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TIFFANY HOT & SEXY BAND 38

ISABEL SHARPE

Ein sündiger Plan

Derek muss Addie unbedingt zu heißem, wildem Sex verführen! Natürlich nur, damit sie abgelenkt ist und nicht ein zweites Mal auf ihren unmöglichen Exfreund hereinfällt. Doch dann entpuppt Addie sich als solch unwiderstehliche Mischung aus unschuldig und sinnlich, dass Derek bald viel mehr will als bloß eine kurze Affäre. Aber was will Addie?

MEG MAGUIRE

Ring frei für die Lust

Nach einem hemmungslosen One-Night-Stand ist Patrick hin und weg von der sexy Martial Arts Trainerin Steph. Doch Steph sehnt sich nach einer festen Beziehung und einer eigenen Familie. Allerdings nicht mit ihm, sondern mit einem reichen Anzugträger, stellt sie klar. Aber Patrick hat eine Idee, wie er ihre Meinung ändern kann – eine ziemlich frivole Idee …

SAMANTHA HUNTER

Die Glut in deinen Augen

Ein einziger Kuss ist schon zu viel! Könnte der Brandermittler Bo bloß seine Finger von Erin lassen! Jetzt quält ihn wieder dieser brennende Hunger: nach dem besten Sex der Welt – und mehr … Dabei weiß er doch, dass Erin sich nicht voll und ganz auf ihn einlassen wird. Erst als ein gefährlicher Feuerteufel ihr Leben bedroht, öffnet sie Bo ihr Herz. Zu spät?

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Ein sündiger Plan

1. KAPITEL

Das Rauschen des Ozeans erklang in Addie Sewells Schlafzimmer. Sie bewegte sich leicht unter der angenehm weichen Bettdecke und stellte sich vor, wie die Wellen sich überschlugen und Schaum zarte Spitzenmuster auf den Strand malte, der sich dann wieder über den weißen Sand zurückzog. In der Ferne kreischte eine Möwe.

Addie stöhnte und warf die Bettdecke zurück. „Alarm ausschalten.“

Der Ozean hörte auf. Oder besser gesagt, das Rauschen des Ozeans hatte aufgehört, weil sie ihrem sprechenden Wecker, den sie liebevoll „Tick“ nannte, den Befehl dazu gegeben hatte. Der echte Ozean würde warten müssen, bis sie nächste Woche Richtung Norden flog, um an der Hochzeit ihres Freundes Paul Bosson teilzunehmen. Die Feier würde auf der Familieninsel in Maine stattfinden.

Eigentlich sollte sie sich viel mehr auf diesen Urlaub freuen. Abgesehen vom Besuch im neuen Haus ihrer Eltern war sie schon lange nicht verreist. Außerdem würde es nett sein, einmal wieder ihre Highschool-Freunde zu treffen. Aber wenn sie ehrlich war, könnte sie die Zeit besser nutzen, indem sie zu Hause blieb und die vielen Schachteln mit alten Familienfotos und Papieren durchsah, die ihre Großtante Grace ihr hinterlassen hatte. Außerdem war es an der Zeit, sich ernsthaft nach einer Eigentumswohnung umzusehen.

Da sie bereits zwei Jahre vor dem Tod ihrer alten Tante Grace mit ihr zusammengewohnt hatte, hatte sie das mietpreisgebundene Apartment eine Querstraße vom Central Park in Manhattans East 97th Street übernehmen können. Sie verdiente als Versicherungsmathematikerin genug, um sich eine Anzahlung für eine Eigentumswohnung angespart zu haben. Sie konnte nur einfach nicht die Zeit oder genügend Enthusiasmus für die Suche aufbringen.

Um ehrlich zu sein, war sie kein großer Fan von Veränderungen, und das Apartment, in dem sie wohnte, war nicht nur gut gelegen, sondern besaß auch noch viele liebe Erinnerungen an ihre Großtante Grace.

Sie streckte sich gähnend und blinzelte verschlafen zur frisch gestrichenen Zimmerdecke. Verzweifelte Bitten an den Vermieter waren endlich erhört worden.

„Wie viel Uhr ist es?“

„Sieben Uhr“, erwiderte Tick.

Sieben Uhr. Sie schloss die Augen, öffnete sie … schloss sie wieder. Normalerweise hatte sie kein Problem, morgens aus dem Bett zu springen, besonders nicht im Sommer, wenn es draußen bereits hell war. Vielleicht sollte sie einmal ihren Eisenwert kontrollieren lassen. Oder ihren Vitamin D–Spiegel. Oder sich mehr bewegen.

Der Klingelton, der eine eingehende SMS ankündigte, zwang sie dazu, ihre Augen wieder zu öffnen. Es war ziemlich früh für eine Nachricht. Mom und Dad befanden sich auf einer Kreuzfahrt im Mittelmeer und ihr Bruder Gabe wanderte irgendwo in Nepal herum.

Die Neugierde trieb sie schließlich aus dem Bett. Sie nahm ihr Handy vom Ladegerät und las die Nachricht.

Ach, du meine Güte. Jetzt war sie wach. Hellwach.

Die SMS, die nur aus sieben Worten bestand, war nicht von einem ihrer reiselustigen Familienmitglieder, sondern von Sarah Bosson, ihrer besten Freundin aus Kindertagen und Zwillingsschwester von Paul, der nächste Woche der Bräutigam sein würde.

Kevin Ames wird auf der Hochzeit sein.

Addie lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Schau an, wie aufgeregt sie wegen etwas so Dummem war. Kevin war zwei Jahre älter als Addie, Paul und Sarah und war seit der Mittelstufe in der John Witherspoon Highschool in Princeton, New Jersey, im Cross Country Team gewesen. Er hatte sich oft bei Paul und Sarah zu Hause aufgehalten. Als Letztes hatte sie gehört, dass er nächste Woche nicht nach Maine kommen konnte, weil er in Philadelphia, wo er lebte, an einer wichtigen Konferenz teilnehmen musste.

Addie ignorierte ihre verantwortungsbewusste Seite, die sie daran erinnerte, dass sie jetzt schon in der Dusche sein sollte, und schrieb zurück.

Seit wann weißt du das?

Wow. Sie lief mit dem Handy in der Hand ins Badezimmer. Kevin Ames war der Mann, mit dem es nicht hatte sein sollen. Jeder kannte so einen Menschen. Der Mensch, mit dem man so gerne mal ausgegangen wäre, was jedoch nie geklappt hatte. Irgendetwas lief immer schief. Das Timing stimmte nie oder, wie in Addies Fall, die im Abschlussjahr der Highschool die Möglichkeit gehabt hatte, etwas mit ihm anzufangen, man vermasselte es selbst.

Sarah schrieb zurück:

Kevin hat Paul gerade mitgeteilt, dass er jemanden gefunden hat, der für ihn zu dieser Konferenz geht.

Addie presste die Lippen zusammen, um nicht albern zu grinsen. Sie hatte diesen Mann elf Jahre lang nicht gesehen. Zweifellos war er verheiratet. Sie hatte sogar vor einigen Jahren mal nach Informationen über ihn im Internet gesucht – und ja, er war verheiratet.

Und weißt du was … er ist jetzt Single.

Addie verlor den Kampf gegen das Lächeln. Okay, er war nicht mehr verheiratet. Aber das bedeutete noch gar nichts. Er könnte mittlerweile vierhundert Pfund wiegen, eine Glatze bekommen haben und …

Er läuft Marathon.

Oh. Ein Körpergewicht von vierhundert Pfund waren da eher unwahrscheinlich.

Nun ja.

Addie schüttelte den Kopf. „Wie viel Uhr ist es?“

„Zwanzig nach sieben.“

O je. Siewar bereits im Verzug bei ihrem morgendlichen Zeitplan, den sie bewusst ausgearbeitet hatte, um Hektik zu vermeiden. Bereits in ganz jungen Jahren hatten ihre Eltern ihr beigebracht, wie wichtig es war, eine gewisse Routine einzuhalten. Addie hatte sie in ihren rebellischen – nun ja, leicht rebellisch angehauchten – Teenagerjahren dafür verachtet, und ihr Bruder hatte nie etwas davon angenommen, aber ihr war mit der Zeit klar geworden, dass eine klare Routine einem viel Zeit, Anstrengungen und Ärger ersparen konnte. Durch Routine wusste man, was man zu erwarten hatte. Man brauchte nicht dauernd nachzudenken und Entscheidungen zu treffen, sondern alles lief wie erwartet. Alles, was man zu tun hatte, war, die festgelegte Struktur einzuhalten.

Sarah meldete sich wieder.

Habe ich dir erzählt, dass dieser Playboy Derek Bates auch da sein wird? Ich wünschte mir, er würde nicht kommen.

Addie verdrehte die Augen. Sarah war oft ziemlich voreingenommen, aber ihre Ablehnung diesem Derek gegenüber war schon fast übertrieben. Da musste es etwas geben, das ihre Freundin ihr nicht berichtet hatte.

Ja, hast du. Schon tausendmal. Muss jetzt arbeiten gehen. Bis später.

In ihrem kleinen Badezimmer drehte Addie das Wasser der Dusche auf, zählte bis siebzehn, um sicher zu sein, dass das Wasser auch warm genug war, und stieg dann in die Badewanne, um zu duschen, und dachte dabei an …

Kevin Ames.

Wen wunderte es. Dabei war er gar nicht so umwerfend gutaussehend. Klar, er war attraktiv, aber nicht auffallend. Er besaß dieses typisch sympathische Aussehen – braune Haare und Augen, makellose Zähne und einen schlanken, athletischen Körper. Aber er hatte eine so magnetische Wirkung auf Frauen, als wäre er ein echter Hingucker. Beide, Sarah und Addie, hatten sich Hals über Kopf in ihn verknallt.

Wenn Kevin Ames einen anlächelte, hatte man das Gefühl, niemand sonst würde für ihn auf der Welt existieren.

