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Tiffany Lieben & Lachen Band 0003

Colleen Collins

Oh, diese Frauen

1. KAPITEL

Rosalind Myers Mutter hatte immer gesagt, ihre Tochter würde sogar zu ihrer eigenen Beerdigung noch zu spät kommen. Rosie versuchte, sich diesen morbiden Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, während sie mit ihrem Dodge Neon um eine Straßenecke schleuderte, mit dem einen Vorderrad über die Bürgersteigkante holperte und dann die schmale Straße runterdonnerte.

Aus dem Autoradio kam die gefühlvolle Stimme von Alanis Morissette, die Rosie aber diesmal kalt ließ. Dank ihres neuen Parkplatzes direkt vor dem Hintereingang des Bürogebäudes in Chicago würde sie an diesem Morgen pünktlich sein. Ihr konnte diesmal nichts Schlimmeres passieren, als dass sie im Eilschritt zu ihrem Schreibtisch gehen müsste. Aber sie würde da sein, nur wenige Minuten nach acht an diesem wunderschönen Junimorgen. Teresa, ihre Vorgesetzte, würde begeistert sein, sie bereits in die ersten Texte vertieft vorzufinden.

Zwischen Michigan Avenue und State Street hatte Rosie hastig einen Müsliriegel verschlungen, und während sie sich schnell die Krümel vom Schoß fegte, warf sie einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett.

Es war bereits wenige Minuten nach acht.

Nun gut, dann musste sie eben zu ihrem Schreibtisch rennen. Aber spätestens um Viertel nach acht würde sie ganz bestimmt an ihrem Schreibtisch sitzen.

Wumm! Das Auto rumpelte über eine Straßenschwelle, ein hinterer Kotflügel fiel scheppernd ab. Angestrengt lauschte Rosie nach hinten, aber offensichtlich war nicht mehr passiert. Dem Himmel sei Dank, sie hätte unmöglich noch einen neuen Auspuff bezahlen können.

Die Treppe kam in Sicht, die zu dem hinteren Eingang des feudalen Loop-Komplexes führte. Direkt hinter der Treppe befand sich ihr neuer Parkplatz. Er war wie ein kleines Zuhause.

Ihr Zuhause … Ihr Inneres zog sich zusammen, als sie an die Farm ihrer Familie in Colby, Kansas, dachte, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, bis sie vor sieben Monaten nach Chicago zog. Sie warf einen Blick auf den grauen Himmel. Wo auf dem Weg nach Chicago hatte der blaue Himmel von Kansas nur eine so schmutziggraue Farbe bekommen? Und die Brise, die sanft durch die Kornfelder von Kansas strich, wann hatte sie sich in diesen ungemütlichen Wind verwandelt, der durch die Straßen voller Autos und Fußgänger fegte?

Sie erreichte die Treppe und bog unmittelbar danach auf ihren Parkplatz ein.

Und musste abrupt bremsen.

Irgendein Idiot hatte ihren Parkplatz geklaut.

Sie umklammerte das Lenkrad und schloss kurz die Augen. Es war ein Wunder, dass sie dem anderen Wagen, einem eleganten schwarzen BMW, nicht hinten draufgefahren war. Sie zitterte, und das nicht nur, weil sie beinahe einen Unfall verursacht hätte, sondern auch aus Wut über die Unverschämtheit des Fahrers, der auf ihrem Parkplatz stand. Dann legte sie den Rückwärtsgang ein, fuhr einen knappen Meter zurück, und sprang aus dem Auto.

Platsch!

Ihre Füße, die in den weichen Ledermokassins steckten, landeten in einem Schlagloch mit schmutzigem Wasser. Das Wasser spritzte, und nicht nur ihre weißen Leggings waren schwarz gesprenkelt, sondern auch ihr Rock aus braunem Cordsamt hatte dunkle Flecken. Ihre Kollegen würden sicher denken, dass sie sich durch verschiedene Straßengräben geschleppt hatte, um zur Arbeit zu kommen. Aber auch das würde ihr keiner aus der Redaktion des Magazins ‘Real Men’ als Entschuldigung abnehmen, und Teresa schon gar nicht. Nun musste sie ein paar Straßen weiter parken – was bedeutete, dass sie sich sehr viel mehr verspäten würde als erwartet.

Sie starrte wütend auf den makellosen BMW. Vorsichtig ging sie um das Schlagloch herum, wobei ihre nassen Schuhe quietschten, und blickte auf das Nummernschild. PROZ-S.

Wie “Prozess”. Aha! Sie kniff die Augen zusammen und blickte an dem Gebäude hoch bis zum dritten Stock. In den ersten zwei Stockwerken des Klinkergebäudes war ‘Real Men’ untergebracht. Den dritten Stock besetzten Börsenmakler, Steuerberater und, wenn sie sich richtig erinnerte, ein Rechtsanwalt.

“Jetzt hab ich dich”, sagte sie leise. Und wenn ich schon sowieso megaspät dran bin, dachte sie, dann werde ich dem dritten Stockwerk noch einen Besuch abstatten. Auf die paar Minuten mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an.

Tut!

Rosie fuhr herum und starrte auf einen riesigen gelben Laster, der hinter ihrem Dodge angehalten hatte. Ein massiger Arm, kräftig behaart und tätowiert, winkte ihr ungeduldig zu.

“Gehört Ihnen die ganze Straße, Lady?” Die Stimme des Lastwagenfahrers klang ärgerlich.

Typisch Mann, diese Unfähigkeit, mit einer kleinen Unbequemlichkeit fertig zu werden. Rosie schob sich schnell das Haar aus der Stirn. “Ehrlich gesagt, ja”, gab sie langsam zurück und nutzte die Gelegenheit, sich abzureagieren. Schon früh hatte sie sich angewöhnt, sich überlegen und unnahbar wie eine griechische Göttin zu geben, wenn Männer sie ärgern wollten. Anders hätte sie sich gegen ihre vier älteren Brüder, die immer alles besser wussten, nicht behaupten können.

So schritt sie in aller Gelassenheit zu ihrem Auto zurück, stieg langsam ein, ließ den Motor an und winkte dem Lastwagenfahrer huldvoll zu, als sie weiterfuhr. Er kochte offensichtlich.

“Guten Morgen!” Die Bürotür öffnete sich langsam und eine Hand mit langen orangefarbenen Fingernägeln wurde sichtbar.

Benjamin Taylor umfasste seinen Kaffeebecher fester, als sich der Kopf seiner Exfrau durch die Tür schob. Merediths Lippen hatten die gleiche Farbe wie ihre Fingernägel. Ein neuer Lippenstift. Neuer Nagellack. Vielleicht hatte sie gerade mit ihrem letzten Freund Schluss gemacht, Dexter oder so, und erwartete jetzt Aufmerksamkeit und Zuneigung. Von ihm, dem ewig freundlichen, hilfsbereiten, liebenswürdigen Ben.

“Oder ist es kein guter Morgen?” Meredith zog ihren schönsten Schmollmund, und Ben hatte plötzlich die beängstigende Vorstellung, ihr Mund würde sich in den Trichter eines Vulkans verwandeln, aus dem glühende Lava floss.

