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Tiffany Lieben & Lachen Band 0008

Kate Thomas

Und kochen kann er auch!

1. KAPITEL

Kaum waren Sherry Downe und Jack Halloran der Schlange der Gratulanten entronnen, schwand ihr Lächeln, und sie kamen zur Sache.

“Du holst etwas zu essen”, befahl Sherry, “ich besorge den Champagner.”

“Okay.” Mit einem brüderlichen Salut nahm Jack Kurs aus Büfett.

Getrennt, aber mit gleicher Effizienz kämpften sich die Freunde aus Kindertagen durch die Menge in der Empfangshalle, indem sie Fremden ein aufgesetztes Lächeln schenkten und etwas freundlichere Worte mit den Hochzeitsgästen austauschten, die sie von der Arbeit her kannten.

Zehn Minuten später stellte Jack zwei gefüllte Teller auf den Tisch in der Ecke und ließ sich auf einen der Stühle fallen. “Was ein gieriger Haufen! Es gab zwar Shrimps und eine große Schüssel mit Erdbeeren, aber ich bin nicht mal in deren Nähe gekommen. Man könnte glauben, die Leute hier haben seit Monaten nichts gegessen.”

Sherry, die den Champagner ergattert hatte, schob ihm ein Glas zu. “Wenn es etwas umsonst gibt, dann drehen alle durch. Hoffentlich ist Deb auf den Ansturm an der Bar gerüstet.”

“Bestimmt”, versicherte Jack seiner besten Freundin. “Der Vater des Bräutigams gibt die Getränke aus.”

“Auf Brads Vater.” Schweigend hoben sie ihre Gläser und stießen an.

Einige Minuten später blickte Sherry zu dem Brautpaar, das sich über die Tanzfläche schob. “Fast wie Ginger Rogers und Fred Astaire. Wirst du tanzen, wenn dich jemand auffordert?”

Jack zuckte mit den Schultern. “Die Frage erübrigt sich wohl. Letzte Woche bei Anne-Maries Hochzeit hat mich auch niemand gefragt. Vielleicht brauche ich einen neuen Anzug.”

“Es liegt nicht am Anzug”, erwiderte Sherry mit der Offenheit, die nur unter alten Freunden möglich war. “Es ist der abgespannte, grimmige Ausdruck auf deinem Gesicht, der die Leute in die Flucht treibt.”

Jacks Miene wurde noch verdrießlicher. “Entschuldigung. Ich werde mich bemühen, in Zukunft etwas strahlender zu wirken.” Sein sarkastischer Tonfall warnte Sherry davor, diese Diskussion fortzusetzen.

“Na ja, niemand hat auf Anne-Maries Hochzeit getanzt – abgesehen vom Brautpaar. Und die mussten.”

“Ja, warum war der Empfang eigentlich so furchtbar?”

“Wegen der Akkordeonmusik.”

Die beiden erschauderten. Sherry schob ihren Stuhl zurück. “Willst du noch Champagner?”

Jack nickte. Dann, im Glauben, dass der Geräuschpegel um sie herum es übertönen würde, seufzte er aus tiefstem Herzen. “Was ich wirklich will …”

Sofort verbannte Sherry ihr Interesse an prickelndem Alkohol. “Ich wusste doch, dass dir etwas auf der Seele liegt! Seit Wochen bist du schon unausstehlich. Spuck es aus, Halloran. Was willst du wirklich?”

Nach einem kurzen Zögern, sprudelte es aus Jack heraus. “Ich möchte es genauso machen wie Deb – heiraten, kündigen und zu Hause bleiben.”

Sherry fielen fast die Augen aus dem Kopf. “Das meinst du nicht ernst! Drehst du jetzt völlig durch?”

“Oh, komm nicht auf falsche Gedanken, Sherry. Ich bin nicht auf der Suche nach ewiger Liebe.”

Das wurde mit einem energischen Nicken aufgenommen. Sie beide hielten Liebe für ein Schimpfwort.

“Es ist nur so – seit mein Schwager an Krebs gestorben ist – na ja, seitdem habe ich über mein Leben nachgedacht.”

“Und was ist damit?”, fragte Sherry völlig fassungslos.

“Was damit ist? Ich will eins!”, rief Jack aus. “Ich bin ausgebrannt, Sherry. Ich bin es leid, siebzig Stunden die Woche zu arbeiten. Ich möchte auch mal nachmittags ins Kino gehen können. Ich möchte richtiges Essen zu mir nehmen und nicht nur Mikrowellengerichte und Fastfood.”

“Wer will das nicht? Wenn wir nur nicht all die vielen Rechnungen zu bezahlen hätten.”

Jack ignorierte ihren Versuch, witzig zu sein. “Ich möchte meine eigene Finanzberatungsfirma aufmachen und mir die Zeit selbst einteilen können. Ich möchte den Leuten wirklich helfen. Endlich habe ich die Ausbildung beendet und muss jetzt noch die Finanzberaterprüfung ablegen. Doch es gibt diverse Themengebiete, die ich noch nicht so richtig beherrsche. Wenn ich Hausfrau, wäre, hätte ich genügend Zeit, den ganzen Kram aufzuarbeiten. Und ich könnte die Prüfung im ersten Anlauf bestehen.”

Sherry schüttelte den Kopf. “Aber du kannst doch nicht einfach heiraten und kündigen.”

“Warum nicht?”

“Du bist Börsenmakler!”

Jack schnaubte. “Deb auch. Wenn sie ihren Job aufgeben und zu Hause rumsitzen kann, um Hausfrau zu spielen, warum kann ich das dann nicht?”

Seine Freundin hob frustriert die Hand. “Was würdest du schon für eine Hausfrau abgeben? Erwartet man von ihnen nicht zumindest, dass sie kochen und sauber machen können?”

“Kann Deb das?”

Sherry musste ihm recht geben. “Sie kann nicht mal Popcorn machen. Sie hat letzten Monat die Mikrowelle im Pausenraum in die Luft gesprengt.”

“Genau. Wenn es also okay ist, dass sie zu Hause bleibt, ohne dort etwas Nützliches tun zu können, warum geht das nicht bei mir?”

“Weil es überhaupt nicht zu dir passt, Jack. Außerdem kenne ich nicht so sehr viele Frauen, die auf der Suche nach einem Hausmann sind.”

“Ich brauche auch nur eine.”

“Es liegt an Jensen, oder?” Ohne auf seine Antwort zu warten, fuhr Sherry fort: “Dann lass dich doch in Richardsons Abteilung versetzen.”

Jack schüttelte den Kopf. Auch wenn ihr Chef ein Sklaventreiber war, lag es nicht allein an ihm. Im Gegensatz zu seiner besten Freundin und Kollegin, Sherry Downe, die noch immer den Ehrgeiz und die Ambitionen besaß, die sie geteilt hatten, als sie beide frisch vom College gekommen waren und sich in die Arbeit bei Loeb-Weinstein gestürzt hatten, war Jacks Interesse an dem Job im Lauf der Zeit immer mehr erloschen. Jeder Tag war inzwischen ein einziger Kampf für ihn.

Finanzberatung, wo man eine ausführliche, persönliche Analyse für den Einzelnen anfertigte und gezielt jemandem helfen konnte, hörte sich viel interessanter an als Aktienhandel. Der Tod seines Schwagers hatte Jack davon überzeugt, dass das Leben zu kurz war, als dass man sich vor jedem Morgengrauen fürchten durfte.

“Nimm Urlaub”, schlug Sherry vor. “Ross und Kilmer fahren nächste Woche zum Angeln. Fahr mit.”

“Nie und nimmer.” Eine Woche mit diesen beiden abgedrehten Kollegen und er würde selbst verrückt werden. “Was ich brauche, ist eine Pause, damit ich mich mit meinem Lernstoff beschäftigen kann.” Das war keine Lüge. Die Finanzberaterprüfung verlangte ein erheblich breiteres Wissen, als er es sich als Börsenmakler in den letzten zehn Jahren angeeignet hatte.

“Na gut, dann setz dich für ein paar Wochen an den Pool deiner Apartmentanlage.”

“Ich brauche mehr Zeit”, gab Jack missmutig zu. Abgesehen vom Lernen brauchte er Zeit für sich, um seinen Kopf wieder freizubekommen und seine Zukunft zu planen.

“Dann kündige. Geh einfach weg. Du hast doch ein bisschen was gespart oder nicht?”

“Nicht genug”, erklärte Jack und verzog das Gesicht. “Außerdem …, erinnerst du dich an den Skiurlaub, den wir vor ein paar Jahren gemacht haben?”

Verwirrt nickte Sherry.

“Und das kleine Problem, mit dem ich am zweiten Tag zu kämpfen hatte?”

“Ich glaube, man nennt es eine Tanne.”

Jack warf ihr einen finsteren Blick zu. “Ha, ha. Nun, auf jeden Fall bin ich deshalb in der Krankenversicherung in die höchste Risikoklasse gerutscht.”

“Aber dein Bandscheibenvorfall ist doch geheilt worden!”

“Das ist den Versicherungsfritzen egal. Ich bin in die Risikoklasse gekommen und bleibe drin. Nur Multimillionäre können sich diese Beiträge leisten.” Jack fuhr sich frustriert mit der Hand durchs Haar. “Himmel, ich könnte nicht einmal die normalen Beiträge zahlen, wenn ich bei Loeb-Weinstein aufhöre. Und wenn ich erst einmal aus der Krankenversicherung raus bin, nimmt mich nie wieder eine Versicherung auf. Ich habe mich erkundigt. Deshalb ist Debs Trick die beste Lösung für all meine Probleme. Heiraten, in der Familienversicherung unterkommen, zu Hause bleiben und lernen.” Jacks Blick wurde noch grimmiger. “Außerdem, wenn es für sie okay ist, das zu machen, warum dann nicht für mich? Weil ich ein Mann bin? Das ist sexuelle Diskriminierung.”

Sherry gab sich geschlagen und stand auf. “Okay, Halloran. Ich hole uns noch etwas Champagner, und wenn ich auf eine Frau stoßen sollte, die auf der Suche nach einer Hausmann ohne Qualifikationen ist, gebe ich ihr deine Telefonnummer.”

Jack erspähte das letzte Fleischbällchen auf seinem Teller und spießte es mit der Gabel auf. “Tu das, Sherry. Ich wette, ich bin ebenso gut im Haushalt, wie Deb es sein wird.”

Während seine Freundin in der Menge verschwand, starrte Jack missmutig vor sich hin. Wie viele von diesen Veranstaltungen hatten Sherry und er in den letzten zehn Jahren besucht? Fünfzig? Hundert? Zweihundert?

“Ich bin es alles so leid”, murmelte er. Und damit meinte er nicht nur die albernen Hochzeiten.

Er war einunddreißig und fühlte sich wie einundneunzig. Ausgelaugt, ausgebrannt, frustriert. Seit Monaten hatte er schon keine Lust mehr, seiner Arbeit nachzugehen. Und bei vielen seiner Kollegen hatte er den gleichen Unmut bemerkt. Die Einzigen, die dem Ganzen entfliehen konnten, ohne verrückt zu werden, waren diejenigen, die unabhängige Finanzberater wurden – und Frauen, die heirateten.

Warum sollte er also nicht die gleiche Taktik anwenden? Das eine tun, um das andere zu erreichen?

Weil Männer so etwas nicht machten? Jack biss in das Fleischbällchen. Was für ein Unsinn!

