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Ich flieg auf dich / Lasso, Lust und Leidenschaft / Meister der Verführung

Kathleen O’Reilly

Ich flieg auf dich

1. KAPITEL

Ashley Larsen zwängte sich an der dreiköpfigen Familie vorbei und entschuldigte sich, doch – es ist wie es ist – in einem Flugzeug gibt es einfach keine elegante Methode, zu seinem Platz zu kommen – besonders wenn der Junior besagter Familie einem dabei in den Po pikst und wie besessen lacht. Seine Mom tat währenddessen so, als sei überhaupt nichts geschehen.

Kleiner Widerling.

Mit einem gezwungenem Lächeln stieg Ashley über den Teufelsbraten und ließ sich erleichtert seufzend auf ihren Sitz fallen. Sie hasste die fünfsitzigen Sitzreihen in der Flugzeugmitte. Welcher Designer hatte das bloß für eine gute Idee gehalten? Heute war der direkte Weg zu ihrem Sitz auch noch durch eine reizende alte Lady blockiert, die versucht hatte, ihre wertvolle alte Lampe in das Gepäckfach zu stopfen.

Sehr geduldig hatte der Steward der Dame versichert, dass das Bodenpersonal mit so zerbrechlichem Gepäck sehr vorsichtig umgeht, doch das hatte sie ihm keine Sekunde lang abgekauft, und Ashley wünschte ihr von Herzen alles Glück der Welt. Das alles lag jetzt hinter ihr, und so konnte sie sich auf die wirkliche Herausforderung vorbereiten. Den Start.

Nachdem sie zweimal langsam bis hundert gezählt hatte, holte sie die Plastiktüte aus ihrem Handgepäck unter dem Vordersitz, streifte ihre Schuhe ab, und zog ihre Häschen-Slipper an. Wenn sie schon in luftiger Höhe ums Leben kam, dann nur in ihren Häschen-Slippern.

Ashley hasste das Fliegen. Ihre Schwester Valerie sagte immer, das sei wie in dem Buch von Erica Jong, doch Ashley hatte keine Angst vor Sex, sondern nur vor der Tatsache, sich mit Überschallgeschwindigkeit in großer Höhe über dem Erdboden zu bewegen. Physik war nie ihr Lieblingsfach gewesen, und sie zweifelte generell am Konzept des Fliegens in Maschinen.

Andererseits konnte sie es nicht ausstehen, wenn ihr Leben von ihren Ängsten bestimmt wurde, also hatte sie sich zur Bekämpfung ihrer Furcht ihr ganz persönliches Flugritual zugelegt. Jeden Monat, wenn sie vom O’Hare Airport zu einer ihrer Geschäftsreisen startete, folgte sie peinlich genau demselben Ablauf, um nicht in Panik zu geraten. Hauptsache war schließlich, dass es half.

Kurz darauf saßen alle Passagiere. Die wertvoll aussehende alte Lampe war unter einem Sitz verstaut, und der Steward gab die übliche Meldung durch, dass das Flugzeug in zehn Minuten starten würde.

Gerade als Ashley sich innerlich dafür wappnete, kam noch ein weiterer Passagier den Gang entlang, um den letzten freien Platz im Flugzeug zu besetzen.

Es war der Sitz zwischen Ashley und dem amerikanischen Ehepaar, das verzweifelt versuchte, sein Kind bei Laune zu halten. Offenbar erinnerten sie sich jetzt wieder an ihre elterliche Verantwortung. Hätten sie nicht schon etwas früher aufpassen können, als ihr kleiner Popikser höchst betriebsam unterwegs gewesen war?

Demonstrativ blickte Ashley aus dem Fenster. Sie war sonst nicht unhöflich, aber das Fliegen brachte ihre schlimmste Seite zutage. Laut Valerie waren diese Flüge gut für sie, denn bei solchen Ängsten sei es am besten, sich ihnen so oft wie möglich zu stellen.

Manchmal war Valerie eine echte Nervensäge, und es würde der Tag kommen, an dem Ashley nicht mehr auf die Ratschläge ihrer Schwester hören würde. Heute jedoch folgte sie ihrem Ritual.

Als ein muskulöser Schenkel ihren streifte, zuckte sie zusammen.

„Entschuldigung.“

Die Stimme klang tief, leicht heiser und hatte einen aufrichtig bedauernden Tonfall.

Also schön, vielleicht gab es außer ihr noch einen zweiten vernünftigen Menschen an Bord. Mit leicht gezwungenem Lächeln wandte Ashley sich zu ihrem Nachbarn um.

Aber hallo, mein Hübscher!, dachte sie angenehm überrascht.

Helle Hose und weißes gebügeltes Hemtd, das hätte an den meisten Männern langweilig und – na ja – billig ausgesehen, in diesem besonderen Fall jedoch wirkte das Gesamtbild wie ein in Zeitungspapier eingewickelter Diamant.

Kleider machen Leute, das galt vielleicht für den Rest der Welt. In diesem Fall war es der Mann, der die Kleidung prägte.

Sie war schon Tausende Meilen geflogen und hatte dabei neben heftig parfümierten Frauen gesessen, neben übergewichtigen Kerlen, aufdringlichen Geschäftsleuten, die fanden, sie würde einsam wirken, und jetzt auch neben einer Bilderbuchfamilie mit höllischem Nachwuchs – aber noch niemals zuvor hatte sie als Sitznachbarn einen Mann gehabt, der mit einem herzlichen Lächeln, verführerischen braunen Augen und einem Prachtkörper wie ein Geschenk aussah, das nur darauf wartete, ausgepackt zu werden.

Ashley schluckte. „Kein Problem“, brachte sie heraus und sah sofort wieder weg.

Komm schon, Ashley, flirte ein bisschen. Lass deinen Charme spielen. Schenk ihm dein Lächeln, so was mögen die Männer.

Das war Valeries Stimme in ihrem Kopf. Zum ersten Mal seit drei Jahren spürte sie tatsächlich körperliche Erregung, und gleichzeitig glaubte sie, die Stimme ihrer jüngeren Schwester zu hören. Nein, Schluss damit. Auf keinen Fall.

„Ich dachte schon, ich schaff’s nicht mehr rechtzeitig.“

Prachtkerl will mit mir reden! Einerseits wollte Ashley auch mit dem Prachtkerl reden. Andererseits wollte sie tiefer in ihren Sitz rutschen, damit ihre Häschen-Slipper unter dem Vordersitz verschwanden. Leider war das kaum möglich, weil sie alle so eng gedrängt saßen. „Aber Sie haben’s doch noch geschafft.“ Dabei lächelte sie selig, bis ihr das klar wurde und sie ihr Lächeln ausknipste.

„Aber nur, weil ich quer durch das Terminal 2 gesprintet bin. Der nächste Flug nach L.A. geht erst morgen früh um sechs, und ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Kennen Sie das Gefühl?“

„Ständig.“

Er lächelte, doch dann runzelte er die Stirn und wandte den Blick aus seinen wunderschönen braunen Augen höflich ab.

Er ist verheiratet, dachte Ashley. Ganz bestimmt. Oder verlobt. Unauffällig, fast unbewusst, blickte sie auf seine Hände. Dabei war sie doch überhaupt nicht auf der Suche. Sie brauchte keinen Mann. Sie spielte nicht mal mit dem Gedanken, sich einen Partner zu suchen, sosehr Valerie sie auch drängte.

Trotzdem setzte ihr Herz einen Schlag lang aus, als sie sah, dass er keinen Ring trug.

Jämmerlich, Ashley. Einfach jämmerlich.

Während sie noch über die menschlichen Bedürfnisse im Allgemeinen und ihre eigenen Bedürfnisse im Speziellen nachdachte, demonstrierte die Stewardess bereits die Benutzung der Schwimmweste. Unwillkürlich sah Ashley sich im Ozean treiben, während ihre Lippen blau anliefen.

„Fliegen Sie das erste Mal?“, erkundigte sich der Prachtkerl, und sein mitfühlendes Lächeln beruhigte Ashley tatsächlich.

„Leider nein, letztes Jahr habe ich die Platin-Card für Vielflieger bekommen. Ich bin nur ein Feigling.“

„Das tut mir leid.“

Seine Augen waren nicht nur braun, sondern auch grünlich. Es war ein sehr warmer Farbton, bei dessen Anblick Ashley entspannter wurde als nach jedem Beruhigungsmittel. Ihr wurde bewusst, wie lange es schon her war, seit sie das letzte Mal Sex gehabt hatte. „Das muss es nicht. Es liegt in der Familie. Die feigen Larsens, das sind wir.“

Wieder lächelte er, und Ashley spürte, wie ihr Herz schneller pochte. Sie löste den Blick von seinen faszinierenden Augen und sah zu Junior, der bestimmt schon seine nächste hinterhältige Aktion plante.

Frag ihn nach seinem Namen.

Nein.

Es ist doch nur eine höfliche Frage. Tu nicht so, als würdest du ihn damit zu einem Quickie auf dem Klo einladen.

Es ist mir egal. Sei still, Valerie.

Ich bin doch nicht mal hier.

Weiß ich. Ich schwöre, sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, gehe ich zur Therapie. Das ist der einzige Weg.

Sei nicht so feige, Ashley.

„Sprich nicht mit mir“, sagte Ashley leise. Bedeutete das Hören der Stimme ihrer Schwester, dass sie allmählich den Verstand verlor? Die Gefahr war bestimmt groß.

„Wie bitte?“

Sie lächelte dem Prachtkerl zu. „Ach, nichts. Ich höre nur Stimmen.“

Fragend, aber sehr charmant hob er die Augenbrauen.

Er hat wirklich ein tolles Lächeln, dachte sie, obwohl er dabei nur den rechten Mundwinkel anhebt. Aber dabei bekommt er ein Grübchen.

„Ist das ein Teil der Flugangst?“

„Nein, das ist meine psychotische Schwester. Haben Sie auch eine psychotische Schwester?“

„Nein.“

„Sie Glücklicher. Ich habe mir immer einen Bruder gewünscht. Ein Bruder wäre cool gewesen. Vorausgesetzt, er hätte mich nicht geärgert.“

„Ärgert Ihre Schwester Sie?“

Sie nickte. „Wie eine Mutter.“

„Das tut mir leid.“

Ein mitfühlender Mann, das war wirklich eine Seltenheit. Jacob war nie so – der konnte sich auch nicht entschuldigen. Kein einziges Mal.