Da Kevin ein unterhaltsamer, freundlicher und beliebter Junge gewesen war, hatte er eine Menge Leute angelächelt, eingeschlossen vieler Mädchen, die schöner waren oder mehr Busen besaßen oder was sonst für Jungen in diesem Alter wichtig war. Er hatte sich Sarah und Addie gegenüber immer als großer Bruder verhalten und sie waren damit zufrieden gewesen, ihn von Weitem anzuhimmeln.

Zumindest bis zu jener Augustnacht vor genau elf Jahren, als Kevin gerade sein zweites Studienjahr in Brown begonnen hatte und jemand ihr erzählte, dass Kevin auf sie stehen würde. Addie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer ihr das gesagt hatte, aber dafür umso genauer an das Gefühl, als er sie fragte, ob sie mit ihm ausgehen wollte. Zuerst war sie geschockt, dann total euphorisch und schließlich von Angst geplagt gewesen. Sarah und sie hatten sofort mit den Vorbereitungen begonnen: was sie anziehen sollte, welches Make-up infrage kam, ihr Verhalten. Es wurde jede Eventualität berücksichtigt, an alles gedacht, was er sagen und was sie darauf antworten könnte …

Beeile dich, Addie!

Sie drehte das Wasser ab und trocknete sich rasch mit dem Badetuch. Zurück in ihrem Schlafzimmer zog sie die Kleidungsstücke an, die sie am Abend zuvor gebügelt und zurechtgelegt hatte, und stöhnte verzweifelt, als sie beim ersten Versuch, ihre Strumpfhose anzuziehen, eine Laufmasche bekam. Und das gerade jetzt, wo sie keinen Zeitpuffer mehr für solche Zwischenfälle hatte …

Das war genau der Grund, warum sie immer zu einer festgelegten Zeit aufstand und alles vorbereitet hatte. Sie hasste es, so verschwitzt und gehetzt zu sein, jedes Mal, wenn sie von ihrem Plan abwich.

Großtante Grace, die Tante ihrer Mutter, war sogar noch schlimmer gewesen – beziehungsweise, je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtete. Seit sie gestorben war, aß Addie manchmal sogar am Donnerstag Cornflakes, obwohl Tante Graces Cornflakes-Tag am Freitag gewesen war.

Sie kicherte und schlüpfte in einen ihrer schwarzen Pumps. Wie wild und wagemutig sie war.

Doch ihr Lächeln verschwand sofort wieder. Sie hatte sich seit Langem nicht mehr wild und wagemutig gefühlt. Vielleicht sogar noch nie.

Kevin Ames.

Sie erinnerte sich an den Abend ihres Dates, an dem er sie in seinem goldfarbenen Nissan Sportwagen abgeholt hatte. Er hatte zuerst gelassen mit ihren Eltern geplaudert und dann waren sie in der Nassau Street eine Pizza essen gegangen. Hinterher waren sie dann in den Marquand Park gefahren, in dem sie schon als Kinder gespielt hatten. Dort hatte Kevin den Motor ausgeschaltet und eine Flasche Wodka herausgeholt. Addie war zu schüchtern gewesen, um den Alkohol abzulehnen, und hatte die innere Stimme ignoriert, die sie gewarnt hatte.

Als der Wodka bei ihr Wirkung zeigte, hatte er ihr Gesicht in die Hände genommen, ihr tief in die Augen geschaut und sie geküsst.

Oh, dieser Kuss …

Sie durchlebte noch einmal diese Szene, bis sie ihr klar wurde, dass sie auf einem Bein stand und den anderen Schuh in ihrer Hand hielt. Die Zeit lief ihr davon.

„Wie viel Uhr ist es?“

„Sieben Uhr fünfundvierzig!“, antwortete der Wecker brav.

Ups!

Addie zog sich den zweiten Schuh an, rannte ins Wohnzimmer und griff nach ihrer Aktentasche. Ihr Magen knurrte, doch sie würde im Büro frühstücken müssen. Sie verließ ihr Apartment, nahm die New York Times, die sie sonst immer zum Frühstück las, lief zum Fahrstuhl und drückte zweimal energisch auf den Knopf. Als ob er dadurch schneller kommen würde. Es war und blieb wahrscheinlich der langsamste Fahrstuhl in ganz Manhattan. Während sie wartete, ging sie in ihrem Smartphone rasch ihre Termine im Büro durch.

Hey. Sie lächelte. Heute war ihr Halb-Geburtstag. Addie Sewell war jetzt offiziell neunundzwanzigeinhalb.

In sechs Monaten würde sie dreißig sein. Sie würde immer noch im gleichen Job arbeiten und wäre immer noch allein …

Nein, nein! Sie liebte es, allein zu leben, liebte die Unabhängigkeit und Freiheit, die damit einherging. Obwohl sie sich manchmal fragte, ob sie nicht ins Tierheim fahren und sich eine Katze holen sollte. Katzen sollten gute Gesellschaft sein. Für ein kleines Apartment oder Reihenhaus auf jeden Fall passender als ein Hund. Hunde machten viel Arbeit.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und ein bereits guter Tag wurde sogar noch besser. Er war drin, Mr Umwerfend, der Mann aus dem zehnten Stock. Er war der attraktivste Mann, den Addie je gesehen hatte, und in den drei Jahren, in denen sie hier lebte, hatte sie ihn nie etwas anderes als Hi sagen hören.

So … dann von Neuem. „Hi“, grüßte sie.

Mr Universum nickte. „Hey.“

Oh, eine Variante!

Die Fahrstuhltür schloss sich und erneut entstand dieses angespannte Schweigen, das Addie bei diesem Mann jedoch aushielt, weil etwas zu sagen und dann wieder ins Schweigen zurückzufallen noch peinlicher gewesen wäre. Aber was würde passieren, wenn sie tatsächlich einmal eine Unterhaltung begännen, die bis zum Erdgeschoss andauerte? Würden sie dann zusammen hinaus auf die Straße laufen? Und was wäre, wenn er nur aus Höflichkeit mit ihr redete? Es war besser, wenn man erst gar nichts sagte. Also blieb sie stumm wie ein Fisch, während sie die beleuchteten Ziffern der Stockwerkanzeige betrachtete, die runterzählten.

Kevin Ames.

Er hatte sie immer und immer wieder geküsst. Mit den Händen war er unter ihr Top geglitten und hatte ihre Brüste gestreichelt, was sie unglaublich erregte. Doch dann begann Addie an Kevins letzte Freundin, Jessica Menendez, zu denken und die Größe ihrer Na-ihr-wisst-schon-was und an die Freundin davor, Isabella Tramontina, die so sexy war, dass die Männer wie Dominosteine umgefallen waren, wenn sie den Flur entlangging.

Addie hatte die Attribute der beiden mit ihren eigenen kleinen Brüsten, ihrem Hinterteil und ihrem Jungfrauenstatus verglichen, und plötzlich war Panik in ihr aufgestiegen. Was wollte Kevin eigentlich von ihr? Wollte er sie nur in einem öffentlichen Park betrunken machen, um sie flachzulegen?

Dann kam der Teil des Abends, der immer noch ein ekliges Gefühl der Demütigung in ihr hervorrief. Beschwipst und leicht lallend erklärte sie Kevin, dass sie ihn liebte und dass sie sich wünschte, das erste Mal in einem Bett zu erleben. Aber nicht in irgendeinem Bett, sondern in einem Bett mit edler weißer Bettwäsche, die mit Rosen übersät war.

Oh Gott, bei der Erinnerung errötete sie sogar jetzt noch.

Addie würde nie den bestürzten Ausdruck auf Kevins Gesicht vergessen. Er murmelte eine Entschuldigung, sagte etwas über ein Missverständnis und fuhr sie dann nach Hause. Das Schweigen im Wagen war noch peinlicher als in dem langsamen … langsamen Fahrstuhl. Kevin war wieder nach Brown aufs College zurückgekehrt und Addie zurück in die Highschool. Sie hatte hin und wieder etwas über Sarah und Paul von ihm gehört, war ihm aber nie mehr begegnet.

Okay, vor ein paar Jahren war sie einmal vor ihm davongelaufen, um nicht noch einmal diese Demütigung durchleben zu müssen.

Aber sie besaß jetzt genug Selbstvertrauen, um nächste Woche mit ihm über diesen Vorfall zu lachen. Sie war keine Jungfrau mehr und verwechselte Sex nicht mehr mit Liebe. Oder zumindest hatte sie begriffen, dass das für die meisten Männer zwei verschiedene Dinge waren.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und sie beeilte sich, vor Mr Umwerfend hinauszukommen, um erzwungenen Kontakt zu vermeiden.

Als sie die Hawthorn Brantley Insurance Company erreicht hatte, lief sie zuerst in die Cafeteria, um sich einen Vollkorn-Muffin und einen Kaffee zu holen. Dann traf sie sich mit dem Entwicklungsteam, um an einer Idee für eine Lebensversicherung zu arbeiten und um ein neues Sturmschaden-Modell zu kreieren.

Beim Mittagessen in der Cafeteria, den Kreuzworträtsel-Teil der New York Times unter den Arm geklemmt, wählte sie das übliche Sandwich, Karotten-Sticks und einen Apfel. Dann warf sie alle Vorsicht in den Wind und nahm noch einen Cookie dazu. Schließlich war heute ein besonderer Anlass! Immerhin war heute ihr Halb-Geburtstag.

Indem sie jeden Tag das Gleiche aß, wusste sie genau, wie viel Kalorien sie zu sich nahm und dass sie bis zu ihrem Fitnesstraining durchhalten und dann zum Abendessen einen gesunden Hunger haben würde.

Da sie leider ein wenig zu spät war, war der kleine Tisch, an dem sie normalerweise saß, bereits belegt. Also steuerte sie auf ihren Ausweichtisch zu und bemerkte, dass Linda Persson, stellvertretende Leiterin der Personalabteilung, bereits an diesem Tisch, an dem vier Personen Platz hatten, saß. Linda war eine wirklich nette Frau, aber ein wenig … nun, sie war keine sonderlich attraktive oder unterhaltsame oder talentierte oder irgendwie interessante Frau und im Alter von sechzig Jahren würde sie es auch kaum noch werden.

