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Tiffany Sexy, Band 44

STEPHANIE BOND

Alles – und noch viel mehr!

Jetzt will sie alles und noch mehr: Jane hat im Lotto gewonnen und fliegt nach Las Vegas. Dass sie im Hotel auf ihren Nachbarn Perry Brewer aus Atlanta trifft, macht das Abenteuer perfekt. Der Anwalt mit dem athletischen Körper entführt sie in ein nie gekanntes Land voller Luxus und Leidenschaft. Doch ein Telefonat mit ihrer Freundin holt sie in die Realität zurück ...

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Stephanie Bond

Alles – und noch viel mehr!

1. KAPITEL

„Hören Sie … Es tut mir leid, wie war Ihr Name noch mal?“

Jane Kurtz legte den Pinsel zur Seite, mit dem sie gerade ein perfektes Make-up auf die pickelige Haut der Möchtegernprominenten Casey Campella zauberte, die an diesem Tag zu Gast in der Talkshow „Just Between Us“ war. „Ich heiße Jane.“

„Ach ja, richtig.“ Casey rümpfte die Nase. „Also, hören Sie, ich möchte auf keinen Fall orange auf dem Bildschirm aussehen. Ich habe viele Freunde und Verwandte hier in Atlanta, und die werden sich alle die Show anschauen.“

Klar, dachte Jane. Weil es um Tipps geht, wie man sein eigenes Sexvideo dreht. So wie jenes, das von Casey und ihrem Freund derzeit im Internet kursierte. Jane biss sich auf die Zunge, um eine spitze Bemerkung zu unterdrücken. Stattdessen sagte sie beruhigend: „Ich verspreche Ihnen, dass Sie nicht orange aussehen werden, Miss Campella. Aber Sie müssen schon stillhalten, damit ich meinen Job bestmöglich machen kann.“

Casey rümpfte noch einmal die Nase und ließ die Prozedur weiter über sich ergehen.

Seufzend griff Jane nach dem Pinsel und konzentrierte sich darauf, das feine Make-up-Puder makellos auf dem Gesicht der jungen Frau zu verteilen, die zwar einen unreinen Teint, dafür aber aufregende Kurven hatte. Die vollbusige Blondine hatte sogar einen Fanklub und eine eigene Website.

Als die Grundierung fertig war, widmete sich Jane Caseys dunkelblauen Augen, die sie mit falschen Wimpern, Lidschatten und Eyeliner geschickt betonte. Auf die Wangen trug sie nur einen Hauch Puder mit Glanzpartikeln auf. Dann kam die größte Herausforderung. Jane musste aus den bleistiftdünnen Lippen die Illusion eines Schmollmundes mit klaren Konturen erschaffen. Dazu wählte sie ein blaustichiges Rot aus, das die nikotingelben Zähne der jungen Frau so weiß wie möglich wirken ließ. All dies tat sie, während Casey mit ihrem Freund telefonierte, der, wenn man aus Caseys Antworten Schlüsse ziehen konnte, genauso unreif zu sein schien wie das kichernde Starlet – und höchstwahrscheinlich am anderen Ende der Leitung gerade dabei war, sich selbst zu befriedigen.

„Ich habe letzte Nacht von dir geträumt, Baby … Nein, ich zuerst … Okay, dann erzähl … Oh, das ist so scharf, dass ich es kaum aushalte … uh! … Ich bin so verdammt heiß auf dich …“

Neben Frust und Verlegenheit empfand Jane plötzlich einen Stich von Eifersucht. Wie mochte es sich anfühlen, wenn ein Mann so verrückt nach einem war, dass er einen anrief, um schmutzige Sachen zu sagen?

„Fünf Minuten“, rief ein Produktionsassistent durch die Tür, und Casey machte ihm ein Zeichen, dass sie verstanden hatte.

„Es geht los, Baby. Nimm die Show bloß auf DVD auf. Wir schauen sie uns dann zusammen an.“

Nach kurzem Schweigen lachte Casey heiser, und es war klar, was die beiden tun würden, während auf dem Bildschirm zu sehen und zu hören war, wie sie ihr Sexleben in der heißesten Talkshow des Lokalsenders vor Publikum ausbreitete.

Jane musste sich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. Sie vermutete, dass ein weiteres Sexvideo in Planung war.

Casey beendete das Gespräch, dann beugte sie sich vor, um ihr Make-up im hell beleuchteten Spiegel von jedem Winkel aus zu betrachten. Sie runzelte die Stirn.

„Gibt es ein Problem, Miss Campella?“, fragte Jane.

„Nein. Im Gegenteil, ich sehe klasse aus.“

Jane lächelte und nickte. „Ich freue mich, dass Sie zufrieden sind.“

„Ich danke Ihnen, äh … Wie war Ihr Name noch mal?“

„Jane.“

„Richtig.“ Casey stand auf und riss sich den Papierumhang vom Hals, der das rote Minikleid im Trenchcoatstil schützte, das Jane aus der Requisite ausgewählt hatte. Das kurvenreiche Starlet drehte sich vor dem großen Spiegel hin und her und zwinkerte sich zu, dann musterte es Jane von oben bis unten. „Ich frage mich nur – wenn Sie es schaffen, Leute so toll aussehen zu lassen, warum tun Sie dann nichts für sich?“

Janes Lächeln schwand, während die junge Frau auf aufregend hohen schwarzen Stilettos von Donald Pliner davonstöckelte, die sie, Jane, mühsam aufgetrieben hatte. Ein paar Sekunden später ertönte Musik, und das Publikum brach beim Erscheinen des Gastes in wilden Applaus und Jubel aus.

Talklady Eve Best, rhetorisch geschickt wie immer, behauptete in ihrer Einleitung, diese Sendung richte sich vor allem an Frauen, die ihrer Ehe etwas mehr Würze geben wollten. Wenn man ihr zuhörte, hatte man den Eindruck, dass die Ratschläge für die Erstellung privater Sexvideos keineswegs ein schlüpfriges Thema, sondern nur ein ganz normaler Service für Hausfrauen waren.

Jane schüttelte den Kopf und lachte leise, während sie die Show auf dem Overheadmonitor verfolgte. Ihre Arbeit war im Grunde getan, doch sie blieb offiziell bis zum Ende der Show, falls ein Notfall eintreten sollte.

Sorgfältig reinigte sie ihre Gerätschaften und Behälter, die sie zum Reinigen und Befeuchten der Haut, für das Peeling, die Rasur und das Auszupfen überflüssiger Härchen benötigt hatte. Dann folgten die Utensilien zum Auftragen von Make-up und die, die sie zum Ankleben falscher Wimpern benötigte. Manchmal musste sie auch zu stark ausgedünnte Augenbrauen mühsam wieder auffüllen. Während sie automatisch die Handgriffe ausführte, die seit drei Jahren für sie alltäglich waren, kam ihr Casey Campellas spitze Bemerkung wieder in den Sinn.

Jane schaute in den Spiegel und gab betrübt zu, dass das muntere Starlet nur ausgesprochen hatte, was wahrscheinlich jeder dachte, der mit ihr, Jane, zu tun hatte.

Sie fragte sich ja selber, wie eine talentierte und gefragte Visagistin und Stylistin wie sie so unattraktiv sein konnte.

Gewöhnlich vermied Jane den Blick in den Spiegel. Wenn sie sich zum Beispiel die Zähne putzte, machte sie sich schon lange keine Gedanken mehr über ihre unscheinbaren Gesichtszüge, die blassblauen Augen, die durchschnittliche Nase, den unauffälligen Mund, den gewöhnlichen Teint, alles umrahmt von mittellangem hellbraunen Haar.

Ein Gesicht, das man schnell vergaß.

Sie war eben nicht mit natürlicher Schönheit gesegnet wie ihre Freundinnen Eve Best und Liza Skinner, die sie seit Kindertagen kannte. Mit den Jahren hatte Jane sich mit ihrer Rolle abgefunden und kleidete sich entsprechend schlicht. Statt Designermode und Schuhe von Manolo Blahnik bevorzugte sie Jeans und Sneakers.

Trotzdem hatte Jane viel Spaß daran gehabt, wenn ihre Freundinnen früher Modenschau gespielt hatten. Sie hatte gern Kosmetika an ihnen ausprobiert, um sie noch schöner zu machen. Auf der Highschool hatte sie die beiden jeden Morgen in der Mädchentoilette geschminkt. Dabei hatte sie erkannt, dass sie einen Blick dafür hatte, Makel zu kaschieren und Vorzüge zu betonen – in den Gesichtern anderer. Die wenigen Male, die sie an sich selbst experimentiert hatte, hatten enttäuschende Ergebnisse gebracht. Es waren peinliche Versuche gewesen, sich hübscher zu machen als sie war. Es war ihr vorgekommen, als wollte sie mit ihren Freundinnen konkurrieren.

Daher hatte sie sich darauf beschränkt, andere Leute gut aussehen zu lassen, und in manchen Fällen war ihr unscheinbares Äußeres sogar hilfreich. Die meisten Prominenten waren so unsicher wegen eigener Schönheitsfehler, dass sie es hassten, einer Visagistin ausgeliefert zu sein, die attraktiver wirkte als sie selbst.

So war Janes Einfachheit zu ihrem Markenzeichen geworden in einer Welt, die manche vielleicht sogar glamourös finden mochten. Dabei war es damals, als Eve sie in ihr Team geholt hatte, ein berufliches Wagnis gewesen. Anfangs hatten Liza und Jane sich um alles gekümmert, was nötig war, um die Show auf Sendung zu bringen, auch wenn es den Rahmen ihrer Stellenbeschreibung sprengte. Aber mit der Zeit war die dürftige Besetzung auf ein Team von über vierzig Mitarbeitern in Technik, Verwaltung und Produktion angewachsen. Jetzt konnte sich Jane ganz auf ihren Job als Stylistin und Make-up-Artist konzentrieren, eine Tätigkeit, die herausfordernd und befriedigend zugleich war. Sie erlaubte ihr den Kontakt mit den Reichen und Berühmten und entschädigte sie für ihr dürftiges Privatleben.

Als das aufmunternde Lächeln, das Jane ihrem Spiegelbild zuwarf, nicht überzeugen wollte, wandte sie den Blick einfach ab.

Während sie jede Bürste und jeden Applikator, den sie besaß, sterilisierte, schaute sie auf den Bildschirm und stellte dabei zufrieden fest, dass sowohl Eve als auch ihr Gast in jeder Kameraeinstellung blendend aussahen, frisch und strahlend trotz der Hitze, die von den Lampen der Studioscheinwerfer ausströmte.

