Logo weiterlesen.de
Tiffany Lieben & Lachen Band 0013

Kristin Gabriel

Die Kuss-Expertin

PROLOG

“Ich möchte, dass du aus dem Flugzeug springst.”

Der Druck auf Dexter Kanes Ohren ließ nach, als das kleine Flugzeug weiter stieg. Er glaubte, eben nicht richtig gehört zu haben. “Was hast du gesagt?”

Amos Kane lächelte seinen Enkel an. “Ich will, dass du springst, Dexter.”

Dexter warf Sam, seinem jüngeren Bruder, der sich sein Handy ans Ohr presste und mit irgendeiner Frau flirtete, einen alarmierten Blick zu. Sam war ein unverbesserlicher Playboy, der das Flirten selbst hier oben in der Luft nicht lassen konnte. “Wird Zeit, dass du Schluss machst”, sagte Dexter.

Sam hob zwei Finger und signalisierte, dass er noch etwas Zeit brauchte.

Dexter wandte sich an seinen Großvater: “Hast du heute Morgen vergessen, deine Medikamente zu nehmen?”

Amos schüttelte lächelnd den Kopf. “Das Zeug nehme ich schon seit Wochen nicht mehr. Es macht mich nur müde und gereizt. Ich hab dich wohl etwas verblüfft, was? Also fange ich am besten noch mal ganz von vorn an.”

“Gute Idee.” Dexter lehnte sich in seinem Sitz zurück und hielt sich an den Armlehnen fest. Er hasste das Fliegen, denn es gab ihm das Gefühl, die Dinge nicht unter Kontrolle zu haben. Der Wunsch nach Kontrolle war aber einer der Gründe, weshalb er sein Leben möglichst gründlich plante.

Er war mit Eltern aufgewachsen, die mehr Zeit auf ihrer Yacht an der französischen Riviera verbrachten als mit ihren Söhnen, und Dexter hatte entschieden, sein Leben anders zu gestalten.

Praktisch seit seiner Geburt vor achtundzwanzig Jahren hatte er alles getan, was nötig war, damit er einmal den Konzern übernehmen konnte, den sein Großvater vor vier Jahrzehnten aufgebaut hatte. Grundlage des Konzernerfolgs war ein einfaches Brettspiel, das heute noch populär war. Schon mit vierzehn Jahren übernahm Dexter einfache Hausmeisteraufgaben in der “Kane Corporation”. Dann arbeitete er sich hoch in die Postabteilung und wurde Kurier. Nach dem College begann er in der Buchhaltung, ganz unten in der Firmenhierarchie. Er arbeitete die Nächte durch und, wenn es sein musste, auch an den Wochenenden. So stieg er langsam, aber stetig bis in die Management-Ebene auf.

Amos hatte schon vor langer Zeit offiziell erklärt, dass die “Kane Corporation” einmal auf seine Enkelsöhne übergehen würde, während er sein privates Vermögen wohltätigen Organisationen spenden wollte. Er wünschte sich, dass Dexter und Sam ihren Weg im Leben machten, im Gegensatz zu ihrem Vater, der sein Treuhandvermögen verplempert hatte, kaum dass er Zugriff auf es bekommen hatte.

Vergangene Woche hatte Amos verkündet, es sei Zeit für ihn, in den Ruhestand zu gehen. Allerdings hatte er bisher noch keinen Hinweis darauf gegeben, welcher seiner Enkel sein Nachfolger werden würde. Das machte Dexter von Tag zu Tag nervöser.

“Wir werden ‘Chamäleon’ spielen”, begann Amos und bezog sich damit auf das Brettspiel, das die “Kane Corporation” berühmt gemacht hatte. Es handelte sich dabei um ein Rollenspiel, bei dem es um Karriereplanung ging.

Sam klappte sein Handy zu und beugte sich nach vorn. “Was hab ich verpasst?”

“Großvater will, dass wir ‘Chamäleon’ spielen”, antwortete Dexter, verschwieg aber, dass dazu gehörte, aus dem Flugzeug zu springen.

“Cool.” Sam schaute sich in der Kabine der Cessna um. “Die Originalversion oder die Millenniumsversion?”

“Die Realversion”, antwortete Amos und zog zwei kleine Briefumschläge aus seiner Jackentasche.

“Ich bin nicht sicher, ob ich das verstehe”, meinte Dexter, obwohl ihm das flaue Gefühl in seinem Magen das Gegenteil sagte. “Chamäleon” war ein Spiel, das den Teilnehmern erlaubte, verschiedene Rollen in einem imaginären Berufsleben zu übernehmen. Der Weg, dem man dabei folgte, und die Entscheidungen, die man traf, führten entweder zum Sieg oder zur Niederlage. Dexter und Sam hatten es oft gespielt, als sie jünger waren. Allerdings war es meistens in einer Prügelei geendet, weil Dexter wollte, dass sie sich an die Regeln hielten, während Sam immer nach Abkürzungen suchte.

“Es ist ganz einfach.” Amos legte die Briefumschläge auf den kleinen Tisch. “Jeder von euch übernimmt für einen Monat einen neuen Job. In diesen Umschlägen befindet sich je eine Spielkarte, auf der steht, welcher Job das sein wird. Wer darin Erfolg hat, gewinnt das Spiel – und die Firma.”

“Und was ist, wenn wir beide Erfolg haben?”, erkundigte sich Dexter. Er wusste, dass er gegenüber seinem Bruder im Vorteil war. Sam hatte ein Problem damit, sich festzulegen, egal ob es Frauen betraf oder seinen Job. Er verlor meist relativ schnell das Interesse und fing etwas Neues an. Allerdings musste Dexter zugeben, dass Sam es schon länger als gewöhnlich in seinem Job bei der “Kane Corporation” aushielt. Wahrscheinlich lag es daran, dass er Leiter der Produktentwicklung war, das ließ ihm viel persönliche und kreative Freiheit.

“Falls es zu einem Patt kommt”, erklärte Amos, “werde ich eure neuen Arbeitgeber um eine Beurteilung bitten. Dann entscheiden die besseren Noten.”

Das bedeutete, sie mussten den neuen Job nicht nur kriegen, sondern sie mussten auch noch gut darin sein. Kein Problem, dachte Dexter. Er war schon seit dem Kindergarten ein unheilbar leistungsorientierter Mensch.

“Stopp mal, Grandpa”, sagte Sam mit gerunzelten Brauen. “Dex und ich haben doch bereits Jobs in deiner Firma. Wieso müssen wir woanders arbeiten?”

Amos lehnte sich zurück. “Ziel dieses Spiels ist es, festzustellen, wie wichtig euch das Familienunternehmen ist. Wenn ihr es für eine Weile verlassen müsst, wird die Sehnsucht danach größer. Ihr wisst schon, was ich meine. Aber vielleicht macht der neue Job euch ja sogar Spaß.”

Dexter wollte nirgendwo anders arbeiten. “Kane Corporation” war sein Leben. Die Firma war sein Ein und Alles, und er hatte immer davon geträumt, sie eines Tages zu übernehmen.

Dexter verfügte nicht über den natürlichen Charme seines Bruders, und er hatte auch nicht den Drang, in der Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen wie seine Eltern. Er war ein Außenseiter, und seit er das akzeptiert hatte, konzentrierte er sich auf sein fachliches Können und verließ sich auf seinen Intellekt.

Außerdem ging er davon aus, dass er wesentlich qualifizierter war, die Firma zu leiten, als Sam. Du meine Güte! Sam würde vermutlich sofort die Viertagewoche einführen und eine äußerst lockere Kleiderordnung. Es war einfach nicht fair. Sein Bruder war seit jeher derjenige, dem alles einfach zufiel. Er sah blendend aus, hatte Charisma und konnte jede Frau haben. Er dagegen, Dexter, wollte nur eins: die Firma.

Doch um sie zu bekommen, musste er ein dummes Spiel spielen.

Dexter sah Sam an. Der alte Groll und das Gefühl der Unterlegenheit stiegen wieder in ihm auf. Sie waren Konkurrenten, seit sie sich um das erste Spielzeugauto gestritten hatten. Dexter hatte nach dem Spielen regelmäßig seine Bauklötze nach Größe und Farbe sortiert, und Sam hatte seine Energie genutzt, um das Kindermädchen dazu zu überreden, ihm eine Extraportion Kekse zu gewähren. Dexter konnte sich nur bei der Arbeit entfalten, während Sam es vorzog, sich zu amüsieren.

Eines hatten sie jedoch gemeinsam – sie wollten beide Chef der “Kane Corporation” werden. Und ihr Großvater glaubte fest an das Prinzip “Der Sieger kriegt alles”.

“Das Spiel endet genau in einem Monat um Mitternacht”, fuhr Amos mit seiner Erklärung fort. “Wir treffen uns dann in meinem Büro. Dort wird der Sieger gekürt. Es gibt nur drei Regeln, an die ihr euch halten müsst: Erstens dürft ihr niemandem verraten, dass ihr ein Spiel spielt und was euer normaler Job ist. Zweitens dürft ihr während der gesamten Zeit keinerlei Kontakt zueinander haben.” Er lächelte. “Und drittens müsst ihr euch an die Anweisungen jeder Spielkarte halten, die ihr während dieser Zeit bekommen werdet. Das heißt, ihr könnt in den nächsten Wochen mit ein, zwei Überraschungen rechnen.”

“Ich bin dabei”, verkündete Sam. “Hört sich prima an.” Er hielt seinen Briefumschlag hoch. “Darf ich ihn aufmachen?”

“Je eher ihr es tut, desto eher können wir beginnen”, erwiderte Amos.

Sam riss den Umschlag auf und zog seine Spielkarte heraus. “Schau dir das an.” Er drehte die Karte um, damit Dexter sie lesen konnte.

“Verkäufer bei ‘Midnight Laces’”, las Dexter laut vor. “Du sollst Dessous verkaufen?”

Sam grinste. “Ein Traumjob, findest du nicht?”

Dexter öffnete sorgfältig seinen Umschlag und nahm die Karte heraus. Er las, blinzelte überrascht und las noch einmal. Es musste sich um einen Scherz handeln.

“Und?”, fragte Sam und beugte sich neugierig herüber. “Wer wird dein neuer Arbeitgeber?”

Dexter schluckte. “Eine Begleitagentur.”

Sam grinste. “Heißt das, mein Bruder muss einen Gigolo mimen?”

Dexter stöhnte auf. Er war der Letzte, der für diesen Job geeignet war. Er wusste noch nicht mal, ob es sich dabei überhaupt um eine legale Beschäftigung handelte. Dexter wandte sich an seinen Großvater, weil er ihn bitten wollte, eine andere Tätigkeit vorzusehen.

Die Fallschirme in Amos’ Händen ließen die Worte auf Dexters Lippen ersterben.

“Es geht los, Jungs. Schnallt euch die hier um, damit ihr wieder auf die Erde gelangt.”

Sam runzelte die Stirn. “Wozu Fallschirme?”

“Damit euer Fall gebremst wird, wenn ihr aus dem Flugzeug springt”, erklärte Amos und reichte ihnen je einen Fallschirm.

Sam warf Dexter einen vielsagenden Blick zu und sah dann seinen Großvater an, der in der Firma auch als Crazy Amos bekannt war. Verrückt war der alte Mann ohne Zweifel. “Hast du vergessen, deine Medizin zu nehmen?”, fragte Sam.

