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Tiffany Sexy, Band 42

Kathleen O’Reilly

Auf der Couch mit dem Coach

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Kathleen O’Reilly

Auf der Couch mit dem Coach

1. KAPITEL

Jeff Brooks stand in seiner Küche und zerhackte wie wild eine Paprikaschote. Er musste sich von seinen sexuellen Gelüsten ablenken, die die Ursache für seine gespannten Boxershorts waren. Frühstück zu machen war eindeutig sinnvoller, als von dieser Frau zu fantasieren, die friedlich in seinem Bett schlummerte.

Shelley Summerville. Party Girl. Reiche Skandalnudel, die fast nichts anderes als Shoppen im Kopf hatte. Sie war tabu. TABU! Jeff wiederholte das Wort und rief sich seinen Auftrag in Erinnerung. Shelleys Vater Wayne Summerville hatte vor drei Monaten Jeffs Public-Relations-Firma engagiert, damit sie das Image seiner Tochter „wiederherstellten“. Als ob solch ein Wunder von einem gewöhnlichen Sterblichen vollbracht werden könnte, dachte Jeff. Jedenfalls nicht ohne den Einsatz eines Keuschheitsgürtels oder anderer Mittel. Shelley wollte ihren vollkommenen Körper offenbar mit der ganzen Welt teilen.

Jeff griff nach einer Zwiebel und zerhackte sie ebenfalls. Seine Augen begannen zu brennen, und ausnahmsweise begrüßte er den Schmerz als eine Ablenkung von seinem Problem. Shelley Summerville frustrierte ihn, und nicht nur in sexueller Hinsicht. Sie frustrierte ihn auch beruflich und persönlich. Jeff war noch nie einem Menschen begegnet, dem es so gleichgültig schien, was die Leute von ihm dachten. Vor allem ignorierte Shelley die Meinung ihres Vaters, dem Besitzer von „Summerville Consumer Products“, einem gigantischen Unternehmen, das unter anderem die Zahnpasta „Toothbrite“ herstellte. Shelleys Ruf als Party-Girl passte Summervilles Aktionären nicht. Offenbar konnten sogar Leute mit den weißesten Zähnen und dem frischesten Atem richtige Fieslinge sein. Andererseits fand sogar Jeff, dass Shelley zu weit ging, und er war selbst kein Unschuldsknabe.

Was ihn aber am meisten beschäftigte, war die Frage: Warum? Jeff wurde einfach nicht schlau aus Shelley. Da war zum einen ihr unverbindliches Lächeln, das er anfänglich sogar auf sich bezogen hatte, bis ihm am dritten Tag aufgegangen war, dass Shelley alle halbwegs attraktiven Männer so anlächelte. Und als ob das noch nicht ausreichte, zeigte diese Frau keinerlei Skrupel, jedem einigermaßen gut aussehenden Mann anzügliche Avancen zu machen – eben auch ihm. Jeff blickte aufs Schneidebrett und besah sich, was er angerichtet hatte. Fluchend warf er den Zwiebelmatsch in den Müll. Vielleicht waren Schalotten besser.

Hätte er Shelley bloß nicht mit nach Hause genommen!

Es war eine dumme Idee gewesen. Sie hatte auf seinem Anrufbeantworter die Nachricht hinterlassen, dass sie ins „Crobar“, einen angesagten Nachtklub, gehen würde. Da Jeff wusste, dass das reichlichen Alkoholkonsum bedeutete, war er ebenfalls in den Club gefahren, um den Aufpasser zu spielen. Um neun Minuten nach zehn hatte er sie vom Barkeeper fortgezogen, dreizehn Minuten nach zehn dann vom Torwart der New York Ranger. Und als Jeff sie kurz darauf erwischte, wie sie den Türsteher abküsste, entschied er, dass es Zeit war, sie nach Hause zu bringen. Doch Shelley wollte nicht.

Sie stritten miteinander, bis die Polizei kam. Als die Männer schließlich drohten, sie festzunehmen, schien Shelley das auch noch lustig zu finden. Am Ende bugsierte Jeff sie in ein Taxi und brachte sie nach Hause. Zu sich nach Hause. Es war ihm als eine gute Idee erschienen. Das hatte er immer noch gedacht, als er sechs Stunden später auf seiner Couch aufgewacht war. Er fand seine Idee, Shelley in seine Wohnung mitzunehmen, sogar großartig und gratulierte sich dafür, dass sie ihm endlich gehorcht hatte.

Alles war bestens gewesen, bis er die Schlafzimmertür geöffnet und Shelley in seinem Bett hatte liegen sehen – eingerollt wie ein Kind, eine Hand unter ihrer Wange, die verwühlten Laken zwischen den nackten Beinen, die alles andere als kindlich waren. Augenblicklich hatte sein Körper reagiert.

Bum. Bum. Bum. Jeff bearbeitete die Schalotten mit dem Hackmesser. Immer feste drauf. Er musste jetzt etwas zerstören, und das wehrlose Gemüse kam ihm gerade recht.

Nur langsam tauchte Shelley aus dem Land der Träume in der Welt der Lebenden auf. Sie nahm Jeffs Duft auf dem Kissen wahr und lächelte. Ein stetiges Hämmern hallte in der Wohnung wider, wahrscheinlich die Schläge ihres Herzens. Sonnenschein strömte durch das Fenster herein, und sie räkelte sich befriedigt in den warmen Strahlen …

Befriedigt? Nein, ihr Körper war ganz und gar nicht befriedigt. Es hatte letzte Nacht keine Küsse gegeben, keine Berührungen, nichts, was auch nur annähernd befriedigend war. Sie hatte nur in seinem Bett geschlafen. Allein.

Und wenn er nicht in seinem Bett war, wo war er dann?

Shelley warf die Decken zurück und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Das rhythmische Bum-Bum-Bum hämmerte noch immer, und nun, da sie wusste, dass es keine Herzschläge waren, fand sie das Geräusch entnervend.

Sie tappte in die Küche und sah ihn am Arbeitstresen stehen. Er hackte Paprikaschoten. Zuerst grüne, dann rote. Und er bemerkte sie nicht.

Es war geradezu kriminell, dass Jeff Brooks, der in der heuchlerischen PR-Welt arbeitete, so appetitlich aussah.

Und Shelley fand es erst recht kriminell, wie sehr sie ihn wollte.

Sie zupfte an ihrem Tank-Top und lehnte sich an die Wand, wobei in ihren Augen ein sexy Ausdruck funkelte. Sobald Jeff ihren Blick spürte, drehte er sich um, betrachtete ihren Körper, zog eine Augenbraue hoch und wandte sich dann wieder der Paprika zu. Bum-Bum.

„Könntest du dir vielleicht etwas anziehen?“

Sogar seine Stimme war sexy. Tief und rau, mit dem typisch schrammigen Ton eines New Yorkers. Er war groß und schlank, mit kräftigen Beinen, die muskulösen Schenkel von Boxershorts umspielt.

Während sie seinen Anblick in sich aufnahm, wurden ihre Brustspitzen unter dem dünnen Stoff hart.

Bemerkte er es? Nein. Er schnippelte fröhlich Gemüse, als ob sie Luft für ihn war.

Sie war drauf und dran, ihn anzugiften, ließ es dann aber doch sein. Verbale Angriffe deuteten auf Leidenschaftlichkeit hin, auf Gefühle – und die passten nicht zu ihrem Image. Also hielt sie den Mund, bewegte sich zum Tresen und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Granitplatte, wobei sie ihr langes platinblondes Haar über eine Brust fallen ließ.

Shelley war in Reichtum und Luxus aufgewachsen, hatte Geld ohne Ende zur Verfügung. Man hätte meinen sollen, dass jemand wie sie glücklich und zufrieden wäre. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihr, denn sie fühlte sich weder glücklich noch zufrieden, sondern leer. Wie eine Zinnfigur ohne Herz, eine Puppe ohne Gehirn, eine Löwin ohne Mut – alles auf einmal.

Die einzigen Vorzüge, die Shelley ihrer Meinung nach besaß, waren ein klassisch geschnittenes Gesicht und ein Körper, der sogar toten Männern einen Seufzer entlockt hätte. „Ruhmeshalle“ nannte die Klatschpresse Shelleys Dekolleté. Sie setzte es ein, wann immer es nötig war.

So wie jetzt. Und was hatte er gerade noch gesagt?

„Etwas anziehen? Soll das eine Beschwerde sein?“, fragte sie in einem gedehnten Singsang.

Seine kräftigen Hände unterbrachen die Hackbewegung keine Sekunde lang. Diese Hände auf ihrem Körper zu fühlen war Shelleys größter Wunsch. Sie träumte seit Wochen davon, Nacht für Nacht. Es waren sinnliche, lebhafte Träume, die nicht verschwanden, wenn sie aufwachte.

„Eine Beschwerde? Aber nein. Ich wollte dir nur einen hilfreichen Tipp geben.“ Er lächelte sie an – ein typisches Toothbrite-Reklame-Lächeln. Shelley hasste sowohl die Zahnpasta als auch dieses unechte Lächeln. Wahrscheinlich wusste er das und tat es genau deshalb.

„Kann ich irgendwie helfen?“, gurrte sie, hocherfreut, als seine Hand innehielt.

Er winkte ab und arbeitete weiter. „Wie geht’s denn heute Morgen? Verkatert?“

Sie fasste ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, wobei ihre Brust sich hob. Sein Blick wanderte abwärts.

„Hast du eigentlich nie Pause?“, fragte er.

Sie wusste, dass in ihren Augen Wut flackerte, und senkte den Blick. Wut deutete auf eine Gefühlstiefe hin, die sie nicht haben wollte.

Ohne ihn anzusehen, bewegte sie sich rückwärts in Richtung Flur. „Ich denke, ich gehe jetzt unter die Dusche“, sagte sie und zog sich das Top über den Kopf. Die Geste war dazu geschaffen, jeden Mann verrückt zu machen, aber Jeff Brooks sah nicht einmal hin. Shelley war wegen ihrer Verzweiflungstat wütend auf sich selbst, aber nicht wütend genug, um darauf zu verzichten, sich den roten Slip auch noch abzustreifen.

„Du hast doch nichts dagegen, oder?“, fragte sie lauter als nötig, weil ihr Herz so wild hämmerte. Daran war er schuld. In seiner Gegenwart löste sich ihr Selbstbewusstsein in Fetzen auf.

Endlich glitt sein Blick über ihren Körper, und sie spürte ihn wie eine glühend heiße Berührung. Nach der Musterung fuhr er mit dem Bum-Bum auf dem Schneidebrett fort.

Entlassen.

Sie ließ ihre Kleidung im Flur liegen und trat in die Dusche. Während das warme Wasser auf ihren Körper prasselte und zwischen ihren Brüsten und Schenkeln hinablief, dachte sie, dass sie hier nicht allein sein dürfte. Er müsste auch da sein.

