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Der Preis unserer Leidenschaft

1. KAPITEL

Der Metro Transit Bus stieß bei der Abfahrt von der Haltestelle eine widerliche Abgaswolke aus. Justin Maxwell konnte kaum atmen. Er wischte sich gerade die tränenden Augen, da raste ein schickes Coupé durch eine tiefe Pfütze am Straßenrand und spritzte ihn von oben bis unten nass.

Justin schüttelte sich und fluchte. Nächste Woche, wenn er seine neue Stelle antrat, würde er sofort anfangen, für ein Auto zu sparen. Es musste ja kein Sportwagen sein. Es musste nicht einmal ein Neuwagen sein. Verdammt, so eins konnte er sich eh nicht leisten. Hauptsache ein eigenes Fortbewegungsmittel, damit er im miesen Wetter von Seattle nicht mehr auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war.

Er warf seinen Seesack über die Schulter, ging die Broad Street bis zur Third Avenue hoch und dann die Gasse hinter dem Beaux Hommes entlang.

Die Vorderseite des Revuetheaters, in dem nur Männer auftraten, wirkte ausgesprochen luxuriös. Von hinten sah man dafür nur gewöhnlichen Betonstein, vergitterte Fenster und Stahltüren. Ein Gebäude mit Industriecharme, wenn man es so nennen wollte.

Justin lief die Stufen zur Tür hoch, entsperrte das Schloss mit dem digitalen Zugangscode und trat ein. Zuerst musste er unter die Dusche. So schmutzig, wie er war, konnte er auf keinen Fall auf die Bühne.

Tiefe Stimmen und männliches Gelächter hallten durch den Flur. Als Justin sich durch die Schwingtür schob, wurde er laut begrüßt und sofort wegen seines ramponierten Zustands aufgezogen.

„Hey, ich kann nichts dafür, dass ich an einem schlechten Tag besser angezogen bin als ihr an eurem besten.“ Er warf die Tasche in seinen Spind und begann sich die nassen Sachen auszuziehen. Seit er im Klub arbeitete, achtete er sehr auf sein Äußeres. Diese Angewohnheit hing mit den mageren Zeiten zusammen, als er Kleidung hatte tragen müssen, die ihm zu klein geworden war, weil er kein Geld für neue gehabt hatte.

Diese Zeiten waren vorbei.

Levi, ein Freund und der Star des Klubs, musterte ihn abschätzend. „Was zum Teufel ist dir passiert? Du siehst aus, als ob du dich im Dreck gewälzt hättest. Hast du dich geprügelt oder herumgemacht?“

Justin schnaubte. „Weder noch.“

„Pech für dich.“ Levi reckte sich und ließ seine Muskeln spielen. „Ein wenig Action vor der Show schadet nie.“

Justin schüttelte den Kopf und lachte. „Ich dusche noch schnell. Wann bin ich heute an der Reihe?“

„Als Vierter. Du kommst nach Nick. Ich nach dir.“

„Unser Seelenklempner wird nicht viel verdienen, wenn er sich direkt nach mir zeigen muss“, rief Nick.

Justin lachte. „Stimmt. Du hast größere Brüste als ich.“ Es stimmte. Nick war mit einem Meter achtundachtzig so groß wie Justin, doch er brachte zwanzig Pfund mehr auf die Waage, und das an reiner Muskelmasse.

Nick ließ seine Brustmuskeln tanzen. „Hasst mich nicht, weil ich besser gebaut bin.“

Achselzuckend nahm Justin sein Duschzeug und schlug den Spind zu. „Jeder kann an seinem Körper arbeiten, Bruder, aber du kannst absolut nichts gegen dieses Gesicht machen.“

Schallendes Lachen erklang, auch von Nick, und Justin ging zu den Duschen.

Er würde diese Kameradschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit vermissen, wenn er seine Auftritte künftig auf ein paar Abende pro Monat reduzierte. Mit seinem frisch verliehenen Doktortitel hatte er einen angemessenen Job gefunden. Ab Montag würde er nicht mehr festes Ensemble-Mitglied des Beaux Hommes sein, sondern als Dr. Justin Maxwell für Second Chances arbeiten, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für benachteiligte Jugendliche einsetzte. Beratung durch einen ausgebildeten Psychologen war eine wichtige Säule des Programms.

Er musste es wissen.

Heißes Wasser strömte über seinen Körper, während er sich einseifte, doch die Hitze half nicht, seine Anspannung zu lösen. Am liebsten hätte er die heutige Show ausfallen lassen, wäre nach Hause gefahren, um seine Unterlagen für Montag zu packen und ins Bett zu fallen. Aber sein Apartment war bis auf ein Bett und ein paar Töpfe und Pfannen aus dem Trödelladen so gut wie leer. Mit dem größten Teil seiner Einkünfte unterstützte er immer noch seine Mom, damit sie und seine jüngeren Schwestern zu essen und Kleidung hatten. Es war das Mindeste, was er ihnen schuldete.

Justin stützte sich mit dem Unterarm an den kühlen Kacheln der Duschwand ab und senkte den Kopf, sodass das Wasser aus der Brause auf seinen Nacken und seine Schultern trommelte.

Sechzehn Jahre. Sechzehn Jahre war es her, dass das Militär den Kaplan an ihre Haustür geschickt hatte, und es machte ihn immer noch wütend. Doch darüber nachzudenken führte zu nichts. Er musste sich auf seinen Auftritt vorbereiten.

Justin erinnerte sich daran, wie er vor zehn Jahren zu einem offenen Vortanzen ins Beaux Hommes gekommen war. Zuvor hatte er hier bereits einige Wochen als Türsteher gearbeitet und beobachtet, was die Tänzer Abend für Abend allein an Trinkgeld einnahmen. Er hatte geglaubt, dass er auf die Bühne gehen und es allen zeigen würde, aber dazu war es gar nicht erst gekommen. Der Leiter der Truppe hatte nur einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen und ihn als ungeeignet fortgeschickt.

Wütend und mit stark angeschlagenem Ego war Justin nach Hause gegangen. Nach ein paar Tagen hatte er mit seinem psychologischen Berater darüber gesprochen. Mit Unterstützung von Second Chances schaffte er es, dass das Beaux Hommes ihn vortanzen ließ und engagierte – unter der Bedingung, dass er sich von seiner Gang lossagte. Er hatte die Wahl: sauber werden und mit zwanzig auf anständige Weise Geld verdienen oder ein Leben auf der Straße. Die meisten Mitglieder der Deuce-8-Gang wurden nicht einmal dreißig Jahre alt. Von daher war die Wahl nicht schwer gewesen.

Justin trocknete sich ab, während schon gedämpfte Musik in den Umkleideraum drang. Das erste Johlen der Menge war zu hören. Sein Magen verkrampfte sich wie vor jedem Auftritt. Für Geld zu tanzen würde ihm nie so leichtfallen wie Levi, doch er hatte immer gut verdient. Und er hatte eine große Schuld zurückzuzahlen – an seine Mom und an Second Chances.

Er schnappte sich sein Kostüm. Zeit, wieder ein paar Rechnungen zu begleichen.

Justin stand hinter den Kulissen und wartete. Nicks Auftritt war fast vorbei, und die Bühnenarbeiter hatten schon zweimal Geldscheine eingesammelt. Der Abend versprach gute Einnahmen.

Levi stellte sich neben ihn, im Kostüm eines Feuerwehrmanns, das beim Publikum besonders gut ankam. „Wir haben volles Haus.“ Er schaute Justin von der Seite an. „Schon komisch, dass dies dein letztes reguläres Wochenende sein soll.“

„Ja.“ Justin umfasste seinen Nacken mit einer Hand und zog so kräftig, dass sein Arm vor Anspannung zitterte. „Es wird allerdings nicht viel ändern.“

„Wir werden sehen.“

Justin ließ seinen Blick über die Menge schweifen, während er in Gedanken seinen Auftritt durchging. Er erkannte ein paar Stammgäste, die großzügig Trinkgeld gaben. An einigen Tischen saßen Frauen mit Brautschärpen und Diademen – Hochzeitsgesellschaften bedeuteten immer gutes Geld. Ansonsten sah er viele unbekannte Gesichter. Er würde diese Gäste beobachten, sehen, wie sie auf ihn reagierten, und entsprechend handeln.

Dies war der Teil, den er hasste – die Menschen daraufhin abzuschätzen, wer seine Zeit wert war.

Die Fähigkeit, den größten Dummkopf oder das schwächste Glied aus einer Menge herauszupicken, hatte er auf der Straße erworben. Diese Erfahrungen auch hier einzusetzen, vermittelte ihm das Gefühl, als ob er nicht nur seinen Körper verkaufte, sondern auch seine hart erarbeitete Integrität. Er hatte es weit gebracht, obwohl er erst vor zehn Jahren aus der Gosse geklettert war. Es war eine Ewigkeit her, und dennoch kam es ihm vor, als wäre es erst gestern gewesen.

„Macht es dir manchmal zu schaffen?“, fragte er leise. „Was wir tun?“

Levi sah ihn nicht an, sondern behielt das Publikum im Auge. „Nein. Wir bedienen eine Fantasie, die Sehnsucht zu begehren und begehrt zu werden. Als Psychologe solltest du das besser als jeder andere von uns verstehen.“ Als Justin nicht sofort antwortete, musterte Levi ihn. „Was hast du?“

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Du brauchst Sex.“

Justin grinste und schüttelte den Kopf. „Das ist deine Antwort auf alles.“

„Ich meine es ernst. Wann hattest du zuletzt welchen?“

„Ist ’ne Weile her.“

„Du erinnerst dich nicht einmal daran, stimmt’s?“

Unbehaglich zuckte Justin mit den Schultern. „Ich habe gerade erst ein Bett bekommen. Was hätte ich denn vorher machen sollen, Levi? Eine Frau mit in meine leere Wohnung nehmen und mich mit ihr auf dem Boden herumwälzen?“

Levi drehte sich zu ihm um. „Du musst Dampf ablassen und das Leben ein wenig mehr genießen, als du es in den letzten zehn Jahren getan hast. Du hast dich in der Zeit immer nur um deine Familie gekümmert und studiert. Du hast dir den Hintern aufgerissen, und du hast es geschafft, Mann. Montag beginnt ein neues Kapitel in deinem Leben. Nutze den heutigen Abend und amüsier dich einmal. Alle zehn Jahre oder so wird es dich nicht umbringen.“

„Sehr witzig.“ Aber Justin wusste, dass Levi zumindest teilweise recht hatte. Er hatte immer nur gearbeitet: als Student und später als Assistent eines Dozenten und als Stripper von Donnerstag- bis Samstagnacht. Zeit für Vergnügungen hatte es nicht gegeben.

Erneut über die Menge schauend entdeckte er eine atemberaubend schöne Frau mit kastanienbraunem Haar und leicht schrägen Katzenaugen. Sie war kaum geschminkt, hatte volle Lippen, hohe Wangenknochen, eine kesse Nase und einen eleganten Hals – alles, was er sehen konnte, brachte das Blut in seinen Adern zum Glühen. Und er kannte sie.

„Wer hätte das gedacht?“, murmelte er. Es war Grace Cooper, die einzige Studentin, die ihn beinahe dazu verleitet hätte, gegen die Ethikklausel in seinem Vertrag mit der Uni zu verstoßen. Und sie war sich dessen nicht einmal bewusst gewesen. Sie war einfach nur in die Klasse gekommen, schön, kurvenreich und ausgesprochen scharfsinnig.

Sie hatten verstohlen miteinander geflirtet – hin und wieder eine leichte Berührung, ein heimlicher Blick, der zufällig aufgefangen wurde. Justin war nahe dran gewesen, sie um ein Date zu bitten. Sie hatte alles gehabt, was er sich von einer Frau wünschte. Hatte es noch. Und auch sein Verlangen war immer noch da.

Etwas Grundlegendes hatte sich jedoch inzwischen verändert. Er war nicht mehr ihr Lehrer, nicht mehr aus ethischen Gründen verpflichtet, sein Verlangen zu unterdrücken. Er könnte sich an sie heranmachen. Hier. Heute Abend. Jetzt.