Genau in diesem Moment rammte Junior dem Prachtkerl seinen Trinkhalm in die Hand, und der Mann riss die Hand zur Armlehne, wo er Ashleys Hand packte.

Ashley schrie auf, während Junior hysterisch loslachte und seine Mom höflich wegsah, so als sei alles in bester Ordnung. Anscheinend hatte sie sich mit Beruhigungsmitteln aus dieser Welt gespült.

Prachtkerl nahm seine Hand von ihrer, und Ashleys Blutzirkulation setzte wieder ein. Als er ihr danach in die Augen sah, erkannte sie in seinem Blick echte Angst.

Zeit, dass du den Ernst der Lage erkennst, dachte sie. Vier Stunden eingesperrt neben einem Terrorkid, das jetzt Nudeln mit Soße verlangte, als sei die Flugzeugkost nicht gut genug für seinen erlesenen Geschmack.

„Der ist gerade aus dem Kindergartenknast entflohen“, flüsterte Ashley ihrem Nachbarn vertraulich zu. „Wird in vier Bundesstaaten gesucht. Sein Foto hängt in jedem Verwaltungsgebäude.“

Prachtkerl beugte sich zu ihr, und sie spürte seinen Atem.

Oh, sehnsüchtige Lenden, die ihr euch nach Erfüllung sehnt!

Sei still, Valerie!

„Hat er Sie auch gestochen?“, fragte er.

„Nein. In den Po gepikst. Er hat mich gedemütigt und verletzt zugleich.“

„Tatsächlich?“ Er lächelte. „Ein kriminelles Genie mit unzweifelhaftem Geschmack.“

Er flirtet mit dir, Ashley. Das ist eindeutig ein Flirt.

Halt die Klappe, Valerie!

„Wieso fliegen Sie nach L.A.?“ Ashley ging auf das Flirten ein. „Beruflich? Urlaub? Wegen der guten Luft?“

„Geschäftlich.“ Mit dem Fuß stieß er den Laptop unter dem Vordersitz an. „Ich bin Wirtschaftsanalyst. Und Sie?“

„Ich bin auf Einkaufstour. Kleidung.“

Er blickte an ihr hinab, bemerkte die Häschen-Slipper, und Ashley wurde es gefährlich warm bei der Musterung. „Gehen Sie gern shoppen?“

„Ich habe eine Reihe von Boutiquen.“ Wieso fiel ihr in seiner Nähe bloß das Sprechen so schwer? Sie hatte sich die Boutiquen nach der Scheidung als Geschenk für sich selbst gekauft. Leider war ihr spontaner Plan, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, nicht ganz aufgegangen. Die Boutiquen liefen bei Weitem nicht so gut, wie sie gehofft hatte. Als kleines Mädchen war sie gern einkaufen gegangen und hatte Kleidungsstücke kombiniert, die eigentlich nicht harmonierten, aber dann doch prima zusammenpassten. Allerdings brauchte man für vier Boutiquen mehr als nur ein Gespür für sicheren und originellen Stil.

Bedauerlicherweise reichte ein wacher Blick für Farben und Stilrichtungen nicht aus, um Anzeigen zu entwerfen und die Bücher zu führen. Während der letzten Monate hatte sie jedes Mal, wenn die Gehälter fällig waren, darüber nachgedacht, ob sie die Boutiquen verkaufen sollte. Sie befürchtete, sie nicht mehr lange halten zu können.

Als das Flugzeug sich in Bewegung setzte, verspürte sie sofort die übliche Anspannung im Magen.

„Angst?“

„Es geht schon.“ Sie wusste, dass sie es schaffen konnte. Geschäftsprobleme, private Probleme und Schwierigkeiten im Geschäft konnten sie letztlich nicht davon abhalten, ihren Weg zu gehen. Ashley war eine Überlebenskünstlerin. Immer wenn sie, umgeben von Models in wunderschöner und lässiger Mode, ein Schaufenster neu einrichtete, kehrte ihr Traum zurück.

Sie würde es schaffen. Sie durfte nur die Hoffnung nicht aufgeben. Sie lächelte den Prachtkerl an, und er legte die Hand auf ihre. Eine tröstende Berührung.

Wenn du den Daumen nur ein bisschen drehst … ein kleines Streicheln …

Sei still, Valerie.

Er hatte große, warme Hände mit langen Fingern, bei deren Anblick ihr alle möglichen Dinge durch den Kopf gingen, die er damit anstellen könnte.

„Alles in Ordnung?“

„Bestens.“ Die Motoren röhrten.

Hastig griff sie nach der Tüte. Nur für den Fall, dass ihr übel wurde. Nur für den Fall.

David McLean war nicht begeistert davon gewesen, einen Abstecher nach Chicago zu machen, um seinen Bruder zu treffen. Seinen Ex-Bruder. Chris hatte jeden Anspruch auf Familienzugehörigkeit verspielt, nachdem er mit Davids Frau geschlafen hatte.

Mit dem Bruder die Frau zu teilen, das war überhaupt nicht nach Davids Geschmack. Es war jetzt vier Jahre her, und immer noch kochte er vor Wut, wenn er daran dachte.

Doch mit Häschen-Slippern auf der einen und einem kleinen Irren auf der anderen Seite musste David lächeln. Ja, tatsächlich, dachte er, ich lächle.

Die Frau neben ihm war unendlich nervös. Sie gefiel ihm. Ihr Haar war fast schwarz, sie hatte große braune Augen, und ihre Nase war ein bisschen zu groß, doch gerade das gab ihrem Gesicht Charakter. Dazu hatte sie einen sehr hübschen Mund mit sinnlichen Lippen, die immer leicht geöffnet waren. Wie bei einem Kind, das zum ersten Mal die große weite Welt sieht. Oder bei einer Frau, die kurz vor dem Höhepunkt steht.

Er schluckte, als er spürte, dass er eine Erektion bekam. Sex macht aus Menschen Tiere. So wie bei Chris. Oder Christine.

Als er seine zukünftige Frau seinem Bruder vorgestellt hatte, hatten sie alle drei noch über die Ähnlichkeit der beiden Namen gelacht. Als David die beiden im Bett erwischt hatte, war ihm das Lachen allerdings vergangen.

Flüchtig sah er zu den Häschen-Slippern.

„Ich heiße David.“ Ganz bewusst verdrängte er jeden Gedanken an Chris und Christine.

„Ashley.“

„Kommen Sie aus Chicago?“

„Bin dort geboren, aufgewachsen und werde dort höchstwahrscheinlich auch sterben.“

„Sie mögen Kuscheltiere?“ Sie hatte einen verträumten Blick und gleichzeitig etwas Resignierendes, wie eine Idealistin, die ihre Hoffnungen begraben hat. Solche Menschen mussten sich wohl auf ein trauriges, einsames Ende gefasst machen.

Sie verzog das Gesicht. „Ziemlich albern, stimmt’s? Und Sie? Leben Sie auch in Chicago?“

„In New York.“ Er sah aus dem Fenster. Das Flugzeug fuhr nicht mehr in Richtung Startbahn, sondern kehrte zum Gate zurück.

Ashley bemerkte es auch sofort. „Irgendetwas stimmt nicht, oder?“ Sie drückte auf den Rufknopf, gerade als der Pilot sich über Lautsprecher mit sonorer, beruhigender Stimme meldete. Bei diesem Tonfall wurde sie postwendend noch nervöser.

„Ladys und Gentlemen, wir haben ein kleines technisches Problem. Kein Grund zur Sorge. Ich fahre zurück zum Gate, damit die Mechaniker sich des Problems annehmen. Wir haben noch einen kurzen Aufenthalt, und Sie können die Maschine verlassen, wenn Sie mögen. Vergessen Sie jedoch Ihre Bordcard nicht, die brauchen Sie für den Wiedereinstieg.“

„Wir fliegen nicht?“

David hörte die Erleichterung in ihrem Tonfall. „Doch, wir werden fliegen.“ Er wollte sie beruhigen, aber er musste auf jeden Fall nach L. A. Je eher sie aus Chicago wegkamen, desto besser.

„Ich werde meine Slipper nicht ausziehen“, beharrte sie. „Das können sie mir nicht antun.“

„Es ist alles okay. Sicher dauert es nicht lange.“ Normalerweise zeichnete er sich durch brutale Ehrlichkeit aus, doch angesichts Ashleys Blässe schlug er einen moderaten Ton an – und wenn diese Häschen-Slipper sie glücklich machten, wieso sollte sie sie dann ausziehen?

„Was für Probleme können das sein? Ich war mal in einem Flieger aus Miami, da hatten sie Angst, das Fahrwerk könne verklemmt sein, aber es war alles in Ordnung.“

„Wissen Sie, was mir mal passiert ist, als wir nach Houston flogen? Da fing einer der Motoren an zu brennen und …“ Er sah, wie sie die Augen aufriss und noch blasser wurde. Sofort verstummte er. Super, David, dachte er, eine Glanzleistung. „Tut mir leid. Wir konnten damals ganz normal landen. Flugzeuge sind so ausgelegt, dass sie auch mit drei Motoren fliegen können. Falls etwas ausfällt, gibt es Back-up-Systeme an Bord.“ Ihm wurde klar, dass er nicht wirklich hilfreich war, und so beschloss er, den Mund zu halten.

Normalerweise holte er während eines Flugs seinen Laptop hervor und arbeitete, aber heute Nachmittag war er dazu nicht in der Lage. Vor zwei Wochen hatte er seiner Ex-Frau gesagt, er komme zu einem Meeting nach Chicago und könne sie endlich besuchen. Doch sobald er dort angekommen war, hatte er sich von dieser Stadt förmlich erdrückt gefühlt.

Nein, er hätte lieber nicht anrufen sollen. Christine hatte ihm mitgeteilt, dass sie schwanger war. Daraufhin hatte er Freude geheuchelt und letztlich gelogen, indem er gesagt hatte, das Meeting sei abgesagt worden und er würde gar nicht nach Chicago kommen.

David war nicht gerne feige, aber die Vorstellung ihrer Schwangerschaft tat ihm weh. Er wollte Christine nicht zurück, aber er konnte es nicht ertragen, dass sie seinen Bruder ihm vorzog und sich nicht an das Treueversprechen gehalten hatte. Wie konnte ein Mann wie er, der jeden Tag millionenschwere Unternehmen bewertete, sich in seinem Urteil über diese Frau, die er für die Richtige gehalten hatte, so sehr irren?