„Casey“, begann Eve mit einer Ernsthaftigkeit, als würde sie ein politisches Interview führen, „was sollten unsere Zuschauer beachten, wenn sie zu Hause ihr eigenes Sexvideo drehen möchten?“

Dies war die Art von schlüpfrigen Themen, die die Einschaltquote in den letzten Jahren immer wieder sprunghaft erhöht hatten. „Just Between Us“ erzielte dadurch inzwischen hohe Werbeeinnahmen. Ein Feature in einem Hochglanzmagazin hatte der Talkshow und Eve erhöhte Aufmerksamkeit bei den überregionalen Sendern verschafft. Der Erfolgsdruck war gestiegen – und damit auch die Nervosität unter den Kollegen.

Jane war so in Gedanken versunken, dass sie ein Tablett mit Make-up-Proben fallen ließ.

Auch sie war nervös.

Sie hockte sich hin, um die Tuben und Fläschchen aufzuheben, und schüttelte den Kopf über ihre Tollpatschigkeit. Es liegt an der Ungewissheit über die Zukunft der Show, redete sie sich ein. Das musste der Grund sein, weshalb sie so unruhig war. Es hatte nichts damit zu tun, dass sie dazu bestimmt zu sein schien, im Leben immer außen vor zu bleiben. Die Menschen konnten sich ja nicht einmal an ihren Namen erinnern.

Jane schaute zu, wie Eve ihren Zauber auf ihren Gast und ihr Publikum ausübte, und fragte sich beiläufig, ob ihre Freundin Liza, wo immer sie sein mochte, die Show verfolgte. Die extravagante und quirlige Liza Skinner war die erste Redaktionsleiterin der Show gewesen und hatte ein erfolgreiches Konzept entwickelt. Aber vor einem Jahr hatte ein Streit über eine Folge, die schlecht gelaufen war, dazu geführt, dass Liza alles hingeworfen hatte. Seitdem hatten sie nichts mehr von ihr gehört. Jane vermisste sie, und sie wusste, dass es Eve ebenso ging. Und tief im Innern erwarteten sie beide, dass Liza eines Morgens in ihrem Büro auftauchen würde, um weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.

Jane dachte jedes Mal an Liza, wenn sie bei ihren Kollegen für die Lotterie „Lot O’ Bucks“ sammelte. Das Lottospiel war eine Tradition, die sie, Eve und Liza begründet hatten, wobei jede von ihnen zwei der sechs Zahlen ausgewählt hatte. Seit Liza fort war, waren drei andere Mitarbeiter der Tippgemeinschaft beigetreten, dennoch hatten sie und Eve stur zum Zeichen ihrer Freundschaft an einer von Lizas Zahlen festgehalten.

Als Jane ihre Geräte fortgeräumt hatte, war auch die Show zu Ende, und der Regisseur hielt zufrieden den Daumen hoch.

Jane schaltete den Monitor aus und machte Inventur. Sie notierte, welche Farbtöne von Make-up, Lidschatten, Rouge und Lippenstiften zur Neige gingen und bestellte telefonisch Nachschub. Danach überprüfte sie noch schnell die Garderobenständer und machte sich ein paar Notizen über neue Frühlingsaccessoires, die sie für die Requisite besorgen wollte. Sie sortierte Dutzende von Musterprodukten und Katalogen, die ihr von verschiedenen Herstellern zugeschickt worden waren. Die vielversprechenden steckte sie in eine große Leinentasche, um sie zu Hause in Ruhe durchzublättern, den Rest warf sie in den Papierkorb. Dann machte sie sich endlich auf den Weg.

Im Flur kam ihr Eve entgegen. Jane lächelte. „Tolle Show.“

Eve grinste. „Danke. Ich war ein bisschen besorgt, wie Casey beim Publikum ankommen würde, doch sie hat es gut gemacht. Und ihr Make-up und das Outfit waren perfekt, dank dir.“

„Schön.“

„Aber morgen habe ich eine echte Herausforderung für dich. Bette Valentine mit den zusammengewachsenen Augenbrauen kommt, um darüber zu sprechen, wie man sein inneres wildes Ich herauslässt.“

Bei dieser Ankündigung war Jane zusammengezuckt. „Und an den wallenden Hawaiigewändern, die sie so liebt, lässt sich kaum etwas machen.“

„Dir wird schon etwas einfallen“, meinte Eve mit einem Zwinkern. „Hast du heute Abend ein heißes Date?“

„Ja – mit meiner Fernbedienung.“ An diesem Abend wurde die letzte Folge ihrer Lieblingsserie „Dirty Secrets of Daylily Drive“ ausgestrahlt. Jane war gespannt, wer das kleine Biest aus der Nachbarschaft ermordet hatte.

Eve machte ein mitleidiges Gesicht. „Wann wirst du endlich wieder ausgehen? Es ist Monate her, seit du und James euch getrennt habt.“

Seit er mich abserviert hat, verbesserte Jane im Stillen. Und obwohl sie zugeben musste, dass James nicht die Liebe ihres Lebens war, tat ihr seine abschließende Bemerkung immer noch weh. Mein Gott, Jane, du bist so langweilig. Von dieser Beleidigung hatte sie sich noch nicht erholt.

„Ich habe keine Zeit für Verabredungen“, erwiderte sie, dann schmunzelte sie. „Vielleicht sollte ich mal mit meiner Chefin über meine Überstunden sprechen.“

„Okay, der Punkt geht an dich. Sobald wir es geschafft haben, landesweit auf Sendung zu gehen, können wir einen Gang zurückschalten“, versprach Eve, hakte sich bei Jane unter und begleitete sie zum Ausgang. Plötzlich wurde ihre Miene ernst. „Du hast nichts von Liza gehört, oder?“

„Nein, warum?“

„Kein besonderer Grund, wirklich nicht. Sie ist mir heute nur im Kopf herumgespukt.“

„Mir ging es genauso“, gestand Jane. „Hast du eine Ahnung, wo sie sein könnte?“

Eve schüttelte den Kopf. „So wie ich Liza kenne, ist sie in diesem Moment vielleicht gerade auf dem Weg zum Mond.“ Sie winkte zum Abschied. „Wir sehen uns morgen.“

Jane winkte zurück und sah ihrer Freundin nach. Sie wusste, dass Eve noch einige Stunden Arbeit vor sich hatte, bevor sie den Sender verlassen konnte.

Eve Best verdiente es, groß herauszukommen, denn sie schuftete doppelt so hart wie jeder andere im Team. Schon von Jugend auf hatte Jane das Gefühl gehabt, dass ihre beiden Freundinnen für große Dinge bestimmt waren.

Dann kam Jane ein anderer Gedanke und sie nagte sorgenvoll an ihrer Unterlippe. Seit Liza fort war, befiel sie immer öfter die düstere Ahnung, dass der Durchbruch, auf den sie alle warteten, sie nur weiter voneinander entfernen würde.

Jane verdrängte ihre Befürchtungen und verließ den Parkplatz des Senders. Es dämmerte bereits an diesem kalten Frühlingstag, und sie kämpfte gegen ihre Müdigkeit an, während sie ihren alten, aber zuverlässigen Honda Civic durch den Feierabendverkehr in Atlanta steuerte. Normalerweise kam sie um diese Zeit recht gut durch, doch heute geriet sie wegen einer Baustelle auf der Peachtree Street in einen Stau. In letzter Minute entschloss sie sich abzubiegen, um sich etwas zu essen vom Chinesen zu holen. So war es schon dunkel, als sie in die Tiefgarage des Blocks fuhr, in dem ihre Eigentumswohnung lag.

An ihrem Stellplatz angekommen, unterdrückte sie nur mühsam einen Fluch – ein kleines rotes Auto parkte dort neben dem großen schwarzen Geländewagen ihres neuen Nachbarn. Sie hatte den Mann noch nicht getroffen, dafür aber gehört, wie er am Vortag eingezogen war. Offensichtlich hatte er Besuch und verstieß schon gegen die Hausordnung. Kochend vor Wut stellte Jane ihren Wagen im engen Besucherparkbereich ab und marschierte ins Haus.

Je eher ihr Nachbar über die Regeln der Eigentümergemeinschaft belehrt wurde, desto besser.

Sie blieb vor seiner Tür stehen und musste mit ihrer Schultertasche, den Katalogen und der Tüte mit chinesischem Essen jonglieren, um die Klingel betätigen zu können. Aus der Wohnung dröhnte Musik mit dumpfen Basstönen. Jane drückte nach einer Weile noch einmal auf die Klingel, und nach etlichen Minuten schwang die Tür endlich auf.

Für Sekunden verschlug es ihr die Sprache.

Der Mann war deutlich über einen Meter achtzig groß. Sein Haar und seine Augen waren dunkel, sein Teint war gebräunt, und da er nur eine ausgeblichene Jeans trug, konnte sie viel nackte Haut sehen. Seine Schultern waren breit und muskulös, seine Brust war leicht behaart, und der Bund seiner Hose saß so tief, dass Jane sich fragte, ob er Unterwäsche trug. Seine Körperhaltung verriet natürliches Selbstbewusstsein, und er strahlte eine fast magische Anziehung aus. Der Mann wirkte wie geschaffen für Sex.

Kurz gesagt, er war umwerfend.

Er musterte sie ebenfalls, aber sie schien ihn weit weniger zu beeindrucken.

Lässig hielt er seine Bierflasche hoch. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er gedehnt.

„Äh … Ich bin Ihre Nachbarin von nebenan. Jane.“

Er nickte und ließ ein atemberaubendes Lächeln aufblitzen. „Ich bin Perry. Nett, Sie kennenzulernen.“

„Danke gleichfalls.“ Jane verteilte ihre kostbare Ladung auf beide Arme, um ihm nicht die Hand hinstrecken zu müssen. „Fahren Sie einen schwarzen Geländewagen?“

„Ja.“

„Direkt daneben, auf meinem Parkplatz, steht ein rotes Auto. Ich dachte, Sie wissen vielleicht, wem es gehört.“

„Kayla“, rief er über die Schulter und nahm einen Schluck Bier.

Eine Brünette, zierlich wie eine Barbiepuppe und mit riesiger Oberweite, erschien im bauchfreien Pulli hinter ihm im Flur. Seltsamerweise war Jane enttäuscht über den Geschmack ihres Nachbarn, doch was hatte sie erwartet?

„Was ist, Baby?“, fragte die junge Frau säuselnd.

„Hast du deinen Wagen auf dem Besucherparkplatz abgestellt, wie ich es dir gesagt habe?“

Sie zog einen Schmollmund. „Da ist es viel zu eng, deshalb habe ich neben deinem geparkt.“

Perry schaute Jane an und zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Sorry, äh … wie heißen Sie noch gleich?“

„Jane“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Er richtete einen Zeigefinger wie eine Pistole auf sie und schnalzte mit der Zunge. „Kommt nicht wieder vor“, meinte er lässig.