Addie konnte es nicht ertragen, sie so allein in ihrem beigen Kostüm und ihrer elfenbeinfarbenen Seidenbluse zu sehen, während sie einen Chefsalat aß und versuchte so zu wirken, als ob sie es aus freien Stücken gewählt hätte, ohne einen Freund in der Welt zu sein, weil sie diese Erfahrung so sehr genoss.

Seufz.

Addie stellte ihr Tablett auf den Tisch. „Hallo, Linda.“

„Hey, Addie!“ Linda lächelte mit offensichtlicher Erleichterung.

„Darf ich mich zu dir setzen?“

„Natürlich.“ Linda zog ihr Tablett noch ein wenig näher an sich heran, als ob es nicht genügend Platz auf diesem Vierer-Tisch geben würde. „Ich war nur in Gedanken, weil ich an meine Pläne fürs Wochenende gedacht habe.“

„Oh, erzähl mir doch, was du vorhast!“ Addie hoffte, das Linda etwas Interessantes zu erzählen hatte, damit sie von den Gedanken an Kevin abgelenkt würde.

„Ich bekomme am Samstag eine neue Matratze geliefert und danach werde ich mir einen Film ansehen.“ Sie lächelte leicht. „Ich gehe gerne allein ins Kino. Du auch?“

Das tat sie tatsächlich, also nickte Addie widerwillig und schämte sich gleichzeitig, dass sie sich wünschte, weniger mit Linda gemeinsam zu haben. „Mir macht es auch nichts aus.“

„Ich gehe gern schon früher hin, damit ich mir einen guten Platz aussuchen und während der Vorschau schon Popcorn essen kann. Und da ich niemand neben mir habe, der mit mir reden will, kann ich mich ganz in den Film vertiefen.“

„Bei mir ist es ähnlich.“ Tatsache war, dass es bei ihr ganz genauso ablief.

„Und nach dem Film werde ich wahrscheinlich nach Hause gehen und meine Küche ein wenig umräumen. Es macht mich verrückt, dass sich die Mehl- und Zuckerbehälter auf der gegenüberliegenden Seite der Messbecher und Löffel befinden. Ich habe das lange genug ausgehalten. Jetzt wird es geändert.“ Sie hob entschlossen das Kinn und strahlte triumphierend.

Addie nahm einen großen Schluck von ihrer fettarmen Milch, um ihr plötzlich zu trocken gewordenes Sandwich herunterzuspülen. Sie hatte ähnliche Veränderungen vorgenommen, nachdem Großtante Grace gestorben war.

„Am Sonntag ist dann der wöchentliche Brunch mit meiner Freundin Marcy.“ Linda hatte eine Banane geschält und nahm jetzt den ersten Bissen. „Wir essen dann normalerweise Sesam-Bagels mit Thunfischsalat und lesen dabei den New York Times Reiseteil, um uns Fantasiereisen auszudenken.“

„Hast du auch schon eine von ihnen gemacht?“

„Nein, wir planen nur so aus Spaß.“

„Warum fährst du denn nicht weg?“ Addie war genau wie Linda über den scharfen Tonfall in ihrer Stimme erstaunt. Sie hatte auch jede Menge Reiseartikel gelesen, besaß das Geld, könnte sich die Zeit nehmen, aber war ebenfalls noch nie in Urlaub gefahren. „Warum lässt du eine deiner Urlaubsplanungen nicht einmal Wirklichkeit werden? Oder zwei oder sogar mehrere?“

Linda zuckte die Schultern. „Ich reise lieber in Gedanken, während ich bequem in einem Sessel sitze. Das erspart mir Ärger, Sonnenbrände, Stürme und verspätete Flüge.“

Ach, du lieber Himmel, genauso dachte sie auch. Sie hatte nur das verlorene Gepäck vergessen.

„Ich nehme an, dass ich ein Gewohnheitstier bin.“ Linda aß ihre Banane zu Ende und ging zu einem Brownie über. „Ich esse sogar jeden Mittag das Gleiche.“

Addie, die gerade von ihrem Apfel abgebissen hatte, hielt abrupt inne.

„Ich fühle mich wohl mit dieser Routine. Ich mag es, wenn ich weiß, was mich erwartet.“

Addie ermahnte sich, weiterzukauen, aber sie fühlte sich wie erstarrt.

„Ich habe darüber nachgedacht, heute nach der Arbeit zum Tierheim zu fahren und mir mal die Katzen anzuschauen.“

Beruhige dich, Addie. Sie könnte jetzt in Panik geraten oder dies hier als ein Zeichen sehen, dass sie in ihrem Leben ein wenig festgefahren war.

„Sie sollen eine gute Gesellschaft sein. Perfekt, wenn man in einem Apartment lebt. Und sie machen nicht so viel Arbeit wie Hunde.“

Ein wenig festgefahren? Sie hing total fest.

Hilfe!

Sei vernünftig. Vernunft war eine von Addies besten Qualitäten. Und genau die würde sie jetzt benutzen. Es war gut, dass sie mit einer Frau konfrontiert war, zu der sie auch werden konnte. Besonders heute an ihrem Halb-Geburtstag. Jetzt hatte sie noch Zeit, sich zu ändern, bevor sie dreißig wurde.

Und sie würde sich ändern. Jawohl! Noch heute würde sie damit beginnen. Gleich nach der Arbeit. Statt wie immer ins Fitnesscenter zu gehen, zu duschen und danach in ihrem Apartment zu essen und sich die Teile der New York Times vorzunehmen, die sie beim Frühstück und Mittagessen noch nicht gelesen hatte, so wie sie es bisher jeden Abend getan hatte – außer, wenn sie ihren Literaturkreis hatte oder mit einer Freundin zum Essen ging –, würde sie heute etwas … etwas anderes machen, wie zum Beispiel …

Nun, ihr würde schon noch was einfallen.

Sie verabschiedete sich dankbar von Linda und ging davon, um diesen Tag, der einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellen sollte, zu beenden. Um sechzehn Uhr dreißig hatte sie sich einen Plan ausgedacht. Nach der Arbeit würde sie ins Blackstone in der 55. gehen. Sie würde zwei Drinks zu sich nehmen und so wirken, als ob sie jemanden kennenlernen wollte. Wenn nichts passierte, erhielt sie wenigstens einen Punkt für den Mut, überhaupt gegangen zu sein. Es war zumindest ein Start. Falls sie mindestens mit einem Mann reden würde, gab es zwei Punkte und ein anerkennendes Schulterklopfen. Wenn jemand sogar nach ihrer Telefonnummer fragen würde, gab es drei Punkte und eine High Five.

Da heute ein heißer, sonniger Spät-Augusttag war und die Menschen sich bereits auf das Wochenende freuten, standen die Chancen gut, dass sie zwei oder vielleicht sogar drei Punkte schaffte.

So einfach war das.

Das Blackstone war überfüllt und laut. Umstände, die sie normalerweise mied, die aber für ihr Vorhaben genau das Richtige waren. Sie ergatterte einen freien Platz an der Bar und bestellte beim Barkeeper ein Glas Chardonnay. Sie glaubte, dass das femininer wirkte als das Bier, auf das sie eigentlich Lust hatte. Allerdings fragte sie sich, ob der marineblaue Rock und die cremefarbene Bluse das richtige Outfit zum Flirten waren. Sie war zwar hübsch, aber ihre Kleidung nicht gerade sexy. Aber hey, Addie war lebendig und weiblich. Das war für viele Männer genug.

Sie erhob sich, nippte an ihrem Wein und sah sich um. Lächelnd.

Und nippte.

Und sah sich um.

Und lächelte.

„Entschuldigen Sie.“

Addie wandte sich der Stimme zu und schaute direkt in tiefblaue Augen.

Oh!

„Ich frage mich nur …“ Er zog eine Augenbraue hoch. Selbst seine dunklen Augenbrauen waren sexy. „… ob der Barhocker neben Ihnen besetzt ist.“

„Nein.“ Sie lächelte verführerisch. Zwei Punkte! „Er steht zu Ihrer Verfügung.“

„Danke.“ Doch er setzte sich nicht, dafür aber seine … Freundin. Beinahe im selben Augenblick kletterte dieser Typ der jungen Frau fast auf ihren Schoß und küsste sie, als ob er sie auffressen wollte.

Okay, es war Zeit zu gehen.

Sie beeilte sich, die Bar zu verlassen, stolperte dabei leicht und taumelte gegen einen Mann. Fing er sie auf und Engel begannen zu singen, als sie sich in die Augen schauten?

Nein. „Hey, passen Sie auf, Kleine“, war alles, was er sagte.

Okay. Gut. Was auch immer. Sie würde wieder in ihre Sackgasse zurückkehren und dort bleiben.

Auf dem Weg nach Hause ging sie noch in den Supermarkt in der Lexington Avenue und kaufte sich ein Deluxe Sandwich und einen Schokoladen-Cupcake.

Jetzt war eh schon alles egal, da konnte sie auch ruhig über die Stränge schlagen.

Hungrig und schlechtgelaunt machte sie sich auf den Weg nach Hause. Es gelang ihr, dem Portier den Anflug eines Lächelns zu schenken, und lief rasch in den Fahrstuhl. Als sie sich umdrehte, sah sie Mr Umwerfend in die Eingangshalle kommen. Na großartig! Sie beeilte sich, den Knopf ihrer Etage zu drücken. Noch mehr Ignoranz von Männern konnte sie heute nicht mehr ertragen, aber sie erwischte den falschen Knopf. Ausgerechnet den, der die Tür offenhielt.

Er kam herein. „Danke.“

„Gerne geschehen.“

Die Tür schloss sich und wieder standen sie in dem gewohnten Schweigen nebeneinander. Addie atmete tief durch. Sie hatte nichts zu verlieren.

„Ich bin Addie. Ich wohne im Achten“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er hätte nicht freundlicher wirken können und drückte sofort ihre Hand mit einem festen, warmen Druck. „Ich bin Mike, aus dem Zehnten.“

Sie lächelte. Vielleicht gab es ja doch noch einen Ausweg aus der Sackgasse.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

„Das Gleiche gilt für mich.“ Der Blick, mit dem er sie leicht taxierte, war alles andere als begehrlich, eher höflich und mit einer gewissen Wertschätzung. „Meine Ur-Großmutter hieß auch Addie. Diesen Namen hört man heute nicht mehr oft.“

„Nein.“ Sie zog die Nase kraus. Männer assoziierten ihren Namen nie mit heißen Bräuten, nach denen sie ein ganzes Leben lang lechzten, sondern nur mit Großtanten und Omas. Addies Mutter hatte sie nach einer Romanfigur Faulkners benannt, in der es vor allem ums Sterben ging.

