieder zwischen die Finger, machte jedoch nach wie vor keine Anstalten, sie anzuzünden. „Die Tatsache, dass Cat im Einzelhandel tätig ist, stellt ein Problem dar für die Familie meiner Frau, speziell für meine Schwiegermutter Lucia Merceri.“

Der Colonel deutete auf das Porträt, das Dino sich vorhin angesehen hatte. „Diese Frau ist eine echte Matriarchin, die ihre Familie mit dem Schwung und der Entschlossenheit eines Fünf-Sterne-Generals anführt. Als Cat sie auf Giannas und meiner Hochzeit kennenlernte, verglich sie sie mit der Herzkönigin aus ‚Alice im Wunderland‘.“

Dino fragte sich langsam, worauf das Ganze eigentlich hinauslief.

„Seit wir geheiratet haben, setzt Lucia meine Frau unter Druck, einen geeigneten Mann für Cat zu finden, damit sie einen angemessenen Platz in der New Yorker Gesellschaft einnehmen kann. Lucia glaubt, dass Frauen die Pflicht haben, eine Familie zu gründen, um ihren Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten. Die Geschäfte sollen sie ihrer Meinung nach den Männern überlassen. Unglücklicherweise hat sie auch die Einstellung meiner Frau in dieser Frage beeinflusst.“

„Ich nehme an, Cat sieht das anders.“

„Milde ausgedrückt, aber mit Giannas Einstellung können wir leben.“

„Sie verlangen hoffentlich nicht von mir, dass ich mich in den Streit zwischen Ihrer Frau und Ihrer Tochter einmische …“

McGuire winkte ab. „Nein, denn wie gesagt, damit werden wir ganz gut selbst fertig, obwohl ich mir manchmal vorkomme wie auf einem Minenfeld. Die Probleme meiner Tochter haben mit ihrem Geschäft zu tun.“

Dino hob fragend die Brauen.

„Meine Tochter importiert und verkauft einzigartiges Spielzeug. Nichts von dem findet man in einer der großen Spielzeugketten oder in den teureren Kaufhäusern. Fast alles sind Einzelstücke. Vor ungefähr einem Jahr reiste Cat noch sehr viel und entdeckte eine Stadt in Mexiko namens Paxco, wo die Herstellung von Puppen und Spielzeug hoch angesehen ist. Sie schloss einen Vertrag mit den Herstellern und importierte im letzten Jahr eine ganze Reihe von Produkten aus Paxco.“

Zum ersten Mal, seit Dino das Büro betreten hatte, hörte der Colonel sich besorgt an.

„Und hier taucht das Problem auf, denn irgendwer hat meine kleine Tochter benutzt.“

„Inwiefern?“, fragte Dino.

„Irgendein Dreckskerl schmuggelt in dem Spielzeug Drogen ins Land. Kokain.“

Dino überlegte, wie viel Kokain man wohl in Spielzeug versteckt schmuggeln konnte. „Um allzu große Geschäfte kann es sich dabei nicht handeln.“

McGuires Miene wurde grimmig. „Nein, aber dafür ist es sehr profitabel. Durch meine CIA-Kontakte weiß ich, dass es sich um Kokain von höchster Qualität handelt, mit dem ausgewählte Kunden versorgt werden, die einen hohen Preis für die Qualität des Stoffs und die Diskretion des Händlers zahlen.“

„Verstehe“, sagte Dino. „Auf diese Weise bleibt es den Reichen erspart, sich unters gemeine Volk mischen zu müssen.“

„Exakt, aber die Drogen sind noch nicht das Schlimmste. Die Profite aus diesem kleinen Unternehmen gehen an eine terroristische Gruppe in Lateinamerika, die hier eine Terrorzelle aufbauen will. Das hat sowohl das FBI als auch das Innenministerium auf den Plan gerufen, was bedeutet, dass wir in einem ziemlichen Schlamassel stecken.“

Da konnte er nicht widersprechen. „Weiß Ihre Tochter von dem Schmuggel?“

Der Colonel schüttelte den Kopf. „Ich habe daran gedacht, es ihr zu sagen, aber ich kenne sie zu gut. Sie würde wütend werden, weil jemand ihren Laden auf diese Weise benutzt, und dann könnte ich sie nicht davon abhalten, sich einzumischen. Sie würde auf eigene Faust Nachforschungen anstellen, was sie in noch größere Gefahr brächte.“

„Was hat Ihr CIA-Informant Ihnen noch über die Operation verraten?“

„Jemand in der kleinen Stadt, in der das Spielzeug hergestellt wird, versteckt die Drogen, bevor die Sachen hierher versandt werden.“

Simpel und sicher, dachte Dino, und ein Spielzeugladen war eine gute Tarnung. „Es muss jemanden im Laden geben, der weiß, in welchen Stücken sich die Drogen befinden.“

„Allerdings“, bestätigte McGuire, „und die Polizei hält meine Tochter für die Hauptverdächtige. Die glauben, sie gehöre einem verdammten terroristischen Schmugglerring an.“

„Und? Stimmt das?“, fragte Dino kühl.

McGuires Gesichtsfarbe wurde dunkler, aber das war das einzige Zeichen dafür, dass er um Beherrschung rang. „Nein, es stimmt nicht. Seit sie ein kleines Kind war, träumt sie davon, eines Tages einen Spielzeugladen zu haben – einen Ort, an dem sie Kinderträume in Erfüllung gehen lassen kann. Das war auch der Traum ihrer Mutter. Nancy entwarf sogar selbst einige Puppen. Diese Liebe zu Spielzeug teilten sie, bevor Nancy starb. Nein, Cat hat mit diesen kriminellen Machenschaften nichts zu tun, es muss also jemand anders aus dem Laden sein.“

„Haben Sie eine Idee, um wen es sich handeln könnte?“

„Sie hat zwei Vollzeitangestellte. Die stellvertretende Geschäftsführerin ist Adelaide Creed, eine Buchhalterin im Ruhestand, die für Cat fast wie ein Mutterersatz ist. Außerdem spricht sie oft von ihrem Einkäufer, Matt Winslow, der wie ein Bruder für sie ist. Dann gibt es noch die Teilzeitkraft Josie Sullivan, eine fünfundsechzigjährige Lehrerin in Rente. Jeder von ihnen könnte in der Sache drinstecken. Wer weiß, vielleicht alle zusammen.“

„Ich nehme an, Sie haben bereits Erkundigungen über die Mitarbeiter eingeholt und dabei festgestellt, dass keiner dringend Geld braucht oder plötzlich an größere Summen gelangt ist.“

McGuire bestätigte das. „Ich habe einen Mann damit beauftragt, den Ihr Chef mir empfohlen hat, Jase Campbell. Er hat ihre Finanzen überprüft und nichts Ungewöhnliches festgestellt. Nicht nur das, jeder von ihnen scheint auch ein vorbildlicher Bürger zu sein. Josie wurde vom Bürgermeister für ihren vorbildlichen Unterricht ausgezeichnet, und Matt besucht die Abendschule, um sein Betriebswirtschaftsdiplom zu bekommen. Adelaide Creed arbeitete kurz nach ihrer Pensionierung zunächst für die Kongressabgeordnete Jessica Atwell. Als der Gouverneur Atwell zur Generalstaatsanwältin ernannte, bewarb Adelaide sich im ‚Cheshire Cat‘.“

„Es gibt also keine konkreten Spuren.“

„Nein, und mein Informant sagt, dass die Polizei bald zuschlagen wird. Die ganze Sache droht über Cat hereinzubrechen.“

„Und meine Aufgabe ist es, sie zu beschützen?“, fragte Dino.

„Nicht nur das. Sie werden zum Insider, denn ich will, dass Sie sich in Ruhe umschauen können und herausfinden, wer die Drogen in Empfang nimmt. Möglicherweise entdecken Sie eine Spur zum Drahtzieher dieses Schmuggels. Laut meiner Informationsquelle tappt die Polizei im Dunkeln. Bobby hat gesagt, Sie seien einer der besten Männer, die je unter seinem Kommando gedient haben. Er meint, Sie besitzen einen ganz besonders ausgeprägten sechsten Sinn bei Ermittlungen.“

Dino ging lieber nicht darauf ein und sagte stattdessen: „Wird das plötzliche Auftauchen eines Bodyguards denjenigen, der in die Sache verwickelt ist, nicht misstrauisch machen?“

McGuire schien sich ein wenig zu entspannen. „Nicht, wenn die Coverstory gut genug ist. Und Ihre ist ausgezeichnet.“

Das Funkeln in den Augen des Colonels nährte Dinos Verdacht, dass ihm die Idee nicht gefallen würde.