“Morgen”, sagte er kurz und nahm schnell einen Schluck Kaffee. Dass sie jetzt bloß nicht auf die Idee kommt, mir mit diesen Lava-Lippen einen Kuss zu geben …

“Das ist schon besser”, flötete sie und glitt ganz durch die Tür. Bei den grellen Orange-, Blau- und Grüntönen ihres kimonoähnlichen Gewandes hätte er am liebsten die Augen geschlossen. Immer, wenn sie einen Liebhaber verließ oder verlassen wurde, veränderte Meredith ihr Aussehen total. Dieser asiatische Look hatte sicher etwas damit zu tun, dass sie sich von Hex … nein, Lex … oder wie auch immer er hieß, getrennt hatte.

Sie blickte auf die Lampe in der Ecke. “Ich habe einen hinreißenden Garderobenständer gesehen, schwarzer Lack mit eingelegtem Perlmutt-Imitat, der würde da hinten fantastisch aussehen …”

Ben presste kurz die Lippen zusammen. Das war wieder typisch. Immer, wenn sie ihr eigenes Outfit total veränderte, wollte sie auch Bens Büro umgestalten. Das hatte man nun davon, wenn die Exfrau Innenarchitektin war und genügend Geld hatte, sich alle Schwächen zu erlauben. Im Grunde war ja nichts dagegen zu sagen, wenn das Büro mal umgestaltet wurde, außer wenn das dann nicht zu Ende geführt wurde. Und das war leider schon häufiger der Fall gewesen. Sie hatte angefangen, die Wände, das Mobiliar oder auch die Garderobe zu ändern, natürlich in einem hinreißenden neuen Stil, und dann hatte sie sich unsterblich in irgendeinen neuen Mann verliebt und Bens Büro blieb unfertig zurück.

“Die Lampe bleibt”, sagte Ben warnend.

Es ärgerte ihn immer noch, dass sie seinen Namen behalten hatte. Man würde doch denken, dass eine Frau, die nach ihrer ersten Scheidung wieder verheiratet und wieder geschieden war, den Namen des zweiten Mannes annehmen würde. Oder ihren Mädchennamen oder irgendeinen Namen, aber nicht den des ersten Mannes, mit dem sie dazu nur äußerst kurz verheiratet gewesen war.

“Schon gut, die Lampe bleibt”, sagte sie und sah ihn aus ihren mit schwarzem Kholstift umrandeten Augen vorwurfsvoll an. “In so einem Ton hast du früher nie mit mir gesprochen.”

Er hatte sich selbst über seinen harschen Ton gewundert. Aber ein Blick in Merediths Augen sagte ihm, dass er vorsichtig sein musste. Dies hier war offensichtlich eine Frau, der man das Herz gebrochen hatte und die sich erst einmal wieder fangen musste. “Entschuldige. Ich habe meine morgendliche Dosis Koffein noch nicht gehabt.”

Sie zog überrascht die Augenbrauen hoch. “Darling, manchmal sagst du wirklich die merkwürdigsten Dinge.”

“Das ist typisch für Anwälte.” Ja, es war offensichtlich. Sie hatte eine Trennung hinter sich. Nie nannte sie Ben Darling, wenn sie liiert war.

“Gefällt dir meine Frisur?”, fragte sie und wies mit ihren orange geschmückten Tentakeln auf ihren Kopf.

Irgendwann musste diese Frage kommen, das wusste er. Er bemühte sich, nicht die Stirn zu runzeln, während er die hochgetürmte Lockenpracht betrachtete, aus der etwas Spießartiges hervorragte. “Was ist das denn? Ein Mikadospiel?”

“Aber Darling, Essstäbchen natürlich!”

“Es sieht so …. ungewöhnlich aus.” Dadurch, dass einige Haarsträhnen weit vom Kopf abstanden, wirkte die Frisur wie ein in Unordnung geratenes Vogelnest. Aber er war vernünftig genug, diesen Gedanken für sich zu behalten.

Ob sie sich nun gerade in einer asiatischen Phase befand oder von Vögeln inspirieren ließ, Tatsache war, dass sie deprimiert wirkte und dunkle Schatten unter den Augen hatte. Trotz ihrer turbulenten, unerfreulichen Scheidung damals und ihrer nervigen Angewohnheit, immer wieder bei ihm Schutz zu suchen, wenn in ihrem Leben etwas schiefgegangen war, hatte er nicht das Herz, sie zu verletzen.

“Nein, wirklich, deine Frisur sieht … gut aus”, sagte er und nahm sich vor, heute Mittag nicht beim Chinesen zu essen.

“Gut …?” Ihre grünen Augen funkelten, als wollte sie sagen: “Das ist alles, was dir einfällt? Gut?”

“Hübsch und … äh, braun”, fügte er lahm hinzu.

Ihr Blick wurde düster, doch bevor sie etwas sagen konnte, war eine zweite hohe weibliche Stimme zu hören.

“Meredith!” Heather, die sommers wie winters Hängerkleidchen trug, legte seiner Exfrau die schlanken braunen Arme um die Schultern. Dann trat sie einen halben Schritt zurück und sah Meredith von oben bis unten an. “Donnerwetter, du siehst ja absolut cool aus. Und deine Frisur! Dieser legere Look ist ja voll in heutzutage!”

Meredith lächelte geschmeichelt. Es war offensichtlich, dass Heathers Begeisterung ihr ausgesprochen gut tat, sehr viel besser als Bens karger Kommentar. Sie griff spielerisch nach einem der Essstäbchen und schob es etwas tiefer in ihre Lockenpracht. “Vielen Dank. Ja, ich hatte das Gefühl, ich müsste mal etwas Neues ausprobieren.”

Heather sah sie mit ihren blauen Augen mitfühlend an. “Ist es vorbei mit Dexter?”

Merediths orangefarbene Lippen zitterten. Sie seufzte laut und warf sich dann in Heathers Arme. Heather warf Ben von der Seite her einen giftigen Blick zu. “Hast du denn gar nichts dazu zu sagen?”

“Doch. Du bist spät dran.”

Heather rollte mit den Augen. “Doch nicht zu mir, zu Meredith.”

“Ihre Frisur sieht gut aus. Aber es ist fast neun Uhr und du bist spät dran.”

Heather stieß irgendetwas hervor, was er nicht verstehen konnte, und strich Meredith weiterhin beruhigend über den Rücken. Meredith murmelte irgendetwas wie “Dexter will das Ding zurückhaben” und brach in einen hysterischen Weinkrampf aus.

Welches Ding?

Ben betrachtete die beiden Frauen, seine Exfrau und seine Exverlobte. Bald hatte er genug Exfrauen zusammen für eine Bridgepartie. Aber momentan hatte er die Nase voll, nicht nur von den Exen, sondern überhaupt von Frauen. Jetzt, mit sechsunddreißig, sehnte er sich nur nach echten Männerfreundschaften. Wie wunderbar musste es sein, den ganzen Abend nur mit Freunden in der Kneipe zu sitzen, Bier zu trinken und zu bowlen. Obwohl, wenn er ehrlich war, im Grunde mochte er Wein viel lieber und Schach. Ja, früher, als Matt noch nicht verheiratet und nach Kalifornien gezogen war, wie oft hatten die beiden Freunde da zusammen Schach gespielt.

Seit der Zeit hatte Ben nie wieder einen richtigen Freund gehabt, ja, er hatte sogar nie wieder ein Gespräch von Mann zu Mann geführt. Sein Kontakt mit Männern, von seinem Beruf einmal abgesehen, beschränkte sich auf die Kolumne “Von Mann zu Mann” in ‘Real Men’, Heathers Lieblingszeitschrift. Sie las ihm gern die Fragen und Antworten aus der Zeitschrift vor, in denen es um alles und jedes in Bezug auf Männer ging. Und manchmal, wenn Heather zum Essen war und er gerade keine Klienten hatte, hatte Ben selbst diese Kolumne gelesen. Aber es wäre ihm ausgesprochen peinlich gewesen, wenn ihn jemand erwischen würde, wie er sich in ein Blatt vertiefte, das auf dem Titelbild muskelbepackte Männer zeigte und Artikel brachte wie “Die tollen Kerle vom Großen Barrier-Riff in Australien” oder “Chicagos heißeste Feuerwehrmänner”.