Amos winkte ab. “Das Thema hatten wir schon. Ich finde, der Sprung aus dem Flugzeug ist ein guter Start für unser Spiel.”

Dexter sah aus dem Fenster. “Wo sind wir denn überhaupt?”

“Außerhalb von Pittsburgh”, antwortete Amos. “Hier gibt es viele Wiesen. Ihr könnt also weich landen.”

“Und wie kommen wir zurück in die Stadt?”, wollte Sam wissen.

“Dieses Hindernis zu meistern, gehört schon zum Spiel.” Amos rieb sich zufrieden die Hände. “Auf diese Weise hat keiner von euch einen Vorteil. Ihr fangt beide bei null an.”

Einer der Kopiloten kam aus dem Cockpit und half Dexter und Sam, die Fallschirme anzulegen. Dann gab er ihnen einen Crashkurs in der Theorie des Fallschirmspringens. Dexters Kopf rauchte förmlich, als er versuchte, sich all die neuen Begriffe wie “Höhenmesser”, “Reißleine” und “freier Fall” einzuprägen. Er fühlte sich wie in einem Albtraum.

Kurze Zeit später fand er sich an der geöffneten Tür des kleinen Flugzeugs wieder. Der Pilot verkündete über den Lautsprecher, dass sie sich auf einer Höhe von dreizehntausend Fuß befanden. Es konnte losgehen.

“Du zuerst, Dexter”, rief Sam laut, um das Motorengeräusch zu übertönen. “Du bist der Ältere.”

Dexter hätte einiges dagegen einzuwenden gehabt, hielt aber aus Stolz den Mund. Er atmete tief durch und trat einen Schritt näher an die Öffnung in der Flugzeugwand. Nervös fingerte er an der Reißleine des Reservefallschirms herum. Sein ganzes Leben zog im Zeitraffertempo an ihm vorüber. Er sah sich selbst Tag und Nacht bei der Arbeit im Büro sitzen, sah seinen Computer und hörte das Klappern der Tastatur. Schließlich gab er sich einen Ruck. Er hatte nicht die meiste Zeit seines Lebens gearbeitet, um jetzt aufzugeben.

“Brauchst du einen kleinen Schubs, Brüderchen?”, fragte Sam grinsend.

Dexter ignorierte ihn. Sein Herz klopfte wild. Das war der Moment, auf den er sein Leben lang hingearbeitet hatte, auch wenn er ihn sich immer ganz anders vorgestellt hatte. Jetzt galt es, zu zeigen, wozu er fähig war.

Er beugte sich vor und hielt sich am Türrahmen fest. Plötzlich stockte er, als ihm klar wurde, dass es in seinem Leben bisher nur die Arbeit gegeben hatte. Sekundenlang geriet er in Panik. Sollten Schule und Arbeit wirklich alles gewesen sein, was ihm von seinen achtundzwanzig Lebensjahren in Erinnerung geblieben war? Gab es denn nichts sonst? Nicht mal eine Frau? Schließlich riss er sich zusammen. Was bedeutete das jetzt noch?

Dann sprang er.

1. KAPITEL

Kylie Timberlake ging hart zu Boden, während der Pfeil über sie hinwegsurrte und hinter ihr in einer gewaltigen Tanne stecken blieb. Sie atmete den harzigen Geruch der Tannennadeln ein. Der Dobermann an der Kette, der die abgelegene Hütte bewachte, knurrte bösartig.

“Das war nur ein Warnschuss”, ertönte vom Fenster her eine drohende Männerstimme. “Sie befinden sich unberechtigterweise auf Privatbesitz. Der nächste Schuss trifft.”

Kylie hob den Kopf ein wenig, um zu überprüfen, ob der Hund noch angeleint war. “Ich bin’s doch, Mr Hanover. Kylie Timberlake.”

Während sie auf dem feuchten Waldboden lag, überlegte sie, ob ihre Familie nicht doch recht hatte, wenn sie ihr vorhielt, zu impulsiv zu sein. Vielleicht stimmte es ja. Jedenfalls würde sie sich wahrscheinlich nicht in dieser unbehaglichen Situation befinden, wenn sie vorher über die Konsequenzen ihres eigenmächtigen Handelns nachgedacht hätte.

Doch nun war es zu spät. Sie hatte ihren guten Ruf als PR-Managerin mit dem Versprechen aufs Spiel gesetzt, dass sie Harry Hanover zu einem Markennamen machen würde. Das Überleben des Buchverlags ihres Bruders hing davon ab. Und sie hatte nicht vor aufzugeben, egal ob Harry Hanover mit ihr zusammenarbeitete oder nicht.

“Warnen Sie mich das nächste Mal, bevor Sie wieder hier herumschnüffeln”, rief Harry. “Ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich Besuch nicht leiden kann. Also hauen Sie ab. Fahren Sie zurück nach Pittsburgh!”

Kylie biss die Zähne zusammen. Sie war nicht zwei Stunden lang die Berge raufgekurvt, um sich jetzt abwimmeln zu lassen.

Sie atmete tief durch. “Sie wissen doch, weshalb ich hier bin, Mr Hanover.”

“Ich habe Ihnen doch schon am Telefon gesagt, dass ich nicht will. Schluss. Basta. Aus.”

“Aber …”

“Auf Nimmerwiedersehen, Miss Timberlake.”

Kylie seufzte. Sie stand auf und entfernte Tannennadeln und Erde von ihrem kamelfarbenen Seidenkostüm. Nun hatte sie es also geschafft. Sie hatte nicht nur ihr Lieblingskostüm ruiniert, sondern auch noch ihre Karriere und den Verlag ihres Bruders. Alles auf einen Schlag.

Der Dobermann knurrte, als sie sich in Bewegung setzte.

“Na gut, na gut”, murmelte sie. “Ich bin ja schon weg.” Sie kehrte der alten Hütte den Rücken zu und ging zu ihrem weißen Honda Accord, den sie am Straßenrand geparkt hatte. Sie wollte gerade die Fahrertür öffnen, als sie Hanovers Stimme hörte.

“Warten Sie einen Augenblick, Miss Timberlake!”

Kylie blieb stehen und schöpfte wieder Hoffnung, dann stockte ihr der Atem, als sie sah, dass der Dobermann mit großen Sätzen durch das Tor gejagt kam, direkt auf sie zu.

Mit Wucht wurde sie mit dem Rücken gegen ihren Wagen gepresst, als das große Tier an ihr hochsprang und ihr die Pfoten auf die Brust legte.

Erleichtert stellte sie jedoch gleich darauf fest, dass der Hund es nicht auf ihre Kehle abgesehen hatte. Stattdessen schnaufte er ihr seinen stinkenden Atem ins Gesicht.

“Nehmen Sie den Zeitungsausschnitt”, rief Hanover von drinnen, ohne sich am Fenster zu zeigen. “Er steckt in Eugenes Halsband.”

Eugene? Kylie schüttelte den Kopf. Was war denn das für ein Name für dieses Monstervieh? Sie entdeckte ein zusammengefaltetes Stück Papier im dicken Lederhalsband des Dobermanns.

“Keine Angst”, rief Hanover. “Er beißt nicht.”

Hätte er das nicht vielleicht ein bisschen früher sagen können? Zögernd streckte Kylie die Hand aus und zog den Zeitungsausschnitt mit spitzen Fingern aus dem Halsband. “Braver Hund.”

Eugene leckte ihr enthusiastisch übers Gesicht.

“Danke sehr”, murmelte Kylie und wischte sich angewidert mit dem Handrücken über den Mund.

Harry pfiff, und der Hund ließ von ihr ab und lief zurück zur Hütte.

Kylie faltete den Zeitungsausschnitt auseinander und bemerkte überrascht, dass es sich um eine Annonce handelte. Stirnrunzelnd schaute sie hinüber zur Hütte. “Was soll ich damit?”

Hanover lachte verhalten, ohne dass er sich blicken ließ. “Das ist die Lösung unserer Probleme.”

Donner grollte von fern, als Dexter vor der Eingangstür der Firma stand, die sein neuer Arbeitgeber werden sollte. Das Gewitter hatte ihn bis nach Pittsburgh begleitet, und der Regen hatte ihn durchnässt. Wenn er auch nur im Geringsten abergläubisch gewesen wäre, hätte er daraus geschlossen, dass dieses Abenteuer für ihn nur in einem Desaster enden konnte. Doch er glaubte nicht an Omen. Auch nicht an ein vorherbestimmtes Schicksal. Zauberei und Handlesen waren nichts im Gegensatz zum Wert harter und ehrlicher Arbeit.

Er und Sam hatten sich bereits aus den Augen verloren, bevor sie auf den Feldern vor Pittsburgh gelandet waren. Dexter war in einem Weizenfeld runtergekommen, vermutlich ein paar Meilen entfernt von seinem Bruder. Er zweifelte nicht daran, dass es Sam sofort gelungen war, per Anhalter in die Stadt zurückzufahren, denn das Glück seines Bruders war sprichwörtlich.

Ihm dagegen schien nichts wirklich leichtzufallen. Er musste die Hälfte der Strecke zurück in die Stadt durch den Regen joggen, ehe ein mitfühlender Lastwagenfahrer anhielt und ihn mitnahm. Dexter war kurz in sein Apartment zurückgekehrt, um seine Kleidung zu wechseln, dann hatte er sich beeilt, die Firma aufzusuchen, deren Name auf seiner Spielkarte stand.

Er starrte auf das leuchtend blaue Neonschild, das über dem Eingang hing, und blinzelte. Dies also war das Unternehmen, das sein Großvater für ihn auserwählt hatte, damit er beweisen konnte, dass er der Richtige war, um “Kane Corporation” in die Zukunft zu führen.

Die Agentur hieß “Studs R Us”. Aha, dachte Dexter. Hier bekommt man also einen Mann für alle Gelegenheiten.

Im Schaufenster hingen große Poster von attraktiven Männern. Entweder waren sie in eleganter Abendgarderobe oder fast unbekleidet abgebildet. Einer trug einen Smoking, ein anderer eng sitzende Jeans und einen Cowboyhut. Der sah nach Dexters Meinung immerhin besser aus als der Typ in der knappen Badehose.

Er schüttelte den Kopf und fand, dass der Firmeninhaber durchaus ein paar Marketing-Tipps gebrauchen konnte. Während er nachdachte, rückte er seine Krawatte zurecht. Vielleicht war das die Antwort? Er könnte als Unternehmensberater für diese Agentur arbeiten anstatt als Begleiter für fremde Frauen. Schließlich hatte er die nötige Ausbildung, und er war ein begnadeter Finanzfachmann. Auf diese Weise würde er sich die Peinlichkeit ersparen, als Lückenbüßer für alle Gelegenheiten herhalten zu müssen. Sein Großvater dürfte an dieser Regelung eigentlich nichts auszusetzen haben.

Überzeugt von seiner Idee, straffte Dexter seine Schultern und betrat das Büro. Eine melodische Türglocke verkündete seine Ankunft. Die Empfangsdame schaute so verwirrt auf, als habe sein Eintreten ihren Terminplan durcheinandergebracht. Sie war gerade dabei, ihre frisch lackierten Fingernägel trocken zu blasen. Sie leuchteten grellorange und passten zu ihren gefärbten, wild vom Kopf abstehenden Haaren. Auf ihrem Schreibtisch stand ein kleiner tragbarer Fernseher, in dem gerade eine Talkshow mit Schlammringerinnen lief.

