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Tiffany Lieben & Lachen Band 0005

Carol Finch

Hobby? Liebe!

1. KAPITEL

Daniel Joseph Grayson, Mitbegründer und Direktor der Firmenkette Hobbydrome Enterprises für Heimwerker- und Bastelbedarf, war ausgerissen. Er wünschte, er hätte das schon vor einem Jahr getan, denn diese Auszeit war längst überfällig.

Daniel wünschte sich verzweifelt seine ursprüngliche Begeisterung für das Familienunternehmen zurück. Er musste zu sich selbst zurückfinden, denn das ständige Starren auf Gewinndiagramme in seinem Luxusbüro, umgeben von lauter Jasagern, verzerrte sein Weltbild. Alle seine Abteilungsleiter und Manager schienen einzig und allein darauf aus zu sein, sich ihre Posten und ihre hohen Gehälter zu sichern. Das machte ihn einfach wahnsinnig!

Weder konnte er neue Ideen an seinen Topmanagern testen noch konstruktive und innovative Vorschläge von ihnen erwarten, denn er konnte ihnen nicht trauen. Ging es ihnen um das Wohl der Firma oder nur um ihr eigenes? Als sein Großvater sich vor einem Jahr aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, hatte sich die Lage rapide verschlimmert. J. D. Grayson war der einzige Mensch, der Daniel die Wahrheit ins Gesicht sagen würde, doch der alte Herr war in den wohlverdienten Ruhestand getreten.

Also hatte Daniel den Entschluss gefasst, seine Manager allein zu lassen und sie damit zu zwingen, sich ihre exorbitanten Gehälter wirklich zu verdienen. Einen Monat lang wollte er außerhalb von Oklahoma City einen ganz gewöhnlichen Arbeitnehmer spielen. Er hoffte inständig, dass es im normalen Arbeitsleben nicht so zuging wie in der Chefetage eines Großkonzerns mit all seinen Intrigen. Frische Landluft musste ihm einfach mal gehörig durch Herz und Hirn blasen! Daniel wollte auf sämtliche Privilegien eines Firmendirektors verzichten und sich damit auch der Belagerung durch all die Hochglanzschönheiten entziehen, die in ihm nur ein wandelndes Wertpapier mit hoher Gewinnerwartung sahen.

In letzter Zeit war er immer unsicherer geworden, ob er um seiner selbst willen geschätzt wurde oder ob die Menschen lediglich seine Macht, seinen Reichtum und seinen Einfluss sahen. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Als unauffälliger Durchschnittsbürger würde er schon merken, wie viele wahre Freunde er finden konnte.

Daniel verließ mit dem uralten Pick-up, den er sich von seinem Großvater geliehen hatte, die Autobahn und fuhr Richtung Fox Hollow. Die kleine Ortschaft lag in einem Tal, das von waldigen Höhen mit rauschenden Bächen umgeben war; ein malerischer Gebirgssee war nur einen Katzensprung entfernt.

In diesem idyllischen Städtchen trafen sich Jäger, Angler, Wanderer und Rentner. Der perfekte Zufluchtsort für einen zynischen, abgestumpften Firmendirektor, der ein paar grundlegende Dinge in seinem Leben klären musste.

Als Daniel den Ortseingang erreichte, spürte er bereits, dass seine Anspannung nachließ. Er tuckerte mit seiner Rostlaube die Hauptstraße entlang bis zum Ortsende, wozu er nicht länger als drei Minuten brauchte. Hätte er nicht wegen einer unachtsamen alten Dame bremsen müssen, wären es sogar weniger gewesen. Es gab eine Ampel, massenweise Parkplätze ohne Parkuhren und vor fast jedem Geschäft Holzfässer, aus denen eine üppige Blumenpracht quoll. Ein Haushaltswarengeschäft, ein Blumenladen, eine Antiquitätenhandlung, eine Reparaturwerkstatt für Traktoren, ein Tante-Emma-Laden, ein winziges Café, eine Schreibwarenhandlung und ein Möbelgeschäft säumten die Hauptstraße. Es gab kein Verkehrsgewühl, in dem entnervte Autofahrer sich gegenseitig anschrien oder den Mittelfinger zeigten. Daniel hörte weder Reifenquietschen noch Gehupe. Er nahm Ruhe und Stille wahr, das Zwitschern der Vögel und das freundliche Grüßen der Einwohner, die auf der Straße ihren Freunden und Bekannten begegneten.

Ja, so lebte man in der wirklichen Welt! Er hatte es beinahe schon vergessen. Daniel wollte auf seine Armbanduhr sehen, erinnerte sich dann aber daran, dass er die Rolex in den Firmensafe gepackt hatte. Er wollte sich ja der ländlichen Umgebung anpassen. Keiner sollte wissen, dass er sich mehr leisten konnte als normale Freizeitkleidung und eine Klapperkiste als fahrbaren Untersatz.

Daniel blickte die Querstraße hinunter und erspähte die örtliche Hobbydrome-Filiale. Bald würden die Ladentüren geöffnet, und er wollte der Erste sein, der sich dort um eine Stelle bewarb. Er hatte diesen Ort aus zwei Gründen ausgewählt: Erstens lag er nur eine Dreiviertelstunde von seinem Büro in Oklahoma City entfernt, und zweitens waren die Verkaufszahlen der Geschäftsführerin absolut beeindruckend. Mattie Roland machte in dieser kleinen Ortschaft mehr Umsatz als viele Hobbydrome-Filialen in größeren Städten.

Entschlossen, sich in seiner eigenen Firma anstellen zu lassen, marschierte Daniel die Straße hinunter. Fremde nickten ihm zu und grüßten ihn so freundlich wie einen heimgekehrten Freund. Er fühlte sich sofort willkommen, obwohl er nicht länger als zehn Minuten im Ort war.

Vor den Auslagen des Heimwerker- und Bastelgeschäfts blieb er überrascht stehen. Die Dekoration war in drei Bereiche unterteilt: Schifffahrt, Landhausstil und Kolonialstil. Originalgemälde und Reproduktionen von Landschaften und Stillleben in Hobbydrome-Rahmen waren umgeben von handbemalten Kuriositäten und setzkastenähnlichen Regalen mit kleinen Figuren und Sammlerstücken. Kleine Konsolen, Holzbänke und Truhen waren so gestrichen und bemalt worden, dass sie zu dem jeweiligen Thema passten. Daniel blieb einige Minuten stehen, um die gelungene Dekoration zu bewundern. Kein Wunder, dass Mattie Roland zu den besten Geschäftsführern der Firmenkette zählte! Ihre Schaufenster lockten einen geradezu ins Geschäft. Man fühlte sich sofort inspiriert, sein Heim mit Dingen wie im Schaufenster zu verschönern.

Die Tür war nicht verschlossen, und Daniels Eintritt wurde vom melodischen Klang eines Windspiels begleitet.

“Komme sofort”, ertönte eine angenehme weibliche Stimme aus dem hinteren Teil des Geschäfts. “Stöbern Sie nur nach Herzenslust herum.”

Daniel blinzelte irritiert. Wer passte auf das Geschäft auf? Es konnte jede Menge teure Ware gestohlen werden, ehe die Geschäftsführerin aus dem Hinterzimmer auftauchte. Vielleicht war Mattie Roland doch keine so gute Mitarbeiterin der Firma.

Während Daniel sich umsah, kam die weißhaarige alte Frau in den Laden, die er vorhin beinahe angefahren hätte. Sie nickte ihm freundlich zu und ging zu den hinteren Räumen.