„Ich kenne ein kleines Restaurant mit Wurstimbiss im Terminal 1“, platzte er heraus, weil er nicht länger hier herumsitzen wollte, um darüber nachzudenken, dass seine Ex-Frau bald seinen Neffen oder seine Nichte zur Welt bringen würde. Eine leckere Bratwurst wäre jetzt sicher nicht schlecht. Dann fiel sein Blick auf Ashleys Füße. „Oh. Na ja, macht nichts.“

„Hinten bei Gate 12, zwischen Flugaufsicht und Sicherheitscheck?“

„Genau. Kennen Sie den Imbiss?“

„Hey, ich esse da jedes Mal.“ Sie lächelte strahlend, und als sie ihm in die Augen sah, war er sofort wieder erregt. „Es gibt nur wenig, was mich dazu bringen kann, meine Slipper abzulegen, aber brennende Flugzeugmotoren und eine Bratwurst gehören definitiv dazu. Gehen wir, bevor der Junior uns mit seinen angelutschten Schokoriegeln bombardiert.“

2. KAPITEL

Sein Name war David McLean. Sein dunkelbraunes Haar war zwar konservativ geschnitten, aber es passte zu ihm. Er sah wie der typische Amerikaner aus, wie ein Mann, dem man zutraute, spielend leicht ein Auto reparieren zu können. Er war kein Modeltyp, doch er hatte etwas an sich, das Ashley faszinierte. Er war interessiert und intelligent, stellte ihr alle möglichen Fragen, aber über sich selbst schien er nicht gerne zu reden.

Den Grund dafür fand sie schnell heraus. Er war geschieden, und als er ihr das mitteilte, kniff er die Lippen zusammen. Also war es keine besonders freundschaftliche Trennung gewesen.

In dem ruhigen kleinen Restaurant war die Bedienung aufmerksam und schnell, und in den weich gepolsterten Sitzgruppen fassten auch Fremde, die zufällig beieinandersaßen, schnell Vertrauen zueinander.

„Leicht ist das niemals, stimmt’s?“, fragte sie und dachte an ihre eigene Scheidung. Zwei Wochen lang hatte es für sie nur ihren verletzten Stolz gegeben, ein paar Wochen hatte es gedauert, um die Finanzen zu klären und auseinanderzusortieren, was wem gehörte. Fünf Monate lang war sie peinlichen Fragen von Freunden ausgesetzt gewesen und daraufhin gut gemeinten Ratschlägen, doch an einem kalten Dezembermorgen war Ashley aufgewacht und hatte plötzlich gewusst, dass sie wieder auf die Beine kommen würde.

Kein wirklich großartiges Gefühl, aber sie hatte gespürt, dass sie es überleben würde. In diesem noch leicht verletzlichen Zustand hatte sie sich von Valerie überreden lassen, ihr Leben radikal zu ändern und ihren Traum zu verwirklichen. Bald darauf war sie Inhaberin einer Kette von vier kleinen Boutiquen.

Ashley hatte ganz neu angefangen.

„Und die Boutiquen laufen nicht so gut?“, erkundigte sich David, als sie ihm erzählt hatte, was sie beruflich machte.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Keine Ahnung. Sie strahlen nicht diese Zuversicht aus, die man bei vielen Kleinunternehmern sieht, deren Geschäfte blendend laufen.“

„Erleben Sie viele Kleinunternehmer?“

„Allerdings. Ich bekomme viel zu sehen.“

„Verstehe.“

„Ein eigenes Geschäft bedeutet viel Arbeit. Ich begutachte das als Außenstehender und bewerte die Unternehmen. Ich sage den Leuten, was sie falsch machen, und berate die Investoren, ob sie einsteigen sollten oder nicht. Mein Job ist vergleichsweise einfach. Erst sehe ich mir das Unternehmen an, dann spreche ich mit Kunden und Lieferanten, tippe ein paar Zahlen in eine Tabelle ein, und dann geht’s schon zum nächsten Unternehmen.“

„Ich war mal Gutachterin bei einer Versicherung.“

Belustigt lächelte er, und Ashley sprach schnell weiter. „Nein, sagen Sie’s nicht, ich weiß. Ich sehe aus wie die typische Schadenssachverständige.“

„Nein, keine Sachverständige. Eher wie die Besitzerin eines Buchladens oder eines Süßwarengeschäfts. Irgendetwas mit persönlichem Kundenkontakt.“

„Das nehme ich mal als Kompliment.“

„So ist es auch gemeint. Sie sind zu nett für die Versicherungsbranche. Und jetzt Mode? Wieso?“

Nett. Er findet dich nett.

Aber er lebt in New York.

Na und? Nutze deine Chance, Ash.

Einen Moment lang sah sie ihm in die Augen, länger als üblich. „Ich möchte etwas beweisen. Die Boutiquen sind für mich wie Pflanzen, die ich wässere und versorge, bis sie zu blühen beginnen.“

David schnippte mit den Fingern. „Floristin! Ich könnte Sie mir gut als Floristin vorstellen.“

Sie lachte laut auf. Wenn dieser Mann jemals ihre Topfpflanzen gesehen hätte, würde er jetzt sicher vor Lachen auf dem Boden liegen. „Nein, tut mir leid, nicht Floristin. Ich wollte etwas machen, worin ich auch begabt bin. Mein Leben war eingefahren, und ich wollte beweisen, dass ich auch etwas vollkommen anderes machen kann.“

„Und Mode ist eine Herausforderung?“

Sie nickte. Die Männer hatten ja keine Ahnung. Zwei Stunden hatte sie gebraucht, um den gelben weiten Rock mit dem hellgrünen Baumwolltop und der Kette aus funkelnden Glasperlen zu kombinieren. Das Outfit war farbenfroh, passte aber ausgezeichnet zu ihrem Haar, und obendrein knitterte es nicht während der Reise.

„Viel Glück.“

„Danke.“

Er lehnte sich zurück und blickte zu den Anzeigetafeln. „Wir sollten lieber zur Maschine und unseren teuflischen Sitznachbarn zurückkehren.“

„Wollen Sie schnell weg aus Chicago?“ Ihr fiel auf, dass er wieder die Zähne aufeinanderbiss und sein Lächeln erstarb.

„Nein. Alles okay.“

Sie konnte sich gut denken, was in ihm vorging. „Sie versuchen noch, es zu verdrängen, aber keine Sorge, das geht vorbei.“

Eindringlich sah er sie aus seinen grünbraunen Augen an. „War das bei Ihrer Scheidung auch so?“

„Ja. Genauso.“ Im Grunde war das eine Lüge. Es war nicht schlimmer geworden, aber auch nicht besser. Ashley steckte immer noch in der Phase, in der sie nicht genau wusste, in welche Richtung ihr Leben nach der Scheidung laufen sollte. Als Single lebte sie einsam, sie wollte auch keine Risiken eingehen.

„Wann hatten Sie denn das letzte Date?“

„Das ist noch nicht lange her.“

„Wie lange?“

Ihr gefiel der durchdringende Blick nicht. Genauso sah ihre Schwester sie immer an, bevor sie ihr einen Vortrag hielt. Nervös rutschte Ashley auf ihrem Sitz herum. „Ich weiß nicht genau.“ Die Scheidung lag drei Jahre und acht Monate zurück. Sie war jetzt 32 und kein College-Kid Anfang zwanzig. Ashley wollte nicht in Bars herumsitzen, und bei einer Partnervermittlung wollte sie sich auch nicht anmelden, weil sie fürchtete, dass niemand sie nehmen würde. Bei den Blind Dates, die sie bisher erlebt hatte, waren ihr nur Loser begegnet. Die Männer hatten keine bösen Absichten, allerdings mangelte es ihnen an einer realistischen Selbsteinschätzung.

„Ist es länger her als ein Jahr?“

„Möglich. Ich war sehr beschäftigt.“

Einen Moment schwieg er, bevor er nickte. „Verstehe. Ich gehöre nicht zu den Männern, die unbedingt eine Ehefrau brauchen. Ich kann kochen, ich wasche meine Sachen selbst, und ich treffe mich regelmäßig mit Kumpeln, um zusammen in einer Bar zu sitzen und ein Spiel anzusehen. Mir gefällt meine Unabhängigkeit.“

Es klang verzweifelt, und Ashley erkannte das Gefühl sofort wieder. „Dann können Sie sich ja glücklich schätzen.“ Sie lächelte, aber ohne Überzeugung.

„Das bin ich auch. Und Sie?“

„Oh, ja.“ Nein, sie beschloss, die Spielchen zu beenden. Vor ihr saß jemand, der in genau derselben Situation steckte wie sie. Wieso sollte sie da nicht ehrlich sein? Sie vermisste es, für zwei zu kochen. Sie wollte sonntags aufwachen, ohne planen zu müssen, wie sie den Tag über die Runden brachte. Sie wollte abends von der Arbeit nach Hause kommen und mit jemandem über ihre Kollegen lachen können. Mit Jacob war sie sieben Jahre verheiratet gewesen. Es war nicht die beste Ehe der Welt gewesen, aber trotzdem … „Manchmal ja, aber manchmal auch nicht. Es gibt da einiges, was ich vermisse, das können Sie sich bestimmt denken.“

„Allerdings. Ja.“

„Nachts ist man einsam.“

„Genau.“

„Also, ich kann Valerie dazu überreden, dass sie mit mir …“ Bei seinem erschrockenen Gesichtsausdruck hätte sie fast aufgelacht. Offenbar dachte er, sie würde über Sex sprechen – und das tat sie nicht – aber jetzt dachte sie doch an Sex und … Nein, denk nicht mal dran, Ash. Hastig fuhr sie fort: „Ich sehe mir gern Horrorfilme an, aber meine Schwester ist ein totaler Feigling. Also gibt es für uns zusammen nur Dramen mit geschichtlichem Hintergrund. Fernsehen macht gemeinsam einfach mehr Spaß als allein.“ Okay, Ashley, du hast die Kurve gekriegt. Und zwar gar nicht schlecht.

David wirkte jedoch immer noch etwas außer sich. „Auf jeden Fall.“ Seine Stimme klang gepresst.

„Mögen Sie Horrorfilme?“ Ja, dachte sie, das fällt jetzt sicher unter Flirten.

„Wir sollten zurück zum Flugzeug gehen.“

Anscheinend hielt er nicht viel vom Flirten. Ashley wusste, dass Männer beim Thema Sex schneller aus der Ruhe kamen als Frauen, aber David hätte sie für gelassener gehalten. Offenbar ein Irrtum. Schnell wechselte sie zu einem belangloseren Thema.

