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Tiffany Sexy, Band 41

KRISTIN HARDY

Tango der Lust

Bradys Begehren ist entfacht, als er mit der bildschönen Tanzlehrerin Thea einen feurigen Tango tanzen darf. Ein prickelnd erotischer Tanz, der nicht nur das sinnliche Vorspiel für eine überaus leidenschaftliche Liebesnacht ist, sondern ihn auch nach und nach hinter das wohlgehütete Geheimnis seiner Geliebten kommen lässt …

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Gerald weiß, wen er will: seine Geschäftspartnerin Sugar. Aber je besser die beiden sich im Bett verstehen, desto mehr besteht Sugar auf ihrer Freiheit. Doch selbst der heißeste Sex der Welt ist für einen Mann wie Gerald nicht genug. Er sehnt sich nach einer festen Beziehung mit Sugar, der Frau, die er mit jedem Tag stärker begehrt …

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Wetten, ich verführ dich!

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Kristin Hardy

Tango der Lust

1. KAPITEL

Portland, Oregon

„Du willst am Wochenende nach Seattle, um Bier zu trinken?“

Brady McMillan stand in der Minibrauerei des Pubs und sah von dem kleinen Fass hoch, das er gerade auswusch. Er grinste seinen älteren Bruder an. „Es ist ein Brauerei-Festival“, stellte er richtig. „Dort vertiefe ich Kontakte zu anderen Bierbrauern und präsentiere unser McMillan-Bier. Und außerdem werde ich …“

„… Bier trinken“, beendete Michael den Satz für ihn. Lächelnd kippte Brady das Fass aus. Das Wasser strömte in den Abfluss unter den trichterförmigen Gärkesseln. „Es ist eine schwierige Aufgabe, aber einer von uns muss sie ja machen. Ich opfere mich zum Wohle der McMillans.“ Nur wenige Meter entfernt, abgetrennt durch eine Holzbarriere, befand sich der mit Eichenholz und Lederbänken eingerichtete Pub, doch hier, hinter der Barriere, herrschte Brady über Hopfen und Malz. Michael verschränkte die Arme vor der breiten Brust. „Andere Leute pflegen ihre Kontakte per E-Mail und Telefon.“ „Es geht nichts über den persönlichen Kontakt.“ „Mit einem Glas in der Hand.“ „Wie sonst soll man feine Geschmacksnuancen des Biers vermitteln?“ „Sich betrinken geht per E-Mail auch schlecht.“ „Was sagst du? Ich verstehe dich leider nicht. Es ist zu laut hier im Pub.“ Betont unschuldig zuckte Brady mit den Schultern und stellte das Fass wieder auf. „Ein Glück, dass ich zu all diesen Brauerei-Festivals fahre, um die neuesten Trends in unserer Branche mitzubekommen.“ „Ja, ja, ja. Das Bier lässt die Leute wiederkommen, aber wenn die Atmosphäre im Pub nicht stimmt, bleiben sie weg.“ „Keine Frage. Zum Glück sind wir beide gut in unserem Job, stimmt’s?“ Im Gegensatz zum schlanken blonden Brady war Michael stämmig und dunkelhaarig. Michael kümmerte sich ums Geschäftliche, während Brady sich ganz aufs Bier und die Gäste konzentrierte. „Ich finde, du solltest dir beim Bierbrauen helfen lassen und dich mehr um die Pubs kümmern, zum Beispiel um das Odeon-Theater. Das Projekt müssen wir noch mal durchrechnen. Übernächste Woche müssen wir uns entscheiden, und bis dahin brauchen wir noch ein paar Kostenvoranschläge für den Umbau.“ „Oh. Hörst du? Das Bier ruft nach mir.“ Brady lächelte. „Tut mir leid, ich hätte dir wirklich gern geholfen.“ Michael runzelte die Stirn. „Du braust doch gar nicht, du spülst nur Fässer aus.“ „Ich sterilisiere sie.“ „Wie auch immer. Das Odeon war deine Idee, da könntest du wenigstens Interesse am Umbau heucheln.“ „Ich bin für das Bier und die Ideen zuständig, du für die Pubs und das Geschäft.“ „Aber ich wäre bereit, die Verantwortung fürs Geschäft zu teilen.“ „Siehst du das hier?“ Anklagend hob Brady die Hand und zeigte auf eine kleine Narbe an seinem Finger. „Da hast du mich mit dem Brieföffner gestochen, als ich in den Abrechnungen geblättert habe.“ Michael schnaubte. „Da haben Elliot Bingenheimer und du in der dritten Klasse mit einem Taschenmesser gespielt.“ „Rede dir das nur ein, wenn du dich dadurch besser fühlst.“ Brady bewegte die Finger einzeln. „Aber Klavierspielen werde ich niemals können.“ „Hör auf mit dem Blödsinn, Brady. Letzte Woche warst du beim Freeclimbing.“ „Das gehört zu meiner Bewegungstherapie.“ Brady lachte. „Mal im Ernst, Michael. Du würdest die Kontrolle über die Pubs an niemanden abgeben, auch an mich nicht.“ „Ach, und du delegierst gern, ja?“ Michael schüttelte den Kopf. „Du schaffst es vielleicht gerade noch in vier Pubs, das Bier zu brauen, aber wenn wir im Odeon-Theater den nächsten eröffnen, wirst du einige Aufgaben delegieren müssen. Oder du musst dein geliebtes Kajak oder das Mountainbike verkaufen. Was hältst du davon, wenn wir einen Braumeister einstellen?“ „Ich stehe für die Qualität des Biers mit meinem Namen ein“, beharrte Brady stur, „also will ich auch sicher sein, dass es genau so schmeckt, wie ich es will.“ „Hast du mir gerade eben vorgeworfen, ich könnte nicht delegieren?“ Brady lachte auf. „Schon verstanden.“ Er stellte das Fass beiseite. „Also schön, ich bin zwar nur für Bier und Ideen zuständig, aber sprechen wir über dein Theater.“ „Über mein Theater? Du warst doch so begeistert von dem Gebäude und hast darauf bestanden, dass wir es kaufen. Das ist unser gemeinsames Projekt.“ Michael räusperte sich.

Brady wischte sich die Hände ab und rückte die Baseballkappe auf seinem Kopf zurecht. „Genau.“

Manche Geburtstage sind ein Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, dachte Thea. Sie wusch sich gerade die Hände in der Damentoilette eines Restaurants in Los Angeles und betrachtete sich im Spiegel. Das Haar hatte sie wie üblich schlicht zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden, und von Make-up hielt sie nicht viel. Doch richtig geschminkt und frisiert war sie mit ihren vollen Lippen und den weit auseinanderliegenden Augen eine einzigartige Schönheit. Das hatten zumindest die Modedesigner und Fotografen behauptet, als Thea während ihrer dreijährigen Model-Karriere tausend Dollar pro Stunde verdient hatte. Ohne Styling fand Thea ihr Gesicht dagegen einfach nur ungewöhnlich. Die sinnlichen Lippen und die sanften graublauen Augen hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die eckige Gesichtsform von ihrem Vater, der allerdings fast immer mit mürrischer Miene herumlief. Thea seufzte. Das war ihr Erbgut, und das trug sie auch seelisch mit sich herum, obwohl sie oft genug versucht hatte, sich von den Erinnerungen zu lösen. Nein, sie hielt nicht mehr viel vom Schminken. Warum stand sie dann jetzt vor dem Spiegel und suchte nach dem Mädchen, das früher dem Geburtstag immer so aufgeregt entgegengefiebert hatte? Mit zwölf hatte sie es nicht erwarten können, ein Teenager zu werden, und mit siebzehn hatte sie den Tag herbeigesehnt, an dem sie ausziehen und ihrem herrschsüchtigen Vater entfliehen konnte.

Der nächste entscheidende Meilenstein, ihr einundzwanzigster Geburtstag, fiel in eine Zeit, an die sie am liebsten überhaupt nicht mehr zurückdachte, und im Grunde wusste sie seit diesem Lebensabschnitt überhaupt nicht mehr genau, wer sie war.

Sie atmete tief durch und wandte sich zur Tür. Als sie zum Tisch zurückkam, stand dort eine Torte voller Kerzen. Es waren neun mehr als beim letzten großen Meilenstein. Belustigt sah ihre Freundin Sabrina sie mit ihren dunklen Augen an. „Wurde auch Zeit, dass du zurückkommst. Wir hatten schon Angst, du seist ertrunken.“ „Es war knapp, aber ich hab’s noch bis ans Ufer geschafft.“ „Du hättest um Hilfe rufen sollen.“ Theas Freundin Kelly lachte. „Vielleicht hätten wir dir den sexy Kellner geschickt.“ „Mal langsam.“ Theas Freundin Trish hob die Hand. „Schwangere und Verlobte dürfen fremden Männern nicht hinterhersehen.“ „Nur den Verlobten oder den Ehemännern.“ Paige, ein weiteres Mitglied der Freundinnnenrunde, nickte zustimmend und strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. „Ich habe ihn nur ganz sachlich beschrieben.“ Würdevoll trank Kelly einen Schluck von ihrem Mangosaft. „Als Schriftstellerin ist so was mein Job.“

„Es geht dir nur um den Job?“ Thea setzte sich zu den anderen und betrachtete den Kellner. Schon seit einer Ewigkeit dachte sie nicht mehr über Männer nach. Es kümmerte sie auch überhaupt nicht, ob jemand sie begehrenswert fand oder nicht.

Der Kellner blickte zu ihr herüber, und einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Erst jetzt fiel Thea auf, wie wenige Menschen ihr überhaupt wichtig waren. Außer den Freundinnen vom Supper Club, wie sie ihre Runde nannten, und den Bekanntschaften aus dem Tangokurs sah sie kaum einem Menschen in die Augen. „Jetzt musst du dir etwas fürs neue Lebensjahr wünschen.“ Trish sah Thea erwartungsvoll an. „Und den Kuchen anschneiden“, fügte Delaney hinzu. „Mach schon, ich brauche etwas Schokolade“, sagte Kelly. „Unterzuckerung ist bestimmt nicht gut fürs Baby.“ „Dräng sie nicht“, tadelte Trish. „Lass dir Zeit, Thea.“

Thea lächelte. „Die brauche ich auch, wenn ich mit dem mithalten will, was ihr alle im letzten Jahr geschafft habt.“ Trish schrieb jetzt Drehbücher für Hollywood, Cilla hatte als Modedesignerin Erfolg, Sabrina drehte Dokumentarfilme, Kelly gehörte zu den besten Reportern einer Nachrichtensendung und auch Paige und Delaney hatten Erfolg in ihrem Leben. Paige hatte sich als Innenarchitektin selbstständig gemacht, und Delaneys Marketingfirma befand sich ebenfalls im Aufschwung.

