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Tiffany Lieben & Lachen Band 0002

Colleen Collins

Mein süßer Pirat

1. KAPITEL

Die heißen Rhythmen eines alten Songs von den “Supremes” füllten den Raum. Kate Corrigan tanzte ganz für sich allein. Sie warf den Kopf zurück, während sie sich gekonnt bewegte, und als sie im Spiegel dem Blick ihrer blauen Augen begegnete, sang sie stumm mit, als sei es ein Play-back-Auftritt.

Ein ziemlich fetter gelber Kater saß auf der Kommode und beobachtete Kate, wie es ihr schien, halb nachsichtig, halb spöttisch.

Kate hielt inne. “Könntest du nicht wenigstens einmal anerkennend gucken, wenn ein unentdecktes Showtalent sein Bestes gibt, Beau?” Sie fuhr sich durch ihr kurzes, dunkles Haar. Ihre antike Uhr auf dem Bücherregal zeigte Mitternacht. “Na schön, du hast Recht. Zeit, die Musik auszumachen. Wir wollen doch unsere Gäste nicht stören.”

Mit wenigen Tanzschritten war sie bei der Stereoanlage, die auf einem Regalbrett zwischen Werken wie “Wie repariere ich das?” und “Die drei Musketiere” stand. Noch einmal rockte Kate im Rhythmus mit, dann drückte sie den Aus-Knopf. Die Stille, die nun eintrat, wurde gleich darauf durch lautes Hundegebell durchbrochen.

Kate lief zum Fenster und spähte hinüber zu dem ansehnlichen Haus ihres Nachbarn, das von ihrem nur durch den Blumengarten getrennt war. Beau, der Hunde hasste, sprang aufs Fensterbrett. “Komisch”, sagte Kate zu ihrem Kater. “Ich wusste gar nicht, dass sie Hunde haben.” Doch das Gebell hörte so abrupt auf, wie es begonnen hatte. Vielleicht hatten sie bloß ihren Fernseher zu laut gestellt. Kate gähnte, ging barfuß über den Dielenboden zu ihrem Schaukelstuhl und ließ sich hineinfallen.

Es war kein leichter Job, eine Frühstückspension zu leiten, aber wenn dazu noch ein Besuch der Mutter kam – der Hausfrau des Jahrhunderts –, war man am Ende des Tages noch geschaffter als sonst. Kate schaukelte sanft und starrte aus dem Fenster. San Francisco bei Nacht. Selbst jetzt, im Sommer, lag ein zarter Nebel über den Hügeln. Was hatte Mark Twain noch mal geschrieben? Sein kältester Winter sei ein August in San Francisco gewesen?

“Jedenfalls ist es hier kühler als in der Stadt, der du deinen Namen verdankst”, murmelte Kate und kraulte ihren Kater hinter dem Ohr. “In Beaufort muss es jetzt grauenvoll heiß sein.” Sie erinnerte sich nur zu gut an die langen, heißen Sommer ihrer Kindheit in South Carolina. Die Luft war zum Schneiden dick gewesen.

Draußen schien ein praller Vollmond. Er hatte einen rotgoldenen Ton und sah eher aus wie eine Schwester der Sonne als ihr kalter Bruder. “Granny hätte in so einer Nacht gesagt: ‘Pass auf, heute kommt Captain Blood’”, flüsterte Kate ihrem Kater zu, der noch lauernd auf dem Fensterbrett stand. “Sie war überzeugt, dass Sommernächte mit Vollmond das Abenteuer und die Leidenschaft herbeilocken. Man brauche nur die Augen zu schließen und zu träumen.”

Das hatte Kate als Kind auch oft getan! In ihrer Fantasiewelt wimmelte es nur so von Piraten, prächtigen Segelschiffen und natürlich von schönen Frauen. Aber träumte sie denn nicht heute noch davon? Sie brauchte nur die Augen zu schließen, und schon war sie mittendrin in einem alten Film mit Errol Flynn. Das Haar windzerzaust, den Degen in der Hand, führte er seine Mannschaft in den Kampf. Manchmal stellte Kate sich vor, sie sei dabei an Bord, die Braut des Piraten, geliebt, begehrt, umkämpft …

Das war der ultimative Traum. Ein Mann, der nicht nur Schiffe und Schätze eroberte, sondern auch das Herz einer Frau.

Es klingelte an der Haustür.

Kate blinzelte. Zwei Pärchen hatten heute eingecheckt, und sie wusste, dass beide bereits auf ihren Zimmern waren. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute sie zu ihrem Kater. “Entweder ist das eine deiner Freundinnen oder es ist …”, sie senkte dramatisch ihre Stimme, “Melanie.”

Sie stand auf und zog alte Samtslipper an. “Ich erinnere mich. Sie wollte nachschauen, ob die neuen Samtvorhänge im Wohnzimmer auch ordentlich hängen.” Kate schüttelte entnervt den Kopf. “Wer außer meiner Mutter käme schon auf die Idee, um Mitternacht den Sitz von Vorhängen zu kontrollieren?”

Kate öffnete ihre Zimmertür und betrat einen kleinen Vorraum, in dem sich ein Schreibtisch aus Pinienholz befand, der als Rezeption diente. Pinienholz passte zwar nicht besonders zur viktorianischen Einrichtung von “Beau’s Bed & Breakfast”, aber sie hatte das Möbelstück selbst restauriert, und deshalb behielt sie es.

“Ich habe dir doch den Zahlencode für die Tür gegeben”, murmelte Kate unwirsch vor sich hin. Ihrer Mutter gegenüber konnte sie solche Töne nicht anschlagen. Immerhin war sie erst heute Nachmittag aus Beaufort gekommen. Es war ihr erster Besuch in zwei Jahren. Ein unangekündigter allerdings. Als Tochter sollte sie vermutlich nicht darüber erstaunt sein, dass ihre Mutter sich versehentlich ausgesperrt hatte – oder doch? Schließlich war Mrs Corrigan in allem perfekt.

Kate griff nach dem Türknauf aus Messing. Litten auch andere Mütter unter dem Zwang, um Mitternacht Vorhänge zu richten?

Schwungvoll riss sie die Tür auf. Ihr stockte der Atem.

Vor ihr stand ein nackter Mann.

Kate wurde schwindlig, aber sie beherrschte sich und versuchte, klar zu denken. Immerhin war dieser Mann nicht ganz nackt. Er trug eine schwarzgerahmte Hornbrille und einen knallroten Slip.

“Rot?”, stieß sie unwillkürlich hervor.

“Ich bin Toby, Ihr Nachbar”, hörte sie eine tiefe, angenehme Männerstimme sagen. Ihr Blick war immer noch auf das scharfe rote Kleidungsstück gerichtet, das gerade mal das Nötigste bedeckte. “Toby Mancini.”

“Ich weiß”, erwiderte sie. Seine Augen schienen ihr seltsam groß und dunkel hinter den Brillengläsern. “Ich habe Sie nur nicht gleich erkannt.”

Konnte das wirklich Toby Mancini sein? Der Typ, bei dem sich Verna, ihre Freundin und Köchin, bereits zwei Mal beschwert hatte, weil er so laut Beethoven hörte, dass es die Fenster in der Pension zum Klirren brachte? Der Typ, der darauf nur erwidert hatte, dass es besser wäre, durch Beethoven die Fenster klirren zu lassen, als durch die “Supremes” taub zu werden?

“Darf ich reinkommen?”, fragte er.