„Zurück zu Junior? Sie sind genauso ein Sadist wie Valerie.“

„Vielleicht schläft er ja.“

David und Ashley hatten Pech. Junior schlief keineswegs, sondern war hellwach und hüpfte schokoladenbeschmiert auf seinem Sitz herum. Wenigstens war er nicht mehr mit weiteren klebrigen, schmierigen oder spitzen Dingen bewaffnet.

David beobachtete, wie Ashley wieder die Schuhe wechselte. Dabei fiel ihm auf, was für hübsche Füße sie hatte. Glatt und wohlgeformt. Sofort bekam er wieder eine Erektion und wandte sich etwas ab.

Wenn ihn jetzt schon der Anblick eines Fußes erregte, stand es wirklich schlimm um ihn.

Es war schon lange her, seit er die Nacht mit einer Frau verbracht hatte. Nach der Scheidung hatte er sich in die Arbeit gestürzt, einerseits, weil es ihm Spaß machte, und andererseits, weil er gut darin war. Und wenn er schon kein Familienleben haben konnte, wollte er wenigstens für einen angenehmen Ruhestand vorsorgen.

Der heutige Tag war für ihn wie eine kalte Dusche gewesen. Sobald er gedanklich mit seiner Familie konfrontiert wurde, kam die Nervosität zurück, und jetzt dazu die körperliche Erregung.

Wenn sie doch bloß nicht von Sex gesprochen hätte! Zugegeben, sie hatte das Wort Sex nicht benutzt, aber sie hatte von „nachts“ gesprochen, und da hatte seine Fantasie sich verselbstständigt. Er hatte sich gefragt, ob ihr Rock so leicht abzustreifen war, wie es aussah. Er stellte sich vor, mit der Hand über ihren glatten, weichen Schenkel zu streichen, sich an sie zu pressen und …

Ganz bewusst vermied er es, zu ihren Beinen zu sehen. Sein Blick glitt höher, zu ihrer Brust. Auch sehr wohlgeformt.

Tief durchatmend wandte er sich zur anderen Seite, und als Junior ihn wissend ansah, erwiderte er den Blick drohend.

Auch in zehntausend Metern Höhe würde es nicht besser werden, also konzentrierte er sich lieber auf andere, weniger erregende Dinge.

Junior bewarf ihn mit einem Legostein.

Zum Beispiel aufs Überleben.

Zwei Stunden später standen sie immer noch am Gate. Entweder sollte ein Ersatzteil geliefert oder eine Ersatzmaschine gestellt werden. Die Piloten waren nicht sicher, was von beidem eher eintreffen würde, doch sie beharrten darauf, dass das Flugzeug noch heute Abend fliegen würde.

Angesichts dieser Situation hatte Ashley ihre Flugangst schon längst vergessen. Ihr war bereits klar, dass sie heute nirgendwohin fliegen würde.

Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihren Schenkel an Davids zu pressen. Er hatte feste muskulöse Beine und, nebenbei bemerkt, ebensolche Arme.

Eine halbe Stunde war es jetzt her, dass er sich die Ärmel hochgekrempelt hatte, und Ashley sah immer noch verstohlen zu seinem Bizeps, der ungewöhnlich ausgeprägt war für einen Mann, der in einer kakifarbenen Hose und einem weißen Hemd herumlief.

Unwillkürlich fragte sie sich, mit welcher Sportart er sich fit hielt. Für einen Gewichtheber war er nicht bullig genug, aber seine Arme waren zu muskulös für einen Schwimmer oder Läufer. Und auf jeden Fall zu kräftig für einen winzigen Platz im Flugzeug.

Immer wieder streifte er Ashley, und obwohl es aus Versehen und ganz beiläufig geschah, empfand sie jeden Kontakt wie einen elektrischen Stromschlag.

David machte es ihr nicht leicht. Die Unterhaltung war vor einer halben Stunde zum Erliegen gekommen, als sie ihn dabei ertappt hatte, dass er ihr auf die Brust sah. In diesem Moment hatten sie sich hastig voneinander abgewandt.

Verdammt.

Sie schlug die Beine übereinander, stellte dann die Füße wieder nebeneinander und hätte David am liebsten gefragt, ob er mit ihr in den Waschraum kam. Sie hatte Zeitschriften durchblättert, doch selbst der Anblick von Models in luxuriöser Designermode hatte sie nicht von der sinnlichen Spannung ablenken können, die in der Luft lag.

Nur Junior schaffte es, sie beide aus ihren erotischen Gedanken zu reißen, indem er mit einem Kugelschreiber auf Davids Hand kritzelte, was David mit höflichem Lachen zuließ. Als Junior den Gang auf und ab rannte, zählte Ashley mit, um nur ja nicht auf Davids Schoß zu starren, wo sie deutlich sehen konnte, welche Gedanken sie in ihm auslöste.

Los doch, Ashley, geh aufs Ganze!

Du hast gut reden. Du bist es nicht, die Sex im Flugzeug haben soll, Valerie.

Andere Leute tun es auch.

Aber nicht ich.

Ashley atmete tief aus, denn im Moment sehnte sie sich tatsächlich nach Sex im Flugzeug.

Nach weiteren dreißig Minuten verteilten die Stewardessen Drinks.

Alkohol! Dadurch würde sich Ashleys Wunsch nach Sex nur noch steigern.

Als die Stewardess zu ihrer Reihe kam, schüttelten David und Ashley den Kopf, doch Juniors Eltern bestellten sich zwei doppelte Wodka Tonics.

Draußen auf dem Flugplatz wurde es allmählich dunkel.

Nur ein winziges Stück, dachte sie, nur ein klein bisschen muss ich die Hand senken, dann berühre ich ihn am Bein. Wenn ich es geschickt mache, sieht es ganz unabsichtlich aus.

Dann verschüttete Junior seinen O-Saft auf die kakifarbene Hose, auf die Ashley ja die ganze Zeit über nicht geblickt hatte, und David zuckte zur Seite.

Innerhalb weniger Sekunden berührten sie sich gleich mehrmals. Seine Hand, ihre Brust, ihre Hand, sein Schenkel.

Auch Ashley schreckte in Richtung Fenster, und David zog sich wieder von ihr zurück.

Juniors Mutter entschuldigte sich, während Ashleys Brustwarzen sich anfühlten, als wäre ihr gleichzeitig eisig kalt und glühend heiß.

Kurz nachdem das Prickeln in ihrer Brust sich wieder gelegt hatte, verkündete der Pilot über Lautsprecher, was mittlerweile alle schon vermuteten.

„Ladys und Gentlemen, wir haben es versucht, aber aufgrund schlechter Witterung in New York konnte das Ersatzflugzeug, auf das wir gehofft haben, nicht kommen, sodass wir heute nicht mehr abfliegen. Falls jemand von Ihnen eine Hotelunterkunft in Flughafennähe benötigt, hilft Ihnen unser Bordpersonal gern weiter.“

Ein Hotel! Ein Hotel bedeutete ein Bett, Privatsphäre und viel mehr Bequemlichkeit als ein Waschraum in einer Boeing. Ein Hotelzimmer, das klang nach Sex.

Die Innenbeleuchtung ging an, und die Leute um Ashley und David herum begannen missmutig und ungehalten, ihr Gepäck zusammenzuräumen.

Ashley dagegen fühlte sich von Sekunde zu Sekunde besser. Sie traute sich zwar nicht, zu David zu sehen, denn nach acht Stunden körperlicher Nähe und hin und wieder einem flüchtigen Körperkontakt mit diesem Mann stand sie kurz davor zu explodieren.

Langsam wandte er sich zu ihr, und sie sah ihm in die Augen. Unwillkürlich leckte sie sich die Lippen und wusste, dass er wusste, was in ihr vorging.

Er beugte sich dicht an ihr Ohr. „Sie sollten wissen, dass ich im Moment ein sehr glücklicher Mann bin.“

Sie spürte die sachte Berührung am Ohr bis in die Zehenspitzen. Oh ja, auch sie war im Moment sehr glücklich. Ganz allmählich fand sie die Sprache wieder und brachte auch ein Lächeln zustande. „Glücklich gefällt mir.“

Ich werde Sex mit David haben! Ich werde ihm dieses Hemd vom Leib reißen, seine nackte muskulöse Brust streicheln und ihm die Shorts abstreifen.

Ganz bestimmt trägt er enge weiße Shorts, und seine Erektion wird nach vorn ragen, und dann, endlich, wird er in mich eindringen, mich ausfüllen …

Sie spürte, wie sich in ihrem Schoß vor Erregung alle Muskeln anspannten. Einmal und noch einmal.

Ashley presste die Lippen aufeinander und riss die Augen auf. David wandte den Blick keine Sekunde von ihr ab. Seine Augen waren fast schwarz.

Sie nickte. „Wir sollten gehen. Sofort.“

Er schnappte sich ihr und sein eigenes Handgepäck, und dann rannten sie fast durch die Flughafenhalle.

Trotz des Tempos schaffte Ashley es, die Häschen-Slipper nicht zu verlieren.

3. KAPITEL

Während David bei einem Zwischenstopp an einem Zeitungsstand Kondome kaufte, holte Ashley ihre Pumps aus dem Handgepäck und tauschte sie gegen die Slipper aus. Die würde sie erst morgen wieder brauchen.

Nach endlosen vier Minuten kehrte David leicht errötet zurück. Es wirkte nicht so, als sei es bei ihm Routine, sich am Flugplatz mit Kondomen einzudecken. „Ich habe nicht immer welche dabei“, entschuldigte er sich.

„Verstehe.“ Am besten, fand sie, sprechen wir gar nicht weiter darüber.

Schweigend ließen sie sich im Shuttle-Bus zum Hotel bringen. Für Ashley verlief die Fahrt durch die Dunkelheit viel zu schnell. David berührte sie nicht, und das war auch nicht nötig. Sie konnte ihn spüren. Sie merkte, dass er sie ansah, und ahnte, was er dachte.

Beim Hotel angenommen, nahm David ihre Tasche. Als dabei sein Arm ihren berührte, zuckte sie zusammen. Es war so wie in den Horrorfilmen, die sie sich so gern ansah. Dort spürte man die Spannung auch ganz intensiv, kurz bevor jemand zerstückelt wurde. Oder, wie jetzt in ihrem Fall, wenn Sex in der Luft lag. Und der Sex wird gut sein, dachte sie. Verdammt gut. Ihr wurde warm zwischen den Schenkeln, und ihr Puls ging schneller.

An der Rezeption übernahm David die Eintragungen und kam dann wieder zu ihr.

