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TIFFANY HOT & SEXY BAND 60

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Im Schein des Kaminfeuers

1. KAPITEL

Erik Matheson hatte schon viele Feuer bekämpft, aber noch nie war er derart erschöpft gewesen. Natürlich war ein Großfeuer in einem Wohnblock eher die Ausnahme in der kleinen Stadt eine Autostunde nördlich von Denver. Und für gewöhnlich war er auch besser ausgeruht, wenn er seinen Dienst antrat. Aber er hatte jetzt mehrere Tage bis spät in die Nacht hinein seiner Schwester bei ihrem Umzug zurück nach Pine Ridge geholfen. Und dann hatte er bei diesem Einsatz unglücklicherweise auch noch Rauch eingeatmet, und alles zusammen forderte seinen Zoll. Nachdem das Feuer endlich gelöscht war, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten.

„Alles in Ordnung, Mann?“ Sein Freund und Kollege Layton Davis sah ihn fragend an, als sie gemeinsam in den Vorort fuhren, in dem Erik sich vor einigen Monaten ein Haus gekauft hatte.

„Geht so. Aber ich bin ganz schön kaputt.“

„Du wirst eben alt.“ Layton grinste.

„Ich bin fünf Jahre älter als du, nicht zwanzig.“ Erik rieb sich die Augen. Sie brannten immer noch von der intensiven Hitze.

„Hör mal, ich bin noch nie bei dir gewesen. Wie muss ich fahren?“

Auch Layton klang müde. Ihre Schicht war fast zu Ende gewesen, als der Notruf eingegangen war. Sechs Stunden hatten sie dann gebraucht, um das Feuer unter Kontrolle zu bekommen. Es war wirklich ungeheuer anstrengend gewesen. Erik ging davon aus, dass er die Extrakalorien, die er den Backkünsten seiner Schwester Alexis zu verdanken hatte, längst wieder verbrannt hatte.

Seine Schwester war sehr konservativ, wenn es um die Festtage ging. Sie hatte ihn sogar dazu gebracht, einen Weihnachtsbaum zu kaufen und die albernen Socken für den Weihnachtsmann an den Kamin zu hängen. Da es das erste Haus war, das wirklich ihm gehörte, und da seine Eltern im Moment in Schottland waren, hatte er sich nicht gegen den Versuch seiner Schwester gesträubt, für Weihnachtsstimmung zu sorgen.

„Bieg zuerst links ab und dann rechts in den Timber Ridge Drive.“

Layton folgte seinen Anweisungen. Sein Freund war ein sehr solider junger Mann, wenngleich vielleicht auch etwas zu gut aussehend – erst in der vergangenen Woche war die Anfrage vom Herausgeber des Feuerwehrkalenders 2016 gekommen, ob er sich nicht für eine Aufnahme zur Verfügung stellen wolle. Der Erlös aus dem Verkauf dieses Kalenders wurde alljährlich für wohltätige Zwecke gespendet. Der arme Kerl hatte sich daraufhin einiges an Spott von seinen Kollegen anhören müssen. Nur gut, dass Alexis und ihre Freundin Emma gerade auf dem Weg nach Colorado Springs waren. Alexis hatte schon immer eine Schwäche für attraktive Männer gehabt, und im Moment konnte sie wirklich keinen Herzschmerz gebrauchen.

„Hier ist es.“ Erik deutete auf das Haus mit der großen Veranda, dessen Eingang von zwei Säulen flankiert wurde. Es war sehr geräumig. Das war nur gut, denn zweifellos war es am besten, wenn sein Freund über Nacht blieb – die Straßen wurden schon glatt.

„Schönes Haus“, bemerkte Layton, während er den Wagen die vereiste Auffahrt hinauflenkte. Die Räder drehten einen Moment lang durch, bevor sie wieder fassten und den Wagen nach vorn schießen ließen. „Verdammt, ganz schön rutschig!“

„Deswegen wirst du heute Nacht hierbleiben.“ Erik hatte Mühe, die Worte klar zu formen. Er war noch müder, als er bisher angenommen hatte.

„Nicht nötig, ich schaffe es noch nach Hause. Sobald die Straßen morgen wieder frei sind, hole ich dich ab. Dann fahren wir zur Zentrale, damit du deinen Wagen holen kannst.“

„Hör mal, es ist schon nach ein Uhr, und die Straßen sind in fürchterlichem Zustand. Ich habe ein Gästezimmer.“

„Ich dachte, deine Schwester wohnt eine Zeitlang bei dir.“

„Sie verbringt das Wochenende mit ihrer besten Freundin aus Schultagen in Colorado Springs.“ Und diese Freundin war sehr erwachsen geworden. Und sehr sexy. Emma war gestern eingetroffen, gerade als er das Haus verließ, um zum Dienst zu fahren. Er hatte sie seit ihrer Schulzeit nicht mehr gesehen, und die Begrüßung war ihm fast im Halse stecken geblieben. Sie sah atemberaubend aus. Die staksigen dünnen Beine und die Zahnspange waren passé. Emma Brent war zu einer richtigen Frau geworden.

„Dann nehme ich dich beim Wort. Ich bin auch schon halbtot.“ Layton stellte den Motor ab und sah Erik fragend an. „Brauchst du Hilfe?“

„Ich habe nur etwas Rauch abbekommen. Alles in Ordnung.“ Erik öffnete die Tür. Die kalte Luft verursachte einen stechenden Schmerz beim Atmen. Als die Löscharbeiten schon fast vorbei gewesen waren, war er im Löschwasser ausgerutscht. Dabei war seine Atemmaske verrutscht, und bevor er sie wieder hatte richten können, hatte er Rauch in seine Lungen bekommen. Der Notarzt hatte gesagt, es sei alles in Ordnung, aber dennoch hatte er Laytons Angebot angenommen, ihn nach Hause zu fahren. Ihm schwindelte, und er war erschöpft – keine gute Voraussetzung, um bei den jetzigen Wetterverhältnissen allein zu fahren.

Als die Männer die Veranda im stechenden Eisregen erreichten, fiel Erik ein, dass sein Schlüsselbund noch im Handschuhfach seines Wagens lag. „Verdammt!“

„Was ist?“ Layton sah ihn fragend an.

„Meine Schlüssel …“

Layton sah ihn entsetzt an. „Du machst Witze!“

„Ich habe noch einen Ersatzschlüssel. Warte.“ Erik eilte zur Garage und hob den schweren Topf mit dem Busch an, den seine Schwester ihm zum Einzug geschenkt hatte. An dessen Boden befand sich ein kleines Fach für einen Ersatzschlüssel.

Er rannte zurück zur Veranda. „Ich hab ihn.“

Eine Sekunde später waren sie im warmen Haus. Alexis hatte das Licht über dem Herd angelassen, sodass ein warmer Schein über die Möbel fiel, die er erst vor Wochen ausgesucht hatte. Es roch noch alles sehr neu.

„Ich hole dir ein paar Sachen zum Wechseln. Und du wirst sicher duschen wollen.“ Er hoffte, dass sein Freund den Wink verstand. Im Haus war mehr oder weniger alles neu, einschließlich der Decken und Laken im Gästezimmer, in dem seine Schwester wohnte.

„Danke. Ja, ich muss unbedingt duschen, bevor ich mich aufs Ohr lege.“

„Ich auch.“ Erik deutete auf die offene Tür am Ende des Korridors. „Das Gästebad ist dort drüben. Meine Schwester hat nicht gerade einen Putzfimmel, aber es sollte halbwegs sauber sein.“

„Das wird schon gehen. Ich brauche eine Dusche und zehn Stunden Schlaf. Leg die Sachen einfach vor die Tür. Gute Nacht.“

„Nacht.“ Erik verschwand in sein Schlafzimmer, das ein eigenes Bad hatte. Er machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Seine Augen schmerzten, und sein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment platzen. Rauch einzuatmen war wirklich ungesund.

Fünf Minuten später tapste er zurück in sein Zimmer. Er rubbelte sich das Haar trocken und warf das Handtuch auf den Stuhl, der neben seiner Kommode stand. Müde schob er sich unter die Decke und wollte nur noch eines: in einen langen, tiefen Schlaf fallen.

Als Erstes fiel ihm auf, wie warm das Bett war.

Dann bemerkte er den Körper, der sich unter der Decke zusammengerollt hatte.

Und schließlich stieg ihm der Duft frisch gewaschener Laken in die Nase.

Obwohl er vor Müdigkeit regelrecht benommen war, setzte sein Verstand die Teile des Puzzles zu einem Gesamtbild zusammen: Die Person, die da neben ihm auf der Matratze lag, war die Freundin seiner Schwester.

Emma Rose Brent.

Eriks Augen gewöhnten sich langsam an das Mondlicht, das zwischen den Vorhängen hereinfiel, und er erkannte, was ihm zuvor nicht aufgefallen war: die Konturen ihres Körpers. Das Licht fiel über ihren Hals und ihr Gesicht. Auf ein Paar weicher Lippen. Miss Emma Rose mochte Lehrerin für Literatur sein, aber sie hatte die Lippen eines Porno-Stars.

Und trotz Kopfschmerzen, trotz Halsschmerzen, trotz bleierner Müdigkeit konnte er sich nicht davon abhalten, ihren Anblick in sich aufzusaugen.

Emma war immer sehr dünn und ungelenk gewesen. Ein scheues Mädchen, das wenig sprach und das zufrieden damit zu sein schien, im Hintergrund zu bleiben. In seiner Gegenwart war sie immer besonders schweigsam gewesen, deswegen war er am Vortag so überrascht gewesen von der Frau, die ihn so selbstsicher begrüßte.

„Mmm“, murmelte sie und drehte sich auf die Seite, wobei sie die Decke mit sich zog.

Er wusste, dass es nicht richtig war, aber er konnte sich nicht davon abhalten, sie zu betrachten. Der Abdruck des Kissens auf ihrer Wange. Das zerzauste blonde Haar. Der kleine zufriedene Seufzer, als sie wieder in tieferen Schlaf versank.

Und dann ein Schrei.

Ein Schrei seiner Schwester.

Emma hatte geträumt, sie sei wieder in der High School. Mrs. Vonnegut – nicht verwandt mit dem bekannten Autor Kurt Vonnegut – hatte ihr eine Standpauke gehalten, weil sie das Frühlingskonzert verpatzt hatte. Sie hatte Emma ein Stück gegeben, das sie noch nie gesehen hatte, und hatte das Orchester gebeten, sie zu begleiten. Emma hatte sich redliche Mühe gegeben, aber Ertha Vonnegut hatte sie angeschrien, sie solle sofort aufhören zu singen.

Dann erwachte sie, weil tatsächlich jemand schrie.

Und sah den Mann neben sich.

Einen nackten Mann.

„Emma, Emma“, flüsterte dieser leise. „Es ist okay. Ich bin es.“

Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass es Alexis’ Bruder Erik war. „W-was machst du hier?“ Sie riss die Decke an sich und wich vor ihm zurück, während sie zu begreifen versuchte, was hier vorging.

Erik war im Bett mit ihr. Nackt. Und Alexis schrie.

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du hier bist.“ Er schnappte sich die Wolldecke, die am Fußende des Bettes lag, und warf sie sich um.

„Und Alexis?“ Emma war immer noch verwirrt.

„Hör mal, das Chaos tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen und Layton retten. Sie hat wahrscheinlich irgendetwas nach ihm geworfen.“ Erik schaltete die Nachttischlampe ein. Der Wecker zeigte 1:42 Uhr.

Alexis schrie jetzt nicht mehr, aber es folgte der Aufschrei einer männlichen Stimme und ein Fluch.

„Zu spät.“ Erik erhob sich und schlang sich die Decke um die Hüften. Emmas Blick glitt von seinem breiten Rücken hinunter zu seinem Hintern. Von früheren Betrachtungen her wusste sie, dass er wirklich sehenswert war.

Es krachte, und erneut folgte ein Fluch.

„Was zum Teufel ist los?“, murmelte Emma, als Erik die Tür seines Schlafzimmers öffnete. Er hatte noch keinen Schritt auf den Korridor hinaus getan, als ein Mann in Jeans an ihm vorbeistürzte.

„Deine Schwester ist ja total verrückt.“ Der Mann hob seine Arme, als wolle er einen Angriff abwehren.

Und dann erschien Alexis, bekleidet mit einem winzigen Oberteil und einem Hauch von Höschen. „Was ist los, Erik? Wer um alles in der Welt ist das?“

„Hey, hey, immer langsam!“ Erik hielt seine Schwester fest, die drauf und dran schien, sich in den Kampf zu stürzen.