Seine samtweiche dunkle Stimme und der Anblick seines fast nackten Körpers machten Kate unfähig, etwas zu erwidern. Als Toby vor sechs Jahren in das Haus nebenan gezogen war, hatte sie sich die Nase am Fenster plattgedrückt, um nur ja nichts zu verpassen, so attraktiv fand sie ihn. Während er scheinbar mühelos Möbel und Kisten schleppte, stellte sie sich vor, er sei ein Pirat, der geraubte Schätze hortete. Ihre Fantasien hörten nicht auf, nachdem er bereits eine Weile ihr Nachbar war. Erst als sie aus Versehen sein Auto in Flammen aufgehen ließ, erwachte sie unsanft aus ihren Träumen. Seine Wut war grenzenlos, und Kate nahm sich vor, ihn von nun an als ausgesprochenen Widerling zu betrachten. Das war ihr halbwegs gelungen – bis heute, und als sie noch einmal genau hinsah, gestand sie sich ein, dass Toby Mancini alles andere als ein Widerling war.

“Darf ich reinkommen?”, wiederholte er mit genervtem Unterton. “Ich habe mich unbeabsichtigterweise ausgesperrt.”

“In diesem Aufzug?”, platzte sie heraus.

“Ja”, erwiderte er kurz angebunden. “In diesem Aufzug.” Er holte tief Luft.

Kate fand das Spiel seiner Bauchmuskeln so faszinierend – ganz abgesehen von den feinen goldfarbenen Haaren auf seiner Brust, die sich zum Bauch zu einem schmalen Streifen verjüngten –, dass sie erneut vergaß, ihn hereinzubitten.

“Es tut mir leid, dass ich Ihnen meine Gesellschaft aufnötige”, sagte er unwirsch, “aber wenn ich noch lange hier draußen stehe, ruft irgendjemand die Polizei.” Seine eindeutige Geste konzentrierte Kates Aufmerksamkeit erneut auf den knappen roten Slip.

In ihrer Verwirrung öffnete sie die Tür so ruckartig, dass diese gegen die Wand knallte. “Entschuldigung”, murmelte sie und hielt einen Bilderrahmen fest, der ins Rutschen geraten war. Toby trat ein, und sie nahm den Duft seines Eau de Toilette wahr. Seltsam, dass so ein Büromensch einen Duft wählte, der an Sonne, Wind und Wälder erinnerte. Und wer hätte erwartet, dass er superknappe rote Slips trug?

Kate schloss vorsichtig die Tür. “Möchten Sie tele…” Mitten im Satz brach sie ab und starrte ihren Überraschungsgast an wie eine Erscheinung. Die Tiffany-Lampe auf dem Beistelltischchen spendete vielfarbiges Licht, das rote, blaue und goldene Tupfer auf ihn warf. Es war ein fast magischer Anblick, und einen Moment lang schien es sogar, als trüge er keine Brille, sondern eine Augenklappe. Mit einem Wort, Toby Mancini sah aus wie der Held ihrer heimlichen Träume.

Kate räusperte sich. “Auf dem Schreibtisch finden Sie einen Degen.”

“Einen Degen?”

“Oh, ich meinte natürlich ein Telefon.”

Toby rührte sich nicht.

“Ist Acorn nicht zu Hause?”, erkundigte sich Kate endlich.

“Sie heißt Free.”

“Stimmt. Hatte ich vergessen. Also Free.” Sie war seine Freundin und wechselte ihre Namen öfter, als andere Leute ihre Meinung änderten. Irgendwann nannte sie sich Acorn. Das war der vorletzte Stand. Davor hieß sie Deer. Oder war es Dove? Anscheinend war die einzige Logik, die dahinter steckte, dass sich die Namen am Alphabet entlanghangelten.

“Sie können gern Free anrufen.”

“Nein, danke”, antwortete Toby brüsk. Er sah sich um und trat von einem Fuß auf den anderen.

Der Ärmste war barfuß. Kate fragte sich, wie lange er schon vor ihrer Tür auf dem kalten Beton gestanden hatte, ehe er sich entschloss, die Frau, die sein Auto hatte hochgehen lassen, zu fragen, ob sie ihn mitten in der Nacht Unterschlupf gewährte. Warum kapierte er bloß nicht, dass sie nichts dafür konnte, wenn ein paar Kids am vierten Juli Feuerwerkskörper zündeten?

“Hören Sie”, begann Toby. “Ich kann nicht nach Hause, weil …”, er fuhr sich mit der Hand durch sein bereits zerzaustes Haar, “weil sich dort ein paar ziemlich unfreundliche Dobermänner befinden. Deshalb brauche ich für heute Nacht eine Unterkunft. Eventuell sogar länger.”

“Dobermänner? Sie machen Witze.”

“Schön wär’s.”

Aha. Dann war also das Hundegekläff vorhin keine Einbildung gewesen. “Ich habe noch ein freies Zimmer.”

“Ich habe allerdings kein Geld dabei.”

Kate stellte sich unwillkürlich vor, wie er aus dem roten Slip ein paar Dollarnoten hervorzauberte …

“Ich zahle, wenn ich an meine Sachen gelange.”

Ihr war mittlerweile klar, dass er sich nicht ausgesperrt hatte und sein Haus auch nicht freiwillig verlassen hatte. Anscheinend war es Acorn-Butterfly-Calla-Lilly-Daisy-Everglade-Free egal, wie ihr Liebster draußen herumlief. War sie wirklich so kaltherzig? Vielleicht lag es daran, dass sie Vegetarierin war? “Kein Problem”, erwiderte Kate. “Ich bringe Sie in ‘Kismet’ unter.”

Sie beugte sich über den Schreibtisch, zog eine Schublade auf und holte ihren Schlüsselbund heraus. “Folgen Sie mir”, forderte sie Toby auf und ging zur Treppe. Eine Lichtschiene entlang der Treppe beleuchtete den bunten Teppich, der die Stufen bedeckte. Wie oft hatte Kate sich ausgemalt, wie es sein würde, von einem Piraten diese Treppe hinaufgetragen zu werden. Doch der Pirat dieser Nacht folgte ihr nur brav.

“‘Kismet’?”, fragte Toby.

“Ich habe alle Zimmer nach meinen alten Lieblingsfilmen benannt”, erklärte Kate. Mit einer Ausnahme. ‘Pollyanna’ war ein Kompromiss gewesen, um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun. “‘Kismet’ ist üppig, exotisch, verführerisch.” Sie zwang sich, nicht daran zu denken, dass ihr ein attraktiver nackter Mann auf den Fersen war. Sie schluckte. “Sie nennt sich also in diesem Monat Free”, bemerkte sie, um ihre Verlegenheit zu überspielen.

“So kann man es ausdrücken”, murmelte Toby mit sarkastischem Unterton.

Kate biss sich auf die Lippen und nahm sich vor, das Wort “free” nicht mehr zu benutzen. Man konnte es zu leicht missverstehen. Die meisten Nachbarn fanden, dass Free sich etwas zu frei benahm, wenn Toby nicht zu Hause war – und das kam oft vor. Doch niemand fühlte sich berechtigt, ihm zu sagen, dass seine Freundin es mit der Treue offensichtlich nicht so genau nahm.

“Tut mir leid”, sagte Kate. Mitgefühl stieg in ihr auf. Was immer auch passiert war – niemand sollte mitten in der Nacht, nur mit dem Nötigsten bekleidet, auf der Straße stehen müssen.

Sie hatten den oberen Flur erreicht. Durch ein rundes Dachfenster fiel Mondlicht herein und verlieh Toby einen silbernen Schimmer. Er sah grandios aus, und Kate überlegte, wann sie das letzte Mal einen Mann im Slip gesehen hatte. Vor zwei Jahren? Oder drei?

Jedenfalls war es ihrer Reaktion nach zu urteilen Zeit, dass sie öfter ausging. Vielleicht half es, im Museum nackte Männerstatuen anzugucken. Dann würde sie vermutlich etwas cooler mit Situationen wie dieser hier umgehen.