„Du siehst erschöpft aus. Möchtest du einen Drink? Wir können uns noch ein bisschen unterhalten“, schlug er vor.

„Ja, ein Drink wäre prima.“ Dabei konnte sie es kaum noch erwarten, endlich mit ihm aufs Zimmer zu kommen.

Rechts von der Rezeption gab es eine Hotelbar mit gedämpftem Licht, bequemen Sesseln und einem riesigen Spiegel an der Wand.

Ashley stützte sich auf den Tresen. „Einen doppelten Tequila“, rief sie dem Barkeeper zu.

„Für mich auch“, rief David hinterher.

Während er auf die Drinks wartete, wählte Ashley zwei Plätze für sie aus, weit entfernt vom Barkeeper, aber nicht weit vom Spiegel entfernt. David stellte die Drinks auf den niedrigen Tisch und setzte sich neben ihr in einen Sessel.

„Was du über mich wissen solltest: Ich habe einen Kurs in rücksichtsvollem Fahren absolviert, habe keine ansteckenden Krankheiten, und üblicherweise reiße ich keine fremden Frauen auf Flughäfen auf.“

Seltsamerweise fühlte sie sich dadurch gleich viel besser. „Ich auch nicht. Also … Männer. Ich reiße nie fremde Männer auf.“ Nach diesem etwas verqueren Geständnis leckte sie das Salz von ihrem Glasrand.

David beobachtete sie dabei, beugte sich dann zu ihr und gab ihr einen Kuss auf den Mundwinkel. „Salz“, sagte er leise.

„Mund“, erwiderte sie unwillkürlich und betrachtete seine Lippen. David hatte einen schönen festen Mund, dem man ansah, wie eigenwillig dieser Mann war und wie genau er wusste, was er tat.

„Zunge.“ Seine Stimme klang fast tonlos.

„Oh Gott.“ Sie kippte sich einen Schluck Tequila in den Mund, wartete einen Moment und schluckte ihn dann hinunter. „Du würdest es mir doch sagen, wenn du findest, dass ich mich wie eine Schlampe benehme, oder?“

Was für eine dumme Frage, Ashley! Das würde er dir niemals sagen. Männer lieben schlampige Frauen. Beim Thema Sex kennen Männer weder Skrupel noch Moral oder Ethik.

„Auf jeden Fall“, log er.

„Okay, das war dumm von mir.“

„Wir können uns auch zwei getrennte Zimmer geben lassen.“ Er spielte den Ehrenmann, der trotzdem Sex will, ziemlich überzeugend.

Willst du das wirklich, Ash? Wenn du es tatsächlich willst, dann tu es.

Sie sah David McLean an, geschieden, rücksichtsvoller Autofahrer mit grünbraunen Augen, aus denen sein Verlangen sprach. Und Ashley traf ihre Entscheidung. Sie brauchte gar nicht lange zu überlegen. Die Entscheidung fiel fast augenblicklich.

„Ich will Sex mit dir. Ich sehne mich nach etwas Neuem und Aufregendem. Wenigstens einmal, bevor ich sterbe, was höchstwahrscheinlich in einem abstürzenden Flugzeug sein wird. Und Sex mit einem Fremden, das ist etwas Aufregendes.“ Als sie es aussprach, sah sie ihr Spiegelbild. Ihre Augen sahen aus wie immer – oder doch nicht? War da nicht so ein ganz besonderes Glitzern und Strahlen? Das konnte aber auch an dem speziellen Licht hier in der Bar liegen.

„Sex mit einem Fremden?“ Sein Mundwinkel hob sich.

Genau das mochte sie an ihm, dieses angedeutete Lächeln. Er wirkte auf sie wie ein Mann, der eigentlich lachen will, aber nicht genau weiß, ob das in der Situation angemessen ist.

„Du weißt schon, die Lady und der Tiger. Das Unbekannte und Verbotene.“

Sie betrachtete David und sich im Spiegel. Die Verführerin und der gehetzte Geschäftsmann.

Küss ihn, Ashley. Gib ihm jetzt gleich einen dicken Schmatzer.

Das war doch mal ein vernünftiger Vorschlag! Ashley verdrängte jeden Zweifel und küsste David. Genau auf den Mundwinkel, den er beim Lächeln immer anhob.

„Salz“, stellte sie leise fest. Und dann strich sie mit den Lippen über seinen Mund.

„Mund“, flüsterte er dicht an ihren Lippen.

Es war fast ein Kuss. Sie berührten die Haut des anderen, schmeckten den Atem.

Doch es war nicht genug.

„Zunge“, sagte sie, und auf einmal war es tatsächlich ein Kuss.

Sie schmeckte seine Lippen und seinen Mund. Oh ja, das war Leidenschaft. David McLean konnte ausgezeichnet küssen. Er war ein ernsthafter Mensch und schien sich vor nichts zu fürchten. Bei ihm fühlte Ashley sich furchtlos und vollkommen aufrichtig.

Sie vergaß den Spiegel, das Hotelzimmer und konzentrierte sich ganz auf Davids Mund. Seine Zunge zu spüren, war für sie das Wichtigste auf der Welt.

Er schmeckte nach Limone, Salz und dem Versprechen auf heißen Sex. Vielleicht war es nur ihr Unterbewusstsein, das in diesem Moment aus ihr sprach, denn ihr Schoß schien zu brennen, so sehr sehnte sie sich nach David.

Ashley rückte näher zu ihm.

Als sie spürte, wie er ihr über die Wange strich, ohne den Kuss zu unterbrechen, hätte sie fast triumphierend gelächelt, doch die Lust, die sie zwischen den Schenkeln spürte, ließ das nicht zu.

Schließlich hob er den Kopf und sah sie aus seinen unwiderstehlichen dunklen Augen an.

Ashley konnte den Blick nur benommen erwidern.

„Getrennte Zimmer?“

Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern, schüttelte sie den Kopf.

Jetzt ist es so weit, Ash. Wir wissen immer noch nicht genau, ob er nicht doch ein Serienkiller ist, stimmt’s? Was, wenn er dich jetzt erwürgt?

David sah sie an, und sein begehrlicher Blick glitt zu ihren Lippen.

Augenblicklich brachte Ashley die kleine Stimme in ihrem Kopf zum Schweigen.

Mit leicht zitternden Fingern schob David die Schlüsselkarte ins Schloss. Er kam sich vor, als stehe er unter Hochdruck.

Langsam, ganz langsam, sagte er sich, als er die Tür öffnete, doch fast im selben Moment vergaß er alle Vorsätze, an die er sich als verantwortungsvoller, vernünftiger Mensch sonst hielt, und packte Ashley, während er die Tür hinter ihnen mit einem Fußtritt ins Schloss fliegen ließ.

Ashley strich ihm durchs Haar, zog ihn enger an sich, und gemeinsam taumelten sie zum Bett.

Nein, das bin nicht ich, sagte er sich. Ich erkenne mich nicht wieder.

Er kam sich selbst fremd vor, als er ihr die Bluse über den Kopf zerrte, den Rock hochhob und wie von Sinnen ihre Lippen küsste.

Was für ein Mund!

Diese Frau küsste genau im selben Stil, in dem sie sich auch kleidete. Nicht perfekt, aber spritzig und originell. Und es machte „Zing“, das spürte er genau. Oh ja, es machte gewaltig „Zing“!

David hörte sie stöhnen. Offenbar spürte sie das Zing so deutlich wie er. Auch er stöhnte jetzt.

Er ließ sich auf sie fallen, ohne jede Eleganz, aber zum Glück schien ihr das nichts auszumachen. Sie schlang die Beine um ihn, drängte ihm die Hüften entgegen, und gleichzeitig glitt sie mit beiden Händen zu seinem Reißverschluss. Ihre Brüste schmiegten sich an ihn, ihre Brustspitzen pressten sich gegen das weiße Top. Sobald ich es geschafft habe, meinen Reißverschluss endlich aufzubekommen, dachte er, schiebe ich ihr den BH zur Seite, und dann …

In diesem Moment fing der Raum an zu beben.

Was war das? David hörte das Dröhnen der Flugzeugmotoren. Richtig, der Flughafen. Sie waren am Flughafen. Immer mit der Ruhe, sagte er sich, ganz ruhig.

Wo war das verdammte Kondom? „Warte.“ Er schrie jetzt fast.

Ich muss mich unbedingt wieder beruhigen, dachte er. Ganz ruhig bleiben.

Im gedämpften Licht der Nachttischlampe blickte Ashley ihm ins Gesicht. Ihre Kleidung war verrutscht und entblößte mehr, als sie verdeckte.

Was für eine wundervolle Haut, dachte er. Wie Perlmutt.

Sie trug einen weißen Baumwollslip unter ihrem sonnengelben weiten Rock. Ahnte sie überhaupt, wie verrückt er nach weißen Slips war? Er fand sie sexy, genau wie alles andere an dieser Frau.

Seine Hände zitterten immer noch, als er ihr den BH zur Seite schob. Wie bei einem Anfänger! Wenn ich so weitermache, dachte er, denkt sie noch, ich habe das seit Monaten nicht mehr gemacht.

Das stimmte zwar, aber diese Tatsache brauchte er ihr gegenüber ja nicht noch herauszukehren.

Die kleine Plastikhülle riss genau an der Stelle, an der sie reißen sollte, und dann …

„Lass mich das machen“, flüsterte sie ihm heiser ins Ohr, wodurch sein Blut schlagartig den Kopf verließ und in seine untere Körperhälfte strömte.

Ihr Blick wirkte ausgesprochen aufmunternd. Erstaunlich, wenn man bedachte dass sie in einer Höhe von zehntausend Fuß als zitterndes Nervenwrack in ihren Häschen-Slippern im Flugzeug saß – aber hier und jetzt, halb entblößt, wirkte sie mächtiger und mutiger als jede Kriegerin.

Nein, nein! Jetzt strich sie über seine Erektion und jagte ihm damit einen Lustschauer nach dem anderen durch den Körper.

Konzentrier dich, sagte er sich. Auf ihre Brüste zum Beispiel.

Aber das funktionierte nicht.

Ich werde mich nicht beherrschen können, dachte er. Ich werde kommen, und dann ist alles schon vorüber. Nein, das darf nicht passieren.

Entschieden drückte er sie auf die Kissen, wieder eher grob als gefühlvoll. Und dann …

Dann …

Ja!

Sie war feucht vor Erregung, und er schloss laut aufstöhnend die Augen, als er in sie eindrang.

