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TIFFANY HOT & SEXY BAND 30

KIRA SINCLAIR

Hautnah und noch näher

Nie in ihrem Leben hat jemand Elle so herausgefordert wie Zane Edwards; sie verärgert und zugleich unwiderstehlich angezogen. Dabei kennt sie den sexy Sicherheitschef des Ferienresorts kaum. Doch ihr ganzer Körper sehnt sich nach seiner Berührung. Sie will ihn spüren, hautnah – und noch näher … Nur darf Zane dabei nicht hinter ihr Geheimnis kommen!

SUSANNA CARR

Gutes Mädchen, böses Mädchen

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen haben Spaß im Bett. Julie seufzt frustriert und schlägt ihr Buch zu. Sie hätte nichts dagegen, etwas mehr wie die Romanheldin Saphira zu sein und dafür etwas weniger … wie Julie. Seit Wochen schon träumt sie heimlich davon, ihren Kollegen Eric zu verführen. Eine sexy Sirene zu sein, die heißes Verlangen weckt …

KAREN KENDALL

Einmal Sex ist nie genug

Kylie braucht einen Mann, am besten jemanden, der garantiert keine Beziehung will. Da kommt ihr der sexy Bad Boy Devon McKee nur recht. Mit ihm kann sie ohne Schuldgefühle Sex haben, um ihr körperliches und seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Doch ausgerechnet er gesteht ihr nach einem scharfen Quickie in der Besenkammer: „Ich will dich wiedersehen!“

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Hautnah und noch näher

PROLOG

„Was zur Hölle machen diese Leute in meinem Schlafzimmer?“

Donnernd hallte die Stimme von Simon Reeves durch den Raum. Zane Edwards blickte seinen Boss und Freund gelassen an und zog sich in eine Ecke zurück. Von hier aus hatte er einen besseren Überblick. Durch das Fotoshooting war Simons geräumiges Zimmer ein einziges Chaos aus Menschen, technischem Equipment und an die Seite gerückten Möbeln. Mittendrin stand Marcy und blätterte in den Ablaufplänen. Bei Simons Anblick verdüsterte sich ihre Miene.

Jetzt geht’s rund, dachte Zane und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Tag war bisher auch einfach zu ruhig verlaufen. Als Sicherheitschef des Escape-Ferienresorts kam ihm ein wenig Aufregung ganz gelegen.

Eigentlich war das alles keine große Sache. Es ging um Fotos für eine Werbekampagne, und Marcy hatte von Simon die Erlaubnis bekommen, das Shooting in seinen Privaträumen stattfinden zu lassen. Doch das schien dieser vergessen zu haben.

Zane wusste, wie wichtig dieser Termin für Marcy war. Sie wollte durch die Kampagne mehr Gäste in das Escape Resort locken. Simon hatte diese wunderschön gelegene und unter Touristen noch ziemlich unbekannte Ferienanlage nur für Erwachsene auf der Île du Coeur vor einiger Zeit gekauft. Und für Marcy war es absolut unverständlich, weshalb er sich mit den wenigen Gästen zufriedengab.

Marcy weiß allerdings auch nicht, was ihm passiert ist … Manchmal glaubte Zane, dass er der Einzige war, der Simon wirklich verstand. Die beiden kannten sich schon ewig. Nach der Studienzeit hatten sie sich für einige Jahre aus den Augen verloren. Doch als Zanes Leben zusammengebrochen war, hatte Simon ihm ohne zu zögern einen Job im Resort angeboten. Deshalb war er hier.

Zane wusste, dass sein Freund die Insel eher als Rückzugsort begriff und nicht als lukrative Investition. Simon Reeves war Schriftsteller. Er genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit von der rauen Welt dort draußen. Außerdem: je weniger Gäste, desto geringer die Gefahr, übers Ohr gehauen zu werden …

Seit Simons Exfreundin Courtney eines seiner Manuskripte als ihr eigenes ausgegeben hatte, hielt er seine Arbeit als Schriftsteller geheim. Courtney hatte ein kleines Vermögen damit verdient, Simon seither allerdings jedes Vertrauen in andere Menschen verloren.

Doch von all dem wusste Marcy nichts. Sie sah nur ein Touristenresort mit enormem Potenzial, das nicht genutzt wurde.

„Die Leute sind hier, um die Fotokampagne für das Resort zu machen, Simon“, sagte Marcy in diesem Moment. „Wir brauchen mehr Gäste, vor allem in der Nebensaison. Und du hast mir erlaubt, deine Räume zu benutzen.“

Simon lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. „Meinetwegen muss sich hier nichts ändern. Ich mag die Ruhe. Vor allem in der Nebensaison!“

Zane beobachtete die beiden gespannt. Er hatte schätzungsweise dreißig Sekunden, um eine Katastrophe zu verhindern. Das wütende Funkeln in Marcys Augen sprach Bände, und Simon schien nur darauf zu warten, dass sie ihm einen weiteren Anlass dafür bot, aus der Haut zu fahren. Wären sie allein gewesen, hätte Zane den Dingen vielleicht ihren Lauf gelassen. Aber sie waren nicht allein …

Er trat aus seiner Ecke heraus und stellte sich zwischen Marcy und Simon. „Das hier ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen Streit“, sagte er leise und deutete mit einem Nicken auf die Fotografen und Helfer, die zu ihnen herüberstarrten.

Simon presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

Das war schlecht. Sehr schlecht. Mit einer übel gelaunten Marcy konnte er umgehen. Aber wenn Simon in Fahrt kam, war dieser selbst für einen abgebrühten ehemaligen CIA-Agenten wie Zane eine Herausforderung.

„Ihr schafft sofort diese Leute hier weg. Ich muss arbeiten.“

Marcy schnaubte entrüstet. Zane verschränkte erneut die Arme vor der Brust und baute sich vor Simon auf. „Du wirst noch ein wenig warten müssen. Der Marketingdirektor hat vorgeschlagen, die Aufnahmen in deinen Privaträumen zu machen. Und du hast dem Ganzen zugestimmt.“

„Habe ich das?“

„Allerdings. Diese Räume eignen sich am besten für die Aufnahmen. Sie sind hell und man hat von hier oben einen großartigen Blick. Du weißt schon. Dschungel, glitzerndes Meer …“

Zane spürte Simons Blicke wie Speerspitzen durch sich hindurch schießen. Doch er rührte sich nicht von der Stelle. Besser so, als die Aufnahmen mittendrin abzubrechen. Das würde zu einem noch größeren Chaos führen.

„Ich schätze, dann habe ich keine Wahl, oder?“, sagte Simon schließlich.

„Nein“, antwortete Marcy wie aus der Pistole geschossen.

„Also gut.“ Simon drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür.

„Wenn ihr nicht in einer Stunde fertig seid, werfe ich hier jeden einzeln raus.“

Wahrscheinlich nahmen die meisten Anwesenden ihn nicht wirklich ernst. Sein Freund hatte die Ausstrahlung eines jugendlichen Surfers. Doch Zane wusste, dass sich hinter der lockeren Fassade ein knallharter Typ verbarg.

Sobald Simon verschwunden war, setzten die Fotografen ihre Arbeit fort. Marcy und Zane zogen sich in eine ruhige Ecke zurück und beobachteten das Shooting.

„Willst du drüber reden?“, fragte Zane leise.

Marcy atmete tief durch. „Manchmal könnte ich ihn umbringen“, murmelte sie schließlich.

„Ich weiß.“

„Wie hältst du das nur aus? Wie kannst du nur mit jemandem wie ihm befreundet sein? Und das schon so lange!“

„Weil er sein letztes Hemd für mich geben würde, Marcy. Eigentlich hat er das schon getan. Er ist wirklich der beste Freund, den man haben kann. Und du musst mir einfach vertrauen, wenn ich dir sage, dass du die Hintergründe nicht kennst.“

„Ich nehme nicht an, dass ich sie von dir erfahre?“

Zane schüttelte den Kopf. „Es ist nicht an mir, dir davon zu erzählen.“

„Er macht mich einfach … wahnsinnig. Er weiß doch, wie wichtig Werbung für das Resort ist. Manchmal könnte ich allen den Hals umdrehen, die mir hier Steine in den Weg legen.“

Zane grinste und stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite. „Das würdest du nicht tun. Denn eigentlich versteckt sich ein ganz romantischer und weicher Kern hinter deiner harten Fassade. Du wirkst wie ein Drill-Sergeant, aber das ist doch nur Show.“

Er sah, wie Marcy ein Lächeln unterdrückte. „Ein einziges Wort davon zu Simon, und ich werde dir den Hals umdrehen, Zane Edwards.“

Zanes Grinsen wurde breiter. „Ich zittere jetzt schon.“

1. KAPITEL

Zane starrte aus dem Fenster. Dann seufzte er tief. Es war wunderschön hier, der Blick auf den Dschungel war großartig. Einfach perfekt. Und sterbenslangweilig.

Dabei sollte er sich nicht über die Ruhe beschweren. Denn genau das hatte er gesucht: eine Möglichkeit zum Rückzug und das völlige Gegenteil von dem, was er zuvor in seinem Leben getan hatte. Trotzdem …

Gelangweilt warf er einen Blick zu den Überwachungsmonitoren. Eigentlich sollte er die Aufnahmen zurückspulen und sicherstellen, dass sich in den Sekunden, in denen er abgelenkt gewesen war, nichts Auffälliges ereignet hatte. Doch er tat es nicht. Seit achtzehn Monaten war er jetzt auf der Insel und die Bildschirme hatten nicht ein einziges Mal etwas Außergewöhnliches gezeigt.

Wie sollten sie auch? Es gab nur Simons Resort auf der Île du Coeur. Und der einzige Weg zur Insel war die Fähre. Ein Dieb würde nicht weit kommen, dafür würde er sorgen.

Er blickte auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten, dann würde Tom ihn ablösen. Die Zeit zog sich wie Kaugummi.

Endlich hatte sein Kollege den Platz vor den Monitoren eingenommen. Zane unternahm einen Rundgang über das Gelände.

