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TIFFANY HOT & SEXY BAND 35

KIRA SINCLAIR

Sex hat keine Kalorien!

Nur dieser Auftrag noch, dann kann er sich seinen großen Traum erfüllen! Brett liegt viel daran, das Einkaufszentrum zu bauen, auch wenn sich die ortsansässigen Geschäftsleute wehren. Besonders die süße Schokoladenverkäuferin Lexi ist gegen den Neubau. Normalerweise weiß Brett, wie er von Frauen bekommt, was er will, aber an Lexi beißt er sich die Zähne aus …

MEG MAGUIRE

Runde 2 für die Leidenschaft

Wenn sie mehr als eine höchst vergnügliche Affäre von ihm will, hat Lindsey aufs falsche Pferd gesetzt. Rich ist seine Box- Karriere wichtiger als die Liebe. Auch die leidenschaftlichen Nächte mit Lindsey überzeugen ihn nicht vom Gegenteil. Doch dann fängt sie an, mit den Waffen einer Frau um ihn zu kämpfen. Wird er sich ihren sinnlichen Argumenten geschlagen geben?

LESLIE KELLY

Liebe, Lust – und viele Lügen?

Sie ist die Exverlobte eines Filmstars, den sie betrogen hat – so jedenfalls denkt die Öffentlichkeit über Madison. Um den Paparazzi zu entkommen, flieht sie nach Costa Rica – und trifft dort Leo Santori. Ein unglaublich attraktiver Mann, der in ihr ein Feuer der Lust entfacht! Sie gibt sich ihm hin – voller Angst, dass er von den bösen Gerüchten erfährt …

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Sex hat keine Kalorien!

1. KAPITEL

Schokolade war Lexi Harpers Droge der Wahl. Das Einzige, das den sinnlichen Genuss dieser Köstlichkeit toppen konnte, war wirklich hervorragender Sex. Leider waren ihre runden Hüften der Beweis dafür, dass Schokolade – selbst in Gourmetqualität – wesentlich leichter zu bekommen war.

Wahrscheinlich war das der Grund, weshalb sie ein eigenes Geschäft aufgemacht hatte. Schokolade und süßes Gebäck machten jeden glücklich. Mit einem Toffee im Mund konnte man nicht die Stirn runzeln. Das war physisch einfach unmöglich.

Nun, für jeden außer Mrs Copeland.

„Alexis Harper!“

Seufzend drehte Lexi sich zu der selbst ernannten Grande Dame der Kleinstadt Sweetheart in South Carolina um.

„Ich bin gleich für Sie da, Mrs Copeland“, sagte sie mit honigsüßer Stimme. Und wenn es sie umbrachte – sie würde nett bleiben.

Mrs Copeland durchbohrte sie mit einem eiskalten Blick, der jeden erst einmal unwillkürlich strammstehen ließ. Lexi war seit ihrem zehnten Lebensjahr mit diesem Blick vertraut.

„Ich warte schon seit fast fünfzehn Minuten“, beschwerte sich Mrs Copeland laut.

Ein Schauer rieselte Lexi über den Rücken, als unangenehme Erinnerungen in ihr aufstiegen. Mrs Copeland war ihre Benimmlehrerin gewesen. Acht Jahre lang hatte Lexis Mutter sie jeden dritten Samstag im Monat für einige furchtbare Stunden zu Mrs Copeland gebracht, die ihre Freude daran hatte, jeden Fehler und jede noch so kleine Nachlässigkeit an den Pranger zu stellen.

Wer brauchte schon genau zu wissen, wie man korrekt Tee einschenkte oder welchen Platz man dem Gouverneur zuwies, falls er zufällig eine Einladung zum Dinner annehmen sollte? Lexi hatte für die meisten Regeln, die Mrs Copeland für lebenswichtig erachtete, nie Verwendung gehabt. Und das wenige, das ihr nützlich war, hätte sie instinktiv richtig gemacht.

Nach einem besonders peinlichen Vorfall, bei dem Senf, eine Siamkatze und Lakritze eine Rolle gespielt hatten, hatte Lexi ihre Mom angefleht, sie nicht wieder dorthin zu schicken. Doch es gab in Sweetheart gewisse Dinge, die unumgänglich waren, und Mrs Copelands Benimmunterricht gehörte nun einmal dazu.

„Alle anderen warten genau so lange, Mrs Copeland. Länger sogar, weil sie bereits vor Ihnen da waren.“

Ungnädig presste Mrs Copeland die Lippen zusammen. Sie sagte nichts mehr, aber der Knoten in Lexis Magengrube löste sich dennoch nicht auf. Lexi ärgerte sich, dass sie sich immer noch von dieser Frau aus der Balance bringen ließ. Mrs Copeland konnte sie nicht mehr verletzen oder bloßstellen. Doch diese Erkenntnis reichte anscheinend nicht aus, um die tief sitzende Furcht zu überwinden.

Lexi verdrängte ihr Unbehagen und konzentrierte sich auf ihre anderen Kunden. Sie packte in Rum getränkte Karamelläpfel mit Schokoglasur für Mary Beth Hereford ein. Mr Arcella kaufte eine Trüffelmischung für seine Frau. Sie hatten ihren fünfundzwanzigsten Hochzeitstag, deshalb gab Lexi ungefragt einige Stücke von Mrs Arcellas Lieblingssorte – Champagner – mit hinein.

Weitere fünf Minuten verbrachte sie damit, die Fragen einer Kundin zu ihrer Schokolade mit aphrodisierenden Kräutern zu beantworten. Seit Lexi im Internet für ihre Produkte warb, war die Nachfrage deutlich gestiegen.

Zum Schluss war Mrs Copeland an der Reihe. Lexi wappnete sich innerlich gegen die Unannehmlichkeiten, die unweigerlich kommen würden. Die Frau führte einen erbitterten Kreuzzug gegen jede Verletzung ihrer kostbaren Etikette, während sie sich zugleich selbstherrlich darüber hinwegsetzte.

So auch diesmal. „Aphrodisierende Schokolade. Das ist widerlich, Alexis Harper.“

Lexi biss sich auf die Zunge und unterdrückte ihre Wut – nicht nur über die unverschämte Bemerkung, sondern auch über die Benutzung ihres Taufnamens. Niemand, nicht einmal ihre eigene Mutter, nannte sie noch Alexis. Aber Mrs Copeland verabscheute Spitznamen.

„Der Himmel weiß, was deine arme Mama denken mag über diese …“, abwertend wedelte sie mit der Hand über das kunstvolle Arrangement hinter der Scheibe, „… diese Dinge.“

„Warum fragen Sie sie nicht, Mrs Copeland?“, schlug Lexi ruhig vor. Scheinheilig lächelnd verschränkte sie die Hände auf dem Glastresen und beugte sich vor, als ob sie ein Geheimnis preisgeben wollte. „Besser noch, warum fragen Sie nicht Daddy morgen Abend auf der Stadtversammlung? Mama hat erst letzte Woche welche mit nach Hause genommen.“

Mrs Copelands Augen wurden erst groß und dann gefährlich schmal. „Nun“, erwiderte sie spitz, „ich sollte mich nicht wundern. Du warst schon immer ein hoffnungsloser Fall, Alexis Harper. Eine einzige große Enttäuschung für mich als Erzieherin.“

Wenn Mrs Copeland Erzieherin war, dann war Lexi ein Supermodel, eine Vorstellung, die so weit entfernt von der Realität lag, dass man sie als reines Märchen abtun musste.

Lexi packte Mrs Copelands Auswahl von Petit Fours ein und dekorierte die Schachtel mit ihrem Markenzeichen, einem rot karierten Stoffbügel.

„Wenigstens hast du eine Möglichkeit gefunden, mit deiner Vorliebe für Süßes den Lebensunterhalt zu verdienen“, meinte Mrs Copeland säuerlich lächelnd. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass du bei all den Verlockungen um dich herum so viel abnehmen würdest. Meine Güte, es gab wohl keinen Samstag, an dem du nicht mit einem Schokoladenfleck in meinen Unterricht kamst, nicht wahr?“

Lexi knirschte mit den Zähnen und zog die Mundwinkel zu etwas hoch, das entfernt mit einem Lächeln Ähnlichkeit hatte. „Ja, Ma’am. Ich hatte wirklich Glück.“

„Gute Erziehung ist immer hilfreich“, erklärte Mrs Copeland abschließend, wobei sie Lexi von oben bis unten musterte. Ihr Blick ließ keinen Zweifel an ihrer Meinung. Demnach hatte gute Erziehung in Lexis Fall nicht ganz gereicht.

Als die Tür leise hinter Mrs Copeland ins Schloss fiel, sackte Lexi erschöpft gegen den Tresen. Nur ein paar Momente. Mehr brauchte sie nicht, bevor sie den Laden schließen und aufräumen konnte.

„Warum haben Sie sie nicht in ihre Schranken gewiesen?“

Die tiefe, rauchige Stimme erschreckte Lexi. Ruckartig richtete sie sich auf.

Ein Mann, den sie noch nie gesehen hatte, stand in der Ecke gegenüber und lehnte an einem Regal. Sie war so beschäftigt gewesen, dass sie ihn vorher nicht bemerkt hatte.

„Weil es verschwendete Energie gewesen wäre, und ich versuche Verschwendung zu vermeiden.“

Er war groß gebaut, die Arme hatte er lässig vor seiner breiten Brust verschränkt. Enge Jeans schmiegten sich um kräftige Oberschenkel, und Lexi hatte keinen Zweifel daran, dass sie, wenn er sich umdrehte, einen knackigen Hintern zu sehen bekommen würde. Ihr Körper reagierte sofort auf die Gegenwart dieses kraftstrotzenden Mannes, doch sie ging resolut gegen das Erwachen ihres weiblichen Interesses vor.

Er war ein Fremder, und nach dem, was vor ein paar Monaten passiert war, misstraute sie Fremden zutiefst.

Mit kühlen blauen Augen musterte er sie, was weiteres Unbehagen in ihr auslöste. Sie mochte es nicht, beobachtet zu werden. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen hatte für sie nie etwas Gutes bedeutet. Als Tochter des Bürgermeisters kannte sie jeder im Ort und glaubte sich eine Meinung über sie anmaßen zu dürfen. Ein Nachteil davon, in einer Kleinstadt zu leben.

