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TIFFANY HOT & SEXY BAND 58

Kate Hoffmann, Vicky Lewis Thompson, Lisa Childs, Tanya Michaels

TIFFANY HOT & SEXY BAND 58

KATE HOFFMANN

Die Quinns: Devin, der Beschützer

Elodie ist zurück! Als Polizeichef Devin Cassidy seine erste große Liebe wiedertrifft, begehrt er sie leidenschaftlicher als je zuvor. Bis er seinen Ruf aufs Spiel setzen muss, um sie zu beschützen …

VICKY LEWIS THOMPSON

Sinnlich, sexy … glücklich!

Die erotischen Funken zwischen Nash und Bethany sprühen wie wild. Aber hat der sexy Cowboy auf Dauer Chancen bei ihr? Nichts scheint ihr wichtiger zu sein als die geplante Fernsehkarriere. Oder doch?

LISA CHILDS

Du machst mich schwach

Mit seinem muskulösen Körper weckt Hotshot Dawson Hess sofort Averys sinnliche Fantasien. Doch Reportern wie ihr zeigt er die kalte Schulter. Bis sie mit heißen Küssen das Feuer der Lust entfacht …

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Gewagte Verführung

Als Riley mit Jack im Aufzug stecken bleibt, startet der spontan eine Reihe von prickelnden Herausforderungen – nur um ihre Ängste zu heilen! Aber Riley bedeuten Nacktbaden und Strip-Poker bald mehr …

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Die Quinns: Devin, der Beschützer

PROLOG

„Halt dich gerade und sag ‚danke‘, wenn du dein Geschenk bekommst.“

Devin Cassidy sah zu seiner Mutter hinüber, als sie den vereisten Gehweg entlanggingen. Mary Cassidy hatte für die mächtige Winchester-Familie als Haushälterin gearbeitet, solange Dev denken konnte, und sie nahm ihre Position sehr ernst.

Jeden Morgen verließ sie das Haus, noch ehe die Sonne aufging, und kehrte erst eine Stunde, bevor er zu Bett ging, zurück. Meist war sie so erschöpft, dass sie lediglich seine Anwesenheit registrierte, bevor sie sich mit einem kalten Waschlappen auf der Stirn aufs Sofa fallen ließ. Dev machte ihr Abendessen und stellte es auf einen Klapptisch neben dem Sofa, dann schaltete er den Fernseher ein und zog sich in sein winziges Zimmer zurück.

Als er kleiner gewesen war, hatte er sich gefragt, warum er keine normale Familie hatte wie so viele seiner Freunde – einen Vater, eine Mutter und sogar Großeltern. Aber wenn er seine Mutter fragte, schlug ihm erst eisiges Schweigen entgegen. „Ich bin deine Mutter“, sagte sie dann. „Ich sorge für dich. Du brauchst sonst niemanden.“

Er fragte nicht mehr. Er hatte so lange ohne Vater gelebt, und sie kamen zu zweit gut zurecht.

Als sie das Winchester-Haus erreichten, waren seine Füße und Finger taub vor Kälte, und seine Nase lief. Seine Mutter begutachtete ihn, wischte seine Nase ab und glättete sein zerzaustes Haar. „Die Winchesters sind der Meinung, dass man Kinder sehen, aber nicht hören sollte“, erinnerte sie ihn.

„Ich bin kein Kind.“ Himmel, er war beinahe dreizehn, und er hatte jedes Weihnachten bei den Winchesters verbracht. Aber seine Haltung der Feier gegenüber hatte sich verändert.

Früher hatte er nur daran gedacht, dass er ein teures Geschenk erhalten würde. Und nicht zu vergessen das Essen – alle möglichen Süßigkeiten, die er noch nie probiert hatte.

Die Winchesters waren anders … besonders. Jedermann wusste, dass sie reich waren, aber das Geld brachte auch Respekt und Macht. Niemand sprach schlecht von den Winchesters. Jeder in der Stadt war ihnen verpflichtet.

Frederick Winchester gehörte die Stadt – ihm gehörten die riesige Textilfabrik am Fluss, die meisten der Geschäfte in der Innenstadt und viele der kleinen Häuser, die die ruhigen Straßen säumten.

Ohne ihre Arbeit im Winchester-Haus hätte Devs Mutter nichts gehabt. Von dem Lohn bezahlte sie ihre Miete für das kleine Haus direkt an Frederick Winchester, sie durfte auf Kredit im Lebensmittelladen einkaufen, der ebenfalls den Winchesters gehörte, und wenn jemand krank war, ging man ins Winchester-Krankenhaus.

Dev stand hinter seiner Mutter, als sie an die Tür klopfte. Ein paar Augenblicke später öffnete eines der Kinder die Tür. An diesem Abend gab es kein Personal. An einem Abend im Jahr bediente die Familie ihre Angestellten.

„Guten Abend“, sagte das junge Mädchen.

„Guten Abend, Miss Elodie“, erwiderte Mary. „Sie sehen bezaubernd aus.“

„Danke, Sie auch.“ Sie trat beiseite und bat die Gäste herein. Elodie wandte sich an Dev und streckte die Hand aus. „Hallo, Devin. Schön, dich zu sehen. Darf ich euch eure Mäntel abnehmen?“

Dev starrte ihre Hand an, dann schüttelte er sie rasch. „Danke“, murmelte er. Er schlüpfte aus seinem Mantel und wartete, als seine Mutter dem Mädchen auch den ihren reichte. Elodie verschwand kurz und kehrte dann ohne die Mäntel zurück.

„Ich bringe euch hinein“, sagte sie und führte die Besucher in Richtung des riesigen Salons rechts der gewundenen Treppe. Dev ließ Elodie nicht aus den Augen. Sie war kein kleines Mädchen mehr, sondern eine selbstbewusste junge Dame, anmutig und schön.

„Mama, Papa, seht, wer hier ist. Mary und ihr Sohn Devin.“

Die ganze Familie begrüßte sie und wünschte Mary frohe Feiertage. Dev tat, was von ihm erwartet wurde, schüttelte Hände und wünschte ebenfalls fröhliche Weihnachten. Als man ihn zu den Tischen führte, auf denen die Speisen angerichtet waren, nahm Dev höflich ein paar Süßigkeiten und setzte sich in eine Ecke neben dem Anrichtezimmer.

Der Höhepunkt der Feier würde das Überreichen der Geschenke sein, der Teil, den Dev am meisten hasste. Frederick Winchester würde jedem der Kinder ein teures Geschenk machen und dann erwarten, dass seine Angestellten den Winchesters ihre tiefste Dankbarkeit entgegenbrachten, weil sie ihnen Arbeit und ein Dach über dem Kopf gaben. Dev fragte sich, wie seine Mutter das Jahr für Jahr schaffte, ohne je ihren Platz in der Welt anzuzweifeln oder wegen ihres mageren Lohns und der langen Arbeitszeiten zu klagen.

Dev fragte sich, wie langer er noch so tun konnte, als sei es für ihn in Ordnung. Letztes Jahr hatte er sich geweigert, sein Päckchen zu öffnen – als er es dann später doch getan hatte, war darin eine neue Playstation gewesen. Er hatte kein Geld, um sich die Spiele zu kaufen, aber daran hatte Frederick Winchester nicht gedacht.

Dev hasste es, vor den Winchesters katzbuckeln zu müssen. Aber seiner Mutter war diese Arbeit wichtig, und Dev hätte alles für sie getan. Eines Tages würde er einen Job haben, in dem er gut verdiente, und dann würde er die Winchesters und ihr Geld hinter sich lassen.

„Psst.“

Dev sah von seinem Teller auf. Die Tür des Anrichtezimmers öffnete sich ein Stück, und er erkannte Elodies Gesicht.

„Was ist?“, fragte er.

„Willst du etwas sehen?“, entgegnete Elodie.

Er sah sich um, aber niemand achtete auf ihn. „Was?“

„Komm, ich zeige es dir.“

Dev setzte seinen Teller auf einem Tisch ab und schlüpfte dann leise ins dunkle Anrichtezimmer. Dort ergriff Elodie seine Hand, und er folgte ihr durch die Küche zur Treppe für die Angestellten.

Die Stufen hinaufzusteigen schien eine Ewigkeit zu dauern; die letzte Treppe war dazu noch besonders eng und gewunden. Schließlich öffnete Elodie eine Tür und schaltete das Licht ein.

„Wo sind wir?“, fragte er.

„In einem geheimen Raum auf dem Dachboden.“

„Und was ist hier oben?“

„Sieh es dir an“, antwortete sie und zog ihn hinein.

Mitten in dem riesigen Zimmer stand ein großer Tisch, aber man konnte nicht erkennen, was sich darauf befand, da alles mit einem großen Tuch bedeckt war. Doch dann riss Elodie es plötzlich beiseite und legte einen Schalter um. Der Tisch wurde hell erleuchtet, und Spielzeugeisenbahnen begannen, auf gewundenen Schienen zu fahren.

Fasziniert trat Dev näher. Es mussten mindestens zehn Züge sein, die durch Tunnel und kleine Städte mit von innen beleuchteten Häusern fuhren.

„Wow“, murmelte er.

„Ja, wow“, wiederholte Elodie.

Er sah zu ihr hinüber. „Gehört die dir?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, sie gehörte meinem Großvater. Als er noch lebte, hat er uns jedes Weihnachten damit spielen lassen, aber jetzt schließt mein Vater die Tür immer ab. Er hasst die Züge. Er und mein Großvater haben sich nie richtig verstanden. Aber ich vermisse ihn.“

„Wo ist er?“

„Er ist gestorben, als ich sieben war. Er lebte bei meiner Tante in Kalifornien.“

„Tut mir leid“, antwortete Dev, überrascht, dass er Tränen in ihren Augen sah. Er nahm ihre Hand und drückte sie.

„Mir auch. Aber ich bin sicher, Großvater hätte gewollt, dass ich mit den Zügen spiele. Ihm hat es immer Freude bereitet.“

Elodie zeigte Dev die Steuerung und sah zu, wie er die Züge fahren ließ. Sie ging um den Tisch herum und zeigte ihm all ihre liebsten Züge und Gebäude. Er folgte ihr, lauschte ihrer Stimme und war in der Magie des Augenblicks gefangen.

Und dann war es vorbei. Sie sah auf ihre Uhr. „Es ist Zeit für die Geschenke“, sagte sie und lief zur Tür. „Komm, wir müssen zurück.“

Sie eilten die Treppen hinab, durch die Küche und in den Anrichteraum. Elodie spähte in den Salon. „Du gehst vor. Wenn sie dich fragen, wo du warst, sag einfach, dass ich dir gezeigt habe, wo das Bad ist.“

Dev drehte sich zu ihr um und riskierte es. Er beugte sich vor und küsste sie auf die Wange. Er hatte noch nie ein Mädchen geküsst und war überrascht wie einfach – und schön – es war. „Danke“, sagte er. „Es hat Spaß gemacht.“

Elodie lächelte. „Mir auch.“

Als er zurück ins Esszimmer ging, wusste Dev, dass er nie wieder über die Weihnachtsfeiern der Winchesters denken würde wie früher. Er würde sich immer an diesen Abend und den Moment erinnern, als er Elodie Winchester geküsst hatte.

Er beobachtete sie die restliche Feier lang, während sie sich unter die anderen Gäste mischte. Wenn er sie noch einmal hätte küssen können, er hätte es getan. Aber er wusste, wie gefährlich es war, diese unsichtbare Linie zu überschreiten. Sosehr er Elodies Gesellschaft auch genießen mochte, das hier dauerte nur diesen einen Abend.

Es würde hier anfangen und enden.

1. KAPITEL

Dev Cassidy hielt mit dem Streifenwagen vor Zelda’s Café. Die Sonne war vor über einer Stunde aufgegangen, und das verschlafene Städtchen Winchester begann gerade, zum Leben zu erwachen.

Als die Textilfabrik noch in Betrieb gewesen war, hatte der Tag in der Stadt wesentlich früher begonnen. Die Pfeife, die die Frühschicht ankündigte, hatte die Stille des Morgens um genau sechs Uhr durchbrochen. Aber alles hatte sich verändert, seit das Hauptgeschäft der Winchester-Familie zusammengebrochen war. Viele der Einwohner hatten ihre sichere Zukunft verloren. Geschäfte hatten geschlossen, die Leute waren fortgezogen, und binnen drei Jahren war Winchester nicht mehr als eine leere Hülle voller verlassener Gebäude und zerstörter Leben.