Das Resort war auf Ferien für Erwachsene spezialisiert. Unter den Gästen waren viele Singles. Sie kamen hierher, um sich vom stressigen Alltag zu erholen, und natürlich auch, um andere Singles zu treffen. Normalerweise waren sie in den Zimmern untergebracht, die im Hauptgebäude des Resorts lagen. Das über zweihundert Jahre alte Haus mit dem feudalen Ambiente der französischen Kolonialzeit bildete den Mittelpunkt der Anlage. Simon hatte Wert darauf gelegt, diese einmalige Atmosphäre zu erhalten. Paare hingegen schätzten die geschützte Atmosphäre der Bungalows, die etwas abseits vom Trubel lagen.

Abgesehen von den luxuriösen Unterkünften gab es im Escape Resort natürlich auch eine Bar, ein exzellentes Restaurant, ein Fitnesscenter mit Wellnessbereich, eine Poollandschaft, Tennisplätze – und natürlich den Strand und den Dschungel. Obwohl das Escape seinen Gästen allerhöchsten Komfort bot, lag über allem die Atmosphäre unberührter Natur.

Nachdem Zane sich vergewissert hatte, dass auf dem Gelände alles in Ordnung war, ging er in sein Appartement, um ein wenig zu entspannen.

Doch dazu kam es nicht.

Plötzlich zerriss das Schrillen der Sirenen die nachmittägliche Stille. Zane sprang aus seinem Sessel hoch und eilte zu den Monitoren hinüber, die auch in seinen privaten Räumen installiert worden waren, um das Resort jederzeit überwachen zu können.

Feuer in Sektor 6, blinkte auf einem der Bildschirme auf.

Mit einem Mausklick holte sich Zane das Gebiet auf die Monitore. Er sah panisch umherlaufende Urlauber mit verängstigten Gesichtern. Aber weit und breit keine Spur von Feuer oder Rauch.

Zane wusste, dass die Rettungspläne bis ins Kleinste funktionierten, denn es gab jeden Monat simulierte Übungen. Und er war sich sicher, dass es sich hier um einen Fehlalarm handelte.

Ruhig griff er zum Telefon und wählte Marcys Nummer.

„Marcy, ich glaube nicht, dass es brennt. Vielleicht ein Fehler im Alarmsystem. Oder ein betrunkener Gast, der an den Knöpfen rumgespielt hat. Aber evakuiert die Anlage vorsichtshalber trotzdem, auch wenn es sicher nichts Ernstes ist.“

„Aber Zane, du weißt doch, unsere Gäste sind nie betrunken. Sie sind nur glücklich und ausgelassen.“

„Jaja, schon klar. Lies mir das Werbeprospekt noch mal vor, wenn hier nicht gerade alle Alarmglocken schrillen, okay?“

Der ruhige Ton seiner Stimme täuschte über das hinweg, was wirklich in ihm vorging. Adrenalin in seinen Adern! Zum ersten Mal seit Monaten … Und erst jetzt spürte er, wie sehr er diese Erregung vermisst hatte. Das Gefühl, eine wirkliche Aufgabe zu haben.

„Unser Team kümmert sich bereits um alles. Ich gebe dir Bescheid, wenn die Gäste in Sicherheit sind“, sagte Marcy.

„Gib mir vor allem Bescheid, wenn ihr doch noch irgendwo ein Feuer entdeckt“, gab Zane zurück.

Marcy lachte hell auf. Zane ließ den Hörer auf die Gabel fallen und begann, am Computer systematisch die einzelnen Bereiche des Geländes abzusuchen.

Weit und breit keine Anzeichen eines Brandes.

Plötzlich runzelte er die Stirn. Auf dem Flur im 3. Stock hatte er eine Frau vorbeihuschen sehen. Sie war in einem der Gästezimmer verschwunden.

„Verflucht“, murmelte er. Die Frau konnte den Feueralarm kaum überhört haben, die Sirenen machten einen schließlich fast taub. Was konnte so wichtig sein, dass sie das Risiko auf sich nahm, in einem brennenden Haus zu bleiben?

Er erhob sich aus seinem Stuhl, erstarrte dann aber mitten in der Bewegung. Die Frau war auf den Flur zurückgekehrt und hatte sich Zugang zum nächsten Raum verschafft. In den Gästezimmern des alten Plantagenhauses gab es keine modernen Sicherheitstüren. Zane hatte deswegen unzählige Diskussionen mit Simon geführt. Alle vergeblich. Seinem alten Freund waren Flair und Stil wichtiger als Sicherheitsfragen. Zane sah auf dem Monitor, wie die Frau ein drittes Zimmer betrat. Wenn er seinem Freund diese Bilder zeigte, würde Simon seine Meinung bezüglich der Sicherheit wohl ändern müssen. Hier war definitiv etwas faul.

Er griff nach dem Funkgerät und funkte seinen Kollegen an. „Tom, du bleibst im Krähennest“, sagte er und meinte damit die Sicherheitszentrale. „Ich habe etwas entdeckt und jemand muss die Stellung halten.“

Ein Rauschen drang aus dem Funkgerät. Dann hörte er Toms Stimme. „Aber wieso …“

„Tu, was ich sage“, fiel Zane ihm ins Wort. Dann rannte er hinüber zum Haupthaus. Seine Gedanken rasten. Sie waren getäuscht worden. Der Feueralarm war nur ein Ablenkungsmanöver! Irgendjemand wollte sie hinters Licht führen …

Er stieß die Tür zum langen Flur im 3. Stockwerk auf und sah gerade noch, wie die Frau aus einem weiteren Zimmer kam. Doch er war noch zu weit entfernt, um sie zu fassen.

„Hey!“, schrie er. „Stopp! Was tun Sie hier?“

Einem Reflex folgend fasste er sich an den Gürtel, doch seine Hand griff ins Leere. Das, wonach er gesucht hatte, war nicht mehr da. Und in den vergangenen zwei Jahren hatte er seine Dienstwaffe auch nie vermisst.

Jeder einzelne Muskel in seinem Körper spannte sich an. Er erwartete, dass die Frau flüchten würde. Doch stattdessen blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um.

Überrascht sah sie ihn an, dann kam die Frau auf ihn zu. Zane konnte Tränen in ihren Augen glitzern sehen.

„Gott sei Dank!“ Ihre Stimme klang unruhig.

„Was tun Sie hier?“, wiederholte er seine Frage, leiser dieses Mal.

„Ich habe mein Zimmer gesucht, aber ich konnte es nicht wiederfinden. Und dieser verfluchte Alarm hat mich ganz verrückt gemacht. Ich bin in Panik verfallen und …“

Ihre Stimme wurde von einem Schluchzen erstickt.

Unter anderen Umständen hätte er ihr diese Geschichte vielleicht abgekauft. Aber sie passte ganz und gar nicht zu dem, was er auf den Monitoren gesehen hatte: Die Frau war sehr zielstrebig in ein verschlossenes Zimmer nach dem anderen gegangen – in einer Geschwindigkeit, die seine Ausbilder bei der CIA vor Neid erblassen lassen hätte.

Ohne Umschweife zückte er seine Handschellen. „Drehen Sie sich um.“

„Was haben Sie vor?“

„Drehen Sie sich um, oder Sie stehen hier gleich an der Wand.“

Zögernd drehte die Frau sich zur Seite, gerade genug, damit Zane ihr die Arme auf den Rücken drehen konnte. Er hielt ihre Handgelenke fest umschlossen, gab sich allerdings Mühe, ihr nicht wehzutun.

„Wie heißen Sie?“ Seine Stimme klang kalt.

„Giselle Monroe. Lassen Sie mich los.“

„Wir beide werden jetzt einen kleinen Spaziergang machen“, entgegnete er ruhig und verfestigte seinen Griff um ihre Handgelenke. „Und dabei erzählen Sie mir genau, was Sie in den Zimmern haben mitgehen lassen.“

Er konnte sich nicht helfen, aber die Frau hatte ihn neugierig gemacht.

„Ich schwöre Ihnen, ich bin keine Diebin.“

„Das werden wir sehen.“

Ganz offensichtlich hatte ihr Plan nicht funktioniert. Giselle Monroe spürte das kalte Metall der Handschellen auf ihrer Haut. Das letzte Mal, dass sie welche getragen hatte, war nicht gerade eine Sternstunde in ihrem Leben gewesen …

Im Alter von sechzehn Jahren hatte sie versucht, sich gegen den enormen Beschützerinstinkt ihres Vaters und ihrer beiden älteren Brüder – alle drei arbeiteten nicht ohne Grund bei der Polizei – aufzulehnen, und war bei einem Einbruch in der Schule erwischt worden. Es war nur eine Mutprobe unter Freunden gewesen, nichts weiter. Und da die Polizei keine Drogen gefunden und sie auch außer dem Türschloss nichts kaputt gemacht hatten, waren Giselle – besser gesagt Elle, wie sie seit ihrer Kindheit genannt wurde – und ihre Freunde mit einer geringen Strafe davongekommen. Aber für einen Teenager waren auch die Sozialstunden und ein zweiwöchiger Schulverweis schon Strafe genug. Ganz zu schweigen von der Reaktion ihres Vaters.

Er hatte ihr sechs Monate Hausarrest aufgebrummt. In dieser Zeit hatte sie gelernt, sich unbemerkt davonzuschleichen.

Daddy wäre sicher stolz auf mich, dachte sie mit einem Hauch von Zynismus. Die Fähigkeiten, die sie sich damals angeeignet hatte, hätten sie nun fast zum Erfolg geführt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Nein, sie würde keine Schwäche zeigen. Schon gar nicht vor diesem Mann, der sie hergebracht hatte. Er sollte nicht merken, wie viel Angst sie wirklich hatte.

Okay, vielleicht war sie ihm gegenüber ein wenig unfair, denn er machte nur seinen Job. Doch er hatte sie in einem Zimmer eingeschlossen, das nicht viel größer war als eine Besenkammer, und das löste Beklemmungen in ihr aus. Dieser Kerl hatte sie eingeschlossen und allein gelassen. Allein.

Dabei zweifelte sie nicht daran, dass sie beobachtet wurde. Nein, sie konnte seine Blicke regelrecht auf ihrer Haut fühlen. Er wartete nur darauf, dass sie weich wurde.

Aber das würde nicht passieren. Niemals.

Inzwischen hatte er sicher mit den Gästen gesprochen und festgestellt, dass nichts gestohlen worden war. Sie war nicht hergekommen, um etwas zu stehlen, schon gar nicht von den Urlaubsgästen. Etwas zurückholen, das ihr gehörte, ja. Aber stehlen? Nein. Sie war keine Diebin.

