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Verbotene Spiele nach Sonnenuntergang/Alles nur ein heißer Traum?/Verführung für Fortgeschrittene

Crystal Green

Verbotene Spiele nach Sonnenuntergang

 

 

 

1. KAPITEL

„Bye, bye, Mädchen für alles“, murmelte Juliana Thomsen, als sie sich müde auf einer Bank am Hafen von Atami zurücklehnte. Zwei Tage zuvor war sie von Kalifornien nach Japan geflogen, und der Jetlag steckte ihr noch immer in den Knochen. Jetzt hielt sie ihre Füße in eine öffentliche Wanne mit dampfend heißem Wasser, was auch nicht gerade dazu beitrug, sie munterer zu machen.

„Was soll das heißen?“ Ihre Freundin und Reisebegleiterin Sasha tauchte einen Finger in das Wasser und zog ihn schnell wieder zurück. Ihre rotblonden Locken waren zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden, der sogar der steifen Brise standhielt, die vom Meer herüberwehte.

„Ganz einfach: dass ich kein Mädchen für alles mehr sein will“, erwiderte Juliana, deren langes blondes Haar schon ganz klamm war von der hohen Luftfeuchtigkeit, die Anfang Juni an Japans Küste herrschte. „Meine Familie begann mich so zu nennen, als ich nach Parisville zurückkam, um die Leitung unserer Buchhandlung zu übernehmen, weil Tante Katrina sich aus dem Geschäft zurückziehen wollte. Und ehrlich gesagt bin ich froh, das alles dank dieser Reise für eine Weile hinter mir lassen zu können.“

Sasha lächelte und richtete ihren Blick auf die Boote auf dem Wasser vor ihnen. „Na, dann viel Glück, denn das war sicher nicht der Grund, warum deine Tante dich nach Übersee geschickt hat.“

Allerdings nicht, stimmte Juliana ihr im Stillen zu und seufzte. Und dennoch war diese Reise die ideale Gelegenheit für sie, etwas Neues, anderes zu entdecken, fern der viel zu aufmerksamen Blicke ihrer Großtante, die in den letzten vierundzwanzig Jahren für sie gesorgt hatte, seit Juliana als Achtjährige ihre Eltern bei einem Flugzeugabsturz verloren hatte.

Aber Tante Katrina war der Grund, warum sie in Japan war, und sie liebte die Frau, die ihr eine zweite Mutter geworden war, zu sehr, um sich hier nur eine schöne Zeit zu gönnen und die alte Dame zu enttäuschen.

Und deshalb wird die Pflicht vor dem Abenteuer kommen müssen, dachte Juliana und besann sich auf die Aufgabe, derentwegen sie hergeschickt worden war: das Gemälde zu beschaffen, das ihre Familie schon seit Generationen zu kaufen versucht hatte – Dream Rising, ein Aquarell, das über ein Jahrhundert lang als verloren gegolten hatte und zu einer regelrechten Besessenheit für die älteren Mitglieder ihrer Familie geworden war.

Ein japanischer Kunsthändler namens Jiro Mori hatte das berühmte Gemälde auf einem Flohmarkt in Phoenix entdeckt und es hierher gebracht, um es in einer Galerie in Tokio zu verkaufen. Als die telefonischen Verhandlungen mit Mori nichts ergeben hatten, da der Galerist angeblich erst in einem Monat nach Amerika zurückkehren konnte, hatte Tante Katrina Juliana kurzerhand einen Flug nach Tokio gebucht. Die raffinierte alte Dame glaubte wohl, ihre blonde Großnichte könne mit ihrem „unwiderstehlich guten Aussehen und dem ausgeprägten Geschäftssinn“ erfolgreichere Verhandlungen führen, wenn sie sich persönlich und vor Ort darum kümmerte – bevor es zu spät war und die Coles, die andere Familie, die ebenfalls versucht hatte, das Gemälde aufzuspüren, in Erfahrung brachte, wo es sich befand.

Als Juliana ihre lackierten Fußnägel in dem heißen Wasser betrachtete, bekam sie ein leicht flaues Gefühl in der Magengegend. Plötzlich hatte sie ein völlig anderes Bild vor Augen, eine Erinnerung an eine Zeichnung, die sie von Dream Rising gesehen hatte.

Verschwommene Kurven und ineinander verschlungene Glieder, aus denen sich eine Frau mit langem, offenem Haar und einem feingliedrigen, nackten Körper zu erheben schien, die die Hand nach etwas ausstreckte, das sich außerhalb ihrer Reichweite befand.

Juliana hatte die Zeichnung das erste Mal gesehen, als sie neun gewesen war und sich nach dem Tod ihrer Eltern vor Kummer völlig in sich selbst zurückgezogen hatte. Um sie abzulenken und ihr zu helfen, hatte Tante Katrina ihr Einzelheiten über das Aquarell erzählt – wie beispielsweise die, dass Terrence Cole, der Künstler, und sein Modell Emelie, Julianas Ururgroßmutter, sich sehr geliebt hatten und er ihre Gefühle füreinander auf der Leinwand festgehalten hatte.

Erst Jahre später hatte Juliana auch den Rest gehört: dass die Liebe dieses Paars zerstört worden war, als Terrence sich von seiner Familie zu einer Vernunftheirat hatte zwingen lassen und Emelie gebeten hatte, seine Geliebte zu bleiben.

Das hatte sie natürlich abgelehnt, und so hatte die Fehde zwischen den Thomsens und den Coles begonnen. Als Emelie und Terrence Generationen zuvor auseinandergegangen waren, war Emelie überzeugt gewesen, Dream Rising sei sein Abschiedsgeschenk an sie, was er jedoch immer abgestritten hatte. Als Emelie dann das Gemälde als gestohlen meldete, war ein tiefer Groll entstanden, aus dem sich im Laufe der Jahre ernste Zwistigkeiten zwischen den beiden Familien entwickelten, die niemals aufzuhören schienen.

Und einmal hatte Juliana sich fast gegen die Fehde aufgelehnt.

Ein einziges Mal.

Wieder sah sie die verschwommenen Farben des Aquarells vor sich, als sie sich daran erinnerte, dass sie und Tristan Cole sich nach der Highschool beinah ineinander verliebt hätten. Aber beide hatten nicht den Mut gehabt, den letzten Schritt zu tun – weder auf dem Rücksitz seines alten Mustangs, noch indem sie sich öffentlich zu ihren Gefühlen bekannten.

Denn hätten sie es getan, wäre die Hölle los gewesen, was beiden klar gewesen war. Man sprach nicht mit Mitgliedern der anderen Familie, wenn man ihnen auf der Straße begegnete. Und in der Schule tat man so, als blicke man woandershin, selbst wenn ein solch gut aussehender Junge wie Tristan an einem vorbeiging.

Juliana war schon seit der Grundschule heimlich in ihn verknallt gewesen, und erst viel später, in ihrem letzten Jahr auf der Highschool, hatte sie herausgefunden, dass es ihm genauso ging.

Aber beide waren zu jung gewesen, nicht reif genug, um mit den Konsequenzen umgehen zu können, und deshalb war Juliana weggegangen, um ein College zu besuchen, ohne aber jemals zu vergessen, was mit dem Jungen hätte werden können, der immer so still im Hintergrund des Klassenraums gesessen hatte.

Sie hatte Tristan seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, nicht einmal in ihrer kleinen Heimatstadt, weil er sich fast ausschließlich in seiner Blockhütte auf der Familienranch aufhielt und an den Oldtimern herumschraubte, die er schon immer so geliebt hatte. Parisville war inzwischen groß genug, um viele Fremde anzulocken, aber trotz allem immer noch so rückständig, dass eine uralte Familienfehde zwei junge Menschen daran hindern konnte, zueinanderzufinden.

Juliana ertappte sich oft bei der Frage, was sie sich mit Tristan hatte entgehen lassen …

Die Stimme ihrer Freundin Sasha riss sie aus ihren Erinnerungen. „Sollten wir es nicht langsam anpacken?“

Juliana atmete tief aus und nickte. „Ja, vielleicht sollten wir das tun.“

Ursprünglich hatten sie mit Jiro Mori ein Treffen in seiner Galerie in Tokio vereinbart, das er jedoch in letzter Minute nach Atami verlegt hatte, weil er dort angeblich etwas mit einem Künstler zu besprechen hatte.

„Es war nett von ihm, uns Zugtickets für die Fahrt hierher zu schenken“, sagte Juliana. „Und Atami ist auch gar nicht mal so weit von unserem Hotel entfernt.“

„Und eine interessante Stadt“, meinte Sasha. „Im Zug habe ich gelesen, dass Atami so viel wie heiße See bedeutet, was daher rührt, dass die Vulkane das Wasser erhitzen. Es heißt, die shogun hätten sich ihr Wasser früher hier in diesem Badeort geholt, in dessen Blütezeit so eine Art Nebenindustrie entstand, um noch mehr Touristen anzulocken. Darum gibt es hier auch Dinge wie Museen für Erwachsene und onsen geishas, die man kommen lassen kann.“

Julianas Neugier war geweckt, sie hatte sich schon immer sehr für andere Kulturen interessiert. „Onsen bedeutet heiße Quellen, nicht? Aber ich habe nichts über den Unterschied zwischen onsen geishas und anderen gelesen.“

„Die onsen setzen sich über die Tradition hinweg und bieten Sex statt geistreicher oder künstlerischer Unterhaltung an, also das genaue Gegenteil von dem, was man in den vornehmeren Distrikten, wie Gion beispielsweise, finden würde.“

Hm, dachte Juliana. Vielleicht war Atami genau der richtige Ort, um einige dieser ‚dunkleren Wege‘ zu erforschen, über die sie seit Beginn ihrer Reise nachgedacht hatte. Und vielleicht konnte sie auch Sasha zu einem kleinen Abenteuer überreden? Immerhin hatte sie ihre Freundin, die im letzten Frühjahr nach Parisville gekommen war, um mit ihrem Freund zusammenzuziehen – der übrigens auch ein Cole war –, schon überreden können, sie nach Japan zu begleiten.