Eine Tür wurde knarrend geöffnet und eine ältere Frau erschien. “Gütiger Himmel!”, rief sie. “Da steht ein nackter Mann!”

Toby bedeckte seine Vorderseite mit den Händen.

Kate seufzte. “Melanie, darf ich dir Toby vorstellen? Toby, dies ist Melanie, meine Mutter.”

“Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Ma’am”, sagte Toby.

Melanie rührte sich nicht vom Fleck. Sie trug einen geblümten rosa Morgenrock und eine glitschige grüne Gesichtsmaske, die nach Minze roch. “Treibst du dich in deiner Pension immer mit nackten Männern herum, Kate?”

Kate nahm das Bild, das ihre Mutter bot, in sich auf. Zusätzlich zu Blümchenmorgenrock und Gesichtspackung gab es noch eine Anzahl ordentlich ausgerichteter rosa Lockenwickler, die das Haar ihrer Mutter über Nacht zu der berühmten Frisur formten, die kein Windstoß zerstören konnte.

“Nicht immer”, erwiderte sie scharf. “Manchmal falle ich auch über sie her.”

Melanie zuckte zusammen. “Kate Corrigan!” Sie verschränkte die Arme vor der Brust. “Du bist unmöglich!”

“Ma’am, darf ich Sie darauf hinweisen, dass sich die Sache nicht so verhält, wie Sie denken?”, mischte sich Toby ein.

Melanie warf einen bedeutungsvollen Blick auf seinen Slip. “Junger Mann, ich bin nicht von gestern”, sagte sie, verschwand in ihrem Zimmer und schloss nachdrücklich die Tür.

Kate und Toby schwiegen einen Moment.

Dann flüsterte er: “Mussten Sie ihr das unbedingt sagen?”

“Entschuldigung”, antwortete Kate. “Es ist die einzige Art, wie ich mich gegen perfekt drapierte Vorhänge und preisgekröntes Backwerk wehren kann.” Andere Strategien, damit zu leben, dass sie niemals so kompetent und fähig sein würde wie Melanie, besaß sie nicht. “Lassen Sie mich Ihnen das Zimmer aufschließen.”

Sie betastete ihren Schlüsselring, bis sie den richtigen gefunden hatte. Die Schlüssel zu ‘Pollyanna’, ‘The Wild One’, ‘The Pirate’ und ‘Kismet’ hatten jeder ein besonderes Merkmal, und sie konnte sie mühelos auseinanderhalten, ohne hinzusehen.

“Kommen Sie”, forderte sie Toby auf. Sie gingen einen kurzen Flur entlang und kamen an einer Tür vorbei, an der ein kleiner Säbel angebracht war. Am Ende des Flurs befand sich eine weitere Tür, geziert von einem Schleier aus Goldlamé.

“Das ist ‘Kismet’”, flüsterte Kate, um die Gäste in ‘The Pirate’ nicht zu stören. Hinter der Tür mit dem Säbel wohnte ein junges Pärchen aus Milwaukee. Sie hatten sich beim Einchecken nahezu ununterbrochen geküsst. Kate musste warten, bis sie eine Pause einlegten, um nach der Kreditkarte zu fragen. Aber darin hatte sie Übung. Es gab viele Hochzeitsreisende in Beau’s Bed & Breakfast, und oft kamen sie wieder, besonders jene Paare, die sich hier kennen und lieben gelernt hatten. Kate hatte großes Talent dazu, Ehen zu stiften.

Sie öffnete die Tür zu ‘Kismet’ und schaltete das Licht ein.

“Du meine Güte!”, stieß Toby hervor. Er beäugte den dicken roten Teppich, die roten Vorhänge, den roten Sessel. “Hat Rot eine esoterische Verbindung mit dem Schicksal?”

Kate fühlte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Endlich mal ein Mensch, dem sie nicht erklären musste, dass das arabische Wort “Kismet” Schicksal bedeutete. Und dann auch noch jemand, der sofort die Verbindung von Rot gleich Leidenschaft und Schicksal herstellte.

Toby sah sich um. “Es muss doch irgendetwas Rotes geben, was dem Raum bisher gefehlt hat.”

Sie schluckte. “Ja. Sie und Ihr roter Slip”, hauchte sie und warf Toby einen Blick zu.

“Ist das ein Bett?”, fragte er ungläubig und deutete auf das riesige kreisrunde Teil, das mitten im Raum stand und einen roten, mit Goldstickerei verzierten Überwurf trug.

“Genau”, erwiderte sie.

Er runzelte die Stirn. “Wo ist das Bad?”

Kate ging zu einer schmalen Tür am anderen Ende des Zimmers und öffnete sie. Eine luxuriöse Badewanne auf Klauenfüßen dominierte das Bad. Über dem Waschbecken aus Kunstmarmor hing ein vergoldeter Spiegel. “Unter dem Waschbecken finden Sie einen kleinen Schrank mit frischen Handtüchern und Seife.” Kate wandte sich zu Toby um. “Frühstück gibt es von sieben bis neun. Wir fragen unsere Gäste normalerweise, ob sie im Speisezimmer frühstücken wollen oder lieber auf dem Zimmer. Aber in Ihrem Fall …” Sie musste sich zusammenreißen, um nicht schon wieder auf den roten Slip zu starren. “In Ihrem Fall ist es wohl das Beste, wenn ich das Frühstück hier serviere. Um welche Uhrzeit?”

“Um sieben wäre prima.” Er musterte nachdenklich den roten Plüschteppich auf dem Dielenboden. Als er aufblickte, sagte er: “Ich habe noch nie zuvor um …” Er unterbrach sich, als ob er sich fragte, wie viel er zugeben durfte. “Danke für Ihre Hilfe”, endete er abrupt.

Kate verspürte das Bedürfnis, ihn einfach in den Arm zu nehmen und zu murmeln: Es wird alles wieder gut. Aber konnte man einen fast nackten Mann in einem Hotelzimmer, das ‘Kismet’ hieß, einfach so umarmen? Vor allen Dingen, wenn dieser Mann auch noch aussah, wie einer jener geheimnisvollen Piraten, die ihre Träume bevölkerten?

“Haben Sie Hunger?”, fragte sie. “Ich könnte Ihnen ein Sandwich machen oder …” Sie kam sich plötzlich vor wie eines jener aufdringlichen Hausmütterchen, die unbedingt alles richtig machen wollen.

Toby sah sie nur an und erwiderte nichts.

“Also, dann mache ich Ihnen ein Sandwich”, wiederholte sie und fügte eilig hinzu: “Natürlich nur, wenn Sie möchten.” Falls er etwas anderes wollte, hatte sie ein Problem, denn im Gegensatz zu ihrer Mutter war sie in der Küche völlig unbrauchbar. Alles, was sie zustande brachte, waren Sandwiches. Wenn sie gute Laune hatte, garnierte sie das Ganze mit Radieschen oder Sojasprossen.

“Truthahn und Käse?”

“Gern.”

“Auf Roggentoast?”

Er nickte.

“Mit Radieschen? Oder Sojasprossen?”

Er zog eine Grimasse.

“Ich bin gleich wieder da.” Kate stürmte aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.

Toby starrte auf die geschlossene Tür. Was war los mit dieser Frau? Vielleicht lag es an ihrem Outfit. Eine Hosen mit Kordelzug, eine rote Bluse und lila Slipper! Dazu noch diese riesigen blauen Augen. Das war keine Frau, das war ein Farbwunder. Das Einzige, was das Ganze etwas abdämpfte, war ihr dunkelbraunes Haar.