Nur Thea stand in ihrem Leben noch an demselben Punkt wie damals, als sie sich alle mit achtzehn getroffen hatten, wenn man einmal von dem Vermögen absah, das sie in ihrer Zeit in New York angehäuft hatte. „Und was nimmst du dir fürs nächste Jahr vor?“, fragte Cilla. „Solange du es nicht verrätst, bekommt keine von uns etwas vom Kuchen.“ „Ich will mein Leben endlich wieder auf die Spur bringen.“ Einen Moment herrschte Schweigen am Tisch. „Tja, was sagt man dazu?“ Sabrina atmete tief durch. „Mit Kleinigkeiten gibst du dich nicht ab, was?“ Sofort brach eine lebhafte Diskussion am Tisch aus. „Hol doch deinen Studienabschluss nach“, schlug Trish vor. „Willst du zum Film?“ Sabrina beugte sich vor. „Ich könnte eine Produktionsassistentin gebrauchen.“ Paige nickte zustimmend. „Oder mach dich selbstständig.“ Delaney nippte an ihrem Cocktail. „Sie hat genug Geld, um nur das zu machen, wozu sie Lust hat.“ „Und das wäre?“, hakte Sabrina nach. Wenn ich das wüsste!, dachte Thea. „Im Moment will ich nur ein Stück Torte.“ Alles andere würde sich ergeben. Entschlossen beugte sie sich vor und blies die Kerzen aus. „Vergiss nicht, dir etwas zu wünschen“, erinnerte Kelly sie. Einfach nur glücklich sein, dachte Thea. Sie blickte in die strahlenden Gesichter ihrer Freundinnen, deren Leben sich nicht nur beruflich geändert hatte. Alle von ihnen waren verliebt, und abgesehen von Delaney, die auf ihrem Leben als Single beharrte, hatten alle einen festen Partner gefunden. Thea suchte nicht nach dem Mann fürs Leben. Sie traute keinem Mann mehr, auch wenn ihre Freundinnen vom Supper Club mit ihren Ehemännern oder Partnern glücklich waren.

Ein Schritt nach dem anderen, sagte sie sich, atmete tief durch und blies die Kerzen aus.

Vor dem Restaurant warteten Thea und Trish in der warmen Luft des Juniabends auf ihre Wagen. „Und? Wie läuft’s?“, fragte Thea. „Du siehst glücklich aus.“ „Bin ich auch.“ Ein Lächeln glitt über Trishs schönes Gesicht. „Mir war gar nicht klar, dass ich so glücklich sein kann. Ich wünschte, ich könnte dieses Gefühl auf Flaschen ziehen und an alle verschenken, die ich kenne.“ Trish machte eine Pause. „Du würdest gleich zwei Flaschen von mir bekommen.“ „Mir geht’s gut. Jeden Tag ein bisschen besser.“ Der Page fuhr mit Trishs Sportwagen vor und reichte ihr den Schlüssel. Trish gab ihm ein Trinkgeld und zog Thea in die Arme. „Happy Birthday, Sweetie. Ich wünsche dir, dass dies jetzt dein Jahr wird.“ Sie stieg ins Auto und fuhr winkend davon. Thea blickte ihr nach. Gerade als der Park-Boy mit ihrem Wagen vorfuhr, klingelte ihr Handy. „Hallo?“ „Ich brauche dich, und zwar jetzt.“

„Wie bitte?“ Thea blinzelte verwirrt. „Ist das ein obszöner Anruf?“

„Das wünschst du dir wohl, was?“ Jetzt erkannte Thea die Stimme, während sie dem Park-Boy ein Trinkgeld gab. „Du bist doch nicht ganz dicht, Robyn.“ Robyn Waller war eine der wenigen Freundinnen aus ihrer Zeit in New York. Sie hatten sich in einem Tanzkurs getroffen. Seitdem tanzte Thea, wann immer sich die Gelegenheit ergab, und Robyn besaß jetzt ein eigenes Tanzstudio in ihrer Heimatstadt Portland in Oregon.

„Und warum brauchst du mich?“ Lachend stieg Thea ins Auto.

„Hast du gerade eine Arbeit, die dir wichtig ist?“ Wenn man genug Geld besaß, um bis zum Lebensabend davon zu leben, rückte das Karrieredenken in den Hintergrund. „Zurzeit arbeite ich in einer Gärtnerei. Warum fragst du? Willst du mich besuchen?“ „Ganz im Gegenteil. Was hältst du davon, nach Portland zu kommen und ein paar Monate lang in meinem Studio Tango zu unterrichten?“ „Ein ziemlich weiter Weg für einen Job auf Zeit.“ „Ich meine es ernst, Thea. Wenn’s irgendwie geht, dann komm bitte und hilf mir.“ Erst jetzt fiel Thea der drängende Unterton in Robyns Stimme auf. „Robyn, ich bin keine ausgebildete Tanzlehrerin.“ „Ach komm, du kennst sämtliche Tanzfiguren, und im argentinischen Tango bist du die beste Amateurin, die ich kenne.“ „Aber nur für den Part der Frauen. Aber ich müsste ja auch die Männer unterrichten.“ „Das kann ich dir beibringen.“ „Was ist denn passiert? Wieso auf einmal diese Hektik?“ Robyn stieß die Luft aus. „Der Ehemann meiner Tanzlehrerin wurde nach Chicago versetzt. In einer Woche ziehen sie weg, und das hat sie mir erst heute verraten.“ „Autsch. Aber es muss bei euch in der Gegend ja noch andere Tanzlehrer geben.“ „Die konnte ich bislang noch nicht aufspüren. Und dann ist da noch mein Urlaub.“ Thea riss die Augen auf. „Oh nein! Australien!“ „Genau. Drei Wochen in ‚Down under‘ sind schon bezahlt.“ „Drei Wochen?“ „Eigentlich sind es sogar dreieinhalb.“ „Du hast wirklich ein lausiges Timing.“ Robyn seufzte. „Wem sagst du das!“ Thea wechselte auf die linke Fahrspur. „Und jemand anderen kannst du nicht finden?“ „Niemanden, dem ich mein Studio mit allem Drum und Dran anvertrauen könnte.“ „Verstehe.“ „Nächsten Freitag geht’s los. Wenn du in ein oder zwei Tagen herkämst, könnte ich dir noch alles erklären. Du könntest bei mir wohnen, dann hättest du Darlene als Gesellschaft.“ Mit Darlene, Robyns unwiderstehlicher Mopshündin, hatte Thea sich schon bei früheren Besuchen angefreundet. „Du hättest natürlich mein Auto, um dich frei zu bewegen.“ Robyn machte eine kurze Pause. „Thea, ich brauche dich wirklich. Mir ist klar, dass es ein riesiger Gefallen ist. Wärst du dazu bereit?“ Ich käme mal aus L.A. raus, dachte Thea. Ich würde Tanzschritte erklären, statt Blumenkeimlinge zu pflanzen. Ich könnte mich bei Robyn dafür revanchieren, dass sie mir damals so sehr geholfen hat. Es wäre eine Chance auf einen neuen Lebensabschnitt. „Dein Auto brauche ich nicht. Ich komme mit meinem eigenen Wagen nach Portland.“ „Den ganzen Weg bis nach Portland?“ Robyn stutzte. „Heißt das, du …“ „Gib mir zwei Tage Zeit für einen Zwischenstopp bei meiner Schwester in Sacramento. Am Donnerstag bin ich bei dir.“ „Dann bleibt uns noch fast eine Woche. Das ist perfekt. Du bist Spitze!“

„Freut mich, dass du das endlich erkennst.“

„Warum fühle ich mich wieder, als wäre ich zwölf Jahre?“ Lachend ließ Thea sich von Robyn durch die Korridore der Lincoln School führen. Die Bodenfliesen und die Vitrinen an den Wänden weckten sofort Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit.

„Wart’s nur ab.“ In gespielter Drohung hob Robyn den Zeigefinger. „Oh nein, muss ich jetzt zum Rektor?“ Thea schlug entsetzt die Hand vor den Mund. „Keine Bange.“ Robyn blieb vor einer Tür stehen. „Cafeteria“ stand auf der Milchglasscheibe. „Lass mich raten. Du lädst mich auf einen Milchshake ein.“ „Nur wenn du artig bist.“ Lächelnd stieß Robyn die Tür auf. Die Cafeteria ähnelte tatsächlich der aus Theas Grundschule, nur dass alles viel freundlicher aussah. Die Wände waren in warmem Gelb gestrichen; der schwarz-weiße Fliesenboden und die Chromtische waren auf Hochglanz poliert. Man hörte Gelächter und laute Unterhaltungen. Hinter dem Tresen befand sich nicht nur ein breites Fenster zur Küche, sondern auch eine Unzahl von Zapfhähnen. Staunend blickte Thea sich um. „Das ist das Coolste, was ich seit langem gesehen habe.“ Robyn lachte. „Warte, bis du erst die Toiletten siehst.“ Sie gingen zu einem Tisch, von dem aus man auf den Gemüsegarten und einen Spielplatz hinausblicken konnte. „Was sie für die Küche brauchen, pflanzen sie zum Großteil selbst an.“ Robyn nahm die Speisekarte. „Bessere Salate bekommst du in der ganzen Stadt nicht.“ Lachend schüttelte Thea den Kopf. „Das ist brillant.“ „Es ist typisch für die McMillans. Die machen immer so verrückte Sachen in ihren Pubs.“ „Gibt’s davon noch mehr?“

„Von den McMillans? Es sind zwei Brüder. Von den Pubs gibt’s ein paar mehr. Die Brüder besitzen nicht nur Pubs, sondern auch Hotels und Wellnesscenter. Einen Pub haben sie in einem ehemaligen Gefängnis eröffnet, und auch eine alte Farm haben sie zum Pub umgebaut. Und dann gibt’s noch ‚Suds ’n’ Celluloid‘. Da zeigen sie alte Filme. Du rekelst dich auf Sofas und alten Sesseln, und die Kellner bringen dir Bier und Essen.“

Thea nickte. „Eine tolle Geschäftsidee. In L.A. würden sie sich dumm und dämlich verdienen.“ Robyn grinste. „Alles, was die zwei anfassen, hat Erfolg. So was sollte mir auch mal passieren.“ Sie seufzte. „Läuft das Geschäft nicht gut?“, fragte Thea teilnahmsvoll. Robyn strich versonnen mit der Fingerspitze über den Rand ihres Wasserglases. „Es geht bergauf, aber nur sehr langsam. Allerdings war mir von Anfang an klar, dass die ersten Jahre nicht leicht sein würden.“ Sie straffte die Schultern und rückte das Besteck zurecht. „Also, wenn ich dir Geld leihen soll, dann …“ „Ja, ich weiß.“ Robyn drückte ihre Hand. „Aber du tust mir schon einen riesigen Gefallen, indem du so kurzfristig herkommst. Mir zuliebe hast du deinen Job gekündigt.“ „Ich werde einen neuen finden.“ Thea winkte ab. „Robyn, du warst damals für mich da, und das kann ich niemals wiedergutmachen.“ „Dafür sind Freunde da.“ „Genau.“ Thea nickte. „Solange ich dich kenne, schwärmst du von Australien. Du brauchst Zeit, um wieder aufzutanken. In einer Woche sitzt du schon im Flugzeug.“ „Und was ist mit dir? Wann lädst du deine Akkus neu auf?“ Tea lächelte, als die Kellnerin das Bier brachte. „Das habe ich jetzt acht Jahre lang gemacht. Ich bin voll aufgeladen.“ „Verstehe.“ Robyn hob ihr Glas. „Auf die volle Ladung.“ „Auf die volle Ladung.“ Lachend stieß Thea mit ihr an und trank einen Schluck. „Wow! Das schmeckt aber klasse“, staunte sie. „Vielleicht solltest du dem Beispiel der McMillans folgen. Du könntest in deiner Tanzschule eine kleine Brauerei einrichten und Bier verkaufen.