Als Hausmann hätte er die Zeit, um alle prüfungsrelevanten Dinge zu lernen. Und es war ja nicht so, dass er mit dem Heiraten warten musste, bis er sich verliebte. Das würde er sowieso niemals tun. Nicht, nachdem er gesehen hatte, welche Folgen das haben konnte. Der Mann seiner Schwester war vor fast einem Jahr gestorben, und Tess war noch immer so niedergeschlagen, dass sie kaum den Alltag bewältigte.

Tess … Sie war ein weiterer Grund, warum er seinen aufreibenden Job an der Börse aufgeben wollte. Er musste dafür sorgen, dass sie endlich wieder ein normales Leben führte. Pete war ein großartiger Kerl gewesen, aber er war nicht mehr da. Jetzt wurde es für seine Schwester Zeit, wieder unter Leute zu kommen – doch anscheinend würde sie es nicht ohne Hilfe tun.

Und da er der Älteste aus dem Halloran-Clan war und der Einzige, der im Moment hier in Dallas lebte, hatte Jack entschieden, dass er derjenige war, der diese Hilfe leisten musste.

Auf Jacks Wunsch hin verließen Sherry und er die Hochzeit ziemlich früh und ließen sich den Wagen von einem Angestellten bringen.

Nach fünfzehn Minuten friedlichen Schweigens, wie es nur alte Freunde gemeinsam genießen können, drehte Sherry sich zu Jack um.

Er hob eine Augenbraue, hielt den Blick jedoch auf die Straße gerichtet. “Was ist?”

“Diese Sache mit dem Hausmann, das war doch nicht ernst gemeint, oder?”

Jack seufzte. “Pass auf, Sherry. Ich weiß, was du über die Ehe denkst.” Himmel, wenn er in ihrer Familie aufgewachsene wäre, würde er dieselbe Einstellung haben.

Und mal davon abgesehen, dass Liebe sowieso eine ziemlich dumme Idee war, welcher Mann, der noch alle seine Sinne beisammen hatte, würde sich schon freiwillig in die Rolle des traditionellen Ehemannes begeben und sich im Beruf abschuften, nur um Frau und Kinder zu ernähren, für die man nie Zeit hatte?

Als Hausfrau dagegen hatte man einen Traumjob. Die Post lesen, ein paar Lebensmittel einkaufen, Staub wischen, und das war’s. Den Rest des Tages hatte man frei.

Jack fuhr vom Highway herunter und bog in die Straße, in der Sherrys Wohnung lag. “Ich bin fertig, Sherry. Ich möchte es eine Weile langsamer angehen lassen. Hausarbeit wäre auf jeden Fall sehr viel entspannender und angenehmer als mit Aktien zu handeln und Jensen glücklich zu machen.”

Sherry schnaubte verächtlich. “Du glaubst, dass Wäschewaschen entspannend und Staubwischen angenehm ist? Du bist verrückt.”

Jack fand das nicht. Diese einfachen Hausarbeiten hörten sich himmlisch an, nachdem er zehn Jahre lang dem Dow Jones hinterhergejagt war, aber er erwartete nicht, dass Sherry es verstand.

Sie hatte die Börse sozusagen im Blut. Jack nicht.

“Glaub mir, so wie ich mich im Moment fühle, ist alles besser, als Jensen den Weg an die Spitze zu ebnen”, beharrte Jack und parkte den Wagen. Nachdem sie beide ausgestiegen waren, warf er ihr den Schlüssel zu und kletterte in seinen Jeep, den er ganz in der Nähe abgestellt hatte.

“Wollen wir morgen zum Brunch zu Smitty’s gehen?”, fragte er, als er den Motor anließ.

“Geht nicht”, erwiderte Sherry, während sie nach ihrem Haustürschlüssel suchte. “Ich treffe mich mittags mit einer neuen Kundin.”

“Am Sonntag?” Jack schüttelte den Kopf. Das war genau das, was er nicht länger wollte.

“Ihre Tante, die schon seit Jahren meine Kundin ist, will ihr ein paar Aktien schenken, damit sie sich eine Rentenversicherung zulegen kann. Und sie hat nur sonntags Zeit, um die Sachen mit mir durchzugehen.”

“Keine Angst.” Sherry grinste Jack an. “Wenn sie so aussieht, als brauchte sie einen Hausmann, verweise ich sie an dich.”

“Entschuldigung”, murmelte Melinda automatisch, während sie dem Oberkellner durch das volle Restaurant zu einer Nische folgte.

Dabei blieb ihr Arztkittel an einem Stuhl hängen, und während sie ihn mit einer weiteren Entschuldigung wieder löste, knisterte es in ihrer Kitteltasche. Das Schreiben von der Stadtverwaltung. Frustration machte sich in ihr breit.

Eine Beschwerde wegen des nicht gemähten Rasens, du lieber Himmel! Wie konnte es angehen, dass die Sache so aus dem Ruder gelaufen war? Und wie sollte sie das alles wieder unter Kontrolle bringen? Ihre Frustration verwandelte sich in reine Verzweiflung. Irgendwie musste sie es schaffen.

“Ihr Tisch, Madam.” Der Oberkellner deutete auf die Nische und verschwand.

“Miss Downe?” Melinda streckte der Frau, die in der Ecke saß, die Hand entgegen. Sie war für die Gelegenheit passend in ein maßgeschneidertes Seidenkostüm gekleidet und hatte ein höfliches Lächeln auf den Lippen. Im Gegensatz zu mir, dachte Melinda deprimiert. Ich, in einem von Moms alten Kleidern, weil nichts von meinen Sachen sauber ist. “Melinda Burke. Tut mir leid, dass ich zu spät komme – wir mussten bei einem Dreijährigen eine Blutung stoppen.”

“Medizinische Notfälle gehen vor”, erklärte die die Börsenmaklerin, während sie Melindas Hand schüttelte. “Bitte, nehmen Sie Platz. Und nennen Sie mich Sherry.”

“Und ich bin Melinda oder Hey, Burke!”, meinte Melinda halb scherzend und setzte sich.

“Ich habe einfach schon bestellt”, sagte Sherry. “Ich hoffe, das war okay.”

“Natürlich. Ich nehme dasselbe wie die Dame”, sagte sie zu dem Kellner, der an ihrem Tisch aufgetaucht war.

Als Melinda sich auf der gepolsterten Bank niederließ, knisterte der Brief in ihrer Tasche erneut. “Gefährdung der öffentlichen Gesundheit.” Wieder stieg Wut in ihr auf.

Verflixt, zum ersten Mal in ihrem Leben als Erwachsene war sie hilflos. Und allein das machte ihr Angst. Sie hatte gerade zwanzig Minuten lang die Arterie eines Kleinkindes zugenäht, aber der Haushalt und der Garten trieben sie in den Wahnsinn. Nicht in der Lage zu sein, diese lächerlichen Situationen zu meistern und weiterzumachen, das war schlichtweg entnervend.

Sherry zog einen Stapel Broschüren aus ihrer Aktentasche. “Wir können erst essen, wenn Sie möchten”, erklärte sie freundlich, “Ich habe Ihnen Unterlagen über Rentenfonds mitgebracht, die Sie sich anschauen können.”

Melinda spürte, dass ihr Blutdruck stieg. Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen. Sie presste ihre Serviette vors Gesicht. “Entschuldigung”, sagte sie und hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. Lächerlich! “Es ist nur …”

“Sie hassen Finanzberichte”, beendete Sherry den Satz für sie. “Ich verstehe.”

“Oh nein. Ich bin sicher, sie sind … faszinierend”, brachte Melinda schließlich heraus, was Sherry jedoch nur schmunzeln ließ.

Melinda lächelte ebenfalls. “Na ja, sie könnten eine einschläfernde Wirkung auf mich haben”, gab sie zu, als der Kellner ihnen den Salat brachte. “Das heißt, wenn ich Zeit hätte, sie zu lesen.”

Sherry sah sie ernst an. “Sie sind zu beschäftigt, um sich um Ihre Zukunft zu kümmern?”

Der Brief von der Stadtverwaltung knisterte wieder, als Melinda ihre Serviette auf den Schoß legte und nach ihrer Gabel griff. “Ich bin zu beschäftigt, um zur Toilette zu gehen”, stöhnte sie ungewollt auf. Normalerweise handhabte sie die Dinge so, wie man es Chirurgen beibrachte: Klage nicht, bring es in Ordnung.

Doch im Augenblick gab es so viel, was in Ordnung gebracht werden musste. “Wenn der Supermarkt in der Nähe des Krankenhauses nicht rund um die Uhr geöffnet hätte, würde ich nicht einmal frische Unterwäsche tragen”, gab sie zu, “weil ich es nicht schaffe, zur Wäscherei oder zur Reinigung zu gehen.” Sie zog das Schreiben aus der Tasche. “Ich arbeite sogar so viel, dass man mir gedroht hat, mich wegen nicht erfüllter Rasenmähpflichten zu verklagen!”

Während Melinda sprach, hatte Sherry ihre Gabel auf den Salatteller gelegt und sich vorgebeugt. Jetzt starrte sie Melinda an, als wäre sie total von ihr fasziniert. “Erzählen Sie weiter.”

Melinda rückte ihre Brille zurecht. Schon vor Wochen hatte sie es aufgegeben, Kontaktlinsen zu tragen, weil sie viel zu wenig Schlaf bekam. Sie faltete den Brief auseinander und warf ihn auf den Tisch. “Gestern Nacht, als ich endlich, nach ungefähr einer Woche, mal wieder dazu gekommen bin, meine Post durchzusehen, habe ich das hier gefunden – es ist ein Schreiben von der Stadtverwaltung, die erklärt, der Rasen meiner Eltern stelle ein öffentliches Ärgernis dar.”

Sherry sah sie erstaunt an. “Was hat das mit Ihnen zu tun?”

“Ich soll mich um das Haus kümmern, während meine Eltern im Oman sind”, erklärte Melinda. “Mein Vater arbeitet für eine Ölfirma.” Sie schob ihren Salat, den sie kaum angerührt hatte, beiseite und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. “Ich hab’s versucht, ehrlich, aber …” Sie fluchte leise. “Ich nehme an der Ausbildung zum Kinderchirurgen am Southwestern Hospital teil. Dr. Bowen ist einer der Besten auf diesem Gebiet. Er geht völlig in seiner Arbeit auf und erwartet von uns dasselbe. Ich habe mein ganzes Leben lang darauf hingearbeitet und werde seinen Anforderungen genügen.” Verdammt, nein, sie würde sie übertreffen.

Seit sie zehn Jahre alt war, hatte sie all ihre Zeit und Energie darauf verwandt, Kinderchirurgin zu werden. Um anderen Familien den Schmerz zu ersparen, den ihre Familie erleiden musste, als ihr kleiner Bruder starb.

“Ich vermute, dass Sie eine Menge Verpflichtungen haben”, meinte Sherry.

“Viel zu viele”, erwiderte Melinda. “In meiner Wohnung habe ich es gerade noch so geschafft, mich durchzuwursteln. Doch dann haben mir meine Eltern die Schlüssel zu ihrem Haus gegeben, und jetzt muss ich mich um ihr Haus und den riesigen Garten kümmern. Und ein verflixter Pool gehört auch dazu.” Sie schob ihre ständig rutschende Brille wieder hoch. “Meine Eltern haben mich immer in meinem Wunsch, Ärztin zu werden, unterstützt. Sie haben mich nie um etwas gebeten. Bis jetzt. Nun habe ich das Gefühl, dass ich sie im Stich lasse, aber ich … ich kann einfach nicht alles schaffen!”

“Damit meinen Sie nicht nur Wäschewaschen und Schlafen, oder?”