Wie aufmunternd.

„Haben Sie für heute Abend schon Pläne gemacht, Mike?“ Ha! Man höre ihr zu. Niemand könnte ihr jetzt vorwerfen, langweilig zu sein. Vielleicht würde Mike ja sogar den gerade gekauften Cupcake mit ihr teilen?

„Ja.“ Er nickte enthusiastisch. „Mein Partner und ich werden Enchiladas machen und dabei Madam Butterfly live aus der Metropolitan im Radio hören.“

Addie gab sich die größte Mühe, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. Partner. Auch das noch. Dieser gutaussehende Mann, bei der bestimmt jede Frau schwach werden könnte, war schwul. „Die Oper ist großartig. Sie werden den Abend sicher genießen.“

Das nahm sie zumindest an, sie hatte noch keinen Ton von dieser Oper gehört.

„Und was haben Sie vor?“

„Oh … hm, ich werde noch …“ Allein herumsitzen und Tränen vergießen. „… Freunde besuchen. Später.“

Eine ganze Woche später. In Maine. Wo sie Kevin treffen würde. Aber bei ihrem Glück war er wahrscheinlich auch schwul geworden.

Sie verließ den Fahrstuhl, ging in ihr Apartment und warf, ohne Rücksicht auf den köstlichen Inhalt, die Tüte mit dem Sandwich und dem Cupcake auf den Esszimmertisch.

Die Feier ihres Halbgeburtstages würde beginnen – allein mit ihrem Take-away-Mahl. Und nach dem Abendessen könnte sie sich ja mit Linda im Tierheim treffen. Sie könnten sich acht Katzen kaufen und jede Menge Futter und Katzenstreu und sich dann für den Rest des Lebens in ihrem Apartment einschließen.

Sie holte sich ein großes Glas Wasser, packte das Sandwich aus und verschlang es mit wenigen Bissen. Der Cupcake folgte direkt im Anschluss.

Ihr Handy ertönte kurz und verkündete, dass eine SMS angekommen war. Addie holte es rasch hervor. Sie könnte gute Nachrichten gebrauchen, vielleicht hatte ja Sarah etwas zu bieten.

Ich bin wirklich froh, dass du nächste Woche kommst. Wir haben viel nachzuholen. Vielleicht sollten wir uns auch noch um einiges Unerledigtes kümmern?

Kevin

Addie holte tief Luft. Vergiss Männer in Bars. Vergiss Mr Umwerfend … Und erst recht die Katzen.

Nächste Woche würde Addie Sewell aus der Enge ihres Lebens ausbrechen und mit dem Mann, den sie nie bekommen hatte, Träume wahr machen.

Nach elf langen Jahren würde sie endlich einen neuen Versuch mit ihrer ersten Liebe, Kevin Ames, starten.

2. KAPITEL

Land in Sicht. Derek stand auf dem Vorderdeck der vierzehn Meter langen Jacht der Bossons, der Lucky. Sie waren von Machias nach Storness Island gefahren, zu der Insel, die Pauls Familie seit 1940 gehörte. Es war die erste Jacht, neben seiner eigenen, die er seit … nun, ungefähr sieben – oder waren es doch acht? – Jahren betreten hatte. Selbst ein Passagier zu sein, fühlte sich für ihn sehr seltsam an. Aber vielleicht lag es auch nur an dem Jetlag. Die Flugreise hatte fünfzehn Stunden gedauert, von Honolulu nach Portland und dann noch weitere fünf Stunden, bis er mit dem Wagen Machias erreicht hatte, um dort Paul zu treffen.

Die Lucky verließ jetzt die offene See und fuhr langsam in eine geschützte Bucht auf der Nordseite der Insel, eine Meile vom bewohnten Land entfernt. Derek hatte die Bossons hier nur einmal vor sieben Jahren besucht, aber diese Insel war immer noch so malerisch wie damals. In der Bucht befand sich ein Sandstrand – was sehr ungewöhnlich an Maines sonst felsiger Küste war. Das weiße Bootshaus stand immer noch zwischen Birken und Fichten. Vögel flogen über die Felsen auf der anderen Seite. Es war so friedlich, so weit entfernt von allem. Hier war es schwer, sich vorzustellen, dass die Hektik des Lebens woanders immer noch existierte. Genauso hatte er sich auch gefühlt, als er der zivilisierten Welt den Rücken zugedreht hatte und einen Teil des Geldes, das er von seinen Großeltern geerbt hatte, in die vierundzwanzig Meter lange Jacht Joie de Vivre investiert hatte. Für ihn war es eine Investition gewesen, seine Eltern hingegen waren der Meinung, er hätte das Geld genauso gut zum Fenster hinauswerfen können.

Paul steuerte zum Liegeplatz und Derek zog die Jacht mit einem Bootshaken an die Mauer und vertäute sie, während er tief die reine Luft, die mit Salz und dem Duft von Nadelholz geschwängert war, einsog.

„Ihr habt hier wirklich einen wunderbaren Ort.“ Paul und er waren die Einzigen auf dem Boot. Die meisten Hochzeitsgäste waren bereits eingetroffen, aber Dereks letzter Charter war erst gestern zu Ende gegangen und er hatte erst dann einen Flug von Hawaii aus nehmen können. Oder war es am Tag davor gewesen? Du lieber Himmel, war er müde. Aber er hätte Pauls Hochzeit um nichts in der Welt verpassen wollen.

„Ja, es passt.“ Paul grinste und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. Er besaß eines jener ewig jungen Gesichter, mit rundlichen Wangen, dunkelblondem Haar und strahlend blauen Augen. Mit neunundzwanzig sah er nicht älter aus als vor zehn Jahren, als Derek ihn in einem heruntergekommenen Teil von Miami aufgelesen hatte. Er war völlig orientierungslos und betrunken gewesen und hatte sich übergeben müssen. Derek lebte zu dieser Zeit in jenem Viertel in Miami und nahm jeden Job an, den er auf einem Schiff bekommen konnte. Das war, bevor er ernsthaft eine Marinekarriere in Betracht gezogen und sich in die Massachusetts Marine-Akademie eingeschrieben hatte. Paul hatte ihm lallend erklärt, dass er bei Kevin übernachtete, aber da er ihm nicht sagen konnte, wo dieser Freund wohnte, nahm Derek ihn mit in sein winziges Apartment, in dem er lebte, wenn er nicht auf See war. Er stellte schnell fest, dass Paul ein guter Junge war, der einfach nur ein wenig in Schieflage geraten war. Eine verzögerte pubertäre Rebellion gegen wahren oder eingebildeten Druck der Eltern.

Derek besorgte Paul für den Sommer einen Job auf einer Jacht, half ihm, vom Alkohol wegzukommen, und machte ihm klar, dass er sein College beenden musste. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Beziehung zwischen den beiden zu einer echten Freundschaft.

„Du wirst viele Leute nicht kennen“, erklärte Paul, während Derek ihm half, das Beiboot ins Wasser zu lassen und einzusteigen. „Klar, Sarah kennst du“, fügte er hinzu, während er die Paddel aufnahm.

Natürlich kannte er seine Schwester. Nachdem Derek Paul noch einige Einkäufe gereicht hatte, die sie noch hatten besorgen müssen, nahm er ebenfalls im Boot Platz. Er hatte ihr vor wenigen Tagen geschrieben, dass er hoffte, sie könnten die Vergangenheit ruhen lassen, doch Sarah war eine leidenschaftliche Frau, die zur Dramatik neigte. Offensichtlich hatte sie ihm nicht verziehen, dass er ihren Verführungsversuchen nicht nachgegeben hatte.

„Wie geht es Sarah?“

„Sie ist eben Sarah.“ Man hörte die Liebe und die Geduld aus seinen Worten heraus, wenn er über seine Zwillingsschwester sprach. „Zwei Teile ihrer Persönlichkeit sind großartig, die anderen beiden machen einen verrückt. Ihr bester Freund Joe ist gekommen und ihre Freundin von der Highschool, Addie Sewell.“

„Addie.“ Derek runzelte die Stirn. „Der Name kommt mir bekannt vor. Habe ich sie bereits getroffen?“

„Nein.“ Paul korrigierte den Kurs mit ein paar Schlägen seines rechten Paddels. „Sie war auf der Highschool unsere gemeinsame Freundin. Ich war jahrelang verrückt nach ihr.“

„Oh, richtig. Addie, deine Halbgöttin.“ Derek hätte damals dieses Mädchen nur zu gerne kennengelernt. Paul war schon immer sehr offen gewesen und hatte alles mitgeteilt, aber über diese Addie hatte er nur hin und wieder etwas herausgelassen. Soviel er wusste, hatte er der Angebeteten nie gesagt, was er für sie empfand.

„Ja, es hatte mich schlimm erwischt.“ Paul schüttelte lachend den Kopf. „Ellen hat sie dann komplett exorziert. Jetzt ist Addie nur noch eine großartige Freundin.“

„Okay, Sarah und Addie und dieser Joe. Wer noch?“ Das Boot glitt sanft auf den Sand. Derek sprang heraus, ergriff das Bugseil und zog das kleine Beiboot auf den Strand. Im Moment war Ebbe, aber wenn die Flut kam, blieben oft nur ein oder zwei Meter Sandstrand übrig.