„Liebes, mit den McMillans kann ich es nicht aufnehmen. Die beiden sind einfach unübertrefflich.“

Brady und Michael standen auf dem abgewetzten Teppich des Odeon-Theaters und blickten sich um. Die roten Samtsitze aus den Siebzigern waren verfleckt und ausgeblichen. Die Decke war mit Stuck und Goldfarbe verziert, die Wände bis auf halbe Höhe getäfelt. Alter Zigarettenrauch hing in der Luft. Michael überblickte die Sitzreihen. „Ich mag mir gar nicht ausmalen, was das für Flecke sind.“ „Ist wohl besser so. Am Schluss wurden hier nur noch Pornos gezeigt.“ „Die Sitze fliegen alle raus“, beschloss Michael. „Eine kluge Entscheidung.“ „Der Raum ist toll, aber wie wollen wir ihn in einen Pub mit Brauerei verwandeln?“ Brady schlenderte den Mittelgang hinunter. „Beim Gefängnis und in der Lincoln School hat es doch auch geklappt. Die beiden Etagen da oben werden das Hotel, und hier unten ist der Restaurant-Bereich. Hinten kommt eine Bar rein mit Tischen und Stühlen. Die Logen sollten wir behalten.“ „Willst du hier wieder Filme zeigen?“ Michael folgte Brady zur Bühne. „Nein, das hatten wir schon im ‚Suds ’n’ Celluloid‘. Hier müssen wir uns was anderes einfallen lassen.“ „Zum Beispiel? Du bist für die Ideen zuständig.“ Brady kletterte auf die hölzerne Bühne, die sich in seiner Schulterhöhe befand. „Keine Ahnung. Uns fällt schon noch was ein.“ „Am besten noch, bevor wir für Kauf und Renovierung Millionen ausgeben.“ „Stimmt.“ Brady blickte in die Runde. In den Dreißigerjahren musste das Theater prächtig ausgesehen haben mit den vielen Einzellogen und der vergoldeten Decke. Außerdem hatte es schwere goldfarbene Vorhänge, die mittlerweile leider unter ihrem eigenen Gewicht zerfielen. Wenn alles fertig renoviert war, würden dort unten Tische mit lachenden und speisenden Gästen stehen. Sie würden zur Bühne hinaufschauen … Tja, was sollten sie dort sehen? „Uns fällt schon noch was ein“, sagte Brady. Als sie ein Räuspern hörten, blickten beide Brüder sich um und entdeckten die Maklerin am Ende eines Gangs. „Haben die Herren jetzt alles gesehen?“ Sie blickte auf ihre Uhr, um zu zeigen, dass sie an einem Freitagabend Besseres zu tun hatte, als Kaufinteressenten herumzuführen.

Brady und Michael sahen sich an und nickten. „Ja, ich glaube schon“, stellte Michael fest, und sie verließen das alte Theater.

Es war ein warmer Sommerabend, die Sonne ging gerade unter. „Wo hast du geparkt?“, fragte Brady. „Bei der Cascade Brewery“, erwiderte Michael. Der umsatzstärkste Pub der beiden Brüder lag am anderen Ende der Innenstadt. „Ich auch.“ Gemeinsam mit seinem Bruder schlenderte Brady die Front Street entlang. „Der Eingangsbereich sieht toll aus, den sollten wir beibehalten. Wir sollten versuchen, so viel von der ursprünglichen Atmosphäre des Odeons zu bewahren. An den Wänden könnten im Stil altmodischer Filmposter Menüvorschläge und Werbung für spezielle Biersorten hängen. Oder Hinweise auf das Programm oder was immer auf der Bühne aufgeführt wird.“ „Und was sollte das sein?“ Michael war seinem Bruder einen Seitenblick zu. „Du kannst kreative Einfälle nicht erzwingen.“ Michael lachte. „Das muss ich mir merken. Lindsay meint übrigens, wir seien total verrückt.“ „Sie ist schwanger, vergiss das nicht. Schwangere darf man nicht ernst nehmen.“ „Noch dazu sind es diesmal Zwillinge.“ „Stimmt. Sie will sich demnächst um vier Kinder gleichzeitig kümmern und behauptet, wir seien verrückt?“ Michael seufzte. „Im Grunde hast du ja recht. Das Theater bietet viel Potenzial. Aber es kostet auch sehr viel.“ „Wir könnten die Stockwerke über den Hoteletagen in Lofts und Büros umbauen und mit den Mieten den Großteil der Darlehensraten bezahlen.“ „Ein Umbau zu Büros würde noch mehr Geld verschlingen. Das könnten wir uns erst später leisten, und alle Büros auf einmal könnten wir sicher auch nicht vermieten.“ Vor ihnen leuchteten die Lichter der Hawthorne Bridge, die über den Willamette River führte. Vom Ufer her drang Musik und Gelächter zu ihnen. „Wahrscheinlich irgendein Festival“, vermutete Michael. „Mit ein bisschen Glück gibt’s Fassbier.“ Brady hakte die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans. „Oder zumindest etwas zu essen. Ich bin schon fast verhungert.“ „Mondlicht und Tango“ verkündete ein Banner über dem Eingang zum Uferbereich. Mondlicht und Tango? dachte Brady. Das klingt vielversprechend. Neugierig ging er weiter. Man hörte Violinen, begleitet von einem Klavier. In allen Bäumen hingen kleine Papierlaternen, und die Leute standen um einen freien Bereich herum. Brady entdeckte dort ein tanzendes Paar und trat näher. „Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit“, drängte Michael. „Wenn du willst, dann geh vor. Ich kann mit meinem eigenen Wagen heimfahren.“ Ohne auf Michaels Widerspruch zu achten, trat er noch näher. Dann sah er sie. Sie trug ein enges rotes Kleid mit schenkelhohem Schlitz. Ihr Bein wirkte endlos lang, als sie es um die Hüfte ihres Tanzpartners schlang. Ihr dunkles Haar war am Hinterkopf zu einem Knoten geschlungen, und darin steckte eine rote Blüte, passend zum Kleid. Ihr Rücken und die Arme waren nackt. Brady blieb fast das Herz stehen, aber vielleicht lag das an der mitreißenden Musik. Die Frau bewegte sich wie eine Raubkatze, und Brady war plötzlich aufgeregt wie bei einer Kajakfahrt durch Stromschnellen. Er konnte den Blick nicht abwenden. Die Choreographie war sicher vorgegeben, doch jede Bewegung wirkte natürlich wie bei einer langsamen Verführung. Es war ein Tanz der Lust. Die Frau umkreiste ihren Partner, den Brady in diesem Moment brennend beneidete. Aus jeder ihrer Bewegungen sprach sexuelles Verlangen. Ich muss zu ihr, schoss es Brady durch den Kopf. Ich muss diese Frau berühren und ihre sinnlichen Lippen küssen. Als das Paar an ihm vorbeitanzte, betrachtete Brady ihr Gesicht. Ihre Augen zogen ihn magisch an. Dann schloss die Frau sie und gab sich ganz der Musik hin. Schnell und dann wieder langsam bewegten die beiden Tänzer sich, und Brady konnte nicht wegsehen. Das Ganze kam ihm wie ein Vorspiel vor. Er brannte vor Lust, als die Frau sich mit verführerischem Lächeln an ihren Partner schmiegte, wobei die beiden sich auf die Zuschauer zu bewegten. Als die Frau die Augen wieder öffnete, blickte sie Brady direkt an.

Diesmal setzte sein Herz tatsächlich einen Schlag lang aus.