“Ha!” Melinda zählte die Dinge an ihren Fingern ab. “Der Pool ist nicht mehr gereinigt worden, seit meine Eltern weg sind. Ich habe meine letzten beiden Gehaltsschecks nicht eingelöst. Ich habe einen Stapel mit unbezahlten Rechnungen zu Hause liegen, weil ich nicht die Zeit finde, mich hinzusetzen und Überweisungen auszuschreiben! Die Wasserwerke sind ziemlich empört darüber und haben gedroht, mir das Wasser abzustellen. Und jetzt das hier …” Sie zeigte auf das Schreiben der Stadtverwaltung, bevor sie noch einmal leise fluchte. “Ich brauche Hilfe, aber ich habe nicht einmal die Zeit, all die verschiedenen Service-Agenturen zu kontaktieren, die ich brauche.”

“Sie sprechen nicht von einer dauerhaften Regelung, oder?”, wollte Sherry wissen.

“Nein, nur bis meine Eltern zurückkommen. Höchstens sechs Monate.”

Der Kellner tauchte plötzlich auf, tauschte die Salatteller gegen das Hauptgericht aus und war wieder verschwunden.

Melinda betrachtete die Hähnchenbrust in Sahnesauce. “Ich glaube, ich würde alles für ein selbst gekochtes Essen geben”, meinte sie bedauernd. “Und für saubere Wäsche.”

Sherrys Lippen verzogen sich zu einem seltsamen Lächeln.

Melinda griff nach der Gabel. “Ich denke, ich sollte einen Zeitmanagement-Kursus besuchen. Oder …”

“Was Sie brauchen”, unterbrach Sherry sie, “ist eine Hausfrau. Und ich kenne genau den richtigen Mann für den Job.”

2. KAPITEL

Melinda ermahnte sich, den Mund zu schließen und nicht auf das zu hören, was in ihrem Kopf vor sich ging: ein Jubilieren, als wäre die Kavallerie zu ihrer Rettung angerückt. “Ich brauche eine Hausfrau?”, wiederholte sie schließlich. “Sie meinen das nicht ernst, oder?”

“Todernst”, erwiderte Sherry lächelnd. “Sie brauchen eine von den Frauen aus den fünfziger Jahren. Sie wissen, die Ehefrau, die zu Hause bleibt. Die Art von Frau, die heutzutage niemand mehr sein will. Jemand, der sich um das Haus und all Ihre persönlichen Dinge kümmert, während Sie Karriere machen.”

“Und Sie kennen den richtigen Mann für den Job.”

“Seit der dritten Klasse.”

Das war verlockend. Eine einfache, clevere Lösung für einen Haufen von Problemen. “Was nimmt er dafür?”, fragte Melinda.

Sherry grinste. “Der Mann, von dem ich rede, will als Lohn einen Ehering. Und eine Krankenversicherung.”

“Was?!”

“Eigentlich ist er Börsenmakler”, erklärte Sherry. “Aber er hat seinen Job satt und braucht ein wenig Zeit, um für sein Examen als Finanzberater zu lernen, doch er muss versichert bleiben, während er nicht arbeitet. Außerdem glaubt er, dass ein Mann, der kündigt, weil er heiratet, ein Zeichen gegen Geschlechterdiskriminierung setzt oder so.”

“Oh”, meinte Melinda, und verwarf enttäuscht diese anscheinend brillante Idee, die ein Ausweg aus dem täglichen Haushaltskram gewesen wäre, der ihr Leben ruinierte. “Er ist verrückt. Na ja, dann …”

“Ich gebe zu, dass ich das auch gedacht habe, als er mir zuerst mit dieser Idee kam, aber jetzt …” Sherry sah sie nachdenklich an. “Jetzt glaube ich, dass es die perfekt Lösung für Sie beide wäre.”

Melinda stocherte in ihrem Essen herum. Waren sie beide verrückt geworden? Sie konnte doch nicht jemanden heiraten, den sie noch nie gesehen hatte. Oder? Nein, sie sollte dieses absurde Thema fallen lassen und zurück ins Krankenhaus fahren. Sie musste noch einiges erledigen, bevor Bowen zu seiner Abendvisite kam. “Was ist, wenn ich bereits mit jemandem liiert bin?”

“Sind Sie nicht. Ihre Tante Gertrude hat mir alles von Ihnen erzählt, mit Ausnahme Ihrer kriminellen Handlungen bezüglich des Rasens.”

“Wie gut kennen Sie meine Tante?”

“Sie ist seit fast zehn Jahren meine Kundin.”

Zehn Jahre? Tante Gertrude ging nicht einmal zwei Mal zum selben Friseur. Sie schien Sherry Downe wirklich zu vertrauen.

Vielleicht war es also doch nicht solch eine verrückte Idee. “Dieser Typ, der Hausfrau spielen will … Sie kennen ihn seit der Grundschule?”

“Ja. Sie könnten niemand Besseren als Jack Halloran finden. Er ist smart, verantwortungsbewusst, vertrauenswürdig – und von Natur aus jemand, der sich gern um andere kümmert.”

“Wenn er so wunderbar ist, warum ist er dann noch nicht verheiratet?”

“Weil Jack nicht an wahrer Liebe interessiert ist”, erklärte Sherry so überzeugend, dass Melinda keinen Zweifel an ihren Worten hegte.

“Ist er schwul?”, fragte sie, obwohl ihr seine sexuellen Neigungen völlig egal sein konnten. Selbst wenn sie diesen Fremden heiratete, würde sie nicht auf die Idee kommen, mit ihm ins Bett zu gehen … oder?

Sherry schüttelte den Kopf.

Okay. Als wenn sie für so etwas überhaupt Zeit hätte.

“Treffen Sie sich mit ihm”, schlug Sherry vor. “Und dann entscheiden Sie sich. Aber ich verspreche Ihnen, wenn Sie Jack heiraten, sind Sie Ihre Probleme los.” Sie deutete auf den Brief von der Stadtverwaltung. “Bevor die noch einmal auftauchen, sieht der Garten Ihrer Eltern aus wie ein Golfplatz. Und Sie werden immer saubere Wäsche haben, selbst gekochte Mahlzeiten …”

Himmel, das klang wirklich verlockend. Melinda legte ihre Gabel beiseite und lächelte Sherry an.

Eine Welle der Begeisterung und Hoffnung schwemmte ihr schlechtes Gewissen, ihre Frustration und ihre Erschöpfung davon. Das ist es, was Chirurgen machen, redete sie sich ein. Das Problem benennen, eine Lösung finden und dann handeln. “Ihr Freund Jack würde das wirklich tun? Für sechs Monate Hausfrau spielen, bis ich meine Ausbildung in der Chirurgie abgeleistet habe, und dann einfach verschwinden?”

Sherry sah Melinda einen Moment lang schweigend an.

Die Spannung wuchs.

Dann nahm Sherry ihre Aktentasche auf den Schoß. “Wir können ihn ja fragen”, sagte sie und zog ein Handy heraus.

Erschaudernd schlug Jack die Tür zum Schlafzimmer und dem darin herrschenden Chaos zu. Zum Glück würde die Frau, die einen Hausmann suchte, nicht seine Wohnung in Augenschein nehmen.

Trotzdem musste er sich bemühen. Er wusste immer noch nicht, warum er zugestimmt hatte, diese Ärztin zu treffen, die absolut verrückt sein musste. Abgesehen davon, dass Frauen nicht die Einzigen sein sollten, denen gleiche Rechte zustanden. Er hasste seinen Job so sehr wie Umweltschützer eine Ölpest, und er benötigte viel Zeit, um für das verflixte Examen zu lernen. Und es wäre zur Abwechslung ja auch mal ganz nett, wenn jemand seine Hilfe wirklich brauchte.

Nicht so wie Tess, die gerade ein Telefonat mit ihm abrupt abgebrochen hatte, bevor Sherry anrief.

Jack brummte frustriert, während er die Treppen hinunterlief. Verdammt, er wusste, dass Tess Pete vermisste. Hatte er die beiden nicht immer insgeheim darum beneidet, wie verliebt sie ineinander gewesen waren? Aber das unterstrich genau seine Theorie. Der einzig sichere Weg, sich einer Ehe zu nähern, war, sie als Geschäft zu betrachten.

Er stieg in seinen Jeep und fuhr zum Restaurant. Sich zu verlieben war einfach zu gefährlich.

Im Alter von siebenundzwanzig Jahren war bei Pete Malloy Krebs festgestellt worden, und acht Monate später war er gestorben. Und ein Jahr später sagte Tess immer noch, dass sie nicht bereit sei, mit ihrem Leben fortzufahren – sprich, sich wieder mit einem Mann zu verabreden.

Niemals werde ich mich solch einem Schmerz aussetzen, dachte Jack.

Andererseits war ihm mit seinen einunddreißig Jahren auch noch keine Frau begegnet, die ihn so in den siebten Himmel versetzt hatte, wie es bei Pete und Tess gewesen war, also war er wahrscheinlich immun gegen große Gefühle. Noch ein Grund, warum er also ruhig diese Ärztin heiraten konnte.

Wenn er es nicht tat, musste er weiterhin für den Sklaventreiber Jensen arbeiten. Himmel, die Nachtschicht im gefährlichsten Lebensmittelladen in Süd-Dallas ist ansprechender als das, dachte Jack, als er auf den Parkplatz des Restaurants bog und den Motor ausschaltete.

Einen Moment lang saß er da und überlegte, was die Ärztin wohl von ihm erwartete – in Bezug auf hausfrauliche Pflichten.

Denn sie hatte doch wohl nicht vor, ihn als ihr Sex-Spielzeug zu benutzen? Es war ja nicht so, dass er eine Frau unbedingt lieben musste, um mit ihr ins Bett zu gehen, aber Sex unter solchen Bedingungen? Sozusagen auf Befehl …?

Jack schüttelte sich und sprang aus dem Wagen.

Während er noch immer überlegte, ob er jetzt völlig übergeschnappt war, schlenderte er zum Restaurant, nannte dem Empfangschef seinen Namen und folgte ihm dann durch den Saal.

Was war, wenn Dr. Burke ihn ablehnte?

Das durfte sie nicht! Jack blieb mitten im Restaurant stehen, als ihm die Sachlage klar wurde: Entweder er heiratete die Ärztin oder er würde Regale im Supermarkt auffüllen. Er hatte die Nase voll von seinem Boss Jensen und von der Börse, doch er war nicht mehr so naiv, um nicht zu wissen, dass ein Mann in seinem Alter eine Krankenversicherung brauchte. Verdammt, schon allein das Fahren auf den Straßen von Dallas stellte ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko dar.

“Sie musste mit dem Krankenhaus telefonieren”, sagte Sherry, als Jack sie allein in ihrer Nische fand. “Sie kommt gleich wieder.”

Jack spürte, dass ihm der Schweiß ausbrach, als er sich ihr gegenüber auf die Bank fallen ließ. “Sag mir noch einmal, wer von uns am verrücktesten ist, Sherry – du, ich oder diese Medizinerin?”

Sherry ließ sich nicht auf diese Diskussion ein. “Wie geht es Tess?”

Jack runzelte die Stirn. “Wie immer”, gab er grimmig zu. “Sie geht zur Arbeit, aber das ist es auch. Sie will nicht einmal bei mir vorbeikommen, um mit mir einen Videofilm anzuschauen.”

Sherry zog eine Grimasse. “Vielleicht deshalb, weil du das letzte Mal, als sie aus dem Grund zu dir gekommen ist, einen Typen eingeladen hattest?”