Blitzschnell disponierte er um. „Ich ändere das Programm“, erklärte er Levi. „Sag dem DJ, dass er den Song für mein neues Solo spielen soll. Und ich brauche einen Stuhl.“

Levi reckte den Hals, um zu sehen, wohin Justin starrte, und stieß einen leisen Pfiff aus. „Heißes Gerät auf ein Uhr.“

Justin trat vor ihn und verstellte ihm den Blick. „Achtung, Finger weg.“

Grinsend hob Levi die Hände. „Verstanden.“

„Ausgezeichnet. Jetzt hol mir einen Stuhl und sorg dafür, dass der DJ den passenden Song auflegt.“

Justins Gewissen regte sich, aber seine Lust war stärker. Er hatte sich die letzten drei Jahre an die Regeln gehalten, was Grace betraf. Dies war sein letzter Samstagabend, bevor er in den Berufsalltag startete. Einmal, nur einmal, wollte er ein wenig leben.

Grace Cooper lehnte sich zurück und strich ihr Haar über die Schulter. Dies war die beste Möglichkeit, das Wochenende zu verbringen. Zweifellos. Sich eine Auszeit zu nehmen und sich erlauben, einmal über die Stränge zu schlagen, war wichtig für die seelische Gesundheit. Als Beinahe-Psychologin sollte sie das wissen.

Tagsüber war sie mit ihren Freundinnen am Wasser spazieren gegangen. Am Pike Place gab es den herrlichsten Blumenmarkt. Sie war schwach geworden und hatte einen Strauß Astern für die Küche gekauft. Zum Dinner waren sie ins Crêpe Restaurant gegangen. Himmlisch. Sie war immer noch satt. Und jetzt dies, der Höhepunkt des Wochenendes. Schöne Männer, die sich auf der Bühne auszogen, harmlose Flirts und Spaß mit ihren Freundinnen, bevor sie alle die Stadt verließen und ihre berufliche Karriere in unterschiedlichen Landesteilen starteten.

Meg, ihre beste Freundin, beugte sich herüber und klopfte ihr auf die Schulter. „Das war die beste Idee, die du je hattest.“ Sie fächerte sich Luft zu. „Ich würde sehr oft wiederkommen, wenn ich nicht nach Baltimore ziehen würde.“

„Und ich komme nach, sobald das Praktikum vorbei ist.“ Grace nahm ihre Margarita und trank einen kräftigen Schluck.

Zwei Wochen. Danach würde sie Meg nach Baltimore folgen, um vollkommen mit dem Leben abzuschließen, in dem sie von Geburt an gefangen war. Nichts hatte sie sich je so sehr gewünscht wie die Freiheit, selbst zu bestimmen, wer sie sein und wie sie leben wollte. Damit endlich Schluss mit ihrem Dasein als unerwünschtes Anhängsel ihrer Mutter war.

Mit fester Entschlossenheit hatte sie es durch die harten Jahre, die hungrigen Nächte, die einsamen Feiertage geschafft. Und nachdem sie nun schon so weit gekommen war, würde sie es auch noch weiter bringen. Sie würde ihre Nische finden und etwas Besonderes leisten, nach einem Leben, das kaum erwähnenswert gewesen war. Wenn sie nur wüsste, was und wo ihre Nische war. Sie konnte es sich nicht leisten, einen Fehler zu machen – die Rückzahlung ihres Studentendarlehens ließ sich nicht länger aufschieben, und ihre Wohnsituation in den nächsten zwei Wochen war fatal.

Stirnrunzelnd schaute Grace in ihr Glas. Sie war gezwungen gewesen, bei ihrer Mutter einzuziehen, weil der Mann, der Meg und ihr seine Wohnung überlassen hatte, früher als erwartet von seiner Ärzte-ohne-Grenzen-Reise zurückgekehrt war. Für Meg war es keine große Sache gewesen – sie war einfach zu ihren Eltern nach Hause gegangen. Für Grace war es … komplizierter. Zu Hause war für sie nie der sichere Ort gewesen, der er eigentlich sein sollte. Ihre Mutter war nur ein Elternteil im biologischen Sinn. Fürsorge und Liebe hatten nie zum Vokabular dieser Frau gehört.

Grace atmete tief durch. Zwei Wochen. Zwei Wochen hält man es überall aus.

„Ladies, Ihnen steht ein echter Leckerbissen bevor.“ Die tiefe Stimme des Moderators riss sie aus ihren Gedanken. Erwartungsvolles Raunen ging durch die Menge. „Einer unserer Publikumslieblinge hat beschlossen, heute Abend sein Alter Ego zu enthüllen, und eine Glückliche unter unseren Gästen wird ihm dabei helfen.“

Grace beobachtete, wie das Licht des Scheinwerfers über die Menge schweifte. Einige Frauen hoben die Hände und winkten wild, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie schüttelte den Kopf und beugte sich vor, um ihre Handtasche aufzuheben. Auch wenn sie noch nicht ausgetrunken hatte, könnte sie sich schon einen neuen Drink bestellen, bevor der angekündigte Auftritt begann.

Ein Luftzug erreichte sie, und direkt vor ihr blieb jemand stehen, der schwarze Budapester trug. Sie erstarrte. Ein Eau de Cologne, moschusartig und schwer, kitzelte ihre Nase. Der Lichtkegel fiel auf sie, und sie hätte schwören können, dass er so heiß brannte wie die Mittagssonne.

Ein Finger fasste unter ihr Kinn und hob es sanft an.

Das passiert nicht, dachte Grace. Sie wollte nicht auf die Bühne, um dem Polizisten, Koch, Zauberer, oder als was auch immer der Tänzer kostümiert sein mochte, beim Ausziehen zu helfen. Sie wollte nur zuschauen. Und Trinkgeld geben. Und noch mehr zuschauen. Aber ein Teil der Show sein? Nein.

Trotzdem ließ sie es zu, dass ihr Kopf angehoben wurde. Ihr Blick fuhr über einen großen muskulösen Körper. Der Mann zog sie vom Stuhl hoch und ermutigte sie mit sanftem Druck, ihm ins Gesicht zu sehen. Als sie es tat, rang sie schockiert nach Luft.

Dunkle Brauen wölbten sich elegant über hellblauen Augen mit dunkelblauem Rand. Seine Wimpern waren so dicht, dass sie ihn beinahe darum beneidete. Beinahe. Sein Kinn war kantig. Seine Mundwinkel gingen nach oben wie bei jemandem, der viel lachte, und sie verspürte den seltsamen Wunsch, dass er ihr jetzt sein Lächeln zeigte. Nicht das Bühnenlächeln, sondern ein echtes. Seine Unterlippe war voll, wie gemacht, um daran zu knabbern, die Oberlippe perfekt geschwungen. Sie konnte nicht aufhören, diesen Mund anzustarren. Kein Wunder – sie hatte diesen Mund schon immer bewundert.

„Justin Maxwell“, flüsterte sie. Der eine Mann auf der Welt, nach dem sie sich in jeder Hinsicht gesehnt hatte. Der eine Mann, der drei Jahre lang außer Reichweite gewesen war. Sie fing an zu schwitzen und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Was machte er hier? Heute Abend? Warum? Und warum konnte er nicht mehr Sachen anhaben, wenn er sie berührte?

Er tippte an seinen Filzhut, der schief auf seinem Kopf saß. „Sie müssen mitkommen, Ms Cooper.“

Das weiche Timbre seiner Stimme war wie ein Streicheln, das sie innerlich entflammte.

Grace öffnete den Mund, um höflich abzulehnen. Ja, sie hatte seit Jahren eine große Schwäche für diesen Mann, doch das bedeutete nicht, dass sie auf seine Aufforderung hin mit ihm auf die Bühne hüpfte. Nein, das konnte sie nicht. „Selbstverständlich, Professor.“

„Ich war nie Professor, und ich stehe auch nicht mehr vor irgendeiner Tafel, Schätzchen.“ Und sie saß nicht mehr in einem Hörsaal.

Vor Aufregung drehte sich ihr fast der Magen um.

Justin nahm sie bei der Hand und führte sie durch den Saal. Erst mitten auf der Bühne blieben sie stehen. „Achte nicht aufs Publikum. Konzentrier dich auf mich. Ich kümmere mich um dich“, sagte er leise.

Ihr inneres wildes Kind streckte sich und schnurrte, es einfach satt habend, in einen Käfig eingesperrt zu sein. Während des Studiums hatte Grace sich keinerlei Vergnügungen gegönnt. Jetzt wollte der wilde Teil von ihr ein Stück davon zurückhaben. „Ich verlass mich darauf.“

Das ersehnte Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Tu das.“

Sie nickte kurz, und er hob eine Hand, als er zurücktrat. Sofort wurde das Licht gedimmt. Einige Frauen im Publikum kreischten auf, andere pfiffen.

Musik erklang. Sie begann leise, bis die ersten Akkorde einer elektrischen Gitarre den Synthesizer übertönten. Bassgitarren fielen ein. Der trommelnde Rhythmus entfachte eine Glut in Grace und ließ sie das Reiben von Stoff auf ihrer Haut plötzlich intensiv spüren.

Ein Scheinwerfer blitzte wieder auf. Der Lichtkegel richtete sich auf Justin, der mit geschmeidigen Bewegungen durch den künstlichen Nebel auf der Bühne auf sie zukam. Mit einem Fingerschnippen öffnete er seinen Trenchcoat, der sich beim Gehen hinter ihm aufblähte. Eine Hose im Smoking-Stil wurde von schwarzen Hosenträgern gehalten. Der Kummerbund war aus weißem Satin. Das war alles. Sein Oberkörper war nackt. Grace hätte alles dafür gegeben, ihre Finger über diese definierten Brust- und Bauchmuskeln gleiten lassen zu dürfen.

Sie sah in sein Gesicht und erstarrte.

Sein Blick war heiß, sein Lächeln Verführung pur. Er zog eine Braue hoch, während er sich ihr langsam näherte.

Grace fuhr sich wieder mit der Zungenspitze über die Lippen, teils vor Nervosität, aber hauptsächlich vor Erwartung. Sie wollte seine Hände auf sich spüren und wunderte sich selbst darüber, dass die Zuschauer um sie herum, die ihr zusahen, sie erregten.

Als ob Justin ihre Gedanken gelesen hätte, leuchteten seine Augen auf. In immer engeren Kreisen ging er um sie herum. Er zog den Mantel aus und warf ihn beiseite, während die Musik sie weiter in ihren Bann zog. Doch anstatt Grace dazu aufzufordern, wie die Frau in dem Lied auf die Knie zu sinken, tat Justin es selbst. Hinter ihr.

Mit kräftigen Händen fuhr er an den Rückseiten ihrer Beine hoch, über ihren Po und zu ihrer Taille. Sein heißer Atem streifte ihr Kreuz, als er den Saum ihres Shirts hob und seine Lippen fest an ihren Rücken presste.

Unwillkürlich reckte sie sich.

Er packte fester zu und zog mit der Zungenspitze eine zarte Linie über ihre Haut.

Grace unterdrückte ein Keuchen. Eine Hitzewelle durchflutete sie.

Justin richtete sich hinter ihr auf und ließ seine Hände sanft unter ihr Shirt und an ihrem Bauch hinaufgleiten. Als er die untere Wölbung ihrer Brüste streifte, wurden die Spitzen hart.

Machtlos gegen ihre Gefühle schloss Grace die Augen.

Dann war er weg.

Ruckartig drehte sie den Kopf, um Justin zu suchen.

Er holte einen Stuhl aus den Schatten am Rand der Bühne und schob ihn ihr hin, alles mit erstaunlich eleganten Bewegungen. Die glatte Haut über seinen Muskeln schimmerte, seine Augen glühten. Und je näher er kam, desto heißer wurde sein Blick.

Drei Dinge wurden Grace auf einmal klar.

Erstens, sie begehrte diesen Mann im wahrsten Sinne des Wortes.

Zweitens, sie würde ihn haben.

Drittens, sie würde jede Minute davon genießen und sich um die Konsequenzen später Gedanken machen.

2. KAPITEL

Justin hatte seine Smokinghose noch nicht aufgerissen. Er hätte es tun sollen. Der Ablauf seines Auftritts verlangte es. Doch er konnte es nicht. Nicht bevor er seinen kleinen Freund unter Kontrolle hatte. In der Sekunde, in der er seine Lippen an Graces Rücken gepresst hatte, hatte der Verräter sich selbstständig gemacht. Der leicht salzige Geschmack ihrer Haut und ihr Duft hatten unbändige Lust in ihm geweckt. Noch nie hatte er so stark auf eine Frau reagiert. Sie hatte etwas an sich, das ihn die Beherrschung verlieren ließ, was ihn zugleich faszinierte und ärgerte. Schließlich war er berühmt für seine Selbstbeherrschung.