“Mattie, wie steht’s mit meinem Auftrag? Bist du bald damit fertig? Mein Sohn und meine Enkel kommen schon morgen. Ich möchte unbedingt noch die Regale vorher aufbauen und die Familienfotos aufhängen.”

“Kein Sorge, Alice”, erwiderte Mattie. “Ich bin gerade bei den letzten Pinselstrichen. Willst du es dir ansehen?”

Mit erstaunlicher Flinkheit verschwand die alte Dame hinter der Ladentheke. Stark beeindruckt beendete Daniel seinen Rundgang. Ganz offensichtlich war Mattie Roland eine Meisterin der Raumgestaltung. Diese Frau hatte wahrhaftig eine besondere Begabung!

Als er über die Schulter blickte und eine kleine, mit auffällig weiblichen Rundungen ausgestattete Frau in farbbeklecksten Jeans und T-Shirt auf sich zukommen sah, verschlug es ihm einen Moment lang die Sprache. Ihr schwarzes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, der frech auf eine Seite gerutscht war, und in ihrem Gesicht funkelten blauviolette Augen mit unglaublich langen schwarzen Wimpern. Mattie Roland war kaum größer als einen Meter sechzig und wirkte mit ihrem spitzbübischen Gesicht auf Daniel wie ein zauberhafter Kobold.

Daniel stand wie gebannt. Diese energiegeladene Frau war Mattie Roland? Hobbydromes Angestellte des Jahres?

“Hi”, grüßte Mattie fröhlich. “Kann ich Ihnen helfen?”

Noch immer war Daniel sprachlos. Nachdem er jahrelang Glamourgirls an seiner Seite gehabt hatte, stand ihm hier nun eine ganz andere Art Frau gegenüber – natürlich, kraftvoll, bodenständig. Und wie erfrischend und anziehend wirkte das im Vergleich zu der operativ erzeugten Schönheit, mit der so viele Frauen ihren Wert zu steigern versuchten. Schlagartig wurde ihm klar, warum seine Begleiterinnen ihn in letzter Zeit zunehmend gelangweilt hatten. Als Mattie mit energischen Schritten und einem strahlenden Lächeln auf ihn zukam, fühlte er sich wahrhaft aufgerüttelt.

“Sir?”, fragte sie nach, während er sich noch immer an ihrem Anblick ergötzte. “Suchen Sie vielleicht ein Geschenk für Ihre Frau oder Freundin? Oder brauchen Sie etwas für Holzschnitzarbeiten?”

“Keine Frau, keine Freundin”, erwiderte Daniel, als er seine Sprache wiedergefunden hatte. “Ich suche Arbeit.”

“Tatsächlich? Meinen Sie das ernst?”

“Ja. Ich bin ganz neu in der Stadt und suche einen Job”, log er, ohne mit der Wimper zu zucken, und dachte schuldbewusst an seine Manager, die jederzeit kaltblütig lügen würden, wenn es für ihre Karriere förderlich wäre.

“Ich wundere mich nur, dass Sie ausgerechnet hier danach fragen”, meinte Mattie.

“Warum?”

“Die meisten Männer am Ort halten dieses Geschäft für ‘Weiberkram’. Die Mehrzahl meiner Kunden sind Frauen.”

“Die Männer halten Heimwerken für ‘Weiberkram’?”, entgegnete Daniel pikiert. “Das ist doch lächerlich. Tischsägen, Fuchsschwänze und Nagelpistolen sind normalerweise nichts für schwache Nerven. Wie schnell kann man einen Finger verlieren, wenn man nicht aufpasst? Ich habe als Jugendlicher viel Zeit in der Werkstatt verbracht und Regale, Tische und Truhen gezimmert. ‘Weiberkram’?” Er schnaubte. “Nein, ganz bestimmt nicht!”

Mattie musste aus vollem Halse lachen. Ihre Augen funkelten vor Heiterkeit, und Daniel wurde rot, weil er merkte, dass er zum ersten Mal seit einem Jahr Gefühle zum Ausdruck gebracht hatte. Mattie hielt ihn vermutlich für einen Schwachkopf, weil er mit solcher Leidenschaft vom Heimwerken sprach – die Leidenschaft, die ihn und seinen Großvater verbunden hatte, wenn sie früher zusammen in der Werkstatt arbeiteten.

“Offenbar haben Sie Erfahrung mit Holzverarbeitung und lieben diese Tätigkeit”, sagte Mattie, immer noch lachend. “Ich teile Ihre Begeisterung. Und Sie werden es wahrscheinlich nicht glauben, aber ich habe gerade ein Fax von der Firmenleitung erhalten, dass ich einen Mitarbeiter einstellen soll.”

Natürlich glaubte er das. Schließlich hatte er dieses Fax vor seiner Abreise nach Fox Hollow selbst geschickt.

“Tatsächlich gehe ich in Arbeit unter”, fuhr Mattie fort, “und meine einzige Angestellte ist eine Kunststudentin, die nach ihren Kursen und an Samstagen aushilft. Ich habe so viele Sonderaufträge laufen, dass ich kaum noch nachkomme, obwohl ich in Doppelschicht arbeite.”

Sie drehte sich auf dem Absatz um und gewährte Daniel so einen Blick auf ihren wohlgerundeten Po, der in ausgeblichenen Jeans steckte. “Kommen Sie mit in mein Büro, um den Bewerbungsbogen auszufüllen.”

Daniel folgte ihren schwingenden Hüften wie magisch angezogen. In letzter Zeit hatte er gedacht, dass sein sexueller Appetit bereits zu schwinden begann, doch ein Blick auf Mattie Rolands Sanduhrfigur rief in ihm längst vergessene Reaktionen hervor. Es war wirklich lange her, seit Daniel sich so schnell von einer Frau angezogen gefühlt hatte.

Dabei sollte ich mich eigentlich gar nicht wundern, dachte er auf dem Weg in ihr Büro. Mattie war herzlich, mitteilsam, freundlich und offensichtlich mit ihrem Leben zufrieden. Sie schien das zu tun, was sie liebte, und das zu lieben, was sie tat. Daniel beneidete sie darum.

Mattie war der personifizierte Enthusiasmus und damit genau das, was er brauchte – jemand, dem diese Arbeit so sehr am Herzen lag wie einst ihm selbst.

“Hier, bitte sehr”, sagte sie und reichte ihm den Bogen. “Sie können sich gern an meinen Schreibtisch setzen. Da liegt nur ein Haufen unbedeutender Papierkram vom Oberhäuptling.”

“Oberhäuptling?”, wiederholte er neugierig.

“Der große Boss von Hobbydrome”, erklärte Mattie. “Wenn Sie mich fragen, gibt dieser Mensch viel zu viel auf Formulare, was verhindert, dass ein Filialleiter sich direkt mit den Kunden auseinandersetzen kann. Aber Sie wissen ja, wie diese Typen sind. Die trauen uns kleinen Angestellten nicht zu, ein Geschäft ordentlich zu führen, schon gar nicht hier in der Provinz.” Sie zuckte mit den Schultern, und ihr Pferdeschwanz wippte.

Daniel sah betreten zu Boden. Wenn Mattie wüsste, wen sie in Wahrheit vor sich hatte, wäre ihr diese Offenheit sicher sehr peinlich.

“Haben Sie eine Abneigung gegen Firmendirektoren im Allgemeinen oder nur speziell gegen Ihren eigenen Boss?”, fragte er, während er sich auf ihren Schreibtischstuhl setzte.