„Sie sind der Verlobte meiner Tochter.“

2. KAPITEL

Einen Moment lang herrschte Stille, dann fragte Dino: „Wie glaubwürdig ist ein aus heiterem Himmel auftauchender Verlobter?“

McGuire öffnete eine Schreibtischschublade und nahm einen Umschlag heraus. „Hier drin ist Ihre komplette Geschichte mit meiner Tochter, vom ersten Kennenlernen über heimliche Wochenenden hier in Manhattan im Waldorf bis zu dem Abend, an dem Sie ihr auf der Eisbahn am Rockefeller Center einen Heiratsantrag gemacht haben, bei dem meine kleine Tochter dahinschmolz. Sie liebt Eislaufen und hätte eine erfolgreiche Eisläuferin werden können, wenn wir nicht so oft umgezogen wären. Bis jetzt war eure Beziehung geheim, doch Cat hat Sie zu Weihnachten eingeladen, um die Verlobung bekannt zu geben und Sie der Familie vorzustellen. Sie haben zwei Wochen Urlaub vom Pentagon.“

„Wo werde ich wohnen? Ich kann schlecht auf Ihre Tochter aufpassen, wenn ich jeden Abend zurück ins Hotel muss.“

McGuire öffnete den Umschlag und nahm einen Schlüssel heraus. „Vor ein paar Monaten wurde die Wohnung neben der von Cat frei, und die habe ich ihr gekauft, damit sie ihre jetzige Wohnung ausbauen kann. Dort können Sie wohnen. Von beiden Wohnungen gelangt man über einen Innenhof zu dem Gebäude, in dem sich der Laden meiner Tochter befindet. Cats Angestellte werden also den Eindruck haben, dass Sie beide zusammenleben. Sie haben einen Tag Zeit, sich die Geschichte einzuprägen, bevor Sie im Laden auftauchen und meine Tochter überraschen.“

„Wie wird Ihre Tochter darauf reagieren? Wird sie nicht wissen wollen, warum Sie mich als Bodyguard engagiert haben?“, gab Dino zu bedenken.

„Das werde ich ihr nicht erzählen.“

„Warum sollte sie dieses Spiel mit dem falschen Verlobten dann mitspielen?“

„Das werde ich ihr heute Abend bei einem Drink auseinandersetzen.“

„Und Sie meinen, sie wird zustimmen?“, fragte Dino misstrauisch.

„Tja, sie kann sehr stur sein, aber sie möchte auch ihren Daddy zufriedenstellen. Und die falsche Verlobung ist die einzige Chance, meine Frau und meine Tochter vor Lucia Merceri zu beschützen.“

Dino deutete auf das Porträt an der Wand. „Ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Welche Rolle spielt Ihre Schwiegermutter in dieser Sache?“

„Keine, was den Drogenschmuggel angeht, aber die alte Streitaxt ist die entscheidende Figur in dem Verlobungsszenario.“ McGuire lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Ungefähr zur selben Zeit, als ich erfuhr, in welcher Gefahr meine Tochter sich befindet, kam meine Frau in Tränen aufgelöst zu mir. Wie sich herausstellte, hatte ihre Mutter sie das ganze Jahr über immer wieder gefragt, was sie unternahm, damit Cat endlich eine Familie gründet. Meine Frau erfand kurzerhand eine heimliche Beziehung. Sie behauptete, sie sei zufällig dahintergekommen, wolle sich jedoch nicht einmischen, um nichts kaputtzumachen.“

„Interessante Geschichte“, bemerkte Dino.

„Zur Verteidigung meiner Frau muss ich sagen, dass sie sehr mit der Schwangerschaft ihrer Tochter Lucy beschäftigt war und überhaupt keine Zeit hatte, irgendetwas zu unternehmen, damit Cat einen Mann findet. Deshalb erfand sie einfach einen. Lucia war leider fasziniert von der Story. Letzte Woche verkündete sie, dass sie über Weihnachten herkommen wolle, um den Mann kennenzulernen, mit dem Cat zusammen ist. Jetzt ist meine Frau natürlich in Panik, weil sie nicht weiß, was passiert, wenn die Lüge auffliegt. Cat wird verstehen, dass sie hilft, den Familienfrieden zu wahren, wenn sie sich auf dieses Spielchen einlässt. Überdies wird ihre Stiefmutter dann in ihrer Schuld stehen. Sobald Lucia Neujahr wieder abgeflogen ist, hat sich die Sache erledigt.“

„Die Geschichte mit dem falschen Verlobten soll Ihre Schwiegermutter also bis Neujahr täuschen?“

„Sie muss wahrscheinlich noch länger gespielt werden, je nachdem, ob das Problem mit dem Drogenschmuggel bis dahin aufgeklärt ist. Wie das Ende Ihrer Beziehung dargestellt wird, überlasse ich Gianna, weil meine Frau anscheinend eine begnadete Lügnerin ist.“

Dino stand auf und nahm den Umschlag samt Schlüssel entgegen. „Wenn das alles ist, Sir, werde ich mich jetzt in mein Hotelzimmer begeben und die Details durchgehen.“

McGuire stand ebenfalls auf und bot ihm die Hand. „Gut, gut. Sie melden sich dann morgen Vormittag um elf Uhr zum Dienst im Laden meiner Tochter.“

„Jawohl, Sir.“

Als Dinos Hand schon auf dem Türknopf lag, sagte McGuire: „Eines noch.“

Dino drehte sich um.

„Es gehört nicht zum Auftrag, aber es wäre schön, wenn Sie es schafften, dass Cat sich etwas entspannt und ein bisschen Spaß hat. Das Mädchen ist so auf ihren Laden fixiert, dass sie sich keine Zeit mehr für sich selbst gönnt.“

„Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Nachdem Dino Angelis gegangen war, atmete McGuire auf. Das war beinah einfach gewesen. Er nahm sein Handy aus der Jackettasche und wählte eine Nummer im Pentagon.

„Jimmy, du rufst mich an, um mir zu sagen, dass du mir fünfzig Scheine schuldest, nicht wahr?“, fragte Bobby Maxwell.

McGuire grinste. „Noch hast du die Wette nicht gewonnen. Die beiden haben sich noch nicht kennengelernt. Und eins nach dem anderen. Meine Tochter ist in Gefahr, das hat Vorrang.“

„Ein kleines Abenteuer ist genau das, was die beiden brauchen. Das bringt sie einander näher.“

„Möglicherweise entpuppt es sich als gar nicht so kleines Abenteuer.“

„Angelis hat die besten Instinkte, die ich je bei einem Mann, den ich ausgebildet habe, erlebte.“ Bobby klang auf einmal sehr ernst. „Falls tatsächlich irgendetwas Kriminelles im Laden deiner Tochter läuft, wird er es aufdecken.“

„Hoffentlich behältst du recht.“

„Keine Sorge. Ich werde auch damit recht behalten, dass er genau der Richtige für Cat ist.“

„Wir werden sehen“, meinte McGuire, hoffte insgeheim jedoch, dass sein Freund die kleine Wette gewinnen würde. Auch er fand, Dino Angelis könnte perfekt zu Cat passen.

Cass Angelis’ Handy klingelte, als sie gerade das Turmzimmer ihres Hauses verlassen wollte. Nach einem Blick auf das Display meldete sie sich begeistert. „Dino!“

„Du weißt wahrscheinlich längst, dass ich Weihnachten nicht nach Hause kommen kann.“

Das hatte sie in der vergangenen Nacht gespürt. Sie hatte außerdem gespürt, dass da noch mehr war, nur waren die Bilder in ihren Kristallkugeln nicht sehr deutlich gewesen – bis auf das einer Frau, groß, mit rötlichen Haaren und faszinierenden grünen Augen. Cass ging zu ihrem Schreibtisch und setzte sich. Der Kunde, der jeden Moment eintreffen würde, musste eben warten. Sie konnte Verkehrsgeräusche am anderen Ende der Leitung hören.