Lexi hatte lange gebraucht, um herauszufinden, wer sie wirklich war. Es gab so viele Stimmen in ihrem Kopf, die ihr sagten, was sie tun, wie sie fühlen und was sie sein sollte. Einen Platz für sie selbst zu finden, wo die Meinung anderer Leute nicht zählte, war ein harter Kampf gewesen.

Heute war sie glücklich mit dem Leben, das sie sich aufgebaut hatte. Sie hatte ein florierendes Geschäft, wunderbare Freunde, und sie hatte sich mit ihren Schwächen arrangiert. Nur hin und wieder plagten sie unangenehme Erinnerungen.

Unter seinem intensiven Blick wurde ihr zunehmend mulmiger. Und warm. Der Fremde stieß sich vom Regal ab und schlenderte mit der Anmut eines Raubtiers durch ihren Laden. Kontrollierte Muskelkraft und hypnotisierender Blick. Dann lächelte er, und ihr Mund wurde trocken.

Sie wollte nicht bemerken, wie seine Unterlippe in der Mitte einen Bogen nach oben machte. Oder das dunkelbraune Haar, das seine Ohren berührte. Sie wollte ihn überhaupt nicht bemerken.

Um sich der Macht, die er über sie hatte, zu entziehen, senkte sie den Blick und hantierte mit den Kartons unter der Verkaufstheke. Sie rückte sie gerade, ungeachtet der Tatsache, dass sie bereits perfekt geordnet waren.

„Was können Sie mir empfehlen?“

„Alles“, antwortete Lexi ohne Zögern. Jedes einzelne Stück im drei Meter langen Glastresen war handgemacht. Von ihr. Und da sie Wert auf Qualitätskontrolle legte, hatte sie alles persönlich probiert. Einmal und nicht mehr. Um anschließend sofort mindestens acht Kilometer auf dem Laufband im Büro zu absol­vieren.

„Ich brauche etwas zum Dessert.“

„Nun …“ Lexis Blick schweifte über die Auslage. „Für wie viele Personen?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Das ist eine Herausforderung.“

Der Mann lehnte sich an die Theke. Der Duft seines Aftershaves, sauber, frisch und sehr männlich, vermischte sich mit dem verführerischen Duft von Schokolade. Lexi lief das Wasser im Mund zusammen.

„Mögen Sie Herausforderungen?“, fragte er, während er provozierend eine Augenbraue hochzog.

Er flirtete mit ihr. Ihr Blut schien in ihren Adern zu pulsieren, und ihre Haut kribbelte. Doch sie würde nicht darauf eingehen.

Etwas schnippisch antwortete sie: „Nein, ich ziehe ein leichtes und langweiliges Leben vor.“ Was der Wahrheit entsprach. Sie konnte auf Drama verzichten und war völlig zufrieden mit ihrem beschaulichen Leben.

„Verstehe.“ Es zuckte um seine Mundwinkel, aber bevor wieder ein richtiges Lächeln daraus werden konnte, wich er zurück.

Kein Zweifel, dieser Mann könnte wirklich eine spannende Herausforderung sein. Doch seit der Erfahrung mit Brandon war sie vorsichtig bei Fremden.

Tief durchatmend konzentrierte sie sich auf ihren Job. „Sie könnten Petit Fours nehmen, aber Sie wirken nicht wie der Typ, der auf kleine Häppchen steht.“

„Stimmt. Häppchen sind absolut nichts für mich.“

Unerwartet durchrieselte sie ein Schauer. Sie ballte die Fäuste und ignorierte ihn tapfer.

„Man könnte auch Karamelläpfel nehmen, doch da Sie nicht wissen, wie viele Personen kommen, wird das wahrscheinlich auch nicht gehen.“

Er schüttelte den Kopf.

Alle Kuchen, die sie an diesem Tag gebacken hatte, hatte sie bereits vor Stunden verkauft. Einen allerdings hatte sie noch, eine ganz neue Kreation, die sie eigentlich auf dem Nachhauseweg bei ihrem Bruder Gage und Hope, ihrer besten Freundin und künftigen Schwägerin, vorbeibringen wollte. Lexi zögerte, ein Produkt zu verkaufen, das sie noch nicht abschließend geprüft hatte, aber sie experimentierte seit Monaten an dem Rezept für den Zitronen-Kardamom-Kuchen und hatte endlich das Gefühl, dass es perfekt war.

Außerdem hatte sie nichts anderes, das infrage kommen könnte, und sie hasste es, einen Kunden unglücklich wegzuschicken. Besonders diesen. Okay, vielleicht nur diesen. Doch was war falsch daran? Sie war für ihre Kundenfreundlichkeit bekannt.

Lexi verschwand durch den Vorhang nach hinten. Einen Moment später trug sie einen Kuchen herein, der mit einer nach Rosen duftenden Glasur überzogen und mit kandierten Rosenblättern verziert war.

„Was halten Sie hiervon?“

Der Mann richtete sich auf und starrte mit großen Augen auf den Kuchen. „Das ist viel zu schön zum Essen.“

Sie hatte ihn überrascht. Was wiederum sie überraschte. Und irgendwie auch ärgerte. Was hatte er erwartet? Einen Schokoladenkuchen mit Fertigglasur?

„Unsinn“, erwiderte sie angespannt und packte den Kuchen in einen Karton. „Essen ist zum Genießen da. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das gilt besonders für Desserts.“

Sie reichte ihm die Box. „Das macht fünfunddreißig Dollar.“

Seine Finger streiften ihre Hand. Der Blick aus seinen eisblauen Augen wurde heiß. Eine elektrisierende Welle raste so plötzlich über ihren Arm, dass Lexi den Kuchen beinahe fallen ließ.

Rechtzeitig hielt der Fremde den Karton fest. „Jammerschade, wenn etwas so Hübsches zu Bruch gegangen wäre. Das zu probieren ist so ziemlich das Einzige, worauf ich mich heute Abend freue.“

Ungebeten erschien ihr eine Vision, in der er sie mit Kuchenstückchen fütterte. Sie schnappte nach Luft und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen, als wollte sie den Zuckerguss und die Haut seiner Finger schmecken. Der Geschmack ihrer eigenen Lippen war nicht annähernd so aufregend.

Sein Blick fiel auf ihren Mund. Der Karton knisterte gefährlich, als seine Hände fester zupackten und die Pappe zu zerdrücken drohten.

Das Klingeln des Telefons hinter der Theke brach den Bann.

Oh Himmel, was machte sie nur? Dieser Mann war ein völlig Fremder. Ein Kunde! Er war keine fünfzehn Minuten in ihrem Laden und schon war sie bereit, die Ladentür abzuschließen und ihn für eine andere Art von Work-out, als ihr Laufband es bot, hinter den Vorhang zu ziehen.

Sie drehte sich um und ging ans Telefon. „Sugar and Spice.“

„Oh, Gott sei Dank, du bist noch da.“ Die erleichterte Stimme ihrer Mutter hallte durch den Hörer. „Du musst mir einen riesigen Gefallen tun.“

Die Glocke über der Tür bimmelte. Lexi drehte sich um, um zu sehen, wer hereingekommen war, nur um festzustellen, dass der Laden leer war. Zwei Zwanziger lagen auf dem Tresen.

Sie sollte froh sein, dass der Mann fort war, aber ihr Körper war es eindeutig nicht. Lexi holte tief Luft und hielt den Atem einen Moment an, bevor sie ausatmete – und die vergangenen fünfzehn Minuten abhakte.

„Alexis Harper, hörst du mir zu?“

Kopfschüttelnd riss sie sich zusammen. „Es tut mir leid, Mama, ich war abgelenkt. Was für einen Gefallen?“

„Bitte sag mir, dass du etwas im Laden hast, das ich als Dessert nehmen kann.“

„Ich habe gerade den letzten Kuchen verkauft.“

„Verdammt!“

Lexi richtete sich auf. Ihre Mutter fluchte nie. Hier ging es demnach offensichtlich um mehr als um Heißhunger auf etwas Süßes. „Mach dir keine Sorgen. Gib mir eine Stunde, und ich bringe dir etwas vorbei. Was hat das Ganze zu bedeuten?“

„Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Lexi. Zieh bitte etwas Hübsches an.“

„Warum?“ Wie üblich musste sie am nächsten Tag früh raus und wollte eigentlich nur noch nach Hause und eine Weile mit Little Bits, ihrer Katze, vorm Fernseher kuscheln, bevor sie ins Bett fiel.

„Ein Repräsentant von Bowen Enterprises ist heute gekommen. Er ist wegen der Stadtversammlung morgen Abend hier. Dein Vater hat ihn zum Dinner eingeladen.“

Das war typisch für ihren Daddy. Halte deine Freunde nah und deine Feinde näher. Es gab einen Grund, weshalb er seit achtzehn Jahren Bürgermeister von Sweetheart war. Er war gescheit, listig und charmant.

„Ich verstehe immer noch nicht, was das mit mir zu tun hat.“

„Ich brauche dich, damit die Tischordnung aufgeht, Schätzchen. Wir sehen uns in einer Stunde.“

Ohne ihr die Chance zum Protest zu geben, legte ihre Mutter auf. Ungefähr sechzig Sekunden lang spielte Lexi mit dem Gedanken, sie anzurufen und abzusagen. Doch obwohl die Vorstellung ihren Reiz hatte, wusste sie, dass sie es nicht tun würde.

Stattdessen ging sie in die Küche, um zu überlegen, was sie innerhalb von einer Stunde zubereiten könnte. Was immer es war, es musste spektakulär sein.

Jeder in der Stadt hasste Bowen Enterprises und alles, wofür das Unternehmen stand. Vor einigen Monaten hatte die Firmenleitung Pläne für ein ungeheuer protziges Resort am See vorgelegt.

Der Stadtrat hatte ihren Antrag auf Änderung des Flächennutzungsplans abgelehnt und sich geweigert, eine Baugenehmigung zu erteilen.

Mr Bowen war nicht glücklich darüber gewesen, aber seit einigen Wochen hatten sie nichts mehr von ihm gehört.

Anscheinend war jetzt Zeit für Runde zwei.

Brett Newcomb schob die Tür zum einzigen Hotel in Sweetheart auf – wenn man es denn ein Hotel nennen konnte. Briarwood Inn war eher eine bessere Frühstückspension. Mit etwas über zwanzig Zimmern zwar größer als die meisten Pensionen, in denen er übernachtet hatte, aber eindeutig nicht groß genug, um den Touristenstrom während der Hauptsaison in Sweetheart aufnehmen zu können.