Männer ignorierten sie nicht. Niemals. Schon gar nicht Männer wie Jeff. Er war kein außergewöhnliches Exemplar der Menschheit. Er sah gut aus und hatte einen tollen Körper. Aber diese dunklen, teuflischen Augen dürften nicht so eisenhart sein.

Er müsste schwach sein.

So wie sie.

Männer in der Medienbranche hatten keine Skrupel, dessen war sie sich sicher.

Ach, das Leben war wirklich nicht fair.

Jeff zerhackte weiter Paprikaschoten, bis alle elf zerkleinert waren. Als nichts mehr zum Zerhacken da war, stieß er die Luft aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er konnte von Glück sagen, dass Shelley ihn nicht berührt hatte, denn dann wäre es mit seiner Beherrschung vorbei gewesen.

Er schaltete den Fernseher an, dankbar für die Morgennachrichten, die ihn von dem Pochen seiner Erektion ablenkten. Einer Erektion, die zu etwas ganz anderem dienen könnte, statt ihn zum Wahnsinn zu treiben.

Jeff warf die Paprikastückchen in die Bratpfanne, stellte die Gasflamme höher und beobachtete, wie die dicke Schale der Schoten in der Hitze platzte. Dann gab er die Schalotten in die Pfanne und fügte Butter hinzu, die auf dem heißen Pfannenboden zischte. Er nahm zwölf Eier aus dem Kühlschrank und knallte die Tür heftig zu. Es half nicht, den Schmerz zu lindern, aber verzweifelte Zeiten verlangten dramatische Gesten, ob wirksam oder nicht.

Er verquirlte die Eier in einer Schüssel, bevor er sie über das angeschmorte Gemüse schüttete. Die Hitze verschmolz die beiden Komponenten zu einer kulinarischen Besonderheit und fing ihre ungeheure Leidenschaft in einer einmaligen Geschmacksverbindung auf.

Ach, das Leben war nicht fair. Jeff wollte Shelley nicht wollen. Aber gewisse Teile von ihm kooperierten nicht. Teile, die unbedingt mit Teilen von Shelley Bekanntschaft schließen wollten.

Genauer gesagt, die Bekanntschaft auffrischen. Denn Miss Nimmersatt zufolge hatten er und sie vor sechs Wochen wilden Sex gehabt. Er hingegen konnte sich nur daran erinnern, dass Shelley versucht hatte, ihn im „Club Red“ unter den Tisch zu trinken. Der Rest der Nacht fehlte in seinem Gedächtnis.

Er wendete das Omelett und raspelte etwas alten Gouda über die goldene Oberfläche. Allmählich schmolz der Käse und glitt in jede noch so feine Vertiefung der sinnlichen Köstlichkeit. Jeff hob das Omelett auf eine Platte, schnitt es erbarmungslos in zwei Hälften und stellte die Teller auf den Esstresen.

Im Sonnenlicht sah es nach nichts anderem als nach einem Frühstück aus. Jeff hielt sich an dem Gedanken fest, schob Vorstellungen von nackten Beinen und vollen, vom Duschwasser berieselten Brüsten beiseite. Er war in Sicherheit. Sie hatte ihn begnadigt.

Dachte er.

Aber er hatte sich geirrt.

Shelley kam in die Küche, wobei sie ihr langes weißblondes Haar mit einem Handtuch frottierte.

Der Rest von ihr war noch nass. Nackt und tropfnass.

Jeffs Augen brannten, seine Hände begannen zu zittern und der Körperteil, der früher mal eine Funktion gehabt hatte … also an dieses gemarterte Gliedmaß wollte er im Moment lieber nicht denken.

Mit wiegenden Hüften wandelte sie zu dem Häufchen Wäsche hinüber und hob ihren Slip und BH auf.

„Ich fasse es nicht, dass ich so schlampig war“, sagte sie, den Blick auf seine Boxershorts geheftet. „Liebe Güte, ich fasse es nicht“, wiederholte sie und schnalzte mit der Zunge, als sei sie über ihre eigene Nachlässigkeit empört. Jeff sah natürlich den Triumph in ihrem Blick und hasste es, wie sie ihren Sieg feierte. Aber was sollte er tun? Momentan war er nichts als schwaches Fleisch, und nur sein Selbsterhaltungstrieb hielt ihn in regungsloser Starre.

Sie streckte die Hand nach ihm aus. Er schloss die Augen und wappnete sich für ihre Berührung. Er war stark. Er war unbesiegbar. Und vor allem gab es eine Million Gründe, warum er sie nicht berühren durfte.

„Ein Omelett? Du bist wirklich talentiert“, flüsterte sie, ihre Hand nah an seiner Taille.

Er schluckte.

Sie bemerkte es.

Ihre Hand fiel hinab, und er war erleichtert. Jedenfalls redete er sich das ein. Und dann öffnete sich vor ihm das Höllentor. Sie bückte sich, dieser süße Engel der Versuchung, und berührte durch den Stoff der Boxershorts sein hartes Zeichen der Leidenschaft mit der Zungenspitze.

Mit einem Siegeslächeln im Gesicht richtete sie sich wieder auf, drehte sich um und schlenderte ins Badezimmer. Er konnte sein Stöhnen nicht unterdrücken.

„Das hab ich gehört“, rief sie.

Es war ihm egal.

Shelleys Wohnung lag an der Upper West Side. Die Fahrt von Battery Park quer durch die Stadt würde Jeffs Trip zur Firma um eine Dreiviertelstunde verlängern, aber er hatte keine andere Wahl. Es war Zeit, die Fronten zu klären.

Er stoppte ein Taxi und hielt Shelley die Wagentür auf. „Steig ein!“

Resolut und beherrscht. So musste er bei ihr agieren, dann würde er die Situation im Griff behalten.

Nachdem sie nebeneinander auf dem Rücksitz Platz genommen hatten, drehte er sich zu ihr um. „Neue Regeln. Keine Nacktauftritte mehr“, sagte er mit gedämpfter Stimme, denn Taxifahrer bekamen bekanntlich alles mit. Dann fuhr er sich mit der Handkante quer über die Kehle, um die Ernsthaftigkeit seiner Botschaft zu unterstreichen.

Oh, sie hatte ihn sehr wohl verstanden. Sie klimperte mit den Wimpern, eine Gebärde, die die Einstein’sche Arbeitsweise ihres Gehirns verbergen sollte. Jeff war auf die Dummchen-Masche nie hereingefallen, zumal er sie selbst schon einige Male angewendet hatte.

„Was ist schlimm an einem nackten menschlichen Körper? Im Grunde sind wir doch nur Tiere, Jeff.“

„Jetzt komm mir nicht mit Darwins Evolutionslehre, Shelley. Lass die Kleider an, okay?“

Sie kniff ihre Lippen zusammen und war einen Moment lang still. Dann antwortete sie. „Du hältst mich für eine Schlampe, stimmt’s? Du magst meine Ungezwungenheit nicht. Was ist mit dir los? Bist du etwa noch unberührt, Jeff?“

Er warf ihr einen Blick zu. „Du weißt doch, dass ich es nicht bin – oder?“, entgegnete er, denn seine Gedächtnislücke bezüglich ihrer angeblichen gemeinsamen Nacht beschäftigte ihn noch immer. Sex vergaß er nicht. Nie. Nicht einmal, wenn Alkohol im Spiel war.

Und ausgerechnet bei der Frau, die ihn permanent erregte, sollte er es vergessen haben?

Niemals!

„Was ist dabei, wenn ich ein wenig Spaß habe?“, fragte sie.

„Ich muss meinen Job machen, Schätzchen. Dein Vater bezahlt meiner Firma eine Menge Geld dafür, dass dein Name aus den Zeitungen herausgehalten wird. Und ich bin derjenige, der dafür zu sorgen hat. Das ist alles.“

Sie ließ sich gegen die Rückenlehne sinken. „Es läuft doch immer aufs Geld hinaus, nicht?“

„Nicht immer.“

„Ha.“

In ihrer Stimme war ein bitterer Unterton, den er noch nie gehört hatte. „Was ist mit dir, Shelley?“

„Nichts“, sagte sie und schaute aus dem Fenster.

Das Taxi hielt vor dem Apartmenthaus am Riverside Drive, in dem sich ihre Wohnung befand. Jeff bezahlte und bat den Fahrer zu warten. Denn die Fronten waren immer noch nicht geklärt.

Obwohl sie nur eine Handbreit voneinander entfernt zum Eingang gingen, kam ihm der Abstand wie eine riesige Kluft vor, ein Riss in der Erde, der sich jederzeit zu einem klaffenden Graben auftun konnte.

„Du kämpfst gegen irgendetwas an. Warum hörst du nicht auf zu kämpfen?“, fragte er und rieb sich die müden Augen. Den Aufpasser zu spielen war anstrengend und eine total undankbare Aufgabe.

Shelley winkte dem Portier zu, blieb aber außer Hörweite von ihm stehen. Ein ungewöhnlicher Akt von Diskretion. Jeff war überrascht. Und erfreut.

„Warum hörst du nicht auf, gegen dein Verlangen anzukämpfen? Du willst mich, Jeff.“

„Nein, das ist nicht wahr.“

„Lügst du immer so schlecht?“

„Lass den Sex heraus, ja?“

Ihr Blick wurde warm. „Dann küss mich. Gib mir einfach einen Kuss. Kein Zungenkuss. Keine Umarmung. Nur zwei Münder, die sich berühren.“

Er wollte sie nicht küssen, aber sie hatte ihn herausgefordert, und er würde rückgratlos erscheinen, wenn er die Herausforderung nicht annahm.

Also küsste er sie. Kein Zungenkuss. Keine Umarmung. Nur zwei Münder, die sich berührten. Shelleys Lippen waren warm und weich, so wie der Ausdruck in ihren Augen. In ihrem Blick lag nicht die übliche Leere, sondern Unschuld. Verletzlichkeit. Eigenschaften, die Jeff nie bei ihr vermutet hätte. Aber sie blickte ihm direkt ins Gesicht.

Sein erster Impuls war Flucht. Und tatsächlich wandte er sich zum Gehen.

„Du solltest nicht dagegen ankämpfen“, flüsterte sie.

„Geh rein, Shelley.“

Sie fing an zu protestieren. Aber vielleicht sah sie die Bitte in seinen Augen, vielleicht das geprügelte Tier in seinem Inneren. Oder sie war einfach nur müde. Jedenfalls sagte sie kein Wort mehr und stolzierte nach drinnen.

Und Jeff spürte, dass er wieder atmete.

Er ging zum Straßenrand zurück und stellte fest, dass das Taxi verschwunden war. Wahrscheinlich hoffte der Fahrer, einen noch größeren Trottel zu finden als Jeff.