„Ich habe einen Auftrag in Manhattan, den ich nicht ablehnen konnte.“

„Ich verstehe“, sagte sie, auch wenn es ihr einen Stich gab. Es entstand eine Pause, und sie wartete. Im Gegensatz zu ihren anderen „Kindern“ war ihr Sohn Dino stets sehr zurückhaltend gewesen.

Vor zwölf Jahren waren ihr Mann Demetrius und ihre Schwester Penelope bei einem Bootsunglück ums Leben gekommen. Daraufhin waren sie und Dino, ihr Schwager Spiro und seine vier Kinder Nik, Theo, Kit und Philly in das riesige Haus gezogen, das Cass’ Vater gebaut hatte. Von diesem Tag an zog sie ihre Neffen und ihre Nichte auf, als wären es ihre eigenen Kinder, weshalb Dino sie mehr als seine Geschwister betrachtete, nicht wie Cousins und Cousine. Dino war der Einzige von ihnen gewesen, der die Welt sehen wollte, der Einzige, der aus San Francisco weggegangen war.

„Da ist eine Frau“, sagte er schließlich. „Ich spüre, dass das Schicksal sie mir aus einem bestimmten Grund über den Weg geschickt hat. Ich hatte eine Vision von ihr.“

Cass wusste über die Rothaarige Bescheid. „Du wirst es herausfinden.“

Dino lachte, und ihre Stimmung hellte sich auf.

„Das sagst du zu mir, seit ich denken kann.“

„Der Job einer Mutter. Und ich kann mich nicht erinnern, mich jemals geirrt zu haben.“

„Ich komme nach Hause, sobald ich kann. Meine Entlassungspapiere sind in ein paar Wochen da. Das sollte eigentlich dein Weihnachtsgeschenk sein.“

„Na ja.“ Das hatte sie nicht vorausgesehen und nicht einmal zu hoffen gewagt. „Ich habe auch eine Überraschung für dich – wenn du hier bist.“ Sie wollte ihm Mason Leone vorstellen, den Mann, mit dem sie zusammen war, und ihm gestehen, dass sie sich nach all den Jahren noch einmal verliebt hatte.

Der Verkehrslärm im Hintergrund am anderen Ende der Leitung wurde lauter.

„Ich muss Schluss machen. Ich versuche, in Kontakt zu bleiben. Hab dich lieb.“

„Hab dich auch lieb“, sagte Cass, aber Dino hatte schon aufgelegt.

Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet ihr, dass ihr noch ein paar Minuten blieben, bis sie nach unten in ihr offizielles Büro gehen musste. Sie ging rasch zum Schreibtisch und nahm die Kristallkugeln heraus. Normalerweise konnte sie um Mitternacht die Dinge am klarsten sehen, doch hatte sie einfach keine Geduld.

Sie setzte sich und konzentrierte sich, dann wartete sie. Eine nach der anderen fingen die Kugeln in ihren Händen an zu glühen, während sich in ihrem Innern Nebelschwaden bildeten. In der einen Kugel sah sie plötzlich Dino in seiner Uniform, wie er mit der rothaarigen Frau tanzte, die sie schon gesehen hatte. Um sie herum waren funkelnde Lichter.

In der nächsten Kugel entdeckte Cass eine Puppe mit einem Porzellangesicht und einem Kleid aus roter Seide. Es war das Bild in der dritten Kugel, das sie erschreckte, denn sie sah die rothaarige Frau, nur diesmal ohne Dino. Sie befand sich an einem dunklen Ort, und der Lauf einer Pistole war auf sie gerichtet. Als Cass den Schuss hörte, hätte sie beinah die Kristallkugeln fallen gelassen.

Trotz des wartenden Kunden unten, blieb sie noch eine Weile sitzen, von Angst und Freude gleichzeitig erfüllt. Dino und die Frau würden einer ernsten Gefahr ausgesetzt sein, aber Dino hatte recht. Das Schicksal bot ihm etwas an, und wenn er es akzeptierte, würde er seine wahre Liebe finden.

Cat ging die Wendeltreppe in der Mitte ihres Ladens hinunter und begrüßte Mrs. Lassiter und Mrs. Palmer, zwei ihrer treuesten Kundinnen.

„Ich wollte meine Puppe abholen“, verkündete Mrs. Lassiter. „Es ist eine von denen, die Sie aus diesem Ort in Mexiko beziehen.“

„Ja, aus Paxco. Es tut mir leid, aber die sind noch nicht eingetroffen. Ich erwarte sie …“

„Sie haben gesagt, die wären heute da. Was gibt es für ein Problem?“

Cat lächelte nervös. „Es gibt keins.“

„Wann kommen sie an?“

Cat wünschte, sie wüsste es. „Ich hoffe, morgen, spätestens Donnerstag.“

Die Klingel über der Tür läutete erneut, und ein untersetzter weißhaariger Mann betrat den Laden und schaute sich um. Cat war sich sicher, ihn noch nie gesehen zu haben, und doch kam er ihr irgendwie vertraut vor. Er ging zu Adelaide, indem er sich unhöflich in die Schlange vor dem Verkaufstresen drängelte. Jemand protestierte, und für einen Moment verschwand Adelaides ansonsten immer freundliches Lächeln. Sie ließ sogar den Spielzeugsoldaten fallen, dessen Preis sie gerade in die Kasse tippen wollte. Dann sagte sie etwas zu dem Mann und zeigte zu ihr herüber.

„Aber Sie wissen es nicht genau?“

Cat richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Mrs. Lassiter. „Ich bin sicher, dass die Puppen innerhalb der nächsten zwei Tage kommen.“

„Im Prinzip bedeutet es, dass Sie keine Ahnung haben, ob die Puppe, die ich bestellt habe, Heiligabend da ist, oder?“ Diesmal war es der weißhaarige Mann, der sich zu Wort meldete. Im Laden befanden sich viele Kunden, Einheimische und Touristen.

„Sie haben gesagt, die Puppen kämen spätestens heute“, pflichtete Mrs. Lassiter ihm bei. „Haben die USA kein Freihandelsabkommen mit Mexiko? Würde es helfen, wenn ich mich an unseren Kongressabgeordneten wende?“

Cat wandte sich lächelnd an die kleine Gruppe, die sich inzwischen vor ihr versammelt hatte, und sprach mit ruhiger Stimme. „Ich glaube nicht, dass schon Grund zur Sorge besteht. Ich habe erst gestern Nachmittag erfahren, dass sich die Lieferung ungefähr um einen Tag verzögert – möglicherweise. Die Puppen können aber ebenso gut bereits unterwegs sein. Jede Puppe wird handgefertigt, und einige waren einfach noch nicht fertig. Ich habe darum gebeten, die fertigen umgehend zu verschicken.“ Sie verschwieg, dass Juan Rivero, der ihr die schlechte Nachricht telefonisch überbracht hatte, ihr geantwortet hatte, sie bräuchten höchstens noch einen zusätzlichen Tag. Dann hatte er einfach aufgelegt.

„Mein Einkäufer, Matt Winslow, ist gestern nach Paxco geflogen, und ich hoffe, bald etwas von ihm zu hören.“ Genau genommen hätte er sich längst melden müssen, aber er ging nicht mal an sein Handy. Cat verdrängte ihre Besorgnis und erklärte ihren unglücklichen Kunden: „Notfalls werden die Puppen, die erst heute fertig geworden sind, per Eilfracht geschickt, und die restlichen, die die Lieferung verzögern, bringt Matt persönlich mit.“

„Bestimmt?“, fragte Mrs. Palmer besorgt.

„Meine Enkelin Giselle wünscht sich diese Puppe unbedingt. Ich habe ihr das Prospekt gezeigt, und sie will keine andere“, sagte Mrs. Lassiter. „Ich möchte sie auf keinen Fall enttäuschen.“

„Die Puppen werden rechtzeitig da sein“, versicherte sie der Gruppe und warf dem weißhaarigen Mann, der mit Adelaide gesprochen hatte, einen Blick zu. Er kam ihr nach wie vor bekannt vor, nur war sie sich gleichzeitig sicher, ihn im Laden nie zuvor gesehen zu haben.

„Sie können den Weg der Bestellung anhand der Tracking Number verfolgen, oder?“, wollte er wissen.