Er drückte Grace auf den Stuhl und ging vor ihr auf die Knie, die Beine weit gespreizt. Sich zurücklehnend stützte er sich auf eine Hand und bewegte aufreizend die Hüften auf und ab. Sicher, seine Erregung war offensichtlich – es hatte keinen Sinn, sie vor Grace zu verbergen. Die Dinge so zu belassen, wie sie immer gewesen waren, stand jetzt nicht mehr zur Debatte. Da sie nun schon wusste, dass er hier auftrat, würde er so weit wie möglich gehen, bis sie Stopp rief. Zum ersten Mal, seit er mit dem Tanzen angefangen hatte, wollte er, dass der Gast, dieser Gast, ihn als verfügbar ansah.

Ihr Blick fiel auf seinen Schoß, wanderte von dort an seinem Körper hoch, bis sie sich in die Augen sahen.

Die Leidenschaft in ihrem Blick raubte ihm den Atem.

„Berühr mich“, forderte er Grace auf, ohne darüber nachzudenken.

„Bettle.“

Ein heißer Schauer durchlief ihn bei dem Befehl. Also schien sie auf den Liedtext zu achten. Mit einem Raubtierlächeln richtete er sich vor ihr auf die Knie auf. „Das wirst du bereuen.“

„Ich bin gespannt.“

Pulsierendes Verlangen durchströmte ihn. Langsam glitt er an ihr hoch, lehnte sich zu ihrem Ohr vor und hauchte: „Bitte.“

Sie erschauerte.

Justin zog sie hoch, tauschte die Plätze mit ihr und nahm sie auf seinen Schoß. Während seine Hände über ihre Hüften fuhren, hob er rhythmisch das Becken, um pantomimisch Sex darzustellen. Er spürte die Hitze zwischen ihren Beinen durch seine dünne Hose und wünschte sich nichts mehr, als sie dort zu berühren. Seine Finger zitterten. „Bitte“, wiederholte er, diesmal lauter.

Zart strich sie über seine Brust.

Justin beobachtete Grace. Die Art, wie sie seinen Oberkörper betrachtete und die Konturen seiner Muskeln mit den Fingerspitzen nachzeichnete, feuerte sein Verlangen an. Er legte die Arme um ihren Po und stand mit ihr auf.

Mit großen Augen starrte sie ihn an.

Er lehnte sich vor, bis ihre Lippen sich beinahe berührten. „Bitte“, flüsterte er und streifte für einen Sekundenbruchteil ihren Mund. Sie schmeckte nach frischer Limone, herb und süß zugleich. Eine berauschende Mischung.

Grace schnappte nach Luft, als er herumwirbelte und sie wieder auf den Stuhl setzte. Während er sich ein paar Schritte von ihr entfernte, kickte er sich die Schuhe von den Füßen, und dann, mit dem Rücken zur Menge, riss er seine Hose herunter.

Grace biss sich auf die Unterlippe. Ihre Nasenflügel bebten. Die Zeichen waren eindeutig. Sie wollte ihn.

Also tanzte er für sie.

Ohne den Blick von ihr zu lassen, sank er auf die Knie und fuhr mit den Händen über seinen Körper, bevor er sie mit einem Finger anlockte.

Sie stand auf und stolzierte im Takt der Musik mit schwingenden Schritten auf ihn zu. Die Art, wie sie sich ihm näherte, lasziv und selbstbewusst, brachte sein Blut zum Kochen. Er hockte sich auf die Fersen und zog Grace wieder rittlings auf seinen Schoß, schob eine Hand zwischen ihren Brüsten hoch und bewegte rhythmisch das Becken. Dann sprang er auf, stellte sich hinter sie und hielt sie an den Hüften fest, während er sich mit ihr vorbeugte und seine Erektion direkt an ihren Po presste.

Grace zitterte.

Oder war er es selbst gewesen?

Die Musik hörte auf, und das Licht ging aus.

Justin nahm Grace bei der Hand und zog sie hinter die Kulissen. Sie folgte ihm, ohne zu zögern, was er erleichtert feststellte. Verlangen brannte in ihm. Er begehrte sie so sehr, dass er befürchtete, er könnte sie tatsächlich über seine Schulter werfen und mit ihr davonlaufen. Wohin? Er hatte er keine Ahnung. Wahrscheinlich ins erste Hotel, an dem sie vorbeikamen.

Die spartanische Einrichtung hinter der Bühne stand im krassen Gegensatz zum luxuriösen Zuschauerraum. Justin eilte mit Grace einen langen Korridor hinunter, zog sie in eine dunkle Ecke und drückte sie an die Wand. „Ich brauche dich.“

Mit großen grünen Augen starrte sie ihn an. „Das Gefühl ist gegenseitig.“

Ihre Finger miteinander verschränkend zog er ihre Hände über ihren Kopf. Sie drängte sich an ihn, und er stöhnte, als ihre Lippen sich zu einem leidenschaftlichen Kuss fanden. Ihr Mund bot endloses Vergnügen, ihr Körper verführte zu Sünde. Sie rieb sich an ihm und hakte ein Bein um seine Hüfte, als er einen Oberschenkel zwischen ihre schob. Ihr leises Seufzen brachte ihn beinahe um den Verstand.

Er war verrückt nach ihr und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, sie in einen dunklen Winkel zu zerren, ohne vorher mit ihr zu reden. Wenn jemand eine seiner kleinen Schwestern so behandeln würde, er würde ihn umbringen. Der Schock über sein Benehmen kühlte ihn ab wie ein Kübel Eiswasser. Keuchend wich er zurück und sah sie an. „Es tut mir leid.“

„Nicht reden.“ Grace küsste ihn wieder, biss leicht in seine Unterlippe und linderte den Schmerz mit ihrer Zungenspitze. „Noch nicht.“

Justin löste sich von ihr. „Ich mache so etwas nicht. Niemals.“

Seufzend entspannte sie sich an der Wand. „Glaub es oder nicht, ich normalerweise auch nicht.“

Er lehnte seine Stirn an ihre und schloss die Augen. „Möchtest du hier weg?“

„Ja.“

„Ich treffe dich in zehn Minuten am Vordereingang.“

Sie küsste ihn schnell. „Schaff es in acht.“ Dann tauchte sie unter seinem Arm hindurch und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren, wobei sie hypnotisierend die Hüften wiegte.

„Die Tür zum Klub ist rechts“, rief er ihr nach.

Sie hob bestätigend eine Hand, drehte sich jedoch nicht um und wurde auch nicht langsamer.

Justin lief zur Umkleidekabine.

Er hatte noch ungefähr sechs Minuten, um sich einen Plan auszudenken, der damit endete, Grace nackt in seinen Armen zu halten.

Er würde sich Levis Auto leihen. Sie könnten ein spätes Dinner haben. Oder in sein Lieblingscafé fahren, um etwas Süßes zu essen. Das kleine Lokal war nicht schick, aber gemütlich. Sie könnten reden. Er könnte ihr zeigen, dass er besser war, als sein Verhalten heute Abend bisher vermuten lassen könnte.

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, als er zu seinem Spind ging.

Vielleicht würde er gleich aufs Ganze gehen und versuchen, Grace zum Frühstück zu überreden – morgen früh.

Grace kehrte an den Tisch zurück, wo ihre Freundinnen sich aufgeregt unterhielten.

Meg hielt sie am Handgelenk fest. „Mensch, Mädchen. Du bist die glücklichste Frau, die ich kenne.“

„Ja?“ Sie schnappte sich ihre Handtasche. „Ich werde noch glücklicher werden.“

„Du machst Witze.“ Lynn lehnte sich über den Tisch. „Du gehst doch nicht mit ihm aus?“

„Nein.“ Grace konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. „Wir werden den Abend mit ziemlicher Sicherheit zu Hause verbringen.“

Meg und Lynn jauchzten. Gretchen, die Vernünftigste von ihnen, nippte an ihrem Drink und beobachtete Grace über den Rand ihres Glases. „Hältst du das für eine gute Idee? Du kennst ihn doch gar nicht.“

„In Wahrheit schon.“ Ihre Freundinnen wollten mehr wissen, doch sie winkte ab. „Wir sind uns im Psychologie-Fachbereich begegnet. Nein, ich hatte keine Ahnung, dass er hier tanzt. Ja, er küsst fantastisch. Nein, weitere Einzelheiten werde ich nicht verraten, also fragt nicht.“ Sie schaute Gretchen an. „Nur dieses eine Mal möchte ich ein wenig leben.“

Gretchen nickte. „Das verstehe ich. Wirklich.“ Sie trank noch einen Schluck und musterte Grace stirnrunzelnd. „Außerdem könnte es Schlimmeres geben, als dass du es mit einem Stripper treibst.“

Grace verkrampfte sich und nickte knapp. „Genau.“

Ihre drei Freundinnen blieben still. Dass sie ihnen offensichtlich leidtat, ärgerte Grace im Stillen. Sie schaute auf die Uhr. „Ich muss jetzt los. Ich melde mich morgen bei euch.“

Sie versuchte, langsam und ruhig zu gehen, obwohl sie am liebsten gerannt wäre. Unterwegs schnappte sie einige Bemerkungen über ihren Auftritt auf. Die meisten waren harmlos, wenn vielleicht auch ein wenig neidisch, doch einige waren richtig gemein. Grace ließ sich nicht davon beirren. Sie würde sich nicht dafür entschuldigen, dass sie Sex wollte und dass sie die Gelegenheit nutzen und genießen würde.

Kühle feuchte Luft schlug ihr entgegen, als sie auf die Straße trat. Sie blieb stehen und schaute sich um.

Justin kam um die Ecke des Gebäudes, einen knielangen Trenchcoat über Jeans und einem weißen T-Shirt tragend. Ohne nachzudenken, ging Grace auf ihn zu und schlang ihm die Arme um den Hals.

Justin küsste sie kurz. „Hi“, sagte er weich.

„Hi.“

Er sah ihr ins Gesicht.

Sie zog die Brauen zusammen. „Problem?“

„Nein. Nur …“ Er zuckte mit den Schultern.

Sie bekam ein mulmiges Gefühl und wich einen Schritt zurück.

Justin ergriff ihre Hand. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich so über dich hergefallen bin.“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und schaute weg. „Ich möchte, dass du weißt, dass das sonst nicht meine Art ist.“

„Hey.“ Sie neigte den Kopf zur Seite und erheischte seinen Blick. „Ich bin absolut in der Lage, Nein zu sagen.“

„Ja, nur …“

Sie legte ihre Finger an seine Lippen und schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Was ich meine, ist …“

„Nein.“ Sie zog ihre Hand fort. „Siehst du? Ich habe keine Schwierigkeiten, Nein zu sagen.“

Er zog eine Augenbraue hoch.

„Ich meine es ernst, Justin. Wir kennen uns kaum. Du wirst dich darauf verlassen müssen, dass ich dir sage, was ich will.“ Sie legte ihm eine Hand aufs Herz und die andere in seinen Nacken. Mit sanftem Druck zog sie ihn näher. „Und was ich will, bist du.“ Sanft küsste sie ihn.

Er erwiderte den Kuss, bis er seinen Mund von ihren Lippen löste und zarte Küsse über ihre Wange bis zu ihrem Ohr verteilte. „Könnte ich dich dazu überreden, essen zu gehen?“

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Ich habe schon gegessen.“

„Ich bin am Verhungern.“

Verlangen schwang in den einfachen Worten mit, und Grace begriff, dass es nicht nur Essen war, das er brauchte. Sie schmiegte sich an ihn und genoss, wie er sie noch fester an sich zog. Der Geruch von Waschmittel aus seiner Kleidung vermischte sich mit seinem Cologne zu einem frischen, männlichen Duft, den sie liebte.