„Einige Freunde vom College und ein paar von meiner Arbeit in Boston. Wirklich nette Leute. Oh, und Kevin Ames, der erst morgen kommen kann. Du hast ihn schon kennengelernt.“ Er warf Derek einen etwas beschämten Blick zu und begann die paar Sachen, die sie mitgebracht hatten, auf eine wartende Schubkarre zu laden. „Vielleicht nicht gerade unter den besten Umständen.“

„Richtig.“ Kevin war jener Freund gewesen, der Paul stets Alkohol besorgte, obwohl er Pauls Trinkproblem kannte, und der ihn überreden wollte, das College abzubrechen, damit er sich selber finden könnte. Er erinnerte Derek an seine eigenen Brüder: reich, selbstbezogen und überheblich. Wie sie glaubte auch Kevin, dass Regeln nur für andere Menschen gemacht worden waren. Wenn die See ihn nicht schon nach der Highschool gerufen und ihn vom Leben, das seine Eltern für ihn geplant hatten, weggeholt hätte, wäre er wahrscheinlich ebenso geworden.

Die harten Jahre, in denen er sich mühsam vom Hilfsmatrosen zum Kapitän hocharbeitete, hatten gereicht, um ihm jede Überheblichkeit auszutreiben.

Sie zogen das Boot noch weiter an Land, sicherten es und folgten dann einem Weg durch einen wunderbar duftenden Nadelholzwald, der später an Blaubeerbüschen entlangführte, bis sie schließlich vor der Hintertür des weitläufigen zweigeschossigen viktorianisches Hauses mit verwitterten grauen Schindeln und dunkelgrünen Türen und Fensterläden standen. Auf den Wiesen in der Nähe des Hauses waren mehrere bunte Zelte aufgestellt worden. Offensichtlich war die Anzahl der Gäste so groß, dass sechs oder sieben Gästezimmer im Haus nicht ausreichten.

„Hey, beeil dich. Ellen braucht den Käse, den du für die Nachos gekauft hast.“ Sarah kam von der hinteren Veranda des Hauses herunter und lief ihnen entgegen. Ein großer dunkelhaariger Mann in Jeans und T-Shirt folgte ihr. „Hallo, Derek.“

„Hey, Sarah.“ Er lächelte erleichtert, als sie sein Lächeln, wenn auch unterkühlt, erwiderte. Offensichtlich hatte sie vor, sich während der Hochzeit ihres Bruders zurückzuhalten. „Es freut mich, dich zu sehen. Du siehst gut aus.“

Das war keine Lüge. Sie hatte ein paar Pfunde verloren, ihre blonden Locken kürzer geschnitten und wirkte etwas reifer. Allerdings hatte er immer noch das Gefühl, sie wäre ein Feuerwerkskörper, der jeden Moment losgehen könnte.

„Danke. Du siehst aus …“ Sie zog die Stirn kraus. „… als ob du seit Jahren nicht geschlafen hättest.“

„So ungefähr ist es auch. Hallo, ich bin Derek.“ Er streckte dem Mann, der sich jetzt neben Sarah gestellt hatte, die Hand entgegen und bemerkte einen misstrauischen Ausdruck in seinen Augen. War das Joe? Es sah so aus, als ob Sarah ihm ihre Version der Geschichte erzählt hätte. Eine Version, in der sie das Opfer und er der Bösewicht war.

„Das ist Joe“, stellte Sarah vor.

„Es freut mich, dich kennenzulernen.“ Joe schüttelte Derek die Hand und nahm zwei Einkaufstüten auf. „Ich werde das schon mal zu Ellen bringen.“

„Kommt rein. Wir können etwas trinken, bevor wir am Strand picknicken.“ Sarah wandte sich ab und ging die Treppe zum Haus hinauf. Dabei warf sie Derek einen so rätselhaften Blick zu, dass er leicht nervös wurde. Vor fünf Jahren hatte er sie an diesem Strand sanft zurückweisen müssen, und er wollte auf keinen Fall noch einmal so ein Drama erleben wie jenes, das daraus entstanden war.

Der Pinienduft im Haus kam ihm sofort wieder vertraut vor. Pauls Eltern befanden sich auf dem Festland und statt Mrs Bosson stand eine blonde, attraktive Frau am Herd. Der liebevolle Blick, den sie Paul zuwarf, verriet ihm, dass es sich um Ellen, Pauls zukünftige Braut, handeln musste. Sie schenkte auch ihm ein offenes Lächeln und sie war ihm auf Anhieb sympathisch.

„Herzlich Willkommen, Derek“, sagte sie mit einem warmen Südstaaten-Akzent und umarmte ihn herzlich. Paul hatte Ellen vor zwei Jahren durch einen gemeinsamen Freund kennengelernt. Sein Schicksal war schnell besiegelt gewesen. „Es freut mich, den Mann kennenzulernen, der Pauls Leben gerettet hat.“

„So dramatisch war es nun auch wieder nicht.“

„Ich weiß, dass es so war. Er ist dir immer noch sehr dankbar, ebenso wie ich.“ Ein Timer ging los und sie griff zu Ofenhandschuhen, öffnete den Backofen und schaute hinein.

Derek sah sich in der großen, hellen Wohnküche um, leicht amüsiert und erfreut darüber, dass es hier noch genauso aussah wie bei seinem letzten Besuch. Die Figur eines Tiefseetauchers, das Bild eines Seehundes, das Sarah als Mädchen gemalt hatte, Muscheln und eine Wanduhr, die sich neben einem Kerzenwandhalter aus Eisen befand, die ein hiesiger Schmied gefertigt hatte. Derek war hier nur eine Woche zu Besuch gewesen, aber er hatte nie die Liebe vergessen, welche die Bosson-Familie verband. Davon hatte er selbst nicht viel in seinem Leben gehabt und damals hatte er dieses Gefühl der Verbundenheit und die spürbare Liebe hungrig aufgesogen. Paul hatte ihn danach einige Male eingeladen, aber irgendwie hatten ihre Termine einen erneuten Besuch nie zugelassen.

„Kann ich dir helfen, Ellen?“

„Nein, nein.“ Sie stellte eine Backform mit wunderbar duftenden Teigtaschen, gefüllt mit Krebsfleisch, zum Abkühlen auf ein Gitter. „Nein, danke. Ich bin schon fast fertig, nehmt euch doch ein Bier und geht nach draußen. Ich komme gleich nach.“

„Da, für dich.“ Paul nahm einige Flaschen Bier und Limonade aus dem Kühlschrank und warf Derek eines der Biere zu. Derek befürchtete, dass ihn der Alkohol wegen seiner Erschöpfung in ein Koma versetzen könnte. Aber verflixt, es gab etwas zu feiern! Er musste dieses Risiko eingehen.

Er folgte Paul auf die vordere Veranda, auf der sein Freund von einem anderen Gast angesprochen und in eine Unterhaltung verwickelt wurde. Derek blieb an der Treppe stehen und war sofort wieder von dem Ausblick in den Bann gezogen. Das Haus befand sich auf einem Hügel. Das Land vor ihm – man konnte es kaum einen Garten nennen –, war mit Wacholderbüschen bedeckt und fiel in einer sanften Neigung zur Steilküste ab, von der man einen atemberaubenden Blick auf den Ozean und die vorliegenden Inseln hatte. Die Zelte standen im Westen des Hauses auf den Wiesen und im Osten befand sich eine Hütte, die einmal für die Zwillinge zum Übernachten gebaut worden war. Zu dieser Stunde verlor die Sonne langsam ihre Kraft und die Farben vertieften sich – das Blau des Wassers, das Dunkelgrün der Kiefern, die graubraunen Schattierungen der felsigen Küste und das Weiß der Wolken. Dies hier war einer seiner Lieblingsorte. Und da er bereits überall auf der Welt gewesen war, hatte das viel zu bedeuten.

Er atmete tief die kühle, salzige Luft ein und wandte seine Aufmerksamkeit den anderen Gästen zu, die in Gruppen auf der Veranda und vor dem Haus standen. Es waren fünfzehn bis zwanzig Leute. Da er bereits fünfunddreißig war, war er wahrscheinlich fünf bis zehn Jahre älter als die meisten von ihnen. Es war lange her, dass er an solch einer Art von Veranstaltung teilgenommen hatte. Auf seiner Jacht hatte er das Sagen. Er hielt stets ausreichend Distanz zu den Gästen und Angestellten. Die Sicherheit und ein geregelter Ablauf der Reise waren seine Prioritäten, das Wohlergehen der Passagiere ebenfalls. Auf dem Land war er vorübergehend ein Bekannter und manchmal auch ein Freund für jeden, den er kannte oder traf, wo immer er sich auch gerade befand.

Er trank einen größeren Schluck Bier, als nötig war. Paul schaute zu ihm hinüber und gab ihm durch ein Zeichen zu verstehen, dass er bald wieder zu ihm kommen würde. Derek winkte zurück und nahm einen weiteren Schluck Bier. Er war erwachsen. Er konnte selbst zu den anderen Gästen …

„Hi.“ Die Frau, die ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte, stand direkt unter seiner Nase und lächelte ihn an. Sie wollte die Treppe hinauf, als er sie hinuntergehen wollte.

„Ich bin Addie.“ Sie wies auf ihre Brust, als ob sie jeden Zweifel verbannen wollte, dass sie über sich selbst sprach.

Das war also Addie. Um es milde auszudrücken, entsprach sie überhaupt nicht dem Bild, das er sich in seiner Vorstellung von ihr gemacht hatte.

Paul hatte ihre Schönheit, ihre Erziehung und Vollkommenheit auf eine Art und Weise angepriesen, dass sich in Derek das Bild einer kühlen, eleganten Brünetten, die über allem erhaben war, gebildet hatte. Der Typ Frau, der auf eine zwanglose Hochzeitsfeier wie diese mit High Heels, Seide und Perlen erschien. Der Typ Frau, den Derek schon oft auf seiner Jacht zu Gast gehabt hatte, der Typ Frau, der sich einen reichen, älteren Ehemann an Land zog und immer bereit zu einem Seitensprung war.

Die Frau vor ihm schien allerdings weit entfernt von diesem Typ. Sie trug schwarze Shorts, ein rosafarbenes T-Shirt, darüber eine graue Kapuzenjacke und ihre hübschen, schmalen Füße steckten in flachen, naturfarbenen Sandalen. Sie besaß kaffeebraune Augen und dunkles, kurzgeschnittenes, lockiges Haar. Eine sexy Schulmädchen-Fantasie, die zum Leben erwacht war. Sie erinnerte ihn an eine realistische Version der französischen Schauspielerin Audrey Tautou.