„Selbstverständlich“, bestätigte Cat mit einem freundlichen Lächeln. „Sobald ich die Nummer habe.“ Die sollte Matt ihr telefonisch durchgeben. „Ich habe von Ihnen allen die Telefonnummer und werde Sie anrufen, sobald ich etwas Neues von meinem Mitarbeiter erfahre. Sie hören also spätestens morgen früh von mir.“

Damit gab sich die kleine Gruppe, die sie regelrecht bedrängt hatte, zufrieden und zog ab, abgesehen von dem weißhaarigen Mann. Er trat zu ihr und reichte ihr eine Karte. „Ich wäre Ihnen auch dankbar für einen Anruf, sobald Sie die Tracking Number wissen.“

Cat las die vornehme Adresse an der East 70th und den Namen. George Miller. Der sagte ihr nichts. Sie richtete den Blick wieder auf den Mann vor ihr. „Sind wir uns schon einmal begegnet, Mr. Miller? Sie kommen mir bekannt vor, aber ich habe keine Ahnung, warum.“

Sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Nein, ich würde mich daran erinnern, wenn wir uns schon einmal begegnet wären, Miss McGuire.“ Damit wandte er sich zum Gehen.

Cat steckte seine Karte in die Tasche und fragte sich erneut, woher sie diesen Mann kannte. Es fiel ihr nicht ein.

Gegen acht konnte sie endlich den Laden zumachen. Cat hatte Kopfweh, und ihre schmerzenden Füße brachten sie fast um. Obwohl „The Cheshire Cat“ offiziell schon um sieben schloss, waren noch so viele Kunden da gewesen. Adelaide und Josie hatte sie allerdings pünktlich nach Hause geschickt. Donnerstag würden sie um sechs schließen, damit sie alle zum Wohltätigkeitsball gehen konnten, den ihre Stiefmutter veranstaltete.

Cat hatte für jeden ihrer Angestellten eine Eintrittskarte gekauft, um ihre Stiefmutter zu besänftigen. Gianna Merceri-McGuire würde nicht gerade entzückt sein, wenn sie ohne Begleitung auftauchte.

In den vergangenen anderthalb Jahren hatte sie mit einem Date nichts am Hut gehabt. Als sie das letzte Mal mit einem Mann ausgegangen war, hatte sie noch bei „Macy’s“ gearbeitet.

In diesem Moment fiel ihr der Fremde ein, den sie an diesem Morgen am Rand einer kleinen Gruppe auf dem Gehsteig gesehen hatte. Er hatte sich im Lauf des Tages immer wieder in ihre Gedanken geschlichen, und daran war vor allem ihre eigenartige Reaktion auf ihn schuld.

Nein, „eigenartig“ war nicht das richtige Wort. Noch nie hatte sie so intensiv auf einen Mann reagiert, nicht einmal auf die, die ihre Liebhaber gewesen waren. Sie erinnerte sich noch sehr genau an den Moment, als ihre Blicke sich trafen, denn es war wie eine intime Liebkosung gewesen. Sie konnte sich weder rühren noch denken, nur noch empfinden – heftiges, ungezügeltes Verlangen. Plötzlich sah sie sich und ihn nackt und eng umschlungen.

Das war absolut lächerlich, schließlich war er ein Fremder. Sie hatte ihn ja kaum richtig gesehen.

Trotzdem hatte sie keine Schwierigkeiten, sich jetzt an ihn zu erinnern. Er war groß und breitschultrig, mit markanten Gesichtszügen, die sie ein bisschen an einen Krieger erinnerten. In der schwarzen Fliegerjacke aus Leder und der Jeans wirkte er hart. Eigentlich nicht ihr Typ, was sie jedoch nicht davon abgehalten hatte, sich erotischen Fantasien von ihm hinzugeben.

Cat verdrängte diese Gedanken. Es musste eine Erklärung für ihre Empfindungen geben, zum Beispiel die, dass sie letzte Nacht schlecht geschlafen hatte. Außerdem war er ein Mann, der aus jeder Gruppe hervorstechen würde. Ihr Körper hatte ihr offenbar etwas signalisieren wollen, nämlich dass gewisse Dinge wegen der vielen Arbeit in ihrem Spielwarenladen zu kurz kamen. Ja, das musste der Grund sein.

Es wäre besser, sie würde sich mal wieder mit einem Mann treffen. Einfach nur unkomplizierten Sex zu haben, hatte etwas für sich. Entschlossen zückte sie ihren Notizblock. Vorsatz Nummer eins fürs neue Jahr: Triff dich mal wieder mit einem Mann, schrieb sie auf.

Das hätte den Vorteil, dass sie im nächsten Jahr dann vielleicht auch einen Begleiter für den Wohltätigkeitsball ihrer Stiefmutter vorweisen könnte. Allerdings wollte Gianna unbedingt, dass sie einen Mann fürs Leben fand, und zwar einen aus den richtigen gesellschaftlichen Kreisen. Daran war sie aber nicht interessiert. Gegen ein Date hin und wieder war jedoch nichts einzuwenden.

Momentan plagten sie ganz andere Sorgen, denn vierundzwanzig Kunden warteten auf ihre Puppen, und wenn Matt Winslow sie aus Paxco nicht auf den Weg brachte, würden eine Menge Leute enttäuscht sein.

Bisher hatte sie Matt weder erreichen können noch hatte er zurückgerufen. Auch Juan Rivero war nicht zu erreichen, der Mann, der sie telefonisch über die mögliche Verspätung der Lieferung informiert hatte.

Cat probierte es noch einmal, indem sie Matts Nummer in ihr Handy tippte. Während sie darauf wartete, dass er sich meldete, ging sie zum Schaufenster und hielt nach dem FedEx-Mann Ausschau. Der einzige Lieferwagen, den sie sah, war der des Getränkelieferanten vor der Bar auf der anderen Straßenseite.

Leise fluchend schloss sie die Augen. Das war die Bar, in der sie sich genau jetzt mit ihrem Vater treffen sollte! Sie hastete zum Tresen, schnappte sich ihre Handtasche und wollte schon das Handy zuklappen, als sie eine leise Stimme hörte.

„Cat?“

Sie lief schnell zur Wendeltreppe in der Mitte ihres Ladens und stieg ein paar Stufen hinauf, da der Empfang für gewöhnlich dort am besten war. „Matt? Bist du das?“

„Schlechte …“

„Was?“ Bitte keine schlechten Nachrichten, flehte sie im Stillen.

„Verbindung … schlecht …“

Das stimmte, denn mal war seine Stimme zu hören, dann wieder nicht, deshalb verkniff sie es sich, ihn zu fragen, warum er nicht schon früher zurückgerufen hatte. Jetzt zählte nur eines. „Sag mir, dass du die Puppen losgeschickt hast.“

„… morgen … Donnerstag …“

Erneutes statisches Rauschen. Was meinte er? Dass die Lieferung morgen losgeschickt oder dass sie morgen eintreffen würde? Donnerstag war erst in zwei Tagen. Cat schluckte ihre Enttäuschung herunter.

„… will bis dahin da sein … um sie zu öffnen. Ich muss …“

„Hast du alle losgeschickt?“

Wieder war nur Rauschen zu hören, dann brach die Verbindung ganz ab. Cat gab seine Nummer ein weiteres Mal ein, aber diesmal meldete sich nur seine Voicemail.

„Melde dich noch mal und gib mir die Tracking Number durch“, sagte sie. Sobald sie konkrete Informationen hatte, würde es ihr besser gehen.

Zunächst aber wartete ihr Vater auf sie, der Unpünktlichkeit nicht leiden konnte. Sie stellte die Alarmanlage scharf, schloss die Tür hinter sich ab und bahnte sich einen Weg durch den Verkehr auf die andere Straßenseite zu „Patty’s Pub“. Hinter einem der Fenster entdeckte sie ihren Vater, der bereits an einem Tisch saß.

Erst jetzt fragte sie sich, was er so Dringendes auf dem Herzen hatte, dass er den ganzen Weg bis an dieses Ende der Stadt auf sich nahm.

3. KAPITEL

James McGuire erhob sich, als seine Tochter durch das volle Restaurant auf ihn zukam. Sie umarmten sich zur Begrüßung, und McGuire betrachtete sie einen Moment.

„Du siehst müde aus, mein Kind. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Du musst öfter aus deinem Laden herauskommen.“

„Du hättest mich drüben besuchen können“, konterte sie.