Was der Grund für seine Anwesenheit war. Sweethearts Einwohner mochten noch nicht erkennen, weshalb sie ihn brauchten – nun, weshalb sie Bowen Enterprises, das Unternehmen, für das er arbeitete, brauchten –, doch sie würden es noch begreifen.

Er musste zugeben, wenn auch ein wenig widerstrebend, dass das Haus einen gewissen altmodischen Charme hatte, der zu der Stadt passte. Das Zimmer war groß und gemütlich. Einladend auf eine Art, wie die meisten Hotelzimmer es nie ganz erreichten. Und er musste es wissen. Seit sechs Jahren entwarf er Hotel- und Geschäftsgebäude.

Der Raum war mit zusammengewürfelten Möbeln eingerichtet, die gepflegt, aber zugleich abgenutzt aussahen. Als Gast hatte man eher das Gefühl, bei lange verschollenen Verwandten zu Besuch zu sein, statt in einem Haus, das schon zahllosen Fremden Unterkunft geboten hatte.

Und während das bei einigen gut ankommen mochte, hatte Bowen vor, in dieser Gegend eine sinnliche Oase zu errichten, in der Liebespaare und Hochzeitsreisende sich verwöhnen lassen konnten.

In den vergangenen zwanzig Jahren hatte Sweetheart sich den Ruf eines beschaulichen, romantischen Ausflugsorts erworben. Nach der Stilllegung der hiesigen Textilfabrik hatte ein großer Teil der Einwohner, plötzlich arbeitslos, eine Marketingstrategie auf den Namen der Stadt aufgebaut. Und sie hatten es gut gemacht.

Berühmt war Amors Festival im Februar. Im Frühling und Sommer wurde der Pavillon im Stadtpark am laufenden Band für Hochzeiten gebucht. Die Geschäfte waren für ihren ausgezeichneten, persönlichen Service bekannt.

Das Problem war, dass die wachsenden Touristenströme die Kapazitäten der Stadt überstiegen. Das war die Stelle, an der Brett und Bowen auf den Plan traten – mit einer riesigen Hotelanlage einschließlich Feinschmeckerrestaurants, Spa, Fitnessstudios, Pools und Hot Tubs. Einiges von dem, was sein Boss sich vorstellte, mochte ein wenig protzig sein, aber sie befanden sich immer noch in der Entwicklungsphase und hatten viel Zeit, die Pläne zu überarbeiten.

Brett stellte den Kuchenkarton mit dem rot-weißen Stoffband darum auf die Kommode und strich über die Schleife. Sie erinnerte ihn an die Schürze der Frau, die ihm den Kuchen verkauft hatte.

Unwillkürlich spannte sich jeder Muskel in seinem Körper an. Die Frau war schön und verwirrend. Er hatte Lust, sie aus all dem Rot und Weiß herauszuschälen. Vielleicht würde sein Aufenthalt in Sweetheart doch nicht nur unangenehm sein. Brett rechnete damit, wochenlang Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, ehe die Stadt einsah, dass der Bau eines Resorts eine gute Idee war.

Das kleine Hotel, in dem er abgestiegen war, lieferte ihm den Beweis, dass er recht hatte. Der Stadt entgingen eine Menge Einnahmen, auch wenn es niemandem aufzufallen oder zu kümmern schien. Wenigstens noch nicht. Er hatte vor, auf diesen Punkt hinzuweisen. Vielleicht würde er sein Vorhaben, die Geschäftsleute auf seine Seite zu ziehen, beim „Sugar & Spice“ beginnen.

Allerdings nicht heute Abend. Heute Abend musste er sich auf das Dinner mit dem Bürgermeister konzentrieren. Die Einladung hatte ihn überrascht. Er hatte keine Ahnung, welche Hintergedanken Bürgermeister Harper hatte, doch er wusste, dass es sie gab.

Es gab immer welche.

Die Stadt brauchte das Resort, das Bowen bauen wollte. Und trotz seiner eigenen Vorbehalte gegen das Projekt würde Brett sich dafür einsetzen – und bei Erfolg einen satten Bonus kassieren. Einen Bonus, den er dringend benötigte, um sich von Bowen Enterprises lösen zu können.

Als er vor fast zehn Jahren als Praktikant in dem Unternehmen angefangen hatte, war er beeindruckt gewesen, wie sein Boss es geschafft hatte, sich vom Bauarbeiter zum Kopf eines millionenschweren Immobilienimperiums hochzuarbeiten. Er hatte sich ihn zum Vorbild genommen – bis er den Mann richtig kennengelernt hatte.

Oh, Brett wusste gewiefte Geschäfte durchaus zu schätzen. Einen Dollar auszugeben, nur um ihn auszugeben, war sinnlos. Allerdings hatte es nichts mit Sparsamkeit zu tun, wissentlich mangelhaftes Material einzukaufen. Alles mit der Absicht, das minderwertige Endprodukt teuer an ahnungslose Interessenten zu veräußern, lange bevor sich Risse im Gemäuer zeigten.

Das Problem war, dass sein Boss nicht direkt etwas Illegales tat. Etwas Unmoralisches? Sicher. Doch er konnte kaum etwas dagegen tun.

Außer aussteigen.

Aber er hatte einen Plan. Er wollte sein eigenes Architekturbüro gründen. Seine Mutter könnte das Sekretariat übernehmen. Hunter, sein kleiner Bruder, der Elektrotechnik studierte, könnte ebenfalls mit einsteigen.

Doch das war leichter gesagt als getan. Die Summe, die man brauchte, um eine Firma zu gründen, war unglaublich hoch. Kunden, die heute ein Design-Team engagierten, erwarteten ein gewisses Image. Dazu gehörten schicke Geschäftsräume mit teurem Mobiliar. Hochwertige technische Ausstattung. Allein die geschätzten Versicherungsbeiträge und Kreditkosten hatten ihm fast das Herz stehen bleiben lassen.

Aber mit dem Bonus … Mit dieser Summe würde er die magische Grenze zum Schritt in die Selbstständigkeit überschreiten.

Deshalb würde er zu jedem Mittel greifen, um das Projekt in Sweetheart durchzusetzen. Nichts sollte ihm dabei im Weg stehen.

2. KAPITEL

Lexi balancierte die Kristallschale mit einer raffinierten Schokoladencreme auf den Händen. Von einem Fuß auf den anderen hüpfend, schlüpfte sie in die High Heels, die sie sich von Willow geliehen hatte. Zugleich wünschte sie, dass sie eine Hand frei hätte, um am Saum des ebenfalls geliehenen Kleides zu ziehen. Es war ein wenig zu kurz, aber sie konnte dennoch von Glück sagen, dass eine ihrer besten Freundinnen zufällig eine Boutique für Braut- und Abendmode besaß.

Das schlichte schwarze Cocktailkleid war ein wenig übertrieben für ein Dinner bei ihren Eltern, doch Bettler durften nicht wählerisch sein. Wenigstens war es nicht mit Strass verziert. Lexi hatte gegen alles, das glitzerte, ein Veto eingelegt.

Die zehn Zentimeter hohen roten High Heels waren schlimm genug, aber Willow hatte darauf bestanden. Als Farbtupfer. Lexi kam es nicht auf Farbe, sondern auf Komfort an, und die Dinger waren einfach verdammt unbequem. Doch zum eleganten Kleid konnte sie schlecht ihre schokoladenbefleckten Laufschuhe tragen.

Sie stieß die Tür ihres SUV mit der Hüfte zu. Der Vorhang an einem der Fenster an der Vorderseite des Hauses bewegte sich. Wahrscheinlich wartete Mama bereits ungeduldig auf sie, denn sie hatte sich fünfzehn Minuten verspätet.

Noch während sie mit ihren Sachen jonglierte, um nach dem Türknauf greifen zu können, flog die Seitentür auf. „Da bist du ja, Schätzchen. Ich hatte schon angefangen, mir Sorgen zu machen.“

Ohne ihr die Chance zu geben, ihre Sachen neu auszubalancieren, zog ihre Mutter sie ins Haus.

„Mom, warte“, bat Lexi, aber ihre Mutter beachtete es nicht.

Die Tür schlug hinter ihnen zu. Der Riemen von Lexis Handtasche glitt von ihrer Schulter und blieb an ihrem Ellbogengelenk hängen. Die neuen Schuhe drückten, und Lexi geriet ins Taumeln. Sie versuchte, gleichzeitig ihr Gleichgewicht und die Schüssel zu halten, doch sie hatte nicht genügend Hände. Eines von beiden ging verloren.

Leider war es das Dessert.

Die Schüssel krachte auf den Fußboden und zersplitterte. Schokomousse, Brownie-Stückchen, Schlagsahne und Kristallscherben spritzten in alle Richtungen.

Lexi fing sich am Küchentresen ab, vornübergebeugt, sodass sie direkt auf ein glänzendes Paar Herrenschuhe sah – garniert mit Karamellsauce und gehackten Pekannüssen. Eine einzelne Kirsche lag auf der Spitze des linken Exemplars.

Ihre Mutter stöhnte. Ihren Vater hörte sie hinter sich unterdrückt lachen.

Langsam glitt ihr Blick hoch an der feinen Stoffhose, die jetzt bedeckt war von einer Mischung klebriger Substanzen, die vermutlich niemals rausgehen würden. Verdammt, von einem Knie lief sogar Karamell herunter. Große Hände hingen neben schmalen Hüften. Ein dunkelgraues Hemd spannte sich über einer breiten Brust.

Lexi schluckte schwer und seufzte innerlich. Sie hätte es besser wissen müssen, als solch hohe Absätze zu tragen. Auch ohne dass sie den Abstand zwischen ihren Fußsohlen und dem Boden verringerte, war sie eine wandelnde Katastrophe.

Aber ihre Entschuldigung erstarb auf ihren Lippen, als sie in kühle blaue Augen blickte.

„Sie“, hauchte sie, weil ihr einfach nichts anderes einfiel.

„Brett Newcomb, das ist meine Tochter Lexi“, stellte ihr Vater sie trocken vor.

Sie blinzelte und bekämpfte den Drang, schreiend aus dem Raum zu laufen. So hatte sie als Kind auf diese Art von peinlichen Situationen reagiert, in die sie immer wieder stolperte.