Beim Tanzen fühlte Thea sich frei. Schon wenn sie sich das enge Seidenkleid überstreifte, empfand sie diese Sinnlichkeit, und sobald die Musik einsetzte, vergaß sie alles um sich herum. Sie tauchte in den Rhythmus ein und erlebte jede Bewegung mit allen Sinnen. Walzertanzen war romantisch, aber beim Tango ging es um Leidenschaft. Er war der Tanz von Liebespaaren. Über lange Zeit hinweg war das wöchentliche Tanzen, bei dem sie sich an den Partner schmiegte, für sie wie eine Seelenmassage gewesen. Es war ein warmer Abend, und am Himmel zeigten sich die ersten Sterne. Mit geschlossenen Augen konzentrierte Thea sich ganz auf die Musik und die Schritte. Sie spürte die Führung ihres Tanzpartners, der ihre Hand festhielt und ihren Arm leicht berührte. Beim Tanzen konnte sie sich als Frau fühlen. Für ein paar Minuten konnte sie ihr Misstrauen gegenüber Männern ablegen. Thea spürte Lust in sich aufsteigen. Das hatte nichts mit ihrem Tanzpartner zu tun, denn Paul war ein kurzsichtiger Schuhverkäufer und Familienvater. Doch er hielt sie, und sie spürte einen Körper nah an ihrem, der sich zum selben Tanz wie sie bewegte. Paul führte sie an den Rand der Tanzfläche, und als Thea ein Bein um seine Hüften schlang, blickte sie flüchtig in die Zuschauermenge. Hitze durchströmte sie, und einen Moment lang öffnete sie erschrocken den Mund. Wie benommen sah sie weiter hin, obwohl Paul sie wieder herumwirbelte. Der Mann stand unter den Zuschauern und sah ihr so verlangend in die Augen, dass Thea kaum noch Luft bekam. Seine Augenfarbe konnte sie in der Dunkelheit nicht erkennen, doch ob Blau oder Braun, Grau oder Grün, Thea spürte seine Begierde. Schlagartig war es dieser Mann, in dessen Armen sie zu liegen glaubte. Paul tanzte mit ihr, doch Thea fühlte sich mit diesem Fremden im Tanz verbunden. Paul führte sie zurück zur Mitte der Tanzfläche, und Thea folgte seiner Führung, indem sie links und rechts vor ihm hertanzte, doch ihre Bewegungen galten nur dem Fremden im Publikum. Es war seine Berührung, nach der sie sich sehnte. Wann immer sie zu ihm hinübersah, blickte er ihr in die Augen. Thea bekam das Ende des Songs kaum mit. Zusammen mit Paul verbeugte sie sich vor dem applaudierenden Publikum. Mit dieser Vorführung am Flussufer sollten neue Kunden für die Tanzkurse im Tangoklub von Portland gewonnen werden. Die Leute sollten sehen, was alles möglich war, und bei der direkt anschließenden Schnupperstunde feststellen, dass auch sie lernen konnten, so zu tanzen. Der Fremde sah nicht aus, als würde er sich für Tango interessieren. Er war groß und drahtig, trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt und wirkte eher wie jemand, der in seiner Freizeit in den Bergen herumkletterte, mit dem Mountainbike fuhr oder Ski lief. Mach dich nicht lächerlich, sagte sie sich, er hat dich einfach nur angesehen. Das Einzige, was dieser Blick dir klarmachen kann, ist die Tatsache, dass dein Liebesleben schlichtweg nicht existiert. Das hier in Portland ist nur ein kurzer Abschnitt deines Lebens. Vergiss diesen Mann! Thea schluckte und wandte sich zu der Stelle um, an der er gestanden hatte. Der Fremde stand direkt hinter ihr. „Ein hübscher Tanz.“ Der Blick seiner grünen Augen war durchdringend. Er sah nicht im klassischen Sinn gut aus, dazu waren seine Gesichtszüge zu ausgeprägt. Seine Nase war schmal, das Gesicht scharf geschnitten. Doch um seine Mundwinkel lag ein belustigter Zug, und es fiel Thea schwer, den Blick von seinen Lippen loszureißen. Ihr Herz schlug schneller. „Freut mich, dass es Ihnen gefallen hat. Sind Sie ein Tango-Fan?“ „Seit heute Abend schon. Sie beide haben eine eindrucksvolle Show geliefert. Tanzen Sie zwei schon lange zusammen?“ „Seit ungefähr vier Stunden.“ Als er sie erstaunt ansah, musste sie lachen. „Ich bin nur zu Besuch hier und musste einspringen.“ „Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie hätten heute erst gelernt, so zu tanzen.“ „Würden Sie mir das abkaufen?“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Sein Blick wurde noch eindringlicher. „Im Moment würde ich Ihnen alles abkaufen.“ Er räusperte sich. „Ich bin übrigens Brady.“ „Thea. Und die Antwort lautet: Nein, ich tanze schon seit acht Jahren.“ „Es hat sich gelohnt.“ Jetzt wurde sie tatsächlich rot. In diesem Moment schaltete Robyn das Mikrofon an. „Thea und Paul, vielen Dank für die Vorführung. Bevor Sie alle mitmachen können, zeigen wir noch ein paar andere Tanzfiguren. Und wenn Sie dann das Tangotanzen lernen wollen, anstatt nur zuzusehen, suchen Sie sich schon mal einen Partner, damit wir gleich anfangen können.“ Begeistert sah Brady Thea an. „Ich schätze, das ist jetzt meine Chance, dass Sie mir ein paar dieser heißen Bewegungen zeigen.“ Prüfend erwiderte sie seinen Blick. „Wie ich Sie einschätze, kennen Sie schon alle heißen Bewegungen. Jemand wie Sie braucht eher Nachhilfe beim langsamen Vortasten.“ Jetzt lachte er auf. „Au, das tat weh. Aber diese Nachhilfe bekomme ich sicher bei Ihnen.“ Er trat einen Schritt vor und hob die Hände. Thea betrachtete seine langgliedrigen, kräftigen Finger, denen man ansah, dass er körperlich arbeitete. Die Unterarme waren gebräunt und sehnig. Wie mochte es sein, mit ihm zu tanzen und sich an ihn zu schmiegen? Warum soll ich es nicht versuchen? dachte sie. Wir wollen schließlich neue Tanzschüler finden. Also kann ich auch mit ihm tanzen. „Also gut“, verkündete Robyn. „Stellen Sie sich paarweise auf. Die Damen mit dem Gesicht zu mir, die Herren mit dem Rücken zu mir.“ Geduldig erklärte sie erst den Männern, dann den Frauen die Schritte. Dadurch bekam Thea Gelegenheit, ihren neuen Tanzpartner eingehend zu mustern. Brady war schlank und fit. Er bewegte sich mit täuschender Gelassenheit, und obwohl er Robyns Anweisungen keine große Aufmerksamkeit schenkte, begriff er die Schritte schon beim ersten Versuch. Als Robyn den Frauen die entsprechenden Schritte erklärte, stand er mit den Händen auf den Hüften vor Thea und beobachtete sie. „Starren Sie mich nicht so an“, sagte sie, als ihre Schritte sie an ihm vorbeiführten. „Ich passe nur genau auf. Vielleicht kann ich dadurch das eine oder andere lernen.“ Es klang ganz beiläufig, doch bei seinem Blick erzitterte Thea innerlich. „Okay“, sagte Robyn ins Mikrofon. „Jetzt kennen wir alle die Grundschritte. Also bitte die Grundposition einnehmen, und dann geht’s los.“ Brady trat näher, und Theas Puls schlug schneller. Erst jetzt fiel ihr auf, wie groß Brady war. Auch ohne Absätze war sie fast eins achtzig, und in hochhackigen Schuhen überragte sie die Männer normalerweise, doch bei Brady musste sie nach oben sehen. Sie atmete tief durch und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das Baumwollhemd nahm sie bei den kräftigen Schultermuskeln darunter kaum wahr. „Gentlemen, bitte legen Sie die rechte Hand aufs Schulterblatt Ihrer Partnerin.“ Ohne den Blick von Theas Augen abzuwenden, folgte Brady der Anweisung. Unwillkürlich rang Thea nach Luft. Er lächelte. „Entschuldigung, ist meine Hand so kalt?“ Überhaupt nicht, und das wusste er sicher ganz genau. Die Wärme, die von seinen Fingern ausging, durchströmte sie. Wir stehen hier in aller Öffentlichkeit, und ich denke nur an dunkle Schlafzimmer und seine Hände auf meiner nackten Haut, dachte Thea. Ich muss mich zusammenreißen. „Jetzt verschränken Sie die freien Hände und stellen Sie sich ungefähr zwanzig Zentimeter voneinander entfernt auf. Wie Sie gesehen haben, tanzt man den argentinischen Tango eng aneinandergepresst. Die Innenseiten der Schenkel von Dame und Herr berühren sich. Wem von Ihnen das also gefällt, tritt noch dichter zueinander.“ Ohne den Blick von ihren Augen abzuwenden, presste Brady sich an Thea. „Es gefällt mir“, sagte er leise. Mit leichtem Druck auf ihren Rücken zog er Thea noch dichter an sich. „Ja, das gefällt mir sogar sehr.“ Ihr Herz raste wie wild. Er war so dicht und so überwältigend. „Immer langsam, mein Großer“, sagte sie so ruhig wie möglich. „Es ist nur ein Tanz.“ Leider konnte sie sich bei seiner Berührung kaum konzentrieren. Ich muss mich irgendwie ablenken, dachte sie panisch, denn diese grünen Augen machen mich verrückt vor Lust. Und wenn ich ihm nicht in die Augen sehe, dann auf seine Lippen, und ich stelle mir vor, ihn zu küssen. Wie würde er reagieren, wenn ich mich jetzt leicht vorbeuge und ihn einfach küsse? Mühsam riss sie sich aus ihren Träumereien. Der Mann war ein Fremder, und sie tanzten Tango. Mehr nicht. Trotzdem sehnte sie sich unglaublich nach ihm. Sie betrachtete seine Wange, die einen leichten Bartschatten hatte. Wenn sie das Gesicht daran schmiegte, würden die feinen Stoppeln sie ein ganz klein wenig kratzen. Dann könnte sie auch seinen sauberen Duft noch intensiver riechen. Brady roch nicht nach Rasierwasser. Doch was es auch immer sein mochte, seine Seife oder sein Shampoo, es war himmlisch. Als die Musik einsetzte, zuckte Thea fast zusammen, und Brady sah sie belustigt an. „Alles okay?“ „Bestens.“ Er beugte sich vor. „Konzentrieren Sie sich lieber“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Eine Tanzlehrerin darf sich nicht ablenken lassen.“ Bei jedem Tanzschritt spürte sie die Bewegungen seines Oberkörpers, als gebe es überhaupt keine Kleidung, die sie voneinander trennte. Immer deutlicher spürte sie seine Nähe. So ähnlich würde es auch sein, wenn er nackt auf ihr läge und seiner Lust … „Sind Sie bereit für mich?“ Verwundert sah sie ihm in die Augen. „Wie bitte?“ „Für meine heißen Bewegungen.“ Ihr Lachen klang unsicher. „Natürlich.“ Sicher führte er sie durch die acht Takte, die Robyn ihnen beigebracht hatte. Thea beobachtete sein Gesicht. Seine langen Wimpern waren dunkler, als Thea gedacht hatte. Eine Strähne hing ihm in die Stirn. „Fertig.“ Gut gelaunt blickte er ihr wieder in die Augen. Thea fühlte sich, als stünde ihr ganzer Körper unter Strom. „Sie lernen schnell“, brachte sie mühsam heraus. „Wenn meine paar Schritte Sie schon beeindrucken, dann sollten Sie mich erst mal bei etwas ganz anderem erleben.“ Thea ahnte, dass er nicht mehr vom Tango sprach. Die Belustigung verschwand aus seinem Blick. Thea erkannte Bradys Verlangen. Langsam neigte er den Kopf und … Die Musik verstummte. Einen Moment lang bewegten sie sich beide nicht. Ihre Lippen waren weniger als einen Zentimeter voneinander entfernt. Thea fuhr sich über die Lippen. „Ich … sollte jetzt mit jemand anderem tanzen.“ „Willst du das denn?“ Sein Blick ruhte auf ihren Augen, als ein neuer Song begann. „Es geht nicht darum, was ich will.“

„Lass es doch einfach. Bleib bei mir.“ Damit zog er sie wieder in seine Arme.