Die Tür öffnete sich mit einem lauten Knarren.

„Lassen Sie mich jetzt gehen?“, fragte Elle, ohne den Kopf zu wenden.

„Warum sollte ich?“

„Wie bitte?“ Elle drehte sich um, so weit es ihre auf dem Rücken gefesselten Arme zuließen. „Was meinen Sie damit? Ich habe nichts gestohlen. Und Sie haben kein Recht, mich hier festzuhalten!“

Elle schlug mit den Handschellen gegen die Stuhllehne. „Sobald ich hier raus bin, rufe ich meinen Anwalt an! Das ganze Resort wird mir gehören, wenn ich mit Ihnen fertig bin!“, rief sie wütend.

Das würde ihre Suche wesentlich vereinfachen. Für einen Moment stellte sie sich vor, wie sie alle Menschen der Insel verweisen würde, um dann in Ruhe überall nach dem Gemälde ihrer Großmutter suchen zu können. Ein zwielichtiger Exfreund hatte es ihr vor vier Jahren gestohlen. Und es war hier.

Das Gemälde kostete inzwischen ein kleines Vermögen, doch das war nicht der Grund, weshalb Elle danach suchte. Für sie hatte es emotionalen Wert.

Die Farben waren eindrucksvoll. Ein tiefes Burgunderrot, Gold, Schwarz und Grün. Das Bild zeigte ihre Großmutter, ihre geliebte Nana, als junge Frau. Der Maler hatte es geschafft, die glühende Leidenschaft in ihren hellgrauen Augen wiederzugeben, die jeden, der sie kannte, vom ersten Moment an gefangen genommen hatte. Auf dem Porträt blickte Nana über ihre nackte Schulter, und in jeder Faser ihres Körpers schien Lebenslust zu vibrieren. Die Art, wie der Maler mit Pinsel und Farbe umgegangen war, wie er kunstvoll mit Licht und Schatten gespielt hatte, um die Ausstrahlung der jungen Frau einzufangen, war beeindruckend.

Doch es war so viel mehr als nur ein Bild. Das Gemälde war das einzige Erbstück, das Elle von ihrer Großmutter hatte. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter war Nana Giselles einzige weibliche Bezugsperson gewesen. Und sie war auch die Einzige, die ihre Begeisterung für die Kunst verstanden hatte. Elle schluckte schwer. Wenn Nana nur sehen könnte, was für eine erfolgreiche Künstlerin aus ihrer Enkeltochter geworden war. Seit einigen Jahren konnte Giselle gut vom Verkauf ihrer Bilder leben.

Mac, ihren Exfreund, hatte sie damals verlassen, weil er ein Nichtsnutz war. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihre Wohnung plündern würde. Den Fernseher hatte er mitgenommen, den DVD-Player … alles. Und das Gemälde.

Elle war sofort klar gewesen, dass sie die Dinge nie wiederbekommen würde. Es gab zu viele erfahrene Polizisten in ihrer Familie, als dass sie sich unrealistischen Vorstellungen hingegeben hätte. Aber alles war ersetzbar. Bis auf das Bild. Nächtelang hatte sie sich vor Trauer und Wut in den Schlaf geweint.

Und dann, vor einigen Monaten, hatte sie es wiedergesehen: in einem Reiseprospekt über ein Touristenresort auf der Île du Coeur. Es hing an der Wand eines Zimmers mit Blick auf das glitzernde Meer. Elle wusste sofort, dass sie es zurückholen musste. Egal wie.

Doch die Chancen standen schlecht. Sie konnte ja nicht einmal beweisen, dass dieses Gemälde ihr gehörte. Es gab keine offiziellen Dokumente und der Besitzer des Resorts hatte auf ihre unzähligen Briefe und Mails nicht reagiert. Elle war zu dem Schluss gekommen, dass es ihm wohl bewusst war, ein als gestohlen gemeldetes Bild in seinem Besitz zu haben. In dem Fall war es nur zu verständlich, dass er nie geantwortet hatte. So hatte Elle beschlossen, sich auf andere Weise zurückzuholen, was rechtmäßig ihr gehörte. Es war ihr Bild. Und ihr Gewissen war rein.

In diesem Moment wurde ein Schwarz-Weiß-Foto vor Elle auf den Tisch geschleudert. Sie zuckte zusammen und spürte einen Druck in der Magengegend.

„Ich kann Sie problemlos hierbehalten, Ms Monroe“, sagte der Mann, der sie festgenommen hatte, mit ruhiger Stimme. „Das Bild beweist, dass Sie den Feueralarm ausgelöst haben.“

Ja. Zweifellos gut getroffen. Elle spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, und konnte gerade noch rechtzeitig die Lippen aufeinanderpressen, um einen Schwall unbedachter Worte zu unterdrücken. Der Wachmann würde sie ohnehin nicht verstehen.

Er umrundete den Tisch, stützte die Hände auf der Tischplatte ab und beugte sich vor. Elle schluckte erneut. Er ist wirklich riesig. Und nicht nur das. Unter der Kleidung war ein durchtrainierter muskulöser Körper mehr als nur zu erahnen. Unter anderen Umständen hätte Elle diesen Anblick genossen.

Doch nicht jetzt. Nicht in diesem Moment.

„Sie können gerne Ihren Anwalt anrufen. Es wird nichts nützen.“

Elle spürte, wie seine Blicke sie regelrecht durchbohrten. Es lag ein kaltes Glitzern in seinen Augen, dass sie zu hypnotisieren schien. Elle kannte diesen Ausdruck. Sie hatte ihn oft genug in den Augen ihres Vaters gesehen, wenn er von einem schwierigen Einsatz zurückkam.

Für einen kurzen Moment spürte sie den Impuls, dem fremden Mann sanft über die Wange zu streichen, um die Härte in seinem Blick aufzulösen.

Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und schlug mit einem lauten Knall gegen die Wand.

„Zane, was soll der Unsinn?“

Der Angesprochene richtete sich auf. „Ich kümmere mich um eine Diebin.“

„Marcy behauptet etwas anderes. Sie sagt, wir haben nichts gegen die Frau in der Hand. Wir können sie nicht festhalten.“

„Sie hat den Feueralarm ausgelöst.“

„Und wenn schon. Lass sie gehen.“

Elle wandte den Kopf, um ihren Retter anzusehen, und hob überrascht die Augenbrauen. Er trug ein Hawaiihemd und sah auch sonst ganz anders aus, als sie erwartet hatte. Offensichtlich war er hier der Chef. Doch wie er so am Türrahmen lehnte, eine Hand in der Tasche seiner weiten Shorts, wirkte er eher wie ein Surfer im Urlaub.

„Also, Zane.“ Seine Stimme klang betont ruhig. „Sei ein braver Junge und nimm ihr diese Handschellen ab, bevor sie ihren Anwalt ruft.“

„Ja, das wollte sie gerade tun.“

Der Mann im Türrahmen verzog das Gesicht und blickte Elle an. „Ich bin mir sicher, das wird nicht nötig sein. Hiermit entschuldige ich mich in aller Form für Zanes Verhalten. Er war früher bei der CIA.“

Er sagte das in einem Tonfall, als würde diese Feststellung alles erklären.

Elle ließ ihren Blick zu Zane zurückwandern und sah, wie er die Kiefer aufeinanderpresste, während er den Schlüssel für die Handschellen aus der Tasche zog. Langsam trat er hinter sie. Elle bemerkt irritiert die unglaubliche körperliche Ausstrahlung, die der Mann auf sie hatte.

Er umfasste ihr Handgelenk und strich dabei leicht an der Innenseite ihres Unterarms entlang. Eine beiläufige Berührung. Doch sie löste eine unerwartete Reaktion in Elle aus, ein heißer Schauer fuhr durch ihren Körper. Sie zog scharf die Luft ein. Wieso reagierte sie derart auf einen Mann, den sie gar nicht kannte?

Elle war mit einem Mal vollkommen durcheinander, und es vergingen einige Sekunden, bis sie feststellte, dass er die Handschellen gelöst hatte. Sie war frei.

Langsam stand sie vom Stuhl auf, drehte sich um und blickte den beiden Männern ins Gesicht, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine braun gebrannt und mit einem freundlichen Lächeln, der andere misstrauisch und ernst.

„Ms Monroe, die Managerin meines Resorts hat eine Suite für Sie vorbereiten lassen. Ihr Gepäck wird Ihnen gebracht. Und wenn Sie während Ihres Aufenthalts irgendetwas brauchen, wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an Marcy.“

Er reichte ihr die Hand zum Abschied und verließ dann das Zimmer. Erst jetzt wurde Elle klar, dass sie noch immer keine Ahnung hatte, wer dieser Mann eigentlich war. Sie heftete ihren Blick auf den Wachmann.

„Wer ist das gewesen?“

„Ihr Schutzengel.“

Giselle unterdrückte ein Lächeln. Jetzt, wo die Sache gut ausgegangen war, fühlte sie sich leicht und frei. Und ein wenig übermütig. „Anscheinend hat er mehr Ahnung von Sicherheitsfragen als Sie.“

Der Mann namens Zane machte einen Schritt auf sie zu. Seine Nähe war überwältigend. Jede einzelne Zelle in Elles Körper schien auf ihn zu reagieren. Es fühlte sich an, als würden die Nervenenden freiliegen.

Er griff nach ihrem Arm und zog sie so dicht an sich, dass sie die Hitze spüren konnte, die von ihm ausging. Sie atmete seinen Geruch ein … Ein würziger, dunkler Duft, sehr männlich – und sehr verführerisch …

„Ich bin hier der Mann für Sicherheitsfragen. Und niemand sonst.“

Er brachte sein Gesicht nah an ihres, und Elle merkte, wie ihr Puls anstieg. Sie öffnete die Lippen und spürte im nächsten Moment den warmen Hauch seines Atems dicht an ihrem Ohr. „Und ich werde Sie beobachten. Wohin Sie auch gehen und was immer Sie auch tun. Ich bin Ihr Schatten.“

Ein unmerkliches Beben durchlief ihren Körper. Sie zog ihren Arm zurück, straffte sich und blickte Zane betont gelassen ins Gesicht. „Dann wird das eine sehr langweilige Woche für Sie.“

„Wollen wir es hoffen.“

2. KAPITEL

Zane blickte der Frau nach und ballte die Fäuste. Der lässige Schwung ihrer Hüften beim Gehen. Die Art, wie sie ihre roten Haare nach hinten warf. Jede ihrer Bewegungen schien ihn zu verspotten.