„Reg dich ab, Teuerste!“, rief der Mann neben Erik. „Ich wusste doch gar nicht, dass du in dem Bett liegst. Komm mal wieder runter.“

Emma war im Bett geblieben, die Decke fest unter die Arme geklemmt. Sie hatte ein T-Shirt für die Nacht angezogen. Ihr BH hing am Griff der Schlafzimmertür, und die Hose ihres Pyjamas hatte sie einfach zu Boden fallen lassen, bevor sie in Eriks Bett gestiegen war.

„Was macht ihr denn noch hier?“ Erik sah seine Schwester fragend an.

„Au!“ Alexis verzog das Gesicht. Sie hob den Fuß und betrachtete ihn stirnrunzelnd. „Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verletzt. Und dass wir hier sind, war eigentlich gar nicht geplant. Emma und ich sind mit ihrem SUV zu ihren Eltern aufgebrochen. Und gerade als wir den Highway runterfahren, fällt mir auf, dass ich das Ladekabel für meinen Laptop vergessen habe. Also sind wir umgekehrt. Aber als wir dann wieder losfahren wollten, waren die Straßen wegen des Schnees teilweise schon gesperrt. Da haben wir beschlossen, mit der Abfahrt bis morgen Vormittag zu warten. Bis dahin müssten die Straßen alle ja wieder geräumt sein.“

„Ach, deswegen steht dein Auto nicht vor dem Haus“, bemerkte Erik.

„Richtig. Ich habe angenommen, du würdest arbeiten.“ Alexis hinkte ins Zimmer und setzte sich auf das Bett. Erik und der Mann hinter ihm sahen zu, wie sie ihren Knöchel abtastete.

„Lex, du hast keine Hose an“, zischte Emma ihr zu.

„Und wenn schon … Verdammt, der Knöchel schwillt an.“

Emma wünschte sich, so sein zu können wie Alexis. Ein Bündel an Selbstvertrauen und Energie mit lockerem Mundwerk. Hier vor zwei Männern in ihren Dessous zu sitzen, schien ihr nicht das Geringste auszumachen.

„Sie hat mich vom Bett gestoßen, getreten und mit einem Schuh beworfen.“ Der Mann hinter Erik schien fassungslos.

„Du hast mich zu Tode erschreckt!“ Alexis’ dunkle Augen blitzten.

„Okay, okay.“ Erik hob abwehrend die Hände. „Jetzt beruhigen wir uns alle wieder. Das Ganze war ein großes Missverständnis. Zum Glück ist ja niemandem etwas passiert.“

„Das sehe ich anders.“ Alexis hatte das Gesicht schmerzvoll verzogen. „Ich bin über meinen Koffer gestolpert, als ich diesen Perversen aus meinem Zimmer gejagt habe.“

„Pervers?“ Der Mann war empört. „Ich bin doch kein …“

„Er ist nicht pervers. Normalerweise jedenfalls nicht. Das ist Layton Davis.“ Erik sah zur Decke, so als flehe er stumm um Geduld. „Er hat mich nach Hause gefahren, nachdem wir einen großen Brand gelöscht hatten. Ich habe ihm das Gästezimmer angeboten, weil ich dachte, ihr wärt fort. Zumindest war das mein letzter Informationsstand.“

Emma verspürte Gewissensbisse. Es war alles ihre Schuld. Sie hatte an dem Morgen einfach zu vieles erledigen wollen. Deswegen hatten sie dann nicht mehr alles geschafft für die Weihnachtsveranstaltung, die wie jedes Jahr in der Schule für geistig behinderte Erwachsene stattfinden sollte, die ihre Eltern leiteten. Die Veranstaltung war für Samstagabend angesetzt, und Alexis hatte sich bereit erklärt, Emma zu begleiten. Sie wollte ihre Eltern überraschen, die an diesem Abend einen Ehrenpreis der Stadt überreicht bekommen sollten. Sie war begeistert gewesen, als Alexis vorschlug, ein Mädelswochenende daraus zu machen. Emma war unlängst nach Greeley gezogen, ganz in der Nähe von Pine Ridge, um an der North Colorado State High School zu unterrichten.

„Tja, wir sind nun mal nicht weg. Aber wer steigt denn einfach so in ein fremdes Bett, ohne zu merken, dass darin schon jemand liegt?“ Alexis’ Empörung schlug immer noch hohe Wellen.

„Jemand, der hundemüde ist und nicht ahnt, dass das Bett schon besetzt ist.“ Layton warf Erik einen verärgerten Blick zu.

Der zuckte die Schultern. „Ich habe es nicht besser gewusst. Wie wäre es, wenn wir aufhören, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen, und uns ein Beispiel an Emma nehmen?“

Alle sahen Emma an. Sie lächelte verlegen.

Die Feindseligkeiten verpufften in Schweigen.

„Okay, gut. Da es draußen schweinekalt ist und die Straßen spiegelglatt sind, sollten wir uns nun hier für die Nacht einrichten“, schlug Erik vor.

„Deine Schwester braucht sicher Eis oder was anderes zum Kühlen.“ Layton deutete auf Alexis’ Knöchel, der anzuschwellen schien. „Wie wär’s, wenn ich etwas Eis hole, während ihr euch überlegt, wer heute Nacht wo schläft?“

Layton verschwand in Richtung Küche.

„Wieso läufst du hier mit der Decke rum?“ Alexis sah ihren Bruder fragend an.

„Weil ich nichts anhabe.“ Er zog die Decke fester um sich. Emma hatte bemerkt, dass sie sich während des Streits zwischen Alexis und Layton ein wenig gelockert hatte. Sie hatte einen Blick auf feste Muskeln bekommen und … Nein, sie wollte nicht daran denken. Es genügte, dass sie schon seit Jahren insgeheim für diesen Mann schwärmte.

Er war immerhin der Bruder ihrer besten Freundin!

Gut, er war rattenscharf, aber er gehörte mehr oder weniger zur Familie! Erik war der Mann, der ihr vor Jahren Süßigkeiten geschenkt und sie an den Zöpfen gezogen hatte. Gut, vielleicht nicht direkt, aber so etwas in der Art. Unter den Umständen sollte sie nicht daran denken, dass die Decke so weit heruntergerutscht war, dass sie einen Teil seines Hinterns gesehen hatte. Oder seine nackten Muskeln. Das kleine Tattoo auf seiner Brust, die so … hart aussah. So männlich und …

„Warte, hast du dich nackt zu Emma ins Bett gelegt?“ Alexis sah ihn fassungslos an.

„Ja“, gab Erik gelassen zu.

Alexis sah Emma verblüfft an. „Wie kommt’s, dass ich dich gar nicht schreien gehört habe?“

„Ich schreie nur selten“, erklärte Emma trocken.

„Das hättest du tun sollen, wenn sich so ein blöder Kerl auf dich gesetzt hätte“, murrte Alexis.

Der blöde Kerl erschien mit einem Beutel gefrorenem Brokkoli, den er in ein Geschirrtuch gewickelt hatte. „Hier“, sagte er und reichte Alexis das Paket. „Ich übernachte gern auf dem Sofa.“

„Und ich überlasse dir dein Bett und schlafe bei Alexis“, schlug Emma Erik vor. „Es ist mir wirklich peinlich, dass ich hier war, während du …“

„Das braucht dir doch nicht peinlich zu sein“, unterbrach Alexis sie. „Er war ja eigentlich im Dienst.“

Erik sah aus, als wolle er etwas sagen, schluckte es dann aber hinunter.

Unschlüssig standen sie da, bis Emma schließlich sagte: „Ich bin nicht gerade vollständig bekleidet. Und Erik auch nicht. Also …“

„Richtig.“ Alexis hinkte zur Tür. Erik hätte ihr gern geholfen, aber er musste die Decke festhalten.

„Verdammt!“ Layton hob Alexis auf seine Arme.

„Hey! Lass mich runter!“, fuhr diese ihn empört an.

„Das tue ich. In deinem Zimmer.“ Ungerührt von ihrem Gezeter ging Layton zur Tür.

Emmas Blick folgte ihm. Der Mann sah aus wie ein Model. Eine Strähne fiel ihm über die Stirn, und bei diesen festen Muskeln schien er kein Problem mit Alexis’ Gewicht zu haben. Emmas Blick fiel auf seinen Hintern – bis sie plötzlich bemerkte, dass Erik sie beobachtete.

Hastig wandte sie den Blick ab und flehte den Himmel an, nicht rot zu werden.

Vergebens.

„Ich ziehe mir schnell etwas über, und dann kannst du dich anziehen“, schlug Erik vor. Er nahm den Spitzen-BH vom Türgriff und betrachtete ihn amüsiert, bevor er ihn ihr grinsend reichte.

Sie spürte ein prickelndes Verlangen.

Verdammt! Erik Matheson war ein absoluter Fuchs. Layton mochte wie ein Abercrombie-Model aussehen, aber dieser Mann war Sex pur.

Emma fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, bevor sie ihm den BH abnahm. „Danke.“

„Brauchst du Hilfe?“ Sein Blick fiel auf ihre Brüste, die sie angestrengt mit der Decke bedeckte.

„Äh … nein.“ Sie konnte nur mit Mühe sprechen. Ihre Wangen brannten. Wieso konnte sie nicht so lässig sein wie Alexis? So cool?

„Das war ein Scherz, Em.“ Erik schnappte sich seine Jeans und folgte Layton und seiner immer noch zeternden Schwester aus dem Zimmer. Er hatte die Tür schon fast hinter sich zugezogen, als er noch einmal den Kopf hereinsteckte. „Nicht, dass ich es nicht gern getan hätte.“

Er schloss die Tür. Emma blieb allein zurück – mit hochrotem Gesicht und ziemlich angeturnt.

2. KAPITEL

Erik musterte die Fahrbahn kritisch auf der Suche nach Eis. Dann warf er einen Blick hinüber zur besten Freundin seiner Schwester. „Die Straße scheint in Ordnung zu sein. Rund um Denver ist alles gestreut, aber mein Bekannter von der Verkehrspolizei sagt, der Verkehr ist noch ein Albtraum. Mit dieser Abkürzung sollten wir schneller ankommen.“

„Gut.“ Emma hatte die Hände in ihrem Schoß gefaltet. Sie trug einen dicken Pullover mit einem Schal, schwarze Leggings und Wildlederstiefel, die ihr bis an die Schenkel reichten. Sie sah einfach atemberaubend aus. Das blonde Haar fiel ihr bis auf die Schultern herab, und die großen grünen Augen waren von langen Wimpern gesäumt.

Wie sollten sich ihre Schüler auf Chaucer konzentrieren, wenn ihre Literaturlehrerin derart sexy war?

Wahrscheinlich half ihre Art. Emma hatte etwas Unberührbares an sich.

Er hatte darauf bestanden, sie zu fahren, nachdem seine verletzte Schwester irgendwann hatte einräumen müssen, dass sie nicht in der Verfassung war, ihre Freundin zu begleiten. Glücklicherweise hatte er keine Folgeerscheinungen einer Rauchvergiftung mehr. Acht Stunden Schlaf in seinem Bett wirkten offensichtlich wahre Wunder.

„Nochmals vielen Dank, dass du mich fährst. Ich möchte wirklich gern dabei sein, wenn meine Eltern ihre Auszeichnung erhalten.“

„Ich wollte dich bei diesem Wetter nicht allein fahren lassen. Und wenigstens muss ich mir jetzt nicht Alexis’ Tiraden wegen der Schmerzen in ihrem Fuß anhören.“

„Die arme Lex. Ihr Knöchel war wirklich ziemlich geschwollen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, sie alleingelassen zu haben.“

„Der Knöchel ist nur verstaucht. Layton hat angeboten, sie zum Röntgen zu fahren, aber es ist nichts Ernstes.“ Erik kniff die Augen zusammen und suchte nach der Abzweigung. Normalerweise hätte er niemals eine Seitenstraße genommen, wenn die großen Straßen gestreut waren, aber die Veranstaltung zu Ehren von Emmas Eltern begann in weniger als zwei Stunden. Falls Emma es schaffen sollte, dann musste er sich beeilen. Der Schneesturm war wirklich übel gewesen, und der Highway war gerade erst vor einer Stunde wieder freigegeben worden. Endlich erblickte er die Abzweigung und drosselte die Geschwindigkeit, um Emmas Lexus auf die zweispurige Straße zu bringen.