Er legte das Kinn auf ihren Kopf und streichelte anrührend zärtlich ihren Rücken. „Ich möchte gern mit dir essen gehen. Ich möchte dies richtig machen. Wir können dabei überlegen, wo wir danach hingehen, okay?“

„Worauf hast du Appetit?“

„Ich brauche Eiweiß und Kohlenhydrate. Tanzen schlaucht mich.“ Justin trat einen Schritt zurück, umfasste ihr Kinn und hob es. „Du warst wirklich gut auf der Bühne.“

„Danke. Du auch.“

Er lachte. „Du hast mir kein Trinkgeld gegeben.“

„Vielleicht hebe ich mir das für eine Privatvorstellung auf.“

Seine blauen Augen wurden dunkel vor Verlangen. „Das lässt sich arrangieren.“

Grace strich über seine Brust und dachte nach. Sie könnte alle erdenklichen Spielchen spielen, doch das war nicht ihre Art. Ihr waren offene Worte lieber. Also atmete sie tief ein und sah Justin an. „Ich denke, wir sollten uns entscheiden für Dinner oder … Frühstück.“

Sein Herz setzte unter ihrer Hand einen Schlag aus, bevor es wieder gegen seinen Brustkorb hämmerte. Er öffnete die Lippen, sagte aber nichts.

„Oder wir könnten …“

„Frühstück ist perfekt.“ Er führte ihre Hand an seine Lippen und küsste sie sanft. „Möchtest du fahren?“

„Ich bin mit meinen Freundinnen gekommen.“ Sie löste sich von ihm und begann in ihrer Handtasche zu kramen, um ihr Handy herauszuholen. „Ich kann uns ein Taxi rufen.“

Justin schwieg einen Moment, bevor er sagte: „Ich habe ein Auto im Parkhaus stehen.“

Etwas in seiner Stimme ließ sie aufschauen. „Bist du sicher?“

Sein Lächeln wirkte ein wenig zu fröhlich. „Ich bin mir ziemlich sicher, wo es ist.“

Fragend sah sie ihn an, aber das Lächeln blieb. „Okay.“

Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie Richtung Parkhaus. Kaum hatten sie dort den Fahrstuhl betreten, drehte er sich zu ihr um. „Nur fürs Protokoll: Dass ich ein wenig das Tempo drossele, bedeutet nicht, dass ich nicht verrückt nach dir bin. Klar?“

Grace ließ ihre Tasche fallen, als er seine Hände durch ihr Haar schob und den Kopf senkte. Sie konnte nur seinen Mantelkragen packen und sich festhalten.

Justin küsste sie auf atemberaubend sinnliche Weise. Er schmeckte nach Pfefferminz und fühlte sich wie die Verkörperung von Versuchung an. Gierig labte er sich an ihr, ein Mann, der sie wollte und nur sie. Es war zu viel und doch noch lange nicht genug.

Sie schnappte nach Luft und drängte sich an ihn, als er eine Brust berührte und die empfindsame Spitze streichelte. Dann umfasste er ihren Po und presste sie an seine Erektion. Seine Erregung wirkte ansteckend und entfachte ein Feuer in ihr, das sie geradezu verzweifelt aufstöhnen ließ.

Er erstickte das Geräusch mit seinem Kuss. Es war nur noch scharfes Atmen und Keuchen zu hören.

Der Fahrstuhl hielt an, die Türen gingen auf.

Justin hob den Kopf und starrte Grace wortlos an.

Die Türen fingen an sich zu schließen.

Er drückte auf den Knopf, um sie offen zu halten.

„Ich dachte, du wärst hungrig“, sagte Grace weich.

„Ich habe mich vielleicht geirrt.“

In dem Moment knurrte sein Magen. Er fluchte.

„Vergiss Frühstück. Je eher du gegessen hast, desto eher können wir …“ Hitze brannte in ihren Wangen. Verfluchte helle Haut.

Er streichelte ihr Gesicht. „Wir sind beide erwachsen, Grace. Wenn du nicht von einem Monopoly-Marathon sprichst, sind wir beide auf derselben Seite.“

„Auf das Erwachsensein“, flüsterte sie.

Justin grinste. „Ja, auf das Erwachsensein.“ Er hob ihre Tasche auf und legte eine Hand an ihre Taille. „Lass uns gehen, meine Hübsche.“

Grace verließ mit ihm den Fahrstuhl. Diese eine Nacht konnte sie sich gönnen. Am Montag begann ihr zweiwöchiges Praktikum, das sie noch für ihr Abschlusszeugnis brauchte. Danach würde sie ihr neues Leben in Baltimore beginnen und frei sein.

Also ja, diese Nacht konnte sie genießen.

3. KAPITEL

Während Justin durch den abendlichen Verkehr in Seattle fuhr, waren seine Gedanken bei der Frau, die auf dem Beifahrersitz des Camaros saß, den er sich von Levi geliehen hatte. Die Tatsache, dass Grace ihm für diese Nacht die Führung überlassen hatte, war zuerst reizvoll gewesen. Es war nur zu einem Problem geworden, als sie nicht angeboten hatte, zu fahren oder ihn mit in ihre Wohnung zu nehmen. Was sollte er tun? Er konnte sie nicht in seine Wohnung bringen. Ein Hotel, das er sich leisten könnte, würde schäbig sein. Er könnte sie einfach fragen, ob sie zu ihr gehen könnten, doch das schien ihm unangemessen. Es gab noch die Möglichkeit, dass Levi ihm seine Bude überließ. Aber das kam ihm noch unwürdiger vor als ein billiges Hotel. Vielleicht sollte er …

„Worauf hast du Lust?“

Justin umklammerte das Lenkrad fester. „Auf dich.“

Ihr sinnliches Lachen raubte ihm beinahe den Verstand. „Ich dachte eigentlich an Essen.“

Während sein Herz wild klopfte, riskierte er einen Blick auf Grace. Ihre Augen glitzerten in der Straßenbeleuchtung, ihre Haut schimmerte beinahe durchsichtig. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und rieb sich die Oberschenkel, was ihr wahrscheinlich gar nicht bewusst war.

„Ich werde dieses Auto zu Schrott fahren, wenn du nicht aufhörst, mich so anzusehen“, murmelte er, den Blick wieder auf die Straße richtend.

„Wie denn?“

Grinsend schüttelte er den Kopf. „Genau wie du mich immer im Unterricht angesehen hast – so, dass ich beinahe vergaß, worüber ich gerade referiert habe.“ Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Ihre Haut war weich und duftete nach Sheabutter und Vanille. „Ich habe mich gefragt, wie du wohl schmecken würdest, wenn ich dich küsse.“

Ihre Finger schlossen sich fester um seine. „Warum hast du es nicht getan?“

„Hauptsächlich, weil ich den Job brauchte. Doch insgeheim war ich immer neugierig, was passieren würde, wenn wir uns jemals außerhalb der Universität begegnen und keine Regeln mehr zu beachten hätten.“

„Ich schätze, jetzt ist die Gelegenheit, deine Neugier zu befriedigen. Und meine.“

Justin schaute sie an und hatte Mühe, klar zu denken. „Du sagtest, du hast schon gegessen, aber hattest du auch Nachtisch?“

„Nein.“

„Es gibt ein nettes kleines Café im Marktviertel. Es ist vielleicht voll, doch das Warten lohnt sich.“

„Klingt großartig.“ Grace drehte sich im Sitz zu ihm um. „Seit wann tanzt du im Beaux Hommes?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich fing damit an, als ich zwanzig war, also seit zehn Jahren.“

„Wow.“

„Warum?“ Er warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Ich frage mich, wie lange ich dafür büßen muss, nicht gewusst zu haben, dass du dort auftrittst – und nicht eher in den Klub gekommen zu sein, um dich zu sehen. Sieht so aus, als müsste ich mir ein ganzes Jahrzehnt lang den Rücken peitschen.“

Justin lachte. „So sehr hast du es also genossen?“

Grace strich sich das Haar aus der Stirn und nickte. „Weit mehr, als wahrscheinlich in den meisten Staaten erlaubt ist.“

„Vorsicht, Ms Cooper. Wir können es uns nicht leisten, dass der Klub geschlossen wird.“ Er bog auf den Parkplatz des Cafés ein und fand eine Lücke. „Nur aus Neugier, wie hätte die Anklage gelautet?“

Sie zögerte nicht. „Zügellose Lustgefühle an einem öffentlichen Ort.“

Justin grinste. „Du bist schlagfertig.“

Dieses Mal war sie es, die mit den Schultern zuckte. „Ich habe lange genug gelitten, um es zu wissen.“

Die Hand schon am Türgriff zögerte er. „Gelitten?“

„Drei Jahre, Justin“, sagte sie sanft. „Drei Jahre lang habe ich dich beobachtet und dich gewollt.“ Sie lächelte bittersüß. „Ich werde nicht so tun, als wäre es nicht so gewesen. Nicht jetzt. Nicht mehr.“

Sein Herz klopfte wild. „Nein. Kein Verstecken mehr.“ Er atmete tief durch und stieß die Tür auf. „Zuerst essen. Dann reden.“ Er schaute Grace an. „Wir werden die besonderen Regeln von Monopoly besprechen.“

„Abgemacht.“ Sie stieg aus und traf ihn an der Tür.

Ihre Hand zu nehmen erschien ihm völlig natürlich. Schweigend führte er Grace ins Café und an den ersten freien Tisch. Eine Serviererin kam zu ihnen und fing sofort an, mit ihm zu flirten, was ihn ärgerte. Er wollte nicht, dass Grace ihn für einen Idioten hielt, der sich bei einem Date nicht benehmen konnte.

Date.

Genau das war es. Es hatte als etwas anderes begonnen und sich dahin entwickelt, dass er Grace gegenüber an einem Tisch saß, sie beobachtete und sie wollte. Letzteres hatte sich nicht geändert.

„Sir?“ Die Kellnerin drehte ihren Kugelschreiber zwischen den Fingern. „Sieht hier irgendetwas … verlockend aus?“

Justin sah Grace in die Augen, während er antwortete: „Ja, etwas hier ist geradezu perfekt, aber es steht nicht auf Ihrer Karte.“

Grace errötete bezaubernd.

Er ergriff ihre Hand und küsste sie. „Ich nehme ein Truthahnsandwich, ohne Mayo, mit Pommes. Grace?“

„Ich habe die Karte nicht gelesen.“

„Magst du Vanille?“

„Ja.“

„Vertraust du mir?“

Sie schaute ihn an. „Ja.“

„Wir nehmen die Crème brûlée mit frischem Obst. Nur einen Löffel. Danke.“

„Gern.“ Die Serviererin stolzierte davon.

„Sie scheint ein wenig enttäuscht zu sein, dass du in Begleitung hier bist“, meinte Grace schwach lächelnd.

„Nun, dann ist sie allein mit ihrer Enttäuschung.“

„Nett, dass du das sagst.“ Grace strich mit dem Daumen über seinen Handballen, dann öffnete sie den Mund und schloss ihn wieder.

„Stimmt etwas nicht?“

„Was geht hier vor, Justin?“

„Was meinst du?“

Sie neigte den Kopf und ließ ihren Blick über das Café schweifen. „Das hier.“

„Schockierend, nicht wahr. Menschen essen.“ Er lehnte sich vor. „Und wir werden es ihnen gleichtun.“

Schnaubend schüttelte sie den Kopf. „Das meine ich nicht, und du weißt es.“

Justin ließ ihre Hand nicht los und wartete mit seiner Antwort, bis Grace ihn wieder ansah. „Wir sitzen endlich in einem Restaurant und halten Händchen, ohne dass es gegen ethische Grundsätze verstößt. Wir ergründen, was passieren könnte, wenn nur noch wir beide übrig bleiben.“

Ihr stockte der Atem, und ihre Finger verkrampften sich. „Und was könnte passieren?“

„Was immer wir beide wollen. Nicht mehr. Nicht weniger.“

„Ich werde nicht mehr lange in Seattle bleiben, Justin. Ich möchte nichts Festes. Alles, was ich möchte, ist … spielen.“

Grinsend schüttelte er den Kopf. „Du hast eine Schwäche für Brettspiele?“

„Nicht bis vor ungefähr dreißig Minuten.“

Die missbilligenden Blicke anderer Gäste ignorierend lehnte er sich über den Tisch, um Grace zu küssen, bis die Serviererin mit seinem Sandwich kam.

„Möchtest du einmal abbeißen?“, fragte er Grace, als sie wieder allein waren.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein danke.“

„Ah. Du wartest aufs Dessert. Ich wusste, dass du mein Typ bist.“

„Das werden wir noch sehen.“ Sie nahm eine Pommes von seinem Teller und steckte es sich in den Mund. „Heiß.“

„Ich bin gewarnt“, raunte er.