Die Frau schraubte das Nagellackfläschchen zu. “Wollen Sie irgendwas?”

“Ich möchte mich um einen Job bewerben.”

Ihr Blick wanderte prüfend über seinen Körper. “Hier?”

“Ja.”

Gelangweilt knallte sie ein Formular auf den Tresen. Darauf stand in Fettdruck: Sind Sie ein Mann für alle Fälle? “Füllen Sie das aus und legen Sie es dann in den Eingangskorb.”

Ein Blick in den Ablagekorb, der am äußersten Schreibtischrand stand und vor Antragsformularen überquoll, sagte Dexter, dass der Stapel da schon eine Weile vor sich hin schmorte. Er hatte nicht die geringste Lust, sein Schicksal einer Sekretärin zu überlassen, die ihren Kalender auf den falschen Monat eingestellt zu haben schien. Er trat näher an den Schreibtisch. “Hören Sie, ich glaube, dass es nicht nötig sein wird, ein Formular auszufüllen. Ich verfüge über … besondere Qualitäten, die ich Ihrer Firma gern zur Verfügung stellen möchte.”

Sie hob eine sorgfältig nachgezogene Augenbraue. “Besondere Qualitäten?”, fragte sie anzüglich.

“Es wäre vielleicht das Beste, wenn ich direkt mit Ihrem Chef reden könnte.”

Die Empfangsdame warf sehnsüchtig einen Blick auf den Fernsehbildschirm, dann stand sie seufzend auf und klopfte an die Tür hinter ihrem Arbeitsbereich. Gleich darauf verschwand sie im angrenzenden Büro.

Dexter konnte die Stimmen zweier Frauen hören, doch er verstand nicht, was sie sagten. Ohne Zweifel beschrieb die Sekretärin den neuesten Bewerber detailgetreu. Das Gelächter, das von drinnen plötzlich zu hören war, ließ Dexter zusammenzucken.

Wieder mal war Dexter D. Kane die Zielscheibe für Spott, und es schmerzte ihn wie eh und je. Dabei hätte er sich eigentlich irgendwann daran gewöhnen müssen, denn seit Kindertagen erging es ihm so, weil das D in seinem zweiten Vornamen für Dependable – zuverlässig – stand. Das entsprach ganz der Familientradition, die verlangte, dass jedem Kane-Sprössling sozusagen mit seinem Namen eine Tugend in die Wiege gelegt wurde. Sowohl Sam als auch er hatten sich früher oft mit anderen Kindern geprügelt, weil die sich über ihre seltsamen Zweitnamen lustig gemacht hatten.

Seltsamerweise passte sein zweiter Name perfekt zu Dexters Persönlichkeit. Er war so zuverlässig, dass er andere damit schon nervte. Er war immer zur Stelle, wenn jemand Hilfe brauchte, egal ob es sich um eine ältere Nachbarin handelte oder um einen Kollegen.

Leider hatten seine Mitschüler ihn nicht Dependable genannt, sondern Streber, Langweiler und Stubenhocker. Wahrscheinlich hatte er diese Bezeichnungen sogar verdient, da er sich möglichst von ihnen fernhielt und wesentlich mehr Zeit in der Bibliothek verbrachte als auf dem Sportplatz oder in den Szenetreffs.

Er war schon immer anders gewesen als Sam, dessen natürlicher Charme, verbunden mit seinem guten Aussehen, die Leute oft daran zweifeln ließ, dass sie tatsächlich Brüder waren. Sam hatte von Anfang an Erfolg bei den Mädchen und Frauen und hatte inzwischen wahrscheinlich mehr Herzen gebrochen, als er zählen konnte. Und es war auch mehr als einmal vorgekommen, dass eine Frau, die Interesse für Dexter zeigte, ihn nur benutzte, um an seinen Bruder heranzukommen.

Daher hatte Dexter sich vor Jahren entschlossen, Gesellschaft so weit wie möglich zu meiden und sich auf seine Talente im Finanzwesen zu konzentrieren. Er nahm an, dass er irgendwann, wenn er auf der Höhe seiner Karriere sein würde, noch genug Zeit dazu hätte herauszufinden, wie man eine attraktive Frau ansprach, ohne dass einem dabei der kalte Schweiß ausbrach.

“Mistress Helga möchte Sie jetzt sprechen.”

Mistress Helga? Dexter schaute die junge Empfangsdame verblüfft an. Sie grinste frech. Mit gemischten Gefühlen betrat er das Büro nebenan. Halb erwartete er, dort eine Ansammlung ausgefallener Sexspielzeuge vorzufinden, stattdessen kam er in einen hellen, luftigen Raum mit einem Rattansofa und dazu passenden Sesseln. An der Decke surrte ein Ventilator.

Eine Frau in den Fünfzigern saß in einem der Sessel und blätterte in einer Zeitschrift. Auf ihrer Nase saß eine altmodische Lesebrille. Sie schaute auf und lächelte Dexter an. “Hallo.”

“Mistress Helga?”

Sie lachte, stand auf und reichte Dexter die Hand. “Anscheinend hat sich meine Enkelin mal wieder einen Scherz erlaubt. Mein Name ist Betty. Betty Brubaker.”

“Dexter D. Kane”, stellte er sich vor und bemühte sich, seine Überraschung über die geschmackvolle Einrichtung ihres Büros nicht zu deutlich zu zeigen. Es wirkte ganz anders als das etwas schlampige Vorzimmer. Auch Betty entsprach nicht seinen Vorurteilen. Sie war vollschlank und trug ihr aschblondes Haar in einem adretten Knoten. Ihre Augenbrauen waren das hervorstechendste Merkmal in ihrem Gesicht, und ihre grünen Augen blickten freundlich und intelligent.

“Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Mr Kane.” Betty setzte sich wieder und winkte ihn zum anderen Sessel. “Was kann ich für Sie tun?”

“Ich bin hier, um mich für einen Job zu bewerben. Vielleicht brauchen Sie einen Buchhalter oder einen Investitionsberater. Auf diesen Gebieten habe ich umfangreiche Erfahrungen.”

Er hätte ihr auch gern gesagt, dass seiner Meinung nach das Schaufenster ihres Geschäftes dringend eine Neugestaltung benötigte und dass ihre Empfangsdame durch ihr Auftreten potenzielle Kundinnen in die Flucht schlagen könnte. Die zahlreichen Familienfotos an den Wänden machten ihm jedoch klar, dass eine negative Bemerkung über ihre Enkelin wohl kaum gut ankommen würde. Also atmete er tief durch und sagte: “Ich brauche dringend Arbeit.”

“Verstehe.” Sie musterte ihn einen Moment lang aufmerksam, dann beugte sie sich ein wenig vor. “Ich habe tatsächlich gerade eine freie Stelle. Haben Sie irgendwelche Referenzen?”

“Nein, ich mache das zum ersten Mal.” Dexter fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. “Nun, natürlich wäre es nicht das erste Mal für mich. Ich meine, ich verfüge über einige Erfahrung.” Er entschied sich, besser nicht weiter ins Detail zu gehen. Seine bisherigen Affären waren zwar körperlich befriedigend gewesen, doch Gefühle waren dabei nicht im Spiel.

“Sagen Sie mir eins, Mrs Brubaker …”

“Betty”, korrigierte sie.

“Betty.” Er räusperte sich. “Welche Anforderungen stellen Sie an einen Begleiter?”

“Er tut genau das, was der Name aussagt, Mr Kane. Unsere Angestellten werden von Damen gebucht, die bei gesellschaftlichen Anlässen einen männlichen Partner an ihrer Seite haben wollen oder einfach nur in Begleitung einen schönen Tag verbringen möchten.”

“Tag und … Nacht?”, fragte Dexter vorsichtig.

Betty hob eine Augenbraue. “Wir richten uns strikt nach den Wünschen unserer Kundinnen. Gibt es da für Sie ein Problem?”

Dexter räusperte sich. “Nein. Überhaupt nicht. Ich möchte nur auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.”

“Da ich jetzt Ihre Fragen beantwortet haben, erklären Sie mir doch bitte ein paar Dinge.” Sie lehnte sich zu ihm hinüber. “Weshalb sind Sie hier?”

Dexter blinzelte. Wusste sie von dem Spiel, das er spielen musste? Oder war das eine von seinem Großvater eingefädelte Falle, um zu prüfen, ob er sich an die Spielregeln hielt? “Ich weiß nicht genau, was Sie meinen.”

“Ich finde, Sie wirken nicht wie die üblichen Bewerber, die hier auftauchen. Sie tragen einen maßgeschneiderten Anzug, und ich habe noch nie erlebt, dass ein Mann so oft errötet wie Sie. Entweder sind Sie also ein lausiger Liebhaber, der auf diese Weise ein bisschen Erfahrung sammeln möchte, oder Sie sind ein lausiger Zivilfahnder, der hofft, in meiner Agentur etwas Ungesetzliches aufzustöbern.”

“Weder noch”, erwiderte Dexter und befürchtete schon, er hätte alles verpatzt. “Ich glaube, Sie haben einen völlig falschen Eindruck von mir.”

“Ist nicht so wichtig”, bemerkte Betty. “In meiner Agentur werden jedenfalls keine sexuellen Dienste angeboten. Meine Firma ist sauber. Es gibt ziemlich viele Frauen, die allein sind, Mr Kane. Und ich sehe den Sinn und Zweck meiner Agentur darin, diesen Frauen respektable und gut aussehende Männer als Begleitung für alle möglichen Gelegenheiten anzubieten. Falls ich den Verdacht habe, dass einer meiner Mitarbeiter eine Beziehung mit einer Klientin anfängt, wird er sofort entlassen.”

Dexter schluckte erleichtert. Er war nicht prüde, aber er hatte auch keine Lust, seinen Körper zu verkaufen. Noch nicht einmal für die “Kane Corporation”. Er nickte kurz. “Hört sich gut an.”

“Falls Sie also tatsächlich an einem Job interessiert sind …”

“Bin ich.”

Sie öffnete einen Ordner, der auf dem Tisch lag. “Vor ein paar Stunden habe ich eine Anfrage bekommen, die mir ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet. Da die meisten Damen eine Begleitung für die Abendstunden wünschen, arbeiten viele meiner Mitarbeiter tagsüber in ganz normalen Jobs.”

“Ich stehe täglich vierundzwanzig Stunden zur Verfügung”, versicherte Dexter.

Betty warf einen Blick in die Akte. “Das ist genau das, was Miss Timberlake sucht. Einen Mann, der rund um die Uhr zu ihrer Verfügung steht. Und zwar für ungefähr vier Wochen.”

“Scheint eine perfekte Lösung zu sein.”

Betty zog eine Braue hoch. “Möchten Sie nicht vorher wissen, um was für einen Job es sich handelt?”

Dexter schüttelte den Kopf. “Ich bin völlig flexibel.”

Sie schaute ein wenig unsicher drein. “Hm, das ist gut, da Miss Timberlake sich geweigert hat, mir Details mitzuteilen. Das Einzige, worauf sie Wert legt, ist äußerste Vertraulichkeit.”

“Meine Lippen sind versiegelt.”

Betty lächelte. “Ich hoffe, das bleibt auch so. Ich habe Miss Timberlake noch nicht persönlich kennengelernt, doch sie scheint noch ziemlich jung zu sein. Wie ich bereits bemerkte, gibt es strikte Regeln, was eine Beziehung zwischen Begleiter und Kundin betrifft. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus.”