Die meisten gaben Frederick Winchester die Schuld, aber Dev wusste, dass mehrere Faktoren eine Rolle gespielt hatten. Die Textilfabrik der Winchesters war eine der letzten in Familienbesitz gewesen. Mit den neuen, modernen Fabriken der Großkonzerne mitzuhalten war unmöglich gewesen. Die Finanzkrise von 2008 war auch nicht gerade hilfreich gewesen.

Dennoch hatte die ganze Sache einen bitteren Nachgeschmack für die Einwohner von Winchester. Ein paar Wochen, nachdem die Fabrik geschlossen worden war, hatte die Familie alles zusammengepackt und die Stadt verlassen. Dann war die Wahrheit ans Licht gekommen: Die Winchesters waren pleite, die Fabrik mit Hypotheken belastet, und man hatte nichts mehr tun können, außer zu schließen und das Unternehmen aufzulösen. Renten waren verschwunden, und die Hoffnungen und Träume von einer strahlenden Zukunft waren zerstört worden.

Vielleicht wäre es nicht so schlimm gewesen, wenn Frederick Winchester anders mit der Situation umgegangen wäre. Er hatte kein Interesse daran gehabt, seine Firma zu retten, und alles unter Wert verkauft. Innerhalb von einer Woche hatten sich die Winchesters mit den letzten Pennys des Familienvermögens aus dem Staub gemacht. Alles, was blieb, war das Herrenhaus auf dem Hügel, das die sterbende Stadt überblickte.

Als Dev aus dem Wagen stieg, sah er zum frisch gestrichenen Schild über der Tür des Cafés hinauf. Angespornt von dem Versuch des Stadtrats, das Geschäftsviertel wiederzubeleben, hatte Zelda’s Café letzten Monat eröffnet. Joan Fitzgerald, die Besitzerin, war Geschäftsführerin der Fabrik gewesen. Nun buk sie ihre preisgekrönten Zimtschnecken und servierte ausgefallene Kaffeegetränke mit italienischen Namen.

Die Glocke an der Tür läutete, als er in das kühle Innere trat. Klimatisierte Räume waren immer eine angenehme Abwechslung zum heißen, feuchten Wetter, das typisch für den Juli in dieser Ecke von North Carolina war.

Als Dev sich an die Theke setzte, erschien Joanie bereits mit einer Tasse und der Kaffeekanne.

„Das Übliche bitte.“

„Grannys Müsli mit Joghurt und Himbeeren. Ich habe sie gestern frisch gepflückt.“

Es war noch nicht viel los, und Joanie setzte sich ihm gegenüber, nachdem sie sein Frühstück serviert hatte. „Dieser Einbruch bei Fellers Tankstelle – rede mal mit Jimmy Joe Babcock darüber. Seine Bruder war gestern hier und hat erwähnt, dass Jimmy ihm neue Reifen zum Geburtstag geschenkt hat.“

Zelda’s war der Ort, wenn man den Klatsch der Stadt hören wollte, jetzt, da die Fabrik geschlossen war. Wenn in Winchester etwas Interessantes vor sich ging, hörte Joanie davon und informierte Dev. Wie einige andere Geschäftsleute der Stadt hatte auch sie begriffen, dass Dev etwas gegen die Kleinkriminalität tun musste, damit die Stadt wieder aufblühen konnte.

„Ja, ich habe ein Auge auf ihn. Der Junge braucht einen Job. Er ist gerade mal sechzehn und steckt schon in Schwierigkeiten. Hast du nichts für ihn hier im Café?“

Joanie schüttelte den Kopf. „Ich habe dank dir schon mehr als genug Tellerwäscher und Aushilfen. Aber wenn er Fenster putzen kann, dann habe ich Arbeit für ihn.“

Dev sah zu den riesigen Glasfenstern, die auf die Straße hinausgingen. „Dabei könnte ich dir wahrscheinlich helfen.“

Er unterhielt sich noch mit einigen der Gäste, dann holte er sich einen Kaffee zum Mitnehmen und winkte Joanie zum Abschied zu. „Ich schicke jemanden wegen der Fenster vorbei“, rief er, als er zur Tür hinausging.

Dev betrachtete die Straße. Die meisten der Gebäude standen leer, aber hier und da hatten Geschäftsleute einen Weg gefunden, etwas Neues zu schaffen. Winchester war immer von der Fabrik abhängig gewesen, und nun brauchte die Stadt etwas Neues. Aber was?

Plötzlich bemerkte Dev einen weißen Sedan, den er nicht kannte. Er beobachtete ihn, als er langsam vorbeifuhr. Ein Mietwagen. Als er die Fahrerin erkannte, stockte ihm der Atem. Elodie Winchester?

Bevor sie am Ende der Straße hinter der Kurve verschwinden konnte, merkte er sich noch das Nummernschild. Er stieg wieder in den Streifenwagen und nahm das Funkgerät zur Hand. „Sally, hier Dev. Du musst ein Kennzeichen für mich überprüfen. Es ist ein Mietwagen, vermutlich aus Asheville.“ Er lehnte sich zurück und wartete auf Sallys Antwort.

Es ergab keinen Sinn. Die Winchester-Familie war vor sechs Jahren fortgegangen. Und nach dem Chaos, das sie hinterlassen hatte, erwarteten die meisten Leute nicht, je wieder einen von ihnen zu sehen – nicht, dass sie es gewollt hätten.

Himmel, vielleicht bildete er sich das alles auch nur ein. Würde er Elodie überhaupt wiedererkennen? Sie hatten nur einen einzigen Sommer miteinander verbracht. Er war damals siebzehn, sie sechzehn, und sie waren bis über beide Ohren ineinander verliebt gewesen.

Ihre Familie hätte es nie gebilligt, also hatten sie sich heimlich getroffen. Natürlich hatte man sie erwischt, aber keiner von ihnen hatte vorausgesehen, was für Auswirkungen das haben würde.

Ohne Vorwarnung hatten man Elodies Sachen gepackt und sie fortgeschickt. Sie ging nicht länger auf die Privatschule in Asheville. Sie konnte sich nicht mehr abends hinausschleichen, um Dev zu treffen. Es war vorbei.

Es hatte nach Elodie viele Frauen gegeben. Die meisten von ihnen hatte er vergessen, aber Elodie Winchester war ihm im Gedächtnis geblieben. Vielleicht, weil sie es nie richtig beendet hatten. Sie hatte nie angerufen oder geschrieben. Wenn sie an Weihnachten nach Hause kam, war sie unsichtbar geblieben.

Dev hatte nicht versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Frederick Winchester hatte sehr deutlich gemacht, dass Mary Cassidy ihren Job und ihr Heim verlieren würde, wenn Dev seine Tochter nicht in Ruhe ließ. Also hatte er sie gehen lassen. Zumindest sagte er sich das.

„Zentrale an Wagen Zero-One.“

„Hier Dev. Was hast du für mich, Sally?“

„Du hattest recht, es ist ein Mietwagen von einem Autoverleiher in Asheville.“

„Wer hat ihn gemietet?“

„Elodie Winchester.“

„Danke, Sally. Behalt das für dich, ja?“

„Klar, Boss. Was, glaubst du, will sie in der Stadt?“

„Keine Ahnung.“

„Wird es Ärger geben?“

„Die Leute haben nicht vergessen, was die Winchesters der Stadt angetan haben. Aber Elodie hatte nichts damit zu tun. Man sollte ihr nicht die Schuld geben.“

„Sie ist eine Winchester“, sagte Sally. „Das macht sie zur Zielscheibe.“

„Ja“, murmelte er. „Ich statte ihr nachher einen Besuch ab und sehe nach, ob alles in Ordnung ist. Ruf mich an, wenn du etwas hörst. In der Zwischenzeit fahre ich zur Highschool. Ich muss mich mit Jimmy Joe Babcock unterhalten.“

„Verstanden.“

Dev startete den Polizeiwagen und fuhr in Richtung Highschool, doch er war mit seinen Gedanken immer noch bei der Begegnung mit Elodie – er hatte sie wirklich wiedergesehen.

Er hatte sich immer gefragt, was für eine Art Frau sie geworden war. Als Teenager war sie süß und albern gewesen, viel zu naiv und willens, bedingungslos zu lieben. Sie hatte ihn dazu gebracht, zu glauben, dass er etwas aus seinem Leben machen konnte. Sie hatte immer das Beste in den Menschen gesehen und sich sogar dann noch geweigert, das Schlimmste zu glauben, wenn ihr die Wahrheit ins Gesicht schlug.

Dev war das genaue Gegenteil gewesen. Mit siebzehn hatte er mit sich und der Welt gehadert. Er hatte selbst miterlebt, wie die Stadt und die Winchesters einen Menschen zermürben konnten. Er hatte nur einen Plan gehabt, und zwar so schnell wie möglich zu verschwinden. Und er hatte genau das getan und die Stadt einen Tag, nachdem er die Highschool abgeschlossen hatte, verlassen.

Er hatte sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten und innerhalb von fünf Jahren einen Abschluss in Strafrecht gemacht. Er hatte auf die Polizeischule in Atlanta gehen wollen, doch dann hatte seine Mutter angerufen. Die Winchesters waren pleite, sie selbst würde ihre Stelle und ihr Heim verlieren und wusste nicht, was sie tun sollte.

Dev war noch im selben Monat nach Winchester zurückgekehrt und hatte das Glück gehabt, bei der Polizei eine Stelle als Streifenpolizist zu bekommen. Als sich die wirtschaftliche Situation der Stadt in den nächsten fünf Jahren verschlechterte, zogen viele seiner Kollegen wegen besserer Jobs fort. Vor zwei Jahren war er dann der dienstälteste Beamte auf dem Revier gewesen und hatte die Stelle als Polizeichef angenommen.

Dev mochte seinen Job. Er wusste, dass das, was er tat, wichtig war. Wenn es eine Chance gab, die Stadt wieder nach oben zu bringen, dann war es der Kampf gegen die Kriminalität. Ein einziges Meth-Labor, eine Bande, die Autos stahl, ja sogar ein cleverer Einbrecher konnte alles zunichte machen. Wenn die Stadt erst einmal einen schlechten Ruf hatte, würde niemand mehr dort leben oder sie besuchen wollen – und sie würde sich niemals erholen.

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe Raucher, die sich in der Ecke des Schulparkplatzes zusammendrängte. Dev hielt vor ihnen an. „Wollt ihr Jungs tatsächlich den Rest eures Lebens damit verbringen, Zigaretten zu kaufen? Wenn ihr jetzt mit dem Rauchen anfangt, ist es später schwierig, damit aufzuhören. Und es ist ein teures Hobby.“ Er wandte sich an einen der Jungen. „Und woher hast du das Geld zum Rauchen, Babcock? Nachdem du so viel Geld für die Reifen für deinen Bruder ausgegeben hast, hätte ich gedacht, du bist ziemlich pleite.“

Dev stieg aus dem Auto und trat vor Jimmy Joe Babcock. „Der Rest von euch kann gehen und Hausaufgaben machen. Ich muss mit Jimmy reden.“ Die Jungen tauschten Blicke, und die Gruppe löste sich langsam auf.

Als die anderen außer Hörweite waren, lehnte sich Dev an den Streifenwagen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß, dass du die Reifen bei Feller gestohlen hast. Was ich nicht weiß, ist, was du jetzt deswegen unternehmen willst.“

Jimmy blickte zu Boden. „Was soll ich denn machen? Ich kann sie nicht zurückgeben. Mein Bruder hat sie schon auf sein Auto aufgezogen.“

„Ich bin sicher, wenn du sie bezahlst, können wir uns etwas überlegen.“

„Ich habe kein Geld“, erwiderte Jimmy Joe.

„Jetzt nicht. Aber wenn du einen Job findest, wirst du welches haben.“

„Es gibt keine Jobs“, antwortete der Junge. „Mein Dad sucht seit zwei Jahren.“

„Willst du es wirklich in Ordnung bringen?“, wollte Dev wissen.

Jimmy Joe nickte.

„Nach der Schule gehst du in den Eisenwarenladen. Ich hinterlege eine Liste mit Materialien, die du abholst. Du kannst alles auf meine Rechnung setzen lassen. Dann bringst du die Sachen zu Zelda’s. Wir treffen uns dort.“

„Was werden wir machen?“

„Wir werden dich zu einem aufrechten Bürger von Winchester machen“, erklärte Dev. „Und bis du die Reifen abbezahlt hast, will ich nicht mehr sehen, dass du Geld für Zigaretten ausgibst.“

„Ja, Sir.“

„Und jetzt zurück in die Schule mit dir.“

Dev sah dem Jungen hinterher.

Er würde die Probleme von Winchester eines nach dem anderen angehen. Mehr konnte er nicht tun. Aber wenn Jimmy tatsächlich bei Zelda’s auftauchte, konnte er den Tag als erfolgreich verbuchen.