Jane öffnete den Mund, um darum zu bitten, dass sein Gast den Wagen wegfahren möge, aber die Tür ging vor ihrer Nase zu. Verärgert runzelte sie die Stirn und hoffte, dass der Mann sich bei näherem Kennenlernen als sympathischer herausstellen würde. Das Gebäude hatte nur vierzig Einheiten. Ein paar Idioten unter den Eigentümern – oder ein besonders großer – würden genügen, um die Stimmung zu vermiesen. Und da sie und Perry eine gemeinsame Wand hatten und sich einen Balkon teilten, würde sie am meisten unter ihm zu leiden haben.

Seufzend schloss sie ihre Wohnung auf und machte Licht. Die Kataloge ließ sie auf ihren Schreibtisch fallen, die Tüte mit dem chinesischen Essen nahm sie mit ins Wohnzimmer, das sie bewusst schlicht in beruhigenden Farbtönen von Taupe und Himmelblau eingerichtet hatte. Dies war ihr Refugium. Die Wände waren weiß, die Möbel schnörkellos. Kein Schnickschnack, der sie ablenkte und nach Feierabend noch mehr Arbeit verursachte.

Jane atmete tief durch und spürte, wie die Anspannung des Tages von ihr abfiel. Sie zog sich einen bequemen Freizeitanzug an und band ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Ein Blick auf die Uhr ließ sie in die Küche eilen, um eine Flasche Wasser und ein Tablett zu holen. Zeit für ihre Serie. Würden Victoria und der Polizist Nate endlich zusammenfinden? Oder würde Nate Victoria etwa wegen Mordes an ihrer Nachbarin verhaften müssen?

Jane sank auf die Couch mit den vielen Kissen und schob die nackten Zehen in den Hochflorteppich, dann schaltete sie den Fernseher ein und griff nach der Tüte mit dem Essen. Noch bevor sie sich bequem zurücklehnen konnte, vernahm sie störend laute Musik von nebenan.

Jane warf einen finsteren Blick auf die Wand zur Nachbarwohnung. Der vorige Eigentümer war ruhig gewesen und oft verreist. Sie konnte nur hoffen, ihr neuer Nachbar würde schnell merken, dass die Wände in diesem Gebäude dünn waren.

Sie versuchte ihren Ärger zu unterdrücken und erhöhte die Lautstärke ihres Fernsehers, um die Musik zu übertönen. Dann packte sie ihr Essen aus, Wan Tan mit Krabben und Lo Mein, Nudeln mit Garnelen.

Sie wickelte die Essstäbchen aus und führte gerade ein Teigtäschchen zum Mund, als sie das Stöhnen einer Frau hörte.

„Ah … ahh, ja, Baby, genau so … ja.“

Jane hielt inne und drehte den Kopf zur Wand. Das war ja wohl nicht zu fassen. Die machten doch nicht etwa …

Ungläubig machte sie den Fernseher leiser und vernahm prompt wieder eindeutige Geräusche.

„Oh, oh, oh … ja! Ja! Mach weiter! Fester! Schneller! Jaaa! Oh mein Gott, oh mein Gott, das fühlt sich so gut an! Sag mir schmutzige Sachen, ja, genau … Du böser, böser Junge.“

Jane riss die Augen auf. Böser Junge?

Ein rhythmisches Hämmern ertönte, dazu ein unablässiges Quietschen, und Jane vermutete, dass es das Kopfende des Bettes war, das bei dem wilden Liebesspiel gegen die Wand stieß.

„Du meine Güte“, murmelte sie. Sie fühlte sich ein wenig schäbig, wie ein Voyeur, und konnte es dennoch nicht lassen, neugierig zuzuhören. Die Laute der Frau wurden immer schriller, begleitet vom tiefen Raunen eines Mannes.

„Jetzt!“, schrie sie. „Ich komme! Jetzt! Jetzt! Jaaaaa!“

Nach den Geräuschen zu urteilen, erreichten die beiden im gleichen Moment ihren Höhepunkt. Jane blieb regungslos sitzen. Sie konnte kaum fassen, was sich da gerade abgespielt hatte. Zugleich spürte sie ein verräterisches Ziehen in ihren Brüsten und ein erregendes Kribbeln in ihrem Bauch.

Beschämt griff sie wieder nach der Fernbedienung, um den Fernseher lauter zu stellen, denn immer noch drang Musik durch die Wand. Jane versuchte sich auf die Handlung auf dem Bildschirm zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu der Tatsache ab, dass sie gerade Ohrenzeugin beim Sex ihres neuen Nachbarn geworden war.

Dabei wollte sie lieber gar nicht so viel über ihn wissen. Zumal sie sich seinen muskulösen Körper nur zu gut nackt und leicht verschwitzt auf zerwühlten Laken vorstellen konnte. Sie überlegte, was für schmutzige Sachen er seiner Geliebten wohl gesagt haben mochte, dass sie so geschrien hatte, als ginge es um Leben und Tod.

Mechanisch steckte Jane ein Wan Tan in den Mund. Etwas Befriedigenderes hatte sie in dieser Nacht nicht zu erwarten. Doch als ihre Aufmerksamkeit weiterhin zu wünschen übrig ließ und sie erkannte, dass sie die letzte Folge ihrer Lieblingsserie weitgehend verpasst hatte, stieg wieder Ärger in ihr hoch. Der „böse Junge“ hatte sie unfreiwillig mit seinem Sexleben belästigt und ihr damit völlig den Abend verdorben. Und während sie noch innerlich kochte vor Wut über seine Frechheit und Schamlosigkeit, begann das rhythmische Knarren des Bettes und das Stöhnen der Frau von Neuem.

„Oh Baby, das ist es … genau so … oh ja. Sag etwas Schmutziges … oh ja.“

Jane schob mit hochgezogenen Augenbrauen ihre Zunge in die Innenseite ihrer Wange. Nicht schon wieder. Sie hatte nicht einmal Zeit gehabt, zu Ende zu essen! Schlimmer, sie hatte keine Ahnung, wie es inzwischen in der Fernsehserie weitergegangen war.

Verärgert stocherte sie im Lo Mein, als das Rumoren auf der anderen Seite der Wand hektischer wurde. Der böse Junge hatte offenbar Stehvermögen – und Finesse. Er wusste genau, was er zu tun und wo er anzufassen hatte, oh Baby, er wusste genau, wie er es anstellen musste, oh ja.

Das Gestöhn der Brünetten klang wie ein schlechter Liedtext.

Was sagte er zu ihr? Jane lehnte sich näher an die Wand, konnte das leise Gemurmel aber nicht verstehen. Plötzlich wurde sie sich bewusst, dass sie sich im selben Rhythmus wie das Paar nebenan bewegte und dass sie erregt war.

Wie lange war es her, dass sie Sex gehabt hatte? Nach James hatte es noch keinen Mann wieder in ihrem Leben gegeben, und die letzten Male mit ihm waren enttäuschend verlaufen.

Wozu es beschönigen? Jedes Mal mit James war eine Enttäuschung gewesen. Bei jedem Mann – nicht dass es viele gewesen wären – war sie enttäuscht gewesen. Keine ihrer erotischen Begegnungen hatte an die Fantasien herangereicht, die ihr im Kopf herumschwirrten. Kein Mann hatte sie so fühlen lassen, wie sie sich jetzt fühlte, voller Verlangen und Sehnsucht nach Erfüllung.

Währenddessen kam die Frau nebenan immer mehr auf Touren, wobei sie in einer Lautstärke kreischte, die Jane auf die Nerven ging. Maßloser Zorn stieg in ihr auf, und sie sprang hoch. Sie war nicht gewillt, diese Art von Lärmbelästigung in ihren eigenen vier Wänden einfach hinzunehmen!

Energisch marschierte sie nach draußen in das Treppenhaus und pochte laut an Perrys Tür, und als er nicht reagierte, klopfte sie erneut, wobei sich ihre Wut weiter steigerte. Sie hob gerade den Arm, um noch einmal an seine Tür zu hämmern, da machte ihr Nachbar plötzlich auf. Er stand in seiner ganzen Herrlichkeit vor ihr, mit zerzaustem Haar und in Jeans, deren Reißverschluss nur halb hochgezogen war. Diesmal trug er garantiert keine Unterwäsche.

Perry lächelte schief. „Kann ich Ihnen helfen, äh … wie war Ihr Name noch mal?“

„Jane“, stieß Jane mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Richtig. Was kann ich für Sie tun, Jane?“

„Sie könnten etwas mehr Rücksicht nehmen.“

„Was meinen Sie?“

„Ich meine, Sie und ich wohnen Wand an Wand, und ich kann Ihre … Musik hören.“

„Okay, ich dreh die Stereoanlage etwas herunter.“

Er machte Anstalten, die Tür zu schließen, doch Jane hob eine Hand. Die Vorstellung, was den leichten Schimmer von Schweiß auf seiner Brust verursacht hatte, drohte ihr die Sprache zu verschlagen, aber sie erinnerte sich daran, dass sie hier das Opfer war. „Ich kann auch hören, was sich bei Ihnen sonst noch abspielt.“

Er blinzelte. „Sonst noch?“

Sie verschränkte die Arme und maß ihn mit einem bedeutungsvollen Blick. „Beide Male.“

Er zuckte mit den dunklen Augenbrauen, dann lächelte er frech. „Und auf einer Skala von eins bis zehn?“

Empört schnappte Jane nach Luft. „Ich bin nicht hier, um Ihnen Punkte zu geben, Mr. …“

„Brewer“, ergänzte er.

Jane presste einen Moment die Lippen zusammen. „Mr. Brewer“, sagte sie dann so beherrscht wie möglich. „Ich bin hergekommen, um Sie höflich zu bitten, weniger laut zu sein.“

„Ich werde es versuchen“, antwortete er munter. „Doch ich kann nichts versprechen.“ Dann trat er zurück und schloss die Tür.

Jane blieb ein paar Sekunden lang stehen. Sie fühlte sich wie ein Trottel. Schließlich kehrte sie in ihre Wohnung zurück, bemerkte ärgerlich, dass sie das Serienfinale nun endgültig verpasst hatte, und ging geladen im Wohnzimmer auf und ab. Um sich zu beruhigen, goss sie sich ein Glas Wein ein und setzte sich auf ihren kleinen Balkon mit Blick auf die funkelnden Lichter von Midtown.