Als er die Augen wieder öffnete und ihren verlangenden, gefühlvollen Blick bemerkte, musste er schlucken.

Hatte er tatsächlich vergessen gehabt, wie unglaublich Sex sein konnte? Anscheinend. „Oh.“ Mehr brachte er nicht heraus.

Ashley lächelte ihn an.

Es war ein unglaubliches Lächeln. David konnte seinem Schicksal gar nicht genug für den Schaden an dem Flugzeug danken. In diesem Moment war er sogar dankbar für den teuflischen Junior.

Eins mit ihr zu sein ließ jedes Detail, das sie zusammengeführt hatte, wie eine wundersame Fügung erscheinen.

David bewegte die Hüften und drang tiefer in sie ein. Ihr Lächeln wurde noch sinnlicher, und mit jeder Bewegung vergaß er alles um sich herum. Sein Körper wurde nur noch von seinem Verlangen und der Lust gelenkt.

Begehrlich bewegte er sich schneller.

Ihre Pupillen waren geweitet, und ihr Mund … genauso hatte er es sich ausgemalt. Nein, es war viel besser als in seiner Fantasie.

Ashley versuchte zu sprechen, aber sie bekam kein Wort heraus. Hingebungsvoll strich sie mit den Fingern über seinen Rücken und über den Po.

Der leichte Schmerz durch ihre Fingernägel stachelte seine Lust noch mehr an. Ich sollte etwas für sie tun, dachte er. Ich muss mich auf ihre Lust konzentrieren.

Doch sein Körper bewegte sich völlig eigenständig und losgelöst von seinem Verstand. Immer schneller drang er in sie ein, und Ashley schien es zu gefallen.

Sie umfasste seine Schultern und zog ihn noch dichter an sich.

Solch umwerfenden, animalischen Sex hatte David in seinem ganzen Leben noch nicht gehabt.

Wieder startete ein Flugzeug, und das Bett vibrierte. Doch diesmal lag das Beben nicht an dem Flugzeug, sondern an David und Ashley.

Fast eine Stunde später, nachdem die letzten Maschinen schon längst gestartet und gelandet waren, kehrte auch David in die Realität zurück.

Sex mit einem Fremden? Hatte sie es so bezeichnet?

Verdammt, das mussten sie unbedingt wieder tun.

Ashley schob sich an die Bettkante.

Mit einem Mann, den man noch nicht einmal einen Tag kennt, kuschelt man nicht. Eigentlich teilt man mit so einem Mann auch nicht ein Hotelzimmer, aber nach den letzten zwei Stunden wollte sie es mit der Etikette nicht mehr so genau nehmen.

„Alles okay?“ Er rollte sich zu ihr.

Obwohl sie beide noch das eine oder andere Kleidungsstück anhatten, fühlte sie sich nackt und eins mit David. „Alles bestens.“ Das war die Untertreibung des Jahres.

Sie drehte sich zu ihm um und musste lächeln.

Mit seinem zerzausten Haar sah er einfach hinreißend aus. Die braunen Strähnen fielen ihm in die Stirn, und am liebsten hätte sie ihm liebevoll durchs Haar gestrichen. Doch sie hielt sich zurück.

Sie waren Fremde. Mit einem Fremden zu schlafen, war okay, aber ihm das Haar zu ordnen? Auf keinen Fall.

Seufzend ließ er sich auf den Rücken fallen. „Das war der reinste Wahnsinn. Du hattest recht.“ Er räusperte sich. „So was habe ich noch nie gemacht, und es … es war fantastisch.“

„Das war es. Ja.“ Es klang in diesem Moment, als würde sie so etwas regelmäßig machen.

Als er nickte, musste sie lächeln, wodurch sie ihr weltgewandtes Image gleich wieder ruinierte.

„Wieso kann es nicht immer so sein?“ Sie versuchte herauszufinden, wieso sie noch nie solch einen überwältigenden Sex erlebt hatte. Wieso ausgerechnet hier, mit ihm und jetzt? Sie hatte mit keinem Mann mehr geschlafen seit … einem Jahr? Zwei Jahren? Vielleicht lag es an der langen Durststrecke, dass sie den Sex mit einem Mal so erregend fand?

„Es ist nicht immer so, weil nicht jeder Mann so ist wie ich.“

Mit dieser Bemerkung klang er exakt wie jeder andere Mann.

Er fing an zu lachen. „Ganz bestimmt liegt es nicht an der Umgebung.“ Er sah sich in dem Zimmer um. Das typische Hotelzimmer eines Flughafenhotels.

Sie folgte seinem Blick. Er hatte recht. Eine Stehlampe in der Ecke, eine orangefarbene Tagesdecke … das einzig Hübsche im Zimmer waren die Vorhänge mit dezentem Muster.

Sie zog sich die Decke über die Brüste. David McLean neben ihr war es offenbar in keiner Weise peinlich, nackt zu sein. Seine gebräunten Beine hingen halb aus dem Bett. Seine Schenkel waren schlank , und am Ansatz des Pos hatte er eine kleine Vertiefung. Ein wunderbar knackiger Po, dachte sie, fest und glatt, genau wie sein … Nein, Ashley, konzentrier dich auf die Unterhaltung.

Worüber hatten sie gerade gesprochen? Richtig. „Dieses … Bam!“ Ihr fiel kein besserer Ausdruck dafür ein. „Wie kam das? Würde es verschwinden, wenn ich dich erst besser kenne?“ Ihr Blick glitt wieder an seinem Körper hinab. Sich mit einem nackten Mann zu unterhalten, war weitaus schwieriger, als sie gedacht hatte.

„Das Zing? Das ist nie von Dauer. Ich hatte schon tolle erste Dates, und beim dritten Date fragst du dich dann: Wer ist diese Person überhaupt?“

„Haargenau.“ Sie schmiegte sich an diesen sexy Mann mit dem fantastischen Po, weil solche Wunder nur selten passierten. „Dann ist dir alles vertraut, und das letzte Knistern verschwindet.“

„Schade, dass man es nicht vermarkten kann, dieses Bam oder Zing. Die Werbebranche würde vor Glück ausrasten.“

„Von Werbung habe ich keine Ahnung, aber du hast sicher recht.“

„Vielen Dank.“

„Wofür?“ Sie wusste, dass er recht hatte, also fiel es ihr nicht schwer, ihm zuzustimmen.

Mit einem Kopfnicken deutete er zum Bett. „Hierfür. Für die gemeinsame Nacht. Ich fühle mich fantastisch. So lebendig, als könnte ich einen Marathon laufen. Nicht so abgestumpft und tot.“

Sieh nicht hin, Ash.

Nein, nicht hinsehen, auf keinen Fall hinsehen. Nicht. Sie sah hin. Tatsächlich, er war nicht tot. Ganz im Gegenteil. Von Sekunde zu Sekunde wurde er lebendiger.

Er drehte sich zu ihr und sah sie an. „Ich wusste bisher nicht, dass ich ohne Schuldgefühle mit einer Fremden in einem Hotelzimmer Sex haben kann. Dass ich nicht sofort versuchen würde, alles zu analysieren.“

„Ist das sonst deine Art?“

„Die große Gefahr meines Berufs.“ Seufzend sank er zurück in die Kissen. „So schwer kann es doch nicht sein, wieder neu anzufangen. Einfach nur ein Date. Das ist es, wonach ich suche. Eine Frau, mit der ich ausgehen, einen netten Abend verbringen, mich unterhalten und amüsieren kann.“

„Es muss Tausende von Frauen geben, die mit dir ausgehen würden.“

Was stimmt denn nicht mit den Frauen in New York?

An ihm ist jedenfalls nichts Schlimmes. Er ist der perfekte Serienkiller.

Wie du meinst, Val.

„Alle Frauen, die ich treffe, haben Neurosen, oder sie sind habgierig oder erst achtzehn. Aber auch ich habe ein paar Grundsätze.“

„Hast du es mal mit einem Partnerschaftsdienst im Internet versucht? Eine Freundin von mir hat ihren Ehemann online kennengelernt.“

Er wirkte nicht überzeugt. „Ein Online-Dienst? Klingt verzweifelt.“

Für Frauen vielleicht, aber für Männer? „Probier’s mal. Die Frauen werden sich auf dich stürzen.“

Genau wie du, Ash.

„Glaubst du wirklich, dass sich da auch ganz normale Menschen melden?“

„Bei meiner Ehre als Mode-Expertin.“ Bestimmt gab es irgendwo in New York eine hübsche, in Schwarz gekleidete Blondine, die einen Mann zu schätzen wusste, der einfach nett war und gleichzeitig im Bett ein Hochleistungssportler. Eine sehr reizvolle Kombination.

Nach kurzem Nachdenken nickte er. „Also schön, ich versuch’s. Nur als Test, weil du mich dazu ermutigt hast.“

Nachdem dieser Punkt geklärt war, ließ sie den Blick erneut über ihn gleiten und verspürte sofort wieder das Kribbeln.

„Du solltest es auch ausprobieren.“

„Nein, nein, für mich ist das nichts.“

Ashley hatte genug von Komplikationen, Streitereien und Nervenkrieg. Alles, wonach sie sich sehnte, lag hier vor ihr. Ein großer, schlanker Fremder, nackt in ihrem Bett. „Ich will kein Date, sondern eine Affäre. Eine exotische Affäre mit mir als Femme fatale. Klingt das nicht perfekt?“

„Dann solltest du in New York leben.“ Anscheinend konnte er ihre Gedanken lesen. „Wenn du in New York leben würdest, könnte ich diese Affäre mit dir haben.“

„Nein danke, du Yankee. Ich bleibe in Chicago.“

Einen Moment schwiegen sie beide, während sie über ihre Bemerkung nachdachte. Sie waren sich vollkommen fremd und lebten nicht einmal im selben Bundesstaat. Nur noch ein gemeinsamer Flug nach Los Angeles, und dann würde sie ihn nie wiedersehen. Dadurch kam ihr diese gemeinsame Nacht noch geheimnisvoller und aufregender vor. Die Lady und der Tiger. Aber heute Nacht würde sie alles andere als eine Lady sein.

David stützte sich auf einen Ellbogen. „Wie wär’s mit einem Dinner in L.A.?“

„Ein Date mit mir? Was, wenn dadurch das Bam oder Zing verschwindet? Vielleicht können wir das nur in Hotelzimmern außerhalb unseres Alltags erleben.“

Fast bewundernd sah David sie an. „Nur ein Tequila und einmal Sex, und schon fallen dir solche Sachen ein?“

„Nein, ich habe nachgedacht.“

„Du konntest nachdenken?“ Prüfend verengte er die Augen. „Ich konnte nicht nachdenken. Wieso du?“

„Nicht vorhin. Gerade jetzt.“

Mit einer Faust schlug er sich gegen die Brust. „Gut.“ Dann warf er ihr einen skeptischen Blick zu.