Dev stieg in den Streifenwagen ein. Nun musste er sich um ein anderes Problem kümmern. Um eines, das eher persönlicher als beruflicher Natur war.

Elodie Winchester ging die Stufen zur Veranda des Hauses hinauf, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Es war aus dem für die Gegend typischen roten Backstein im Queen-Anne-Stil gebaut. Eine breite Veranda umgab das gesamte Erdgeschoss. Das Ziegeldach wurde von schlichten Holzpfeilern gestützt. Das Haus war von ihrem Urgroßvater um die Jahrhundertwende errichtet worden, nur zehn Jahre, nachdem er seine Textilfabrik eröffnet hatte.

Aber nun es seit sechs Jahren leer, und sie konnte sehen, wie viel Arbeit es machen würde, ihm wieder zu seiner alten Pracht zu verhelfen.

Elodie hatte nie darüber nachgedacht, was es kostete, ein solches Haus zu unterhalten. Für sie war es immer ein Märchenschloss gewesen. Nun war es ihr Haus, die einzige Entschädigung, die sie bekommen hatte, nachdem ihr Vater ihren Treuhandfonds geplündert hatte, um dem Bankrott zu entgehen.

All ihren Geschwistern war das Gleiche passiert, aber die meisten von ihnen hatten bereits jahrelang Geld aus den Fonds genutzt. Sie war diejenige, die am meisten verloren hatte, also hatte sie das Einzige bekommen, was noch nicht verkauft worden war – oder verkauft werden konnte.

Das Haus war seit Jahren auf dem Markt, aber sein Zustand und die schlechte Wirtschaftslage und Stimmung der Stadt hatten alle potentiellen Käufer vertrieben. Niemand in Winchester konnte es sich leisten, es zu kaufen, geschweige denn, es zu bewohnen. Und niemand von außerhalb der Stadt wollte hier leben.

Elodie zog die Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und ließ die Vordertür weit aufschwingen, bevor sie über die Schwelle trat. Sie war überrascht, dass es nicht muffig roch. Obwohl es heiß und stickig war, hing der Duft von Zitronenöl und Bohnerwachs in der Luft.

Als sie durch die beinahe leeren Zimmer schlenderte und den Finger über Stuhllehnen und Kaminsimse gleiten ließ, fand sie kaum eine Spur von Staub. Das Geräusch von fließendem Wasser ließ sie aufschrecken. Sie folgte ihm in den hinteren Teil des Hauses, wo sich die Küche befand. Eine schlanke Frau in einer vertrauten Uniform stand über die Spüle gebeugt.

„Mary?“, fragte Elodie. „Mary Cassidy?“

Die Frau drehte sich um. „Miss Elodie. Als ich gehört habe, dass Sie in der Stadt sind, bin ich sofort hergekommen. Es ist ein bisschen staubig, aber ich bringe es in kürzester Zeit wieder zum Glänzen.“

„Mary, ich verstehe nicht ganz. Haben Sie all die Zeit hier saubergemacht?“

„Ich konnte das Haus doch nicht verkommen lassen“, erklärte Mary. „Ich komme einmal die Woche und tue, was ich kann. Ich muss sagen, ohne die Möbel ist es einfacher.“

„Wer bezahlt Sie?“

„Oh, niemand. Ich muss nicht bezahlt werden. Ich möchte nur, dass das Haus vorzeigbar ist. Für Sie und den Rest der Familie.“

Elodie blickte sie ungläubig an. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll“, murmelte sie.

„Haben Sie vor, hierzubleiben?“, fragte Mary. „Wenn dem so ist, dann gehe ich hinauf und bereite Ihr Zimmer. Die meisten Möbel sind noch da. Wir werden den Strom einschalten lassen müssen, aber das Wasser funktioniert. Und bei diesem Wetter brauchen Sie ja keine Heizung.“

„Mary, Sie müssen nicht – ich meine, ich kann Ihnen nicht viel bezahlen. Es ist nicht viel übrig.“

„Oh, machen Sie sich deswegen keine Sorgen, Miss Elodie. Ich bin sicher, wir können das alles später klären. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich werde mich um Ihr Schlafzimmer kümmern.“

„Danke, Mary.“

Elodie sah ihr nach, als sie davoneilte. Ein Bild von Dev blitzte vor ihrem inneren Auge auf, und sie sog scharf die Luft ein. Nun war sie bereits zwei Mal an ihn erinnert worden. Heute Morgen, als sie einen Mann gesehen hatte, der ihm ähnlich sah, und jetzt, als sie seiner Mutter von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hatte.

Sie dachte wieder an den Polizisten. Vielleicht hoffte sie einfach, dass er noch immer in Winchester lebte. Elodie wusste, wie unwahrscheinlich es war. Er hatte die Stadt immer verlassen wollen. Und warum hätte er auch bleiben sollen? Hier gab es nichts für ihn, besonders jetzt, da es keine Arbeit mehr gab. Und sie hatte das Gesicht des Mannes nicht wirklich gesehen. Er hatte eine Sonnenbrille und eine Schirmmütze getragen.

Aber etwas an seinem Mund war vertraut gewesen.

Seufzend verließ sie die Küche und blieb abrupt stehen.

Dort stand er. Ganz in Dunkelblau, mit einer Dienstmarke um den Hals. Aber die Mütze und die Sonnenbrille waren verschwunden. Elodie schluckte schwer. „Hallo.“ Mehr brachte sie nicht heraus.

„Die Vordertür war offen“, sagte er. „Dachte ich es mir doch, dass das heute Morgen du warst.“

„Ich dachte auch, ich hätte dich wiedererkannt.“

Er grinste auf dieselbe jungenhafte Weise, an die sie sich von früher erinnerte. „Du hast dich kein bisschen verändert“, murmelte Dev. „Du bist immer noch … schön.“

„Devin Cassidy.“ Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, und ihre Knie zitterten. Das war verrückt. Sie waren auf der Highschool ineinander verliebt gewesen, aber das war Jahre her. Warum löste es eine so heftige Reaktion aus, ihn wiederzusehen? Abgesehen davon, dass er unglaublich gut aussah. „Du siehst … älter aus. Ich meine, wie ein … Erwachsener.“

„Elodie“, erwiderte er lachend. „Immer noch der ehrlichste Mensch, den ich kenne.“

„Du bist Polizist?“

„Polizeichef“, antwortete er. „Was machst du in der Stadt?“

Elodie war sich nicht sicher, ob sie von all den komplizierten Einzelheiten ihrer Reise erzählen wollte. Aber wenn sie die Unterhaltung nicht fortsetzte, würde er vielleicht gehen, und das wollte sie nicht. Sie wollte ihn ansehen, wollte jedes Detail seines Gesichts verinnerlichen, bis sie den Jungen in ihrer Erinnerung ausgelöscht und ihn durch diesen unglaublich sexy Mann ersetzt hatte.

„Ich bin hier, um mich um ein paar unerledigte Dinge zu kümmern. Das Haus steht seit Jahren zum Verkauf, und wir hatten keine Interessenten, also denke ich darüber nach, es der Stadt zu schenken.“

„Warum?“

„Ich kann mir die Steuern nicht mehr leisten. Und dann muss man es unterhalten. Es ist eine zu große Last für mich geworden.“

„Anstatt es aufzugeben, könntest du hierbleiben und etwas daraus machen.“

Sie lachte leise. „Und was?“

„Ich weiß nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass ein Winchester in diesem Haus leben sollte.“

„Nun, in den nächsten ein, zwei Wochen wird einer hier leben“, versicherte sie ihm.

„Du bleibst hier?“

„Es ist billiger als ein Motel. Ich kann auf Bequemlichkeit verzichten. Deine Mutter ist oben und kümmert sich um mein Zimmer.“ Elodie erwiderte seinen Blick. „Ist sie die ganze Zeit über hergekommen?“

Dev zuckte mit den Schultern. „Ich denke, man hätte dich fragen müssen, aber sie hat keinen Schaden angerichtet. Deine Familie war ihr Leben. Sie hat für deine Eltern gearbeitet, seit sie ein Teenager war. Ich glaube, sie konnte es nicht ertragen, das Haus verkommen zu sehen.“

„Ich kann sie nicht bezahlen“, sagte Elodie.

„Das ist das Letzte, was sie interessiert“, antwortete er.

Sie schwiegen. „Ich würde dir ein kaltes Getränk anbieten, aber ich hatte noch keine Chance, einkaufen zu gehen.“ Sie lachte. „Und im Moment habe ich keinen Strom für den Kühlschrank.“

Das Signal von Devs Funkgerät ertönte. Er schaltete es ein. „Hier Dev.“

„Wir haben einen Bericht über einen 10-68 auf dem Highway 16, direkt westlich von Mike Murphys Haus.“

„Ich kann in fünf Minuten da sein. Ich kümmere mich darum. Ende.“ Er lächelte Elodie an. „Ich muss los. Die Pflicht ruft.“

„Ich hoffe es ist nichts Gefährliches.“

„Nein. 10-68 bedeutet ‚Vieh auf der Straße‘. Ich vermute, eines von Mike Murphys Schweinen ist ausgebüxt.“

„Das ist gut. Dann muss ich mir keine Sorgen machen.“ Sie errötete. War sie zu weit gegangen? Schließlich waren sie inzwischen kaum mehr als Fremde. Und dennoch fühlte es sich nicht so an. Er war wie ein alter Freund, eben jemand, den sie sehr gut gekannt und einige Jahre nicht gesehen hatte.

„Okay. Ich muss wieder zur Arbeit. Ich komme später noch mal vorbei.“

„Mir geht es gut“, antwortete sie. „Mach dir keine Sorgen um mich.“ Oh, jetzt ging sie davon aus, dass er sich um sie sorgte? „Nicht, dass ich denke, du machst dir Sorgen. Du musst dich um wichtigere Dinge kümmern. Also.“

Er drückte ihr den Finger auf die Lippen. Der Kontakt war überraschend und unbestreitbar vertraut. „Du wohnst momentan in der Stadt Winchester, wo ich der Polizeichef bin“, sagte er. „Es ist meine Pflicht, mich um dein Wohlergehen zu sorgen.“

Elodie zwang sich zu lächeln. „Okay“, sagte sie.

Dev nickte, dann schritt er zur Vordertür. Sie hörte, wie er sie hinter sich schloss, und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.

Es war zwölf Jahre her, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und nichts hatte sich zwischen ihnen geändert. Er brachte ihr Herz immer noch zum Rasen und sorgte dafür, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Sie hatte jedes bisschen Willenskraft gebraucht, um ihn nicht zu berühren und mit den Fingern über sein gut aussehendes Gesicht zu streichen.

Sie hatte viele Jungen und später dann Männer getroffen, seit sie Winchester verlassen hatte. Sie hatte einige ernsthafte Beziehungen gehabt, die alle auf spektakuläre Weise zerbrochen waren. Und inmitten all des Schmerzes und des Chaos’ hatte Elodie sich immer gefragt, ob sie ihre einzig wahre Liebe im Alter von sechzehn Jahren zurückgelassen hatte.

Der Gedanke war lächerlich, aber sie war ihn all die Jahre nicht losgeworden. Vielleicht war es ihr Schicksal, Devin Cassidy zu lieben, und sie würde niemals wirklich glücklich sein, wenn sie nicht mit ihm zusammen war. Elodie seufzte. Vielleicht suchte sie auch einfach etwas – das Gefühl, irgendwo hinzugehören, einen Ort, an dem sie sich endlich wieder sicher fühlen konnte. Sie war zu Hause, aber es war nicht das Zuhause, an das sie sich erinnerte. Es war albern, sich zu sehr an Dev zu klammern, nur weil er vertraut war.

Sie schloss die Augen und beschwor das wunderbare Bild des dunkelhaarigen, blauäugigen Mannes herauf. Wie war es möglich, dass er noch hier war, immer noch Single und – Elodie unterbrach sich selbst. War er denn überhaupt noch Single? Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, nach einem Ehering zu schauen. Aber bestimmt hätte sie ihn bemerkt.

Sie öffnete die Augen und stieß sich von der Wand ab. „Mary?“ Sie lief die Treppe hinauf zu ihrem Schlafzimmer und nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal.

Wenn sie mehr über Winchesters sexy Polizeichef wissen wollte, musste sie einfach nur seine Mutter fragen.

