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TIFFANY HOT & SEXY, BAND 27

MARIE DONOVAN

Königliche Lust

Nur eine Nacht mit Lily – und schon ist Jacques süchtig nach ihren sinnlichen Lippen und dem Duft ihrer Haut. Aber als Amerikanerin muss sie doch den Adel verachten, und so verschweigt er ihr, dass er ausgedehnte Ländereien sowie ein Schloss in der Provence besitzt. Denn so heiß Lily für Jacques auch brennt: Würde sie beim Comte de Brissard bleiben?

JULIE LETO

Maskierte Leidenschaft

Als er Claire in Korsage und Strapsen sieht, verschlägt es FBI-Agent Michael den Atem. Nicht nur weil die Detektivin so unglaublich sexy ist, sondern auch, weil sie sich so schutzlos ihrem Stalker ausliefert. In einem Lustgemach des dekadenten Clubs zeigt er ihr, wie leicht sie zu überwältigen ist – und wird dann selbst von einem verbotenen Verlangen übermannt.

TAWNY WEBER

Stromausfall mit heißen Folgen

Stromausfall! Und er ist ausgerechnet mit Larissa eingeschlossen, der Frau, die ihn verlassen hat. Wie sehr hat Jason sich nach ihr gesehnt … Als er sie nun im Dunkeln berührt, ist der Zauber zurück. Als er sie küsst, flammt die Leidenschaft auf. Und als er ihr den Spitzenslip von den Hüften streift, hat er nur einen Wunsch: Diese Nacht soll niemals enden!

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Königliche Lust

1. KAPITEL

Lily Adams stand fröstelnd auf dem Bürgersteig vor ihrem Apartmenthaus und wartete auf ihre Cousine Sarah und deren Mann Curt, der sie beide zum Flughafen bringen wollte. Obwohl es bereits Juli war, war es an diesem frühen Morgen in New Jersey noch empfindlich kühl, doch das war ihr egal. Schließlich lag das größte Abenteuer ihres bisherigen Lebens vor ihr: Paris! Eine Traumreise zusammen mit Sarah, was für ein Spaß.

Wieder erschauerte sie, diesmal nicht vor Kälte, sondern aus Vorfreude. Ihr erster Trip nach Europa. Sarah, die in Frankreich studiert hatte, war Französischlehrerin und kannte sich dort im Gegensatz zu ihr gut aus. Denn mit dieser Reise betrat sie völliges Neuland.

Lily hatte an der Uni Journalismus und im Nebenfach englische Literatur belegt, eine Kombination mit mäßigen Berufsaussichten. Seit einiger Zeit versuchte sie sich als Reiseschriftstellerin, unter anderem, um sich für eine Kindheit ohne Ferienreisen zu entschädigen. Über Philadelphia, New York und New Jersey war sie bis jetzt allerdings nicht hinausgekommen. Auf diese Weise verdiente man sich keine Lorbeeren, das war ihr nur allzu klar. Das Abenteuer lag in Übersee, also hatte sie ihre Ersparnisse zusammengekratzt.

Als ein dunkles Auto in Sicht kam, reckte Lily erwartungsvoll den Hals. Ja, das waren sie. Endlich! Kaum hatte der Wagen angehalten, sprang Sarah schon heraus. In einem Pyjama? Legere Kleidung für einen Langstreckenflug, völlig okay, aber derart leger? Lily störte sich nicht an dem pinkfarbenen Zweiteiler, der mit Motiven von kleinen Äffchen bedruckt war, die an Palmen schaukelten. Ob Sarah damit allerdings unbehelligt durch die Passkontrolle kommen würde, war fraglich.

Auf den zweiten Blick fiel Lily auf, dass ihre Cousine ziemlich derangiert wirkte. Sie war auffallend blass, ihre Lippen waren rissig.

„Alles okay mit dir?“, fragte Lily daher besorgt. Eine Magenverstimmung während des Flugs wäre nicht gerade der Hit.

Auf Sarahs Gesicht breitete sich ein verklärtes Lächeln aus, und ihre Cousine fiel ihr schluchzend um den Hals. „Was ist denn los?“ Hilflos mit den Schultern zuckend blickte Lily zu Curt, der nun ebenfalls ausstieg. Auch er hatte einen verklärten Gesichtsausdruck.

Endlich schien Sarah die Sprache wiedergefunden zu haben. Sie funkelte ihren Mann warnend an.

„Wehe! Kein Wort, hörst du?“

Fürsorglich legte Curt einen Arm um die Schultern seiner Frau. Nachdem er ihr einen sanften Kuss auf das leicht fettig glänzende Haar gedrückt hatte, sagte er beschwichtigend: „Natürlich nicht, Darling, von mir erfährt es keiner. Diese Nachricht darfst ganz alleine du verkünden, Honey.“

Darling? Honey? Normalerweise war Curt so romantisch wie ein Sack Zement.

Allmählich überfiel Lily leichte Panik. Was auch immer hier vorging, Tatsache war, dass in knapp vier Stunden ihre Maschine nach Paris startete. Unnötig zu erwähnen, dass sie im Besitz eines verbilligten, daher nicht erstattungsfähigen Tickets war.

Ein geradezu überirdisches Leuchten erhellte Sarahs Gesicht.

„Lily, ich bin schwanger!“

„Schwanger!“, rief Lily begeistert, doch sofort nahm sie sich zurück, denn sie musste daran denken, was ihre Cousine in dieser Hinsicht schon alles durchgemacht hatte. Hinter Sarah lag eine harte Zeit, Jahre des Hoffens und Bangens, der Trauer über mehrere Fehlgeburten in Folge. Schließlich die niederschmetternde Diagnose der Spezialisten, dass sie nie Kinder bekommen würde. Die Reise nach Frankreich sollte sie ihren Kummer vergessen lassen, sie auf andere Gedanken bringen. Und jetzt das. „Wann hast du es erfahren?“

Sarah kicherte mädchenhaft. „Ich hab mich schon die ganze letzte Woche irgendwie schlecht gefühlt, mir war ständig übel. Eine Magen-Darm-Grippe, dachte ich. Weil ich mich gestern Nacht heftig übergeben musste, hat Curt mich in die Notaufnahme gebracht. Dort stellte man die Schwangerschaft fest.“ Sie lächelte glücklich und bang zugleich. „So sieht’s aus.“

„Dann kannst du natürlich nicht fliegen.“ Ihre Cousine durfte keinesfalls eine weitere Fehlgeburt riskieren. Dieser Meinung war auch Curt, wie seine erleichterte Miene deutlich machte.

„Aber Lily, wie sollst du ohne eine Wort Französisch klarkommen?“, gab Sarah zu bedenken. „Außerdem ist es deine erste große Reise, und gleich alleine …“

Wie gut für mein Selbstvertrauen. „Unsinn, du musst jetzt an das Kind denken und du brauchst medizinische Betreuung“, erklärte Lily resolut. „Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin ein großes Mädchen. Ist doch alles durchorganisiert, außerdem habe ich mein Wörterbuch.“

Sarah blickte sie zweifelnd an. Offensichtlich hielt die Französischlehrerin in ihr nicht allzu viel von Lilys Sprachtalent.

„Na ja, wenigstens wimmelt es um diese Zeit nur so von englischsprachigen Touristen in Paris. Da findest du im Notfall Unterstützung. Und natürlich bringen Curt und ich dich wie geplant zum Flughafen.“ Schuldbewusst fügte Sarah hinzu: „Ich wünschte, ich hätte es dir früher sagen können.“

„Das hätte nichts an meinen Reiseplänen geändert, du kannst dich also beruhigen.“ Lily war fest entschlossen, die Sache durchzuziehen. Vielleicht würde sie sogar ein hübsches Spielzeug besorgen und es der oder dem Kleinen nach der Geburt schenken. Natürlich würde sie auf die Patenschaft bestehen, doch das würde sie Sarah erst sagen, wenn die kritischen Monate der Schwangerschaft überstanden waren.

Also beluden sie Curts Wagen mit ihrem Gepäck, dann ging es zum JFK-Flughafen in New York. Um diese frühe Stunde herrschte nicht allzu dichter Verkehr, sodass Lily schon bald mit ihrem Koffer vor dem Terminal stand und Sarah zum Abschied die Hand durch das geöffnete Wagenfenster reichte.

„Pass gut auf dich auf, Lily.“

Die Augen tränenfeucht, drückte ihre Cousine fest ihre Hand. Auch Lily musste Tränen wegblinzeln, die sie allerdings nicht auf Schwangerschaftshormone schieben konnte. Sie hauchte Sarah ein letztes Küsschen zu. „Alles wird gut, mach dir keine Gedanken. Versprich mir, dass du gut auf dich und das Baby achtgibst, ja?“

Keine Minute später waren die beiden weg. Lily atmete einmal tief durch, schulterte ihren Rucksack und nahm den Koffer. Dann betrat sie trotz ihres ängstlich pochenden Herzens entschlossen das Terminalgebäude.