Auch Taxifahrer hatten ihre Träume.

Columbia-Starr Communications residierte in einer schicken Büroetage im Stadtzentrum. Es war zurzeit die angesagteste PR-Firma in New York, und Jeff betrachtete es als eine beachtliche Leistung, dass er den Job ganz allein an Land gezogen hatte.

Kaum betrat er das Vorzimmer, wurde er von einem Fremden begrüßt, der hinter dem Schreibtisch seiner Sekretärin saß.

„Mr. Summerville hat angerufen. Er wird in zehn Minuten hier sein.“

„Wer sind Sie?“, fragte Jeff.

„Phil Carter. Von der Personalagentur ‚Tempo‘. Übrigens ist das ein hübscher Schlips“, sagte er mit einem Glitzern in den Augen.

Ach du liebe Zeit. Jeff hatte eine sehr tolerante Haltung gegenüber alternativen Lebensweisen, aber erstens war es erst halb zehn, und zweitens mochte er Männer nicht, die besser gekleidet waren als er. „Lassen Sie mich damit beginnen, dass Sie gefeuert sind.“

„Hallo. Mr. Ego ist da! Man hat mich vor Ihnen gewarnt.“

„Sind Sie immer so?“

Phil legte sich den Finger ans Kinn und lächelte wie ein Kobold. Ein schwuler Kobold, aber ein Kobold. Dann fing er an zu singen: „Ich muss ich selbst sein. Ich muss ich se-elbst sein.“

„Das reicht. Kennen Sie sich mit der Software aus, die wir benutzen?“

„Klaro.“

„Rechtschreibkenntnisse, Grammatik?“

„Individualist. I-n-d-i-v-i-d-u-a-l-i-s-t. Nebensätze werden hauptsächlich als Mittel der Verkürzung benutzt, aber manchmal irritiert ein unklares Subjekt den Leser. Zum Beispiel: ‚Während er auf seinem Hintern saß, flog der Vogel am Fenster vorbei‘.“

In diesem Moment klingelte das Telefon.

„Telefonmanieren?“, fragte Jeff.

Phil drückte eine Taste und sprach in sein Headset. „Columbia-Starr Communications. Büro Mr. Brooks. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Er lauschte eine Weile und runzelte dann die Stirn. „Was hat Mr. Brooks getan? Und die Polizisten haben was gesagt? Und nun hat das ‚Smoking Gun‘ was geschrieben? Kein Kommentar. Und das ist mein letztes Wort. Vielen Dank für Ihren Anruf. Und einen schönen Tag noch.“

Phil legte auf und sah Jeff erwartungsvoll an.

Okay, der Bursche war gut, besser als die letzten vier Zeitarbeitskräfte, die Jeff gehabt hatte. Er deutete mit einer Kopfbewegung zum Telefon. „Wer war das?“

„Ihre Mutter. Überbackene Makkaroni am Mittwochabend um acht bei ihr in der Wohnung.“

Nach vier Stunden unruhigen Schlafs und einer schmerzhaften Dauererektion war das zu viel für Jeff. „Und was ist mit all dem anderen Zeug, das Sie erwähnt haben? Was war mit den Polizisten?“ Noch mehr Shelley-Futter für die Klatschblätter war das Allerletzte, was er brauchte.

Grinsend hob Phil den Zeigefinger. „Reingefallen.“

Jeff nickte. „Okay, Sie haben bestanden. Ich möchte meinen Kaffee schwarz.“ Nach diesen Worten steuerte er die klösterliche Ruhe seines Büros an.

„Kein Zucker?“, rief Phil.

Jeff knallte die Tür zu.

„Banause!“

Jeffs Kopfschmerzen ließen gerade etwas nach, als Phil über die Gegensprechanlage die Ankunft von Summerville verkündete.

Shelleys Vater. Schnell ging Jeff die Morgenblätter durch, um zu sehen, was für Lügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten die Klatschreporter über Shelley geschrieben hatten.

„The Post“ erwähnte ihr Geknutsche mit dem Torwart. „The Daily News“ berichtete, dass Shelleys im „Crobar“ gesehen worden war, aber es war nicht allzu schlimm. Es waren schon Tonnen unangenehmerer Artikel über sie geschrieben worden.

Heute waren es nur zwei Berichte. Vielleicht würde ihr Vater sich freuen.

Eine halbe Minute später betrat Wayne Summerville Jeffs Büro.

„Wofür zum Teufel bezahle ich Sie eigentlich, mein Junge?“

Okay, er freute sich nicht. Jeff setzte ein Lächeln auf und tippte auf eine Zeitung. „Auf Seite sechs ist ein Bericht über die launische Millionenerbin, die eine große Summe für die Obdachlosen gespendet hat.“

„Das ist nicht meine Tochter“, sagte Wayne ärgerlich.

„Nein, aber die Leser könnten vermuten, dass sie es ist. Das ist das Schöne an Artikeln ohne Namen. Wir können morgen etwas in dieser Art ins ‚Daily Dish‘ setzen.“

„Jetzt hören Sie mal zu, Jeff. Ich mag Sie, mein Junge. Wirklich. Aber Ihre Firma berechnet mir obszöne Beträge für den Job, das Image meiner Tochter zu verbessern. Und wissen Sie, was passiert ist, seit ich Sie engagiert habe?“

Jeff starrte in die dunkle Tiefe seines Columbia-Starr-Kaffeebechers. „Was denn, Sir?“

„Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Shelleys Image ist seitdem noch schlechter geworden.“

„Ihre Tochter ist eben eine ziemlich dickköpfige junge Dame.“ Was für eine Untertreibung – besonders für einen Mann, der für seine Übertreibungen bekannt war.

„Dann müssen Sie streng werden, Jeff. Ich möchte in zwei Monaten Shelleys Verlobung bekannt geben, und wenn sie in irgendeinem neumodischen Club im Meatpacking District mit dem Barkeeper rumknutscht, wird nichts aus der Sache.“

Jeff glaubte, nicht richtig zu hören. „Haben Sie Verlobung gesagt? Soll das heißen, dass Shelley demnächst heiratet?“

„Ja, und zwar den Erben von Con-Mason. Wir werden in ein paar Wochen alle Papiere unterzeichnen.“ Wayne rieb sich die Hände. „Es wird die größte Fusion sein, die es je in diesem Land gegeben hat.“

„Weiß Shelley davon?“

„Von der Fusion?“

„Von der Heirat“, sagte Jeff stirnrunzelnd.

„Klar weiß sie es. Joshua ist ein vorzeigbarer Junge. Harvard-Abschluss, einer der begehrtesten Junggesellen in der Stadt. Und Shelley und ich hatten ein langes Gespräch. Bin richtig stolz auf mein kleines Mädchen.“

„Eine Verlobung“, murmelte Jeff. Dies war nicht das düstere Zeitalter, wo Frauen gezwungen wurden, sich dem Willen von Männern zu fügen. Zumindest passierte das äußerst selten.

„Es ist ein Gewinn für alle. Shelley bekommt mehr Geld, als der liebe Gott und der Teufel zusammen haben. Summerville CP wird in die chinesischen Märkte expandieren, die Con-Mason bereits fest in der Hand hat. Und am besten von allem ist, dass wir auf den Wertzuwachs der Aktien keine Steuern zahlen müssen, weil die Gesetze dieses großartigen Landes den heiligen Bund der Ehe schützen. Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Jeff war drauf und dran, sich zu bekreuzigen, ließ es aber lieber, weil er bezweifelte, dass Wayne die Komik erkennen würde.

„Ich werde mich nach Kräften bemühen, es besser zu machen, Sir. Jetzt, da ich die Situation kenne, werde ich zusammen mit Shelley eine effektive Strategie entwickeln“, sagte Jeff ernst, während umstürzlerische Gedanken durch seinen Kopf schwirrten.

Ja, er würde mit ihr reden. Er könnte sie retten. Ihr die Optionen erklären, die sie hatte. Er malte sich die ganze Szene aus – im Hintergrund ein Orchester, das ein heroisches Stück spielte, und direkt vor ihm Shelley, die ihn mit ihren klaren, meerblauen Augen ehrfürchtig ansah.

Jeff lächelte in sich hinein.

„Und ich habe einen Anreiz für Sie, Jeff. Wenn die Fusion vollzogen ist, werden wir eine Firma brauchen, die all unsere PR-Arbeit macht. Und ich glaube, Ihre Firma wäre perfekt für den Job. Natürlich müsste sie dann in Columbia-Starr-Brooks-Communications umbenannt werden. Klingt gut, finden Sie nicht?“

Wayne grinste Jeff an. Seine Augenfarbe, die einmal so wie Shelleys meerblau gewesen sein musste, hatte sich längst in das fade Grün der Dollarscheine verwandelt.

Und so wurde Jeff wieder in seine Wirklichkeit gestoßen. Die Welt der Summervilles war ein mit Gold übersäter Planet. Wayne Summerville kaufte beim Frühstück Firmen, während Jeff seit acht Jahren auf ein Boot sparte.

Das in seinen Gedanken spielende Orchester hörte abrupt auf, und Shelleys blaue Augen, die eben noch vor Ehrfurcht geleuchtet hatten, verschwanden in Dunkelheit.

Er und seine albernen Spinnereien. Shelley Summervilles rettender Held. Lächerlich!

2. KAPITEL

Es gab nur einen Menschen, auf dessen Rat Jeff sich verließ. Und das war er selber. Wenn es jedoch um finanzielle Angelegenheiten im Milliardenbereich ging, war er nicht kompetent, was er aber nie jemandem gestehen würde. Vor allem nicht seinem älteren Bruder Andrew.

Aus diesem Grund erzählte er Andrew, dass er Geld für eine Spendenaktion benötigte, als er ihn anrief und sich mit ihm auf einen Drink verabredete. Sein eigentliches Anliegen verschwieg er seinem Bruder.

Andrew war ein erfolgreicher Hedgefonds-Manager. Ein äußerst erfolgreicher Hedgefonds-Manager. Jeff hatte nie versucht, seine Erfolge mit denen seines Bruders zu vergleichen, weil er immer hinter ihm zurückbleiben würde. Und zwar um einige Milliarden.

„So, worum geht’s bei diesem Spendenprojekt?“, fragte Andrew, als sie nach Büroschluss in einer ruhigen Bar ein Bier tranken.

„Um Herzkrankheiten bei Kindern. Wir machen eine Aktion, um das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. Es gibt enorme medizinische Fortschritte auf diesem Gebiet, und wir stellen all das in einem Informationspaket zusammen und starten mit der Kampagne ‚Kleine Herzen in Not‘“, erklärte Jeff. „Tolle Sache. Berührt dich genau hier.“ Er legte sich die Hand aufs Herz.