Im Mondschein tanzten Thea und Brady unter den Bäumen am Flussufer. Brady konnte den Blick nicht von ihr wenden. Ihre Schultern schimmerten im Mondlicht, und ihre Haut fühlte sich seidenweich an. Wenn er sich ein bisschen vorbeugte, konnte er Theas Duft einatmen. Unwillkürlich stellte er sich vor, irgendwo in Argentinien in einem von Kerzen erleuchteten Hinterhof eines Straßencafés zu tanzen. Er hörte seinen eigenen Herzschlag wie das Ticken einer Uhr, die den Countdown anzeigte, bis Thea und er endlich allein waren. Brady musste an Theas verlangenden Blick denken, als der erste Song vorbei gewesen war. Genau diesen Blick wollte er wieder sehen, wenn Thea unter ihm lag und sich vor Lust wand. Das Lied endete, und ein neuer Song begann, eine Milonga, die langsame Variante des Tangos. Die Paare verteilten sich, und Brady und Thea waren ganz am Rand der Tanzfläche angelangt. „Hast du Lust auf eine Pause?“, fragte Brady. Thea warf einen Blick zu den anderen Pärchen, die sich offenbar alle gut amüsierten. „Vielleicht für ein paar Minuten.“ Gemeinsam gingen sie zur Uferpromenade. Die Lichter vom anderen Ufer des Willamette spiegelten sich im Wasser. „Es ist wunderschön“, stellte Thea leise fest. Brady lächelte. „Ursprünglich führte hier ein breiter Freeway entlang, aber dann wurde der Verkehr umgeleitet, und man legte einen Park an.“ „Stammst du von hier?“ „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und du? Du sagtest, du seist nur zu Besuch hier?“ „Meine Freundin Robyn braucht Hilfe in ihrem Tangoklub.“ „Dann hat sie mit dir ja genau die richtige Hilfe bekommen. Du auf Stilettos bist die beste Waffe im Kampf um neue Schüler.“ Thea musste lachen. „Sie weiß, dass ich diesen Tanz liebe.“ „Das merkt man.“ „Wenn man lange tanzt, geht einem der Rhythmus ins Blut.“ Thea lehnte sich ans Geländer der Promenade und blickte über das Wasser. „Das klingt bestimmt albern.“ „Überhaupt nicht.“

Langsam drehte sie sich um und sah zurück zur Tanzfläche, über der die Papierlaternen im leichten Abendwind schaukelten. Der Song klang zu ihnen herüber, eine Frau sang sehnsüchtig.

„Klingt, als hätte sie Liebeskummer.“ Brady legte eine Hand auf Theas und stellte sich vor Thea. „Das stimmt. Sie singt ‚Mi noche triste‘, meine traurige Nacht. Ein sehr bekannter Tango.“ „Kennst du den Text?“ Er umfasste rechts und links von Thea das Geländer, sodass sie gefangen war. „Es geht um ihren Liebhaber, der sie verlassen hat. Sie sitzt im Dunkeln und schläft nachts bei offener Tür, damit er jederzeit zu ihr zurückkehren kann. Darum geht’s beim Tango, um die Sehnsucht.“ „Wonach sehnst du dich?“, fragte Brady. „Wie kommst du darauf, dass ich das tue?“ „Jeder Mensch hat Sehnsüchte.“ Sein Mund war dicht vor ihrem. „Du auch? Wonach sehnst du dich?“ „Das ist leicht zu beantworten.“ Sein Atem strich über ihr Gesicht. „Nach dir.“ Dann beugte er sich vor.

2. KAPITEL

Thea nahm nichts mehr wahr außer Brady und seinen Lippen, die sanft ihren Mund streiften. Sie zitterte vor Verlangen und wünschte sich, dass er den Kuss vertiefte, doch er berührte kaum ihre Lippen. Thea konnte vor Erregung kaum atmen. Sie war keine Jungfrau mehr, doch sie ahnte, dass es Seiten an ihr gab, die Brady als erster Mann erleben würde. Im Lauf der Jahre hatte sie fast vergessen, wie es war, entspannt die Liebkosungen eines Mannes zu erwidern und zu genießen. Jetzt vergaß sie ihre jahrelange Zurückhaltung und erwiderte den Kuss. Mit beiden Händen umfasste sie Bradys Gesicht und strich ihm durchs Haar. Leicht neigte sie den Kopf zur Seite, liebkoste spielerisch seine Lippen mit der Zunge. Stöhnend atmete Brady aus. Alles war anders. Thea hatte in ihrem Leben schon einige Männer geküsst, aber so überwältigend wie jetzt war es noch nie gewesen. Noch nie hatte ein Kuss eine so ungezügelte Lust in ihr geweckt. Thea wollte kein zögerliches Annähern mehr, sie wollte alles, und zwar sofort. Begehrlich drang sie mit der Zunge tiefer in Bradys Mund ein. Er umklammerte mit beiden Händen das Geländer, bis seine Knöchel weiß wurden. Ungeduldig aufstöhnend, zog Thea eine Spur von Küssen über seinen Hals und strich ihm mit beiden Händen über die Brust, bevor sie sich tiefer vorwagte. Zufrieden registrierte sie, dass Brady eine Erektion hatte. „Willst du mich nicht berühren?“ Dicht über seinem Gürtel ließ sie die Hände verharren, dann fuhr sie ihm unter das T-Shirt. Brady gab das Zögern auf und presste sie an sich. Hoffentlich machte ihr Lachen ihm klar, dass sie im Moment keine Lust auf verspielte Zärtlichkeiten hatte. Sie wollte es schnell und hart, genau wie er. „Ich finde, wir sollten uns einen Ort suchen, wo wir ungestört sind.“ Bradys Stimme klang heiser. „Und zwar schnell.“ „Mein Wagen steht nicht weit von hier. Wir können zu mir fahren. Das dauert nicht lange“, fügte er atemlos hinzu. „Hoffentlich.“ Der Weg zu Bradys Wagen kam ihr endlos lang vor, doch das konnte daran liegen, dass Brady zwischendurch immer wieder stehen blieb, um Thea an einen Laternenpfahl zu drücken und sie hungrig zu küssen, als würde er nur dadurch die Kraft zum Weitergehen finden.

Thea wollte keine Sekunde länger warten, als Brady ihr in seinen Jeep half. Sobald er eingestiegen war, wandte sie sich ihm zu und küsste ihn glutvoll. „Wie weit ist dein Haus entfernt?“

„Ein paar Meilen.“ Das reichte. Als er losfuhr, strich Thea ihm über den Schenkel und über seine Erektion. Dann griff sie nach der Gürtelschnalle. Flüchtig sah er zu ihr. „Was tust du?“ „Sieh auf die Straße.“ Sie öffnete den Reißverschluss und befreite seine Erektion. „Fahr vorsichtig“, sagte Thea und löste ihren Gurt, um sich zu ihm zu beugen und Brady mit den Lippen zu umschließen. Oralsex hatte sie schon immer gemocht. Doch das letzte Mal war schon lange her, und Thea war nervös. Dann allerdings begann sie sein Glied mit der Zunge zu reizen, und diese Reaktion ließ sie ihr Zögern vergessen. Sachte strich sie mit der Zunge darüber, und Brady keuchte auf.

Als sie den Kopf senkte und ihn noch tiefer in ihren Mund nahm, stöhnte Brady laut.

Ich verliere die Beherrschung, dachte Brady. Thea saugte an seiner Erektion, und er kämpfte gegen den Drang an, die Hüften anzuheben. Zum Glück fuhren nur noch wenige Autos auf der Straße, denn Brady konnte sich kaum noch auf die Ampeln, Verkehrsschilder und den Gegenverkehr konzentrieren. Für ihn gab es nur noch Theas Mund und ihre Zunge, die mit ihm die herrlichsten Dinge anstellten. Als sie sein Glied mit einer Hand umfasste, stöhnte Brady laut auf. Dann saugte Thea nur noch und bewegte streichelnd die Hand. Krampfhaft umfasste er das Lenkrad mit beiden Händen, blickte starr auf die Straße und ging in Gedanken alle Braurezepte durch, die er kannte. Nein, er wollte nicht zum Höhepunkt kommen, bevor er Thea zum Orgasmus gebracht und ihr Gesicht beobachtet hatte, wenn sie kam. Sie sollte nackt unter ihm liegen und die Beine um ihn legen, während er sich in ihr verlor.

Gleich ist es so weit, sagte er sich, während er die Auffahrt zu seinem Haus hinauffuhr. Gleich haben wir Zeit füreinander.

Hastig schaltete er den Motor aus, dann zog er vorsichtig den Reißverschluss seiner Jeans wieder hoch. Er konnte es nicht mehr erwarten, mit Thea ins Haus zu gelangen. Mehr! schoss es ihm durch den Kopf. Ich will mehr. Durch die Seitentür betraten sie das Haus. Das Mondlicht zeichnete helle Rechtecke auf den Fußboden in der Küche. „Lebst du allein?“, fragte Thea vorsichtshalber, als er sie ins Wohnzimmer mit großem Panoramafenster führte. „Hier wohnen nur mein Kajak und ich.“ „Gut.“ Damit schmiegte sie sich wieder an ihn und fuhr ihm mit den Händen unter das Shirt. „Als ich dich heute Abend tanzen sah, dachte ich, ich müsste sterben“, flüsterte er. „Ich konnte nur zusehen und mir ausmalen, wie du ohne dein Kleid aussiehst.“ Sachte strich er am Ausschnitt des roten Seidenkleides entlang und küsste sie zärtlich auf den Hals. „Was würdest du sagen, wenn ich dir dieses Kleid jetzt abstreife?“ Er zog den Reißverschluss auf. Thea erschauerte. Betont langsam glitt er mit den Händen über ihren nackten Rücken, als habe er alle Zeit der Welt. Thea drängte sich ungeduldig an ihn. „Wozu die Eile? Die Nacht liegt doch noch vor uns.“

Thea hatte Angst, jeden Moment aus ihrem erotischen Traum aufzuwachen. So war es immer. Ihre Freundin Delaney hatte erzählt, sie sei im Traum zum Höhepunkt gekommen, aber Thea wachte aus solchen Träumen immer erregt, aber unbefriedigt auf.