Da Sasha sich jedoch einige Monate zuvor wieder von Chad getrennt und Parisville verlassen hatte, hatten sie sich nur selten gesehen, aber sie telefonierten miteinander, sooft sie konnten. Als Autorin von Reiseberichten las Sasha genauso gern wie Juliana und versorgte ihre abenteuerlustige Freundin mit spannenden Geschichten über ihre Reisen durch Amerika.

Sasha schien immer alles super zu meistern, was Juliana von sich selbst leider nicht behaupten konnte …

Einer der Gründe, warum sie Sasha zu dieser Reise eingeladen hatte, war, dass ihr nicht ganz wohl dabei gewesen war, allein in dieses Land zu reisen, mit all seinen komplizierten Gebräuchen und einer Sprache, die sie nicht einmal ansatzweise verstand. Und da sie ohnehin noch nie aus Amerika herausgekommen war, glaubte sie, in Sasha mit ihrer Erfahrung als allein reisende Frau eine hervorragende Begleiterin zu haben.

Zusammen machten sie sich auf den Weg zu dem Restaurant, in dem Juliana mit Jiro Mori verabredet war, vorbei an Eiscremeverkäufern, die ihre Waren unterhalb von Atami Castle feilboten, einer auf einem Hügel zwischen Bäumen halb verborgenen grau-weißen Pagode, zu der man nur über einen schmalen, mit Seilen abgesicherten Pfad gelangen konnte.

„Wirst du dir während meines Lunchs die Kunstausstellung in der Pagode ansehen?“, fragte Juliana ihre Freundin.

Sasha hielt die Tasche mit ihrem Notebook, ihrer Digitalkamera und ihrem Aufnahmegerät hoch. „Glaubst du etwa, die ließe ich mir entgehen?“

Juliana lachte. „Weißt du, es hat irgendwie etwas Ironisches, dass ausgerechnet du mit hergekommen bist, um für ein Buch über erotische Abenteuer in Japan zu recherchieren.“

„Hm. Wenn ich mich recht entsinne, war das dein Vorschlag, Juliana. Du hast mich geradezu angebettelt, mitzukommen.“

„Ach was. Ich wusste nur, dass du nach einem interessanten Thema suchtest, und habe dir einen Floh ins Ohr gesetzt. Exotisches und Erotisches. Jenseits des Kimonos.“ Juliana grinste ihre Freundin an. „Ich finde immer noch, dass du das als Titel nehmen solltest.“

„Was auch immer das Buch zu einem Renner macht.“

„He, du wirst doch jetzt nicht an dir zweifeln! Als du mit deiner Herausgeberin darüber gesprochen hast, war sie ganz entzückt von der Idee.“

Sasha seufzte. „Ich hoffe nur, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, bevor der Vertrag unter Dach und Fach ist. Diese Reise kostet eine schöne Stange Geld.“

Juliana wusste, dass Sasha früher recht gut von ihren Tantiemen hatte leben können, aber mittlerweile gab es eben leider keine Garantien mehr. Ein weiteres gelungenes Buch herauszubringen war wichtig für sie, zumal sie erst zwei halbwegs erfolgreiche Reiseberichte veröffentlicht hatte.

„Okay“, fügte sie auf Julianas Blick hinzu. „Vielleicht bin ich ja auch bloß nervös wegen des Themas. Ich meine, wenn du etwas über Kaliforniens Weinanbaugebiete oder Cowboys lesen willst, bin ich genau die richtige Autorin. Aber die nicht sehr offensichtliche Exotik und Erotik an einem Ort zu finden, dessen Bewohner von vielen Amerikanern als engstirnig und verklemmt betrachtet werden, ist schon schwieriger.“

„Das macht doch sicher Spaß.“

„Vergiss nur eins nicht“, sagte Sasha streng. „Sobald du den Auftrag deiner Familie erledigt hast, wirst du nicht mehr von meiner Seite weichen und mit mir Bordelle, Geisha- und Erotikbars erforschen. Und wir müssen auch die heißen Quellen hier noch ausprobieren.“

„Das habe ich dir doch versprochen.“ Und Juliana hatte auch schon beschlossen, das Beste daraus zu machen. Einmal etwas völlig anderes zu tun – etwas Aufregendes, wie sie es seit der Highschool nie wieder erlebt hatte. „Aber glaubst du, wir finden hier etwas Aufregendes? Außer deiner Kunstausstellung, meine ich?“, fragte Juliana leise, da sie wusste, dass viele Japaner Englisch sprachen.

„Jetzt hör dich bloß mal an! Hast du nicht genug Abenteuer gehabt, bevor du nach Parisville zurückgezogen bist?“

Sashas Worte versetzten Juliana einen Stich. Sie vermisste San Diego, wohin sie nach dem College gezogen war, um mit mehreren Partnern eine Firma aufzubauen, die originelle private Stadttouren organisierte. Die Arbeit dort hatte Julianas kreative, ein bisschen exzentrische Seite angesprochen. Aber dann war sie gebeten worden, den familieneigenen Buchladen zu übernehmen, den ganzen Stolz ihrer Tante Katrina, der mit seinem dazugehörigen Café sehr guten Umsatz machte.

Und da sie der Verwandten, die so viel für sie getan hatte, ihren Wunsch nicht abschlagen konnte, hatte sie ihren Anteil an der Firma verkauft und war nach Parisville zurückgekehrt.

„Abenteuer habe ich schon lange keine mehr erlebt“, gestand Juliana. „Die Wahrheit ist, dass ich nicht einmal mehr ausgehe in Parisville – sofern ich nicht ins Verhör genommen werden will. Meine Familie denkt wahrscheinlich immer noch, ich sei ein braves Mädchen.“

„Wenn die wüssten!“

Juliana zuckte mit den Schultern. Während ihrer Zeit in San Diego hatte sie genug Verabredungen gehabt, von denen jedoch keine zu einer ernsthaften Beziehung geführt hatte. Und auch ihr Herz hatten sie alle nicht berührt.

Oder den Teil von ihr, der sich nach einer ebenso stürmischen Romanze sehnte, wie Terrence und Emelie sie erlebt hatten.

„Und du?“, fragte Juliana. „Wie weit würdest du für deine persönliche Recherche gehen?“

„Nicht so weit.“

Selbst heute, fast ein Jahr nach der Trennung, derentwegen Sasha Parisville wieder verlassen hatte, konnte Juliana noch den Schmerz in den Augen ihrer Freundin sehen.

Und wieso auch nicht? Chad Cole hatte Sasha das Herz gebrochen, weil er einfach nicht einsehen wollte, dass ihre Träume und Ziele genauso wichtig waren wie seine. Sie hatten sich getrennt, weil er immer besitzergreifender geworden war und ihr schließlich sogar ein Ultimatum gestellt hatte – entweder ihre Karriere oder er.

Sasha hatte sich für ihre Karriere entschieden und war nach Orange County gezogen, das über eine Stunde entfernt von Chad und Parisville war.

„Das mit Chad ist lange her“, sagte Juliana. „Du darfst dich jetzt mit anderen Männern amüsieren. Die Trauerzeit liegt hinter dir.“

„Das tue ich auch. Mich amüsieren, meine ich.“

Juliana brachte es nicht übers Herz, Sasha zu widersprechen. „Chad Cole ist Geschichte, Sash. Das hier ist unsere Zukunft – eine fabelhafte Zeit an einem Ort, wo niemand hinter unserem Rücken über uns klatschen wird. Wenn du in Japan unartig bist, werde ich keiner Menschenseele etwas davon erzählen.“

Für einen Moment erschien ein hoffnungsvoller Blick in Sashas blauen Augen. Aber dann ging ein junges japanisches Paar an ihnen vorbei, dem anzusehen war, wie verliebt es war, und Sashas Blick verlor sein Strahlen. Wahrscheinlich dachte sie noch immer an Chad, auch wenn sie ihn nicht direkt erwähnte. „Hast du schon mal überlegt, was es für die Coles bedeutet, wenn du dieses Aquarell mit heimbringst?“

„Ich könnte mir vorstellen, dass sie sehr enttäuscht sein werden, da auch sie in all den Jahren hinter diesem Bild her waren. Deswegen hat der Thomsen-Clan ja auch die Reise für mich finanziert – damit er mit dem Symbol seines moralischen Siegs über die Coles über die Main Street paradieren kann. Ich bin bloß das Werkzeug der Familie.“

Die beiden Freundinnen blieben auf dem Bürgersteig stehen, da sich an dieser Stelle ihre Wege trennten.

„Willst du wirklich nicht, dass ich dich begleite?“, fragte Sasha.

„Nein, du musst dich um deine Recherchen kümmern. Außerdem habe ich mit Jiro Mori schon am Telefon gesprochen und weiß daher, dass er einer dieser westlich orientierten Leute ist. Sein Englisch ist ganz ausgezeichnet.“ Juliana lachte. „Im Moment brauche ich dich noch nicht als Krücke.“

„Aber ich dich vielleicht. Es gibt nicht viele Schilder in Englisch hier.“ Sashas Lächeln verriet jedoch, dass sie nur scherzte.

„Okay“, sagte Juliana. „Du gehst in die Ausstellung, und ich rufe dich an, sobald mein Gespräch beendet ist.“ Sie hatten sich international nutzbare Handys gemietet, die zwar teuer, aber praktisch waren. „Wenn wir uns dann diese heißen Quellen angesehen haben, nehmen wir den Zug nach Tokio und stürzen uns ins Nachtleben im Roppongi-Viertel.“

Nachtclubs, Kabaretts – ein guter Anfang, um zu sehen, was sie sonst noch auskundschaften konnten.

„Okay“, sagte ihre Freundin. „Dann treffen wir uns am Eingang des Museums für Erwachsene, wenn du fertig bist? Mal sehen, was die dort so alles ausstellen.“

„Klingt gut.“

Als sie sich trennten, war Juliana ein bisschen mulmig zumute, aber nicht, weil sie Japan für gefährlich hielt. Es war nur ein komisches Gefühl, allein unterwegs zu sein, als sie ihren ersten Schritt in diese fremde Welt setzte, die so völlig anders war als ihre.