„Wie viel brauchst du?“

„Wie viel ist dir das Leben eines Kindes wert, Andrew? Dann multiplizier das mit fünfzig.“

„Das ist ernsthaftes Geld.“

„Eine Herzkrankheit ist eine ernsthafte Sache.“

„Na gut“, sagte Andrew, zog sein Scheckbuch hervor und schrieb einen Scheck aus. Es war ein sehr hoher Betrag.

Jeff steckte den Scheck ein. Morgen würde er ihn an eine Wohltätigkeitsorganisation weiterleiten. Er liebte seinen Bruder bedingungslos, schuldete ihm so viel, dass er es nie zurückzahlen könnte. Aber manchmal musste man ein bisschen Spaß haben, und es war Jeffs Lieblingsspiel, Andrew von ein paar Scheinen aus seinem prall gefüllten Safe zu trennen. Früher hatte Andrew für ihn, den kleinen Bruder, Schecks ausgeschrieben. Aber inzwischen kam Jeff allein zurecht, sodass er bessere und menschenfreundlichere Verwendungszwecke für Andrews Geld ersonnen hatte.

Andrew genoss in den Wohltätigkeitskreisen mittlerweile den Ruf eines großzügigen Spenders, und Jeff liebte es, seinen Bruder dabei zu beobachten, wenn er mit gequälter Miene die Schecks unterschrieb.

„Danke, Bruderherz“, sagte Jeff. „Wie geht’s dir denn so? Was macht die neue Firma?“

„Viel Arbeit, aber es lohnt sich.“

„Ich hab gesehen, dass Jamie es auf die Titelseite von ‚Forbes‘ geschafft hat.“

„Ja, und sie hat sich sehr gefreut“, sagte Andrew, dessen Gesicht bei der Erwähnung seiner Freundin etwas ausstrahlte, das man beinahe menschlich nennen konnte.

Jeff blickte um sich und erspähte eine Brünette, die ihn über den Rand ihres Glases hinweg beobachtete. Automatisch lächelte er sie an. Andrew beobachtete den Flirt, sagte aber nichts. Das war auch nicht nötig, denn sein Blick sprach Bände. Andrew missbilligte Jeffs Lebensstil.

„Ed Weinberger hat mich kürzlich angerufen, der Chef von Stockard-Vine Public Relations“, sagte Andrew. „Wir haben uns vor langer Zeit kennengelernt, als ich neben meinem Studium im Golfclub gekellnert habe. Na ja, jedenfalls hat er mich angerufen, weil er eine Frage zu einer Aktie hatte. Während unseres Gesprächs hab ich dich erwähnt, und es stellte sich heraus, dass sie einen Geschäftsführer suchen. Du solltest darüber nachdenken.“

Jeff runzelte die Stirn und nahm einen kräftigen Schluck Bier. „Andrew, ich bin nicht mehr achtzehn. Ich habe einen Beruf und einen Job, den ich selbst gefunden habe. Ich brauche deine Hilfe nicht“, antwortete er seinem Bruder.

Eines Tages würde Andrew vielleicht verstehen, dass er es allein schaffen wollte. Da sie ohne ihren Vater aufgewachsen waren, hatte sein großer Bruder schon als Junge die Verantwortung für die Familie übernommen. Er hatte so lange für sie alle gesorgt, dass er manchmal vergaß, dass sie inzwischen selbst für sich sorgen konnten.

„Ich weiß, dass du meine Hilfe nicht magst. Ich weise dich nur auf eine Möglichkeit hin, die dich deinem ersehnten Boot einen Schritt näher bringen würde.“

Jetzt war es an der Zeit, das Thema zu wechseln. „Ich wollte dich was fragen“, begann Jeff.

„Schieß los.“

„Was machst du, wenn du jemanden von deiner Denkweise überzeugen willst?“

„Soll das ein Witz sein? Ich dachte, du wärst der PR-Experte.“

„Meine Frage hat nichts mit PR zu tun.“ Jeff griff in die Schale mit dem Knabberzeug und warf sich eine Erdnuss in den Mund. „Es ist eher eine allgemeine Lebensfrage.“

„Wie heißt sie?“

„Weißt du was, Andrew? Es nervt mich allmählich, dass du solch eine schlechte Meinung von mir hast. Wann immer ich ein Problem habe, denkst du, es geht um Frauen. Ich mache mir um alles Mögliche Gedanken …“

„… die sich normalerweise um Sex drehen.“

„Was weißt du schon über mein Liebesleben? Meine sexuellen Erlebnisse werden im Gegensatz zu deinen nicht per Internet in der ganzen Welt verbreitet“, erinnerte Jeff seinen Bruder.

Andrews Miene verschloss sich. „Das ist unfair!“

Okay, wahrscheinlich war es unfair, den Sex-Blog ihrer schriftstellernden Schwester Mercedes zu erwähnen. Aber das scherte Jeff nicht. Mercedes hatte im vergangenen Herbst Andrews und Jamies Affäre in leicht veränderter Form in ihrem Blog „The Red Choo Diaries“ publik gemacht. Und ganz New York hatte sich daran ergötzt. Nichts ging über die moderne Technologie.

„Ist es etwa fair, dass du mir jegliche charakterlichen Tugenden absprichst? Du denkst, ich habe nur Frauen und Sex im Kopf.“

Andrew warf ihm den Blick zu, den Jeff nur allzu gut kannte. Aber er ging nicht darauf ein, er hatte ein wichtigeres Thema mit seinem Bruder zu besprechen.

„Mal eine rein hypothetische Frage, Andrew. Was würde passieren, wenn Con-Mason und Summerville Consumer Products fusionierten?“

Andrew stieß einen leisen Pfiff aus. „Ist das wahr?“

„Ich hab gesagt: hypothetisch.“

Andrew starrte an die Decke, die Lippen gespitzt. Er hielt das für seinen Denker-Blick. „Okay, Con-Mason … chinesische Märkte. Summerville … Gerüchte von neuen Produkt-Entwicklungen.“ Er sah wieder zu Jeff. „Alles in allem, groß. Sehr, sehr groß. Aber was würde dabei für Con-Mason herausspringen?“

Shelley. „Woher soll ich das wissen?“, sagte Jeff. „Solch eine Fusion würde also eine riesige Sache sein? Es würde Summerville viel Geld bringen?“

„Sehr viel Geld. Viele, viele Nullen. Mehr als du zählen kannst.“

Das hatte Jeff befürchtet. Er beschloss, die Unterhaltung in lieblichere Gewässer zu steuern. „Sag mal, wann machst du Jamie denn nun einen Heiratsantrag?“

Andrew wurde blass. „Das ist ein sehr großer Schritt.“

„Feige?“

„Nein. Aber ein Mann muss sein Leben nun mal strategisch planen. Ein Schritt nach dem anderen. Man beginnt mit den beruflichen Zielen. Und wenn das geordnet ist, steuert man die privaten Ziele an. Jamie und ich werden bestimmt heiraten, aber zuerst will ich die neue Firma nach oben bringen.“

„Wie lange wird es bis dahin dauern? Willst du mit deinem Heiratsantrag warten, bis du Arthritis hast und nach deinem Kniefall nicht hochkommst, sodass Jamie dir helfen muss? Und was ist, wenn sie nicht auf dich wartet? Wie kannst du annehmen, dass sie abwartet, bis du alle deine Ziele erreicht hast?“

Jeff wusste, dass Jamie ewig auf Andrew warten würde, aber es machte ihm Spaß, seinem Bruder die Angst vor der Einsamkeit in den Kopf zu setzen. Jamie würde es ihm später danken.

„Natürlich wird sie warten, bis die Firma etabliert ist. Jamie ist ehrgeiziger als ich“, sagte Andrew, aber seine Stimme verriet leise Zweifel. Jeff triumphierte innerlich.

„Man muss also deiner Ansicht nach alles andere beiseiteschieben, wenn man ein bestimmtes Ziel erreichen will, ja?“ Jeff hatte Andrews Zielstrebigkeit insgeheim immer bewundert, und wäre er selbst so zielgerichtet gewesen, dann wäre er jetzt Teilhaber seiner Firma und der stolze Besitzer eines Zehn-Meter-Segelschiffs. Vielleicht könnte er mehr wie Andrew werden …

„Ja, genau das ist es“, antwortete sein Bruder. „Setz dich ein, opfere deine Zeit, und am Ende zahlt es sich aus. So klappt das Leben, Jeff. Immer.“

Jeff fand Andrews Philosophie einleuchtend. Das Leben konnte bei allen klappen, aber galt das auch für Shelley? „Du meinst, es klappt immer? Auch wenn man mit dem, was läuft, nicht einverstanden ist?“

Andrew nickte. „Lass dir eins sagen, Jeff. Es wird immer Situationen geben, wo man mit dem, was läuft, nicht einverstanden ist. Aber so ist es nun mal in der Geschäftswelt. Die Firmeneigentümer entscheiden darüber, wie ihr Unternehmen geführt wird, und du bist ihnen egal. Wenn du also etwas willst, dann hol es dir. Ende der Story. Hast du denn gar nichts von mir gelernt?“

„Doch, natürlich“, sagte Jeff und warf sich noch eine Erdnuss in den Mund. „Streng dich an, sei zielgerichtet, ignoriere den Mist. Das kann ich.“

Vielleicht.

Shelley hatte sofort den idealen Treffpunkt gewusst, als Jeff sie anrief, um sich mit ihr für Donnerstag zu verabreden. Das Geschäft „Agent Provocateur“ in Soho war stilvoll eingerichtet, aber die Ware war umso provokanter.

Als Jeff endlich durch die Ladentür kam, schwang Shelley einen schwarzen Spitzenstraps und drei durchsichtige BHs durch die Luft. Über ihrem anderen Arm hingen drei transparente Bodys. Jeff blieb stehen und starrte. Plötzlich benahm er sich wie jemand, der durch eine fremde Welt aus Spitze, Seide und geheimnisvollen Düften reist. Nächster Halt: die Erektionszone.