2. KAPITEL

„Ich weiß, dass es eine strikte Verfahrensanweisung gibt, wenn man den Strom wieder anstellen will“, sagte Dev, „aber ich bitte dich, mir hier einen Gefallen zu tun. Komm schon, Jack, ich zahle die Überstunden oder was auch sonst nötig ist, damit deine Jungs noch heute Nachmittag da rausfahren. Mit all den negativen Gefühlen, die man in der Stadt für die Winchesters hegt, ist es nicht sicher, wenn Elodie Winchester ohne Strom in dem Haus ist. Wenn du die Verantwortung dafür übernehmen willst, bitte. Wenn ihr etwas passiert, lasse ich jedermann wissen, dass wir geredet haben.“

Dev schob den Einkaufswagen zur Kasse und begann, die Lebensmittel auszuladen, während er sich Jacks Ausreden anhörte.

Plötzlich erinnerte er sich daran, dass er Jimmy Joe vor Zelda’s Café treffen sollte. Er sah auf seine Uhr. Die Schule war seit zehn Minuten aus. Jimmy Joe war vermutlich gerade im Eisenwarengeschäft. Wenn er sich beeilte, konnte er noch pünktlich sein.

„Jack, tu es einfach. Ich schulde dir was.“ Er legte auf. Eddie Grant, der Geschäftsführer des Ladens, schlenderte zu ihm herüber und begann, seine Lebensmittel einzupacken. „Hast du gehört, dass eine der Winchesters wieder in der Stadt ist?“

„Ja“, antwortete Dev. „Elodie. Die jüngste Tochter.“

„Jeb Baylor war hier und hat gesagt, dass er und ein paar andere ihr später einen Besuch abstatten. Sie sind alle wegen der Rentensache aufgebracht und wollen ein paar Antworten.“

„Haben sie gesagt, wann ‚später‘ ist?“

„Ja, nach der Arbeit. Vielleicht solltest du vorbeifahren und sie beruhigen.“

„Das werde ich. Danke, Eddie. Du bist ein anständiger Kerl.“

„Ich erinnere mich an Elodie“, erwiderte Eddie. „Sie kam als Kind her, um Süßigkeiten zu kaufen. Sie war immer sehr nett.“

„Das ist sie noch“, antwortete Dev.

Als er in den Streifenwagen stieg, warf er die Lebensmittel auf den Rücksitz und nahm dann sein Funkgerät zur Hand. „Wagen Zero-One an Zentrale.“

„Hier Zentrale“, antwortete Sally. „Was gibt es, Boss?“

„Hol Kyle ans Funkgerät und sorg dafür, dass er zum Winchester-Haus fährt. Es heißt, dass es Ärger geben könnte. Er soll dort aufpassen, bis ich komme.“

„Verstanden“, antwortete Sally.

Dev fädelte sich mit dem Streifenwagen in den Verkehr ein. Als er Zelda’s erreichte, wartete Jimmy Joe bereits mit den Einkäufen auf ihn.

Dev stieg aus dem Auto und lief über die Straße. „Gute Arbeit“, meinte er.

„Was ist das alles für Zeug?“

„Schnapp dir den Eimer und bring ihn schon mal hinein“, sagte Dev. „Joanie soll ihn mit warmem Wasser füllen.“

Während er auf Jimmy Joe wartete, rief er Kyle an. Der Polizist berichtete, dass am Winchester-Haus alles ruhig war. Als Jimmy wieder auftauchte, ließ Dev ihn auf einer Bank Platz nehmen. „Du hast jetzt die Wahl, James. Du schuldest Feller Geld für die Reifen und was du in der Nacht sonst noch mitgenommen hast. Also, wenn du an einer Wiedergutmachung nicht interessiert bist, dann kann ich dich jetzt gleich einbuchten, und du hast im Alter von sechzehn Jahren deinen ersten Eintrag im Strafregister. Aber wenn du einen anderen Weg gehen möchtest, kann ich dir helfen. Wie entscheidest du dich?“

Der Junge dachte lange über die Frage nach, länger als es Devs Meinung nach nötig war. „Ich … ich schätze, ich will das Richtige tun.“

„Es ist schwierig, in dieser Stadt einen Job zu finden. Darum bist du unser neuester Unternehmer.“

„Ja?“

„Du hast jetzt einen Fensterputzbetrieb.“ Nachdem er erklärt hatte, wie man die großen Glasfenster des Cafés putzte, trat Dev zurück und beobachtete Jimmy bei der Arbeit.

„Fertig“, sagte Jimmy Joe schließlich.

„Noch nicht. Jetzt gehst du hinein und bittest Joanie, herauszukommen und sich das Fenster anzusehen. Wenn sie meint, du hast es gut gemacht, frag sie, ob sie dich für den Job bezahlt.“

„Wie viel?“

„Was, glaubst du, wäre es wert?“

Dev konnte sehen, wie es hinter Jimmys Stirn arbeitete.

„Zehn Dollar.“

„Warum verlangst du das erste Mal nicht fünf Dollar, und wenn sie dich wieder ruft, verlangst du zehn Dollar pro Woche.“

„Jede Woche? Das sind vierzig Dollar im Monat.“

„Der Autohändler hat noch viel mehr Fenster. Da könntest du zwanzig verlangen.“

Dev ließ Jimmy Joe vor dem Café zurück. Wenn er mit dem Jungen richtig lag, würde sich seine Investition in die Ausrüstung bezahlt machen. „Einer nach dem anderen“, murmelte er und startete den Motor, um zum Winchester-Haus zu fahren.

Als er in die Wisteria Street einbog, bemerkte er eine Ansammlung von Autos, die vor dem Herrenhaus parkten. Leise fluchend schaltete er das Licht und die Sirenen ein und raste die Straße hinauf.

Eine Gruppe Männer war vor dem Haupttor versammelt und machte ihrem Unmut lauthals Luft. Zum Glück jedoch verstand anscheinend jemand in der Gruppe die Bedeutung des Begriffs „widerrechtliches Betreten“. Dev sah Elodie und seine Mutter auf der Veranda stehen und die Szene nervös beobachten.

Inmitten der Gruppe fand er Kyle, der mit einem leicht angetrunkenen Jeb Baylor stritt. Dev nickte seinem jungen Kollegen zu. „Ich habe dir gesagt, dass du mich rufen sollst, wenn es Ärger gibt.“

„Ich dachte, ich würde allein klarkommen. Sie hatten nur ein paar Bier getrunken und wollten etwas Dampf ablassen.“

„Okay“, rief Dev. „Beruhigt euch alle. Ich weiß, ihr seid verärgert. Aber Elodie Winchester kann euch nicht helfen.“

„Sie und ihre Familie sind mit dem ganzen Geld auf und davon. Sie schulden uns etwas.“

„Ihr habt etwas bekommen. Was eure Renten angeht, der Fall wurde vor drei Jahren geregelt. Es ist vorbei.“

„Es ist nicht vorbei“, sagte Jeb. „Wir wollen Antworten.“

„Nun, Jeb, warum schreibst du deine Fragen nicht auf, und ich schaue, ob Miss Elodie sie vielleicht in einer zivilisierteren Runde beantworten möchte. Setz dich mit den Jungs hin. Schreibt alles auf, und ich rede mit ihr. Sie sagt, sie wird mindestens eine Woche hier sein.“

Das schien die Männer zu besänftigen, und sie gingen langsam auseinander. Kyle kam herüber. „Bitte bring meine Mutter nach Hause. Halte kurz beim Lebensmittelladen, falls sie etwas fürs Abendessen braucht.“

Dev nahm seine eigenen Einkäufe aus dem Kofferraum und ging dann den Hauptweg hinauf.

„Gott sei Dank bist du hier“, begrüßte ihn seine Mutter. „Diese Männer waren so wütend.“

„Mom, Kyle fährt dich nach Hause.“

„Ich komme morgen wieder“, versprach Mary Elodie.

Diese sah zu Dev hinüber, der mit den Achseln zuckte. „Kommen Sie um zehn. Nicht früher.“

„Gut“, antwortete Mary. „Dann kann ich noch einkaufen gehen.“

Sie lief ins Haus, um ihre Sachen zu holen, und eilte dann den Weg hinab zu Kyles Streifenwagen. Dev drehte sich zu Elodie um und hielt die Einkaufstüten hoch. „Ich habe ein paar Lebensmittel für dich gekauft. Ich war mir nicht sicher, ob du in der Stadt gesehen werden willst.“

„Ich vermute, jeder weiß, dass ich hier bin. Worum ging es denn? Was wollten diese Männer?“

„Warum gehen wir nicht nach hinten? Aus der Richtung weht eine angenehme Brise.“

Er folgte ihr die Veranda entlang, und als sie auf der Rückseite des Hauses waren, setzte Dev die Tüten ab und holte eine Flasche Weißwein und Plastikbecher daraus hervor. Der Wein war immer noch kalt.

„Du hast mir Wein gekauft?“

„Ich dachte, du brauchst das Notwendigste. Ich habe dir auch Kaffee, Brot und Eier mitgebracht. Und Schinken. Du trinkst doch Wein, oder?“

„Ich trinke gerne Wein.“

Sie setzten sich auf die Stufen der Veranda und blickten auf das, was noch vom Garten übrig war. Alles war verwildert. Ein paar Rosenbüsche blühten noch, aber der Rest war braun und vertrocknet von der Hitze. Dev sah zu Elodie hinüber und ertappte sie dabei, wie sie ihn anstarrte. Er lächelte. Gott, sie war schön – und das nicht auf diese übertrieben künstliche Art, die so viele Frauen bevorzugten.

Sie besaß eine Eleganz aus einer anderen Zeit, einer Vergangenheit, in der die Frauen noch nicht anhand ihrer künstlichen Brüste und der sorgfältig aufgetragenen Schminke beurteilt wurden. Sie besaß jene einfache, natürliche Schönheit, wie sie aus vorteilhaften Anlagen und guter Haltung hervorging. Elodie war nie bewusst gewesen, wie sexy sie war, und gerade deswegen hatte er sich vor all den Jahren in sie verliebt.

„Erzählst du mir, worum es da ging?“, fragte sie.

„Du musst in der Stadt vorsichtig sein. Es gibt immer noch viel Unmut, besonders darüber, was deine Familie mit der Rentenkasse der Fabrikarbeiter gemacht hat.“

„Das kann ich verstehen. Was mein Vater getan hat, war furchtbar. Er hätte schon viel früher erkennen müssen, dass er Probleme hatte. Wenn ich den Leuten das Geld zurückgeben könnte, würde ich es tun. Aber es ist nichts übrig.“

„Das wissen sie nicht. Sie vermuten, dass deine Familie es mitgenommen hat, als sie aus der Stadt verschwunden ist.“

„Das ist nicht wahr“, erwiderte Elodie. „Wir hatten noch unsere Treuhandfonds, die unser Großvater für uns angelegt hatte, aber die durften bei dem Gerichtsverfahren nicht berücksichtigt werden. Ich habe das meiste von meinem Geld meiner Mutter gegeben. Das alles hat sie sehr mitgenommen.“

„Wie geht es ihr?“

„Nach der Scheidung ist sie zu ihrer Schwester nach San Diego gezogen. Sie hat einen Job, den sie mag, und ihre Enkelkinder. Sie spricht nie über ihr Leben hier – oder über meinen Vater. Ich glaube, er liebt sie immer noch, aber sie kann ihm nicht verzeihen.“ Sie lehnte sich an einen Pfeiler und seufzte leise. „Ich bin froh, dass ich zum Schluss nicht hier war.“

„Warum?“, fragte Dev.

„Meine Erinnerungen an das Haus sind so nicht getrübt worden. Ich habe mein Leben hier geliebt, bis sie mich weggeschickt haben.“

„Wie ist es dir danach ergangen?“, wollte Dev wissen.

„Ich ging auf ein Schweizer Internat“, erwiderte sie. „Es war nur eine weitere dieser kostspieligen Angelegenheiten, die das Familiengeschäft zugrunde gerichtet haben. Und alles nur, um mich von dir fernzuhalten.“ Sie lachte leise. „Und jetzt bin ich trotzdem hier.“

„Wegen des Hauses.“

„Ich wollte es noch ein Mal sehen. Ich hätte nie erwartet, dich hier zu finden. Ich dachte, du wärst so schnell aus dieser Stadt verschwunden, wie du konntest.“

„Das habe ich getan, aber ich bin nach Hause zurückgekehrt. Ich wollte eigentlich nicht lange bleiben, aber die Dinge sind dann einfach so passiert. Und jetzt habe ich einen Job, den ich mag, und Menschen, die mich brauchen.“

„Aber keine Frau.“

„Ah, du hast mit meiner Mutter geredet.“

Elodie errötete und wandte den Blick ab.