Ihre erste Fernreise. Frankreich, das Land des Weins, des Pomps und des Parfüms. Wow, das klingt nicht übel. Rasch zog sie ihr Smartphone hervor, um den Satz einzutippen, damit sie ihn nicht vergaß. Ihr Laptop wartete bloß darauf, all die sensationellen Geschichten zu speichern, die ihr nur so zufliegen würden.

Sie würde Frankreich im Sturm erobern.

Jacques Montford verließ die Metro, wenige Blocks entfernt von der Stadtvilla seiner Familie. Seine Mutter, die verwitwete Comtesse de Brissard, hatte ihm die Limousine zum Flughafen schicken wollen, doch er brauchte eine kleine Schonfrist. Zeit, um nach dem langen Flug ein bisschen frische Luft zu schnappen, soweit das in Paris möglich war.

Er stieg die Treppe zur belebten Straße hoch und sog genüsslich die Luft ein. Ah, der typische Pariser Sommerduft. Eine Mischung aus Autoabgasen mit einer deutlich blumigen Komponente dank der üppigen Villengärten in dieser Gegend. Jasmin, Rose und Lilie. Kein Lavendel.

In Paris fand man Lavendel nur in Kübeln auf dem Blumenmarkt und vielleicht in weniger mondänen Vierteln als dem, das er gerade durchquerte. Um den unvergleichlichen Duft echten Lavendels schnuppern zu können, müsste man die Stadt verlassen und in die Provence fahren.

Schon die Vorstellung einer weiteren Reise fand er erschöpfend. Erschöpfender als die Gesellschaft seiner Mutter? Das blieb abzuwarten.

Er bog in eine Seitenstraße und lief rasch die wenigen Stufen zur Doppelflügeltür ihrer Stadtvilla hoch. Mit seinem Schlüsselbund hatte er sich auf der Reise in das von einem Taifun verwüstete Gebiet Südostasiens nicht belastet. Er war als Arzt für eine internationale Hilfsorganisation im Einsatz gewesen und musste viel Ausrüstung mit sich herumschleppen. Da blieb für die wenigen persönlichen Dinge nur ein Rucksack. Und außerdem hatte die Gefahr bestanden, dass der Schlüssel gestohlen wurde.

Eben diesen schweren Rucksack, dessen Riemen schmerzhaft in seine Schultern schnitten, wollte er jetzt so schnell wie möglich loswerden. Er sehnte sich nach einer ausgiebigen heißen Dusche, einer anständigen Mahlzeit und Ruhe.

Kaum hatte er geklopft, wurde die Tür auch schon aufgerissen – und die Hölle brach los. Er sah sich von einer Horde wildfremder Menschen umringt, die ihm mit aufgesetzter Fröhlichkeit „Überraschung!“ entgegen schmetterten.

Seine Mutter, wie immer tadellos zurechtgemacht, bahnte sich einen Weg durch die Menge und ließ gerade so viele Tränen über ihre Wangen kullern, dass ihr kunstvolles Make-up nicht ruiniert wurde.

„Jacques! Mon petit Jacques ist endlich wieder zu Hause!“, verkündete sie theatralisch, woraufhin die Menge applaudierte.

Sofort kam er sich vor wie der Pudel einer reichen Dame, der stolz von seiner Besitzerin präsentiert wurde. Welches Kunststück erwartete man von ihm? Das Verabreichen von Rehydrationssalzen? Eine Masernimpfung?

Er sah sich in der aufgeregten Gästeschar gefangen, die sich um ihn drängte. Am liebsten hätte er sich umgedreht und wäre gleich wieder gegangen. Jemand hievte ihm den Rucksack vom Rücken.

Die Comtesse legte ihm die Hände auf die Schultern. „Ah, Jacques, dein Haar ist viel zu lang.“ Stirnrunzelnd zupfte sie an seinem Pferdeschwanz. „Und dieser scheußliche Bart, der deine hübschen Züge versteckt.“ Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Du siehst aus wie einer dieser Penner, die in den U-Bahn-Schächten hausen.“

Maman, bitte.“ Sanft schob er ihre Hand weg, wobei er ihr einen galanten Kuss auf den Handrücken hauchte. Schließlich wollte er sie nicht kränken.

„Da ist noch jemand, der dir gerne ein Willkommensküsschen geben möchte“, verkündete sie, sogleich wieder milder gestimmt.

Wen konnte sie meinen? „Bellamy?“ Bellamy war ihr steinalter englischer Butler. Die Vorstellung, dieser Ausbund an Korrektheit könnte sich zu einem Küsschen hinreißen lassen, entlockte Jacques das erste echte Lächeln an diesem Abend. Dummerweise deutete seine Mutter dieses Lächeln falsch.

„Ah, mein lieber Junge, du tust nur so, als wüsstest du nicht, wer hier ist.“

„Aber nein, Maman, ich weiß es wirklich nicht …“ Jacques erstarrte, als sein Blick auf die Person fiel, die er am wenigsten hier erwartet hätte. „Nadine.“ Gar nicht so leicht, zu sprechen, wenn man die Zähne zusammenbiss, trotzdem brachte er den Namen seiner Exverlobten erstaunlich artikuliert heraus.

Sie nahm das als Einladung. „Oh, mon cher!“

In großer Geste schlang sie die Arme um ihn und verpasste ihm den angedrohten Kuss. Jacques reagierte schnell und drehte den Kopf zur Seite, sodass sie nur eine Haarsträhne erwischte, die sie sofort angewidert ausspuckte, wie er zufrieden registrierte.

Er umfasste ihre Oberarme, um sie abzuschütteln, doch sie klebte an ihm wie ein Gecko an der Wand. Während seines langen Krankenhausaufenthalts in Thailand hatte er ausreichend Gelegenheit gefunden, diese entzückenden Tierchen zu studieren. Besonders beachtlich war ihr Talent, an Wänden und Decken zu laufen, ohne herunterzufallen. Geckos schafften es sogar, sich über die Augen zu lecken, was er Nadine allerdings nun doch nicht zutraute.

Überhaupt war es ihm herzlich egal, was sie mit ihrer Zunge anstellte. Im Gegensatz zu früher, als ihre ausschweifenden Zungenkunstfertigkeiten zu ihrer Trennung geführt hatten.

Was also sollte diese inszenierte Willkommensfeier? Jacques registrierte, wie die Blicke seiner Mutter und die ihrer handverlesenen Gästeschar voller Wohlwollen auf ihm und Nadine ruhten. Seine Exverlobte verzichtete wohlweislich darauf, ihn noch einmal zu küssen, sondern begnügte sich damit, den Kopf an seine Schulter zu schmiegen.

Ein Kellner drückte ihm eine Champagnerflöte in die Hand, und die Comtesse erhob ihr Glas.

„Auf meinen Sohn, Jacques Charles Olivier Fortanier Montford, Comte de Brissard.“

Wie üblich vergaß sie den einzigen Titel, der es seiner Meinung nach wert war, genannt zu werden: Doktor. Die illustre Gästeschar störte das nicht. Erneut brandeten Jubelrufe auf. Fehlte nur noch eine schwülstige Orchesterversion der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, um den angeschlagenen Helden in der Heimat willkommen zu heißen. Im Flüsterton stimmte er an: „Allons, enfants de la patrie … Auf, Kinder des Vaterlandes …“

Nadine bedachte ihn mit einem befremdeten Blick, der Jacques seine prekäre Situation in Erinnerung rief, denn sie wünschte sich sehnlichst, die zukünftige Comtesse de Brissard zu werden. Allein seine schäbige Verweigerung boykottierte ihren Aufstieg in den Adelsstand.

Energisch befreite er sich aus ihrem klauenartigen Griff und prostete seiner Mutter in gespielter Fröhlichkeit zu. „Komm mit, Nadine“, befahl er leise.

Sein Lächeln erlosch, sobald er mit seiner Ex im angrenzenden Flur alleine war. Abweisend verschränkte er die Arme vor der Brust. „Was willst du hier? Hast du gehofft, ich leide infolge der Ruhr unter Amnesie?“

„Jacques!“

Er war zu müde für Höflichkeiten. „Bitte geh. Keine Ahnung, welche Märchen du meiner Mutter aufgetischt hast, die Wahrheit kann es wohl kaum gewesen sein.“

„Aber mon cher, das war doch alles nur ein Missverständnis. Wärst du hiergeblieben, anstatt dich in einen deiner scheußlichen Auslandseinsätze zu flüchten, hätte sich die Sache in null Komma nichts aufgeklärt.“

Diese Dreistigkeit konnte er kaum fassen. „Nadine, ich habe dich beim Sex mit deinem Personal-Trainer erwischt. In unserem Bett.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Sofort setzte sie eine angemessen schuldbewusste Miene auf. „Das war ein dummer Fehler. Hinterher habe ich mich ganz schrecklich gefühlt.“

Ich, ich, ich – alles drehte sich wie üblich nur um ihre Person.