Shelley hielt einen BH hoch, dessen Körbchen in der Mitte kreisrund ausgeschnitten waren. „Wie findest du dieses Stück?“

Seine Augen blickten düster, aber Shelley bemerkte die Fünkchen von Begehren darin. „Ich dachte, wir hätten neue Regeln aufgestellt.“

„Du hast gesagt: keine Nacktauftritte.“ Mit den Dessous über dem Arm spazierte sie in Richtung Anprobekabinen. „Ich bin nicht nackt. Kommst du?“

Er folgte ihr, doch als es darum ging, in das Allerheiligste des Umkleideraums einzudringen, blieb er an der Tür stehen und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. „Ich warte hier.“

Sie seufzte. „Wie du meinst.“

Drinnen legte sie ihre Kleidung ab und zog den weißen Spitzenbody an. „Worüber wolltest du eigentlich mit mir reden, Jeff?“

„Ich weiß, warum du das tust.“

„Was tue ich denn?“

„Na, dieses ganze Vamp-Theater, mit dem du die Welt schockieren willst.“

Sie kicherte. Vamp war solch ein niedliches, altmodisches Wort, und Jeff war so … nein. Wenn sie sich nicht sehr täuschte, war sein Anzug von Armani. Nein, der Mann hatte nichts Altmodisches an sich, auf seinen muskulösen Körper traf das schon gar nicht zu. „Wieso sollte ich die Welt schockieren wollen?“

„Dein Vater hat mir von der Verlobung erzählt.“

Das brachte sie aus der Fassung. Aber nur für eine Sekunde. Dann setzte sie wieder ihr übliches Lächeln auf und befestigte die schmalen Träger, die das Oberteil an Ort und Stelle hielten. Sie blickte in den Spiegel und nickte zufrieden. Der Body saß perfekt, das Top brachte ihre Brüste voll zur Geltung. Das Weiß war unschuldig und nobel, aber das ganze Outfit schrie förmlich: Nimm mich, ich gehöre dir.

„Aha. Und?“, fragte sie in gelangweiltem Ton.

„Du willst diese Verlobung nicht.“

Shelley öffnete die Tür und sah, wie sein Gesicht eine knochenweiße Färbung annahm, die gut zu seinem dunklen Haar passte. „Du bist ein Träumer, Jeff. Wach auf und werde erwachsen“, sagte sie. Dann vollführte sie eine kleine sexy Drehung. „Was meinst du?“, fragte sie, eine Hand auf die Hüfte gestützt, damit er die Rundung ihres Pos bewundern konnte.

„Es ist hübsch“, sagte er und schluckte. Er riss seinen Blick hoch und fixierte die Wand. „Dann bist du mit dieser Heiratssache einverstanden?“

Sie ging auf ihn zu, ließ ihre mit Spitze bedeckten Brustspitzen über seinen Oberkörper streifen. „Ich lebe in einer anderen Welt als die meisten Menschen. Ich kann nicht einfach irgendeinen Mann heiraten. In meiner Welt sind Dinge zu berücksichtigen, die normalerweise keine Rolle spielen. Da wäre erstens die Familie und zweitens das Unternehmen und drittens die Herkunft.“

„Das hast du dir gerade ausgedacht“, sagte er vorwurfsvoll, wobei sein Blick über ihr Dekolleté wanderte.

Shelley drehte sich zum Spiegel und zog an einem Träger, sodass er ihr von der Schulter rutschte. „Das mit der Herkunft ist nicht wahr, aber der Rest stimmt. Die Heirat ist ein Handel, Jeff. Ich bekomme, was ich will, und Daddy kriegt, was er will. Was könnte besser sein?“

Er hielt ihren Blick im Spiegel fest. „Was willst du, Shelley?“

Sie blickte vom Spiegel fort, weil sie den unschuldigen weißen Look nicht mehr mochte. „Das behalte ich für mich, und du kannst für den Rest deines Lebens darüber rätseln.“

„Dann wirst du diese Sache durchziehen?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Muss ich mich wiederholen?“

„Na ja, für eine Frau, die bald heiraten wird, scheinst du etliche Männer zu mögen.“

„Es ist ja nicht so, als ob das Ereignis nächste Woche stattfindet.“

„Dann willst du bis dahin deine Freiheit noch ausgiebig genießen?“

„Richtig.“

„Und das ist deine endgültige Antwort?“

„Jawohl.“

Sie dachte, dass er sein Verhör fortsetzen würde. Insgeheim hoffte sie es, aber statt weiterzubohren, seufzte er und gab auf. „Okay, dann haben wir eine Menge zu tun. Ich habe einen Fünf-Punkte-Plan entworfen, um dein Image zu reparieren.“

Sie knallte die Tür zu und zog den Body aus. „Ich brauche mein Image nicht zu reparieren!

„Das musst du aber, wenn du heiraten willst“, antwortete er nüchtern.

Sie riss die Tür auf, weil sie seinen kühlen Ton hasste. Der Mann wollte sie reparieren, als ob sie eine beschädigte Porzellanfigur sei.

„Du hast gesagt: keine Nacktauftritte“, erinnerte er sie.

Sie schlug die Tür wieder zu. „Nein, das hast du gesagt.“

„Aber du hast es versprochen.“

„Na schön“, sagte sie und fischte den Halbschalen-BH und die Strapse aus den aufgehäuften Dessous. „Erzähl mir von deinem brillanten Fünf-Punkte-Plan.“ Sie zog ihren roten Mini-Slip an, darüber den Strumpfhalter.

„Okay. Ich dachte mir, dass wir uns fünf Bereiche vornehmen sollten. Privatleben, künstlerische Aktivitäten, Sport, Dienst an der Allgemeinheit und fünftens das, was ich den ‚kleinen Mann‘ nenne.“

Dienst an der Allgemeinheit? Der „kleine Mann“?

Shelley zerrte an den Strümpfen, ließ den BH-Clip zuschnappen. „Du hast dir ja eine Menge Gedanken gemacht.“

„Das ist mein Job.“

„Natürlich“, sagte sie und betrachtete sich im Spiegel.

Künstlerische Aktivitäten? Was für ein Blödmann. Sie würde ihm schon zeigen, was künstlerische Aktivitäten waren. Vorsichtig zog sie das eine Körbchen ein wenig tiefer und enthüllte eine künstlerisch präsentierte Knospe. Dann öffnete sie die Tür. „Soll ich das hier nehmen?“

Er rührte sich nicht.

Sie wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht. „Hallo.“

Jeff schüttelte ruckartig den Kopf. „Hierfür wirst du büßen, Shelley.“

„Für was?“

Er zog an dem BH-Körbchen und bedeckte ihre Brustspitze, wo sein Daumen einen Moment verharrte.

„Für nichts“, antwortete er. „Wir müssen einfach nur zielgerichtet bleiben.“

Zielgerichtet. Was für ein Unsinn, dachte Shelley. Sie mussten Sex haben. Wilden, leidenschaftlichen, wunderbaren Sex, sodass sie ihre Begierde nach Jeff los wäre, bevor er sie „reparierte“.

Sie ging in die Umkleidekabine zurück und zog lächelnd ihr Sommerkleid und die Sandaletten an. Welch ein tolles Gefühl war es gewesen, seine Hand auf ihrer Haut zu spüren. Draußen hörte sie ihn ruhelos auf und ab gehen. Der Arme. All diese angestaute Spannung.

Bald. Bald hab ich dich, wo ich dich haben will, Jeff Brooks.

Ja, Shelley wusste genau, was sie wollte.

3. KAPITEL

Das Anwesen der Summervilles lag auf einer Anhöhe direkt am Küstensaum von Long Island. Die Familie hatte auf der langgestreckten Insel vor New York ihre Sommerresidenz, so wie viele andere reiche New Yorker. Shelley verbrachte hier seit ihrer Kindheit fast jedes Sommerwochenende, und der Geruch der Seeluft belebte jedes Mal ihre Sinne.

Sie saß auf dem Bootssteg und blickte aufs Meer, das im Licht der untergehenden Sonne glitzerte. Die Einsamkeit des Wassers hatte etwas, das Shelley anzog. Hier konnte sie die Zwänge des Summerville’schen Erbes abwerfen und einfach nur sein.

Natürlich brachte es Privilegien mit sich, eine Summerville zu sein. Shelley konnte zum Skilaufen nach Aspen oder in die Schweiz jetten, für einen tropischen Urlaub in die Karibik fliegen, wann immer sie Lust dazu hatte. Sie konnte das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts von Kuba für Kleidung ausgeben.

Sich zu beklagen wäre wirklich kleinkariert, also tat sie es nicht. Sie beobachtete, wie die Katamarane auf den Wellen dümpelten. Das schwappende Geräusch des Wassers beruhigte ihre Nerven und vertrieb alle negativen Gedanken.

Manchmal dachte Shelley, dass sie etwas Sinnvolles aus ihrem Leben machen sollte. Aber dann ging sie aus und trank und kam irgendwann zu der Erkenntnis, dass es Menschen gab, die dazu bestimmt waren, Sinnvolles zu tun. Und dass sie nicht dazu gehörte.

Shelley erspähte ihre Schwester Cami, die gerade das Haus verließ und die Treppe zum Strand hinabging. Sie seufzte. Als ob sie jemanden bräuchte, der sie daran erinnerte, wo ihr Platz in dem großen Weltenplan war.

Camille Summerville, vierundzwanzig und zwei Jahre jünger als Shelley, war das genaue Gegenteil ihrer Schwester. Trotzdem liebte Shelley sie. Cami studierte Medizin. Sie hatte einen Hang zum Natürlichen, trug Khakihosen und Leinenblusen und gärtnerte. Als sie über den Strand ging, knirschten ihre Sneaker im Sand. Ein weiterer Unterschied – Shelley würde nie im Leben Sportschuhe tragen.

„Ich soll dir sagen, dass das Dinner um sieben serviert wird“, sagte Cami.

„Aha. Okay.“

„Denk dran, dass die Conrads auch kommen“, erinnerte Cami sie. „Du solltest etwas Hübsches anziehen. Dad würde sich darüber freuen.“

„Ja, ich weiß. Sag mal, wolltest du nicht übers Wochenende in New York bleiben?“

Cami beendete gerade ihr zweites Studienjahr und nahm sich nie eine Auszeit. Cami war für ein sinnvolles Leben bestimmt.

„Eigentlich hatte ich das vor, um für die Prüfungen zu büffeln. Aber ich muss mit dir reden.“ Cami machte ein Gesicht, als hätte sie ein furchtbar schlechtes Gewissen.

„Worüber?“, fragte Shelley, neugierig, was bei Cami Schuldgefühle erzeugen könnte. Eine Zwei in einem Test? Ein Strafzettel wegen falschen Parkens? Oder war sie an einem Obdachlosen vorbeigegangen, ohne Geld in seine Richtung zu werfen?