“Verstanden.” Dexter atmete tief durch. “Heißt das, ich kriege den Job?”

Betty stand auf und reichte ihm die Hand. “Ich gratuliere Ihnen, Mr Kane. Sie gehören jetzt ganz offiziell zum Team.”

2. KAPITEL

Kylie Timberlake stieß schwungvoll die Tür des Büros der Begleitagentur auf. Ihr Herz klopfte stark, weil sie so schnell gelaufen und weil sie aufgeregt war. Sie hatte schon fast nicht mehr an einen Ausweg aus ihrer misslichen Situation geglaubt. Nun schien es so, als ob sich ihr größtes Problem wie von selbst in Luft auflösen würde.

Sie hielt inne, als sie den Mann erblickte, der im Vorzimmer stand. Sein dunkles, kurz geschnittenes Haar war glatt aus dem Gesicht gekämmt, und er trug eine Metallbrille. Er war groß und wirkte, als sei ihm der graue Nadelstreifenanzug auf den schlanken und doch muskulösen Körper geschneidert. Kylies erster Eindruck war, dass sie gerade Superman gegenüberstand. Allerdings einem Superman, der von seiner umwerfenden Ausstrahlung gar keine Ahnung zu haben schien. Sie brauchte jedoch keinen Helden, der mühelos zwischen Wolkenkratzern hin und her flog, sondern einen Mann, der sich mit Frauen auskannte. Einen, dem ein kleiner Betrug nichts ausmachte.

“Entschuldigung”, sagte sie, immer noch ein wenig atemlos. “Ich suche Mrs Brubaker.”

“Sie ist gerade mit ihrer Sekretärin zum Mittagessen gegangen.” Der Mann nahm seine Brille ab. “Ich halte die Stellung, bis sie wieder da sind.”

“Oh”, meinte Kylie enttäuscht. Hatte sie sich in der Uhrzeit geirrt? “Wissen Sie, wann das sein wird?”

“Nein, aber vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?”

“Ich bin gekommen, um ein Vorstellungsgespräch zu führen.” Kylie biss sich auf die Unterlippe, um sich zu beherrschenund nicht in Panik zu geraten. Ihr blieb schließlich immer noch ein bisschen Zeit, ihr Dilemma aus der Welt zu schaffen.

“Sind Sie Miss Timberlake?”

“Ja”, erwiderte sie und lächelte, weil sie fand, dass ihre Nervosität kein Grund war, unhöflich zu sein. “Ich soll mich hier mit einem Mann treffen, der eventuell als Begleiter für mich infrage kommt. Anscheinend habe ich den Termin missverstanden.”

Er schaute auf seine Armbanduhr.

“Nun, Sie sind drei Minuten zu spät.”

“Heißt das, er ist schon wieder weg?”

“Nein.” Der Fremde trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. “Ich bin dieser Mann.”

Kylie starrte ihn verblüfft an. “Sie?”

“Ja.” Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen. “Haben Sie ein Problem damit?”

“Nein. Überhaupt nicht.” Kylie errötete, weil sie sich daran erinnerte, dass sie darüber spekuliert hatte, wie es wohl wäre, die nächsten vier Wochen mit einem der Pin-up-Boys aus dem Schaufenster zu verbringen. Smarte Playboys, die sie nicht im Geringsten persönlich interessierten. Das Letzte, was sie erwartet hatte, war, dass ein Mann wie dieser hier seinen Lebensunterhalt als Gigolo verdiente.

Andererseits war es ja tatsächlich so, dass Superman dazu auserkoren war, Frauen aus unangenehmen Situationen zu retten. Und ihre Situation wurde mit jeder Minute schlimmer. Daher trat sie einen Schritt auf Superman zu und reichte ihm die Hand. “Ich bin Kylie.”

“Ich heiße Dexter.” Dexter registrierte, wie fest ihr Handschlag war. “Dexter D. Kane.”

Kylie fragte sich, wofür das D wohl stehen mochte, hatte aber keine Zeit für überflüssige Fragen. Schließlich würde sie ihn wohl kaum bei seinem Zweitnamen rufen. Oder überhaupt bei seinem Vornamen. “Hat Ihnen Mrs Brubaker irgendetwas über diesen Job erzählt?”

“Nur, dass Sie meine Dienste für etwa vier Wochen benötigen.”

Kylie errötet erneut, weil sie automatisch daran dachte, dass sie die Dienste eines Mannes – ganz abgesehen von denen eines Gigolos – schon ziemlich lange entbehrte. Natürlich wollte sie sich nicht mal im Traum diesen Dexter als möglichen Liebhaber vorstellen. Egal welche Gefühle seine Worte bei ihr auslösten. “Das stimmt. Es handelt sich um einen ziemlich ungewöhnlichen Job. Dazu um einen, bei dem es nötig ist, absolute Geheimhaltung zu wahren.”

Er lächelte. “Sie können sich auf meine Diskretion verlassen, Miss Timberlake. Meine Existenz hängt davon ab. Ich brauche diesen Job.”

Kylie bekam kaum mit, was er sagte, weil sie fasziniert das Grübchen in seinem Kinn anstarrte, das sich noch vertiefte, wenn er lächelte. Fast vergaß sie, weswegen sie hier war, doch der Schlag einer Wanduhr brachte sie in die Realität zurück.

“Ich werde Ihnen eine Kurzfassung Ihres Auftrags geben und die Details später erklären”, sagte sie. Dann atmete sie tief durch und beschloss, ihm zu vertrauen. “Haben Sie vielleicht zufällig das Buch ‘Achtung, fertig – Liebe!’ gelesen?”

“Nein”, antwortete er und wirkte etwas verwirrt. “Ich habe noch nicht einmal davon gehört.”

“Es ist neu auf dem Markt, aber es hat das Potenzial, ein Bestseller zu werden. Ich bin die PR-Managerin des kleinen Verlags, der es herausgebracht hat. In meiner Verantwortung liegt es, dafür zu sorgen, dass die Medien im ganzen Land über dieses Buch berichten.”

Er zog die Stirn kraus. “Und?”

“Ich habe bereits eine ganze Reihe von Lesungen und Autorensignierstunden arrangiert, dazu Radiointerviews, sogar ein paar Platzierungen in Fernsehsendungen. Wir haben in den nächsten Wochen Termine in zwölf Städten. Sozusagen eine Blitzaktion. Es gibt nur ein einziges Problem.”

“Sie benötigen einen Begleiter?”

“Nein. Ich brauche jemanden, der den Part des Autors übernimmt. Der Mann heißt Harry Hanover.” Sie wartete auf die Wirkung ihrer Worte. Dexter Kane schien ihr intelligent genug zu sein, um sämtliche Fallstricke zu erkennen, die auf sie und ihn warteten.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. “Meinen Sie das ernst?”

“Ja. Harry leidet unter einer schweren Form von Agoraphobie”, erklärte sie. “Er hat Angst davor, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es ist ihm quasi unmöglich. Sein Fall ist so gravierend, dass er sich sogar weigert, überhaupt sein Haus zu verlassen. Leider hatte ich sämtliche Pressetermine bereits festgemacht, ehe ich das herausgefunden habe.”

“Warum sagen Sie die Promotiontour nicht einfach ab?”

“Weil Harry dann Negativmeldungen befürchtet, die sich sicher ungünstig auf die Verkaufszahlen auswirken würden. Das ist tatsächlich möglich. Ein Autor ist auf die Medien angewiesen. Wenn die nicht mitspielen, wird das Buch ein Flop. Im Übrigen haben viele Buchhandlungen bereits Werbekampagnen für die Autorenlesungen gestartet. Wenn ich jetzt absage, macht das keinen guten Eindruck. Außerdem hängt am Erfolg von Harrys Buch auch der Erfolg des Verlags, für den ich arbeite.”

“Inwiefern?”

“Die Firma hat sich einen Namen mit Ratgebern gemacht. Wenn die Buchhandlungen nun beschließen, keine Bücher mehr von ‘Handy Press’ zu vertreiben, müsste das Unternehmen bald Konkurs anmelden.”

Dexter machte ein nachdenkliches Gesicht. “Es muss doch eine andere Lösung geben.”

Sie schüttelte den Kopf. “Glauben Sie mir. Ich habe nächtelang gegrübelt, wie ich aus dem Schlamassel wieder rauskomme. Ich weiß, dass mein Vorschlag sich etwas seltsam anhört, aber es ist die einzige Lösung.”

“Wie wird Mr Hanover es aufnehmen, wenn ein anderer Mann seine Rolle übernimmt?”

“Es war sogar seine Idee.” Sie holte ein zusammengefaltetes Papier aus ihrer Jeanstasche. Es war eine Zeitungsannonce der Begleitagentur, für die Dexter nun arbeitete. Kylie reichte sie Dexter und spürte für einen Moment die Wärme seiner Hand. Es kam ihr vor, als würde durch diese kurze Berührung eine elektrisierende Energie ausgelöst, die ihren Körper durchrieselte. Und so aufgewühlt, wie Dexter sie gerade ansah, musste er offenbar etwas Ähnliches gespürt haben.

Dexter räusperte sich. “Wie bieten Ihnen den Mann für alle Fälle”, las er den Firmenslogan laut vor. “Ich weiß nicht, ob zu diesem Job auch gehört, einen Autor zu spielen.”

“Mir ist klar, dass der Auftrag sehr ungewöhnlich ist”, erwiderte Kylie und schaute auf ihre Armbanduhr. “In der Medienwelt passiert so etwas allerdings nicht so selten, wie Sie vielleicht glauben. Es gibt viele Ghostwriter, die Bücher schreiben, die dann unter dem Namen berühmter Leute publiziert werden. Oder anonyme Musiker, die im Studio die Aufnahmen machen, die dann als Staralbum erscheinen. Manche Autoren schicken ihrem Verlag sogar falsche Fotos von sich, die auf den Covers zu sehen sein sollen. Es geht einfach nur darum, sich selbst so gut wie möglich zu verkaufen.”

Er wirkte immer noch skeptisch. “Was passiert, wenn jemand herausfindet, dass ich nicht der echte Harry Hanover bin?”

“Das wird nicht passieren”, versicherte Kylie ihm. “Sobald die Promotiontour vorbei ist, wird Harry wieder in der Versenkung verschwinden. ‘Handy Press’ wird sich weigern, weitere Interviews zu vermitteln. Wir positionieren Harry als Exzentriker, der die Öffentlichkeit scheut. Was ja auch der Wahrheit entspricht. Die Medien lieben solches Zeug.”

Dexter wollte ihren Enthusiasmus nicht dämpfen, sah sich jedoch zu einem weiteren Einwand genötigt. “Was ist, wenn jemand zu den Lesungen kommt, der Harry kennt?”

Sie lächelte. “Unmöglich. Harry lebt seit sechs Jahren völlig zurückgezogen in einer Hütte im Wald.”

Dexter konnte nicht anders, er musste Kylie ständig anschauen. Noch nie zuvor war ihm eine so lebhafte und energiegeladene Frau begegnet. Ihr Plan war allerdings absolut verrückt. “Was ist, wenn mich jemand erkennt?”

Ihr Lächeln erlosch. “Zu dumm. Das ist das Einzige, woran ich nicht gedacht habe. Vermutlich haben Sie schon Dutzende von Frauen begleitet.”

Sein Stolz hielt Dexter davon ab, sie zu korrigieren. “Tja, es tut mir wirklich leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen.”