Sie presste die Lippen zusammen, richtete sich auf und schnappte sich ein Tuch vom Küchentresen.

„Es tut mir so leid“, sagte sie mit klarer Stimme, als sie sich hinhockte, um zu versuchen, das Malheur zu beseitigen.

Er ging ebenfalls in die Knie, was ihre Hände erstarren ließ. „Kein Grund zur Sorge.“ Seine dunkle Stimme vibrierte leicht. „Es ist nur schade um die Schokolade.“

Seine Augen funkelten wie die winzigen Scherben in der klebrigen Masse auf seinen Schuhen. Er lachte sie aus, obwohl er nicht einmal die Lippen verzog.

Lexi ließ sich nicht gern auslachen. Sie war als Kind oft genug Zielscheibe des Spottes anderer Leute gewesen.

„Machen Sie sich über mich lustig?“

„Keineswegs.“ Es zuckte um seine Mundwinkel. Sie glaubte ihm nicht. Leise fluchend warf sie das Tuch hin und stand auf.

„Alexis Harper …“ Der warnende Tonfall ihrer Mutter war unmissverständlich.

Sofort bereute Lexi ihr Verhalten. Es war ungezogen, und außerdem war das Schlamassel ihre Schuld. Aber er hatte unwissentlich einen tief sitzenden wunden Punkt berührt.

„Es tut mir so leid, Brett.“ Ihre Mom bemühte sich um Schadensbegrenzung. „Schatz, kannst du mir bitte Handfeger und Schaufel holen?“

Sie bückte sich, um den Dreck aufzuwischen. „Lassen Sie mich Ihre Hose und Socken gleich in die Waschmaschine geben. Wir finden bestimmt etwas für Sie, das Sie anziehen können, bis Ihre Sachen trocken sind.“

Oh, verdammt, dachte Lexi. Das war genau das, was ihr noch fehlte – dass dieser Mann halb nackt in ihrer Nähe herumspazierte. Ihr Körper spielte ohnehin schon verrückt.

Und Brett hatte immer noch nicht den Blick von ihr abgewandt.

Hitze durchströmte sie, verspätete Reue und etwas viel Schlimmeres.

Er hielt die Hände ihrer Mutter fest. „Passen Sie auf, Mrs Harper, ich möchte nicht, dass Sie sich schneiden. Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Es ist nichts, was sich nicht mit einem feuchten Tuch in Ordnung bringen lässt.“

Aus der Hocke schaute er zu Lexi hoch. Tief in dem kühlen Blau seiner Augen flackerte es heiß auf. „Wie gut, dass ich den Kuchen gekauft habe.“

Zu sagen, dass er geschockt gewesen war, die Frau aus dem Sugar & Spice in der Einfahrt der Harpers aus dem Wagen steigen zu sehen, wäre eine Untertreibung. Nun, der Schock rührte hauptsächlich daher, dass sie ein kurzes schwarzes Kleid statt einer karierten Schürze trug.

Das lange blonde Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, hing lockig über ihren Rücken. Fasziniert hatte er beobachtet, wie sie von einem Fuß auf den anderen gehüpft war, um in ihre High Heels zu schlüpfen. Seine Reaktion hatte ihn selbst überrascht. Eine Frau beim Anziehen zu beobachten hatte ihn vorher noch nie gefesselt.

Aber bei dieser war es anders. Das kleine Schwarze vermittelte eine Ahnung davon, was unter der Pfirsichhaut und dem Schokoladenduft verborgen sein mochte.

Brett stand auf und zog Mrs Harper mit sich hoch. „Es ist alles okay, Mrs Harper. Wirklich.“

Er nahm ihrem Mann den Handfeger ab und fing an, das Schlamassel zusammenzufegen. Es dauerte ein paar Momente, ehe er merkte, dass die anderen drei Personen ihn anstarrten. Lexis Blick wurde von einem Stirnrunzeln begleitet.

„Was ist?“

„Sie sind Gast in unserem Haus, Mr Newcomb.“

„Brett.“

„Brett. Warum kümmern Sie sich um Dreck, für den Sie nichts können?“

Er zuckte mit den Schultern. „Weil es gemacht werden muss, ich schon mittendrin stehe und es keinen Grund gibt, weshalb sich noch jemand die Schuhe ruinieren sollte.“

Bürgermeister Harper neigte den Kopf, seine Frau lächelte hingerissen.

Sie nahm ihm den Feger aus der Hand und befahl ihm, die Schuhe auszuziehen, ehe sie ihm ein feuchtes Tuch gab und ihn ins Esszimmer scheuchte.

Lexi folgte ihm, aber aus der zögernden Art, wie sie den Raum betrat, schloss er, dass sie nicht bei ihm sein wollte.

Von der Küche her hörte er das leise Murmeln ihrer Eltern.

Lexi ging zur antiken Anrichte – besaß denn jeder in dieser Stadt Antiquitäten? – und goss ein Glas Wein ein. Schweigend reichte sie es ihm, und er nahm es dankend an. Es war ein willkommener Vorwand, sich ihr zu nähern.

Sie schenkte auch sich Wein ein und führte das Glas an ihre Lippen. Während sie schluckte, konnte Brett nicht den Blick von ihrem langen Hals lösen. Er fragte sich, wie ihre Haut wohl schmecken mochte.

„Warum sind Sie in meinen Laden gekommen?“

Er schaute in ihre dunkelbraunen Augen, die ihn vorsichtig beobachteten. „Weil ich einen Kuchen brauchte.“

„Wussten Sie, dass ich die Inhaberin bin?“

„Nein.“

Sie presste die Lippen zusammen und schien etwas in seinem Blick zu suchen, doch er hatte keine Ahnung, ob sie es fand oder nicht. Jedenfalls wirkte sie nicht glücklich.

„Sie hatten keinen Schimmer, wer ich bin, als Sie mit mir flirteten?“

„Ich habe mit Ihnen geflirtet?“

Streng musterte sie ihn. Statt sich eingeschüchtert zu fühlen, verspürte er den Drang, zu lachen. Nicht etwa, weil er glaubte, dass sie scherzte, sondern weil er sich amüsierte.

Es war lange her, dass er sich verbal mit einer Frau gemessen hatte.

Aber es gelang ihm, sich zu beherrschen. „Nein. Ich hatte keine Ahnung, wer Sie sind. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es etwas geändert hätte. Sie sind schön.“

Sie schnaubte spöttisch, was ihn überraschte. Die Frauen, mit denen er sonst verkehrte, wussten genau, wie verführerisch sie waren und hatten keine Scheu, ihre Reize einzusetzen, um zu bekommen, was sie wollten. Bisher hatte ihn das nie gestört.

Er war für klare Verhältnisse. Dinge, die durchschaubar waren.

Dass Lexi sich ihrer Wirkung nicht bewusst war, mochte er nicht ganz glauben. Er hielt es für wahrscheinlicher, dass ihre Selbstironie einen Teil der Wirkung ausmachte.

Zumindest funktionierte es.

Brett hatte nicht vorgehabt, sie zu berühren, dennoch ertappte er sich dabei, wie er eine ihrer Locken durch seine Finger zog. Lexi zuckte zurück, wobei sie sich mit einem Absatz in den Teppichfransen verfing. Ehe Brett sie stützen konnte, fand sie das Gleichgewicht wieder.

Voller Abscheu sah sie auf die roten High Heels herunter, kickte sie von ihren Füßen und stieß sie in eine Ecke.

Erleichtert seufzend krallte sie ihre nackten Zehen in die Noppen des Läufers und schloss die Augen. „Gott sei Dank.“

Ihm stockte der Atem. Doch bevor er irgendetwas tun konnte, kamen Lexis Eltern mit gefüllten Tellern aus der Küche herein und baten zum Essen.

Brett versuchte zu ignorieren, dass seine schmutzige Hose unangenehm an seinen Beinen klebte. Da er vorerst nichts daran ändern konnte, konzentrierte er sich darauf, ein guter Gast zu sein und sich am Small Talk zu beteiligen. Was ihm nicht leichtfiel, da seine Gedanken immer wieder zu der Frau schweiften, die ihm gegenübersaß.

Brücken bauen. Freundschaften schließen. Das war der erste Schritt in seinem Plan, das Blatt zu Bowens Gunsten zu wenden.

Die meiste Zeit blieb Lexi still. Nur selten schaute sie von ihrem Teller hoch. Sie aß etwas vom Schmorbraten, ließ das Kartoffelpüree völlig beiseite und hielt sich hauptsächlich an das gebratene Gemüse: Kürbis, Karotten, Zucchini und Auberginen.

Sie waren halb durch den Hauptgang, als der Bürgermeister endlich zur Sache kam. „Es tut mir leid, dass Sie die Reise von Pennsylvania hierher ganz umsonst gemacht haben. Die Stadt ist wirklich nicht interessiert an der Hotelanlage, die Sie bauen wollen.“

„Genau deshalb war es notwendig, dass ich komme. Ich bin hier, um zu verhandeln. Um zu erfahren, was wir tun können, um Ihre Meinung zu ändern.“

„Einen neuen Architekten zu engagieren wäre ein guter Anfang“, warf Lexi mit sanfter Stimme ein.

Brett lag eine spitze Erwiderung auf der Zunge, aber ihm war klar, dass ihn das nicht weiterbringen würde. Er knirschte mit den Zähnen.

„Die Pläne sind grauenhaft“, fügte sie hinzu.

Das allerdings konnte er nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen.

„Grauenhaft? Ich wusste nicht, dass Sie nicht nur Bäckerin, sondern auch Architektin sind, Miss Harper. Erstaunlich für jemanden, der noch so jung ist.“

Ihre braunen Augen funkelten gefährlich. Doch das war ihm egal. Sie hatte ihn und seine Arbeit beleidigt.

„Ich brauche keine Architektin zu sein, um zu erkennen, dass derjenige, der die Pläne für das Resort gezeichnet hat, sich nicht die Mühe gemacht hat, zu recherchieren. Unser Markenzeichen ist romantische Idylle, keine Stripperstange.“

Ihre Mom schnappte nach Luft. „Lexi!“

„Was?“, fragte Lexi scheinheilig. „Er wollte es wissen.“

Sorgfältig legte Brett sein Besteck auf den Teller, verschränkte die Arme auf dem Tisch und lehnte sich vor. Lexi sah ihn herausfordernd an. Er hatte keine Ahnung, was der Grund für ihre plötzliche Verachtung war. Nein, das stimmte nicht. Jeder in Sweetheart, dem sie die Pläne vorgelegt hatten, hatte auf diese Art reagiert.