Er bestand darauf, dass Heather die Zeitschrift versteckte, wenn Klienten da waren. Schließlich hatte er sich auf Arbeitsrecht spezialisiert, und da war eine Zeitschrift mit halb nackten schwitzenden Männern auf dem Titelbild und Artikeln über sexuelle Anmache am Arbeitsplatz wirklich nicht passend.

Heather war außerdem begeisterte Leserin von Büchern über Beziehungsprobleme, aber die konnte sie ruhig auf ihrem Schreibtisch liegen lassen. Deren Umschlaggestaltung war harmlos. Keine nackten Körper. Ausgewogene Titel – Venus stand für Frau, Mars für Mann. Manchmal starrte Ben diese Bücher nachdenklich an, die das ganze Spektrum der Beziehungskiste abdeckten, von “Mars und Venus lernen sich kennen” bis “Mars und Venus im Schlafzimmer”. Und Ben fragte sich, ob es wohl jemals ein Buch für die Männer geben würde, die zwar auf der Venus gelandet waren, aber gern zum Mars umziehen würden. Denn genau das wollte er. Er hatte den Eindruck, auf der Venus gefangen zu sein, einer Welt voll von ehemaligen Geliebten und Ehefrauen.

Heather, die immer noch die Gestalt in dem farbenfrohen Kimono umfangen hielt, bemerkte kaum hörbar: “Sie ist verzweifelt.”

“Ich auch. Ich muss hier weg”, gab Ben ebenso leise zurück.

Vor zwei Jahren hatte er Heather in einer Bäckerei kennengelernt. Der junge Mann, der sie bediente, war ganz hingerissen von ihr und ließ sich entsprechend Zeit. Ben, der hinter ihr stand, wurde immer ungeduldiger, aber als sie sich umdrehte, das blonde Haar nach hinten warf und ihn mit ihren großen blauen Augen ansah, konnte er den Mann plötzlich verstehen.

Einen Monat später waren sie bereits verlobt, und sie arbeitete als Mädchen für alles in seiner Einmann-Kanzlei. Aber er stellte schnell fest, dass sein blonder Sommertraum kalt wie eine Eisprinzessin war, und nach sechs Monaten hatte er das Gefühl, in einem Eispalast zu leben. Sie trennten sich, und er half ihr bei der Wohnungssuche. Aber da sie Schwierigkeiten hatte, einen anderen Job zu finden, hatte er sie erst einmal behalten. Schließlich kannte sie auch seine Klienten und seinen Arbeitsstil. Ihre Vorliebe für Hängerkleidchen gefiel ihm nicht, aber mit ihrer Arbeit war er zufrieden.

Er hatte nur leider nicht vorhergesehen, dass seine beiden Exfrauen sich verbünden würden.

“Sag doch etwas zu ihr”, zischte ihm Heather leise über Merediths bebende Schulter hinweg zu.

Er war Anwalt, verdammt noch mal, und kein Therapeut. Aber er hatte eine schwache Stelle, und das war sein Herz. Er konnte niemanden absichtlich verletzen, vor allen Dingen keine Frau. Das hatte sicher etwas damit zu tun, dass er nur mit Frauen aufgewachsen war und sich immer für seine Mutter und seine Schwester verantwortlich gefühlt hatte.

Er atmete langsam aus. Was sollte er denn sagen? “Es tut mir leid, dass er das Ding zurückhaben wollte.”

Meredith drehte sich so heftig zu ihm um, als sei sie vom Teufel besessen. “Ring!”, kreischte sie. “Er wollte den Ring zurückhaben, nicht irgendein Ding!”

Heather warf das lange blonde Haar zurück und sah ihn vorwurfsvoll an. “Wie kannst du nur so gefühllos sein.”

Meredith, die sich offenbar immer mehr in ihr Selbstmitleid hineinsteigerte, fügte schnell hinzu: “Du hast mich nie wirklich geliebt, auch nicht, als wir verheiratet waren.”

Während er ratlos auf die beiden wütenden Frauen blickte, die ihn anklagend ansahen, tauchte plötzlich ein drittes Gesicht hinter ihnen auf, herzförmig, umgeben von wilden braunen Locken.

“Sind Sie Benjamin Taylor?”, fragte Miss Herzgesicht streng.

Nein, ich bin der gefühlloseste Exmann und Exverlobte, der je gelebt hat, hätte er beinahe erwidert. “Ja.”

“PROZ-S?”, fragte sie.

Er sah sie fragend an. “Wollen Sie einen Prozess anstrengen? Gegen wen?”

Sie schüttelte heftig den Kopf, dass die Locken flogen, und fixierte ihn mit ihren braunen Augen. “Ihr Nummernschild”, sagte sie nur. “Haben Sie PROZ-S?”

Er fuhr aus seinem Schreibtischsessel hoch. “Hat jemand mein Auto angefahren?”

“Nein, aber es wäre Ihnen fast einer hinten draufgefahren.” Sie senkte die Stimme. “Nämlich ich.” Sie beugte sich vor. “Sie haben meinen Parkplatz geklaut, Sie … Sie unverschämter Kerl, Sie!”

Meredith und Heather blickten auf die wütende Frau und wandten sich wieder zu Ben um. Er sah sich plötzlich einem Trio von zornigen Frauen gegenüber. Was war das bloß immer mit den Frauen? Wenn eine auf die Toilette ging, um ihr Make-up aufzufrischen, gingen sie alle. Wenn eine dich hasste, hassten sie dich plötzlich alle. Ben hatte noch nicht einmal seinen Morgenkaffee ausgetrunken, und schon hatte er drei Frauen gegen sich, darunter eine, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte.

Der wunderbare Anfang eines wunderbaren Tages im Leben des wunderbaren Benjamin Taylor, schoss es ihm durch den Kopf.

Aber mit solchen Situationen musste ein Anwalt umgehen können, der mit Streitereien und Auseinandersetzungen sein täglich Brot verdiente. Ben setzte sein bestes professionelles Lächeln auf und machte eine einladende Handbewegung. “Bitte, darüber können wir doch in aller Ruhe sprechen.”

Er warf seiner Exverlobten einen warnenden Blick zu, und Heather, die wusste, wann sie sich zurückziehen musste, ging ins Vorzimmer zu ihrem Schreibtisch.

Ben trat auf Meredith zu und flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: “Entschuldige, dass ich das mit dem Ring missverstanden habe. Vielleicht willst du dir in der Zwischenzeit mal etwas wegen der Couch überlegen?” Er wies mit dem Kopf auf die Couch, die hinten im Vorzimmer an der Wand stand. Für ein paar Augenblicke des Friedens musste er zu einem Opfer bereit sein.

Meredith schniefte noch einmal leise und wandte sich dann der Couch zu.

Nun konnte er endlich seiner braun gelockten neuen Klientin seine ganze Aufmerksamkeit widmen. Er musterte sie. Sie trug eine schlecht sitzende weiße Bluse, die sie in einen knielangen braunen Rock gestopft hatte. Das Ganze erinnerte ihn an die braun-weißen Eiscremeschnitten, die er als Kind so geliebt hatte. Er schüttelte den Kopf und trat von der Tür zurück. “Kommen Sie bitte herein, Miss …?”