„Von mir aus können wir uns in L.A. treffen. In einem Hotelzimmer im Chateau Marmont. Wir sind dann Mr. und Mrs. Jones und überprüfen deine Theorie. Wir könnten unsere Zimmernummern austauschen und dann dreimal an die Tür klopfen und …“

„Oder wir könnten uns einfach in der Lobby treffen.“

Ashley seufzte. „Hast du denn gar keinen Sinn fürs Abenteuer?“

„Fragt mich eine Frau, die Häschen-Slipper trägt?“

Sie reckte ihren nackten Fuß hoch. „Kein Häschenohr in Sicht.“

Er lächelte. „Nackte Haut. Du listige Verführerin.“

„Findest du?“ Wieder hielt sie den Fuß hoch, während er mit einem Bein unter ihre Bettdecke strich. Sie würde diese warme Berührung vermissen, genau wie seine nackten Beine und seinen unvergleichlichen Po.

„Du hast sehr sexy Füße. Das ist mir schon im Flugzeug aufgefallen.“

Er steht auf Füße? Da wärst du ja mit einem Serienkiller besser dran.

„Du findest meine Füße sexy? Wirst du jetzt seltsam und fragst mich, ob du an meinen Zehen lutschen darfst?“

Irgendeinen Makel musste er doch haben.

Entsetzt sah er sie an. „Nein, niemals. Das heißt, ich könnte natürlich am Fußknöchel anfangen, mich langsam nach oben küssen und sehen, wo ich lande.“

Sie sah ihm an, dass ihn die Vorstellung erregte. Ihr Blick glitt zum Beweis seiner Gedanken. „Das klingt … dekadent.“

„Mit einem Bam?“ Fragend hob er eine Augenbraue.

„Auf jeden Fall.“

„Gut. Ich habe mir vorhin wenig Zeit gelassen, um auf dich einzugehen, und das tut mir leid, weil ich meine männliche Pflicht vernachlässigt habe.“

Aufreizend wackelte sie mit den Zehen. „Dann mal los, mein ergebener Lustsklave.“

Sogleich drückte er sie in die Kissen und presste die Lippen auf ihren Fuß.

Zuerst kitzelte es, und sie musste lachen, doch als er eine Spur von Küssen an ihrer Wade hinaufzog, kitzelte es auf eine ganz andere Weise. Sie schien in den Küssen zu versinken.

Als sie an der Innenseite des Schenkels seine Lippen spürte, musste sie überhaupt nicht mehr lachen.

Ihr Atem ging immer schneller, und sie stöhnte auf. Es kam ihr vor, als würde sie an allen erogenen Zonen gleichzeitig gereizt. „Ein Glück, dass du dich bei den Kondomen für die Großpackung entschieden hast.“

„Bam?“, fragte er flüsternd an ihrer Kniekehle und schob den Kopf langsam immer höher.

Ash, du machst es dem Kerl wirklich zu leicht.

Sei still, Val.

4. KAPITEL

Vier Kondome später klingelte das Telefon, doch der Weckruf von der Rezeption war überflüssig. Ashley war so müde wie schon seit Jahren nicht mehr. Zweiunddreißigjährige Frauen sollten schlichtweg nicht stundenlang mit Fremden in Flughafenhotels schlafen. Zumindest nicht jeden Tag.

„Das können wir nicht noch mal tun.“ Sie steckte den Kopf unter das Kissen.

Er lachte nur, erschöpft, aber amüsiert. „Wir sind beide keine achtzehn mehr. Schlaf doch während des Flugs, ich jedenfalls werde das tun.“

Träge hob sie den Kopf. „Wir sollten das nicht noch mal tun.“

Erst jetzt begriff er. „Oh.“ Er wartete auf weitere Erklärungen, doch Ashley musste in ihrer Erschöpfung erst ihre letzten Mutreserven sammeln.

„Diese Nacht war himmlisch. Ich kam mir wie ein völlig anderer Mensch vor. Wie jemand, den ich heimlich beneidet hätte. Aber wenn wir zusammen zum Dinner gehen oder uns im Hotel treffen, fürchte ich, später meine Fantasien in den bedrückenden Kleinigkeiten meines Alltags zu verlieren. Mir wäre es lieber, das Ganze so zu beenden, dass ich es unverfälscht und aufregend in Erinnerung behalte.“

„Eine ziemlich verbitterte Einstellung.“

„Wenn etwas so schön ist, sollte man es nicht ruinieren.“

„Kommst du jemals nach New York?“

Eine ziemlich unfaire Frage, fand sie. Hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie in der Modebranche war? New York war das Zentrum der Branche. Dachte er, sie sei so schlecht in ihrem Job? „Ab und zu. Kommst du jemals nach Chicago?“

„Nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.“

Das klang in ihren Ohren noch viel verbitterter.

Die Fensterscheiben vibrierten bereits von den ersten startenden Maschinen.

„Es hat Spaß gemacht.“ Sie erhob sich aus dem zerwühlten Bett. Auf dem Weg zum Bad spürte sie Muskeln, von deren Existenz sie bis heute nichts gewusst hatte. Eine schöne Femme fatale, dachte sie.

„Ich könnte dir helfen“, stellte er fest, während er ihren Hüftschwung beobachtete.

„In der Dusche?“

Da lag er, nackt auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Hatte sie gerade eben noch gedacht, sie sei todmüde? „Komm schon, mein Yankee, sofort“, befahl sie ihm in einem heiseren Tonfall, der ihr selbst neu war.

Ein zweiter Befehl war nicht nötig.

Während des Flugs, der um sechs Uhr früh nach L.A. startete, sprachen sie kaum miteinander. Das Flugzeug war voll besetzt, doch zum Glück war der teuflische Junior mit seinen Eltern weit und breit nicht in Sicht. Ashleys Sitznachbar war ein dicker Vertreter für Sanitärbedarf aus Portland, der ihr ein Gespräch aufzwingen wollte.

Also zog sie ihre Zeitschriften hervor und tat so, als interessiere sie sich brennend für die künftige Herbstmode, doch immer wieder blickte sie zum Vorderteil des Flugzeugs. Genau genommen zu Platz 16A, wo sie Davids Hinterkopf sah. Das so herrlich zerzauste Haar hatte er sich ordentlich gekämmt.

Zwei Stunden hatte sie gebraucht, bis sie den Mut aufgebracht hatte, ihm durchs Haar zu streichen, und immer noch spürte sie die Strähnen zwischen den Fingern und roch den Duft nach Shampoo und Sex.

Nein, denk nicht dran, Ash. Nicht in einem vollen Flugzeug mit so einem Sitznachbarn.

Ashley wandte den Blick von Platz 16A und konzentrierte sich auf ihre Zeitschriften, doch kurz darauf fielen ihr die Augen zu.

Erst drei Stunden später wachte sie wieder auf. Sie hatte den gesamten Flug verschlafen. Auf ihrem Schoß lag eine Visitenkarte.

David McLean, Brooks Capital, Analyst.

Auf die Rückseite hatte er mit schwarzer Tinte eine Handynummer und ein einziges Wort geschrieben.

Jederzeit.

Gerührt atmete sie tief durch und steckte die Karte sehr behutsam in ihre Brieftasche, gleich hinter ihren Führerschein. Dieses Souvenir würde sie niemals vergessen.

Manche Momente im Leben durfte man nicht versuchen zu wiederholen. Außer im Traum.

In Chicago war es warm, windig und laut.

Mit einem Taxi fuhr Ashley zurück zum Haus der Larsens, in dem es ähnlich warm, weniger windig, aber fast genauso laut zuging.

Die Straße war von Ulmen gesäumt, die Briefkästen waren von Hand beschriftet, und die Fahrräder waren alt und abgenutzt. Es war nicht New York und auch nicht Los Angeles, aber es war ihr Zuhause.

Nach der Scheidung war sie hier mit ihrer Schwester Valerie, ihrer Mutter Joyce und mit Vals Tochter Brianna eingezogen. Drei Generationen von Larsen-Frauen unter einem Dach. Bei den Stimmungsschwankungen, die ihnen allen im Blut lagen, war das ein großes Risiko gewesen. Frank Larsen, der nichtsnutzige Vater von Ashley und Valerie, lebte jetzt in vierter Ehe mit seiner fünfundzwanzigjährigen ehemaligen Sekretärin in Malibu.

Ashley betrat das Haus, schleuderte ihre Reisetasche in Richtung Sofa und ging direkt in die Küche. Val telefonierte gerade, rührte dabei in einem Topf auf dem Herd und sah fern.

Multitasking lag Valerie im Blut.

Sie drückte einen Knopf am Telefon und winkte zur Begrüßung mit dem Kochlöffel. „Wie war die Reise?“

„Sehr produktiv.“ Obwohl Val ihre Schwester war, gab es Seiten ihres Lebens, die sie lieber für sich behielt. Sex mit David McLean im O’Hare-Flughafenhotel gehörte dazu.

„Kannst du auf das Monster aufpassen, während ich zu meinem Treffen gehe?“

„Ist Mom noch nicht von der Arbeit zurück?“

„Nein. Sie machen Inventur.“

„Klar passe ich auf sie auf.“

Val war dreißig, alleinerziehend und besaß eine Vorliebe für alles, was nicht gut für sie war. Der harte Ausdruck in ihrem Gesicht würde sicher niemals wieder verschwinden, da war Ashley sicher.

Daran gab Ashley gern Marcus die Schuld, dem Schlagzeuger, der in Vals Leben gestürmt war, sie geschwängert hatte und sofort wieder verschwunden war. Sie hatten nie wieder von ihm gehört.

Val spürte das schlechte Gewissen ihrer Schwester und blickte sie durchdringend an. „Wieso bist du so nervös?“

„Das bin ich immer, wenn ich geflogen bin. Es macht mich fertig.“ Um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, hob sie ihre zitternde Hand.

„Ash, du bist meine seltsamste Schwester, aber außer dir habe ich keine.“

In diesem Moment stürzte Brianna wie ein kleiner Torpedo auf Ashley zu. Die Achtjährige besaß die typische Larsennase, bei deren Anblick es jedem Schönheitschirurgen in den Fingern juckte, und mehr Energie als Valerie und Ashley zusammen.