Er verzog das Gesicht. „Touché. Setz dich. Ich habe dir ein Glas von deinem Lieblingswein bestellt. Pouilly-Fuissé, richtig?“

„Richtig.“

„Colleen empfahl das Mulligan’s Stew, deshalb habe ich mir erlaubt, auch das schon zu bestellen. Ich wette, du hattest heute keine Zeit für eine Mittagspause.“

Cat kniff die Augen zusammen. „Du willst etwas. Warum rückst du nicht einfach damit heraus?“

„Ich bitte dich. Kannst du dir nicht vorstellen, dass dein Vater dich einfach sehen möchte?“

„Eher nicht.“

Er lachte. „Ich konnte dir nie etwas vormachen.“

„Vielleicht, als ich sechs war.“

Er hob sein Glas. „Probier wenigstens den Wein. Der kostet ein Vermögen.“

„Der Single-Malt-Scotch, den du trinkst, nicht?“

Er nahm sein Glas, und sie stießen an. „Auf uns.“

Cat nippte an ihrem Wein. „Du hast dieses Funkeln in den Augen. Falls du den ganzen Weg hierher gemacht hast, um sicherzugehen, dass ich auf Giannas Wohltätigkeitsball erscheine, kannst du beruhigt sein. Ich werde kommen. Ich habe sogar Tickets für Adelaide, Josie und Matt gekauft. Bis dahin ist er hoffentlich wieder aus Mexiko zurück.“

„Mexiko?“ McGuire musste vorsichtig sein, denn offiziell wusste er nicht viel über ihren Spielwarenladen.

„Er hält sich momentan in einer kleinen Stadt namens Paxco auf. Ich habe dir doch davon erzählt, oder?“

„Hilf mir mal auf die Sprünge.“

Sie strahlte tatsächlich Begeisterung aus, wenn sie von ihrem Geschäft erzählte. Vermutlich hing es damit zusammen, dass sie das bei Familienzusammenkünften nie tat, weil Gianna sie lieber nicht im Einzelhandel gesehen hätte. Seine Frau war sogar so weit gegangen, Cat einen Job bei der Merceri Bank anzubieten.

„Matt musste gestern dorthin fliegen, weil eine Puppenlieferung sich verzögert, auf die etliche Kunden bereits sehnsüchtig warten.“

„Die werden schon noch rechtzeitig eintreffen“, beruhigte er sie.

„Ja, das habe ich meinen ungeduldigen Kunden auch gesagt. Ich hoffe, dass die Puppen bis spätestens Donnerstag da sind.“ Sie trank noch einen Schluck Wein. „Trotzdem wäre mir wohler, wenn Matt mich anrufen und mir die Tracking Number durchgeben würde. Dummerweise war die Verbindung vorhin schrecklich.“

Die Verspätung dieser Lieferung gefiel McGuire ganz und gar nicht. Falls etwas passiert war und die Drogen nicht eintrafen oder – noch schlimmer – jemand am anderen Ende zu gierig geworden war, konnte die Sache für Cat noch gefährlicher werden.

Zum Glück würde ab morgen früh Dino Angelis an ihrer Seite sein.

„Was Giannas Ball betrifft …“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich komme“, unterbrach seine Tochter ihn.

„Aber du hast keinen männlichen Begleiter.“

„Woher weißt du das?“

„Ein kluger Soldat gibt nie seine Quellen preis“, erwiderte er. „Ich will bloß, dass du mir und Gianna einen Gefallen tust.“

„Und welchen?“, fragte sie misstrauisch.

„Verlobe dich.“

Cat starrte ihren Vater fassungslos an. „Das soll wohl ein Witz sein.“

„Es ist mein voller Ernst.“

Sie deutete auf seinen Drink. „Wie viele davon hattest du schon?“

„Ist das nicht ein bisschen respektlos deinem Vater gegenüber?“, meinte er tadelnd.

Sie lehnte sich zurück. „Willst du mir nicht endlich verraten, was du im Schilde führst?“

„Na endlich fragst du. Gianna hat sich in Schwierigkeiten gebracht.“ Er berichtete ihr die ganze Geschichte, die er schon Dino Angelis erzählt hatte. Cat hörte staunend zu. Im Gegensatz zum Navy Captain hatte sie Lucia Merceri kennengelernt.

„Die Herzkönigin kommt also morgen und stellt fest, dass ihre Tochter sie angelogen hat?“

„Es sei denn, ich finde eine Lösung des Problems.“

„Welche?“

„Ganz einfach. Ich habe einen Verlobten für dich engagiert.“

„Wie bitte? Woher hast du ihn? Von irgendeinem Begleitservice?“

Colleen erschien an ihrem Tisch und servierte zwei Schalen Mulligan’s Stew. „Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?“

Cat brachte ein angespanntes Lächeln zustande. „Nein danke.“

„Dann wünsche ich guten Appetit“, sagte Colleen und zog sich rasch zurück.

„Du hast die arme Kellnerin verstört.“

Cat beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme. „Komm mir nicht damit. Und jetzt verrate mir endlich, was das alles zu bedeuten hat.“

Er hob kapitulierend die Hände. „Ich versuche nur, den Familienfrieden zu wahren.“

„Gianna müsste doch eigentlich glücklich sein, schließlich erwartet Lucy die kleine Merry.“

„Lucy versucht die Geburt sogar bis nach dem Wohltätigkeitsball hinauszuzögern.“

Das überraschte Cat nicht.

Ihr Vater legte eine Hand auf ihre. „Lucia Merceri wird nur bis Neujahr in der Stadt sein. Sobald die kleine Merry da ist, wird ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen gelten.“

Cat schaffte es, nicht mit zusammengebissenen Zähnen zu sprechen. „Und wie wird Lucia Merceri reagieren, wenn sie herausfindet, dass das Ganze ein Schwindel ist? Dann möchte ich lieber nicht in deiner Haut stecken.“ Sie stutzte. „Na ja, in meiner auch nicht.“

„Keine Sorge.“ Ihr Vater nahm seine Gabel und machte sich über das Stew her. „Das haben wir alles genau geplant. Gianna wird ihrer Mutter eine weitere Geschichte auftischen. In einem Monat wirst du mit Navy Captain Dino Angelis einen Streit haben.“

„In einem Monat? Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich diese Maskerade einen ganzen Monat lang mitspiele.“

Ihr Vater zeigte mit der Gabel auf sie. „Beruhige dich. Du wirst diesen Monat genauso verbringen wie den letzten, als du dich heimlich verlobt hast.“

„Wie meinst du das?“

McGuire zog einen Umschlag aus der Jacketttasche und schob ihn über den Tisch. „Hier drin ist die ganze Geschichte, exakt das, was Gianna ihrer Mutter erzählt hat – von euren ersten romantischen Treffen im Waldorf bis zum Antrag am Rockefeller Center.“

Cat kniff die Augen zusammen. Ihr Vater kannte ihre Schwäche. Sie liebte das Schlittschuhlaufen, nur hatte sie nie Zeit dazu. „Er läuft doch nicht Schlittschuh, oder?“

Ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf dem Gesicht ihres Vaters aus. „Er war Kapitän seines Eishockeyteams auf der Highschool.“

„Und wo hast du diesen Schlittschuh laufenden Navy Captain aufgetrieben?“

„Captain Angelis arbeitet für deinen Patenonkel, Admiral Maxwell. Der Captain hat seine Hintergrundgeschichte schon bekommen.“

„Und er ist einverstanden mit dieser Scharade?“

„Dein Patenonkel hat ihn überzeugt. Captain Angelis hat zwei Wochen Urlaub, die er mit dir verbringen wird, um deine Familie kennenzulernen. Doch wer weiß? Möglicherweise kommt etwas dazwischen, und Bobby befiehlt seine Rückkehr. Wichtig ist, dass wir die Chance nutzen, um Lucia Merceri von der Geschichte zu überzeugen, damit sie anschließend zufrieden nach Rom zurückkehren kann.“

Cat mochte Gianna und konnte deren Wunsch, Lucia zu besänftigen, gut verstehen, denn diese Frau war wirklich Furcht einflößend. Sie trank einen weiteren Schluck Wein und gab auf. „Na schön, ich mache es.“

„Braves Mädchen. Ich wusste, dass du deinem alten Vater den Gefallen tun würdest.“ Er machte sich wieder über sein Stew her. „Iss auf, du wirst ja immer dünner.“

Cat aß eine Karotte, dann sagte sie: „Wann lerne ich Navy Captain Dino Angelis denn kennen?“

„Morgen früh. Er wird um Punkt elf in deinem Laden erscheinen.“

„Es werden jede Menge Kunden da sein. Sollten wir uns nicht zuerst privat treffen?“

„Wann?“

Cat seufzte. Er hatte natürlich recht.