„Nein, Nadine. Zwischen uns war es in dem Moment aus, als du dich für diesen glatt rasierten, sonnenbankgebräunten Muskelprotz ausgezogen hast.“

Sie presste die Lippen zusammen. Wer weiß, womöglich war dieser stiernackige Kerl noch immer ihr „Work-out-Partner“.

„Jacques, in unseren Kreisen sieht man das nicht so eng. Sei doch bitte nicht so furchtbar spießbürgerlich“, konterte sie spöttisch, offensichtlich nicht bereit, sich geschlagen zu geben.

„Unsere Kreise? Schwer vorstellbar, schließlich bin ich der Comte hier, wie du dich sicher erinnerst“, erwiderte er nicht minder spöttisch. Der Blick, mit dem sie ihn daraufhin durchbohrte, war tödlich.

„Du hast die Seele eines Bauern“, stichelte sie.

Jetzt musste er lachen, womit er ihr vermutlich restlos die Laune verdarb. Umso besser. „Das nehme ich glatt als Kompliment. Bauern sind in der Regel aufrechte Menschen, keine Betrüger.“ Eigentlich hätte er über ihren Verrat längst hinweg sein müssen, doch ihre Dreistigkeit regte ihn auf.

„Du bist der größte Egoist, der mir je begegnet ist“, schleuderte sie ihm vorwurfsvoll entgegen.

„Egoist? Weil ich keine Lust habe, meine Verlobte mit anderen Männern zu teilen?“

„Pah! Wärst du mal länger als zwei Wochen am Stück in Frankreich geblieben, hätte ich es gar nicht nötig gehabt, mich anderweitig umzusehen.“

Bien, du hältst mich also für egoistisch, weil ich in regelmäßigen Abständen meine luxuriöse Villa verlasse, um irgendwo auf der Welt armen kranken Menschen zu helfen. Fein. Und du, was tust du eigentlich, außer dich um deine eigene Befindlichkeit zu kümmern?“

„Pardon, ich vergaß, ich habe den heiligen Jacques von Paris vor mir. Bald wird man dir sicher eine Statue in der Kathedrale von Notre-Dame errichten. Pass bloß auf, dass sie deinen Hippiebart und die Zottelhaare richtig hinkriegen. Cochon!

Nannte sie ihn jetzt Schwein wegen seiner Haare oder weil er nichts mehr von ihr wissen wollte? Er wusste es nicht, und es interessierte ihn auch nicht. „Du bist unglaublich. Zum Glück hast du dein wahres Gesicht noch rechtzeitig vor der Hochzeit gezeigt. Eine Scheidung hätte mich sicher um mein Vermögen gebracht, wie ich dich einschätze.“

Sie öffnete den Mund, vermutlich, um weitere Beleidigungen auf ihn abzufeuern, doch das hätte er nicht ertragen. Er konnte sie nicht mehr ertragen. Lieber mischte er sich unter die Partygäste, aber dazu kam es nicht.

Kaum hatte er sich umgedreht, sah er am Ende des Flurs seine Mutter stehen, die Hand entsetzt vor den Mund gepresst, umringt von ihren Gästen, in deren Mienen sich zum Teil der Schock, zum Teil Schadenfreude widerspiegelten. Auch Bellamy schüttelte betroffen sein ergrautes Haupt. Wenn selbst der inzwischen schwerhörige Butler unseren Streit gehört hat, müssen wir tatsächlich laut geworden sein, dachte Jacques.

Besorgt ging er zu seiner Mutter. „Maman, es tut mir so leid, deine Feier …“, begann er leise. In diesem Moment bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie ein junger Mann mit seinem Handy verstohlen Fotos machte.

Gab es denn gar keine Privatsphäre mehr? Konnte er nicht mal unter seinem eigenen Dach mit seiner Mutter reden, ohne dass ein Idiot das mit seinem Fotohandy dokumentieren musste?

„Hey, Sie“, fuhr er den Mann an. „Keine Fotos! Geben Sie mir das Handy.“ Rasch entwand er ihm das Mobiltelefon und löschte die Bilder.

Wie so oft schien er auch diesmal gegen Windmühlen zu kämpfen. In rascher Folge leuchteten plötzlich Blitzlichter auf. Hatte seine Mutter etwa eigens für den Anlass einen Fotografen bestellt? Jetzt bemerkte er die elegante Brünette neben dem Mann mit der Kamera. Die junge Frau machte sich eifrig Notizen.

„Reporter, Maman?“, fragte er ungläubig.

„Nur von so einem Klatschmagazin. Wir dachten, eine Homestory wäre nett.“

„Ich lege aber keinen Wert auf eine Homestory.“ Der schreckliche Presserummel um seine Person war einer der Gründe, weshalb er sich nicht gerne länger in Frankreich aufhielt.

„Es tut mir leid, Jacques.“ Ihre großen blauen Augen füllten sich mit Tränen. „Du warst so lange weg, und ich wollte dir ein glanzvolles Willkommen bereiten.“

Auf einmal hatte er das Gefühl, von den Zimmerwänden erdrückt zu werden. „Nein, mir tut es leid, dass ich dich in Verlegenheit gebracht habe. Ich fürchte, ich kann nicht bleiben.“

„Wie bitte? Aber Jacques, du bist doch gerade erst nach Hause gekommen.“

„Ich kann nicht.“ Der Geräuschpegel, das grelle Licht, sogar der Essensgeruch machten ihn schwindlig. Nadines theatralisches Schluchzen half auch nicht, also schob er sich durch die Menge Richtung Eingang und schnappte sich seinen abgewetzten Rucksack.

Bellamy, unerschütterlich wie immer, öffnete ihm ruhig die Tür.

„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Sir, empfehle ich einen Aufenthalt auf dem Land. Herzhaftes Essen und viel frische Luft werden zu Ihrer Erholung beitragen.“

„Das ist eine großartige Idee, Bellamy. Merci beaucoup!“ In diesem Moment sah er die ambitionierte Reporterin mit dem Fotografen im Schlepptau auf sich zusteuern.

„Keine Sorge, Sir, von mir erfährt niemand ein Sterbenswort.“ Damit schob Bellamy ihn durch die Tür, die er fest hinter ihm schloss.

Anscheinend verteidigt er sie unter Einsatz seines Lebens, dachte Jacques amüsiert, als er lautes Klopfen und aufgeregte Stimmen von drinnen hörte. Also nutzte er die Chance zur Flucht. Gerade noch erwischte er die Metro ins Quartier Latin, dem quirligen Studentenviertel von Paris. Dort kannte er eine Jugendherberge. Mit seinen langen Haaren und dem Bart würde er nicht weiter auffallen. Er sehnte sich nach einem Teller heißer Suppe und einem Bett. Gleich am nächsten Morgen würde er die Stadt verlassen.

Er hatte die Nase voll von Paris, und das bereits nach zwei Stunden. Selbst für ihn ein neuer Rekord.

2. KAPITEL

Gut gelaunt betrat Lily den Aufzug der Jugendherberge. Dort traf sie auf Silke und Hans, deutsche Rucksacktouristen, mit denen sie sich bereits angefreundet hatte. Die beiden versorgten sie bereitwillig mit wertvollen Tipps, wie man möglichst preiswert im teuren Paris überlebte. Da sie bisher nie Gelegenheit gehabt hatte, als Rucksacktouristin um die Welt zu reisen, fehlte ihr auf diesem Gebiet die Erfahrung.

Inzwischen wusste sie, wie man möglichst günstig von A nach B kam und wo es preiswerte Frühstückscafés gab. Mittags versorgte sie sich mit Baguette und Käse, abends suchte sie sich ein günstiges Bistro, um wenigstens einmal am Tag in den Genuss einer warmen Mahlzeit zu kommen.

„Na? Was steht auf dem Programm?“, wollte die platinblonde Silke wissen.

„Ich denke, ich schaue mir La Madelaine an.“ Als sie Silkes fragenden Blick bemerkte, fügte Lily hinzu: „Eine berühmte Pfarrkirche im Opernviertel. Napoleon selbst war am Entwurf beteiligt.“ Ihr Magen knurrte. „In der Nähe sind außerdem die Markthallen.“

„Ah, klingt interessant. Hans und ich haben uns für heute einen Friedhof in Montparnasse vorgenommen.“

Hans nickte enthusiastisch. „Ja, dort liegen viele Berühmtheiten begraben. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Charles Baudelaire …“

„Wenn uns dann noch genug Zeit bleibt, schauen wir uns die Katakomben an“, unterbrach ihn Silke nicht minder begeistert. „Da wird einem bewusst, worauf im Grunde alles hinausläuft. Am Ende sind wir alle nur ein Häufchen Knochen, bestenfalls eine Touristenattraktion.“

Lily verkniff sich einen Kommentar. Die Europäer wirkten immer so furchtbar ernst und pessimistisch. Sie selbst nahm das Leben eher von der heiteren Seite. Kein Wunder, dass Amerikaner überall auf der Welt als nervtötende Optimisten verschrien waren.