Ihre Pupillen wurden groß. „Wie zum Teufel schaffst du es, einem einzigen Pommes Sexappeal zu verleihen?“

„Schätzchen, das war nicht ich. Du warst es.“ Er biss von dem Sandwich ab und beobachtete sie.

Ihr Lachen löste eine Art chemischer Reaktion in ihm aus. Sein Verlangen wurde stärker als jede Vernunft. „Grace“, murmelte er erstickt.

Sie sah ihn an, schob seinen Teller beiseite und winkte die Serviererin heran. „Können wir unser Dessert bekommen?“

„Ist etwas mit dem Sandwich nicht in Ordnung?“, fragte das Mädchen.

„Nein“, antwortete Grace. „Wir sind nur gespannt auf den Nachtisch.“

„Sehr gespannt“, fügte Justin hinzu.

Die Serviererin verdrehte die Augen, nahm den Teller mit dem halb gegessenen Sandwich und ging.

Als sie wieder ihre Finger miteinander verschränkten, war er überrascht, wie klein ihre Hand in seiner wirkte.

„Justin?“

Er schaute ihr in die Augen und legte all seine Gefühle in seinen Blick. „Jedes Mal, wenn du in den Unterricht oder mit einer Frage zu mir ins Büro kamst, jedes Mal, wenn wir uns auf dem Campus über den Weg liefen, spürte ich, dass du klüger und getriebener warst als alle anderen Studenten. Du warst besonders. Es gab nur Hindernisse, Grenzen, die ich nicht überschreiten wollte. Die sind jetzt weg. Ich will dich.“

Die Serviererin stellte die Crème brûlée zwischen ihnen auf den Tisch. „Guten Appetit.“

Justin ließ Graces Hand nicht los. Stattdessen tauchte er den Löffel mit seiner freien Hand in das Dessert und hielt ihn ihr danach hin. „Probier.“

Ohne zu zögern schloss sie die Lippen um den Löffel. Ihre Lider flatterten genießerisch.

Hitze durchströmte ihn und seine Jeans wurde ihm plötzlich zu eng.

„Das ist köstlich“, murmelte sie, sich die Lippen leckend.

Er legte den Löffel hin, lehnte sich vor und küsste sie. Sie schmeckte süß und mild mit einem Hauch von karamellisiertem Zucker.

Es war der herrlichste Geschmack, den er je auf der Zunge gespürt hatte.

Grace nahm eine Erdbeere und zeichnete seine Lippen mit der Spitze nach, bevor sie ihn abbeißen ließ.

„Mensch. Nehmt euch ein Zimmer“, murmelte jemand in der Nähe.

Verärgert wollte Justin sich gerade zu dem Gast umdrehen, da hielt Grace ihn mit sanftem Druck auf seinen Finger zurück.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee“, raunte sie so leise, dass er glaubte, sich verhört zu haben.

„Wie bitte?“

Sie sah ihm tief in die Augen. „Ich sagte, das ist eine ausgezeichnete Idee.“

„Ein Zimmer zu nehmen?“

„Ja, Justin.“ Sie beugte sich vor und knabberte an seiner Unterlippe, bevor sie flüsternd hinzusetzte: „Und lass es irgendwo in der Nähe sein.“

Sofort zückte Justin seine Brieftasche und legte Geld für die Rechnung und Trinkgeld auf den Tisch, ehe er Grace an der Hand aus dem Café zerrte.

Lachend folgte sie ihm. „Es muss kein Sprint sein.“

Er hielt ihr die Autotür auf. „Beim ersten Mal wird es das wahrscheinlich sein. Danach aber? Bei Monopoly geht es nur um Strategie und Ausdauer, Baby.“ Er fing ihren Blick aus großen Augen auf. „Das ist, was du von mir bekommen wirst – die ganze Nacht. Keine Kompromisse. Keine Entschuldigungen. Über das, was danach kommt, reden wir später.“

„Lade mich zum Frühstück ein, und wir haben einen Deal.“

„Abgemacht.“

Justin versuchte, langsam zur Fahrerseite zu wechseln, doch das misslang ihm gründlich.

Wenige Minuten später bog Justin auf den Parkplatz vor dem Best Western am Pioneer Square ein und setzte das Auto in eine enge Lücke vor dem Hotel. „Warte hier. Ich besorge uns ein Zimmer.“

Grace griff nach ihrer Handtasche. „Möchtest du, dass ich die Hälfte übernehme?“

„Verdammt, nein. Sei einfach hier, wenn ich zurückkomme, und wir sind quitt.“

„Justin?“

Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um.

„Ich werde hineingehen und umherwandern.“

„Warum?“

Sie lächelte verführerisch. „Damit du mich suchen kannst.“

Ihm wurde der Mund trocken. Er nickte knapp und eilte in die Lobby, nur um an der Rezeption hinter einem verärgerten Reisenden mit unerfüllbaren Sonderwünschen warten zu müssen. Justin wurde immer nervöser. Grace ging an ihm vorbei und er folgte ihr mit seinem Blick.

Geduld hatte er momentan nicht im Repertoire. Zuerst musste er seinen Heißhunger auf Grace stillen. Danach könnte er vielleicht einen Gang herunterschalten und die Nacht genießen. Bis dahin würde er für die Frau brennen, die jetzt auf den Fahrstuhl wartete, um wohin auch immer zu gehen.

Am liebsten hätte er den Fremden vor ihm beiseitegeschoben, um das erstbeste Zimmer mit Kingsize-Bett zu verlangen.

Als der Mann endlich davonstürmte, trat Justin an den Tresen und zückte seine Brieftasche. „Ich brauche ein Doppelzimmer, Kingsize-Bett.“

Der Portier schaute nicht einmal vom Computer hoch. „Raucher oder Nichtraucher?“

„Nichtraucher.“

„Bestimmtes Stockwerk?“

„Das nächst verfügbare.“

„Nach vorn oder hinten raus?“

„Hören Sie.“ Justin lehnte sich über den Tresen. „Ich will nichts weiter als ein Zimmer mit Kingsize-Bett. Geben Sie mir einfach den Schlüssel, bevor ich verrückt werde, verstanden?“

Der Portier grinste breit. „Hab Sie beide reinkommen sehen. Sie ist verdammt heiß.“

„Dann haben Sie ein wenig Mitleid, Mann. Schlüssel bitte.“

„Bar oder Kreditkarte?“

„Bar plus Trinkgeld, wenn Sie mir nur den verdammten Schlüssel geben“, knurrte Justin.

Der Mann machte ein paar Eingaben in den Computer und zauberte zwei Schlüsselkarten hervor.

Justin bezahlte ihn mit Ein- und Fünf-Dollar-Scheinen, ohne darüber nachzudenken, bis der Mann eine Augenbraue hochzog.

„Haben Sie sie aus einem Stripklub mitgenommen?“

„Ja.“

„Cool. Wo arbeitet sie?“

„Mann, sie ist keine Stripperin. Der Stripper bin ich.“ Er steckte seine Brieftasche ein und funkelte den Mann wütend an. „Gute Nacht.“

„Nicht so gut, wie Ihre sein wird“, murmelte der Portier.

Justin beachtete den Typen gar nicht mehr. Das Zimmer befand sich im vierten Stock. Er würde im zweiten Stock zu suchen anfangen und jeden Flur hinunterlaufen, bis er Grace gefunden hatte. Und dann würde er seinen Preis einfordern.

Auf der Stelle.

Grace schlenderte über den Flur im dritten Stock, kurz in jeden Winkel schlüpfend, während sie auf Justin wartete. Sie hatte keine Ahnung, warum es so lange dauerte. Angst, dass er seine Meinung womöglich geändert hatte und sie sitzen ließ, hatte sie nicht. Er war nicht der Typ, der sein Wort brach. So gut kannte sie ihn schon.

Die Tür zum Treppenhaus fiel schwer hinter ihr ins Schloss.

Starke Hände packten sie und rissen sie herum, bevor sie eine Chance hatte zu reagieren. „Sie verstecken sich nicht sehr gut, Ms Cooper.“

Ihr stockte der Atem. „Vielleicht wollte ich gefunden werden, Dr. Maxwell.“

„Tatsächlich?“, murmelte er.

„Ich habe mir auf die Lippe gebissen, als du mich herumgedreht hast.“ Sein Mund war ihrem so nah, dass sich ihre Lippen beim Sprechen hauchfein berührten.

„Ich bitte um Entschuldigung.“

„Tu’s nicht.“ Ihr Puls raste. „Küss mich und mach es wieder gut.“

Ihre Lippen fügten sich zusammen wie zwei Puzzleteile. Zungen berührten sich, erst zögernd, dann kühner. Hände schweiften herum, langsam, aber leidenschaftlich. Und im Nu war Grace verloren.

Justin streichelte ihr Gesicht, ihren Nacken, die obere Wölbung ihrer Brüste. Sein Atem streifte ihre Haut. Als er unter ihr Shirt tastete und eine Brustspitze reizte, stieß Grace keuchend seinen Namen aus und warf den Kopf zurück.

Seine magischen Finger verschwanden von ihrer Brust. Stattdessen schob er eine Hand in ihren Nacken, um sie beim Küssen festzuhalten.

Grace war verrückt nach ihm. Da sie ewig nicht so intensiv empfunden hatte, war sie machtlos gegen ihre Gefühle und überließ Justin die Führung. Aber sie wusste, dass sie sich wieder unter Kontrolle bekommen musste.

Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, löste er sich von ihr. Er starrte auf sie herunter, seine blauen Augen dunkel vor Lust, die Pupillen groß. „Komm.“

Er zog sie ins schwach beleuchtete Treppenhaus und lief mit ihr in den vierten Stock. Vor Zimmer 420 blieb er stehen und führte mit zittrigen Fingern die Schlüsselkarte ein. Kaum hatten sie den dunklen Raum betreten, drückte er sie in eine Ecke und fasste unter ihr Shirt, um den BH aufzuhaken. Als sich der Verschluss löste, berührte er eine nackte Brust und kniff in die Spitze, die sich sofort zusammenzog.

Grace schob die Hände unter seinen Mantel, um seine Taille herum und unter seinem T-Shirt an seinem Rücken hoch. Haut an Haut. Hitze an Hitze. Sie kratzte ihn und genoss sein Erschauern. Als er sie hochhob und an die Wand drückte, schlang sie automatisch die Beine um ihn und drängte ihm die Hüfte entgegen, während er sich an ihr rieb.

Sie schnappte nach Luft und legte den Kopf in den Nacken.

Stöhnend presste Justin seine Lippen an ihren Hals, reizte sie abwechselnd mit seiner Zunge und seinen Zähnen.

Sie umarmte ihn fester, als der Ritt immer wilder wurde, bis Justin sie schließlich herunterließ und trotz ihrer Proteste mit dem Gesicht zur Wand drehte. Er riss Knopf und Reißverschluss ihrer Jeans auf und zog sie bis zu ihren Fußknöcheln herunter.

Grace trat aus der Hose und spreizte die Beine. Ihr Körper wurde lebendig unter Justins Händen. Sie sehnte sich danach, ihn endlich in sich zu spüren. Sie brauchte ihn.

Sie hörte, wie er seine Jeans öffnete, danach das Knistern von Folie. Sekunden später fühlte sie sein heißes Glied an ihrem Po, während er eine Hand um ihre Hüften und zwischen ihre Beine schob.

„Oh Baby“, flüsterte er. „Du bist so verdammt feucht.“

„Bitte.“

„Ich dachte, du wolltest, dass ich derjenige bin, der bettelt“, erwiderte er scherzhaft und zog die Konturen ihrer Ohrmuschel mit seiner Zunge nach.

Ein verzweifeltes, ersticktes Lachen entfuhr ihr. Sie schlug mit den Händen an die Wand. „Keine Spielchen mehr. Mach’s mir, Justin. Bitte.“

Er reizte ihre empfindsamste Stelle mit den Fingern. Ein paar schnelle Berührungen genügten, und Grace verlor die Kontrolle.

Ihre Hüften bewegten sich wild, ihr Atem ging schwer. Stöhnend schloss sie die Augen. Sie erschauerte, klammerte sich mit einer Hand an seine und hielt ihn fest, als sie in einen Strudel der Lust geriet, der in einen zweiten heftigen Höhepunkt mündete.