„Mach dir keine Sorgen. Es macht mir nichts aus. Dann darf ich dich wenigstens reinen Gewissens ausfragen. Bist du verheiratet?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich denke, ich habe einfach nach jemand … Besonderem gesucht“, sagte sie. „Ich hätte beinahe geheiratet, aber dann habe ich erkannt, dass ich es nicht aus den richtigen Gründen wollte.“

„Was ist passiert?“

„Ich war zwanzig und traf einen Mann, den ich umwerfend fand. Und am Anfang fühlte es sich so an wie das, was wir hatten. Es war aufregend und leidenschaftlich, und ich dachte, ich sei verliebt. Aber ich habe nur versucht, eine glücklichere Zeit wieder aufleben zu lassen.“

„Ich schätze, wir hatten nie die Möglichkeit, herauszufinden, ob aus uns etwas hätte werden können“, meinte er.

„Wir waren so jung und verrückt“, antwortete Elodie. „Ich habe jahrelang von diesen Erinnerungen gezehrt.“

„Ich auch. Du hast nie geschrieben oder angerufen.“

„Du auch nicht.“

„Dein Vater hat mir gedroht, dass er meine Mutter feuern und uns aus unserem Haus werfen würde, wenn ich versuchte, Kontakt zu dir aufzunehmen.“

„Mir hat er dasselbe gesagt. Ich dachte, du würdest eine andere finden. Du warst zu charmant und gut aussehend, um lange alleine zu bleiben.“

„Zu viel der Ehre“, scherzte er. „Heutzutage kann ich kaum noch ein Date bekommen.“

„Das glaube ich nicht.“

„Niemand will mit dem Polizeichef ausgehen. Es ist, wie mit einem Pfarrer auszugehen. Man kann nie wirklich Spaß haben.“

„Ich habe gerade Spaß“, entgegnete Elodie.

„Ja, jetzt noch. Aber wenn du zu viel trinkst, werfe ich dich ins Gefängnis.“

Sie verbrachten die nächsten zwei Stunden damit, an ihrem Wein zu nippen und in Erinnerungen zu schwelgen, wobei Dev sich mit einem Glas begnügte, weil er immer noch im Dienst war.

Das Beisammensein fand ein Ende, als ein Elektriker erschien, um den Strom anzustellen.

Es schien der richtige Zeitpunkt zu sein, sich zu verabschieden, aber Dev wollte es nicht. Er wollte den Rest der Nacht mit Elodie verbringen, mehr Wein trinken und mit ihr zu Abend essen, aber er wollte auch nicht zu gierig zu werden. Er würde sie wiedersehen, und vielleicht würden sie versuchen, das, was sie einst hatten, wieder aufleben zu lassen. Aber er war nicht so dumm, mehr als eine oder zwei Wochen mit Elodie Winchester zu erwarten. Sie war nur hier, um sich um „unerledigte Dinge zu kümmern“, und dann würde sie wieder verschwinden.

Aber was konnte es schon schaden, die kurze Zeit, die sie miteinander hatten, zu genießen? Es würde vielleicht einige Leute verärgern, aber sobald sie fort war, konnte er alle Wogen glätten. Im Moment war er dankbar für jedes kleine Wunder – besonders für jenes, das sie wieder in sein Leben gebracht hatte.

Elodie wurde vom Donner geweckt. Überrascht, dass sie es überhaupt geschafft hatte zu schlafen, rieb sie sich die Augen. Das leere Haus war voller seltsamer Geräusche, die ihr nicht mehr vertraut waren. Und ihre Gedanken kamen nicht zur Ruhe, seit sie Dev Cassidy gesehen hatte.

Mit einem Stöhnen setzte sie sich auf und rieb sich das Gesicht. Eine Brise wehte durch die Spitzenvorhänge. Sie ließ sich zurückfallen und genoss den kühlen Wind auf ihrer feuchten Haut. Sie hatte vergessen, wie heiß die Sommer im Süden waren, wie ruhig die Luft vor einem Gewitter war. Sie hatte auch vergessen, wie süß der Duft der Blumen sein konnte, der durch die Nacht schwebte – Geißblatt und Jasmin und Glyzinie. Und mehr als alles andere hatte sie vergessen, wie schnell Dev Cassidy ihre Gedanken beherrschen konnte.

Man konnte wohl sagen, dass ihre Teenagerromanze eine sehr keusche gewesen war. Sie hatten ihrem Verlangen nie nachgegeben. Elodie hatte befürchtet, schwanger zu werden, und Dev hatte vor ihrem Vater Angst gehabt. Aber jetzt, als erfahrene Frau, fragte sich Elodie, welche Überraschungen und welches Vergnügen eine Nacht mit Dev wohl bringen würde.

Sogar vollkommen bekleidet war es offensichtlich, dass er einen schönen Körper hatte. Er war immer ein großartiger Mensch gewesen, und sogar als Siebzehnjähriger hatte er außerordentlich gut küssen können. Er hatte gewusst, wie man Zunge und Lippen richtig einsetzte. Sie fragte sich, ob er sich in all den Jahren zu einem noch größeren Experten entwickelt hatte.

Es donnerte erneut, und ein paar Sekunden später erhellte ein Blitz den Raum. Elodie schwang ihre Beine über die Bettkante und zog ein leichtes Baumwollkleid aus ihrer Tasche. Sie schlüpfte hinein und trat zum Fenster, das auf die Auffahrt hinausging.

Ihr Blick blieb an einem Wagen hängen, der vor dem Haus parkte. Elodie runzelte die Stirn. Es war ein Streifenwagen. Ließ Dev sie überwachen? Hatte er Angst, diese Männer könnten mitten in der Nacht zurückkehren? Und wenn dem so war, warum hatte er sie nicht gewarnt?

Elodie eilte nach unten und riss die Vordertür auf. Die ersten Regentropfen fielen auf den Verandaboden. Sie rannte über den Rasen. Als sie das Auto erreichte, stellte sie sich davor.

„Was machst du hier?“, schrie sie, um Wind und Sturm zu übertönen.

Dev stieg langsam aus dem Wagen aus. „Ich konnte nicht schlafen.“

„Ich auch nicht.“

Mehr brauchte er nicht. Er trat auf sie zu, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, lag sie in seinen Armen. Sein Mund bedeckte den ihren in einem verzweifelten, leidenschaftlichen Kuss.

Nichts daran erinnerte sie an die Vergangenheit. Die Leidenschaft zwischen ihnen war frisch und roh und voller Verlangen. Seine Finger vergruben sich in ihrem Haar, und er küsste sie so begierig, als wolle er mit ihr verschmelzen.

Der Stoff ihres Kleides klebte an ihrer Haut, eine unwirksame Barriere gegen seine Berührung. Sie hätte ebenso gut nackt sein können. Elodie bekämpfte den Drang, den Saum ihres Kleides zu nehmen und es über ihren Kopf zu ziehen.

„Komm mit“, flüsterte sie und strich mit den Fingern über sein Gesicht. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn zum Haus.

Im Schutz der Veranda umfasste er ihre Taille erneut und zog sie für einen weiteren Kuss zu sich heran. Dev ließ seine Hand ihren Körper hinaufgleiten, fand schließlich ihre Brust und umschloss sie sanft. Sein Daumen strich spielerisch über die harte Spitze.

Er war unwiderstehlich. Sie konnte keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Jede Reaktion auf seine Berührung und seine Küsse, auf seinen Geschmack und seinen Geruch war rein instinktiv.

Elodie wollte den Saum seines Hemdes ergreifen, aber es steckte in seiner Hose, und der Waffengurt war im Weg. „Zieh das aus“, flüsterte sie, während ihre Hände bereits nach der Gürtelschnalle suchten.

Sie trat zurück und sah zu, wie er vorsichtig seine Pistole ablegte. Einen Augenblick später fiel sein Waffengurt zu Boden, gefolgt von seiner Dienstmarke und schließlich seinem Hemd.

Ihre Hände strichen über seine harten Muskeln und die weiche Haut. Seine einst jungenhaften Schultern waren nun breit, seine Hüften schmal.

Dev zog sie wieder in seine Arme, umfasste ihr Gesicht und küsste sie.

„Sag mir, was du willst“, flüsterte er. „Ich gebe dir alles, was du willst.“

Sie wollte ihn tief in sich spüren, spüren, wie er sich langsam bewegte, wollte, dass ihre Körper verschmolzen. Sie war dieser Versuchung viel zu schnell erlegen. Es waren nicht einmal vierundzwanzig Stunden gewesen.

Wenn sie sich vorgestellt hatte, wie sie einander liebten, war es immer perfekt gewesen, die ultimative Verbindung von Verlangen und Romantik, von Lust und Befriedigung. Alles passte zusammen, als wären sie füreinander geschaffen.

Aber was, wenn die Realität nicht war wie ihre Fantasie?

Dev ergriff den Saum ihres Kleides und schob ihn hoch bis zur ihrer Taille. Er drückte sie sanft gegen die Tür, und sie stöhnte, als seine Fingerspitzen über die weiche Haut an der Innenseite ihrer Schenkel strichen.

Wilde Erregung durchfuhr ihren Körper, und sie zitterte vor Vorfreude auf das, was als Nächstes kommen würde. Als er seine Finger zwischen ihre Beine gleiten ließ und in die weiche Hitze eindrang, die er dort vorfand, stöhnte Elodie auf.

Sie bebte vor Lust und war dankbar, dass er sie festhielt. Ihre Knie waren weich. Der einzig sichere Ort für sie beide war ihr Bett – aber sie war nicht sicher, ob sie es bis oben schaffen würden, ohne von ihrem Verlangen überwältigt zu werden.

Einen Augenblick später war ihr das alles egal. Als Dev langsam begann, seine Finger in ihr zu bewegen, konnte sie nicht mehr klar denken. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich nur auf seine Berührung, auf das Gefühl, das seine Finger ihr verschafften, als er sie immer näher an die Schwelle brachte.

Als Elodie endlich ihre Erlösung fand, raubte es ihr fast den Atem. Sie schnappte bei jedem Zucken nach Luft, verlor sich in ihrer Lust und war sich ihrer Umgebung kaum mehr bewusst. Ihre Gefühle waren so intensiv, dass sie sie kaum noch ertragen konnte, und schließlich drückte sie die Hand an seine Brust. „Stopp“, bat sie. „Das ist zu viel.“

„Ich halte dich“, sagte Dev. „Ich lasse dich nicht los.“

Sie sank in seine Arme, und er hob sie hoch, öffnete die Tür und trug sie zur Treppe. Doch dann durchbrach das Signal seines Funkgeräts die Stille: „Winchester Zero-One, hier County Zentrale. Bitte kommen.“

Dev fluchte leise. „Kannst du stehen?“

Elodie nickte, und er setzte sie ab. Sie sah zu, wie er nach draußen trat und sein Funkgerät aus dem Waffengurt zog. „Hier Winchester Zero-One.“

„Wir haben einen 10-50 in der River Road. Rettungswagen ist auf dem Weg. Bitte um Unterstützung.“

„Zentrale, bin auf dem Weg. Winchester Zero-One, Ende.“

Er hob sein Hemd auf und zog es an. „Ich muss gehen.“

„Was ist los?“

„Ein Verkehrsunfall. Ungefähr sieben Meilen außerhalb der Stadt.“

„Etwas Ernstes?“

„Ich weiß es nicht. Ich werde es herausfinden, wenn ich ankomme. Kommst du klar?“

Elodie nickte. „Ja. Kommst du zurück?“

„Wenn ich kann.“ Er schloss seinen Waffengurt und befestigte das Pistolenhalfter daran. Mit ein paar langen Schritten durchquerte er die Halle und zog sie in seine Arme. Er presste seine Lippen auf ihre und verließ sie mit einem aufwühlenden Kuss.

Elodie setzte sich langsam auf die unterste Stufe und zupfte an ihrem nassen Kleid, bis ihre Beine wieder bedeckt waren.

In ihren kühnsten Träumen hätte sie nicht zu hoffen gewagt, dass der Tag so enden würde. Aber nun musste sie sich fragen, ob es irgendetwas gab, das sie dazu bewegen konnte, Winchester jemals wieder zu verlassen.

Die Sonne war bereits aufgegangen, als Dev und die Jungs vom Büro des County Sheriffs die Untersuchung des Unfalls abschlossen. Sie hatten herausgefunden, dass die Fahrer der verunglückten Wagen sich nach einer Party zu einem Rennen herausgefordert hatten. Beide jungen Männer mussten in die Unfallklinik in Asheville eingeliefert werden.

