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TIFFANY JUBILÄUM BAND 1

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Einfach skandalös

1. KAPITEL

„Schau mal, die flotte Blondine könnte 007 auch gefallen!“

Logan Montgomery sah seine achtzigjährige Großmutter an und stöhnte. „Du hast schon wieder zu viele James-Bond-Filme gesehen, Grandma.“

„Nur die mit Sean Connery. Diesen Pierce Brosnan kennt doch keiner, und der andere ist ein Schlappschwanz. Er würde nicht wissen, wie man es mit einer richtigen Frau anstellt.“

„Also wirklich, Grandma.“ Logan tat schockiert. Und als sie ihn schelmisch anlächelte, fügte er hinzu: „Ich glaube, das reicht jetzt.“

„Du bist doch sonst nicht prüde.“

Logan unterdrückte ein Lachen. „Und du führst doch sonst nicht so lockere Reden. Sei vorsichtig.“

Die weißhaarige alte Dame verzog das Gesicht zu einer wenig damenhaften Grimasse. „Und wenn du nicht aufpasst, dann wirst du genauso ein Stockfisch wie dein Vater.“

„Bei deinem Einfluss? Das glaubst du doch selbst nicht.“ Er trank von dem exquisiten Champagner, fand aber, dass er nach nichts schmeckte. Was für eine Geldverschwendung! Ein kaltes Bier wäre ihm an diesem ungewöhnlich warmen Mainachmittag lieber gewesen. „Warum war es dir denn nun so wichtig, dass ich zu der Gartenparty komme?“

Am liebsten hätte er die formelle Einladung zu der Gartengala einfach wie jedes Jahr ignoriert. Aber seine Großmutter hatte auf seiner Anwesenheit bestanden, und Logan betete seine Großmutter an.

„Ihretwegen.“ Emma Montgomery zeigte mit einem knochigen Finger auf einen Fliederbusch. „Sie hat die ganze Party allein ausgerichtet. Sie hat wirklich Talent.“

Logan folgte ihrem Finger mit den Augen, konnte aber in der Flut der geblümten Kleider der weiblichen Gäste und der schwarzweißen Uniformen der Kellner nicht erkennen, wen sie meinte.

Er beugte sich zu seiner Großmutter. „Übrigens, könntest du den Richter nicht mal dazu bringen, dass die Bekleidungsvorschrift für die Bediensteten ein wenig gelockert wird? Sie sehen ja wie die Pinguine aus. Schließlich ist dieses doch eine Frühlingsparty.“

„Dein Vater hat eben seine festen Vorstellungen.“ Emma ahmte die überhebliche Stimme ihres Sohns, Richter Edgar Montgomery, perfekt nach. „Seiner Meinung nach gehören die Bediensteten in diese Folterkostüme. Schrecklich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber genug von Edgar. Siehst du sie denn nicht?“

Logan zog die Augenbrauen zusammen und sah wieder in die Richtung, in die Emma gedeutet hatte. Dort hinten auf dem makellosen Rasen vor dem Poolhaus war eine Bar aufgestellt worden, und hinter der Theke stand eine entzückend aussehende junge Frau. Als sie jetzt hinter der Bar hervortrat, wurde deutlich, dass die strenge Uniform ihre hübschen Kurven nicht verdecken konnte. Die Frau strahlte dazu Wärme und Freude aus.

Sie drehte sich um, um die schmutzigen Gläser abzuräumen, und Logan konnte ihre Figur von hinten bewundern. Sie trug bequeme schwarze Schuhe und schwarze Strümpfe. Ihre Beine waren schlank, aber nicht dünn, und als sie sich vorbeugte, um die Theke abzuwischen, rutschte ihr schwarzer Minirock höher und gab den Blick auf einen Streifen weißer Spitze frei. Logan fühlte, wie ihm plötzlich heiß wurde. Er versuchte, seinen engen Kragen mit dem Finger zu lockern.

Jetzt richtete sich die junge Frau wieder auf. Sie war nicht groß, wahrscheinlich knapp einssechzig, schlank, und hatte die blonden Haare hochgesteckt. Ihre weiße Bluse war korrekt bis oben hin zugeknöpft, lag aber so eng an, dass ihre Brüste deutlich hervortraten. Ihre schmale Taille wurde durch einen Gürtel betont. Logan lächelte, als er die weißen Socken bemerkte, die sie über die schwarzen Strümpfe gezogen hatte.

Sie war alles andere als eine typische Kellnerin.

Unwillkürlich musste er lächeln.

„Hör auf, so zu grinsen, und sag mir lieber, was du siehst.“

„Einen Pinguin, der verdammt sexy aussieht.“

„Nenn sie, wie du willst“, sagte Emma und seufzte leise, „auf alle Fälle ist sie die Lösung für deine Probleme.“

„Ich wusste gar nicht, dass ich Probleme habe.“ Wieder sah er zu der jungen Frau hinüber.

„Wirst du denn den Montgomerys jetzt ein für alle Mal klarmachen, dass du andere Pläne hast, oder willst du dich weiterhin von deinen Eltern und ihren reichen Freunden in die Politik drängen lassen? Dann wirst du nie Ruhe und Frieden finden. Und den ehrenwerten, aber nicht gerade Karriere fördernden Job als Pflichtverteidiger kannst du auch vergessen. Ab nächsten Samstag kannst du nicht mehr bestimmen, was mit deinem Leben passiert.“

„Musst du wirklich so schonungslos direkt sein?“, stieß Logan leise hervor. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass seine Großmutter ihn nicht nur schockieren wollte. Emma lebte schließlich in diesem Mausoleum zusammen mit seinen Eltern, und so war sie über manches informiert, was er nicht wusste.

„Du kannst ihnen noch so oft sagen, dass du nicht in die Politik willst.“ Emma strich sich kurz über ihre Hochfrisur, die trotz der Luftfeuchtigkeit perfekt saß. „Dein Vater ist so störrisch wie ein Maultier und hat schon als ganz kleines Kind immer versucht, seinen Kopf durchzusetzen.“

Logan unterdrückte ein Lachen. „Sei vorsichtig mit dem, was du sagst.“

„Unsinn. Im Alter darf ich endlich all das sagen und tun, was mir in der Jugend nicht erlaubt war.“

Er grinste. „Ich weiß jetzt, warum Daddy dich gern in ein Heim abschieben möchte.“ Er sah die Großmutter liebevoll an, die ihn und seine Schwester immer vorbehaltlos geliebt hatte. Sie hatte beständig die Anstrengungen seiner Eltern unterminiert, aus den Kindern absolute Ebenbilder ihrer selbst zu machen, Erwachsene also, für die die gesellschaftliche Stellung das Wichtigste auf der Welt war. Bei seiner Schwester war Emma das auch gelungen.

Aber mit Logan, dem einzigen Sohn, war es nicht so einfach gewesen. Er hatte zwar seinen eigenen Kopf, war aber in mancher Beziehung, etwa hinsichtlich der Wahl des College, des Jurastudiums und seiner Tätigkeit als Bezirksstaatsanwalt, in die Fußstapfen des Vaters getreten.

Deshalb glaubte auch keiner daran, dass er seinen eigenen Weg gehen wollte. Für alle Montgomerys stand fest, dass Logan die Tradition der Familie fortführen und ein politisches Amt übernehmen würde. Nur seine Großmutter bezweifelte das.

Logan kam auf das zurück, was sie vor ein paar Minuten gesagt hatte. „Gut, lass schon hören. Was passiert am Sonnabend?“

Sie stieß Logan leicht in die Seite. „Komm mit.“ Er zuckte resigniert die Schultern und folgte ihr. Vor der großen Terrasse blieb sie stehen und wies auf Logans Vater, der dort Hof hielt. „In einer Woche wollen dein Vater und seine konservativen Freunde ankündigen, dass du dich für die Wahl zum Bürgermeister unserer Stadt aufstellen lässt. Der untadelige Sohn der ehrenwerten Familie Montgomery am Beginn einer großen politischen Karriere.“

„Das wird nie passieren“, erklärte Logan.

„Richtig, und ich werde dir auch sagen, warum nicht. Wir werden dich öffentlich unmöglich machen. Dann kannst du so leben, wie du es willst.“

Er unterdrückte ein leises Stöhnen. „Aber, Grandma, ich brauche keinen Skandal, um mich von der Familie zu befreien. Von mir aus können sie gern ihre politischen Träume spinnen, aber ohne einen Kandidaten werden sie nicht sehr weit kommen.“

„Du solltest mich wenigstens bis zu Ende anhören, wenn du schon den langen Weg bis nach Hampshire gemacht hast.“

Logan verschränkte die Arme vor der Brust. „Du sagtest etwas von einem Plan. Auf welche Art und Weise kann denn sie …“, er wies mit dem Kopf in Richtung der Blondine, „… mich retten?“

„Du musst öffentlich unmöglich gemacht werden, und wer wäre besser dazu geeignet als eine Frau, die aus armen Verhältnissen kommt und deren Familie mit Prostitution zu tun hatte?“

Er nahm einen Schluck Champagner. „Du übertreibst.“ Dann sah er wieder zu der Blondine hinüber.

Sie war hinter dem Bartresen hervorgekommen und ging mit schnellen Schritten zwischen den Gästen umher, lächelte und sprach leise mit dem Mädchen, das die Vorspeisen servierte. Sie strahlte Selbstbewusstsein und Autorität aus und war ganz eindeutig die Chefin. Als Einzige trug sie einen Minirock, während die anderen Aushilfen offensichtlich schwarze Hosen bevorzugten. Sie hatte eine kleine schwarze Fliege umgebunden, die ihr herzförmiges Gesicht betonte.

„Catherine Luck und ihrer Schwester gehört ‚Potluck‘, die Catering-Firma. Sie ist nicht bei allen Veranstaltungen dabei, die sie ausrichten, aber dieses Mal habe ich darauf bestanden. Erinnerst du dich noch an diese Benimm-Schule, die im letzten Jahr von der Polizei geschlossen wurde?“

„Nur vage. Ich war damals außer Landes.“ Erst nach Emmas leichtem Herzinfarkt war er wieder nach Hause zurückgekehrt. Er wollte mehr Zeit mit der Familie verbringen können, das heißt mit Emma, die außer seiner Schwester Grace das einzige Familienmitglied war, das ihn interessierte.

„Sie und ihre Schwester“, sagte Emma und sah wieder zu der jungen Frau hinüber, „hatten damals das Familienunternehmen geerbt. Es stellte sich heraus, dass ihr Onkel, der frühere Besitzer, dort heimlich einen Callgirl-Ring aufgezogen hatte.“

„Aber sie hatte damit nichts zu tun gehabt.“

„Das nicht, aber der Skandal traf die ganze Familie. Stell dir doch bloß mal die Reaktion deiner Eltern vor, wenn du mit einem Mädchen nach Hause kommst, dessen Familie in einen Prostitutionsskandal verwickelt war.“

„Ich bringe nie Mädchen mit nach Hause“, sagte er nur.