„Ich will einen Wochenendtrip zu den Inseln machen, und du musst mich decken.“

Es war also keine schlimme Missetat. Cami wollte nur eine Erholungspause. „Warum sagst du es nicht Mom?“

„Aus zwei Gründen. Erstens würde es sie bekümmern, dass ich mein Studium schleifen lasse. Und zweitens, Lance.“

„Lance?“

Camis Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. „Genau, Lance. Er ist Schlagzeuger in einer Band.“ Sie blickte um sich, um sich zu vergewissern, dass keiner zuhörte. „Wir werden es tun, Shelley.“

„Sex haben?“

„Herrje, nein, Sex hatten wir schon x-mal. Ich will nackt baden und am Strand Sex haben und all die verrückten exotischen Dinge tun, die normale Menschen angeblich dauernd tun. Hast du schon mal Sex am Strand gehabt?“

Sex am Strand? Nein! Der Strand war Shelleys persönlicher Ort, für sie ganz allein. Den Strand würde sie mit niemandem teilen, aber Cami sah so aufgeregt aus, dass Shelley ein träumerisches Erinnerungslächeln aufsetzte. „Es ist fantastisch, Cami. Richtig heiß, weißt du. Man schwitzt, und überall klebt einem der Sand auf der Haut, und gerade wenn man denkt, dass es total widerlich ist, kann man ins Wasser springen und sich abkühlen. Du tauchst und schwimmst, bist eingehüllt vom Meer. Es ist wundervoll. Fünf Sterne, Cami. Definitiv.“

„Oh, ich kann es kaum erwarten. Und ich hab mir einen neuen Bikini gekauft. Mit String. Lance wird Augen machen.“

„Ihr beiden werdet ein tolles Wochenende haben.“

„Und du wirst wirklich dichthalten?“

„Von mir wird keiner ein Sterbenswörtchen erfahren. Und notfalls lüge ich für dich.“ Shelley knuffte ihre Schwester liebevoll. Sie hatte keine von Camis Sorgen. Tja, keine Pflichten, keine Gewissensbisse. Bis zum Tag ihrer Verlobung würde Shelley frei sein wie die Möwen, die durch die Luft segelten.

„Weißt du, Josh und du solltet in der Karibik heiraten“, sagte Cami. „Barfuß. Im Hintergrund leise Gitarrenmusik. Was meinst du?“

„Ja, vielleicht“, antwortete Shelley. „Lass uns reingehen. Schließlich will ich meinen Zukünftigen nicht warten lassen.“

Das offizielle Esszimmer bot bis zu vierzig Personen Platz. Diesen Abend war der Tisch für acht gedeckt, aber Shelley wünschte, die Verlängerungsteile wären eingesetzt. Dann würde die Unterhaltung auf ein Minimum beschränkt bleiben.

Die Conrads waren zu viert gekommen: James Conrad, seine Frau Marge, ihre Tochter Jennifer und ihr Kronprinz Josh. Er war hübsch, mit sonnengebleichtem Kalifornien-Haar, strahlend blauen Augen und einem Mund, der einen Tick zu breit war, aber zu ihm passte. Aus irgendeinem Grund wollte Shelley ihn jedes Mal, wenn sie ihn ansah, umbringen. Nicht gerade die beste Ausgangslage für eine Ehe.

„Na, Shelley, wie ist dein Steak, Schätzchen?“

Sie lächelte ihren Vater an. „Ich glaube, ich werde Vegetarierin. Weißt du, wie Steaks gemacht werden? Sie schneiden die Kühe auseinander, zerlegen sie in lauter blutige Teile und …“

„Nicht bei Tisch, Shelley“, mahnte ihre Mutter.

Shelley zwinkerte. „Okay, Mom.“

Ihre Mutter, stets auf Harmonie bedacht, wandte sich zu Josh. „Also, Josh, was gibt’s Neues bei Con-Mason?“

Er blickte von seinem Teller auf und lächelte, wodurch sein Mund noch breiter wurde. „Die Verkaufszahlen für die neuen Badreiniger sind um siebzehn Prozent gestiegen, und letzte Woche haben wir Anreize für das Verkaufsteam geschaffen. Sehr spannende Sache. Ich glaube, das Wachstum im dritten Quartal wird alle überraschen, besonders die Analysten.“

„Ist das nicht schön?“, meinte Cynthia Summerville, die haargenau den Typ der Long Island- Lady verkörperte. Goldblond, gebräunt und noch immer attraktiv. „Ist das nicht schön, Shelley?“

Shelley nickte. „Viel besser als schön, Mom“. Sie sah in Joshs Richtung. „Es ist bombig.“

Er fing ihren Blick auf, lächelte und wandte sich dann wieder seinem Essen zu. Oh ja, ihre Ehe würde paradiesisch sein.

Die Dinner-Konversation folgte einer festgelegten Ordnung. Zuerst Klatsch, dann kam die Polo-Saison an die Reihe, und beim Dessert stürzten Marge Conrad und Cynthia sich in eine ausführliche Kritik der kommenden Herbstmode.

Lauter wahnsinnig geistreiches Zeug, das Shelley nach sechsundzwanzig Jahren auswendig kannte.

Nachdem das Geschirr abgeräumt war, öffnete Shelleys Vater eine Flasche Champagner und schenkte ringsum ein. Dann trat er hinter Shelley, die Hände auf ihren Schultern. „Ich habe etwas zu verkünden. Ihr werdet bald alle eine neue Seite von Shelley sehen. Es war eine große Überraschung für mich, als sie zu mir kam und mir sagte, dass sie ihre Welt erweitern würde. Der Allgemeinheit dienen, am Kunstgeschehen teilnehmen, New Yorks Sportangebote erkunden, ihr Leben in etwas Sinnvolles verwandeln. Ich war vor Freude völlig aus dem Häuschen. Und dann hat sie mir von ihrer Lieblingsidee erzählt, dass sie für den ‚kleinen Mann‘ eintreten will.“ Er hob sein Glas. „Auf Shelley, meinen Augapfel.“

Shelley setzte ein Lächeln auf und hob ihr Glas. Jeff Brooks war also derart von seinem Fünf-Punkte-Plan überzeugt, dass er damit schnurstracks zu ihrem Vater gerannt war, als wäre es eine geniale neue Werbe-Idee.

Heiße Wut stieg in ihr hoch, ein seltsam fremdes Gefühl. Sie dachte nicht daran, sich wie ein neu entwickeltes Waschpulver behandeln zu lassen!

Es mochte ja sein, dass sie ein bedeutungsloses Leben führte. Aber trotzdem, dieses Mal war Jeff entschieden zu weit gegangen.

Wart’s ab, Jeff Brooks. Du wirst dein blaues Wunder erleben.

Mercedes Brooks war Jeffs jüngere Schwester und seine Komplizin bei Streitigkeiten mit Andrew. Und wenn sie mit Andrew durch waren, gingen sie aufeinander los, und zwar in der gemeinen, von Liebe durchwobenen Art, wie sie bei geschwisterlichen Zänkereien üblich war.

Wäre Mercedes bieder oder dick gewesen, hätte Jeff ihr vielleicht einen Schonraum gelassen. Aber seine Schwester sah nicht nur rassig aus, sie war auch klug und gerissen und manchmal eine richtige Nervensäge.

Wie zum Beispiel jetzt, wo sie in seinem Büro saß, die „New York Times“ las und unablässig vor sich hin schimpfte.

Sie strich sich ihr schwarzes Haar aus den Augen und zeigte auf den Artikel, den sie gerade las. „Findest du, dass der Sex unser Land degradiert?“

„Was?“, fragte Jeff, der bei dem Wort „Sex“ hellhörig wurde.

„Sie verreißen meinen Blog.“

„Ach so“, murmelte Jeff und wandte sich wieder seinem Computer zu. Mercedes’ Sex-Blog, „The Red Choo Diaries“, war mit erotischen Details gespickt und hatte eine große Lesergemeinde. Darauf war Mercedes stolz, aber Kritik an ihren freizügigen Texten konnte sie überhaupt nicht vertragen. Typisch.

„Ich hab dafür jetzt keine Zeit, Mercedes“, sagte Jeff und sendete einem Reporter der „Daily News“ eine E-Mail, um nochmals an das Ereignis des Tages zu erinnern.

„Wieso nicht? Ist dir das Recht auf freie künstlerische Entfaltung egal? Ist es dir egal, dass unsere Presse immer reaktionärer wird? Ausgerechnet dir, der du auf die Medien angewiesen bist? Ich habe den Verdacht, dass du ein Verräter bist, Jeff. Manchmal kann ich nicht glauben, dass du mein Bruder bist.“

„Ach, komm, reg dich ab. Du schreibst einen Sex-Blog und nicht ‚Vom Winde verweht‘.“

„Und du verdienst mit Lügen, Täuschungen und Gehirnwäsche dein Brot. Oder etwa nicht?“

„An guten Tagen, ja.“

Sie brummelte und kam auf den Zeitungsartikel zurück. „Du könntest mir wenigstens dabei helfen, zu diesem Quatsch ein Stück für die Meinungsseite zu schreiben. Es muss Pfiff und Würze haben, weißt du. Ich muss auf meiner Plattform arbeiten.“

„Was für eine Plattform?“, fragte er.

„Eine Marketing-Plattform. Das hat mir meine Agentin gesagt.“

Jeff runzelte die Stirn. „Was für eine Agentin?“

„Meine Literaturagentin. Hörst du mir eigentlich jemals zu, wenn ich dir etwas erzähle?“

„Nein.“

„Andrew hört mir wenigstens zu.“

„A propos Andrew. Ich hab ihn letzte Woche drangekriegt.“

Das brachte ein freudiges Glitzern in Mercedes’ Augen. „Wirklich? Wie denn?“

„Ich hab ihm gesagt, dass Jamie nicht ewig auf einen Heiratsantrag warten würde.“

„Und wie hat er reagiert? Ist er blass geworden? Hat er die Stirn gekraust? Oder hat er die Arme verschränkt und den Coolen gemimt?“

„Die ganze Palette.“

„Ich wette, er macht ihr nächste Woche den Heiratsantrag.“

„Nein, in drei Monaten. Andrew ist für spontane Schritte zu konservativ.“

„Bei Jamie? Hallo! Die beiden haben es in einer Stretchlimousine getrieben. An einem Arbeitstag! Wir müssen wetten. Ich setze tausend Dollar darauf, dass er innerhalb eines Monats den Kniefall vollführt.“

„Was ist denn mit dir los? Als darbende Künstlerin kannst du nicht tausend Dollar verwetten.“

„Und ob ich das kann. Ich hab gestern meinen ersten Vorschuss-Scheck bekommen.“

„Vorschuss für was?“

„Für mein Buch.“

„Du hast einen Buchvertrag?“

„Das hab ich dir doch erzählt. Aber das hast du wohl auch wieder nicht …“ Sie verstummte, als sie sein Grinsen bemerkte. „Oh, du bist solch ein Blödmann.“

„Also gut, tausend Dollar. Und ich werde gewinnen.“

Mercedes lachte. „Nimm den Mund nicht zu voll, Bruderherz. So, und jetzt musst du mir bei dem Essay helfen.“

„Ich kann jetzt nicht. Ich muss Shelley bei dem Streik der Elektriker treffen.“

Sie musterte ihn und bemerkte erst jetzt die verwaschenen Jeans und das Rolling-Stones-T-Shirt. „Ein Streik? Was zum Teufel machst du bei einem Streik?“

„Wie du weißt, arbeite ich an Shelley Summervilles Image. Sie geht heute in der Streikpostenkette mit. Es ist Teil eines Plans, ihren Ruf zu verbessern.“

Mercedes brach in Lachen aus. „Das muss ich sehen! Ich komme mit dir mit. Wer weiß, vielleicht bringt die Sache Stoff für meinen Blog.“ Dann erschien ein abwesender Ausdruck in ihren Augen. „Ich sollte mit Shelley reden. Sie kann mir bestimmt tolles Material liefern.“

„Vergiss es, Mercedes.“

„Na gut“, willigte sie ein, aber der abwesende Ausdruck verschwand nicht aus ihrem Blick.