„Außerdem“, fuhr er fort, „werdet ihr noch reichlich Zeit haben, euch zu unterhalten, denn ich habe ihn in der Wohnung direkt neben deiner untergebracht.“

„Er wohnt im selben Haus wie ich? Was ist mit dem Waldorf? Hast du nicht gesagt, wir hätten uns dort immer zum Stelldichein getroffen?“

„Als ihr eure Beziehung noch geheim gehalten habt“, erinnerte er sie. „Dazu gibt es nun keinen Grund mehr. Jetzt besteht eure Aufgabe darin, jeden davon zu überzeugen, dass eure Beziehung echt ist. Durch das Wohnarrangement werden alle glauben, dass ihr zusammenlebt.“ Er räusperte sich. „Ihr zwei müsst Zeit miteinander verbringen, denn Lucia Merceri ist eine schlaue Frau. Sie wird euch getrennt ausfragen, wie ihr euch kennengelernt habt.“

Cat unterdrückte einen Seufzer.

„Die gemeinsam verbrachte Zeit wird euch die Gelegenheit geben, eure Geschichte abzustimmen. Und denk nur an die Vorteile.“

„Es gibt Vorteile?“, fragte sie trocken.

Ihr Vater grinste. „Ja, du bekommst eine zusätzliche Hilfe im Laden.“

Von seinem Posten im Durchgang neben „The Cheshire Cat“ hatte Dino einen guten Blick auf das Fenster in dem Pub, hinter dem Cat McGuire mit ihrem Vater saß. Als er sah, wie die beiden sich unterhielten, wusste er, dass sein Schicksal besiegelt war. Er schob die Hände tiefer in die Taschen seiner Jacke. Der Himmel war klar, die Temperatur lag um den Gefrierpunkt.

Es wäre leichter, Cat McGuire zu beschützen, wenn er offiziell ihr Bodyguard wäre, statt die Rolle des Verlobten spielen zu müssen – zumal es eine Herausforderung darstellen würde, objektiv und sachlich zu bleiben.

Selbst aus der Entfernung von fast fünfzig Metern weckte diese Frau sein Verlangen, und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob er in der Lage sein würde, es unter Kontrolle zu halten. Er begehrte sie mit einer Heftigkeit, aus der er selbst nicht schlau wurde. Niemand hatte je zuvor eine solche Wirkung auf ihn gehabt.

Das andere Problem – als wäre dieses eine noch nicht genug – bestand darin, dass er den Verdacht hatte, James McGuire habe ihm nicht alles erzählt. Sich auf eine Operation einzulassen, ohne sämtliche verfügbaren Informationen erhalten zu haben, konnte verdammt gefährlich werden.

Aus diesem Grund hatte er Kontakt zu seinem Navy-Kameraden Jase Campbell aufgenommen, unmittelbar nach dem Telefonat mit seiner Mutter. Er brauchte nicht nur Unterstützung, sondern auch dessen technische Fähigkeiten.

Die Frage lautete also: Was verschwieg McGuire? Die naheliegende Antwort wäre, dass Cat McGuire tatsächlich bis zum Hals in diesem äußerst profitablen Drogenschmuggel steckte. Vielleicht wusste sie nicht, dass die Gewinne aus diesen Geschäften an eine Terrorgruppe gingen, aber was den Schmuggel betraf, musste sie eindeutig als Hauptverdächtige angesehen werden.

Deshalb war er an diesem Abend auch nicht der Einzige, der sie beobachtete. Er hatte den Mann im Eingang des Ladens neben dem von Cat längst entdeckt, denn er war viel zu schlecht getarnt. Das FBI war nicht gerade für seine Kreativität bekannt. Er hatte sich wenigstens eine Kamera umgehängt, einen Touristenführer in der Hand und eine Tüte mit Souvenirs dabei.

Als eine Gestalt durch den dunklen Durchgang huschte, legte Dino die Hand automatisch auf den Griff seiner Waffe und duckte sich hinter einen der Müllcontainer.

„Ganz ruhig, ich bin’s“, flüsterte jemand.

Dino richtete sich wieder auf und ließ die Waffe los. „Das war ziemlich riskant. Ich hätte dich erschießen können.“

„Quatsch“, erwiderte sein Freund Jase Campbell amüsiert. „Ich hätte dich erledigt, noch bevor du deine Pistole gezogen hättest. Erinnerst du dich noch an die Zeit in Afghanistan?“

„Und ob.“ Dino würde nie vergessen, wie es ihn beinah erwischt hatte. „Du hast mir das Leben gerettet.“

„Ich würde sagen, wir haben uns gegenseitig gerettet. Dein Instinkt und meine Reaktion. Eine unschlagbare Kombination.“

„Das hoffe ich.“ Er schaute zum Fenster des Pubs, hinter dem McGuire und seine Tochter jetzt in sichtlich entspannter Atmosphäre aßen. „Diesmal brauche ich nicht nur deine Reaktionsfähigkeit, sondern auch dein technisches Können. Ich muss wissen, wer Informationen über eine laufende CIA-Ermittlung an Colonel McGuire weitergibt.“

„Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe jemanden in Verdacht. Auf der anderen Straßenseite ist ein netter kleiner Pub. Ich könnte dir bei einem Bier berichten, was ich weiß.“

„Mein Auftrag und ihr Vater sitzen hinter dem Fenster direkt unter dem Guinness-Zeichen.“

Jase sah in die Richtung und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Die sieht klasse aus. Bei der würde ich auch gern den Verlobten spielen.“

„Willst du für jemanden den Bodyguard spielen, der nicht wissen darf, dass du ihr Bodyguard bist?“ Und willst du sie in der Öffentlichkeit küssen und versuchen, einen klaren Kopf zu behalten, fügte Dino im Stillen hinzu.

Jase seufzte. „Tja, solche Traumjobs haben immer einen Haken.“

„Genau da kommst du ins Spiel. Ich brauche deine Hilfe.“ Er berichtete seinem Freund alles, was er über den Fall wusste. „Vor dem Laden neben ihrem steht übrigens ein FBI-Mann.“

„Nicht mehr. Er ist abgezogen, nachdem ich ihn um Feuer gebeten habe.“

Dino grinste. „Der taucht wieder auf.“

„Hoffentlich findet er dann ein besseres Versteck.“

„Wo ist dein Mann postiert?“

„Der befindet sich bereits im Apartmentgebäude. Ich fand, wir beide reichen, um aufzupassen, dass sie heil nach Hause kommt. Glaubst du, die Gefahr ist akut?“

„Im Augenblick glaube ich gar nichts, nicht mal dass sie so unschuldig ist, wie ihr Vater behauptet. Ich gehe auf Nummer sicher. Drogen, Geld und Terroristen – in solche Machenschaften dürften ein paar ziemlich üble Gestalten verwickelt sein.“

Cat und ihr Vater standen auf und zogen ihre Mäntel an.

„Wer ist dein Hauptverdächtiger bei der CIA?“, wollte Dino wissen.

„Das wird dir gefallen. Jack Phillips, Cats Onkel und McGuires Schwager durch seine erste Frau, ist bei der CIA. Er ist nie allzu weit aufgestiegen, weil er als eigensinniger Einzelgänger gilt. Er und McGuire sind nicht gerade die besten Freunde, trotzdem könnte Phillips derjenige sein, der ihn mit Informationen versorgt, um die Sicherheit seiner Nichte zu gewährleisten.“

Als Cat und McGuire am Anfang des Durchgangs erschienen, versteckten Dino und Jase sich hinter dem Müllcontainer.

„Du solltest diese Abkürzung abends nie allein nehmen, meine Kleine“, hörten sie McGuire im Vorbeigehen sagen.