„Du wirst es tun, wenn du die Richtige gefunden hast“, sagte seine Großmutter lächelnd. Ein gewisses Funkeln in ihren Augen beunruhigte Logan.

Die alte Dame führte etwas im Schilde, das spürte er. Er kannte sie zu gut, um seine Wachsamkeit aufzugeben, aber er würde erst einmal auf sie eingehen. „Mein Privatleben ist bestens ausgefüllt, Gran, es kommt für mich nicht infrage, das alles für eine einzige Frau aufzugeben.“

Es stimmte, sein Privatleben war ausgefüllt, wenn auch vielleicht nicht so, wie seine Großmutter vermutete. Wie jeder andere Mann hatte er natürlich auch seine Verabredungen mit jungen Frauen, die ihm gefielen, aber bisher hatte er noch keine kennengelernt, mit der er sich eine längere Beziehung vorstellen konnte. Viele Frauen, mit denen er von Berufs wegen in Kontakt kam, schienen mehr an dem Namen Montgomery als möglicher Karrierehilfe interessiert zu sein als an dem Menschen Logan Montgomery. Das traf auch auf die Frauen zu, die er privat durch seine Eltern und ihre Freunde kennenlernte.

Eine konventionelle Ehe, wie sie seine Eltern führten, kam für ihn nicht infrage. Es war eine lieblose Verbindung, und die Kinder schienen immer nur zum Vorzeigen da zu sein. Sie wurden von Bediensteten aufgezogen und von den Eltern kaum wahrgenommen.

„Mach die Augen auf, Junge. Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nun zu deinem Vater und seinen Plänen. Wenn er durch deine unpassende Liaison privat nicht abzuschrecken ist, können wir uns immer noch auf die Schlagzeilen verlassen. Ich sehe es schon vor mir: Der Sohn von Richter Montgomery und die Exprostituierte! Sie hat allerdings etwas Besseres verdient.“ Wieder sah sie zu der jungen blonden Frau hinüber. „Du weißt doch, wie die Zeitungen alles aufbauschen, was nur irgendwie mit Sex zu tun hat. Als Kandidat für den Bürgermeisterposten wärest du sofort erledigt.“

Logan schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Gran, aber Sexskandale haben heutzutage kaum noch eine negative Wirkung auf die Wahlergebnisse.“

Emma zuckte mit den Schultern. „Mag sein, aber warum lässt du es dann nicht darauf ankommen und sorgst dafür, dass man dich erwischt? Wenn mich nicht alles täuscht, wäre das für deinen Vater so peinlich, dass er die Sache von sich aus abblasen wird.“

Logan lächelte. „Du hast wirklich eine blühende Fantasie. So weit müssen wir gar nicht gehen. Eine Pressekonferenz, zu der der potenzielle Kandidat nicht erscheint, wird alle Erwartungen im Keim ersticken. Ich freue mich, dass du dir Gedanken um mich machst, aber ich schaffe es auch ohne Sexskandal, mich der Kandidatur zu entziehen.“

Wie aufs Stichwort fühlte Logan plötzlich eine schwere Hand auf der Schulter. „Wie schön, dich zu sehen, mein Sohn. Ich wusste, du würdest die Gelegenheit nutzen, mit deinen Anhängern in Kontakt zu kommen.“

Mit einer winzigen Bewegung, die sie über die Jahre vervollkommnet hatte, hob Emma eine Augenbraue und nickte Logan zu, um ihm zu signalisieren: Hab ich es dir nicht gesagt?

Er sah seinen Vater an. „Natürlich. Das sind doch alles sehr wichtige Leute.“ Wenigstens für Emma, fügte Logan im Stillen hinzu.

Sein Vater warf sich in die Brust und strahlte. Er hatte Logans Zustimmung ganz offensichtlich falsch verstanden. Aber Logan hatte keine Lust, es richtigzustellen. Der Richter würde sowieso nicht zuhören.

„Ich bin froh, dass du mit mir einer Meinung bist. Und dass du heute gekommen bist, sagt mehr als viele Worte.“ Er zupfte an seinen Jackettaufschlägen.

Logan trat neben seine Großmutter und legte ihr den Arm um die Schultern. „Ich bin nur gekommen, weil ich Grandmas Gartengala nicht versäumen wollte. Davon abgesehen habe ich keine besonderen Absichten.“

Er drückte die alte Dame liebevoll an sich. Ihre körperliche Zerbrechlichkeit beunruhigte ihn, aber dann sagte er sich, dass sie geistig rege und humorvoll wie immer war.

„Ich habe ihm versprochen, dass er sich gut amüsieren würde, etwas, das du ja nie konntest.“ Sie sah ihren Sohn mit einem abschätzigen Lächeln an.

Der Richter warf seiner Mutter einen warnenden Blick zu, dann wandte er sich wieder an seinen Sohn. „Ich muss mit dir reden.“

Logan betrachtete den Vater nachdenklich. In seinem dunklen Anzug und mit seiner selbstbewussten Ausstrahlung machte Richter Montgomery den Eindruck, als habe er alles total unter Kontrolle. Aber Logan hatte sich seinem Einflussbereich entzogen und ließ sich nicht länger manipulieren. „Ich wüsste nicht, worüber.“

Der Richter schüttelte den Kopf. „Aber, Logan, ich möchte nur das Beste für dich. Und das bedeutet, dass du ein öffentliches Amt übernehmen musst.“

„Das willst du doch nur für dich. Du willst, dass ich die Familientradition fortführe und in die Politik gehe. Aber ich möchte selbst über mein Leben bestimmen.“

„Du bist noch jung.“ Er schlug dem Sohn kräftig auf die Schultern. „Du wirst es dir schon noch überlegen.“

„So?“ Logan hob leicht die Augenbrauen. „Ich glaube, ich habe mein Leben bisher auch ohne dich ganz gut gemeistert. Ich habe mir ein Haus gekauft, obwohl du bereits die Anzahlung für eine Penthouse-Wohnung in Boston geleistet hattest. Und ich habe die Stelle als Pflichtverteidiger übernommen, obgleich du bereits mit der einflussreichen Anwaltsfirma Fitch und Fitzwater alles für mich arrangiert hattest.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ja, ich glaube, ich gehe ganz gut meinen eigenen Weg.“

Edgar kniff verärgert die Augen zusammen. „Das ist nur dein Einfluss“, zischte er seiner Mutter zu.

„Wenn das der Fall ist, dann bin ich stolz darauf“, sagte Emma. „Und du solltest es auch sein. Schäm dich, Edgar, dazu habe ich dich nicht erzogen.“

„Logan, sieh zu, dass deine Großmutter sich etwas ausruht. Sie hat schlechte Laune. Wir reden dann später.“ Damit drehte Edgar sich um und ging zu seinen Freunden.

„Er ist fest entschlossen“, sagte Emma.

„Ich auch.“ Dennoch hingen Logan diese ganzen Auseinandersetzungen zum Halse heraus.

„Bist du immer noch der Meinung, du könntest auf meine Hilfe verzichten?“, fragte Emma.

„Ich danke dir für dein Angebot, aber mit Vater werde ich schon allein fertig.“

„Aber wenn du dir von ihr helfen lassen würdest, hätten wir mehr Spaß.“ Emma sah wieder zu dem Bartresen hinüber.

Logan folgte ihrem Blick. Die junge Frau stand auf einem Stuhl und versuchte, einen Lautsprecher zu befestigen. Emma hatte recht. Aber so attraktiv diese Vorstellung auch war, er würde niemals eine unschuldige junge Frau in seine Familienquerelen hineinziehen.

Das bedeutete allerdings nicht, dass er sie nicht näher kennenlernen könnte. Wie seine Großmutter wahrscheinlich vorhergesehen hatte, faszinierte Catherine ihn. Er stellte sein Champagnerglas ab.

„Ich bin hier, falls du Hilfe brauchst“, sagte Emma.

Er küsste sie auf die gepuderte Wange. „Ich werde damit schon allein fertig“, sagte er nur. Er sah zu Catherine hinüber, die jetzt wieder Getränke ausschenkte.

Mit sicheren und anmutigen Bewegungen hantierte sie mit Flaschen und Gläsern. Als eine ihrer Angestellten ihr etwas ins Ohr flüsterte, nickte sie nur, trat hinter dem Tresen hervor und ging schnell ins Haus.

Logan seufzte leise. Er würde warten müssen. Ihr niedlicher runder Po und die schmale Taille waren wirklich sexy.

Ein ausgesprochen attraktiver Mann hatte Catherine die letzte Viertelstunde beobachtet. Er hatte dunkles Haar, sah aus wie einem Modemagazin entsprungen und hatte sie so auffällig angestarrt, dass sich ihr Puls beschleunigte und sie sich nur noch schwer auf ihre Aufgaben konzentrieren konnte. Wieso beobachtete er gerade sie so genau, obwohl doch viele schöne Frauen hier anwesend waren? Frauen in schimmernden Seidenkleidern und fließenden Chiffonröcken, die mit ihren makellos manikürten Händen und raffinierten Frisuren aussahen, als kämen sie direkt aus einem Schönheitssalon.

Catherines Turnschuhe, ideal, wenn sie den ganzen Tag auf den Beinen war, quietschten auf dem glänzenden Marmorfußboden. Sie zuckte zusammen, aber sie ging schnell weiter. Seit Jahren hatte sie sich nicht so fehl am Platze gefühlt. Sie sah an ihrer Arbeitskleidung herunter, die sie immer trug, wenn sie bei einem von ihrer Firma ausgerichteten Fest persönlich anwesend war.

Catherine schüttelte kaum merklich den Kopf und strich sich eine Strähne aus der Stirn. Es ließ sich nicht leugnen, die Reichen waren einfach anders. Aber sie würde diese Party zu Ende bringen, zumindest solange es nicht regnete und ihr der Koch nicht weglief.

„Potluck“ konnte sich keinen Misserfolg leisten. Da Kayla, ihre Schwester und Geschäftspartnerin, schwanger war und auf Anweisung des Arztes im Bett bleiben musste, musste Catherine sich um alles kümmern.

Sie hatte gern viel zu tun, aber sie sehnte sich nach Zeiten, in denen sie sich nur noch um solche Partys wie diese zu kümmern brauchte, für die sie rundum verantwortlich war. Vorläufig nahm „Potluck“ noch jeden Auftrag an. Wenn ihre Firma eines Tages fest etabliert war und ihr Bankkonto ein dickes Plus aufwies, würde sie es sich leisten können, eine Auswahl zu treffen, und Catherine könnte sich dann auch mehr auf die exquisite Zubereitung besonderer Delikatessen konzentrieren.