Jetzt spürte sie Bradys Finger auf ihrem Rücken, während ihr Kleid immer weiter geöffnet wurde. Er wanderte tiefer, streifte ihren Po und dann ihren Bauch. Von dort arbeitete er sich wieder nach oben vor, bis er den V-Ausschnitt ihres Kleides erreichte. Thea bekam vor Erregung eine Gänsehaut, als Brady sich vorbeugte und mit der Zungenspitze über ihren Hals glitt. Sie streichelte sein Haar und ließ ihr Kleid mit einer kurzen Schulterbewegung auf den Boden gleiten. „Oh, Honey.“ Bradys Mund war staubtrocken. Das Kleid lag wie eine kleine rote Wolke auf dem Boden, und Thea stand nackt vor ihm, nur noch mit einem winzigen Seidenslip und roten Stilettos bekleidet. Ihre langen Beine gingen in sanft gerundete Hüften über, ihr schlanker Körper war atemberaubend. Brady hätte sie ewig ansehen können, so schön war sie, und er wollte sie überall berühren. Fast hilflos stand er da, während Thea ihn mit wissendem Lächeln ansah und schließlich zu ihm trat und die Hände unter sein T-Shirt schob. „Du hast viel zu viel an.“ Sie trat hinter ihn und zog ihm das T-Shirt über den Kopf. Dann spürte Brady, wie sie die nackten Brüste an seinen Rücken schmiegte, und stöhnte unwillkürlich. Thea lachte und trat wieder einen Schritt zurück. „Und wer ist jetzt ungeduldig?“ Sie streichelte seinen Rücken. „Vielleicht solltest du endlich deine Jeans ausziehen.“ Sie wandte sich ab und ging zum Sofa, streckte sich lässig lang aus und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Ohne die Schuhe abzustreifen, legte sie die Beine über die Armlehne. Reglos sah Brady sie eine Minute lang an. „Ich warte“, sagte sie lächelnd. Schlagartig streifte er sich die restliche Kleidung ab und kam zum Sofa. Jetzt war er es, dessen Finger vor Erregung zitterten. Brady wusste nicht, wo er anfangen sollte. Er wollte alles von Thea zugleich. Verheißungsvoll und verführerisch blickte sie ihn an und biss sich auf die Lippe. „Berührst du mich jetzt endlich, oder muss ich mich selbst streicheln?“ Gelassen strich sie mit einem Finger über ihren Hals. Brady sank vor dem Sofa auf die Knie und hielt Theas Hand fest. „Von jetzt an übernehme ich das.“ Genießerisch schloss Thea die Augen, während er mit der Zunge zu ihren Brüsten fuhr. Sein Haar strich ihr über die Haut, und ihre Brustspitzen richteten sich beim geringsten Kontakt verlangend auf. Doch Brady ließ sich Zeit und liebkoste noch nicht ihre Brustwarzen, sondern umfasste nur ihre Brüste. Schließlich glitt er mit den Lippen zu ihren empfindlichen Knospen. Thea legte den Kopf nach hinten, als er erst die eine, dann die andere Brustwarze in den Mund nahm, daran sog und sie mit der Zunge umwirbelte. Hitze durchströmte ihren Körper, und ihr Verlangen nach Brady wuchs und wuchs. Brady glitt tiefer, küsste ihren Bauch, malte mit der Zunge erotische Arabesken auf ihren glatten Bauch und ging langsam tiefer, bis er ihren Venushügel erreichte. Sanft bog er ihre Beine auseinander. Theas Herz hämmerte. Sie wollte seine Lippen auf sich fühlen, wollte, dass seine Zunge sie zärtlich erkundete. An den empfindsamen Innenseiten ihrer Schenkel spürte sie seine Bartstoppeln und seinen heißen Atem. Dann spürte sie seine Lippen. Es war überwältigend. Nie hätte Thea gedacht, dass es so gut, so intensiv sein könnte. Als seine feuchten Lippen über ihren sensibelsten Punkt glitten, bäumte sie sich seufzend auf. Jetzt zögerte Brady nichts mehr hinaus. Er hatte das Zentrum ihrer Lust erreicht, und eine Berührung reichte aus, um Thea vor Lust aufschreien zu lassen. Immer wieder glitt er mit der Zunge über die kleine Knospe. Thea hob das Becken an und warf den Kopf von einer Seite zur anderen. Unbeirrt reizte Brady sie weiter, bis sie all ihre Muskeln anspannte, und dann überschritt sie die Grenze und glaubte, in einem Strudel zu versinken. Auf dem Höhepunkt schrie sie auf und erschauerte wild. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis der Orgasmus abebbte. Brady richtete sich auf. „Komm“, flüsterte er und hob Thea vom Sofa hoch. Sie bekam es kaum mit, dass er sie durch den Flur ins Schlafzimmer trug und sie aufs Bett legte, bevor er ihr den Slip abstreifte. Besitzergreifend strich er ihr über die Hüfte und die Beine, bis er ihren Fuß erreichte.

„Hübscher Schuh“, stellte er leise fest und küsste ihren Spann. Sofort griff Thea nach dem Riemchen an ihrem Knöchel.

„Nein, nein.“ Brady hielt ihre Hand fest. „Behalt deine Stilettos an. Sie sind so sexy.“ Er legte sich neben sie aufs Bett. Seinen nackten Körper zu spüren war für Thea ein Moment absoluten Glücks. Eine Weile lang bewegte sie sich überhaupt nicht und kostete nur dieses schöne Gefühl aus. Er streckte die Hand nach dem Nachttisch aus. Thea hörte ein leises Knistern von Plastik, er hatte ein Kondom ausgepackt und streifte es sich über. Dann legte er sich auf sie, stützte sich aber mit den Händen ab, um Thea nicht mit seinem Gewicht zu belasten. Sie öffnete die Augen und sah sein angespanntes Gesicht. Thea stöhnte auf, als sie die Spitze seiner Erektion zwischen den Schenkeln spürte, und blickte Brady erwartungsvoll in die Augen. „Ich möchte in dir sein“, flüsterte er heiser, dann drang er mit einer stürmischen Bewegung ein. Thea schrie auf. Es war unbeschreiblich lustvoll. Kein Sexspielzeug konnte solche Gefühle in ihr wecken wie Brady, als er in sie hineinglitt und sie vollständig ausfüllte. Thea spürte jede Regung von ihm, als er noch tiefer in sie eindrang, bis sie bei jeder Bewegung einen Lustschrei ausstieß. Die Empfindungen überwältigten sie. All die Jahre über hatte sie versucht sich daran zu erinnern, wie es war, doch nichts hatte sie auf diese Gefühle vorbereitet. Sie legte die Arme um ihn und fuhr ihm über den glatten, muskulösen Rücken und den Po. Die ganze Zeit über blickte er ihr in die Augen.

Thea schlang die Beine um seine Hüften, doch das reichte ihr noch nicht. Um ihn noch intensiver zu spüren, hob sie die Beine an und legte sie um seine Taille. Aber auch das genügte ihr nicht. Schließlich schob sie die Beine noch höher, bis ihre Unterschenkel auf seinen Schultern ruhten.

Brady wandte den Kopf zur Seite und küsste ihre Beine. Als er danach den Blick senkte, verdunkelten sich seine Augen vor Verlangen. Thea blickte an sich hinab und sah Bradys hartes Glied in sie hinein- und wieder herausgleiten. Das zu beobachten verlieh diesem Moment höchster Intimität noch mehr Realität. „Sieh hin, Brady!“, stieß sie aus. Er blickte auf ihre Körper, dann wieder in Theas Gesicht. Er sah auf ihre Brüste, und sein Blick glitt wieder zu der Stelle, an der sie miteinander verschmolzen. Doch nicht dieser Anblick überwältigte Brady, sondern die Erregung, die in Theas Stimme mitschwang, und die Faszination in ihrem Blick. „Ich will, dass du kommst“, flüsterte sie. „Ich will es spüren und sehen.“ „Noch nicht“, stieß er aus. „Erst wenn du es tust.“

„Ich bin bereits gekommen.“ Ihre Stimme klang schnurrend.

Als sie mit einer Hand ihre eigene Brust streichelte, konnte Brady sich nicht mehr beherrschen. Thea so zu sehen, sie stöhnen zu hören und den erregenden Duft ihres Körpers wahrzunehmen, das trieb ihn zum Äußersten. Noch einmal drang er in sie ein, dann erreichte er aufstöhnend einen schwindelerregenden Höhepunkt, der kein Ende zu nehmen schien. Es dauerte einen Moment, bis er wieder mehr tun konnte als nur atmen. Thea nahm die Beine von seinen Schultern, sodass Brady sich neben ihr auf den Rücken rollen konnte. „Was hast du?“ Besorgt blickte sie ihn an. „Ich bin gerade gekommen.“ „Das habe ich gemerkt.“ Sie küsste ihn. „Es hat mir gefallen. Dir nicht?“ Er musste lächeln. „O doch. Aber ich fürchte, du bist zu kurz gekommen.“ Sanft strich er über ihre Brüste. „Du warst doch hier mit mir im Zimmer, oder etwa nicht?“ „Doch.“ „Ich habe dir nichts vorgemacht, um deinem Ego zu schmeicheln.“ „Aber du bist nicht gekommen.“ „Meinen Höhepunkt hatte ich schon, als du mich mit dem Mund liebkost hast.“ „Aber nicht, als ich in dir war.“

„Das passiert bei mir auch selten, Darling. Das bedeutet aber nicht, dass es mir keinen Spaß macht“, fügte sie hinzu und dachte an die Empfindung, von ihm ausgefüllt zu sein. „Wenn du allerdings deswegen ein schlechtes Gewissen hast, dann wüsste ich, was du dagegen unternehmen kannst.“

„Ich komme darauf zurück, sobald ich mich wieder bewegen kann. Behalte die Schuhe an.“ Er zwinkerte. „Mal sehen, was sich machen lässt.“