Emma blickte skeptisch drein. „Hier bin ich ja noch nie gefahren.“

„Ich kenne die Straße noch aus meiner Zeit am College. Mach dir keine Sorgen. Ich bin hier schon bei schlechterem Wetter gefahren.“

„Ich hatte ganz vergessen, dass du auf der Akademie der Air Force gewesen bist.“

„Nur für ein Jahr.“ Er zuckte die Schultern. Es machte ihn ein wenig verlegen, dass er die Akademie für etwas so Banales wie den Beruf eines Feuerwehrmannes aufgegeben hatte. Aber er liebte seinen Beruf und wusste, dass er das Richtige war für ihn. Jede Vorlesung am College hatte für ihn Quälerei bedeutet. Es war einfach nicht sein Ding gewesen.

Nach ein paar Meilen fielen ihm immer öfter vereiste Flächen auf. Offenbar hatte die Stadt sich auf die großen Straßen konzentriert und es versäumt, auch hier zu streuen. Schließlich war die Straße nicht sehr stark befahren. Er musste vorsichtig sein und fuhr noch langsamer. Er nahm sich vor, sich nicht mehr von Emmas Beinen ablenken zu lassen. Aber gegen ihr sinnliches Parfum war er machtlos – es ließ seine Gedanken in Richtungen schweifen, in denen sie nichts zu suchen hatten.

Ein paar Mal rutschten die Reifen. Emma hielt sich unwillkürlich am Armaturenbrett fest. „Tut mir leid, dass ich ein solches Nervenbündel bin.“ Sie lachte verlegen.

„Ich gebe zu, es ist etwas schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe.“ Erik wollte nicht zugeben, dass es ein Fehler gewesen war, diese Abkürzung zu nehmen. Er hätte sich an die gestreuten Hauptstraßen halten sollen. Besser, Emma wäre zu spät gekommen, als dass er hier vergebens den Helden spielte! Aber er hatte ihren sehnsüchtigen Blick gesehen, und aus irgendeinem Grund wollte er sie beeindrucken.

Vor ihnen lag eine scharfe Kurve, und Erik bremste noch weiter ab. Plötzlich erwischte er spiegelglattes Eis. Der Wagen rutschte seitwärts auf eine Leitplanke zu – und auf die dahinterliegende steile Böschung.

„Ah!“ Emma stieß einen kleinen Schrei aus, als der SUV schlingerte. Erik sah aus den Augenwinkeln, wie sie sich an dem Griff über ihrem Kopf festklammerte, aber er zwang sich, den Blick nicht von der Fahrbahn zu wenden und die Hände am Steuer zu lassen. Er brachte den Wagen wieder unter Kontrolle und hatte gerade erleichtert aufgeatmet, als der hintere Kotflügel die Leitplanke streifte.

Der Lexus drehte sich um hundertachtzig Grad.

Die Reifen fanden keinen Halt.

Wie in Zeitlupe kippte der Wagen über die Böschung.

Der Gurt drückte ihn gegen den Sitz. Er hörte Emma schreien.

Verdammt!

Erik trat auf die Bremse, blockierte die Räder, konnte die Bewegung aber nicht stoppen. Unaufhaltsam ging es die Böschung hinunter. Zweige streiften den Wagen, bevor er gegen etwas prallte, das ihn neuerlich um hundertachtzig Grad drehte. Sie rasten direkt auf einen großen Baum zu.

Der Lexus durchbrach eine Schneewehe und prallte gegen den Stamm.

Hart.

Eriks Kopf wurde nach vorn geschleudert. Etwas kam ihm entgegen.

Der Airbag.

Die ganze Zeit konnte er Emma schreien hören. Oder war er es selbst? Er wusste es nicht. Er konnte nicht sehen. Konnte nicht atmen.

Instinktiv schnappte er nach Luft. Der Airbag begann, in sich zusammenzufallen.

„Emma?“

Keine Antwort.

„Emma? Ist alles in Ordnung?“, brüllte er.

Er hörte sie spucken, und dann berührte ihre Hand sein Bein. „Ich bin hier. Ich glaube, es ist alles okay.“

Erik schob den Airbag beiseite und sah zu Emma hinüber. Sie war über und über mit Staub bedeckt. Ihre Blicke trafen sich. Im selben Moment krachte etwas auf das Dach. Emma kreischte auf und duckte sich. Auch er zog den Kopf ein, bis er begriff, dass es nur Schnee gewesen war, der sich von den Ästen über ihrem Wagen gelöst hatte.

Er war wie betäubt. „Bist du verletzt?“, keuchte er.

„Ich glaube nicht.“ Sie bewegte ihre Beine. „Mein Hals tut etwas weh, wenn ich ihn bewege, aber ich glaube, es ist alles in Ordnung. Und bei dir?“

„Ja, sieht auch gut aus.“

Sie hatten wirklich großes Glück gehabt. Die Schneewehe hatte ihren Aufprall merklich abgefedert. Andernfalls wäre es für sie beide wohl nicht so glimpflich ausgegangen. Als Feuerwehrmann hatte er schon die grauenvollen Folgen vieler Frontalzusammenstöße gesehen.

Der Motor war ausgegangen, und er konnte durch das zersplitterte Sicherheitsglas der Windschutzscheibe, die jetzt wie ein großes Spinnennetz aussah, nichts sehen. Das Seitenfenster war blockiert, weil der Ast einer großen Tanne dagegendrückte. Er blickte an Emma vorbei, die sich immer noch mit dem Airbag abmühte. Durch ihr Fenster konnte er erkennen, dass sie im dichten Unterholz gelandet waren.

Erik atmete erleichtert auf, als er den Knopf der Zentralverriegelung drückte und das Klacken aller Türen hörte. Er löste seinen Gurt und zog das Handy aus der Tasche. Das Display erschien, zeigte aber prompt Kein Empfang an. „Verdammt!“

Frustriert schlug er auf das Steuer und wirbelte damit eine Wolke weißen Staubes auf, der ihn zum Husten brachte.

„Was ist?“, fragte Emma, während sie die Hülle des Airbags im Fußraum zusammenknüllte.

„Kein Empfang!“ Er deutete auf sein Handy. „Versuch mal deins.“

Emma tastete nach ihrer Tasche. Offenbar war einiges herausgefallen, denn sie fluchte vor sich hin, bis sie schließlich ein pinkfarbenes Smartphone in der Hand hielt.

„Oh nein!“, stöhnte sie.

„Was ist?“

„Ich habe gestern Abend vergessen, es aufzuladen. Die Batterie ist fast leer.“

„Meine Güte! Wer vergisst denn so was?“ Eriks Frust wurde größer. Sie erinnerte ihn an seine Schwester: Vernunft gleich null. Und nun konnten sie keine Hilfe rufen.

Emma funkelte ihn wütend an. „Wer so etwas vergisst? Vielleicht jemand, der an einem fremden Ort schläft? Jemand, zu dem ein nackter Mann ins Bett gekrochen kommt? Jemand, der dir keine Rechenschaft schuldig ist?“

Touché.

Seufzend fuhr Erik sich mit der Hand über das Gesicht. „Es tut mir leid. Es ist der Stress. Kannst du es nicht über die Autobatterie aufladen?“

Sie ignorierte seine Entschuldigung. „Dazu müsste der Motor laufen. Wen soll ich anrufen?“

„Ruf 911 an, den Notruf.“

Nachdem er ihr gesagt hatte, wo sie sich seiner Meinung nach in etwa befanden, wählte sie die Nummer. Während er ihr dabei zusah, spürte er Angst in sich aufsteigen. Die Temperatur war zwar noch nicht arktisch, aber nach Sonnenuntergang würde sie sinken. Bis dahin mussten sie Hilfe gefunden haben. Er warf einen Blick auf die Uhr. Halb fünf.

„Äh, hi. Hier ist Emma Brent. Ein Freund und ich waren auf der – wie hieß die Straße noch mal?“ Sie sah ihn fragend an.

„Old Fox Farm Road.“

„Haben Sie es gehört? Wir wollten zur 105, und dann sind wir plötzlich auf einer Eisfläche gelandet und über die Böschung gerutscht. Das muss so ungefähr zehn Meilen hinter Mill Creek Run gewesen sein. Hallo? Können Sie mich hören? Hallo?“ Emma nahm das Smartphone vom Ohr und sah auf das Display. „Nein, nein, nein!“

Dann blickte sie ihn an. „Tut mir leid!“

Erik hätte am liebsten noch einmal mit der Hand auf das Steuer geschlagen, aber er hielt sich zurück. „Okay. Ist nicht so schlimm. Ich klettere jetzt nach draußen und sehe zu, wie ich die Böschung hinaufkomme. Oben auf der Straße sollte ich Empfang haben. Du bleibst hier. Zieh dir deine Jacke über und sieh zu, dass du warm bleibst.“

Erik nahm seine Jacke vom Rücksitz und schaffte es irgendwie, sie sich hinterm Steuer sitzend anzuziehen. Dann schlang er sich den Schal um. Er musste sich kräftig gegen die verbogene Tür stemmen, bis sie endlich nachgab und er in die bittere Kälte hinausklettern konnte. Kaum war er draußen, als Eisregen einsetzte. Die Tropfen prasselten auf das demolierte Dach des Wagens.

Ohne sich den Schaden anzusehen, begann Erik, die steile Böschung hinaufzusteigen. Wenn er Glück hatte, kam oben ein anderer Wagen vorbei. Oder es geschah ein Wunder und er hatte Empfang und konnte Hilfe herbeirufen.

Zehn Minuten später kehrte er deprimiert zum Auto zurück. Er hatte keinen einzigen Wagen vorbeifahren sehen, und sein Handy hatte keinen Empfang, ganz gleich, wo er es versucht hatte. Es war wirklich absurd, denn schließlich behaupteten alle Netzanbieter, landesweiten Empfang zu garantieren. Totaler Blödsinn!

Emma empfing ihn in ihre Jacke vergraben, aber dennoch zitternd vor Kälte. „Hast du Glück gehabt?“

„Nein.“ Erik wollte nicht zugeben, wie dumm die Idee gewesen war, diese Abkürzung zu nehmen. Er hatte sich darüber aufgeregt, dass sie ihr Smartphone nicht aufgeladen hatte, aber die Schuld an diesem ganzen Fiasko lag ganz allein bei ihm. Das einzig Gute war, dass der Eisregen aufgehört hatte, aber in der Ferne hingen die Wolken schon wieder bedrohlich dunkel und tief. „Lass uns versuchen, den Motor zu starten und dein Handy aufzuladen. Das hätten wir gleich machen sollen.“

Er drückte den Anlasser. Nichts. Nur ein leises Klicken. Er trat das Gaspedal wieder und wieder, als könne das helfen. Keine Reaktion.

Emma zog ihre Hände aus den Taschen. „Während du weg warst, habe ich das Smartphone noch mal kurz anbekommen und eine SMS an Alexis geschickt. Ich glaube, sie wurde gesendet. Ich habe nur geschrieben, dass wir an der Old Fox einen Unfall hatten und dass uns nichts passiert ist. Dann war die Batterie endgültig leer. Es tut mir leid, dass ich sie nicht aufgeladen habe. Wir wären jetzt nicht in dieser Situation, wenn ich daran gedacht hätte.“

Eriks Gewissensbisse nahmen überhand. „Nein, es ist alles meine Schuld. Ich habe darauf bestanden, diese Strecke zu nehmen.“

„Was machen wir jetzt?“

„Wir gehen zurück Richtung Highway und hoffen, dass irgendjemand vorbeikommt, der uns mitnimmt. Es ist zwar nur eine Nebenstraße, aber hier leben ja auch Menschen. Irgendjemand wird schon kommen.“

Niemand kam.

Es war wie im Kino. Zwei Menschen gestrandet im Nirgendwo. Eiskaltes Wetter. Weit und breit keine Menschenseele. Fehlte nur noch ein Massenmörder auf der Flucht.

„Was für ein Mist!“ Erik hielt sein Handy hoch, während sie die Strecke zurückliefen, die sie gekommen waren. Eine gute halbe Stunde hatten sie darauf gewartet, dass irgendjemand vorbeikam, bis sie sich schließlich zu dem Fußmarsch entschieden hatten. Sie waren nur zehn oder zwölf Meilen gefahren seit der Abzweigung auf diese Nebenstrecke, und das Laufen hielt sie wenigstens warm. Zumindest klapperten Emmas Zähne nicht mehr so laut.

„Sieh mal!“, sagte sie.

Erik hatte sein Handy auf und ab bewegt, nach rechts und nach links, und dabei starr auf die Empfangsanzeige im Display geschaut. Wenn er wenigstens einen Balken bekommen würde. Nur einen einzigen!

Jetzt löste er den Blick vom Handy und sah in die Richtung, in die Emma deutete. Sie hatte einen verwitterten alten Leitpfosten mit einem Reflektor entdeckt.