„Daddy, dies ist eine sichere Gegend. Jeder benutzt diesen Durchgang.“

Die Stimmen entfernten sich, und Jase meinte: „Na, da wirst du alle Hände voll zu tun haben.“

In jeder Hinsicht, fügte Dino in Gedanken hinzu. „Gehen wir ein Bier trinken.“

Cat schloss ihre Wohnung auf und schaltete die Tiffanylampe im Wohnzimmer an. Dann warf sie ihre Tasche auf den Couchtisch, vermied es aber, sich aufs Sofa zu setzen, weil die Versuchung zu groß wäre, einfach die Augen zuzumachen.

Stattdessen trat sie ans Fenster und schaute ihrem Vater hinterher, der am Ende des Durchgangs von seinem Chauffeur erwartet wurde. Ihr Blick ging zur Neonreklame des Pubs, und plötzlich war sie hellwach, als sie die beiden Männer durch eines der Fenster an einem Tisch entdeckte. Den einen kannte sie. Sie lief rasch in ihr Schlafzimmer und kehrte mit einem kleinen Fernglas zurück. Ja, er war es – der Mann, der sie an diesem Morgen beobachtet hatte, als sie den Laden aufschloss. Der Mann, der ihr die ganze Zeit im Kopf herumgespukt war und ihr weiche Knie verursacht hatte bei der Vorstellung, wie sie beide sich nackt und eng umschlungen liebten. Sie verspürte ein rätselhaftes Bedürfnis, ihm näherzukommen, aber wie sollte sie das anstellen? Hinüber in Patty’s Pub gehen und über ihn herfallen?

Sie ließ das Fernglas sinken und schloss für einen Moment die Augen. Sie musste sich zusammenreißen. Eine solche Reaktion war völlig untypisch für sie, denn normalerweise war sie eine vernünftige Frau. Also musste sie einen Weg finden, mit ihren sonderbaren Gefühlen umzugehen.

Sie warf das Fernglas auf das Sofa und tadelte sich für ihr Verhalten. Es war albern, wie ein von seinen Hormonen geplagter Teenager einen Mann heimlich zu beobachten. Angewidert von sich selbst, setzte sie sich und schaltete den Fernseher ein, um sich den Wetterbericht anzusehen. Es hieß, ein Sturm ziehe von Nordosten heran. Das könnte die Lieferung ihrer Puppen weiter verzögern.

Andererseits waren sie vielleicht schon unterwegs, sodass sie eintrafen, bevor der Sturm kam. Zumindest hoffte sie das inständig.

Nach der Wetterkarte folgte ein Bericht über Jessica Atwell im Zusammenhang mit ihrer Antidrogenkampagne. In letzter Zeit war die Abgeordnete, für die Adelaide gearbeitet hatte, ständig im Fernsehen präsent. Gerüchten zufolge wollte sie für den Senat kandidieren. Cat hoffte, dass Adelaide sich dann nicht entschied, wieder für ihre frühere Chefin tätig zu werden.

Sie gähnte und schaltete den Fernseher aus. Diesem Problem würde sie sich stellen, wenn es auf sie zukam. Momentan hatte sie genug andere Sorgen. Sie nahm den Umschlag, den sie von ihrem Vater bekommen hatte, aus ihrer Tasche. Nach dem miesen Wetterbericht würde der Lebenslauf ihres vorübergehenden Verlobten sie vielleicht aufheitern.

Oben auf dem Bündel Papiere lag ein Foto von Captain Dino Angelis.

Cat bekam einen trockenen Mund, denn das Bild zeigte niemand anderen als den Mann, den sie am Morgen vor ihrem Laden gesehen hatte und der in diesen Minuten drüben im Pub bei einem Bier saß. Der Mann, von dem sie den ganzen Tag fantasiert hatte.

Ausgerechnet er sollte in ihrem Laden erscheinen und ihren Verlobten spielen? Unmöglich. Ihr Leben war so schon kompliziert und anstrengend genug.

Sie stand auf und ging zur Tür, um sich ihre Jacke zu schnappen und Captain Dino Angelis drüben im Pub zur Rede zu stellen. Sie wollte wissen, was er in dieser Gegend zu suchen hatte. Spionierte er ihr etwa hinterher?

Wütend nahm sie erneut das Fernglas und marschierte zum Fenster. Der Tisch, an dem er mit einem Freund drüben im Pub gesessen hatte, war leer. Cat war nicht sicher, ob das, was sie empfand, Erleichterung oder Enttäuschung war.

Sie setzte sich wieder auf die Couch und atmete mehrmals tief durch, um ruhig nachdenken zu können. Sie hatte ihrem Vater ihr Wort gegeben, dass sie ihre Rolle als Verlobte spielen würde, und sie stand zu ihrem Wort. Dass sie sich zu diesem Mann hingezogen fühlte, erschwerte die Sache, aber als Geschäftsfrau hatte sie jeden Tag irgendwelche Schwierigkeiten zu meistern.

Entschlossen widmete sie sich den Unterlagen, die sie von ihrem Vater bekommen hatte, um so viel wie möglich über ihren falschen Verlobten zu erfahren.

Dino legte gerade ein Trinkgeld für das Zimmermädchen hin, als sein Handy klingelte.

„Habe ich Sie geweckt?“, fragte Colonel McGuire.

„Ich wollte gerade das Hotel verlassen.“

„Sie sollen erst um elf im Laden erscheinen. Bis dahin sind es noch zwei Stunden.“

Dino verschwieg ihm, dass es ihn, seit er aufgewacht war, drängte, zu Cats Laden zu fahren. Stattdessen sagte er: „Ich muss noch Besorgungen machen.“

„Was denn für Besorgungen?“

„Als ich mich gestern Abend näher mit meinem Auftrag befasste habe, fiel mir ein wichtiges Detail ein, das Sie vergessen haben.“

„Welches?“

„Wenn alle mich und Cat für verlobt halten sollen, muss sie einen Ring tragen. Als ich ihr den Antrag am Rockefeller Center gemacht habe, bekam sie keinen, weil wir die Verlobung ja geheim halten wollten.“

McGuire räusperte sich. „Gut aufgepasst. Natürlich braucht sie einen Ring. Darauf wird meine Schwiegermutter zuerst achten. Bobby hatte recht, Sie zu empfehlen.“

Dino warf sich seinen Kleiderbeutel über die Schulter, nahm seine Reisetasche und trat hinaus auf den Hotelflur. „Haben Sie mich aus einem bestimmten Grund angerufen?“

„Ja, allerdings. Als ich mich gestern Abend mit Cat traf, machte sie sich Sorgen wegen einer Puppenlieferung aus dieser Stadt in Mexiko. Paxco. Es gibt eine Verzögerung. Möglicherweise ist dort irgendetwas schiefgelaufen. Wenn sich die Drogen bei dieser Lieferung befinden, dürfte sie in größerer Gefahr sein, als ich gedacht habe.“

„Je eher ich bei ihr bin, desto besser.“

„Ja, ri…“

Dino legte auf und rief Jase an, um ihn über die verspätete Lieferung zu informieren.

„Soll ich jemanden nach Paxco schicken?“, fragte Jase.

„Nein, wir wollen dort niemanden misstrauisch machen. Wo ist Cat jetzt?“

„Im Laden. Sie war um acht dort und hat vor zehn Minuten eine Frau hereingelassen, auf die die Beschreibung ihrer stellvertretenden Geschäftsführerin passt.“

Dino schaute auf seine Uhr. „Ich soll um elf dort sein, aber ich werde früher auftauchen.“

„Hast du wieder eine von deinen Vorahnungen?“

„Ja.“ Und sie wurde mit jeder Minute stärker.

Als die Klingel über der Ladentür läutete, drehte Cat sich um und hätte beinah das Stofftier fallen lassen, das sie gerade aus einem Regal genommen hatte.

Er war es nicht, und sie war enttäuscht.

„Bleib ruhig“, murmelte Adelaide und nahm Cat den Drachen ab, um den Betrag in die Kasse zu tippen. „Der FedEx-Mann kommt immer erst um die Mittagszeit.“

Cat hatte ihr von dem abgehackten Telefonat mit Matt berichtet und von ihrer Hoffnung, dass die Puppen vielleicht schon an diesem Tag eintreffen würden.