Die Montgomery-Party war ein ganz dicker Fisch, und Catherine hatte ohne Zögern alles so umarrangiert, dass sie diesen Auftrag annehmen konnte. Wenn hier alles erfolgreich ablief, hätten sie beste Referenzen für die reichsten Leute und die angesehensten Unternehmen in Hampshire. Diese Chance würde sie sich durch nichts und niemanden verderben lassen, vor allem nicht durch ihren temperamentvollen Koch, mit dem sie schon ewig lange befreundet war.

Sie kam in die perfekt ausgestattete Küche, die vor Stahl und Chrom nur so glänzte. „Nick, du hast dich selbst übertroffen!“ Sie ging um die Kochinsel herum und drückte ihm einen Kuss auf die glatt rasierte Wange.

„Warte ab, noch ist die Party nicht zu Ende.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung und bearbeitete dann wieder ein großes Stück Fleisch mit dem Messer.

„Aber die Gäste sind von den Vorspeisen bereits begeistert.“ Sie sah ihn von der Seite an. Er schmollte. Sie war mit Nick zusammen aufgewachsen und wusste, wann sie sich wirklich Sorgen machen musste und wann er mit wenigen Worten zu besänftigen war. Sie sah kurz in den großen Backofen und sog das würzige Aroma ein. „Das duftet ja himmlisch. Ich kenne niemanden, der das so köstlich zubereiten kann wie du.“ Sie stellte sich wieder neben ihn. „Das Essen sieht fast so gut aus wie du.“

Das Messer krachte wieder auf das Brett, und Nick warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Spar dir deine Schmeicheleien, Cat.“ Dann richtete er sich auf und sah sie genauer an. „Du bist ja ganz rot im Gesicht.“ Liebevoll strich er ihr über die Wange.

„Es war heute immer bedeckt, da habe ich vergessen, mir etwas aufs Gesicht zu tun.“ Sie lächelte. „Außerdem können wir ja nicht alle so schön bronzebraun sein wie du.“

„Du bist blond, du musst vorsichtig sein mit deiner Haut.“

„Jaja.“ Seit sie denken konnte, hatte Nick sich für sie interessiert. Er hatte die klassische Schönheit eines Latin Lovers, und die meisten Frauen hätten sich nicht lange bitten lassen. Aber Catherine dachte da anders. Liebhaber kamen und gingen, einen guten Freund hatte man für das ganze Leben.

„Wie sieht es denn aus da draußen?“, fragte Nick jetzt. „Ist endlich dein Traummann unter den Gästen?“

„Hör auf, Nick. Nur weil du dich verlobt hast, muss doch nicht jeder mit einem goldenen Ring herumlaufen.“

„Warum willst du dich nicht mal ein wenig umsehen? Es gibt hier jede Menge Männer, große und dünne, dicke und kahlköpfige, und alle sind reich. Du brauchst dir nur einen auszusuchen.“

Sie musste wieder an den sexy aussehenden Fremden mit dem dunklen Haar und dem bohrenden Blick denken. Schnell schob sie den Gedanken beiseite. Als sie dieses Riesenhaus mit all den eleganten Frauen betreten hatte, wurde sie wieder an ihre ärmliche Jugend mit all den schmerzlichen Entbehrungen erinnert.

Sexuelle Anziehungskraft, die über den Raum hinweg spürbar war, hatte nichts zu bedeuten, solange sie und der Fremde offensichtlich in völlig verschiedenen Welten lebten. „Du weißt genau, dass die Gäste hier für mich tabu sind“, sagte sie leise zu Nick.

„Vielleicht. Aber du bist zu oft allein.“

Catherine zuckte mit den Schultern. „Der Firma geht’s wenigstens gut.“

Nick seufzte laut.

„Kann ich etwas dafür, dass nie der Richtige unter den Männern ist, mit denen ich ausgehe?“ Catherine hatte sich geschworen, sich nur noch mit einem Mann einzulassen, der für sie alles riskierte. Und den würde sie ganz sicher nicht hier finden, gleichgültig, was Nick dachte.

„Du flüchtest doch schon, bevor der andere überhaupt beweisen kann, ob er der Richtige ist. Wie war es denn schließlich bei mir?“

Sie musste lachen. „Bei dir? Ich habe dich abserviert, als wir sechzehn waren, und du hast es überlebt.“ Sie blickte auf die Uhr. „Ich muss jetzt wieder gehen.“ Sie rückte ihre Fliege gerade und lief schnell aus der Küche.

Draußen musste sie feststellen, dass die Wolken sich dichter zusammengezogen hatten. Es sah nach Regen aus, und der Wind war stärker geworden. Sie stellte sich wieder hinter den Tresen, schloss kurz die Augen und atmete ein paarmal tief durch, um sich zu beruhigen. Es durfte einfach nichts schiefgehen, zu viel hing davon ab.

Eine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Weshalb machen Sie ein so bekümmertes Gesicht?“ Sie hatte die Stimme noch nie gehört, aber ihr Körper regierte ganz unwillkürlich. Sie wusste sofort, zu wem die Stimme gehörte.

2. KAPITEL

Catherine starrte in zwei tiefbraune Augen. Sie bemühte sich um ein professionelles Lächeln. „Was kann ich Ihnen bringen?“

„Die Spezialität des Hauses. Und was ist Ihre?“ Er grinste sie frech an und sah dabei so sexy aus, dass es ihr fast den Atem verschlug.

Vorsicht! dachte sie und genoss gleichzeitig das erregte Pulsieren ihres Blutes. Wie viele Frauen dieser Mann wohl allein durch sein Aussehen betört hatte?

Er trug einen Anzug von Armani und machte den Eindruck, als sei er in diesem Herrenhaus aufgewachsen. Und als er ihr direkt in die Augen sah, konnte sie nicht mehr wegblicken. Selbst als eine Gruppe auf der anderen Seite des Gartens in lautes Gelächter ausbrach, hielt er ihren Blick fest. Sie räusperte sich. „Warum sagen Sie mir nicht einfach, was Sie wollen?“

Er legte die Ellbogen auf den Bartresen und beugte sich vor. Der Duft seines Eau de Cologne erinnerte sie an kostbare Gewürze, an Verführung und Komplikationen. „Irgendetwas, um mich abzukühlen“, sagte er.

Die Wolken waren jetzt tiefgrau, und ein heftiger Wind kam vom Meer. Die Schwüle des Tages wich. Catherine wusste, worauf er anspielte. Einerseits fühlte sie sich geschmeichelt, andererseits war sie auch irgendwie enttäuscht.

„Ein Guss kaltes Wasser wäre da wohl das Beste“, sagte sie mehr zu sich selbst, aber als sein Blick sich plötzlich verdunkelte, wusste sie, dass er sehr wohl verstanden hatte.

Er grinste. „Ich kann mir so einiges vorstellen, was besser wirken würde.“

Er war zu sicher … und zu sexy. Und Catherine war nicht so selbstbewusst, wie sie gern alle Welt glauben machen wollte. Die harten Realitäten des Lebens hatten sie gezwungen, nichts und niemandem zu vertrauen, schon gar nicht einem attraktiven Mann, der viel Charme hatte und wusste, wie er ihn einzusetzen hatte.

Sie sah ihn misstrauisch an und beschloss, sich auf keinen Flirt einzulassen. „Wie wäre es dann mit einem kalten Bier?“

„Das hört sich schon besser an.“ Er setzte sich auf einen Barhocker, viel zu nah nach Catherines Empfinden. Sicher, der Tresen lag zwischen ihnen, aber das war nicht viel und auf keinen Fall genug. Und da die Serviererinnen überall herumgingen und Champagner anboten, kam kaum noch ein Gast wegen eines Drinks an die Bar. In der letzten halben Stunde hatte sie nichts mehr zu tun gehabt. Sie waren allein.

Sie griff nach einer Flasche Bier und schenkte ihm ein Glas ein.

„Möchten Sie nicht auch etwas trinken?“

„Ich bin im Dienst“, sagte sie und wischte mit einem Tuch über den bereits glänzend polierten Tresen.

„Dann spreche ich mit Ihrem Boss.“

„Ich bin mein eigener Boss, und ich bin es gewohnt, Arbeit und Vergnügen strikt zu trennen.“ Vor allen Dingen dann, wenn das Risiko größer war als das Vergnügen. Und wie groß das Vergnügen sein würde, das konnte sie sich durchaus vorstellen bei der Nervosität und Erregung, die sie jetzt schon empfand.

„Miss … darf ich mal unterbrechen? Scotch und Soda, bitte.“ Die Stimme kam von dem anderen Ende des Tresens.

„Oh, Entschuldigung.“ Catherine ging schnell zu dem wartenden Gast hinüber. Während sie den Drink zurechtmachte, fühlte sie sich von dem Blick des dunklen Fremden wie durchbohrt. Als sie ein lautes Stimmengewirr hörte, sah sie hoch. Eine ihrer Serviererinnen hatte Schwierigkeiten mit einem betrunkenen Gast, und Catherine lief schnell hin, um den Streit zu schlichten.

Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte sie, als Richter Montgomery sie auf dem Rückweg zur Bar abfing. Obwohl Catherine nach dem Gespräch mit Emma den Eindruck gehabt hatte, dass das Emmas Party war, machte Montgomery jetzt eindeutig klar, dass er die Rechnung bezahlte. Er verlangte, dass die Serviererinnen häufiger Getränke herumreichten, und verbot ihr, sich mit den Gästen zu unterhalten. Catherine war wütend, aber sie nickte und lächelte freundlich.

Es hatte sicher keinen Sinn, dem Mann, der für das alles hier zahlte, zu sagen, dass sein Gast sie angesprochen hatte. Er würde ihr sowieso nicht glauben. Wenn dieser Tag doch nur schon vorbei wäre!

Ihr Gast saß immer noch am Tresen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah sie ernst an. „Sie brauchen unbedingt mal eine Pause“, sagte er. Trotz der zusammengezogenen Augenbrauen sah er leider immer noch sehr gut aus.

„Eine Pause ist nicht drin.“

„Sie haben einen sehr anstrengenden Tag. Kommen Sie und setzen Sie sich“, sagte er und klopfte auf den Barhocker neben sich. „Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie bedrückt? Ich kann gut zuhören.“

Wenn sie es zuließ, würde er sie mit seiner Freundlichkeit einwickeln, da war sie ganz sicher. Doch obgleich sie sich über seine Strategie so genau im Klaren war, beschleunigte sich ihr Puls. Oder war eher seine warme und verführerische Stimme daran schuld, dass ihr ganz heiß wurde? „Ich glaube, Sie vertauschen hier unsere Rollen. Ich bin der Bartender und sollte ein offenes Ohr für meine Gäste haben.“

Er berührte leicht einen ihrer silbernen Ohrringe und damit auch wie zufällig ihr Ohr. „Aber ich brauche keine Schulter, um mich auszuweinen.“

Sie spürte die Wärme seiner Hand und schloss schnell die Augen. Aber auch wenn sie ihn nicht ansah, war sie sich seiner Gegenwart ganz stark bewusst.