Das Signal von Devs Funkgerät ertönte, und er sah auf die Uhr, während er darauf wartete, dass Sally sich meldete. „Winchester Zero-One, hier Zentrale.“

„Morgen, Sally.“

„Morgen, Boss. Elodie Winchester hat gerade angerufen. Jemand hat einen Stein durch ihr Fenster geworfen. Willst du das übernehmen, oder soll ich Kyle schicken?“

Dev fluchte leise. „Ich übernehme das.“ Obwohl er sich in den Morgenstunden auf den Unfall konzentriert hatte, waren seine Gedanken immer wieder zu dem, was in der Wisteria Street geschehen war, zurückgekehrt.

Die Anziehung zwischen ihnen ließ sich nicht leugnen, aber die Tatsache, dass sie beide ihr so schnell nachgegeben hatten, verwirrte ihn. Es war über zehn Jahre her, dass sie einander zuletzt gesehen hatten, und dennoch schien es, als wäre kaum eine Woche vergangen. All die alten Gefühle waren immer noch da, das dringende Verlangen und die Ahnung, dass sie auf etwas zurasten, das sie nicht kontrollieren konnten.

Dennoch, sie waren nun erwachsen und für ihr Handeln selbst verantwortlich. Er hatte ihr die Chance gegeben, seine Annäherungsversuche zurückzuweisen, und sie hatte ihm mehr angeboten. Nichts hatte sich geändert. Und dennoch hatte sich alles geändert. Er war für ihre Sicherheit verantwortlich und zu ihrem Haus gefahren, um sie zu beschützen, nicht um sie auf der Veranda zu verführen.

Dev fuhr auf den Highway und schaltete Lichter und Sirene ein. Er hatte geahnt, dass die Wut auf Elodie nicht nachlassen würde. Er hätte einen Streifenwagen vor ihrem Haus postieren sollen. Die Menschen der Stadt hatten wegen der Winchesters gelitten, und nun hatten sie jemanden, dem sie die Schuld geben konnten.

Aber es ging nicht nur um Schuld: Sie wollten Rache, wollten dafür sorgen, dass die Winchesters ebenso litten, wie sie es getan hatten. Doch das würde Dev nicht zulassen. Er war ebenso wütend auf den alten Winchester und seine Söhne, die die Fabrik in den Ruin getrieben hatten, wie alle anderen. Aber Elodie hatte nicht einmal in der Stadt gelebt, als das Schlimmste geschehen war. Ihre Teenagerromanze war der Grund dafür gewesen.

Dev schaltete die Sirene aus, als er in die Stadt fuhr. Es gab noch nicht viel Verkehr auf seinem Weg zu Elodies Haus, da die Leute gerade erst aufstanden. Er hielt an und stieg aus dem Streifenwagen aus, dann eilte er den gepflasterten Weg hinauf.

Elodie saß in einem Schaukelstuhl auf der Veranda und nippte an einer Tasse Kaffee. Im Stuhl neben ihr lag Jeb Baylor, ausgestreckt und laut schnarchend. Sie lächelte, als Dev näherkam.

Er nahm sie in die Arme und drückte sie. „Was zum Teufel ist hier los?“

„Nichts. Er war betrunken und aufgebracht.“

„Jeb hat den Stein geworfen?“

Elodie nickte. „Ja. Er hat rumgeschrien, und ich habe ihn auf die Veranda zu einer Tasse Kaffee eingeladen, damit wir über seine Probleme reden können. Aber als ich mit dem Kaffee zurückkam, war er eingeschlafen. Ich hatte Angst, ihn zu wecken.“

Dev drückte seine Lippen auf ihre Stirn. „Du bist in Sicherheit. Das ist alles, was zählt.“

„Was sollen wir mit ihm machen? Ich will nicht, dass er ins Gefängnis kommt. Er war betrunken, und ich kann ihm nicht vorwerfen, dass er wütend ist.“

„Jeb muss für den Schaden aufkommen“, entgegnete Dev.

Elodie nickte.

Er zog sein Funkgerät hervor. „Zentrale, hier Zero-One.“

„Was gibt’s, Boss?“

„Ruf Jenny Baylor an. Sie soll zum Winchester-Haus kommen und ihren Mann abholen.“

„Verstanden.“

Dev wandte sich wieder Elodie zu und nahm ihr vorsichtig die Tasse aus der Hand. Er nahm einen großen Schluck und seufzte. „Meinst du, ich könnte eine Tasse davon haben? Heiß?“

„Sicher“, entgegnete sie, ging zur Tür und blieb dann stehen. „Ich weiß nicht, wie du deinen Kaffee magst. Du hast früher keinen Kaffee getrunken.“

„Schwarz“, sagte er.

„Natürlich. Schwarz“, murmelte sie.

Dev ging ans andere Ende der Veranda, legte seinen Waffengurt ab und hängte ihn über das Geländer. Er setzte sich auf die Bank und seufzte leise. Die Erschöpfung überwältigte ihn, er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Aber er fand keinen Schlaf.

Bilder von Elodie schwirrten durch seinen Kopf, ihr Körper bekleidet, ihr Körper nackt, ihr Haar aus dem Gesicht gestrichen, dann über ihre Schultern fallend. Sie war weniger als vierundzwanzig Stunden wieder zu Hause, und er war bereits von ihr besessen.

Leise fluchend öffnete er die Augen. Er hatte sein Liebesleben immer unter Kontrolle gehabt. Die Klatschmäuler in einer Kleinstadt waren stets auf der Suche nach neuem Futter, und er wollte nicht, dass lächerliche Spekulationen über sein Sexleben seine Autorität untergruben. Und es wäre ein gefundenes Fressen für sie, wenn er eine Beziehung mit Elodie Winchester anfing.

Kurze Zeit später kam Elodie zurück, ein Tablett mit zwei Tassen heißem Kaffee und ein paar Scones in den Händen. „Mehr konnte ich nicht zaubern“, erklärte sie. „Magst du Scones?“

„Ich glaube, ich habe noch nie welche gegessen. Ich bin eher der Donut-Typ.“

Sie kicherte, als sie ihm den Kaffee reichte. „Du siehst so aus, als würdest du nur Gesundes essen.“

„Ich versuche es, aber das hat keine Priorität. Ich esse, wenn ich dazu komme.“

„Du brauchst eine Frau.“

„Das hat auch keine Priorität.“

Sie setzte sich neben ihn und nippte an ihrer Tasse. „Was hat Priorität für dich?“

„Die Stadt davor zu bewahren, kaputtzugehen.“

„Das ist ein edles Ziel“, murmelte Elodie.

Danach saßen sie schweigend da und tranken ihren Kaffee.

Dev wollte sie in seine Arme nehmen und küssen, wollte herausfinden, ob die Anziehungskraft, der sie letzte Nacht nachgegeben hatten, im Morgenlicht immer noch so stark war. Aber eine Beziehung zu beginnen würde im besten Fall kompliziert und im schlimmsten Fall gefährlich sein. Vielleicht war es vernünftig, die Dinge langsamer anzugehen und in Ruhe über die Konsequenzen einer Affäre mit Elodie nachzudenken. Oder darüber, in welches Leben sie wohl zurückkehren wollte.

„Was ist mit dir?“, fragte er. „Du hast mir nicht viel über dein Leben in New York erzählt.“

„Ich habe eine Kunstgalerie geleitet. Ich hatte eine Beziehung mit einem Bildhauer. Sehr talentiert, aber sehr … schwierig. Wir haben in den letzten drei Jahren zusammengelebt. Aber vor fünf Tagen kam ich in unser Loft und habe ihn mit einer anderen im Bett gefunden, also habe ich meine Sachen gepackt und bin nach Hause gekommen. Oder zu dem, was einem Zuhause am nächsten kommt.“

„Liebst du ihn noch?“

Elodie lächelte. „Ich kann gar nicht sagen, ob ich das je getan habe. Eigentlich bin ich froh, dass es aus ist. Er forderte viel Aufmerksamkeit. War selbstsüchtig.“

„Ich bin froh, dass du beschlossen hast, heimzukommen.“

Sie seufzte. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Das Haus ist so … überwältigend. Es ist so viel zu reparieren, und ich kann es mir nicht leisten. Niemand will es kaufen. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass die Stadt es nehmen würde, selbst wenn ich es ihr schenke. Ich könnte es natürlich einfach in Brand stecken und die Versicherungssumme kassieren.“

Dev räusperte sich. „Du weißt, dass du gerade einem Polizisten gestanden hast, eine Straftat begehen zu wollen, oder?“

Elodie zog eine Braue in die Höhe und schenkte ihm ein neckisches Lächeln. „Willst du mich festnehmen? Mir Handschellen anlegen und mich ins Gefängnis werfen?“

„Nur wenn du deinen Plan in die Tat umsetzt.“

„Ich will nicht, dass diesem Haus etwas geschieht. Ich liebe es. Ich weiß nur nicht, ob ich es behalten kann.“

„Es muss einen Weg geben, wie du es retten kannst. Wir müssen ihn nur finden.“

„Wir?“

„Ich helfe dir“, bot er an. Dev wollte nicht zu enthusiastisch klingen. Sie in der Stadt zu halten mochte in seinem Interesse sein, aber wenn Leute wie Jeb mehr Ärger machten, würde es am Ende der Stadt schaden, die er liebte.

„Ich will dich nicht ausnutzen. Ich bin erst einen Tag wieder da, und du warst schon so großzügig. Ich muss anfangen, mich selbst um die Dinge zu kümmern. Aber einen Gefallen könntest du mir tun. Kannst du jemanden empfehlen, der das Fenster repariert?“

„Komm, wir sehen es uns an. Ich könnte genau die richtige Person kennen.“

Quietschende Reifen auf der Straße erregten ihre Aufmerksamkeit, und Dev sah, wie Jenna Baylor schließlich den Weg heraufkam. Er trat einen Schritt auf sie zu, aber sie winkte ab.

Dev wusste nicht, was sie vorhatte, aber er konnte die Wut in ihren Augen sehen. Würde sie Elodie oder ihn angreifen? Aber sie stellte sich vor ihren Mann und trat ihm gegen das Bein.

Jeb schrak aus dem Schlaf hoch. „Was?“, murmelte er.

„Steh auf und beweg deinen armseligen Hintern von der Veranda“, schimpfte sie.

„Was? Was machst du hier?“

„Ich bin hier, um dich nach Hause zu bringen. Du hast einen Stein durch ein Fenster geworfen. Und jetzt muss ich Überstunden machen, um für dein dummes Verhalten zu zahlen.“ Sie trat ihn erneut. „Steh auf und steig in das Auto. Verbring deine Zeit lieber damit, einen Job zu suchen, als mit Trinken.“

Jeb stolperte von der Veranda hinunter. Jenna blieb vor Dev stehen. „Es tut mir leid. Natürlich komme ich für den Schaden auf.“

„Nein“, schaltete Elodie sich ein. „Es ist okay. Das Haus ist versichert. Ich werde einfach sagen, dass eines der Nachbarskinder es war. Mit einem Baseball.“

Jenna holte tief Luft und nickte. „Danke, Miss Winchester. Ich weiß Ihre Großzügigkeit zu schätzen. Und ich werde dafür sorgen, dass er nicht wieder hier auftaucht. Sie haben mein Wort.“

„Sie können mich Elodie nennen. Und wenn er hier auftaucht, rufe ich Sie direkt an.“

Dev wartete, bis die Baylors gefahren waren, dann sah er Elodie an. „Das war nett von dir.“

„Wenn ich hier leben will, sollte ich versuchen, etwas von dem Schaden wiedergutzumachen, den mein Vater angerichtet hat.“

Wirst du denn hier leben?“, wollte Dev wissen.

Elodie zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht. Nicht wenn die Leute mir weiterhin Steine durch die Fenster werfen.“

Dev schlang den Arm um ihre Taille und zog sie in eine Umarmung. Aber sein Funkgerät störte seinen Versuch, einen Kuss zu stehlen.

„Die Arbeit ruft“, sagte sie.

„Wir sehen uns später. Aber ich sollte dir meine Nummer geben. Wo ist dein Handy?“ Sie reichte ihm ihr Telefon, und er speicherte seine Nummer ein. „Ruf mich an, wenn es Probleme gibt.“

Sie winkte ihm, als er zur Straße ging. Beim Streifenwagen blieb Dev stehen und sah sie lange an. Der Sommer in Winchester war ihm nie schöner erschienen.

3. KAPITEL

„Hallo? Miss Winchester? Jemand zu Hause?“

Die weibliche Stimme hallte durchs Haus. Elodie zog ihre Gummihandschuhe aus und legte sie neben die Küchenspüle. „Einen Moment“, rief sie.