“Bailey ist ein richtig netter Kerl”, verteidigte Jack sich. War er eigentlich der Einzige, den es bekümmerte, dass seine Schwester sich in ihrem Schneckenhaus zurückzog? “Ich versuche nur, ihr zu helfen.”

“Offenbar will Tess deine Hilfe nicht”, meinte Sherry geduldig. “Aber hier kommt jemand, der sie braucht.”

Dieser Jemand trug eine wuchtige Brille im Stil des Sängers Elvis Costello, und hatte schulterlanges dunkles Haar, das locker zusammengebunden war.

Normale Größe, ungefähr sein Alter.

Ihre Figur war nicht recht auszumachen – ein weißer Arztkittel hing über etwas, was dunkel und sackartig aussah. Aber ihre Figur war ohnehin egal.

Jack stand auf, als die Frau näher kam.

“Melinda, darf ich Ihnen …”, begann Sherry.

“Jack Halloran”, unterbrach er sie. Schluss den Förmlichkeiten. Konnte sie denn nicht sehen, dass die Frau am Ende ihrer Kräfte war?

Man brauchte nicht Hercule Poirot zu sein, um die bleierne Müdigkeit in ihren zusammengesunkenen Schultern und an den Ringen unter ihren Augen zu erkennen.

“Jack, Dr. Melinda Burke”, ergänzte Sherry.

“Freut mich, Sie kennenzulernen”, sagte die Frau.

“Ebenso”, entgegnete er ungeduldig, doch sie blieb regungslos stehen. “Verflixt, setzen Sie sich, bevor Sie umfallen!”, schlug er vor. Okay, vielleicht brüllte er es auch, aber nur, weil sie schwankte. Ja, sie brauchte wirklich jemanden, der sich um sie kümmerte.

Sherry lachte leise.

Es dauerte noch einige Sekunden, doch dann schlüpfte Dr. Burke in die Bank.

Ihr Haar glänzte wie ein Riegel Zartbitterschokolade, als sie es über die Schulter zurückwarf. Jack verspürte den Wunsch, es zu berühren.

“Okay, wo wollen wir anfangen?”, fragte Sherry, nachdem Jack sich neben sie gesetzt hatte. “Wie wäre es, wenn wir uns als Erstes darauf einigen, uns zu duzen?” Als die anderen beiden nickten, fuhr sie fort: “Dann zu den Fragen. Melinda, möchtest du anfangen?”

Melinda hob abrupt den Kopf; die plötzliche Bewegung ließ ihre Brille auf die Nase rutschen.

Und Jack verlor sich in ihren wunderschönen jadefarbenen Augen, die mehr als nur Erschöpfung verrieten. In den grünen Tiefen erkannte er einen Hauch von Verzweiflung und Trauer, so ähnlich wie manchmal auch bei seiner Schwester. Er rieb sich über das Kinn. Er mochte es vielleicht nicht schaffen, seine Schwester dazu zu bringen, ihr gesellschaftliches Leben wieder aufzunehmen, aber wenn er konnte, würde er dieser Ärztin helfen, ihre Ausbildung zu beenden.

“Nun”, sagte Sherry lachend, “wie ich sehe, hat Jack sich bereits entschieden. Bleibst nur noch du, Melinda. Willst du diesen Mann als deinen Hausmann nehmen? Um ihn zu ernähren und zu beschützen, während er Staub wischt und Wäsche wäscht?”

“Gegen Kost, Logis und Krankenversicherung”, ergänzte Jack.

Melinda nickte. “Sherry hat mir Ihre … pardon, deine Bedingungen genannt. Als Ehemann wärst du bei mir mitversichert.”

“Das ist in Ordnung”, meinte Jack.

Melinda wusste, sie sollte sich die Zeit nehmen, den Mann gründlich zu befragen und seine Referenzen zu prüfen, aber das war doch der Grund, warum sie diese absurde Idee überhaupt in Erwägung zog: Sie hatte keine Zeit für normale Aktivitäten! Sie brauchte einen Hausmann. Und wenn er dann auch noch so aussah wie Jack Halloran …

Der Typ war ein Prachtexemplar! Groß, schlank, breite Schultern, Waschbrettbauch, schmale Hüften. Ein gutes Kinn, ein fein geschnittener Mund. Dichtes Haar mit einem perfekten Schnitt, braun mit goldenen Strähnen. Himmel, selbst der Wirbel über seiner linken Augenbraue, der eine Haarsträhne nach oben stehen ließ, sah sexy aus. Und dann diese tiefblauen Augen!

Melinda stellte sich vor, wie sie in diese wunderbar sinnlichen Augen schaute, während sie deren Besitzer kühl mitteilte, dass er den Boden in der Küche wischen oder die Wäsche waschen sollte.

Je länger sie darüber nachdachte, desto absurder erschien ihr das Ganze.

“Eine Putzfrau, das ist es, was ich brauche. Keinen Hausmann.” Melinda fummelte an ihrer Handtasche herum, während die beiden anderen wie erstarrt dasaßen. Okay, sie wollte kneifen, aber mal ehrlich – wie sollte dieser verrückte Plan überhaupt funktionieren? “Ich … ich werde einfach eine Agentur anrufen.” Sie schnappte sich das Schreiben von der Stadtverwaltung, vergewisserte sich, dass ihr Pieper in der Tasche steckte, und rutschte an den Rand der Bank. “Tut mir leid, dass ich eure Zeit verschwendet habe.”

“Nein.” Jack stand geschmeidig auf und blockierte ihr den Weg.

“Du brauchst mehr als den üblichen Putzservice”, informierte er sie. “Du brauchst jemanden – mich – der sich um alles kümmert, wozu du keine Zeit hast. Wie Kochen und Fensterputzen und so weiter.”

“Würdest du auch die Rechnungen begleichen?”, fragte sie, sehr in Versuchung geführt. “Den Pool reinigen?”

“Sicher. Alles. Reifen wechseln, Rasen mähen, Glühbirnen austauschen.” Seine Stimme war tief und beruhigend, die Liste fast erotisch hypnotisierend. “Was du gerade brauchst. Ich bringe dir sogar Kaffee ans Bett.”

Ihre Lieblingsfantasie. “Das würdest du tun?” Sie konnte der Verlockung schon kaum noch widerstehen. “Ich muss um fünf Uhr aufstehen.”

“Kein Problem”, versicherte er ihr. “Ich bin ein Morgenmensch.”

“Was ist mit Sex?”, krächzte Sherry nach einem kurzen Hustenanfall und hob dann ergeben die Hände, als Jack und Melinda sie entgeistert anstarrten. “Hey, ich versuche nur zu helfen. Ihr solltet möglichst alles im Vorwege klären.”

Melinda wartete. Sie wusste genau, was er sagen würde.

Und prompt tat er es. “Natürlich kein Sex.”

“Natürlich nicht”, stimmte Melinda zu. Sie glaubte ohnehin nicht, dass Sex ohne Liebe so befriedigend war. Und ganz sicher hatte sie keine Zeit für Liebe. Im Moment jedenfalls nicht.

“Zumindest nicht sofort”, fügte Jack hinzu.

Ruckartig hob sie den Kopf, und die Brille rutschte ihr wieder auf die Nase.

“Wir können das Thema später immer noch einmal anschneiden, wenn wir unsere Meinung ändern sollten.” Sein gelangweilter Ton ließ klar erkennen, dass er das für ziemlich unwahrscheinlich hielt.

“Dann ist es also beschlossen”, erklärte Sherry triumphierend. “Es sei denn … Noch irgendwelche Fragen, Melinda?”

‘Ja. Wer ist hier verrückt?’, dachte sie und sah zu Jack, der sich wieder gesetzt hatte. “Von welchem Zeitraum reden wir?”

“Sechs Monate hat Sherry gesagt.” Jack zuckte mit seinen breiten Schultern. “Dann lösen wir unseren Vertrag auf.”

Noch eine Frage schoss ihr durch den Kopf. “Wie viel Zeit brauchst du täglich für dein Studium?”

Er winkte nonchalant mit der Hand. “Das nehmen wir, wie es kommt. Ich werde alles erledigen, was erledigt werden muss.”

Das klang höchst verlockend. Aber sollte sie ihn deswegen gleich heiraten? Nicht, dass sie irgendetwas zu verlieren hätte, wenn sie sich scheiden ließen – abgesehen von der Hälfte ihres riesigen Studiengebühren-Schuldenberges. “Könntest du nicht einfach einziehen und …”

“Nein.” Jack schüttelte energisch den Kopf. “Die Krankenversicherung, erinnerst du dich? Außerdem …”, er zwinkerte ihr zu, “… will ich ein Zeichen gegen sexuelle Diskriminierung setzen.”

Aha. “Und was genau ist deine Meinung dazu?”

“Wenn eine Frau Ärztin sein kann, statt zu kochen und zu putzen”, erklärte Jack ruhig, “dann kann der Mann auch zu Hause bleiben und die Hausarbeit machen, ohne dass man ihn für einen Faulpelz hält.”

‘Was soll man dagegen sagen?’, dachte Melinda, während sie auf ihrer Unterlippe kaute und versuchte, eine vernünftige Entscheidung zu treffen.

Nun, sie brauchte Hilfe. Er war verfügbar – und auf jeden Fall viel billiger, als wenn sie wer weiß wie viele Leute anstellen musste, um all das zu erledigen, was getan werden musste. Und er schien nett zu sein. Sherry bürgte für ihn. Tante Gertrudes zehnjährige Loyalität bürgte für Sherry …

“Okay”, sagte sie und fühlte sich auf einmal von einer großen Last befreit. “Lass uns morgen zum Standesamt gehen und …”

“Nein!”, riefen Jack und Sherry gemeinsam.

“Nein?” Melinda schüttelte verwirrt den Kopf. “Aber ich dachte …”

“Aber ja”, sagte Jack und griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie sanft. Ein Gefühl, fast wie ein elektrischer Schlag, durchzuckte sie. “Ich freue mich, dich zu heiraten, Melinda.”

Aus Sicherheitsgründen entzog sie ihm ihre Hand. “Was ist denn?”

“Keine überstürzte Hochzeit”, beharrte Sherry.

Jack nickte. “So setzt man kein Zeichen”, begann er und grinste leicht verlegen. “Und außerdem – während der letzten zehn Jahre haben Sherry und ich uns für Kollegen, die wir kaum kannten und meistens nicht einmal mochten, an den Wochenenden in Schale geworfen, trockene Häppchen gegessen und genügend Platzteller aus hässlichen, teuren Geschirrserien gekauft, um unsere eigene Festtafel damit auszustatten …”

“Ich verstehe schon”, unterbrach Melinda ihn. “Hier geht es um Rache, stimmt’s? “Genau.” Jack grinste sie an. Es war wie ein Sonnenschein, der durch dunkle Regenwolken drang. Es machte sie ganz benommen.

“Aber … ich brauche …” Melinda biss sich auf die Zunge und unterdrückte damit den Rest des Satzes: jetzt Hilfe, verdammt! Laut Dr. Bowen zeigten Chirurgen niemals Emotionen. “Braucht man nicht Monate, um eine große Hochzeit vorzubereiten?”

“Keine Angst”, erwiderte Jack und griff erneut nach ihrer Hand. Das gleiche elektrische Prickeln. Sehr merkwürdig. “Sherry und ich können in Windeseile eine organisieren.”

Seine Freundin, die Kupplerin, nickte. “Stimmt. Und wir werden den Rasen sofort mähen – das erklär ich dir später”, sagte sie zu Jack.