Erik ließ das nutzlose Handy in der Tasche verschwinden und eilte hinüber. „Unglaublich! Das ist eine alte Zufahrt.“

3. KAPITEL

Emma fühlte sich beklommen. Die muffige Holzhütte war wohl schon seit Jahren nicht mehr genutzt worden. „Es ist wirklich gruselig“, stellte sie fest. „Man kommt sich vor wie in einem Horrorfilm. Fehlt nur noch der Kerl mit der Kettensäge.“ Sie ließ ihren Finger durch die dicke Staubschicht auf einem kleinen Tisch fahren.

„Das habe ich auch schon gedacht“, bekannte Erik und stieß die Tür hinter sich zu. Der graue Himmel wirkte bedrohlich. Es lag Schnee in der Luft. Seit sie den Wagen verlassen hatten, war die Temperatur sogar noch um einige Grad gesunken.

Die Hütte war rustikal – wenn man sie nicht als heruntergekommen bezeichnen wollte. Irgendwann einmal musste sie ein behaglicher Rückzugsort gewesen sein. Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Teich, der jetzt zugefroren war. Es gab nur einen einzigen Raum mit einer winzigen Küche und einem Doppelbett. Die verblichenen Vorhänge vor den zwei kleinen Fenstern verrieten im Dekor den Geschmack der achtziger Jahre – und eine offensichtliche Vorliebe für Fische.

Emma öffnete die Kühlschranktür und schloss sie gleich wieder. Der Kühlschrank war leer, stank aber bestialisch. „Igitt!“

Erik ging die Schubladen durch. „Eine Taschenlampe“, murmelte er. „Aber sie geht nicht. Ein Paket Cracker, das 2001 abgelaufen ist. Eine Büchse mit Dosenfleisch. Streichhölzer.“ Er schüttelte die Schachtel.

Emma öffnete die einzige Tür, die es außer der Eingangstür noch gab. Sie entdeckte ein winziges Bad mit Toilette, Waschbecken und einer engen Duschkabine. Sie drehte den Hahn auf, und es kam tatsächlich Wasser heraus. „Wir haben Wasser!“, rief sie Erik zu.

„Der Herd wird mit Gas geheizt, aber er ist wahrscheinlich schon lange nicht mehr angeschlossen“, bemerkte er.

„Zumindest gibt es einen Kamin.“ Emma warf einen Blick in die Kiste, die daneben stand. „Es ist sogar noch Holz da.“

„Ich sehe mir mal den Rauchfang an und mache uns dann ein Feuer.“

„Heißt das, wir bleiben heute Nacht hier?“ Emma kannte die Antwort bereits, fürchtete sich jedoch, sie aus Eriks Mund zu hören. Draußen braute sich ein Unwetter zusammen, und sie waren schlecht darauf vorbereitet. Und zudem sehr allein …

„Uns wird nichts anderes übrig bleiben. Es wird schon dunkel, und es sieht ganz so aus, als ob es noch mehr Schnee geben wird. Wir bleiben hier, und morgen früh gehen wir dann wieder zur Straße und versuchen unser Glück. Aber jetzt will ich erst mal ein Feuer machen. Mir ist kalt.“

Emma nahm ihm die Streichhölzer ab. „Du gehst zurück zum Wagen und holst meinen Koffer, während ich Feuer mache. Ich habe ein paar Kekse dabei und eine große Schachtel Pralinen. Es ist nicht viel, aber immer noch besser als altes Dosenfleisch.“

Erik schien widersprechen zu wollen, beschränkte sich dann aber darauf, die Schultern zu zucken. „Okay. Sieh nach, ob der Abzug frei ist, und leg das Holz zurecht. Wir zünden es an, wenn ich zurückkomme.“

„Ich bin sehr wohl in der Lage, ein Feuer anzumachen, Erik.“

Er presste die Lippen aufeinander. „Hör mal, ich bin von der Feuerwehr. Und dieser Kamin ist seit Jahren nicht mehr benutzt worden. Überlass diese eine Sache bitte mir. Bitte.“

Sie wollte protestieren, weil er sie wieder wie das Kind behandelte, das sie einmal gewesen war: die unbeholfene Zwölfjährige, die beim Camping mit seiner Familie in einen Bienenschwarm gestolpert war. Das junge Mädchen, das gerade erst den Führerschein gemacht hatte und ihn bitten musste, ihr einen Kanister Benzin zu bringen, weil sie vergessen hatte zu tanken. Die High-School-Absolventin, die bei den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag neben dem Haus der Mathesons versehentlich einen Brand verursacht hatte. Aber Emma hatte dieses ungeschickte Mädchen längst hinter sich gelassen. Sie konnte ein Feuer im Kamin anzünden, ohne dabei das ganze Haus abzufackeln.

Aber etwas in seinem Blick stoppte ihren Protest.

Sie hatte einen Mann vor sich, der es gewohnt war, die Kontrolle zu haben. Und in diesem Moment hatte er die ganz und gar nicht.

„Okay, Brandmeister Matheson.“ Sie salutierte und versuchte ein Lächeln. Wenn sie schon mit diesem Mann hier im Schneesturm die Nacht verbringen sollte, während sie die Preisverleihung an ihre Eltern verpasste, dann musste sie ihren Sinn für Humor wiederfinden.

Und ihre Selbstbeherrschung.

Ein Bett, ein Feuer im Kamin und ein sexy Mann, für den sie schon seit Jahren schwärmte – das schien eine beachtliche Versuchung.

Er musterte sie durchdringend, und für einen Moment fürchtete sie, er könne ihre Gedanken lesen. Wusste er, dass sie ihn begehrte? Dass sie ihn immer begehrt hatte?

Nein. Sie war eine Meisterin darin, ihre Gefühle zu verbergen. Außerdem: Erik hatte in ihr nie etwas anderes gesehen als die Freundin seiner jüngeren Schwester.

„Okay. Bleib hier. In Sicherheit.“

Eine Kältewelle schlug herein, als er die Tür öffnete.

„Sei vorsichtig!“, rief sie ihm nach, als er wieder in der weißen Welt des Schnees verschwand. Wenn er Befehle erteilen konnte, konnte sie das auch.

Eine halbe Stunde später kam Erik zurück. Während er fort gewesen war, hatte sie sich in der Hütte umgesehen. Viel hatte sie nicht gefunden. In einem Schrank im Bad entdeckte sie ein paar Kissen, Laken und zwei Wolldecken. Sie lüftete sie, indem sie sie über die Lehnen der zwei Korbsessel legte, die am Kamin standen. Dann entdeckte sie ein paar alte Lappen unter dem Waschbecken und eine fast leere Flasche Putzmittel. Sie nutzte die Gelegenheit, ein bisschen sauber zu machen. Die Hütte hätte immer noch keinen Preis für Behaglichkeit gewonnen, aber zumindest wurde das Ambiente nun nicht mehr durch Spinnweben und Staub beeinträchtigt.

„Himmel, ist das kalt draußen!“ Erik hievte ihren Koffer herein. Er hatte auch ihre Notfalltasche mitgebracht. Darin bewahrte sie Verbandszeug auf und ein paar Dinge, die hilfreich sein konnten – eine Flasche Wasser, eine extra Decke und eine Schachtel Tampons.

„Und es schneit offenbar ziemlich heftig“, bemerkte Emma, als er sich aus der Jacke schälte und sich den Schnee aus dem Haar schüttelte. Mit seinem dicken Wollpullover, den Jeans und den Stiefeln war er eindeutig besser auf die Kälte eingerichtet als sie. Ihre Wildlederstiefel waren ruiniert, und die Leggings boten kaum Schutz gegen die Kälte.

„Du hast Ordnung gemacht.“ Sein Blick glitt durch den Raum. Als er das Bett streifte, wurde ihr für einen Moment heiß. „Lass uns Feuer machen.“

Emma hob ihren Koffer auf den Tisch und förderte eine Schachtel selbst gebackener Schokoladenkekse zutage und eine teure Flasche Wein, die sie für ihren Vater gekauft hatte, der einen guten Tropfen zu schätzen wusste. Dazu kam eine Schachtel erlesener Pralinen, die als Weihnachtsgeschenk für ihre Tante Della gedacht gewesen war. Außerdem fand sie zwei Schokoriegel, die sie immer als Notration dabeihatte. Kein abwechslungsreiches Menu, aber es sollte reichen, bis sie am nächsten Tag wieder in die Zivilisation zurückkehrten.

Das Knistern der Flammen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Kamin. Sie sah hinüber. Das Feuer ließ die Hütte gleich sehr viel heimeliger erscheinen. Fast intim.

„Ah.“ Erik streifte seine Handschuhe ab und wärmte seine Hände an den Flammen. „Nur gut, dass das Holz so alt und trocken ist. Das gibt sofort Wärme ab. Komm rüber und wärm dich!“

Emma zögerte einen Moment. Sie versuchte, ihre unwillkommenen Gefühle zu unterdrücken und ihre ruhige Fassade zu wahren. Sie waren allein in einer Hütte irgendwo im Nirgendwo, mit einer Flasche Wein, Pralinen und einem Doppelbett. Damit konnte sie doch wohl fertigwerden. Schließlich war es ihr bisher auch immer gelungen, ihre Schwärmerei für ihn geheim zu halten.

Sie ging hinüber und hockte sich neben ihn. Die Wärme ließ sie wohlig aufstöhnen. Zwar hatte sie sich die ganze Zeit bewegt, aber Hände und Füße waren dennoch wie betäubt.

„Hier.“ Erik schnappte sich den zweiten Sessel und zog ihn ans Feuer. „Setz dich.“

„Ich kann einfach nicht glauben, dass wir hier festsitzen“, überlegte sie laut. Die Wärme machte sie schläfrig. Sie unterdrückte ein Gähnen. „Was sollen wir jetzt bloß machen?“

„Mir würde schon etwas einfallen, was wir mit der Zeit anfangen könnten.“

„Ich habe in dem Schrank ein paar alte Puzzles gesehen. Wir könnten eines davon legen.“ Die Richtung, die das Gespräch genommen hatte, machte Emma nervös, daher suchte sie rasch nach einer Alternative. Schließlich war sie nicht naiv. Sie wusste, dass ein Feuerwehrmann niemals bei einem unbewachten Feuer schlafen würde. Das bedeutete, dass er das Feuer irgendwann löschen würde. Es würde kalt werden. Richtig kalt. Und es gab nur dieses eine Bett, das da wie ein großer Elefant im Raum stand. Bedachte man nun auch noch die Tatsache, dass nicht viel dazugehören würde, sie von den Vorzügen geteilter Körperwärme zu überzeugen, blieb nur ein Fazit: Sie hatte ein Problem.

„Ich soll mit dir puzzeln?“ Er stand auf, um sich eine Wolldecke zu holen, und hängte dabei Jacke und Schal zum Trocknen auf.

„Meinst du nicht, dass uns da noch etwas einfällt, das mehr Spaß macht?“

„Flirtest du mit mir, Erik Matheson?“

Er grinste – und aktivierte damit einen ganzen Schwarm von Schmetterlingen in ihrem Bauch. Mit diesem Lächeln hätte er auch die glaubensfesteste Nonne dazu bringen können, ihrem Gelübde zu entsagen. Er wirkte unglaublich sexy mit der alten Armeedecke, das Haar noch zerzaust von seinem Gang durch den Schnee. Normalerweise war Erik ein ziemlich verschlossener Mann – etwas, das ihr sehr an ihm gefiel. Es ging doch nichts über ein markantes Kinn, ein nüchtern-sachliches Verhalten und einen klaren Stil. Aber ihn hier in diesem ungewohnten Ambiente zu sehen, erregte sie ganz besonders.

Wie er wohl im Bett sein würde?

Dominant? Oder würde er ihr die Führung überlassen?

Vielleicht konnte sie es herausfinden.

„Natürlich nicht.“ Er wurde ernst. „Du bist doch wie eine Schwester für mich.“

Er sagte es, als müsse er es sich selbst in Erinnerung rufen. Das nahm der Bemerkung etwas von ihrem Stachel. Er hatte recht. Sie waren immer wie Bruder und Schwester gewesen. Aber nun hatten sie sich seit Jahren nicht gesehen. Emma war nicht mehr das junge Mädchen, das sie damals gewesen war, das mit Alexis Eis gegessen und mit ihr Videos angesehen hatte. Inzwischen hatte sie ihr Studium an der University of Colorado mit dem Bachelor abgeschlossen und anschließend noch den Master in Vergleichender Literaturwissenschaft gemacht. Im Moment schrieb sie an ihrer Doktorarbeit. Außerdem war sie ihre Zahnspange längst losgeworden, ebenso wie ihre flache Brust und ihre Unschuld. Sie war ganz eindeutig nicht seine Schwester.