Ein paar Sekunden später verließ sie die Küche und ging durch die Eingangshalle. Eine dunkelhaarige Frau stand in der Tür. „Hallo. Sind Sie Susanna?“

„Ja. Susanna Sylvestri. Dev hat angerufen und gemeint, Sie könnten Hilfe bei einer Fensterreparatur brauchen.“

„Ja, hier.“ Elodie trat auf die Veranda hinaus uns führte Susanna zum kaputten Fenster. „Dev hat erwähnt, dass Sie Bleiglasfenster reparieren können.“

„Das stimmt.“

Wie viele andere Stadtbewohner betrachtete Susanna Sylvestri Elodie mit einer großen Portion Misstrauen. Sie hatte noch nicht gelächelt und schien nicht plaudern zu wollen. „Wie lange arbeiten Sie schon mit Glas?“

„Seit zehn Jahren. Zuerst war es ein Hobby, jetzt ernähre ich damit die Familie.“ Susanna machte eine Pause. „Mein Mann hat in der Fabrik gearbeitet. Ebenso wie mein Dad und mein Bruder.“

Sie schwiegen und Elodie spürte, wie ihre Hoffnung schwand. War es ein Wunder, dass man sie hier in der Stadt hasste? „Nun, ich bin froh, dass ich Sie gefunden habe. Altes Glas zu reparieren ist schwierig. Was es auch kostet, ich bin bereit, es zu bezahlen.“

„Ich brauche keine Wohltätigkeit“, murmelte Susanna und sah sich das Fenster an. „Keiner von uns.“ Mit einem zurückhaltenden Lächeln sagte sie: „Wir könnten ein paar Probleme mit diesen abgerundeten Scheiben bekommen. Die könnten schwer aufzutreiben sein.“

„Da ist ein Eimer voll Glas in der Garage. Den kann ich Ihnen zeigen.“

Susanna nickte und sie gingen um das Haus herum. „Reparieren Sie nur oder haben Sie ein Studio?“

„Ein Studio?“

„Ja, ein Ort, an dem Sie arbeiten und Ihre Kunst verkaufen. Ich habe eine Galerie in New York geleitet und unsere Glaskünstler waren sehr erfolgreich.“

„Mein Studio ist unser alter Hühnerstall.“

Sie holten den Eimer und fanden einen Ersatz für das zerbrochene Glas in der Scheibe. Susanna entspannte sich ein wenig und Elodie tat ihr Bestes, um die Unterhaltung leicht, aber interessant zu halten. Susanna schien vier oder fünf Jahre älter zu sein als sie selbst, aber ihr hübsches Gesicht wirkte müde.

Elodie fühlte sich schuldig. So viele Menschen hatten gelitten, nachdem ihr Vater die Fabrik ruiniert und dann die Rentenkasse seiner Angestellten geplündert hatte. „Verkaufen Sie Ihre Kunst hier irgendwo?“

„Ich nehme meist Aufträge an. Hauptsächlich Kirchenfenster. Ich kann es mir nicht leisten, etwas zu machen, das sich nicht verkauft. Ich vermute, das unterscheidet die Handwerker von den Künstlern.“

„Ich würde Ihre Arbeit trotzdem gerne sehen“, entgegnete Elodie.

„Ich habe ein paar Fenster in meinem Truck. Die kann ich Ihnen zeigen.“

„Klingt toll.“

Schließlich half Elodie dabei, das Werkzeug einzupacken, und sie gingen zur Straße hinunter.

Susanna öffnete die hintere Tür des Trucks und sprang hinein, dann reichte sie Elodie eine Hand. Die Hitze war erdrückend, aber sobald Elodie die Fenster sah, vergaß sie die Temperatur.

„Haben Sie die selbst entworfen?“

„Das habe ich.“

„Die sind unglaublich. Sie glauben es vielleicht nicht, aber Sie sind eine Künstlerin.“

Susanna lachte leise. „Nein, bin ich nicht.“

„Doch. Sie sollten anfangen, es zu glauben. Wenn ich das in New York sehen würde, würde ich versuchen, Sie dazu zu bringen, in unserer Galerie auszustellen. Ich würde jemanden finden, der Sie fördert. Ich würde dafür sorgen, dass Sie alles hätten, was Sie brauchen, um ihre beste Arbeit abzuliefern.“

„Wie würden Sie das tun?“

„Ich tue es einfach. Ich weiß, dass Sie Geld verdienen müssen, aber vielleicht ist es an der Zeit, ein wenig Raum für Ihre Kunst zu schaffen.“

Susanna zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich komme jetzt schon kaum über die Runden. Ich bin nicht sicher, ob in meinem Leben Platz für Kunst ist.“ Dann streckte sie die Hand aus. „Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Miss Winchester.“

„Nennen Sie mich Elodie“, erwiderte sie und ergriff die Hand.

„Sie sind gar nicht, wie ich Sie mir vorgestellt hatte.“

Elodie blinzelte überrascht. „Was hatten Sie erwartet?“

„Jemand … anderen. Sie wissen schon, arrogant. Nicht so normal. Nett.“

„Ich hoffe, wir werden Freundinnen“, entgegnete Elodie.

Susanna nickte. „Ich setze Ihr Fenster ganz oben auf die Liste.“

Sie winkte, als sie losfuhr, und Elodie lächelte. Zum ersten Mal, seit sie nach Winchester zurückgekehrt war, fühlte sie sich nicht wie der Staatsfeind Nummer eins. Sie hatte eine Freundin gewonnen – irgendwie. Und sie hatte eine Idee, den Kern eines Konzepts, das anfing, in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen.

Elodie eilte zurück ins Haus und warf die Tür hinter sich zu. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie man die Räumlichkeiten nutzen konnte. Was könnte es Besseres für die Stadt geben, als das Haus zu einem Kulturzentrum zu machen?

Einige der oberen Zimmer könnten als Büros oder Besprechungsräume dienen. Der Salon könnte für Präsentationen oder Vorträge genutzt werden, oder als temporäre Galerie für Wanderausstellungen. Und es gab so viele ortsansässige Künstler, die davon profitieren konnten, wenn ihre Arbeit öffentlich ausgestellt würde.

Das Beste daran war, dass sie tatsächlich das Haus retten und den guten Namen ihrer Familie wiederherstellen könnte.

„Miss Elodie?“

Sie blickte auf und sah Mary Cassidy in der Tür stehen. „Oh, Mary, ich hatte beinahe vergessen, dass Sie hier sind. Sie hätten schon vor einer Ewigkeit nach Hause gehen sollen. Ich kann es mir eigentlich nicht einmal leisten, Sie für die Zeit, die sie jetzt schon investieren, zu bezahlen.“

„Wenn Sie das Haus verkaufen, können Sie mich bezahlen. Oder auch nicht. Ich möchte nur helfen.“

Elodie hakte sich bei Mary ein und zog sie mit sich zur Tür. „Wie wäre es mit einer Pause? Wir machen Tee und essen ein paar von den Keksen, die Sie mir mitgebracht haben.“

Während sie durchs Haus gingen, beschloss Elodie, mit Dev über seine Mutter zu reden. Sosehr sie ihre Hilfe zu schätzen wusste, Elodie konnte sie nicht bezahlen. Vielleicht konnte Dev sie davon überzeugen, zu Hause zu bleiben.

Sie fragte sich, ob sie ihn anrufen sollte. Er hatte sie letzte Nacht und früh am Morgen angerufen, aber er hatte kein Treffen vorgeschlagen. Vielleicht bereute er, was in der ersten Nacht geschehen war. Wenn die Menschen in der Stadt herausfanden, dass sie miteinander schliefen, konnte das Ärger bedeuten – für sie beide.

Falls er beschloss, sich von ihr fernzuhalten, hatte sie darauf zu vertrauen, dass Dev wusste, was er tat. Aber das hieß nicht, dass es ihr gefallen musste.

Für Dev war es die schönste Zeit des Tages, wenn alle Einwohner von Winchester zu Abend gegessen hatten und es sich dann zu Hause gemütlich machten.

Seine Schicht war um zehn Uhr vorbei und als dieser Zeitpunkt näher rückte, musste er mehr und mehr an Elodie denken.

Morgen war sein freier Tag und er hatte beschlossen, ihn mit Elodie zu verbringen.

Allein der Gedanke, in ihrer Nähe zu sein, machte ihn unruhig. Er würde all seine Kraft brauchen, um sie nicht ständig zu berühren, und die verführerischen Bilder ihrer intimen Begegnung auf der Veranda gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Es erschien ihm wie ein Traum. Als hätte er sich das alles nur eingebildet. Würde es wieder geschehen?

Er sagte sich immer wieder, dass er vorsichtig sein musste. Tagsüber würde es ihm hoffentlich leichter fallen, sie nicht zu küssen und ins Schlafzimmer zu zerren.

Dev sah auf die Uhr im Armaturenbrett und parkte den Streifenwagen vor Zelda’s Café. Eine Tasse Kaffee würde ihm die Energie geben, seine Schicht zu Ende zu bringen. Aber er wusste, dass ihm wieder eine ruhelose Nacht bevorstand. Er hatte nicht richtig geschlafen, seit Elodie in der Stadt war, und er glaubte nicht, dass sich das bald ändern würde.

Das Café war scheinbar leer, als Dev eintrat, doch dann erblickte er Elodie, die mit dem Rücken zu ihm saß, und ging zu ihr hinüber.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

Sie sah auf und lächelte. „Hi. Sicher.“

„Ich hatte nicht erwartet, dich hier zu treffen“, sagte Dev.

„Internetzugang. Ich arbeite an einem … Projekt.“

„Klingt interessant. Erzählst du mir davon?“

Elodie schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“ Sie klappte ihren Laptop zu und schob ihn beiseite. „Hast du Feierabend?“

„Noch nicht. Ich bin noch zwei Stunden im Dienst. Aber morgen habe ich frei, also falls du Unterstützung bei deinen Projekten brauchst, könnte ich dir helfen. Mom hat erzählt, dass du gestrichen hast.“

„Ja. Aber es gibt noch so viel mehr zu tun. Es wäre toll, wenn du hilfst.“

„Gut. Ich bringe das Frühstück mit und wir fangen zeitig an.“ Das Signal seines Funkgerätes ertönte. Dev fluchte leise. Es war immer dasselbe, wenn er mit ihr zusammen war – er wurde immer von der Arbeit unterbrochen. „Sorry“, murmelte er.

Er schaltete das Gerät ein und hörte sich die Nachricht an. Man hatte Jugendliche bei Spencer’s Landing gesehen, einem beliebten Treffpunkt für romantische Dates, und man vermutete, dass Alkohol im Spiel war. Dev wusste, dass die Gruppe sich zerstreuen würde, sobald er auftauchte, aber er wusste auch, dass bei betrunkenen Teenagern Ärger vorprogrammiert war. Wenn er sie dazu brachte, nach Hause zu gehen, bevor etwas passierte, konnte er ihnen allen eine Menge ersparen.

„Ich muss los. Wir sehen uns morgen früh.“

Elodie nickte. „Okay.“

„Oder willst du mitkommen? Ich kann dich zu Hause absetzen, wenn ich das überprüft habe.“

„Gerne. Wohin fahren wir?“

„Spencer’s Landing.“

Sie hatten vor Jahren eine Menge Zeit an diesem Ort verbracht, hatten auf einer Decke unter den Sternen gesessen und die Grenzen der Teenagerleidenschaft ausgetestet. Nicht dass er an diese Leidenschaft erinnert werden musste.

Am Auto angekommen, öffnete Dev die Beifahrertür für Elodie und half ihr hinein. Als er sich ans Steuer setzte, lächelte sie ihn an. „Was?“

„Bist du sicher, dass das in Ordnung geht?“

„Ich bin der Polizeichef. Und es ist nicht so, als würde ich dich einer gefährlichen Situation aussetzen. Wir vertreiben nur einen Haufen hormongesteuerter Teenager.“

„Klingt nach Spaß.“

Er fuhr los. „Es ist nicht Manhattan. Es ist nur eine Kleinstadt mit Kleinstadtproblemen.“

„Ich weiß. Aber das, was du hier tust, ist großartig. Du bist ein guter Mann geworden, Dev“, sagte Elodie.

Dev war sich nicht sicher, warum ihre Meinung ihm so wichtig war. Aber sie hatte einen großen Einfluss darauf gehabt, welche Richtung sein Lebensweg genommen hatte. Er stand in ihrer Schuld, und er hatte ihr nie wirklich dafür gedankt.