3. KAPITEL

Thea fühlte sich, als wäre sie unter Wasser und käme ganz langsam wieder hoch. Eben noch war sie durch ihre Träume getrieben, und jetzt driftete sie zurück in die Wirklichkeit. Die Matratze unter ihr fühlte sich weich an. Thea wollte sich bewegen, doch irgendetwas behinderte sie. Nein, nicht etwas, sondern jemand. Ein männlicher Jemand. Auf einmal kehrten die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück. Ein Gähnen unterdrückend, öffnete sie die Augen. Das Zimmer war ihr unbekannt. Vor den Fenstern hingen Rollos aus Reispapier, die Möbel passten nicht zusammen, und auf dem dunklen Holzfußboden lag ein blauer Läufer. An einer Kommode lehnte ein Kajakpaddel. Direkt gegenüber vom Bett hing ein schönes Schwarz-Weiß-Foto eines Wasserfalls. Sie wusste nicht, ob sie seufzen oder lächeln sollte. Es war alles wirklich passiert. Zum ersten Mal seit sieben Jahren hatte sie es getan. Und es war tatsächlich wie beim Fahrradfahren – man verlernte es nie. Jetzt musste sie doch lächeln. Dabei kenne ich den Mann kaum, dachte sie. Doch sie wollte sich die Erinnerung nicht mit trüben Gedanken verderben. Vorsichtig versuchte sie, sich aus der Umarmung zu lösen, doch Brady protestierte verschlafen und zog sie fest an sich. Hm, wenigstens kannte sie seinen Namen. Etwas entschlossener schob sie seinen Arm zur Seite. „Wo willst du hin?“, fragte Brady schläfrig, ohne die Augen zu öffnen. „Schlaf ruhig weiter“, flüsterte sie. „Wir sehen uns wieder.“ Die Augen immer noch geschlossen, hob er ein wenig den Kopf, um sie zu küssen. „Bleib doch.“ „Das geht nicht.“ Mit einer Hand fuhr er zu ihrer Brust. „Hast du einen Termin?“ „Nein.“ „Wozu dann die Eile?“ „Ich muss los.“ Er senkte die Lippen auf ihre Brust. Einen Moment lang ließ die Empfindung sie erstarren. Langsam glitt er mit einer Hand zu ihrer anderen Brust, während er ihre Brustwarze mit der Zunge umspielte. „Musst du wirklich los? Vielleicht kann ich das verhindern.“ Wohlig seufzend sank Thea wieder aufs Kissen. Brady ließ die Hand tiefer wandern. „Ich habe meine eigenen Pläne mit dir.“ Thea wollte sich durch seine Zärtlichkeiten nicht umstimmen lassen, obwohl es erregend war, seine feinen Bartstoppeln an ihrer Brust zu spüren. „Wir haben Samstag, da solltest du dich erholen.“ Seine Hand glitt noch tiefer. „Um eins habe ich einen Tanzkurs.“ „Bis dahin ist noch viel Zeit.“ Er strich mit der Zunge über ihren Bauch. Seine Liebkosungen machten jeden Widerstand unmöglich. Ihr Zögern nutzte Brady sofort aus und schob sich zwischen ihre Schenkel. Thea hielt den Atem an. „Sieh mal …“ „Ich sehe alles“, versicherte er ihr sofort. „Ich muss wirklich …“ Thea stockte, denn seine Lippen berührten das Zentrum ihrer Lust. „Ich weiß genau, was du jetzt musst.“ So liefen One-Night-Stands nicht ab. Die Nacht sollte heiß und lustvoll sein, und am Morgen war alles vorbei. Eigentlich müsste sie jetzt schon alles bereuen, und Brady sollte sich danach sehnen, dass sie aus seinem Haus verschwand, damit sie beide wieder getrennte Wege gehen konnten. Doch er konnte mit seinen Lippen sehr überzeugend sein, und bei seinen aufreizenden Liebkosungen vergaß Thea, was sie eigentlich hatte tun wollen. Was war schon dabei, wenn sie am Morgen danach noch einmal mit ihm schlief? Schließlich war es schon Jahre her, seit sie durch jemand anderen als sich selbst zum Höhepunkt gekommen war. Wer konnte sagen, wie viel Zeit bis zum nächsten Mal vergehen würde? Sollte sie diese Gelegenheit nicht ausnutzen? Es war himmlisch. Thea hielt die Luft an, als Brady mit zwei Fingern in sie eindrang. Jeder Gedanke verflog, als Brady sie geschickt streichelte. Beim Klingeln des Telefons riss sie die Augen auf. Brady hob den Kopf. „Oh, tut mir leid, das hätte ich ausstöpseln sollen.“ „Willst du nicht rangehen?“ „Wozu habe ich den Anrufbeantworter?“ Wieder senkte er den Kopf. „Jemand will dich sprechen.“ Der Protest fiel ihr schwer, weil sie sich immer mehr dem Orgasmus näherte. Es piepte, und das Aufnahmeband lief. „Brady, hier ist Michael. Geh endlich dran, ich brauche dich. Das ist ein Notfall.“ Fluchend löste Brady sich von Thea und eilte ans Telefon. „Michael, was gibt’s?“ Es war das erste Mal, dass sein Bruder nicht ruhig und beherrscht war. Er redete schnell und aufgeregt. „Es geht um Lindsay. Sie hat Blutungen.“ Lindsay war Michaels Frau. Sie erwartete Zwillinge. „Was ist passiert?“ „Wir wissen es nicht. Ich fahre jetzt mit ihr in die Notaufnahme, aber jemand muss auf die Jungs aufpassen. Wie schnell kannst du hier sein?“ „In zehn Minuten“, versprach er und sah flüchtig zu Thea, die sich bereits anzog. „Ich lasse die Kinder bei Paula nebenan. Du hast noch unseren Ersatzschlüssel?“ „Keine Sorge.“ Brady knöpfte sich die Jeans zu. „Kümmere dich um Lindsay, den Rest erledige ich schon.“ „Ich ruf an, sobald ich mehr weiß.“ Im Hintergrund hörte man das statische Knacken und Knistern eines Funkgeräts. „Wo bist du?“ „Draußen beim Rettungswagen.“ Das klang kritisch. „Okay, fahr los. Und Michael …“ „Was?“

„Ich hoffe, dass alles gut geht.“

Thea stand auf Robyns Veranda und suchte nach ihrem Schlüssel. Es gab bestimmt Lächerlicheres, als am Samstagmorgen um acht Uhr in einem roten Tanzkleid herumzulaufen, aber im Moment fiel ihr nichts ein. Erleichtert seufzend schloss sie die Tür auf und betrat das Haus. Eine Sekunde lang bedauerte sie, dass alles so abrupt geendet hatte, doch was hätte Sex am Morgen ihr gebracht, abgesehen von zwei oder drei Höhepunkten? Ungeduldig rieb sie sich das Gesicht. Ein Mann, der ein Nein nicht akzeptierte, war nichts für sie, selbst wenn er so überzeugend war. Im Grunde musste sie über den Anruf seines Bruders froh sein. Im Morgenmantel kam Robyn angeschlurft. Ihr Haar war noch vom Duschen feucht. Ihre Mopshündin lief begeistert auf Thea zu. „Wie geht’s denn meinem kleinen Mädchen?“ Thea bückte sich und kraulte den kleinen Hund. „Komm schon, Darlene, du darfst jetzt raus“, sagte Robyn, aber ihre Hündin ignorierte sie. Entnervt stieß Robyn die Luft aus. „Was ist aus der Loyalität der Hunde zu ihren Frauchen geworden?“ „Hunde sind wie Männer“, erklärte Thea. „Wenn du sie an den richtigen Stellen berührst, sind sie dir auf ewig ergeben.“

Robyn lachte. „Erzähl mir lieber, was da gestern beim Milonga passiert ist. Erst habe ich dich noch tanzen sehen, und dann bist du einfach weggegangen.“

„Tut mir leid, Robyn, ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Ich war abgelenkt.“ „Das hab ich gesehen.“ Robyn gähnte. „Ihr habt euch am Ufer geküsst. Als du nicht zurückgekommen bist, habe ich mir meinen Teil schon gedacht.“ Sie zog den Gürtel enger. „Ich war übrigens auch ziemlich beschäftigt.“ „Wirklich? Mit wem?“ „Mit Raoul.“ „Mit dem Latin Lover? Das muss ich hören.“ „Lass uns frühstücken gehen, da bekommt Darlene gleich auch ihren Spaziergang. Einverstanden?“ „Sehr gern. Gib mir zehn Minuten.“

Sie gingen zu einem Café, wo sie unter einem Ahorn sitzen und belgische Waffeln essen konnten. Darlene bekam einen Maiskeks.

„Das ist ihre Lieblingssorte“, erklärte Robyn. Thea warf dem glücklich fressenden Hund einen kurzen Blick zu, dann trank sie von ihrem Kaffee. „Also, schieß los.“ „Raoul ist der letzte Latin Lover.“ „Hat es dich so schlimm erwischt?“ „Ja. Bei seinen Hüftbewegungen und seinem Mund sollte man doch denken, dass es mit ihm ziemlich aufregend werden kann. Und dann noch dieser Schlafzimmerblick.“ Fragend hob Thea die Augenbrauen. „Klingt nach einem großen Aber. Hat er dich im Bett enttäuscht?“ „Beim Tanzen achtet er mehr auf sich als auf seine Partnerin. Genauso verhält er sich auch beim Sex. Es kommt ihm vor allem darauf an, wie er dabei aussieht. Er wollte es vor einem Spiegel tun, was ich noch ziemlich cool fand. Aber dann hat er nur sich selbst beobachtet.“ „Aua.“ „Mach bloß nie den Fehler, die Kerle mit zu dir nach Hause zu nehmen. Wenn du bei ihnen bist, kannst du jederzeit weglaufen.“ Robyn dachte nach. „Andererseits musst du dann bei ihnen ins Bad.“ „Stimmt.“ Nur mühsam blieb Thea ernst. Die Kellnerin servierte ihnen das Frühstück. Darlene schnupperte, blieb aber artig sitzen, bis Robyn ihr den nächsten Maiskeks reichte. Thea kam es vor, als würde der Keks sich in Luft auflösen. „Moment mal, wo ist jetzt …?“ Auf dem Boden war kein Krümel zu finden. „Lenk jetzt nicht ab.“ Tadelnd schüttelte Robyn den Kopf und beugte sich vor. „Du bist mit diesem geheimnisvollen Fremden weggegangen. Wer war er?“ „Oh, irgendein Mann, der zufällig beim Tanzen mitgemacht hat.“ Begeistert lächelte Robyn sie an. „Nach all den Jahren bist du einfach mit einem Kerl mitgegangen, der zufällig beim Milonga vorbeigekommen ist?“ „Ja, reib’s mir nur unter die Nase. Gleich vergeht mir der Appetit.“ „Honey, ich bin stolz auf dich. Und wie war’s?“ „Einfach fantastisch. Aber das ist Sex wahrscheinlich immer nach jahrelanger Pause.“ Thea atmete tief durch. „Er war toll. Witzig und süß und sehr einfallsreich. Er hat wundervolle Hände, so stark und groß und kräftig und …“ „Hat der Typ auch einen Namen? Außer Liebesgott?“ „Brady, aber sein Name spielt keine Rolle. Es war ein One-Night-Stand.“ Sie aß von ihrer Waffel. „Verstehe. Hat er sich beim ersten Sonnenstrahl in ein Ekel verwandelt?“ „Nein!“ „Aber er hat dich rausgeschmissen?“ Thea erinnerte sich daran, wie er die Innenseiten ihrer Schenkel mit der Zunge liebkost hatte. „Hallo! Erde an Thea!“ Sie sah ihrer Freundin wieder ins Gesicht. „Wie? Also, er war nicht unhöflich, und er hat auch nicht versucht mich loszuwerden.“ „Wieso bist du dann um acht Uhr morgens schon wieder zurück? Ich habe Raoul schon gestern Nacht rausgeschmissen, als wir fertig waren.“ Gedankenverloren spielte Thea mit den Beeren auf ihrer Waffel. „Mir ist es lieber, wenn ein One-Night-Stand auch ein One-Night-Stand bleibt.“ „Und was denkt er darüber?“

„Ihm war mehr nach einer neuen Runde mit anschließendem Frühstück.“ Sie räusperte sich. „Falls du verstehst, was ich meine.“