Wenn er selbst zu hundert Prozent glücklich mit dem Entwurf gewesen wäre, dann wäre er vielleicht nicht sofort in Abwehr­stellung gegangen. Doch er war nicht glücklich damit. Leider gab es nicht viel, was er daran ändern konnte. Wenigstens noch nicht.

Die Luft knisterte vor Spannung. Mit warnender Stimme erklärte er: „Ich bin der Architekt dieses Projekts, Miss Harper.“

Lexis Augen wurden groß. „Dann sollten Sie vielleicht ans Zeichenbrett zurückkehren, Mr Newcomb, denn die Pläne sind Mist.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, stand sie auf. „Verzeihen Sie, dass ich schon gehe, aber ich muss morgen früh raus.“ Sie durchbohrte ihn mit einem scharfen Blick. „Um Kuchen zu backen.“ Sie ging um den Tisch, drückte zuerst ihrem Dad und dann ihrer Mom einen Kuss auf die Wange.

Auf dem Weg hinaus hob sie ihre Pumps auf und drehte sich noch einmal kurz um. „Es tut mir leid wegen Ihrer Schuhe.“

Brett hatte große Zweifel, dass sie es ernst meinte.

Eine Stunde später waren Bretts Hosenbeine steif von getrockneter Schokolade. Seine Schuhe würden nie wieder dieselben sein. Verdammt, sogar seine Zehen waren klebrig.

Brett verzog das Gesicht, als er das kleine Hotel betrat. Nur schnell raus aus den Sachen, dachte er.

Genau in diesem Moment steckte Mrs McKinnon den Kopf zur Bürotür heraus. „Oh, Sie sind zurück.“ Prüfend musterte sie ihn von oben bis unten. Ihrem strengen Blick entging nichts.

„Was haben Sie denn gemacht?“ Sie kam heraus, stemmte die Fäuste an die Hüften und sah ihn missbilligend an. Er schätzte sie auf Ende sechzig, und soweit er es beurteilen konnte, führte sie das Haus ganz allein.

„Nichts.“

„Das ist nicht nichts.“ Sie zeigte auf seine Füße. „Die Schuhe sind hin.“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Sie können von Glück sagen, wenn die Hose zu retten ist. Ziehen Sie sie aus.“

Brett blinzelte. „Wie bitte?“

„Ziehen Sie sie aus.“ Sie schnippte mit den Fingern. „Bis morgen früh habe ich sie gewaschen und gebügelt.“

Es war bereits nach neun Uhr abends. „Die muss in die Reinigung.“

„Sie halten mich nicht für fähig, mich um eine einzige Hose zu kümmern?“

„Nein“, protestierte er hastig. „Aber ich werde meine Hose nicht mitten in Ihrem Foyer ausziehen, Mrs McKinnon.“

„Ach, du liebe Güte, warum denn nicht? Ich werde Ihnen schon nichts abgucken.“ Um ihre Lippen zuckte es und ihr faltiges Gesicht zerfurchte sich noch mehr. „Außerdem möchte ich nicht, dass Sie durch mein schönes sauberes Haus marschieren und dabei Gott weiß was für Spuren hinterlassen.“

„Die Schokolade ist trocken.“

„Schokolade?“ Sie kniff die Augen zusammen. „Wie haben Sie Schokolade über die Hose bekommen?“

Brett gab es auf. Eigentlich hatte er den Vorfall für sich behalten wollen, denn Lexi dem Gerede auszusetzen war sicher nicht der beste Weg, Punkte bei ihr – oder dem Bürgermeister – zu machen. Doch sie vor Klatsch zu schützen war es nicht wert, sich mit Mrs McKinnon zu streiten.

„Lexi Harper hat eine Schüssel mit Schokoladencreme auf meine Füße fallen lassen.“

Mrs McKinnon brach in schallendes Gelächter aus. „Köstlich. Daran werden sie ihren Spaß haben.“

„Wer?“, fragte er verständnislos.

Sie schüttelte den Kopf. „Alle.“ Auffordernd streckte sie die Hand aus. „Geben Sie sie her.“

Brett hatte nicht die Absicht, seine Hose mitten im Foyer auszuziehen. Aber Mrs McKinnon versperrte ihm den Weg zu seinem Zimmer und ließ keinen Zweifel daran, dass sie notfalls die ganze Nacht dort stehen bleiben würde.

Ergeben kickte er die Schuhe von den Füßen und öffnete den Reißverschluss. Er hüpfte auf einem Bein, um die Hose auszuziehen, und musste unwillkürlich daran denken, wie Lexi an diesem Abend das Gleiche getan hatte, als sie in ihre High Heels geschlüpft war.

Entschlossen verdrängte er das Bild. Er faltete die Hose zusammen, reichte sie Mrs McKinnon und wollte an ihr vorbeigehen. Ihre harte Stimme stoppte ihn. „Die Socken auch.“

Seufzend zog er sie aus und legte sie auf den Stapel in ihren Händen.

„Lassen Sie die Schuhe vor der Zimmertür stehen. Ich will mal sehen, ob man sie noch retten kann.“

„Sie müssen nicht …“

Sie unterbrach ihn. „Ich kümmere mich um meine Gäste, Mr Newcomb, selbst wenn Sie hier sind, um mich aus dem Geschäft zu drängen.“

„Das habe ich nicht vor, Mrs McKinnon.“

Ihr scharfer Blick schweifte noch einmal von Kopf bis Fuß über ihn. Brett bekämpfte den Drang, sich mit den Händen zu bedecken. Die Boxershorts verhüllten definitiv nicht genug.

„Wenn Sie das sagen“, meinte sie schließlich und gab den Weg frei.

Die ganze Zeit, während er durch den Flur und nach oben ging, spürte Brett ihren Blick auf seinem Hintern. Vielleicht waren aber auch nur seine Nerven überreizt.

Er hatte einen verdammt harten Tag hinter sich. Die Reise von Philadelphia hierher, das Treffen mit Bürgermeister Harper, das Dinner bei den Harpers zu Hause. Er wollte nur noch ins Bett fallen und für die nächsten paar Stunden alles vergessen.

Doch kaum hatte er sein Zimmer betreten, da klingelte sein Handy. Er schaute aufs Display und unterdrückte einen Fluch.

„Mr Bowen.“

„Wie war das Dinner mit dem Bürgermeister? Sagen Sie mir, dass wir bekommen haben, was wir wollten, und dass Sie auf dem Rückweg sind.“

Brett stieß die Tür hinter sich zu und drückte das Telefon mit einer Hand an sein Ohr, während er mit der anderen in seinem Koffer kramte.

Nach all den Demütigungen, die er an diesem Abend hatte ertragen müssen, sollte es ihm nichts ausmachen, in Unterhose mit seinem Chef zu telefonieren, aber es störte ihn. Rasch zog er sich eine Jogginghose über.

„Nein, leider nicht.“

„Was? Sie hatten die perfekte Gelegenheit, den Bürgermeister auf unsere Seite zu ziehen, Newcomb.“

„Das ist nichts, was man an einem Abend erreichen kann, Mr Bowen, und das wissen Sie. Es wird noch einige Gespräche erfordern. Kompromissbereitschaft.“

Es hörte sich so an, als ob Mr Bowen mit der Faust auf den Tisch schlug. „Verdammt! Ich muss dieses Projekt genehmigt kriegen, Newcomb. Je eher, desto besser.“

„Ich gehe so zügig vor, wie ich kann.“

Das Knurren, das daraufhin erklang, war voller Zweifel. „Was haben Sie als Nächstes vor?“

Brett presste die Augen zu und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Er hatte noch nicht über den Abend hinausgedacht, denn er war dafür, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Man baute keine Mauern, bevor nicht das Fundament gegossen war.

„Ich brauche noch ein Treffen mit dem Bürgermeister.“ Wobei er sich nach dem heutigen Abend nicht sicher war, ob Mr Harper überhaupt dazu bereit wäre.

Mr Bowen musste das Zögern in seiner Stimme gespürt haben. „Sie glauben nicht, dass es etwas nützen wird.“

„Nicht wirklich.“

Ein unwilliges Murren war zu hören. „Benutzen Sie die Tochter.“

„Wie bitte?“

„Benutzen Sie die Tochter. Ich habe Fotos von ihr gesehen. Sie ist recht hübsch. Tun Sie das, worin Sie gut sind, Newcomb. Flirten Sie mit ihr. Machen Sie sich an sie ran. Verdammt, tun Sie, was immer nötig ist, um sie weich zu stimmen. Ich kenne diese Südstaaten-Mädchen. Sie wickeln ihren Daddy um den kleinen Finger. Wenn der Bürgermeister nicht auf Argumente hört, packen Sie ihn von einer anderen Seite an.“

Brett atmete scharf ein.

Lexi Harper war ein leidenschaftlicher kleiner Hitzkopf. Mit den springenden blonden Locken, dem großen Mund und den Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken wirkte sie auf den ersten Blick lieb und niedlich, aber sie hatte kein Problem, ihn in seine Schranken zu weisen. Selbst jetzt kochte er noch vor Wut, wenn er sich an ihren verächtlichen Gesichtsausdruck erinnerte, als sie seine Arbeit grauenhaft genannt hatte.

Er verspürte den unerklärlichen Drang, ihr zu beweisen, dass sie sich irrte.

„Ich habe Informationen über sie zusammengestellt – und jeden anderen, der uns meiner Meinung nach nützlich sein könnte. Ich schicke Ihnen das Material noch heute Abend per Kurier, damit Sie es morgen haben.“

Brett zögerte. Und wie immer schien Mr Bowen seine Schwäche zu spüren, bevor Brett sie sich selbst eingestand.

„Vergessen Sie nicht den netten kleinen Bonus, Newcomb. Fünfzigtausend sind Kleingeld für mich, aber Ihre Freundin dürfte es beeindrucken.“

Brett machte sich nicht die Mühe, Mr Bowen zu erklären, dass er und Michelle sich bereits vor Monaten getrennt hatten. Es war besser für ihn, wenn sein Chef glaubte, dass er das Geld für einen Luxusurlaub oder einen Diamantring ausgeben wollte. Denn sollte er merken, dass Brett vorhatte, zu kündigen, um …

Er brauchte diesen Bonus. Er musste das Projekt durchboxen.