“Myers. Rosie Myers.”

Aha, sie war also nicht verheiratet. Im Grunde war ihm das natürlich ganz egal. Aber irgendetwas an Rosie Myers irritierte ihn. Vielleicht die wippenden braunen Locken. Oder das Blitzen in den haselnussbraunen Augen. Sie sah sich misstrauisch in seinem Büro um und machte dabei ein Gesicht, als hätte ein Perverser sie aufgefordert, sich mit ihm auf die Autorückbank zu setzen.

“Dies ist ein Anwaltsbüro”, sagte Ben nachdrücklich, “und keine Folterkammer. Bitte, setzen Sie sich.”

Jetzt sah sie ihn an, immer noch ernst, und ging dann zu den Holzstühlen hinüber, die er für Besucher dastehen hatte.

Als sie an ihm vorbeiging, bemerkte Ben einen Schmutzfleck an ihrer Stirn. Außerdem hatten ihre weißen Strümpfe braune Flecken, und auch die Schuhe waren bespritzt. Hatte sie nicht gesagt, sie sei ihm beinahe hinten draufgefahren. Eigentlich sah sie eher so aus, als sei sie zu Fuß unterwegs gewesen. “Möchten Sie einen Kaffee? Oder Tee?”

Rosie setzte sich auf den Stuhl, der am weitesten von Bens Schreibtisch entfernt war. “Wahnsinnig gern einen Kaffee.”

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. “Heather, würdest du bitte …”

“Ich habe noch mit Meredith zu tun”, kam es aus dem anderen Raum.

Wieso denn? Hatte sie sich mit einem Essstäbchen verletzt? Er sah Rosie wieder an und fragte zögernd: “Zucker? Sahne?”

“Drei Teelöffel Zucker. Und viel Milch.”

“Das hört sich ja nach einem Milchshake an und nicht nach einem Kaffee”, murmelte Ben vor sich hin, während er zu der Kaffeemaschine im Vorzimmer ging.

Rosie saß auf dem Holzstuhl, wagte nicht, sich anzulehnen, und sah sich um. Sie kam sowieso schon viel zu spät, da kam es auf diese zehn Minuten auch nicht mehr an. Aber es war schrecklich, Teresa, ihre unmittelbare Vorgesetzte, wieder zu enttäuschen, die es nicht leiden konnte, wenn die Regeln nicht eingehalten wurden. Und Rosie hatte Teresas Geduld in Sachen Pünktlichkeit schon reichlich überstrapaziert, sodass Teresa gar nicht anders konnte, als sie vor die Wahl zu stellen: Entweder du bist pünktlich oder wir müssen deine Probezeit verlängern.

Das erschien Rosie alles andere als erstrebenswert, aber nachdem sie in ein Schlagloch gestolpert war, sich von einem Lastwagenfahrer hatte anblaffen lassen müssen und fast durch die ganze Stadt gelaufen war, weil sie keinen anderen Parkplatz hatte finden können, brauchte sie einfach ein paar Minuten, um zu sich zu kommen. Und um sich mit diesem Anwalt hier über ihren Parkplatz zu unterhalten.

Wenn sie das alles bedachte, brauchte sie dringend eine Tasse Kaffee.

Sie betrachtete aufmerksam den Raum. Er sah aus, als hätte ein Innenarchitekt hier einen Zusammenbruch erlitten. Eine Wand war ganz mit Landschaftsgemälden bedeckt, und Rosie verspürte beinahe Heimweh, wenn sie auf die sanften Hügel und die weiten Horizonte blickte. So ähnlich sah es da aus, wo sie sechsundzwanzig Jahre zu Hause gewesen war. Sie blickte schnell zu der anderen Wand hinüber, die mit merkwürdigen Metallgebilden dekoriert war. Manche waren mit Perlen und Federn verziert, ein rundes Ding stellte sich bei näherem Hinsehen als eine Wanduhr heraus, die in einem alten Lenkrad aus Chrom steckte.

“Hier ist Ihr Kaffee”, sagte Ben freundlich und reichte ihr einen Becher. Er ging um seinen Schreibtisch aus Kiefernholz herum und setzte sich in seinen hochlehnigen Schreibtischsessel.

Er strahlte eine gewisse Lässigkeit aus, was Rosie erstaunte. Und er trug keinen dieser steifen Anzüge wie die Anwälte in Filmen, sondern eine Cordhose und einen hellen Pullover. Der blaugraue Farbton des Pullovers passte gut zu seinem hellbraunen Haar und den blauen Augen. Auch wenn sein Büro keinen Stil hatte, er selbst hatte welchen. Und auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, er wirkte ausgesprochen sexy auf sie. Sie fühlte, wie ihr eine leichte Röte in die Wangen stieg.

“Danke”, sagte sie leise und räusperte sich, weil ihre Stimme ihr nicht gehorchte. Was heißt Stimme, sie wünschte, ihr Körper würde ihr gehorchen und nicht so unkontrolliert reagieren. Schnell richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihren Kaffeebecher und starrte direkt auf James Dean, der, eine Zigarette zwischen den Lippen, an einem Auto mit der Aufschrift “… denn sie wissen nicht, was sie tun” lehnte. Hatte Ben Taylor geglaubt, dass das Bild eines sexy Filmstars sie beschwichtigen würde? Er hätte wenigstens einen Becher aussuchen sollen, auf dem nicht gerade ein Auto zu sehen war. War doch klar, dass sie da gleich wieder an ihren Ärger wegen des Parkplatzes denken musste.

“Mein Innenarchitekt hat mir die besorgt”, erklärte er, als er ihren skeptischen Blick bemerkte. “Es ist ein ganzer Satz Becher – ‘Die goldenen Jahre Hollywoods’ oder so ähnlich.” Er schwieg und sah müde ein gerahmtes Poster an der Wand mit einem Foto von James Stewart an, offensichtlich aus dem Film “Mr Smith geht nach Washington”.

Da er den Blick nicht von James Stewart lösen konnte, näherte Rosie ihren Mund James Dean. Herrlich, dieser heiße belebende Kaffee. Das war einer der Nachteile, wenn man immer zu spät kam. Nie hatte sie die Zeit, eine gute Tasse Kaffee wirklich zu genießen. Sie schloss die Augen und sog das frische Aroma tief ein. “Hm, wie köstlich”, sagte sie leise.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Ben sie amüsiert beobachtete. “Freut mich, dass Sie es genießen”, sagte er, und seine Stimme klang tief und rau.

Einen langen Augenblick sahen sie sich in die Augen. Rosies Herz schlug so heftig, dass sie meinte, man könne es im ganzen Raum hören. Sie fasste den Becher fester, aus Angst, er könnte ihren plötzlich feuchten Handflächen entgleiten. Noch vor wenigen Minuten war er nur der Fahrer eines BMW mit dem Kennzeichen PROZ-S gewesen. Doch nun nahm sie ihn als attraktiven Mann wahr und ihre Fantasie lief auf Hochtouren.

Sie hätte sich am liebsten in den Hintern getreten. Schließlich war sie nicht zu ihrem Vergnügen hergekommen, sondern weil sie wütend war und ihm das auch zeigen wollte.

“Machen Anwälte das immer so?”, fing sie an, um die aufgeladene Stille zu durchbrechen, und registrierte erfreut, dass sich ihre Stimme jetzt besser anhörte. “Ich meine, dass sie die Menschen mit Kaffee und Filmstars betören, sodass sie ganz vergessen, wofür sie eigentlich kämpfen?”