Minutenlang hörte sie nur das Pochen ihres Herzens und das Rauschen von Blut in den Ohren. Ihr wurden die Knie weich. Sie war verloren in Zeit und Raum, befriedigt und zugleich noch immer voller Verlangen. Sie wollte Justin in sich spüren, wollte, dass er sie erneut in Ekstase versetzte.

Die Bilder, die diese Gedanken heraufbeschworen, steigerten ihre Erregung noch mehr, denn all dies würde geschehen. Sie brauchte nicht im Dunkeln von Justin Maxwell zu träumen. Nicht heute Nacht. Heute Nacht wurde die Fantasie Wirklichkeit – und die Wirklichkeit übertraf ihre kühnsten Träume.

Er beruhigte sie mit zärtlichen Berührungen. „Das waren Nummer eins und zwei. Jetzt dreh dich um.“

Sie war zu schwach, um mitzuarbeiten. Er packte sie an den Hüften und drehte sie herum, ihren nackten Hintern an die kalte Wand pressend. „Justin“, hauchte sie.

„Gleich, Baby“, stieß er angestrengt hervor. Er hob sie wieder hoch und drückte sie mit seinem Gewicht an die Wand, während er gleichzeitig mit der Spitze seines Gliedes in sie drang.

Grace stöhnte auf. „Mehr, verdammt!“

„Ich will dir nicht wehtun.“

„Tu es“, bat sie.

Er stieß fest und tief in sie. Sein Kuss erstickte ihren Schrei.

Sie hatte gewusst, dass Justin kräftig gebaut war, aber ihn in sich zu spüren, war eine ganz andere Sache. Schmerz und Lust hielten sich die Waage. Dann begann er sich langsam zu bewegen. Heiße Glut sammelte sich in ihrem Becken. Grace klammerte sich an ihn und knabberte an seinem Ohrläppchen. „Fester.“

Er stöhnte und grub die Finger in ihre Hüften. „Festhalten, Süße.“

Mit kraftvollen Stößen drang er immer wieder in sie ein. Trotzdem versuchte sie sich noch dichter auf ihn zu ziehen. „Bitte“, murmelte sie atemlos. „Ich brauche … ich muss …“

Er schob seine Hand zwischen sie, und während sie ihn ritt, reizte er ihre Perle. Bei der ersten Berührung zuckte sie so heftig zusammen, dass sie beinahe von ihm abgerutscht wäre, aber er packte sie fester und begann ein schnelles Trommeln mit den Fingerspitzen im Rhythmus seiner Stöße.

Innerhalb von Sekunden fühlte Grace sich dem Gipfel nah. „Hör nicht auf!“

„Ich bin bei dir, Baby“, sagte er schwer atmend.

Ein Zucken breitete sich von ihrem Becken über ihren ganzen Körper aus. Völlige Ekstase übermannte sie. Stöhnend warf sie den Kopf zurück und nahm alles, was Justin zu geben hatte, überwältigt von Gefühlen, die sie alles andere vergessen ließen.

Er grub seine Zähne in ihren Hals. Grace genoss seine animalische Gier. Er spannte sich an und stöhnte laut, als seine Stöße noch wilder als zuvor wurden, ehe sich seine Lust in einem heftigen Orgasmus entlud. Grace liebte das Gefühl der Macht, diesen schönen Mann dazu zu bringen, hier und jetzt die Kontrolle zu verlieren.

Justin löste sich von ihr und ließ sie an der Wand heruntergleiten, bis sie festen Boden unter den Füßen hatte.

Als ihre Knie nachgaben, stützte er sie.

„Tut mir leid“, murmelte er in ihr Haar.

„Du entschuldigst dich?“ Sie lachte keuchend.

„Dafür, dich an die Wand gequetscht zu haben. Im Moment scheint nichts richtig zu funktionieren.“

Grace schlang die Arme um ihn. Sein Mantel roch schwach nach seinem Cologne. Sie schloss einen Moment genießerisch die Augen, bevor sie ihre Hose aufhob.

„Lass die Jeans fallen, Ms Cooper. Ich bin noch nicht fertig mit dir. Noch lange, lange nicht.“

Vor Erregung überlief sie ein Kribbeln. Sie umarmte ihn wieder und schmiegte sich eng an ihn.

Er hielt sie fest, während er ihr flüsternd versprach, sie zu lieben, bis die Sonne aufging.

Die sexuelle Macht, die Justin Maxwell über sie ausübte, brachte sie in Gefahr, sich in ihn zu verlieben. Aber sie hatte noch genügend Zeit, sich von ihm zu distanzieren. Morgen würde sie gehen. Morgen …

4. KAPITEL

Sein Hintern und ein Fuß froren. Das war Justins erster Gedanke nach dem Aufwachen. Mit einem Auge blinzelte er zum Wecker – ein paar Minuten nach acht Uhr morgens.

Die Matratze bewegte sich, als seine Bettgesellin sich auf die Seite drehte und ihm noch mehr Decke wegnahm. Er stützte sich auf die Ellbogen und sah einen Wirrwarr von Locken auf dem Kopfkissen. Im schwachen Licht erschien ihr Haar schwarz. Justin wusste, dass das täuschte. Graces Haar war in Wirklichkeit kastanienbraun bis zu dem Moment, in dem die Sonne darauf fiel. Dann loderte es tiefrot wie Feuer.

Nachdem sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, strich er ihr eine Strähne hinters Ohr und betrachtete sie. Sie war schön. Ihre grünen Katzenaugen hatten vor Leidenschaft und Verlangen geglüht, als sie sich auf jede erdenkliche Weise geliebt hatten. Dann, irgendwann gegen sechs Uhr morgens, waren sie eng umschlungen eingeschlafen.

Nie zuvor hatte Justin eine solche Nacht erlebt, und er fragte sich, ob er so etwas jemals wieder erleben würde. Er hatte eine echte Verbindung mit Grace, die über körperliche Anziehung hinausging. Das wollte er nicht verlieren, aber er war sich auch nicht sicher, wie er es behalten sollte.

Ja, er hatte zugestimmt, dies als einmalige Sache zu betrachten. Grace hatte sehr deutlich gemacht, dass sie nicht mehr erwartete. Doch nachdem er sie jahrelang beobachtet und nun durch einen dummen Zufall mit ihr zusammengefunden hatte, war er nicht bereit, es dabei bewenden zu lassen.

Er steichelte über ihr Gesicht und atmete tief ein.

„Warum so ein ernstes Gesicht?“ Ihre Stimme, heiser vom Schlaf, ließ ihm den Atem stocken.

„Ich denke nur nach.“

„Kein Nachdenken vorm Kaffee.“ Sie schmiegte sich an seine Brust. „Das ist eine kosmische Regel.“

Er streichelte ihr Haar. „Deckendiebe haben keine Regeln zu machen.“

„Ich bin kein Deckendieb. Ich habe mir nur genommen, was ich brauchte.“

„Das scheint deine Art zu sein.“

Sie schnaubte. „Ich habe eben Ansprüche.“ Ihre Lippen kräuselten sich an seiner nackten Haut.

„Gut zu wissen.“ Er rollte sich auf den Rücken und zog Grace auf sich, sie ein wenig zu fest haltend, aber er schien sie nicht loslassen zu können.

„Justin?“

„Nein, nein. Es ist gut. Meine wichtigsten Körperteile waren nur kurzfristig in Gefahr, Frostschäden zu erleiden. Sie werden sich erholen.“

Sie kicherte und stützte sich auf, um ihm in die Augen zu sehen. „Wenn ich nicht wüsste, dass es uns zur Ecke Wild und Leidenschaftlich führen würde, würde ich dir anbieten, deine wichtigsten Körperteile aufzuwärmen.“

Das angesprochene Körperteil richtete sich augenblicklich auf. „Ja?“ Er bewegte die Hüften. „Du bist ein Teufelsweib. Ein richtiges Teufelsweib.“ Er fuhr mit einem Finger über ihren Hals und zwischen ihre Brüste, dann sah er ihr in die Augen. „Letzte Nacht war wunderschön, Grace.“

Sie erschauerte. „Ich habe nach Worten gesucht, dasselbe auszudrücken. Aber ich kann mit wunderschön leben.“

Justin griff nach einem Kondom und streifte es sich über, bevor er sich mit ihr herumrollte. „Ich nehme Wild. Du nimmst Leidenschaftlich. Wir werden uns an der Ecke treffen.“

Ihr laszives Lächeln löste ein heißes Kribbeln in ihm aus. „Ist mir recht.“

Langsam drang er in sie ein, stillhaltend, als sie zusammenzuckte. „Okay?“

„Nur ein bisschen wund. Das war ziemlich viel Action für ein Mädchen, das über zwei Jahre ausgesetzt hat.“

Er umfasste ihr Gesicht und küsste sie zärtlich, ehe er fragte: „Wie lange ist es her?“

Sie wich seinem Blick aus.

„Grace?“

„Seit dem Master-Studiengang nicht mehr.“

„Du hast mit niemandem mehr geschlafen seit …“

„Siebenundzwanzig Monaten, Justin.“ Sie sah ihn schließlich an, ihre Augen ergreifend schön. „Also ja, ich bin ein wenig wund.“ Langsam hob sie die Hüften, um ihn tiefer in sich aufzunehmen. „Das bedeutet nicht, dass du aufhören sollst.“

Also tat er es nicht.

Als Justin eine Stunde später aus der Dusche trat, hörte er sein Handy im Zimmer klingeln. „Kümmre dich nicht drum“, rief er.

„Tu ich auch nicht.“

Er grinste. Mit Grace zusammen zu sein war so leicht, so angenehm. Je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto größer wurde die Flamme in seinem Herzen. Und das machte ihm gleichzeitig Angst.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hatte für ihn Vorrang, sich beruflich zu etablieren. Er wollte sich bei Second Chances einbringen und sich den Respekt seiner Fachkollegen erarbeiten. Eine Frau kam in seinen Plänen nicht vor, schon gar keine, deren unmittelbare Zukunft nicht mit seiner zusammenpasste.

Und doch fühlte er sich stark zu Grace hingezogen. Sie hatte die Tür zu einer Wiederholung der letzten Nacht nicht ganz geschlossen. Vielleicht könnte er sie noch einmal sehen, bevor sich ihre Wege für immer trennten. Und wenn ihr nächstes Mal ihr letztes sein sollte, dann sollte er alles dafür tun, sein brennendes Verlangen nach ihr endgültig zu stillen.

Er schlang sich ein Handtuch um die Hüften, kehrte ins Zimmer zurück und erstarrte. Grace hatte die Vorhänge gerade weit genug geöffnet, um aus dem Fenster zu lugen. Die Sonne tauchte jede sinnliche Kurve ihres nackten Körpers in goldenes Licht.

Grace drehte sich halb zu ihm um und lächelte. „Die Sonne scheint.“

„Gut“, brachte er krächzend hervor.

Sie zog die Brauen zusammen. „Hey. Bist du okay?“ Sie ging auf ihn zu, blieb jedoch stehen, als er zurückwich.

Justin konnte an nichts anderes als an sie denken. Sein Herz raste, und seine Handflächen wurden feucht. Er schüttelte den Kopf. „Es geht mir gut.“

„Du wirkst ein wenig zittrig.“

„Ich bin ein wenig zittrig.“

„Unterzuckert?“

„Ja.“ Eine glatte Lüge, bei der er sich nicht wohlfühlte, aber er bot keine andere Erklärung an.

Wie konnte er nur daran denken, ihre Beziehung emotional zu vertiefen? Grace hatte gesagt, dass sie nicht mehr lange in Seattle bleiben würde, aber selbst wenn es nur noch ein paar Wochen wären, könnten sie sich wiedersehen. Er wollte herausfinden, was sich zwischen ihnen entwickeln könnte. „Also, Grace, was hast du als Nächstes vor?“

„Was meinst du damit?“

„Im Leben. Du hast deinen Abschluss. Was jetzt?“

„Du stehst da im Handtuch, ich bin nackt, und du willst dich über Karriereplanung unterhalten?“ Sie lachte. „Sie sind in merkwürdiger Stimmung, Dr. Maxwell.“

Er spürte einen Stich in der Brust und rieb sich die schmerzende Stelle. „Ich gebe es zu.“

„Na schön. Ich muss noch ein achtzigstündiges Praktikum absolvieren, bevor ich meine psychologischen Kenntnisse bei ahnungslosen Opfern anwenden darf.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Also noch achtzig Stunden Blabla, ehe ich offiziell Psychologin bin.“

Justins Herz verkrampfte sich. „Ja? Wohnst du in der Nähe?“

Sie nickte. „So ist es.“

„Hast du Lust, mit mir zum Lunch zu gehen? Vielleicht Mittwoch? Wir könnten uns in der Mitte treffen.“ Damit könnte er leben. Gerade mal eben.