“Bevor ich hier Filialleiterin wurde, hatte ich eine denkwürdige Begegnung mit einem hohen Tier einer anderen Firmenleitung”, erklärte sie. “Er schien anzunehmen, es sei meine Pflicht als loyale Angestellte, ihm zusätzliche Leistungen zu offerieren, und betrachtete es wohl als große Ehre für mich, dass er mich in seinen Firmenharem aufnehmen wollte. Er dachte auch, dass seine Position mich wahnsinnig beeindrucken müsste, was nicht der Fall war. Ich kündigte und bewarb mich um die Stelle hier. Ich kann diese Typen nicht ausstehen, die ihre Machtpositionen dazu benutzten, das zu bekommen, was sie wollen”, fuhr sie aufgebracht fort. “Und obwohl ich den Oberhäuptling nicht persönlich kenne, vermute ich, dass er demselben Laster erlegen ist. Ich kann ihn mir sehr gut vorstellen: eine Rolex am Arm, die zu seinem teuren Siegelring passt; ein BMW auf dem Privatparkplatz, der für andere unter Androhung der Todesstrafe verboten ist; gestylte Titelblattschönheiten an seiner Seite; das neueste Handy, die teuersten Klamotten und um sich herum jedes erdenkliche Statussymbol, um uns jämmerliches Fußvolk zu beeindrucken.”

Daniel schluckte. Mattie hatte ins Schwarze getroffen. Er war nicht sicher, ob er den Rest auch noch hören wollte.

“Was den Oberhäuptling an der Firma interessiert, sind vermutlich nur Umsatzzahlen. Ihm ist doch piepegal, ob die Ware auch das Geld wert ist, das die Kunden dafür ausgeben – Hauptsache, der Profit stopft ihm die Taschen. Und seine Verkaufspolitik!” Sie schnaubte verächtlich. “Seine sogenannten Sonderangebote bestehen nur aus Ladenhütern. Ich würde gern mal die teure Ware heruntergesetzt sehen, damit auch Kunden mit normalen Gehältern sie kaufen können, anstatt sie immer nur sehnsüchtig anzustarren.”

Den Kopf tief über das Blatt geneigt, füllte Daniel den Bewerbungsbogen aus.

Sie blickte ihm über die Schulter. “Nett, Sie kennenzulernen, Joe Gray. Ich bin Mattie Roland, Ihre neue Chefin.”

Er hob den Kopf. “Sie sind ganz schön vertrauensselig. Ich habe noch gar nicht angekreuzt, ob ich vorbestraft bin.”

“Sind Sie nicht”, erwiderte sie bestimmt. “Dafür sind Sie nicht der Typ.”

“Sie kennen wohl viele Kriminelle, wie?”

Mattie lachte ihr herzerfrischendes Lachen. Oh, wie tat sie ihm gut mit ihrer sprühenden Lebendigkeit und ihrem Enthusiasmus! Ganz zu schweigen von der stimulierenden Wirkung, die sie auf seine Libido ausübte.

“Die Kleinganoven, mit denen ich hier im Hobbydrome zu tun habe, sind leicht zu erkennen. Für Sie spricht Ihre Kleidung, Ihre Art zu sprechen und Ihre Vorliebe dafür, mit den Händen zu arbeiten. Ich glaube, Sie sind genau das, was wir hier in unserem Laden brauchen. Die Neandertaler in Fox Hollow sollten endlich begreifen, dass Heimwerken, Basteln und Dekorieren kein Weiberkram sind. Ihre Gegenwart wird es ihnen leichter machen – wenn sie sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt haben.” Sie warf einen weiteren Blick auf den Bewerbungsbogen.

“Fünfunddreißig Jahre alt, letzter Wohnort Oklahoma City, so, so”, meinte sie nachdenklich. “Sie haben wohl die Nase voll vom Großstadtleben, wie? Ich nehme an, Sie jagen und angeln gern und lieben die freie Natur. Dann wird es Ihnen in Fox Hollow gefallen. Und ich vermute, dass alle weiblichen Singles sich an Ihre Fersen heften werden, sobald sie Sie zu Gesicht bekommen.”

Daniel, beziehungsweise Joe Gray, blickte über die Schulter und sah Matties spitzbübisches Lächeln. “Sie meinen also, ich sei ein Frauenschwarm? Ausgerechnet ich in meinem ausgeblichenen Poloshirt und den alten, abgewetzten Jeans?”

Mattie verdrehte die Augen. “Nicht die Kleidung macht den Mann. Es kommt drauf an, was drinsteckt. Und Sie gehören ohne Zweifel in die Kategorie ‘Frauenschwarm’: groß, gut aussehend, mit fantastischen goldbraunen Augen. Da denkt man an Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in einem. Aber keine Angst, ich werde Sie nicht anbaggern. Ich bin Ihre Arbeitgeberin, und wir werden Freunde mit gemeinsamen Interessen sein.”

Wie schade, dachte Daniel.

“Wenn Sie allerdings Informationen über Ihre künftige Fangemeinde wünschen, kann ich Ihnen bestimmt weiterhelfen, denn ich habe die meiste Zeit meines Lebens an diesem Ort verbracht.”

Sie würden nur Freunde sein? Daniel spürte, wie ihn diese Ankündigung auch körperlich sehr enttäuschte. Nach langer Ruhezeit waren seine männlichen Instinkte wieder geweckt worden, ohne dass dieser Ausbund an Energie und Weiblichkeit es überhaupt darauf angelegt hätte. Aber vermutlich war das die Strafe dafür, dass er seinen letzten Verehrerinnen gegenüber so abweisend gewesen war.

Als er den Bogen – teilweise mit falschen Angaben und mit entsprechend schlechtem Gewissen – ausgefüllt hatte, gab Daniel ihn zurück. Mattie schob ihr wohlgeformtes Hinterteil zur Hälfte auf die Schreibtischplatte und studierte das Blatt.

“Sie haben keine Anschrift angegeben”, bemerkte sie. “Wo wollen Sie denn unterkommen, Joe?”

Er zuckte mit den Schultern. “Ich habe kurz vor Ortseingang eine kleine Pension gesehen, die wochenweise Zimmer vermietet. Da könnte ich mich vorübergehend einquartieren, bis ich etwas anderes gefunden habe.”

“Sie könnten aber auch das möblierte Apartment über der Garage nehmen, in dem ich bis vor Kurzem gewohnt habe”, schlug Mattie vor. “Nachdem mein Großvater in das Pflegeheim Paradise Valley gezogen ist, habe ich sein Haus bezogen. Auf seinen nachdrücklichen Wunsch hin, möchte ich hinzufügen. Wenn seine Arthritis und Diabetes nicht so schlimm geworden wären, wäre er niemals in dieses Heim gegangen.”

“So wie Sie das sagen, ist er wohl nicht sehr gern dort.”

“Kaum.” Mattie rutschte vom Tisch und begann in dem kleinen Büro auf und ab zu gehen.

Daniel dachte, dass es ihr bestimmt schwerfiel, lange in einer Position zu verharren. Sie hatte so viel Energie, dass sie ständig in Bewegung sein musste.

“Pops ist mir sehr ähnlich, fürchte ich”, vertraute sie Daniel an. “Er muss permanent etwas zu tun haben, sonst fühlt er sich nicht wohl. In letzter Zeit hat er mir große Sorgen gemacht, weil er immer wieder aus dem Heim entwischt ist. Die Ärzte und Schwestern regen sich darüber schrecklich auf, weil es dem Ruf des Hauses natürlich schadet, aber ihm scheint es richtig Spaß zu machen, sie auszutricksen.”