Plötzlich hellte ihre Miene sich auf. “Doch! Mir ist gerade eine Möglichkeit eingefallen, die funktioniert. Und alle werden ganz wild auf Harry sein.”

“Ich sehe lächerlich aus”, bemerkte Dexter, der in Kylies Apartment im Wohnzimmer stand. Er trug einen grellfarbenen Plastikumhang, der seine Kleidung schützte. Sein Haar war Strähnchen für Strähnchen in Silberfolie eingewickelt.

“Ich weiß. Aber das geht vorbei.” Amy Kwan, Kylies Mitbewohnerin, suchte auf einem großen Kleiderständer nach passender Kleidung für Dexter.

Dexter wusste nicht, was ihn geritten hatte, Kylies Drängen nachzugeben. Das hatte er jetzt davon. Doch irgendetwas an ihr machte es ihm unmöglich, Nein zu sagen. Vielleicht lag es an ihren großen braunen Augen. Oder an ihrem warmen Lächeln, das sein Herz schneller schlagen ließ. Oder an seinem Wunsch, sie noch einmal zu berühren.

“Sie sind ein schwieriger Fall, Dexter”, sagte Amy. “Aber ich liebe Herausforderungen.”

“Amy war Visagistin bei der TV-Serie ‘The Young and the Restless’”, informierte ihn Kylie, während sie sich in ihrem Terminkalender, den sie auf den Knien liegen hatte, Notizen machte.

“Ich wollte danach einfach mal was anderes machen.” Amy wählte Kleidung in fünf verschiedenen Stilrichtungen aus und drapierte sie auf dem Sofa. “Jetzt bin ich freiberuflich tätig. Ich arbeite für Models bei Modenschauen und bei Modeaufnahmen. Am liebsten mache ich allerdings Stilberatung für Leute, die sich wie Sie verändern wollen. Ein Model oder ein Filmsternchen zu schminken und zu frisieren ist einfach. Aber einen Langweiler in einen Sexprotz zu verwandeln – das reizt mich.”

“Nicht dass Sie ein Langweiler wären, Dexter”, warf Kylie hastig ein.

“Danke”, bemerkte er trocken. Die Uhr am Küchenherd klingelte.

“Wir müssen die Farbe ausspülen”, verkündete Amy. Sie führte Dexter zum Waschbecken und entfernte die Alufolie aus seinem Haar.

“Welche Farbe werden meine Haare hinterher haben?”, fragte er misstrauisch, als Amy seinen Kopf unter den Wasserhahn drückte.

Sie wusch sein Haar gründlich und professionell. “Ihre natürliche Farbe, hoffe ich, aber mit ein paar wunderbaren goldenen Glanzlichtern.”

“Was heißt ‘hoffe ich’?”, fragte Dexter.

“Es wird alles prima”, rief Kylie aus dem Wohnzimmer.

“Hm, erinnerst du dich daran, wie wir Carlo grüne Haare verpasst haben? Aus Versehen natürlich.” Amy lachte.

“Grün?”, wiederholte Dexter erschrocken. Er hatte sich auf die Prozedur eingelassen, um Kylie einen Gefallen zu tun. Jetzt erst wurde ihm bewusst, was hier eigentlich mit ihm geschah.

“Es war auswaschbare Farbe”, beruhigte ihn Kylie. “Nach einem Monat war alles weg.”

“Tolle Aussichten”, murmelte Dexter.

Amy stellte das Wasser ab und trocknete Dexters Haar mit einem Frotteehandtuch. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, standen seine Haare in goldbraunen Strähnen von seinem Kopf ab.

“Schon viel besser”, meinte Amy anerkennend. “Jetzt die Klamotten.”

Er runzelte die Stirn. “Wieso brauche ich andere Kleidung?”

“Weil Sie nicht in einem Schwarz-Weiß-Film der Fünfzigerjahre auftreten sollen, sondern live vor weiblichem Publikum. Der Dreiteiler muss weg.” Amy trat einen Schritt zurück und musterte den Plastikumhang, den Dexter über dem Anzug trug. “Knallrot ist nicht gerade Ihre Farbe.”

“Da bin ich aber erleichtert.”

Amy strich sich übers Kinn. “Eines kann ich zu Ihren Gunsten aber sagen. Es ist nicht zu übersehen, dass sich unter dem konservativen Zeug, das Sie tragen, ein ziemlich grandioser Körper versteckt. Andererseits – Sie arbeiten ja auch als Gigolo. Ein schöner Körper ist wahrscheinlich die Grundvoraussetzung für diesen Job.”

“Ich glaube, er bevorzugt es, Begleiter genannt zu werden”, sagte Kylie und kritzelte erneut etwas in ihren Terminkalender.

“Und ich bevorzuge es außerdem, meine eigene Kleidung zu tragen”, protestierte Dexter, während Amy erneut den Kleiderständer durchwühlte.

“Vertrauen Sie mir”, sagte sie und hielt eine knapp geschnittene schwarze Lederjeans hoch. “Sobald wir Ihr Haar und Ihr Outfit modernisiert und Ihr kleines Sehproblem …”, sie deutete auf seine Brille, “… modernisiert haben, werden Ihnen sämtliche Frauen zu Füßen liegen.”

“Was ist falsch an der Brille?”, meldete sich Kylie zu Wort. “Ich finde sie irgendwie sexy.” Sie errötete. “Ich meine, auf eine subtile, intellektuelle Weise.”

Dexter gefiel, was sie gesagt hatte. Sein Körper reagierte automatisch. Es gefiel ihm auch, dass Kylies Locken ihr Gesicht umspielten und ihr so schön ungebändigt auf die Schultern fielen. Zu gern hätte er seine Finger in dieser seidigen Pracht vergraben.

“Hör zu, Kylie”, begann Amy, während sie Dexter zu einem aufblasbaren Sessel dirigierte und dann sein Haar durchzukämmen begann. “Ich weiß genau, was ich tue. Frauen mögen es nicht subtil. Sie wollen klaren Sex-Appeal.”

Dexter räusperte sich. “Anscheinend ist es aber nicht wichtig, dass ich dabei etwas sehen kann.”

“Es gibt Kontaktlinsen”, gab Amy zurück. Sie stellte sich vor ihn und schaute ihn prüfend an. “Warum probieren wir’s nicht gleich mit farbigen Linsen? Lila vielleicht?”

“Nein”, erklärte Kylie in bestimmtem Ton. “Dexters Augen sind perfekt, so, wie sie sind.”

Das Telefon klingelte, ehe Amy etwas erwidern konnte. Kylie nahm das schnurlose Gerät an sich. “Ich telefoniere im Schlafzimmer.”

Amy nickte. “Entspannen Sie sich, Dexter”, sagte sie und schaltete den Föhn ein. “Es tut nicht weh.”

Dexter schloss die Augen und ließ zu, dass Amy sein Haar stylte. Seine Anspannung ließ etwas nach, als er daran dachte, dass die Veränderungen seines Äußeren ja nur vorübergehend waren. Außerdem war es gut, dass niemand ihn als Dexter Kane erkennen würde. In einem Monat würde er die Firma seines Großvaters übernehmen. Dass dieser Traum sich erfüllte, war alles, was zählte. Abgesehen davon, dass es ihn auf seltsame Weise erregte, wenn er daran dachte, die nächsten Wochen mit Kylie zu verbringen.

“Aufwachen.” Amy rüttelte an seiner Schulter.

Dexter zuckte zusammen, öffnete die Augen und bemerkte, dass Amy aufgehört hatte, ihn zu frisieren. “Sind Sie schon fertig?”

“Mit Ihrem Haar”, erwiderte Amy. “Jetzt kommt Ihre Garderobe an die Reihe.”

“Darf ich mich anschauen?”, fragte Dexter, während sie seinen Kopf mit Haarspray einnebelte.

“Erst wenn wir ganz fertig sind. Ich möchte, dass Sie die Gesamtwirkung erleben.”

“Wo ist Kylie?”

“Sie telefoniert immer noch.” Amy ging erneut zum Kleiderständer. “Das Mädchen hört niemals auf zu arbeiten.”

“Es überrascht mich, dass Sie Ihnen von dem Schwindel erzählt hat. Kylie sagte mir, dass die Sache mit Harry Hanover ein großes Geheimnis bleiben müsse.”

“Das stimmt auch. Aber Kylie war ziemlich nervös, weil alles schiefzugehen drohte. Sie brauchte jemanden, mit dem sie reden konnte. Außerdem kann sie mir voll vertrauen.”

Dexter fragte sich, wie es wohl war, wenn man jemanden hatte, dem man vertrauen konnte. Sicher, sein Bruder und sein Großvater waren Menschen, denen er vertraute, wenn es um geschäftliche Dinge ging. Aber er hatte niemals gewagt, ihnen auch seine Unsicherheit und seine Ängste zu gestehen. Sein Erfolg hing davon ab, alles unter Kontrolle zu haben.

“Mögen Sie Seide?”, erkundigte sich Amy und nahm ein orangefarbenes Hemd mit weiten Ärmeln vom Bügel. Sie hängte es über eine Schneiderpuppe.

“Meine Bettwäsche ist aus Seide. Aber tragen will ich das Zeug nicht.”

“Kommen Sie, seien Sie ein bisschen kooperativer. Kylie bezahlt das alles hier, und sie hat ein bisschen Ruhe nötig.”

“Sie scheint mir ziemlich energiegeladen.”

“Sicher. Es gibt nichts, was diese Frau aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Obwohl sie eigentlich Grund genug hätte, Antidepressiva in rauen Mengen zu schlucken.”

“Wieso?”

“Zum Beispiel deswegen, weil sie einen tollen Job in Hollywood aufgegeben hat, um sich um ihren Bruder zu kümmern.”

“Ist er krank?”

Amy nickte. “Die Hodgkinsche Krankheit. Es sieht so aus, als würde er sich vollständig erholen, aber es war eine Zeit lang sehr unsicher. Jetzt, nachdem ihr kleiner Bruder das Schlimmste überstanden hat, will sie ihm auch noch seine marode Firma retten. ‘Handy Press’ steht kurz vor dem Bankrott. Statt zurück zu ihren berühmten und reichen Kunden zu gehen, bleibt Kylie in Pittsburgh und arbeitet quasi umsonst, um dem Verlag wieder auf die Beine zu helfen.”

“Berühmte Kunden?”, fragte Dexter. Seine Neugier war geweckt.

“Ich darf keine Namen nennen. Aber einer ihrer Kunden wurde gerade von der Zeitschrift ‘People’ zum Sexsymbol des Jahres gekürt. Er hält überaus viel von Kylie.” Sie senkte die Stimme. “Sowohl beruflich als auch privat, wenn Sie verstehen, was ich meine.”

Dexter nickte. Er hatte keine Zeit, “People” zu lesen, doch er wusste genug über die Hollywoodgrößen, um sich den Mann vorzustellen, der Kylie als PR-Agentin engagiert hatte.

“Kylie und ich haben uns in Hollywood kennengelernt”, erzählte Amy weiter. “Ich war Visagistin bei einem Film, und sie machte die Pressearbeit für einen der Schauspieler. Er war auf der Highschool ihre erste große Liebe gewesen, und sie ist ihm nach Kalifornien gefolgt. Er hat seinen großen Durchbruch auch ihr zu verdanken. Zum Dank hat er ihr das Herz gebrochen, sie aber als PR-Agentin weiterbeschäftigt.”

“Hört sich an, als sei er ein echter Siegertyp.”