Als Tristan Cole Juliana Thomsen an der Straße zu dem Restaurant, wo er Jiro Mori treffen sollte, vor einem Stand mit Meeresfrüchten stehen sah, blieb er abrupt stehen.

Einen Moment war er wie gelähmt vor Schock und freudiger Überraschung, und sein Herz verkrampfte sich bei den Erinnerungen, die ihn durchfluteten.

Erinnerungen an einen Sommerabend kurz vor Julianas Abreise zu ihrem College, an dem sie draußen auf Taggert’s Field alle um ein Feuer herumgesessen und auf die Abenddämmerung gewartet hatten.

Tristan hatte sich etwas abseits gehalten und ein Bier getrunken wie die anderen Kids, als die Unterhaltung plötzlich in ein Flüstern umgeschlagen war. Und als er sich daraufhin umgeschaut hatte, hatte er sie gesehen, umgeben von ihren Freundinnen, die mit der Party ihren Einstieg in ihr neues Leben feiern wollten.

Und dann hatte Juliana seinen Blick erwidert, und er erinnerte sich, wie ein wohliges Kribbeln seinen Körper erfasst hatte, wie das Blut in seine Lenden und seinen Kopf geschossen war.

Er hatte gewartet, bis sie, für die er schon so lange heimlich schwärmte, sich von ihren Freundinnen entfernte. Und als sie dann an einem Baum vorbeiging, an dem er lehnte, hatte er sie zum ersten Mal in seinem Leben angesprochen.

Sie war stehen geblieben, und an dem Glanz in ihren blauen Augen hatte er erkennen können, dass sie interessiert war.

Später, nachdem sie eine Weile geplaudert hatten und er den Small Talk schließlich nicht mehr ertragen konnte, hatte er sie an sich gezogen und sie geküsst.

Danach hatten sie sich eine Woche lang in aller Heimlichkeit weitergeküsst. Bis zu jener Nacht, in der sie kurz davor gewesen waren …

Er hatte sich danach gesehnt, mit ihr zu schlafen, und es kaum verkraftet, als sie beide beschlossen hatten, dass ihre Familien nie verstehen würden, wenn sie bis zum Äußersten gingen.

Danach hatte sie die Stadt verlassen, und er hatte sich noch lange gefragt, ob es nicht ein Riesenfehler gewesen war, sie gehen zu lassen. Und nach seinen romantischen Erfahrungen seither zu schließen, war er beinahe sicher, dass er nie wieder jemanden wie Juliana Thomsen finden würde.

Und nun war sie hier, in Japan, an dem allerletzten Ort, von dem er erwartet hätte, sie wiederzusehen.

Tristan lächelte müde und ein wenig gequält. Sein Cousin Chad und der Rest seiner Familie hatten ihn in dieses Drama hineingezogen, indem sie ihn beauftragt hatten, Dream Rising, das Gemälde, hinter dem die Familie Cole seit Jahren her war, aufzuspüren. Das Werk, das die Thomsens, die ebenso versessen darauf waren, endlich in ihre Schranken weisen und der ganzen verdammten Terrence-Emelie-Legende ein Ende setzen würde.

Und wenn er seinem Großvater mit diesem Bild auch etwas von seinem Stolz zurückgeben konnte, war Tristan nur zu gern bereit, es zu beschaffen.

Ihm war diese Aufgabe vor allem deswegen übertragen worden, weil er ein bisschen Japanisch sprach. Ein paar Brocken eigentlich nur, die er sich mit einem Audio-Sprachkurs angeeignet hatte, weil er in Japan einen Kunden hatte – einen der vielen Interessenten für seine restaurierten Oldtimer, an denen er sehr gut verdiente. Aber sein Großvater hatte ihn auch für einen guten Reisebegleiter für Chad gehalten.

„Ich würde ja selbst mitfliegen“, hatte der alte Mann gesagt, „aber meine verdammten Beine machen nicht mehr mit.“

Tristans Mutter hatte während der Besprechung geschwiegen und beobachtet, wie ihr Sohn in die Familienpolitik, aus der er sich bisher immer so geschickt herausgehalten hatte, hineingezogen wurde.

Er hatte nie das Gefühl gehabt, mit dieser Fehde um das Bild etwas zu tun zu haben. Nicht einmal die Pferdezucht seiner Familie hatte ihn je besonders interessiert, weil er es vorzog, seine Zeit mit dem Kopf unter einer Motorhaube zu verbringen.

Aber für seinen Großvater würde er alles tun, und darum stand er jetzt auf dieser Straße und trat beiseite, um den Fußgängerstrom vorbeizulassen.

Neben ihm stand Chad und sah ebenfalls zu Juliana Thomsen hinüber, wenn auch nicht aus demselben Grund.

„Sie ist hier, um sich mit Jiro Mori zu treffen“, bemerkte sein Cousin, der keine Ahnung hatte, was vor so langer Zeit zwischen Juliana und Tristan gewesen war.

„Möglich“, antwortete Tristan. „Da ihre Familie auch nach diesem Bild gesucht hat, wäre es nur logisch, dass der Kunsthändler das Beste aus dem Interesse zweier Konkurrenten macht.“

Er konnte spüren, dass Chads nachdenklicher Blick auf ihm ruhte, aber sein Interesse galt ausschließlich Juliana und ihrem seidig glänzenden Haar, das sowohl Gold als auch Silber in sich zu vereinen schien. Er wünschte, er könnte ihre Augen sehen, um festzustellen, ob sie noch immer diesen veilchenfarbenen Ton hatten, den er außer in alten Technicolorfilmen noch nie gesehen hatte.

Allein sich vorzustellen, wie sie aussehen würde, wenn sie sich umdrehte – vierzehn Jahre nachdem sie so nahe daran gewesen waren, ein Paar zu werden –, elektrisierte und erregte ihn.

„Was ist los mit dir?“, fragte Chad, dessen altmodische Drahtgestellbrille ihn wie einen zerstreuten Professor aussehen ließ.

„Ich genieße nur die Aussicht.“

Sein Cousin erwiderte nichts. Wie Tristan war auch Chad den älteren Mitgliedern ihrer Familie zuliebe hier; seine Aufgabe war es, die finanziellen Transaktionen zu tätigen. Er war der Buchhalter und Finanzverwalter der Familie. Die Familie war nicht reich, hatte aber im Laufe der Jahre einiges an Geld zurückgelegt, in der Hoffnung, irgendwann doch noch Terrence’ Bild Dream Rising erwerben zu können. Auf Tristan ruhte die Hoffnung, die Verhandlungen erfolgreich zu führen und abzuschließen, während sein Cousin im Hintergrund blieb und abwartete.

Tristan hatte sich mit der Situation abgefunden und wollte die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich über die Bühne bringen, um sich anschließend noch ein bisschen amüsieren zu können. Er hatte sich gesagt, diese Japanreise sei im Grunde ein Geschenk, weil er so seinen größten Autokunden zum ersten Mal persönlich kennenlernen konnte. Das würde gut sein fürs Geschäft …

Nun glitt sein Blick wieder zu Juliana Thomsen, die sich gerade ein Stückchen gegrillten Tintenfisch zum Probieren von dem Fischverkäufer geben ließ.

Tintenfisch, dachte Tristan. Ein Aphrodisiakum …

Während sie aß, blickte sie zu den Papierlaternen über der Straße hinauf, als gefiele ihr die exotische Umgebung und all das Neue, das sie sah.

Tristan blickte zwischen Chad und Juliana hin und her. Sie waren nicht in Parisville. Warum also sollte er Juliana nicht begrüßen?

Als er die Straße hinunterging, rauschte ihm das Blut in den Ohren, so erregt war er. Nur beiläufig nahm er wahr, dass Chad ihm folgte, als Juliana sich vor dem Fischhändler verbeugte, sich umdrehte … und ihm plötzlich gegenüberstand.

Erschrocken trat sie einen Schritt zurück.

Sichtlich sprachlos, ihm ausgerechnet hier in Japan zu begegnen, starrte sie ihn an, und Tristan hätte schwören können, dass er in ihren faszinierend veilchenblauen Augen etwas aufblitzen sah.

Freude über das Wiedersehen mit ihm?

Die Frage, was zwischen ihnen hätte gewesen sein können?

Oder war sie mittlerweile eine echte Thomsen ohne all ihre mädchenhaften Ideale von damals, als sie sich auf dem Rücksitz seines Wagens beinah quälend langsam gegenseitig ausgezogen hatten? Als sie etwas füreinander empfunden hatten, von dem Tristan naiverweise angenommen hatte, es könnte Liebe daraus werden?

Sie schluckte, dann lächelte sie, während sie ihren Blick zwischen ihm und Chad hin und her wandern ließ. „Es dürfte mich eigentlich nicht überraschen, dass auch ihr Dream Rising auf die Spur gekommen seid“, sagte sie und klang dabei leicht verunsichert.

Tristan konnte nicht umhin, sie noch genauer anzusehen. Als sie es bemerkte, wurde ihre helle Haut sogar noch rosiger.

Chads Stimme brach das angespannte Schweigen. „Wie mutig von dir, Juliana, so ganz allein nach Übersee zu kommen.“

Darauf löste sie ihren Blick von Tristans, der das sehr bedauerte. „Ich bin mit einer Freundin hier. Und ich sage es am besten gleich, damit es keine weiteren Überraschungen gibt – es ist Sasha.“

Chad schwieg, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. Der Arme, dachte Tristan, der von der gescheiterten Romanze wusste und oft genug von Chad gehört hatte, wie sehr er es bedauerte, so besitzergreifend gewesen zu sein. Sein Cousin hatte viel dazugelernt in den Monaten seit ihrer Trennung, konnte sich aber nicht vorstellen, dass Sasha ihn je wieder zurücknehmen würde.

Während sie hier bei Juliana standen, merkte Tristan, dass er sich genauso fühlte, wie Chad aussah, und sich fragte, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er und Juliana den Mut gehabt hätten, ihren Familien zu sagen, dass sie auf die Fehde zwischen ihnen pfiffen. Mit achtzehn hatte sie das nicht gewollt, was er verstehen konnte, da auch er damals nicht als schwarzes Schaf der Familie gelten wollte.