Kein Wunder, dass sie mein Auto hat hochgehen lassen, dachte er. Kein Mensch, der solche Farben trägt, besitzt auch nur die Spur von Selbstbeherrschung. Er musterte den Raum. So viel Rot hatte er nicht mehr gesehen, seit sich sein kleiner Bruder Marco mit dem Dosenöffner geschnitten und das Blut den weißen Wohnzimmerteppich gefärbt hatte. Kein Familienmitglied hatte jemals begriffen, wie es Marco gelungen war, sich mit dem Dosenöffner eine Kopfwunde beizubringen. Oder warum er das ausgerechnet im Wohnzimmer tun musste.

Abgesehen von dem vielen roten Blut erinnerte sich Toby daran, dass er als verantwortungsvoller älterer Bruder den kleinen Marco in die Ambulanz gebracht hatte. Ein paar Stiche, dann war die Wunde genäht. Ihre Mutter war außer sich gewesen, bis der Spuk vorüber war. Danach ignorierte sie Marco einen Monat lang mehr oder weniger.

Kates Mutter schien von anderer Art zu sein. Sie mischte sich offensichtlich ganz gezielt in das Leben ihrer Tochter ein. Und warum nannte Kate sie Melanie und nicht Mom?

Doch Kate passte sowieso nicht in ein Schema. Sie war auf eine jungenhafte Art attraktiv. Er hatte sie bisher nur in praktischen Hosen gesehen. Und nun stellte sich heraus, dass Kate Corrigan, Inhaberin von Beau’s Bed & Breakfast, ihre Zimmer auf eine Weise eingerichtet hatte, die man nur als exzentrisch und romantisch bezeichnen konnte.

Er ließ seinen Blick erneut über die roten Vorhänge und die schwere rote Satindecke auf dem Bett wandern. Wie hatte sie das Zimmer genannt? Exotisch? Üppig?

Offensichtlich verfügte Kate über ein Innenleben, das sie nicht zur Schau trug. Es machte ihn neugierig. Als kühler Analytiker von Unternehmen war er es gewohnt, hinter Fassaden zu blicken.

Er sah sein Spiegelbild in dem großen ovalen Spiegel über der Badewanne. Tja, es gab nichts daran zu rütteln. Er war nackt, bis auf den knappen roten Slip. Dazu das zerwühlte Haar und die schwarz gerahmte Brille. Super! Und ich mache mir Gedanken über die verborgenen Seiten von Kate Corrigan! dachte er grinsend.

Dann fiel ihm ein, was der Grund dafür war, dass er hier in diesem Zimmer gelandet war, und Wut stieg in ihm auf. Free wusste doch, dass ich heute nach Hause komme, dachte er. Warum hat sie dafür gesorgt, dass ich sie mit ihrem Lover in der Küche finde?

Er war zuerst ins Schlafzimmer gegangen, um sich umzuziehen. Geräusche hatten ihn aufgeschreckt. In der Küche entdeckte er dann das Pärchen. Ehe er noch dazu kam, etwas zu sagen, stürzten sich ein paar wild gewordene Dobermänner auf ihn, denen er nur knapp entkommen war.

Was zu tun war? Nun, zuerst einmal herauszufinden, wie er spätestens am Montag wieder in sein Haus kam. Denn an diesem Abend hatte er seinen möglichen neuen Chef und dessen Ehefrau zum Abendessen eingeladen. Wenn alles gut ging, konnte er darauf zählen, Direktor der Softwareentwicklung zu werden. Es war höchste Zeit, dass er einen festen Job fand, der ihm ermöglichte, seine kreative Seite zu fördern.

Toby fuhr sich über die Stirn, als könne er so das Bild von Free und ihrem Liebhaber vertreiben.

“Du wusstest doch, dass ich dich finden würde”, murmelte er. “Warum hast du das getan, Free? Weil du mir die vielen Nächte heimzahlen wolltest, die ich nicht zu Hause war?” Er schüttelte den Kopf. “Selbst ich habe von deinem Treiben Wind bekommen. Du bist selten allein gewesen, wenn ich nicht da war.”

Toby landete einen gezielten Kinnhaken auf dem imaginierten Kinn seines Widersachers. Die heftige Bewegung brachte ihn jedoch aus der Balance, sodass er gegen eine Kommode taumelte. Als das Möbelstück gegen die Wand krachte, rutschte die antike Waschgarnitur aus Porzellan – Schüssel und Krug – nach vorn.

Rette, was zu retten ist, dachte Toby, wirbelte herum und erwischte tatsächlich den Griff des Krugs, ehe er zu Boden ging. Die Waschschüssel rotierte durch die Luft. Den Krug an sich gepresst, streckte Toby die Hand aus in der Hoffnung, die Schüssel auch zu erwischen.

Zu spät. Krachend zersplitterte das gute Stück auf dem Fußboden.

Es klopfte.

Toby blieb ganz still liegen und lauschte. Konnte das Kate sein? Wie sollte er ihr erklären, was passiert war? Wenn er sich wenigstens verletzt hätte! Dann würde sie Mitleid mit ihm haben, statt ihn rauszuwerfen.

“Ist alles in Ordnung?”, fragte die Stimme einer älteren Frau draußen vor der Tür.

Kates Mutter! Wie war noch ihr Name?

“Ja, alles bestens, Melody”, antwortete Toby heiser.

“Melanie.”

“Melanie. Tut mir leid, wenn ich etwas zu laut war.”

“Ich habe einen Sohn”, erklärte Melanie von draußen. “Ich weiß, wie Jungs sind. Brauchen Sie etwas Eis?”

Wie Jungs sind? dachte Toby. Ich bin dreißig. “Eis? Ich glaube nicht.”

“Wie geht es Ihrem Kumpel?”

Toby runzelte die Stirn. Kumpel? Dann dämmerte es ihm. Anscheinend glaubte Melanie, er habe sich mit jemandem geprügelt. Das hätte ich vorhin tun sollen! dachte er wütend.

“Er ist kein Kumpel”, erwiderte Toby. “Sondern ein verdammter Hund!”

“Himmel!”

“Aber er ist nicht mehr da”, log Toby, weil er befürchtete, dass Melanie imstande war, die Polizei zu rufen. Er umklammerte immer noch den Porzellankrug.

“Kann ich irgendwas für Sie tun?”, fragte Melanie noch.

“Nein, danke. Es ist alles in bester Ordnung.”

Nur, dass es Zeit war, mit Free ein paar Dinge zu klären. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er es bereits viel zu lange hinausgeschoben hatte. Zu dumm nur, dass er seinem zukünftigen Arbeitgeber mitgeteilt hatte, er lebe mit seiner Verlobten, Free, zusammen. Nun konnte er nicht plötzlich behaupten, die Verlobung sei gelöst. Chefs mochten es nicht, wenn ein Angestellter in unklaren familiären Verhältnissen lebte. Also musste er vorerst so tun, als seien Free und er ein glückliches Paar.

Er hörte draußen ein Geräusch und erinnerte sich an Kates Mutter. “Gute Nacht, Melanie.”

“Gute Nacht.” Sie ging zurück in ihr Zimmer.

Toby warf einen Blick auf die Kanne in seiner Hand, dann betrachtete er die Scherben der Schüssel. “So”, sagte er nachdrücklich. “Erst räume ich hier auf, dann überlege ich, wie ich mein Leben in den Griff kriege.”

Er stand auf und stellte die Kanne auf der Kommode ab. Doch statt sich um die Scherben zu kümmern, ging er zu einem Sessel, der vor dem Fenster stand. Toby ließ sich hineinsinken und starrte aus dem Fenster. Der Vollmond schien ihn spöttisch anzugrinsen.