Zarte Röte stieg in ihre Wangen. „Lunch? Das wäre toll.“ Es waren die richtigen Worte, nur der zögernde Ton stimmte nicht.

„Bist du allergisch gegen Lunch?“, fragte er so lässig wie möglich.

„Nein.“ Sie rieb sich den Hals. „Es ist nur … Du weißt, dass ich nicht bleibe, oder?“

„Es ist kein Heiratsantrag, Grace. Es ist nur eine Verabredung zum Lunch.“

Sie lächelte. „Also einverstanden. Die Innenstadt wäre am günstigsten für mich.“

Langsam atmete er aus. „Ausgezeichnet.“ Sie waren noch nicht miteinander fertig.

Nicht auf lange Sicht, zumindest.

Grace sah, wie Justin die Schultern hängen ließ, und konnte nicht sagen, ob es Erleichterung oder Enttäuschung bedeutete. Ersteres schmeichelte ihr, während Letzteres verdammt wehtat.

Es sollte keine Rolle spielen. In zwei Wochen würde sie Meg nach Baltimore folgen, um sich dort einen Job zu suchen. Weit weg von Seattle, ihrer Vergangenheit und ihrer Mutter.

Justin straffte die Schultern und durchquerte den Raum. „Wie wäre es mit Dienstag? Ich möchte nicht bis Mittwoch warten.“ Er umfasste ihr Gesicht. „Sag Ja.“ Der Pfefferminzgeruch von Zahnpasta vermischte sich mit dem Duft von Hotelseife und Shampoo zu einem frischen Geruch, den sie nie vergessen würde.

„Ja.“

„Und am Mittwoch Dinner?“

„Ja“, antwortete sie, ohne nachzudenken.

„Gut.“ Er küsste sie. Sie spürte seine Lippen weich und zugleich fest auf ihren. Die Art, wie er von ihr Besitz ergriff, beunruhigte sie. Kein Mann hatte sich je die Mühe gemacht, sie wirklich kennenzulernen, sich mit ihr zu treffen, ihr Zeit zu widmen. Bis Justin gekommen war.

Es hatte eigentlich nur eine Nacht sein sollen. Nicht mehr. Aber sein Interesse wirkte so aufrichtig, sein Verlangen nach ihr war so offensichtlich. Welche Frau würde das nicht gern noch eine Weile länger genießen wollen?

Sie würde mit dieser … dieser Affäre umgehen können, wenn sie ihre Ziele im Blick behielt. Denn wenn seine Einladungen auch die Regeln geändert hatten, die sie zuvor aufgestellt hatten, stand ihr Entschluss fest.

Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass Justin sie von ihren Zielen abbrachte, egal wie lange sie sich nach dem gesehnt hatte, was er ihr anbot. Sie hatte zu hart gearbeitet, zu viele Opfer gebracht, um sich ihre Pläne von einem Mann durchkreuzen zu lassen – egal wie sehr ihn auch wollte. Solange sie in Seattle blieb, würde sie immer nur Cindy Coopers Tochter bleiben, das störende Anhängsel, das dieser Frau im Weg stand. Grace weigerte sich, noch länger an diesem emotional düsteren Ort zu bleiben.

Justin schien zu spüren, wie sie sich in seinen Armen verkrampfte, und löste sich von ihr. Er umfasste ihr Gesicht und lehnte seine Stirn an ihre. „Hör auf nachzudenken.“

„Hör auf, in meinem Gesicht zu lesen.“

„Im Ernst, Grace. Hör auf, dir die Sorgen von morgen zu machen. Es gibt heute schon genug.“

Sie verdrehte die Augen, um ihn anzusehen. „Stimmt. Wir müssen innerhalb der nächsten halben Stunde das Zimmer räumen.“

„Dann lass uns schnell machen und frühstücken gehen.“

„Klar.“ Sie wartete. Er bewegte sich nicht. „Du musst zuerst mein Gesicht loslassen.“

Justin küsste sie schnell und fest, sie dabei an die Wand drückend. Als er seine Lippen zu ihrem Hals gleiten ließ, erschauerte sie. „Du hast eine Schwäche für Wände.“

„Erst, seit ich dich kenne.“

In ihrem Bauch vollführten Schmetterlinge akrobatische Flugmanöver. Grace konnte es nicht ändern. Er sagte immer das Richtige. Schließlich wollte jede Frau wissen, dass sie begehrt wurde.

Begehrt.

Die Vorstellung, die nächsten zwei Wochen mit jemandem, mit ihm, gemeinsam zu verbringen, stellte die größte Versuchung dar, mit der sie je konfrontiert gewesen war. Ihr Leben lang war sie allein gewesen und hatte sich nach den Dingen gesehnt, die ihre Freunde als selbstverständlich hinnahmen – Eltern, Familie, ein Zuhause. Auf dem College war es besser geworden, als sie ihre drei besten Freundinnen gefunden hatte, aber die Sehnsucht nach Familie war geblieben. Warum das so war, wollte sie nicht zu genau analysieren. Es würde sie nur daran erinnern, dass ihre Vergangenheit sie nicht gelehrt hatte, wie es war, zu lieben oder geliebt zu werden.

Mit Justin könnte sie jemanden haben, der zu ihr gehörte. Gut, es würde nicht für immer sein, doch es wäre mehr, als sie von einem One-Night-Stand erwarten konnte. Sie würde nur aufpassen müssen, dass die Beziehung oberflächlich blieb, damit niemand verletzt wurde, wenn sie Lebwohl sagte. Was würde schon innerhalb von zwei Wochen geschehen, das dieses Ende verhindern könnte?

Die Antwort war leicht. Nichts würde passieren, das sie nicht ausdrücklich zuließ.

Kaum hatte sie ihre Entscheidung getroffen, schob sie die Finger durch Justins Haar und küsste ihn leidenschaftlich.

Stöhnend drängte er seine Hüften gegen sie, bis er sich mit einer Hand neben ihrem Kopf an der Wand abstützte und sich von ihr löste. „Du bist schuld, wenn ich die Waffeln vom Buffet verpasse.“

„Die werden überbewertet.“

„Hast du sie schon einmal gehabt?“

„Nein, aber ich hatte dich. Wie kann ein armseliges Fast-Food-Frühstück mit dem Mighty Maxwell mithalten?“

Er lachte. „Du bist schlagfertig. Das muss man dir lassen.“ Als sie unter seinem Arm hindurchtauchte und anfing, ihre Kleidung einzusammeln, versprach er: „Wir haben immer noch Lunch – und Dinner – diese Woche. Ich garantiere dir, dass dich das Dessert dann für die heutige Enttäuschung entschädigen wird.“

„Das will ich hoffen. Ich möchte Kuchen. Guten Kuchen.“

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Das kann ich einrichten.“

Grace zog sich an und suchte ihre Schuhe. Einen fand sie im Bad, den anderen – man stelle sich nur vor – im Wandschrank. Auf einem Fuß hüpfend rief sie durch die Tür: „Also, was hast du diese Woche vor?“

„Ich trete morgen meinen neuen Job an.“

„Ja?“ Sie schlüpfte ins Bad, um irgendwie ihr Haar zu bändigen. „Gib mir bitte meine Handtasche.“

Er stellte sie ihr auf den Waschtresen, bevor er sich im Zimmer nebenan weiter fertig machte.

Grace kramte ein Gummiband und eine kleine Bürste hervor und begann, ihre Locken zu entwirren. „Was ist das für ein Job?“

„Ich arbeite für einen gemeinnützigen Verein, der benachteiligten Jugendlichen hilft.“

Ihr Herzschlag stockte. „Ja?“ Sie bemühte sich um einen gleichmütigen Ton, doch er klang eher schrill.

„Ja. Tolle Einrichtung. Vor Jahren hat man mir dort sehr geholfen. Ohne dieses Programm wäre ich niemals aufs College gegangen.“

„Ja?“, fragte sie wieder. Die Bürste fiel ihr aus der Hand. Das klappernde Geräusch hallte unangenehm in ihren Ohren. „Wie heißt der Verein?“

„Second Chances.“ Justin trat ins Bad und setzte sich auf den Wannenrand, um seine Stiefel anzuziehen. „Der Name passt. Genau das ist es, was man den Jugendlichen bietet, die dort …“ Er schaute hoch und runzelte die Stirn. „Was ist?“

„Nun, das ist merkwürdig.“ Grace versuchte zu schlucken, aber sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals.

„Was?“ Als sie nicht antwortete, stellte er seinen Fuß auf den Boden. „Was hast du?“

Der unheilvolle Klang seiner Stimme verriet, dass er es ahnte, die Wahrheit nur nicht akzeptieren wollte. Verdammtes Pech, doch sie konnte es nicht ändern.

Er stand auf und fuhr sich durchs Haar. „Mist.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Kann man wohl sagen.“

„Warum hast du mir nicht erzählt, dass du dein Praktikum bei Second Chances machst?“

„Ich könnte dich ebenso gut fragen, warum du mir nicht erzählt hast, dass du dort arbeiten wirst. Die Antwort ist dieselbe: Ich hatte keine Ahnung, dass es von Bedeutung ist.“

Er marschierte aus dem Bad, um, wenn sie das Geräusch richtig interpretierte, auf ein Kissen zu schlagen. „Na fabelhaft.“

Sie folgte ihm. „Weißt du was? Du solltest dich ganz schnell wieder einkriegen. Du tust so, als ob ich etwas falsch gemacht hätte. Eilmeldung: Das habe ich nicht. Also reiß dich zusammen und beruhige dich.“

„Grace, wenn herauskommt, dass ich mich mit einer Praktikantin eingelassen habe, könnte ich gefeuert werden, bevor ich überhaupt angefangen habe. Diese Geschichte könnte meine Karriere zerstören. Verstehst du nicht? Du hast vielleicht gerade mein Leben ruiniert!“

Wie oft hatte sie dasselbe von ihrer Mutter gehört? Wie oft hatte sie sich vorhalten lassen müssen, was ihre Mutter alles gesehen und getan hätte, wenn sie sich nur eine Abtreibung hätte leisten können?“

„Fahr zur Hölle“, flüsterte sie.

Sie schnappte sich ihre Tasche, kramte blind ein paar Scheine hervor und warf sie Justin vor die Füße. „Hier ist dein Trinkgeld. Das schulde ich dir noch. Und einen Rat gibt es gratis dazu: Verärgere nie eine ‚Kundin‘, bevor du bezahlt worden bist, oder der Handel könnte platzen.“

Seine Augen wurden schmal. „Hast du mich gerade Hure genannt?“

„Ich lasse wohl nach, wenn du erst fragen musst.“ Sie wandte sich zur Tür. „Guten Appetit bei deinen Waffeln.“

5. KAPITEL

Tief durchatmend betrat Justin am Montagmorgen die Lobby von Second Chances.

Vor vierzehn Jahren war er zum ersten Mal durch diese Türen getreten, um seine Sozialstunden abzuleisten. Er war wegen Vandalismus verurteilt worden, aber nur, weil die Polizei ihn in jener Nacht nicht eher erwischt hatte. Sonst wäre die Anklage weit schwerer gewesen.

Justin straffte die Schultern. Er war nicht mehr der Junge von damals. Second Chances hatte ihm geholfen, sich von der Gang zu lösen, aufs College zu gehen und seinen Doktor zu machen. Von nun an würde er jeden Tag sein Bestes geben, um das Leben der Jugendlichen zu verändern, die durch diese Tür kamen. So wie die Menschen hier sein Leben verändert hatten.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die weibliche Stimme riss Justin aus seinen Gedanken. Jahrelange Bühnenerfahrung half ihm, sein charmantestes Lächeln aufzusetzen, als er sich umdrehte. „Ich bin Justin Maxwell und möchte zu Mark Sanders.“

Die Frau – auf ihrem Namensschild stand ‚Mallory‘ – starrte ihn volle zehn Sekunden lang an, bevor sie sich räusperte. „Mr Sanders erwartet Sie, Dr. Maxwell. Sein Büro liegt am Ende des ersten Gangs, fünfte Tür auf der linken Seite. Ich sage Bescheid, dass Sie unterwegs sind.“

Sie hatte ihn so lange angesehen, dass Justin sich unbehaglich fragte, ob sie je im Klub gewesen war und ihn als Tänzer erkannt hatte. Doch darüber konnte er sich jetzt keine Gedanken machen, und außerdem war dieses Kapitel seines Lebens ja beinahe abgeschlossen. „Danke, Mallory.“ Er nickte ihr freundlich zu und ging den Flur hinunter.