Wie eine kleine Diva schüttelte Brianna ihre Mähne. „Ich habe bei South Park ein neues Wort gelernt. Da haben sie gesagt: Kenny ist ein Sausack.“

Flüchtig sah Ashley zu ihrer Schwester und freute sich über Vals belustigten und gleichzeitig nachsichtigen Blick. „Und hat deine Mommy dir auch erklärt, was ein Sausack ist?“

Brianna nickte. „Das ist ein Beutel, aus dem die Schweine mit ihrem Rüssel das Futter fressen.“

Ashley stieß mit ihrer Faust gegen Briannas kleine Hand. „Sehr kreativ. Ausgezeichnet. Du lernst ja unglaublich viele neue Wörter kennen. Deine Lehrerin wird begeistert sein.“

Bei diesem unbekümmerten Dialog verengte Val misstrauisch die Augen, und Ashley erkannte sofort ihren Fehler.

Sie verhielt sich zu entspannt, selbstsicher und gut gelaunt für eine Frau, die Todesangst vor dem Fliegen hatte und deren Geschäfte keinen Gewinn abwarfen. Sofort fror ihr zufriedenes Lächeln ein.

„Bist du sicher, dass alles okay ist?“

Val war direkt und offen, Ashley war diejenige, die sich ständig Sorgen machte. Diese Rollen waren fest verteilt. Auch ihre Mom und Brianna kannten ihre Rollen genau.

„Alles bestens“, wiederholte Ashley und legte ein leichtes Zittern in ihre Stimme. „Geh nur, ich kümmere mich ums Abendessen. Was gibt’s denn heute?“

Beruhigt wandte Val sich wieder dem Topf zu. „Meine Spezialität.“

„Also Nudel-Käse-Auflauf?“ Mit dieser Bemerkung heimste sie sich allerdings einen bösen Blick von Val ein.

„Mit Spinat. Weil wir alle Gemüse so gern mögen.“

Keine Sekunde lang fiel Brianna darauf herein. Sie verdrehte die Augen. „Sausack.“

Val zerzauste ihrer Tochter die Haare. „Kleines Miststück. Hör auf das, was Tante Ashley sagt. Ich bin in ein paar Stunden wieder da. Und Ash, vergiss den Spinat nicht.“

Brianna sträubte sich mit aller Kraft, aber letztlich gelang es Ashley, ihre Nichte dazu zu bewegen, auch eine Portion Spinat zu essen.

Als Valerie später von ihrem Treffen zurückkehrte und ihre Mom von der Arbeit kam, saßen die vier Larsen-Frauen auf dem Sofa und sahen sich gemeinsam „Stolz und Vorurteil“ mit Colin Firth an.

Nirgendwo war es so schön wie zu Hause.

Was immer es auch für Krisen gab, wie einsam Ashley sich manchmal auch fühlte, dieses Zuhause gab ihr Rückhalt. Es war nicht die typische amerikanische Familie, aber in vieler Hinsicht waren die Larsens aus Chicago jeder typischen Familie weit überlegen.

Ashley war einmal davon ausgegangen, für alle Zeit mit Jacob verheiratet zu bleiben. Er war ein angenehmer Mensch, und ihre Ehe schien problemlos zu verlaufen. Wieso sollte man so etwas aufgeben? Doch Jacob hatte es getan, und Ashley war nach Hause zurückgekehrt.

Als die Uhr ihres Großvaters elf schlug, war ihre Mom bereits auf dem Sessel eingeschlafen, und Brianna lag tief schlafend mit dem Kopf auf Ashleys Schoß.

Val hob ihre Tochter hoch und betrachtete versonnen das schlafende Mädchen. „Wie bin ich nur zu diesem Kind gekommen?“

„Auf die altmodische Weise.“

Vals Lachen klang etwas harsch und gleichzeitig unsicher. „Und was wird, wenn du sie zu sehr verwöhnst und dir zu große Sorgen um sie machst?“

„Das wird nicht passieren.“ Ashley war nicht gekränkt. Dieses Gespräch hatten sie schon oft geführt, immer spät abends, wenn die Zweifel hervorkrochen. Insgeheim war Valerie genauso unsicher wie Ashley und alle anderen Larsens. Sie befürchteten ständig, dass ihnen alles Schöne wieder weggenommen würde. Sobald sie etwas genossen, rechneten sie damit, dass es verschwinden würde.

„Schwörst du, dass du sie nicht zu sehr verwöhnst?“, bohrte Val nach.

„Ich schwöre.“

Immer noch zweifelnd sah Val sie an. „Okay, aber ich glaube dir nur, weil wir im Grunde beide wissen, dass du die Kluge von uns bist. Und weil du hier bei uns bist.“

„Du bist klüger, als du denkst, Val.“

Geschickt schaltete Val mit einem Kniedruck an der Fernbedienung den Fernseher aus. „Wenn man sich selbst gegenüber ehrlich ist, Ash, dann weiß man, dass man nicht klug ist, wenn man innerhalb von fünf Monaten den Job dreimal wechselt. Bei mir reicht ein Blick aufs Konto, um mir zu zeigen, wie clever ich bin.“

Wie immer, wenn sie an sich selbst zu zweifeln begann, wurde Vals Tonfall lauter, und Brianna bewegte sich in ihren Armen. „Hey, ihr lauten Menschen, ich versuche zu schlafen.“

Val stieß einen leisen Fluch aus, der für achtjährige Ohren ungeeignet war, doch niemand beschwerte sich. „Weckst du Mom, bitte?“, fragte sie an Ashley gewandt.

Ashley unterdrückte ein Gähnen, reckte sich und strich ihrer Mutter über die Schulter. „Mom? Geh ins Bett. Du musst morgen wieder früh zur Arbeit.“

Joyce Larsen blinzelte und war schlagartig hellwach. „Habe ich die Nachrichten verpasst?“

„Ja, Mom, die hast du verschlafen.“

„Verdammt, ich wollte doch hören, wie das Wetter wird. Bestimmt regnet es morgen. Ihr hättet mich wecken sollen.“

„Ich wecke dich jetzt. Geh zu Bett, Mom.“

„Schön, dass du wieder hier bist, Ashley. Ich mache mir immer Sorgen, wenn du fliegst. Irgendwann stürzt du ab und stirbst.“

„Ich weiß, Mom. Und jetzt geh schlafen.“ War es ein Wunder, dass sie so ängstlich war?

Sobald sie im Bett lag, zog Ashley die Visitenkarte hervor. Ich hätte David meine auch geben sollen, dachte sie, aber wie üblich war sie zu feige gewesen, und deshalb musste sie jetzt etwas unternehmen, wenn sie ihn jemals wiedersehen wollte.

Ash, du bist doch oft in Manhattan. Besuch diesen jungen Designer an der Lower East Side. Zu dem wolltest du doch schon so oft. Jetzt hast du die Chance.

Was ist eigentlich der angemessene Zeitraum, bis man einen Mann anruft, der ganz ausdrücklich gesagt hat, es sei ein Fehler, wenn sie sich wiedersahen?

Gelten diese Fristen überhaupt für Anrufe, bei denen es um unverfänglichen Sex geht?

Ashley sah im Geiste Davids Körper vor sich. Ihr wurde heiß, als sie sich an den Augenblick erinnerte, als sie seine Erektion umfasst hatte und er kurz darauf in sie eingedrungen war – einzigartig.

Obendrein mochte Ashley ihn. Bei ihm fühlte sie sich wohl in ihrer Haut.

Das war die Faszination, die David McLean auf sie ausübte. Er hatte nichts Exotisches an sich, keinerlei Eitelkeiten, und er war kein Milliardär.

Dafür war er nicht mehr und nicht weniger als der Mann, nach dem sie sich sehnte.

Wieder betrachtete sie die Visitenkarte und schien plötzlich sein Flüstern im Ohr zu hören, und damit war ihre Entscheidung gefällt.

Sie würde einen Termin in New York vereinbaren, David anrufen und fragen, ob er es fortführen wolle.

Ob er bereit sei für eine Fernaffäre.

Wie dekadent …

Ashley lächelte, und die ganze Nacht lang träumte sie nur von David.

In der Lakeview-Boutique herrschte das reinste Chaos. Der Geschäftsführer hatte gekündigt, eine der Verkäuferinnen kam zu spät, und die trägerlosen Sommerkleider wurden für zwanzig Prozent unter Einkaufspreis angeboten.

Andere Frauen wären in so einer Situation in Tränen ausgebrochen, aber nicht Ashley. Abgelenkt von den Erinnerungen an den großartigen Sex schwebte sie immer noch wie auf Wolken.

Während der nächsten Woche arbeitete sie jeden Tag achtzehn Stunden, um die Boutique wieder in Schuss zu bringen. Mitte der Woche gab es im ‚Lakeview‘ kaum noch Probleme, und die Boutiquen in Naperville, State Street und im Wicker Park kamen ebenfalls gut zurecht. Also riskierte sie den Anruf.

Es war spätabends an einem Mittwoch, als sie sich dazu durchrang. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, hoffentlich würde ihre Stimme nicht versagen. Zum Glück nahm David gleich beim ersten Klingeln ab. „Hallo?“

„David? Hier ist Ashley.“ Inständig hoffte sie, dass er jetzt nicht „Welche Ashley?“ fragte.

„Hi.“

Die perfekte Antwort, wenn auch etwas wortkarg. „Ich komme nach New York.“

„Wann?“

„Heute in zwei Wochen. Wenn du nicht zu viel zu tun hast …“

„Kein Problem. Wir können uns zum Dinner treffen. Oder uns eine Show ansehen. Oder klingt das für dich zu normal? Wir brauchen nichts Normales zu tun. Du kannst bei mir wohnen, wenn du willst. Bei mir ist Platz genug.“

„Nein danke, ich nehme mir ein Zimmer.“ Ein Hotelzimmer war zwar kostspieliger, doch Hotels hatten so etwas Mysteriöses und Verbotenes.

„Liegt dein Hotel in Flughafennähe?“

Vergeblich versuchte sie, ihr Lachen zurückzuhalten. „Nein.“

„Prima. Wie laufen die Geschäfte?“

„Nicht so gut, aber ich bleibe optimistisch.“ Sie hätte ihm noch so vieles erzählen können, aber nichts davon klang aufregend oder passte zu einer geheimnisvollen Affäre, also hielt sie sich zurück. „Ich lege jetzt auf.“

„Ruf mich an, wenn du hier ankommst.

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