“Ich habe eine zweiwöchige Kündigungsfrist”, meinte Jack. “Wenn du es bis dahin aushalten kannst, können wir die Zeit als unsere Verlobungszeit betrachten.”

Ein absolut merkwürdiges Gefühl erfasste Melinda. Kaffee ans Bett. Saubere Unterwäsche. Keine unangenehmen Mahnschreiben mehr.

“Okay”, sagte sie. “Also in zwei Wochen.”

Sie gingen hinüber zur Bar, um die Details zu besprechen

Sherry bestellte Champagner und brachte einen Toast auf ein beiderseitig zufriedenstellendes Arrangement aus.

Nach einem hastigen Schluck fragte Melinda, ob sie von ihr noch etwas brauchten, um die Hochzeit zu planen. Ansonsten würde sie zurück ins Krankenhaus fahren.

Jack seine tiefblauen Augen auf sie. “Gibt es eine Kirche oder einen Pastor, von dem du dich gern trauen lassen würdest?”

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund zuckte Melinda zusammen und verschüttete ein wenig Champagner. Sei nicht albern, ermahnte sie sich. Hieran ist nichts Romantisches. Es ist eine kluge Lösung für ein drängendes Problem, mehr nicht.

Jack schaute seine alte Freundin an. “Also, was denkst du?”

Sherry zuckte mit den Achseln. “Der Empire Club. Samstag, fünfzehn Uhr.”

“Wenn wir ihn bekommen können”, meinte Jack und betastete seine Hemdtasche, dann seine Oberschenkel.

Melinda nahm einen Stift und einen Block aus ihrem Arztkittel und reichte sie ihm.

“Danke”, sagte er abwesend, und machte sich eine Notiz. “Rufst du den Friedensrichter an, den du kennst, Sherry?”

Sie nickte und zog einen ledergebundenen Notizblock aus ihrer Aktentasche.

“Blumen?”, fragte Jack.

Melinda nippte an ihrem Champagner; Jack fragte nicht sie.

“Meine Freundin Fanny wird uns einen fairen Preis machen.”

Jack nickte erneut und machte noch eine Notiz. “Musik?”

“Jazzy Jake. Leichtes aus den Achtzigern.”

Noch ein Nicken, noch eine Notiz. “Essen?”

“Kuchen, Hors d’oeuvres. Getränke an der Bar müssen selber gezahlt werden.”

Nicht gerade die Art und Weise, wie ich mir vorgestellt habe, meine Hochzeit zu planen, dachte Melinda, lächelte aber, während die Freunde im Maschinengewehrtempo fortfuhren.

“Da wir gerade vom Kuchen sprechen, wo sollen wir …”? Jack brach ab und grinste.

Sherry erwiderte das Grinsen. “Austin’s!”, riefen sie im Chor.

Es wurde aufgeschrieben, dann folgte die nächste Frage: “Smoking?”

“Bei First Night.”

“Sie verleihen auch Brautkleider”, sagte Sherry. “Es ist sinnlos, eins zu kaufen. Ich kümmere mich gleich morgen darum. Welche Größe hast du?”

Melinda zuckte zusammen, als sie merkte, dass sie gefragt wurde. Bevor sie antworten konnte, meinte Sherry jedoch schon: “Achtunddreißig, stimmt’s?”

Siehst du, sie brauchen dich gar nicht, dachte Melinda und nickte höflich. Es war ihr nur recht. Sie hätte sowieso nicht viel dazu beitragen können. Sie hatte Dinge wie Verabredungen, Tanzen und romantische Hochzeitfantasien schon vor Jahren aufgegeben, um ihr berufliches Ziel zu erreichen. Und jetzt besaß sie einen Doktortitel. Was bedeutend wichtiger ist als ein Mrs. vor dem Namen. Nicht nur für sie, sondern für all die kleinen Kinder wie ihren Bruder.

Einen bekannten Anflug von Trauer unterdrückend, richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die beiden Hochzeitsplaner.

Jack schrieb, während er murmelte: “Musik während der Trauung – wie üblich.” Er sah Sherry an. “Wollen wir einen Solisten?”

“Nein!”, riefen sie zusammen und lachten dann.

Melinda kontrollierte ihren Pieper. Sie war nicht eifersüchtig auf Sherrys und Jacks Freundschaft. An der ganzen Sache interessierte sie lediglich die Hilfe, die sie brauchte, um Haus und Garten ihrer Eltern in Schuss zu halten. Und saubere Wäsche – unabhängig davon, wie lange sie arbeitete.

“Trauzeugen?”, fragte Sherry.

“Meine Brüder könn…”

“Du hast Brüder?”, unterbrach Melinda ihn und verspürte die vertraute Beklommenheit, die sie jedes Mal bei diesem Thema erfasste. “Mehrere?”

“Ja.” Jack klang so beiläufig, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. “Drei. Und eine Schwester.”

Unglaublich. Umwerfend aussehen und auch noch Geschwister haben. Der Mann war ein Glückspilz.

“Mike ist wie üblich außer Landes”, fuhr Jack fort. An Sherry gewandt, natürlich. “Wenn wir die anderen beiden vielleicht einfach ignorieren …”

“Träum weiter”, sagte seine Freundin. “Die werden darauf bestehen, dabei zu sein.”

“Brautjungfern?”, fragte Jack.

Melinda spürte, dass jemand gegen ihren Fuß stieß. “Brautjungfern”, wiederholte Jack. “Wie viele willst du haben?”

Die wirkliche Frage war, wie viele Frauen kannte sie gut genug, um sie zu bitten. “Oh, Sherry, selbstverständlich.”

Sie wurde mit einem Lächeln belohnt.

Melinda schaute zu Jack. “Deine Schwester?”

Nach kurzer Überlegung schüttelte er den Kopf. “Nein.” Als Sherry einen Protestlaut von sich gab, schob er das Kinn vor. “Sie muss ihr soziales Leben wieder aufnehmen, aber das wäre zu viel verlangt”, erklärte er ernst. “Sie ist noch nicht so weit. Meine Schwester hat im letzten Jahr ihren Mann verloren”, erzählte er Melinda. “Es fällt ihr schwer, ihre Trauer zu überwinden.”

“Sonst noch jemand?”, fragte Sherry und bedachte Jack mit einem Stirnrunzeln, das er geflissentlich übersah. “Wir brauchen noch eine Partnerin für den zweiten Halloran.”

“Na ja, meine Cousine vielleicht.” Sie standen sich nicht sonderlich nahe, aber da Tante Gertrude nur Beerdigungen beiwohnte und Melindas Eltern in Oman waren, fiel Melinda nur noch Noreen ein. “Wenn sie Zeit hat. Sie hat ein ziemlich kleines Baby …”

“Gib Sherry die Telefonnummer, und sie wird es herausfinden.”

Gehorsam schrieb Melinda Noreens Namen und Nummer auf Sherrys Block.

“Wollen wir eine bestimmte Farbe vorgeben?”, fragte Sherry Jack.

Melinda kontrollierte wieder ihren Pieper. Hör auf so zu tun, als wärst du zu beschäftigt, um dich überflüssig zu fühlen, sagte sie sich.

Aber sie war wirklich zu beschäftigt. Und nein, sie fühlte sich nicht überflüssig. Die Hochzeit war Jacks und Sherrys Idee, nicht ihre. Ihr lag lediglich daran, die beste Kinderchirurgin zu werden, die Leo Bowen jemals ausgebildet hatte. Sie war achtundzwanzig, nicht achtundsiebzig. An ihr Liebesleben konnte sie später denken.

“Bronze wäre interessant”, schlug Sherry vor und fuhr sich mit der Hand durch ihre dunkelbraunen Locken.

“Grün”, entgegnete Jack und machte sich eine Notiz. “Die Farbe von Melindas Augen. Lass mal sehen … haben wir alles?”

Sherry rutschte näher an Jack heran, um ihre Notizen zu vergleichen.

Mit einer Fingerspitze schob Melinda ihr Champagnerglas zur Seite. Sie würde nicht verrückt spielen, nur weil Jack Halloran die Farbe ihrer Augen bemerkt hatte. Viel wichtiger war, ob er bügeln konnte.

“Damit können wir anfangen”, erklärte Jack, riss die Seiten mit den Notizen vom Block und schob ihn dann zusammen mit dem Stift wieder Melinda zu. “Wenn uns noch etwas einfällt, dann können Sherry und ich uns bei der Arbeit kurzschließen.”

Sein Lächeln wärmte Melindas Herz, obwohl es nicht für sie bestimmt war. “Schließlich sind wir Jensens Top-Leute. Was will er uns schon antun? Uns kündigen?”

Die Freunde lachten. Zusammen.

Melinda kontrollierte ihren Pieper.

“Fertig, Melinda?”

Beim Klang von Jacks tiefer, geschmeidiger Stimme sah sie auf – und blickte direkt in seine blauen Augen. Wow, die waren wirklich hypnotisierend! “Fertig?”, wiederholte sie. Wie ein Närrin.

“Um zu gehen.” Jack griff nach der Rechnung, während er aufstand.

“Ja.” Melinda schob ihren Stuhl zurück. “Ja”, sagte sie noch einmal. “Ich muss zurück ins Krankenhaus.”

“Ich werde diese Woche anfangen, mir Brautkleider anzusehen”, meinte Sherry. “Willst du mitkommen, Melinda?”

“Ihr seid es, die ein Zeichen setzen wollt”, erinnerte sie Sherry. “Ich ziehe an, was du aussuchst.” Wenn sie nicht in der Zwischenzeit wieder zur Vernunft kam. Schon jetzt hegte sie Zweifel an diesem haarsträubenden Plan.

Während Jack die Rechnung bezahlte, zog Sherry Melinda mit sich. “Du wirst dir doch einen ganzen Tag für die Hochzeit freinehmen, oder?”, fragte sie leise.

“Ich könnte wahrscheinlich mit einem Kollegen einen Dienst tauschen”, meinte Melinda. “Aber warum? Ich dachte, die Trauung ist nachmittags?”

Sherry nahm Melindas Hand und betrachtete ihre Fingernägel. “Ich mache einen Termin bei meinem Friseur Raoul und bei der Kosmetikerin.”

Bevor Melinda entscheiden konnte, ob sie gerade beleidigt worden war, grinste Sherry. “Ein bisschen Make-up, das richtige Kleid – ich kann es gar nicht erwarten, Jacks Gesicht zu sehen, wenn du bei der Trauung auf ihn zukommst. Er wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht.”

“Nun komm schon, Sherry”, unterbrach Jack sie. “Dr. Burke ist eine viel beschäftigte Frau. Such dir jemand anderen, den du managen kannst.” Er reichte Melinda eine Visitenkarte. “Ruf mich an, wenn du Zeit hast, um die Sachen auf dem Standesamt zu regeln.”

‘Wieso kommt mir solch eine praktische Lösung plötzlich so kompliziert vor?’, überlegte Melinda, während sie ging.

Heute tue ich es ganz bestimmt, dachte Melinda. Sie stand neben ihrem jungen Kollegen, Dan Sowieso, und wartete darauf, Dr. Bowen zu assistieren. Ich rufe heute an und sage Jack, dass ich mir die Sache noch mal überlegt habe und …

Sie seufzte. Seit Sonntag hatte sie sich das jeden Tag eingeredet, aber sie hatte immer noch nicht angerufen und Jack Halloran erkärt, dass sie ihn nicht heiraten konnte!