Er musste zu Simon. Niemand anders hatte ihm schließlich diesen Ärger eingehandelt.

„Simon!“, schnaubte er, als er in die Privaträume seines Freundes stürmte.

„Du hast länger gebraucht, als ich erwartet hatte.“

Zane wirbelte herum, als er Simons Stimme hinter sich wahrnahm. Er würde sich nicht mit beruhigenden Worten abspeisen lassen. Auf keinen Fall.

„Was zur Hölle sollte das? Sie hat hier mit dem Feueralarm eine Panik unter den Gästen verbreitet und sich Zugang zu Zimmern verschafft, die nicht ihre sind. Selbst wenn sie bis jetzt noch nichts gestohlen hat, ich habe gesehen, wie sie in die Zimmer eingebrochen ist. Und zum Dank überlässt du ihr eine Suite? Ich kann meinen Job nicht vernünftig machen, wenn du meine Autorität derart untergräbst.“

Sein Freund schlenderte gelassen zur Hausbar. „Möchtest du einen Drink?“

„Nein, will ich nicht!“

Simon schüttelte bedächtig den Kopf. „Zane, du solltest alles entspannter angehen. Wenn du so weitermachst, bekommst du demnächst einen Herzinfarkt.“

Er schenkte sich einen Brandy ein. „Gerade jetzt wird das Gepäck von Ms Monroe in die Sicherheitszentrale gebracht. Du kannst also in Ruhe alles durchleuchten, bevor du es an die Suite weiterschickst. Und ehrlich, es erstaunt mich, dass du noch nicht gemerkt hast, wie genial die neue Unterkunft ist. Der Eingang wird von viel mehr Kameras bewacht als ihr bisheriges Zimmer.“

Simon blickte Zane an, zog eine Augenbraue hoch und prostete ihm zu. „Du musst dich nicht bei mir bedanken, gern geschehen. Und ich war richtig gut, oder? Ich als guter Cop, du als böser.“

Großartig, dachte Zane. Hatte er die CIA hinter sich gelassen, um hier mit einem ewigen Kind Räuber und Gendarm zu spielen? Doch er musste zugeben, dass Simon die Sache geschickt eingefädelt hatte. Zane spürte, wie sein Ärger nachließ.

Simon klopfte ihm auf die Schulter. „Also entspann dich. Wie lange kennen wir uns jetzt?“

„Zu lange“, brummte Zane.

„Kann man so sagen, ja. Und ich weiß genau, wie du reagierst, wenn etwas dich beschäftigt. Im Moment hast du diese Falte auf der Stirn. Wie damals, als wir beide in Bars hübschen Frauen nachgestiegen sind …“

Zane gab ein unwilliges Grollen von sich. Es war eine Warnung, doch er wusste schon jetzt, dass es nichts bringen würde. Die Freundschaft zwischen Simon und ihm war immer schwierig gewesen. Sie waren wie Brüder füreinander und gleichzeitig ewige Konkurrenten. Dabei verteidigten sie einander im Ernstfall gegen jede Gefahr. Zane wusste, dass Simon ihm gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm. Er war gnadenlos ehrlich. Ob ihm das gefiel oder nicht.

„Wenn du rote Spitzenunterwäsche in ihrem Gepäck findest, lass es mich wissen.“ Simon grinste und ein herausforderndes Glitzern erschien in seine Augen. „Ich könnte ein wenig Ablenkung gebrauchen. Diese Frau scheint ein schlummernder Vulkan zu sein. Ich hätte nichts gegen ein Spiel mit dem Feuer.“

Zane ballte die Hände zu Fäusten. Dann sah er, wie Simon ihm zuzwinkerte und die Anspannung in seinen Muskeln löste sich.

„Du bist und bleibst ein Mistkerl“, erwiderte Zane, drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. Simon kannte seine wunden Punkte erschreckend genau. Und er wusste sie zu nutzen.

Immer hektischer durchwühlte Elle ihr Gepäck. Wo war das Foto? Sie hatte es aus der Zeitschrift ausgeschnitten, weil es ihr bei der Suche nach dem Gemälde ihrer Großmutter helfen konnte. Sie brauchte dieses Foto!

Und sie hätte niemals zulassen dürfen, dass irgendjemand ihr Gepäck in die Finger bekam.

Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte sie, als sie das Bild schließlich fand. Es lag ganz unten im Koffer.

Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen über die Abbildung. Ihr Herz schnürte sich zusammen. Sie wollte diese Erinnerung an ihre Großmutter so sehr zurück, dass es schmerzte. Und für einen Moment glaubte sie, aufspringen und laut schreien zu müssen! Schreiend jeden Millimeter dieses Hauses absuchen zu müssen, bis sie es endlich wiedergefunden hatte.

Doch das würde nur erneut unangenehme Fragen von Zane nach sich ziehen. Elle presste die Lippen zusammen und richtete ihre Konzentration wieder auf das Foto. Es musste irgendwo einen Hinweis geben, wo sich dieses Zimmer befand.

Alle Räume des alten Plantagenhauses waren individuell eingerichtet. Das müsste die Suche eigentlich erleichtern. Doch es gab so viele Zimmer auf dem Gelände. Das Haupthaus, die Gemeinschaftsräume, die Bungalows …

Elle atmete tief ein und aus. Sie würde aufpassen müssen. Zane hatte seine Drohung mit Sicherheit ernst gemeint. Er würde sie im Auge behalten. Und das machte es nicht einfacher.

Trotzdem – es gab schlechtere Orte auf der Welt als ein Luxusresort in der Karibik! Die Umgebung war atemberaubend und der Blick aus ihrer neuen Suite unfassbar schön. Elle verzog das Gesicht. Schade, dass das Gemälde ihrer Großmutter nicht zufällig genau hier an der Wand hing …

Seufzend ließ sie sich auf das bequeme Bett fallen und starrte an die Zimmerdecke. Das Problem war, dass sie keinen Plan hatte. Und fast konnte sie die Stimme ihres Vaters hören. „Na Mädchen, mal wieder Hals über Kopf irgendwelchen Träumen nachgelaufen?“ Sie lächelte matt. Er hatte recht. Sie war nicht besonders gut darin, ausgefeilte Pläne zu machen. Aber es gefiel ihr so. Sie war spontan und lebte aus dem Bauch heraus. Und damit war sie vermutlich das komplette Gegenteil von Officer Zane Edwards. Er war ein Typ, der sicher jede einzelne Sekunde des Tages genau plante.

Die Gedanken an den Sicherheitschef lösten ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Körper aus. Sie atmete tief durch und versuchte, die Gedanken an ihn beiseitezudrängen. Es gab wichtigere Dinge zu tun! Sie brauchte einen Plan. Dringend.

Und solange sie keinen hatte, brauchte sie einen Cocktail. Oder ein paar mehr. Die Lösung für ihre Probleme würde sich finden, da war Elle sich sicher. Es fand sich immer ein Weg.

„Du solltest eine Pause machen.“

„Nein.“ Zane wandte nicht einmal den Kopf, als Marcy ihn ansprach. Sein Blick war fest auf den Monitor geheftet. Und auf die Frau, die auf dem Bildschirm zu sehen war.

Sie saß seit zwei Stunden an der Bar. Allein. In dieser Zeit hatte sie mehrere Cocktails getrunken und sämtliche Flirtversuche von interessierten Männern ignoriert.

„Sie wird sich schon nicht in Luft auflösen“, sagte Marcy. „Und von der Insel kommt sie heute auch nicht mehr runter. Die letzte Fähre ist schon weg.“

„Ich habe geschworen, dass ich sie im Auge behalte. Und genau das tue ich.“

„Für wen? Simon hat das nicht von dir verlangt. Lass die arme Frau in Ruhe und gönn dir eine Pause.“

Zane verzog spöttisch die Mundwinkel. Von wegen, arme Frau … Er erinnerte sich gut an das durchdringende Grau ihrer Augen und an dieses mysteriöse Glitzern in ihrem Blick. Giselle Monroe hütete ein Geheimnis. Und er war wild entschlossen, es ihr zu entlocken.

„Zwing mich nicht dazu, dich für die nächsten 48 Stunden im Außendienst einzuteilen!“ Marcys Stimme hatte einen energischen Ton angenommen. Zane hob die Brauen. Die Managerin des Resorts war zwar eine kleine Frau, aber in ihr steckte mehr Durchsetzungsvermögen, als mancher ahnte. Und es war besser, sich nicht mit ihr anzulegen.

„Warum solltest du das tun?“, fragte er neugierig.

„Um mir eine höllische Woche zu ersparen. Du wirst dich zu Tode langweilen und deinem früheren Leben nachtrauern. Und das möchte ich nicht erleben.“

„Ich trauere meinem früheren Leben nicht nach!“ Nein, es gab viele Dinge, die er wirklich nicht vermisste. Den Anblick von Leichen. Die Jagd nach Terroristen, Drogenhändlern und Vergewaltigern. Alles in dem Wissen, dass für jeden Verbrecher, den sie erwischten, mindestens ein neuer auf den Straßen auftauchte.

Doch am schlimmsten war die Schuld, die er mit sich herumtrug. Er hatte den Tod von Felicity zu verantworten. Das würde ein Leben lang auf seinen Schultern lasten.

„Du widersprichst nicht, also gehe ich davon aus, dass du dich wirklich langweilst“, sagte Marcy. „Ich gehe jetzt und suche Tom, damit er die Schicht übernimmt. Und wenn du nicht in spätestens fünf Minuten hier weg bist und dich um dein eigenes Leben kümmerst, anstatt dieser Frau hinterherzuspionieren, dann gnade dir Gott.“

Zane brummte in sich hinein, als Marcy das Sicherheitszentrum verließ. Während er auf Tom wartete, spürte er, dass seine Augen vom stundenlangen Starren auf den Bildschirm schmerzten. Sein Blick wanderte erneut zu dem Monitor, der Giselle an der Bar zeigte. Ein junger Mann hatte sich neben sie gesetzt, doch sie ließ auch ihn so vehement abblitzen, dass Zane fast Mitleid mit ihm hatte.