In diesem Moment hielt der Lift im Erdgeschoss, und die Türen glitten auseinander. Lily verabschiedete sich fröhlich winkend von ihren neuen Freunden. Als sie sich umwandte, um das Gebäude in der entgegengesetzten Richtung zu verlassen, stieß sie mit einem Rucksacktouristen zusammen, einem hochgewachsenen, schlanken Mann, der durch einen langen Pferdeschwanz und einen buschigen Bart auffiel. „Oh, pardonnez-moi“, probierte sie ihre Französischkenntnisse an ihm aus.

„Kein Problem“, erwiderte er in fast akzentfreiem Englisch.

Mist. „Ist mein Französisch so schlecht?“, fragte sie frustriert.

„Wie bitte?“ Er sah sie irritiert an.

„Mein Akzent. Meine Cousine Sarah behauptet, ich hätte einen grauenhaften Akzent, selbst bei ganz simplen Ausdrücken wie merci oder pardonnez-moi.“

Ihre Aussprache ließ ihn schmerzlich das Gesicht verziehen.

„Sehen Sie, Ihnen ist es auch aufgefallen“, beklagte sich Lily. „Wahrscheinlich klinge ich wie ein amerikanisches Landei, die Ihre schöne Sprache verhunzt.“

„Hey, hey“, meinte er besänftigend. „Wie lange sind Sie denn schon in Frankreich?“

„Erst seit ein paar Tagen.“

Er zuckte auf diese unnachahmlich französische Art die Achseln.

„Und nach so kurzer Zeit erwarten Sie, perfekt Französisch zu sprechen?“

„Hm … aber Sie sprechen ja auch perfekt Englisch.“

„Das will ich hoffen. Schließlich habe ich zehn Jahre in Manhattan gelebt.“

„Wirklich? Ich stamme aus Philadelphia, wohne zurzeit aber in New Jersey. Nicht jeder kann sich Manhattan leisten“, fügte sie hinzu und zuckte gleichfalls lässig auf Art der Franzosen die Achseln. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß und fragte sich, ob er sich überhaupt diese Jugendherberge leisten konnte. Ihr Blick fiel auf seine Hände. Wunderschöne Hände mit schlanken Fingern. „Spielen Sie Klavier?“

„Bitte?“

Wieder erntete sie einen irritierten Blick. Anscheinend machte sie dem Ruf der Amerikaner, leicht überdreht zu sein, alle Ehre. Und das, ohne sich im Mindesten anstrengen zu müssen.

„Klavier.“ Sie wackelte mit den Fingern.

„Warum? Soll ich Ihnen etwas vorspielen? Was bevorzugen Sie: Alouette oder Frère Jacques?“, fragte er ironisch.

„Ich merke schon, Sie sind nicht in der Stimmung, Konversation zu machen.“ Sie hob die Nase, eine Geste, die arrogant wirken sollte und die sie sich bei Mrs Wyndham abgeguckt hatte, für die ihre Mutter seit einer halben Ewigkeit als Haushälterin arbeitete. „Dann noch einen schönen Tag.“

Damit rauschte sie an ihm vorbei, um sich ins pralle Pariser Leben zu stürzen. Womit beginnen? Ein Croissant oder ein Schokoladenbrötchen? Bevor sie sich entscheiden konnte, spürte sie eine leichte Berührung an ihrem Ellbogen.

„Hey, hey.“

Der Bärtige mit dem Rucksack zog seine Pianistenhände weg, als sie stehen blieb.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Mademoiselle. Sie haben mich … überrascht, da habe ich meine guten Manieren vergessen.“

„Kein Problem.“ Ein Stück die Straße hinunter entdeckte sie ein Café, das sie noch nicht beehrt hatte. „Ich bin ein Morgenmuffel, jedenfalls vor dem Frühstück. Ein warmes Schokoladenbrötchen, und die Welt ist wieder in Ordnung.“ Sie musterte ihn kritisch. Er war hager, zu hager. „Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich das sage, aber Sie könnten ebenfalls ein Croissant vertragen.“

Er lächelte schief. „Wahrscheinlich. Lassen Sie uns zusammen frühstücken.“

Hielt er sie etwa doch für ein Landei, ein naives noch dazu? Lily beäugte ihn misstrauisch.

„Ich war mal bei den Pfandfindern, falls Sie das beruhigt.“

„Wirklich? Die gibt’s auch in Frankreich?“ Ihr Herz pochte aufgeregt. Genau auf solche Details war sie aus, Informationen über Land und Leute, die man nicht in jedem Reiseführer finden konnte.

„Wenn Sie mir bei einem Milchkaffee Gesellschaft leisten, verrate ich Ihnen alles über Le Scoutisme Français.“

Scoutisme? Ist das ein echtes Wort?“

„Großes Pfadfinderehrenwort.“ Grinsend hob er eine Hand zum Schwur.

„Na gut. Vielleicht sind Sie auch so nett, meine Aussprache zu korrigieren.“

„Nichts lieber als das.“

„Bleibt nur noch ein Problem. Ich kann Sie schließlich nicht Monsieur Rucksacktourist nennen. Also werden Sie mir wohl Ihren Namen verraten müssen.“

Er lachte. „Ich heiße Jack Montford.“

„Jack? Müsste es nicht Jacques heißen?“

„Stimmt, aber seit meiner Zeit in New York, rufen die Leute mich Jack.“

„Klingt logisch. Ich bin Lily Adams.“ Sie setzte sich in Richtung Café in Bewegung. „Also gut, Jack, besorgen wir Ihnen ein paar Croissants – mit extra viel Butter.“

Jack wusste selbst nicht, wieso er mit einer Frau frühstücken ging, die er gerade mal seit fünf Minuten kannte. Lily Adams hatte recht, er brauchte dringend ein paar Kalorien, in einem Punkt allerdings täuschte sie sich. Als Amerikanerin hatte er sie nicht aufgrund ihres grauenhaften Akzents identifiziert, sondern wegen ihres blonden Pferdeschwanzes und ihrer fröhlichen Miene. Mit ihren braungrünen Augen schien sie jedes Detail ihrer Umgebung förmlich in sich aufzusaugen, war begeisterungsfähig und wirkte nicht die Spur arrogant.

Dass sie sich ausgerechnet für das französische Pfadfinderwesen interessierte und offenbar nicht dafür, wo es preiswert Parfüm zu kaufen gab oder wo sich die hippsten Outlet-Boutiquen befanden, war interessant. Es gefiel ihm, dass sie etwas über den normalen französischen Alltag erfahren wollte.

Sie betraten das Café, und Lily brachte tapfer ihre Bestellung hervor: zwei Croissants, zwei Schokoladenbrötchen, zwei Milchkaffees. „Je voudrais deux croissants et deux pains de chocolat. Oh, deux cafés au lait. Merci.“

Jack bewunderte sie für ihre Hartnäckigkeit, sich trotz ihrer offensichtlichen Schwierigkeiten mit der französischen Sprache nicht entmutigen zu lassen. Das herablassende Grinsen des Kassierers quittierte er mit seinem vernichtenden Comte-Blick.

Lily, blind für den Spott der anderen, drückte ihm glücklich lächelnd einen Kaffee in die Hand.

„Merci“, bedankte er sich höflich und erklärte ihr: „Darauf erwidern Sie de rien, was so viel bedeutet wie ‚gerne geschehen‘.“

Sie übte das ein paar Mal, während sie sich eine Bank in einem nahe gelegenen kleinen Park suchten. Jack nahm nur kleine Bissen von seinem Schokoladenbrötchen, nach der langen Krankheit war sein Appetit noch nicht so recht zurück. Lily dagegen tunkte ihr Croissant mit Begeisterung in ihren Kaffee und biss herzhaft hinein, ohne sich an den Krümeln zu stören, die auf ihre kakifarbene Cargo-Hose rieselten.

Studenten der Sorbonne schlenderten vorbei, in hitzige Diskussionen über Philosophie und Politik vertieft. Ein langhaariger Musiker spielte Gitarre, eine junge Frau, offensichtlich seine Freundin, himmelte ihn bewundernd an.

So hatte auch Nadine ihn immer angeschaut, das änderte sich schlagartig, sobald sie verlobt waren. Mit seinem Ring am Finger hatte sie das wohl nicht mehr nötig gehabt. Dazu seine langen Auslandsaufenthalte … Seine zwei besten Freunde, Giorgio, Fürst von Vinciguerra, und Francisco, Herzog von Aguas Santas in Portugal, hatten ihm damals dringend geraten kürzer zu treten, doch er hatte nicht auf sie gehört.