Amy nickte. “Ihr geht es ohne ihn besser. Sie ist eine tolle Mischung aus Verlässlichkeit und Wagemut. Das hat ihr bei ihrer Karriere geholfen. Die Leute in Hollywood waren ganz wild nach ihr, weil sie keiner Verrücktheit aus dem Weg ging.”

“Zum Beispiel?”

“Einmal hat sie sich spontan zur Verfügung gestellt, als einer ihrer Kunden sich im Zirkus als Messerwerfer versuchen sollte. Glücklicherweise hat sie nur eine kleine Schnittwunde abbekommen, die mit zwölf Stichen genäht werden musste. Ein anderes Mal hat sie einen Monatslohn verwettet, um einen ihrer Kunden in eine TV-Serie zu bringen.”

“Wie lautete die Wette?”

“Dass der Kunde jeden Tag pünktlich zu den Dreharbeiten erscheinen würde. Sie hat die Wette verloren, aber der Typ wurde ein echter Star.”

“Hat er ihr das Geld zurückgezahlt?”

Amy lächelte. “So laufen die Dinge in Hollywood nicht. Aber wahrscheinlich wäre sie immer noch dort, wenn ihr Bruder nicht krank geworden wäre. Kylie tut alles für Evan.”

Immerhin wusste er jetzt, weshalb diese Pressekampagne für Harry Hanover so wichtig für Kylie war. “Das heißt, von den Veranstaltungen in den nächsten vier Wochen hängt es ab, ob der Verlag ihres Bruders überlebt?”

“Genau.”

“Scheint so, als hätte sie eine großartige Karriere aufgegeben, um sich für einen hoffnungslosen Fall zu engagieren.”

“Versuchen Sie mal, ihr das beizubringen.” Amy seufzte.

Dexter legte den Plastikumhang ab. “Ich finde, Karriereplanung ist alles. Sonst driftet man einfach ohne Sinn und Ziel durchs Leben.” Wie seine Eltern.

Amy, die wieder vor dem Kleiderständer stand, rief erfreut: “Gefunden!” Sie nahm einige Teile vom Bügel. “Ziehen Sie das an.”

Er stand auf und sah stirnrunzelnd auf die Stücke, die Amy ausgewählt hatte. “So sehe ich mich aber gar nicht.”

“Warten Sie’s ab.” Sie nahm ihm einfach die Brille ab und schob ihn Richtung Badezimmer. “Dort können Sie sich umziehen. Nachher zeigen Sie uns den neuen Dexter Kane.”

“Harry Hanover”, erinnerte er sie.

“Wie auch immer.”

Einige Minuten später kam Dexter aus dem Bad und ging den Flur entlang ins Wohnzimmer. Dort saßen Amy und Kylie auf dem Sofa. Beide schauten gleichzeitig auf.

“Wow!”, rief Amy.

Kylie starrte ihn nur sprachlos an.

Dexter fühlte sich unbehaglich. Er befürchtete, vollkommen lächerlich auszusehen.

“Nicht bewegen!”, befahl Amy, sprang auf und rannte in ihr Schlafzimmer.

Dexter sah Kylie an. “Nun?”, fragte er mit Herzklopfen.

Sie schluckte. “Ich weiß nicht, was ich sagen soll.”

Sie sah ihn mit großen Augen an, und Dexter fragte sich, ob sie es jemals bereut hatte, ihre Karriere für ihren Bruder geopfert zu haben.

Amy tauchte wieder auf und hielt eine Kamera in der Hand. “Gut. Ich brauche hiervon ein Bild für meine Mappe.”

Der Blitz zuckte auf. Dexter blinzelte. “Soll das bedeuten, Sie finden das hier gut?”

“Sie etwa nicht?”, fragten Kylie und Amy gleichzeitig.

Er zuckte die Achseln. “Der Spiegel im Bad war zu klein. Außerdem sehe ich ohne meine Brille nicht besonders viel.”

Amy nahm Dexters Brille vom Tisch und reichte sie ihm. Er setzte sie auf. Kylie schob ihn vor den großen Spiegel im Esszimmer.

“Begrüßen Sie den neuen, schicken Dexter Kane”, forderte Amy ihn auf.

Dexter betrachtete verblüfft sein Spiegelbild. Sein Haar sah vollkommen anders aus. Es wirkte windzerzaust, als käme er gerade vom Segeln oder sei vom Motorrad gestiegen. Das schwarze Muskelshirt, das Amy ausgewählt hatte, saß knapp und betonte seine breiten Schultern. Die schwarze Jeans saß tief auf seinen schmalen Hüften. Sie war eng genug, um nichts der Fantasie zu überlassen.

Amy klatschte begeistert in die Hände. “Ich wusste doch, dass sich unter dem dicken Tweed ein echter Adonis verbirgt. Ich gratuliere dir, Kylie. Dein Harry Hanover ist super!”

Kylie atmete tief durch. “Bist du sicher, dass das der Look ist, den wir haben wollen? Er wirkt so … anders.”

“Genau!”, rief Amy. “Er ist perfekt.”

Dexter hatte dagegen nichts einzuwenden. Er fand den Mann im Spiegel ebenfalls perfekt.

Seltsamerweise sah er seinem Bruder zum Verwechseln ähnlich.

3. KAPITEL

Als Dexter am nächsten Tag “Riley’s Grillrestaurant” betrat, einen beliebten Treffpunkt in der City von Pittsburgh, winkte ihm Kylie schon zu. Er ging hinüber zu dem Tisch, den sie ausgewählt hatte, und bemerkte dabei die interessierten Blicke, die ihm einige Frauen zuwarfen. Seit Amy sein Äußeres auf so wunderbare Weise verändert hatte, war er ständig Ziel solcher Blicke. Er war sich bloß nicht ganz sicher, ob ihm das gefiel.

“Wo haben Sie Ihre Brille gelassen?”, fragte Kylie, als er sich zu ihr an den Tisch setzte.

“Auf dem Weg hierher habe ich bei einem Optiker vorbeigeschaut.” Er blinzelte. “Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis ich mich an die Kontaktlinsen gewöhnt habe, aber immerhin kann ich mit ihnen gut sehen. Wie finden Sie es?”

“Wenn Sie sich damit wohlfühlen, dann ist es gut.” Kylie schlug die Speisenkarte auf, weil die Kellnerin an den Tisch trat. “Aber ich mochte Ihre Brille lieber.”

“Für mich bitte einen großen Hamburger mit allen Extras”, bestellte Dexter. “Dazu eine Portion Pommes frites.” Er gab der Kellnerin die Speisekarte zurück. Sie lächelte und zwinkerte ihm aufreizend zu, ehe sie sich an Kylie wandte.

Er starrte auf die grüne Tischplatte, weil er so eindeutiges Flirten nicht gewohnt war. Er befürchtete, sogar zu erröten. Es wunderte ihn, dass eine neue Haarfarbe und andere Kleidung seine Wirkung auf Frauen derart verändert hatten. Besonders deshalb, weil er sich persönlich keinen Deut anders fühlte als vorher. Er fragte sich, ob Kylie den neuen Dexter Kane attraktiv fand. Sie behandelte ihn kaum anders als vorher, eher noch geschäftsmäßiger als zu Beginn ihrer Bekanntschaft.

“Ich habe den Zeitplan mitgebracht”, verkündete sie, nachdem die Kellnerin gegangen war. Kylie öffnete ihre braune Wildledermappe und holte mehrere verschiedenfarbige Blätter heraus. “Die Promotiontour beginnt offiziell erst morgen, aber ich habe für heute Nachmittag eine Signierstunde ausgemacht. Sozusagen zum Üben. Wenn wir Glück haben, können wir noch ein paar Dinge korrigieren, bevor es dann richtig losgeht.”

“Heute Nachmittag?” Dexter spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. “Wo?”

“In New Castle. Der Manager erwartet uns um drei Uhr. Wir haben also mehr als genug Zeit. Ich fahre.”

Dexter fragte sich, ob sie genügend Zeit hatte, einen neuen Harry Hanover zu finden. Er wollte seine Krawatte lockern, doch dann fiel ihm ein, dass er ja gar keine trug. Weshalb fühlte sich dann seine Kehle wie zugeschnürt an?

“Morgen geht die eigentliche Tour dann los”, fuhr Kylie fort und schob ihm ein Blatt über den Tisch. “Es gibt zunächst Signierstunden in Ohio, und zwar in den Städten Columbus, Cleveland und Youngstown. Und einige Interviews. Danach fahren wir zurück nach Pennsylvania und besuchen Veranstaltungen in Altoona, Harrisburg, Allentown und Philadelphia. Während der Tour werde ich noch weitere Termine für Lesungen und Signierstunden vereinbaren. Ich hoffe, dass die Nachfrage nach Ihnen groß sein wird.”

Dexter schlug das Faltblatt auf und schaute sich den Zeitplan an. “Scheint so, als hätten wir in den nächsten paar Wochen viel zu tun.”

“Absolut.” Sie suchte in ihrer Aktenmappe nach etwas.

Dexter gefiel es, dass sie ihre braunen Locken zu einem Zopf geflochten hatte. Ein paar lose Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Die Frisur betonte ihren zarten Nacken.

Kylie schloss die Mappe und sah Dexter an. “Die Hotels sind bereits gebucht. Sie sind nicht besonders schick, aber ein paar davon verfügen über einen Swimmingpool. Falls Sie also möchten, packen Sie Ihre Badehose ein.”

Er nickte und konzentrierte sich auf den Terminplan. Kylie hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet. Alles war im Detail aufgelistet. Es schien, als habe sie für alle Eventualitäten vorgesorgt. Der Geschäftsmann in ihm war beeindruckt. Der Mann in ihm war ebenfalls beeindruckt – vor allem davon, wie sich ihre vollen Brüste unter dem engen pinkfarbenen Pulli abzeichneten. Der tiefe Ausschnitt zog seinen Blick magisch an.

“Dexter?”

Er blinzelte und schaute auf. “Was gibt’s?”

“Haben Sie irgendwelche Fragen zu den Lesungen oder dem Zeitplan?”

Er straffte die Schultern und räusperte sich, während er sich bemühte, beim Thema zu bleiben. “Nur eine. Wer bezahlt das alles?”

Sie senkte den Blick. “Der Verlag kommt für die Kosten auf.”

“Amy hat mir erzählt, dass die Firma ziemlich knapp bei Kasse ist.” Er hob das Faltblatt an. “Eine Promotiontour wie die, die Sie arrangiert haben, kostet eine ziemliche Stange Geld.”

“Das Ganze geht zunächst auf meine Rechnung”, erklärte sie und rührte mit dem Strohhalm in ihrer Limonade. “Sobald ‘Achtung, fertig – Liebe!’ sich gut verkauft, wird ‘Handy Press’ mir das ausgelegte Geld zurückzahlen.”

“Das meinen Sie doch nicht ernst?”

Sie nahm ihr Glas. “Wieso? Das ist in diesem Geschäft durchaus so üblich. Sagen Sie mir lieber, wofür das D in Ihrem Namen steht.”

“Ich sehe, Sie möchten das Thema wechseln.”

“David?”, fragte sie. “Dennis? Durwood? Dastardly?”

“Mit letzterem kommen Sie der Sache ziemlich nahe”, antwortete er. “Das D steht für Dependable, was so viel bedeutet wie zuverlässig.”

Kylie lächelte. “Jetzt sind Sie es, der es unmöglich ernst meinen kann.”