„Es gibt etwas, worüber wir reden müssen“, unterbrach sie seine Gedanken. „Es geht um deine Mutter. Sie kommt jeden Tag zum Arbeiten, und obwohl ich ihre Begeisterung zu schätzen weiß, kann ich es mir wirklich nicht leisten, sie zu bezahlen. Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden. Aber sie ist der Familie gegenüber so loyal, dass sie es für ihre Pflicht hält, sich um mich zu kümmern.“

„Meine Mutter braucht diesen Job. Seit du zurück bist, hat sie endlich wieder eine Aufgabe. Den größten Teil ihres Lebens war deine Familie ihre Familie. Als deine Eltern weggegangen sind, fühlte sie sich verlassen. Wenn sie darauf besteht, bezahlt zu werden, gebe ich dir das Geld. Sag ihr nur nicht, wo es herkommt. Könntest du das tun?“

Elodie nickte. „Natürlich. Aber ich möchte nicht, dass sie mehr als vier Stunden am Tag arbeitet.“

„Ich denke, ich kann sie davon überzeugen, dass sie weniger tut.“

Dev fuhr langsamer, als sie die schmale, unbefestigte Straße erreichten, die zum Fluss hinunterführte. Er sah, dass Elodie lächelte. „Erinnerst du dich?“

Sie nickte. „Mein Herz schlug so schnell, ich habe geglaubt, ich würde sterben, wenn ich dich nicht küsse.“

„Ich habe versucht, cool zu sein. Aber es funktionierte nicht. Meine Hände haben gezittert und geschwitzt. Ich habe befürchtet, du wirst es bemerken.“

„Ich habe mich gefragt, ob das die Nacht ist, in der wir nicht aufhören können“, sagte sie.

Als sie das Ende der Straße erreichten, kamen sie zu einer Lichtung, einem Ort, an dem es normalerweise von Autos und Jugendlichen wimmelte. Aber heute Abend war niemand hier. „Jemand muss sie gewarnt haben.“

„Umso besser für uns“, entgegnete Elodie. Sie stieg aus. „Komm schon. Sehen wir uns um.“

Dev sah sie durch die Windschutzscheibe hindurch an.

Ihr helles Haar fiel in Wellen über ihre Schultern, sie sah aus wie eine Waldnymphe. Er wollte sie in die Arme nehmen, ihren Körper an seinen drücken und sie küssen. Aber als er aus dem Wagen stieg, ballte Dev die Hände zu Fäusten und versuchte, das schnelle Klopfen seines Herzens zu verlangsamen.

Er fühlte sich wieder wie ein Teenager voller rasender Hormone und Selbstzweifel. Wer war diese umwerfend schöne Frau, und warum hatte sie eine solche Macht über ihn?

Elodie ergriff den Saum ihres Kleides. „Ich gehe schwimmen“, sagte sie. „Kommst du mit?“

„Ich bin noch im Dienst.“

„Dann musst du wohl zusehen.“

Dev stöhnte innerlich auf. Er wurde bereits hart, bloß weil er sich Elodie nackt in seinen Armen vorstellte, während das warme Wasser sie umgab.

Es war idiotisch gewesen, sie herzubringen. Aber er bedauerte es keinen Moment lang.

Elodie stand am Flussufer. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich das letzte Mal so … lebendig gefühlt hatte. Sie lebte eine Fantasie aus, die sie schon seit langer Zeit hatte.

Dieser Ort war ein Teil davon. Dev war bereits mit ihr hierhergekommen, als sie noch Teenager gewesen waren, um einige seiner Freunde zu treffen. Elodie hatte sich aus dem Haus geschlichen, und gehofft, dass sie Spaß haben würden. Aber die anderen hatten sie wie einen Eindringling behandelt.

Nach viel Bier und Tequila war beschlossen worden, nackt baden zu gehen. Aber Elodie hatte es nicht über sich gebracht, mitzukommen. Sie fühlte sich bereits verletzlich, und sich auszuziehen hätte dieses Gefühl nur verschlimmert. Also hatte sie sich ans Ufer gesetzt und auf Dev gewartet.

Zum ersten Mal hatte sie erkannt, dass es vielleicht keine gemeinsame Zukunft für sie geben könnte. Sie kamen aus verschiedenen Welten – und diese Welten entfernten sich immer weiter voneinander.

Aber jetzt hatten sich ihre Wege wieder gekreuzt und sie waren zur selben Zeit am selben Ort. Nun allerdings hatte sie die Kontrolle über ihr Leben – nicht ihr Vater oder ihre Mutter – und es gab kein Vermögen, das zwischen ihnen stand.

„Lass uns reingehen“, sagte sie über ihre Schulter blickend.

„Ich kann nicht. Ich bin im Dienst.“

„Wie praktisch.“ Elodie hatte ihre Unterwäsche anbehalten wollen, beschloss nun aber, dass Dev ein wenig mehr Verführung brauchte.

Sie ließ erst ihren BH fallen, dann schlüpfte sie aus ihrem Slip.

Langsam ging sie auf den kleinen Strand zu. „Es ist eine warme Nacht. Das Wasser wird herrlich sein.“

„Ich könnte dich wegen unsittlichen Entblößens verhaften“, rief er.

„Dann musst du reinkommen und mich holen.“ Mit diesen Worten drehte Elodie sich um und watete in den Fluss, bis das Wasser ihre Knie erreichte, dann tauchte sie unter.

Als sie wieder auftauchte, strich sie sich die Haare aus den Augen und sah zu Dev hinüber. Er stand immer noch mit verschränkten Armen und vollkommen bekleidet da.

„Ich bin nackt. Das ist ja wohl noch kein unzüchtiges Benehmen.“

„Hier im Süden reicht das schon.“

Als sie aus dem tiefen Wasser kam, ging Dev ihr entgegen und wartete mit ausgestreckter Hand am Ufer. Als sie ihre Hand in die seine legte, hob er sie hoch und trug sie über den Sand.

Er setzte sie am Streifenwagen ab und holte dann ihre Sachen. Er streckte ihr den BH entgegen. „Zieh das an.“

„Bist du böse?“

„Nein, aber ich bin im Dienst. Und das ist sehr unangemessen. Das ist ein gefundenes Fressen für die Klatschspalten. ‚Polizist mit nackter Erbin erwischt‘? ‚Sexy Schwimmspaß auf Kosten des Steuerzahlers‘? Ich sehe es direkt vor mir.“

„Ich dachte nur, es würde …“

Er packte sie an den Schultern und sah ihr in die Augen. „Weißt du, wie schwer es für mich ist, diese Situation nicht auszunutzen? Ich will dich in den Armen halten und meine Hände über dich gleiten lassen, bis ich jeden Zentimeter deines Körpers berührt habe.“

„Wie lange dauert es noch, bis deine Schicht vorbei ist?“, wollte Elodie wissen. „Ich denke, ich kann warten.“

Dev lachte leise. „Noch eine Stunde.“

„Und was wirst du bis dahin mit mir machen?“

„Ich werde dich nach Hause bringen und damit jeder Versuchung aus dem Weg gehen.“

Er half ihr beim Anziehen und sie konnte sehen, dass er seine Entscheidung bereits bedauerte. Seine Fingerspitzen strichen über ihre nackten Schultern und seine Hand streifte ihre Brust. Jede unschuldige Liebkosung vergrößerte ihr Verlangen.

Es war an der Zeit zu sehen, wohin ihre Leidenschaft sie führen würde. Es gab keinen Grund zu warten. „Wer hätte gedacht, dass ich all meine Hemmungen verliere und du zu einem aufrechten Bürger wirst? Seltsam, nicht?“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Dev.

„Ich erinnere mich an die Zeit, als du vor nichts Angst hattest.“

„Ich habe keine Angst. Ich habe nur mehr zu verlieren. Ich habe mich damals um niemanden geschert – außer um dich. Aber jetzt versuche ich, die Stadt davor zu bewahren, kaputtzugehen. Seit die Fabrik geschlossen hat, hat ein Drittel der Einwohner die Stadt verlassen. Die Hälfte der Geschäfte hat geschlossen. Und ich versuche, die Ordnung aufrechtzuerhalten, bis jemand mit einem Rettungsring vorbeikommt.“

„Was für ein Rettungsring?“

„Ich weiß nicht. Ein Projekt, das die Geschäfte zurückbringt. Etwas, das diese Stadt für Touristen und vielleicht sogar für Familien attraktiv macht.“

Elodie dachte erneut an ihre Idee für das Haus. War das möglicherweise ein Anfang? Man konnte vielleicht auch etwas aus der Fabrik machen. Aber Winchester wieder auf die Landkarte zu bringen brauchte Zeit. Sie war hier, um ihre Angelegenheiten zu regeln und dann abzureisen. Das Letzte, was sie wollte, war, in ein kompliziertes Projekt verwickelt zu werden, das vielleicht gar keinen Erfolg haben würde.

„Du bist ein guter Mann, Dev. Diese Stadt hat Glück, dass sie dich hat.“

„Ich bin nur ein Kleinstadtpolizist. Mehr nicht.“

„Ich meine nicht deine Arbeit. Ich meine dein Herz. Viele Leute hätten der Stadt den Rücken gekehrt. Du hast beschlossen, zu bleiben und etwas zu ändern. Das ist keine Pflicht. Das ist Liebe.“

Dev schloss sie in die Arme. „Danke“, murmelte er und zog sie fester an sich. Er hielt sie lange. Und dann küsste er sie. Seine Zunge umspielte ihre Lippen und drang schließlich in ihren warmen Mund ein, erst spielerisch, dann leidenschaftlich. Er konnte so leicht von ihr Besitz ergreifen und ihre Hingabe fordern, ganz gleich wie unschuldig seine Berührungen auch waren.

Als er sich schließlich zurückzog, seufzte Elodie leise. Es war so einfach, ihn zu küssen. Aber sie wusste, dass jeder Kuss ihre Situation nur komplizierter machte.

4. KAPITEL

Dev hatte Elodie mit dem Versprechen abgesetzt, wiederzukommen, sobald sein Dienst vorüber war. Sie wollte die Küchentür für ihn offen lassen.

Er hatte sich geschworen, sich bis zum nächsten Tag von ihr fernzuhalten, aber nachdem er sie nackt gesehen hatte, nachdem er sie berührt und gehalten hatte, konnte er nicht mehr warten. Doch es schien, als hätte das Schicksal beschlossen, ihnen einen weiteren Abend zu ruinieren.

„Man hat eine Waffe in deinem Auto gefunden“, sagte Dev und fixierte Jimmy Joe Babcock, der ihm gegenüber im Vernehmungsraum saß. „Eine nicht registrierte Waffe. Weißt du, wie viel Ärger das für dich bedeutet?“

„Es ist nicht meine Waffe“, antwortete Jimmy Joe. „Ich wusste nicht, dass sie im Auto ist. Das schwöre ich.“

„Wem gehört die Waffe?“

Jimmy starrte auf seine Hände und rutschte nervös hin und her, während Dev auf eine Antwort wartete. „Ich weiß es nicht.“

„Das glaube ich dir nicht.“

„Ich … ich kann nicht sagen, wem sie gehört.“

„Dann willst du die Schuld für etwas auf dich nehmen, das du nicht getan hast? Jimmy, ich weiß, dass du etwas aus dir machen willst.“

„Das will ich. Ich will ein Cop werden, so wie Sie.“

Dev lehnte sich zurück. Die Entschlossenheit in Jimmys Gesicht überraschte ihn. „Du kannst kein Polizist werden, wenn man dich wegen einer Straftat anklagt. Und eine nicht registrierte Waffe zu besitzen ist eine Straftat.“ Dev sagte Jimmy nicht, dass er vermutlich nach Jugendstrafrecht angeklagt werden würde. Zuerst wollte er Jimmys Problemen auf den Grund gehen.

„Sagen wir einfach, ich weiß, wem die Waffe gehört“, meinte Dev. „Du musst es mir nicht sagen.“

Jimmy nickte. „Wissen Sie es wirklich?“

„Mir fallen da ein paar Leute ein. Aber wenn ich sie herbringe und sie dann dich beschuldigen, kann ich nicht viel tun. Werden sie die Wahrheit sagen?“

Jimmy dachte über die Antwort nach und Dev war überrascht, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. „Ich glaube nicht. Er will bestimmt nicht zurück ins Gefängnis.“

Sowohl Jimmys Vater als auch sein Onkel waren im Gefängnis gewesen und sein Bruder Ray war auf Bewährung draußen. Bis vor Kurzem hatte es ganz danach ausgesehen, als würde Jimmy in ihre Fußstapfen treten, aber Dev hatte gehofft, dass sein neuer Job helfen würde.

„Ich glaube dir, Jimmy. Aber das ist einer der Momente, in denen du entscheidest, was für ein Mann du sein wirst. Wirst du für das einstehen, was richtig ist?

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