Sie ließ niemanden an sich heran. Wieso verbrachte eine Frau den Urlaub inmitten von Singles, wenn sie nicht an Flirts interessiert war?

Sie war definitiv nicht hier, um flüchtige Affären zu haben. Aber warum dann? Zane spürte, wie sich die Frage regelrecht in seine Gedanken hineinfraß. Doch so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keine Antwort.

Das leise Klicken des Türschlosses holte ihn aus seinen Überlegungen. Tom war hier, um die Schicht zu übernehmen.

Ohne lange darüber nachzudenken, fasste Zane einen Entschluss. Was sprach dagegen, dass er selbst einmal an der Bar vorbeiging? Niemand konnte ihm das verbieten. Er hatte dafür zu sorgen, dass alles reibungslos lief. Und nichts anderes hatte er vor.

Sie war es leid, sich betrunkene Männer vom Hals zu halten! Sie wollte ihre Ruhe. Und der Nächste, der ihr eine heiße Nacht anbot, würde mächtig Ärger bekommen!

Genervt blickte Elle sich um. Überall nur viel zu stark geschminkte Frauen, die sich kichernd in hautenger Kleidung und High Heels zur Schau stellten. Fürchterlich.

Sie merkte, dass ein Mann neben ihr Platz nahm, und unterdrückte ein Seufzen.

Ohne den Kopf zu wenden, sagte sie: „Gib dir keine Mühe. Ich bin nicht interessiert. Versuch es bei der Blondine am anderen Ende der Bar.“

Die sah so aus, als wäre sie auf der Suche nach einem One-Night-Stand.

„Soll das heißen, Sie lehnen meinen Versöhnungsdrink ab?“

Überrascht drehte Elle den Kopf. Die tiefe Stimme des Mannes perlte ihren Rücken hinunter, als hätte er mit einem Eiswürfel über ihre nackte Haut gestrichen.

Er trug eine nachtschwarze Jeans und ein eng anliegendes schwarzes T-Shirt. Es war die gleiche Kleidung wie vorhin, doch irgendwie wirkte er lockerer als vorher. Vielleicht lag es am Ambiente der Bar. Unter Palmen und mit einem Cocktail in der Hand war alles entspannter … Zumindest im direkten Vergleich zu Handschellen und einem Kreuzverhör!

„Nein, vielen Dank.“

Ihr Tonfall war kühler, als sie beabsichtigt hatte. Sie presste die Lippen aufeinander. Er machte ihr ein Friedensangebot. Das war eine nette Geste. Doch wie ernst war es gemeint? Mit Sicherheit hatte er etwas vor. Vielleicht wollte er irgendetwas in ihr Getränk mischen. Tropfen, die die Wahrheit aus ihr herauslockten, zum Beispiel … Das würde sie nicht wundern.

Elle zeigte ihm die kalte Schulter. Darin hatte sie an diesem Abend Übung bekommen. Doch im Gegensatz zu den anderen Männern blieb Wachtmeister Zane auf dem Barhocker sitzen und winkte mit lässiger Geste dem Barkeeper zu. Im nächsten Augenblick stand ein weiterer Cocktail vor ihr. Genau die Sorte, die sie den ganzen Abend über getrunken hatte.

Sie runzelte die Stirn und warf Zane einen kritischen Blick zu. „Sie akzeptieren kein Nein, oder?“

„Für gewöhnlich nicht. Und Sie sind nicht gerade gesellig.“ Er deutet auf die vielen Menschen um sie herum.

„Vielleicht ist mir gerade einfach nicht nach Unterhaltung.“

„Dann haben Sie den falschen Ort für Ihren Urlaub ausgewählt. Hier geht es genau darum. Kontakt. Gesellschaft. Flirts.“

Sie spürte, wie ihr aus Ärger die Röte in die Wangen schoss. Wütend funkelte sie ihn an.

„Vielleicht bin ich auch einfach nicht in Partystimmung, weil ich vor wenigen Stunden mit Handschellen gefesselt und des Diebstahls bezichtigt wurde!“

„Oh, wir wissen beide, dass mein Verhalten angemessen war.“

„So viel also zu Ihrer Entschuldigung.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe es versucht.“

„Lassen Sie mich raten. Mein Schutzengel von vorhin hat Ihnen die Hölle heißgemacht. Ich wette, er glaubt mir.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ihr Typen seid wirklich alle gleich.“

„Und was soll das jetzt wieder heißen?“

„Sobald ihr das Gefühl habt, nicht mehr gebraucht zu werden, dreht ihr euch um hundertachtzig Grad und werdet unfreundlich und ekelhaft. Anscheinend müsst ihr den Helden spielen, um euch lebendig zu fühlen.“

Er hob eine Augenbraue, antwortete aber nicht.

„Also, was ist es bei Ihnen?“, fuhr Elle fort, während sie Zane prüfend musterte. „Ich vermute, Sie wurden angeschossen. Und wahrscheinlich haben Sie noch einen wirklich dummen Fehler begangen, denn eigentlich sind Sie zu jung, um den Dienst bei der CIA zu quittieren.“

Noch während sie ihre Gedanken aussprach, bereute sie es. Heftiger Schmerz flackerte in Zanes Blick auf. Sie hatte den wunden Punkt getroffen. Und einen Mann, der ohnehin schon am Boden lag, ein weiteres Mal verletzt.

Elle wollte sich nicht schuldig fühlen. Doch sie konnte nichts dagegen tun. Sie war unter Männern aufgewachsen, die wie er waren. Sie wirkten hart wie Stahl. Bis sie unter der Last zusammenbrachen.

„Es tut mir leid“, sagte sie leise. Als er nicht reagierte, wiederholte sie den Satz etwas lauter.

Ihre Blicke trafen sich. „Ich habe es gehört“, sagte er.

Elle seufzte. „Okay … Ich war nicht sicher.“

„Schon in Ordnung.“

„Ja. Vielleicht.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Cocktail.

Zane sah sie aufmerksam an. „Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie heute Nachmittag tatsächlich in den Zimmern gemacht haben?“

Elle schluckte schwer. Nein. Das wollte sie nicht.

„Sie wissen bereits alles, was ich dazu sagen kann.“

„Und wir beide wissen, dass das eine Lüge ist.“

Elle zuckte mit den Schultern.

„Dann wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als diese Angelegenheit zur langen Liste der Rätsel des Lebens hinzuzufügen.“

Sie erhob sich. Ihr schwindelte etwas, sodass sie einen Moment brauchte, bis sie sicheren Halt fand.

„Alles in Ordnung?“

Zane hatte sich vom Barhocker erhoben und sie am Arm gefasst. Ein Déjà-vu. Kein sehr angenehmes.

Elle wand sich energisch aus seinem Griff heraus. „Danke, es geht mir gut.“

Wie viele Cocktails hatte sie an diesem Abend getrunken? Vier? Oder fünf? Im Sitzen hatte sie den Alkohol nicht gespürt. Doch jetzt stieg er ihr in Windeseile zu Kopf. Zum Glück war es nicht weit bis zum Haupthaus. Der Fahrstuhl würde sie zu ihrem Zimmer bringen, und wenn sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte, fiel ihr vielleicht auch eine Lösung für die Suche nach dem Gemälde ein.

„Es wäre besser, wenn ich Sie zu Ihrem Zimmer begleite.“

„Keine gute Idee.“ Elle drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ging davon.

Draußen klärte sich der Nebel in ihrem Kopf allmählich. Es war eine zauberhafte Nacht und der samtblaue Himmel erfüllt von unzähligen funkelnden Sternen. Was gäbe sie darum, jetzt ein Bild von dieser Schönheit zu malen!

Elle ließ die laute Musik und die hellen Lichter der Bar hinter sich. Eine tiefe Ruhe legte sich über sie. Der Weg zurück zum Haupthaus führte durch einen tropischen Wald, wie er schöner nicht sein konnte. Sie blieb stehen und atmete tief die nach Meer und Blumen riechende Luft ein. Es war so friedlich hier …

Lautes Lachen aus einiger Entfernung holte sie in die Realität zurück. Als sie weiterging, bemerkte sie plötzlich das Geräusch leiser Schritte hinter sich. Sie brauchte einen Moment, um die Situation zu erfassen. Sie war allein auf einem dunklen Weg mitten im Dschungel …

Wie ein Blitz schoss ihr die Erinnerung an die vielen Männer, die sie an diesem Abend abgewiesen hatte, durch den Kopf. Verdammt … Sie hätte netter sein sollen.

3. KAPITEL

Zane folgte Elle unauffällig. Das hatte weniger mit Misstrauen als mit Sorge zu tun. Sie hatte ein paar Cocktails zu viel getrunken und war damit ein leichtes Opfer.

Er hatte zu viele Fälle mitbekommen, in denen Frauen zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Und dann endeten sie als wunderschöne Leichen. Selbst hier im Resort, wo die Gefahr eines Verbrechens gering war, wollte er kein Risiko eingehen. Zane schüttelte den Gedanken ab und wunderte sich über sich selbst. Warum nur fühlte er sich plötzlich für Elle verantwortlich?

Er bog um eine Ecke, kam am Pool vorbei und merkte zu spät, dass das Geräusch von Elles Absätzen längst verklungen war.

Der Angriff kam aus dem Nichts. Noch zwei Jahre zuvor wäre ihm das niemals passiert. Er hätte längst gemerkt, dass Elle ihm auflauerte. Und er wäre auf alles gefasst gewesen – auch darauf, dass sie ihn attackierte. Doch jetzt überraschte sie ihn vollkommen unvorbereitet.

Zane nahm einen Schatten wahr, der sich aus den Büschen am Wegrand löste. Dann spürte er einen harten Schlag an seiner Brust.

Ganz automatisch liefen Verteidigungsimpulse in ihm ab, die er schon längst vergessen geglaubt hatte. Er sprang zur Seite, um die Wucht des Aufpralls abzufangen, und versuchte gleichzeitig, Elle festzuhalten.

Zane fasste nach ihrem Kleid, doch der glatte Stoff glitt ihm durch die Finger. Er packte fester zu und hörte, wie das Kleid zerriss. Elle fuhr keuchend herum und stieß ihn von sich. Für einen Moment war Zane überrascht von der Kraft, die in dieser zierlichen Person steckte.