Adrenalin strömte durch ihre Adern und eine Mischung aus Wut, Scham und Frustration. Sie hatte das Gefühl, die Fassung zu verlieren, und sie gestand sich ein, dass sie das nicht allein auf die Belästigung durch ihren Nachbarn schieben konnte. Vielleicht brütete sie etwas aus, oder sie litt unter Hormonschwankungen. Das würde die innere Unruhe erklären, die schon vor der Trennung von James begonnen und sich danach sogar noch verstärkt hatte. Es war nichts Konkretes, was sie quälte, nur ein unbestimmtes Gefühl der Leere.

Als sie hörte, wie auf dem Nachbarbalkon die Tür aufgeschoben wurde, verschlechterte sich ihre Laune noch. Nicht einmal hier war sie ungestört. Die Balkone waren zwar durch eine Mauer getrennt, doch falls die beiden beschließen sollten, ihre gymnastischen Übungen nach draußen zu verlegen, würde sie notgedrungen wieder alles mitbekommen. Sie wappnete sich gegen noch mehr Liebesgestöhne.

Stattdessen drang das schrille Lachen der Frau an ihr Ohr. „Unglaublich, dass deine schwachköpfige Nachbarin extra gekommen ist, um sich zu beschweren, dass sie uns beim Sex gehört hat. Wie unverschämt!“

Brewer lachte kurz. „Wohl eher prüde.“

Heiße Röte schoss Jane in die Wangen, und sie drückte sich tiefer in ihren Stuhl.

„Vielleicht solltest du dir eine andere Wohnung suchen“, schlug die Frau vor. Gleich darauf kicherte sie. „Sonst werden wir sie noch verrückt machen. Und dann wird sie dir auf die Nerven fallen.“

„Warum sollte ich wieder ausziehen?“, fragte Brewer. „Nur weil ich das Pech hatte, neben einer kleinen grauen Maus einzuziehen, die wahrscheinlich noch nie guten Sex hatte und nichts Besseres zu tun hat, als andere Leute dabei zu belauschen?“

Jane atmete tief ein. Sie spürte einen heftigen Schmerz in der Brust und fühlte sich zutiefst gedemütigt. Wurde sie etwa so von anderen Menschen gesehen? Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und Tränen schossen ihr in die Augen. Hastig stand sie auf. Dabei entglitt ihr das Weinglas, aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern floh geradezu in ihre Wohnung.

Perry hörte Glas auf der anderen Seite der Balkonmauer zerspringen und zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass seine Nachbarin – Jane – wahrscheinlich draußen gesessen und seine Bemerkungen gehört hatte. Verdammt.

„Was war das?“, fragte Kayla.

„Nichts“, erwiderte er und trank sein Bier aus. Er kam sich vor wie ein Schuft. „Vielleicht solltest du jetzt lieber gehen. Ich muss früh am Gericht sein, und ich habe noch ein paar Akten durchzuarbeiten.“

Kayla schmollte. „Okay. Wann sehe ich dich wieder?“

„Bald“, versprach er und führte sie durch die Wohnung zur Tür, wo er sich mit einem flüchtigen Kuss von ihr verabschiedete und ihr nachwinkte.

Als sie fort war, schaute er zur Tür nebenan und überlegte, ob er sich bei seiner Nachbarin entschuldigen sollte, und vor allem, wie er sich überhaupt dafür entschuldigen könnte, dass er sie eine … Er zuckte erneut zusammen, als er sich erinnerte, wie er sie genannt hatte.

Eine kleine graue Maus, die wahrscheinlich noch nie guten Sex hatte.

Perry war über sich selbst entsetzt, denn egal wie unscheinbar eine Frau auch sein mochte, diese Art von Demütigung hatte sie nicht verdient. Seine Mutter hatte ihn eigentlich besser erzogen.

Perry rieb sich das Kinn und schwor sich, einen Weg zu finden, um Jane – wie auch immer sie mit Nachnamen heißen mochte – zu entschädigen. Irgendwie.

2. KAPITEL

Als Jane am nächsten Morgen in den Korridor trat und ihre Mülltüte abstellte, damit sie die Wohnungstür abschließen konnte, musste sie blinzeln, um sich durch die dunkle Sonnenbrille auf das Schloss konzentrieren zu können. Die Tarnung war lächerlich, aber notwendig, um ihre verquollenen Augen zu verstecken. Ihr neuer Nachbar und seine Freundin würden sicher herzlich lachen, wenn sie wüssten, dass ihre beiläufigen Bemerkungen über sie und ihr trauriges Leben ihr eine schlaflose Nacht beschert hatten, in der sie in ihr Kissen geweint hatte. Doch vermutlich war sie so uninteressant, dass die beiden sich nicht einmal erinnerten, was sie über sie gesagt hatten.

Während sie fahrig mit dem Schlüssel hantierte, ging zu ihrem Schrecken die Tür der Nachbarwohnung auf. Jane schaute nicht hoch, sondern stach einfach weiter auf das Schlüsselloch ein. Dabei fühlte sie, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Guten Morgen“, grüßte Perry.

„Morgen“, murmelte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.

„Probleme?“

„Nein.“ Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, das Zittern ihrer Hand zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht.

Plötzlich schloss sich eine große Hand sanft um ihre. „Lassen Sie mich mal.“

Jane verkrampfte sich, überließ ihm jedoch den Schlüssel und trat einen Schritt zurück, um sich seiner Berührung zu entziehen. Unauffällig sah sie sich nach seiner Freundin um, aber Perry war allein. Heute trug er einen Anzug und hatte eine Aktentasche dabei, die er neben ihre Mülltüte auf den Fußboden gestellt hatte.

Der Bolzen des Schlosses klickte. Perry wandte sich zu ihr um und reichte ihr lächelnd den Schlüssel.

„Danke“, sagte sie.

„Hey, kein Wunder, dass Sie nichts sehen konnten“, meinte er lachend. „Wozu die Sonnenbrille?“

Und bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er ihr die Brille abgenommen. Sie blinzelte im plötzlich grellen Licht und riss ihm die Brille aus der Hand, peinlich berührt, weil er nun ihre geschwollenen, rot geränderten Augen sehen konnte. Wenn er sie am Tag zuvor unscheinbar gefunden hatte, dann musste sie ihm jetzt geradezu hässlich erscheinen.

Sie sah ihn erbleichen, bevor sie ihre Augen wieder hinter den dunklen Gläsern versteckte. „Ich habe eine Allergie“, erklärte sie ausweichend und griff nach der Mülltüte.

„Das nehme ich.“ Perry kam ihr zuvor und hob die Tüte hoch. „Bei der Gelegenheit können Sie mir gleich zeigen, wo ich meinen Abfall entsorge.“

Jane antwortete nicht, nickte nur und ging den Korridor hinunter zum Müllschlucker. „Hier“, sagte sie knapp und deutete auf die Klappe. „Einen schönen Tag noch.“

Sie schlug die Richtung zur Treppe ein, weil sie dachte, Perry würde den Fahrstuhl nehmen. Stattdessen folgte er ihr, nachdem er den Müll beseitigt hatte.

„Hey, es tut mir leid wegen des Lärms gestern Abend“, fing er an. „Mir war nicht bewusst, dass die Wände so dünn sind.“

Sie reagierte nicht, denn sie kannte den Typ Perry Brewer. Er würde sie mit ein paar Nettigkeiten umschmeicheln und sie dann bitten, eine Möbellieferung für ihn in Empfang zu nehmen. Jane ging schneller und schaffte es, die Tiefgarage vor ihm zu erreichen.

„Ich weiß noch gar nicht Ihren Nachnamen“, rief er einige Schritte hinter ihr.

Sie verdrehte die Augen – als ob er sich noch an ihren Vornamen erinnern würde.

Perry beschleunigte seine Schritte, holte sie ein und lächelte sie freundlich an. „Kommen Sie, wir sind Nachbarn. Ich sollte Ihren Nachnamen kennen.“

„Kurtz. Auf Wiedersehen.“ Jane eilte an ihrem nun leeren Stellplatz vorbei zum Parkbereich für Besucher. Sie war erleichtert, Perry endlich zu entkommen. Allerdings spürte sie seinen Blick in ihrem Rücken und konnte sich vorstellen, wie er ihre weite Baumwollhose, das gelbe Poloshirt, die schwarzen Sneakers und ihren Pferdeschwanz kritisch musterte. War er fasziniert, weil sie in seinen Augen ein Exemplar einer besonders merkwürdigen Spezies darstellte?

Als sie ihren Wagen erreichte, stöhnte sie auf. Eine ziemlich große Delle, offensichtlich von einem anderen Auto, das längst fort war, verunstaltete die Tür auf der Fahrerseite. Sie nahm die dunkle Brille ab und bückte sich, um mit der Hand über die Beule zu streichen – ihr Honda war zwar alt, aber sie versuchte, ihn gut in Schuss zu halten. Zu allem Überfluss entdeckte sie dann auch noch, dass ein Hinterreifen platt war, weil ein Nagel darin steckte. Eine Handvoll weiterer Nägel lag hinter ihrem Wagen verstreut. Wahrscheinlich hatte ein Handwerker, der ebenfalls im Besucherbereich geparkt hatte, sie verloren.

Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Jane kämpfte gegen Tränen an. Sie hatte verschlafen, weil sie erst gegen Morgen eingeschlafen war, und würde sich deshalb ohnehin schon bei der Arbeit verspäten.

Ein Auto nahte langsam heran. Jane drehte sich um und erkannte den schwarzen Geländewagen. Perry lehnte sich zur heruntergelassenen Scheibe auf der Beifahrerseite. „Kann ich Sie mitnehmen?“

Sie wischte sich über die Augen und setzte die Sonnenbrille wieder auf. „Nein, ich werde eine Werkstatt anrufen.“

„Das kann lange dauern, bis die jemanden schicken. Ich könnte Sie fahren, wohin Sie auch müssen.“

Sie rieb sich die Schläfen – sie wollte einfach nur, dass dieser gemeine Mensch verschwand.

„Ich fühle mich für Ihr Malheur verantwortlich“, rief er, dann öffnete er von innen die Tür auf der Beifahrerseite. „Nun steigen Sie schon ein.“

Nach kurzem Zögern sagte sich Jane, dass es das Mindeste war, was er für sie tun konnte, da seine Freundin sie letztlich in diese missliche Lage gebracht hatte.

Sie nahm seine ausgestreckte Hand, um in den Wagen zu steigen. Seine Finger schlossen sich warm und kräftig um ihre. Sobald sie saß, zog sie ihre Hand aus seiner und rückte so weit wie möglich von ihm ab, wobei sie den Sicherheitsgurt anlegte. Perry lächelte sie mit übertriebener Höflichkeit an wie jemand, der etwas gutzumachen hatte. Selbst durch die dunklen Gläser fiel ihr auf, dass er im Anzug noch attraktiver war als halb nackt. Und sie war überrascht, dass der „böse Junge“ einen richtigen Beruf zu haben schien.