Juliana sah so aus, als versuchte sie, Chads Reaktion auf ihre Neuigkeiten abzuschätzen, was Tristan Gelegenheit gab, sie wieder einer genaueren Musterung zu unterziehen und zu dem Schluss zu kommen, wie jung, frisch und unschuldig sie nach all den Jahren noch immer wirkte.

„Kannst du mir sagen, wo Sasha ist?“, fragte Chad.

Juliana verengte ihre Augen, als bereute sie schon, ihre Freundin erwähnt zu haben. Aber dann seufzte sie und sagte: „In der Kunstausstellung in Atami Castle. Sie recherchiert dort für ein neues Buch.“

Aber das genügte Chad nicht. „Wie geht es ihr?“

„Chad“, warf Tristan mahnend ein.

Sein Cousin nickte, gab Tristan aber mit einem schiefen, etwas verlegenen Lächeln zu verstehen, dass er Sasha wiedersehen wollte und verdammt sein würde, wenn er sich eine Gelegenheit wie diese entgehen ließe.

Bei diesem Gedanken runzelte Tristan die Stirn.

Eine zweite Chance. Hier in Japan, wo niemand je etwas davon erfahren würde …

Chad wandte sich zum Gehen. „Du rufst mich an, wenn du fertig bist?“, sagte er zu Tristan.

Juliana und Tristan sahen ihm nach, bis er im Gewimmel der Fußgänger verschwunden war.

„Tja“, sagte Juliana dann, „ich denke, dann sehen wir uns bei dem Meeting mit Jiro Mori.“

Und damit entfernte sie sich auch schon von ihm und hantierte mit ihrem Handy herum, wahrscheinlich um ihre Freundin anzurufen. Als sie aber anscheinend keinen Empfang bekam, steckte sie das Telefon wieder ein, nahm ein Blatt Papier heraus und sah sich dann die Läden in der Nähe an.

Tristan, der ihr nachging, bewunderte die hübschen Rundungen ihres Pos unter ihrem engen Rock und den Glanz ihres langen glatten Haars, das immer so unglaublich weich gewesen war, wenn er mit seinen Fingern hindurchgefahren war.

Mit ein paar großen Schritten hatte er sie eingeholt. „Chad wird sie nicht belästigen, falls du das befürchtest.“

„Ich weiß“, sagte Juliana. „Und warum sollte er auch nicht mit Sasha sprechen wollen? Es ist Monate her, und sie haben beide genug Abstand gewonnen, um wie zivilisierte Menschen miteinander umzugehen.“

„Wie zivilisierte Menschen“, wiederholte Tristan. „Komisch, aber das Wort scheint irgendwie nicht zu einem Gespräch zwischen einem Cole und einer Thomsen zu passen.“

Sie ging weiter, aber langsamer, sodass er nun den Duft ihres blumigen Shampoos und ihrer warmen Haut wahrnehmen konnte.

Ein Frösteln durchlief ihn. Sie roch genau wie früher, und mit einem Anflug von Wehmut dachte er daran, wie oft er in all den Jahren vergeblich versucht hatte, sich diesen Duft in Erinnerung zu rufen.

„Ich will ganz ehrlich sein“, sagte sie. „Ich war nie sehr interessiert an dieser Dream Rising-Geschichte. Ich bin wegen des Essens und des Sake hier.“

Zweifelnd zog Tristan eine Augenbraue hoch.

Juliana lachte. „Nein, natürlich bin ich nur wegen meiner Tante Katrina hier. Sie und meine anderen Verwandten möchten dieses Bild sehr gerne haben. Ich will es ihnen nur beschaffen und mich dann noch ein bisschen amüsieren, bevor ich wieder heimfliege.“

„Wenn ich das Bild nicht für die Coles bekomme.“

Sie blieb stehen und schaute zu ihm auf. Aber was er zunächst für einen herausfordernden Blick gehalten hatte, entpuppte sich als etwas Sanfteres, und ihre Augen spiegelten die gleichen Erinnerungen wider, die auch er nicht loswerden konnte.

Sein Körper reagierte heftig auf sie, und er musste sich zwingen, seine Erregung zu ignorieren.

„Okay“, sagte er, „dann will ich auch ganz ehrlich sein. Ich bin hauptsächlich Grandpas wegen hier. Er wird immer älter …“

„Und du möchtest ihm eine Freude machen.“

Beide schwiegen, und die Luft zwischen ihnen schien zu knistern. Tristan ließ den Blick zu ihrem Mund gleiten und erinnerte sich an den Geschmack ihrer Küsse, den er nie vergessen hatte. Er hatte sie nur wiedersehen müssen, um sich dessen bewusst zu werden.

Juliana, die seinen Blick gesehen hatte, biss sich auf die Lippe, und dann verzog sich ihr Mund zu einem vorsichtigen Lächeln, das Tristan sehr verunsicherte.

Aber sein Körper interpretierte alles völlig richtig. Auch sie spürte die starke erotische Anziehungskraft zwischen ihnen – und irgendetwas regte ihre Fantasie an und verwirrte sie genauso sehr wie ihn.

Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. „Es wäre zweifellos eine großartige Revanche für den, der letztendlich das Bild bekommt.“

„‚Man kann mehr Freude aus einer bösen Tat beziehen, bei der man mit dem Herzen dabei ist, als aus dreißig edlen‘“, sagte er.

Juliana lächelte, weil sie sich wohl an seine Angewohnheit erinnerte, Mark Twain, den Lieblingsautor seines verstorbenen Vaters, zu zitieren.

Tristan trat neben sie, und eine fieberhafte Hitze erfasste ihn, als ihre Schulter wie durch Zufall seinen Arm berührte.

„Selbst unter den gegebenen Umständen ist es schön, dich wiederzusehen, Tristan“, sagte sie, und ihre Stimme klang belegt.

„Ja, das finde ich auch“, erwiderte er und wünschte, er wäre nicht zu vorsichtig, um mehr zu sagen.

Immerhin hatte sie ihn verlassen und war nie wieder zurückgekehrt. Was zwischen ihnen gewesen war, konnte ihr also nicht sehr viel bedeutet haben.

Er beschloss, ein bisschen Rache zu nehmen, indem er sie nun wie zufällig berührte.

Was eine knisternde Spannung zwischen ihnen bewirkte, als sie vor dem Restaurant stehen blieben und sie mit einem unergründlichen Lächeln dafür sorgte, dass ihre Hand für einen kurzen, aber elektrisierenden Augenblick seine streifte.

Tristans Sicht verschwamm, als hätte ein Stromschlag ihn von seinen Fingern bis zu seinem Unterleib durchfahren.

Als Juliana das Restaurant betrat, blieb er draußen, um seine Fassung wiederzugewinnen.

Und sich gedanklich darauf einzustellen, das fortzusetzen, was die Frau, der er eigentlich aus dem Weg gehen sollte, vor all diesen Jahren so abrupt beendet hatte.

2. KAPITEL

Als Juliana das Restaurant betrat, meinte sie, Tristans Berührung noch immer zu spüren. Innerhalb kürzester Zeit hatte er ein Verlangen in ihr entfacht, das ihren Puls zum Rasen brachte.

Anfangs hatte sie sich noch gesagt, es sei nur der Schock, ihn wiederzusehen, was sie derart durcheinanderbrachte. Aber wie erklärte das ihren Zustand höchster Erregung?

Das sind die dunklen Wege, dachte sie, die du doch so unbedingt erforschen wolltest …

Sie war weit weg von zu Hause, in einer Welt, in der sie niemand kannte und in der sie nicht einmal das Gefühl hatte, sie selbst zu sein. Und plötzlich war Tristan auf der Straße und beobachtete sie aus der Ferne, genau wie in jener lang zurückliegenden Nacht, als sie sich zum ersten Mal geküsst hatten.

Die Erinnerung daran erfüllte sie mit Sehnsucht und Bedauern.

Wie oft hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, mit ihm zu schlafen. Sich zu leiser, romantischer Musik aus dem Radio auf dem Rücksitz seines Mustangs von ihm lieben zu lassen …

Aber genau wie damals dachte sie auch jetzt wieder an die Familie, die ihre Gefühle und Gedanken als Verrat betrachten würde.

Und dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ein wohliges Prickeln sie durchrieselte, als sie sich in dem kleinen Lokal mit der langen Theke und der hübschen Reispapiertapete an den Wänden umsah. Die Angestellten hinter der Theke verbeugten sich und begrüßten sie mit „Irasshaimase“, und sie lächelte und erwiderte die Verbeugungen. Ein junger Japaner mit einer schwarzen Brille winkte ihr von der Theke her zu. Er hatte eine Flasche Bier vor sich stehen, aber seinem anhaltenden Grinsen nach zu urteilen, musste er schon weit mehr als eine Flasche intus haben.

Dann sah sie in einer Nische am Ende des Lokals einen Mann von Anfang bis Mitte zwanzig sitzen, der Jiro Mori sein konnte, und ging zu ihm hinüber.

Obwohl er mit gesenktem Kopf dasaß und etwas in ein Notizbuch kritzelte, sah sie die blauen Strähnchen in seinem kurz geschnittenen Haar, und auch das langärmelige Hemd mit Paisleymuster, das er trug, passte zu der Beschreibung, die er ihr am Telefon gegeben hatte.

In der Nähe seines Tisches blieb sie stehen und wartete auf den richtigen Moment, um ihn anzusprechen, aber er schien sie nicht zu bemerken, und sie wollte ihn auch nicht unterbrechen, weil das hier vielleicht als unhöflich betrachtet würde.

Und die ganze Zeit über prickelte ihr Körper vor Erwartung, Tristan eintreten zu sehen, denn soweit sie sehen konnte, war er bisher noch nicht erschienen.

Hatte diese letzte, nicht ganz zufällige Berührung ihn genauso aufgewühlt wie sie? Oder nahm er sich nur eine Auszeit von ihr, weil sie zu weit gegangen war in einem Land, wo öffentliche Zurschaustellungen von Zuneigung nicht gern gesehen waren?