„Die Tochter, Newcomb. Benutzen Sie sie.“

Sosehr Brett es hasste, es zuzugeben, Bowen hatte recht. Lexi hatte einen besonderen Draht zu ihrem Vater.

„Ich gebe Ihnen eine Woche. Für jeden weiteren Tag ziehe ich Ihnen etwas von dem Bonus ab.“

Bretts Wangenmuskeln zuckten. Es sollte ihn nicht überraschen, dass sein Boss mitten im Spiel die Regeln änderte. Doch er war auf das Geld angewiesen.

„Ich werde tun, was ich kann.“

3. KAPITEL

„Oh mein Gott, weißt du, wer in der Stadt ist?“ Hope platzte durch die Hintertür in die Küche. Lexi zuckte nicht einmal zusammen. Da der Hintereingang vom „Sweetheart Sentinel“ direkt gegenüber vom Sugar & Spice lag, waren Hopes Stippvisiten an der Tagesordnung.

Ihre künftige Schwägerin arbeitete als Journalistin für die Lokalzeitung. Die beiden Frauen waren seit ihrer Kindheit befreundet, weshalb Lexi begeistert gewesen war, als Hope sich in Gage verliebt hatte.

Während sie die Portion Karamell, die auf dem Herd einkochte, im Auge behielt, zog sie eine Dose Brownies unter dem Arbeitstresen hervor und reichte sie Hope.

Ihre Freundin seufzte erleichtert und sank auf einen Stuhl am kleinen Tisch in der Ecke. Als sie die Keksdose aufmachte, erfüllte der verführerische Duft von Schokolade die Luft.

„Weißt du, wer in der Stadt ist?“, fragte Hope wieder, diesmal mit vollem Mund.

Lexi zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, vielleicht nicht.“ Woher sollte sie es wissen, bevor Hope es ihr erzählte? Es war zwar keine Hochsaison, aber es kamen ständig Touristen in die Stadt. Unter ihnen auch einige Berühmtheiten. Erst letzten Monat war ein junges Starlet aus Hollywood angereist, um sich von Willow ein Hochzeitskleid entwerfen zu lassen.

„Erica hat heute Morgen mit Mrs McKinnon gesprochen. Anscheinend hat der Typ, der das Stück Land am See bebauen will, einen Vertreter zur Stadtversammlung heute Abend geschickt.“

Eine Hitzewelle durchströmte Lexi. Vor Scham, redete sie sich ein. Sie hatte Schokoladenmousse auf seine Schuhe fallen lassen. Und ihm gesagt, dass seine Arbeit Mist war. Sie hatte das Haus ihrer Eltern mit selbstgerechter Empörung verlassen, ein Gefühl, das so lange angehalten hatte, bis sie ihren Kopf aufs Kissen gelegt hatte, um zu schlafen.

Jedoch hatten Gewissensbisse sie keine Ruhe finden lassen. Herrje, sie hatte Schokoladenmousse auf seine Schuhe fallen lassen und ihm gesagt, dass seine Arbeit Mist war.

Hope kicherte. „Als er gestern Abend in die Pension kam, soll seine Hose völlig verdreckt gewesen sein. Mrs McKinnon hat ihn gezwungen, sie mitten im Foyer auszuziehen.“

„Das hat sie nicht“, hauchte Lexi.

Hope grinste breit. „Oh doch, das hat sie. Und konnte es nicht abwarten, über jedes intime Detail, auf das sie einen Blick erheischen konnte, zu tratschen.“

Lexi keuchte. Sie wusste nicht, ob sie sich mit ihm schämen und sich schuldig fühlen oder Schadenfreude empfinden sollte. Schlussendlich gewannen Scham und Schuldgefühle. Schließlich war es ihr Dessert, das ihn überhaupt erst in diese Situation gebracht hatte.

„Also … ich bin diejenige, die seine Hose ruiniert hat.“

„Was?“ Ruckartig richtete Hope sich auf. „Wie? Und warum zum Teufel hast du mich nicht angerufen?“

„Dad hatte ihn zum Dinner eingeladen. Mom bat mich, ein Dessert mitzubringen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin gestolpert und hab die Schüssel auf seine Füße fallen lassen.“

„Du hast was?“, fragte Hope atemlos.

Lexi schloss kurz die Augen. Sie erinnerte sich genau an den Moment, in dem ihr die Schale aus den Händen geglitten war. Es spielte sich wie in Zeitlupe in ihrem Kopf ab. Immer wieder fragte sie sich, ob sie die Schüssel – und die Schokoladencreme – hätte retten können. „Nichts.“

„Oh nein, von wegen.“ Hope durchquerte die Küche und lehnte sich an den Tresen. „Was hast du auf seine Füße fallen lassen?“

„Eine Schale mit Schokoladenmousse.“

„Das hast du nicht.“

Lexi sah ihre Freundin an. „Doch, das habe ich.“

Vor Entsetzen wurden Hopes Augen rund, aber ihre Lippen zitterten, so als ob sie mühsam ein herzhaftes Lachen unterdrückte. „Mit Absicht oder aus Versehen?“

„Aus Versehen.“

Hope schüttelte den Kopf.

„Wenn ich sie später noch gehabt hätte, hätte ich es wahrscheinlich mit Absicht getan.“

„So schlimm?“

Lexi verzog das Gesicht und setzte sich auf den Stuhl, den Hope gerade frei gemacht hatte. „Er kam in den Laden, und ich habe ihm einen Kuchen verkauft. Ich hatte ja keine Ahnung, wer er war. Er behauptet, dass er nicht wusste, dass ich die Tochter des Bürgermeisters bin, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm glaube.“

„Warum?“

Lexi warf ihrer Freundin einen bedeutungsvollen Blick zu. „Vielleicht, weil ich gewisse Erfahrungen gemacht habe mit Männern, die angeblich zufällig in mein Geschäft kommen? Der letzte hat mich nur als Mittel zum Zweck benutzt. Möglich, dass dieser Mann dasselbe vorhat.“

Vor einigen Monaten hatte ein Reporter vom „Atlanta Courier“ sich an sie herangemacht. Brandon hatte sich als Krankenpfleger ausgegeben und sie verführt, um sie raffiniert über ihren Bruder Gage und dessen Erfahrungen in Afghanistan auszuhorchen. Er hatte eine Story ergattern wollen, die Gage niemandem liefern wollte – nicht einmal Hope, die er seit Jahren liebte. Zum Glück hatte Lexi keine Einzelheiten gewusst, aber das minderte nicht ihre Schuldgefühle und Selbstvorwürfe.

Sie hätte wissen müssen, dass Brandon Hintergedanken hatte. Warum sonst sollte ein gut aussehender und charmanter Mann sich für sie interessieren?

Als sie merkte, dass Hope sie scharf musterte, hob sie fragend eine Augenbraue. „Was ist?“

„Ich rieche doch, dass noch mehr hinter dieser Geschichte steckt. Raus damit.“

Mist. Lexi rümpfte die Nase. Sie hätte damit rechnen müssen, dass Hope Lunte witterte. Ihre Chancen, die Vollblutjournalistin von der Fährte abzulenken, waren gleich null. Resigniert seufzend gestand sie: „Wir haben miteinander geflirtet. Bevor ich wusste, wer er war. Aber es hatte nichts zu bedeuten, und ich habe nicht die Absicht, es wieder zu tun. Ich traue ihm nicht.“

„Du traust niemandem.“

„Stimmt.“

Lexi schielte zu der Dose mit den Brownies. Sie hätte gern einen genommen, allerdings nicht wegen ihrer Schwäche für Süßes, sondern um ihren nervösen Magen zu beruhigen.

„Oh, um Himmels willen.“ Hope holte einen Brownie heraus und hielt ihn ihr hin. „Sei einmal böse, Lexi.“

„Nein.“

Hope verdrehte die Augen.

„Dieser Brownie stellt eine Gefahr dar. Wenn ich jetzt gegen die Regeln verstoße, werde ich es in einer Stunde wieder tun. Und morgen. Und nächste Woche. Und ehe du dich versiehst, bin ich wieder das Dickerchen von früher.“

Hope runzelte die Stirn, machte die Keksdose aber trotzdem zu. Lexi war froh über die Solidarität ihrer Freundin, auch wenn diese sie nicht ganz verstand. Sie hatte hart kämpfen müssen, um ihre überflüssigen Pfunde loszuwerden. Einen Rückfall in alte Gewohnheiten wollte sie nicht riskieren.

„Also, nachdem du ihn inzwischen näher kennengelernt hast, was, glaubst du, hat er vor?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher.“

Sie erinnerte sich daran, wie er sie mit seinen eisblauen Augen beobachtet hatte, und ein Schauer rieselte ihr über den Rücken.

„Ich kenne diesen Gesichtsausdruck.“ Hope musterte sie abschätzend. „Du fühlst dich zu ihm hingezogen.“

„Das tue ich nicht“, protestierte Lexi ein wenig zu rasch.

Unter dem scharfen Blick ihrer Freundin hätte sie sich fast gewunden. Und knickte schließlich doch ein.

„Na schön. Er sieht … toll aus. Sexy, auf eine coole, zurückhaltende Art. Wenn man darauf steht.“

„Und das tust du.“

„Nein, das tue ich nicht.“

„Oh doch.“

Lexi ging an den Kühlschrank und nahm sich eine Flasche Wasser heraus. „Okay, vielleicht, wenn er nicht der Feind wäre.“

„Feind ist wohl übertrieben. Er macht nur seinen Job.“

Hope entschuldigte ihn? Sie war ihm noch nicht einmal begegnet. „Auf welcher Seite stehst du eigentlich?“

„Auf deiner“, antwortete ihre Freundin sofort. „Aber möglicherweise bin ich ein wenig objektiver als du.“

„Hope, der Mann ist hier, um einen Schandfleck am Stadtrand zu errichten.“

Hope zuckte mit den Schultern. „Wir wissen beide, dass das nicht passieren wird. Wenigstens nicht so, wie die Dinge gerade liegen. Demnach ist er vielleicht aus einem anderen Grund hier.“

Klar. Um Chaos in ihrem Leben anzurichten.