Sie nahm den Kopf leicht zurück und öffnete die Augen. „Übrigens ist es mir verboten, mich mit den Gästen zu unterhalten.“

„Sie machen Ihre Sache ausgezeichnet“, stellte er fest. „An Ihrer Arbeit ist nichts auszusetzen.“

Offenbar hatte er keine Ahnung, wie es war, wenn man die eigenen Rechnungen bezahlen und deshalb seinen Auftraggeber zufriedenstellen musste.

„Sie sind doch alt genug, um zu wissen, dass wir alle uns einer Autorität unterordnen müssen“, bemerkte sie mit einem knappen Lächeln.

Er grinste. „Aber nur, wenn diese Autorität ehrlich und aufrichtig ist und sich nicht nur aufplustert.“

Catherine musste lachen, zwang sich aber schnell wieder, ernst zu sein. Richter Montgomery hatte seinen Unwillen eindeutig klargemacht. Und Catherine wollte nicht nur, dass heute alles perfekt klappte, sondern sie hoffte auch, dass man sie weiterempfahl. Damit konnte sie sicher nicht rechnen, wenn sie den Nachmittag damit verbrachte, mit einem attraktiven Mann zu flirten, der für sie sowieso unerreichbar war.

„Ich bin hier, um zu arbeiten“, erinnerte sie ihn.

„Sie wissen genau, dass die Party ein voller Erfolg ist. Achten Sie doch nicht auf den Mann. Warum lassen Sie sich von ihm Anweisungen geben?“

„Weil er meine Rechnungen bezahlt. Außerdem“, Catherine hob die Augenbrauen, „hat er mir befohlen, Ihnen fernzubleiben. Das ist vielleicht gar kein so schlechter Vorschlag.“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Zynisch zu sein steht Ihnen nicht.“

„Es ist ehrlich. So bin ich nun mal.“

Er sah sie aufmerksam mit seinen dunklen Augen an. „Das werde ich mir merken.“

Er will nur mit mir flirten, sagte sich Catherine. Mehr nicht. Sie nahm den Kopf zurück und strich sich das Haar aus der Stirn. Sein fast schwarzes Haar war nach der neuesten Mode geschnitten. Ja, er hatte beides, Geld und Stil.

Auf dem Rasen hinter ihm gingen Frauen vorbei, liebenswürdig lächelnd und fantastisch gekleidet, Frauen aus seiner Gesellschaftsschicht. Warum saß er dann bei ihr an der Bar und unterhielt sich mit ihr?

Sie wusste nicht, was er von ihr wollte. Vermutlich wäre sie mal eine nette Abwechslung für ihn. Bei diesem Gedanken überfielen sie wieder die schlimmsten Ängste, dass sie wie ihre Mutter enden würde. Sie war immer allein geblieben, eine Frau mit zwei Töchtern und einem Mann, der sie verlassen hatte.

Dass das hier nicht ihre Welt war, machte Catherine nicht gerade ruhiger, sondern steigerte noch die Ängste, die sie normalerweise unterdrückte. Anders als die reichen Montgomerys waren die Lucks kaum über die Runden gekommen und hatten im Wesentlichen von Sonderangeboten gelebt.

Auch wenn ihr Leben heute anders aussah, war Catherine nicht so naiv zu glauben, dass jemand, der früher immer nur Secondhand-Kleidung getragen und in den Slums von Boston gelebt hatte, irgendetwas gemein hatte mit diesem eleganten und attraktiven Mann.

„Wenn Sie mir wirklich nicht Ihr Herz ausschütten wollen, dann werden Sie wohl weiterhin Ihren Job tun müssen. Ich würde gern noch etwas zu trinken haben.“ Seine tiefe Stimme vibrierte leicht. „Mein Glas ist leer.“

„Ihr Vorrat an Sprüchen wohl auch“, sagte sie und grinste.

„Hör gut zu, Sonnyboy.“ Das war eindeutig Emma Montgomerys Stimme.

„Lass mich in Ruhe. Ich versuche, die Lady zu überzeugen, dass sie mir eine Chance geben muss.“

„Für mich hörte es sich gerade so an, als seist du dabei nicht sehr erfolgreich.“

Catherine musste laut lachen.

„Der heimliche Lauscher hört immer nur einen Bruchteil der Geschichte. Sie war kurz davor, mit mir nach der Party noch einen Schluck trinken zu gehen.“

„Ich war was?“

Er streckte den Arm aus und strich ihr ganz leicht über die Schulter. „Sie waren doch einverstanden.“

Catherine erbebte und sah ihm in die Augen. Ein Drink? Warum eigentlich nicht.

„Ich wusste immer schon, dass mein Enkelsohn einen guten Geschmack hat.“ Bei dieser Bemerkung der alten Dame konnte sie nicht mehr ablehnen.

Es war eine Sache, mit einem gut aussehenden Mann einen Drink zu nehmen, eine andere, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben in Bezug auf ein Familienmitglied der reichen Montgomerys. Sie verstand jetzt, warum der Richter ihr gegenüber so ablehnend gewesen war. Er wollte nicht, dass sie mit seinem Sohn in näheren Kontakt kam.

Emma tätschelte ihr anerkennend die Hand. „Es ist eine wunderbare Party, Catherine. Sie haben meine Erwartungen bei Weitem übertroffen.“

Noch vor kurzer Zeit hätte Catherine ihr zugestimmt. Aber nach den letzten zehn Minuten war sie nicht mehr so sicher. Und wenn sie etwas hasste, dann waren es Selbstzweifel und Selbstmitleid. Sie durfte mit diesen Menschen nichts mehr zu tun haben, oder sie würde das verlieren, was ihr das Wichtigste war: den Glauben an sich selbst. Schwer genug hatte sie darum gekämpft.

Sie räusperte sich und blickte auf die Uhr. Bald hatte sie es geschafft. „Ich muss wieder an die Arbeit.“

„Soll das heißen, dass Ihnen meine Gesellschaft lästig ist?“ Er sah sie enttäuscht an und wirkte beinahe wie ein kleiner Junge, dem man sein Spielzeug weggenommen hatte.

Sie sah Emma Montgomery hinterher, die majestätisch über den Rasen schritt. Dann wandte sie sich wieder dem privilegierten Junior zu. „Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.“

„Was ist daran so kompliziert? Ich suche Gesellschaft. Ihre Gesellschaft.“

Sie kniff die Augen zusammen und sah ihn prüfend an. Er starrte jetzt auf ihre Brüste. Sie wandte sich ab. „Tut mir leid, ich habe keine Zeit.“

Er hob resigniert die Hände. „Da kann man nichts machen. Aber ich möchte noch etwas trinken, das können Sie mir nicht abschlagen.“

Das war ihr Job. „Selbstverständlich bekommen Sie Ihren Drink. Wie jeder andere auch.“

„Das schmerzt.“

„Sie werden es überleben.“ Ihre Stimme zitterte.

Je schneller er seinen Drink bekam, desto eher würde er gehen.

„Okay, Mister, was kann ich für Sie tun?“

Seine Wünsche waren eindeutig, aber er hatte seine Zweifel, ob Catherine sie wirklich hören wollte: zwei nackte Körper in horizontaler Position auf einem weißen Laken. Oder in den Umkleidekabinen im Poolhäuschen gleich hinter der Bar.

„Bitte, beeilen Sie sich, ich muss Champagner nachschenken“, sagte sie leise.

Ihr Atem kitzelte ihn am Ohr. Ihr Duft, eine verführerische Mischung aus orientalischen Kräutern, reizte seine Sinne. Trotz der vielen anderen Düfte war Catherines Parfum eindeutig wahrzunehmen – spritzig und einzigartig wie die ganze Person selbst.

Wieder blickte er auf ihre Brüste. Sie räusperte sich und klopfte ungeduldig mit den Fingern auf den blanken Metalltresen. „Ich warte.“

„Immer mit der Ruhe“, stieß er leise hervor. „Ich möchte sicher sein, auch das zu bekommen, was ich will.“ Er warf ihr einen langen Blick zu. Es musste doch zu schaffen sein, dass sie an ihm genauso interessiert war wie er an ihr.

„Ich habe eher den Eindruck, als suchten Sie nach einer Entschuldigung, um hier noch länger herumzuhängen. Allerdings habe ich keine Ahnung, warum.“ In ihren grünen Augen stand immerhin eine gewisse Neugier.

Das war besser als Verachtung oder Langeweile. Sie hatte recht, er wollte noch nicht gehen. Er wollte hier nur sitzen und sie ansehen, blond und hübsch, wie sie war. Was für einen wunderschönen Mund sie hatte!

Sie ahnte sicherlich, dass es ihm nicht nur um ihre Gesellschaft zu tun war, und damit hatte sie durchaus recht. Aber so sehr er sie auch begehrte, dafür war es noch viel zu früh.

Er musste das Ganze behutsamer angehen. „Ich möchte gern etwas Besonderes“, sagte er, „etwas anderes als ein ganz normales Bier.“ Er blickte auf ihre Hände und bemerkte, dass sie die Nägel kurz geschnitten und farblos lackiert hatte. Einfach und natürlich, dachte er. Wie angenehm. Er lehnte sich über den Tresen. „Ich möchte, dass Sie für mich etwas Köstliches zaubern“, sagte er mit leiser dunkler Stimme.

„Sie sind doch zu alt, um noch an Magie zu glauben.“

„Ich bin alt genug, um genau zu wissen, was ich will. Aber ich bin nicht zu alt für Sie.“

„Wollen wir wetten?“

„Ich bin ein Spieler.“ Er streckte die Hand aus und strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. Dabei berührte er einen ihrer kleinen silbernen Ohrringe. Irgendwie empfand er den zierlichen Schmuck als einen sehr reizvollen Gegensatz zu ihrer scharfen Zunge und ihrem kratzbürstigen Verhalten. Er streichelte sacht ihre Wange.

Sie sog scharf die Luft ein und musste dann husten. „Denken Sie sich nichts dabei, ich habe mich nur verschluckt.“

Er lachte. „Sie sind wirklich ein harter Brocken für das männliche Selbstbewusstsein.“ Keine Sekunde glaubte er ihr das vorgeschobene Desinteresse. Denn ihre Halsschlagader pulsierte schnell, und eine verräterische Röte war ihr in die Wangen gestiegen.

„Das tut mir aber leid.“ Sie lächelte und zeigte dabei nicht nur strahlend weiße Zähne, sondern auch zwei kleine Grübchen, wie Logan fasziniert feststellte. Ich muss sie heute noch küssen, schwor er sich.