“Filmstars?”, fragte er verwirrt, “wofür kämpfen die denn?”

Sie wischte seinen Einwurf mit einer Handbewegung zur Seite und strich dann heimlich mit der feuchten Handfläche über ihren Rock. “Sie haben meinen Parkplatz gestohlen.”

“Gestohlen?”, wiederholte er. “Den Platz gleich hinter der Treppe, nahe dem Hintereingang?”

Sie nickte langsam. “Richtig.”

“Falsch.” Er grinste leicht und nahm dann einen Schluck aus seinem Becher, der mit einem lasziven Foto von Marlene Dietrich mit Zylinder geschmückt war. Als er den Becher wieder absetzte, fiel sein Blick auf den Filmtitel oberhalb von Marlenes Kopf, “Blonde Venus”. Rosie hätte schwören können, dass er dabei kurz zusammenzuckte. Dann öffnete er die Schreibtischschublade. “Gestern habe ich die Monatsmiete für den Platz bezahlt, auf dem mein Auto momentan steht.”

Sie riss die Augen auf. “Gestern? Aber ich auch.”

“Vielleicht haben Sie für einen anderen Parkplatz bezahlt”, sagte er nur und wühlte in der Schublade.

“Nein, es ist mein Parkplatz.”

Triumphierend hielt er ein Stück Papier hoch. “Hier ist meine Quittung. Haben Sie Ihre dabei?”

“Nein, die habe ich zu Hause.” Vielleicht in dem Papierstapel auf der Anrichte. Oder in dem Papierstapel im Obstkorb in der Küche. Oder einem anderen Stapel.

Er gab ihr die Quittung. “Ich gehe davon aus, dass Sie hier alle relevanten Informationen finden.”

Relevant. Das war wieder typisch Anwalt. Als wenn das Wort “Information” nicht genügte. Als wenn eine relevante Information mehr Gewicht hätte. Sie sah sich die handgeschriebene Quittung an mit seinem Namen, dem Datum von gestern und der Nummer C 1001.

“C 1001. Vielleicht ist das ein anderer relevanter Platz”, sagte sie und gab ihm das Papier zurück.

Er sah sie überrascht an. Dann sagte er: “Nach dem Plan sind die Cs die Plätze gleich hinter der Treppe.”

So kamen sie nicht weiter. Sie hatte ihre Quittung nicht dabei und wusste nicht, wo die C-Plätze oder wo die X-Y-Z-Plätze lagen. Und sie hatte wirklich keinerlei Lust, den Marsch durch die Stadt morgen noch mal anzutreten. Sie wollte ihren Parkplatz haben, jetzt und sofort. Und deshalb sollte sie sich endlich zusammennehmen und sich nicht von diesem Rechtsverdreher mit dem Harrison-Ford-Grinsen verunsichern lassen. Sie räusperte sich. “Im Verwaltungsbüro gibt es Kopien unserer Quittungen. Vielleicht sollten wir das in der Mittagspause klären. Wollen wir uns da treffen, etwa gegen zwölf?”

Ben schlug seinen Terminkalender auf. Als er sich vorbeugte, fiel ihm eine Strähne seines hellbraunen Haars in die Stirn. Dann blickte er wieder auf und lächelte. “Zwölf passt gut.”

“Gut, um zwölf dann.” Rosie sah auf ihre Hände. Er hatte eine Quittung, einen Terminkalender, offenbar zwei Sekretärinnen, zusammenpassende Kaffeebecher, einen BMW und einen Pullover in dem gleichen sanften Blau wie seine Augen. Und sie, schmutzbespritzt wie sie war, hatte den Eindruck, dass sie gar nichts besaß, noch nicht einmal den Parkplatz, um den es hier ging. Irgendwie musste sie ihm das heimzahlen, durfte ihm auf keinen Fall das letzte Wort lassen, bevor sie ging.

Sie trank noch einen Schluck Kaffee, stand dann aber hastig auf, als sie sah, dass er sich bereits erhoben hatte. Sie wollte den Becher auf dem Tischchen neben ihrem Stuhl abstellen, aber weil sie nicht hinsah, setzte sie ihn zu hart auf, sodass der Kaffee auf den Teppich spritzte. Ben machte schnell einen Schritt auf sie zu und griff nach dem Becher, aber sie hielt ihn fest. Sie spürte die Wärme seiner Finger, die ihre Hand umschlossen, nahm sein herbes Eau de Cologne wahr … und die Hitze, die sich plötzlich in ihr ausbreitete und nichts mit der Wärme des Kaffees zu tun hatte.

“Sie haben auch Ihre Strümpfe bespritzt”, sagte er leise, und seine wohltönende dunkle Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Jetzt erst fühlte sie die warme Flüssigkeit auch auf den Beinen. Sie sah an sich herunter. Ob Schmutzspritzer oder Kaffeeflecken, da war kein Unterschied. Sie sah einfach unmöglich aus.

Aber das half jetzt alles nichts. Sie straffte die Schultern und sah Ben an. “Also dann bis zwölf.”

Ben stand direkt vor ihr. Er war sicher ein Meter fünfundachtzig und sie gerade mal ein Meter sechzig. “In Ordnung.”

“Gut.” Sie drehte sich um und ging in Richtung Anmeldung.

“Ich bin um zwölf im Verwaltungsbüro!”, rief er überflüssigerweise.

Rosie blieb stehen. Er musste wohl immer das letzte Wort haben. Sie drehte sich kurz um und sagte: “Ja, um zwölf.” So.

Schnell zog sie die Tür hinter sich zu. Erst als sie im Flur stand, bemerkte sie, dass sie den James-Dean-Becher immer noch fest umklammert hielt.

2. KAPITEL

“Was? Mr Real ist mit einer Frau namens Boom Boom durchgebrannt?”, fragte Rosie ungläubig. Sie hatte sich gerade an ihrem Schreibtisch niedergelassen, als ihre beste Freundin Pam schon angestürzt kam, um ihr den neuesten Klatsch mitzuteilen.

“Es kommt noch besser”, flüsterte Pam. “Boom Boom ist eine Bongo spielende Striptease-Tänzerin.” Sie unterstrich ihre Worte mit Schlägen auf eine imaginäre Trommel. Ihre braunen Augen funkelten vor Vergnügen. “Ich wollte dir das alles sofort erzählen, aber du bist ja heute schrecklich spät gekommen …” Sie sah die Freundin erwartungsvoll an.

“Ich musste sechs Straßen weiter weg parken. Hat Teresa schon nach mir gefragt?”

“Nein. Dazu hatte sie gar keine Zeit. Die Bosse sitzen alle in einer Konferenz und überlegen, wie sie Mr Real schnell ersetzen können.”

In Rosies Kopf drehte sich alles, als ihr allmählich klar wurde, was da passiert war. Sie wusste nicht, was sie mehr schockierte. Die Tatsache, dass der langsam ergrauende altgediente Kolumnist des ‘Real Men Magazin’, der als Mr Real bekannt war, seine Karriere geschmissen hatte, oder dass Boom Boom auch noch Bongo spielen konnte bei all dem, was sie sonst so tat … Zu Hause in Colby war der größte Skandal der letzten zehn Jahre gewesen, dass Bobby-Joe Reed der alten Mrs Ferguson seinen blanken Hintern gezeigt hatte. Die arme Frau hatte noch Wochen danach nicht sprechen können, ein Fall von posttraumatischem Stress, wie ihr Arzt meinte.