Daniel lachte amüsiert. Ihr Pops erinnerte ihn an seinen eigenen Großvater. Vor einem Jahr hatte J. D. Grayson verkündet, er werde die Firma verlassen, um sich zur Ruhe zu setzen. Seither hatte er diverse Rundreisen gemacht, unter anderem durch Alaska und die Karibik, und die Leitung verschiedener Freizeitaktivitäten im einem Seniorenheim übernommen.

“Mattie!”, ertönte Alices Stimme aus der Werkstatt.

Mattie bedeutete Daniel, ihr zu folgen. “Sie könnten sich eigentlich gleich mit Ihrem neuen Arbeitsplatz vertraut machen, während ich mich um Alice Dawson kümmere. Eine Ihrer Aufgaben wird darin bestehen, besondere Aufträge zu erledigen.”

Neugierig folgte er ihr, den Blick erneut wie gebannt auf ihre schwingenden Hüften gerichtet. Was hatte diese Frau doch für eine betörende Ausstrahlung!

Als sie die Werkstatt betraten, blieb Daniel wie angewurzelt stehen. Er fühlte sich schlagartig um zwanzig Jahre zurückversetzt, denn hier sah es beinahe so aus wie in der alten Werkstatt seines Großvaters. Dort hatte Daniel fast seine ganze Freizeit verbracht und eifrig gewerkelt. So hatte er die Trauer über die Vernachlässigung durch seine Eltern verarbeitet und später den Verlust seiner Großmutter. Gemeinsam hatten er und J. D. ihren Schmerz in kreative Arbeit umgesetzt, die dann irgendwie zu einem enorm lukrativen Geschäft ausgewachsen war.

“Gehören all diese Werkzeuge Ihnen?” Die Werkstätten der Hobbydrome-Geschäfte waren normalerweise nicht mit solch hochmodernen Elektrowerkzeugen ausgerüstet.

“Die meisten. Einige hat mein Großvater spendiert. Er hat mir auch oft geholfen, ehe die Arthritis ihn daran hinderte.”

Voller Staunen betrachtete Daniel die zahlreichen Sägen, Bohrer und Schraubzwingen. Ganz offensichtlich liebte Mattie es ebenso wie er, mit den Händen zu arbeiten. Diese Frau war der wahr gewordene Traum eines jeden Heimwerkers. Daniel konnte sein Glück gar nicht fassen. Hier zu arbeiten war genau die richtige Therapie für ihn, und er begann sich immer mehr wie Joe Gray, sein Alter Ego, zu fühlen.

Mattie warf Alice einen amüsierten Blick zu, als sie sah, wie er jedes einzelne Werkzeug begutachtete. “Sie sehen überrascht aus, Joe. Aber es ist nicht das erste Mal, dass ein Mann so reagiert. Ich habe Kunst studiert, und zwei meiner Prüfungsfächer waren Schnitzen und Tischlern.”

“Darf ich tatsächlich mit Ihren Werkzeugen arbeiten?”, erkundigte er sich.

Sie nickte, und ihr schwarzer Pferdeschwanz wippte wieder. “Hobbydrome bietet zwar fertige Holzmöbel und Werkstücke an, aber ich ändere sie nach den Wünschen meiner Kunden um. Wie hier zum Beispiel.”

Daniel trat zu den beiden Damen und erblickte ein gerahmtes Ölgemälde mit einem Satz passender Regale. Staunend betrachtete er das in warmen Erdtönen gehaltene Bild, das vermutlich das alte Ranchhaus der Dawsons darstellte. Das Holz der Regale, die auf beiden Seiten des Gemäldes angebracht werden sollten, stammte sicher von der alten Scheune, und darauf ausgestellt wurde eine Sammlung ländlicher Kuriositäten sowie kleine Holzrahmen mit Fotos von Alice Dawsons Kindern und Enkeln.

“Kann Mattie das nicht einfach großartig?”, meinte Alice stolz. “Sie kam extra zu mir, um Kleinigkeiten zu sammeln, die auf die Regale passen. Als ich letzten Monat bei Josie Foreman ein Ölgemälde von ihrem alten Haus und die Sammlung ihrer Erinnerungsstücke sah, wusste ich, dass ich auch so etwas wollte.”

“Beeindruckend”, lobte Daniel.

“Wo Sie jetzt hier sind, Joe, kann ich ja während der Mittagspause zu Alice fahren und die Sachen anbringen, ohne mich abhetzen zu müssen, ja?” Mattie sah ihn hoffnungsvoll an. “Sie wollen doch gleich anfangen, oder?”

Er grinste. “Kein Problem, Boss.”

Alice klatschte erfreut in die Hände. “Du kannst das heute schon fertig machen? Wunderbar!”

Mit strahlendem Gesicht drehte sie sich um und eilte aus dem Geschäft. Mattie lachte leise. “Ich hoffe, Sie merken jetzt, dass die Arbeit bei Hobbydrome nicht nur ein Job für mich ist. Die Kunden glücklich zu machen, ist mir viel wichtiger als der Profit.”

Ja, das konnte er sehen. Mattie Roland war genau die Person, die er und sein Großvater sich für ihre Firma erträumt hatten. Ihm wurde warm ums Herz. Oh ja, diese Auszeit in Fox Hollow war haargenau das Richtige für ihn! Sie würde den Frust und die Gleichgültigkeit vertreiben, die ihn als Direktor von Hobbydrome befallen hatten. Dafür und aus einigen weniger ehrbaren Gründen hätte er Mattie in die Arme nehmen und küssen können. Ein Monat in ihrer Gesellschaft, und er würde seinen verlorenen Enthusiasmus wiedergewonnen haben.

Der Klang des Windspiels kündigte einen neuen Kunden an. Mattie lächelte, und Daniel blickte hingerissen auf das entzückende Grübchen in ihrer linken Wange. “Wollen Sie sich gleich um die neue Kundin kümmern? Ich muss heute Morgen noch Holz für einen anderen Auftrag abmessen und markieren. Wenn Sie wollen, können Sie dann sägen, denn Sie sehen so aus, als könnten Sie es gar nicht erwarten, hier loszulegen.”

“Mit Vergnügen”, erwiderte er und machte sich federnden Schritts auf den Weg in den Verkaufsraum.

Mattie blickte ihrem hochgewachsenen neuen Angestellten nach. Er sah gut aus. Und er kam wie gerufen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Gerade war das Fax von der Firmenleitung gekommen, dass sie einen Vollzeitmitarbeiter einstellen solle, und schon tauchte Joe Gray aus dem Nichts bei ihr auf.

Und es war nicht nur so, dass sie jemanden für den Laden brauchte, während sie sich den Spezialaufträgen widmete – sie konnte auch seine Mietzahlungen gut gebrauchen, um die Kosten des Pflegeheims zu decken.

Na, der Tag fing ja geradezu perfekt an! Sie hatte einen Angestellten gefunden, der wie sie gern mit den Händen arbeitete, der mehr in seinem Job sah als bloßes Geldverdienen, der selbstbewusst auftrat und zudem noch ungemein attraktiv aussah …

Du meine Güte, was dachte sie da? Mattie rief sich abrupt zur Ordnung. Joe Gray mochte noch so attraktiv und charmant sein – er war für sie tabu. Sie war seine Arbeitgeberin und würde niemals ihren Job gefährden. Auch wenn Joe Gray der erste Mann seit ihrer College-Zeit war, der sinnliche Gefühle in ihr weckte, durfte sie nicht schwach werden, denn das verstieß bestimmt gegen die Firmenpolitik und war möglicherweise ein Kündigungsgrund.