Sie könnte es ihm nicht verübeln, wenn er ein bisschen Abstand zwischen ihnen wahren wollte. Er war damals ebenso fest entschlossen gewesen wie sie, die Gefühle seiner Familie zu respektieren, und deshalb war sie fortgegangen, um ihr Studium anzutreten, ohne ihrem Verlangen jemals nachzugeben, auch wenn ihr dieses Versäumnis noch sehr viel später keine Ruhe lassen sollte.

Denn niemand hatte sie jemals so geküsst oder berührt wie er.

Niemand war ihr je so nahegekommen.

Sie wischte sich über ihren Nacken, der ganz feucht war, was nicht nur am schwülen Wetter lag.

Juliana merkte, dass der junge Mann am Tresen nun mit ihr sprach, und so nahm sie ihren Sprachführer heraus und suchte nach dem richtigen Satz: „Nihongo wa wakarimasen.“

Ich verstehe kein Japanisch.

Der Mann sprach langsamer, und als Juliana das Wort „Englisch“ hörte, nickte sie.

Dann begann er „The Locomotion“ zu singen, bis der ältere Mann und die Frau hinter dem Tresen ihn mit einem ärgerlich klingenden japanischen Wortschwall unterbrachen.

Und da vernahm sie endlich ein Geräusch hinter sich, und als sie sich umdrehte, hatte Jiro sich erhoben und streckte ihr die Hand hin statt der üblichen Verbeugung. „Miss Thomsen?“

„Ja.“

„Danke, dass Sie Ihre Pläne geändert haben und sich hier mit mir treffen.“

„Keine Ursache. Und danke, dass Sie mich hierher eingeladen haben, Mr. Mori.“

„Tut mir leid, dass ich vorhin so geistesabwesend war“, sagte er, als er sie an seinen Tisch führte. „Entschuldigen Sie bitte.“

Nicht sicher, wie weit dieser Mann der westlichen Welt gegenüber aufgeschlossen war, tat sie, was ihr Reiseführer empfahl, und überreichte Mori ein Geschenk – teure Pralinen, die sie in ihrem Hotel gekauft hatte.

Sie hoffte nur, dass sie es richtig machte, weil in Japan, wie bei so vielen anderen Dingen auch, sogar beim Überreichen von Geschenken gewisse Regeln zu beachten waren.

All diese kulturellen Landminen, dachte sie. Die werden mich noch auf Trab halten.

Und Tristan auch, konnte sie sich nicht verkneifen, im Stillen hinzuzufügen.

Jiro Mori lachte, dankte ihr und setzte sich ihr gegenüber. „Sie sind nervös, das kann ich sehen. Aber Sie machen das gut, Miss Thomsen. Japan ist ein schwieriges Land für Ausländer.“

„Auf jeden Fall schwieriger als jeder andere Ort, den ich gesehen habe.“ Als wärst du je weiter gekommen als bis nach San Diego, dachte sie und fragte sich, wo Tristan blieb. Allein der Gedanke an ihn ließ ihr Herz gleich schneller schlagen, und sie konnte es kaum erwarten, ihn endlich auf sich zukommen zu sehen.

Und plötzlich durchrieselte es sie heiß und kalt zugleich, und bevor Jiro sich von seinem Platz erheben konnte, wusste sie schon, dass Tristan eingetreten war.

Als er zu ihrem Tisch kam, versuchte sie ihn nicht anzusehen. Aber sie konnte nicht verhindern, dass sie seinen Duft wahrnahm – der immer noch der gleiche war wie früher –, als er und der Kunsthändler die gleiche Begrüßungsszene mit Überreichung eines Gastgeschenks vollzogen.

Und sie konnte auch nicht verhindern, dass es ihr heiß über den Rücken lief und das Kribbeln zwischen ihren Beinen sich verstärkte.

Denn entgegen ihrem eigenen Willen riskierte sie schließlich doch noch einen Blick auf ihn.

Aus dem Achtzehnjährigen vierzehn Jahre zuvor war ein überaus attraktiver Mann geworden.

Langes schwarzes Haar fiel ihm in die Stirn, und seine geheimnisvollen grauen Augen übten eine unglaubliche Faszination auf sie aus. Er hatte markante Gesichtszüge mit hohen Wangenknochen und einem festen Kinn und strahlte eine unglaubliche Kraft sowie ein starkes Selbstvertrauen aus, das sie schon immer sehr beeindruckt hatte.

Als Jiro an den Tresen ging und mit der Bedienung sprach, setzte Tristan sich mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln neben Juliana.

Jetzt war er ihr ganz nahe.

So nahe, dass ihre Arme sich berührten und ihr Herz sich beinahe überschlug.

„Du hast dir aber Zeit gelassen für deinen großen Auftritt“, bemerkte sie.

„Ich musste mich ein bisschen abkühlen da draußen, da mir klar war, dass mir hier drinnen nur noch heißer werden würde.“ Er zog eine dunkle Braue hoch. „Bei den Verhandlungen um das Bild, meine ich natürlich“, sagte er und legte unter dem Tisch seine Hand zwischen sich und Juliana auf den Sitz.

Seine Finger waren keinen Zentimeter weit von ihrem Bein entfernt, und sie war sicher, sogar aus dieser winzigen Entfernung ihren Druck zu spüren.

Ihr Verlangen raubte ihr schier den Atem, und sie hörte kaum, wie Jiro fragte, was sie trinken wollten. Und als der Kunsthändler dann etwas bestellte, suchte Tristan ihren Blick und lächelte sie an.

Bevor sie wusste, was er vorhatte, strich er mit einem Finger über ihren Rocksaum.

Juliana schloss die Augen, als ihre so lange unterdrückten Emotionen förmlich über ihr zusammenschlugen.

Dann hörte sie seine leise Stimme, die sie fragte: „Hast du je darüber nachgedacht, Juliana?“

Er brauchte ihr nicht zu erklären, worüber, und ohne lange nachzudenken, nickte sie.

Als sie die Augen wieder öffnete, begegneten sich ihre Blicke, und die glutvolle Leidenschaft, die sie in seinen sah, raubte ihr beinah den Atem.

„Hast du je daran gedacht, zu beenden, was wir in jener letzten Nacht begonnen hatten?“, fragte er noch leiser.

Wie oft hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie es hätte sein können, den letzten Schritt zu tun?

Aber jetzt fragte er …

Oh Gott. Er sprach doch nicht etwa davon, so zu tun, als wären sie noch Teenager, und ihre Fantasien auszuleben? Bevor sie es verhindern konnte, hörte sie sich schon wieder mit „Ja“ antworten.

Tristan grinste … aber dann kam ihr Gastgeber zurück, und Juliana schrak auf, als Jiro Mori wieder Platz nahm.

Eine Bedienung folgte ihm und stellte ein Tablett mit oshibori auf den Tisch.

Juliana straffte sich, nahm eins der heißen Tücher und wischte sich die Hände ab, wie auch die anderen es taten. Es war ein elektrisierendes Gefühl, gegen das sie heftig ankämpfte, als die Bedienung Tristan eine Flasche Asahi und ihr einen erfrischend aussehenden Grapefruitcocktail brachte. Jiro plauderte auf Japanisch mit der Frau, und Tristan nutzte die Ablenkung, um wieder über Julianas Bein zu streichen.

Sie unterdrückte ein scharfes Einatmen und rückte ein wenig von ihm ab. Sie hatte Ja gesagt, doch vorher musste das Geschäftliche erledigt werden.

Der verdammte Bilderkauf.

Auch Tristan bewegte sich, als veränderte er seine Haltung, womit er aber eigentlich nur verbergen wollte, dass er Julianas Bein unter dem Tisch berührte.

Ein jähes Kribbeln zwischen ihren Schenkeln veranlasste sie, die Beine übereinanderzuschlagen, um sie aus Tristans Reichweite zu bringen.

Er lächelte, lehnte sich zurück und legte seinen Arm auf die Sitzbank hinter ihr, wo sie die Hitze seiner Haut spüren konnte.

Als die Bedienung ging, konnte Juliana an nichts anderes mehr denken als an das heiße Kribbeln zwischen ihren Beinen.

„So, Mr. Mori“, sagte Tristan in geschäftsmäßigem Ton. „Vielleicht sollten wir nun über das Gemälde sprechen.“

„Sie sind sehr direkt.“ Jiro trank einen Schluck von seinem Bier. „Das gefällt mir. Und ich muss mich dafür entschuldigen, Sie beide nicht darüber informiert zu haben, dass ich auch den anderen Interessenten eingeladen hatte. Ich wollte eigentlich getrennt mit Ihnen verhandeln, aber der kleine Notfall heute machte das unmöglich. Künstler können schwierig sein, vor allem wenn ihre Werke sehr gefragt sind.“

Nach einem weiteren Schluck Bier sah er Tristan und Juliana fragend an. „Falls es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern mehr über die Herkunft dieses Bildes erfahren. Ich weiß, dass Dream Rising eine etwas skandalöse Geschichte hat, und nun habe ich das Glück, die Nachkommen der Hauptdarsteller direkt vor mir zu haben.“

Juliana sah Tristan an und erwiderte dann leichthin: „Der Geschichte nach ging dieses Bild vor über hundert Jahren verloren, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit.“

Tristans Mundwinkel verzogen sich zu dem Anflug eines Grinsens, das nur noch dazu beitrug, das erotische Knistern zwischen ihnen zu verstärken.

„Mein Ururgroßvater, Terrence Cole, war der Maler“, sagte er. „Seine Muse war …“ Er unterbrach sich, weil er vermutlich nicht ganz sicher war, ob ‚Geliebte‘ in diesem Land ein akzeptabler Ausdruck war.

„Terrence’ Muse war meine Ururgroßmutter Emelie“, sagte Juliana, um ihm aus der Verlegenheit zu helfen.

Doch irgendwie erschien ihr auch das nicht angemessen. Terrence hatte Emelie den Laufpass gegeben, bevor er die Frau geheiratet hatte, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten. Er hatte Emelie in tiefste Verzweiflung gestürzt, von der sie sich nie wieder erholt hatte – nicht einmal nach ihrer Heirat mit einem sehr viel älteren deutschen Einwanderer, der Jahre zuvor im Goldrausch ein Vermögen gemacht hatte.