„Wohin kann ich Sie bringen?“, fragte er.

Jane löste ihren Blick von ihm, schaute geradeaus und nannte ihm die Adresse.

„Dort befindet sich ein Fernsehsender, nicht wahr?“

Sie nickte.

„Was machen Sie da?“

Jane wand sich. Sie hatte keine Lust, dem Mann Munition zu liefern, die er gegen sie verwenden könnte.

„Ich arbeite für eine lokale Talkshow.“

„Wie heißt sie?“

„‚Just Between Us‘.“

„Hey, die Sendung kenne ich. Die Moderatorin sieht toll aus.“

„Eve Best. Ja, sie ist schön.“ Jane starrte aus dem Fenster, während ihr durch den Kopf ging, wie er sie beschrieben hatte. Kleine graue Maus … kleine graue Maus … kleine graue Maus … Sie drückte sich noch näher an die Tür.

„Klingt nach einem interessanten Job“, meinte Perry, doch Jane ging nicht auf seine Bemerkung ein. Das Schweigen zog sich peinlich in die Länge.

Sein Handy klingelte, und er bat um Entschuldigung, bevor er die Freisprechanlage aktivierte. „Perry Brewer.“

„Sie sind spät dran“, warf ihm eine weibliche Stimme vor.

„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen, Theresa. Ich bin unterwegs.“

„Sie müssen in dreißig Minuten am Gericht sein. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, was von dieser Anhörung abhängt, Perry.“

„Nein, Theresa, das brauchen Sie nicht“, erwiderte er ernst.

„Viel Glück. Rufen Sie mich bitte gleich danach an.“

„Mach ich.“ Er beendete das Gespräch und warf Jane einen kurzen Blick zu. „Tut mir leid.“

„Kein Problem“, sagte sie. „Aber Sie scheinen sich meinetwegen zu verspäten. Sie können mich hier absetzen, und ich nehme mir ein Taxi.“

„Nicht nötig“, entgegnete er leichthin. „Wir sind ja schon fast da.“

Wieder dehnte sich das Schweigen zwischen ihnen aus, und Jane begann sich allmählich unwohl zu fühlen, weil sie sich nicht für seinen Versuch, eine höfliche Unterhaltung zu führen, revanchierte. „Sie sind also Anwalt?“

Perry lächelte. „Das steht zumindest auf meiner Visitenkarte.“

„Und Sie haben heute einen wichtigen Fall?“

„Wichtiger als die meisten.“

Jane stellte sich ihn im Gerichtssaal vor und vermutete, dass er seine Sache gut machte. Schließlich war er charmant und überzeugend. Und er hatte mehrere Gesichter.

Da sie den Punkt Smalltalk nun als erledigt betrachtete, konzentrierte sie sich stur auf das Heck des Wagens vor ihnen, hantierte am Riemen ihrer Umhängetasche und verriet durch andere fahrige Gesten, dass sie nervös war. Sie fühlte sich an diesem Morgen besonders unwohl wegen ihres Aussehens, und der attraktive Mann neben ihr verstärkte ihre Komplexe noch. Im Vergleich zu seiner ultrafemininen Freundin kam sie sich wie ein Junge vor.

Und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Perry beobachtete aus den Augenwinkeln, wie die schlanke Frau neben ihm sich wand und so weit wie möglich von ihm abrückte. Er fühlte sich unbehaglich. Der Anblick ihrer verquollenen Augen war wie ein Schlag in seine Magengrube gewesen – man brauchte nicht besonders intelligent zu sein, um sich vorstellen zu können, dass seine unüberlegten Worte vom Abend zuvor sie verletzt und zum Weinen gebracht hatten.

Er umklammerte das Steuer fester, während er von Gewissensbissen geplagt wurde. Entschuldigungen kamen ihm in den Sinn, aber er hatte das Gefühl, dass er alles nur noch schlimmer machen würde, wenn er das Thema anschnitte. Trotzdem, er musste sein schlechtes Benehmen wiedergutmachen.

„Hören Sie … Jane“, begann er, seine Worte mit Bedacht wählend. „Ich habe manchmal eine große Klappe, und ich glaube, dass Sie gestern Abend eine Bemerkung von mir aufgeschnappt haben, die … taktlos war.“

Sie sagte nichts, doch an der Art, wie sie sich verkrampfte, merkte Perry, dass er recht hatte. Sie hatte ihn gehört, und ihre rot geränderten Augen hatten nichts mit irgendeiner Allergie zu tun.

„Es tut mir leid“, sagte er leise.

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen“, erwiderte sie rasch und zog dabei am Riemen ihrer Tasche. „Sie haben ein Recht auf Ihre eigene Meinung.“

„Aber ich habe es nicht so gemeint. Ich war schlecht gelaunt und hatte zu viel getrunken.“

Sie schenkte ihm ein halbherziges Lächeln. „Es ist okay, Mr. Brewer. Ich habe einen Spiegel. Ich weiß, dass ich nicht … aufregend bin.“

Die Resignation in ihrer Stimme versetzte ihm einen Stich. „Jane …“

„In dem Gebäude da an der Ecke arbeite ich. Ich steige hier aus.“

„Ich fahre Sie zum Eingang“, sagte Perry, doch weil er gerade anhalten musste, stieß sie schon die Beifahrertür auf und schwang sich auf den Bürgersteig.

„Soll ich Sie von der Arbeit abholen?“, rief er eifrig und fand es selbst sonderbar, dass er unbedingt etwas für sie tun wollte.

„Nein danke. Viel Glück vor Gericht.“ Jane warf die Tür zu und lief die letzten Schritte zu Fuß.

Er schaute ihr nach, wie sie mit wippendem Pferdeschwanz davoneilte. Mit der großen Schultertasche und der lässigen Kleidung wirkte sie fast wie eine Schülerin, jung – und allein. Und sie hatte ihm Glück gewünscht. Trotz allem, was er über sie gesagt hatte, hatte sie versucht, nett zu sein.

Gab es solche Menschen wirklich noch auf dieser Welt?

Eine Hupe ertönte hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Er trat aufs Gaspedal und ermahnte sich zur Konzentration. Gleich wurde der wichtigste Fall seiner Karriere verhandelt. Dennoch konnte er auf dem Weg zum Gericht nur an die junge Frau denken, die er mit seinen achtlosen Worten verletzt hatte. Und er erkannte plötzlich, dass er Jane Kurtz gern näher kennenlernen würde, wenn er sie nur davon überzeugen könnte, das zuzulassen.

Jane brannten vor Scham die Wangen, als sie an ihren Arbeitsplatz eilte. Sie wusste nicht, was schlimmer war – zu wissen, was Perry über sie gesagt hatte, oder zu wissen, dass er wusste, dass sie es wusste.

Und dass er wusste, dass seine Worte sie verletzt hatten.

Eins war gewiss, erkannte Jane, als sie in der Maske die Sonnenbrille abnahm und ihre roten, geschwollenen Augen im Spiegel betrachtete. Sie musste zu einem guten Concealer greifen, oder sie würde den ganzen Tag damit zu tun haben, die neugierigen Fragen ihrer Kollegen abzuwehren.

Also setzte sie sich vor den beleuchteten Spiegel und begann zum ersten Mal seit langer Zeit etwas von ihren Fähigkeiten bei ihrem eigenen Gesicht anzuwenden. Routiniert tauchte sie ein Schwämmchen in einen Tiegel mit Make-up, das eine Nuance heller als ihr Hautton war, und machte sich daran, die Spuren der Tränen der letzten Nacht zu verwischen. Wenn es doch nur ebenso einfach wäre, den Schaden zu beheben, den Perry mit seinem abfälligen Kommentar in ihrer Seele angerichtet hatte. Seine Entschuldigung hatte das Messer nur noch tiefer in sie hineingerammt.

Schlimmer war, dass sie selbst nicht begriff, warum sie in letzter Zeit so dünnhäutig war. Was war die Ursache für ihre innere Unruhe? War es die Angst, dazu verdammt zu sein, von allen ignoriert zu werden? Bis in alle Ewigkeit allein zu bleiben?

Das Erscheinen ihrer Freundin Eve Best, die täglich von ihr für die Sendung geschminkt wurde, beendete Janes Grübeleien. „Guten Morgen!“

Eve war der fröhlichste Mensch, den Jane kannte – schon in ihrer Nähe zu sein bewirkte, dass sie sich besser fühlte. „Guten Morgen, Eve.“

„Bist du bereit für mich?“

„Sicher.“ Jane stand auf und deutete auf den freien Stuhl.

„Wie war der Abend mit deiner Fernbedienung?“, erkundigte sich Eve scherzhaft, während sie sich hinsetzte.

„Gestört“, antwortete Jane und hängte Eve einen Papierumhang um. „Mein neuer Nachbar ist so laut, dass er mir den ganzen Abend verdorben hat.“

„Er?“, hakte Eve lächelnd nach. „Hast du ihn gesehen?“

„Ja. Einmal, um ihm zu sagen, dass seine Freundin mit ihrem Wagen meinen Parkplatz blockiert hatte, und einmal, um ihn zu bitten, leiser zu sein. Und weil ich heute Morgen einen platten Reifen hatte, hat er mich hier abgesetzt.“

Eve zog die Augenbrauen hoch. „Ist er nett?“

Jane zuckte mit den Schultern. „Schon möglich. Aber er ist auch ein Idiot.“

„Na, so ein Idiot kann er nicht sein, wenn er dich zur Arbeit gefahren hat.“

Jane wich Eves prüfendem Blick aus und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Wie war die Einschaltquote gestern?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Eve musterte sie mit einem leichten Stirnrunzeln, dann meinte sie: „Besser als je zuvor. Ich muss heute mindestens genauso gut sein, um die Zuschauer zu halten, die wir gestern dazugekriegt haben.“

„Du wirst es schon machen“, sagte Jane, um ihre Freundin, die ihr besorgt schien, zu beruhigen.

Eve lächelte sie im Spiegel an. „Danke. Doch in letzter Zeit frage ich mich oft, warum ich das alles tue.“ Sie seufzte theatralisch. „Mein Leben wäre um so vieles leichter, wenn ich bloß in der Lotterie gewinnen könnte.“

Jane lachte. „Meins auch.“ Sie checkte das Datum auf ihrer Armbanduhr. „Hey, vielleicht haben wir heute Glück.“ Sie trug eine Schicht Airbrush-Make-up auf Eves hübsches Gesicht auf, aber an diesem Morgen war sie nicht ganz so konzentriert wie sonst. Immer wieder blinzelte sie. Ihre müden Augen brannten. Mehr als einmal musste sie den Zerstäuber ausschalten und Fehler manuell korrigieren.