Hätten sie ihn sich bloß persönlich vorgeknöpft, anstatt ihn mit SMS und E-Mails zu bombardieren. Die hatte er problemlos ignorieren können.

Schließlich war er notgedrungen kürzer getreten, war völlig zum Stillstand gekommen. Als seine Freunde von seiner schweren Krankheit erfuhren, wollten sie ihn aus Thailand herausholen, doch das hatte er abgelehnt.

„Erde an Jack.“ Lily riss ihn aus seiner düsteren Rückschau. Sie hielt ihm ein Croissant hin. „Möchten Sie? Das Brötchen haben Sie ja in Windeseile verputzt.“

Tatsächlich? Das war ihm gar nicht bewusst gewesen, im Gegenteil, er hatte doch mit Bedacht essen wollen. Wahrscheinlich wirkten sich die frische Luft und die grüne Umgebung positiv auf seinen Appetit aus. Weil er keinen Rückfall riskieren wollte, schüttelte er den Kopf. „Hören Sie, haben Sie Lust, das echte Frankreich kennenzulernen?“, hörte er sich fragen.

„Klar doch. Wer will das nicht?“

„Sie würden sich wundern. Die meisten Touristen betrachten Frankreich, insbesondere Paris, als eine Art gigantischen Freizeitpark mit zahlreichen Attraktionen, die es abzuhaken gilt. Der Eiffelturm, die Mona Lisa, das Glockenspiel von Notre Dame, et voilà! Schon kennt man das Land.“

Sie bedachte ihn mit einem leicht verärgerten Blick. „Das sehe ich ganz anders. Sie haben eine ziemlich schlechte Meinung über Touristen für jemanden, der mit dem Rucksack durchs Land trampt. Oder beschränkt sich Ihr Urteil nur auf amerikanische Touristen?“

„Tja …“

„Aha. Sie, Monsieur, sind ein Snob“, warf sie ihm vor.

„Nein, bin ich nicht.“ Okay, in seinem Bekanntenkreis gab es zwar einige Exemplare dieser unsympathischen Gattung, doch hatte er sich selbst nie dazugezählt.

„Haben Sie sich während Ihrer Zeit in New York mal die Freiheitsstatue angeschaut?“

„Natürlich. Ein Geschenk meines Landes an das Ihre.“

„Und das Metropolitan Museum of Art? Das Empire State Building?“

„Ja, hab ich.“

„Warum dürfen wir uns dann nicht am Eiffelturm, der Mona Lisa und dem Glockenspiel von Notre Dame erfreuen?“

Er nickte bedächtig. „Wieder lassen meine Manieren zu wünschen übrig. Sie haben recht, wir Pariser dürfen stolz auf das sein, was unsere Stadt zu bieten hat.“

„Da ich die wichtigsten touristischen Ziele schon abgehakt habe, würde mich interessieren, was Sie mir empfehlen, um das echte Frankreich kennenzulernen.“

Jack traf seine Entscheidung im Bruchteil einer Sekunde. Niemand hetzte ihn, er musste nicht unbedingt sofort in Richtung Provence aufbrechen. Auf einen Tag mehr oder weniger kam es nicht an. „Soll ich es Ihnen zeigen?“

Ihre skeptisch zusammengezogenen Brauen bedeuteten ihm, dass sie auf der Hut war.

„Was zeigen?“

„Einen der schönsten Parks der Stadt, den nur Einheimische kennen. Wandern Sie gerne?“

„Und wie.“ Ihre Augen leuchteten vor Unternehmungslust. „Letztes Jahr habe ich weite Teile der Appalachen durchwandert.“

„Gut, dann wird das hier ein Kinderspiel für Sie. Besitzen Sie eine Metro-Karte?“

„Von mir aus kann’s losgehen.“ Energiegeladen sprang sie auf und warf ihren leeren Pappbecher in einen Abfallbehälter. „Allons.“

Jack schmunzelte. Allmählich fing er an, ihren grässlichen Akzent richtig süß zu finden. Sofort zog er die Notbremse. Lily war nur eine nette Touristin, und er würde so bald wie möglich in die Provence aufbrechen, um in der Sonne zu sitzen und sich zu erholen. So wie die fette Hauskatze, die Marthe-Louise letztes Jahr aufgelesen und hochgepäppelt hatte.

Mit Freude würde seine Haushälterin ihn genauso verwöhnen, daran zweifelte er keine Sekunde.

„Man kann sich kaum vorstellen, dass wir mitten in der Stadt sind.“ Lily sah sich entzückt um. In lässigem Chic gekleidete junge Frauen schoben Kinderkarren die schattigen Wege entlang, und athletische ältere Herren zogen im Laufschritt an ihnen vorbei. Sie schien die einzige Touristin weit und breit zu sein.

„Wie genau heißt das hier? Ich habe das Schild nicht richtig entziffern können.“

„Parc des Buttes-Chaumont.“

Noch so ein Zungenbrecher. Sie versuchte lieber gar nicht erst, den Namen zu wiederholen, um sich nicht noch mehr vor Jack zu blamieren. Obwohl sie in seinen warmen braunen Augen nie auch nur einen Funken Spott entdeckte, wenn sie seine Sprache verhunzte. „Und was bedeutet das?“

Buttes heißt Anhöhe und Chaumont setzt sich zusammen aus kahl und Hügel. Na ja, und parc bedeutet …“

Sie stieß ihn neckend in die Seite. „Oh, vielen Dank, darauf bin sogar ich gekommen.“

Er legte einen Arm um ihre Schultern, drückte sie kurz und ließ ihn wieder sinken.

„Das war doch nur ein Scherz, Lily. Wissen Sie, ich bewundere Ihren Mut, auf eigene Faust ein Land zu bereisen, dessen Sprache Sie nicht beherrschen.“

„So war das ja gar nicht geplant.“ Ehe sie sich versah, erzählte sie ihm ganz selbstverständlich von Sarahs Schwangerschaftsproblemen. Jack nickte, als verstünde er genau, wovon sie redete.

„Es war eine kluge Entscheidung von Ihrer Cousine, zu Hause zu bleiben. Die ersten drei Monate einer Schwangerschaft sind immer ein bisschen riskant, besonders, wenn es Komplikationen in der Vorgeschichte gab.“ Er räusperte sich. „Aber ich bin natürlich kein Gynäkologe.“

Jetzt musste sie lachen. Nein, wie ein Gynäkologe sah er nun wirklich nicht aus. „Kommen Sie, gehen wir ein bisschen spazieren.“ Sie folgten dem Weg in den Park hinein und befanden sich schon bald in einer Art Wald. „Wow, Jack, schauen Sie nur, all die mächtigen Bäume.“

„Der Park wurde 1867 unter Napoleon III eröffnet. Viele dieser Bäume sind bereits zu der Zeit gepflanzt worden.“ Er deutete auf eine Abzweigung. „Gehen wir da entlang.“

Nachdem sie ein rotes Backsteingebäude hinter sich gelassen und eine mit Terrakotta-Fliesen gepflasterte Brücke überquert hatten, waren sämtliche Geräusche der Stadt verstummt. „Die Treppen hinunter?“ Lily spähte in einen kühlen, dunklen, tunnelartigen Gang.

„Ganz genau.“ Jack lief ein paar Schritte voraus und streckte ihr eine Hand entgegen. „Seien Sie vorsichtig. Die Stufen können ziemlich glitschig sein.“

Dankbar, von seiner kräftigen Hand gestützt zu werden, ging sie an seiner Seite weiter, bis sie an eine lange, schmale Hängebrücke gelangten. Die Landschaft wirkte wie verzaubert. Eine Szenerie wie geschaffen für Feen und Trolle.

Die Brücke spannte sich über einen See, in dessen unbewegter Wasseroberfläche sich die umliegenden Bäume in all ihren Grünschattierungen spiegelten. Auf einmal wurde Lily bewusst, dass sie immer noch Jacks Hand hielt, doch das war okay für sie. Sie vermisste Sarah, und Sightseeing machte alleine nur halb so viel Spaß wie in Gesellschaft.

Auch Jack schien sich wohlzufühlen, jedenfalls wirkte er sehr viel entspannter als noch vor wenigen Stunden. „Sie sind kein Stadtmensch, oder?“, fragte Lily.

Er lächelte, wobei erstaunlich weiße, ebenmäßige Zähne zum Vorschein kamen. Sie fragte sich, wie er ohne Bart aussehen mochte. Im nächsten Moment ermahnte sie sich, das zu lassen. Bei ihrem Glück kaschierte er damit ein fliehendes Kinn oder irgendeine scheußliche Tätowierung.