Jiro nickte. „Es heißt, sie habe das Bild gestohlen, was dann für Zwistigkeiten zwischen Ihren Familien sorgte, die bis zum heutigen Tage noch bestehen, nicht wahr?“

„So ist es“, sagte Juliana und sah Tristan mit erhobenen Augenbrauen an.

Er schwieg einen Moment, als wüsste er, dass sie sich an seine Finger auf ihrem Bein erinnerte und sich wünschte, sie wären noch höher geglitten …

Unwillkürlich presste sie die Beine zusammen, um das schon fast schmerzhaft starke Kribbeln zwischen ihren Schenkeln ein bisschen abzuschwächen.

„Wir sind verfeindet“, sagte Tristan schließlich, während er seinen Arm von der Rückenlehne nahm und seine Hand wieder auf den Sitz zwischen ihnen legte.

Aber obwohl Juliana sich mit allen Fasern ihres Körpers danach sehnte, berührte er sie nicht.

Jiro ließ nicht locker. „Ich habe auch ein Gerücht gehört, dass Emelie das alles etwas anders sah.“

„Auch das ist wahr.“ Juliana klopfte auf ihre Tasche, in der sie Kopien von Emelies Briefen an ihre Schwester hatte. „Als Terrence und Emelie sich trennten, hielt sie es nur für recht und billig, das Gemälde mitzunehmen. Schließlich war es ein Geschenk von ihm an sie. Dann kamen die Beschuldigungen, der Skandal … Aber sie hat das Aquarell nie zurückgegeben, weil es ihr aus ihrem eigenen Haus gestohlen wurde.“

„Aber Terrence’ Tagebuchaufzeichnungen zufolge“, warf Tristan ein, „wurde sie so wütend, als er ihre Affäre beendete, dass sie sich mit dem Bild davonmachte – das seinen Aufzeichnungen entsprechend ganz und gar kein Geschenk gewesen war.“

„Und in Emelies Briefen steht, dass sie glaubte, es sei Terrence’ Abschiedsgeschenk an sie, als er ihr sagte, dass er nun ‚eine richtige Ehe‘ eingehen werde. Seine Eltern hatten Emelie nie akzeptiert, weil sie damals nur eine kleine Wäscherin war – erst später heiratete sie einen sehr wohlhabenden Mann –, während Terrence ein gut situierter Künstler aus einer angesehenen Familie war. Und deshalb nahm sie nur dieses Gemälde und das letzte bisschen ihres Stolzes mit, als sie ging.“

Juliana sog scharf den Atem ein, als sie Tristans Hand wieder neben ihrem Bein spürte, aber diesmal rückte sie sogar noch näher.

Die Bedienung, die das Essen brachte, erinnerte sie allerdings wieder daran, dass sie sich in einem Restaurant befanden und nicht allein waren.

Noch nicht …

Lächelnd nahm Jiro seine Essstäbchen in die Hand. „Was für eine faszinierende Geschichte.“

Juliana rührte mit ihren Stäbchen in ihrer Suppe aus Nudeln, Tofu und verschiedenen Gemüsen. Sie hatte keinen Appetit – nicht mit diesem Kribbeln in ihrem Magen und Tristan so dicht neben sich.

Auch er hatte seine Suppe noch nicht angerührt, und Juliana fragte sich, ob es ihm genauso ging und er vielleicht auch darüber nachdachte, was geschehen würde, wenn sie das Restaurant verließen.

Jiro aß ein wenig und sagte dann: „Verzeihen Sie, aber ich muss noch über eine kleine Komplikation mit Ihnen sprechen, die sich jedoch leicht beseitigen lassen wird. Ich habe erst vor einer halben Stunde erfahren, dass Dream Rising nicht mit der erwarteten Sendung eingetroffen ist.“

Juliana hörte auf, in ihrer Suppe herumzurühren. Wenn sie vorher schon gedacht hatte, dass dieses gemeinsame Treffen möglicherweise nur ein raffinierter Schachzug war, um den Preis des Gemäldes in die Höhe zu treiben, war sie sich jetzt dessen absolut sicher. Vielleicht war das Bild tatsächlich noch nicht angekommen, aber der Kunsthändler versuchte auf jeden Fall davon zu profitieren.

Tristan lachte, als ginge ihm genau das Gleiche durch den Kopf.

Auch Jiro lachte, als er seine Suppenschale auf den Tisch zurückstellte. „Ich erwarte das Gemälde in Kürze. Es wurde versehentlich zu einer New Yorker Galerie geschickt, mit der ich zusammenarbeite. Mein Assistent ist neu und muss meine Anweisungen falsch verstanden haben. Ich werde veranlassen, dass das Bild hierher geschickt wird, aber da es jetzt mitten in der Nacht ist in New York, kann ich das erst morgen regeln.“

„Und wie hoch ist der Preis für das Gemälde?“, fragte Tristan.

Er schien überhaupt nicht verärgert über die Neuigkeiten, obwohl Juliana sich sicher war, dass seine Familie sich genauso darüber aufregen würde wie ihre.

Jiro taxierte sie beide, als versuchte er, ihre finanziellen Möglichkeiten abzuschätzen.

Aber dann lächelte er. „Über den Preis können wir in ein paar Tagen verhandeln, wenn das Bild hier ist und Sie es sich ansehen können. Ich werde auch einen Experten hinzuziehen, der es authentifizieren kann. Und angesichts der Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen bereite, möchte ich Sie beide nach Hakone in den ryokan meiner Familie einladen, wenn wir die Verhandlungen wieder aufnehmen können.“

„In ein traditionelles japanisches Hotel?“, fragte Tristan. „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Und dass es in Hakone liegt, kommt mir sehr gelegen, da ich einen meiner Oldtimerkunden besuchen möchte, der in der Nähe des Mount Fuji lebt.“

Aus ihren Reiseführern wusste Juliana, dass die ryokan kleine Paradiese sein konnten, die Zurückgezogenheit und die Romantik des alten Japans boten. Was wird dort wohl geschehen?, fragte sie sich und begann sich vorzustellen, wie Tristan in ihr Zimmer kam, die Tür hinter sich zuzog und …

„Ich fände das auch sehr schön“, sagte sie zu Jiro, so ruhig sie konnte.

Ihr Gastgeber nickte nur, als der angetrunkene Japaner von der Bar an ihrem Tisch vorbeiging, Juliana ansah und wieder „The Locomotion“ zu singen begann.

Amüsiert wandte Jiro sich ihm zu, um ein paar Worte mit dem Mann zu wechseln, und Juliana nutzte die Gelegenheit, um Tristan zu zeigen, dass ihr Ja von vorhin ernst gemeint gewesen war, indem sie ihre Fingerspitzen über seinen Oberschenkel wandern ließ.

Begierig und ungeduldig sah er sie an, und beide wussten, dass sie so schnell wie möglich aus dem Lokal verschwinden mussten.

Als Sasha sich die Ausstellung angesehen hatte und zu dem Souvenirladen in Atami Castle ging, blickte sie wieder auf die Uhr und fragte sich, wann Juliana sich endlich melden würde.

Aber kaum betrat sie den kleinen Laden, vergaß sie ihre Ungeduld. Als eine zierliche Verkäuferin sie begrüßte und zu einer Theke herüberwinkte, lächelte Sasha und freute sich darauf, hier vielleicht etwas völlig anderes zu sehen als auf ihren Reisen durch Amerika.

Das Erste, was die Verkäuferin ihr zeigte, war ein Strandtuch mit dem Bild einer traditionell gekleideten Geisha.

Dann holte die Frau zu Sashas Erstaunen einen Föhn und begann das Badetuch mit heißer Luft zu bearbeiten, worauf die Kleider der Geisha nach und nach verschwanden, bis sie schließlich splitterfasernackt zu sehen war.

Sasha, die sich das Lachen kaum verkneifen konnte, verbeugte sich, wünschte der Verkäuferin einen schönen Tag und machte sich so schnell wie möglich aus dem Staub.

Okay, vielleicht waren die Japaner doch nicht so verklemmt, wie sie immer gedacht hatte, aber …

Der Gedanke ließ sie innehalten. Hatte Chad sie nicht auch immer beschuldigt, sie sei zu verklemmt? War es das, was ihm an ihr missfallen hatte? Und wenn sie etwas mehr aus sich herausgegangen wäre und sich offener gegeben hätte?

Aber was nützte es jetzt noch, darüber nachzudenken?

Mit einem wehmütigen kleinen Seufzer machte sie sich auf den Weg zum Untergeschoss der Pagode, wo an den Wänden der Gänge geschickt beleuchtete Drucke ausgestellt waren.

Drucke mit erotischen Motiven.

Sasha schaute sich um und sah, dass sie der einzige Betrachter war.

Verklemmt? Sie?

Ihre Haut begann zu prickeln, als sie vor ein Bild trat, das eine Geisha und einen Samurai beim Liebesakt darstellte.

Sasha schluckte, als sie sich vorstellte, sie sei diese Frau, und an ihr letztes intimes Zusammensein mit einem Mann zurückdachte. Das war vor Monaten gewesen. Mit Chad. Danach hatte ihre Karriere sie zu sehr auf Trab gehalten, oder sie war einfach nur zu bequem geworden. Vielleicht verglich sie aber auch noch immer jeden Mann mit Chad.

Als Sasha Schritte hörte, trat sie von dem Bild zurück und versuchte, gänzlich unbeeindruckt davon zu erscheinen. Aber sie konnte spüren, dass sie bis unter die Haarwurzeln errötete.

Die Schritte verstummten in einiger Entfernung, und Sasha vermied es, sich nach dem anderen Betrachter umzusehen, um nicht in noch größere Verlegenheit zu geraten. Am Ausschnitt ihres hochgeschlossenen Kleides herumnestelnd, ging sie langsam von einem Druck zum nächsten weiter. Aber einer ließ sie eine Sekunde zu lange innehalten: ein Bild von einem Mann, der zwischen den Beinen einer Frau kniete und sie dort intim liebkoste. Aber nicht das war es, was so besonders an dem Druck war, sondern die Tatsache, dass die Frau in einem Buch las, als langweilten sie die Bemühungen des Mannes.