„Bist du okay?“, fragte Eve forschend. „Du siehst erschöpft aus.“

„Ich … ich habe letzte Nacht nicht gut geschlafen.“

„Schon wieder dein Nachbar?“

Jane nickte nur, ersparte ihrer Freundin allerdings die schmutzigen Details.

„Hört sich nach einem interessanten Typ an“, meinte Eve lauernd.

Jane antwortete nicht. Sie musste sich eingestehen, dass sie ein paar der Tränen letzte Nacht auch deshalb vergossen hatte, weil Perry Brewer mit seiner Einschätzung von ihr richtig lag. Nicht nur, dass sie wirklich eine kleine graue Maus war, es hatte auch einen Nerv in ihr getroffen, als sie ihn beim Liebesspiel mit seiner Freundin belauscht hatte – kein Mann hatte ihr je diese Art von körperlicher Befriedigung geschenkt.

Perry hatte vollkommen recht. Sie hatte noch nie in ihrem Leben guten Sex gehabt.

„Äh … Jane? Seit wann benutzt du grünes Rouge?“

Jane starrte erschrocken auf ihr schauriges Werk. „Es tut mir leid! Ich bringe es sofort in Ordnung.“

„Dein neuer Nachbar hat dich ja ganz schön durcheinandergebracht“, stellte Eve fest.

„Ein paar Ohrstöpsel, und es kommt nicht wieder vor“, murmelte Jane und konzentrierte sich auf Eves Make-up. Geschickt schminkte sie Augen, Wangen und den Mund. Als sie fertig war, stylte sie Eves fülliges Haar, während sie über die Show dieses Tages sprachen.

„Ich hoffe nur, dass das Thema ‚Lass dein wildes Ich heraus‘ genügend Zuschauer anspricht“, sagte Eve trocken. „Es klingt ein bisschen nach sexuellem Exorzismus.“

Jane lachte und entfernte den Papierumhang. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete Eves türkisfarbene Bluse. „Ich habe eine Kette, die toll zu dem Outfit passen würde.“ Sie holte eine massive Silberkette mit Türkisen aus der Requisite und legte sie Eve um den Hals. Eve berührte die Steine und nickte anerkennend. „Das ist perfekt. Du hast ein gutes Auge für solche Sachen, Jane.“

Jane lächelte. „Dafür bezahlst du mich schließlich.“

Ein Produktionsassistent erschien in der Tür. „Bette Valentine ist da.“

Eve schaute zu Jane hoch. „Heute wirst du dir deinen Gehaltscheck schwer verdienen müssen.“

Die beiden Frauen lachten, dann erhob Eve sich seufzend. „Wir sehen uns später.“

„Okay“, sagte Jane und unterdrückte ein Gähnen.

Sie war gerade fertig damit, den Schminkbereich aufzuräumen, da segelte schon Bette Valentine in einem für sie typischen wallenden Kleid in den Raum, mit grellem Make-up, klimpernden Ohrringen und hochtoupiertem roten Haar.

„Hallo, hallo“, grüßte die Frau mittleren Alters in einem fröhlichen Singsang.

„Hallo, Miss Valentine“, sagte Jane und hoffte, dass ihr Lächeln zuversichtlicher wirkte, als sie sich fühlte. „Ich bin Jane.“

„Ich erinnere mich noch vom letzten Mal an Sie“, erwiderte Bette freundlich. „Obwohl ich mir nicht sicher bin, warum man mich zu Ihnen geschickt hat. Ich habe mich schon selbst geschminkt.“

„Ich frische Ihr Make-up nur ein wenig auf“, erklärte Jane beruhigend und deutete auf den Stuhl. „Sie möchten unter all den Scheinwerfern sicher nicht glänzen.“

Bette setzte sich, und ihre Armbänder klirrten dabei.

„Miss Valentine, Sie möchten doch sicher störenden Schmuck ablegen. Ihr Mikrofon würde die Geräusche verstärken, und unsere Zuschauer würden Sie nur schlecht verstehen können.“

„Oh? Das wollen wir natürlich nicht riskieren“, räumte Bette ein.

„Und ich glaube, ich habe eine Lidschattenfarbe, die Ihre wunderschönen grünen Augen noch besser zur Geltung bringen würde.“

Mit einem Kompliment nach dem anderen gelang es Jane, Bettes grelles Make-up abzumildern und die Frisur zu verschönern. Sie fand sogar einen silberfarbenen Flechtgürtel für das voluminöse Kleid.

„Das sieht gut aus“, stimmte Bette mit einem wohlwollenden Nicken zu. Dann musterte sie Jane. „Sie sind ziemlich hübsch, wissen Sie.“

Jane errötete, und in ihrem Kopf hörte sie wieder das harte Urteil ihres Nachbarn. „Nein, das bin ich nicht.“

Bette Valentine lachte und ergriff Janes Hände. „Meine Liebe, Sie sind genau der Typ Frau, den ich heute Abend ansprechen möchte. Sie müssen Ihr inneres wildes Ich herauslassen.“

Jane wurde verlegen. „Ich habe kein … ich meine, ich bin nicht …“

„Gibt es einen Mann in Ihrem Leben, Jane?“

„Nein, aber …“

„Das liegt daran, dass Sie die Leidenschaft, die tief in Ihnen steckt, nicht ausleben.“

Jane wand sich. Dieses esoterische Gerede machte sie nervös.

Bette drückte Jane fest die Hände. „Sie haben ein Geheimnis. Sie verbergen sich hinter Ihrer schlichten Kleidung und dem Pferdeschwanz, weil Sie Angst haben, den Männern Ihr wahres, wildes Ich zu zeigen, obwohl Sie es eigentlich möchten. Zugleich langweilen Sie sich mit den Männern, die Ihre Sehnsucht nicht erkennen.“

Jane wollte protestieren, doch Bette schaute ihr so intensiv in die Augen, dass sie für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl hatte, die Frau schaute ihr bis tief in die Seele und konnte etwas sehen, das nicht einmal ihr selbst bewusst war.

„Es steckt tief in Ihnen“, fuhr Bette fort und tippte Jane leicht auf die Brust. „Sie müssen den Mut finden, Ihr wildes Ich herauszulassen.“

Janes Herz klopfte wild. Sie konnte nicht sprechen, ja sie hätte auch nicht gewusst, was sie hätte sagen sollen. Aus irgendeinem Grund reizten die Worte der Frau sie zum Lachen – und zum Weinen. Es war so, als hätte Bette den Finger direkt auf ihre Wunde gelegt. Sie sprach genau das aus, wovor Jane sich am meisten fürchtete, dass sie, Jane, dazu verdammt war, die Frau zu sein, an deren Namen sich niemand erinnern konnte.

„Miss Valentine“, rief ein Assistent an der Tür. „Sie sind in fünf Minuten dran.“

Bette drückte Jane noch einmal die Hand. „Heute spreche ich für Sie, Honey.“

Jane starrte der extravaganten Frau aufgewühlt nach und schob ihre Empfindsamkeit teilweise auf ihren Mangel an Schlaf. Aber sie schaltete den Monitor ein, und während sie ihre Geräte und Schminktöpfchen reinigte, verfolgte sie die Sendung mit größerer Aufmerksamkeit als sonst.

Eve stellte Bette Valentine unter großem Applaus vor – die schillernde Persönlichkeit war ein beliebter Gast der Talkshow. „Erklären Sie uns heute bitte, was Sie damit meinen, wenn Sie sagen, dass Frauen ihr inneres wildes Ich herauslassen sollen.“

Bettes Stimme klang hypnotisch, und sie unterstrich wichtige Punkte mit eleganten Handbewegungen. „Frauen werden von Kind auf an dazu erzogen, Verhalten zu unterdrücken, das undamenhaft oder zu aggressiv wirken könnte, vor allem wenn es um Sex geht. Manche Frauen verinnerlichen diese Verhaltensweisen und werden extrem schüchtern, doch insgeheim sehnen sie sich danach, auszubrechen.“

„Und das sind Frauen, die wir kennen?“, fragte Eve.

„Auf jeden Fall. Manchmal sind es Frauen, von denen man es am wenigsten erwarten würde. Die Fassade, die sie der Welt zeigen, ist die Gehorsamkeit, ja manchmal sogar die Unterwürfigkeit eines braven Mädchens. Sie tun das, was jeder um sie herum von ihnen erwartet.“ Bette beugte sich beschwörend vor. „Aber diese Frauen haben ein Geheimnis. Tief im Innern sind sie unglücklich, weil sie das Verlangen unterdrücken, manchmal etwas Verrücktes zu tun, oder etwas völlig Unerwartetes, um sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass mehr in ihnen steckt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.“

Jane erstarrte. Die Worte durchdrangen messerscharf den unsichtbaren Schild, den sie über ihr Herz gehalten hatte.

Bette schaute in die Kamera, und Jane hatte das Gefühl, als spräche die Frau direkt zu ihr. „Denken Sie daran, es ist besser, mit Zurückweisung zu leben als mit Reue. Sie sind es sich selbst schuldig, authentisch zu sein.“

„Viele Frauen sind glücklich, auch wenn sie zurückhaltend sind“, wandte Eve ein.

„Ich rede nicht von den Frauen, die ehrlich zufrieden mit ihrem Leben sind“, erwiderte Bette. „Ich rede von der Frau, die traurig ist, einsam und unruhig.“

Jane schluckte schwer. Sie fühlte sich direkt getroffen, denn sie spürte diese Anspannung in sich, seit James sie fallen gelassen hatte. War es ihr inneres Ich, das ihr zu sagen versuchte, dass sie Besseres verdiente? Hatte sie nur deshalb ihren Seelenverwandten noch nicht gefunden, weil sie der Welt ein falsches Bild von sich zeigte?

„Okay“, meinte Eve, „nehmen wir an, ein paar von unseren Zuschauerinnen denken jetzt: ‚Ja, das bin ich.‘ Was können diese Frauen tun, um ihr inneres wildes Ich herauszulassen?“

„Der Prozess ist bei jeder Frau anders. Manchmal genügt es schon, sich selbst einfach nur die Erlaubnis dazu zu geben. Manchmal erfordert es drastischere Maßnahmen, wie eine optische Veränderung oder einen Tapetenwechsel.“

Ein Tapetenwechsel. Jane fühlte sich wie elektrisiert. Genau das brauchte sie. Einen Ort, an dem sie anonym mit dieser Theorie vom wilden Ich experimentieren könnte, sicher vor den neugierigen Blicken ihrer Bekannten, die über sie tuscheln würden. Einen Wochenendausflug, weit weg von Atlanta.