„Also, entweder bestellen Sie jetzt etwas, oder Sie verschwinden“, sagte Catherine. „Was möchten Sie, Mr. Montgomery?“

Er hatte nicht mehr viel Zeit. Er sah ihr direkt in die Augen, beugte sich dann vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

„Ich möchte Ihre Träume wahr machen“, hatte Logan gesagt. Immer noch fühlte Catherine ein Kribbeln auf der Haut. Selbst jetzt, wo die Party zu Ende ging, hatte sie Schwierigkeiten, die Erregung zu unterdrücken, die Logans Worte in ihr ausgelöst hatten. Seine dunkle, raue Stimme hatte ihr verraten, was er wollte. Aber die Ernsthaftigkeit in seinen Augen ließ sie hoffen, dass er nicht nur auf eine kleine billige Affäre aus war. „Und jetzt müssen Sie sich um Ihre anderen Gäste kümmern“, hatte er dann abschließend erklärt, war aufgestanden und im Haus verschwunden, ohne sich noch einmal umzusehen.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Natürlich war sie für ihn nichts anderes als eine interessante Abwechslung. Als sie nicht gleich bereit gewesen war, hatte er das Interesse verloren. Sie zuckte mit den Schultern. Na und? Sie hatte doch selbst die Sache im Keim ersticken wollen.

Warum war sie trotzdem so enttäuscht?

Zweifellos war Logan Montgomery ein Mann, der all ihre Träume wahr machen und ihre sexuellen Fantasien Wirklichkeit werden lassen konnte. Sie brauchte bloß an ihn zu denken, und schon erbebte sie. Er war bestimmt ein wunderbarer Liebhaber, und sie hätte sicher mit ihm viel Spaß, aber sie wusste genau, dass er auch ihrem Herzen gefährlich werden konnte.

Das Ganze hatte keinen Sinn. Einer würde leiden müssen. Sie musste vernünftig sein. Eine fantastische Nacht war es nicht wert, dafür ihre innere Gelassenheit und das Selbstvertrauen zu opfern.

Und an mehr war er offenbar nicht interessiert.

Die Wolken verdichteten sich, und die Gäste machten sich langsam auf den Heimweg. Catherines Budget war so reichlich bemessen, dass sie eine Reinigungscrew hatte bestellen können. Die Frauen warteten bereits, und da Catherines Assistentin die Aufsicht übernehmen würde, konnte Catherine gehen. Sie konnte sich darauf verlassen, dass in wenigen Stunden alles wieder tipptopp sein würde.

Sie ging in die Halle und durch einen kleinen Flur in die Garderobe. Wieder fuhr sie zusammen, als ihre Turnschuhe auf dem blank polierten Marmor ein quietschendes Geräusch machten. Die Garderobe war größer als das Zimmer, das sie früher daheim mit ihrer Schwester geteilt hatte. Sie knipste die kleine Wandlampe an. Da es ein sonniger Tag gewesen war, hatten die meisten Leute auf Jacken oder Mäntel verzichtet, und so war der Raum leer.

„Gran!“

Die tiefe Stimme war ihr vertraut. Catherine wandte sich schnell um und sah Logan, der den Kopf zur Tür hereinstreckte.

„Gran!“, rief er wieder. „Bist du da?“

„Ich glaube nicht, es sei denn, die Party hat mich um Jahrzehnte altern lassen“, sagte Catherine und trat aus dem Schatten heraus.

Er strahlte und kam auf sie zu. „Keine Spur.“ Sein Blick umfasste ihre ganze Gestalt. „Hübsch und nicht auf den Mund gefallen, eine gefährliche Kombination.“

Sie ging darauf nicht ein. „Ich dachte, Sie seien schon gegangen.“

„Haben Sie mich so genau beobachtet?“ Er grinste frech.

„Es gehört zu meinen Aufgaben, mich um die Gäste zu kümmern.“

„Ich habe den Eindruck, als versteckten Sie sich hinter Ihrem Job.“

„Was soll das denn heißen?“, fragte sie, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

Er kam näher. Sie spürte seine Körperwärme und den angenehmen Duft, der ihn umgab, und ihr Herz schlug schneller.

„Das heißt, dass Sie jedes Mal, wenn ich mich Ihnen nähere, Ihren Job vorschieben. Haben Sie Angst vor mir, Cat?“, fragte er mit verschwörerisch gesenkter Stimme. Er ließ sie nicht aus den Augen. Sein Blick war warm, ja, beinahe zärtlich, und trotzdem machte er ihr Angst.

„Denn das möchte ich auf keinen Fall“, fügte er hinzu.

„Was möchten Sie dann, Mr. Montgomery?“

Er lachte leise auf. „Mit der förmlichen Anrede können Sie mich auch nicht auf Abstand halten. Sagen Sie Logan zu mir.“

„Ich …“

„Los, sagen Sie es.“

Sie fuhr sich leicht mit der Zunge über die trockenen Lippen. Sein Blick war auf ihren Mund gerichtet. „Logan“, sagte sie zögernd.

„Sehr schön. Mir liegt viel daran, dass Ihre schönen grünen Augen nicht mehr misstrauisch und zynisch blicken. Ich möchte, dass Ihre Träume wahr werden.“

Seine Worte trafen sie mitten ins Herz. Aber immer noch war sie sicher, dass er in ihr nicht mehr sah als eine interessante Abwechslung nach all den eleganten Schönheiten, mit denen er sich normalerweise umgab. Frauen, die alles dafür tun würden, um sich diesen begehrten Junggesellen zu angeln.

„Sie möchten sich amüsieren“, sagte sie.

Er hatte die Unverschämtheit zu lächeln. „Das auch.“

Sie musste gehen. Allein in ihrem Apartment würde sie in Sicherheit sein und wieder zur Ruhe kommen.

„Logan“, sagte sie, um ihm zu zeigen, dass es ihr nichts ausmachte, ihn beim Vornamen zu nennen, „ich glaube …“

Peng! Mit einem lauten Knall fiel die Garderobentür zu. Catherine zuckte zusammen.

Er ging zur Tür und versuchte sie zu öffnen. Metall schlug auf dem Marmorboden auf. Er fluchte leise.

„Was ist denn los?“

„Nichts Schlimmes, wenn Sie keine Angst vor geschlossenen Räumen haben.“ Er hielt den Türknauf in der Hand. „Sieht so aus, als hätte die alte Dame ihre eigenen Pläne. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde.“

Sie sah ihn misstrauisch an. „Was meinen Sie damit?“ Dann blickte sie auf den Türknauf in seiner Hand und schüttelte verwirrt den Kopf.

Er schlug mit der Faust gegen die Tür. „Mach auf, Gran.“

Sie hörten Emma Montgomery leise lachen. „Warum hast du es denn so eilig? Du bist doch in netter Begleitung, und wie es aussieht, wird das Ganze noch eine Weile dauern. Ich muss erst mal jemanden finden, der sich auf Schlösser versteht. Ich fürchte, ich habe hier etwas kaputtgemacht. Bis bald!“ Mit klappernden Absätzen entfernte sie sich.

„Das kann doch nicht wahr sein.“ Catherine starrte auf die Tür. Sie litt nicht unter Klaustrophobie, aber sie hasste es, eingesperrt zu sein, vor allen Dingen mit diesem Mann.

„Oh, doch.“ Logan hob resigniert die Schultern. „Entschuldigen Sie, aber Gran hat manchmal ihren eigenen Kopf.“

Sie sah ihn skeptisch an.

„Sie glauben doch nicht, dass ich daran schuld bin?“ Er lachte ungläubig auf. „Ich kann meine Frauen ohne Grans Hilfe bekommen.“

„Ihre Frauen?“ Sie stieß empört die Luft aus. „Sie leben wohl noch in der Steinzeit.“

„Ich hätte nichts dagegen.“

„So. Dann brechen Sie doch mal die Tür auf, Tarzan.“

„Wenn ich es versuche, werden Sie dann mit mir was trinken gehen?“

„Sie würden Ihre Großmutter nicht manipulieren, aber gegen Erpressung haben Sie nichts?“ Sie war im Grunde davon überzeugt, dass er mit dieser Situation nichts zu tun hatte. Der exzentrischen alten Dame war so etwas schon eher zuzutrauen. Aber warum? Sie konnte doch nicht glauben, Catherine sei die richtige Wahl für ihren Enkelsohn oder er sei nicht fähig, eine Frau dahin zu bringen, sich mit ihm zu verabreden.

Apropos verabreden, was sollte sie tun? So groß ihr der Garderobenraum anfangs erschienen war, jetzt schien er mit jeder Minute kleiner zu werden. Bei jedem Atemzug nahm sie den herb-frischen Duft wahr, der Logan umgab und der auf sie wie eine verführerische Droge wirkte. Ein Drink in einem öffentlichen Lokal war bestimmt sicherer, als hier noch länger mit ihm auf engem Raum zusammengesperrt zu sein.

Sie sah ihn an und hob leicht die Schultern. „Okay, ein Drink.“

Hoffentlich würde sie das nie bereuen.

3. KAPITEL

Logan sah Catherine erstaunt an. „Soll ich mich nun geschmeichelt fühlen, dass Sie einverstanden sind? Oder beleidigt, dass Sie so dringend hier raus wollen?“

„Weder noch. Ich habe Durst, das ist alles. So, und nun versuchen Sie mal Ihr Glück.“

In ihrer Gegenwart würde kein Mann an Selbstüberschätzung leiden, das war ihm jetzt schon klar. Aber er würde gern herausfinden, was hinter ihrer rauen Schale steckte.

Er fixierte die Tür, nahm einen kleinen Anlauf und rammte mit Schwung seine Schulter dagegen. Seine schlimme Schulter. Verdammt, das hatte er ganz vergessen! Nachdem er viele Jahre auf dem College Baseball gespielt hatte, hatte er Probleme mit der Schulter. Er schloss die Augen und stöhnte laut auf.

Sofort war Catherine neben ihm. „Was ist los?“

„Es ist nicht Ihre Schuld“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Da fühlte er, wie sanfte Hände ihm das Jackett von den Schultern zogen. Wenn sie unbedingt Florence Nightingale spielen wollte, er hatte nichts dagegen.

Sie ließ sich auf den Fußboden nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Setzen Sie sich.“

Logan setzte sich neben sie.

Sie drehte sich zu ihm um und fing an, die schmerzenden Partien behutsam zu massieren. Das tat gut, und er seufzte zufrieden. „Danke. Übrigens, wollen wir uns nicht duzen, wo wir es gezwungenermaßen noch eine Zeit lang miteinander aushalten müssen?“

Sie zögerte kurz. „Einverstanden. Aber nur, wenn du mir erklärst, wie wir überhaupt in diese Situation gekommen sind. Wie bist du übrigens auf die Idee gekommen, Emma könnte hier sein?“

Er lehnte sich mit dem Kopf gegen die Wand und konzentrierte sich auf den rhythmischen Druck ihrer Finger. „Das Mädchen, das mit den Cocktails herumging, hatte mir gesagt, meine Großmutter würde auf mich bei der Garderobe warten.“ Er schloss kurz die Augen. „Hm, das tut gut. Etwas tiefer, bitte.“

„So?“

„Ja, wunderbar.“ Logan fühlte sich wie verzaubert … von ihrem Duft, ihrer Berührung, von ihr.