„Ich finde nur, dass du ihm eine Chance geben solltest.“

Lexi verschluckte sich an ihrem Wasser und starrte ihre Freundin ungläubig an. Hatte Hope das wirklich gerade gesagt?

„Du weißt, was letztes Mal passierte, als ich einem Mann vertraute, der ‚zufällig‘ an meiner Schwelle auftauchte. Ich denke nicht daran, einem völlig Fremden zu vertrauen. Vor allem keinem Mann, von dem wir wissen, dass er hier ist, um Ärger zu machen.“

Hope schüttelte den Kopf. „Was mit Brandon passiert ist, ist nicht deine Schuld, Lexi.“

„Natürlich war es meine Schuld. Ich war blind vor Lust und habe deshalb nicht erkannt, hinter was er wirklich her war.“

„Er war ein hinterhältiger Betrüger und guter Lügner. Er hätte dir alles erzählt, was du hören wolltest.“

„Genau. Ich hätte wissen müssen, dass es zu schön, um wahr zu sein, war. Männer wie Brandon und Brett stehen nicht auf Frauen wie mich.“

Hope zog die Brauen zusammen. „Du meinst intelligente, sympathische, schöne und erfolgreiche Frauen?“

Lexi seufzte. Hope verstand es einfach nicht. Schließlich hatte sie auch nicht ihr ganzes Leben im Schatten eines mächtigen Vaters, einer charmanten Mutter und eines überlebensgroßen Bruders gestanden. Neben ihnen wirkte Lexi nur … normal. Sie war gut. Nicht schlecht, aber nicht herausragend.

„Es spielt keine Rolle. Ich habe ihn beleidigt und seine Schuhe ruiniert. Außerdem bin ich nicht interessiert. Diesmal wird es keine emotionalen Verwicklungen geben. Er ist nur hier, um sein Ziel zu erreichen. Zum Glück habe ich nichts damit zu tun.“

Brett saß im Auto und starrte auf die Mappe vor ihm, die zusammen mit anderen Unterlagen an diesem Morgen per Kurier gekommen war. Bisher hatte er noch keine Zeit gehabt, sich damit zu beschäftigen, weil er sich auf die Stadtversammlung vorbereitet hatte.

Was im Übrigen reine Zeitverschwendung gewesen war.

Der Saal war so gut wie leer gewesen. Nur die Mitglieder des Stadtrats und eine Handvoll Bürger waren zu dem Treffen erschienen. Lexi war nicht darunter.

Vielleicht war es das, was ihn am meisten enttäuscht hatte. Nach ihrem hitzigen Ausbruch beim Dinner hatte er damit gerechnet, dass sie in der ersten Reihe saß, um ihm Kontra zu geben. Er hatte sich sogar auf die Auseinandersetzung gefreut.

Stattdessen musste er sich nun damit begnügen, das Dossier über sie zu lesen. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich die anderen vorzunehmen. Keins davon interessierte ihn.

Je länger er über die Idee, Lexi zu benutzen, nachdachte, desto mehr leuchtete ihm ein, dass es tatsächlich funktionieren könnte. Sie war entschieden gegen das Projekt. Wenn er sie von den Vorteilen überzeugen könnte, würde ihr Vater ihm zuhören müssen. Und wenn er den Bürgermeister überzeugte, würde der Rest des Stadtrats folgen.

Er schlug die Seiten um. Bei der Fülle von detaillierten Informationen über Lexi beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Die Mappe enthielt Kopien ihrer Schulzeugnisse, Fotos aus ihrer Kindheit und sogar persönliche Details wie zum Beispiel, auf welche Art sie ihren Kaffee trank. Brett hatte keine Ahnung, wie Mr Bowen an die Informationen herangekommen war, und wollte es auch gar nicht wissen.

Sein Boss war ein Fiesling, aber mächtig.

Lexi war ein hübsches Kind gewesen, auch wenn sie auf den Bildern oft schüchtern wirkte. Selten sah sie direkt in die Kamera. Doch wenn sie nicht zu merken schien, dass sie fotografiert wurde, lag Leben und Licht in ihrem Blick.

Ein Foto hielt seinen Blick gefangen. Lexi war in eine dicke Winterjacke mit Fellkapuze gewickelt, und hinter ihr ragten schneebedeckte Berggipfel in den Himmel. Es war atemberaubend. Nicht die Landschaft, sondern das Lächeln, der Ausdruck purer Freude, verzauberte ihn.

Etwas sagte ihm, dass Lexi diese Seite selten zeigte. Sie war vorsichtig. Abwartend. Aber hinter der ruhigen Fassade brodelte Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die er unbedingt sehen wollte.

Auch wenn es nicht klug war.

Brett warf das Dossier auf den Beifahrersitz und stieg aus dem Auto. Es war schon spät, doch nach dem Meeting hatte er erst einmal Abstand von der Stadt gebraucht, bevor er etwas tat, das er hinterher bereute. Zum Grundstück am See herauszufahren schien ihm eine gute Idee.

Bis er erkannt hatte, wie weit draußen es lag.

Man könnte ihn mitten im Asphaltdschungel der Großstadt aussetzen, und er hätte keine Probleme, sich zurechtzufinden. Aber die Bäume und der überwältigende Duft von Pinien waren ihm irritierend fremd.

Vorsichtig bahnte er sich den Weg durch das Unterholz. Alles um ihn herum war üppig und grün. Eine Mondsichel lugte durch die Zweige über ihm.

Brett leuchtete mit der Taschenlampe über den ungewohnten Boden.

Das Grundstück war groß, über zweihundert Quadratkilometer, größtenteils unberührt. Der Park am Ende der Straße, in der er aufgewachsen war, war nicht einmal annähernd so groß gewesen, und Brett wäre niemals auf die Idee gekommen, bei Nacht dort herumzuschleichen. Wenigstens nicht ohne Waffe.

Überraschend überkam ihn ein Gefühl von Frieden. Das Quaken von Fröschen vermischte sich mit dem Geräusch von Wasser, das sanft ans Ufer des Sees schwappte. Brett wollte ihn sehen. Von dem Moment an, als Mr Bowen ihm zum ersten Mal Fotos von diesem Ort gezeigt hatte, war er vom See fasziniert gewesen.

Unbeirrt ging er weiter. Als er aus den Schatten der Bäume heraustrat, erheischte er einen ersten Blick auf den See. Es roch nach feuchter Erde. Brett blieb stehen und schaute zum anderen Ufer hinüber.

Es war so … ruhig. Hier konnte er sich jede Menge Spaß für die ganze Familie vorstellen. Spaß, den er selbst nie gehabt hatte.

Er wollte die Landschaft nicht verschandeln, sondern ihre Schönheit hervorheben. Etwas entwerfen, das den Charakter des Ortes unterstrich. Hohe Decken. Wände aus Glas. Naturstein. Grob bearbeitete heimische Hölzer. Rustikal, aber modern.

Er konnte das Gebäude direkt vor sich sehen – nicht, dass es eine Rolle spielte.

Bowen hatte keinen Sinn für diese Vision. Er hatte auf einem Entwurf bestanden, der herausstach, statt sich harmonisch in die natürliche Landschaft einzufügen. Statt dezent und gediegen sollte es protzig und auffallend sein.

Brett ging weiter. Das Geräusch seiner gedämpften Schritte vermischte sich mit anderen Lauten – dem Aufspritzen von Wasser durch einen Fisch, dem Summen eines lästigen Insekts. Die drückende Hitze des Tages hatte sich gelegt, und eine sanfte Sommerbrise streifte seine Haut.

Es war schwer zu sagen, wo genau Bowens Grundstück endete und ein anderes anfing. Brett konnte die Dächer von einigen Hütten und Häusern erkennen. Stege ragten ins Wasser, einige eng zusammen, andere weiter auseinander. Die Grenzen schienen hier draußen zu verschwimmen.

Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe erhellte den Boden vor ihm, doch Brett achtete kaum auf den Weg. Der Anblick des Sees lockte ihn weiter.

Bis Lexis scharfe Stimme ihn erstarren ließ. „Was machen Sie hier?“

4. KAPITEL

Langsam drehte Brett sich um. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er Lexi entdeckte, weil sie im Schatten der Bäume stand. Dennoch spürte sie genau den Moment, in dem er sie sah. Sie fühlte die Wirkung seines Blickes, als er mit ihrem zusammentraf.

Vielleicht hätte sie still bleiben sollen, aber sie war überrascht gewesen, Brett hier draußen zu treffen.

Sie hatte auf ihrer Veranda gestanden und die friedliche Stimmung genossen, als der umherschweifende Strahl einer Taschenlampe im Wald ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Da es in der Urlaubssaison manchmal vorkam, dass Fremde sich dort im Dunkeln verirrten und sich unwissentlich in Gefahr begaben, bewaffnete sie sich mit ihrer eigenen Taschenlampe und ihrer Pistole und ging nachschauen.

Am allerwenigsten hätte sie damit gerechnet, Brett Newcomb am Ufer des Sees zu finden.

Er wirkte so weit weg. Unnahbar. Und gleichzeitig irgendwie traurig. Es berührte sie, dabei wollte sie sich keine Gedanken um ihn machen. Sie wollte ihn verachten.

Leider tat sie es nicht.

„Dasselbe könnte ich Sie fragen“, erwiderte er. „Was haben Sie mitten in der Nacht im Wald verloren? Das ist gefährlich.“

Er schob die Hände in die Hosentaschen, wodurch sich der Stoff über seinen Hüften spannte und Lexis Blick auf etwas lenkte, das sie nicht interessieren sollte.

„Wirklich?“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. „Zufällig wohne ich hier draußen. Ich laufe durch diesen Wald, seit ich ein kleines Mädchen war. Sie sind wohl eher derjenige, der sich in Gefahr begeben hat. Wissen Sie überhaupt, wo Sie sind?“

„Auf Bowens Land.“

„Falsch. Das haben Sie irgendwo da drüben hinter sich gelassen.“ Sie gestikulierte mit ihrer freien Hand.

Die Hand mit der Pistole hing ruhig herunter, aber Brett bemerkte die Waffe trotzdem. In seinen eisblauen Augen flackerte es unheilvoll auf.

„Warum tragen Sie eine Waffe?“ Seine Stimme klang angespannt vor unterdrückter Wut.