Ihr Herz klopfte vor Aufregung, doch ihr praktischer Verstand machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Reparatur am Auto, ein neuer Reifen … Ihre Finanzlage war schon angespannt genug. Sie presste die Lippen zusammen, als ihre Wut auf Perry Brewer erneut hochkam, dann seufzte sie resigniert.

Die Vernunft siegte.

Jane machte den Fernseher leiser, griff zum Telefon und dem Branchenbuch und verschob bedauernd ihren Plan, ihr wildes Ich herauszulassen, bis sie etwas Geld gespart hätte. Vielleicht nächsten Monat. Oder nächstes Jahr …

3. KAPITEL

„Nun, wie ist der Prozess ausgegangen?“, fragte Theresa am Telefon.

„Ich habe ein gutes Gefühl“, sagte Perry vorsichtig zu seiner langjährigen Büroleiterin. „Aber der Richter hat die Urteilsverkündung auf nächste Woche vertagt.“

„Perry, ich glaube nicht, dass wir noch so lange durchhalten können. Unsere Gläubiger sitzen mir im Nacken.“

„Was ist mit dem Geld aus dem Verkauf meines Hauses?“

„Das haben wir bereits verbraucht.“

Perry kniff sich in die Nasenwurzel, um die drohenden Kopfschmerzen abzuwehren. „Versuchen Sie bitte, sie noch ein paar Tage länger zu vertrösten, Theresa. Wenn der Richter zu unseren Gunsten entscheidet und Deartmond Industries zahlen muss, dann schwimmen wir wieder oben.“

„Sie meinen, falls der Richter zu unseren Gunsten entscheidet. Ich finde es ja großartig, dass Sie diesen Fall ehrenhalber übernommen haben, doch er hat Sie so viel Zeit gekostet, dass unsere Einkünfte inzwischen versiegt sind. Wenn Sie den Prozess verlieren oder die Entschädigungssumme nicht spektakulär ausfällt, werden wir die Kanzlei schließen müssen.“ Sie holte tief Luft. „Vielleicht sollten Sie überlegen, den Vergleich anzunehmen.“

Perry presste die Lippen zusammen. „Der Vergleich ist eine Beleidigung für meinen Klienten. Und außerdem liegt das Angebot nicht mehr auf dem Tisch.“

„Dieser Edelmut steht Ihnen gut, Perry, aber es war leichter, die Rechnungen zu bezahlen, als Sie noch Krankenwagen hinterherjagten, um Unfallopfer als Klienten zu gewinnen.“

Er lachte. „Seien Sie ruhig etwas zuversichtlicher. Ich werde einen Weg finden, unsere Gläubiger zu befriedigen.“

Theresa seufzte. „Wann kommen Sie ins Büro? Sie haben ungefähr hundert Anrufe zu beantworten.“

„Ich werde nach dem Lunch dort sein. Ich muss erst noch nach Hause.“

„Und wie lebt es sich als Wohnungseigentümer?“

Perry runzelte die Stirn. „Anscheinend sind die Wände sehr dünn. Ich trauere meinem Haus nach.“

„Gewinnen Sie den Prozess, und Sie können wieder umziehen“, erklärte Theresa lapidar.

Perry zog die Augenbrauen hoch. „Dabei fällt mir ein, würden Sie bitte Informationen über eine Frau namens Jane Kurtz sammeln? Sie ist meine Nachbarin.“

„Möchten Sie bei ihr landen?“, fragte Theresa direkt.

„Nein“, versicherte er ihr. Obwohl die Vorstellung seltsamerweise nicht ganz abwegig war.

„Okay, ich muss jetzt Schluss machen, damit ich einen Pakt mit dem Teufel schließen kann“, meinte Theresa. „Irgendwie muss ich ja verhindern, dass nächste Woche die Lichter bei uns ausgehen.“

„Sie sind die Beste“, sagte Perry.

„Ja, das bin ich“, stimmte sie zu und legte auf.

Er schaltete die Freisprechanlage ab, atmete tief aus und löste seine Krawatte. Der Fall Kendall zog sich bereits achtzehn Monate länger hin, als er erwartet hatte. Perry hatte dafür andere Mandanten abgelehnt und inzwischen sämtliche finanziellen Reserven aufgebraucht, die er besessen hatte. Aber er hoffte, dass sein Einsatz sich lohnen würde. Thomas Kendall war als Sicherheitsbeauftragter beim Chemiefabrikanten Deartmond Industries über zwei Jahrzehnte lang gefährlichen Emissionen ausgesetzt gewesen, denn sein kleines Büro hatte sich in unmittelbarer Nähe des Abgassystems befunden. Als er sein Lungenleiden, das er sich offenbar dabei zugezogen hatte, als Berufskrankheit geltend machen wollte, war er kurzerhand entlassen worden.

Perry war nach wie vor davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Er hoffte nur, dass er am Ende nicht wegen seiner Prinzipientreue Bankrott anmelden musste. Der Fall Kendall bedeutete für ihn alles oder nichts – wenn sie gewännen und wenn die Entschädigung so hoch ausfiele, wie Perry es für angemessen hielt, dann könnte Thomas Kendall sich eine Lungentransplantation leisten, und er und seine Familie hätten für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Und mit seiner Kanzlei würde es auch wieder aufwärts gehen. Aber wenn sie verlören oder wenn das Schmerzensgeld vielleicht sogar noch geringer wäre als die lächerliche Summe, die das Unternehmen als Vergleich angeboten hatte, dann wäre die Kanzlei ruiniert – und das Leben seines Klienten auch.

Vielleicht hatte Theresa recht, und er sollte wieder versuchen, Unfallopfer als Klienten zu ködern, statt sich mit den Großen und Mächtigen anzulegen, denn keine gute Tat blieb ungestraft. Das jedenfalls pflegte seine Großmutter immer zu sagen.

Als er sich seinem Wohnblock näherte, schweiften seine Gedanken von diesen Problemen ab zu einem noch drängenderen Problem – Jane Kurtz. Er war sich nicht sicher, warum sie ihm immer noch im Kopf herumschwirrte. Schließlich hatte er sich für seine verletzende Bemerkung bei ihr entschuldigt.

Perry runzelte die Stirn. Anstatt wütend oder beleidigt zu sein, hatte Jane sich so verhalten, als ob sie es nicht anders verdiente. Ich habe einen Spiegel. Ich weiß, dass ich nicht aufregend bin. Und dabei war sie nicht auf Komplimente aus gewesen – sie hatte sehr sachlich geklungen.

Anscheinend war sie schon in dem Bewusstsein aufgewachsen, nicht so hübsch wie andere Mädchen zu sein. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, dass er zu den Menschen gehörte, die diesen Eindruck, den sie selbst von sich hatte, noch verstärkten.

Beim Einfahren in die Tiefgarage schaute er zu den Besucherparkplätzen und zuckte zusammen, als er Jane neben ihrem Auto auf dem Bauch liegen sah. Sie versuchte, einen Wagenheber unter den Holm zu schieben, um den Reifen zu wechseln. Perry lenkte seinen Wagen auf den nächsten freien Platz und stieg aus. Sie drehte sich zu ihm um, als er auf sie zuging.

„Ich dachte, Sie wollten eine Werkstatt anrufen“, sagte er.

Jane konzentrierte sich wieder auf ihre Arbeit. „Das habe ich auch getan, aber die verlangte ein Vermögen, und das ist in meinem Budget diesen Monat nicht mehr drin. Ich habe schon ein paar Mal einen Reifenwechsel gemacht. Es ist gar nicht so schwer.“

Perry hörte nur halb hin. Er war abgelenkt vom Anblick ihres wohlgeformten Pos, den sie unbewusst herausstreckte, während sie sich weiter mit dem Wagenheber abmühte. Wow, die unscheinbare Jane Kurtz verbarg interessante Rundungen unter ihrer jungenhaften Kleidung.

Er krempelte die Ärmel auf und hockte sich neben sie auf den Boden. „Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

„Ich kann das allein“, erwiderte sie gereizt.

Wahrscheinlich war sie sich nicht bewusst, dass sie einen Streifen Schmiere auf der Nase hatte. Perry unterdrückte ein Grinsen. „Ich bin sicher, dass Sie das können“, meinte er gelassen, „doch ich kann es schneller. Und außerdem würde es mein Gewissen beruhigen wegen des ganzen Ärgers um den Parkplatz.“

Jane zögerte.

„Bitte“, fügte er hinzu.

Schließlich nickte sie kurz und stand auf. Perry brachte den Wagenheber in Position, dann sah er sich nach dem Schraubenschlüssel um.

„Ich habe die Muttern schon gelöst“, erklärte Jane.

Er nickte anerkennend. Demnach verstand sie etwas von dem, was sie tat. Er bediente den Wagenheber mit dem Fuß, bis sich das Hinterrad etwa fünfzehn Zentimeter über dem Boden befand. Dann entfernte er die Muttern komplett und legte sie beiseite. Nachdem er den Reifen abgenommen hatte, untersuchte er die Stelle, an der ein Nagel herausschaute. „Ich kaufe Ihnen einen neuen Reifen.“

Jane beobachtete ihn, die Arme vor der Brust verschränkt. „Das ist nicht nötig.“

„Ich finde schon.“

„Hören Sie, Mr. Brewer …“

„Nenn mich einfach nur Perry.“

„P…Perry … du brauchst keine Schuldgefühle zu haben, weil …“ Sie errötete, dann hob sie ärgerlich das Kinn. „Wegen der Bemerkung über mich.“

Er richtete sich auf und stellte den ruinierten Reifen ab. „Darum geht es nicht. Ich denke, ich bin dir etwas schuldig, weil mein Gast deinen Parkplatz blockiert hatte. Wenn Kayla hier geparkt hätte, dann würde ich das jetzt für sie tun.“

„Oh.“ Jane wich seinem Blick aus.

Perry montierte den Ersatzreifen, ließ den Wagen herunter und zog die Radmuttern zum Schluss noch einmal kräftig fest. Dann verstaute er das Werkzeug im Kofferraum und wischte sich die Hände in seinem Taschentuch ab.

Jane stand immer noch mit verschränkten Armen da. „Danke.“

Er ging zu ihr und blieb vor ihr stehen. Dabei registrierte er, wie ihre Körperhaltung ihre Brüste betonte, die im Verhältnis zu ihrer ansonsten schlanken Figur ziemlich üppig waren. Langsam schaute er hoch, dann führte er den Zipfel seines Taschentuchs an ihr Gesicht.