„Besser?“, fragte sie.

„Ja, viel besser.“ Er seufzte zufrieden.

„Irgendjemand müsste ja nun bald mal kommen“, sagte sie.

„Da kennst du meine Großmutter schlecht.“

„Das kann schon sein, aber da draußen muss doch jemand sein, der mit so etwas Einfachem wie einem abgebrochenen Türknauf umgehen kann. Die Reinigungscrew hat sicher keine Probleme damit.“

„Sofern sie gefragt wird oder den Auftrag erhält. Und das bezweifle ich.“ Er wandte den Kopf zur Seite und blickte sie an. Verlangen sprach aus seinen Augen, sein ganzer Körper war unter Spannung. „Wir haben Zeit.“ Er schwieg kurz. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Emma etwas vorhat“, sagte er dann. „Die Party war doch schon am Ausklingen. Der Richter war bereits dabei, sich von seinen Leuten zu verabschieden, und hat jedem eingeschärft, zu dem offiziellen Frühstück zu kommen, das er morgen geben wird.“

Logan wusste das so genau, weil er seinem Vater gesagt hatte, dass er morgen nicht dabei sein würde, dass er sich nicht mit irgendwelchen möglichen Sponsoren treffen würde und dass er mit ihm auf keinen Fall bei der Pressekonferenz am nächsten Sonnabend rechnen könnte. Aber er hatte wie gegen eine Wand angeredet.

„Sagst du immer ‚der Richter‘ zu deinem Vater?“, fragte sie.

Wenn ich überhaupt mit ihm spreche, dachte Logan. Laut erwiderte er: „Er ist doch Richter.“

„Aber er ist auch dein Vater.“

„Er glaubt, hier das Regiment wie im Gerichtssaal führen zu können.“

„Und ich habe immer geglaubt, jeder Vater sei besser als gar keiner.“

Also war sie ohne Vater aufgewachsen. Die Tatsache hatte sie sicher entscheidend geprägt und erklärte manches.

„Nicht unbedingt. Versteh mich nicht falsch, er war immer da, solange wir taten, was er sagte.“

„Wer ist wir?“, fragte Catherine.

„Ich und meine Schwester Grace.“

„Ich habe auch eine Schwester. Erzähl mir, wie es war, hier aufzuwachsen.“ Sie machte eine weite Geste mit dem Arm. Offensichtlich meinte sie das ganze Anwesen der Montgomerys.

Normalerweise erinnerte sich Logan nicht gern an seine Kindheit. Er hatte in diesem einen Gespräch mit Catherine sowieso schon mehr von sich preisgegeben als in den letzten fünfunddreißig Jahren. Und mit den Erinnerungen setzte auch immer wieder die Furcht ein, er könne mal so einsam enden wie sein alter Herr. Der Richter war oft von Menschen umgeben, ließ aber nie jemanden wirklich nahe an sich heran. Auch nicht seine Kinder.

Aber Catherine gegenüber, die seine Herkunft und seinen Wohlstand mit Misstrauen betrachtete, wollte Logan aufrichtig sein. „Ich war sehr einsam.“

„Wie traurig.“ Sie drückte ihm leicht die Hand und legte den Kopf kurz auf seine Schulter.

Erstaunt blickte Logan auf ihre Hände. Diesmal hatte sie den ersten Schritt gemacht. Offensichtlich war ihre Verteidigungshaltung mit der schlichten Wahrheit am besten zu durchbrechen. Geld und gesellschaftliche Stellung schienen ihr überhaupt nicht zu imponieren. Nur Ehrlichkeit. Er sah sie bewundernd an.

Catherine erwiderte seinen Blick. „Wie kann man einsam sein, wenn man ständig so viele Menschen um sich hat?“

„Weil sich keiner um uns Kinder gekümmert hat … mit Ausnahme meiner Großmutter.“

Ihr Lächeln wärmte ihm das Herz. „Ich mag sie“, sagte sie leise.

„Ich auch.“ Wahrscheinlich hatte er es ja auch ihr zu verdanken, dass er hier auf ungewöhnliche Art und Weise die Gelegenheit hatte, Catherine etwas genauer kennenzulernen.

„Erzähl mir, wie du meine Großmutter kennengelernt hast.“

„Bei einer Wohltätigkeitsgala in Boston, die wir ausrichteten. Ihr gefielen unsere kleinen Vorspeisen, und sie drang bis in die Küche vor.“

Er lachte laut los. „Das ist typisch Emma.“

Catherine grinste. „Ich habe sie dabei überrascht, und wir haben uns dann eine Zeit lang unterhalten. Und dann hat sie mich für die Gartenparty heute engagiert.“

Er sah Catherine lächelnd von der Seite her an. Wie froh er war, zu dieser Party gekommen zu sein. „Sie ist schon eine tolle Frau.“

„Weil sie uns hier eingeschlossen hat?“

„Nein, weil sie dich offensichtlich mag … genau wie ich.“ Sein Blick ließ sie nicht los, und beide spürten die sexuelle Spannung.

Er umschloss ihr Gesicht mit den Händen … und wartete. Bei dem geringsten Zeichen der Ablehnung würde er sie loslassen. Sie schüttelte leicht den Kopf, und enttäuscht ließ er die Hände sinken. Da packte sie ihn an den Handgelenken. „Nicht.“

„Das ist kein Spiel für mich, Cat. Ich will dich, und ich weiß, dass du mich auch willst.“ Er hörte, wie ihr kurz der Atem stockte, und wusste, dass er recht hatte.

„Was ich möchte und was gut für mich ist, das sind zwei verschiedene Dinge“, flüsterte sie.

Er strich ihr mit den Lippen leicht über den Mund, langsam und ohne mehr zu verlangen. Sie umklammerte seine Handgelenke und stöhnte leise.

Seine Zurückhaltung wurde belohnt. Sie zuckte nicht zurück, sondern genoss ganz offenbar das Gefühl, seine Lippen auf ihren zu spüren. Er musste Geduld aufbringen, wenn er irgendwann das erreichen wollte, wonach er sich sehnte. Aber sie war es wert, davon war er schon jetzt überzeugt.

Catherine gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Logans Lippen waren fest, die Berührung sanft. Sie spürte seine Leidenschaft und auch eine Art von Achtung, die sie bisher bei Männern selten bemerkt hatte. Auch sie empfand diese Sehnsucht, der sie kaum noch Widerstand entgegensetzen konnte.

Ein lautes Scheppern von Metall ließ beide auseinanderfahren.

„Hört sich an, als würden wir gerettet“, sagte er.

„Ja.“ Mehr brachte sie nicht heraus. Sie stand schnell auf. Ihr Herz klopfte schnell, und sie hielt den Blick immer noch gesenkt. Sie hatte vollkommen den Kopf verloren, hatte nur ihrem Verlangen nachgegeben. Weiß der Himmel, was passiert wäre, wenn sie nicht unterbrochen worden wären.

Sie ging in Richtung Tür, aber als sie seine Hand auf dem Rücken spürte, blieb sie stehen. „Du hast nichts falsch gemacht, Cat“, sagte er leise.

„Wer sagt das denn? Ein Kuss ist ja nun nicht die Welt.“

Er hob eine Augenbraue. „Ein Kuss?“

„Ja, es sei denn, du kannst nicht zählen.“

Er grinste. „Da keiner von uns Luft geholt hat, hast du wohl recht.“

Sie errötete. „Ein Gentleman hätte das nicht gesagt.“

„Wer behauptet, dass ich ein Gentleman bin?“ Sanft berührte er ihre Unterlippe, die sie leicht vorgeschoben hatte.

Sie zuckte zusammen.

„Ich habe damit angefangen, Cat. Und eigentlich sollte ich sagen, dass es mir leidtut. Aber das stimmt nicht.“ Er trat an ihr vorbei und ging zur Tür. Sie starrte auf seinen Rücken, dann auf ihre zitternden Hände und schloss kurz die Augen. Wenn sie wenigstens nichts als sexuelle Leidenschaft für Logan Montgomery empfinden würde.

Sex war etwas rein Körperliches und leicht wieder vergessen. Logan nicht. Sie hatte den echten Logan Montgomery gesehen, der sich unter dem Maßanzug und dem Playboy-Charme verbarg. Den kleinen Jungen, der einsam in einem Mausoleum aufgewachsen war, so wie sie sich früher in einer Mietwohnung einsam gefühlt hatte. Schlimmer noch, sie hatte festgestellt, dass sie ihn mochte. Ernsthaft schätzte. In der Zeit, die sie hier in dieser Garderobe verbracht hatte, war er für sie wichtig geworden. Es überlief sie eiskalt, als ihr klar wurde, was das bedeutete.

Sie blickte an Logans breiten Schultern vorbei auf die geschlossene Tür. Den Geräuschen nach zu urteilen wurden die Türangeln abgeschraubt, und wenige Sekunden später wurde die Tür herausgehoben. Ohne Logan noch einmal anzusehen, lief Catherine schnell aus der Garderobe. Der helle Glanz der Kandelaber stach ihr in die Augen, und blinzelnd sah sie sich um.

„Wahrscheinlich versteckt sich Gran in dem oberen Stockwerk.“

Er wandte sich an ihre Retter, um ihnen zu denken. Es war die Reinigungscrew, wie sie vorhergesagt hatte.

Sie räusperte sich. „Also dann auf Wiedersehen.“ Sie streckte ihm die Hand hin, obgleich sie sich dabei ziemlich albern vorkam.

Er ergriff ihre Hand. „Nicht so hastig, Cat. Du hast noch etwas vergessen.“

„Was denn?“

„Du hast versprochen, mit mir noch einen Drink zu nehmen.“

„Aber nur wenn du es schaffen würdest, uns zu befreien“, erinnerte sie ihn.

„Das ist nicht wahr. Ich habe nur gesagt, ich würde es versuchen, und das habe ich getan.“ Er rieb sich die Schulter und sah sie anklagend an.

Er hatte recht mit seiner Wortklauberei. Sie schuldete ihm einen Drink. Aber das musste ja nicht heute sein. So hatte sie Zeit, sich über die Situation klar zu werden. Das Ganze war ein harmloser Flirt, nichts weiter.

Sie blickte auf ihre Arbeitskleidung. „In diesem Aufzug möchte ich nirgendwohin gehen.“

„Ich finde, du siehst prima aus.“ Er sah sie lächelnd an und streckte die Hand aus. „Komm, du kannst mir vertrauen, Cat.“

Sie blickte ihm in die verführerischen braunen Augen. Ihm vertrauen? Beinahe hätte sie laut losgelacht. Genau das hatte ihr Vater zu ihrer Mutter gesagt, bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwand. Warum glaubten gut aussehende Männer nur immer, die Welt müsse ihnen schon wegen ihres Sex-Appeals zu Füßen liegen? Sie sah Logan misstrauisch an. „Ich kann mit dir jetzt nicht weggehen. Der Firmenwagen steht draußen, und ich kann ihn nicht hier lassen.“

„Ich gehe mit dir jede Wette ein, dass er nicht da ist. Wenn ich mich irre, kannst du gehen, wohin du willst. Wenn ich recht habe, musst du mit mir einen Drink nehmen und zum Essen gehen.“

„Okay, einverstanden.“ Sie klopfte sich auf die Rocktasche, steckte dann die Hand hinein und zog triumphierend die Autoschlüssel heraus. Noch fünf Minuten, und sie würde auf dem Weg nach Hause sein.