Toby drohte ihm mit dem Finger. “Guck nicht so! Ich mache Ordnung. Hier wie da.” Er nahm die Brille ab und rieb sich müde die Augen. Welche Optionen hatte er denn gehabt? Er war nicht der Typ, der einen Rivalen mit Gewalt aus dem Haus schaffte. Sein italienisches Temperament wurde immer von logischem Denken gezügelt. Das hatte Vorteile, wenn man Ingenieur war wie er.

Es klopfte an der Tür.

Er sprang auf, wich den Scherben aus und lehnte sich mit der Stirn an die Tür. “Es ist alles in Ordnung”, sagte er. “Sie können zu Bett gehen.”

“Wollen Sie nun doch nichts essen?”

Kate! Er hatte sie fast vergessen. Nun öffnete er die Tür hastig einen Spaltbreit. Kate hielt ihm einen Teller hin. Was darauf lag, war unidentifizierbar. Hungrig machte es ihn jedenfalls nicht.

“Ich muss was gestehen”, begann Toby.

“Dass Sie nun völlig nackt sind?”, fragte Kate.

“Nein”, erwiderte er. “Ich habe Ihre Schüssel ruiniert.”

Sie spähte ins Zimmer. “Oh!”

“Sie ist von der Kommode gefallen.”

“Wie ist das passiert?”

“Ich bin gegen die Kommode gestoßen. Dadurch geriet die Schüssel ins Rutschen.”

Kate hielt ihm den Teller hin, sodass er notgedrungen zugriff. “Ich hole einen Besen.”

Gleich darauf kam sie zurück mit Besen, Schaufel und Eimer. Der Lärm, den sie beim Zusammenkehren verursachte, war lauter als der, als das Ding zu Bruch ging. Endlich schob sie alle Teile auf die Schaufel und ließ sie in den Eimer klirren.

“Geschafft”, verkündete sie stolz.

“Stimmt”, sagte er.

“Ich bin zwar keine gute Hausfrau”, erläuterte sie ungefragt, während sie zur Tür ging, “aber wenn ich will, kann ich sogar putzen. Und kochen.”

“Das glaube ich”, antwortete Toby nicht ganz wahrheitsgemäß. “Ich gehe ins Bett.” Er zwang sich zu einem Lächeln und wollte die Tür hinter Kate schließen.

“Möchten Sie nicht zuerst etwas essen?”

“Essen?” Er schaute misstrauisch auf den Teller. “Was ist das?”

“Ein Sandwich.”

“Haben Sie es runterfallen lassen?”

“Nein”, sagte sie knapp. “Ich habe es für Sie gerichtet.” Als Toby sich nicht rührte, fügte sie hinzu: “Truthahn und Käse.”

“Danke”, erwiderte er. Es tat ihm leid, dass sie seine Kritik so persönlich nahm. “Ich hoffe, ich habe Ihre Mutter nicht zu sehr gestört. Sie kam, um nachzusehen, wer hier so einen Lärm macht.”

“Hat Sie auch kontrolliert, ob die Vorhänge richtig hängen?”, fragte Kate scharf. Sie seufzte. “Melanie hat ihrem Zuhause ebenfalls Adieu gesagt. Allerdings hat sie ihre gesamte Garderobe mitgebracht.”

“Vielleicht sollte ich mir einen Morgenrock von ihr leihen?”, schlug Toby vor.

Kate musste gegen ihren Willen lächeln. “Den rosa oder den gelb geblümten?”

“Den gelben. Rosa steht mir nicht.”

Kate lachte leise. “Eine gute Wahl.” Sie musterte Toby von oben bis unten. “Gelb passt prima zu Rot.”

Ehe er antworten konnte, war Kate bereits verschwunden. Toby blieb zurück mit einem verunglückten Sandwich und einem totalen Gefühlswirrwarr.

2. KAPITEL

Noch nicht ganz wach kam Kate am nächsten Morgen in die Küche. Sie warf einen Blick auf die Piratenuhr, die als großen Zeiger Captain Blood aufwies und als kleinen Verfolger das Krokodil. “Wo ist der Kaffee?”, grummelte sie und rieb sich die Augen.

“Meine Tochter hat sich nicht im Geringsten verändert”, sagte Melanie zu Verna, die damit beschäftigt war, Marmelade in kleine Glasschälchen zu verteilen, und rührte emsig in einer Schüssel. “Sie steht immer erst in der letzten Minute auf, weil sie sich die ganze Nacht alte Filme auf Video angeschaut hat.” Mit geheimnisvollem Unterton fügte sie hinzu: “Jedenfalls ist das normalerweise der Grund dafür, dass sie unausgeschlafen ist.” Mit erhobener Stimme fuhr sie fort: “Verna, ich hoffe, Sie machen meinem Kind ein anständiges Frühstück. Sonst kriegt sie heute die Augen überhaupt nicht mehr auf.”

“Kind?”, protestierte Kate, ehe Verna etwas sagen konnte. Sie fuhr mit dem Finger über den Rand des großen Marmeladenglases, das vor Verna auf der Arbeitsplatte stand. “Ich bin dreiunddreißig, Melanie. Eine erwachsene Frau.” Genüsslich leckte sie ihren Finger ab. Dabei blieb ein wenig Erdbeermarmelade in ihrem Mundwinkel zurück.

“Das habe ich bemerkt”, erwiderte Melanie und tupfte Kate mit einem Zipfel ihrer Schürze die Marmelade ab. Danach rührte sie weiter. “Außerdem habe ich bemerkt, dass du ein Faible dafür hast, um Mitternacht mit nackten Männern durchs Haus zu streunen.”

Verna ließ den Löffel fallen. Er fiel scheppernd auf den Linoleumfußboden.

Kate ignorierte beide Frauen und goss sich heißen Kaffee in ihre große Lieblingstasse, auf die fette, gelbe Katzen gemalt waren. Verna bückte sich und hob den Löffel auf. Dabei warf sie Kate einen fragenden Blick zu. Kate jedoch verdrehte nur die Augen, wie um zu sagen: Das erzähle ich dir später. Dann fragte sie ihre Mutter: “Was soll das werden, Mel?”

“Schlimm genug, dass du deine Mutter Melanie nennst”, beschwerte diese sich. “Aber Mel? Das hört sich an, als wäre ich eine Barfrau in irgendeiner Spelunke.” Sie rührte beständig weiter. “Ich mache Brownies für heute Abend.”

Puh, dachte Kate, “Beauforts Best Brownies”. Ein Preis, den Melanie Corrigan drei Jahre hintereinander gewonnen hatte. Kate goss Milch in ihren Kaffee und rührte um.

Wie toll, so eine Mutter zu haben, dachte sie sarkastisch. Melanie sah aus, als sei die Zeit seit 1960 stillgestanden. Damals hatte sie ihre Highschool-Liebe Max geheiratet. Und irgendwie war und blieb sie die perfekte Hausfrau. Ihr Make-up war perfekt, sie kochte perfekt, sie putzte perfekt und im Bügeln kam ihr niemand gleich. Kate zupfte an ihrem wuscheligen Haar. Kein Vergleich mit der unzerstörbaren Dauerwelle ihrer Mutter.

Es war nicht einfach, Tochter einer perfekten Mutter zu sein. Kate hatte bereits sehr früh aufgegeben, mit Melanie zu konkurrieren. Stattdessen lernte sie, Autovergaser einzustellen und Wasserhähne zu reparieren. Sehr praktisch, wenn man eine Pension besaß. In den Sommerferien hatte sie in Ferienanlagen gearbeitet und gelernt, worauf man beim Personal achten musste. Sie machte die Buchhaltung selbst und plante und vermittelte Ausflüge. Ihr Bed & Breakfast war so erfolgreich, dass sie mittlerweile überlegte, ob sie ein Restaurant eröffnen sollte.