“Alles rein geschäftlich, denk daran”, ermahnte sie sich, während sie nach dem Maßband griff, um die Holzbretter abzumessen. Es spielte keine Rolle, ob Joes whiskeyfarbene Augen und dunkle Haare sie faszinierten oder ob sein gutes Aussehen und seine männliche Aura erotische Gefühle in ihr wachriefen. Sie war sein Boss, Punkt. Sie würde sich mit einem angenehmen Arbeitsverhältnis und der gemeinsamen Liebe für das Arbeiten mit Holz begnügen müssen. Mehr kam nicht infrage.

Eigentlich schade, dachte sie. Sie war dreißig Jahre alt, und ihre biologische Uhr tickte. Sie wünschte sich Kinder, und die sollten in einer intakten Familie aufwachsen. Wer wusste, was ohne ihren geliebten Großvater aus ihr geworden wäre? Bernard Roland hatte sie aufgenommen, damit sie ein Dach über dem Kopf und genug zu essen hatte. Er hatte seine wenigen Besitztümer mit ihr geteilt und in ihr die Lust geweckt, mit den Händen zu arbeiten. Zugegeben, er hatte sie dadurch unbeabsichtigt zu einem halben Jungen erzogen, da sie lieber mit Sägen und Bohrern hantierte und kleine Kunstwerke aus Holz schuf, als einkaufen zu gehen, wie es sich für ein “richtiges Mädchen” gehörte. Dennoch war sie mit ihrem Leben zufrieden. Na ja, abgesehen davon, dass ihr neben der Geschäftsführung von Hobbydrome, neben den zusätzlichen Sonderaufträgen und den Werkunterrichtsstunden, die sie im Winter an der örtlichen Berufsschule gab, keine Zeit für irgendwelche privaten Kontakte oder Freizeitvergnügungen blieb.

“Hör auf zu lamentieren, Mattie”, murmelte sie und legte die markierten Holzbretter für Joe zurecht. “Und mach dir keine Illusionen, was deinen neuen Angestellten angeht. Ihr könnt nichts weiter sein als gute Freunde.”

2. KAPITEL

Was für ein Tag! dachte Daniel, während er zu seinem Pick-up ging. Er hatte ausgiebig mit Sägen, Hobeln und Bohrern gearbeitet, Kunden bedient und sich mit dem Geschäft vertraut gemacht. Die ganze Zeit über hatte er sich ausgesprochen gut gefühlt, und die Stunden waren wie im Flug vergangen.

Matties Kundenservice verdiente die Bestnote. Jede einzelne Kundin wusste ein Loblied auf sie zu singen. Schmunzelnd dachte Daniel daran, wie ihn die weiblichen Kunden in die Mangel genommen hatten. Jede wollte wissen, woher er kam, seit wann er hier arbeitete und wo er wohnte. Er war zu einem Abendessen der Kirchengemeinde und zu einem Wohltätigkeitsbasar eingeladen worden – typische gesellschaftliche Ereignisse einer Kleinstadt, an denen er gern teilnehmen würde, vorausgesetzt, es war ihm zeitlich möglich.

Persönlichen Fragen war er geschickt ausgewichen, um seine Tarnung nicht zu gefährden. Jeder ging jetzt davon aus, dass er ein ganz normaler Kerl war, der hier einen neuen Anfang machen wollte, weil ihm der Ort und die Umgebung gut gefielen.

Daniel bremste, um Mattie vor sich einscheren zu lassen, damit sie ihm den Weg zu ihrem Haus zeigen konnte. Ihm war schleierhaft, was mit ihr passiert war, während er seinen ersten Kunden bedient hatte. Zuvor war sie noch herzlich, offen und schelmisch gewesen, dann plötzlich kühl und reserviert.

Während sie ihm Anweisungen zum Zuschneiden und Zusammenbauen des Setzkastenregals gab, hatte sie deutlich Abstand gehalten. Er wollte keinen Abstand. Er wollte Schulter an Schulter mit ihr arbeiten. Doch sie hatte ihn nur kurz beobachtet und sich dann zu einem weiteren Maßauftrag zurückgezogen.

Seine düsteren Gedanken verflogen, als sie die Einfahrt zu einem kleinen, gepflegten Hexenhäuschen erreichten. Daniels Blick fiel auf die angebaute Doppelgarage, über der sich sein neues Zuhause befinden würde. Nach seinem 465 Quadratmeter großen Haus am Stadtrand von Oklahoma City würde ihn hier wohl ein weiterer Kulturschock erwarten.

Als sie auf die Garage zugingen, bemerkte Daniel, dass Mattie sich strikt an die Regel hielt, zu fremden Personen etwa einen Meter Abstand zu wahren. Verdammt, was hatte er nur an sich, das sie so abstieß?

“Ich weiß ja nicht, was Sie so gewohnt sind, Joe, aber die Garagenwohnung ist ziemlich klein.” Sie zog die Schlüssel aus ihrer Handtasche. “Doch die Miete ist entsprechend niedrig, und die Nebenkosten sind minimal.”

Sie stieß die Tür auf, und Daniel verliebte sich auf den ersten Blick in sein neues Heim. Die Wände waren mit lackiertem Kiefernholz getäfelt. Erkerfenster boten einen fantastischen Blick auf die Bäume am Bach. Eine riesige Wandmalerei an der Westseite vermittelte den Eindruck, man könnte dort direkt durch die hohen Kiefern bis zu den fernen Bergen wandern.

“Haben Sie das gemalt?”, fragte Daniel ungläubig.

Mattie nickte. “Damit es einem hier drin nicht zu eng wird.”

“Sie haben ein außergewöhnliches Talent, Mattie”, entgegnete er und ging zur Wand, um das Kunstwerk genauer zu betrachten. “Mit der richtigen Förderung könnten Sie es im Kunstgeschäft weit bringen.”

“Landesweite Anerkennung interessiert mich nicht”, informierte sie ihn, während sie sich – mit merklichem Abstand – neben ihn stellte. “Ich male aus reinem Vergnügen und nicht um des Geldes willen. Und ich lebe hier in Fox Hollow, weil es meine Heimat ist und ich mich meinem Großvater verpflichtet fühle, der mich aufgezogen hat.”

“Was geschah mit Ihren Eltern?”

Matties Lächeln wurde eine Spur wehmütig. “Leider muss ich zugeben, dass ich das unerwünschte Produkt zweier leichtsinniger Menschen bin, die zu jung waren, um sich von einem Kind in ihrem Lebensdrang einschränken zu lassen. Meine Eltern waren nie verheiratet. Mein Vater wollte raus aus der Kleinstadt und die Welt sehen. Meine Mutter legte mich meinen Großeltern auf die Türschwelle, als ich vier Jahre alt war, und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Drei Jahre später verlor ich meine Großmutter, und die Einwohner dieses Ortes sind Pops und mir zur Großfamilie geworden.”

Daniel nickte verständnisvoll. “Eltern können ganz schön grausam sein. Ich war zwölf, als mein Vater auszog, ‘um sich selbst zu finden’, wie er es nannte. Verdammt, ich wusste gar nicht, dass er sich verloren hatte! Und meine Mutter sucht immer noch nach dem Richtigen – von ihren drei Exehemännern war es offensichtlich keiner. Auch ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen.”

“Eines kann ich Ihnen sagen, Joe: Sollte ich mal eine Familie haben, werden meine Kinder für mich an erster Stelle stehen”, erklärte Mattie entschieden.

“Das kann ich nur unterschreiben. Ich habe es gehasst, mich nur als Ballast zu fühlen.”