Die Schritte kamen wieder näher. Der Betrachter stand jetzt schon beim Druck nebenan.

Und dann nahm Sasha einen leichten Geruch nach Seife und frisch gewaschener Wäsche wahr, der eine Flut von Erinnerungen ihr weckte … An Abende mit Chad, an denen sie Zeitung lesend auf der Couch gesessen hatten; an Heimfahrten in seinem Wagen, wenn er sie vom Flughafen abgeholt hatte …

Verblüfft riss Sasha die Augen auf.

Chad?

Hier in Atami? Hatte seine Familie das Gemälde etwa auch hier aufgespürt?

Aber was machte er dann hier in der Pagode?

Und dann hörte sie auch schon seine Stimme hinter sich.

„Du armer Kerl“, bemerkte er zu dem Druck vor ihm. „Wie du dich für die Dame abrackerst – und sie kann nicht einmal ihr Buch weglegen.“

Sasha rieb sich die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben. „Vielleicht sollte er sie fragen, was sie will. Und wenn er zuhört, bräuchte man ihn vielleicht nicht zu bemitleiden“, sagte sie und drehte sich langsam zu ihm um – absolut nicht auf die Heftigkeit ihrer Reaktion gefasst, als er plötzlich vor ihr stand und all die vergessen geglaubten Gefühle wieder über sie hereinbrachen.

Er hatte sich überhaupt nicht verändert.

Noch immer trug er dieselbe Brille, die gleiche Art Hemd über einem Körper, den er mit Reiten fit hielt, wann immer er zu Hause war. Und noch immer verrieten ihr seine funkelnden blauen Augen, was er fühlte.

Na ja, vielleicht funkelten die Augen im Moment nicht ganz so sehr.

„Was tust du hier?“, fragte sie und war selbst erschrocken über die Schärfe ihrer Frage.

Chad steckte die Hände in die Taschen. „Ich bin mit Tristan wegen des Gemäldes hier, aber offenbar hatte Mr. Mori einen doppelten Termin vereinbart. Tristan trifft sich gerade mit ihm und Juliana, und sie hat mir gesagt, dass ich dich hier vielleicht finden würde. Und dann habe ich das ganze Gelände nach dir abgesucht.“ Fragend sah er sie an. „Ich hoffe, es war kein Fehler von mir, hierherzukommen.“

„Nein“, sagte Sasha. „Wir sind erwachsene Menschen. Wir sollten damit umgehen können.“

In stillschweigendem Einverständnis gingen sie zum nächsten Bild weiter. „Ich wollte dich so vieles fragen“, sagte er. „Aber jetzt weiß ich nicht mal, wo ich beginnen soll.“

Sasha blieb stehen, und er sah sie so intensiv an, dass sie den Blick abwenden musste.

„Aber ich …“, erklärte sie, schon wieder mit der gleichen Schärfe in der Stimme. „Wie wäre es mit dieser Frage: War ich nicht aufregend genug für dich?“

„Sasha.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er gequält den Blick senkte. „War das alles, worum es damals ging?“

Sie seufzte und unterdrückte ihren Schmerz. „Nein, du weißt, dass es noch viele andere Gründe gab.“

„Oh ja“, sagte er. „Und ich weiß, dass es nicht richtig war, von dir zu erwarten, dass du alles aufgibst, um mein Leben mit mir zu teilen, ohne viel von deinem eigenen mit einbringen zu können. Leider wurde mir das aber erst viel später bewusst, als ich wieder klarer denken konnte.“

Verblüfft über seine Ehrlichkeit, wollte auch sie ganz offen sein und ihm sagen, dass auch sie manchmal Gewissensbisse gehabt hatte.

Doch bevor sie etwas sagen konnte, trat Chad näher, um ihre Wange zu berühren, und Sasha erschauerte vor Kummer über das, was sie verloren hatten.

Sie konnten nichts zurückgewinnen, was bereits zerbrochen war. Außerdem wusste sie nicht, ob sie riskieren wollte, ihn womöglich noch einmal zu verlieren.

„Tut mir leid“, sagte sie, während sie ihre Hand auf seine legte und eine Sekunde damit wartete, sie fortzuschieben, um seine Berührung ein letztes Mal zu genießen.

Dann trat sie zurück, wandte sich ab und entfernte sich mit großen Schritten, ohne sich noch einmal nach ihm umzuschauen, obwohl alles in ihr danach drängte, es zu tun.

3. KAPITEL

und Juliana verließen das Restaurant und gingen eine hübsche, mit kleinen Läden gesäumte Allee hinunter.

Obwohl die kühle Meeresbrise die Temperatur jetzt schon erträglicher machte, waren Julianas Wangen immer noch gerötet. Sie so erhitzt und aufgewühlt zu sehen ermutigte Tristan dazu, sie sich schwitzend, nackt und ohne Kleider vorzustellen. Sie endlich zu besitzen. Denn das war alles, was er wollte. Eine Chance, das zu bekommen, was ihm vorher verwehrt geblieben war.

Aber wie sollte er das selbst nach den leichten Berührungen unter dem Tisch im Restaurant und ihrem eindeutigen Ja anstellen?

Irgendetwas riet ihm, sich ihr vorsichtig zu nähern, wenn er verhindern wollte, dass sie ihm auch dieses Mal wieder davonlief.

Als sie vor einem Süßwarengeschäft stehen blieb und sich das Haar aus dem Nacken strich, fiel sein Blick auf die zarte Haut darunter.

Sie würde sich verdammt gut anfühlen …

„Vielleicht sollte ich jetzt Sasha anrufen und mich mit ihr treffen“, sagte sie mit einem Blick auf die Uhr.

Tristan wusste, dass sie nur testen wollte, ob sein Vorschlag im Restaurant ihm ernst gewesen war.

„Tu das nicht“, sagte er leise.

Sie ließ ihre Hand sinken und warf ihm einen Blick zu, der ihm die Kehle zuschnürte.

„Ich wohne in Tokio“, sagte er. „Und du? Hier in Atami?“

„Nein, auch in Tokio, da Jiros Galerie sich dort befindet. Sasha und ich sind im Shinjuku-Viertel in der Nähe des Bahnhofs abgestiegen.“

Als sie ihm die genaue Adresse ihres Hotels nannte, lächelte er. „Dann sind wir praktisch Nachbarn“, sagte er. „Wie in Parisville.“

„Aber das ist nicht dasselbe.“

„Nein. Nicht einmal annähernd“, gab er ihr recht.

Sie warf ihm einen Blick zu, der alles Mögliche bedeuten konnte, aber hoffentlich auch eine unausgesprochene Einladung enthielt.

Einladung zu was? Er war sich noch nicht ganz sicher, aber wild entschlossen, sie irgendwie zu verführen, solange sie so weit weg von Zuhause waren.

Bis Jiro Mori Informationen über den Verbleib des Gemäldes besorgt hatte, blieb ihm noch ein wenig Zeit.

Vielleicht konnten sie die nächsten paar Stunden in seinem Hotelzimmer verbringen?

Doch anscheinend hatte er zu lange überlegt, denn er konnte sehen, wie verunsichert Juliana plötzlich wirkte, als sie sich von dem Süßwarengeschäft abwandte.

„Du hast dir bestimmt viel vorgenommen für diese Reise“, sagte sie. „Wenn du wieder in der Stadt bist, meine ich.“

Sie stellte ihn also noch immer auf die Probe.

„Ach, ich bin eigentlich eher der spontane Typ und lasse die Dinge auf mich zukommen“, sagte er.

Sie kamen an einer dunklen Einfahrt vorbei, die zur Hälfte von einem niedrigen Tor verdeckt war.

Ein mutwilliges Funkeln trat in Julianas Augen, als sie stehen blieb und einen Blick in diese dunkle Einfahrt warf. Das gleiche Funkeln wie in der Nacht, als er sie geküsst und sie ihn danach zu einem weiteren Kuss an sich herangezogen hatte.

Und nun ging sie in die dunkle Gasse …

Tristan zögerte nicht, ihr zu folgen, bis das niedrige Tor und die Dunkelheit sie vor neugierigen Blicken schützten.

„Was soll das?“, fragte er.

Juliana lächelte, als sie sich an eine Mauer lehnte, leicht den Kopf zur Seite neigte und ihm in die Augen sah. „In dem Restaurant“, sagte sie, „schien es so, als hätten wir eine Abmachung getroffen.“

„Worüber?“, fragte er, weil er von ihr selbst hören wollte, dass sie ihn insgeheim immer schon gewollt hatte. Sein Herz pochte so hart und laut gegen seine Rippen, dass er beinahe sicher war, sie müsse es hören können.

„Darüber, dass wir alles andere vergessen und sehen wollten, wie es mit uns hätte sein können. Nur dieses eine Mal.“

Tristan legte eine Hand auf die kühle Seide ihrer Bluse und sah, wie sie langsam ihren Blick senkte.

„Ich wollte das nicht da draußen sagen“, erwiderte sie.

„Wo jemand uns hätte sehen oder hören können?“

„Ich will kein Aufsehen erregen. Seine Gefühle in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen ist in Japan weder üblich noch erwünscht, Tristan.“

Angesichts der eindeutigen Aufforderung in ihrem Blick zog er sie zu sich heran. So nahe, dass er die Wärme ihres Atems spüren und ihren Duft wahrnehmen konnte.

Gott, dieser Duft …

Als er dann aber Leute an dem kleinen Tor vorbeigehen hörte, ließ er sie wieder los. Aber sein Körper blieb in Alarmbereitschaft, und das Blut rauschte in seinen Ohren.

„Weißt du, was ein Love Hotel ist, Juliana?“

Lächelnd sah sie ihm direkt in die Augen. „Eine typisch japanische Einrichtung, ein sogenanntes ‚Gesellschaftshotel‘, wo man stundenweise Zimmer mieten kann, um ‚sich auszuruhen‘. Aber eigentlich ist es für intime Rendezvous gedacht.“

„Du hast deine Hausaufgaben gemacht.“ Auch er lächelte. „Die Zimmer sind alle unterschiedlich eingerichtet. Mit allem, was ein Paar in Stimmung bringt. Und man ist dort völlig ungestört.“

„Das ist gut.“

Wieder zog er sie dicht an sich heran, bis ihre Lippen sich ganz nahe waren.