Sie verkrampfte sich.

„Du hast da einen Fleck“, murmelte er, bevor er die dunkle Schmiere von ihrer Nase wischte.

Eine hübsche Nase, fand er, keck und fein, über einem hübschen, leicht geöffneten rosa Mund und unter kornblumenblauen Augen, die jetzt zum Glück nicht mehr rot gerändert und geschwollen waren.

Eine hellbraune Strähne hatte sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und fiel in ihre Stirn. Behutsam strich Perry sie zurück, und als er das seidenweiche Haar unter seinen Fingern fühlte, durchzuckte es ihn wie ein Schlag.

Jane wich mit einem leichten Stirnrunzeln zurück. „Sind wir hier fertig?“

Er ließ seine Hand sinken und steckte das Taschentuch wieder ein. „Ja. Ich ersetze dir den Reifen so schnell wie möglich. Heute noch, wenn ich es schaffe.“

„Danke.“

„Kein Problem“, sagte er, dann nahm er den kaputten Reifen und ging zu seinem Geländewagen.

„Perry“, rief Jane ihm nach.

Er drehte sich um.

„Wie ist es gelaufen? Mit dem Prozess, meine ich.“

Er lächelte. Von allen Frauen in seinem Leben hatte sich bisher nur Theresa nach seinen Fällen erkundigt, und das aus rein beruflichem Interesse. „Das Urteil wird erst nächste Woche gesprochen, doch ich habe ein gutes Gefühl.“

Ein schüchternes Lächeln umspielte ihren Mund.

„Aber wenn du mir die Daumen drückst“, fügte er charmant hinzu, „würde ich das sehr zu schätzen wissen.“

Bei Perrys Lächeln, das allein für sie bestimmt war, stockte Jane der Atem. Zu behaupten, dass dieser Mann sie gerade überrascht hatte, wäre noch stark untertrieben.

Er war nett gewesen. Und er sah sexy aus. Wie verzaubert blieb sie stehen, während er in seinen Wagen stieg, ihr zuwinkte und davonfuhr.

Dann schlug sie sich mit der flachen Hand an die Stirn. Was bin ich nur für ein Idiot. Das gehörte doch alles nur zu seiner Masche, sich bei ihr einzuschmeicheln. Sie machte ein finsteres Gesicht und stemmte die Hände in die Seiten. Perry Brewer war der Typ Mann, der wollte, dass Frauen ihn bewunderten – und Jane war sich sicher, dass es viele gab, die das taten. Aber sie würde nicht auf seinen Bad-Boy-Charme hereinfallen.

Entschlossen stieg sie in ihr Auto und fuhr zurück zur Arbeit. Unterwegs hielt sie an einem Imbiss an, um ein Sandwich mitzunehmen. Ihre Gedanken schweiften zu Liza. Sie waren oft zusammen zum Lunch gegangen oder hatten sich etwas geholt, um mit Eve im Büro zu essen. Jetzt war Liza fort, und Eve war viel zu beschäftigt, um in Ruhe Pause zu machen.

Als Jane ihren Wagen am Sender parkte, begutachtete sie noch einmal die Beule in der Tür. Sie würde abwägen müssen, ob sie den Schaden auf eigene Kosten reparieren ließ oder ihn der Versicherung meldete und die Beitragserhöhung in Kauf nahm. Seufzend betrat sie das Gebäude. Wieder einmal fragte sie sich, was das steigende Ansehen der Talkshow für sie und ihre Kollegen bedeuten würde. Mehr Geld für alle, hoffentlich, obwohl der Erfolg eindeutig auf Eves Konto ging und hauptsächlich sie eine höhere Gage verdiente.

Jane grinste. Sie würde sich schon mit einer einmaligen Prämie zufriedengeben, mit der sie sich den Wochenendtrip leisten könnte, von dem sie während der Sendung am Morgen geträumt hatte. Bette Valentine hatte einen Nerv in ihr getroffen. Sie fand es sehr bedauerlich, dass sie momentan aus finanziellen Gründen nichts an ihrer Situation ändern konnte.

Sie ging in die Maske, schaltete den Fernseher ein, in dem gerade die Mittagsnachrichten liefen, und wickelte ihr matschiges Sandwich aus.

„Und hier sind die Zahlen der Lotterie Lot O’ Bucks, die vor wenigen Augenblicken gezogen wurden. Es heißt offiziell, dass nur ein Los den Jackpot von achtunddreißig Millionen Dollar geknackt hat, also passen Sie genau auf.“ Der Moderator las die sechs Gewinnzahlen vor, und Jane wiederholte sie in Gedanken.

Dann begriff sie, dass ihr die Zahlen bekannt vorkamen, weil es exakt die sechs Zahlen waren, die sie und vier ihrer Kollegen zweimal im Vierteljahr spielten. Ihre Glückszahl, eine der Originalziffern, die sie noch in der Zeit mit Eve und Liza ausgesucht hatte, war die Eins.

Die einsamste Zahl.

Aber heute war die Eins die erste von sechs Gewinnziffern.

Jane schluckte schwer und stand langsam auf. Der Lunch war vergessen. Sie griff nach ihrer Handtasche und kramte hastig nach dem Lotterielos. Mit rasendem Puls verglich sie die Zahlen darauf nacheinander mit den Zahlen, die auf dem Bildschirm zu sehen waren.

Die Hand, in der sie das Los hielt, begann zu zittern.

Sie hatten gewonnen.

Sie war Millionärin!

Auf wackligen Beinen ging Jane zunächst zögerlich, dann immer schneller zu Eve, die mit ihrer persönlichen Assistentin in ihrem Büro saß und in einen Stapel Unterlagen vertieft war.

Jane klopfte an die Glastür. Eve schaute auf, lächelte und winkte sie herein.

„Entschuldige die Störung“, bat Jane beim Eintreten.

„Ach, das macht nichts“, erwiderte Eve. „Was gibt’s?“

Jane schaute zu Eves Mitarbeiterin. „Äh … ich muss allein mit Eve reden, bitte.“

Eve stutzte, dann bat sie ihre Assistentin, sie einen Moment allein zu lassen.

Kaum war die Tür zu, da beugte sich Eve vor. „Gibt es Probleme?“

„Nein“, antwortete Jane nervös. Sie öffnete ihre Faust und zeigte das Lotterielos.

Eve griff nach ihrer Handtasche. „Sammelst du schon für die nächste Ziehung?“

„Eve – wir haben gewonnen.“

Ruckartig hob Eve den Kopf. „Was soll das heißen, wir haben gewonnen? Wir haben … in der Lotterie gewonnen?“

Jane nickte feierlich. Sie konnte vor Spannung kaum an sich halten.

Eve lachte. „Wie viele Übereinstimmungen haben wir denn? Zwei Ziffern? Genug für ein Freilos?“

Jane fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Eve, wir haben alle sechs Zahlen richtig. Wir haben gewonnen.“

Endlich hatte sie Eves volle Aufmerksamkeit. Ihre Freundin riss die Augen auf. „Ist das ein Scherz?“

„Nein.“

Eve schnappte sich das Los und drehte sich zu ihrem Computer um. Mit schnellen Mausbewegungen klickte sie sich auf der Website der Lotterie zu den aktuellen Gewinnzahlen durch, dann verglich sie sie mit denen auf ihrem Los. „Oh mein Gott“, flüsterte sie. „Wie hoch ist die Gewinnsumme?“

Jane zögerte. Sie hatte fast Angst, die Worte auszusprechen. „Achtunddreißig Millionen Dollar.“

Eve keuchte auf und hielt sich die Hand vor den Mund. „Aber es muss noch andere Gewinner geben. Die Summe kann unmöglich so hoch sein.“

„Der Nachrichtensprecher sagte, dass es diesmal nur ein Gewinnlos gegeben hat.“

Eve stand auf. „Das bedeutet ja …“ Sie rang nach Luft, dann ging ein überwältigtes Strahlen über ihr Gesicht. „Jane, wir sind reich!“

Jauchzend fielen sie sich in die Arme. Jane hatte das Gefühl, vor Freude zu zerspringen.

„Wir müssen es Nicole erzählen!“, rief Eve aus. „Und John und Cole!“

Jane nickte aufgeregt. Nicole Ravis war Lizas Nachfolgerin als Redaktionsleiterin, John Haas ihr liebster Kameramann und Cole Crawford, der Produzent, der Eve „entdeckt“ hatte, war als Fünfter ihrer Tippgemeinschaft beigetreten.

Für jeden von ihnen würde sich das Leben von nun an schlagartig ändern. Während Eve zum Telefon griff, dachte Jane plötzlich an Liza – sie drei hatten nur so zum Spaß in der Lotterie gespielt. Und jetzt, da das Unfassbare geschehen war, fehlte Liza.

„Hier sind die Informationen über Ihre Nachbarin Jane Kurtz“, sagte Theresa und reichte Perry ein Blatt Papier. „Sie ist hübsch, aber sie sieht nicht nach Ihrem Typ aus.“

„Das ist sie auch nicht“, stimmte Perry zu und betrachtete eine Kopie des Bildes in ihrem Führerschein. Jane lächelte darauf verschämt und kamerascheu. Dann schaute er irritiert auf. „Was ist denn mein Typ?“

Theresa zuckte mit den Schultern. „Sie wissen schon – auffallend und austauschbar.“

Ihre Antwort setzte ihm zu, obwohl er gestehen musste, dass es eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Kayla und Cindi und Kendra und Victoria gab. Und zwischen Denise und Cassandra und Fiona. „Hey, unterschätzen Sie sie nicht – Miss Kurtz arbeitet für die Show ‚Just Between Us‘“, sagte er.

„Wirklich? Ja, ich habe die Sendung heute Vormittag nebenbei gesehen. Ganz spannend – lass dein inneres wildes Ich frei.“ Kokett klimperte Theresa mit den Wimpern und fasste an ihr ergrauendes Haar. „Glauben Sie, dass ich zu alt dafür bin?“

„Niemals.“

Sie lachte, dann musterte sie ihn prüfend. „Wie ist denn Schmiere auf Ihr Hemd gekommen?“

„Ich musste Miss Kurtz einen neuen Reifen kaufen“, erklärte er, während er das Blatt im Stehen überflog.

„Oh. Jetzt wird es spannend. Ist Miss Kurtz etwa bedürftig?“

„Nein, aber sie ist knapp bei Kasse, und da ich indirekt für den kaputten Reifen und für eine Beule an ihrem Wagen verantwortlich bin, war es meiner Meinung nach das Mindeste, was ich tun konnte.“

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