“Ich auch.”

“Was die Kinder betrifft, sind wir uns also schon mal einig”, entfuhr es Daniel da.

Mattie trat einen Schritt zurück und starrte ihn entsetzt an. “Wie bitte?”

Daniel fluchte innerlich. Wie hatte er nur so etwas Dummes sagen können? Sie hatten gerade wieder eine Gemeinsamkeit gefunden, und nun hatte er mit seiner scherzhaft gemeinten Bemerkung alles kaputt gemacht. “Tut mir leid, ich wollte nur unser ernsthaftes Gespräch etwas auflockern. Ich arbeite sehr gern für Sie, Mattie, und will unsere Freundschaft auf keinen Fall zerstören. Deshalb möchte ich Sie auch fragen, ob ich Ihnen heute Morgen in irgendeiner Weise zu nahe getreten bin. Mir ist aufgefallen, dass sich Ihr Verhalten mir gegenüber stark verändert hat.”

Mattie erschrak. War das wirklich so auffällig gewesen, nachdem sie in der Werkstatt sozusagen ein paar ernsthafte Worte mit sich selbst geredet hatte? Nun, vermutlich war jetzt der richtige Zeitpunkt, die klärenden Worte offen auszusprechen, damit es keine Missverständnisse zwischen ihnen gab. Schließlich war sie ein Mensch, der immer geradeheraus sagte, was er dachte.

“Die Wahrheit ist, dass ich Sie gern mag, Joe”, gestand sie, ohne den Blick von ihrem Wandgemälde zu nehmen.

“Aber …?”

Sie lächelte kaum merklich. “Der Oberhäuptling unserer Firma verbietet persönliche Beziehungen zwischen leitenden Angestellten und ihren Mitarbeitern. Ich weiß das ganz sicher, weil ich heute Nachmittag extra meinen Vertrag hervorgekramt und das Kleingedruckte gelesen habe. Aber selbst wenn er es nicht verbieten würde, hätte ich da meine eigenen Regeln. So viel wir auch gemein haben, persönlich wie beruflich, können wir doch nur eine rein geschäftliche Beziehung pflegen.”

“Und weiter nichts, egal, wie sehr es uns auch reizt”, beendete er ihre Ausführungen. “Ich verstehe schon, Boss. Gibt es außerdem einen anderen Mann in Ihrem Leben?”

Mattie musste schallend lachen.

Daniel runzelte irritiert die Stirn. “So abwegig war die Frage doch gar nicht. Ein Blick in den Spiegel müsste Ihnen genügen, um zu sehen, wie attraktiv Sie sind. Und ist es nicht der Traum eines jeden wahren Mannes, eine Frau zu finden, die mit ihm hämmert und sägt?”

“Ist es das?”, fragte sie zurück. “Ich weiß es beim besten Willen nicht. So gut kenne ich die männliche Psyche nicht. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass manche Männer es nicht ertragen, wenn eine Frau in ihr Territorium eindringt. Angeblich sei das nicht weiblich. So ein Quatsch! Außerdem hatte ich nie Zeit für Privatleben, abgesehen von irgendwelchen Veranstaltungen hier im Ort. Bis vor zwei Monaten habe ich meinen Großvater gepflegt und ein Geschäft geführt, das mir mehr Arbeit bringt, als ich erledigen kann. Ich habe das College absolviert, bin aber hier wohnen geblieben, um Pops nicht allein zu lassen. Bevor der liebe Gott sich nicht entschließt, an jeden Tag ein paar Stunden dranzuhängen, werde ich kaum Zeit für anderes als meine beruflichen und privaten Verpflichtungen finden.”

“Apropos”, fügte sie mit einem Blick auf ihre Armbanduhr hinzu, “ich muss gleich nach Paradise Valley fahren, um nach Pops zu sehen. In letzter Zeit ist er ein bisschen aufsässig. Letzten Monat sind er und seine Truppe streitsüchtiger alter Käuze vor dem Zubettgehen ausgebüchst. Pops hat sich in unseren Schuppen geschlichen und ein paar Angeln stibitzt. Und bis heute weiß ich nicht, wie diese Halunken an das Sixpack Bier gekommen sind, das sie beim Angeln an unserem Bach getrunken haben.”

Daniel lachte amüsiert in sich hinein. Ihr Pops war ja eine herrliche Nummer! Sein eigener Großvater wäre von seinen Streichen sicher sehr angetan.

“Das war nicht lustig”, beharrte Mattie, obwohl auch sie schmunzeln musste. “Die Pfleger waren ganz schön sauer auf Pops, weil er wegen seiner Medikamente keinen Alkohol trinken darf. Ihm hätte schwindelig werden können, und dann wäre er womöglich ins Wasser gefallen.” Sie drehte sich um. “Dann will ich Ihnen schnell mal alles zeigen, ehe ich losdüse. Die Kochecke ist klein, aber funktionell.” Sie deutete auf die Schränke und Gerätschaften an der Nordseite. “Das Schlafsofa hat eine Federkernmatratze und ist ausgezogen etwa einen Meter fünfzig breit. Das Bad befindet sich da drüben hinter dem Einbauschrank. Sie können sofort einziehen, wenn Sie möchten.”

“Ja, ich nehme es”, erwiderte Daniel ohne Zögern, obwohl das Apartment von der Quadratmeterzahl her leicht in sein eigenes Wohnzimmer gepasst hätte.

“Der fahrbare Rasenmäher steht in meiner Werkstatt hinter dem Haus. Sie dürfen ihn gern benutzen.”

“Ich mähe den gesamten Rasen als Teil der Mietzahlung. Dann haben Sie etwas mehr freie Zeit.”

Mattie drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Er tauchte ein in das tiefe Blauviolett ihrer Augen, und das nicht zum ersten Mal. Teufel auch, diese Frau ging ihm einfach unter die Haut! Wie dumm, dass eine enge Beziehung zwischen ihnen nicht möglich war.

“Das ist wirklich nett von Ihnen”, murmelte sie. “Das Angebot nehme ich gern an.”

Sie verließ das Apartment, und Daniel sah sich erneut um. Die Wohnung strahlte Matties Persönlichkeit aus, war gemütlich und einladend. Es würde hart für ihn werden, sich zurückzuhalten, wenn seine unmittelbare Umgebung ihren Stempel trug. Er wünschte, der “Oberhäuptling” – er! – hätte nicht diese Regel aufgestellt, die sexuelle Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verbot. Was für eine Ironie des Schicksals!

Nun gut – er würde auch mit einer rein freundschaftlichen Beziehung zu Mattie klarkommen. Schließlich würde er nur einen Monat lang hier sein, und später erklären zu müssen, wer er wirklich war, stellte er sich äußerst unangenehm vor.

Da war es schon besser, wenn Mattie nie erfuhr, dass ihr neuer Angestellter in Wahrheit ihr eigener Boss war. Im Moment schien sie ihn als Joe wirklich zu mögen, aber wenn sie wüsste, dass er sie belogen hatte, würde sie ihn bestimmt verabscheuen.

Nein, er würde einfach seine Rolle weiterspielen und neue Begeisterung für seine Arbeit tanken. Und dann würde er das, was er hier in Fox Hollow gelernt hatte, positiv umsetzen. Ende der Geschichte.

Na toll, Joe, dachte er. Und wie willst du cool bleiben, wo diese Frau doch so verdammt sexy ist?

Er beschloss, dieses Problem auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft zu erwägen, denn er musste jetzt erst einmal den leeren Kühlschrank füllen.