Das Gefühl der Enttäuschung und auch die sexuelle Erregung, die sie immer noch spürte, würde sie später überwinden. Und den Ärger über das ungerechte Schicksal, das sie mit dem perfekten Mann zusammenbrachte, der nicht in ihr unperfektes Leben passte.

„Ist der Wagen nun da oder nicht? Das müssen wir jetzt herausfinden.“ Logan griff nach den Schlüsseln, und sie spürte, wie seine warme Hand ihre kalten Finger umschloss. Warm und vertrauensvoll. Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Ihr sexuelles Verlangen hatte ganz offenbar ihre Denkfähigkeit stark eingeschränkt. Wie war es sonst möglich, dass sie alle möglichen wunderbaren Fantasien hatte, obgleich sie sich geschworen hatte, ihm nicht in die Falle zu gehen?

Sie folgte ihm nach draußen. Es hatte nun doch angefangen zu regnen. Logan legte ihr den Arm fürsorglich um die Schultern und führte sie zum Hinterausgang, vor dem die Wagen geparkt waren. Sie nahm ihm diese lockere Geste ebenso übel wie die Tatsache, dass er es in kürzester Zeit geschafft hatte, sie für sich einzunehmen. Denn ob der Firmenwagen nun da war oder nicht, ein Typ wie Logan Montgomery wollte nichts weiter als eine kurze leidenschaftliche Affäre und einen schnellen Abschied.

Logan stellte die Heizung in seinem Jeep an. Catherine saß neben ihm und hatte sich fest in ihren Regenmantel gewickelt. Sie starrte geradeaus auf die Straße. Der Regen hatte sich zu einem Wolkenbruch entwickelt, sodass die Scheibenwischer kaum mithalten konnten.

Logan warf ihr einen schnellen Blick zu. „Wenn du dich ärgerst, wird es auch nicht besser.“

„Ich ärgere mich nicht, ich bin wütend!“

„Worüber?“

„Erst mal über deine Großmutter. Und dann über meine Assistentin.“

„Du hast doch gehört, was die Mädchen gesagt haben. Emma hat ihnen erzählt, du würdest dir das Haus ansehen, und hat versprochen, dich dann nach Hause zu fahren, was ich nun übernommen habe … wie sie es geplant hatte“, fügte er noch unhörbar hinzu.

Eine Großmutter, die ihre eigenen Pläne verfolgte, die konnte er jetzt ganz und gar nicht gebrauchen. Nicht, wo Catherine so misstrauisch war. Er wollte, dass sie ihm vertraute … und ihn in ihr Bett ließ.

„Dann war dieser Umweg also nicht geplant?“, fragte sie.

„Es gab keinen Plan. Zumindest nicht, was mich betrifft.“ Und mit der Flirterei musste jetzt auch Schluss sein. So gern er auch länger mit Catherine zusammen gewesen wäre, sie wollte offenbar lieber nach Hause. Allein. Nur ein mieser Kerl würde sich einer Frau aufdrängen, die nicht wollte.

Er umfasste das Lenkrad fester und hatte Mühe, bei dem heftigen Regen die Straße zu erkennen. Er verlangsamte die Geschwindigkeit. „Wohin soll ich fahren?“

„Das solltest du doch wissen.“

Er fuhr an den Straßenrand, hielt an und legte den Arm über das Steuerrad. „Ich fahre dich nach Hause, Cat.“

Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur von der Seite her an. „Warum?“, fragte sie schließlich.

„Du bist offensichtlich nicht freiwillig hier. Ich hoffte, es würde dir trotzdem gefallen, aber ich habe mich getäuscht. Ich will dich nicht zwingen, länger mit mir zusammen zu sein, als notwendig ist.“

Wieder sah sie ihn lauernd an. „Bist du immer so edel, oder tust du das jetzt nur mir zuliebe?“

Er zuckte mit den Schultern. „Bist du immer so zynisch, was Menschen betrifft?“

„Jemand, der eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet, kann nur Polizist oder Anwalt sein. Was bist du?“

„Rechtsanwalt, ein übler Blutsauger nach Meinung der meisten Leute. Also, sei vorsichtig.“ Er hatte bisher noch nie das Schoßhündchen für eine Frau gespielt, doch er merkte, dass er bereit war, für Catherine nahezu alles zu tun. Aber nie würde er das zugeben, denn schon bei dem Gedanken daran krampfte sich in ihm alles zusammen.

Catherine lachte. „Keine Sorge, Logan, ich weiß, wie du bist.“

„So? Wie denn?“

Überrascht wandte sie sich zu ihm um, und als er ihren so typischen Duft wahrnahm, wurde ihm plötzlich die Hose zu eng.

Er sah, dass sie errötet war. Verdammt, er liebte diese weibliche Reaktion, die zeigte, wie verletzlich sie im Grunde war. Er sollte dieses Spielchen beenden. „Wohin?“, fragte er.

Bevor Catherine antworten konnte, streckte er die Hand aus und stellte das Radio lauter. Der Wetterbericht brachte gerade Unwetterwarnungen.

Anschließend stellte er das Radio wieder leiser. „Also, wohin?“ Es wurde Zeit, wenn er sie sicher nach Hause bringen wollte, auch wenn er selbst wohl kaum mehr zurückfahren konnte.

Der Regen schlug in wilden Böen gegen die Windschutzscheibe, und es sah so aus, als sei die Wettervorhersage diesmal korrekt. Ob sie ihm wohl anbieten würde, bei ihr zu übernachten? Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Nach ihrem misstrauischen Gesichtsausdruck zu urteilen, würde sie ihm wahrscheinlich noch nicht einmal ein Notbett im Flur anbieten. Und daran war seine Großmutter mit ihren Kuppelversuchen nicht ganz unschuldig. Sicher musste er sich ein Motelzimmer nehmen, und ihn ärgerte diese unnütze Geldausgabe.

Er hatte nie Schwierigkeiten gehabt, mit seinem Gehalt auszukommen. Aber als er sich entschloss, ein altes Haus zu kaufen und es zu renovieren, da war es finanziell doch ziemlich eng geworden. Allerdings machten die einsame Lage und der Blick aufs Meer alles wieder wett. Und nie würde er seine Unabhängigkeit aufgeben und Geld aus dem Treuhandfonds beanspruchen, der für ihn schon eingerichtet worden war, als er noch ein Kind gewesen war.

Wieder sah er seine Mitfahrerin an. „Ich möchte, dass du trocken und heil nach Hause kommst, Cat.“

Sie seufzte, musste dann aber wider Willen lächeln. „Worüber amüsierst du dich?“, fragte er.

„Du machst es mir sehr schwer, dich nicht zu mögen.“

Er strich ihr liebevoll über die Wange. „Ich bin nicht böse darüber.“

Sie zog die Beine auf den Sitz und drehte sich zu Logan um. Sie hatte ihn für charmant gehalten, aber das war eigentlich eine Untertreibung. „Ungeheuer faszinierend“, passte schon eher. Er wusste genau, wie er eine Situation zu seinem Vorteil nutzen konnte, ohne dass sie sich manipuliert fühlte. Immer wenn sie sich gerade gegen seinen Charme und sein betörendes Lächeln gewappnet hatte, kam er mit etwas Neuem, auf das sie nicht vorbereitet war. Plötzlich war er um ihr Wohlergehen besorgt und war bereit, das zu tun, was sie wollte. Aber sie war immer noch nicht sicher, ob sie ihm trauen konnte. Schlimmer noch, sie wusste nicht, ob sie sich selbst trauen konnte.

Er fuhr wieder auf die Fahrbahn zurück. „Wo wohnst du?“

„In der Innenstadt von Boston.“

Er stöhnte. „Da brauchen wir ja fast eine Stunde.“

„Deshalb wollte ich heute bei meiner Schwester übernachten.“

„Ich wohne zehn Autominuten von hier entfernt. Wie weit ist es zu deiner Schwester?“

„Mindestens eine halbe Stunde“, stieß sie leise hervor.

Er hob nur eine Braue, behielt die Straße aber weiter fest im Blick. „Dann fahren wir zu mir.“

„Wo ist das genau?“, fragte sie.

„Ich habe ein kleines Haus direkt am Strand. In ein paar Minuten sind wir da.“

„Ein kleines Haus?“ Sie lachte laut auf. „Da bin ich aber gespannt.“ Catherine lehnte sich zurück. Einerseits freute sie sich darüber, noch ein paar Stunden mit ihm zusammen sein zu können. Andererseits lag es auf der Hand, dass sie nur einen kurzen Blick auf sein so genanntes kleines Haus werfen müsste, um zu erkennen, dass es für sie beide keine Zukunft gab.

Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Schließlich fuhr Logan in eine private Einfahrt, die parallel zum Strand verlief. Ganz am Ende stand ein richtiges Cottage, jedoch kleiner, als Catherine gedacht hatte. Logan hatte nicht untertrieben.

Er ließ den Wagen ausrollen und stellte den Motor ab. Ohne das Motorengeräusch war der Regen laut und deutlich zu hören, der gegen die Windschutzscheibe schlug.

„Es ist bescheiden, aber es ist mein Zuhause.“

Ein Haus, wie man es traditionell seit dem letzten Jahrhundert an den Küsten Neuenglands baute, gemütlich und vertraut, verführerisch und verlockend. Wie der Mann selbst. Sie atmete tief durch. Catherine Ann, du steckst höchstwahrscheinlich in großen Schwierigkeiten.

„Gefällt es dir?“, fragte er.

„Es ist wunderschön“, sagte sie leise.

Logan sah in den schwarzgrauen Himmel. Der Regen kam jetzt beinahe waagerecht. „Ich hoffe, dass das auch deine ehrliche Meinung ist.“ Er sah sie unsicher von der Seite her an. „Denn wenn das mit dem Regen so weitergeht, dann sitzen wir hier womöglich fest. Die Straßen hier an der Küste sind sehr schnell überflutet.“

„Ich kann mir etwas Schlimmeres vorstellen“, sagte Catherine. Sie sah ihn nicht an. Das Schicksal hatte ihr ihren Herzenswunsch erfüllt. Eine Nacht allein mit Logan Montgomery, wenn sie mutig genug war, die Gelegenheit zu ergreifen. Sie schloss die Augen und hörte dem schweren Regen zu, der auf das Auto prasselte. Ihr Herz schlug schnell, und sie spürte, wie ihre Erregung wuchs.