Der Times Square hatte für Jeff immer etwas Reizvolles gehabt. In seiner Kindheit war der Platz etwas zwielichtig gewesen, halbseiden und schmuddelig. Dann hatte er sich über die Jahre verwandelt und war nun eine Stätte voller Lichter, Geschäfte und Glanz.

Heute wimmelte der Platz von Menschen, einer Mischung von Berufstätigen in der Lunchpause und Touristen, dazwischen einige Straßenpriester, ein Bursche mit einem Lama an der Leine und natürlich der berühmte nackte Cowboy.

Ein typischer Tag in der City. Und jeden Tag gab es irgendwo einen Streik. Mal streikten die Arbeiter von der Müllabfuhr, mal die Krankenschwestern, die Hotelportiers, Babysitter oder Broadway-Musiker. Heute marschierten auf dem Times Square die Elektriker zum Streik auf.

Jeff und Mercedes standen vor dem Eingang des Restaurants „Sports-Zone“ und warteten auf Shelley.

Und warteten.

Und warteten.

Jeff blickte nervös auf seine Uhr. Er wollte Shelley gerade auf ihrem Handy anrufen, als er das im Sommerwind wehende blonde Haar erspähte. Köpfe drehten sich, als sie vorbeiging. Die Leute drehten sich immer nach ihr um und fragten sich, wer sie war. Einige wussten es und tuschelten.

Ja, Shelley zog die Blicke auf sich. Jeffs Blick zog sie immer auf sich. Er verstand sie nicht, aber er liebte es, sie anzusehen. Sie strahlte eine unglaubliche Energie aus, und egal, wie leer und teilnahmslos sie wirkte, sie konnte diese Energie nicht verbergen.

Sie erblickte Jeff und winkte, und die halbe Streikpostenkette winkte zurück.

„Sie sieht ja direkt züchtig aus“, murmelte Mercedes. „Wieso trägt sie ein Kostüm?“

Halleluja, sie trug tatsächlich einen blauen Blazer und einen dazu passenden Rock. Okay, der Rock war etwas kurz, aber Jeff feierte seine Siege, wo er konnte.

„Weil sie endlich anfängt, auf mich zu hören“, antwortete er.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, sagte Shelley, als sie sich durch die Menge gekämpft hatte und außer Atem bei ihnen anlangte. Sie musterte Mercedes. „Ich kenne Sie doch, oder? Sorry, aber ich kann mir Namen einfach nicht merken. Ich bin Shelley.“

„Mercedes Brooks.“

„Aaah …“ Sie sah zu Jeff. „Sie ist deine Schwester? The Red Choo Diaries?“

„Sie kennen die Tagebücher?“

„Klar. Ich lese sie immer.“

Jeff fasste Shelleys Arm. Er musste sie von Mercedes wegbekommen, ehe seine Schwester mit ihren gerissenen Manövern Shelleys Ruf total ruinierte. „Lass uns zu den Streikposten rübergehen, Shelley. Der Gewerkschaftsboss weiß über unsere Aktion Bescheid, und die Presse ist auch da. Ich hab für dich ein paar Zeilen aufgeschrieben. Du musst nicht viel sagen. Nimm das Streikschild, marschiere mit den Arbeitern, lächle und winke und sieh einfach hübsch aus. Meinst du, du kriegst das hin?“ Er reichte ihr den Zettel mit seinen Notizen.

Sie überflog das Papier, blickte zu ihm, klimperte mit den Wimpern. „Lächeln, winken, hübsch aussehen. Klar kann ich das. Kein Problem.“

Irgendwas war heute anders an ihr. Zu eifrig, zu kooperativ, zu schwungvoll. Etwas stimmte nicht in dem Bild. Jeff blickte ihr nach, als sie zu der Schlange der Streikenden ging – zügig, geschäftsmäßig und total selbstbewusst.

Ja, da stimmte etwas nicht. Jeffs Magen begann zu kribbeln.

Blitzlichter leuchteten auf, und Shelley winkte allen zu. Touristen blieben stehen und versuchten rauszukriegen, welcher Filmstar sie war.

Mercedes kam zu Jeff herüber. „Ich hab sie falsch eingeschätzt. Sie macht das wirklich gut.“

Ja, sie machte ihre Sache prima. Schüttelte den Arbeitern die Hände, sprach mit einem Reporter und bezauberte alle.

Das Kribbeln in Jeffs Magen wurde stärker. Er drängelte sich durch die Menge zu den Streikenden durch. In dem Moment, als er anlangte, hob Shelley die Hand, und das Gemurmel der Schaulustigen erstarb.

„Als ich las, dass die Elektriker in Streik gehen würden, bin ich wütend geworden. Diese Stadt ist von der Arbeit der Elektriker abhängig. Die Elektriker sorgen dafür, dass der Times Square erleuchtet ist, dass der Betrieb in Firmen und Krankenhäusern reibungslos funktioniert. Genau gesagt halten Elektriker die Menschen am Leben. Und dafür verdienen sie einen entsprechenden Lohn.“

Das war alles gut, genau nach Drehbuch. Jeff entspannte sich. Dann drehte Shelley sich zu dem Gewerkschaftsboss, einem ergrauten Mann in den Fünfzigern mit einer blauen Gewerkschaftsmütze auf dem Kopf. „Wie ist Ihr Name, Sir?“

„Al“, antwortete er und wurde rot.

Sie legte ihren Arm um den Mann und zog ihn damit in ihre Welt. „Wir stehen hinter Ihnen, Al. Die Stadt wird Sie nicht vergessen.“ Sie zog einen Mann in einem Anzug aus der Menge. „Und wie heißen Sie?“

Der Bursche lächelte für die Fotografen. „Tom.“

„Tom, unterstützen Sie Al?“

Tom blinzelte. „Äh, klar.“

Shelley lächelte. „Ich auch. Um es genau zu sagen …“ Sie zog ihren Blazer aus und enthüllte einen schwarzen Spitzen-BH. Augenblicklich wurden die Männer wild, und ein Blitzlichtgewitter ging los.

„Oh, das ist toller Stoff für den Blog!“ Mercedes grub in ihrer Tasche und beförderte eine Digitalkamera zutage.

Shelley langte zu ihrem Rücken, und Jeff schloss die Augen.

Er hatte es gewusst. Er hatte es einfach gewusst.

Die Menge brach in Beifallsrufe aus, und Jeff öffnete die Augen.

Da stand Shelley, umringt von zweitausend Elektrikern, und schwang den BH triumphierend über ihrem Kopf. Jeff wusste genau, was die Männer dachten, als sie die golden schimmernde Haut und die vollkommenen Brüste beäugten.

Und da Jeff die Presse eingeladen hatte, war es ein Bild, das die meisten Bürger morgen in der Zeitung sehen würden.

Shelley warf den BH in die Richtung der Fotografen und posierte. Dann zog sie mit einem zufriedenen Lächeln die brave Jacke wieder an und ging zu Jeff hinüber. Zügig, geschäftsmäßig, selbstbewusst.

Sie grinste ihn an. „Ich muss schon sagen, das war eine supertolle Idee. Eins zu null für den ‚kleinen Mann‘, richtig?“

Sie gingen zwei Blocks, bevor Jeff sich an Shelley wandte. Aber auch dann sagte er nichts zu ihr, sondern zeigte nur zu einem Coffee Shop, als ob ein Hundebesitzer seinen Vierbeiner dressierte.

Oh, war er wütend. Sie hätte fast losgelacht, aber das wäre billig gewesen, und deshalb behielt sie ihren unbeteiligten und arglosen Gesichtsausdruck bei.

Kaum waren sie in dem Café, pflanzte er sie auf einen Stuhl. „Rühr dich nicht von der Stelle!“

Gehorsam blieb sie sitzen und beobachtete, wie er zum Tresen ging. Das T-Shirt saß perfekt. Zweifellos hatte er es absichtlich angezogen, und die Jeans – Mannomann. Sie brachten seinen knackigen Po wundervoll zur Geltung. Und diese schmalen Hüften …

Shelley war noch nicht annähernd mit ihrer Musterung fertig, als er mit zwei Bechern Kaffee zurückkam.

„Das war hinterhältig und entschieden zu viel des Guten“, begann er.

Sie zwinkerte. „Es hat dir nicht gefallen?“

„Spiel dieses Spielchen nicht mit mir, Shelley. Ich kenne dich.“

Sie warf ihm ein sündiges Lächeln zu. „Ja, ja, ich weiß. Übrigens war der Bürgermeister da. Er stand ganz hinten. Hast du ihn nicht gesehen?“

„Der Bürgermeister?“ Jeff schlug die Hände vors Gesicht. „Meine Karriere ist zum Teufel. Dein Vater wird mich feuern.“

Sie klopfte ihm auf den Arm. „Nein, das wird er nicht tun. Die Aktien des Unternehmens sind schon um zwei Punkte gestiegen. Ich hab’s eben online mit dem Handy gecheckt.“

Er hob den Kopf, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie durch und durch wärmte. Es war ein Ausdruck von Respekt, den Shelley so selten sah, dass sie ihn kaum als solchen erkannte. Jetzt lächelte er, und wieder fühlte sie sich von Wärme durchströmt. Diesmal war es die sinnliche Sorte.

„Warum sagst du es nicht, wenn du dich über etwas ärgerst?“

„Ich habe mich nicht geärgert. Ich habe für die gerechte Sache mein Bestes gegeben.“

Er schüttelte den Kopf und fing an zu lachen.

„Du warst also überrascht?“

„Eigentlich nicht.“

Sie legte die Hand auf seinen bloßen Arm, und rein zufällig strich ihr Daumen über seine Haut. „Komm, gib’s zu. Du warst überrascht.“

„Nein.“

„Nicht mal ein bisschen?“ Sie beugte sich vor, wobei sie ihre Jacke aufklaffen ließ. Sein Blick glitt abwärts, und sie fühlte seine Anspannung unter ihren Fingern.