Mattie seufzte laut, als sie das Pflegeheim betrat und eine der Schwestern mit erhobenem Zeigefinger vor ihrem schmollenden Großvater stehen sah. Was gab es jetzt schon wieder für Probleme?

Mit entnervtem Gesichtsausdruck kam Schwester Gamble auf sie zu.

“Was ist los?”, fragte Mattie besorgt.

Gertie Gamble verdrehte die Augen. “Dieser alte Halunke hat eine Revolte gegen die Mitarbeiter der Kantine angezettelt. Ich wette, er genießt es geradezu, der Unruhestifter vom Dienst zu sein.”

“Hallo, Knusperkeks!”, rief Pops fröhlich. “Schön, dass du kommen konntest. Beachte Admiral Gamble nicht weiter. Es ist ihr Job, hier alles in tadelloser Ordnung zu halten.”

Gertie warf Pops einen vernichtenden Blick zu und wandte sich dann wieder an Mattie. “Sehen Sie, was ich meine? Jetzt hat er den Großteil der Bettpfannenmeute dazu gebracht, mich Admiral zu nennen. Reden Sie mit ihm, Mattie. Ich habe für diese Woche genug.” Sie wollte gehen, drehte sich dann aber noch einmal zu Mattie um. “Ich habe übrigens das Gemälde und die Regale gesehen, die Sie für Arthella Lambert angefertigt haben. Sie sind fantastisch. Könnten Sie so etwas in Grün- und Brauntönen für mich machen, passend zu meiner Wohnzimmereinrichtung?”

“Aber sicher, Gertie. Kommen Sie einfach bei Gelegenheit im Geschäft vorbei, dann besprechen wir die Einzelheiten.”

“Danke.” Gerties Lächeln verebbte, als sie zu Pops sah. “Zeit für die allwöchentliche Standpauke über gutes Benehmen. Das Gedächtnis Ihres Großvaters reicht gerade mal sieben Tage lang – wenn’s hochkommt.”

Mattie folgte Pops, der mit Hilfe einer Gehhilfe in sein Zimmer tapste. “Wie ich höre, hat der böse Bube von Paradise Valley wieder zugeschlagen”, sagte Mattie. “Was hat dich denn zu diesem letzten Aufstand bewogen, Pops?”

Pops drehte sich halb zu ihr um und zwinkerte verschmitzt. “Jetzt weißt du endlich, was ich in deiner Teenagerzeit alles durchgemacht habe, Knusperkeks. Wie gefällt dir das mit den vertauschten Rollen?”

Es war Mattie unmöglich, ihrem Großvater lange böse zu sein. Außerdem hatte er recht. Er hatte ihr sicher nicht wenige graue Haare zu verdanken.

“Dann ist das jetzt die Rache, oder?”, erkundigte sie sich, legte den Arm um seine Taille und gab ihm einen liebevollen Schmatz auf die Wange.

“Bitte nicht hier”, brummelte Pops. “Da kommen meine Verehrerinnen nur auf dumme Gedanken. Gut, dass ich einen Gehstock habe, um all die Weibsbilder abzuwehren, die mich hier anhimmeln.”

Mattie kicherte. “Es stimmt wohl wirklich, dass alle Frauen, egal wie alt, für Rebellen schwärmen. Und du als Rädelsführer verursachst wieder mal jede Menge Aufsehen.”

“Tja, irgendjemand muss denen hier doch sagen, wo’s langgeht”, erwiderte Pops. “Versuch du mal zu essen, was sie uns hier servieren! Willst du wissen, auf wie viele Arten man Backpflaumen zubereiten kann? Dann komm morgen zum Mittagessen her.”

“Soweit ich gehört habe, verhilft eine vernünftige Diät zu Gesundheit und langem Leben”, konterte sie, während Pops sich zur Bettkante schob. “Du weißt ganz genau, dass du hauptsächlich deswegen hier bist, um die Dosis deiner Medikamente gegen Arthritis und Diabetes einzustellen. Du kannst erst wieder bei mir einziehen, wenn der Doktor dir einen guten Gesundheitszustand bescheinigt.”

Pops zog seine Nickelbrille von der Nase und putzte die Gläser mit einem Hemdzipfel. “Ich habe nun mal eine Schwäche für herzhaftes Essen. Wo bleibt die Freude am Leben, wenn man sich nicht mal ab und zu etwas gönnen darf?”

Es war schwer, mit einem achtundsiebzigjährigen Sturkopf zu diskutieren. “Ist das Essen hier wirklich so schlecht?”

“Ich wette, Hundefutter hat mehr Geschmack”, erwiderte er und setzte die Brille wieder auf. “Der Rinderbraten ist so zäh, dass mir die Prothese aus dem Mund fällt. Das gedünstete Huhn schmeckt wie nasse Zeitung. Die Bohnen sind völlig verkocht, und die fettfreien Nachspeisen schmecken wie Mörtel. Soll ich fortfahren?”

“Nein, ich habe schon verstanden.”

Pops vergewisserte sich, dass niemand an der Tür stand, um zu lauschen. Dann lehnte er sich zu Mattie vor. “Hier ist mein Plan, Knusperkeks: Du bringst einfach Essen mit, wenn du mich besuchen kommst. Du reichst es mir durchs Fenster, und dann gehst du ganz normal durch den Haupteingang. Niemand wird etwas merken. Fred, Ralph, Herman und Glen sind bereit, dir Geld zu zahlen, wenn du das Gleiche für sie machst.”

Mattie runzelte die Stirn. “Ich verstehe. Du willst mich zur Komplizin der Roland-Gang machen.”

“Du hast es erfasst.”

“Pops, ich habe einen Ruf zu verlieren”, erinnerte sie ihn. “Ich bin Filialleiterin in einem riesigen Unternehmen.”

“Und? Ich habe ebenfalls einen Ruf zu verlieren”, beharrte er. “Diese alten Leute hier …”

Als gehörte er gar nicht zu ihnen, dachte Mattie.

“… bauen darauf, dass ich sie anführe und ihre Schlachten schlage. Ich mache auf Probleme aufmerksam und kümmere mich darum, dass sie behoben werden. Alte Leute wollen Respekt. Wenn du mich fragst, sind Langeweile und das Gefühl der Nutzlosigkeit hier drin die beiden Haupttodesursachen.” Er rutschte vom Bett und griff nach seiner Gehhilfe. “Komm mit, Knusperkeks, ich will dir was zeigen.”

Er deutete kurz auf das Landschaftsgemälde und die Regale, die sie angebracht hatte, um sein Zimmer gemütlicher zu machen. “Sieh dir das an.”

“Ja, aber …”

“Nichts aber. Komm mit.” Pops schlurfte ins Nebenzimmer.

“Hallo Fred, meine Enkelin ist hier!”, rief er.

Mattie streckte ihren Kopf ins Nebenzimmer und sah den in einem Lehnstuhl sitzenden alten Mann durch die Jalousie aus dem Fenster starren. “Hallo, Fred, wie geht’s?”

“Schlecht, aber danke der Nachfrage.”

“Ich wollte dich nur kurz an heute Abend erinnern”, sagte Pops und machte bereits wieder kehrt. “Poker um zehn Uhr. Bei dir, ja?”

Fred schien in seinem Sessel ein gutes Stück zu wachsen, und seine Augen leuchteten auf. “Stimmt. Ich hätte fast vergessen, dass heute Freitag ist. Ein Tag ist hier wie der andere.”

Zurück in seinem Zimmer, zog Pops ein Kartenspiel aus der Tasche und zeigte Mattie das Herzass.