„Sie haben recht, ich lebe lieber auf dem Land. Sobald ich hier in Paris ein paar Dinge erledigt habe, fahre ich in die Provence.“

„Stammen Sie von dort?“

„Meine Familie, ja. Leider kann ich nicht so oft da sein, wie ich gerne möchte … aber genug von mir. Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade durch die Welt reisen?“

In seinem Blick lag echtes Interesse. Dass sie Reiseschriftstellerin war, wollte sie ihm lieber nicht verraten. Womöglich befürchtete er sonst, dass sie jedes seiner Worte mitschrieb. „Ich bin freiberufliche Redakteurin. Ich schreibe über historische Themen bis hin zu Lokalreportagen alles, was ich kriegen kann. Selbst wenn es sich um die Eröffnung eines neuen Supermarkts handelt. Darüber hinaus bin ich leidenschaftliche Bloggerin.“

„Ah.“ Er nickte nachdenklich. „Deshalb möchten Sie das echte Paris kennenlernen. Sie interessieren sich für Menschen und deren Art zu leben.“

„Von der Seite habe ich es noch nicht betrachtet. Ehrlich gesagt, geht es mir in erster Linie darum, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“ Sie blieb stehen und löste ihre Hand aus seiner, um auf ein Gebäude im Stil eines römischen Tempels zu deuten, das auf einer steil aus dem See ragenden künstlichen Insel erbaut war. „Wow, nun sehen Sie sich das an.“

Natürlich hätte sie auch mit der anderen Hand auf das Gebäude zeigen können, doch ihr war plötzlich bewusst geworden, dass sie es ein bisschen zu angenehm fand, mit diesem bärtigen Franzosen Händchen zu halten.

Die Alarmsignale in ihrem Innern leuchteten rot auf: Achtung! Romantische Parkkulisse in Paris. Achtung! Händchenhalten mit einem charmanten und gut aussehenden Mann.

Jack nahm eine Wasserflasche aus seinem Rucksack und trank. „Eine weitere Attraktion, die wir uns ansehen müssen.“ Damit ging er den Pfad Richtung See weiter hinunter.

Fast war sie enttäuscht, weil er nicht versuchte, wieder ihre Hand zu halten. Anscheinend verfügte er über feinfühlige Antennen für widersprüchliche Signale. Wortlos folgte sie ihm. Neben einer Trauerweide, deren lang herabhängende Äste mit silbrig-grünen Blättern bis ins Wasser eintauchten, blieb sie stehen.

„Singt Weide, Weide, Weide! Von Weiden all flecht’ ich mir nun den Kranz“, deklamierte Lily versonnen Shakespeare, wobei sie in dramatischer Geste einen Ast zu sich heranzog und an ihre Brust drückte.

„Othello, stimmt’s?“ Jack war ebenfalls stehen geblieben.

Jetzt war sie wirklich beeindruckt. Dafür, dass Englisch nicht seine Muttersprache war, kannte er sich ausgezeichnet aus. „Sehr gut“, lobte sie ihn und kam sich sofort wie eine nervige Oberlehrerin vor.

Jack schien sich nicht daran zu stören, im Gegenteil. Beiläufig hatte er wieder ihre Hand genommen und betrachtete nun konzentriert den Stamm der Weide.

„Wussten Sie, dass der Wirkstoff aus Aspirin ursprünglich in der Weidenrinde gefunden wurde? Daher hat er auch den Namen Salicylsäure, nach dem lateinischen Namen der Weide, Salix.“

Ihre Bewunderung wuchs ins schier Unermessliche. „Was Sie alles wissen …“

„Naturkundeunterricht“, meinte er achselzuckend.

„Da haben Sie wohl besser aufgepasst als ich.“ Sie lachte.

„Oh, ich bin sicher, Sie haben Ihre Stärken.“

Seine Augen blitzten, als er ihr plötzlich ziemlich nahe kam. Schon erwartete – hoffte? − sie, er werde sie küssen, doch er tat es nicht.

Stattdessen sagte er munter: „Allons, gehen wir den Wasserfall bestaunen.“

„Okay.“ Lily folgte ihm in eine Grotte, wo ein künstlicher Wasserfall die Felswand hinabstürzte. Jack schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, um seine Haut von der kühlen Gischt benetzen zu lassen. Lily tat es ihm gleich und spürte, wie etwas von der Anspannung der vergangenen Tage von ihr abfiel. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie anstrengend es war, ohne Begleitung zu reisen. Man musste alles alleine organisieren, konnte sich nie über etwas austauschen und musste vor allen Dingen immer aufpassen, auf wen man sich einließ.

Die Sprachbarriere stellte tatsächlich noch das kleinere Problem dar. Wie von Sarah vorausgesagt, wimmelte es um diese Zeit in Paris von Touristen. Irgendjemand fand sich immer, der bereit war, ihr zu helfen.

Wie zum Beispiel Jack. Der geheimnisvolle Jack. Sein abenteuerlicher Aufzug bildete einen seltsamen Kontrast zu seiner Bildung und seiner gewählten Ausdrucksweise, die eine ausgezeichnete Kinderstube verrieten. Als Lily die Augen wieder öffnete, begegnete sie seinem Blick.

„In einer Großstadt findet man selten Orte wie diesen.“

„Stimmt. Etwas Vergleichbares gibt es in New York oder Philadelphia nicht.“

Er trat an den Grotteneingang und deutete auf den Tempel auf der Spitze der Anhöhe. „Das ist eine Nachbildung eines römischen Sibyllentempels. Von da oben hat man einen fantastischen Ausblick, man kann sogar bis Sacré-Cœur sehen.“

„Toll.“ Lily kontrollierte die Speicherkarte ihrer Kamera, dann lief sie erwartungsvoll die steilen, glitschigen Stufen hinauf. Sie musste sich so auf den in Serpentinen angelegten Weg konzentrieren, dass sie nicht merkte, wie Jack zurückfiel. Als sie stehen blieb, machte er ihr ein Zeichen weiterzugehen.

„Nur eine kleine Trinkpause. Ich hole Sie gleich ein“, rief er ihr zu.

Ihr selbst war nicht nach einer Pause zumute, dazu war sie viel zu aufgeregt. Also lief sie flink weiter bis zum Gipfel der felsigen Anhöhe, wo sie durch einen atemberaubenden Ausblick belohnt wurde. „Oh“, war alles, was sie hervorbrachte, so überwältigt war sie. Jack hatte nicht zu viel versprochen. In nordöstlicher Richtung erstrahlte die weiße Kuppel der berühmten Basilika Sacré-Cœur.

Ihre Kamera fest umklammernd, schoss Lily Fotos aus allen möglichen Perspektiven von der Basilika, den umliegenden Häuschen, dem See und der darüber schwebenden Hängebrücke. Ein Lieblingsausflugsziel der Pariser, der Park fügt sich wie ein verborgenes grünes Juwel mitten in die geschäftige Stadt, formulierte sie im Stillen die Einleitung zu ihrem Artikel. Klingt nicht übel. Rasch tippte die den Satz in ihr Handy.

Wo steckte Jack? Sie war so vertieft in ihre Arbeit gewesen, dass sie nicht auf ihn geachtet hatte. Von schlechtem Gewissen gepackt, lief sie rasch ein paar Stufen hinab und rief: „Jack?“

Da sah sie ihn ein Stück weiter unten. Er keuchte und schnappte nach Luft.

„Ich hab nur einen Schluck Wasser getrunken.“ Schwerfällig quälte er sich die restlichen Stufen zu ihr hinauf.

„Hey, Sie sind ja völlig außer Atem. Alles okay?“

„Ja, alles in Ordnung.“ Er beugte sich vor, stützte die Hände auf die Oberschenkel und atmete heftig ein und aus.

Panik überfiel sie. Was sollte sie tun, wenn er vor ihren Augen zusammenbrach? Hier oben war außer ihnen keine Menschenseele. Sie konnte ihn sich ja schlecht über die Schulter werfen und den ganzen steilen Weg hinunter schleppen. „Brauchen Sie einen Inhalator?“

Er schüttelte den Kopf.

Vermutlich war er also kein Asthmatiker. Sie hatte sich schon voller Grausen vorgestellt, wie sie den Notarzt zu diesem unaussprechlichen Ort leiten musste und das auf Französisch.

Jack richtete sich auf, das Gesicht vor Anstrengung und wahrscheinlich auch vor Scham gerötet. Wieder zog er seine Wasserflasche hervor und trank ein paar Schlucke.

Lily beschloss, so zu tun, als hätten sie eine reguläre Rast eingelegt, und nahm ihre eigene Flasche aus der Tasche, um ebenfalls zu trinken. Dann meinte sie kopfschüttelnd: „Zigaretten sind Gift für die Kondition.“

Er ließ ein trockenes Lachen hören, das rasch in einen trockenen Husten überging.