Pam saß auf der Ecke von Rosies Schreibtisch und wippte mit dem Fuß. “Sechs Straßen weiter? Ich dachte, du hast gestern einen Parkplatz gemietet?”

“Ein Anwalt hat ihn mir geklaut”, erklärte Rosie leise und blickte zu dem eleganten Eichenschreibtisch hinüber, der in der gegenüberliegenden Ecke stand. Dort hatte William Clarington alias Mr Real gesessen und seine beliebte Kolumne “Von Mann zu Mann” zu Papier gebracht.

Als sie vor ein paar Minuten an ihren Schreibtisch gestürzt war, hatte sie sich schon gewundert, wo William, der auf keinen Fall Bill genannt werden wollte, denn war. Normalerweise kam er jeden Morgen pünktlich um zehn nach acht und stellte einen Becher mit Milchkaffee und ein Tellerchen mit einem Vollkornmuffin auf seinen Tisch. Er ging immer leicht gebückt, und Rosie wunderte sich, dass ein Mann wie er überhaupt jemanden mit dem Namen Boom Boom kannte, geschweige denn mit so einer Frau durchbrannte. Bei der Vorstellung, wie die beiden in einem dieser exotischen Lokale saßen, in der irgendjemand mitreißend Bongo spielte, wurde Rosie plötzlich von einer heißen Sehnsucht überfallen.

“Woran denkst du gerade, Rosie?”, fragte Pam und musterte die Freundin besorgt.

Rosie sah sie an und lächelte leicht. “Das Verrückteste, was ich jemals gemacht habe, war mein Flug nach Chicago.”

“Donnerwetter”, sagte Pam und lachte. “Dann ist es ja gut, dass du mich getroffen hast.” Sie kannte die Stadt in- und auswendig und war Rosie eine große Hilfe gewesen. Denn der Kulturschock war für Rosie doch sehr groß, als sie von der Farm in Kansas in die Großstadt gezogen war. Pam lehnte sich vor und nahm ein Papiertuch aus einer Schachtel auf dem Nachbarschreibtisch. “Du hast Schmutz an der Stirn.” Sie wischte kurz mit dem Tuch darüber. “Alles weg.”

Rosie sah sie erschreckt an. “Ich hatte Schmutz an der Stirn?”

“Ja, aber das ist doch nicht so schlimm.” Pam warf das Papiertuch in den Metallbehälter neben Rosies Schreibtisch.

Rosie stützte den Kopf schwer in die Hände. Ihre Stimme klang düster. “Ich bin voller Wut in die Kanzlei eines Anwalts gestürzt und habe ihn als Dieb beschimpft.” Sie seufzte. “Dreck im Gesicht! Kein Wunder, dass er mich so komisch angesehen hat.” Und sie hatte gehofft, dass er an ihr interessiert war! Sie hatte einfach zu wenig Ahnung von Männern, sonst wäre sie gar nicht auf eine solche Idee gekommen.

Pam sah sie von oben bis unten an. “Auch deine Strümpfe sind ja ganz schmutzig. Was hast du denn bloß gemacht? Bist du als Catcherin in einen Schlammring gestiegen?”

“Nein, bloß in ein Schlagloch in der Straße. Danach habe ich noch einen Lastwagenfahrer angemeckert, habe mich mit einem Anwalt angelegt und einen Kaffeebecher gestohlen.”

Pam nickte langsam und hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken. “Gut, ich glaube dir alles, nur nicht den Diebstahl. Du wirst dich doch nicht dazu erniedrigt haben, einen Becher zu klauen?”

“Ich habe ihn tatsächlich mitgenommen, aber nur aus Versehen. Ich war irgendwie vollkommen durcheinander …” Sie seufzte. In Bezug auf Ben Taylor war alles schiefgegangen. Und sie war vollkommen davon überzeugt gewesen, recht zu haben, als sie in sein Büro geplatzt war. Aber als sie ging, war sie erregt und nervös gewesen. Sie hatte ihn als Dieb beschimpft – und hatte ihn dann selbst bestohlen. Wie peinlich! Sie blickte nachdenklich auf das Familienfoto, das auf ihrem Schreibtisch stand. “Man würde doch denken”, sagte sie leise, “dass jemand, der mit vier Brüdern aufgewachsen ist, etwas von Männern versteht.”

“Liebes, wir alle wissen, wie man mit Männern umgehen muss. Aber darüber sollten wir uns jetzt keine Gedanken machen, damit vergeuden wir nur unnötig Energie.” Pam legte Rosie liebevoll den Arm um die Schultern und drückte sie. “Was mich viel mehr interessiert, wen werden sie wohl zum Nachfolger von Mr Real machen?”

“Stimmt, da bin ich auch schon sehr gespannt.” Rosie sah die Freundin neugierig an. Sie hatten beide etwa zur selben Zeit bei ‘Real Men’ angefangen. Pam arbeitete in der Marketingabteilung, Rosie in der Redaktion, und beide hatten sich vorgenommen, bis zum Ende des Jahres einen Schritt weiter zu sein. Und da durften sie sich keine Gelegenheit entgehen lassen.

“Ich fürchte, meinen letzten Auftrag habe ich nicht so super erledigt”, sagte Rosie. “Du musst mir unbedingt mit deinen Großstadterfahrungen helfen, und du weißt auch, wie man sich in einem Laden wie diesem verhalten muss. Willst du nicht heute Abend zu mir zum Essen kommen? Ich glaube, ich habe noch was im Kühlschrank.”

“Gern. Wir können uns dann ja beim Essen über alles unterhalten. Und was deinen letzten Auftrag betrifft …”, Pam machte eine abschwächende Handbewegung, “… da warst du doch noch ein absoluter Neuling und kanntest die Spielregeln nicht. Außerdem ist das schon Monate her und keiner erinnert sich mehr daran.” Sie musterte Rosie aufmerksam. “Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du viel schlanker aussiehst?”

Damit trösteten sie einander immer, wenn sie das Gefühl hatten, Aufmunterung zu brauchen. Es war albern, aber brachte den anderen immer zum Lächeln. Rosie musste grinsen und sah auf ihre Armbanduhr, ein Geschenk ihres Bruders, der zum Missvergnügen der Familie Jura studierte. “Paige ist sicher immer noch in der Sitzung …”

“Paige? Unsere nicht zu erschütternde Chefredakteurin? Sie gehört sicher zu den Frauen, die genau wissen, wie sie ihre Energie einzusetzen haben.” Pam nahm den Hörer ab. “Jeromes Durchwahl ist 433. Ich wähle.” Sie tippte die Nummer von Jerome, Paiges Assistenten, ein.

Und bevor Rosie noch sagen konnte, dass sie sich erst mal von allem erholen musste, reichte Pam ihr den Hörer. Rosie schluckte, nahm aber den Hörer entgegen. “Jerome?”, fragte sie vorsichtig.

“Ja? Was ist?” Er spielte sich immer auf, wenn Paige nicht im Büro war, und tat überlegen. Aber wenn Paige da war, war er die Liebenswürdigkeit in Person. Er war wirklich schwer einzuschätzen.

“Hier ist Ro…”, sie räusperte sich, “Rosie, das heißt, Rosalind Myers. Ich hätte gern für heute einen Termin bei Mrs Leighton.”

“Sie hat keine Zeit.”