“Pops! Um Himmels willen! Da sind ja nackte Frauen auf den Karten”, entrüstete sie sich.

“Aber sicher”, erwiderte er ungerührt. “Hermans Enkel hat sie mir besorgt. Das gibt eine nette Überraschung für die Herren heute Abend. Nun schau mich nicht so an, Knusperkeks. Als ob wir noch nie ‘ne nackte Frau gesehen hätten!” Er schob die Karten zurück in die Hosentasche. Dann machte er es sich auf dem Bett gemütlich. “Ich habe dich zu Fred mitgenommen, damit du sein Zimmer siehst. Es steht nur das Allernotwendigste darin. Und er fühlt sich dort nicht zu Hause, weil es einfach ungemütlich ist. Keine Bilder an den Wänden, keine Erinnerungsstücke – nichts. Ich musste mich mächtig ins Zeug legen, damit wir dein Gemälde und die Regale hier bei mir anbringen konnten. Aber das hätte nicht so sein dürfen. Wir zahlen hart erarbeitetes Geld für unsere Zimmer, das Essen und die medizinische Versorgung. Trotzdem sehen diese Löcher zum Teil aus wie Gefängniszellen. Dieses Haus braucht dein Gespür für Inneneinrichtung, damit es ein bisschen Wärme ausstrahlt. Wenn jeder Bewohner das Recht hätte, sein Zimmer auf persönliche Weise zu gestalten, wäre schon viel gewonnen. Das wird mein nächster Kreuzzug.”

Mattie stöhnte innerlich auf. Bernard Roland würde nicht eher aufgeben, bis er den Weg für bessere Wohnbedingungen geebnet hätte. Allerdings musste Mattie ihrem Großvater recht geben. Das Heim wirkte tatsächlich wie ein dumpfer Wartesaal fürs Jenseits.

“Nächste Woche werde ich unser Gesuch dem Direktor vorlegen”, informierte Pops seine Enkelin. “Wenn ich damit durchkomme, wollen alle Patienten so ein Gemälde und Regal in ihren Zimmern wie ich. Das Problem ist nur, dass die meisten wenig Geld zur Verfügung haben. Könntest du wohl Sonderpreise berechnen?”

Mattie war fassungslos. Pops halste ihr Arbeit auf, obwohl sie ohnehin schon völlig ausgelastet war. Doch sein flehender Blick verriet, dass ihm diese Aktion ungemein wichtig war. Er kämpfte für bessere Lebensbedingungen für alte Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren. Konnte sie genügend Zeit für ein Projekt dieser Größe aufbringen?

Aber wie konnte sie es ablehnen? Einige der Patienten hatten sie gewissermaßen mit aufgezogen, wenn ihr Großvater auf Baustellen unterwegs gewesen war. Diese Leute hatten ihr zu essen gegeben, auf sie aufgepasst und ihr die Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt, die ihre eigenen Eltern ihr verweigert hatten.

Nun, da Joe Gray mit im Geschäft arbeitete, könnte sie Pops’ Wunsch erfüllen. Gut, sie würde rund um die Uhr beschäftigt sein, aber das war ja nichts Neues.

“Okay, Pops”, sagte sie also.

“Danke, Knusperkeks. Das bedeutet mir sehr viel.”

“Das merke ich. Zufällig habe ich gerade heute Morgen die Anweisung der Firmenleitung erhalten, einen neuen Mitarbeiter einzustellen. Und zufällig war sofort jemand zur Stelle, Joe Gray, der wirklich etwas von der Arbeit versteht, und …”

“Joe Gray? Nie gehört”, unterbrach Pops.

“Er ist neu in der Stadt. Ich habe ihm die Garagenwohnung vermietet.”

Pops kniff misstrauisch die Augen zusammen. “Was ist das für ein Kerl? Wo kommt er her? Was weißt du über ihn?”

Mattie überlegte einen Moment und merkte, dass sie eine ganze Menge über ihren neuen Angestellten wusste, obwohl sie erst acht Stunden zusammen gearbeitet hatten.

“Er ist fünfunddreißig und alleinstehend. Er ist höflich und kann sehr gut auf die Kunden eingehen, weil er eine Menge übers Heimwerken weiß. Er arbeitet sehr gern mit den Händen, fühlt sich in der Werkstatt wohl und scheint kein bisschen allergisch gegen harte Arbeit zu sein. Ich musste ihm heute Morgen und am Nachmittag direkt befehlen, seine Pause zu machen.”

“Alleinstehend?”, hakte Pops nach.

Mattie verdrehte die Augen. “Komm ja nicht auf die Idee, mich verkuppeln zu wollen. Du hast schon genug angestellt. Außerdem sind Joe und ich Arbeitskollegen, und weiter kann unsere Beziehung sowieso nicht gehen.”

“Blödsinn”, schnaubte Pops. “Falls dieser Joe kein entlaufener Serienkiller ist, der sich in Fox Hollow verstecken will, scheint er genau dein Typ zu sein. Die meisten Männer hier fühlen sich doch von dir eingeschüchtert, weil du mit Sägen und Bohrern mindestens genauso gut umgehen kannst wie sie.”

“Was ich dir zu verdanken habe.”

“Aber wenn dieser Joe dieselben Interessen hat wie du und ein anständiger Kerl ist, würde ich sagen: Schnapp ihn dir. Oder gibt’s da einen Haken? Ist er etwa hässlich?”

Mattie kicherte. “Ganz im Gegenteil. Meine Kundinnen wollen sich ständig von ihm bedienen lassen, nur um ihn aus der Nähe zu sehen.”

“Klingt wie eine männliche Mary Poppins.”

“Nur dass er für mich arbeitet”, wiederholte Mattie. “Ich müsste ihn erst feuern, ehe ich mit ihm etwas anfangen darf. Oder selbst kündigen. Und das kann ich nicht, vor allem nicht nach dem Großprojekt, das du mir gerade aufgebürdet hast.”

“Tja, das stimmt natürlich”, murmelte Pops. “Aber hier im Heim gibt es keinen, der nicht sagen würde, dass du es versuchen solltest, wenn der Kerl dir gefällt. Dann starren sie eben noch einen Monat länger ihre nackten Wände an, ehe deine Verschönerungen fertig sind …”

“Pops”, sagte sie warnend.

Er hob abwehrend die Hände. “Hör auf, Kindchen. Du wirst auch nicht jünger, und ich will, dass du es mal so schön hast wie deine Grandma und ich. So eine Chance solltest du dir nicht entgehen lassen.”

Mattie wand sich. Es war nicht das erste Mal, dass sie über dieses Thema sprachen. Pops wollte, dass sie heiratete, ehe er das Zeitliche segnete. Das verstand sie ja, aber Liebe konnte man nun mal nicht erzwingen. Es passierte einfach – oder eben nicht. Mit Anfang zwanzig hatte sie sich ein oder zwei Mal verliebt, aber die Beziehungen waren zerbrochen, weil Mattie bis spät abends arbeiten und sich um Pops kümmern musste. Die meisten Männer hatten keine Lust, mit Pops zu konkurrieren. Wenn er fit war, strahlte er so viel Lebensfreude und Energie aus, dass er ihnen die Show stahl. Die wenigen Freunde, die Mattie gehabt hatte, hatten sie irgendwann vor die Wahl gestellt – entweder sie oder Pops. Und da musste sie nun wirklich nicht überlegen. Dieser Mann hatte sie großgezogen, ihr vieles beigebracht und sie ermutigt, ihr künstlerisches Talent zu entwickeln.

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