„Nimm deine Hand weg, Shelley.“

„Zu Befehl.“ Sie nahm ihre Hand fort, richtete das Revers ihres Blazers und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wo ist denn deine Schwester abgeblieben?“

„Sie ist nach Hause gefahren, um zu schreiben. Inspirationen wie du werden ihr selten beschert.“

Shelley konnte nicht anders, sie musste lächeln. „Tja, was soll ich da machen?“

Er warf ihr einen ärgerlichen Blick zu, sodass sie schnell das Thema wechselte. „Also, was kommt als Nächstes in deinem Fünf-Punkte-Plan?“

Sein Ausdruck wurde weicher, und sie spürte in ihrem Innern ein Ziehen. „Du hasst diesen Plan, stimmt’s, Shelley?

„Nein, wie kommst du denn darauf?“

Sein Blick sprach Bände. Er hatte die Erklärung für ihre Show, ersparte ihr aber eine Stellungnahme. „Also gut, lass uns weitermachen. Der nächste Punkt ist einfach. Sport. Wir gehen am Samstag zu einem Spiel der Mets. Wirst du dich benehmen?“

Sie zwinkerte. „Natürlich. Ich bin eine Teamspielerin.“

Als Jeff am nächsten Morgen zur Arbeit ging, rechnete er mit Unannehmlichkeiten. Allerdings hatte er nicht so früh damit gerechnet.

Phil begrüßte ihn fröhlich winkend. „Wayne Summerville ist auf dem Weg hierher. Ich habe die Presseberichte über Ihre gestrige Aktion zusammengestellt. Hier sind Sie.“

Jeff blätterte die Zeitungsausschnitte durch, und ihm fiel auf, dass etwas fehlte. „Das ist alles?“

„Ich hab die ‚Red Choo Diaries‘ angeklickt, Sir. Die Story war nicht drin.“

Jeff konnte es kaum glauben. Mercedes besaß sogar Fotos von dem Ereignis und hatte auf den Knüller verzichtet. Dafür musste er sich bei ihr bedanken.

„Ich gehe jetzt in mein Büro, Phil. Könnten Sie mir bitte Aspirin bringen?“

In weniger als zwei Minuten brachte Phil ihm ein Glas Wasser und legte zwei Tabletten auf seinen Schreibtisch. „Ich mag Ihr Hemd, Sir. Wo haben Sie es gekauft?“

Jeff warf die Tabletten ein und spülte sie hinunter. „Sie können also losgehen und einfach so ein Designerhemd kaufen?“

„Ich hab ja nur gefragt. Werden Sie jetzt nicht schnippisch.“

„Ich bin nicht schnippisch.“

Phil ging hinaus und brummelte „schnippisch“, als er die Tür hinter sich schloss.

„Guten Morgen, mein Junge“, bellte Wayne Summerville. „Ich nehme an, Sie wissen, warum ich gekommen bin.“

„Ich kann es mir denken. Aber ich weiß auch, dass die Aktien Ihres Unternehmens seit gestern um zwei Punkte gestiegen sind.“

Trotz dieser Tatsache sah Wayne nicht glücklich aus. „Was machen wir jetzt, Jeff?“

„Wir gehen zu Schritt zwei weiter. Ich hab Tickets für das Spiel der Mets. Das wird gut laufen.“

„Demnach glauben Sie, dass meine Tochter fähig sein wird, bei einem Baseballspiel ihre Kleider anzubehalten?“

Jeff blickte Shelleys Vater gerade in die Augen. „Ich wollte Sie etwas fragen, Sir. Sind Sie sicher, dass Shelley mit dieser Heirat einverstanden ist? Haben Sie schon mal daran gedacht, dass sie das vielleicht gar nicht möchte?“

„Sie will es. Es gibt nur eines, was Shelley antreibt, und das ist Shelley.“

„Na ja, das stimmt wahrscheinlich, aber haben Sie sie gefragt?“

Wayne beugte sich vor, und seine Augen wurden schmal. „Ich bin nicht dumm, Mr. Brooks. Ich mag vom Lande kommen, aber ich kenne die Menschen. Ich habe Shelley oft gefragt, ob sie mit dieser Heirat einverstanden ist. Ich habe ihr viele Male die Vorteile, die Nachteile und die Situation erklärt. Und wissen Sie, was sie jedes Mal gesagt hat?“

„Was denn?“

„Dass sie es will. Ich liebe meine Tochter, Mr. Brooks, und wenn ich das Gefühl hätte, dass sie nicht hundertprozentig an Bord ist, würde ich es nicht durchziehen.“

„Sie meinen also, dass sie hundertprozentig an Bord ist?“

„Hat sie Ihnen etwas anderes erzählt?“

„Nein.“ Jeff machte eine Pause und versuchte es nochmals. „Haben Sie mit Shelley über ihr Benehmen gesprochen, Sir? Auf ihren Vater würde sie möglicherweise hören.“

Wayne zog eine Grimasse, die sich gut als Werbefoto für ein Mittel gegen Sodbrennen geeignet hätte. „Wir kommunizieren nicht viel. Ich liebe meine Tochter wirklich sehr, aber manchmal denke ich, dass sie weit weg auf einem anderen Stern lebt.“

„Ich weiß auch nicht, ob ich zu ihr durchdringen kann.“

„Aber Sie müssen das doch hinkriegen, Junge. Ich kenne euch Medientypen. Ihr könnt Eskimos Kühlschränke verkaufen. Deshalb werden Sie Shelley auch Ihre Ideen verkaufen können. Sie wird bestimmt auf Sie hören.“

„Warum sagen Sie das?“

„An irgendwas muss ein Mann ja glauben.“

„Ach“, seufzte Jeff. Wenn es doch nur irgendein Anzeichen gäbe, dass Shelley zur Vernunft kam.

„Gut. Dann sind wir uns ja einig. Und nun zu diesem Plan. Da wir mit Sicherheit sagen können, dass Schritt Nummer eins total danebengegangen ist, werden wir den Einsatz erhöhen.“ Wayne zog sein Scheckbuch hervor und begann zu schreiben. „Schauen Sie, dieser Scheck ist auf Jeff Brooks ausgestellt. Gucken Sie sich mal all die Nullen an, Jeff.“ Er wedelte mit dem Papier vor Jeffs Nase. „Dieser Scheck gehört Ihnen, wenn Sonnabend alles glattgeht“, sagte er, faltete den Scheck und steckte ihn dann in seine Hemdtasche.

Jeff gab sich ganz cool. „Es wird glattgehen, Sir. Das ist ein nettes Angebot, aber Sie brauchen das wirklich nicht zu tun.“

Wayne erhob sich und schlug Jeff auf den Arm. „Ich tu’s aber, Junge. Dies ist New York. Wenn ich hier niemanden kaufen kann, ist mein ganzes Geld keinen Pfifferling wert.“

Er ging zur Tür und stieß seinen Zeigefinger in Jeffs Richtung. „Sonnabend. Ich setze auf Sie, Jeff.“

Wie jede Woche fuhr Shelley am Freitagvormittag nach Central Park West. Dort huschte sie in ein altes, großes Apartmenthaus. Da sie nicht erkannt werden wollte, trug sie eine schwarze Perücke.

In dem Bau aus der Jahrhundertwende wohnten Menschen, wenn sie nicht bemerkt werden wollten – wie etwa Filmstars, Sänger, alter Geldadel oder weltberühmte Musiker. Als Shelley die Tür von Apartment 23C leise öffnete, waren die anderen schon versammelt. Da waren die vierzehnjährige Ling, die Studentin Emily und Caroline, eine Hausfrau aus einem Vorort. Und Shelley alias „Sarah“ machte die Runde komplett.

Sie waren alle aus einem Grund hier: Um bei dem großartigen Lehrer Stefan Senarsky zu musizieren. Shelly nahm seit sechs Jahren bei Stefan Geigenunterricht, und weil das Solospiel ihre Auswahl einschränkte, war sie letztes Jahr zu der Kammermusikgruppe übergewechselt.

Musik tat Shelley gut, sie besänftigte sie. Sie liebte es, wie die Klänge in ihrem Inneren schwangen, wenn sie spielte. Manche Menschen glaubten an die Kraft von Yoga, und Shelley glaubte an die Kraft der Musik. Die Musik scherte sich nicht darum, ob man reich oder arm war. Die Musik war ganz einfach Musik.

Stefan war Dirigent in der Tradition der Alten Welt. Er herrschte mit eiserner Faust und verlangte seinen Schülern das Äußerste ab. Shelley vermutete, dass er innerlich weich wie ein Marshmallow war, aber das sagte sie ihm natürlich nicht. Stefan ging jetzt auf die Siebzig zu, sprühte aber vor Vitalität.

„Sarah, Sie kommen zu spät“, bellte er.

„Entschuldigung, Sir.“ Shelley zog den Geigenkasten aus der großen Saks-Einkaufstüte, nahm ihre Geige heraus und setzte sich auf den freien Stuhl neben Ling. Dann hob sie den Bogen und schloss sich den anderen an, die gerade Schuberts Violinquartett in D-Moll spielten.

Sie verlor sich in dem Klang, verlor sich in dem Auf und Ab der Melodie. Schubert war nicht ihr Lieblingskomponist, aber das machte nichts. Shelley liebte es ganz einfach zu spielen.

Am Ende des Stücks klopfte Stefan mit seinem Dirigentenstab an das Notenpult. „Sarah, Sie waren im mittleren Teil flach. Sie haben nicht geübt. Wir spielen das Ganze noch einmal.“

Es stimmte, sie hatte nur einige Stunden geübt. Aber die Arbeit am Image einer vielbeschäftigten Person der Gesellschaft raubte Zeit, sodass Shelley ihr Übungspensum verringern musste. Die Stunden bei Stefan ließ sie jedoch nicht wegen ihres „Imageberaters“ ausfallen. Sie hatte Jeff gesagt, dass sie sich im Central Park treffen könnten, wenn sie ihr „Shopping“ beendet hätte.

Keiner wusste von ihrer Musik, nicht einmal Cami. Die Musik war ihre geheime Leidenschaft, das Einzige, was sie erfüllte. Sie würde nie eine Berufsgeigerin werden, aber das machte nichts. Beim Musizieren war sie glücklich.

Shelley lächelte in sich hinein, zog ihren Bogen zurück und begann zu spielen.

Jeff blickte auf seine Uhr. Shelley verspätete sich schon wieder. Wahrscheinlich probierte sie gerade irgendwelche aufregenden Sachen an. Sie war einkaufen und hatte ihm vorgeschlagen, sie bei Chanel abzuholen. Ha! Er hatte seine Lektion gelernt und würde nie mehr mit Shelley shoppen gehen.

Seit dem Tag in diesem Dessous-Geschäft traf er sie nur noch an „sicheren“ Plätzen. Starbucks, Central Park, Chelsea Pier. Das waren Orte, wo sie ihn nicht mit Stripshows verrückt machen konnte.

Jeff hatte in den letzten Wochen einiges über Shelley herausgefunden.

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