„Ich rauche nicht, Lily. Vermutlich bin ich der einzige Mann in ganz Frankreich, der nicht am Glimmstängel hängt.“

„Tja, ich würde sagen, das spricht für Sie.“

„Aber viel mehr auch nicht?“ Er breitete weit die Arme aus. „Bin ich nicht ein Musterexemplar französischer Männlichkeit? Ich schaffe es nicht mal einen lächerlichen Hügel hinauf, ohne wie ein alter Mann mit einem Lungenemphysem zu keuchen.“

„Waren Sie krank?“ Sie sah ihn mitfühlend an.

„Ja, leider. Ich hatte gehofft, es ginge allmählich wieder aufwärts.“

„Vielleicht war es ein bisschen übertrieben, sich gleich so einen Gewaltmarsch zuzumuten, hm?“

Er verzog reumütig das Gesicht. „Völlig richtig, ich sollte es eigentlich besser wissen.“

„Was hatten Sie denn, wenn Sie mir die Frage erlauben?“

In seinen Augen blitzte es belustigt auf. „Die Ruhr.“

„Ruhr?“ Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. „Gibt es das heutzutage überhaupt noch? Wo haben Sie sich denn die eingefangen? Ich dachte, das Leitungswasser ist okay, auch wenn es nicht besonders gut schmeckt.“ Sie fragte sich, ob deshalb jeder eine Flasche Mineralwasser mit sich herumschleppte. Wieso hatte Sarah sie nicht gewarnt? Kein Leitungswasser trinken! War das nicht die dringendste Ermahnung, die man vor einer Reise in ferne Länder zu hören kriegte?

„Ein Mitbringsel aus Myanmar, die Ruhr, meine ich.“ Er rieb sich die Wange, als juckte ihn sein Bart.

„Myanmar? Da sind Sie aber weit herumgekommen.“

„Sie haben sicher von dem verheerenden Taifun gehört, der weite Landstriche Südostasiens verwüstet hat. Ich war mit einer Hilfsorganisation dort, um zu helfen. Dann passierte es, einmal nicht aufgepasst – et voilà.“

„Wow, da sind Sie freiwillig hingegangen?“ Ihr wurde bewusst, wie das klingen musste, und sie fügte rasch hinzu: „Ich meine, solche Einsätze sind nicht gerade ungefährlich, wie man sieht. Aber es ist natürlich eine Arbeit, bei der man etwas bewirken kann.“

„Na ja, wenn man genauso krank wird wie die Menschen, denen man eigentlich helfen will, hält sich das mit dem Bewirken in Grenzen. Durch meine eigene Dummheit habe ich eine Menge Ressourcen verschwendet, besonders, als man mich in ein Krankenhaus nach Thailand transportieren musste.“

„Sie müssen wohl sehr krank gewesen sein.“

„Tja, es gab genug andere, die ebenfalls dringend ins Krankenhaus gemusst hätten, aber ich war der Glückliche, den man ausgeflogen hat.“

„Schuldgefühle.“ Lily hob einen Zeigefinger, um ihren Worten Gewicht zu verleihen. „Sie leiden unter dem Überlebenden-Syndrom. Quälen sich mit Fragen wie: Warum bin ich davongekommen, während andere sterben mussten? Warum habe ich bessere medizinische Behandlung erhalten?“

Er wich ihrem Blick aus. „Gut möglich, dass Sie recht haben. Auf solche Fragen gibt es naturgemäß keine Antwort. Schicksal, es sollte so sein. Punkt.“

Ein Blick in sein Gesicht ließ sie in gespieltem Entsetzen nach Luft schnappen. „Oh Gott, Sie sind doch wohl nicht etwa Optimist? Und das als Franzose?“

Ein leises Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Tja …“

„Oh, oh.“ Ermahnend hob sie den Zeigefinger. „Passen Sie bloß auf, dass man Sie nicht mit einem Amerikaner verwechselt. Franzose und Optimist? Wer hätte das gedacht?“

Jetzt grinste er übermütig. „Bitte verraten Sie mich nicht. Ich würde gerne meinen französischen Pass behalten.“

„Bleibt nur zu hoffen, dass das nicht um sich greift. Wenn die Franzosen plötzlich anfangen, nett und freundlich zu sein, worüber sollen die Touristen sich dann beklagen?“

„Man darf von den Parisern nicht auf das ganze Land schließen“, erklärte er. „Sie werden sehen, in anderen Gegenden sind die Menschen viel aufgeschlossener.“

„Zum Beispiel in der Provence?“

Ein sehnsüchtiger Ausdruck legte sich auf sein Gesicht.

„Genau. Die Luft ist warm und riecht süß, der Himmel ist strahlend blau. Die hügelige Landschaft ist immer grün, selbst der Nordwind, der berühmte Mistral, hat trockenes, klares Wetter im Gepäck.“

Bei seinen Worten stellte Lily sich unwillkürlich eine geradezu paradiesische Landschaft vor.

„Irgendwie ist in der Provence alles intensiver, das Essen schmackhafter, der Wein spritziger, die Fische größer, die Enten fetter. Erinnern Sie sich an Tage in Ihrem Leben, wo einfach alles perfekt zu sein schien, das Wetter, die Landschaft, das Essen, die Gesellschaft?“

Das tat sie. „Einmal habe ich mit meiner Mutter ein Picknick im Washington Crossing Historic Park gemacht. Es gibt dort eine riesige Wildblumenwiese. Da saßen wir inmitten all der bunten Blumen, ganz berauscht vom süßen Duft und dem Summen der Bienen. Der Himmel war blau, nur mit ein paar Schäfchenwolken betupft, und wir ließen uns Schokoladen-Eclairs schmecken.“

Seltsam, dieser traumhafte Nachmittag war weit nach hinten in ihr Gedächtnis gerutscht.

„So ist es fast jeden Tag in der Provence.“ Jack seufzte leise. „Ich war viel zu lange fort, aber bald fahre ich ja wieder hin.“

Lily sah ihn aus ihren großen braungrünen Augen mitfühlend an, ein warmherziges Lächeln um die Lippen. Schon lange hatte ihn keine Frau mehr so angesehen, mit aufrichtigem Interesse und echter Zuneigung.

Plötzlich wurde Jack bewusst, dass er ihre Gesellschaft gerne noch ein bisschen länger genießen wollte, also sagte er spontan: „Kommen Sie doch mit. Sie möchten das echte Frankreich kennenlernen? Ich zeige es Ihnen.“

3. KAPITEL

Lily schwenkte den blassgoldenen Chardonnay im langstieligen Weinglas. Sie saß in einem netten Café gegenüber der Jugendherberge, tief in Gedanken versunken, was nicht unbedingt typisch für sie war, aber es gab ja auch eine Menge zu überlegen.

Ganz alleine ins ferne Europa zu reisen, war schon ein Abenteuer für sich. Und jetzt noch einen völlig Fremden in die Provence begleiten? Sofort produzierte ihre äußerst kreative Fantasie ein paar beunruhigende Schlagzeilen:

Amerikanische Schriftstellerin in der Provence verschwunden und französischer Frauenmörder gibt sich als Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation aus.

Andererseits, die Provence, Sommer in Südfrankreich. Parfüm, Lavendel, Rosen. Frankreich fing allmählich an, ihr zu gefallen. Sie hatte sich sogar ein paar neue Outfits gegönnt, um sich dem Pariser Chic anzugleichen. Heute zum Beispiel trug sie ein pfirsichfarbenes Top aus fließendem Seidenstoff, dazu einen Minirock. Sogar zu einem Paar Römersandalen, die hier jeder an den Füßen zu haben schien, der etwas auf sich hielt, hatte sie sich durchgerungen.

„Ist dieser Platz frei?“

Die Stimme kannte sie doch?

Lily blickte auf und konnte kaum glauben, was sie da sah. „Jack, was haben Sie denn mit Ihrem Haar angestellt?“

„Das ist im Abfalleimer eines Friseurs gelandet.“

Irgendwie hatte sie trotz des buschigen Barts geahnt, dass er gut aussah, aber so gut? Dieses ebenmäßige, leicht kantige Gesicht, der modische Haarschnitt, der intensive Blick, der schön geformte, energische Mund – Jack war nicht nur attraktiv, sondern verdammt sexy.

Okay, da, wo der Bart seine Haut bedeckt hatte, war er ein bisschen blass, und er war definitiv zu dünn, das verlieh ihm aber eine Art lässigen Chic. Er erinnerte an ein männliches Model, das hautenge Designer-Jeans und knapp geschnittene Hemden zur Schau trug, natürlich mit unnachahmlich gelangweilter Miene.

„Was sehe ich denn da?“ Konzentriert inspizierte sie sein Kinn. „Etwa ein Grübchen?“

Jack setzte sich ihr gegenüber. „Psst! Männer haben keine Kinngrübchen, höchsten eine Kinnspalte.“ Er bestellte einen Chardonnay. „Möchten Sie auch noch einen? Ich lade Sie ein.“

„Wenn Sie nach dem Friseurbesuch noch Geld im Portemonnaie haben …“ Alles in Paris war schrecklich überteuert, Friseurbesuche und offener Chardonnay eingeschlossen.