Kate nahm ihre Kaffeetasse und setzte sich auf einen Hocker am Küchentresen. “Was bieten wir den Gästen heute Morgen, Verna?”

“Eier olé. Rührei mit Zwiebeln und Avocado. Dazu Salsa. Deine Mutter hat exquisite Brötchen beigesteuert.” Die Bewunderung in Vernas Stimme war echt.

So, dachte Kate. Schon wieder eine Küchenverschwörung. Genau wie bei Melanies letztem Besuch vor zwei Jahren. Zwar kochte Verna eher experimentell und ließ sich von ihrer jeweiligen Stimmung leiten, während Melanie es traditionell liebte, doch das entzweite die beiden keineswegs.

“Wer bekommt das Frühstück auf dem Zimmer?”, fragte Kate. Der Zimmerservice war ihr Job, während Verna die Gäste im Speisezimmer bediente. In den Pausen frühstückten sie und Verna in der Küche.

Verna studierte die Liste, die an der Pinnwand neben dem Kühlschrank hing. “Das Paar aus ‘The Pirate’ möchte unten frühstücken. Um neun. Die Leute aus ‘The Wild One’ möchten Frühstück aufs Zimmer um sieben.”

“Kann ich mir denken. Nach dem Aufruhr gestern Nacht!”, rief Melanie.

Kate schüttelte den Kopf. “‘The Wild One’ ist das Zimmer neben ‘Pollyanna’, wie du weißt.” In jenem Zimmer befanden sich sämtliche Puppen, die Melanie ihrer Tochter gekauft hatte und denen Kate nie auch nur einen Blick gegönnt hatte. Sie sah hinüber zu Verna. “Gestern spät abends haben wir noch einen Gast bekommen. Er wohnt in ‘Kismet’. Er möchte ebenfalls Zimmerservice.” Sie ignorierte das Hüsteln ihrer Mutter und trank einen Schluck Kaffee. “Ich bringen den Leuten in ‘The Wild One’ ihr Frühstück und dann …”

“In diesem Aufzug?”, fragte Melanie und hob eine perfekt nachgezogene Augenbraue.

Kate musterte ihre Jeans, die marineblauen Sandalen, die saphirblaue Seidenbluse und die Häkelweste. “Stimmt was nicht? Außer der Weste passt alles zusammen.”

“Du siehst aus wie ein Hippie.”

“Melanie”, erwiderte Kate nachsichtig, “heutzutage benutzt niemand mehr das Wort Hippie. Außerdem ist das mein persönlicher Stil.”

Ihre Mutter sog hörbar den Atem ein. “Ich habe Max damals gesagt, wir sollten warten.”

“Warten?”, mischte sich Verna neugierig ein, während sie Butterstückchen auf Teller verteilte.

“Warten bis 1968”, erläuterte Kate. “Doch ich kam leider schon 1967 zur Welt.” Sie senkte die Stimme. “Das war der Sommer der Liebe.” Ihre Mutter gab dem Geburtsjahr die Schuld daran, dass Kate aus der Art schlug, nach San Francisco floh und sich selbstständig machte.

“Wie ich schon sagte”, fuhr Melanie fort, “habe ich Max darauf hingewiesen und würde es wiederholen, wenn ich zurzeit überhaupt mit ihm reden würde.”

Mehr als diese Information besaß Kate nicht darüber, weshalb Melanie so überraschend hier aufgetaucht war. Kate bezweifelte, dass Max ihre Mutter betrogen hatte. Die beiden waren seit vierzig Jahren verheiratet, und ihr Vater war immer noch verrückt nach Melanie. Wahrscheinlich hatte er das Sakrileg begangen, zur Nadelstreifenhose ein Karohemd zu tragen oder zu seinem Golfshirt eine farblich nicht passende Weste anzuziehen.

Melanie zog ihre Schürze aus. “Ich bringe den Leuten das Frühstück”, erklärte sie. “Du trinkst deinen Kaffee aus.”

Kate unterdrückte einen Seufzer. Sie hatte seit Langem gelernt, Melanies Befehle scheinbar zu befolgen. Es war entschieden einfacher, ihrer Mutter die Regie zu überlassen und Streit aus dem Weg zu gehen. Allerdings führte das dazu, dass Kate auch Auseinandersetzungen mit anderen Menschen lieber aus dem Weg ging. Soweit es die Pension betraf, war das Vernas Job.

Melanie stellte die liebevoll mit Orangenscheiben und Petersilienzweigen dekorierten Teller auf ein Tablett, fügte Servietten und Besteck hinzu und stellte die Näpfchen mit Marmelade und Butter darauf.

“Fertig, Verna”, verkündete sie. Wie auf Kommando platzierte Verna schwungvoll das Rührei auf die Teller. Zufrieden segelte Melanie aus der Küche.

Als die Küchentür hinter ihr zufiel, murmelte Kate: “Sie klaut mir meinen Job.”

Verna lachte. “Unsinn.”

“Ich weiß.” Kate starrte auf eine der fetten, gelben Katzen auf der Keramiktasse. Das Vieh sah unverschämt zufrieden aus. “Aber wenn Melanie hier ist, habe ich das Gefühl, das Einzige, was ich halbwegs kann, ist Frühstück zu servieren.”

“Play-back-Singen kannst du auch ziemlich gut”, erwiderte Verna und zwinkerte ihr zu. Sie hatte Kate schon oft beim Tanzen und stummem Mitsingen beobachtet.

“Danke. Trotzdem, Verna. Es macht mir Spaß, den Leuten das Frühstück zu bringen. Und jetzt habe ich nicht einmal mehr dazu Gelegenheit.”

“Aber, aber”, kam es von Verna. “Das passiert jedes Mal, wenn deine Mutter zu Besuch ist.”

“Was?”, gab Kate zurück. “Dass ich ein Drama zelebriere?”

“Das tust du, egal ob Melanie hier ist oder nicht.”

“Na schön”, gab Kate zu. “Wie alt bin ich gerade?”

“Ungefähr dreizehn.”

Kate nickte. Sie fühlte sich tatsächlich so. “Ich habe keine Ahnung, warum ich glaube, ich müsste mit der Hausfrau des Jahres in Wettbewerb treten.”

“Hier gibt es keinen Wettbewerb”, entgegnete Verna. “Deine Mutter ist bei dir zu Besuch, das ist alles.”

“Sie hat ihr Zuhause bei Nacht und Nebel verlassen”, korrigierte Kate. “Was geschieht, wenn sie nie wieder abreist? Dann gerate ich in die Hausfrauenhölle.”

“Selbst dann würde ich dich dazu zwingen, Tabletts mit Frühstück auf die Zimmer zu tragen”, sagte Verna entschieden. Verna war nur vier Jahre älter als Kate, doch sie hatte schon einiges hinter sich. Ehe, Kinder, und, leider, Witwenschaft. Vor fünf Jahren hatte sie begonnen, für Kate zu arbeiten. Kurz zuvor war ihr Mann gestorben. Bald war klar, dass Verna hart arbeitete. Es dauerte jedoch lange, bis Kate einen Zugang zu der stillen, in sich gekehrten Frau fand. Endlich taute Verna auf, und seitdem waren die Frauen befreundet. Sie teilten die Liebe zu North Beach, zu gutem Essen und guten Geschichten – und die bot die Pension zur Genüge.

“Ich habe den Verdacht, dass deine Mom nicht nur deshalb hier aufgetaucht ist, weil sie Max verlassen hat”, sagte Verna. “Ich glaube, dass sie vor allem Zeit mit dir verbringen möchte. Vielleicht glaubt sie, nicht nur mit Max, sondern auch mit dir ein paar Dinge ins Reine bringen zu müssen.”