Er war einmal ganz verrückt nach dieser Audrey Tautou gewesen.

„Sie sind Addie Sewell.“

„Ja.“ Sie zog die wohlgeformten dunklen Augenbrauen amüsiert zusammen. „Woher wissen Sie das?“

„Sie sind berühmt.“

„Ha!“ Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das einen Teil seiner Erschöpfung im Nu verfliegen ließ. „Sie müssen ein Freund von Paul sein.“

„Derek Bates.“

„Oh.“ Ihr Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war. Ihre Augen verdunkelten sich und die Temperatur schien um zwanzig Grad zu fallen. Brrrr. „Sarah hat mir viel von Ihnen erzählt.“

„Das ist lustig.“ Er zwang sich zu einem Lachen und stellte sich Sarah mit einem Klebeband über den Mund vor. „Sarah weiß eigentlich gar nicht viel über mich.“

Er erwartete eine Anschuldigung, eine Diskussion, in der die Freundin verteidigt würde, doch stattdessen sah sie ihn nachdenklich an. „Ich weiß nur, was sie mir erzählt hat.“

Derek seufzte. Dieses Thema sollte er besser nicht anrühren. Es stand sein Wort gegen Sarahs und das hier war ihr Zuhause und es waren ihre Freunde. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass mir Sarahs Version nicht gefallen würde. Wann sind Sie angekommen, Addie?“

„Vor drei Tagen am Sonntag.“

„Von …?“

„LaGuardia.“ Sie schaute sich um, unsicher, ob sie weiter mit ihm reden sollte.

„Portland?“

„Bangor.“

„Okay.“ Er nickte und wusste nicht, was er als Nächstes sagen sollte. Wie verhielt man sich einer hübschen Frau gegenüber, die von ihrer Freundin gehört hatte, dass er ein Mann wäre, den man am besten mied?

„War das Wetter in dieser Woche gut?“ Wirklich, Derek? Das Wetter?

„Es war ganz okay.“ Sie spielte nervös mit dem Zipper am Reißverschluss ihrer Kapuzenjacke. „Nicht großartig, aber zumindest hat es nicht geregnet.“

„Was habe ich bisher versäumt?“

„Oh. Nun, wir sind auf dem Festland wandern gewesen. Sind viel zusammengesessen und haben geredet …“ Sie lachte unsicher. „Ich kann mich gar nicht genau erinnern.“

„Ist schon okay.“

„Oh, Quoddy Head. Da waren wir. Das soll der östlichste Punkt der USA sein.“

„Nett.“ Er nickte erneut. Das hier war eine Qual. Er wäre gerne diesen Small Talk umgangen und direkt auf die Themen gekommen, die wirklich im Leben zählten. Wie sie das Leben sah, ob sie ihre Arbeit liebte, ob die Welt ein wunderbarer Ort oder die Hölle für sie war, ob es einen besonderen Mann in ihrem Leben gab und ob sie gerne unter Sternen küsste …

Er hätte Ellen am liebsten vor Erleichterung umarmt, als sie vor dem Ausgang in die Hände klatschte.

„Hey, wir sind fertig. Kommt in die Küche und schnappt euch etwas zum Tragen. Wir gehen hinunter zum Strand.“

Derek trank sein Bier aus und warf die Dose in die Recyclingtonne, die aufgestellt worden war. Wenn er in dieser Woche etwas Spaß haben wollte, würde er sich mehr anstrengen müssen. Teil seines Jobs war es, sich mit Passagieren zu unterhalten, also sollte Small Talk ein Leichtes für ihn sein. Stattdessen fühlte er sich, als ob er versuchte, einen Muskel zu trainieren, den er seit Jahren nicht benutzt hatte.

Nachdem er eine Kühltasche aufgenommen hatte, folgte er den anderen zum Strand und war sich der Gegenwart Addies in der Menge so bewusst, als ob sie mit Neon beleuchtet wäre. Er war immer noch nicht darüber hinweg, dass sie so ganz anders war, als er erwartet hatte. Es war erstaunlich, wie sehr diese Frau seine Neugierde geweckt hatte. Und nicht nur die …

Am Strand war es angenehm kühl. Eine leichte Brise sorgte dafür, dass die Moskitos nicht die Oberhand bekamen, obwohl sicherheitshalber ein Mückenschutzmittel herumgereicht wurde, bevor man sich setzte. Die Gäste waren nett und umgänglich, interessante Leute, die einen festen Platz im Leben einnahmen und eine solide Zukunftsplanung hatten. Das Essen war gut und reichlich: Mit Krebsfleisch gefüllte Taschen, Nachos, Kartoffelsalat und Krautsalat, und das Bier floss wie … nun eben wie Bier.

Einige Male … mehr als einige … schaute er zu Addie hinüber und jedes Mal ertappte er sie dabei, wie auch sie herübersah. Sie machte jedoch keine Anstalten zu ihm zu kommen. Er war sich nicht sicher, was er von ihrer verstohlenen Beobachtung halten sollte. War sie angewidert? Fasziniert? Spürte sie eine gewisse Anziehung? Er fühlte sich auf jeden Fall zu ihr hingezogen. Je länger er sie betrachtete und je später es wurde, desto mehr erinnerte er sich an die Dinge, die Paul über Addie gesagt hatte, und desto faszinierender und schöner wurde sie. Vielleicht war es das sanfter werdende Licht. Vielleicht war es das Bier. Er wollte wieder mit ihr reden. Allein.

Als die Sonne sich dem Horizont näherte, wurde ein Lagerfeuer entzündet und alle versammelten sich darum. Ungenügend Schlaf, zu viel Bier und gutes Essen riefen einen Drang nach Bewegung in Derek hervor. Er erinnerte sich daran, dass es ganz in der Nähe eine Stelle gab, von der aus man wunderbar den Sonnenuntergang beobachten konnte. Er erhob sich und sah sich rasch um, doch Addie war nirgendwo zu sehen. Er hätte sie gerne eingeladen, mitzukommen, aber wahrscheinlich wäre das sowieso keine gute Idee, wenn man bedachte, was Sarah über ihn erzählt hatte.

Er entschuldigte sich bei Sarahs Freund Joe, der sich als interessanter und sympathischer Mann entpuppt hatte, und Carrie, einer koketten Blondine, die sich neben Joe niedergelassen hatte, nachdem sie fast mit jedem anderen Mann auf diesem Picknick geflirtet hatte. Dann verließ er den Strand und ging durch den Wald den Hügel Richtung Südwesten hinauf, wo er die Lichtershow der Natur am besten betrachten konnte.

Als er den Gipfel des Hügels erreicht hatte, blickte er auf das Haus zurück. Seine Schindeln leuchteten majestätisch grau-rosa im Abendlicht und die bunten Zelte erzeugten fast eine Zirkusatmosphäre.

Derek erstarrte, als er Addie Sewell die Vordertreppe des Hauses hinunterlaufen sah.

Als sie ihn bemerkte, blieb auch sie wie angewurzelt stehen. Für ein paar surreale Sekunden sahen sie sich einfach nur wie gebannt an. Dann gab ihr Derek ein Zeichen, doch zu ihm zu kommen. Sie runzelte die Stirn und schaute zum Weg hinüber, der zum Strand führte.

Das könnte einiges an Überredung kosten.

„Hey.“ Er lief über die abschüssige, mit Goldruten bewachsene Wiese zu ihr hinunter. Addie hob das Kinn und schaute ihm entgegen. „Ich mache einen kleinen Spaziergang, weil ich mir den Sonnenuntergang anschauen will“, sagte er, als er vor ihr stand.

Sie presste die Lippen zusammen und ein hübsches Grübchen bildete sich auf ihrer Wange. „Hört sich wie eine gute Idee an.“

„Wollen Sie mitkommen?“

„Oh.“ Sie errötete und ihr Blick wanderte wieder zu dem Weg hinüber, der für sie offenbar Sicherheit bedeutete. Die arme Frau, in die Enge getrieben von einem bösen Sexualstraftäter, der Derek nicht war. „Ich weiß nicht …“

Er wartete, schlug nach einem Moskito, steckte die Hände in die Taschen und wippte auf den Absätzen hin und her und begann zu pfeifen.

Sie kicherte. Ein gutes Zeichen.

„Der Sonnenuntergang hier ist atemberaubend …“

„Nun …“ Sie warf ihm einen vorsichtigen Blick zu. „Bis jetzt ist es entweder wolkig oder diesig gewesen.“

Er grinste. „Ich werde meine Sachen an- und meine Hände bei mir behalten. Das verspreche ich.“

„Oh, nein, Sie brauchen nicht …“ Sie riss die Augen weit auf. „Oh, nein. Warten Sie, nein … ja … natürlich tun Sie das.“

Er lachte und sie lachte mit und dann war die Spannung mit einem Mal verschwunden und er fühlte sich leichter, als er es den ganzen Tag über getan hatte.

„Was ich meinte, war, dass ich mir darüber keine Sorgen mache.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe einen verdammt guten rechten Haken, mit dem ich drei Goldmedaillen in Folge gewonnen habe und einen schwarzen Gürtel.“

„Waffen?“

Sie formte Daumen und Zeigefinger zu einer Pistole und zielte direkt auf sein Gesicht. „Das auch.“

„Ich werde es mir merken.“ Er lächelte und versuchte so freundlich und neutral wie möglich zu wirken, damit sie nicht spürte, wie sehr er sich zu ihr hingezogen fühlte. Nach dem, was sie von Sarah gehört hatte, würde er sie – wenigstens für den Moment – gerne in dem Glauben lassen, dass es ihm nie in den Sinn kommen würde, sie zu berühren.

Obwohl er mittlerweile an fast nichts anderes mehr denken konnte.

„Sie waren früher schon einmal auf Storness Island, Addie?“ Er wies auf den Pfad, der vor ihnen lag, und bat sie, wie ein perfekter Gentleman, vorauszugehen. Der perfekte Gentleman, der gerne hinter ihr ging, da er es durchaus nicht als Strafe empfand, ihren wohlgeformten Po von hinten zu betrachten.