„Wenn das der Fall ist, bist du wirklich ein schlechter Bruder. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Sieben Jahre?“ Dann deutete sie auf die Decke, die auf dem Tisch neben ihm lag. „Gibst du mir eine Decke rüber?“

Er warf sie ihr zu, und sie legte sie sich um. Die Wärme ließ sie leise aufstöhnen.

„Wie wäre es mit einem Wein? Glaubst du, dass wir hier irgendwo einen Korkenzieher finden?“

„Du hast Wein dabei?“ Erik sah sie überrascht an.

„Das Weihnachtsgeschenk für meinen Vater, aber es muss geopfert werden. Die Kekse und die Pralinen auch. Wir mögen nicht viel zu essen haben, aber das, was wir haben, ist gut. Gib mir noch ein paar Minuten, um richtig warm zu werden, dann richte ich uns einen Teller her.“

„Nein, ich bin genügend aufgetaut, ich kann das machen.“ Er erhob sich aus dem Korbsessel.

Emma kuschelte sich tiefer in die Decke und versuchte, nicht an all die Lebewesen zu denken, die vielleicht im Laufe der Jahre dasselbe getan hatten. Sie hörte, wie Schranktüren und Schubladen aufflogen. Dann erklang ein triumphierendes „Bingo!“, und sie hörte das Klirren von Gläsern und das Plopp eines Korkens, der gezogen wurde.

„Lass ihn atmen“, sagte sie.

„Du bist viel dominanter, als ich dich in Erinnerung hatte. Haben sie dir das im College beigebracht, Miss Fancy Pants?“ Erik hielt seinen Ton leicht und sprach mit ihr wie damals, als sie sechzehn gewesen war. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen, deinen Wein aus Wassergläsern zu trinken.“

„Natürlich nicht. Brauchst du Hilfe?“

„Nein.“ Er reichte ihr zwei Gläser mit eingravierten Sonnenblumen. Dann machte er noch einmal kehrt und brachte einen frisch gespülten Teller mit, beladen mit Keksen und Pralinen. „Bon appétit.“

„Es ist eine Schande, einen guten Pinot Noir aus solchen Gläsern zu trinken.“ Sie hielt sie vor das Licht des Feuers. Der Wein leuchtete rot. Er duftete nach Kirschen, Anis und Sandelholz.

„Was meinst du? Meine Mom hat auch solche Gläser.“ Erik hatte wieder im Korbsessel Platz genommen und legte sich die Decke über die Beine. Den Teller mit den Süßigkeiten balancierte er auf dem Schoß.

Dieser Anblick ließ Emma auflachen.

„Du bist so anders jetzt“, bemerkte er und musterte sie nachdenklich.

„Inwiefern?“

„Ich weiß nicht. Du bist Emma und auch wieder nicht. Irgendwie anders.“

„Hast du erwartet, dass ich mich nicht verändert habe? Ich war ein Teenager, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Wenn man Teenagern zu essen und zu trinken gibt, dann werden sie erwachsen – das solltest du wissen.“ Sie nahm sich eine Praline und biss hinein. „Mmmm, lecker.“

Sie spürte, wie er sie beobachtete. Die Luft zwischen ihnen schien plötzlich elektrisch geladen. Als sie aufsah, ertappte sie ihn tatsächlich dabei, wie er sie ansah. Voller Verlangen. Hastig räusperte er sich.

„Ich glaube, ich hole mal ein Puzzle.“

Erik hatte ein Problem. Nicht, weil er in einer Hütte mitten im Nirgendwo festsaß, ohne Elektrizität und ohne eine Möglichkeit, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Nein. Sein Problem war eine Frau mit Diamant-Ohrringen und flauschigen Wollsocken. Sie duftete nach einem exotischen Parfum und hatte Haar, das so fein und weich war wie gesponnene Seide. Nicht, dass er wusste, wie fein gesponnene Seide sich anfühlte. Aber wenn jeder weiche Sachen damit verglich, dann war sie wohl auch tatsächlich weich. Alles an Emma war weiblich. Sie hatte Kurven, die förmlich danach schrien, dass ein Mann die Hand darüberfahren ließ. Die weichen Rundungen schienen wie dafür gemacht, sich an die Härte eines Mannes zu schmiegen.

Ja, die kleine Emma Rose stellte ein großes Problem dar.

„Willst du wirklich ein Puzzle mit mir machen?“ Sie ließ die Zungenspitze in einen Mundwinkel fahren, um einen Kekskrümel zu retten.

Nein, ich würde viel lieber etwas ganz anderes mit dir machen …

Aber das konnte er ja wohl schlecht sagen.

„Ja, warum nicht? Wir können den Tisch vor das Feuer ziehen.“

„Okay, wenn du meinst.“ Emma seufzte stumm.

Sie schälte sich aus der kratzigen Decke und holte eines der schon recht mitgenommen aussehenden Puzzles aus dem Schrank.

Erik sprang auf und zog den Küchentisch so dicht wie möglich an das Feuer heran. Dann schob er die bereits von ihnen angewärmten Korbsessel daneben. Hinten auf einem Küchenregal hatte er noch ein paar Kerzen entdeckt, die er auf den Tisch stellte und anzündete.

Die Wirkung war überaus anheimelnd.

Vielleicht etwas zu anheimelnd für zwei Menschen aus Fleisch und Blut, die bei Kerzenschein einen guten Wein tranken.

„Das schien mir das Beste zu sein.“ Sie hielt ihm den Karton hin, der einen Wal vor der Küste von Alaska zeigte. Oder zumindest irgendwo im Norden, wo es kalt war. Nicht, dass sie eine Erinnerung an Kälte und Nässe gebraucht hätten. Wieso hatten ihre Vorbewohner nicht ein Puzzle von einer herrlichen Tropenlandschaft dagelassen?

„Das geht schon.“ Er setzte sich und schenkte sich Wein nach. Normalerweise zog er Bier vor, aber es ließ sich nicht leugnen, dass der Wein eine wärmende Wirkung hatte. „Lass uns zuerst einmal den Rand legen.“

Emma begann, die Puzzleteile umzudrehen. „Ich frage mich, ob Alexis meine SMS bekommen hat. Zuerst wollte ich meinen Eltern eine SMS schicken, aber sie hätten sich zu viele Sorgen gemacht. Mit Sicherheit hätten sie die Veranstaltung abgesagt. Es war wirklich blöd, das Handy nicht aufzuladen.“

„Du warst nicht in deiner gewohnten Umgebung.“ Er fand zwei Teile, die zusammenpassten, und legte sie beiseite.

„Das bin ich schon eine ganze Weile nicht mehr gewesen. Seit ich den Master gemacht habe, habe ich bei meinen Eltern gelebt. Das war so bequem. Ich habe an meiner Dissertation gearbeitet, und meine Mom hat jeden Abend für alle gekocht. Es ist nicht so, als ob ich verwöhnt wäre, aber dieser vergangene Monat mit dem Umzug nach Greeley und dem Start in dem Nebenjob an der High School war ganz schön stressig. Aber ich weiß, dass ich mich für das Richtige entschieden habe.“

„Für die Hochschullaufbahn?“

Sie nickte. „Ich war ja schon immer ein seltsamer Bücherwurm.“

„Hey, an dir ist nichts seltsam, Emma. Du bist eine wunderschöne sexy Frau. Ich bin sicher, dass deine Eltern sehr stolz auf dich sind.“

Emma sah zu ihm auf. „Du bist sehr nett zu dem Mädchen, das deine E-Gitarre geschrottet hat, als es sie ausprobieren wollte.“

Lachend schob Erik ihr ein paar Teile zu, die zu dem Randstück passen konnten, an dem sie arbeitete. „Das hatte ich schon ganz vergessen. Du hättest bei der Luftgitarre bleiben sollen.“

„Du bist immer nett zu mir gewesen.“

Er wollte auch jetzt nett zu ihr sein. Richtig nett. Der Schein des Feuers ließ ihr blondes Haar leuchten. Ihre Wangen waren vom Wein und der Hitze gerötet. Sie hatte die Jacke abgelegt, und der lange Pullover, den sie darunter trug, schmiegte sich eng an ihre vollen Brüste. „Wieso sollte ich nicht?“

„Die Brüder meiner anderen Freundinnen waren meist sehr ekelig zu ihren Schwestern. Du und Alexis – ihr habt immer ein sehr gutes Verhältnis gehabt.“

Er zuckte die Schultern. „Meine Eltern hätten nichts anderes zugelassen.“

Ein paar Minuten lang schwiegen sie, tranken Wein und starrten suchend auf die abgegriffenen Puzzleteile. Jedes Mal, wenn Emma sich bewegte, spürte er einen Hauch ihres Parfums. Sein Puls ging unwillkürlich schneller.

Seit einem halben Jahr war er nun schon Single. Seine letzte Freundin war nur an einer oberflächlichen Affäre interessiert gewesen. Nicht, dass es Erik dringend zum Traualtar gezogen hätte, aber er wollte doch mehr als flüchtigen Sex und halbherzige Dates.

„Bist du eigentlich mit jemandem zusammen?“, fragte er spontan.

Emma sah verblüfft auf. „Du meinst, ob ich jemanden date?“

„Ich habe mich nur gefragt, ob es einen Mann in deinem Leben gibt.“

Sie schüttelte den Kopf – und ließ ihn innerlich jubeln. „Ich habe in den letzten Monaten keine Zeit gehabt für eine Beziehung. In Colorado Springs bin ich mit einem Mann zusammen gewesen, aber es war nichts Ernstes. Wir haben es beendet, als ich weggezogen bin.“

„Oh.“

„Wieso?“

„Nur so. Nichts weiter. Was hast du denn für Pläne für Weihnachten?“

„Ich wollte bis nach den Feiertagen bei meinen Eltern bleiben und dann nach Greeley zurückkehren. Ich wohne dort im Haus eines Freundes, muss mir aber etwas Eigenes suchen, weil er im Frühling aus Italien zurückkehrt.“

„Dieses Jahr feiern Alexis und ich allein Weihnachten. Unsere Eltern sind nach Schottland gefahren. Es war seit Jahren ihr großer Traum, die Familie meines Vaters zu besuchen.“

„Wie schön für sie.“ Emma betrachtete die 982 noch nicht zusammengefügten Teile. „Wenn ich ehrlich sein soll: Wenn ich das hier sehe, bin ich froh, Netflix zu haben.“

Erik lachte leise. Er war sehr bemüht, sie nicht merken zu lassen, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte. Schließlich hatte sie ihm nie Anlass gegeben zu der Annahme, sie könne in ihm mehr sehen als den Bruder ihrer besten Freundin.

Während sie den Rand des Puzzles vervollständigten, unterhielten sie sich über ihre Lieblingsfilme, über Fernsehserien und die bevorstehenden Play-offs im Football. Es überraschte ihn, dass der Bücherwurm Emma sich für Denvers Football-Mannschaft, die Broncos, begeisterte. Verstohlen beobachtete er, wie das Licht des Feuers ihr Haar zum Leuchten brachte. Betrachtete ihre weichen Lippen. Das Heben und Fallen ihrer Brüste, wenn sie lachte.

Nach einer Stunde hatten sie ein Viertel des Puzzles zusammen.

„Ich brauche eine Pause.“ Emma reckte sich und gähnte.

„Es ist erst halb acht“, sagte er, nachdem er den Blick mühsam von ihren Brüsten gelöst und auf seine Armbanduhr gerichtet hatte. Das war immerhin viel unverfänglicher.

Verdammt.

Er brauchte eine kalte Dusche.

Stattdessen erhob er sich und trat an das Fenster, um die staubigen Vorhänge zurückzuziehen. „Himmel, wir werden wirklich eingeschneit.“

Plötzlich stand sie hinter ihm und sah ihm über die Schulter.

„Wie gut, dass wir diese Hütte gefunden haben. Es ist nicht gerade das Ritz, aber zumindest kommen wir hier nicht um.“

„Das stimmt.“ Er drehte sich um. Sie rührte sich nicht. Stand dicht vor ihm. Die Luft zwischen ihnen schien plötzlich zu knistern.

Emma sah auf. Sah ihm in die Augen.

Einen Moment lang sah er sie einfach nur an. Beobachtete, wie ihr Atem schneller ging. Beobachtete diese süßen Lippen. Sie waren wie gemacht zum Küssen – und für einige andere Dinge, die ihm in den Sinn kamen. Als sie mit der Zungenspitze darüberfuhr, war es fast um ihn geschehen.

Fast hätte er auf seine Familie gepfiffen.