“Es wäre hilfreich, wenn sie mich meine Arbeit machen lassen würde. Frühstück servieren ist meine Aufgabe.”

Verna lächelte. “Du kannst dieses Tablett ins ‘Kismet’-Zimmer bringen.”

“Dann solltest du noch etwas Rührei nachlegen”, bemerkte Kate. “Denn dort wohnt der nackte Mann, mit dem ich mich laut Melanie gestern Abend herumgetrieben habe.”

Verna hielt in der Bewegung inne und sah erstaunt zu Kate. “Du?”

“Wieso? Glaubst du nicht, dass ich hier ab und zu nackte Männer empfange?”

Verna blinzelte. “Nein. Du joggst rund ums Haus und servierst Frühstück, aber du treibst dich nicht mit nackten Männern auf den Fluren herum.” Sie schüttelte den Kopf. “Niemals. Was steckt tatsächlich hinter der Story?”

Kate verzog schmollend den Mund. “Ich bin etwas beleidigt, dass du mir mein geheimes wildes Leben nicht abnimmst.”

“Tut mir leid, meine Liebe, aber du bist so sündhaft wie Pollyanna.”

Kate machte eine abwehrende Geste. “Erinnere mich bloß nicht daran, wie das Zimmer zu seinem Namen gekommen ist.” Vor sieben Jahren, als sie voller Euphorie die Zimmer einrichtete, war ihre Mutter zu Besuch gekommen. Sie war entsetzt über die exotischen Namen und die noch exotischeren Dekors. Die Leute würden denken, das Haus sei ein Bordell und keine Frühstückspension. Als Kompromiss hatte Kate ein Zimmer umbenannt.

“Die wahre Geschichte”, fuhr Kate fort, “ist, dass Toby Mancini gestern Nacht hier aufgetaucht ist. Er trug nichts außer dem schärfsten roten Slip, den du dir vorstellen kannst.”

“Toby Mancini? Unser Nachbar?” Verna blickte durchs Küchenfenster zu Tobys Haus.

“Genau.”

Verna wirkte interessiert. Dann schaufelte sie mit Schwung noch eine Portion Rührei olé auf den Teller. “Bring das nach oben, während deine Mutter den Leuten in ‘The Wild One’ erzählt, wie gut sie backen kann. Übrigens”, fügte sie geheimnisvoll hinzu, “habe ich Free heute Morgen mit einem neuen Typ gesehen. Sie trug eines ihrer üblichen perlenbestickten Outfits. Ich dachte, Toby wäre mal wieder außer Haus.” Verna wies auf Kates Bluse. “Mach den obersten Knopf auf.”

“Warum?”

“Zeig ein bisschen Haut.”

“Verna, meinst du nicht, dass dir die Ofenhitze zu Kopf gestiegen ist?”

“Los, mach schon. Greif nach den Sternen. Mach den Knopf auf.”

“Ich bin nicht sicher, was mich mehr beunruhigt: die Klischees, die du im Kopf hast, oder deine Obsession in Bezug auf Blusenknöpfe.”

Verna stemmte die Hände in die Hüften. “Ich habe deine Beziehungsgeschichten miterlebt. Immer wieder der falsche Mann.”

“Immer wieder? Hört sich an, als würde ich die Männer wechseln wie die Unterwäsche.”

“Zwei Männer in vier Jahren. Aber beides Nieten. Es wird Zeit, dass du den Richtigen findest. Versuch, ob es mit Toby klappt.”

Kate blinzelte verblüfft. “Du scheinst zu vergessen, dass er mit Free zusammenlebt.”

“Von der wir alle wissen, dass sie sich etwas zu frei benimmt. Der Mann verdient jemanden, dem er vertrauen kann. Nüchtern, praktisch veranlagt.”

“Das hört sich an, als sei ich eine Mischung aus Kauffrau und Handwerker.”

“Habe ich vergessen zu erwähnen, dass du schnucklig bist?” Verna strich Kate eine Haarsträhne hinters Ohr. “Wenn Meg Ryan dunkelhaarig wäre, sähest du aus wie sie.”

Kate musste wider Willen lächeln. “Schon gut, ich fühle mich geschmeichelt. Doch seit wann machst du mir so ausgefallene Komplimente?” Sie tippte sich an die Stirn. “Oh, ich kapiere! Du spielst Ehestifterin.” Sie zwinkerte Verna zu. “Das ist mein Job in diesem Laden.”

“Na schön. Aber als deine Freundin ist mir sehr wohl bewusst, dass du auf Piraten stehst. Und wenn ich jemals einen Typ kennengelernt habe, auf den die Bezeichnung passt, dann ist es Toby Mancini. Außerdem wird es Zeit, dass du mal andere Dinge in deiner Freizeit tust, als ab und zu einen Café Latte in einem dieser Cafés am Fisherman’s Wharf zu trinken.” Verna reichte Kate das Frühstückstablett. Da Kate nun keine Hand mehr frei hatte, beugte sich Verna vor und öffnete den obersten Knopf der Bluse ihrer Freundin.

Kate schaute an sich hinunter. “Jetzt sehe ich aus, als wollte ich mit dem Frühstück gleich noch was anderes servieren.”

Verna lächelte. “Genau.”

Es klopfte.

Toby lag auf dem Sessel, der ihm in der vergangenen Nacht auch als Bett gedient hatte. Er wollte auf seine Armbanduhr schauen, doch seinem Blick bot sich nur sein nacktes Handgelenk. Meine Uhr liegt zu Hause auf der Kommode, schoss es ihm durch den Kopf.

Er sah zur Tür. Anscheinend war es sieben. Zeit fürs Frühstück.

Er stand mühsam auf. Jeder Muskel schmerzte. Offenbar war er im Sessel eingeschlafen, nachdem er die halbe Nacht damit verbracht hatte, aus dem Fenster zu starren und zu überlegen, wie er am Montag das Dinner über die Bühne bringen sollte. Leider war ihm keine zündende Idee gekommen. Es war eine Sache, Unternehmensfusionen zu planen, und eine ganz andere, wesentlich weniger simple, in sein Haus zu gelangen, Free davon zu überzeugen, dass sie an seiner Seite die Dame des Hauses spielte, und dabei gleichzeitig zwei zähnefletschende Dobermänner in Schach zu halten. Wie nannte Frees neuer Typ die beiden? Micky und Minnie?

Toby schlurfte durch den Raum. Micky und Minnie dachte er grimmig. Wahrscheinlich besaß der Kerl auch noch zwei Deutsche Schäferhunde namens Donald und Daisy. Er öffnete die Tür.

“Sie sehen schlimm aus”, platzte Kate heraus.

“Ebenfalls einen guten Morgen”, erwiderte Toby.

Sie kniff die Augen zusammen. “Darf ich reinkommen?”

“Ich beiße nicht.”

Sie öffnete ihre Augen und lachte. Sie sah richtig süß aus, wenn sie sich über etwas amüsierte. Und er hatte noch nie zuvor bemerkt, wie ihre blauen Augen funkelten. Es erinnerte ihn an Sonnenstrahlen, die die Meeresoberfläche glitzern ließen.

“Ich bringe Ihr Frühstück”, verkündete sie und hielt das Tablett hoch. “Und ich habe es wirklich nicht unterwegs fallen lassen.”

Toby warf einen Blick auf das Angebot. Rührei, Brötchen, Marmelade, Butter. Dinge, die er unschwer auch ohne Brille erkennen konnte. Sein Magen meldete sich mit lautem Knurren. Toby legte eine Hand auf seinen nackten Bauch. “Scheint, dass ich …”

Er hielt die Hände vor seine brisanteste Körperzone. “Tut mir leid. Ich habe Ihr Klopfen gehört und vergessen, dass ich so gut wie nichts anhabe.” Er zog sich hinter die Tür zurück.