Dann verlor sie das Gleichgewicht. Er sah, wie sie die Augen weit aufriss und mit den Armen die Balance zu halten versuchte. Doch es war vergeblich.

„Elle!“ Zanes Warnung kam zu spät. Anstatt sie loszulassen, versuchte er sie an sich zu ziehen, um den Sturz in den Pool zu verhindern. Ein Fehler. Er spürte, wie er mitgerissen wurde und das Wasser wirbelnd über seinem Kopf zusammenschlug.

Zane verlor keine Sekunde. Noch unter Wasser öffnete er die Augen, um nach Elle zu suchen. Er sah, wie sie sich mit den Füßen am Grund des Pools abstieß. Ihr Kleid schmiegte sich so eng an sie, dass Zane jede Kurve ihres absolut perfekt geformten Körpers sehen konnte.

Grazil wie eine Meerjungfrau tauchte sie an ihm vorbei, hoch zur Wasseroberfläche.

Als er auftauchte, hörte er Elles keuchenden Atem. Sie ruderte wild mit den Armen.

„Was zur Hölle soll das!“

„Das könnte ich Sie auch fragen.“

Elles Augen funkelten wütend, als sie ihn ansah. Zane lockte der Gedanke, noch einmal unterzutauchen, um einen weiteren Blick auf ihren atemberaubenden Körper zu werfen, doch er riss sich zusammen.

„Warum haben Sie das gemacht?“, rief er stattdessen. Adrenalin schoss ihm durch die Adern und Ärger stieg in ihm auf. Was sollte das? Hatte sie gewusst, dass er ihr folgte? War das ihre Rache? Oder hatte sie befürchtet, ein anderer Mann wäre hinter ihr her?

Was auch immer der Grund war, er würde ihr gehörig die Meinung geigen!

„Ich habe mich verteidigt“, entgegnete sie wütend.

Zane wollte sie am Arm fassen, doch sie trat nach ihm, entzog sich seinem Griff und schwamm zum anderen Ende des Pools.

Sie war schnell, doch Zane war schneller. Auf halber Strecke hatte er sie eingeholt, legte einen Arm um ihre Taille und hielt sie fest. Hier war der Pool so flach, dass er sich hinstellen konnte.

„Verteidigt? Sind Sie verrückt geworden? Sie sind ein Fliegengewicht! Sie hätten nicht den Hauch einer Chance gegen einen Mann.“

Elle sah in aufgebracht an. Ein gefährliches Glitzern trat in ihren Blick.

„Hat Ihnen nie jemand gesagt, dass es nicht auf die Größe ankommt?“

Es war Elle anzumerken, wie unangenehm ihr sein fester Griff war, und dass sie sich am liebsten daraus befreit hätte. Doch das wäre eine völlig aussichtslose Sache gewesen. Und deshalb riss sie sich zusammen. Die Tatsache, dass sie nicht irgendwelchen Impulsen folgte, sondern einen kühlen Kopf behielt, beeindruckte Zane.

Er zog sie noch enger an sich. Was würde sie jetzt wohl tun? Und außerdem … er hatte das übermächtige Verlangen, ihren Körper dicht an seinem zu spüren …

„Süße, es kommt immer auf die Größe an. Ich könnte Sie ohne Probleme jetzt hier im Pool ertränken. Es würde mir nicht die geringste Mühe bereiten.“

Er machte eine Pause. „Wenn ich das wollte.“

Sie verzog die Mundwinkel zu einem unheilvollen Lächeln, und Zane verspürte den Wunsch, ihr zu beweisen, dass er recht hatte. Er wollte ihr nicht wehtun. Aber es konnte auch nicht schaden, ihr den Dickschädel zurechtzurücken.

Doch dazu kam er nicht mehr. Eine blitzschnelle Bewegung von ihr, und er verlor den Boden unter den Füßen. Für einen kurzen Moment hielt sie seinen Kopf unter Wasser – dann ließ sie ihn wieder auftauchen. Elle sah in erwartungsvoll an.

„Noch Fragen?“

Okay, ganz offensichtlich hatte er sie unterschätzt. „Wo haben Sie das gelernt?“

„Ich habe einen Vater und zwei Brüder bei der Polizei. Würden Sie Ihre einzige Tochter in Atlanta vor die Tür lassen, ohne dass sie sich zu verteidigen weiß?“

Zane lief ein Schauer über den Rücken. War es die Vorstellung, dass Elle nachts allein durch die dunklen Straßen einer Großstadt lief, oder eher Mitleid mit jedem, der sie unterschätzte? Er war sich nicht sicher. Aber eins wusste er nun genau. Elle war definitiv kein Opfer.

„Okay, der Punkt geht an Sie.“

Sie lächelte und dieses Mal war es ein ehrliches und offenes Lächeln. Ohne ein weiteres Wort ging sie zum Beckenrand und stieg die Stufen hinauf. Dann hielt sie inne, drehte sich zu ihm um und sah ihn an.

Vollkommen durchnässt stand sie am Rand des Pools, und es war, als würde Zane sie zum ersten Mal wirklich sehen. Sie war hinreißend schön. Das lange rote Haar war dunkel vom Wasser. Zane hätte geschworen, dass sie Make-up oder wenigstens Wimperntusche trug, doch er hatte sich geirrt. Ihre Wimpern waren von Natur aus so dunkel, lang und sanft geschwungen.

Elle strich an ihrem nassen Kleid herunter.

„Sind Sie jetzt zufrieden? Das war mein Lieblingskleid. Und ich fürchte, meine Schuhe sind auch ruiniert.“

Zane stand noch immer reglos im Wasser und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Er sah, wie sich ihre kleinen festen Brüste unter dem nassen Stoff abzeichneten. Ihre Brustwarzen hatten sich aufgestellt. Er ließ den Blick über ihren flachen Bauch hinunterwandern bis hin zu dem verlockenden Dreieck zwischen ihren Beinen.

Plötzlich war seine Kehle wie ausgedörrt, und er spürte, wie eine glühende Erregung ihn erfasste. Zane wollte die Fantasien, die in ihm aufstiegen, während er Elle beobachtete, abschütteln. Vergeblich. Es brachte nichts, sich klarzumachen, dass sie nur auf die kühle Nachtluft reagierte – und nicht auf ihn.

Es war fast zwei Jahre her, seit er zuletzt mit einer Frau geschlafen hatte. Nach Felicitys Tod hatte es niemanden mehr in seinem Leben gegeben. Und bis zu diesem Moment war Zane nicht bewusst gewesen, wie viel Zeit vergangen war. Zwei Jahre. Nicht zu fassen. Er hatte es wirklich dringend nötig …

„Ich sagte Ihnen doch, dass ich ein Auge auf Sie haben würde.“

„Sicher. Aber ich dachte dabei eher an die Hightech-Kameras, die hier überall installiert sind. Und nicht daran, dass Sie zu meinem persönlichen Stalker werden.“

„Ich bin kein Stalker. Ich beobachte Sie nur. Das ist ein Unterschied.“

„Erklären Sie das meinen Schuhen.“

Elle tippte mit einem Fuß auf den Boden und seufzte tief. Ein Schauer kleiner Tropfen löste sich aus ihrem Kleid und die durchnässten Schuhe gaben ein Quietschen von sich. Zane bemerkte, wie ein Lachen in ihm aufstieg. Mühsam unterdrückte er es. Elle wäre wohl kaum begeistert darüber gewesen, wenn er sich über sie amüsierte.

Inzwischen hatte zum Glück auch seine Erektion nachgelassen. Elle bekam besser nicht mit, was sie bei ihm auslöste … Langsam stieg er aus dem Pool.

„Seien Sie froh, dass Sie keine Strümpfe tragen. Meine Socken haben den halben Pool aufgesogen.“

Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Ehrlich gesagt ist mir das vollkommen egal.“

Er unterdrückte erneut ein Lachen und folgte ihr in einigen Metern Abstand bis zum Haupthaus. Kurz vor der Tür blieb sie stehen. „Was ist, kommen Sie? Oder wollen Sie mir weiterhin lieber nachschleichen?“

Sie wartete, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte. Ihre Haltung straffte sich, als er neben sie trat. Zane konnte sich nicht helfen, sein Blick wanderte erneut über ihren Körper, der sich unter ihrem nassen Kleid verführerisch abzeichnete. Sie hatte eine atemberaubende Figur.

Verdammt. Er fand sie anziehend. Mehr als das. Unwiderstehlich. Das war ihm seit Ewigkeiten nicht mehr passiert, egal, wie viele halb nackte Frauen hier Tag für Tag durch die Anlage flanierten. Felicity war die letzte Frau gewesen, für die er sich interessiert hatte.

Das sind nur die Hormone, versuchte Zane sich zu beruhigen. Reine Biochemie. Oder?

Er fühlte sich auf eine beunruhigende Weise zu Elle hingezogen. Und die Tatsache, dass er noch immer nicht wusste, was sie eigentlich im Schilde führte, machte es nicht besser.

Elle eilte durch das Foyer. Doch sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Die junge Frau an der Rezeption schien schon einiges gesehen zu haben. Ein vollkommen durchnässter Gast brachte sie nicht aus der Ruhe. Der Anblick des klatschnassen Sicherheitschefs allerdings schon eher …

„Zane“, sagte sie und hob überrascht die Brauen. „So spät noch unterwegs. Und ganz … nass.“ Belustigung schwang in ihrer Stimme mit.

„Ein kleines Missgeschick am Pool, sonst nichts“, antwortete Zane bemüht gefasst.

„Soll ich Marcy Bescheid geben?“

„Nein!“, brach es zeitgleich aus Elle und Zane heraus. Elle presste die Lippen aufeinander. Jemandem lang und breit erklären zu müssen, wie sie zusammen im Pool gelandet waren, war das Letzte, was sie jetzt wollte.

Schweigend durchquerten sie die Eingangshalle. Am Fahrstuhl blieb Elle stehen. Bevor sie auf den Knopf drücken konnte, um den Lift zu rufen, fasste Zane sie am Handgelenk. Das wurde zu einer lästigen Angewohnheit, die sie ihm schleunigst austreiben musste!