Eine leichte Röte in den Wangen verriet sie. Sie trat zurück. „Möchtest du noch einen Keks?“

Er atmete tief durch und wich ihr aus. „Ja, gern. Ich war schon immer für Dessert vor dem Hauptgang. Nur, dass wir heute wohl keinen Hauptgang haben werden.“

4. KAPITEL

Möchtest du noch einen Keks?

Himmel, welche Frau sagte so etwas, um einen Mann davon abzuhalten, sie zu küssen?

Hätte Emma zum Wetten geneigt, hätte sie sehr viel auf die Vermutung gesetzt, dass Erik sie gerade fast geküsst hätte.

Und sie hatte kalte Füße bekommen.

Nicht im wörtlichen Sinne, denn ihren Füßen ging es inzwischen sehr gut, nachdem das Feuer die Hütte aufgewärmt hatte. Aber im übertragenen Sinne; gesiegt hatte die Maske des Anstands, die sie immer aufgesetzt hatte, um ihr Verlangen nach diesem Mann zu verbergen.

Wieso eigentlich?

Was sprach dagegen, etwas Spaß bei einem One-Night-Stand zu haben?

Schließlich waren sie beide erwachsen. Gesunde Erwachsene mit gesunden Bedürfnissen, die nichts weiter zu tun hatten, als ein altes Puzzle von einem Wal zusammenzusetzen. Und davon einmal abgesehen: Alexis musste ja nicht erfahren, dass Erik und sie gemeinsam die alte Matratze getestet hatten.

Was Alexis nicht wusste, konnte ihr auch nicht wehtun.

„Möchtest du auch einen Keks?“

Eriks Frage riss sie aus ihren Gedanken und beendete vorerst das stumme Ringen darum, ob sie ihn nun verführen sollte oder nicht. Er hielt ihr einen Keks vor die Nase.

„Nein danke.“

Er kaute gedankenverloren. „Wenn es noch lange so weiterschneit, könnte es sein, dass wir hier noch länger festsitzen.“

Die Versuchung, mit der sie geliebäugelt hatte, wich dem Gedanken an die Gefahr. Sie hatten gerade noch eine halbe Flasche Wein, ein Dutzend Kekse und zwei Schokoriegel. „Meine Eltern werden mich nicht vermissen, weil sie gar nicht wissen, dass ich kommen wollte. Wenn Alexis glaubt, ich sei sicher bei meinen Eltern, und meine Eltern nicht wissen, dass ich vermisst werde, bleibt nur noch die Hoffnung, dass irgendjemand dich vermisst.“

„Das wird nicht vor morgen passieren. Alexis wird vermuten, ich sei wegen des Unwetters über Nacht geblieben.“

„Bleibt nur zu hoffen, dass das Unwetter morgen vorbei ist und wir uns zur Straße durchschlagen können, um dort auf Hilfe zu warten. Irgendwann muss ja mal jemand vorbeikommen.“

„Richtig.“ Erik legte noch ein Scheit auf. Das Feuer verbreitete eine angenehme Wärme, aber da das Holz so trocken war, verbrannte es schnell. „Das ist der letzte für heute Abend. Wir können nicht schlafen, solange das Feuer noch brennt.“

Unwillkürlich glitt ihr Blick zu dem Bett, das sie zuvor bezogen hatte. Wie um alles in der Welt sollten sie die Nacht überstehen, ohne dass es brenzlig wurde?

Er folgte ihrem Blick. „Keine Sorge – ich kann hier im Korbsessel schlafen.“

„Aber dir wird kalt sein.“

„Darüber wollen wir uns jetzt keine Gedanken machen. Möchtest du noch weiterpuzzeln?“

Sie schüttelte den Kopf. „Mir tun davon schon die Augen weh.“ Sie ging zurück zum Tisch und goss sich noch einmal Wein nach. Dann ließ sie sich in den Sessel sinken und legte sich die Decke um. „Erzähl mir von deinem Job.“

„Was gibt es da viel zu sagen? Es ist ein Job wie jeder andere.“

Emma hob den Kopf. „Nicht für dich.“

„Das stimmt. Ich liebe das, was ich tue – mich gegen die Natur zu stellen und zu gewinnen.“

„So habe ich das noch nie gesehen. Das muss etwas ganz Besonderes sein.“

„In mancher Hinsicht, ja. Aber es gibt auch viele langweilige Tage, an denen wir einfach nur herumsitzen und auf einen Notruf warten. Es ist Himmel und Hölle für einen Adrenalin-Junkie wie mich.“ Er richtete sich auf und betrachtete eine Truhe, die neben dem Bett stand und mit einer nutzlosen Lampe darauf als eine Art Nachttisch diente.

„Was ist?“, fragte Emma.

„Hast du diese Truhe gesehen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie ist mir bisher nicht aufgefallen.“

Erik stellte die Lampe auf den Boden. Mit einem heftigen Ruck hatte er das verrostete Schloss geöffnet. Er hob den Deckel.

„Treffer!“ Er hielt eine Flasche hoch. „Tequila.“

Emma sprang auf und tapste hinüber.

„Spielkarten. Poker-Chips. Und“ – er hielt eine Schachtel hoch – „Kondome!“

„Tequila und Kondome. Da fragt man sich doch, wofür diese Hütte genutzt worden ist.“

Erik förderte einen Stoß Zeitschriften zutage. Verschiedene Ausgaben von Penthouse, Juggs und Hustler. „Wer auch immer der Besitzer der Hütte ist – ich nehme an, er hatte Söhne im Teenager-Alter.“

Emma nahm ihm die Flasche und die Karten ab. „Jetzt haben wir wenigstens eine Alternative beim Trinken.“

„Was? Die Juli-Ausgabe von Juggs von 1999 interessiert dich nicht?“ Erik ließ die Zeitschriften wieder in die Truhe fallen. „Ich hätte auch noch Kautabak zu bieten, eine Packung Zigaretten und eine Packung Erdnussbutter-Cracker. Die sind 2006 abgelaufen, aber vielleicht schmecken sie noch.“

„Sie passen sicher gut zum Wein.“ Emma stellte die Flasche auf den Tisch und legte die Karten dazu. „Oder zum Tequila.“

Erik setzte sich zu ihr und betrachtete das angefangene Puzzle. „Wollen wir uns von Moby Dick verabschieden?“

„Wir könnten stattdessen Karten spielen.“

„Strip-Poker vielleicht?“ Erik grinste vielsagend.

Dies war ihre Chance, auf den Flirt einzugehen und ihn wissen zu lassen, dass sie nichts dagegen hatte, die Hüllen fallen zu lassen und das Beste aus der Situation zu machen.

Aber wollte sie wirklich diese Richtung mit ihm einschlagen? Gut, sie schwärmte schon seit Jahren für ihn, aber wenn sie jetzt miteinander ins Bett gingen, ließ sich das nicht rückgängig machen. Es würde immer zwischen ihnen stehen. Das würde problematisch werden können, da Emma und Alexis gerade einmal dreißig Meilen voneinander entfernt wohnten. Und aller Wahrscheinlichkeit nach würden nicht wieder sieben Jahre vergehen, bis sie Erik das nächste Mal sah.

„Hätte ich gewusst, dass wir das spielen, hätte ich nicht so viel Wein getrunken. Bei dem Spiel braucht man einen klaren Kopf, wenn man nicht bald splitterfasernackt dasitzen will.“

„Noch etwas Wein?“, neckte er sie.

„Du bist wirklich ein Teufel!“ Sie lachte.

„Du sagst das so, als sei das etwas Schlimmes.“ Erik schob die Puzzleteile zurück in den Karton und stellte ihn beiseite. Dann nahm er die Karten und mischte sie gekonnt. „Ich möchte dich warnen. Während du die Klassiker gelesen hast, habe ich mit den Männern auf der Feuerwache Poker gespielt. Solltest du dich also für die Strip-Variante entscheiden, wirst du ziemlich bald nackt sein.“

Seine blauen Augen blitzten, und er wirkte noch attraktiver als ohnehin schon. Er hatte sich am Morgen nicht rasiert, sodass er eine Spur verwegen aussah. Ausgesprochen sexy.

„Du weißt, dass ich keiner Herausforderung widerstehen kann.“

„Mein Gewinn, denn ich wette, du siehst nackt atemberaubend aus.“

Emma lächelte. „Du könntest es herausfinden.“ Sie öffnete die Tequila-Flasche – nicht, dass sie im Moment die Unterstützung des Alkohols gebraucht hätte. Okay, vielleicht ein wenig. Sie war nicht wie Eriks Schwester, die es in einer Bar durchaus fertigbrachte, einem Mann einen Drink zu spendieren, und die so enge Kleider trug, dass jede Kurve ihres Körpers sich deutlich abzeichnete. Emma war immer die Zurückhaltende gewesen, aber sie wusste auch, dass sie sich im Schlafzimmer durchaus zeigen konnte. „Was spielen wir denn nun?“

Erik nannte ein Spiel, das sie nicht kannte. Gönnerhaft erklärte er ihr die Regeln und sie spielten eine Proberunde, die er souverän gewann.

„Gib mir noch eine Proberunde – und einen Schluck Tequila. Dann spielen wir richtig.“ Emma spürte die Hitze des Weines bis hinunter in ihre Zehenspitzen. Ihre Zunge war ein wenig schwerer geworden und ihre Schenkel prickelten.

„Du bist dir sicher, dass du das willst?“, fragte Erik.

Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es bei der Frage nicht nur um das Spiel ging. Er wusste, wohin Tequila, Strip-Poker und Kondome führen konnten. Er bot ihr noch einmal die Möglichkeit auszusteigen. Eine noble Geste, die nur ein Mann wie Erik fertigbrachte.

Emma zuckte die Schultern. „Wir haben draußen schon fast einen Schneesturm, und wir müssen irgendwie warm bleiben.“

„Dafür zieht man sich für gewöhnlich nicht aus.“

„Wer sagt denn überhaupt, dass ich es bin, die sich ausziehen muss?“ Emma lachte leise. „Gib die Karten, Feuerwehrmann.“

Eine Stunde später trug Erik nur noch seine Calvin-Klein-Shorts.

Emma hatte bisher nur ihre Leggings verloren. Sogar die flauschigen Socken trug sie noch. Und verdammt, sie sah wirklich sexy aus in Pullover und Socken.

„Wie konnte es so weit kommen?“ Erik war fassungslos. Er war ein erfahrener Poker-Spieler. Ein guter Poker-Spieler. „Du hast mehr Glück als irgendeine andere Frau, der ich je begegnet bin.“

„Oder ich bin einfach gut im Spiel.“ Sie mischte die Karten und musterte dabei seine nackte Brust. „Aus meiner Perspektive ist die Aussicht ausgesprochen gut.“

„Nun flirtet die Zinkerin auch noch.“ Er gönnte sich einen Schluck Tequila.

„Hey, ich habe sogar eine Strip-Melodie gesungen, als du deine Jeans verloren hast!“

Das hatte sie. Und ihre großen grünen Augen hatten dabei wie Smaragde geblitzt.

„Meine Füße sind inzwischen Eisklumpen“, klagte er.

„Nur noch eine Runde.“

Er nickte und hoffte dabei inständig, wenigstens seine Boxershorts retten zu können. Er hatte schon Mühe genug gehabt, seine Erregung zu verbergen, als sie ihre Leggings abgestreift hatte und sich dann mit der Zungenspitze über die Lippen gefahren war. Er fühlte sich wie einer der Teenager, denen die Erotikmagazine gehörten, nur dass er das lebende Objekt seiner Begierde direkt vor sich hatte …

Miss Emma Rose.

Er gab. Emma steckte die Karten in ihrer Hand mehrfach um. Sie runzelte die Stirn und seufzte leise. „Hmm, ich gebe diese zwei zurück und nehme noch zwei.“

Er reichte ihr zwei Karten vom Mittelstapel und legte dann selbst drei ab, um sich drei neue zu nehmen.

Er warf einen Blick auf seine Karten und hätte fast Halleluja gerufen. Ein Flush! „Gehst du mit?“

Emma nahm fünf Poker-Chips von ihrem Stapel. „Ich gehe mit.“

Bluffte sie? Diesmal durfte sie ihn einfach nicht schlagen. Der Pullover musste weg. Oder die Socken. Nein, lieber der Pullover. Bitte!

„Und du?“ Sie sah ihn fragend an.

Er nahm zehn Chips und warf sie in die Mitte. „Ich gehe mit.“

„Zeig dein Blatt.“ Emma sah ihn auffordernd an.

Triumphierend breitete Erik seine Karten vor sich aus.

„Wow! Richtig gut.“ Ihre Augen waren groß geworden.