„Nein. Sarah hat mich zwar einige Male eingeladen, aber meine Eltern haben mich in den Ferien immer in ein Sommercamp gesteckt, wenn wir nicht selbst verreist sind. Diese Insel ist also Neuland für mich.“

„Hört sich an, als ob sie bereits als Kind einen straffen Zeitplan hatten.“

„Oh ja. Meine Eltern haben immer alles geplant. In der Schwangerschaft haben sie viel Mozart gehört, als Kleinkind erhielt ich nur Spielzeug, das einen pädagogischen Wert besaß, und ich bekam Biokost noch bevor sie in Mode kam. Es gab für alles Regeln. Disziplin und wohlgeordnete Routine waren bei uns zu Hause sehr wichtig.“ Sie sprach ruhig und gelassen. War sie dankbar für das Verhalten ihrer Eltern? Verbittert? Gleichgültig? Er hätte so gerne mehr über sie gewusst, obwohl er seine Faszination für diese Frau nicht ganz verstand.

„Und wie war das für Sie?“

Sie zuckte mit den Schultern und hielt den Blick auf den Pfad gerichtet, auf dem es durch Steine und Baumwurzeln viele Stolperfallen gab. „Ich kannte nichts anderes, also war es für mich in Ordnung. Im Rückblick kommt mir das Ganze ein wenig übertrieben vor. Es wurde ein wenig besser, als mein Bruder, der fünf Jahre jünger ist als ich, geboren wurde. Und wie war es bei Ihnen?“

„Ich bin der Älteste von vier Brüdern. Meine Eltern übten gewaltigen Leistungsdruck auf uns aus. Bei meinen Brüdern hat es funktioniert. Ich war jedoch nicht interessiert.“ Er berührte ihre Schulter und deutete zur Bucht, wo der Sonnenuntergang den Himmel und das Meer in die schönsten warmen Farben tauchte. „Schauen Sie nur.“

„Wunderschön.“ Sie blieb stehen, lächelte glücklich und breitete die Arme aus, als wollte sie die ganze Bucht umarmen. „Wünschen Sie sich nicht auch, dass das Leben immer so einfach und perfekt wäre? Ich habe so lange in der Stadt gelebt, dass ich … nun, dass ich Dinge wie diese vermisse.“

Er wusste, was sie fühlte. „Was für eine Stadt? Warten Sie, in der Nähe von LaGuardia, also wird es New York sein?“

„Manhattan. Wo ist Ihr Zuhause?“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Diese Frage ist schwierig zu beantworten. In traditionellem Sinne habe ich keines.“

„Oh, richtig.“ Sie wandte sich ab und lief weiter. „Sie sind der Jachtkapitän.“

Er hatte leichten Spott erwartet. Die meisten Leute hatten keine Ahnung, wie viel Verantwortung er in seinem Beruf tragen musste und wie vielfältig seine Aufgaben waren. „Im Moment ist Hawaii meine Basis.“

„Oh, das muss hart sein. Ich meine, nirgends richtig zu Hause zu sein.“

Er hatte sie eingeholt, als der Weg breiter wurde und Cranberrybüsche hübsche rote Akzente setzten. „Manchmal schon. Was machen Sie in Manhattan?“

„Ich bin Versicherungsmathematikerin bei einer großen Versicherungsgesellschaft.“

„Ah, eine Frau der Zahlen.“ Und eine sehr kluge Frau. Er war beeindruckt, vielleicht könnte sie ja für Mary, seine Buchhalterin, einspringen, die in einem Monat in den Mutterschaftsurlaub ging. „Wie kommen Sie in Manhattan zurecht?“

Sie schürzte leicht die Lippen, während sie nachdachte. Das Licht der untergehenden Sonne fiel auf ihr Gesicht und ließ ihre Augen aufleuchten. Auf einmal überfiel ihn der starke Wunsch, sie zu küssen. Doch da er sie gerade erst kennengelernt und er erst einmal das Bild, das Sarah von ihm gemalt hatte, reinwaschen musste, war das wohl keine gute Idee.

„In Manhattan musst du immer wieder zu dir selbst zurückkommen. Du kannst da nicht jeden Tag hinausgehen und das Chaos schutzlos aufnehmen. Zumindest kann ich das nicht. Gestern sagte eine Freundin zu mir am Telefon, dass sie mich wegen einer Sirene im Hintergrund kaum verstehen würde. Ich habe sie noch nicht einmal gehört. So sehr bin ich an den Lärm gewöhnt.“

„Laut, hektisch und viel Gedränge. Hört sich perfekt an, aber nur für den, der es mag.“

„Oh, aber es gibt dort so viel Kultur! So viel Energie. Alles, was du essen, kaufen, hören oder sehen willst. New York hat alles zu bieten.“ Sie lächelte amüsiert. „Wie kommen Sie mit der Isolation in der Mitte des Ozeans zurecht?“

„Ha! Gute Frage. Meine Antwort würde wahrscheinlich ungefähr so lauten: Ich ziehe mich in mich selbst zurück. Man kann da nicht hinausgehen und diese ungeheure Weite und Leere schutzlos aufnehmen.“ Er liebte die Art, wie sie lachte, sanft und tief. „Und natürlich gibt es dort unendlich viel Schönheit und Frieden.“

„Wenn wir schon davon sprechen …“ Sie hatten den Felsvorsprung erreicht, an den er sich erinnert hatte. Von hier aus hatte man eine spektakuläre Aussicht. Addie verschränkte die Arme und seufzte überwältigt von der Herrlichkeit dieses Naturschauspiels.

Derek schluckte. Schlafmangel, zu viel Bier, diese Frau …

Er begann zu verstehen, was damals mit Paul geschehen war.

„Ich bin neugierig.“ Sie schaute ihn mit fragenden Rehaugen an. „Wollten Sie schon immer zur See fahren, statt sich an einem Ort niederzulassen?“

„Ja. Wollten Sie schon immer jeden Tag in der gleichen Wohnung und dem gleichen Büro sein?“

„Nein, nicht unbedingt. Aber es überrascht mich nicht, dass es so geendet hat.“ Sie legte leicht den Kopf schief und lächelte. Dieses Mal war es ein Lächeln, das zwar bezaubernd, aber auch ein wenig traurig und verletzlich war.

Derek wusste, dass es jetzt besser wäre, Abstand zu ihr zu halten. Er sollte aufhören, nur an sie zu denken, und sich im Geiste lieber mit Tragödien, Müllbergen und Taranteln beschäftigen. Und er brauchte unbedingt Schlaf. Mindestens zwölf Stunden. „Warum?“

„Ich hatte in meiner Kindheit nie einen Traum wie Sie. Ich habe getan, was man von mir erwartete. Meine Eltern haben mich gut auf die Zukunft vorbereitet und ich habe mich verpflichtet gefühlt, zumindest im bescheidenen Umfang erfolgreich zu sein.“

Ah, ein gutes Mädchen. Wie gerne hätte er ihr gezeigt, wie gut es war, ein bisschen böse zu sein. „Es gibt viele Arten, erfolgreich zu sein.“

„Das stimmt.“ Sie strich sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn. „Wahrscheinlich bin ich zu konservativ. Nicht gerade aufregend.“

Ha. Darauf würde er nicht antworten. Stattdessen wandte er sich ab und wies auf die Bucht. „Schauen Sie jetzt hin.“

„Oh.“ Ihr Gesicht leuchtete auf und sie sah so schön aus, dass es sein Herz berührte. „Das ist unglaublich.“

„Ja. Wunderschön.“ Addie konnte ruhig denken, dass er die wunderbaren Farben meinte, wenn sie das wollte. Während die Sonne langsam am Horizont versank, waren der Himmel und das Meer in einer atemberaubenden Kombination aus Orange und Bordeauxrot gebadet. Über ihr schimmerten die Wolken in einem sanften Babyrosa. Möwen flogen im Licht der untergehenden Sonne und Kormorane schwammen dem dunkel werdenden Osten entgegen. Dieser Moment war so kraftvoll und ursprünglich, dass ihm der Atem stockte.

Er trat näher an Addie heran und stellte sich hinter sie, bis er die Wärme ihres Körpers spüren konnte. Sie spannte sich unwillkürlich an, blieb aber bewegungslos stehen.

„Addie.“ Seine Stimme war tief und rau. Sie gab einen kleinen Laut von sich, doch antwortete nicht. „Hast du je einen Mann getroffen und gewusst, dass du ihn schon sehr bald küssen wirst?“, fragte er ohne nachzudenken. Die Worte waren fast von allein aus seinem Mund gekommen.

Sie zuckte leicht zusammen, rückte jedoch nicht von ihm ab. „Derek … ich kenne Sie doch gar nicht.“

„Ich habe ja nur eine Frage gestellt.“ Er hatte lange nicht mehr so gelogen.

„Oh. Nun. Ja. Ich meine … ich nehme es an.“ Sie räusperte sich. „War es bei Ihnen schon einmal so?“

„Ich küsse normalerweise keine Männer.“

Sie kicherte nervös. „Ich meine …“

„Ich weiß, was Sie meinen. Ja, mir ist das schon so ergangen.“

„Oh, und warum fragen Sie mich?“ Man konnte spüren, dass sie versuchte, neutral zu klingen.

„Ich hätte es gerne gewusst.“

Addie wandte ihren Kopf zur Seite. „Was ist zwischen Ihnen und Sarah passiert?“

„Sie hat es Ihnen …“ Er hielt für einen Moment inne. „…Sie hat es dir doch erzählt.“

„Ich will es aber von Ihnen … nun, von dir wissen.“

Eine unlogische Freude durchfuhr ihn. Sie gab ihm tatsächlich eine Chance. Aber da sie offensichtlich auf Sarahs Seite war, musste er seine Worte vorsichtig wählen. „Sarah und ich … haben in jener Nacht gewisse Signale falsch verstanden. Als die Dinge dann nicht so liefen, wie sie es erwartete, war sie wütend und verletzt. Sie ist ein großartiger Mensch. Ich respektiere sie und mag sie sehr. Ich würde viel dafür geben, diese Nacht ungeschehen zu machen.“

Addie drehte sich um und sah ihn aufmerksam an. „Sie hat mir gesagt, dass du begonnen hast, dich ihr zu nähern.“

„Nein.“ Er blieb ruhig stehen, während sie prüfend sein Gesicht betrachtete, obwohl er solche Sehnsucht hatte, sie zu berühren, dass er kaum noch atmen konnte. Aber er wusste, dass er jetzt vorsichtig sein musste, schließlich hatte er gerade ihre Freundin eine Lügnerin genannt.