„Ich lebe allein in einem Haus am Stadtrand nahe einem riesigen Wald. Hier gibt es Bären, Koyoten und Luchse. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wer sich nach Einbruch der Dunkelheit hier draußen herumtreibt. Mein Bruder ist ein ehemaliger Elitesoldat. Glauben Sie wirklich, dass er oder mein Daddy mich ohne eine Möglichkeit, mich selbst zu schützen, so abgelegen wohnen lassen würden?“

Statt sich zu beruhigen, schien er sich noch mehr aufzuregen, und kam auf sie zu.

Langsam wich Lexi zurück, bis sie mit dem Rücken an einen Baumstamm stieß. Brett schaute auf sie herab, die Miene düster vor einer Wut, die sie nicht verstand.

Doch sie fürchtete sich nicht. Vielleicht hätte sie es tun sollen, allein im Wald mit einem Fremden, der sie zornig anfunkelte. Aber sie war diejenige mit der Waffe, auch wenn sie auf den Boden gerichtet war.

„Stecken Sie sie weg“, befahl er.

Ihr Herz hämmerte wild gegen ihre Brust. Sein Duft umfing sie und übertünchte den erdigen Geruch des Waldes. Seine breiten Schultern versperrten die Sicht auf alles andere. Hitze stieg in ihr auf.

Lexi wusste genau, was das zu bedeuten hatte, doch sie tat nichts, um die Situation zu entschärfen. Beharrlich schüttelte sie den Kopf. „Nicht bevor Sie mir sagen, warum sie Sie so stört.“

Brett presste kurz die Lippen zusammen, ehe er antwortete. „Wo ich herstamme, kommt nie etwas Gutes heraus, wenn Waffen im Spiel sind. Ich habe Jahre damit verbracht, meinen kleinen Bruder und meine Mutter vor ihnen zu schützen. Ich mag sie nicht.“

Hinter seinen hitzigen Worten erheischte Lexi einen Blick auf einen gehetzten kleinen Jungen. Allerdings nur für einen flüchtigen Moment.

„Bitte. Stecken Sie sie weg.“

Langsam hob Lexi den Saum ihres Shirts hoch, schob die Pistole in das Holster an ihrem Gürtel und ließ den weichen Stoff wieder fallen.

Bretts Schultern entspannten sich sichtlich. Aber er war ihr immer noch sehr nah. Und nachdem sie den Streitpunkt beseitigt hatten, gab es nichts, das die Anziehung zwischen ihnen mindern konnte.

Lexi fasste nach hinten und presste ihre Hände fest an den Baumstamm. Die raue Rinde schürfte ihre Haut ab. Doch es war besser, als nach Brett zu greifen und etwas zu tun, das sie hinterher bereuen würde.

Still beobachtete er sie. Normalerweise hasste sie es, beobachtet zu werden, aber seine intensive Musterung hatte den gegenteiligen Effekt von dem, was sie gewohnt war. Statt verlegen zu werden und sich unbehaglich zu fühlen, wurde ihr heiß.

In seinen Augen flackerte es, und seine Pupillen weiteten sich. Sein Blick fiel auf ihren Mund und verweilte dort so lange, bis ihre Lippen sich öffneten und ihr der Atem stockte.

Sie dachte, dass er sie küssen würde. Ihr Körper wollte, dass er es tat, aber ihr Verstand warnte sie. Es fiel ihr nur schwer, auf die Warnung zu hören.

Zu ihrer Überraschung trat Brett einen Schritt zurück.

Doch das war nicht das, was sie wollte.

Vielleicht war es die Nacht. Oder die Kulisse. Oder der Mann. Jedenfalls wollte Lexi ihn plötzlich berühren. Ihre eiserne Selbstbeherrschung ließ sie in diesem Moment im Stich.

Sie krallte die Finger in sein Hemd und zog ihn an sich.

Brett stützte die Hände neben ihrem Kopf am Baumstamm ab. Sie spürte, wie sein Herz unter ihrer Faust wild pochte. Dieses eine verräterische Zeichen weckte in ihr den Wunsch, sich lustvoll an ihm zu reiben.

Er wollte sie.

Und trotzdem küsste er sie immer noch nicht.

Lexi lehnte sich vor. Sein Mund streifte ihren. Es war kaum mehr als ein Hauch von einer Berührung, aber das tiefe Stöhnen, das ihm dabei entfuhr, ließ sie leise keuchen. Und dann küsste er sie. Mit kaum mehr als seinen Lippen gelang es ihm, sie innerlich in Flammen zu setzen. Seine Zunge glitt tief in ihren Mund. Lexi sackte gegen den Baum, weil sie etwas brauchte, das sie aufrecht hielt. Brett war es nicht, da er sie nicht einmal anfasste.

Die Finger neben ihrem Kopf verkrampften und entspannten sich abwechselnd. Ihre eigenen Hände fielen taub und nutzlos herab. Sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren als auf die Stelle, wo sie sich tatsächlich berührten.

Sie hätte erwartet, dass er kühl und berechnend wäre. Stattdessen war sein Kuss heiß und fordernd. Sie schmeckte ein verzweifeltes Drängen heraus, das sie nur erkannte, weil sie ebenso heftig davon gepackt war.

Die Leidenschaft überwältigte sie.

Als er an ihrer Unterlippe saugte, schmiegte Lexi sich lustvoll an ihn und erwiderte seinen Kuss.

Nach einer Weile löste Brett sich von ihr und beendete, was sie angefangen hatte. Sie starrten einander ein. Sein Blick verriet nichts von dem, was in ihm vorging, während Lexi wusste, dass ihrer voll von schlecht verhohlenem Verlangen und Verblüffung war.

Nie zuvor hatte ein einziger Kuss sie dermaßen aufgewühlt. Und erregt. Ihre Brust hob und senkte sich mit schweren Atemzügen.

Die Intensität ihrer Gefühle ängstigte sie. Sie wollte das nicht. Vor allem nicht mit ihm.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Lexi duckte sich unter seinem Arm heraus und sorgte somit für den dringend nötigen Abstand zwischen ihnen. Sollte sie sich entschuldigen? Wahrscheinlich. Aber sie fand keine Worte.

Brett machte keine Anstalten, sie aufzuhalten. Still beobachtete er, wie sie einige gemessene Schritte rückwärts tat. Schließlich drehte sie sich um und ging weiter, doch ein paar Sekunden später hörte sie Rascheln im Gebüsch hinter ihr.

Sie schaute zurück und sah seine Silhouette zwischen den Bäumen.

Verfolgte er sie? Wollte er beenden, was sie angefangen hatten?

Ziemlich verspätet schrillten ihre Alarmglocken. „Was machen Sie?“

Seine Stimme klang tief und weich. „Ich passe auf, dass Sie gut nach Hause kommen.“

Lexi blieb stehen und wandte sich zu ihm um. War das sein Ernst, oder machte er sich lustig über sie?

Im Dunkeln konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Er blieb ein paar Schritte von ihr entfernt stehen, und da begriff sie, dass er es tatsächlich ernst meinte.

Dass Brett Newcomb ihr durch den ihm völlig fremden Wald folgte, um sie zu beschützen, war wahrscheinlich das Letzte, womit sie gerechnet hätte. Wärme erfüllte sie.

„Aber wer beschützt Sie?“

5. KAPITEL

Lexi war spät dran. Es war einer dieser Tage, an denen nichts klappte. Sie hatte eine Portion Karamell verbrannt, und ihre Erdnussbutter war geronnen. Das passierte sonst nie. Sie war nicht in der Lage, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Ihre Gedanken kreisten nur um den Kuss.

Warum hatte sie das getan?

Die Glocke über der Eingangstür läutete. Lexi verfluchte ihre Geistesabwesenheit. Es war nach Feierabend. Warum hatte sie nicht abgeschlossen? Seufzend ging sie nach vorn. Da der Kunde nun schon einmal im Laden war, wollte sie ihn nicht fortschicken.

Als sie sah, dass Brett am Tresen lehnte, hätte sie ihre Meinung fast geändert. Vor Erregung kribbelte es in ihrem Bauch. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre wieder gegangen.

Da schaute er auf und nagelte sie mit seinem Blick fest.

Zu spät.

Sie würde einfach so tun, als wäre letzte Nacht nichts geschehen. Er war nur ein Kunde wie jeder andere.

„Sie machen die Scheibe schmutzig.“ Ihr Ton war schärfer als beabsichtigt.

Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen. Es ärgerte sie. Sie wollte es vertreiben. Aber nicht mit ihrem Mund. Überhaupt nicht. Sie würde ihn nicht wieder küssen.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht.“

Sie summte zweifelnd. „Sie sind derjenige, der letzte Nacht im Dunkeln durch fremdes Gebiet gewandert ist.“ Ihre Wangen glühten. So viel zu dem Vorsatz, den Vorfall nicht zu erwähnen.

Brett musterte sie aufmerksam, und Lexi schluckte schwer. Nicht gut.

„Sonst sind Sie um diese Zeit immer schon weg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich wohne in Mrs McKinnons Hotel“, antwortete er, als ob das alles erklärte.

Das Haus lag in der Nähe, jedoch nicht gerade gegenüber. Lexi zog eine Augenbraue hoch. „Beobachten Sie mich?“

Rhythmisch trommelte er mit den Fingern auf den Tresen. Es störte sie, nicht wegen des nervigen Klimperns, sondern weil es ihre Aufmerksamkeit auf seine Hände lenkte. Und sie überlegen ließ, wie es wäre, von ihnen gestreichelt zu werden.

„Nein.“

Ihnen war beiden klar, dass das eine Lüge war. Lexi wusste, dass sie ihn fortschicken sollte, aber statt sich über ihn zu ärgern, verspürte sie Erregung. Was war bloß los mit ihr?

Wenigstens war es schön, zu wissen, dass sie nicht die Einzige war, die in dieser Situation den Kopf verlor.

Sie schaute an ihm herunter, wobei sie zum ersten Mal bemerkte, dass er Sportkleidung trug. Offensichtlich kam er vom Joggen. Es sollte nicht von Bedeutung sein. Dann joggte er eben und achtete auf sich. Es hieß allerdings auch, dass sein Körper hart und durchtrainiert sein würde. Und sie wollte jeden Zentimeter davon berühren.

Seine Shorts saßen locker auf seinen Hüften, und ein T-Shirt schmiegte sich an seine breite Brust.

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