Es war völlig eindeutig, dass er sich ihren Terminkalender noch nicht einmal angesehen hatte oder ihr Notebook oder was Superwoman sonst bevorzugte, um ihre Termine festzuhalten. Rosie schüttelte den Kopf und sah die Freundin an. Aber Pam lächelte nur aufmunternd.

“Vielleicht hätte sie ja zwischen zwei Terminen ein paar Minuten Zeit”, schlug Rosie mit zuckersüßer Stimme vor, süßer noch als der Kaffee, den sie trank.

“Leider nicht.”

Rosie ballte die Faust und sah die Freundin verzweifelt an. Pam hob nur ein Geldstück hoch und wedelte damit herum.

“Kann ich dir Geld geben?”, fragte Rosie naiv.

Pam schüttelte heftig den Kopf und machte schnelle Essbewegungen.

Rosie lächelte. “Kann ich dir was zum Essen holen?”, fragte sie jetzt.

Wieder schüttelte Pam dramatisch den Kopf und schrieb schnell auf einen Zettel “Lunch”.

“Ich meine Lunch”, sagte Rosie schnell. “Kann ich dich zum Lunch einladen?”

Pam machte das Siegeszeichen.

“Du hast Glück”, sagte Jerome mit Samtstimme. “Sie ist gerade zurück aus einer Sitzung. Wenn du dich beeilst, kannst du sie noch erwischen, bevor sie ihren Termin um zehn hat. Ich gehe am liebsten ins ‘Focaccio’.”

“Wunderbar”, sagte Rosie. “Ich komme sofort. Und dann können wir uns auch zum Lunch verabreden, bei Furca oder Forcha oder wie auch immer. Bis gleich.” Schnell legte sie den Hörer wieder auf.

“Du hast einen Termin bei Ihrer Majestät?” Pam war fassungslos.

Rosie strich sich eine Locke aus der Stirn. “Ja. Und heute gehe ich mit dem König der Erpresser zum Lunch.”

“Ich wusste, dass das bei Jerome zieht. Aber es ist ein geringer Preis. Ich wünschte, ich müsste heute nicht von einer Sitzung in die nächste. Möchte zu gern wissen, was bei deinem Gespräch mit Paige herauskommt. Heute Abend beim Essen musst du mir alles erzählen.”

“Klar.” Rosie stand auf und strich sich den Rock glatt. “Wie sehe ich aus?”

“Du solltest dir die Strümpfe ausziehen. Im Übrigen siehst du genauso aus wie … Mr Real.” Pam lachte.

Rosie ging schnell in die Damentoilette, die sich auf demselben Flur wie Paige Leightons Büro befand. Sie zog die bespritzte Strumpfhose aus und wollte sie schon in ihre Rocktasche stopfen. Doch das würde aussehen, als hätte sie eine Geschwulst an der Hüfte, und das wollte sie auf keinen Fall, nicht in dem eleganten Allerheiligsten von Paige Leighton. Rosie warf die Strumpfhose schnell hinter den Papiereimer, sie würde sie auf dem Rückweg wieder abholen. Ich sollte mich wirklich daran gewöhnen, eine Handtasche zu benutzen, statt alles immer irgendwo reinzustopfen.

Sie schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen, indem sie ruhig durchatmete. Dann machte sie die Augen wieder auf und betrachtete sich im Spiegel. Irgendwie sah sie käsebleich aus. Hoffentlich war das nur das grässliche Licht hier im Waschraum. Vielleicht hatte ihre Mutter recht und sie sollte sich wirklich daran gewöhnen, sich zu schminken.

Nervös strich sie die widerspenstigen Locken zurück. Sie sah ängstlich aus, also höchste Zeit, ihr Rollenspiel mit einer Göttin zu machen. Artemis, sie würde Artemis sein, die griechische Göttin der Jagd, schön und unerschrocken. Artemis konzentrierte sich ganz auf ihr Ziel, und ihr Pfeil hatte das Opfer noch nie verfehlt.

Rosie lächelte leicht. Auch sie würde sich ganz auf ihr Ziel konzentrieren, nämlich den Platz von Mr Real einzunehmen.

Sie musste ihre grauen Zellen nicht übermäßig anstrengen, um zu wissen, dass man sicher einen Mann für diesen Posten suchte. Schließlich war es Betrug zu behaupten, “Von Mann zu Mann” werde von einem Mann verfasst, wenn die Kolumne von einer Frau geschrieben wurde. Aber als Zwischenlösung musste man vielleicht erst mal auf eine Frau zurückgreifen, und das wäre eine fantastische Chance für sie, zu beweisen, dass sie schreiben konnte. Sonst würde sie Korrektur lesen müssen, bis sie alt und grau war, und ihre letzte Tat auf Erden würde sein, ein falsch gesetztes Komma auszustreichen.

Sie blickte auf die Uhr. Himmel, es wurde Zeit.

Wenig später ging Rosie an Jerome vorbei, der sie verschlagen angrinste, und öffnete die Tür zu Paiges Büro. Die Art und Weise, in der er Frauen ansah, hatte sie nie leiden können. Und nun musste sie ihm auch noch bald an einem Tisch gegenübersitzen. Das Lunch bei dem Edel-Italiener würde wahrscheinlich so viel kosten wie eine ganze Monatsration ihrer geliebten Müsliriegel, von denen sie sich im Wesentlichen ernährte.

Automatisch ging sie langsamer, als sie das große Büro mit dem eierschalfarbenen Teppich betrat. Paige saß hinter ihrem Schreibtisch aus Glas und Metall. Als sie Rosie sah, nahm sie ihre Lesebrille ab und legte sie zur Seite. Sie legte die Hände übereinander und lächelte. Ihr Blick blieb kühl. “Jerome sagte mir, dass Sie etwas Dringendes mit mir besprechen wollten. Ich habe leider nur ein paar Minuten …”

Ein paar Minuten? Also los, befahl sich Rosie. “Die Kolumne ‘Von Mann zu Mann’ ist momentan ohne Redakteur.”

Paige nickte langsam, ohne ihr sorgfältig gepudertes Gesicht zu verziehen. “Und …?”

“Ich bitte Sie um die Chance, aushilfsweise diese Kolumne zu übernehmen, bis Sie einen Ersatz für Mr Real gefunden haben.” Ihr Bruder, der ein guter Geschäftsmann war, hatte ihr geraten, alles direkt anzugehen. Dank Artemis hatte sie genau das eben getan. Rosie atmete langsam aus, lehnte sich zurück und wartete auf Paiges Reaktion.

“Rosie”, erwiderte Paige, “hatten Sie nicht bereits schon verschiedene Chancen zu beweisen, was Sie können?” Sie hob fragend eine Augenbraue.

“Hm, ja, das stimmt.” Also hatte selbst Paige Leighton, die Hohepriesterin der Redaktion, von den beiden Aufgaben gehört, die Rosie nicht gerade zufriedenstellend gelöst hatte.

“Ich meine mich zu erinnern”, fuhr Paige fort, “dass Sophia Weston einen Artikel haben wollte zum Thema ‘Frauen, die gefallen wollen’, und Sie haben über …”

Rosie starrte auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt. Persephone, die griechische Göttin der Unterwelt, als Sinnbild für die Neigung der Frauen zu nehmen, sich passiv zu verhalten und gefallen zu wollen, hatte Rosie damals für eine geniale Idee gehalten. Aber Sophia Weston, die für das Feuilleton zuständige Ressortleiterin, war so verärgert, dass Rosie zwei geschlagene Tage lang fürchtete, sie selbst würde als Nächstes in der Unterwelt landen. Rosie lächelte gequält. “Ich hatte Ms Weston falsch verstanden.”