„Hast du mir eben diese Frage mit dem Küssen gestellt, weil du mich küssen willst?“

„Was denkst du?“

Er erwartete, dass sie kicherte, errötete, verlegen den Blick abwand. Doch stattdessen wirkte sie eher bestürzt. „Derek, ich … nun, es gibt jemanden, mit dem ich gerne zusammen sein würde. Du wirst ihn noch kennenlernen.“

Das war ein Schlag in den Magen. „Ja? Wer ist es?“

Sie senkte den Blick. „Jemand, den ich bereits seit Langem kenne.“

Er überlegte. Er hätte doch bemerkt, wenn sie sich besonders mit einem Mann beschäftigt hätte. Soweit er wusste, waren inzwischen alle Gäste angekommen.

Außer einem.

Ach verdammt, ausgerechnet der. „Kevin Ames?“

Sie errötete. „Woher wusstest du das?“

„Er ist eben bekannt.“ Er gab sich Mühe, gelassen und leicht humorvoll zu klingen, auf keinen Fall sollte sie spüren, wie enttäuscht er war. „Ich hatte bereits das Vergnügen, ihn kennenzulernen.“ Vergnügen war gut gesagt!

„Wirklich?“ Man hörte das Interesse aus ihrer Stimme heraus und Derek wurde noch missmutiger. „Wo?“

„In Florida.“ Er würde das nicht weiter ausführen. Wenn Kevin der Typ Mann war, auf den sie stand, würde sie keinen Mann wie ihn haben wollen.

Es sollte ihn nicht stören. Verflixt, er hatte Addie doch erst heute kennengelernt. Vielleicht war es der Alkohol, der Mangel an Schlaf und die Tatsache, dass er zu lange zu einsam war. Sie war nicht die einzige Frau auf dieser Insel, es gab noch andere attraktive Frauen hier, mit einigen hatte er bereits gesprochen. Verdammt, er hatte in den letzten Jahren viele schöne Frauen auf seiner Jacht durch die Welt gefahren.

Das, was er empfand, war einfach verrückt. Es ergab keinen Sinn. Er war einfach nur erschöpft und neben der Spur. Er kannte Addie doch erst seit wenigen Stunden.

Aber er hatte sich noch nie so sehr nach einer Frau gesehnt, wie er sich nach Addie sehnte.

3. KAPITEL

Sarah lag auf einem Stück grasbewachsenen Strand im Norden der Insel, wo sie und die anderen am Abend zuvor gepicknickt hatten. Sie hörte dem Plätschern der Wellen zu, die sanft auf dem Sand ausliefen, um sich dann wieder zurückzuziehen, und schaute zum sternenübersäten Nachthimmel hinauf, um eine Sternschnuppe zu entdecken.

Sie war vor Stunden mit den anderen ins Haus gegangen, aber nachdem sich alle auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, war sie wieder zum Strand gelaufen. Sie wusste, dass sie noch nicht einschlafen konnte. In ihr tobten so viele Emotionen, dass ihr ganz schwindlig war. Sie hasste diesen Zustand. Er gab ihr das Gefühl, halb verrückt zu sein.

Aus irgendeinem Grund fühlte sie intensiver als die meisten Menschen. Eine Tatsache, die ihr einige Namen eingehandelt hatte: Diva, Drama Queen … ja, ja … sie wusste, dass sie oft überreagierte, sie regte sich öfter als andere auf, empfand dafür aber auch mehr Glück als andere. Es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Sie war eben so, wie sie war.

Sie spürte, wie trocken ihre Kehle war, und schluckte. Sie wusste, woher ihr Durst kam – ein Bier zu viel und nicht genug Wasser getrunken, um den Alkohol auszugleichen. Aber es war so schön, hier zu liegen, den Nachthimmel zu betrachten und ihren Gedanken nachzuhängen, dass sie nicht ins Haus gehen wollte, um etwas zu trinken.

Derek Bates war einer der attraktivsten Männer, die sie je getroffen hatte. Er war sexy und intelligent. Ein toller Mann! Doch offensichtlich bedeutete sie ihm nichts. Leider suchte sie sich immer Männer aus, die nichts von ihr wollten. Vor Derek war es Ethan Vassar gewesen, Kapitän des Baseball-Teams. Sie hatte sich in ihn verliebt, aber er hatte ihre Gefühle nicht erwidert und war mit Cheerleadern und Frauen ausgegangen, die auffallend hübsch gewesen waren. Sarah hatte zwar neidvoll zugeben müssen, dass diese Frauen sexy und gutaussehend waren, aber leider waren sie alle ziemlich hohl im Kopf gewesen. Glücklicherweise hatte Addie das ebenso empfunden. Vor Ethan war es Kevin Ames gewesen. Ihre Freundin Addie war – genau wie sie – lange Zeit in ihn verknallt gewesen. Aber nachdem er aufgehört hatte, vollbusige Frauen zu erobern, hatte er sich an Addie herangemacht, nicht an sie. Vielleicht würde Kevin Addie immer noch anziehend finden? Das wäre großartig. Wenn Sarah ihn schon nicht haben konnte, dann wenigstens eine ihrer besten Freundinnen.

Aber was wäre dann mit ihr? Sie wusste, dass sie über Kevin hinweg war, aber würde sie je Derek aus ihrem Herzen bekommen?

Diese Nacht vor fünf Jahren hatte sie sehr mitgenommen. Sie war immer noch so verletzt und gleichzeitig verlegen wegen dieses Vorfalls, dass sie Derek kaum in die Augen schauen konnte.

Es war in einer Nacht wie dieser hier gewesen. Sie hatte zu viel getrunken und aus Gründen, die ihr selbst nicht klar gewesen waren, zu weinen begonnen. Derek hatte versucht, sie zu trösten, den Arm um sie gelegt und ihr Haar gestreichelt. Da sie schon lange ein Auge auf ihn geworfen und sie angenommen hatte, das wäre das Zeichen, auf das sie immer gewartet hatte, hatte sie alle Register gezogen, um ihn zu verführen.

Tja, Sarah, da war wohl die Fantasie mit dir durchgegangen.

In einem Anfall von erschreckender Unreife hatte sie dann ihr angeknackstes Ego aufrichten wollen und sich bitter bei Joe und Addie über ihn beklagt. Es hatte auch nicht geholfen, dass sie zufällig mitangehört hatte, wie Paul über Dereks Eroberungen sprach. Eine Frau in jedem Hafen, manchmal zwei. Er schien also nicht besonders wählerisch zu sein, trotzdem hatte er sie nicht gewollt. Das hatte natürlich besonders geschmerzt.

Sie schien sowieso das Talent zu haben, sich gerade in die Männer zu verlieben, die sie nicht wollten. Vielleicht solltest du dir mal überlegen, warum das so ist, hörte sie laut und deutlich ihre innere Stimme sagen.

Lass mich in Ruhe! befahl Sarah ihr. Ich will es gar nicht wissen.

Sie hustete. Mann, sie musste dringend etwas trinken. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet.

Vielleicht könntest du deinem Dilemma ein Ende machen und endlich mal glücklich werden, wenn du darüber nachdenken würdest?

Herr des Himmels, hatte man denn noch nicht einmal hier draußen seine Ruhe? Musste einem das eigene Gewissen oder was auch immer da in ihrem Kopf diese lästigen Fragen stellte, zusetzen?

Du hast Angst!

Jetzt reichte es ihr aber wirklich. Und selbst wenn sie Angst vor einer echten Beziehung hätte. Was dann? Ihr waren ja auch nur Männer begegnet, die es mit der Treue nicht unbedingt ernst zu nehmen schienen. War es da nicht normal, Angst zu haben?

Es stimmt nicht, was du sagst. Jetzt wurde es sogar noch netter. Jetzt wurde sie auch noch von sich selbst als Lügnerin dargestellt.

Joe ist anders.

Ah, darauf wollte man hinaus. Joe. Nun, Joe war ihr Freund.

Weil es so ist oder weil du nichts anderes zulässt?

Sarah hustete erneut und erhob sich. Das war ihr zu anstrengend. Sie würde jetzt ins Haus gehen, etwas trinken und schlafen gehen. Morgen wäre ein neuer Tag und solche Unterstellungen und Fragen gehörten hoffentlich der Vergangenheit an.

Joe! Sie schüttelte den Kopf, aber gleichzeitig wurde ihr ganz warm ums Herz.

4. KAPITEL

Addie war verwirrt. Sie stand auf der Klippe in einiger Entfernung vom Haus der Bossons, trank Champagnerpunch und wartete auf Kevins Ankunft. Sie war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr in ihrem Leben. Es war ein Zustand, der sie glücklicherweise nicht oft heimsuchte. Er gefiel ihr ganz und gar nicht. Normalerweise hatte sie ihre Emotionen unter Kontrolle, oder sie konnte sie zumindest verstehen. Sie schätzte die Klarheit. Sie war entweder Single oder in einer Beziehung, sie war mit jemandem befreundet oder sie war es nicht. Sie war in einen Mann verliebt oder eben nicht.

Sie war nicht nur auf diese Insel gekommen, um Pauls Hochzeit zu feiern, sondern es ging ihr auch um Kevin. Sie hatte viel an die Vergangenheit gedacht, sich gewünscht, dass die alte Anziehungskraft wieder aufleben würde, und hatte sogar ein kleines bisschen Hoffnung, dass sie vielleicht in eine Beziehung gehen könnten. Philadelphia war nicht so weit von New York entfernt. Nach fast zehn Jahren könnte ein Traum, der einmal ihr innigster Herzenswunsch gewesen war, endlich in Erfüllung gehen.

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