Wo ist Grace?

Eine Tür ging auf, und ein kleiner Mann mit Glatze trat ihm entgegen. „Schön, Sie wiederzusehen, Dr. Maxwell.“

„Einfach Justin, Sir.“

Sanders schüttelte ihm kurz die Hand. „Seit unserem letzten Gespräch haben sich ein paar Dinge geändert. Bevor wir ins Detail gehen, schicke ich Sie in die Personalabteilung, damit Sie die Formalitäten erledigen und sich Fingerabdrücke abnehmen lassen können. Das dürfte etwa eine Stunde dauern.“ Er deutete den Gang hinunter. „Dritte Tür auf dieser Seite. Fragen Sie nach Sharon. Sie wird sich um Sie kümmern und dann hierher zurückbringen.“

Bei der Erwähnung von Veränderungen beschlich Justin ein mulmiges Gefühl. Sein Chef hatte doch nicht etwa schon von der Sache mit Grace erfahren?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

„Ich muss zugeben, dass ich neugierig bin, Sir.“

„Es ist nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten, mein Sohn.“

Die unerwartete Anrede ärgerte Justin. Er war nicht Sanders’ Sohn. Sein Vater war tot. Um seine heftige Reaktion zu verbergen, umklammerte er seine Aktentasche fester. „Ja, Sir.“

„Haben Sie etwas?“, fragte Sanders höflich, aber mit kühlem Unterton.

„Nein, Sir.“

„Dann sehen wir uns in einer Stunde wieder. Lassen Sie sich nicht länger von Sharon festhalten. Wir haben heute einen vollen Terminkalender.“

„Ja, Sir.“

Justin ging langsam weiter, während er sich zu sammeln versuchte. Am ersten Tag wegen einer solchen Banalität die Fassung zu verlieren war unklug, sagte er sich.

Es waren die Veränderungen, die Sanders angedeutet hatte, die Justins Herz schneller schlagen ließen. Zweifellos hingen sie mit Grace Cooper zusammen.

Second Chances hatte ihn von der Straße geholt, als er vor der Wahl zwischen Gut und Böse gestanden hatte. Das Programm hatte ihn damals gerettet, und jetzt wollte er diesen Job nicht wegen eines blöden Fehlers verlieren. Doch zwischen ihm und Grace war so viel Potenzial gewesen. Konnte er es ertragen, das zu verlieren?

Zum ersten Mal seit seinem Wutanfall gestern Morgen war er sich nicht mehr sicher, welcher Verlust ihn mehr treffen würde – der Job, der ihm alles bedeutete, oder die Frau, die ihm noch mehr bedeuten könnte.

Grace saß in der Lobby von Second Chances und zupfte an einem eingerissenen Fingernagel, während sie wartete. Sie war ein paar Minuten zu früh gekommen, aber nun ließ man sie schon eine halbe Stunde warten. Das erschien ihr ein wenig unprofessionell, auch wenn sie nur eine Praktikantin war.

Ihr Blick schweifte wieder durch die Lobby und Flure.

Wo ist Justin?

Eine zierliche dunkelhaarige Frau kam auf sie zu und streckte die Hand aus. „Grace Cooper?“

Sie stand auf und schüttelte die angebotene Hand. „Das bin ich.“

„Ich bin Sharon Johnson, Leiterin der Personalabteilung. Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ. Sie sind nicht die Einzige, die hier heute neu anfängt.“

Justin.

„Ich bin nur Studentin, Ms Johnson. Eine Praktikantin.“

„Deshalb sind Sie nicht weniger wichtig als andere Kollegen.“ Sharon lächelte freundlich. „Die Umstände haben sich geändert. Sie werden an Beratungsstunden teilnehmen und Aufzeichnungen darüber machen.“

„Ich werde Patienten sehen?“, fragte sie mit einem viel zu schrillen Unterton.

„Gemeinsam mit unserem Psychologen. Am Ende Ihrer achtzig Stunden wird er einen Bericht schreiben, in dem er empfiehlt, ob Sie das Praktikum bestehen oder durchfallen. Ihre Notizen gehen in die Bewertung mit ein.“

Grace presste eine Hand an ihren Bauch. „Sprechen Sie nicht von Durchfallen. Das kann ich mir nicht leisten.“

„Sie werden es bestimmt gut machen. Jetzt lassen Sie uns die Formalitäten erledigen, damit Sie anfangen können, okay?“

Es dauerte eine Dreiviertelstunde, die Personalbögen auszufüllen. Der ganze Prozess schüchterte Grace ein. Es machte ihren Abschluss so wirklich. Sie war keine Studentin mehr, die auf ein Examen hinarbeitete. Dieser Job war die letzte Hürde, die zwischen ihr und ihrer Selbstständigkeit stand, ihr und der wirklichen Welt, ihr und dem Leben. Sie konnte zum ersten Mal Freiheit schmecken, und sie wollte es mehr als alles andere.

So sehr, wie ich Justin will?

Die Frage tauchte so plötzlich in ihrem Geist auf, dass Grace beim Schreiben stockte. Nicht dass, sondern wie sehr sie ihn wollte, schockierte sie.

Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch, bevor sie das Formular zu Ende ausfüllte und über den Schreibtisch reichte. „Wohin gehe ich jetzt?“

„Ich bringe Sie zu Mark. Er möchte, dass Sie den Psychologen kennenlernen, mit dem Sie zusammenarbeiten werden.“

„Wenn Sie mir einfach nur die Richtung zeigen …“ Grace drehte sich fast der Magen um. „Es ist plötzlich so real.“

„Nur keine Angst.“ Sharon lächelte. „Jede Frau hier wird Sie beneiden, wenn sich herumspricht, an wessen Seite Sie sitzen.“

Justin. Es konnte sich nur um Justin handeln.

Grace stand auf. „Wo ist es?“

„Drei Türen weiter auf der rechten Seite. Der Name steht draußen dran.“ Die Personalchefin reichte ihr die Hand. „Es war nett, Sie kennenzulernen, Grace. Wenn Sie Fragen haben, können Sie jederzeit zu mir kommen.“

„Danke. Das mache ich.“

Im Flur war es so früh am Tag gespenstisch ruhig. Das Klappern ihrer Absätze wirkte so unnatürlich laut, dass Grace auf Zehenspitzen weiterging. Vor der dritten Tür zögerte sie einen Moment, allen Mut zusammennehmend. Sie strich ihren Kostümrock glatt, zog den Blazer zurecht und legte die Hand auf die Klinke. „Zeig ihnen, was in dir steckt, Grace Cooper.“

Mit einem leichten Lächeln und ungeheuer viel Tapferkeit betrat Grace das Büro.

6. KAPITEL

Justin stand bereits unter Schock, als Grace das Büro betrat. Er war gerade darüber informiert worden, dass er schon heute seine ersten jugendlichen Patienten sehen würde – als alleinverantwortlicher Psychologe. Die Frau, die eigentlich in den ersten dreißig Tagen seine Mentorin sein sollte, fiel wegen Schwangerschaftskomplikationen aus. Damit war er der einzige Berater im Team.

Alles, was er in den letzten acht Jahren gelernt hatte, war auf einen Schlag wie weggefegt. Er war so vor den Kopf gestoßen, dass er nicht einmal antworten konnte, als Mark ihm Grace vorstellte. Er nickte ihr nur zu.

Ihre Miene, anfangs offen und freundlich, verschloss sich.

„Justin?“ Die scharfe Anrede seines Chefs riss ihn aus seiner Erstarrung.

„Verzeihung. Ich war einen Moment geistesabwesend. Entschuldigen Sie, Ms Cooper.“

Ein kaum merkliches Zittern überlief sie.

„Ich habe Graces Nachnamen nicht erwähnt, daher nehme ich an, Sie kennen sich?“ Mark verschränkte die Arme und lehnte sich mit einer Hüfte an den Schreibtisch, eindeutig darauf wartend, dass ihn jemand aufklärte.

Justin blieb beinahe das Herz stehen. Seinem Chef die Wahrheit zu sagen, war das einzig Richtige, auch wenn es schwerfiel. „Grace und ich haben eine Beziehung.“

„Nein, Sir“, warf sie schnell ein. „Das haben wir nicht. Wir hatten eine kurze Bekanntschaft. Mehr nicht.“ Flüchtig schaute sie zu Justin. „Das war schon vorbei, bevor wir Kollegen wurden.“

Für eine Sekunde konnte er nicht atmen. Schwarze Punkte tanzten vor seinen Augen. „Es ist eine Beziehung.“

„Es tut mir leid, dass Sie es als etwas anderes interpretiert haben, als das, was es war, Dr. Maxwell.“ Sie wandte sich wieder Mark zu. „Es wird unsere Zusammenarbeit nicht behindern. Was war und was ist, sind zwei sehr verschiedene Dinge.“

Mark musterte sie eine Weile, bevor er sprach. „Es scheint, dass Justin anderer Ansicht ist.“

Justin schüttelte stumm den Kopf. Sie verband mehr als Bekanntschaft. Auch Grace musste das spüren. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie kam ihm zuvor.

„Mr Sanders, ich brauche dieses Praktikum für meinen Abschluss. Ich will meine achtzig Stunden ableisten, ein gutes Zeugnis bekommen und meine Nische im Arbeitsleben finden. Dr. Maxwell hat damit nichts zu tun.“

„Und was soll diese Nische sein?“, fragte Mark.

Justin versuchte sich einzumischen, aber weder Grace noch Mark beachteten ihn. Nach Luft ringend fuhr Justin sich durchs Haar. „Stopp. Bitte, hören Sie auf.“

Mark zog eine Augenbraue hoch. „In Ordnung. Sie haben das Wort.“

„Ich fühle mich verständlicherweise ein wenig überrumpelt. Nachdem ich gerade erst erfahren habe, dass ich schon heute mit meinen ersten Patienten sprechen werde, höre ich jetzt, dass ich Graces Praktikum begleiten soll. Es hat einfach einen Moment gedauert, all das zu verarbeiten.“

„Ich frage Sie nur einmal, Justin, und ich erwarte eine ehrliche Antwort.“ Mark starrte ihn über den Rand seiner Metallbrille an. „Wird das ein Problem sein?“

„Nein. Das wird es nicht.“ Hoffe ich.

„Richtige Antwort. Ihr erster Patient hat nach dem Lunch einen Termin bei Ihnen. Unser IT-Mann richtet eine E-Mail-Adresse für Sie ein. Sobald sie aktiv ist, schicke ich Ihnen die Notizen Ihrer Vorgängerin. Sie könnten Ihnen helfen. Bis dahin sollten Sie beide besprechen, wie Sie in den kommenden zwei Wochen zusammenarbeiten, um die Anforderungen des Praktikums zu erfüllen. Ihr Büro befindet sich im nächsten Gang, zweite Tür rechts.“

Justin riskierte einen Blick auf Grace. Sie war blass, hielt sich aber kerzengerade. Als sie sich ihm zuwandte, traf ihn ihr ausdrucksloser Blick wie ein Stich ins Herz. Er wollte, dass sie ihn noch einmal so ansah wie in der Nacht in dem Café. Er wollte, dass sie lächelte und lachte und die Frau war, in die er sich … zu verlieben schien.

Sie beide verband mehr als ein One-Night-Stand, egal was sie glauben wollte. Wenn er vor anderen lügen musste, gut, dann würde er es tun. Sobald sie allein waren, würde er sich jedoch mit diesem Wahnsinn auseinandersetzen und Grace zwingen anzuerkennen, dass er nicht allein in diesem Wahnsinn war.

Er nahm ihren Arm und steuerte sie schnell den Flur hinunter. Kaum waren sie in seinem Büro, schlug er die Tür zu und zerrte schwer atmend an seiner Krawatte. Er bekam fast keine Luft mehr. „Wie zum Teufel sollen wir das hinkriegen?“

Grace verschränkte die Arme vor der Brust. „Es gibt nichts hinzukriegen.“

„Und ob“,

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