Paige tippte mit einem pinkfarben lackierten Fingernagel auf die Glasplatte. “War da nicht noch eine andere Sache?”

“Ja, es gab noch eine andere Kleinigkeit, wirklich kaum der Rede wert. Es ging um eine Anzeige.”

“Für Brautmoden, nicht wahr?”

Verdammt. Paige war vielleicht alt genug, um mit Humphrey Bogart befreundet gewesen zu sein, aber sie hatte ein ausgesprochen gutes Gedächtnis. Wie machte sie das? Kaute sie den ganzen Tag Ginkgoblätter? “Ja.” Rosie nickte. “Es war eine Anzeige für Brautmoden.”

“Einer unserer besten Anzeigenkunden, wenn ich mich richtig erinnere. Hatte man nicht einen recht ungewöhnlichen Druckfehler gefunden?”

“Hera”, gab Rosie zu. Vielleicht sollte sie auch in Sachen Wahrheit sehr direkt sein und diesen Trip in die Vergangenheit ein für alle Mal abkürzen. “Ich habe ‘Ihre Schönheit’ verändert in ‘Heras Schönheit’.”

“Stimmt. ‘Heras Schönheit’, ich erinnere mich jetzt.” Paige lehnte sich vor, und ihre graublauen Augen hatten jetzt beinahe die Farbe von ihren Ohrringen. “Wie konnte das passieren?”

Mist, nun musste sie auch noch das mit Hera erklären. “Ich hatte gedacht, das würde der Anzeige noch einen extra Kick geben, ich meine, weil die Hera doch die griechische Schutzgöttin der Ehe ist.” Dieser Kick hatte sie fast die Stellung gekostet. Nur weil der Leiter der Anzeigenabteilung den aufgebrachten Kunden durch eine Gratisanzeige besänftigte, hatte der nicht darauf bestanden, dass Rosie rausgeworfen wurde.

“Oh …”

Wieder war Paiges Fingernagel auf der Glasplatte zu hören. “Sie haben ja wohl eine Vorliebe für Göttinnen.”

Wenn Rosie zugab, dass sie in diesem Moment Artemis war, dann konnte sie den Job als Mr Real total vergessen. Deshalb lächelte sie nur vorsichtig, denn sie hatte keine Lust, Paige zu erklären, dass sie sich nur auf diese Art und Weise gegen ihre vier Brüder halbwegs hatte behaupten können. “Mr Real ist keine Göttin”, gab sie ernst zurück.

“Das stimmt.” Obwohl er eine fabelhafte Athene, die Göttin der Vernunft, abgegeben hätte.

“Dies ist ein Job für einen erfahrenen Redakteur, was Sie nicht sind. Und für jemanden, der schon einige Erfolge aufzuweisen hat. Was man von Ihnen nicht sagen kann.”

Denk an Artemis. Sei stark, ermahnte Rosie sich. “Ich bin eine erfahrene Journalistin.” Rosie hoffte, Paige würde das Zittern in ihrer Stimme nicht wahrnehmen. “Ich habe zwei Jahre bei unserer Schülerzeitung mitgemacht, zuletzt als Chefredakteurin. Auf dem College habe ich Journalismus studiert. Danach habe ich bei der Stadtzeitung gearbeitet, erst als Mädchen für alles, dann als Korrektorin und schließlich als Reporterin. Insgesamt habe ich also zehn Jahre als Journalistin gearbeitet, und wenn Sie das nicht als erfahren bezeichnen, dann weiß ich nicht, was Sie darunter verstehen.” Himmel, das ging zu weit. Schließlich saß sie Paige Leighton gegenüber. Rosie musste einfach mehr darauf achten, was sie sagte, das hatte ihre Mutter ihr schon immer gepredigt. “Diese verdammten …”

Paige hob nur die Augenbrauen.

“Ich meine, diese ärgerlichen Fehler. Das kam nur, weil ich unbedingt beweisen wollte, was ich kann. Und da habe ich ganz automatisch auf mein Lieblingsthema, die griechischen Göttinnen, zurückgegriffen.”

Paige sah sie ausdruckslos an.

“Ich weiß, ich habe das vermasselt”, fuhr Rosie hastig fort. “Aber ich habe mich dann wirklich ausführlich mit der Zeitschrift, mit seiner Leserschaft und den Unternehmenszielen beschäftigt. ‘Real Men’ steht in seinem Verbreitungsgrad größeren und besser eingeführten Zeitschriften wie dem ‘Architectural Digest’ in nichts nach. 85 % unserer Leser sind Frauen, meist Ende zwanzig, also etwa so alt wie ich. Das bedeutet, dass ich weiß, was diese Gruppe lesen will.”

Rosie machte eine kleine Pause, damit Paige darüber nachdenken konnte. Sie hatte ihre “paar Minuten” schon weit überzogen, aber bisher hatte Paige sie noch nicht rausgeworfen.

“Natürlich gibt es einen kleinen Schönheitsfehler, ich bin kein Mann …”

Paige nickte langsam.

“… Aber ich habe nur wenige Meter von William Clarington entfernt gesessen in den vergangenen sieben Monaten. Ich hab alles gehört, was er sagte, habe das meiste gegengelesen, was er schrieb. Und dadurch bin ich gut geeignet, ihn zu ersetzen, bis Sie einen Nachfolger für Clarington gefunden haben.” Irrte sie sich oder sah Paige wirklich interessiert aus?

Paige stand auf, strich ihr Seidenjackett glatt und kam dann um den Schreibtisch herum. Sie lehnte sich gegen die Tischkante, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Rosie an. “Sie lassen sich nicht abschrecken, das gefällt mir. Und Sie haben aus Ihren Fehlern gelernt. Das gefällt mir noch besser. Ich möchte Ihnen etwas vorschlagen. Sie können vorübergehend Mr Real sein, allerdings unter zwei Bedingungen. Erstens: Göttinnen sind in dieser Kolumne absolut tabu.”

Rosie nickte nur.

“Zweitens: Es ist unbedingt notwendig, dass der Stil und der Ton von William, also Mr Real, beibehalten wird. Wir wollen auf gar keinen Fall, dass unsere Leser und vor allen Dingen die wachsende Zahl von Männern, die an Mr Real schreiben, jemals den Verdacht haben, dahinter könnte eine Frau stecken. Unter diesen Bedingungen, denke ich, sollten Sie mal für ein paar Wochen Mr Real spielen. Sind Sie damit einverstanden?”

Einverstanden? Und ob, selbst wenn sie versprechen müsste, ihr erstes Kind Paige zu nennen. “Ja”, flüsterte Rosie.

Paige lächelte und ging dann wieder an ihren Platz zurück. Sie setzte sich und griff nach ihrer Lesebrille. “Ihre paar Minuten sind um.”

Rosie schwebte nur so über den Teppich, an Jerome vorbei und den Flur hinunter. Sie hatte es geschafft, sie würde endlich beweisen können, was sie konnte.

Ben saß im Vorzimmer des Verwaltungsbüros. Ob Rosie Myers wohl vergessen hatte, dass sie sich hier um zwölf treffen wollten? Immerhin war es schon zehn nach zwölf. Von der ständigen Musikberieselung einmal abgesehen machte ihm das Warten nichts aus. Er war heilfroh gewesen, sein Büro verlassen zu können, denn Meredith war immer noch da und analysierte das Für und Wider seiner alten und einer eventuellen neuen Couch, obgleich sie das vielleicht Dr.

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