“Doch. Es stimmt. Mein Name ist Dexter Dependable Kane. Bei uns gibt es eine Familientradition. Alle Kinder erhalten als Zweitnamen eine Tugend.”

“Und? Sind Sie zuverlässig?”

“Durch und durch. Deshalb sollten Sie auch auf meinen Rat hören und nicht Ihr eigenes gutes Geld für diese Tour zum Fenster rauswerfen. Die meisten Firmen geben Ihnen für die Auslagen einen Vorschuss. Sie erwarten nicht, dass Sie mit Ihrem Geld dafür geradestehen.”

“Die Sache hier ist aber anders”, entgegnete sie. “Ich habe bereits angeboten, für die Kosten aufzukommen.” Sie nahm einen Schluck Limonade. “Außerdem ist der Verlagschef mein Bruder. Ich weiß, dass er mir das Geld zurückgibt, sobald er kann.”

Dexter fuhr sich mit der Hand übers Kinn. Er war erstaunt über Kylies Naivität. “Er wird Ihnen keinen Pfennig zurückzahlen, wenn das Unternehmen Bankrott macht. Dann stehen Sie in einer langen Reihe von Gläubigern ganz hinten.”

“Ich weiß gar nicht, warum wir über diese Dinge diskutieren. Wenn das Buch ein Erfolg wird, macht die Firma nicht Bankrott.” Sie stellte ihre Aktenmappe auf den Fußboden.

“Wenn”, wiederholte er und beugte sich vor. “Meiner Meinung nach gibt es hier ein ziemlich großes Wenn. Denn erst mal müssen die Leute mir abnehmen, dass ich tatsächlich Harry Hanover bin. Und dann muss das Buch zeigen, dass es hält, was es verspricht. Ganz abgesehen davon, dass ich selbst keine Ahnung habe, wie ich das unterstützen kann.”

Kylie lächelte. “Keine Sorge, Dex. Ich vertraue Ihnen.”

Eine Stunde später stiegen sie in Kylies Auto und schnallte sich an. “Sind Sie bereit, Dex?” Kylie startete den Motor.

Dexter nickte und blinzelte, weil die Nachmittagssonne ihn blendete. Das helle Licht bereitete ihm Kopfschmerzen. “Dexter”, korrigierte er.

“Wie bitte?”

“Sie haben mich jetzt schon ein paarmal ‘Dex’ genannt”, sagte er laut, um das Motorengeräusch zu übertönen. “Ich heiße aber Dexter.”

Sie schüttelte den Kopf.

“Ich kann Sie nicht verstehen.” Kylie schaute kurz in den Rückspiegel und fuhr dann einfach los. Hinter ihnen hupte jemand.

“Ups”, meinte sie nur und winkte. “Tut mir leid.”

Dexter hielt sich am Armaturenbrett fest. “Vielleicht sollte ich besser fahren?”

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu und sah dann wieder auf die Straße. Gleich darauf bremste sie abrupt und bog links ab. Erneut hupte jemand hinter ihnen. “Ich muss den Auspuff reparieren lassen. Aber auf der Schnellstraße röhrt er dann nicht mehr so.”

“Falls wir es jemals bis zur Schnellstraße schaffen”, knurrte Dexter leise. Kylie schien von Natur aus tollkühn zu sein, egal ob sie Auto fuhr oder ihr Geld investierte. Beides konnte sich als äußerst gefährlich entpuppen.

Die warme Brise, die durch das offene Wagenfenster hereinwehte, ließ ihren Pulli flattern, und der Ausschnitt verrutsche. Dexter wandte den Blick ab, aber nicht ohne vorher einen Blick auf ihren weißen Spitzen-BH geworfen zu haben.

Während er aus dem Fenster starrte, fragte er sich, ob sie im Bett auch so hemmungslos war wie hinter dem Steuer. Nicht dass er es je herausfinden würde, denn die Firmenpolitik der Begleitagentur verbot schließlich jede erotische Beziehung zwischen Kundin und Begleiter. Und er hatte nicht vor, seine Karriere wegen einer Frau aufs Spiel zu setzen. Nicht einmal für eine Frau, die so verführerisch war wie Kylie.

Sie erreichten die Schnellstraße. Dexter stellte überrascht fest, dass der Wagen nun tatsächlich leiser fuhr. Jetzt konnte man sich wenigstens wieder unterhalten.

“Ich werde Sie ab sofort nur noch Harry nennen”, verkündete Kylie. “Damit wir nicht durcheinandergeraten.”

Dexter wies auf die Digitaluhr im Armaturenbrett.

“Ich glaube nicht, dass wir es bis drei Uhr nach New Castle schaffen.”

“Oh doch.”

“Nur wenn Sie das Tempolimit ignorieren.”

“Das habe ich vor, Harry.”

Dexter schwieg für den Rest der Fahrt bedrückt. Die Frau neben ihm hatte offensichtlich völlig falsche Erwartungen an diese ganze Geschichte. Er wusste, dass ihr Schwindel nicht funktionieren würde. Tausend Dinge konnten schiefgehen. Allein daran zu denken verursachte ihm Übelkeit.

Er atmete tief durch und stutzte über den feinen Duft, der seine Nase erreichte. Kylies Parfüm, überlegte Dexter. Es hatte eine leichte, frische Note, die ihm gefiel. Es duftete nach Sommer. Alles an Kylie war hell und fröhlich. Sie war weder atemberaubend schön, noch versuchte sie, glamourös zu wirken. Stattdessen waren es ihre natürliche Art und ihre Wärme, die ihn anzogen.

Allerdings hatte er nicht vor, ihr zu nahe zu kommen. Er ging davon aus, dass das ganze Täuschungsmanöver aufflog, noch ehe der Tag vorüber war. Danach würde er Mrs Brubaker davon überzeugen müssen, ihn trotzdem weiterzubeschäftigen.

“Wir sind da”, sagte Kylie nach einer Weile und raste am Ortsschild von New Castle vorbei.

Dexter brach der Schweiß aus. “Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass ich das Buch, das ich heute vorstellen soll, noch nicht einmal gelesen habe?”

“Keine Sorge, Harry.” Sie bremste an einer Ampel. “Was wir heute machen, ist nur eine kleine Übung, bevor wir richtig ins Geschäft einsteigen. Wir haben Glück, wenn überhaupt ein paar Leute zu der Lesung kommen. Sie müssen einfach nur lächeln und bei den Autogrammen daran denken, dass Sie Harry Hanover schreiben, nicht Dexter Kane.”

Ihm war überhaupt nicht wohl bei der Sache. Es konnte nicht so einfach sein, wie Kylie es darstellte. “Ich weiß noch nicht mal, wie die Unterschrift von Harry Hanover aussieht.”

“Das spielt keine Rolle”, versicherte sie ihm, bog um eine Kurve und fuhr auf den Parkplatz eines Buchkaufhauses mit dem Namen “The Book Attic”. Der Parkplatz war fast voll, doch sie fand noch eine Lücke. “Die Leute wissen doch gar nicht, wie die Unterschrift aussehen muss. Jetzt, wo Sie mich fragen, fällt mir ein, dass noch nicht einmal ich es weiß.”

“Aber Sie kennen den Mann doch, oder?”

“Mehr oder weniger.” Kylie löste ihren Sicherheitsgurt und lächelte Dexter an. “Los geht’s!”

Kylie traute ihren Augen nicht, als sie in die Buchhandlung kamen. Vor dem Tisch, auf dem Exemplare von Harrys Buch gestapelt lagen, warteten Frauen in einer langen Reihe. Die Schlange zog sich durch den ganzen Laden.

Der Manager kam auf sie und Dexter zugeeilt. “Hallo, ich heiße Bob. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Ich hatte schon befürchtet, es könnte einen Aufstand geben, falls Mr Hanover nicht erscheinen würde.”

Bob war dünn und hatte eine Halbglatze, dazu einen spitzen Kinnbart, den er ständig mit den Fingern zwirbelte.

Dexter schaute sich ungläubig in der Buchhandlung um. “Sind diese Frauen tatsächlich alle gekommen, um Mr Hanover … ich meine, mich zu sehen?”

“Genau”, erwiderte Bob.

“So viel Zuspruch habe ich nicht erwartet”, rief Kylie. “Das ist ja wunderbar!”

Bob errötete. “Ich mache diesen Job hier nur vorübergehend. Eigentlich habe ich Marketing studiert, und diese tolle Idee stammt von mir.”

Ehe er seine Idee näher erläutern konnte, skandierten die Frauen im Chor: “Wir wollen Harry! Wir wollen Harry! Wir wollen Harry!”

“Scheint so, als sei die Nachfrage nach Ihnen groß”, bemerkte Bob und schob Dexter an den Signiertisch.

Dexter flüsterte Kylie ins Ohr: “Was geht hier eigentlich vor?”

“Ich weiß es auch nicht genau”, erwiderte sie und sah, dass eine der Frauen das Buch ‘Achtung, fertig – Liebe!’ hochhielt. “Genießen wir es einfach.”

Dexter nahm an dem Tisch mit den Bücherstapeln Platz, und der Manager klatschte in die Hände.

“Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten, meine Damen? Mr Hanover ist jetzt so weit.”

Fröhliches Gejohle begrüßte Dexter. Einige Frauen pfiffen sogar auf zwei Fingern. Kylie sah, dass die in den hinteren Reihen sich auf die Zehenspitzen stellten, um einen Blick auf Harry Hanover zu erhaschen. Die Frauen ganz vorn flüsterten aufgeregt miteinander und musterten Dexter begeistert.

Kylie empfand eine seltsame Mischung aus Stolz und Beschützerinstinkt.

Bob räusperte sich, um sich erneut Gehör zu verschaffen. “Als Manager von ‘The Book Attic’ freue ich mich, Ihnen heute Mr Harry Hanover, den Autor des Buches ‘Achtung, fertig – Liebe!’ vorstellen zu dürfen. Mr Hanover hat jedoch noch einen anderen Namen.”

Dexter sah erschrocken zu Kylie. Sie hielt den Atem an und fragte sich, was der Manager vorhatte. Die Wahrheit jedenfalls konnte er nicht wissen.

Bob nahm eine große Schachtel und stellte sie neben Dexter auf den Tisch. Dann griff er hinein und nahm eine Strasskrone heraus. “Meine Damen, es ist mir eine Ehre, Ihnen den ‘König der Küsse’ präsentieren zu dürfen!”

Die Frauen jubelten und klatschten, als Bob Dexter die Krone aufsetzte. Kylie lächelte gezwungen. Ihr war klar, dass sich Dexter lächerlich vorkam. Und das zu Recht. Die Krone war zu groß und rutschte ihm fast vom Kopf.

Kylie zog den Manager beiseite. “Könnten Sie mir bitte sagen, was hier vorgeht?”

“Das ist ein Marketing-Gag”, berichtete er stolz. “Mit jedem verkauften Buch gab es ein Los. Wer gewinnt, bekommt einen Geschenkgutschein über fünfzig Dollar und einen Kuss von Mr Hanover. Ich habe das mit dem ‘König der Küsse’ erfunden. Ist doch super, oder?”

So hätte Kylie es nicht unbedingt genannt, aber sie war zu durcheinander, um sich etwas einfallen zu lassen, womit sie das heraufziehende Unheil hätte abwenden können.