„Vielleicht können wir sogar ein Zimmer finden, das dem Rücksitz meines Mustangs ähnelt“, witzelte er.

Als sie lachte, streifte ihr Atem seinen Mund. „Oder auch etwas Bequemeres vielleicht.“

Tristan, der seine andere Hand an der Wand über ihrer Schulter abgestützt hatte, beobachtete fasziniert, wie ihre Lippen die Worte formten.

Was konnte sie wohl mit diesen Lippen sonst noch alles tun?

„Bis wir in Tokio sind“, flüsterte er, „wird es später Nachmittag sein. Wir könnten uns treffen, nach Kabuki-cho, dem Amüsierviertel der Stadt, fahren, und ein Love Hotel besuchen.“

„Ich habe gehört, die seien nur für Japaner“, erwiderte sie unsicher. „Ich weiß nicht, inwieweit das stimmt, aber wir sprechen ja nicht einmal Japanisch.“

„Vielleicht schaffe ich das gerade noch.“ Auf ihren neugierigen Blick hin sagte er: „Jede Menge Sprachkurse.“

„Und was soll ich Sasha sagen?“, flüsterte Juliana.

„Alles. Nichts.“ Er kam ihr noch näher, bis sie sich beinahe berührten. „Was auch immer.“

Für einen Moment gab sie sich ganz den prickelnden Empfindungen hin, die seine Nähe in ihr hervorrief, bevor sie unvermittelt erwiderte: „Unter einer Bedingung.“

Er war mittlerweile so erregt, dass er allem zugestimmt hätte. „Du brauchst es nur zu sagen.“

„Wenn wir wieder zu Hause sind, wird es so sein, als wäre nichts von alldem hier geschehen“, sagte sie. „Ich will nicht noch mehr Spannungen verursachen, als es ohnehin schon gibt.“

„Ich schweige wie ein Grab“, erklärte er. „Von mir wird keiner etwas erfahren.“

Sie atmete tief aus, und wieder streifte ihr warmer Atem seine Lippen. Als er noch näher trat, um sie zu küssen, hörten sie draußen jemanden etwas auf Englisch sagen. Augenblicklich straffte Juliana sich, als merke sie erst jetzt wieder, wo sie waren. Bevor Tristan etwas sagen konnte, löste sie sich von ihm und schlüpfte aus ihrem Versteck.

Enttäuscht folgte Tristan ihr und fand sie draußen auf der Straße. Das helle Sonnenlicht betonte das Silberblond ihres langen Haars, und Tristan musste schlucken, als er sich fragte, ob ihre Intimbehaarung ebenso blond war.

Der bloße Gedanke daran ließ das Blut in seine Lenden schießen, und nur mühsam gelang es Tristan, sich zu beherrschen.

„Wir treffen uns in deinem Hotel. In ein paar Stunden rufe ich an, um dir zu sagen, dass ich dich im Foyer erwarte“, sagte er. „Halt dich bereit, Juliana.“

Sie lächelte, wandte sich zum Gehen und erwiderte: „Ich bin schon länger bereit, als du es dir vorstellen kannst.“

Als Juliana sich mit Sasha in dem Museum für Erwachsene traf, sagte sie kein Wort über Tristan und das Date im Love Hotel, obwohl sie so kribbelig und aufgeregt war, dass sie an fast nichts anderes mehr denken konnte.

Und auch Sasha, von der sie angenommen hatte, dass sie ihr alles über ihre Begegnung mit Chad erzählen würde, schien nicht darüber sprechen zu wollen. Sie gab nur zu, dass sie sich gesehen hatten, und Juliana, die wusste, wann sie ihre Freundin in Ruhe lassen musste, drang nicht weiter in sie.

Sasha war sehr zurückhaltend mit ihren Gefühlen, aber später, wenn sie bereit dazu war, würde sie ihr bestimmt alles erzählen.

Aber es war ja auch nicht so, als wäre Juliana sehr redselig. Selbst nachdem sie Dinge wie Walgenitalien und Meerjungfrauenbrüste in dem Museum für Erwachsene gesehen hatten, bei den heißen Quellen gewesen waren und schließlich nach Tokio zurückfuhren, behielt Juliana die intimen Details ihres Nachmittags für sich.

Und das nicht, weil sie befürchtete, dass Sasha ihr Verhalten kritisieren würde. Nein, Juliana wollte einfach nur durch nichts daran erinnert werden, dass sie die Wünsche ihrer Familie vollkommen missachtete.

Doch nichts würde sie von diesem Rendezvous abhalten. Dieses eine Mal zumindest würde sie sich ihre größte Fantasie erfüllen und sich nehmen, was sie wollte, ganz gleich, wie alle anderen darüber denken mochten.

Zurück im Hotel, duschte Juliana und zog ein Outfit an, das sie abends zum Ausgehen mit Sasha hatte tragen wollen: kniehohe schwarze Stiefel, einen kurzen schwarz-weiß karierten Rock und eine weiße Bluse, die sie über ihrer Taille verknotete.

Sie wollte Tristan zeigen, dass sie sich für ihn hübsch gemacht hatte und so sexy wie nur möglich aussehen wollte.

Scheinbar völlig unbefangen wartete sie neben dem Telefon und blätterte in ihrem Sprachführer, während Sasha im Internet etwas über Atami recherchierte. Sie sei zu müde für einen Einkaufsbummel, hatte sie zu Julianas großer Erleichterung gesagt.

„Macht es dir wirklich nichts aus, dir die Kaufhäuser allein anzusehen?“, fragte Sasha trotzdem noch einmal besorgt.

„Überhaupt nicht“, erwiderte Juliana mit einem Anflug von Schuldbewusstsein wegen ihrer Flunkerei. „Du musst arbeiten, und mir macht es nichts aus, bis heute Abend mal etwas allein zu unternehmen.“

„Na schön. Dann gib mir vier Stunden bis zum Dinner, und lass uns sehen, was die Nacht dann noch für uns bereithält.“

„Klar. Ich suche mir nur noch ein paar Sätze heraus, dann bin ich auch schon weg.“

Juliana wandte sich wieder ihrem Sprachführer und Sasha ihrem Laptop zu. Fünfzehn Minuten später klingelte das Telefon auf dem Nachttisch.

„Wer kann das denn sein?“, sagte Juliana gespielt erstaunt, bevor sie den Hörer abnahm.

„Hi“, meldete sich Tristans tiefe Stimme am anderen Ende. „Bist du bereit?“

„Ja.“ Um Sasha irrezuführen, fügte sie hinzu: „Tut mir leid, aber ich spreche kein Japanisch.“

„Falsch verbunden“, sagte sie auf Sashas neugierigen Blick hin, als sie auflegte. „Aber ich wollte sowieso gerade gehen.“

„Viel Spaß. Und sei vorsichtig da draußen.“

„Ich?“ Juliana grinste. „Ich bin die Vorsicht in Person.“

Sasha lächelte und winkte, und Juliana kam sich wie eine Verräterin vor.

Aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie ihrer Freundin später alles über Tristan und das Love Hotel erzählen würde, als sie mit dem Aufzug zum Foyer hinunterfuhr.

Tristan lehnte an einer Wand in der Nähe der Rezeption und sah so umwerfend gut aus, dass ihr der Atem stockte, als sie ihn entdeckte.

Er war ganz in Schwarz gekleidet und hatte offenbar gerade erst geduscht, denn sein halblanges Haar war noch nass und glatt aus dem Gesicht zurückgekämmt, wodurch seine hohen Wangenknochen und grauen Augen sogar noch besser als sonst zur Geltung kamen.

Wow!

Als sie zu ihm hinüberging, straffte er sich, und seine Augen verdunkelten sich auf eine schon beinahe beängstigende Art und Weise.

Ein wahrer Bad Boy, dachte sie. Und für ein paar wundervolle Stunden gehört er nur mir!

„Hey.“ Sie merkte, wie sie ihre Tasche umklammerte, und versuchte sich zu entspannen.

„Hey. Du siehst …“

Mehr schien er nicht herauszubringen.

„Nicht mehr zerknittert aus?“, entgegnete sie lachend.

„Ich wollte sagen, du siehst gut aus. Aber du weißt, was ich mit gut meine, oder nicht?“

„Ich denke schon.“

Er schüttelte den Kopf und lachte, als sie zusammen zu den Eingangstüren gingen und er eine für sie aufhielt.

Ein Gentleman, dachte sie und fragte sich, wie viele andere Facetten dieses so geheimnisvollen Mannes sie nie kennengelernt hatte, nicht einmal, als sie sich körperlich so nahegekommen waren.

Draußen war die Luft noch immer schwül und nun auch noch von den vielfältigen Gerüchen dieser großen Stadt durchdrungen. Während sie zum Amüsierviertel hinüberschlenderten, ertappte sie Tristan dabei, wie er ihren kurzen Rock beäugte.

„Was? Hast du einen Schulmädchenkomplex?“, fragte sie.

„Nicht dass ich wüsste. Aber dein Rock bringt deine Beine so fabelhaft zur Geltung, dass es sicher keinen Mann auf Erden gibt, der das nicht zu schätzen wüsste.“

Das Kompliment klang so aufrichtig, dass sie nichts darauf zu erwidern wusste, und deshalb sagte sie nur: „Danke“ und ging weiter.

Bald schon hatten sie die großen Kaufhäuser hinter sich gelassen, die sie sich angeblich hatte ansehen wollen, und erreichten das Kabuki-cho, wo die späte Nachmittagssonne die unzähligen kleinen Hotels, Restaurants und Bars in goldenes Licht tauchte.

Hier ist es, dachte Juliana. Hier beginnt meine Entdeckungsreise.

Wer wusste schon, was sich hinter all diesen geschlossenen Türen verbarg?

Nach einer Weile kamen sie zu einem Etablissement mit bläulich angestrahlten Wänden.

„Ist das eins dieser Hotels?“, fragte sie. „Ich dachte, die Fassade würde ein bisschen ausgefallener gestaltet sein.“

„Außerhalb der ...

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