Fassungslos blickte Robyn sie an. „Und wieso bist du gegangen?“ „Er bekam einen Anruf. Ein Notfall in seiner Familie. Für mich ein guter Zeitpunkt, um zu gehen.“ Robyn biss von ihrer Waffel ab. „Und? Trefft ihr euch wieder?“ „Wohl kaum.“ „Warum nicht? Hat er dich nicht nach deiner Nummer gefragt?“ Thea hüstelte. „Ich … ich bin verschwunden, als er im Bad war.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht einfach dastehen wie ein Hotelpage, der auf Trinkgeld wartet.“ „Du bist abgehauen.“ „Robyn, es war ein Quickie und nicht der Beginn einer Beziehung. Ich weiß auch gar nicht, wie ich mich dazu habe hinreißen lassen können.“ „Komm mir jetzt nicht so, Süße.“ Thea verdrehte die Augen, doch sie musste lächeln. „Es war so, als würde man einen Mann an der Bar treffen. Richtige Beziehungen fangen nicht so an.“ „Bestimmt nicht mit Weglaufen.“ „Ach, du weißt genau, was ich meine.“ Eindringlich blickte Robyn ihr in die Augen. „Er hat dich zum Lachen gebracht, und du hattest Spaß. Ehrlich, ich begreife nicht, warum du diese Chance nicht nutzt.“ „Ich lebe ja nicht mal hier.“ „Das hat dich gestern Abend auch nicht gestört.“ „Die letzte Nacht war …“ Thea seufzte. „Wenn ich mich wieder auf einen Mann einlasse, dann will ich ihn vorher erst genau kennen. Ich muss sicher sein, dass seine liebenswerten Eigenheiten keine Anzeichen dafür sind, dass er im Grunde ein Psychopath ist. Und dann, vielleicht, wenn mir alles okay erscheint, dann …“ „Ja?“ „Dann trinke ich mit ihm einen Kaffee.“ Thea spießte eine Beere auf. „Klingt sehr spontan. Vernunft ist schön und gut, aber was ist mit dem Knistern?“ „Was hat mir das Knistern denn bisher eingebracht?“ Robyn zog die Augenbrauen hoch. „Ich denke, es war schön gestern Nacht.“ „Ja, das war es. Aber leider habe ich das verhängnisvolle Talent, mir unter den Männern die Mistkerle und Neurotiker rauszupicken. Da kann ich nur sagen: Vielen Dank, Dad.“ „Immerhin ein kleiner Fortschritt. Vor zwei Jahren hast du behauptet, alle Männer seien Mistkerle und Neurotiker.“ „Mittlerweile habe ich eingehender über meine Freundinnen nachgedacht.“ Thea kraulte Darlene hinter den Ohren. „Möglicherweise gibt es unter den Männern doch ein paar gute. Aber von denen finde ich bestimmt keinen, indem ich mich einfach gehen lasse. Erst will ich sie kennenlernen, und wenn mir danach einer wirklich etwas bedeutet, dann schlafe ich mit ihm.“ „Ach, Thea, so was ist doch wie beim Shopping. Nicht alles, was du anprobierst, musst du gleich kaufen. Manchmal geht’s einfach nur um den Spaß. Du musst wieder etwas Übung bekommen und dich dran gewöhnen, Orgasmen zu haben.“ „Vielleicht beim nächsten Mal.“ „Also keine zweite Chance für den Liebesgott?“

„Beim nächsten Mal“, wiederholte Thea in bestimmtem Ton.

Abgesehen vom Wickeln fand Brady es cool, Onkel zu sein. Doch jetzt spielten sie schon seit einer kleinen Ewigkeit Pferdchen. Bei Drew war es nicht so schlimm, der war noch nicht mal zwei, aber Cory war letzten Monat drei geworden und hatte die glorreiche Idee gehabt, sie könnten beide gleichzeitig reiten und Brady dabei mit den Füßen antreiben und sich an seinen Haaren festhalten. Mittlerweile fühlte Brady sich wie nach einer Bergwanderung. „Okay, Jungs, jetzt muss euer Pferd zurück in den Stall.“ Er trottete zum Sofa, damit die beiden absteigen konnten. „Dein Daddy scheint dir nicht viel von der Welt zu erklären.“ Anstatt aufzustehen, lehnte er sich nur seufzend ans Sofa. Währenddessen hüpften Cory und Drew auf dem Sofa herum, als wäre es ein Trampolin. Wenigstens ist es weich, dachte Brady. „Will spielen!“, verlangte Cory. Nach fast zwei Stunden war Bradys Repertoire erschöpft. Sie hatten mit Legosteinen und Bauklötzen gespielt, Fahrstuhl gespielt, Schattenspiele an der Wand gemacht und jetzt Pferdchen gespielt. Brady fühlte sich ausgebrannt. „Will spielen!“, drängelte Cory.

Fieberhaft dachte Brady nach. Sein Blick fiel auf den Rucksack. „Wollen wir Karten spielen?“ Er stand auf. Ein Kartenspiel kann sehr lehrreich sein, dachte er. Es geht um Zahlen und Formen, um Farben und Gedächtnisleistung. Er holte die Karten hervor. „Wie wär’s mit einer Runde Poker? Habt ihr Geld?“

„Habt ihr Geld?“, wiederholte Cory. Er unterhielt die beiden über eine halbe Stunde mit Kartentricks, obwohl die beiden kleinen Jungs nur mäßig begeistert reagierten. „Will spielen“, sagte Cory. Seufzend legte Brady die Karten weg. „Schon gut, Kumpel, wir spielen. Aber zuerst gehst du in die Küche und sagst mir, wie spät es ist, ja?“ Cory kletterte vom Sofa und rannte los. Wie üblich lief Drew hinter seinem Bruder her, stolperte und fing an zu weinen. Brady ging zu ihm. „Komm schon, Kleiner, das tat doch nicht weh. Steh auf.“ Er stellte Drew wieder auf die Füße und blickte ihn prüfend von Kopf bis Fuß an. Abgesehen vom roten Kopf und den Tränen schien alles in Ordnung zu sein. „Der große Zeiger steht auf der Acht und der kleine gleich auf der Zwölf“, verkündete Cory atemlos. Zwanzig vor zwölf, fast drei Stunden seit dem Anruf. „Ich will zu Mommy“, jammerte Drew.

„Es ist alles okay.“ Brady hob seinen Neffen auf den Arm. Bisher hatte Michael sich noch nicht gemeldet, und allmählich machte Brady sich Sorgen. Konnten Frauen wegen Komplikationen in der Schwangerschaft sterben? Er wusste es nicht. Eigentlich weiß ich so gut wie überhaupt nichts über Frauen, dachte er. Bei denen ist alles anders. Sie denken auch völlig anders.

Thea zum Beispiel. Sie war wunderschön, konnte sich bewegen wie keine andere Frau auf der Welt und besaß Humor. Wir haben uns doch amüsiert, dachte er. Warum hatte sie es dann so eilig, von mir wegzukommen? Wieso hat sie nicht mal eine Nachricht hinterlassen? Darüber kam er einfach nicht hinweg. Die Haustür öffnete sich, und Michael kam herein. „Hallo, Jungs.“ „Daddy!“ Cory rannte auf ihn zu. „Daddy.“ Weinend streckte Drew die Arme nach ihm aus.

Zutiefst erleichtert, ging Brady zu ihm und reichte ihm Drew.

„Was ist denn hier passiert?“ Michael wischte Drew über die tränenüberströmten Wangen. „Er ist hingefallen. Aber es ist nichts weiter passiert.“ „Da bin ich aber froh.“ Michael wippte Drew ein bisschen auf dem Arm und fuhr Cory durchs Haar, doch seine Miene blieb angespannt. „Und? Was habt ihr drei angestellt?“ Sein Blick fiel auf das Kartenspiel auf dem Tisch. „Wir haben gezählt.“ Cory hüpfte auf und ab. „Vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, Bube, Dame, König, Ass.“ Ungläubig sah Michael zu seinem Bruder. „Was hast du ihnen beigebracht?“ „Habt ihr Geld?“, krähte Cory. „Das kann ich erklären“, sagte Brady rasch. „Hoffentlich.“ „Wie geht’s denn Lindsay?“ „Sie behalten sie zur Beobachtung über Nacht da.“ Michael setzte Drew ab. „Danke fürs Einspringen.“ „Keine Ursache. Das tue ich jederzeit, das weißt du.“ Michael fuhr sich durchs Haar. „Mom und Dad sind dieses Wochenende in Keeley. Ich wusste nicht, wen ich sonst hätte anrufen können.“ „Weißt du denn schon, was passiert ist?“ „Sie wird wieder gesund. Den Babys geht’s auch gut.“ Erst als Brady ausatmete, erkannte er, wie angespannt er auf diese Antwort gewartet hatte. „Gut.“ „Ja. Heute Morgen war ich ziemlich in Panik. Überall war Blut, das war zu viel für mich.“ Ein Grund mehr, niemals Frau und Kinder zu haben, dachte Brady. So hilflos wollte er sich niemals fühlen. „Willst du Kaffee?“ „Nein, davon habe ich in den letzten Stunden genug getrunken, als ich auf die Ärzte und ihre Diagnose gewartet habe.“ Michael schüttelte den Kopf und verschwand in der Küche. „Was haben sie denn nun gesagt? Was stimmt nicht?“ „Es handelt sich um eine Ablösung der Plazenta.“ „Und?“, bohrte Brady nach, als Michael nicht weiterredete. Michael warf seinem Bruder eine Dose Cola zu, nahm sich selbst auch eine und holte Orangensaftpackungen für seine Söhne aus dem Kühlschrank. „Es ist zum Glück nicht so schlimm, sonst hätten wir vielleicht die Babys verloren, oder Lindsay wäre gestorben. Die Ärzte sagen, es würde wieder alles okay, aber sie wollen sie noch ein paar Tage dort behalten, bevor sie sie wieder nach Hause lassen.“ „Das klingt doch gut.“ Brady öffnete seine Cola. „Leider ist das noch nicht alles. Bis zur Entbindung muss sie im Bett bleiben.“ Michael steckte einen Strohhalm in Drews Packung und reichte Cory, der immer alles selbst machen wollte, die Saftpackung samt Strohhalm. „Das wird unseren Alltag ziemlich umkrempeln.“ „Ganz bestimmt. Wie lange dauert das noch? Vier Monate?“ „Noch fünf.“ „Deine Frau, die beim Portland-Marathon mitgelaufen ist, soll fünf Monate im Bett liegen? Dann beschaff schon mal haufenweise DVDs.“ „Aus Angst um die Zwillinge wird sie alles tun, was die Ärzte ihr sagen.“ Brady nickte und senkte den Blick. „Brauchst du Hilfe?“ „Das Projekt mit dem Theater können wir jedenfalls streichen.“ „Was?“ „Fünf Monate Bettruhe, Brady! Sie kann nicht kochen, sauber machen oder sich um die Kinder kümmern. Gar nichts. Ich werde mich kaum um die bisherigen Pubs kümmern können. Und ganz bestimmt nicht um den Theaterumbau.“ „Aber mein Konzept steht jetzt, Michael, und es wird ein echter Bringer. Tango. Wir ziehen das Ganze als Tanztheater auf, also mit Auftritten und Unterricht.“ „Gruppentanz um Punkt acht Uhr?“

Entnervt sah Brady ihn an. „Du weißt schon genau, was ich meine.“

„Das fällt flach.“ Michael ging aus der Küche. „Kommt schon, Jungs.“

Brady folgte ihm. „So ein Gebäude finden wir nie wieder.“ „Brady, es geht einfach nicht. Ich schaffe es zeitlich nicht.“ Michael beugte sich in den Schrank.

„Dann musst du die Aufgaben verteilen. Stell jemanden ein.“

Verärgert zerrte Michael eine Reisetasche hervor. „Da weiß ich was Besseres. Wenn es dir so viel bedeutet, dann stell du doch jemanden ein.“ Mit offenem Mund stand Brady da. „Ich?“ „Genau. Du.“ Spöttisch lächelte Michael ihn an. „Na? Jetzt findest du es auch besser, das Projekt abzublasen, stimmt’s?“

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