„Kommen Sie mit.“ Zane zog sie mit sich den Gang hinunter. „Na los.“ Vor einer Tür mit dem Schild Nur für Personal blieb er stehen. Er zog eine Zugangskarte aus seiner Gesäßtasche, öffnete die Tür und schob Elle in den dahinter befindlichen Raum. Es war ein versteckter Fahrstuhl.

Sie fuhren schweigend nach oben, und als die Tür sich wieder öffnete, blickte Elle direkt auf den Eingang ihrer Suite. Sie hätte nie vermutet, dass hier ein Lift verborgen war. Das alte Gebäude schien mehr Mysterien zu beherbergen, als sie geahnt hatte.

Sie öffnete ihre Zimmertür und wandte sich Zane zu, um ihm den Weg zu versperren. Doch das hinderte ihn nicht daran, einen Blick an ihr vorbei in den Raum zu werfen.

„Verflucht. Jemand hat Ihr Zimmer durchsucht!“ Bevor Elle begriff, was geschah, hatte er sich an ihr vorbeigedrängt und schützend vor sie gestellt. Sie spürte die warme Berührung seiner Hand an ihrer Hüfte wie ein kurzes Glühen. Rasch trat sie zur Seite. Nein. Sie wollte nicht, dass er sie anfasste. Auf keinen Fall.

„Sehen Sie nach, ob etwas gestohlen wurde.“

Elle schob sich an Zane vorbei. „Mit Sicherheit nicht. Hier war niemand. Ich habe vorhin etwas in meinem Gepäck gesucht. Deshalb sieht es hier ein wenig … unordentlich aus.“

Die Verblüffung stand Zane deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Und was bitte war so wichtig, dass Sie das Zimmer verwüsten mussten? Der Hope-Diamant?“

Er hatte recht. Das Zimmer sah chaotisch aus. Elle hob ein paar Kleidungsstücke vom Boden auf und zuckte mit den Schultern. Sie war Unordnung um sich herum gewöhnt. Das brachte das Künstlerdasein mit sich. Wenn sie die Inspiration überkam, ließ Elle alles stehen und liegen, um zu malen oder an einer Skulptur zu arbeiten. Alles andere wurde dann unwichtig.

„Lassen Sie mich raten“, entgegnete sie, „in Ihrem Zimmer könnte man vom Boden essen.“

Korrekt. Dieses Wort beschrieb Zane Edwards am besten. Und darin waren alle Sicherheitsleute gleich.

Elle war sich sicher, dass ihr Hang zur Unordnung auch mit dem Aufbegehren gegen ihr strenges Elternhaus zu tun hatte. Rebellion konnte sehr befreiend sein …

„Ja, könnte sein“, antwortete er knapp.

Elle sah ihn an und spürte plötzlich ein Kribbeln auf der Haut. Sie steckten noch immer in der nassen Kleidung. Und allmählich wurde es kühl.

Zu gerne wäre sie ins Bad gegangen, um sich umzuziehen. Doch dazu hätte sie an ihm vorbeigemusst. Sehr dicht an ihm vorbei. Elle spürte, wie sich allein bei dem Gedanken daran, ihn zu berühren, ihre Brustwarzen aufstellten. Wie gut seine Nähe sich anfühlte. Neu und aufregend – und zugleich irritierend vertraut.

Zane erwiderte ihren Blick, und Elle musste tief einatmen, als sie das Funkeln in seinen Augen wahrnahm. Wenn sie sich nicht sehr irrte, spürte auch er diese magische Anziehung zwischen ihnen. Diese Faszination, die sie zu verleugnen versuchte.

Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, die sich plötzlich seltsam trocken anfühlten. Zanes Blick wanderte zu ihrem Mund und verharrte dort. Doch Zane kam nicht auf sie zu. Versuchte nicht, sie zu berühren. Sein Blick genügte, damit Elle sich wünschte, dass er es tun würde.

Langsam ging sie einen Schritt auf ihn zu.

Und noch einen.

Bis sie ganz nah voreinander standen. Sie berührten sich nicht, doch Elle konnte die Hitze spüren, die von ihm ausging. Ein heißer Schauer lief durch ihren Körper, und für einen Moment hatte Elle das Gefühl, als würden ihre Beine nachgeben.

Ob er weiß, wie attraktiv er ist? dachte sie und spürte plötzlich den Wunsch, ihn zu zeichnen. Und mit ihm diese Aura von Lust und Verlangen festzuhalten, die ihn umgab. Er war der aufregendste Mann, der ihr bisher begegnet war. Seine unfassbar männliche Ausstrahlung brachte die Luft um sie herum regelrecht zum Glühen.

Dabei war er nicht in der herkömmlichen Weise schön. Eher rau, ungeschliffen – maskulin. Von dem muskulösen Körper ging eine unbändige Kraft aus, die in einem aufregenden Widerspruch zu seiner ruhigen und kontrollierten Art stand.

Elle spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Diese ganz besondere herbe Männlichkeit und seine unzugängliche Art zogen sie magnetisch an. Und das war irritierend. Elle hatte sich in der Vergangenheit immer zu Künstlern hingezogen gefühlt. Zu Männern, die ihre Leidenschaft für die Kunst teilten, und die verstanden, was in ihr vorging. Das hatte ihr viel Ärger und Herzschmerz erspart. Zane Edwards aber erinnerte sie auf fatale Weise an ihren Vater und an ihre Brüder. Dieselbe Persönlichkeit. Derselbe Ausdruck. Genau die Art von Mann, die sie nicht in ihrem Leben wollte. Weil sie wusste, dass es einfach nicht funktionierte.

Und nun genügte der herbe Duft seines Aftershaves, um sie vollkommen aus der Fassung zu bringen! Ihr Blut jagte durch die Adern und ein heftiges Beben erfasste sie.

Elles ganzer Körper sehnte sich nach Zanes Berührung. Sie wollte ihn spüren, nah bei sich, näher, noch näher. Ihr Atem beschleunigte sich.

Sein Blick war hypnotisierend. Sie fühlte, wie ihre Haut zu brennen anfing, und öffnete unwillkürlich die Lippen. Doch noch immer war sie nicht in der Lage, sich zu bewegen. Sie tauchte einfach immer weiter in seine dunklen Augen ein, ließ sich hineinfallen in diese geheimnisvollen Tiefen und spürte die gegenseitige Erregung wie ein Echo in sich vibrieren.

Wenn er sie jetzt doch nur küssen würde … Elle erschrak fast über die Intensität ihrer Begierde. Nein, das wäre nicht gut. Es würde alles furchtbar kompliziert machen.

Aber darüber konnte sie später nachdenken.

Elle bemerkte, dass Zanes Atem schwerer ging. Die Lust floss durch ihren Körper und wurde zu einem glühenden Pulsieren zwischen ihren Schenkeln. Eine fast schmerzliche Sehnsucht, die kaum zu bändigen war. Allein der Gedanke, von ihm dort berührt zu werden, ließ sie schwindeln.

Doch dann drehte er sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Er drehte sich nicht noch mal um.

Elle hörte, wie die Tür ins Schloss fiel, und stand noch einen Augenblick reglos im Raum. Unfähig, sich zu rühren.

Sie wusste, sie sollte dankbar sein, dass wenigstens er die Kraft aufgebracht hatte, sich gegen das Verlangen zu wehren. Doch Elle war nicht erleichtert. Sie war enttäuscht. Und wütend!

Sie war es nicht gewohnt, dass Männer sie einfach stehen ließen. Im Gegenteil.

Und sie hatte nicht vor, das zur Gewohnheit werden zu lassen.

4. KAPITEL

Elle grub die nackten Füße tiefer in den weißen Sand und ließ ihren Blick über den menschenleeren Strand schweifen. So früh war hier noch niemand unterwegs. Die meisten Urlauber waren auf der Insel, um sich zu entspannen. Doch Elle schaffte es einfach nicht.

Ihre Nacht war ein Wechselbad aus erotischen Träumen und verzweifeltem Grübeln gewesen. Stunde um Stunde hatte sie sich im Bett herumgewälzt, ohne zu einer Lösung zu gelangen. Deshalb war sie schon vor Sonnenaufgang aufgestanden, um wenigstens die Schönheit der Insel so gut wie möglich zu genießen.

Eine tiefe Stille hüllte alles ein. Es war hier ganz anders als in Atlanta, wo schon in den frühen Morgenstunden hektische Betriebsamkeit auf den Straßen herrschte.

Normalerweise liebte Elle den Trubel. Sie zog Energie aus dem ewigen Pulsieren der Stadt. Es gab immer etwas zu erleben, immer etwas zu tun. Und Elle gönnte sich selten einen ruhigen Moment. Umso mehr überraschte es sie, wie angenehm es war, einfach nur im Sand zu sitzen und nichts zu tun, während das Leben auf der Insel langsam erwachte.

Elle griff nach Skizzenblock und Stift, die neben ihr im Sand lagen. Jetzt bedauerte sie, dass sie ihre Malutensilien zu Hause gelassen hatte.

Doch sie war ja nicht hergekommen, um zu malen, sondern um das Gemälde zu finden. Elle runzelte die Stirn. Zane hatte ihren Plan, hier schnell aufzutauchen und genauso schnell wieder zu verschwinden, gründlich vereitelt.

Dennoch. Ob Marcy ihr Pinsel und Farben besorgen konnte? Um die ganze Pracht der tropischen Inselwelt einzufangen, würde sie mehr brauchen als nur einen Bleistift.

Sie konzentrierte sich auf die Skizze, die aus ihren ebenso leichten wie kunstvollen Strichen auf dem Papier entstand. Und wie immer, wenn sie zeichnete, vergaß Elle alles um sich herum.

Deshalb bemerkte sie erst spät, dass sie nicht mehr allein am Strand war. Das Geräusch von Schritten drang an ihr Ohr, und noch bevor sie aufsehen konnte, flogen Sandkörner auf ihre Zeichnung. Stirnrunzelnd wischte Elle den Sand beiseite. Sie wusste schon jetzt, wer sie bei der Arbeit störte …

„Guten Morgen, Officer Zane. So früh schon auf den Beinen?“

„Special Agent.“

Elle sah ihn irritiert an. „Wie bitte?“

„Ich war Special Agent, nicht Officer.“

„Macht das einen Unterschied?“

Er lachte leise. „Ja, allerdings.“ Er ging neben Elle in die Hocke, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er fast nackt war. Außer einer dunkelblauen Shorts trug er nur Turnschuhe.