„Dann möchte ich jetzt sehen, wie du dir deinen süßen kleinen Pullover ausziehst.“

„Ich glaube, ich behalte ihn an.“ Emma deckte ihre Karten auf.

Sie hatte einen Straight Flush.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich!“

Emma lachte leise. „Du hast mir die Karten selbst gegeben, und nun möchte ich meinen Preis. Die Boxershorts, bitte.“

Erik erhob sich. „Schummelst du?“

„Garantiert nicht. Ich nehme an, ich habe einfach nur Glück. Also gib mir meinen Preis.“ Sie klatschte in die Hände wie eine Kaiserin.

Er fragte sich, ob da Emma sprach oder der Wein. Sie war so vollkommen anders als die zurückhaltende Frau, die er am Vortag beobachtet hatte. Es war nicht so, dass sie als scheue Jungfrau herüberkam – aber eben auch nicht gerade wie eine Frau, die in die Hände klatschte und ihm befahl, die Unterhose fallen zu lassen.

„Bist du sicher?“ Er schob die Daumen hinter den Gummizug der Shorts.

Emma zögerte nur kurz, bevor sie nickte. „Ja, ich möchte diese süßen kleinen Herzchen am Boden sehen.“

Auch das noch! Er trug die Shorts mit den Herzchen, die seine Ex-Freundin ihm vor einigen Jahren geschenkt hatte. Nicht gerade die männlichste Unterhose, aber sie war bequem.

„Okay.“ Er spannte den Gummibund.

Und genau in dem Moment, als er im Begriff war, die letzte Hülle fallen zu lassen, gab es einen Knall.

Die Tür flog auf.

Emma schrie auf, als die Tür gegen die Wand krachte und die ganze Hütte erbeben ließ. Ein Windstoß fegte herein und blies alle Kerzen aus. Brennende Scheite und Asche wurden aus dem Kamin gewirbelt.

„Verdammt!“, brüllte Erik – nicht nur, weil der Wind eiskalt war, sondern weil die brennenden Scheite über den Boden flogen. „Die Tür, Em!“

Er selbst stürzte zum Kamin, schnappte sich den Deckel des Puzzlekartons und schlug damit auf das Holz ein, das überall herumlag.

„Großer Gott!“ Emma stemmte sich gegen die Tür und konnte sie endlich schließen. Das alte Schloss hatte dem Druck des Sturms nicht standhalten können. Schnee war hereingeweht. „Ich kann sie nicht halten.“

Schließlich hatte Erik auch das letzte Scheit ausgeschlagen. Er packte einen der Küchenstühle und klemmte ihn unter den Türgriff, sodass die Tür nicht wieder aufgedrückt werden konnte. „Damit dürfte der Wind uns nicht noch mal derart erschrecken können – und der Mörder mit der Kettensäge kann uns auch nicht mehr so leicht im Schlaf überraschen.“

„Danke, da fühle ich mich doch gleich viel sicherer.“ Emma ließ sich gegen die Tür sinken. „Und nun sind meine schönen Socken nass, und ich habe meinen Hauptgewinn im Poker nicht bekommen. Hattest du das geplant?“

Erik lachte. „Ja, ich habe magische Kräfte.“

„Genau das wollte ich mit meinem Hauptgewinn herausfinden.“ Sie seufzte dramatisch, doch ihre Augen funkelten herausfordernd.

„Du kannst ihn immer noch haben …“

Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre blonden Haare verführerisch hin und her schwangen. Vielleicht wirkte es auch gerade deshalb so verführerisch, weil keiner von ihnen mehr eine Hose trug.

„Es geht doch nichts über eine eisige Windböe und ein Paar nasser Socken, um als Frau wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Lass deine Herzchen ruhig oben.“ Sie schob sich an ihm vorbei und zog spielerisch am Gummizug seiner Shorts.

Verdammt, sie war einfach unglaublich sexy!

Sexy und selbstbewusst.

„Hast du Lust auf eine Partie Black Jack oder etwas in der Art?“ Erik setzte sich wieder an den Tisch, während Emma auf der Lehne ihres Korbsessels saß und ihre nassen Socken abstreifte. „Oh, hätte ich gewusst, dass ich dich so um deine Socken bringen kann, hätte ich den Wind früher bestellt!“

„Und? Singst du etwas Zotiges dazu?“

„Nur, wenn du sie richtig sexy ausziehst“, scherzte er, während er sich sein T-Shirt und die Jeans wieder überstreifte. Er fand eine seiner Socken hinter dem Sessel, die andere am Kamin.

„Ich weiß nicht, ob man gepunktete flauschige Socken sexy ausziehen kann.“

„Wie wäre es also mit Black Jack?“

„Offen gestanden bin ich ziemlich müde.“ Ihr Blick fiel auf den Koffer. „Ich habe einen Flanellpyjama dabei und Bettsocken. Ich verschwinde rasch im Bad und ziehe mich um. Dann kann ich mir auch gleich die Zähne putzen.“

„Natürlich.“ Erik hatte nichts zum Umziehen dabei. Und kein Deo, um sich frisch zu machen, ganz zu schweigen von einer Zahnbürste.

„Ich habe übrigens eine Extra-Zahnbürste, die du haben kannst, wenn du möchtest. Leider habe ich nichts dabei, worin du schlafen könntest. Es sei denn, du stehst auf Spitzen-Dessous.“

„Die hast du dabei?“ Im Geiste sah er Emma sofort in rosa Seide und Spitze vor sich. Ein faszinierendes Bild.

„Nein, natürlich nicht. Das sollte ein Witz sein.“ Emma schnappte sich ihren Koffer und zog ihn hinter sich her Richtung Bad.

Erik zwang sich, das Bild, das vor seinem geistigen Auge entstanden war, wieder zu vergessen. Das war zwingend notwendig, wenn er die Nacht mit ihr überstehen wollte, ohne etwas zu tun, das ihm morgen leidtun würde. Schließlich konnte er nicht einfach die beste Freundin seiner Schwester verführen, oder? Okay, nach dem Strip-Poker war er sich nicht mehr so sicher, ob er hier derjenige war, der verführte. Miss Emma Rose konnte sehr wohl mithalten. Aber wie sollte es danach weitergehen? Emma war kein Typ für One-Night-Stands. Aber vielleicht musste es ja auch keine Affäre für nur eine Nacht bleiben. Vielleicht …

Er blickte auf und bemerkte, dass sie ihn fragend ansah. „Oh, mach dich nur fertig. Ich lege noch ein Scheit auf, damit es wieder warm wird. Dieser Windstoß hat ja eine Eiseskälte hereingebracht.“

„Okay, danke.“ Sie verschwand ins Bad.

Er atmete tief durch. Er musste sich wieder in den Griff bekommen und sich in Erinnerung rufen, dass sie in einer schwierigen Situation waren. Natürlich, es könnte schlimmer sein. Sie hatten ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen – falls Kekse und Pralinen zählten. Sie hatten ein Feuer im Kamin und ein Bett. Und dennoch: Falls das Wetter noch schlechter wurde und niemand sie suchte, würden sie ein echtes Problem haben.

Bevor er das Feuer anfachte, holte er einen großen Topf, den er unter der Spüle gesehen hatte, und wischte ihn aus. Er füllte ihn mit Wasser und stellte ihn so nah wie möglich an das Feuer. Es war zu spät, sich jetzt noch zu waschen, aber etwas lauwarmes Wasser für einen Hauch von Morgentoilette war morgen früh vielleicht nicht unwillkommen. Als Emma aus dem Bad zurückkehrte, brannte das Feuer im Kamin wieder.

„So ist es hier gleich wieder viel angenehmer“, sagte sie. Sie trug jetzt einen mintgrünen Pyjama, der mit fröhlichen kleinen Hündchen bedruckt war. Es machte ihm einmal mehr klar, dass dies das Mädchen war, das jahrelang bei ihm zu Hause zu Besuch gewesen war – mit Flanellblusen und zerrissenen Jeans. Das Mädchen, dessen Zahnspange aufblitzte, wenn es einmal scheu lächelte. Emma war kein Sexkätzchen, auch wenn sie sich heute so verhalten hatte.

„Nette Wachhunde“, scherzte er.

Sie wurde rot. „Ja, das Muster ist albern, aber er hält warm.“

„Und neue dicke Socken.“

Sie hob einen Fuß und drehte ihn hin und her. „Ja, das ist die absolute Haute Couture im Plüsch-Bereich.“

Sie scherzte, aber sie wirkte nervös. Wie ein Patient, der auf den Zahnarzt wartete. Es hatte etwas Rührendes an sich. „Keine Angst, ich stürze mich nicht auf dich.“

Sie drückte sich eine Hand an die Wange. „Oje, sieht man mir an, was ich denke? Hab Geduld mit mir. Ich weiß, dass du nicht an mir interessiert bist. Sexuell, meine ich. Schließlich bin ich die Freundin deiner Schwester. Du hast selbst gesagt, dass ich mehr oder weniger zur Familie gehöre. Es ist einfach nur merkwürdig, mir vorzustellen, mit dir zu schlafen.“

„Betonung auf schlafen. Es geht nicht um Sex. Betrachte es als Überlebensübung. Keine große Sache.“ Große Töne! Er wusste, es würde schwer sein, sie nicht zu berühren, wenn sie unter die kratzige Decke krochen. Zumal sie ja beide mit Tequila und Strip-Poker schon dafür gesorgt hatten, dass das Klima immer heißer wurde. Welcher Mann spielte Strip-Poker mit einer Frau, von der er behauptete, sie sei für ihn wie eine Schwester?

Aber sie war eben nicht seine Schwester, oder?

Und sie war nicht länger das kleine Mädchen, das ihn aus großen Augen sehnsüchtig ansah.

„Aber glaub ja nicht, ich würde mir nicht vorstellen, wie du ausgesehen hättest, hättest du andere Karten bekommen! Du bist eine wunderschöne Frau, die ganz eindeutig nicht meine Schwester ist. Ich habe selbst schuld, wenn ich mir so schlechte Karten gebe!“

Das Rot, das ihr in die Wangen schoss, hatte nichts zu tun mit der Wärme des Feuers im Kamin. „Oh.“

„Wo ist nun die Extra-Zahnbürste?“

5. KAPITEL

Emma setzte sich auf die Bettkante, während Erik im Bad war.

Sei nicht albern! Es ist keine große Sache. Es ist, als würde man neben jemandem im Zug sitzen. Nur dass du dabei liegst. In deinem Lieblingspyjama.

Noch vor wenigen Minuten war sie von Tequila und Wein erhitzt gewesen und hatte sich ein wenig frech und verwegen gefühlt. In dem Zustand hätte es ihr nichts ausgemacht, dass Erik neben ihr lag. In dem Zustand hatte sie ihn sogar neben sich gewollt. Wieso hatte sie jetzt also plötzlich Bedenken?

Weil ein eisiger Windstoß ihr den Mut genommen hatte?

Oder weil sie Angst vor sich selbst hatte?

Im Geiste sah sie Erik wieder vor sich stehen, wie er im Begriff war, seine Boxershorts abzustreifen. Ein Bild, das immer wieder auftauchte und sie anturnte. Ein Bild, das den Wunsch weckte, mehr zu sehen. Mehr zu machen mit dem Mann, für den sie auf der High School ein ganzes Jahr lang heimlich geschwärmt hatte – und das alles nur wegen dieses einen Sommerabends.

Sie hatte ihn damals im Pool der Mathesons mit einem Mädchen gesehen.

Im Sommer hatte sie häufig bei Alexis geschlafen. Erik hatte die Akademie der Air Force abgebrochen und war mitten in seiner Ausbildung zum Feuerwehrmann. Um Geld zu sparen, war er wieder bei seinen Eltern eingezogen, war aber nur selten daheim. An einem Wochenende waren die Mathesons nach Vegas gefahren und hatten Alexis bei Erik zu Hause gelassen. Eigentlich hatte er andere Pläne gehabt. Aber statt auszugehen, hatte er den Spaß mit nach Hause gebracht. In Form einer Whitney Kellogg. Die hübsche Blondine war die Anführerin der Cheerleader an der Pine Ridge Academy gewesen und hatte das Tragen von Shorts und unter der Brust verknoteten Blusen zu einer Kunstform erhoben. Mit mehr Kurven als eine Bergstraße war sexy Whitney das genaue Gegenteil von Emma.

Das ganze Wochenende über hatte Whitney auf der Armlehne von Eriks Sessel gehockt, Bier getrunken und abstoßend wiehernd gelacht. Und sie hatte ihn die ganze Zeit immer irgendwie berührt. Am späteren Abend war Emma in die Küche gekommen, um ein paar Marker für das Projekt zu suchen, an dem sie mit Alexis arbeitete – und da hatte sie die beiden dann im Pool gesehen.