Kate lachte nervös. “Ich habe einen Bruder, der ein paar Jahre jünger ist als ich. Ihn habe ich oft genug in Unterhosen gesehen oder ganz ohne. Allerdings – kein Vergleich zwischen Ihnen und meinem Bruder. Soll ich das Tablett auf den Tisch am Fenster stellen?”

Kein Vergleich? dachte Toby. Heißt das, ich sehe besser aus oder schlechter? “Ja, bitte”, sagte er.

Als Kate an ihm vorbeiging, roch er das verführerische Aroma von Kaffee und Rührei, zart unterlegt von Kates blumigem Parfüm. Er war froh, dass er hinter der Tür stand, denn sein Körper reagierte auf äußerst unpassende Weise für einen Mann, dessen Leben gerade aus den Fugen geraten war.

“Soll ich den Tisch für Sie decken?”, fragte Kate vom anderen Ende des Zimmers.

Weiches Morgenlicht, das durchs Fenster fiel, zeichnete ihre Silhouette nach. Da er keine Brille trug, sah er sie leicht verschwommen, was ihr etwas Ätherisches gab. Ihr kurzes, dunkles Haar lockte sich um ihr zartes ovales Gesicht. Er fragte sich, ob sie es absichtlich so verwuschelt trug oder ob sie einfach keine Lust hatte, es zu einer Frisur zu stylen.

Seltsam, überlegte er, wie das Schicksal – Kismet – ihn und diese Autos in die Luft sprengende Frau wieder zusammengebracht hatte.

Ihm fiel auf, dass Kate wartete. “Gern”, antwortete er deshalb, obwohl er ihre Frage völlig vergessen hatte. Es musste irgendetwas mit seinem Frühstück zu tun haben.

Sie stellte den Teller auf den Tisch, legte Messer und Gabel daneben, platzierte Kaffeetasse und Serviette und war sich nicht bewusst, dass Toby sie währenddessen interessiert musterte.

Was für Farben trug sie heute? Bis auf die Häkelweste hielt sich die Farbenpracht in Grenzen. Blau war die Wahl des Tages. Selbst bei den Sandalen. Verglichen mit dem Regenbogen von gestern Abend wirkte ihr Outfit heute fast zahm. Sie anzuschauen hatte einen beruhigenden Effekt nach einer Nacht in diesem knallroten, Angst einflößenden Luxuszimmer.

Kate schien noch nicht gehen zu wollen. “Soll ich Kaffee einschenken?”

Irgendwie wollte er auch gar nicht, dass sie ging. “Bitte.”

Als sie sich vorbeugte, hatte er Gelegenheit, ihren knackigen Po zu bewundern. Alles an ihr war äußerst wohlgeformt. Er schluckte. Anscheinend wirkte Blau doch nicht so beruhigend …

Rasch schaute er weg. Das Zimmer bot genug optische Reize.

“Milch?”, fragte sie.

“Ja”, brachte er heiser heraus. Er trank nie Kaffee mit Milch.

“Zucker?”

Heiß und süß. Er gab einen unartikulierten Laut von sich. Verflixt, denk an was anderes, befahl er sich.

“War das ein Nein oder ein Ja?”

“Ja.” Er zog sich noch weiter hinter die Tür zurück und hätte sonst was dafür gegeben, jetzt Boxershorts statt des Slips zu tragen.

Kate gab einen gehäuften Löffel Zucker in die Tasse und rührte um. “Kommen Sie, bevor alles kalt wird.”

“Ich warte, bis Sie draußen sind.”

Kate versteifte sich und wandte ihm den Rücken zu. “Oh, ich vergaß. Sie haben ja kaum etwas an.” Sie ging rückwärts zur Tür. “Ich überlasse Sie jetzt Ihrem Frühstück.” Leider hatte sie nicht daran gedacht, dass das riesige runde Bett mitten im Raum stand. Als sie plötzlich mit der Ferse dagegen stieß, ruderte sie hilflos mit den Armen und taumelte.

Toby machte einen Hechtsprung, um sie aufzufangen. Ihr Gewicht brachte ihn aus der Balance. Er stolperte, die Arme um Kates Taille geschlungen, und mit Schwung landeten beide zusammen auf dem roten Bett, das unter ihnen heftig wippte. Haltsuchend griff Toby nach der Überdecke. Die aber löste sich. Er fiel auf den Rücken, etwas Schweres landete auf ihm, und sie beide waren plötzlich auf unvorhergesehene Weise in die rote Decke gewickelt wie in einen Kokon.

Er öffnete die Augen und blickte in Kates blaue Augen. Sie lag auf ihm. Das Bett wippte immer noch.

“Was ist los mit diesem Bett?”, wollte Toby wissen.

“Es ist ein Wasserbett.”

Er wagte nicht einmal zu nicken. Um das Gehüpfe zu beenden, lag er ganz still – jedenfalls so still, wie es das Wasserbett erlaubte. Dabei überlegte er, wie er sich ohne Komplikationen aus dieser misslichen Situation befreien konnte. Doch Kates blaue Augen, ihr weicher, biegsamer Körper und ihr blumiger Duft setzten seinen Verstand außer Kraft. Alles, woran er dachte, waren Kates feste volle Brüste, die sich gegen seinen Oberkörper pressten.

“Es tut mir wirklich leid”, sagte Kate atemlos.

“Schon gut. Ich mag Wasserballons.”

“Wie bitte?”

“Ich meine, ich mag Wasserbetten.”

Kate seufzte, wodurch er ihre verführerischen Brüste noch deutlicher spürte. Er versuchte fieberhaft, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, als Kate flüsterte: “Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass Verna meinen Blusenknopf aufmacht.”

“Wie bitte?”

“Nichts. Ihr Rührei wird kalt.”

Er wollte zur Seite rutschen, doch da Kate sich nicht rührte, verschlimmerten die Bewegungen seinen Zustand nur.

Als Kate endlich merkte, was los war, sah er, wie sie die Augen aufriss. Aber er las eher Erstaunen als Befremden in ihrem Blick.

“Katherine Corrigan!”, rief eine empörte Stimme von der Tür her. “Von dir wird erwartet, dass du den Gästen das Frühstück servierst. Mehr nicht!”

Toby war der Erste, der sich wieder fasste. “Sie missverstehen die Situation, Ma’am”, versicherte er.

“Ich bin nicht von gestern.” Melanie schnaubte verächtlich und ging hinüber zum Tisch, wo sie Messer und Gabel militärisch genau ausrichtete. “Katherine hat die Salsa vergessen. Deshalb habe ich sie gebracht. Allerdings scheint es mir, als braucht ihr nichts mehr, was für mehr Schärfe sorgt.”

Melanie stellte das Töpfchen auf den Tisch, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer, ohne dem Paar auf dem Bett noch einen Blick zu gönnen.

“Danke, Ma’am”, murmelte Toby. Er nahm nicht an, dass Mrs Corrigan dazu gebracht werden konnte zu glauben, dass er Frauen respektierte. Nicht nachdem sie ihn bereits zum zweiten Mal in einer verfänglichen Situation mit ihrer Tochter ertappt hatte.

Melanie blieb an der Tür stehen. “Gern geschehen”, erwiderte sie etwas verspätet. “Katherine, du weißt, dass die anderen Gäste deine Aufmerksamkeit benötigen. Falls du noch die Kraft dazu hast.”

“Keine Ahnung”, erwiderte Kate frech. “Toby hat mich ganz schön fertig gemacht.”

Mit einem entrüsteten Laut verschwand Melanie von der Bildfläche.

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