„Wegen des aufziehenden Sturms wird sich alles ein bisschen verzögern, also bleib ruhig.“

Wie sollte sie bei dieser Aussicht ruhig bleiben? Außerdem war sie nicht nur wegen der ausstehenden Lieferung nervös, sondern auch wegen Captain Dino Angelis. Der sollte zwar erst in anderthalb Stunden kommen, doch hatte sie jetzt schon Herzklopfen.

Nimm dich zusammen, ermahnte sie sich, denn der Laden war bereits voller Kunden. Josie war damit beschäftigt, Spielzeug als Geschenk zu verpacken, während Adelaide an der Kasse stand, sodass Cat sich um die Beratung der Kunden kümmern konnte.

Ihr Handy klingelte, und sie eilte rasch die Wendeltreppe hinauf, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Cat?“

Erleichterung breitete sich in ihr aus, als sie Matts Stimme hörte. „Wo steckst du?“

„Ich hänge seit zwei Uhr morgens in Chicago fest. Der Flughafen wurde wegen des verdammten Sturms geschlossen. Mein Flug geht hoffentlich in ein paar Minuten, also müsste ich in Manhattan sein, bevor der Sturm die Stadt erreicht. Laut Wettervorhersage soll es ziemlich heftig werden.“

Cat schaute aus dem Fenster. „Hier schneit es schon. Was ist mit den Puppen?“

„Sind sie noch nicht eingetroffen?“

„Nein.“

„Werden sie aber. Ich habe das Paket auf meinem Palm Pilot verfolgt, daher weiß ich, dass sie heute Morgen sicher auf dem JFK-Airport gelandet sind.“

Vor Freude musste Cat sich auf eine der Treppenstufen setzen. „Bist du dir sicher?“

„Schnapp dir einen Stift, dann gebe ich dir die Tracking Number.“

Sie nahm ihren Notizblock aus der Tasche. „Schieß los.“

Nachdem sie die Nummer notiert hatte, fuhr Matt fort: „Ich wollte da sein, wenn die Lieferung eintrifft. Das Design deiner Mutter wurde diesmal originalgetreu umgesetzt, und die Verarbeitung ist kunstvoll. Tu mir bitte den Gefallen und öffne die Kiste erst, wenn ich da bin. Es gibt da etwas, das ich dir erklären muss. Versprichst du mir, zu warten?“

Cat war skeptisch. „Ich …“

„Ich muss Schluss machen, mein Flug wird aufgerufen. Falls es keine weiteren Verzögerungen gibt, müsste ich mittags im Laden sein.“

Matt unterbrach die Verbindung, und Cat betrachtete nachdenklich das Handy. Sie glaubte nicht, dass sie auf Matt warten konnte. Sobald die Puppen da waren, würde sie die Kiste öffnen und ihre Kunden anrufen.

Die Glocke über der Eingangstür läutete, und Mrs. Lassiter kam mit grimmiger Miene herein. Cat ging ihr mit einem freundlichen Lächeln entgegen.

„Sind sie da?“

„Nicht im Laden, aber sie sind heute Morgen am JFK-Flughafen angekommen, und ich habe die Tracking Number. Unser FedEx-Mann kommt meistens erst gegen Mittag.“ Cat warf einen Blick aus dem Fenster. „Wenn das Wetter es zulässt.“

Mrs. Lassiters Miene hellte sich auf. „Könnte ich die Nummer bekommen?“

„Selbstverständlich.“ Cat zückte ihr Notizbuch und las die Nummer vor. Nachdem Mrs. Lassiter gegangen war, fiel ihr ein, dass sie den weißhaarigen Mann anrufen sollte, der ein wenig Ähnlichkeit mit Santa Claus hatte. Sie fand seine Telefonnummer auf der Visitenkarte, die er ihr gegeben hatte, und ging hinter den Verkaufstresen, um sie zu wählen.

Beim zweiten Klingeln nahm jemand ab. „Ja?“

Wegen des Geräuschpegels im Laden, war Cat nicht sicher, ob sie die Stimme wiedererkannte. „Hier spricht Cat McGuire von ‚The Cheshire Cat‘. Bin ich mit Mr. George Miller verbunden?“

„Sind die Puppen da?“, fragte der andere brüsk.

„Noch nicht, aber sie sind auf dem JFK-Airport gelandet, und ich habe eine Nummer für Sie, anhand der Sie den Status der Sendung verfolgen können.“ Cat diktierte sie ihm.

Anschließend war die Leitung tot, ohne dass sie vorher ein Dankeschön bekommen hätte. Sie kam immer noch nicht darauf, an wen Mr. Miller sie erinnerte, aber jetzt wusste sie wenigstens mit Sicherheit, dass er unhöflich war.

„Gibt es ein Problem?“, erkundigte Adelaide sich.

„Ich habe Mr. Miller gerade die Tracking Number durchgegeben – du weißt schon, der Mann, der sich gestern in der Schlange am Tresen vorgedrängelt hat. Er ist immer noch unhöflich. Bist du dir nach wie vor sicher, dass du ihn noch nie im Laden gesehen hast?“

„An so jemanden könnte ich mich erinnern.“

„Na ja, im Computer steht, dass er für eine Puppe bezahlt hat.“ Cat zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hat Matt die Bestellung entgegengenommen. Ich verschwinde für ein paar Minuten in meinem Büro. Vielleicht möchten noch andere Kunden erfahren, dass die Puppen zumindest schon in der Stadt sind.“

Sie hatte die ersten Treppenstufen erklommen, als die Glocke über der Tür erneut klingelte. Noch ehe sie sich umgedreht hatte, konnte sie seine Anwesenheit spüren, und tatsächlich, Navy Captain Dino Angelis betrat ihren Laden.

Unter seiner Fliegerjacke trug er eine Uniform, und obwohl er sich einen Kleiderbeutel und eine Reisetasche über die Schulter geworfen hatte, hielt er noch zwei Einkaufstüten in den Armen.

Da ist er, dachte sie benommen und verspürte den seltsamen Wunsch, sich ihm in die Arme zu werfen. Als er bei ihr war, ließ er seine Sachen fallen. Aus der Nähe wirkten seine Züge noch markanter, und an seinem linken Wangenknochen entdeckte sie eine kleine Narbe. Die Narbe eines Kriegers.

Doch es waren seine Augen, die sie fesselten, denn sie waren vom dunkelsten Grau, das sie je gesehen hatte, wie dunkler Rauch, und sein Blick war von einer Intensität, dass sie fast glaubte, er könnte ihre Gedanken lesen.

„Du hast mir gefehlt.“

Sie war nicht sicher, ob er die Worte laut gesagt oder sie sie von seinen Lippen abgelesen hatte. Vielleicht war sie auch diejenige gewesen, die sie ausgesprochen hatte, aber wie konnte sie einen Mann vermisst haben, den sie gar nicht kannte?

Er umfasste ihre Oberarme und küsste sie sacht auf die Lippen. Sofort atmete sie seinen würzigen Duft ein, der sie schwach an den Geruch des Meeres erinnerte. Später, viel später würde sie sich fragen, was sie sich dabei gedacht hatte. Sie stand mitten in ihrem Laden, umgeben von Kunden, aber sie konnte nicht mehr klar denken angesichts der erwachenden Begierde, deshalb schlang sie ihm die Arme um den Nacken und erwiderte den Kuss voller Leidenschaft.

Sein Griff wurde fester, er seufzte, und ein unglaubliches Glücksgefühl durchströmte Cat. Plötzlich gab es für sie nichts mehr, nur noch ihn.

Das Klingeln der Türglocke brachte Dino wieder zur Vernunft. Widerstrebend löste er sich von Cat. Verblüfft betrachtete er sie, und dann spürte er so etwas wie Furcht.

Sie zu küssen war eines von mehreren Szenarien gewesen, die er sich überlegt hatte, um die erste Verlegenheit zu überspielen und die Leute im Laden davon zu überzeugen, dass an der heimlichen Verlobung etwas dran war. Doch kaum hatte er sie gesehen, war ihm gar nichts anderes mehr übrig geblieben, als sie zu küssen. Zu stark war die plötzliche Anziehung gewesen.

Nie zuvor hatte er eine Frau derartig begehrt. Dennoch musste er sich zusammenreißen, und deshalb wandte er sich strahlend an die umstehenden Menschen im Laden.

„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich bin Cats Verlobter und habe sie schrecklich vermisst.“

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