Es war Vollmond, und die beiden Liebenden waren gut zu erkennen. Erik stand mitten im Pool und küsste Whitney. Dabei öffnete er ihren String-Bikini, der kaum mehr als ein Hauch von Nichts war. Dass die dünnen Schnüre noch nicht gerissen waren und ihn durch den Druck bewusstlos geschlagen hatten, war schon ein Wunder an sich. Doch Emma konnte den Blick nicht abwenden.

Es war wie ein Autounfall – schrecklich und gleichzeitig merkwürdig faszinierend.

Er zog eine Spur von Küssen von Whitneys Kinn an ihrem Hals hinunter, während eine Hand die Brust umfasste, die der Bikini inzwischen freigegeben hatte.

Und die kleine Emma stand da, sah zu und fragte sich, wie es sein mochte, wenn seine Hände sie dort berührten. Wenn seine Lippen sie küssten und …

Sie hatte sich abgewandt, weil sie wusste, dass sie ihnen nicht weiter zusehen konnte.

Gleichzeitig war sie sehr angeturnt gewesen. Nicht von Whitney mit ihren großen Brüsten, sondern von Eriks Sinnlichkeit. Er war nicht wie Tyler McMurty gewesen, der versucht hatte, sie auf plumpe Art im Auto zu verführen. Nein, Erik wusste, was er tat. Er war wie einer der Männer in den romantischen Filmen, atemberaubend und sexy.

In diesem Sommer hatte ihre große Schwärmerei für ihn begonnen. Wenn er in der Nähe war, konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Alexis bemerkte das natürlich. Ihrer Freundin entging nie etwas. Sie war wie die berühmte Jungdetektivin Nancy Drew aus den Jugendbüchern. Und sie sagte Dinge wie: „Sieh ihn nicht so an. Das ist einfach ekelhaft.“

Aber nichts an Erik war ekelhaft.

Ganz im Gegenteil.

Erik Matheson wurde ihr Traummann.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Erik kam aus dem Bad, immer noch in Pullover und Jeans. Es enttäuschte sie, dass sie nicht mehr von ihm sehen sollte.

„Meine Güte, das Wasser war wirklich eiskalt“, bemerkte er.

„Ich weiß. Meine Zähne fühlten sich auch schon ganz eisig an.“

„Ich habe einen Topf Wasser neben das Feuer gestellt. Vielleicht ist es morgen früh noch so lauwarm, dass man sich damit waschen kann.“

„Eine gute Idee.“ Sollte sie noch einmal aufstehen? Oder sollte sie so tun, als sei sie todmüde, und gute Nacht sagen? Die Schmetterlinge in ihrem Bauch, die jedes Mal erwachten, sobald Erik in der Nähe war, gaben keine Ruhe.

„Ich setze mich noch eine Weile an den Kamin und lasse das Feuer ausgehen. Ich will sichergehen, dass uns heute Nacht nichts passiert.“

„Okay, dann gehe ich schon ins Bett.“ Emma holte sich die Decke, die sie auf dem Stuhl gelassen hatte. Eine zweite lag auf der kleinen Anrichte in der Küche. Die dritte hatte Erik sich umgelegt. Mit drei Wolldecken über dem Laken sollten sie es warm genug haben. Sie breitete die Decken aus und schüttelte ihr Kissen auf, während Erik nachdenklich ins Feuer sah. Ihre Bewegungen waren etwas langsam, weil sie noch immer den Alkohol spürte. Die kalte Windbö hatte die Wirkung von zwei Gläsern Wein und einem Glas Tequila nicht abmildern können. Oder waren es zwei Tequila gewesen?

Da sie sonst nichts mehr tun konnte, krabbelte sie unter die Decken. Die Laken waren eisig. Hastig bewegte sie die Füße hin und her, um das Bett anzuwärmen, womit sie Eriks Aufmerksamkeit auf sich zog.

„Kalt?“, fragte er.

„Eisig.“

„Du kannst meine Seite ja auch schon anwärmen.“

„Darauf kannst du lange warten.“ Sie lachte leise.

„Ich habe mich immer gefragt, was ihr beiden gemacht habt, wenn ihr beieinander geschlafen habt“, bekannte er. „Muss ich damit rechnen, dass du mir plötzlich Strähnchen ins Haar machst? Oder gibt es eine spontane Kissenschlacht?“

Emma ließ sich ins Kissen sinken. Sie zwang sich, den muffigen alten Geruch zu ignorieren. „Männer haben merkwürdige Fantasien, was das angeht. Um ehrlich zu sein: Die meiste Zeit haben wir einfach nur Filme gesehen oder an irgendwelchen Projekten gearbeitet.“

„Ihr kleinen Streberinnen!“, neckte er sie.

„Aus kleinen Streberinnen werden erfolgreiche Frauen, vielen Dank.“ Emma schnaubte verächtlich.

„Das stimmt“, räumte er ein. „Ich werde versuchen, dich nicht zu wecken, wenn ich ins Bett komme. Ich weiß, es fühlt sich merkwürdig an, aber du hast recht. Wenn ich hier im Korbsessel schlafe, würde ich erfrieren, sobald das Feuer aus ist. Wir sind erwachsen, wir können damit umgehen, oder?“

Vielleicht. Wenn er es so sagte, klang alles ganz logisch. Körperwärme und all das. Aber Tatsache war ja, dass sie den ganzen Abend miteinander geflirtet hatten. Und auch wenn sie unter dem Pyjama noch ihren BH trug und auch er noch seine Kleidung anhatte, war die Situation doch intimer denn je.

Und da die Gefühle, die sie einmal für ihn gehegt hatte, neu erwacht waren, würde es nicht lange dauern, bis sie jeden rationalen Gedanken vergaß. Es war abzusehen, dass dieser Feuerwehrmann sie in Flammen der Lust aufgehen ließ.

„Wir können damit umgehen, natürlich. Gute Nacht, Erik.“

„Gute Nacht, Em. Ich habe heute Abend viel Spaß gehabt. Vielleicht sollte ich öfter mit dir in einen Schneesturm kommen.“

Emma zog sich die Decken bis unter das Kinn und versuchte, eine bequeme Lage auf der Matratze zu finden. Eine kaputte Feder piekte, daher wechselte sie auf die rechte Seite und überließ Erik die linke. Irgendwann würden sie sich berühren, das ließ sich nicht vermeiden. Erik war ein großer Mann, und sie war auch nicht eben winzig.

Sie würde nicht schlafen können.

Schon gar nicht, wenn ihr Magen weiterhin Achterbahn fuhr und ihre Füße kalt wie Eiszapfen waren.

Mit einem tiefen Seufzer drehte sie sich auf den Bauch. So konnte sie erfahrungsgemäß am besten entspannen. Während die Scheite im Kamin noch knisterten und das Bett langsam warm wurde, wandten sich ihre Gedanken ab von Erik und hin zu ihrem demolierten Wagen und der verpassten Ehrung ihrer Eltern. Letzteres war nicht so schlimm. Ihr Bruder hatte versprochen, ein Video bei YouTube einzustellen, aber es war natürlich etwas anderes, als wenn sie wirklich dabei gewesen wäre. Dann war da die Tatsache, dass die Straßen auch am nächsten Tag noch unpassierbar sein konnten. Vielleicht hatte Alexis ihre SMS nicht bekommen. Aber sicher würde sie sich Sorgen machen wegen Erik. Sie würde sie beide anrufen und niemanden erreichen. Ihre Freundin war nicht der Typ, der eine solche Sache auf sich beruhen ließ. Nein, Alexis würde sie suchen lassen. Und irgendjemand würde sie morgen finden.

Da erschien vor dem Fenster ein Fuchs. Schnüffelte im Schnee herum und hinterließ zierliche Fußspuren.

Mit diesem Bild vor Augen sank sie endlich in den Schlaf.

Erik beobachtete das Feuer, bis nur noch eine kleine Flamme brannte. Dann zog er den staubigen Feuerschirm vor den Kamin, damit nicht doch noch Funken auf den Holzfußboden fliegen und dort Unheil anrichten konnten. Der Raum war inzwischen angenehm warm, und er dankte im Stillen dem Mann, der eine so kleine Hütte gebaut hatte, die man leicht heizen konnte, und kein größeres Haus.

Emmas gleichmäßiges Atmen verriet ihm, dass sie schlief.

Das war gut.

Deswegen war er wach geblieben. Natürlich, in erster Linie wegen des Feuers und alldem, aber er wusste: Er konnte nicht dort neben ihr liegen, solange sie wach war. Zu sehr musste er an das denken, was er so viel lieber getan hätte als schlafen. Und wahrscheinlich erging es ihr ähnlich.

Tatsache war, es war einfach keine gute Idee. Abgesehen von der Lust, die sie dabei haben würden. Er hatte keinen Zweifel, dass sie gut zusammen wären. Unter Emmas kühlem Intellekt steckte eine leidenschaftliche, humorvolle Frau. Aber sie kamen aus verschiedenen Welten. Sie mit ihren Akademiker-Freunden und er mit seinen Kumpeln von der Feuerwache. Die einzige Oper, die sie sich je ansahen, war Days of our Live – eine Seifenoper. Und das nur, weil sein Kollege Grant Teague behauptete, er müsse sich die Serie ansehen, um dann mit seiner Mutter darüber reden zu können, die in einem Pflegeheim lebte und süchtig war nach der Sendung. Erik hatte den Verdacht, dass Grant selbst süchtig war und seine Mutter ihm nur als Vorwand diente.

Und dann war da noch seine Schwester. Alexis liebte Emma. Sogar als Alexis fortgezogen war, hatten Emma und sie gemeinsame Reisen unternommen, und er wusste, dass sie täglich miteinander telefonierten. Wenn zwischen ihm und Emma alles den Bach runterging, weil sie ihrem Verlangen nachgaben, würde ihn das teuer zu stehen kommen. Er wollte Emma nicht verletzen. Verdammt, er wollte auch selbst nicht leiden. Aber unter gar keinen Umständen wollte er sich den Zorn seiner Schwester zuziehen, weil er sich an ihrer Freundin vergangen hatte.

Also hatte er Emma zu Bett gehen lassen und gewartet, bis sie schlief. Das war vielleicht feige, aber er wusste, es war eine gute Möglichkeit, um zu verhindern, dass zwischen ihnen etwas passierte.

Langsam erhob er sich und ging zum Bett. Emma lag auf der Seite. Sie erschien ihm wie ein Geschenk unter dem Tannenbaum. Ihr golden schimmerndes Haar fiel fließend über das Kissen und ließ sie fast engelhaft erscheinen.

Am liebsten hätte er sie in die Arme gezogen und langsam die Knöpfe ihres Pyjamas geöffnet.

Er streifte seine Jeans ab und legte sie über die Truhe. Der Pullover folgte, sodass er nur noch seine Boxershorts trug, ein T-Shirt und Socken. Nicht gerade ein sexy Outfit, aber bequem.

Vorsichtig hob er die Decken an und krabbelte darunter. Erfreulicherweise war seine Hälfte durch Emmas Körperwärme nicht mehr ganz so eiskalt. Er brauchte eine Minute, um völlig zu entspannen, weil das Kissen verklumpt war und die Laken rochen wie das Haus seiner Tante Marmie.

Aber dann stieg ihm der Duft der Frau in die Nase, die neben ihm lag und schlief. Sie trug irgendein sinnliches Parfum, das ihn an eine Blumenwiese erinnerte. Und sie schnarchte leise. Nicht unangenehm, nur kleine, sanfte Luftstöße.

Vorsichtig rollte er sich auf die Seite, sodass er ihr den Rücken zudrehte, und zog die Decken bis unter das Kinn. Das Bett war ziemlich hart und die Sprungfedern hatten schon bessere Zeiten gesehen, allerdings hatte er auch schon auf schlechteren Unterlagen geschlafen. Er schloss die Augen und versuchte einzuschlafen.

Aber dann drehte Emma sich und schmiegte sich an ihn. Ihre Hand lag auf seinem Körper. Mehr brauchte es nicht, um seine Erregung wachsen zu lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Verdammt! Er fluchte stumm. Er reagierte wie ein halbgarer Schuljunge, der das erste Mal mit einer Frau im Bett war. Aber sein Körper hatte offenbar noch nicht begriffen, dass nichts passieren würde.

„Mmmm“, stöhnte sie und zog die Beine an, sodass sie ganz an seinen lagen. Er spürte ihren warmen Atem durch sein T-Shirt hindurch.

„Emma?“, flüsterte er.

„Mmmm?“

„Nichts.“ ...

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