Ein Donner krachte, und sie fuhr in ihrem Sitz zusammen. Sie hatten relativ weit vom Haus entfernt geparkt, und Catherine konnte das Meer sehen und die Wellen mit den weißen Schaumkronen, die in schneller Folge auf den Strand schlugen. Da sie selbst in der Stadt aufgewachsen und selten ans Meer gefahren war, war sie von der heftigen Brandung fasziniert, aber auch geängstigt.

Plötzlich spürte sie Logans warme Hand auf der Schulter. „Alles in Ordnung?“, fragte er.

Er wollte sie offensichtlich beruhigen, aber seine Berührung hatte genau die gegenteilige Wirkung. Sie musste unbedingt raus aus diesem Auto, oder sie würde noch verrückt werden. „Kannst du ein bisschen näher heranfahren?“, fragte sie.

„Leider nicht.“ Er legte den Arm über ihre Rückenlehne. „Hier sind wir gerade noch auf der gepflasterten Straße. Danach kommt nur noch Schlamm.“

Sie starrte aus dem Fenster. Die Sicht war schlecht, aber er hatte sicher recht. „Gut, ich kann eine ganze Menge aushalten. Regenwasser soll ja gut für die Haut sein, und frische Luft tut immer gut. Außerdem habe ich Turnschuhe an.“

Er grinste. „Das ist die richtige Einstellung. Aber sei vorsichtig, es ist ziemlich glitschig.“ Er stieg aus und ging um das Auto herum, um ihr die Tür zu öffnen. Sie ergriff seine Hand. „Okay?“, fragte er.

Wieder krachte ein Donnerschlag, und kurz danach blitzte es. Sie zitterte. „Ja.“

Sie rannten zum Haus, was nicht einfach war. Sie geriet in tiefe Pfützen, rutschte beinahe auf dem Schlamm aus und umklammerte dabei so fest Logans Hand, dass auch er ein paarmal strauchelte. Der Regen prasselte auf sie herab, und im Nu waren sie bis auf die Haut durchnässt. Aber als sie das Haus erreicht hatten, mussten sie lachen.

Logan steckte den Schlüssel ins Schloss, doch bevor er ihn umdrehte, sah er Catherine noch einmal lange an. Beide spürten die knisternde Spannung zwischen ihnen, und eine kleine Stimme in ihrem Kopf warnte Catherine, dass hinter der Tür die Schwierigkeiten beginnen würden.

4. KAPITEL

Der Sturm, der draußen tobte, war nichts im Vergleich zu dem Aufruhr, der in Catherine herrschte. Sie trat in das Haus ein und hatte nicht nur sofort Schutz gegen den Regen, sondern konnte damit auch einen Blick in Logans Seele tun.

„Bitte, bleib kurz hier stehen. Ich bin gleich zurück.“ Logan verschwand, und Catherine sah sich in dem warmen, gemütlichen Raum um.

Wie das Haus sagte auch dieser Raum viel über seinen Besitzer aus. Die Wände waren mit Holzbrettern verkleidet, was ihnen etwas Schlichtes, Raues gab. Das braune Ledersofa und die alten Holzmöbel verliehen dem Haus rustikalen Charme.

Auch wenn sie selbst nur in einem kleinen Apartment wohnte, hatten Logan und sie offensichtlich einen ähnlichen Geschmack. Beide liebten sie warme Brauntöne. Die Sachen aus Catherines Apartment hätten sich ohne Weiteres hier gut eingefügt.

Es gab in diesem Haus keine offizielle Eingangshalle, keine Marmorböden und keine Kronleuchter. Stattdessen herrschte eine entspannte gemütliche Atmosphäre. Es war eben ein richtiges Zuhause, ohne all den Luxus, auf den die übrigen Montgomerys so viel Wert legten.

Was wollte Logan damit ausdrücken? Wollte er sich damit lediglich bewusst von seiner Familie absetzen, oder entsprach ein solches Haus seinen eigenen Bedürfnissen, seiner Liebe zum Meer und zur Natur ganz allgemein?

Was seine Familie wohl von diesem Haus hielt? Wahrscheinlich kamen sie sowieso höchst selten hierher, und der Gedanke machte sie irgendwie traurig. Obwohl sie selbst nicht gerade in einer stabilen, liebevollen Familie groß geworden war, sehnte sich Logan sicher genauso wie sie danach.

„Hier hast du ein Handtuch“, sagte Logan.

Catherine schreckte aus ihren Gedanken auf. „Danke.“ Sie zog sich den Regenmantel aus und sah sich nach einer Garderobe um, um ihn aufzuhängen.

„Gib ihn mir.“ Logan hängte den Mantel auf einen hölzernen Garderobenständer, der bereits überladen war mit allen möglichen Kleidungsstücken. „Besser, als ihn auf die Couch zu legen“, meinte er grinsend.

Sie erwiderte sein Lächeln. „Dass du als Mann überhaupt einen Garderobenständer hast, finde ich schon bemerkenswert.“

„Ja, du solltest mit deinem Urteil vorsichtig sein“, gab er lachend zurück. „Du könntest noch manche Überraschung erleben.“

„Willst du damit sagen, dass du kein typischer Mann bist?“

„Das wirst du schon noch herausfinden.“

Wieder spürte sie, wie eine heiße Erregung in ihr aufstieg.

Sie befeuchtete sich kurz die trockenen Lippen. „Du bist also ordentlich. Ich bin beeindruckt.“

„Das will ich hoffen“, sagte er mit leiser tiefer Stimme. „Aber davon abgesehen, einiges war in meiner Kindheit einfach nicht erlaubt, etwa, die Kleidung überall herumliegen zu lassen.“

„Du willst mir doch nicht sagen, dass ihr niemanden hattet, der hinter dir herräumte.“

„Nein. Aber ein leichter Schlag auf den Hinterkopf von Emma, und man war von schlechten Angewohnheiten schnell kuriert.“

Catherine glaubte ihm. Emma machte ihre Wünsche sehr deutlich und bekam das, was sie wollte. Ein Kribbeln überlief ihre Haut, als ihr klar wurde, was das bedeutete. Logan war von seiner Großmutter erzogen worden, und auch er sagte sehr genau, was er wollte. Und bekam es wohl auch meistens.

„Emma hatte recht, wie meistens.“ Aus seinen Augen sprach eine große Liebe zu seiner Großmutter, und Catherines Respekt ihm gegenüber wuchs. Einen Mann, der fähig war, sich selbst nicht so ganz ernst zu nehmen, musste man einfach gern haben.

„Unsere Bediensteten hatten genug damit zu tun, die Wünsche meiner Eltern zu erfüllen, und wollten sich nicht noch mit zwei verwöhnten Kindern abplagen.“

„Du bist also jemand, dem es nicht schwerfällt, eigene Fehler zuzugeben.“

Er sah sie lächelnd an. „Ich habe dir doch schon gesagt, ich bin einzigartig. Außerdem, so viele Fehler habe ich nun auch wieder nicht.“

„Überheblichkeit ist eine typisch männliche Eigenschaft“, sagte sie warnend.

„Ich habe nie abgestritten, ein Mann zu sein.“

Das glaubte sie auch ohne diesen Hinweis. Sie fuhr sich mit dem Handtuch über das nasse Haar. „Emma hat sicher darauf geachtet, dass du den Kontakt zur Wirklichkeit nicht verlierst.“

„Das kannst du wohl sagen.“ Auch er rubbelte sich jetzt das Haar trocken und legte sich dann das Handtuch um die breiten Schultern.

Diese einfache Geste brachte ihr seine Männlichkeit besonders zu Bewusstsein. Die Krawatte hing ihm lose um den Hals, und er öffnete den obersten Kragenknopf. Mit dem noch feuchten und ungekämmten Haar wirkte er irgendwie verwegen und noch aufregender als vorher.

Ihre Blicke begegneten sich, und Catherine konnte plötzlich keinen klaren Gedanken fassen. Er trat näher und sah sie unablässig an. Dann nahm er ihr das Handtuch aus der Hand und stellte sich vor sie. Sie spürte seine Körperwärme, als er jetzt näher kam und anfing, ihr das Haar zu trocknen. Bei der kräftigen rhythmischen Berührung musste sie einfach die Augen schließen und den Kopf gegen seine Brust lehnen.

Da sie die Augen geschlossen hatte, nahm sie ihre Umgebung umso deutlicher mit den anderen Sinnen war. Sie hörte, wie der Regen weiter gegen die Fenster schlug, oder war das ihr Herzschlag? Und sie spürte ein so starkes Verlangen in sich erwachen, wie sie es noch nie empfunden hatte.

Sie überließ sich ganz ihren Gefühlen. Ihr war, als massiere er nicht nur ihre Kopfhaut, sondern auch andere Teile ihres Körpers. Er strich ihr das Haar aus der Stirn, und allein diese Berührung ließ ihre Brüste weich und schwer und die rosigen Spitzen hart werden. Ein tiefes Sehnen überwältigte sie, und unbewusst stöhnte sie leise auf.

Einem grellen Blitz folgte ein krachender Donnerschlag. Catherine fuhr zusammen und machte zwei schnelle Schritte zurück. Ihr Herz raste, aber nicht aus Angst vor dem Gewitter.

„Ich kann jetzt weitermachen“, sagte sie, sah Logan dabei aber nicht an.

„Gleich, ich will erst noch …“ Er nahm einen Zipfel des Handtuchs und wischte ihr damit über das Gesicht. „Wimperntusche“, sagte er lächelnd und zeigte ihr die schwarzen Flecken auf dem Handtuch.

„Oh. Danke.“

„Es war mir ein Vergnügen.“ Er legte ihr die Hände leicht auf die Schultern. „Warum ziehst du dir nicht die nassen Sachen aus?“

Sie legte den Kopf auf die Seite. „Findest du nicht, dass du etwas zu forsch vorangehst?“

Er lachte. „Ich habe nicht gesagt, dass ich dir die Sachen ausziehen werde, obwohl ich mich in dem Punkt wohl überreden lassen würde.“

„Schlechter Mensch“, sagte sie mit gespielter Empörung.

„Möchtest du herausfinden, wie schlecht?“ Bevor sie noch antworten konnte, nahm er sie bei der Hand. „Komm. Deine Sachen sind nass, und du frierst sicherlich. Ich werde bestimmt irgendwo etwas haben, was du anziehen kannst.“

„Das wäre wunderbar.“

Fünf Minuten später stand sie in einem kleinen Badezimmer mit einer altmodischen Badewanne und einer Dusche, die noch älter aussah. Auf einem kleinen Hocker lag ein flauschiger Jogginganzug von Logan.

Sie nahm das weiche Sweatshirt hoch, drückte es gegen ihr Gesicht und atmete tief seinen Duft ein. Es roch sauber und frisch gewaschen und dennoch ganz leicht nach Logans Eau de Cologne. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

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