Nur aus einem einzigen Grund hatte sie noch nicht zum Telefon gegriffen. Nicht aus der niederschmetternden Erkenntnis heraus, dass eine geschäftsmäßig arrangierte Ehe die einzige Form von Ehe war, mit der sie klarkommen konnte. Ganz sicher wäre sie überfordert, wenn ihre Tagträume über einen Frauenschwarm wie Jack, der ihr jeden Morgen den Kaffee ans Bett brachte, Wirklichkeit würden. Außerdem war da noch die Sache mit dem Rasen. Jemand hatte ihn in der Zwischenzeit gemäht. Auch deshalb hatte sie die Hochzeit nicht abgesagt.

“Sind Sie bereit, Dr. Burke, oder sind Sie mit anderen Dingen beschäftigt?” Dr. Bowens Spitze übertönte die klassische Musik, die aus den Lautsprechern des Operationssaales drang.

Okay, das genau war der wirkliche Grund, warum sie diese Zweckheirat noch nicht abgeblasen hatte: der kleine, glatzköpfige, bissige Dr. Bowen. Der mit Vergnügen seine Assistenzärzte malträtierte, vor allem die weiblichen.

Melinda zwang sich, dem Oberarzt ruhig zu antworten. “Ich bin bereit, wenn Sie es sind, Dr. Bowen.”

“Das sollten Sie auch besser, Burke. Ich lasse nicht zu, dass in meinem OP geträumt wird.” Er funkelte sie über seinen Mundschutz hinweg grimmig an.

Wie konnte er es wagen, ihren Pflichteifer in Frage zu stellen? Hatte sie nicht ihr ganzes Leben der Medizin gewidmet?

“Solange Sie begreifen, welche Opfer ich verlange, werden wir gut miteinander auskommen.” An seinen Augen konnte sie sehen, dass er es bezweifelte – und zusätzliche Opfer verlangen würde. “Nun, Dr. Burke. Wenn Sie jetzt bitte einen lateralen Schnitt ungefähr acht Zentimeter unterhalb dieser Linie machen wollen …”

Melinda suchte ein Skalpell heraus. Sie würde Jack heute doch anrufen – um einen Termin auszumachen, wann sie zusammen zum Standesamt gehen konnten. Bowens Verhalten machte ihr klar, dass sie einen Hausmann jetzt mehr benötigte als je zuvor.

Sie machte einen raschen und perfekten Schnitt. Während Dr. Bowen sich vorbeugte, um den Polypen zu entfernen, stupste sie Dan Sowieso mit dem Fuß an.

“Würdest du meinen Dienst am nächsten Samstag übernehmen?”, flüsterte sie. “Ich revanchiere mich bei nächster Gelegenheit.”

Dan dachte kurz nach und nickte dann. “Große Pläne?”

“Eigentlich nicht.” Melinda versuchte locker zu klingen. “Ich will heiraten.” Es sei denn, Jack hat seine Meinung geändert, fügte sie im Stillen hinzu, als Dan die Augenbrauen hochzog.

“Absaugen! Nein …” Dr. Bowen hielt die Krankenschwester auf. “Wir wollen uns Burkes Technik ansehen.” Melinda trat vor, dankbar für die Ablenkung sowie für die Chance, von einem der besten Experten der Kinderchirurgie angeleitet zu werden. Selbst wenn er den Charme und den Charakter eines Stinktiers hatte.

“Oh, hallo, Melinda!” Jack schnappte sich einen Stift und wirbelte ihn so schnell zwischen den Fingern, dass er ihm aus der Hand flog. “Äh, kannst du einen Moment dranbleiben?” Ohne auf eine Antwort zu warten, beförderte er sie in die Warteschleife.

Dann senkte er die Stirn auf seinen Schreibtisch.

Das hatte er vorausgesehen. Sie wollte ihm den Laufpass geben. Nach fast einer Woche Schweigen – und nachdem er seine Kündigung eingereicht hatte.

Eigentlich war es ja keine Überraschung – warum sollte eine kluge, ehrgeizige Chirurgin einen einunddreißigjährigen, ausgebrannten Börsenmakler heiraten, der bei ihrer Krankenversicherung unterschlüpfen wollte, um in Ruhe studieren zu können?

Es hatte den einen oder anderen Moment seit ihrem Treffen gegeben, da war er optimistisch gewesen, vor allem angesichts Melindas offensichtlicher Verzweiflung und Erschöpfung. Er war schon fast besessen von der verrückten Idee, der Welt zu beweisen, dass er, Jack Halloran, der perfekte Hausmann sein konnte. Verdammt, die Frau brauchte ihn. Und er brauchte …

‘Bring es hinter dich’, befahl er sich und drückte auf den blinkenden Knopf.

“Danke, dass du gewartet hast”, erklärte er so ruhig, wie er es vermochte. “Was kann ich für dich tun?”

“Nun, als Erstes, was sagst du den Leuten, wenn sie fragen, wie wir uns kennengelernt haben?”

“Die Wahrheit. Dass wir uns über Sherry kennengelernt haben.”

“Natürlich!” Die Freude in ihrer Stimme richtete merkwürdige Sachen in seinem Inneren an.

Jensen kam aus seinem Büro und musterte Jack verärgert.

Jack starrte ebenso verärgert zurück. Er war seinen Job sowieso los. “Und zweitens?”

“Wann können wir zum Standesamt?” Melindas Worte waren knapp, doch ihre Stimme war plötzlich so sanft wie das Schnurren einer Katze.

Jack stellte sich vor, wie diese samtweiche Stimme ihm Koseworte ins Ohr flüsterte. Im Dunkeln. Hör auf, Halloran, rief er sich zur Ordnung. Klobiges Brillengestell, unförmige Kleider, kein Sex, okay? Also konzentriere dich auf das Geschäft.

Er räusperte sich. “Wie wäre es mit morgen?”

“Mittags?”

“In Ordnung.” Als er eine Minute später auflegte, redete Jack sich ein, dass es an Melinda nichts gab, was ihn glauben lassen könnte, dass ihre Beziehung irgendetwas anderes als platonisch sein würde.

Nichts als ein Paar sinnlicher grüner Augen. Eine Stimme wie Samt. Und Haare von der Farbe dunkler Schokolade.

Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Zum Glück hatte er kein Interesse an einer echten Beziehung.

3. KAPITEL

Jack verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Die Schlange derjenigen, die für eine amtliche Heiratserlaubnis anstanden, bewegte sich nur im Schneckentempo vorwärts.

Das gab ihm viel zu viel Zeit, um all die glücklichen Leute um sich herum zu beobachten. Himmel, das Paar vor ihnen konnte nicht die Finger voneinander lassen. Dadurch musste er fast zwangsläufig an jenen Aspekt der Ehe denken, den er und seine so genannte Verlobte, Dr. Burke, auf jeden Fall ausschließen wollten: Intimitäten. Ein überraschend gefährlicher Gedanke, da Melindas Duft – etwas Süßes und doch Würziges – ihm in die Nase stieg. Er befahl sich, nicht darüber nachzudenken und sich abzulenken.

“Was hat dich dazu bewogen, Ärztin zu werden?”, fragte er.

“Äh …” Melinda hielt inne.

“Erzähl schon”, drängte er sie und verwandelte sein unangebrachtes Verlangen in etwas Sichereres: kindliche Irritation. “Benutz ruhig mehrsilbige Wörter. Ich habe einen College-Abschluss.”

“Das ist nicht das Problem.”

Jack hörte es kaum. Er bemerkte, wie weich ihr Mund aussah. Überlegte, wie es sein mochte, ihn zu küssen.

“Es fällt mir nur so schwer, darüber zu sprechen. Ich war zehn, als mein Bruder starb. Harry war erst sechs.”

Er konnte sich ihren Schmerz nicht vorstellen, doch instinktiv kam Jack näher. “Oh, Melinda, das tut mir so leid.”

Einen Moment schien es so, als würde sie sich an ihn lehnen wollen, doch dann trat Melinda zurück. Jack ließ ihr den Raum. Es ist nicht diese Art von Beziehung, erinnerte er sich. Und genauso wollte er es auch haben. Denn er wusste, was geschah, wenn Menschen anfingen, Gefühle füreinander zu entwickeln. Er brauchte nur an seine Schwester zu denken.

“Ein guter Kinderchirurg hätte Harrys Leben vielleicht retten können.”

Das Verlangen wurde immer stärker. Jack versuchte es zu unterdrücken und befahl sich, nicht länger an sinnlich grüne Augen, sexy Parfum und das Geheimnis, was wohl unter dem heutigen formlosen Kleid versteckt war, zu denken.

Sie zuckte mit den Achseln, und das Haar fiel ihr über die Schultern. “Deshalb bin ich Ärztin geworden. Und dieses Stipendium ist der letzte Teil der Ausbildung, die ich noch brauche, um andere Kinder zu retten.”

Ohne nachzudenken, griff Jack nach ihrer Hand und drückte sie. “Und ich werde dir dabei helfen.”

“Die Nächsten bitte!”

Den gelangweilten Beamten hinter dem Schalter anlächelnd, trat Jack vor. Es würde nicht allzu viel Mühe kosten. Wie schwer war schon Staubwischen? Auf jeden Fall würde er seinen Teil der Abmachung erfüllen.

Nach einem kurzen Zögern folgte Melinda ihm.

Innerhalb weniger Minuten hatten sie den Papierkram erledigt und waren wieder auf dem Weg nach draußen. Als Melinda in ihrem Arztkittel nach ihren Schlüsseln suchte, stopfte Jack die Heiratserlaubnis in seine Hemdtasche und stoppte Melinda, indem er ihr die Hände auf die Schultern legte.

“Warte eine Minute”, sagte er und versuchte die angenehme Wärme zu ignorieren, die die Berührung in ihm auslöste. “Deine Sorgen sind fast vorbei.”

“Ist das ein Versprechen?”, fragte sie und lächelte zaghaft.

Und Jack fühlte sich irgendwie merkwürdig. Als ob die Erdachse sich bewegt hätte. “Ja”, versicherte er. “Ich kann dir nicht versprechen, dich für immer zu lieben, das ist klar, aber während der nächsten sechs Monate werde ich mich um dich kümmern, damit du deine Assistenzzeit überstehst.”

“Und um das Haus meiner Eltern, nicht?”, hakte Melinda nach. “Ich verdanke ihnen sehr viel.”

“Um das Haus auch”, erklärte Jack “Pass auf, wir heiraten am Samstag. Dann konzentrierst du dich ganz auf deine Arbeit, während ich mich um das Haus kümmere und für meine Prüfung lerne. Es wird alles wunderbar klappen.”

“Ich werde dich daran erinnern, Jack.” Melinda schaute auf ihre Uhr. “Jetzt muss ich los.” Ihr schokoladenfarbenes Haar wirkte wie ein geöffneter Seidenfächer, als sie sich umdrehte. “Bis Samstag.”

Jack sah ihr hinterher. Diese Sache mit ihrem Haar wurde geradezu zu einer Obsession bei ihm. Vielleicht sollte er sie dazu ermuntern, es zu einem Zopf flechten. Oder es abschneiden zu lassen.

Während der nächsten Woche nahmen ihn die Hochzeitsvorbereitungen und Jensens Transaktionen voll in Anspruch. Zu sehr, um sich Gedanken über die wiederkehrenden Lustattacken zu machen, die ihn immer vor dem Einschlafen überfielen, wenn er sich an Melindas weiche Schultern und ihren süßen Duft erinnerte.

“Au!” Melinda zuckte zusammen, als Sherry und Noreen ihr abwechselnd Haarnadeln in den Kopf pieksten. Ich hätte doch den Friseur den Schleier feststecken lassen sollen, dachte sie, als eine weitere Nadel sich in ihre Kopfhaut bohrte.

Dummerweise hatte sie Raouls Angebot abgelehnt, weil sie den Salon nicht in Jeans, T-Shirt und einer Wolke von Tüll verlassen wollte.

Inzwischen hatte Sherry sie geschminkt, und ihr dann mit Noreen zusammen geholfen, in das wogende weiße Hochzeitskleid zu steigen und die unzähligen winzigen Knöpfe zu schließen.

Während der ganzen Zeit hatte sie keinen Blick in den Spiegel werfen dürfen. “Warte, bis wir fertig sind”, beharrte Sherry.

Melinda fürchtete, dass sie es niemals bis zum Altar schaffen würde, wenn sie sich erst einmal angeschaut hatte. Wie sollte sie die glückliche Braut eines so gut aussehenden Frauenschwarms wie Jack Halloran spielen, wenn sie wusste, dass sie aussah wie ein kurzsichtiger Tölpel, der sich herausgeputzt hatte?

Noreen bohrte ein weiteres Loch in ihre Kopfhaut, als sie noch eine Nadel feststeckte.

Das Kleid raschelte, als Melinda zusammenzuckte. Es fühlte sich schwer und elegant an. Mit den Satinpumps und der Perlenkette ihrer Mutter konnte Melinda nicht umhin, sich als etwas Besonderes zu fühlen – schön und weiblich.

Gefühle, die sie aufgegeben hatte, als sie begonnen hatte, Medizin zu studieren.

Zum ersten Mal seit Jahren überlegte sie, ob sie vielleicht etwas Wichtiges verpasst hatte, weil sie sich so ausschließlich auf ihre Karriere konzentriert hatte.

Du meine Güte! Melinda schüttelte angewidert den Kopf. Ich brauche nur in ein Hochzeitskleid zu schlüpfen, und schon will ich Aschenputtel sein oder wer auch immer den Prinzen bekommen hat.

Allerdings wäre es vielleicht ganz interessant, zur Abwechslung mal über etwas anderes als Knochenbrüche zu reden. Eine platonische Ehe wie ihre bot vermutlich die Möglichkeit, überlegte sie, während die beiden Brautjungfern endlich ihre Haarnadel-Tortur beendeten und zurücktraten, um ihr Werk zu begutachten.

Auf beiden Gesichtern bildeten sich Sorgenfalten, während sie die Köpfe neigten, zurücktraten, die Köpfe zur anderen Seite neigten und wieder herantraten.

“Was ist los?”, fragte Melinda. War es so offensichtlich, dass sie in sterile Kittel gehörte statt in dieses Kleid?

“Na ja …”, meinte Noreen.

“Warte!” Sherry schnippte mit den Fingern und beugte sich vor. Vorsichtig nahm sie Melinda die Brille von der Nase.

“Oh”, flüsterte Noreen.

“Ich wusste es”, erklärte Sherry und drehte Melinda zum Spiegel. “Schau sie dir an”, befahl sie, “die hübscheste Braut von ganz Dallas.”

Es muss am Kleid liegen, dachte Melinda benommen. In diesem Kleid mit seinem tiefen Ausschnitt, dem mit Perlen bestickten Oberteil und dem spitzenbesetzten weiten Rock würde jeder atemberaubend aussehen. Und Raouls magische Frisierkünste hatten natürlich auch das Ihre dazu beigetragen.

Noreen drückte ihr gerade den Brautstrauß in die Hand, als ihr Ehemann den Kopf zur Tür hereinsteckte. “Seid ihr so weit?”, fragte er.

Melindas Cousine lächelte glücklich. “Sind wir, Darling. Wie geht es meinem Engel?”

Bobby kam zu ihnen, einen Buggy schiebend. “Der schläft noch. Aber wer weiß, wie lange noch. Also, Ladys, auf geht’s”, verkündete er und verschwand wieder.

“Geh schon vor, Noreen.” Sherry drückte ihr Melindas Brille in die Hand und schob sie sanft in Richtung Tür. “Gib sie Melinda zurück, wenn sie den Kuchen angeschnitten haben”, befahl sie, dann, als sie allein waren, wandte sie sich an Melinda. “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, das weißt du, oder?”

Melinda nickte. Sie heiratete keinen bewundernswerten Prinzen, der sie leidenschaftlich liebte und sie in sein Schloss bringen wollte. Es war ihr Schloss – und es musste geputzt werden.

“Du gehst einfach nach vorn und sprichst den Treueschwur nach”, erinnerte Sherry sie.

Melinda holte tief Luft. Sie brauchte Jacks Hilfe im Haushalt. Und er wollte ihren Versicherungsschutz. Ohne ihre Brille war irgendwie alles verschwommen. Sie würde einfach so tun, als spielten sie ein Spiel. “Okay”, erklärte sie und verkrampfte die Finger um ihren Blumenstrauß. “Bringen wir es hinter uns.”

Sherry führte sie vom Umkleidezimmer durch die Halle zu einem anderen Raum und blieb am Ende eines Ganges stehen, der durch Reihen von weißen Klappstühlen führte – die zum größten Teil von Leuten besetzt waren, die sie heute zum ersten Mal sah.

Orgelmusik vom Band erklang aus den Lautsprechern.

“Wenn du den Hochzeitsmarsch hörst”, instruierte Sherry leise, “dann gehst du langsam nach vorn. Bleib stehen, wenn du bei den Smokings angekommen bist.”

Jack im Smoking. Melinda riss die Augen auf.

Sie brauchte keine Brille, um ihren Zukünftigen zu erkennen. Das gestärkte weiße Hemd und die Smokingjacke betonten seine breiten Schultern. Ihr Blick glitt zu seinem dichten goldbraunen Haar mit dem niedlichen Wirbel und zu seinen kobaltblauen Augen.

In wenigen Minuten würde der Standesbeamte sie fragen, ob sie Jack zum Mann nehmen wollte. Welche Frau würde das nicht wollen? Sie war zwar fleißig wie eine Biene und im gesellschaftlichen Umgang so unerfahren wie eine Nonne, aber sie war nicht verrückt. Irgendwo tief in ihrem Inneren regten sich ihre weiblichen Hormone.

“Okay, Noreen”, flüsterte Sherry. “Wir können.”

Jack zupfte an seinen Manschetten und ließ dann den Arm sinken. Er versuchte, angemessen ernst auszusehen, doch am liebsten hätte er wie ein Idiot gegrinst. Denn hier stand er vor einem riesigen Kamin, den Sherrys Freundin festlich mit Blumen und Bändern geschmückt hatte. Und wenn er seinen Kopf ein wenig nach links drehte, dann konnte er seine Schwester Tess in der ersten Reihe sitzen sehen.

Das Leben war wunderbar, und wenigstens einmal hatte er den einfachsten Job bei einer Hochzeit: das Treuegelöbnis wiederholen, die Braut küssen und den Kuchen anschneiden.

Und es gab keinen Jensen und keine Tretmühle bei Loeb-Weinstein mehr. Nur ab und zu Staub wischen, Rechnungen bezahlen, und das bisschen Wäsche erledigen. Studieren. Entspannen …

“Erzähl uns noch mal, warum du so plötzlich heiratest”, sagte Geoff. “Wann und wo hast du diese Frau überhaupt kennengelernt?”

“Das habe ich euch doch schon gesagt”, erklärte Jack. “Sherry hat uns miteinander bekannt gemacht.”

Kevan lachte so laut, dass Tess dem Trio einen strengen Blick zuwarf. “Erzähl mir doch nichts, Brüderchen. Du und Sherry, ihr habt schon auf der High School aufgehört, euch gegenseitig zu verkupp…”

“Pst.” Geoff stupste Kevan an. “Hier kommt die erste Brautjungfer.”

“Niedlich”, stellte der jüngste Halloran leise fest. “Aber sie ist leider schon verheiratet.”

Jack summte die Melodie mit, während erst Noreen und dann Sherry den Gang entlangkamen und sich gegenüber von ihm und seinen Trauzeugen aufstellten. Eine Scheinehe, dachte er zufrieden. Das ist der einzige Weg, um die unendliche Traurigkeit, die Tess durchlebt, zu umgehen.

Er warf seiner Schwester ein Lächeln zu, gerade als die vertrauten Klänge des Hochzeitsmarsches ertönten.

“Kein Wunder, dass es dich erwischt hat!”, stieß Kevan aus.

Geoff pfiff leise und bohrte seinen Ellbogen in Jacks Seite. “Sag, dass sie noch eine Zwillingsschwester hat!”

Verwirrt schaute Jack erst seine Brüder an und folgte dann deren Blick zur Tür.

Ihm stockte der Atem, und Begierde stieg in ihm auf.

Es liegt am Kleid, redete er sich ein. Ich kann nur hoffen, dass dem so ist, dachte Jack benommen, als er zusah, wie der wunderschöne dunkelhaarige Engel auf ihn zuschwebte. Sonst ist unsere Geschäftsverbindung in Gefahr.

Denn jedes männliche Wesen würde diese Frau in dem schneeweißen, traumhaft schönen Prinzessinnenkleid für sich gewinnen wollen.

Melinda blieb stehen und lächelte ihn schüchtern an. Die Musik verstummte.

Wie in Trance reichte Jack seiner Braut den Arm.

Ihre rechte Hand hielt den Brautstrauß umklammert. Als sie ihn in die linke Hand nehmen wollte, rutschte ihr der Strauß aus den Fingern.

Sie und Jack bückten sich, um ihn aufzusammeln.

Das physikalische Gesetz, das besagte, dass zwei feste Körper nicht zur selben Zeit am selben Ort sein können, galt leider auch samstags. Die Braut und der Bräutigam knallten mit den Köpfen zusammen.

Der Schmerz versuchte Jack an seine Pflichten zu erinnern. Unglücklicherweise holte er tief Luft, um diesen Schmerz zu verarbeiten, und inhalierte dabei das Parfüm der Braut. Mit dem gleichen berauschenden, erotischen Effekt wie vorher.

Er vergaß, wo sie waren und dass sie Publikum hatten.

“Jack …” Melindas samtweiche Stimme verstärkte sein Verlangen nur noch.

Mühsam riss er den Blick von ihrem atemberaubenden Ausschnitt los– und schaute direkt in funkelnde grüne Augen, die von dichten Wimpern umgeben waren. Wimpern von der gleichen Farbe wie die Haare, die in einer faszinierenden Kreation auf ihrem Kopf aufgetürmt waren und einen Mann geradezu anflehten, die versteckten Nadeln, die es zusammenhielten, zu finden und zu entfernen, damit es ihm über die Hände fließen konnte.

“Du stehst auf meinen Blumen.”

Jack starrte weiterhin auf diese Vision weiblicher Schönheit. Sie heiraten – dachte er benommen. Mit ihr leben. Ja. Die üblichen ehelichen Pflichten ignorieren? Nein!

“Jack?” Ihre Augen verdunkelten sich. Seine Finger hoben sich wie von selbst, um in die seidige schokoladenfarbene Fülle zu greifen.

“Können wir anfangen?”, fragte der Standesbeamte.

Hastig hob Jack den Strauß auf und reichte ihn Melinda. “Entschuldigung”, murmelte er, während er seiner Braut aufhalf.

Ohne ihn anzuschauen, nickte sie schweigend.

“Liebes Brautpaar …”, begann der Beamte.

Jack ließ die vertrauten Worte der Zeremonie an sich vorbeirauschen. Er würde weder dieser noch sonst einer Frau ewige Liebe schwören, aber jetzt, da er – und alle anderen hier, verdammt – wussten, was diese formlosen Kleider verborgen hatten, würde es ihm nichts ausmachen, sich mit Melinda hin und wieder der Liebe hinzugeben.

Von wegen, du Trottel, sagte eine spöttische Stimme in seinem Kopf. Sie hatten eine Abmachung, und er würde dazu stehen. Aber nur auf dem Papier mit Melinda Burke verheiratet zu sein könnte sich als schwieriger erweisen, als er gedacht hatte.

Nacheinander legten sie das Ehegelöbnis ab, das sie nur für sechs Monate zu halten gedachten, und tauschten die Ringe aus.

“Hiermit erkläre ich Sie beide zu Mann und Frau”, sagte der Standesbeamte. “Sie dürfen die Braut jetzt küssen.”

Jack beugte sich zu ihr, um ihr einen kurzen, harmlosen Kuss zu geben, und Melinda hob ihm das Gesicht entgegen. Aus großen Augen blinzelte sie ihn an, und das schwelende Verlangen in ihm explodierte.

Mit einem leisen Stöhnen eroberte er ihren Mund.

Alles andere schien in den Hintergrund zu rücken, als ihre Lippen sich trafen und miteinander verschmolzen. Er vertiefte den Kuss. Einer von ihnen seufzte entzückt. Ihre Körper schienen in Flammen zu stehen, ihre Finger umklammerten seine Arme, schlangen sich um seinen Nacken und glitten dann in sein Haar.

Jack zog Melinda näher an sich und fuhr mit den Händen über ihren Rücken.

“Na, na, großer Bruder.” Er wurde am Oberarm gepackt und fortgezogen.

Was? Wer? Jack blinzelte. “Geoff?”

“Spar dir das für die Flitterwochen auf”, meinte sein Bruder grinsend.

“Obwohl wir jetzt verstehen, warum alles so schnell gehen musste”, fügte Kevan zwinkernd hinzu.

Der Standesbeamte unterbrach sie mit einem Räuspern, legte Braut und Bräutigam die Arme auf die Schultern und drehte sie so, dass sie sich den Gästen zuwandten. “Meine Damen und Herren, darf ich Ihnen Mr. und Mrs. Halloran vorstellen?”

Die Gäste applaudierten.

“Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass jeder seinen Namen behält?”

“Ja.” Melinda klang völlig ruhig. “Aber im Moment denke ich, dass unsere Gäste mehr am Essen als an solchen bürokratischen Dingen interessiert sind.”

War er der Einzige, den dieser atemberaubende Kuss völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte? Jack sah zu, wie seine Frau den Brautstrauß in die eine Hand nahm und die andere auf seinen Arm legte.

Sherry stupste ihn an. Jack begann gehorsam vorwärts zu gehen, blieb dann jedoch abrupt stehen. Du meine Güte! Was war, wenn Sex mit Melinda genauso gut war wie dieser Kuss?

“Weiter, Halloran”, drängte ihn Sherry. “Jetzt kommen wir endlich zum angenehmen Teil.”

Jack stöhnte.

In dem Bemühen zu verbergen, wie sehr der Kuss sie aufgewühlt hatte, lächelte und nickte Melinda wie ein Roboter, während sie Glückwünsche entgegennahm, sich fotografieren ließ und dann den Kuchen anschnitt.

Selbst als Jack sie auf die Tanzfläche führte, hatte Melinda das Gefühl, neben sich zu stehen. Statt ein Nervenbündel zu sein, als seine Hand sich auf ihren Rücken legte, oder einfach blindlings über die Tanzfläche zu stolpern, wirbelte und glitt sie geschmeidig im Takt der Musik dahin.

“Siehst du? Rache ist wirklich süß.” Jacks tiefe, weiche Stimme durchdrang den sinnlichen Nebel in Melindas Kopf. Es war ein lässiger, kühler Kommentar. Doch das sollte sie eigentlich nicht wundern, denn für jemanden, der so offensichtlich ein Experte im Küssen war wie ihr Scheinmann, hatte dieser Kuss wohl absolut nichts bedeutet. Hier geht es lediglich um eine geschäftliche Abmachung, ermahnte Melinda sich. Auch wenn es ihr vorkam wie ein wahr gewordener Traum.

“Ich vermute, es hat seine guten Seiten.” Melinda fand, dass ihr der blasierte Ton ganz gut gelungen war.

Die Musik endete, und Jack blieb stehen und senkte langsam den Kopf.

“Jetzt darfst du mal mit einem guten Tänzer tanzen.” Ein kleinerer Jack – ohne den süßen Haarwirbel – sah sie grinsend an. Geoff, du erinnerst dich? Kümmere dich um deine Gäste”, befahl er dem Bräutigam. “Kevan und ich werden uns mit unserer neuen Schwägerin bekannt machen.”

Melinda tanzte mit Geoff und amüsierte sich danach mit Kevan. Beide Männer hatten Jacks blaue Augen und dieselbe Haarfarbe. Einer von ihnen meinte, dass der abwesende Bruder ebenfalls so aussah. Sie alle kamen nach ihrem Vater.

Jacks Kinder würden bestimmt auch so aussehen. Denk nicht einmal dran, ermahnte sie sich.

Als die die Musik wieder einsetzte, erklärte Melinda Kevan, dass sie sich die Nase pudern müsse, und schaute sich um.

Jack stand am Büfett, lachte und redete mit einigen ehemaligen Kollegen. Sherry hatte ebenfalls eine kleine Gruppe um sich herum versammelt.

Noreen war mit ihrem Ehemann und dem Baby schon verschwunden.

Niemand kam auf Melinda zu; sie schaffte es nicht, sich zu einer der Gruppe von Gästen zu gesellen.

Mir fehlt wirklich der gesellschaftliche Schliff, dachte sie missmutig. Hier stehe ich, ein Mauerblümchen auf meiner eigenen Hochzeit. Small Talk liegt mir eben nicht. Am besten, sie machte sich unsichtbar, bis es Zeit war zu verschwinden.

Als sie eine kleine Nische erspähte, ging sie darauf zu. Dann drehte sie sich um und schaute auf die feiernden Gäste.

“Du siehst bezaubernd aus”, meinte eine weibliche Stimme hinter ihr.

Melinda fuhr herum. Die Frau, die in der hintersten Ecke in einem Sessel saß, kam ihr irgendwie bekannt vor.

“Aber ich bin noch immer sauer, dass Jack dich nicht vor der Hochzeit der Familie vorgestellt hat. Alle anderen zwingt er dazu.”

Daher kannte sie also diese blauen Augen und das braune Haar. “Du musst Jacks Schwester sein.”

Die Frau nickte und reichte ihr lächelnd die Hand. “Tess Malloy. Willkommen in der Familie.”

Melinda hasste es, die Wahrheit über ihre Ehe zurückzuhalten, doch es war nicht an ihr, die Sache zu erklären. “Dein Bruder hat einen ziemlichen Beschützerinstinkt, was dich betrifft”, platzte sie heraus.

Tess seufzte. “Ich werfe mich nicht in die Single-Szene, also glaubt Jack, ich brauche zu lange, um über den Tod meines Mannes hinwegzukommen.”

“Zu lange?”, wiederholte Melinda und biss sich auf die Lippen. Jack kannte seine Schwester besser als sie, aber … “Vermutlich kommt man nie über den Tod eines Menschen hinweg, den man geliebt hat, oder?”

“Nein”, stimmte Tess zu. “Ich glaube nicht.”

Die beiden Frauen schwiegen einen Moment lang. Dann fragte Tess: “Also, wie hast du nun meinen Bruder kennengelernt?”

“Durch Sherry”, antwortete Melinda automatisch.

Jacks Schwester schwieg und wartete anscheinend auf weitere Details. Okay, jetzt verstehe ich den Nutzen von Small Talk, dachte Melinda, während in ihrem Kopf gähnende Leere herrschte und das Schweigen langsam unangenehm wurde.

Schließlich flüchtete sie sich in das einzige Thema, von dem sie etwas verstand. “Woran ist dein Mann denn gestorben?”

“An Bauchspeicheldrüsenkrebs”, sagte Tess.

“Das ist eine besonders schlimme Art der Krebses”, meinte Melinda mitfühlend. “Häufig erst dann zu diagnostizieren, wenn es schon zu spät ist.”

Tess nickte. “Wir hatten nur noch acht Monate, nachdem Pete es erfahren hat, aber er hat nie viel Schmerzen gehabt. Das ist immerhin ein Segen gewesen.”

Melindas eigener Schmerz drohte sie zu ersticken. “Wenigstens hattet ihr die Möglichkeit, euch voneinander zu verabschieden.”

Tess sah auf und schaute Melinda eingehend an. “Das stimmt”, meinte sie langsam. “Nicht jeder hat dieses Glück.”

“Da bist du ja!” Aus dem Nichts tauchte Jack auf und baute sich vor den beiden Frauen auf. Während er einen Arm um Tess’ Schulter schlang, runzelte er die Stirn, und als er zu Melinda sprach, hatte seine Stimme die Wärme eines Eiszapfens. “Ich würde gern kurz mit meiner Schwester allein sprechen, wenn es dir nichts ausmacht.”

Tess gehört zur Familie. Du nicht! Melinda nickte, um ihm zu signalisieren, dass sie die Botschaft verstanden hatte. Bevor sie sich abwandte, lächelte sie Tess an. “Es war nett, dich kennenzulernen.”

Jacks Schwester erwiderte das Lächeln. “Ganz meinerseits.”

Als sie allein waren, drückte Jack Tess besorgt an sich. “Was auch immer sie gesagt hat, Schwesterherz, reg dich nicht darüber …”

“Jack Halloran, du besitzt die Intelligenz und die Sensibilität eines Zementblocks”, fuhr ihn seine Schwester an und machte sich von ihm frei. Nach dieser verwirrenden Erklärung schnappte Tess sich ihre Handtasche und stand auf. “Ich gehe nach Hause.” Nach ein paar Schritten drehte sie sich noch einmal um und funkelte ihn an. “Ich hoffe, dass deine Ehe dich glücklich macht, Jack. So glücklich, dass du aufhörst, mir einzureden, ich solle meine vergessen.”

Nach dieser merkwürdigen Feststellung ging seine Schwester davon und ließ Jack völlig verdutzt zurück.

Er hatte noch immer nicht herausbekommen, wovon zum Teufel seine Schwester geredet hatte – war sie jetzt völlig übergeschnappt? – als er sah, wie Sherry auf ihre Uhr tippte. Oh ja, es wurde Zeit zu verschwinden.

Nur um weitere Missverständnisse auszuschließen, würde er Melinda erklären, warum Tess mit Samthandschuhen angefasst werden musste. Und er würde auch daran arbeiten, diesen atemberaubenden Kuss aus seinem Gedächtnis zu löschen.

Jacks Plan, den Kuss zu vergessen, war zweifellos gut. Leider wurde er zunichte gemacht, denn seine idiotischen Brüder hatten die Sachen, die er jetzt anziehen wollte, in das Zimmer gebracht, wo Melinda sich umkleidete. Und zur Freude der anzüglich grinsenden Hochzeitsgäste blieb ihm nichts anderes übrig, als an diese verflixte Tür zu klopfen und überheblich zu lächeln, als Melinda “Herein!” rief.

Zier dich nicht, ermahnte er sich, als er die Klinke herunterdrückte. Sie ist Ärztin, du bist erwachsen.

Er trat herein und schloss die Tür.

Sein Mund war plötzlich trocken. Sein Puls beschleunigte sich.

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