Er musste am Strand gejoggt sein, denn kleine Tropfen schimmerten auf seiner breiten muskulösen Brust. Ansonsten wirkte er vollkommen frisch und ausgeruht. Elle fragte sich, wie lange er wohl gebraucht hatte, um seinen Körper so zu fordern, dass er schwitzte.

Wahrscheinlich eine ganze Weile.

Elle spürte, wie die Erregung in ihrem Körper anstieg. Ihr würde noch etwas anderes einfallen, um diesen Mann zum Schwitzen zu bringen. Doch sofort drängte sie den Gedanken zurück. Absolut unmöglich. Keine gute Idee.

„Was haben Sie da?“ Bevor Elle es verhindern konnte, hatte er ihr die unfertige Skizze aus der Hand genommen.

„Das ist wirklich gut.“

„Hätten Sie mir das nicht zugetraut?“ Elles Stimme klang plötzlich angespannt. Es war ihr unangenehm, ihre Zeichnung in Zanes Händen zu sehen. Sie war damit aufgewachsen, dass ihre Kunst verlacht und als Hobby abgetan worden war. Und deshalb war es eins ihrer ungeschriebenen Gesetze, dass niemand – absolut niemand – die Bilder zu sehen bekam, bevor sie selbst sie für gut befand. Was sie machte, sollte perfekt sein.

„Ist Ihnen eigentlich klar, wie unhöflich Sie sind? Künstler teilen unfertige Arbeiten nicht mit anderen.“

Sie spürte einen merkwürdigen Druck in der Brust, als Zane den Kopf schräg legte und die Skizze noch eingehender betrachtete.

Schließlich blickte er auf und lächelte. „Es ist noch nicht fertig? Wirklich? Ich finde es perfekt. Wie lange arbeiten Sie schon daran?“

Zanes Worte und sein Blick lösten ein Gefühl der Erleichterung in Elle aus. Sie gab sich alle Mühe, nicht zurückzulächeln, doch es gelang ihr nicht.

„Ungefähr eine halbe Stunde. Aber ich bin nicht sicher. Ich habe meine Uhr in meinem Zimmer vergessen.“

„Meine Güte, das Bild ist wirklich hervorragend.“

Elle zuckte mit den Schultern. Die Röte schoss ihr ins Gesicht. Das war neu. Sie wurde sonst nie verlegen.

Verdammt, dieser Mann war einfach nicht gut für sie. Sie hatte im Lauf ihres Lebens eine Mauer um sich herum aufgebaut, die sie schützte. Sie hatte gelernt, sich durchzusetzen, unabhängig zu sein und sich nur auf sich selbst zu verlassen.

Doch Zane Edwards schien ein Gespür für ihre Schwachstellen zu haben. Schweigend reichte er ihr den Skizzenblock zurück und richtete sich auf. Elle schluckte schwer. Es war unmöglich, die Attraktivität dieses Mannes zu ignorieren. Das Spiel seiner Muskeln in der morgendlichen Sonne …

Aber ganz sicher war das eine vorübergehende Anziehung. Nichts Besonderes.

„Wir sehen uns später.“

Sein Gesicht war unbewegt, doch Elle meinte Belustigung in seiner Stimme zu hören, die sie aufhorchen ließ.

„Nicht, wenn ich es vermeiden kann“, antwortete sie.

Lässig drehte er sich um, ging einige Schritte und nahm dann das schnelle Tempo seines Morgenlaufs wieder auf und lief in Richtung Resort zurück.

Elle ließ den Blick über seine breiten Schultern wandern, über den knackigen Hintern und die kraftvollen Bewegungen der muskulösen Beine.

Und ganz plötzlich blitzte die Erinnerung an das Lächeln in seinem Mundwinkel vor ihrem inneren Auge auf. Elle griff nach ihrem Skizzenblock, blätterte eine neue Seite auf und begann fieberhaft zu zeichnen. Sie dachte nicht nach. Das konnte sie später tun. Jetzt, in diesem Moment, wollte sie nur festhalten, was geschehen war. Wie er sie angesehen hatte, mit diesem ganz besonderen Blick. Eine ungewohnte Hitze hatte sie durchströmt. Ein Gefühl, das sie nicht deuten konnte. Und das sich nicht ignorieren ließ.

Frisch geduscht und nur mit einem Handtuch um die Hüfte durchquerte Zane seinen Bungalow. Er lebte nicht ohne Grund abseits vom Trubel des Resorts und die Einrichtung seiner Wohnung war schlicht und zweckmäßig.

Zane verharrte einen Augenblick am Fenster und blickte in das ursprüngliche Grün des Dschungels. Er konnte nicht aufhören, an Elle zu denken. Am Strand hatte er sie einige Minuten lang unbemerkt beobachtet. Wie sie dort gesessen hatte, vollkommen in ihre Zeichnung vertieft.

Sie war wirklich talentiert. Und das überraschte ihn. Nicht, weil er ihr kein Talent zugetraut hatte oder keine Energie. Elle schien eine Frau zu sein, die alles durchboxte, was sie sich in den Kopf setzte. Und die sich dabei alles abverlangte.

Zane seufzte leise. Genau das machte sie zu einem größeren Problem, als er anfangs vermutet hatte …

Er hätte sie niemals für eine Künstlerin gehalten. Doch änderte dieses Wissen irgendetwas? Eigentlich nicht.

Elle Monroe führte irgendetwas im Schilde. Und er war wild entschlossen herauszufinden, was es war.

Unter normalen Umständen würde er jede Datenbank nach Informationen durchsuchen, ihre Telefonverbindungen überprüfen, sie komplett durchleuchten. All das war hier auf der Insel aber nicht möglich. Er tappte im Dunkeln. Doch es gab noch eine Möglichkeit: seine Freunde auf dem Festland, alte Kollegen, die ihm noch einen Gefallen schuldeten. Er hatte sich achtzehn lange Monate nicht gemeldet, doch er war sich sicher, dass sie verstanden, warum. Sie waren dabei gewesen, als Felicity starb. Getötet durch den Mann, den er aus dem Weg hatte räumen sollen.

Eine Welle der Schuld durchflutete ihn. Noch vor eineinhalb Jahren hätte er diese Schuldgefühle im Alkohol ertränkt. Doch das war lange her. Er griff zum Telefon und wählte.

„Hallo Mick. Ich bin’s, Zane.“

Es war, wie er erwartet hatte. Sein alter Kollege und er tauschten einige Belanglosigkeiten aus, bis er endlich vorbringen konnte, worum es ihm ging.

„Hör zu, ich möchte dich um einen Gefallen bitten. Es geht um eine Frau namens Giselle Monroe. Sie lebt in Atlanta. Ich brauche alle Informationen über sie, die du finden kannst. Falls es weiterhilft – ich glaube, ihr Vater und ihre Brüder sind bei der Polizei.“

Nachdem er aufgelegt hatte, wurde ihm wieder die Stille bewusst, die ihn umgab. Er hätte sich einsam fühlen müssen. So einsam wie an jedem Tag seit Felicitys Tod. Doch heute war es anders als sonst. Er hatte ein Rätsel zu lösen. Das Rätsel um Giselle Monroe. Und es fühlte sich gut an.

Kein Zweifel. Die Gemälde in der Lobby des Resorts waren Kostbarkeiten. Elles fachkundiger Blick hatte das in wenigen Sekunden erkannt. Es waren keine Bilder namhafter Künstler darunter, aber großartige Werke von weniger bekannten Malern des 20. und 21. Jahrhunderts.

Das gab Elle zu denken. Wer auch immer hier für die Auswahl der Bilder zuständig war, hatte definitiv Ahnung von Kunst. Und einen Blick für die verborgenen Meisterwerke.

Vielleicht war die Lösung ganz einfach? Konnte sie nicht darum bitten, sich alle Gemälde ansehen zu dürfen? Als Künstlerin war das ein nachvollziehbarer Wunsch … Und wenn sie erst einmal wusste, wo sich das Gemälde ihrer Großmutter befand, konnte sie über die weiteren Schritte nachdenken.

Kurz entschlossen fragte sie am Empfang nach Marcy. Es war noch nicht einmal halb sieben Uhr morgens, und eigentlich hatte sie nicht erwartet, die Managerin persönlich sprechen zu können. Doch zu ihrem Erstaunen war Marcy keine Minute später für sie da.

„Hallo Ms Monroe. Was kann ich für Sie tun?“

Elle war so überrascht, dass sie einen Augenblick brauchte, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie beschloss, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Ich wüsste gern, ob Sie etwas für mich besorgen könnten.“

„Ich kann es versuchen. Auf St. Lucia bekommt man so gut wie alles. Was benötigen Sie?“

„Malutensilien. Farben, einige Pinsel, eine Staffelei, ein paar Leinwände.“

Elle sah, wie Marcy überrascht die Augenbrauen hob. Sie hatte gewusst, dass sie mit ihrem Wunsch aus dem Rahmen fiel. Wahrscheinlich wurde hier sonst nur nach Sexspielzeug gefragt …

„Ich werde sehen, was ich tun kann. Sie müssen allerdings damit rechnen, dass alles ein wenig teurer wird, als Sie es von zu Hause gewohnt sind.“

Elle zuckte mit den Schultern. Die Zeiten, in denen sie jeden Cent dreimal hatte umdrehen müssen, waren glücklicherweise vorbei. Inzwischen zahlte sich ihre Malerei aus.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Insel mich so inspirieren würde. Eigentlich wollte ich nur im Sand liegen, Cocktails trinken und über nichts Besonderes nachdenken.“

Marcy lächelte. „Ich finde rumsitzen ebenfalls todlangweilig.“

Elle erwiderte das Lächeln. „Ich merke schon, wenn ich nicht so bald wieder abreisen müsste, würden wir beide sicher gute Freundinnen werden.“

„Ja, das denke ich auch. Also, ich gebe Ihnen Bescheid, wenn ich etwas von unserem Händler auf St. Lucia erfahre.“

„Vielen Dank.“ Elle wandte sich zum Gehen, stoppte aber nach wenigen Schritten und kehrte zum Empfangstresen zurück. „Oh, noch etwas. Sie haben wundervolle Bilder hier.

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