“Ich freue mich, dass Sie so gute Ideen haben”, erwiderte sie. “Aber es wäre nett gewesen, wenn Sie uns vorher darüber aufgeklärt hätten.”

Er zuckte die Achseln. “Es ist mir erst gestern eingefallen, kurz nachdem Sie angerufen und zugesagt haben. Ich musste doch einen Weg finden, um Leute in den Laden zu locken.”

“Wie haben Sie es geschafft?”

“Ich habe einen Freund, der Discjockey bei einem Lokalsender ist. Er hat die Aktion vorgestellt. Außerdem habe ich Handzettel in Supermärkten verteilt. Nur schade, dass ich nicht wusste, dass Mr Hanover aussieht wie Mel Gibson. Finden Sie nicht auch?

Wenn Kylie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass Dexter ihr wesentlich besser gefiel als Mel Gibson. Er hatte vielleicht nicht die Starqualitäten und den Sex-Appeal des Schauspielers, den sie in Hollywood ein paarmal auf Partys getroffen hatte, doch Dexter hatte einen subtilen Charme. Sie fühlte sich ständig versucht, ihm die Brille abzunehmen, ihm das Haar zu zerzausen und ihn damit ein bisschen aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Nur dass er seine Brille nicht mehr trug. Kylie war immer noch nicht sicher, ob sie das mochte.

“Sehr schön”, bemerkte sie schließlich. “Immerhin ist der Laden voll.”

“Genau!”, rief Bob enthusiastisch. “Fangen wir also an.”

“Mit was?”, fragte Dexter, als er sah, dass der Manager ein großes Gefäß herbeiholte, das vollgestopft mit Losen war.

“Keine Angst”, flüsterte Kylie und lächelte ihn aufmunternd an. “Machen Sie einfach mit.”

Der Manager kletterte auf einen Hocker und griff in das Gefäß. “Jetzt kommt der Moment, auf den wir alle sehnsüchtig gewartet haben.”

Kylie versuchte, die Krone auf Dexters Kopf halbwegs gerade zu rücken.

“Die glückliche Gewinnerin ist”, rief der Manager laut, “Nummer 432855!”

Ein spitzer Schrei ertönte. Die Losinhaberin stand ziemlich weit hinten, doch sie zwängte sich sofort durch die Menge nach vorn. Es war eine kleine dicke Frau mit blond gefärbtem Haar, die über schwarzen Leggings eine Tunika aus Goldlamé trug.

“Ich habe gewonnen!”, rief sie schrill und gab dem Manager ihr Los. Dann packte sie Dexter an den Schultern und zog ihn zu sich. “Küss mich, König!”

“Einen Moment”, begann Dexter. “Ich weiß nicht genau, was hier los ist …”

Die Frau ließ ihn nicht ausreden, sondern drückte ihre vollen Lippen auf seinen Mund. Sie ergriff sein Hemd, damit er ihr nicht entkam, und zog Dexter halb vom Stuhl hoch. Ein erstickter Laut entrang sich seiner Brust.

Kylie hätte ihn nur zu gern gerettet, aber dann sagte sie sich, dass dieser Mann sicher wusste, wie man mit aufdringlichen Frauen umging.

Endlich löste sich die Frau von Dexter, und er sank zurück auf seinen Stuhl. Die Krone rutschte endgültig von seinem Kopf und plumpste auf den Tisch.

“Wieso keine Zunge?”, beschwerte sich die Kundin. “Sie glauben, ich bezahle fünfzehn Dollar, und kriege nicht mal einen Zungenkuss dafür?”

“Sie haben mich gebissen.” Dexter holte ein weißes Taschentuch hervor und wischte sich über den Mund.

“Das war spielerisches Geknabber”, klärte ihn die Blondine auf. “Steht auf Seite siebenundvierzig in Ihrem Buch.” Sie wandte sich an die gaffenden Frauen. “Spart euer Geld, Mädels. Der König ist gerade vom Thron gefallen.”

Der Manager eilte zu ihr. “Hier ist Ihr Geschenkgutschein. Er ist ein Jahr für alle Artikel bei ‘The Book Attic’ gültig.”

“Na ja, dann war’s ja kein so großer Verlust.” Sie steckte den Gutschein ein.

Kylie verließ der Mut, als sie sah, wie die Frauen nacheinander den Laden verließen. Manche versuchten, höflich zu sein und sich der Form halber für ein paar Bücher zu interessieren, die in den Regalen standen, doch alle legten ihr Exemplar von Harry Hanovers Buch zurück.

Wahrscheinlich waren die meisten sowieso nur wegen der Show gekommen und hatten nie vorgehabt, ‘Achtung, fertig – Liebe!’ zu kaufen. Kylie vermutete, dass ein gelungener Kuss zu einem besseren Absatz des Buches geführt hätte.

Eine ältere Dame jedoch kam zu Dexter und legte eine Ausgabe des Buches vor ihn auf den Tisch. Er schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Kylie sah erneut das Grübchen in seinem Kinn. Ihr Herz schmolz dahin.

“Ihr Name, bitte?”, sagte Dexter zu der Frau und nahm einen Stift.

“Oh, Sie brauchen es nicht zu signieren”, sagte sie. “Ich möchte es nur kaufen.”

Kylie trat hinzu. “Das Buch müssen Sie an der Kasse bezahlen, Ma’am. Aber ich bin sicher, Harry würde sich freuen, es für Sie signieren zu dürfen. Das ist kostenlos.”

“Es wäre mir ein Vergnügen”, sagte er.

Die ältere Dame lächelte. “Nun gut, wenn Sie meinen.”

“Wie heißen Sie?”, erkundigte er sich erneut.

“Mrs Herbert Dalrymple.”

Dexter schrieb den Namen in seiner ordentlichen Schrift ins Buch. “Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs Dalrymple.” Er unterzeichnete schwungvoll mit Harry Hanover und gab der Frau dann das Buch. “Ich hoffe, Sie haben Spaß damit.”

“Oh, ich werde es nicht lesen”, erklärte sie. “Mein Kühlschrank steht schief, und das Buch hat genau die richtige Höhe, damit ich es drunterklemmen kann.”

Dexters Lächeln erstarb. “Verstehe.”

Mrs Dalrymple tätschelte seine Hand. “Falls ich jemals einen neuen Kühlschrank kaufen sollte, werde ich es vielleicht lesen. Ich bin sicher, es ist sehr gut.”

“Danke”, murmelte er, als sie ging. Dann schaute er Kylie an. “Einfach mitmachen? Wussten Sie, dass diese Frau mich küssen würde?”

“Ich habe es erst vor wenigen Minuten erfahren. Bob hat mich zu spät über den Gag informiert. Außerdem habe ich angenommen, dass Sie in Ihrem Beruf ständig Frauen küssen, sodass es Ihnen nicht schwerfallen würde.”

“Danke”, erwiderte er bissig. “Vielen Dank.”

“Das nächste Mal wird es besser. Wir werden auf alles vorbereitet sein.”

“Und wie?”, fragte er süffisant. “Es sollte doch mittlerweile klar sein, dass ich keine Ahnung habe, wie ‘Achtung, fertig – Liebe!’ funktioniert.”

“Keine Angst, Harry”, beschwichtigte sie ihn und widerstand der Versuchung, die Lippenstiftreste von seinem Mund zu wischen. “Ich bringe Ihnen alles bei, was Sie wissen müssen.”

4. KAPITEL

“Wie lange sind Sie schon bei der Begleitagentur?”, fragte Kylie und reichte Dexter ein Glas Wein.

Sie hatten nicht mehr über das Desaster in der Buchhandlung gesprochen, seit sie nach Pittsburgh zurückgefahren waren. Dexter hatte schon gehofft, dass Kylie mit dem Gedanken spielte, ihren Plan aufzugeben, den falschen Harry Hanover zu promoten. Doch dann hatte sie ihn in ihr Apartment eingeladen, um den Terminplan für die nächste Woche zu besprechen.

“Wir dürfen keine persönlichen Informationen weitergeben”, antwortete er. Er saß etwas unbequem auf einem aufblasbaren Plastiksessel. Anscheinend hatten Kylie und ihre Mitbewohnerin eine Vorliebe für diese Art Möbel, denn es gab noch mehr davon im Wohnzimmer. Oder sie hatten kein Geld für etwas Ordentliches. Was ihn einmal mehr davon überzeugte, dass Kylie mehr Geld in das Unternehmen ihres Bruders gesteckt hatte, als sie zugab.

“Oh”, meinte sie, überrascht über seine schroffe Erwiderung.

“Das gehört zur Unternehmensphilosophie.”

Kylie ließ sich auf dem lilafarbenen Sofa nieder – ebenfalls ein aufblasbares Teil. “Hm, ich verstehe das, glaube ich. Obwohl ich sagen muss, dass Sie nicht unbedingt das sind, was ich mir unter einem Begleiter vorstelle.”

Der Ton, in dem sie das sagte, gefiel Dexter überhaupt nicht.

“Was hatten Sie denn erwartet?”

Sie räusperte sich. “Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, Harry. Ich wollte Sie nicht kritisieren. Ich nehme an, ich hatte einige Klischeevorstellungen, und Sie … Sie entsprechen ihnen einfach nicht.”

Es nervte ihn, dass sie ihn auch jetzt noch Harry nannte, obwohl es nicht nötig war. “Das bedeutet noch lange nicht, dass ich den Job nicht machen kann.”

“Aber Sie haben doch gesehen, was heute Nachmittag passiert ist.”

“Diese Frau hat mich kalt erwischt. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ich weiß, wie man küsst. Falls Sie deswegen Bedenken haben sollten.”

“Habe ich nicht”, versicherte sie lächelnd. “Ich glaube an Sie, Harry.”

Seine Verärgerung schwand, als er ihr Lächeln sah. Er nahm einen Schluck Wein und beschloss, sich zu entspannen. Kylie hatte Grund, sein Verhalten während der Signierstunde zu beanstanden. Immerhin schien sie bereit zu sein, ihm eine zweite Chance zu geben.

Sie stellte ihr Weinglas ab. “Ich finde, wir sollten das Küssen üben. Damit Sie auch wirklich vorbereitet sind, falls so etwas noch mal passiert.”

Dexters Puls beschleunigte sich, als er unwillkürlich ihren Mund betrachtete. Ihre Lippen wirkten auf ihn mehr als einladend. Und hatte sie nicht gerade eine Einladung ausgesprochen? “Sie sind die Chefin.”

“Gut. Dann beginnen wir mit dem Auffrischungskurs.” Kylie nahm Hanovers Ratgeber und blätterte in dem Buch. “In Kapitel drei gibt es eine Menge guter Tipps.”

“Tipps?”, wiederholte Dexter. “Glauben Sie etwa, ich brauche gute Ratschläge?”

“Ich finde, Sie sollten sich mit Harrys Methoden vertraut machen. Denn das ist es, worauf es ankommt.”

Dexter war pikiert. Nur weil er bei der Frau im Buchladen versagt hatte, brauchte Kylie noch lange nicht daraus zu schließen, dass er nicht wusste, wie man eine Frau verführt. Doch ehe er etwas einwenden konnte, begann sie aus dem Buch vorzulesen.

Der korrekte Kuss bewirkt, dass Ihre Freundin schnurrt wie der Motor eines Lamborghini.”

Kylie schaute auf. “Harry liebt romantische Vergleiche mit Autos. Er behauptet, dann würden es Männer eher kapieren.”

“F

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tiffany Lieben & Lachen Band 0013" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen