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Tiffany Lieben & Lachen Band 0006

Liz Ireland

Ein bisschen blond muss sein

1. KAPITEL

“Oh nein! Das glaube ich nicht!”, flüsterte Natalie Winthrop entsetzt, als sie auf das ungeheuerliche Gebäude vor sich starrte. “Oh nein!”

Die verzweifelte Beschwörung half ihr natürlich nicht weiter. Nichts konnte ihr jetzt helfen. Aber diese Worte schienen irgendwie das Einzige zu sein, was zwischen ihr und völliger Verzweiflung stand.

Was war geschehen? Wie hatte sie so schnell so tief fallen können?

Zwei Tage zuvor hatte ihr noch die Welt offengestanden. Sie hatte bei einer Tombola den ersten Preis gewonnen, ein reizendes Herrenhaus auf dem Gipfel eines Berges in West Texas – ein wunderschönes Haus, das sie zu einem erfolgreichen Hotel umwandeln wollte. Der Gewinn des Hauses hatte sie entschieden handeln lassen. Um flüssig zu sein, hatte sie ihren Lexus für einen VW-Käfer in Zahlung gegeben, die letzten wertvollen Stücke ihrer Garderobe versetzt, ihre Eigentumswohnung verpachtet und ihr Hab und Gut samt ihren wuscheligen Freunden in ihr neues Auto geladen, um ihr altes Leben hinter sich zu lassen.

Aber noch qualvoller war, dass sie einen Mann, der der perfekte Ehegatte zu werden versprach, praktisch vor dem Altar sitzen gelassen hatte, weil sie gedacht hatte, sie hätte etwas gefunden, was besser für sie war als eine Heirat.

Jetzt starrte sie auf dieses Etwas – das malerische Herrenhaus aus der Zeit des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts war in Wirklichkeit kaum mehr als eine Ruine – und fühlte sich wie der größte Trottel des Jahrhunderts.

Im Geist beschwor sie das Bild des herrschaftlichen Gebäudes herauf, so wie es in der Anzeige abgedruckt war, in der Interessenten gesucht wurden, die willens waren, für die Teilnahme an der Verlosung dieses architektonischen Schmuckstücks – so der Begleittext – hundert Dollar zu zahlen und schriftlich zu erläutern, was sie im Fall eines Gewinns mit dem Anwesen vorhatten. Aber statt eines reizendes Hauses stand dort ein ramponiertes, verwahrlostes Gebäude, das aussah, als würde es beim kleinsten Windhauch zusammenfallen. Unter den Fenstern waren keine blühende Sträucher, nur Unmengen von welkem Laub, die wie improvisierte Komposthaufen wirkten. Die noch vorhandenen Fensterläden hingen schief oder knarrten im Wind. Die Veranda hing durch wie eine alte Matratze. In allen drei Stockwerken waren die Fenster kaputt, und das Dach war nur noch zur Hälfte mit Schindeln bedeckt.

Du lieber Himmel! Sie hatte ihr altes Leben hinter sich gelassen, selbst gute alte Freunde und einen Verlobten, und wofür?

Für eine Ruine!

Schließlich ergab sie sich ihrer furchtbaren Verzweiflung. Sie sank gegen ihren VW und schluchzte so laut, dass man sie vermutlich sogar in Houston hören konnte. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich durch Weinen besser oder schlechter fühlen würde. Ihre Mutter, Helena Foster Winthrop von den Fosters aus River Oaks, hatte sie ermahnt, dass die Tränen einer Frau immer nur das letzte Mittel sein sollten. Man weinte, wenn man am Ende war.

Aber soweit Natalie sehen konnte, war dies das Ende.

Das Ende ihrer Hoffnungen.

Das Ende ihres Geldes.

Das Ende von allem.

Sie wünschte sich von ganzem Herzen, sie könnte das verdammte Herrenhaus anzünden und sich selbst dann auf die Überreste des Dachs werfen, als wäre es ein gigantischer Scheiterhaufen. Das könnte genauso gut ihr Begräbnis sein. Denn soweit sie es übersehen konnte, war ihr Leben vorbei.

In diesem Moment tiefen Schmerzes begriff sie, dass sie schon seit einem Jahr auf diese traurige Erkenntnis zusteuerte. Denn es war auf den Tag fast genau ein Jahr her, dass Malcolm Braswell, der bewährte Steuerberater und Vermögensverwalter ihrer kürzlich verstorbenen Eltern, sich mit all ihrem Geld auf- und davongemacht hatte.

Nun ja, er hatte ihr nicht alles genommen. Dem windigen Gauner war es nicht möglich gewesen, sich die Villa der Familie mit den Antiquitäten unter den Nagel zu reißen. Oder die Pelze, Gemälde, Skulpturen, Gobelins und andere Kunstgegenstände. Als sie sich gefasst und den Wert dieser Dinge geschätzt hatte, hatte sie erfreut festgestellt, dass sie auch nach Malcolm Braswells Schandtat immer noch eine relativ wohlhabende junge Frau war.

Aber das war vor einem Jahr.

Als eine Winthrop hatte sie den Anschein wahren müssen. Sie hatte karitative Verpflichtungen und hatte schon immer einen teuren Geschmack gehabt. Wenn sie plötzlich damit aufgehört und erzählt hätte, was ihr widerfahren war, hätte sie sich zum allgemeinen Gespött gemacht. Sie hätte all ihre sonst so wohlmeinenden Freunde verloren, denn die hätten sie beim geringsten Anzeichen von Geldsorgen fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Keiner hätte sie mehr irgendwohin eingeladen. Ihr gesellschaftliches Leben wäre vollständig zum Erliegen gekommen.

So nahm sie ein Jahr lang ihren Mut zusammen und versuchte Malcolm Braswell durch einen Privatdetektiv ausfindig zu machen, der mehr kostete, als sie erwartet hatte. Ohne Erfolg. In der Zwischenzeit verkaufte sie ein Gemälde hier und eine Skulptur dort und hielt so einigermaßen den äußeren Schein aufrecht. Und sie betete die ganze Zeit, dass, bis all ihre Schätze verkauft waren, der niederträchtige Malcolm Braswell gefunden sein oder sie einen anderen Weg entdecken würde, finanziell wieder auf die Beine zu kommen.

Aber so sehr sie auch jetzt aufs Geld achtete, es schien ihr genauso schnell wie immer durch die Finger zu rinnen. Tatsächlich noch schneller. Sie bemerkte schockiert, dass sie mit einer sehr wertvollen Zeichnung von Winslow Homer kaum die Rechnungen für einen Monat bezahlen konnte. Und obwohl sie in der Klemme steckte, gab sie sich weiterhin möglichst großzügig. Ihre Freunde waren keine Idioten. Sie besaßen einen untrüglichen Instinkt dafür, die Anzeichen eines finanziellen Ruins wahrzunehmen. Wenn sie sie weiterhin glauben machen wollte, dass sie viele Millionen zur Verfügung hatte, musste sie weiterhin Partys schmeißen, Kleider kaufen und die üblichen Ausflüge nach Sun Valley, St. Kitts und Vail mitmachen.

Mit anderen Worten, sie warf das Geld zum Fenster hinaus. Wie die verrückten Frauen in dem Film “Wie angelt man sich einen Millionär?”. Nur dass bei ihr weit und breit kein geeigneter Kandidat in Sicht war.

Im Sommer war Natalie gezwungen, den Familiensitz zu verkaufen und sich ein Apartment in einer weniger schicken Gegend zuzulegen. Sie versuchte ihre Lage zu verbessern, indem sie weniger Geld für Lebensmittel ausgab, ihre Hunde selber badete und einen Teil ihrer Garderobe verkaufte. Dann, als sie gerade dachte, sie wäre ganz unten angekommen und stünde kurz davor, in eine Stadt zu gehen, wo niemand die reiche Natalie Winthrop kannte und sie vielleicht einen Job annehmen konnte, geschah das Wunder.

Genauer gesagt, Jared Huddleton. Er versprach ihr die Ehe.

Das war die Rettung!

Seit Jared vor knapp einem Jahr nach Houston gekommen war, hatte sie sich in den Kopf gesetzt, ihn zu heiraten. Nicht nur, weil er sehr wohlhabend war und aussah, als wäre er einem Männermagazin entsprungen, sondern auch, weil er sie kaum kannte und es ihm daher nicht möglich war, die fehlenden Meisterwerke an ihren Wänden zu bemerken. Oder dass ihre Sommerkleider noch dieselben waren wie letztes Jahr. Sie hätte nicht glücklicher sein können.

Für eine Weile.

Als der Hochzeitstermin näher rückte, machten sich nagende Zweifel in ihr breit, und zum ersten Mal in ihre Leben hatte sie moralische Skrupel. Obwohl sie über alle Maßen erleichtert und dankbar war, dass Jared sie tatsächlich heiraten und sie zweifellos vor einem Leben voller Schufterei und Sonderangeboten retten würde, war die furchtbare Wahrheit, dass sie den Mann nicht wirklich liebte. In ihrer verzweifelten Lage hätte das ein lachhaftes Hindernis sein sollen. Trotz allem war sie eine Winthrop und stammte von einer langen Linie stolzer Frauen ab, die gleichermaßen aus Vernunft und Liebe geheiratet hatten. Ihre Mutter, die ihren Ehemann von ganzem Herzen geliebt hatte, war nicht so unpraktisch gewesen, dass sie nicht jegliches Zögern einer Frau in Natalies Position verächtlich abgetan haben würde. “Sei kein Dummkopf, Liebes”, hätte sie wahrscheinlich gesagt und würde ihr einen aufmunternden Klaps auf die Schulter gegeben haben.

Aber ihre Mutter war nicht mehr da, um ihr kluge Ratschläge zu erteilen. Natalie war ganz allein, und sie fühlte sich beklommen bei dem Gedanken, Jared zu heiraten. Eine Ehe sollte ein Leben lang halten, und sie hoffte weiterhin, dass ihr Privatdetektiv Braswell aufspüren würde. Sie hatte die Anzeige in “Texas Monthly” schon fast wieder vergessen, obwohl das Ganze sehr seltsam klang. Wer an der Tombola teilnehmen wollte, deren Hauptgewinn ein Haus bei Heartbreak Ridge in den Bergen von West Texas war, wurde aufgefordert, hundert Dollar einzusenden und in einem Aufsatz darzulegen, was er mit dem Haus vorhatte. Als Natalie die Abbildung des malerischen Anwesens gesehen hatte, hatte sie sofort daran gedacht, mit ihrem Talent für die vornehme Lebensart Geld zu machen. Sie könnte ein Hotel eröffnen, für das all ihre Freunde Toppreise bezahlen würden.

Sie sandte hundert Dollar ein, noch bevor sie begonnen hatte, ihre Kleider wegzugeben. Sonst hätte sie nie so viel Bargeld lockermachen können. Die große Neuigkeit erfuhr sie erst vor der letzten Anprobe ihres Hochzeitskleides. Sie hatte gewonnen! In der billigen Kopie eines Designerkleides hüpfte sie jubelnd vor Freude in ihrem Apartment herum. Mit dem Haus glaubte sie, den Schlüssel für ihr zukünftiges Überleben in der Hand zu halten.

Jetzt war ihr das Jubeln vergangen. Der Schlüssel, der ihr ausgehändigt worden war, war der Schlüssel zum Fiasko. Nicht, dass man für das Haus, auf das sie starrte, einen Schlüssel brauchte. Abgesehen von den zerbrochenen Fenstern hatte das Dach ein riesengroßes Loch, das vermutlich ein willkommener Brutplatz für Ungeziefer war, und durch das, wie sie annahm, auch sonst jeder, der es wollte, gut hindurchkrabbeln konnte.

Wie hatte sie solch eine Närrin sein können? Was sollte sie jetzt tun?

Sie schniefte laut vor Selbstmitleid und angelte nach einem Taschentuch, als ein Höllenlärm losbrach. Als wenn sie noch mehr Probleme brauchte! Mopsy jaulte und tollte ärgerlich um das Auto herum. Bootsy und Fritz sprangen bellend vom Rücksitz ins Freie. Und während ihr britischer Kurzhaarkater Winston seiner Verstimmung im Käfig Luft machte, war ihr Kakadu Armand weit weniger zurückhaltend. Er setzte aus voller Kehle zum “Ritt der Walküre” an, seine bevorzugte Opernmelodie.

Was war passiert? Natalies Herz raste. Als ein stampfendes Geräusch näher kam, rannten die Hunde auf die Straße, wo plötzlich ein Mann auf einem Pferd vor ihnen auftauchte.

Natalie hätte fast aufgeschrien. Sie hatte keine Angst vor Pferden, aber der Mann erschreckte sie wahnsinnig. Mit seinen langen, ungebändigten blonden Haaren, dem wild wuchernden Bart und der schäbigen Kleidung war er der verwildertste Mann, den sie jemals gesehen hatte – falls er wirklich ein Wesen aus Fleisch und Blut war und keine Erscheinung. Er hatte ein Profil wie ein griechischer Gott und einen besseren Körper als ihr Fitnesstrainer. Und blaue Augen, die glitzerten wie Feuer und Eis. Er war halb Adonis, halb Barbar.

Sie bemerkte, dass sie sich die Hand vor den Mund presste, als der Mann auf dem Pferd näher kam, und zwang sich, eine betont lässige Haltung einzunehmen. Dann fiel ihr Blick auf etwas anderes, das ihre Hunde so aufgeregt hatte – ein totes Kaninchen, das er über seinen Sattel geworfen hatte – und sie hielt ihre Hand wieder vor ihren Mund, um sich nicht zu übergeben.

Der Mann zügelte das Pferd, und das Biest drehte sich um die eigene Achse und verteilte dabei mit seinen Hufen in alle Richtungen Dreck und Gras.

“Was machen Sie hier?”, schrie er, um die drei bellenden Hunde und Armands Placido-Domingo-Imitation zu übertönen. Ganz zu schweigen davon, dass der Chihuahua Fritz bei dem Versuch, den armen Hasen zu fassen, dem Mann an die Fersen sprang.

“Fritz, Platz!” Natalie starrte verärgert auf den Eindringling. Was war das für eine Begrüßung? “Ich könnte Sie dasselbe fragen!”

“Lady, ich lebe hier.”

Von Neuem liefen ihr Tränen übers Gesicht. “Na, großartig!” Nicht nur, dass sie einem Schwindel aufgesessen war und einen Kasten gekauft hatte, er war auch noch bewohnt! “Ich habe es mir anders überlegt. Sie sind mir willkommen. Bringen Sie mich nicht vor Gericht, wenn das Haus über Ihnen zusammenbricht!”

Verdutzt blickte er zwischen dem immer noch hysterischen Fritz und dem Haus hin und her. Dann schaute er Natalie an. “Sind Sie der Trottel, den Jim Loftus dazu gebracht hat, dieses Haus zu übernehmen?”

Sie schnappte sich Fritz. “Ja, ich bin der Trottel”, sagte sie mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte. “Und als solcher fordere ich Sie auf, sich von meinem Besitz zu entfernen.”

Er lachte laut auf. “Oh, ich verstehe. Sie dachten, ich meinte, ich lebe hier. Aber ich meinte eigentlich, dass ich in dem Haus oben auf dem Berg lebe. Sehen Sie?” Er zeigte mit dem Kopf in Richtung einer kleinen Hütte, etwa eine Viertelmeile weit weg.

Sie war von rustikaler Einfachheit, hatte vermutlich höchstens zwei Räume und bot keine weiteren Annehmlichkeiten außer fließendem Wasser und einem Kamin. Aber in ihrer erbärmlichen Lage sah es aus wie Cinderellas Schloss in Disneyland. Neid erfasste Natalie. Was würde sie dafür geben, mit ihm tauschen zu können!

“Ich bin so daran gewöhnt, allein hier oben zu sein”, erklärte der Fremde, “dass ich glaubte, jemand hätte sich verirrt oder stecke in Schwierigkeiten, als ich ihr Auto hörte.”

“Was Letzteres angeht, haben Sie recht”, murmelte sie.

Seine eisigen blauen Augen blickten neugierig. Dann runzelte er die Stirn, offenbar hörte er den Operngesang aus ihrem VW. “Was ist das für ein Krach?”

“Armand.”

“Was?”

“Mein Kakadu”, erklärte sie lauter.

“Du lieber Himmel! Hunde und Vögel.”

“Und eine Katze. Winston liegt auf dem Rücksitz.”

Der Fremde musterte sie einen Moment lang langsam von oben bis unten an, aber sein Blick war wenig schmeichelhaft. “Wo kommen Sie her?”

Bei dem Gedanken an die Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte, fühlte sie sich noch elender. “Houston.”

Er erschauerte. “Das erklärt es.”

Sie schüttelte den Kopf. “Erklärt was?”

“Dass Sie so eine Großstadtpflanze sind.” Er spie die Worte förmlich hinaus.

Eine Großstadtpflanze? Außer in Filmen hatte sie diesen Ausdruck nie gehört. Meinte er es ernst? “Und was wollen Sie über Houston wissen? Sie haben es wahrscheinlich nie gesehen!” Er wirkte, als hätte er diesen Berg nie verlassen.

“Meine Eltern verbringen ihren Ruhestand dort.”

Offenbar hatten wenigstens einige Leute aus seiner Familie Verstand.

“Großstädter wie Sie sollten nicht hier sein”, sagte er.

Ich denke, ich habe dazu genauso viel recht wie Sie”, gab Natalie entrüstet zurück.

“Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht.”

Das merkt man, hätte Natalie fast geantwortet. Der Mann wirkte so ländlich, dass er fast als Bergziege hätte durchgehen können. Seine braunen Jeans unter dem Poncho saßen wie eine zweite Haut, und seine Stiefel waren mit einer dicken Schlammschicht bedeckt.

Natalie richtete sich stolz zu ihrer gesamten Größe auf und glättete ihren leuchtend gelben Seidenblazer – von dem sie angenommen hatte, er würde perfekt zu einer gut gestylten Hotelbesitzerin passen. Der Gedanke an ihr Fiasko, das ihrem Selbstbewusstsein einen empfindlichen Schlag zugefügt hatte, machte sie nur noch wütender. “Das ändert nichts an der Tatsache, dass dies jetzt mein Besitz ist.”

“Lady, Sie würden nicht hier draußen sein, wenn der alte Schwindler Jim Loftus Sie nicht über den Tisch gezogen hätte. Auch deshalb schätze ich, dass Sie es hier keinen Monat lang aushalten.”

Die Herausforderung wurmte sie. Zum Teil, weil so viel Wahrheit darin lag. “Ich wäge immer noch meine Möglichkeiten ab.”

Er stieß einen Pfiff aus. “Oh, richtig. Ich habe in der Stadt gehört, dass Sie diejenige sind, die Jims Haus in ein protziges Hotel umwandeln will. Die Leute hier amüsieren sich köstlich darüber.”

Ihr brannte das Gesicht vor Scham, als sie sich an den optimistischen Essay erinnerte, in dem sie in allen Einzelheiten beschrieben hatte, wie sie das verlassene Haus in ein luxuriöses Hotel verwandeln wollte. Und wie sehr es das Geschäftsleben der kleinen Stadt Heartbreak Ridge, die etwa eine halbe Meile entfernt lag, beleben würde. Dass ihr Schreiben nur wegen seiner Komik Furore gemacht hatte, war nach all dem Ärger demütigend. Besonders wenn sie sich vorstellte, dass die ganze Stadt sie so wie dieser dreckige Grobian verhöhnte!

“Ich möchte Sie wissen lassen, dass ich nicht beabsichtige, Zielscheibe des Spottes der Stadt zu werden. Ich habe Mittel zur Verfügung und Einfluss. Mein Vater spielte Golf mit dem berühmten Rechtsanwalt F. Lee Bailey! Glauben Sie mir, ich werde jede Verbindung und jeden Penny nutzen, um Mr Jim Loftus die Hosen herunterzuziehen! Wenn ich mit ihm fertig bin, wird er arm wie eine Kirchenmaus sein!”

Der Wilde kratzte sich am Bart und wartete auf das Ende ihrer Tirade. “Also ich habe die Sache mit der Tombola gründlich überprüft.”

“So?”

“Sicher. Zum einen roch die Sache faul. Zum anderen konnte ich absolut keinen Gefallen an der Idee finden, einen Nachbarn zu haben.”

Natürlich! “Und?”

“Es war alles völlig okay.”

Sie versuchte, nicht sichtlich in sich zusammenzusacken.

Verflixt! Nicht, dass sie tatsächlich Jim Loftus verklagen könnte. Ihr Vater hatte nicht wirklich mit F. Lee Bailey Golf gespielt. Sie hatten nur demselben Country Club angehört, und sie konnte seine Dienste in keiner Weise in Anspruch nehmen. Aber sie hatte zumindest gehofft, Loftus mit ein paar Drohungen Angst zu machen … falls er jemals aus Honolulu zurückkehrte, wohin er noch am selben Tag, an dem sie von ihrem großen Gewinn erfahren hatte, geflüchtet war.

Der Umstand, dass jetzt noch ein anderer Mann auf ihre Kosten das Leben genoss, deprimierte sie extrem.

Der Wilde betrachtete sie einen Moment lang aufmerksam, bis sie sich innerlich wand. “Sagen wir es mal so: Das Land, auf dem das Haus steht, ist mehr wert als das Haus.”

“Wenn ich das Haus abreißen ließe, wo würde ich wohnen?”

Er nickte. “Der Punkt geht an Sie.”

Aber seine Worte weckten ihr Interesse. “Das Land … gibt es irgendwas her?”

“Pure Wildnis.”

Hm. “Kann man etwas darauf anbauen?” Sie konnte sich nicht vorstellen, auf diesem Land zu leben, aber irgendein Verrückter könnte es vielleicht wollen …

Der Wilde schüttelte den Kopf. “Nein.”

“Gibt es irgendwelche Mineralien dort?”

Der Wilde lachte. “Kein Gold hier in diesen Hügeln, Ma’am.”

Sie war frustriert. “Gut, gibt es irgendeinen vorstellbaren Grund, warum jemand dieses Land kaufen wollte?”

“Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, nein.”

Sie hätte schreien können. “Dann ist es keine hundert Dollar wert. Es ist keine fünfzig Dollar, fünfzig Cents oder auch nur einen einzigen Penny wert!”

“Nun … vielleicht wird es das einmal, wenn Sie das Haus wieder instand gesetzt haben.”

Also waren sie wieder am Anfang. “Aber wo soll ich beginnen? Es würde mich nicht überraschen, wenn es nicht mal Strom hätte.”

“Natürlich nicht.” Als sie entsetzt zu ihm aufschaute, fügte er schnell hinzu: “Aber früher hatte es welchen.”

“Wann?”

“Etwa vor zehn Jahren … vor der Maus- und Ameisenplage.”

Sie stöhnte.

“Oh, keine Sorge, die Ameisen sind unter Kontrolle.”

“Und die Mäuse?”

Der Wilde grinste. “Sehen Sie es so: Ihre Katze wird sich hier wohlfühlen.”

Natalie graute es, aber sie konnte nicht anders, als an den Lippen des Mannes zu hängen. Auch wenn er den Eindruck erweckte, als sei er der Wildnis entsprungen, schien er doch zu wissen, wovon er redete. “Gibt es noch andere Probleme, von denen ich wissen müsste?”

Er zögerte. “Nun, das wäre natürlich das Dach. Das ist wahrscheinlich der größte Reparaturposten, wenn Sie die Leitungen und Rohre nicht hinzuzählen.”

“Was stimmt nicht mit den Rohrleitungen?”

“Es gibt keine.”

Für einen Moment stand sie einfach nur still da und blinzelte. Sie konnte ihn nicht richtig verstanden haben. “Keine Rohrleitungen?” Sie stampfte tobend mit dem Fuß auf. “Das ist zu viel! Das ist das Ende!” Einige weitere ausgewählte Worte folgten – vorwiegend Schimpfworte für Jim Loftus. Sie trat mit der Spitze ihres gelben Pumps gegen einen Stein und haderte mit der Ungerechtigkeit der Welt. Dabei war sie für einige Momente so voll und ganz mit ihrem Ärger beschäftigt, dass sie nicht bemerkte, was der Mann auf dem Pferd tat.

Er lachte sie voller Spott lauthals aus.

Natalie erstarrte. Sein Lachen gab ihr den Rest. Jetzt hatte sie die Talsohle erreicht. Jetzt hörte sie den Hohn, den sie im letzten Jahr dadurch vermieden hatte, dass sie ihre Armut so sorgfältig verborgen hatte.

Sie hatte sich davor gefürchtet, weil sie tief innerlich wusste, dass sie es verdiente, ausgelacht zu werden. Weil sie eine Idiotin war und fast ihr ganzes Geld an einen unehrlichen Steuerberater und Nachlassverwalter verloren hatte. Und dann noch mehr Geld an einen schäbigen Detektiv verschwendet hatte, um den Steuerberater und Nachlassverwalter aufzuspüren. Weil sie so verzweifelt war, dass sie alles Erdenkliche versuchte, um zu verhindern, dass die Leute von ihren finanziellen Sorgen erfuhren. Weil sie fast einen Mann geheiratet hatte, den sie nicht liebte, anstatt ihren Grips zusammenzunehmen und sich wie jeder andere gescheite Mensch einen Job zu suchen.

Nun hatte diese Kreatur trotz alldem ihre Verzweiflung bemerkt und lachte sie aus. Und plötzlich geschah etwas völlig Unerwartetes. Von irgendwoher meldete sich ein ursprünglicher Stolz, von dem sie nie gedacht hätte, dass sie ihn besaß.

Wie konnte dieser verkommene Hinterwäldler es wagen, sie auszulachen – wie konnte es überhaupt irgendjemand wagen? War es ihre Schuld, ausgeraubt und betrogen worden zu sein?

Gut, vielleicht war es das – es war nicht zu leugnen, dass sie leichtgläubig und idiotisch gewesen war –, aber dachte dieser Kerl etwa, sein Lachen würde ihr helfen?

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. “Ich sehe nicht, was so lustig daran ist, wenn jemand Pech hat. Aber wenn Sie denken, dass ich auf dem Absatz kehrtmache und nach Houston zurückrenne, Mr Wie-Sie-auch-immer heißen …”

Er unterbrach sein Gelächter gerade so lange, um hervorzustoßen: “Tucker. Cal Tucker.”

“Also, Mr Tucker, wenn Sie glauben, dass ich umgehend zurückkehre, irren Sie! Ich habe Pläne mit diesem Haus, und ich werde sie umsetzen. Die Entdeckung, dass mein neues Heim ein paar Mängel hat …” Keine Rohrleitungen – du liebe Güte! Sie reckte ihr Kinn, um ihre Panik zu verbergen. “Ist nur ein kleiner Rückschlag, das ist alles.”

Ihre mutigen Worte, so emotional sie waren, stoppten sein Gelächter, verhinderten aber, dass er süffisant grinste. “Lady, Sie werden keine sechs Wochen bleiben.”

“Das sagten Sie schon!”

“Ich kenne Ihren Typ.”

Sie verachtete seine Arroganz. “Haben Sie irgendeine Ahnung, wer ich bin?” Sie hatte sich bloß gerade selbst daran erinnert. “Ich bin die Urenkelin von George Nathan Winthrop.”

“Nie von ihm gehört.”

“Er war ein großer Rinderbaron und einer der ersten Männer in diesem Land, die auf Öl gestoßen sind.

Der Wilde wirkte schmerzlich unbeeindruckt. “Ich habe trotzdem noch nie etwas von ihm gehört.”

“Wie dem auch sei, Sie können Ihren letzten Dollar darauf verwetten, dass George Nathan Winthrop nicht auf das aus dem Boden spritzende, schmierige schwarze Zeug gesehen und verzweifelt aufgegeben hat. Er wusste nichts über Öl, aber er lernte dazu und profitierte davon. Er erkannte eine Goldmine, wenn er eine sah. Und das tue ich auch.”

Der Mann lächelte skeptisch. “Und Sie bezeichnen diesen alten Kasten als eine Goldmine?”

“Das wird es sein, wenn ich damit fertig bin.”

“Ich wette nicht meinen letzten Dollar, sondern sogar hundert Dollar, dass Sie in sechs Wochen von hier verschwunden sein werden.”

Sechs Wochen! Ihr würde schon übel bei dem Gedanken, es sechs Minuten lang in diesem Haus auszuhalten. Aber sie konnte die Herausforderung ihres abscheulichen Nachbarn nicht unerwidert lassen. “Betrachten Sie Ihre Wette als angenommen, Mr Tucker.” Sie würde das Haus renovieren, einen großen Erfolg aus ihrem Landhotel machen und es diesen Hillbillys zeigen!

Er seufzte. “In Ordnung. Aber es wird sein, als wenn man einem Baby seinen Schnuller wegnimmt.”

Sein süffisanter Ton ging ihr durch und durch. “Bin nur ich es, von der Sie eine so schlechte Meinung haben, oder sind es alle Frauen?”

“Ich habe bis jetzt noch nie eine Frau aus einer Stadt wie Houston getroffen, die auch nur einen Pfifferling wert gewesen wäre, wenn es darum geht, auf diesem Land zu überleben. Ich bezweifle, dass Sie eine Ausnahme sein werden.”

“Und was führt Sie zu dieser Annahme?”

“Lady, sogar Ihre Hunde sehen so aus, als ob sie ohne sanitäre Anlagen nicht überleben würden.”

“Meine Hunde sagen nichts über meine Kondition für die anstehende Arbeit aus. Das versichere ich Ihnen.”

“In Ordnung. Aber bevor wir den Deal abschließen, hoffe ich, dass Sie nicht angestachelt von einem idiotischen Stolz hier bleiben wollen. Denn manchmal ist es besser, einfach seine Verluste hinzunehmen.”

Und was zu tun? Es stand ihr jetzt keine andere Möglichkeit zur Verfügung, die weniger idiotisch schien, als die Herausforderung anzunehmen und zu versuchen, den alten Kasten zu renovieren.

“Sie müssen sich um meine Beweggründe keine Gedanken machen, Mr Tucker.”

Er grinste. “Gut, vielleicht habe ich dann später etwas Bargeld extra.” Er streckte seine Hand aus.

Sie schlug ein. “Nein, das werden Sie nicht. Ich werde es sein, die gewinnt.”

Mit seiner anderen Hand berührte er unvermittelt ihre – eine Geste, die sie nicht erwartet hatte. Ebenso wenig hatte sie die Gefühle erwartet, die dieser Mann damit in ihr auslöste. Sie schaute in seine eisig wirkenden blauen Augen und sah in ihnen einen Funken aufblitzen, den sie seit ihrem ersten Treffen mit Jared bei keinem Mann mehr bemerkt hatte.

Ihre Lippen öffneten sich leicht.

Sicherlich musste diese seltsame, ganz und gar absurde Anziehung, die sie empfand, bloß von ihren angeschlagenen Nerven herrühren! Es war ein langer, enttäuschender und erschöpfender Tag gewesen. Sie war fix und fertig. Ihr Widerstand war gering.

Er ließ ihre Hand los und lehnte sich nach vorn. “Jedenfalls viel Glück, Miss …”

Sie straffte die Schultern. “Natalie Winthrop.”

“Oh, stimmt.” Er lachte. “Wie konnte ich den illustren Namen Winthrop vergessen?”

“Danke für Ihre guten Wünsche”, gab sie sarkastisch zurück.

Er nickte. “Wenn Sie jemals Hilfe oder einen nachbarschaftlichen Rat brauchen, ich bin da oben auf dem Berg.” Er nickte erneut in Richtung der rustikalen kleinen Hütte.

Nachbarschaftlicher Rat – ja, richtig! Die einzige Art von Hilfe, die sie sich dabei spontan vorstellte, war, dass er sie den Berg hinunterschubste.

Er registrierte ihren störrischen Blick und grinste. “Wir sehen uns später, Natalie.” Er wendete so schnell mit seinem Pferd, dass sie aus dem Weg springen musste.

Und damit verschwand ihr neuer Nachbar so abrupt, wie er gekommen war. Das unglückselige Kaninchen auf seinem Sattel hüpfte hinter ihm auf und ab.

2. KAPITEL

In den letzten drei Tagen hatte Cal sich angewöhnt, früh aufzustehen und die Hausarbeit zu erledigen. Und dann, so gegen zehn Uhr, trank er seinen Morgenkaffee unter dem Vordach. Er setzte sich bequem in seinen Lieblingsschaukelstuhl und genoss die Show.

Was den reinen Unterhaltungswert anging, war Natalie Winthrop Gold wert. Ihre Anstrengungen, ihr Haus zu reparieren, waren hundert Mal amüsanter als sämtliche Fernsehshows, die er jemals gesehen hatte. Auch wenn er derzeit keinen Fernseher hatte und das Programm nicht kannte, wettete er, dass Natalie eine klasse Hausrenovierungsshow mit dem Titel “Natalies Heim-Desaster” auf die Beine stellen könnte.

Heute arbeitete seine Nachbarin auf dem Dach. Oder genauer, anstatt es tatsächlich zu reparieren, versuchte sie, eine dicke Plastikplane über das riesige Loch im Dach zu ziehen.

Viel Glück, Lady, dachte er wie immer lächelnd, wenn er sie dabei betrachtete, wenn sie mutig eines ihrer Vorhaben anpackte. Leider waren ihre Versuche bisher kaum von Erfolg gekrönt. Gestern hatte sie Stunde um Stunde damit verbracht, einige Fenster mit Brettern zu vernageln. Erst hatte sie die Fenster falsch ausgemessen und die Bretter in der falschen Größe gekauft. Und dann, während des Versuchs, einige Bretter zusammenzunageln, hatte sie sich mit dem Hammer auf die Hand geschlagen. Schließlich hatte sie Klebeband benutzt, um ihr Werk zu vollenden. Das herausragendste Beispiel linkischer Hausreparatur, das er jemals gesehen hatte.

Heute würde es ein bedeutsamerer, wenn auch sehr viel schwierigerer Job sein.

Er betrachtete sie, wie sie die Leiter hochkletterte, die sie gestern auf dem Dach ihres VW-Käfer aus der Stadt geholt hatte. Das Vehikel sah aus wie neu, was nur schwer zu glauben war, wenn sie gewusst hatte, dass sie in die Berge fahren würde. Kaum eine praktische Anschaffung. Aber Natalie Winthrop, Großenkelin des Ölbarons, was sie, wie er annahm, zu so etwas wie einer Baroness zweiten Grades machte, wirkte nicht so, als hätte sie mehr Verstand als ein Wurm.

Natürlich, wenn er in Betracht zog, wo sie herkam – höchstwahrscheinlich aus einer Houstoner Nachbarschaft mit großen Gärten, die Frauen gehörten, die nie im Leben einen Rasenmäher geschoben hatten –, bezweifelte er, dass sich so eine Frau auf ihre Intelligenz verlassen musste. Und eine Frau, die so gut aussah wie Natalie Winthrop, war wahrscheinlich noch weniger auf ihr Hirn angewiesen als die meisten anderen reichen Frauen. Selbst Cal, der sich als äußerst immun gegenüber weiblicher Schönheit betrachtete, musste zugeben, dass seine neue Nachbarin auf dem Gebiet einiges zu bieten hatte.

Nicht, dass ihre Schönheit irgendetwas damit zu tun hatte, dass er sie so eingehend ins Visier nahm. Nein, der einzige Grund, warum er Natalies Renovierungsarbeiten so aufmerksam verfolgte, war, dass er abzuschätzen versuchte, wie bald er seinen Berg wieder für sich allein haben würde.

So, wie es aussah, sehr bald. Die Frau hatte keine Ahnung davon, was zu tun war. Wenn sie nichts tun würde, wäre sie genauso weit.

Er beobachtete Natalie, die unsicher auf dem Dach kauerte, aber im Geist sah er plötzlich Connie, seine Exfrau, vor sich. Sie war auch hübsch, verwöhnt und unpraktisch gewesen und hatte gedacht, in der finstersten Provinz zu leben, würde “lustig” werden. Er hatte sie in San Franzisco getroffen, sie Hals über Kopf umworben, und dann hatte er seine Braut nach Heartbreak Ridge gebracht.

Natürlich hatte er Connie mehrmals auf die Gefahren hingewiesen, die das Leben in einer kleinen Stadt mit sich brachte. Die Langeweile. Es gab nur ein Lokal, das Feed Bag, in der Stadt, und der Besitzer und Koch Jerry Lufkin hatte sich nie mit Nouvelle Cuisine abgegeben. Cal hatte Connie vor dem Tratsch gewarnt und davor, dass jeder in der Stadt stolz darauf war, alles von den anderen zu wissen. Er hatte ihr von den großen Entfernungen erzählt, die man für alles zurücklegen musste. Er hatte Connie vor alldem gewarnt, aber als sie dann damit konfrontiert war, bekam sie einen Schock, wie sie behauptete.

Nach einem Monat behauptete sie, verzweifelt zu sein.

Nach drei Monaten fing sie an, ihn wüst zu beschimpfen. Sie nannte ihn einen miesen Hilfssheriff, der in einem Provinznest sein Leben verschlief. Sie sagte, sie langweile sich in Heartbreak Ridge und mit ihm zu Tode. Sie meinte, er würde es nie wirklich zu etwas bringen, solange er hier blieb. Außerdem teilte sie ihm mit, falls er sein Leben damit verbringen wollte, Strafzettel wegen Geschwindigkeitsübertretung auszustellen, wäre das schön und gut, aber sie beabsichtige nicht länger, in einem Kaff wie Heartbreak Ridge zu versauern.

Und dann schlug sie die Tür hinter sich zu. Der einzige Hinweis, dass sie da gewesen war, war eine fast leere Flasche Chanel No. 5.

Cal musste sich eingestehen, dass er es kommen gesehen hatte. Aber er hatte nicht vorhergesehen, welche Schläge Connies Beschimpfungen seinem Ego versetzten. Sein Leben verschlafen? Soweit er wusste, hatte praktisch jeder Mann in seiner Familie eine Karriere als Polizist angestrebt. Und so er war bei seinem Onkel Sam Weston automatisch in den Job des Hilfssheriffs gerutscht. Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht. Er hatte nur gedacht, dass er im Leben mühelos vorankommen, heiraten und Kinder haben würde.

Aber als Connie ihn verlassen hatte, hatte er begonnen, seine alten Einstellungen neu zu überdenken. Er wollte nie mehr irgendetwas tun, nur weil jedermann, er selbst eingeschlossen, davon ausging, dass er es tun würde. Er wollte eine Auszeit, um herauszufinden, wie er in Zukunft leben wollte.

Die Leute in der Stadt waren schockiert, als er seinen Job als Hilfssheriff an den Nagel hängte und mit ein paar dicken Nachschlagewerken in die Jagdhütte seiner Familie zog. Sein kleiner Bruder Cody hatte seine Pflichten als Hilfssheriff übernommen. Und – Ironie des Schicksals – während Cals Sabbatjahr hatte Codys Leben sich völlig verändert. Er entdeckte, dass er zum Rancher geboren war und heiratete ebenfalls. Wohingegen Cal bislang nur zu einer klaren Schlussfolgerung für sein Leben gekommen war: Er wollte seinen Berg nicht mit einem behämmerten Weib, drei lauten Hunden, einem Kater und einem Papagei, der glaubte Pavarotti zu sein, teilen.

Schluss. Aus.

Er nahm einen Schluck Kaffee und stöhnte. Connie! Es waren Wochen vergangen, seit er an sie gedacht hatte, und jetzt hatte er den Salat! Eine Frau zeigte sich auf seinem Berg, und plötzlich konnte er seine Exfrau nicht aus dem Kopf kriegen.

Genau das war es, was Frauen bei Männern bewirkten. Sie beunruhigen.

Oder vielleicht war es die Liebe, die das bewirkte.

Cal war auch kein großer Anhänger der Liebe mehr. Er fand, sie wurde allgemein überschätzt.

Natürlich, bei seinem Onkel Sam war es gut gegangen. Der Sheriff hatte sich in eine Frau verliebt, die er über das Internet kennengelernt hatte. Und kaum zu glauben, ihre Ehe schien zu halten. Bis jetzt. Auch sein kleiner Bruder Cody hatte sich verrannt – in die Liebe oder vielleicht eine Geisteskrankheit. Jetzt war er mit der unwahrscheinlichsten Person, einem Mädchen namens Ruby Treadwell, verheiratet und schien auf seiner neuen Ranch mit Schafen und Bienen glücklich zu sein. Aber beide Beziehungen dauerten noch nicht lange, und obwohl Cal Sam und Cody alles Gute wünschte, hatte ihn Connie skeptisch werden lassen.

Tatsche war, dass er nach seiner Ehe mit Connie zu einigen entschiedenen Einsichten über die Liebe gelangt war. Zum einen machte sie die Menschen zu Lügnern. Die Anziehung gegenüber dem anderen Geschlecht setzte nicht nur Hormone frei, sondern musste wohl auch irgendeine Drüse aktivieren, die zu Unwahrheiten aufrief. Solche, wie Connie sie ihm erzählt hatte. Dass es ihr nichts ausmachen würde, auf dem Land zu leben. Oder dass sie mit ihm in dieser einsamen Gegend leben könnte. Sie behauptete, sie würde vollkommen glücklich sein, solange sie nur bei ihm sein würde.

Und die Liebe hatte ihn das glauben lassen, auch wenn ihm sein Instinkt gesagt hatte, dass sie nicht wusste, wovon sie redete, da sie immer in der Großstadt gelebt hatte.

Mitten in den Überlegungen über seine Liebestheorie verschwand Natalie.

Als er vor einer Minute nach ihr gesehen hatte, war sie noch auf dem Dach gewesen, und im nächsten Moment war sie wie vom Erdboden verschwunden. Als ob sie in ein schwarzes Loch gefallen wäre!

Abrupt stellte er seinen Kaffeebecher ab. Du lieber Himmel. War die Frau tatsächlich durch das Dach gefallen?

Als wenn ihre Kalamitäten eine Art kosmischer Wunscherfüllung wären, zuckte er schuldbewusst zusammen. Der Himmel wusste, dass er die Frau von seinem Berg weghaben wollte, aber er wollte nicht, dass sie starb.

Schnell wie der Blitz schoss er den Hügel hinab, um zu sehen, was von seiner Nachbarin übrig geblieben war.

Als sich der Staub wieder auf die Trümmer gelegt hatte – und Natalie nahm an, dass sie sich als deren neuer Hauptbestandteil betrachten musste –, staunte sie wieder einmal über den unglaublichen Absturz, den ihr Leben genommen hatte. Innerhalb eines knappen Jahres hatte sich ihr Leben vom amerikanischen Traum in einen schlimmen Albtraum verwandelt. Mit einem katastrophalen falschen Schritt war sie von glanzvollem Reichtum in die schlimmste Pleite geraten.

Vor einem Jahr hätte sie sich niemals Gedanken um ein Dach gemacht. Sie hatte angenommen, dass es eine Menge Material zwischen einem Dach und dem darunter liegenden Stockwerk geben musste. Zum einen eine Zimmerdecke. Aber anscheinend waren Zimmerdecken in manchen Fällen – in diesem Haus zum Beispiel – nicht wirklich etwas, worauf man zählen konnte!

Sie atmete immer noch schwach, als sie unten Lärm hörte. Zuerst ein Pochen – deutlich zu unterscheiden von dem Pochen in ihrem Kopf –, und dann bellten die Hunde wie wahnsinnig vor der Eingangstür. Und Armand stieß seine Klingelzeichen-Imitation aus.

Das Klopfen wurde lauter.

Genau das, was sie jetzt brauchte. Besuch!

Natalie versuchte, sich zu bewegen, aber sie hatte Angst, dass sie gelähmt wäre. Wer es auch war – er würde früher oder später wieder gehen oder herausfinden, dass die Tür nicht verschlossen war. Natürlich gingen die Schlösser im Haus nicht. Das war eine weitere Sache, die sie zu beheben hatte, bevor all ihre reichen Freunde zweihundertfünfzig Dollar für eine Nacht in ihrem vornehmen Hotel zahlen würden.

Sie merkte, wie ihr eine Träne über das Gesicht lief, und kümmerte sich nicht darum, sie wegzuwischen. Sie war zu müde, um sich zu bewegen. Nach drei Tagen harter Arbeit, um ihr Haus minimal wohnlicher zu gestalten – drei Tage, in denen sie sich mit Fast Food und einer behelfsmäßigen Dusche begnügt hatte, die daraus bestanden hatte, sich eine Flasche Mineralwasser über den Kopf zu schütten –, fühlte sie sich schließlich geschlagen. Es war die totale Niederlage.

Unten in der Halle hörte sie schwere Schritte, die eine Maus in eine der vielen Risse in den Wänden flüchten ließ.

“Natalie? Natalie, sind Sie in Ordnung?

Aufgrund des mittlerweile wenig vertrauten Klangs erwachten ihre Lebensgeister. Eine menschliche Stimme!

Jemand rief ihren Namen!

Sie hatte außer mit dem Eisenwarenverkäufer seit Tagen mit niemandem mehr gesprochen. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie noch in der Lage war, Konversation zu machen. Oder ob es den Einheimischen möglich sein würde, ihr zu antworten. Bisher hatten sie sie meistens nur angegafft. Aber um der Neuigkeit willen und um nicht wahnsinnig zu werden, war sie bereit, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

“Ich bin in der Mansarde!”

Die Schritte kamen die beiden Treppen hoch. Das rasende Getrappel von Hundepfoten zeigte, dass sich Mopsy, Bootsy und Fritz an die Fersen des Besuchers geheftet hatten.

Sie versuchte gerade, sich aufzurichten, als plötzlich ihr Furcht und Schrecken einjagender Nachbar Cal Tucker durch die Tür stürmte.

“Was ist mit Ihnen passiert?”, schrie er.

Im nächsten Moment war sie von einem Gewusel aus Fell umgeben, aus dem sie sich kaum befreien konnte.

“Sind Sie in Ordnung?”, fragte Cal.

Noch vor fünf Sekunden hätte sie diese Frage definitiv mit Nein beantwortet. Natürlich war sie nicht in Ordnung. Sie hatte drei Tage lang von Wiener Würstchen und Gebäck gelebt. Sie hatte ununterbrochen gearbeitet und nur eine lächerlich kleine Wirkung erzielt. Ihre Kleider waren dreckig, ihre Haare strähnig und ihr Körper war steif und schmerzte, weil sie auf dem Boden geschlafen hatte. Sie hatte mehr Geld für den Versuch ausgegeben, die Löcher im Haus abzudichten, als sie für ihre persönliche Todesfalle bezahlt hatte.

Ganz zu schweigen davon, dass sie gerade durch das Dach gefallen war.

Nein, sie war absolut nicht in Ordnung.

Aber das würde sie nicht Cal Tucker erzählen, der sie drei Tage lang mit Argusaugen beobachtet und ohne Zweifel gebetet hatte, dass ihr eine Katastrophe wie diese passieren würde!

Sie setzte sich auf – und ihr Kopf fühlte sich an wie Brei. Um die Balance zu halten, stützte sie sich mit den Händen ab und erklärte: “Mir geht es wirklich gut.”

“Sie sehen aber nicht gut aus”, entgegnete Cal.

“Und warum haben Sie mich dann gerade danach gefragt?”

“Weil Ihr Gesicht vor ein paar Sekunden noch nicht weiß wie Käse war.”

Automatisch hob sie die Hände zum Gesicht, dann brach sie fast zusammen. Bevor sie jedoch hinfallen konnte, nahm Cal sie auf seine Arme.

Plötzlich in der Luft, kreischte sie: “Lassen Sie mich runter.”

Anstatt ihrer Anweisung zu folgen, trug er sie aus der Mansarde und die Treppen hinunter.

“Haben Sie mich nicht gehört?”, beharrte Natalie mit verschränkten Armen. Sie würde mit Sicherheit nicht wie Scarlett O’Hara ihre Arme um ihn schlingen!

“Doch. Und falls Sie es nicht gemerkt haben, ich ignoriere Sie.”

Sie verschluckte sich fast vor Empörung. Dachte der Mann, er könnte einfach in ihr Haus rennen und sie wie ein Neandertaler gewaltsam wegschleppen? War das die Art, wie sich Nachbarn in diesen Breitengraden verhielten?

Er ließ sie zwei Treppen lang schmoren. In der Küche angekommen, setzte er sie auf der Theke ab, da es im ganzen Haus keine Stühle gab. Sie dankte dem Himmel, dass sie es vor diesem demütigenden Vorfall noch geschafft hatte, ihre Küche zu scheuern.

Er stand mit verschränkten Armen vor ihr, während Bootsy zwischen seinen Beinen eine Acht drehte. “Diese Köter sind wirklich Nervensägen.”

Köter? Jetzt reichte es!

“Wie können Sie es wagen hereinzukommen, mich wie einen Sack Kartoffeln durch die Gegend zu schleppen und meine Hunde zu beleidigen, die, damit Sie es wissen, keine Köter sind. Bootsy ist ein Mops, Fritz ein reinrassiger Chihuahua und Mopsy ein Schäferhund!

“Und wissen Sie, was alle gemeinsam haben?” Er grinste. “Sie sind alle Nervensägen!”

“Ich hätte gedacht, dass ein Mann der Berge wie Sie zumindest eine Zuneigung zur Natur und zu Tieren hätte.”

“Habe ich, wenn sie einen Zweck erfüllen. Aber, Lady, Ihre blöden Hündchen wirken nicht so, als wären sie besser mit der Natur vertraut als Sie.”

Sie öffnete den Mund, um es ihm heimzuzahlen, aber er stoppte sie, indem er die Hand hob und sich umsah.

“Haben Sie Wasser?”

“Das Mineralwasser ist mir ausgegangen”, gestand sie widerwillig. Aber nicht, dass sie das meiste für ihr Bad verbraucht hatte.

“Was ist mit der Pumpe?”

“Sie geht nicht.”

“Wie kann sie gehen? Sie wird mit der Hand betrieben.”

“Ich sage Ihnen, sie geht nicht.”

“Sind Sie sicher, dass Sie es richtig gemacht haben?”

“Natürlich!” Dachte er, sie sei eine komplette Idiotin? “Ich pumpte, und es kam nichts.”

Seufzend marschierte er durch die Hintertür zur Pumpe vor der Küche.

Begierig darauf zu sehen, wie belämmert ihr unerträglicher Nachbar aus der Wäsche gucken würde, wenn die Pumpe auch bei ihm streikte, ging Natalie hinter ihm her.

Am Brunnen gab Cal bereits sein Bestes und pumpte grimmig. Zu Natalies großer Befriedigung passierte nichts.

“Ich hab es Ihnen ja gesagt, dass sie nicht funktioniert.”

Als sie ihm wegen seiner blöden Beharrlichkeit, es ihr zu zeigen, grinsend zusah, erlaubte sie sich zum ersten Mal, ihn so nüchtern wie ein Wissenschaftler unter die Lupe zu nehmen. Cal Tucker besaß das ideale Exemplar eines männlichen Körpers, das musste sie zugeben. Unter seinem T-Shirt zeichneten sich bei jeder Bewegung eindrucksvoll seine muskulösen Arme ab. Die ausgeblichenen, an den Hüften eng sitzenden Jeans verführten dazu, seinen knackigen, sexy Po in Augenschein zu nehmen. Was für ein Jammer und eine Verschwendung, dass in einem derart sexy Körper solch ein abscheulicher, arroganter Charakter steckte!

Als sie ihn ganz objektiv betrachtete, geschah ein Wunder. Aus der Pumpe sprudelte Wasser! Auf ihrem Gesicht spiegelte sich zuerst verletzter Stolz und dann unbeschreibliche Freude.

Es würde möglich sein, ein richtiges Bad zu nehmen!

“Wie ist das passiert? Was haben Sie getan?”

“Man nennt es vorpumpen”, erklärte er. “Sie müssen zuerst Wasser oben reingießen, bevor es fließen kann. Wussten Sie das?”

“Sehe ich aus, als käme ich vom Land? Außerdem, wenn ich es gewusst hätte, hätte ich es selbst getan.”

“Das Problem ist, dass Sie zu viele Dinge versuchen, von denen Sie nichts verstehen.”

“Der Punkt ist nicht, dass ich nichts davon verstehe, sondern dass ich vorher kaum etwas von diesen Sachen gemacht habe. Aber selbstverständlich kann ich lernen. Ich bin gut im Lernen.”

Cal stöhnte verzweifelt. “Sie kennen hier draußen keine Seele, nicht wahr?”

Sie schüttelte den Kopf und konnte kaum verhindern, dass ihre Lippen zitterten. Sie wollte nicht über ihre Einsamkeit sprechen, die sie in den letzten drei Tagen schmerzlich gespürt hatte. Es hatte ihr gefehlt, nicht einfach ihre Freunde anrufen zu können. Aber selbst wenn sie ein Telefon hätte, wie lange würde Clarice Biddles, ihre Zimmergenossin aus College-Tagen, ihrem Gejammer zuhören, wenn es nicht um Männer oder den Country Club ging?

“Wie wollen Sie lernen, Ihr Haus zu reparieren, wenn niemand da ist, der es Ihnen zeigt?”, fragte Cal.

Sie belehrte ihn: “Ich habe ein Buch.”

Er schaute sie an, und sie ging zurück ins Haus, wo sie ihm die wertvolle Ausgabe von “Herrenhäuser und Gärten der Südstaaten” präsentierte.

Cal nahm das Buch und blätterte die Hochglanzseiten durch. “Das kann man nicht gebrauchen”, sagte er besserwisserisch. “Darin geht es nur um Dekoration.”

“Ist es nicht das, was ich mache?”

“Sicher. Nachdem Sie das Dach, die Rohrleitungen und die Stromleitungen instand gesetzt haben.”

Es klang entmutigend. “Sie müssen mir nicht erzählen, was hier noch an Arbeit zu erledigen ist. Ich tue mein Bestes.”

Er seufzte. “Sehen Sie, ich weiß nicht, warum wir streiten.”

“Weil Sie hierhergekommen sind, um Streit zu suchen.”

“Nein”, versicherte er ihr. “Ich habe nur mitbekommen, dass Sie … nun, dass Sie ein kleines Problem haben. Ich dachte, Sie könnten fachmännische Hilfe brauchen. Ich kann Ihnen einige Leute nennen, die das Dach und alles andere reparieren könnten.”

Sie überlegte schnell. Sie hatte in drei Tagen bereits mehr Geld ausgegeben, als sie für mehrere Wochen eingeplant hatte. “Ich bin nicht sicher … Ich denke darüber nach. Man sieht es vielleicht nicht, aber ich bin allein tatsächlich schon ein Stück vorangekommen.”

Er blickte in Richtung seiner Hütte weiter oben auf dem Berg. Sie wünschte, er würde sich entschließen, nach Hause zu gehen.

“Hören Sie, ich will mich nicht einmischen …”, er zögerte etwas, “… aber da wir Nachbarn sind, liegt es auch in meinem Interesse, dass Sie hier sicher sind, sodass ich mir nicht jedes Mal Sorgen machen muss, wenn ich Ihre Hunde bellen höre. Und da ich nun ohnehin heute gerade in die Stadt gehe, warum tun Sie mir nicht den Gefallen und lassen mich einige Schlösser für Sie besorgen und montieren?”

Sie neigte den Kopf zur Seite. Sollte sie? Es war die erste Freundlichkeit, die ihr jemand in Heartbreak Ridge erwies. Tatsächlich begann sie sich zu wundern, ob die Leute vorhatten, sie für den Rest ihrer Tage hier lediglich anzustarren. Cals Angebot machte ihr Hoffnung.

“Würden Sie das für mich tun?”

Sein widerwilliges Achselzucken zeigte ihr, dass er gegen seine eigene Überzeugung handelte. “Betrachten Sie es als Einzugsgeschenk Ihres Nachbarn.”

Sie fühlte sich fast schuldig, dass sie ihn in Gedanken als unflätigen Wilden abgestempelt hatte. “Danke. Ehrlich gesagt, habe ich mir um die Schlösser bisher noch keine Sorgen gemacht …”

Tatsächlich hatte sie sich deshalb beträchtlich gesorgt. Leider konnte sie ebenso wenig ein Schloss anbringen wie zum Mond fahren. Sie fragte sich, ob Cal es konnte, aber er schien sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein.

Er lächelte. Seltsamerweise schien sein Lächeln fast freundlich zu sein.

Und schön.

Sie lächelte zurück. Dennoch wehrte sie sich innerlich dagegen, dass ihr Herz beim Anblick ihres Nachbarn höher schlug. Das Gebäck, das sie gegessen hatte, musste eine bewusstseinsverändernde Substanz enthalten, denn wie sonst war es zu erklären, dass sie jetzt diesen Hinterwäldler begehrte?

“Ich sehe Sie später”, sagte er. “Versuchen Sie, sich in der Zwischenzeit nicht umzubringen.”

“Verschwenden Sie keinen Gedanken an mich. Ich werde da sein.”

Das war gerade das Problem. Sie würde da sein. Bis zum Jüngsten Tag, so fürchtete sie, würde sie hier neben dem gut aussehenden, unausstehlichen Cal Tucker leben.

In der Stadt besorgte Cal die Schlösser und machte sich dann auf den Weg in seine alten Jagdgründe, das Büro des Sheriffs. Als er zur Tür hineinkam, tat Merlie Shivers, die Sekretärin seines Onkels, schockiert.

“Wenn das nicht der alte Mann ist, der aus den Bergen kommt, um seine Weisheiten zu verbreiten!” Sie verneigte sich in gespielter Ehrfurcht. “Was hast du uns zu sagen, weiser Mann?”

Cal lächelte. Er war vier Jahre lang bei seinem Onkel Hilfssheriff gewesen und war daran gewöhnt, die Zielscheibe von Merlies Witzen zu sein. “Das Ende ist nah. Willst du wirklich in Overalls in die Ewigkeit eingehen?”

Merlie kicherte. Sie trug ihre Blaumänner auch im Bett, da war sich Cal sicher. “Auf jeden Fall würde ich die Ewigkeit nicht mit einem wüsten Bärtigen verbringen wollen. Warum lässt du dir nicht die Haare schneiden und rasierst dich? Wer weiß, vielleicht fühlst du dich dann wieder der menschlichen Rasse zugehörig?”

“Genau davor habe ich Angst.”

Sein Onkel, der Sheriff, kam aus dem Hinterzimmer. “Was führt dich in die Stadt, Fremder? Bist du bereit, deine Arbeit wieder anzutreten?”

Sam fragte immer, wann er wieder zu arbeiten anfangen würde. Irgendwie vermisste Cal auch wirklich seinen Job. Seit zwei Monaten, seit sein kleiner Bruder Cody ihn nicht mehr im Job vertrat, hatte Cal darüber nachgegrübelt.

Als er jetzt seinen alten Schreibtisch verlassen und seinen Onkel allein arbeiten sah, dachte er irgendwie wehmütig daran zurück, in der Stadt etwas Gutes zu tun. Jedoch nicht wehmütig genug, um sich wieder für den Job zu verpflichten. Er mochte keine halben Sachen, und er wollte kein Polizist sein, wenn er nicht mit ganzem Herzen dabei war. “Ich denke darüber nach, Sam.”

In Sams Lächeln war eine leichte Enttäuschung zu erkennen.

“Wie geht es Shelby?”, wechselte Cal das Thema.

Bei der Erwähnung seiner Frau strahlte sein Onkel über das ganze Gesicht. “Großartig! Du musst einmal bei uns vorbeikommen, um sie und Lily zu sehen. Lily ist so groß geworden, dass du sie nicht wiedererkennen wirst. Dann kannst du dir auch gleich ein paar Videos ansehen, die ich aufgenommen habe.”

Cal konnte sich gar nicht genug darüber wundern, wie verrückt Sam nach dem Kind seiner Frau war, das er behandelte, als wäre es sein eigenes. Aber vielleicht hatte sich dadurch, dass er bei der Geburt dabei gewesen war, eine besondere Bindung entwickelt. Jeden Laut, den Lily von sich gab, würdigte er mit Ahs und Ohs. Cal hatte den Verdacht, dass Sam ihn wieder als Hilfssheriff haben wollte, weil er dann mehr Zeit dafür hatte, Lilys phänomenale Fortschritte auf Video zu dokumentieren.

“Ich frage mich schon die ganze Zeit”, sagte Merlie, “Cal, ob du wohl auch zu einer Adoption bereit wärst!”

Er blinzelte irritiert. “Wen soll ich adoptieren?”

Merlie griff unter ihren Tisch und holte einen fetten orangefarbenen Pelzball hervor. “Tubb-Tubb junior.”

Instinktiv wich Cal zurück. Etwas, das er nicht wollte, war Verantwortung zu übernehmen. Er wollte keine Verpflichtung eingehen, die ihn zu einer so hilflosen Kreatur wie Natalie machte. “Wie ist das passiert? Ich dachte, dein Kater war …”

Merlie lachte. “Kastriert? Ist er. Aber du musst zugeben, dass sich die Wuschelbälle stark ähneln. Ich fand ihn vor meiner Tür.”

“Ich hasse es, dich zu enttäuschen, Merlie, aber ich bin nicht an Schmusekatzen interessiert. Ich fragte mich, ob jemand von euch einen Handwerker kennt, der Arbeit braucht.”

“Was für eine Arbeit?”, fragte Merlie.

“Oh, ein Haus in Ordnung bringen.” Wenn er erzählen würde, dass er seiner neuen Nachbarin behilflich war, würde das Gerede kein Ende nehmen.

Unglücklicherweise hatte Merlie die Nase eines Bluthundes, wenn es um Klatsch ging. “Erzähl mir nicht, dass du dich schon mit der Hotelchefin angefreundet hast!”

Sam übersetzte für Cal. “So nennen die Leute im Feed Bag unsere neue Bewohnerin. Weil sie in ihrem Essay geschrieben hat, dass sie aus dem Haus eine Luxusherberge machen will.”

Merlie kicherte. “Jeder spekuliert nun, ob es dabei bleibt, oder ob sie daraus ein ‘Heartbreak Hotel’ Marke Elvis machen wird.”

Cal zuckte bei diesen unwillkommenen Aussichten innerlich zusammen. Er fühlte sich unbehaglich. Tatsächlich war er erstaunt, dass sich Natalie nicht versehentlich umgebracht hatte. Sie lebte ganz offensichtlich nicht entsprechend ihrem sonstigen Standard. Obwohl er sie in den drei Tagen, seit er sie weinend am Auto angetroffen hatte, erst heute wieder mal aus der Nähe gesehen hatte, konnte er beurteilen, dass die Frau ein Schatten ihrer selbst war.

“Wie ist sie, Cal?”

Er lachte. “Was ist der Ausdruck dafür, wenn man nichts Nettes über jemanden sagen kann?”

Merlie nickte. “Natalie Winthrop war einige Male in der Stadt und hat mit niemandem außer dem Verkäufer im Eisenwarengeschäft und Leila Birch geredet, die ihr etwas Gebäck eingepackt hat. Und das Einzige, was Miss Winthrop sagte, war ‘Danke’.”

“Das klingt zumindest höflich. Vielleicht ist sie nur schüchtern”, sagte Sam.

“Mir hat sie eine Menge an den Kopf geworfen”, erzählte Cal. “Ihr könnt froh sein, dass sie still war.”

“Warum bist du ihr behilflich, wenn sie so unverschämt war?”

Sam grinste. “Du hast die Frau gesehen, Merlie. Sie ist hübsch.”

“Nennst du das hübsch?”, ereiferte sich Cal entrüstet. “Auf ihrem Kopf ist kein Haar, das nicht in diesem modischen Blondton gefärbt ist.”

“Sie hat eine gute Figur”, warf Sam ein.

“Frauen aus der Großstadt kaufen sich auch die. Wahrscheinlich hat sie einen Fitnesstrainer. Leider hat niemand ihren gesunden Menschenverstand trainiert.”

Merlie lachte. “Du bist natürlich völlig unvoreingenommen gegenüber Frauen aus der Großstadt, Cal, oder?”

Bei dem wenig zarten Hinweis auf Connie wurde er blass. “Diese Frau ist noch schlimmer, als es Connie war. Sie plappert etwas von einem Großvater, der Millionär war, und hat Haustiere, die so verwöhnt sind, dass sie wahrscheinlich ihre eigenen Bankkonten haben.”

Es gab aber eine Sache, die Cal besonders rätselhaft war. Wenn die Frau so reich war, warum heuerte sie nicht erstklassige Handwerker an, die ihr das Haus reparierten?

Andererseits, was ging es ihn an?

Er wunderte sich zum x-ten Mal, warum er sich mit dieser Frage beschäftigte. Er hatte hundert Dollar gewettet, dass sie keine sechs Wochen lang bleiben würde. Und ohne seine Hilfe würde sie es wahrscheinlich nicht. Zum Kuckuck, er bezweifelte, dass sie auch mit seiner Hilfe lange bleiben würde.

Ärgerlich war, dass er nicht einfach länger untätig dasitzen konnte, während sie in diesem maroden Kasten herumwerkelte. Da war sie ihm gegenüber im Vorteil. Eine Wette zu gewinnen war eine Sache. Natalies langsamem Ende zuzusehen, das war etwas anderes.

“Klingt, als ob du da oben mehr Gesellschaft hast, als du dachtest”, bemerkte Sam. “Wenn du sie allein lässt, haut sie vielleicht schneller wieder ab.”

“Das wäre, als ob man ein verwundetes Reh auf der Straße liegen lassen würde. Will man human sein, muss man es entweder erschießen oder ihm helfen.” Er seufzte. “Ich nehme an, ich kann die Frau nicht erschießen.”

“Ja, das wäre nicht gerade das, was man unter Nachbarschaftshilfe versteht.” Merlie lachte wieder. “Und es wäre gegen das Gesetz.”

Das Problem war, dass sich seine Gedanken mehr darum drehten, die reizende Miss Winthrop zu küssen, als sie umzubringen, seit er nachmittags ihren weichen, geschmeidigen Körper in seinen Armen gehalten und in ihre funkelnden braunen Augen gesehen hatte. Dafür sollte er eingesperrt werden!

Sam überlegte kurz. “Nun, ich glaube, du könntest Howard fragen, ob er Arbeit braucht.”

“Howard Tomlin? Den alten Einsiedler?” Merlie gab sich entsetzt. “Ich wäre überrascht, wenn er auch nur noch einen Hammer heben könnte!”

“Er ist wirklich rüstig für einen Mann in den späten Siebzigern”, antwortete Sam.

Cal nickte. Noch besser war, er wettete, dass Howard für wenig Geld arbeiten würde. Natalie Winthrop mochte so tun, als ob sie eine große Nummer wäre, aber er hatte den leisen Verdacht, dass es einen schwerwiegenden Grund dafür gab, dass die Urenkelin des Rinderbarons mit ihrem Geld geizte.

“Danke, Sam. Ich werde bei Howard vorbeischauen.”

Aber das, versprach er sich selbst, würde wirklich das letzte Mal sein, dass er etwas für seine neue Nachbarin tat. Ein Handwerker und einige neue Schlösser würden das erste und letzte Geschenk für die hochnäsige Natalie Winthrop sein. Von da an würde die Baroness allein zurechtkommen müssen.

3. KAPITEL

Natalie hatte wieder neuen Mut geschöpft, als Cal ihr erzählt hatte, er habe einen Handwerker aufgetrieben. Aber beim ersten Blick auf Howard Tomlin sank ihre Stimmung wieder auf den Nullpunkt. Sie bekam keine professionelle Hilfe; sie bekam einen Greis ins Haus! Der Mann brauchte fünf Minuten, um aus seinem antiken, kleinen Lieferwagen zu klettern. Sie konnte sich nicht vorstellen, ihn tatsächlich zu bitten, aufs Dach zu klettern. Der Kerl schlurfte, statt zu gehen, und seine Brillengläser waren so dick wie der Boden einer Colaflasche. Wenn er redete, brüllte er sie an, als würde er ein Megafon benutzen. Ihr tat das Trommelfell weh, aber Cal schwor, Howard schreie nur deshalb so, weil er den ganzen Tag allein gewesen sei und deshalb sein Hörgerät vergessen hätte.

Natalie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie wollte den Mann nicht verletzen, aber sie musste ihm sagen, dass sie ihn nicht brauchen konnte.

“Ich fürchte, der Lohn, den ich ihnen bezahlen kann, wird geringer sein, als Sie hoffen …”, sagte sie und hoffte, dass das Thema Geld der Rückkehr Howards in die Arbeitswelt ein schnelles Ende machen würde.

“Was?”

Sie holte tief Luft, um Mut und Atem zu schöpfen. “Ich kann Ihnen nicht viel zahlen.”

Er blinzelte sie durch die Brillengläser an. “Cal hat mir erzählt, dass Sie der schnippische Typ sind, der erhaben tut!”, kreischte er. “Aber denken Sie nicht, dass Sie mich wegen meinen Alters ausbeuten können. Ich bin in der Gewerkschaft und kenne meine Rechte. Ich arbeite auf keinen Fall für weniger als sechs Dollar die Stunde.”

Sechs Dollar! Seine Erklärung erstaunte sie derart, dass sie genau mit den Worten herausplatzte, die sie eigentlich nicht sagen wollte. “Sie sind engagiert.” Egal, dass Howard fast blind war und keine Leiter hochsteigen konnte. Sie streckte ihm enthusiastisch die Hand entgegen. “Wann können Sie anfangen?”

Howard runzelte die Stirn. “Na ja, ich kann genauso gut gleich anfangen, nachdem ich schon den ganzen Weg hergefahren bin. Ich schätze, ich könnte die Schlösser anbringen.” Ohne eine Antwort abzuwarten, schlurfte er zurück zum Auto, um sein Werkzeug zu holen.

Natalie rannte hinter ihm her. “Mr Tomlin? Mr Tomlin?” Als sie keine Antwort erhielt, rief sie: “Howard! Das Haus hat keinen Strom. Das könnte es schwierig für Sie machen.”

“Strom? Ich habe das Zeug nie gemocht.”

Dann würde er sich hier wohlfühlen, dachte sie wehmütig. Sie machte sich auf den Weg zurück zur Veranda, wo Cal stand.

Cal wartete mit süffisanter Miene auf Natalie. “Die Baroness und Howard Tomlin. Eine Verbindung, die im Himmel geschlossen wurde.

Sie sah ihn finster an. “Verbringen Sie …” Sie räusperte sich und wechselte in eine normale Lautstärke. “Verbringen Sie Ihr ganzes Leben damit, sich auf Kosten anderer Leute zu amüsieren?”

“He, ich habe Ihnen gerade geholfen! Selbst wenn es gegen meine Interessen war, wäre noch hinzuzufügen.”

Als sie sich nach Howard umsah, war sie sich nicht sicher. “Ich habe den Verdacht, Howard ist Ihre Geheimwaffe.”

Er lachte. “Der Mann kann alles in Ordnung bringen.”

Sie verzog nachdenklich den Mund. So viel in ihrem Leben musste in Ordnung gebracht werden. Vielleicht sollte sie Howard auf Malcolm Braswell ansetzen.

Aber auf jeden Fall hatte ihr Cal schon mehr geholfen, als sie erwartet hatte. “Danke”, sagte sie verspätet. “Ich wollte nicht undankbar klingen.”

Er machte eine gespielte Verbeugung. “Nichts zu danken.”

Unsicher, was als Nächstes kam, trat sie von einem Bein aufs andere. Vielleicht sein Angebot zu gehen?

Das erfolgte leider nicht. Er stand nur da und lächelte sie in dieser wissenden Art an, die sie hasste. So als ob er über ihre beschämendsten Geheimnisse Bescheid wüsste.

“So, was hat Sie hierher geführt, Natalie Winthrop?”

Sie erstarrte vor Überraschung. “Ich würde denken, dass das offensichtlich ist.” Sie zeigte auf ihr Haus.

“Nein, tut mir leid. Das kaufe ich Ihnen nicht ab.”

Sie lachte nervös. “Da gibt es nichts abzukaufen, Sherlock Holmes. Kein Rätsel zu lösen. Ich wurde betrogen. Das ist alles.”

“Aber warum schaut sich eine Frau wie Sie nach Häusern in Heartbreak Ridge um? Das ist es, was ich mich frage.”

Ihr Unbehagen wuchs. “Wer ist nicht an Möglichkeiten interessiert, schnell reich zu werden?”

“Reiche Leute. Was Sie behaupten zu sein, aber offensichtlich nicht sind.”

Verflixt noch mal, er wusste es. Oder wenn er es nicht wusste, so vermutete er es. Diese Möglichkeit erfüllte sie mit Furcht. Sie hob den Kopf. “Was in aller Welt bringt Sie zu dieser Annahme?

“Weil Sie nicht hier draußen wohnen würden, wenn Sie einen Penny für ein Hotel ausgeben könnten. Ich kenne Ihren Typ.”

“Wie wollen Sie das wissen?”, fragte sie. “Sind Sie etwa Psychologe? Haben Sie das studiert?”

“Lady, ich habe praktisch meinen Doktor in der Erforschung von Menschen Ihrer Art gemacht.”

Wovon redete er, um Himmels willen? Sie konnte die Kategorie nicht finden, in die er sie steckte. Das blonde Dummerchen? Die unbeholfene Hausfrau? Sie zeigte mit dem Finger auf ihn. “Ich behaupte nicht, dass ich Ihren Typ verstehe, Sie … Sie Hinterwäldler. Alles, was ich weiß, ist, das Sie gewettet haben, dass ich wieder verschwinde. Aber das werde ich nicht. Und hier zu stehen und mich zu beschimpfen wird Sie keinen Deut näher an die hundert Dollar bringen.”

Er hörte ihr mit überheblichem Lächeln zu. “Es war ein Mann, nicht wahr?”

“Ich habe keinen blassen Schimmer, wovon Sie reden.”

“Ein Freund”, stellte Cal klar. “Er hat sie enttäuscht und deshalb sind Sie auf der Suche nach einem neuem Lebensinhalt. Vielleicht hat er Sie verlassen, und Sie haben beschlossen, sich eine Weile von der Welt zurückzuziehen.”

Nach seiner letzten Vermutung hatte Natalie eine blitzartige Einsicht. “Warum? Ist es das, was Sie getan haben?”

Er verstummte, und für eine Sekunde fühlte sie einen überwältigenden Triumph. Das würde ihm eine Lehre sein, sich nicht wieder in wilden Spekulationen über ihr Privatleben zu ergehen!

Langsam wechselte sein Gesichtsausdruck vom üblichen spöttischen Ausdruck zu einem Ausdruck der Trauer. Und nach einigen Momenten, in denen sie in diese blauen, mit Kummer erfüllten Augen geschaut hatte, durchfuhr Natalie ein Schauer. Zu ihrer Verwunderung erregte er ihr Mitgefühl. Cal Tucker musste etwas Schreckliches passiert sein, wenn er solch einen undurchdringlichen Panzer um sich aufgebaut hatte.

Aber was Kummer betraf, so konnte auch sie ein Lied davon singen. Oh, ihre Geschichte hatte sie nicht zu einer griesgrämigen Einsiedlerin gemacht – weit davon entfernt. Aber im vergangenen Jahr hatte auch sie täglich ihre Verzweiflung hinter einer Maske kaschiert, um die Angst in ihrem Inneren zu verbergen – die Angst, die Leute würden entdecken, dass Malcolm Braswell sie um ihr Vermögen betrogen hatte.

War es das, was Cal fühlte? Angst?

Sie bereute, dass sie diese unerfreulichen Gefühle bei ihm ausgelöst hatte. Schließlich hatte er ihr geholfen. Sie wollte nicht am Schmerz eines anderen ihre Freude haben. “Es tut mir leid, wenn ich unhöflich war.”

Sein Gesicht ließ nicht erkennen, dass er ihre Entschuldigung annahm. “Ich werde mich jetzt besser auf den Weg machen.” Er stieg die Stufen der Veranda herab.

Wollte er gerade gehen? “Ich sagte, es tut mir leid”, sagte sie bissig.

“Ich habe es gehört.”

Wütend verschränkte sie ihre Arme. Eine ehrliche Entschuldigung nicht anzunehmen – wie kindisch, wie arrogant!

Sie sah ihm nach, als er zu seinem blauen Pick-up ging. Als er zu Natalie aufschaute, konnte sie sehen, dass er auch nicht gut auf sie zu sprechen war.

Natalie fühlte Enttäuschung in sich aufsteigen. Es behagte ihr ganz und gar nicht, wenn die Leute sie nicht mochten. Aber Cal Tuckers Meinung war ihr ja egal – oder etwa nicht?

Cal fuhr ohne ein weiteres Wort weg. Auch ohne zu winken. Natalie war fassungslos über die grimmigen Gefühle, die sie und ihr gut aussehender Nachbar beieinander auszulösen schienen.

“Eine Schande, was diesem Jungen passiert ist”, sagte Howard, als er mit einem grünen Werkzeugkasten die Stufen hoch stieg.

“Was ist ihm passiert?”, fragte Natalie und versuchte, nicht zu erpicht auf Klatsch über den Nachbarn zu wirken.

“Die lokale Spezialität.” Howard schüttelte traurig den Kopf. “Ein gebrochenes Herz.”

Donnergrollen hallte über die Berge, aber es schien nur das Echo des gewaltigen Sturms zu sein, der sich in Cal zusammenbraute, seit er von seiner Nachbarin zurückgekommen war. Seine schnippische, unfreundliche Nachbarin, könnte er hinzufügen.

Er versuchte, ihr zu helfen, und sie beleidigte ihn! Und nicht nur das. Sie hatte so zielsicher seinen wunden Punkt getroffen, dass er sich fragte, ob sie nicht in der Stadt von ihm und Connie gehört hatte. Auch ein Jahr nach der Scheidung war die Wunde noch frisch – und diese Großstadtpflanze hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als Salz hineinzustreuen!

Er haderte mit dem Schicksal – oder was immer diese Frau hierher gebracht hatte. Von allen Interessenten hatte Jim Loftus ausgerechnet diese unfähige Frau aus der vornehmen Gesellschaft für sein verdammtes Haus aussuchen müssen! Es hatte über fünfhundert Bewerber dafür gegeben – hätte er nicht ein nettes Paar im Ruhestand auswählen können? Oder jemand, der normal war?

Er runzelte die Stirn, als der Regen, den er seit ungefähr einer Stunde erwartete, auf sein Dach prasselte. Zum Teil war er froh darüber, dass Natalie in diesem Haus war. Die alte Todesfalle war genau das, was eine Frau wie sie verdiente. Ihr dabei zuzusehen, wie aus der Renovierung ein Riesenflop werden würde, würde ein Vergnügen sein. Auch mit Howards Hilfe würde sie das Haus nicht wohnlich machen können, und mit dem Geld, das sie ihm bezahlen musste, würde sie noch etwas schneller pleite sein.

Bei der Aussicht, dass sie aufgab, rieb er sich schadenfroh die Hände.

Es blitzte und donnerte ohrenbetäubend in der Nähe und er rannte zum Fenster und schaute den Berg hinunter.

Bis auf ein schwaches, flackerndes Licht in einem Raum war das große Haus dunkel. Er grinste, als er sich die traurige, kleine Szene vorstellte, die sich dort unten wohl abspielte … Natalie würde sich bei einer Kerze in einer Ecke des Hauses zusammenkauern, in der es nicht durch die Decke regnete – falls es dort so etwas gab. Ohne Zweifel hatte eine Frau wie sie Angst vor Blitzen, und war wahrscheinlich starr vor Schreck. Er stellte sich vor, wie ihr die honigblonden Haare ins Gesicht fielen, so wie sie es manchmal taten, und dass ihre schönen braunen Augen vor Angst weit aufgerissen waren.

Sein Grinsen verwandelte sich langsam in ein nachdenkliches Stirnrunzeln.

Er stand stocksteif in der Mitte des Zimmers, das gleichzeitig als Wohnzimmer und Küche diente. Seine Schadenfreude ging allmählich in Mitgefühl über, je lebhafter er sich alles vorstellte. Natalies Haus hatte keine Heizung, kein Licht und kein Zimmer, wo es nicht hereinregnete. Der böige Wind rüttelte so an den ramponierten Fenstern, dass selbst die kampfgestähltesten Bewohner Heartbreak Ridges es mit der Angst zu tun bekommen würden.

Verdammt!

Sich selbst unentwegt als Idioten verfluchend, lief er zur Eingangstür und zog seinen Regenmantel an. Diese teuflische Frau hatte hier nichts zu suchen, und gab keinen Grund, weshalb er Mitgefühl mit ihr haben sollte! Aber Tatsache war, dass er es hatte, und keinen Schlaf finden würde, bevor er nach ihr gesehen hatte.

Er sprintete zu seinem Pick-up und fuhr so schnell den Berg hinunter, wie es das Unwetter erlaubte. Der Sturm war so heftig, dass die Straße völlig aufgeweicht war.

Unten angekommen, rannte er zur Tür und klopfte. Drinnen startete der Kakadu seine Türklingel-Imitation, und die Hunde veranstalteten ihr übliches Spektakel. Als er vergeblich versuchte, die Tür zu öffnen, erinnerte er sich, dass Howard die Schlösser eingebaut hatte.

“Wer ist da?”, rief Natalie, und es klang, als sei sie ganz in der Nähe.

“Ich bin es, Natalie. Um Himmels willen, machen Sie die Tür auf!”

Als sie die alte Tür aufmachte, blieb ihm vor Überraschung die Luft weg. In ihrem alten Flanellnachthemd und einem Pullover sah sie genau so verloren aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Regen rann die Wände herunter, und in einer Ecke flackerte unruhig eine kleine Kerze. Das feuchte Zimmer roch nach nassem Hundefell und Kakadu und irgendeinem anderen durchdringenden, vertrauten Duft.

Er zog die Nase kraus, als er registrierte, dass der Duft von Natalie ausging. “Was ist das für ein Parfüm?”

“Chanel No. 5.”

Er hätte es wissen müssen – sie duftete auch wie Connie. Am liebsten hätte er sich auf dem Absatz umgedreht und wäre zu seinem Auto zurückgerannt. Doch er blieb wie angewurzelt stehen.

Die Hunde winselten, und Natalie starrte ihn immer noch mit ihren großen Augen an. Der Schatten des Kerzenlichts flackerte über ihre hohen Wangenknochen und ließ ihren Teint noch ein bisschen perfekter wirken. Aber ihr Haar hing strähnig herunter, und unter dem weiten Nachthemd zeichnete sich die Linie ihres Schlüsselbeins ab. Sie wirkte wie ein obdachloses Kind.

“Kommen Sie”, sagte er. Parfüm oder nicht, er konnte sie nicht hier lassen.

“Wohin?”

“Ich bringe Sie zu meinem Haus. Packen Sie zusammen, was Sie für die Nacht brauchen, und lassen Sie uns gehen.”

Zu seiner Überraschung fing Natalie keinen Streit an. Das war das erste Mal!

“Okay”, sagte sie, “Sie nehmen den Käfig, und ich versuche, Winston zu finden. Er hasst Stürme.” Sie machte sich auf die Suche nach ihrem Kater, als Cal sie am Arm festhielt.

“Verzeihung?”

Mit großen braunen Augen blinzelte sie ihn alarmiert an. “Ich kann ihn nicht hier lassen!”

“Es ist nur für eine Nacht.”

“Aber sehen Sie sich sie an”, flehte sie und zeigte auf ihre zitternden Tiere. “Sie fürchten sich zu Tode.”

“Mein Haus hat zwei Zimmer”, erklärte Cal. “Und ein Badezimmer.”

“Gut, dieses Haus hier hat zwei Quadratmeter, die bewohnbar sind. Von meinem Standpunkt aus haben Sie es also wirklich gut. Außerdem kann Armand wirklich nicht hier in dieser Kälte und Feuchtigkeit bleiben – das ist schlecht für ihn.”

“Er ist ein Vogel!”

“Er ist ein tropischer Vogel. Seine Vorfahren kommen aus dem Regenwald.”

“Sehen Sie – Regen!”

Ungeduldig presste sie die Lippen aufeinander. “Greifen Sie sich einfach den Käfig, ja? Und stellen Sie ihn auf den Rücksitz meines VW. Winston und die Hunde können mit Ihnen fahren.” Sie drehte sich um, als sei es beschlossene Sache.

Er brummte, als er sie auf der Suche nach Winston die Treppen hinunterlaufen hörte. Teufel auch – er war gekommen, um zu helfen, und jetzt machte sie einen Zoowärter aus ihm!

Als er den Käfig hochhob, stöhnte er überrascht auf. Das Ding war so schwer, als wäre es aus Gusseisen.

Er seufzte. “Okay, Jungs, lasst uns gehen.”

Die Hunde tänzelten zur Tür, und er trat versehentlich auf den dicken Hund, der laut aufheulte. Was den Vogel anscheinend veranlasste, eine Arie anzustimmen.

“Der Himmel steh mir bei”, murmelte er vor sich hin, als er in den strömenden Regen lief. “Ich versuche eine Frau zu retten und ende damit, von einem Vogel zwangsweise mit Kultur gefüttert zu werden!”

“Falls ich es nicht schon gesagt habe, danke, dass Sie uns hergebracht haben”, sagte Natalie zu Cal, als sie mit einer Tasse heißem Tee bei ihm auf der Couch saß. Nach den letzten Tagen erschien ihr ein heißes Getränk wie ein Luxus. “Gehört Ihnen diese Blockhütte?”

Cal schwang mit seinem Schaukelstuhl hin und her. “Es ist die Jagdhütte meiner Familie.”

Sie rümpfte die Nase wegen des Rehgeweihs an der Wand über ihr. Armes Bambi! Es war ein schrecklicher Gedanke, so ein furchterregendes Ende zu nehmen, und dann ausgestopft als Dekoration an die Wand gehängt zu werden.

“Warten Sie – sagen Sie es nicht”, schnaubte Cal. “Die Jagd findet nicht Ihre Billigung.”

Sie versuchte, sich daran zu erinnern, dass sie Gast war, und lächelte. “Ich bin sicher, Tiere zu töten, ist ein sehr fesselndes Hobby.”

Er lachte. “Genau, wie ich angenommen habe – ein blutendes Herz. Wahrscheinlich würden Sie nicht zögern, in einem Fünf-Sterne-Restaurant Rehrücken oder Wildragout zu bestellen.”

Sie fürchtete, dass ihr Erröten sie verraten würde. Ihr moralischer Anspruch stand auf wackeligen Beinen. “Ich würde es nicht bestellen.” Obwohl sie gerade letzten Monat auf einer Dinnerparty ein köstliches Rehsteak gegessen hatte … und da das alles war, was es dort gab, was hatte sie für eine Wahl gehabt?

“Stimmt etwas nicht?”, fragte Cal.

In die Enge getrieben, schüttelte sie den Kopf. “Ich bin nur in Gedanken.”

Er nickte wissend. “Es ist dieser Mann, nicht wahr?”

“Welcher Mann?”

“Der Kerl, der Sie verlassen hat. Sie können nicht aufhören, an ihn zu denken.”

Anscheinend konnte ‘Cal’ nicht aufhören, an ihn zu denken. Obwohl sie geglaubt hatte, er hätte kapiert, dass er das Thema besser meiden sollte, nachdem sie ihn nachmittags in seine Schranken verwiesen hatte. “Damit Sie es wissen, ich bin nicht verlassen worden. Ich habe ihn sitzen lassen.”

Cal sah aus, als hätte er eine Kröte geschluckt. “Ich hätte es wissen müssen.”

“Außerdem war es nicht das, worüber ich nachgedacht habe. An Jared denke ich kaum noch.”

“Jared!”, sagte er angewidert.

“Das war der Name meines Verlobten.”

“Warum haben Sie ihn sitzen gelassen?”

“Das geht Sie nichts an!” Sie konnte sich nicht überwinden zuzugeben, dass sie ihn unter anderem wegen ihres Hauses sitzen gelassen hatte, in dem man während eines Regensturms nicht einmal übernachten konnte. Cal hielt sie ohnehin schon für eine Idiotin. “Es ist auf jeden Fall eine lange Geschichte.”

Er grinste. “Die Nacht ist noch jung. Wie nah stand die Hochzeit mit diesem Jared denn bevor?”

“Zirka sechzehn Stunden.” Cal starrte sie mit großen Augen an, und sie fügte schnell hinzu, “aber es war das Beste so. Unsere Ehe wäre ein Desaster gewesen.”

“Anscheinend!”

“Ich merkte, dass ich ihn nicht liebte.”

“Und warum haben Sie sich dann mit ihn verlobt?”

Sie senkte den Blick und tätschelte abwesend Mopsy. “Ich … ich dachte, es wäre ein vorteilhaftes Arrangement.”

“Verstehe.” Cal schnaubte verächtlich. “Er war stinkreich, aber letztendlich konnten Sie es nicht durchhalten.”

Sie antwortete nicht. Trotzdem sprach ihr rot gewordenes Gesicht Bände.

“Und jetzt ist Ihr Herz gebrochen”, bemerkte er ironisch. “Ich glaube, Sie sind im richtigen Ort gelandet.”

Sie kicherte nervös. “Das mit den gebrochenen Herzen ist doch nur ein Gag, richtig? Howard hat mir heute etwas davon erzählt.” Sie fügte nicht hinzu, dass sie sich dabei über ihn, Cal, unterhalten hatten.

Cal war auf einmal todernst. “Das ist kein Spaß für die Leute hier. Es gibt hier keine Familie, die nicht mit Liebeskummer geschlagen ist.”

Es lag Natalie auf der Zunge, dass wohl auf der ganzen Welt niemand davon verschont wurde, aber sie sah ihm an, dass er nicht in der Stimmung war, die Liebesangelegenheiten der Einwohner von Heartbreak Ridge zu diskutieren. Aus welchem Grund auch immer sah sich Cal offensichtlich als Aushängeschild des heimischen Liebesleids. Der Kronprinz der gebrochenen Herzen – nichts, was sie sagen konnte, würde das ändern.

“Wissen Sie”, sagte er plötzlich, “Frauen versetzen mich immer wieder in Erstaunen. Sie machen einen Mann fertig und tun sich dann selbst leid.”

Natalie straffte die Schultern. “Ich habe nicht bemerkt, dass ich hier dazu bestimmt bin, mein ganzes Geschlecht zu repräsentieren. Waren Sie immer so feindselig Frauen gegenüber?”

“Das hat sich eher in der letzten Zeit entwickelt”, versetzte er brummig.

“Ich verstehe. Seit Ihre Frau Sie verlassen hat …”

Seine blauen Augen verrieten, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. “Wer hat Ihnen davon erzählt?”

“Howard. Es scheint, dass selbst der Einsiedler der Stadt weiß – der andere Einsiedler, wollte ich sagen –, dass Sie sich hier verkrochen haben, um Trübsal zu blasen. Ohne Zweifel haben Sie nur darauf gewartet, dass eine ahnungslose Frau auftaucht, an der Sie Ihre Wut auslassen können. Sie müssen sich gefreut haben, als ich hier angekommen bin.”

Er lachte laut auf. “Gefreut? Lady, glauben Sie, ich war darüber erfreut, in meiner Einsamkeit gestört zu werden?”

“Sie waren derjenige, der mich eingeladen hat, hier die Nacht zu verbringen.”

“Und sehen Sie, was passiert!” Er zeigte mit einer weit ausholenden Geste um sich. “Es endet mit einem Zimmer voller Tiere und einer Frau, die ihre Nase in meine Angelegenheiten stecken will.”

Natalie bebte praktisch vor Empörung. “Wer hat angefangen, neugierige Fragen über meine bevorstehende Hochzeit zu stellen?”

Cal senkte den Kopf – und gestand wenigstens auf diese Weise ein, dass er im unrecht war.

Sie seufzte und erinnerte sich daran, dass sie versuchen wollte, nett zu sein. Zumindest sollte sie dankbar dafür sein, dass sie und ihre Tiere einen trockenen Platz zum Schlafen hatten.

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