Als er lächelte, kam sie aus dem Staunen nicht heraus. „Da! Sie haben auch Wangengrübchen – und behaupten Sie jetzt nicht, das wären Wangenspalten! So etwas gibt es nämlich gar nicht.“ Jetzt lachte er gut gelaunt, und ihr Herz reagierte mit einem aufgeregten Hüpfer. Oh, Mann. Seine haselnussbraunen Augen strahlten mit den weißen, ebenmäßigen Zähnen um die Wette.

„Ah, Lily, Lily.“ Er sprach ihren Namen französisch gedehnt aus, mit der Betonung auf der zweiten Silbe. „Mit Ihnen habe ich heute schon mehr gelacht als während der ganzen letzten Monate.“

„Lachen ist die beste Medizin. Chardonnay die zweitbeste“, meinte sie kess, nachdem der Kellner ihren Wein serviert hatte.

Jack hob das Glas. „À votre santé. Auf Ihre Gesundheit.“

Sie stieß mit ihm an, und sie tranken genüsslich vom kühlen Wein.

„Hören Sie, mein Vorschlag, mich in die Provence zu begleiten, hat Sie wahrscheinlich ein bisschen erschreckt.“ Jack wirkte plötzlich verlegen.

„Ein wenig schon“, gab sie zu, insgeheim enttäuscht, dass er seine Einladung zurückziehen wollte – eine Einladung, die sie natürlich sowieso nicht angenommen hätte.

„Normalerweise bin ich gar nicht so impulsiv. Da Sie vielleicht gerne die Provence sehen möchten und ich sowieso hinfahre, dachte ich mir, wir könnten zusammen reisen. Wie gute Freunde“, fügte er rasch hinzu.

„Ah ja.“ Trotz seines verwegenen Aussehens hatte sie sich sofort zu ihm hingezogen gefühlt, ihr gefiel einfach seine Art. Doch jetzt, frisch rasiert und modisch gestylt, dazu noch sympathisch – das war eine höchste explosive Mischung. „Sie scheinen ein netter Kerl zu sein, aber ich bin auch nicht gerade auf der Nudelsuppe daher geschwommen.“

Er beugte sich aufmerksam vor. „Was für eine faszinierende Redewendung. Hab ich noch nie gehört. Es soll wohl heißen, dass Sie nicht naiv sind, oder?“

„Ganz genau. Und es wäre sehr naiv, mit einem Mann, den man gerade erst kennengelernt hat, weit weg in eine abgelegene Gegend zu reisen.“

„Aber natürlich!“ Er lächelte breit. „Sie wünschen Referenzen. Ein sehr französischer Brauch.“

„Ich gebe mir eben immer Mühe, mich den jeweiligen kulturellen Gepflogenheiten anzupassen“, konterte sie. „Jetzt aber im Ernst, Sie wollen wirklich Ihren alten Kumpel Gérard oder François anrufen, damit der mir versichert, was für ein guter Junge Sie sind? Männer würden doch jede Story bestätigen, um einem anderen Mann aus der Patsche zu helfen.“

„Pah“, meinte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Solche Männer können Sie vergessen. Ich punkte mit einer höchst respektablen Person, die für meinen guten Charakter und meine nicht vorhandene Tendenz zu psychopathischem Verhalten bürgen wird. Ist Ihr Laptop mit einer Webcam ausgestattet?“

„Klar doch.“ Erst gestern hatte sie mit Sarah gechattet, um ihr zu beweisen, dass sie heil und gesund war, und hatte dabei auch die Webcam eingeschaltet.

„Falls Sie ihn mir kurz borgen, rufe ich eine ehemalige Lehrerin von mir an, eine richtige Dame, falls Ihnen das weiterhilft.“

Das tat es, obwohl Lily immer noch nicht fassen konnte, dass sie diese verrückte Reise ernsthaft in Betracht zog. Sie fuhr ihren Laptop hoch, und Jack rückte seinen Stuhl neben ihren. Notgedrungen sogar ziemlich dicht neben ihren, damit sie beide auf den Bildschirm schauen konnten.

Als er dann noch den Arm über ihre Stuhllehne legte, überlief Lily ein elektrisierendes Prickeln.

Mmh, und wie gut er riecht. Irgendwie exotisch und frisch … einfach umwerfend erotisch.

Sie spürte, wie sich ihre Brustwarzen unter der kühlen Seide ihres Shirts aufrichteten.

Plötzlich war ihr heiß. Kein Wunder, schließlich schmiegte sich ihr nackter Schenkel gegen seinen – Jack trug Shorts wie am Morgen. Rasch schlug sie ein Bein über das andere, womit sie alles nur schlimmer machte, denn versehentlich strich sie dabei mit der Wade an seiner entlang.

Dieser Hautkontakt half nicht, sie abzukühlen. Auch Jack schien sich der intensiven Nähe bewusst zu sein, wie sein Blick bewies. Mist. Da hätte sie ihm auch gleich auf den Schoß hüpfen können. „Sorry“, brachte sie verlegen hervor.

„Nein, nein, ist ja wirklich ziemlich eng hier.“ Er holte tief Luft und rückte ein Stück zur Seite, bevor er sich einloggte und eine Web-Adresse eintippte. „So, da wären wir. Wenn wir Glück haben, ist meine Lehrerin gerade online.“

Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch, während sie darauf wartete, dass das Fenster sich öffnete. Wie sollte sie sich verhalten, wenn sich herausstellte, dass Jack Montford das Beste war, was Frankreich abgesehen von gebutterten Croissants zu bieten hatte?

Jacks ehemalige Hauslehrerin, die in London lebte, erschien im Webcam-Fenster auf dem Bildschirm. Wie gewöhnlich trug sie das graue Haar zu einem Knoten geschlungen, und wie gewöhnlich hielt diesen Knoten ein Bleistift zusammen. Vermutlich arbeitete sie gerade an einer ihrer genialen Übersetzungen.

Bonsoir, Madame Finch. Wie geht es Ihnen?“, erkundigte Jack sich höflich auf Französisch.

„Jacques, welch eine Erleichterung, dich heil und gesund zu sehen, aber warum unterhalten wir uns auf Französisch?“

Madame Finch war mindestens so britisch wie Winston Churchill und viele Jahre seine Hauslehrerin gewesen. Ihr Kontakt hatte die Jahre überdauert, doch führten sie ihre Diskussionen in der Regel auf Englisch, damit er es nicht verlernte.

„Ich möchte Sie bitten, bei der jungen Dame neben mir für meinen guten Ruf als Gentleman zu bürgen.“

„Wie bitte?“ Madame zog ungläubig die Brauen hoch. „Du hast mich doch noch nie gebraucht, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Dein Titel und dein solider Charakter sollten für sich sprechen.“

„Madame, meinen Titel habe ich unterschlagen. Ich glaube, sie misstraut Mitgliedern der Upperclass.“

„Oh, kluges Mädchen.“ Madame schmunzelte.

Jack merkte, wie Lily neben ihm unruhig wurde. Wahrscheinlich fragte sie sich, was sie beide auf Französisch zu besprechen hatten. „Also, Madame, ich brauche jemanden, der meinen soliden Charakter bezeugt. Und verraten Sie ihr bitte nicht, dass ich Arzt bin. Sie hält mich für einen einfachen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation.“

„Sonst noch was? Dir scheint ja sehr daran gelegen, um deines soliden Charakters willen von ihr gemocht zu werden.“

Er stutzte, als ihm bewusst wurde, dass es genau darauf hinauslief. „Ja, so ist es wohl.“

„Wenn du sie so sehr magst, solltest du ihr besser alles über dich erzählen, nicht nur Bruchstücke aus deinem Leben“, ermahnte ihn seine Lehrerin ernst.

„Das werde ich tun, versprochen.“

„Gut.“ Madame Finch wandte sich jetzt auf Englisch an Lily: „Entschuldigen Sie bitte unser unhöfliches Benehmen, in Ihrem Beisein auf Französisch zu parlieren, Mademoiselle. Da ich als Französisch-Übersetzerin arbeite, nutze ich jede Gelegenheit für einen Plausch mit einem Muttersprachler.“

„Schon in Ordnung. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Lily Adams aus New Jersey.“

Madame nickte. „Ah, Amerikanerin. Jacques hat die Zeit in Ihrer Heimat sehr genossen. Ich heiße Fiona Finch und durfte den lieben Jacques in jungen Jahren unterrichten.“

Zu Jacks Erleichterung hatte sie ihre Position als Hauslehrerin geschickt umschifft. Das hätte sonst sicher Fragen aufgeworfen.

Lily räusperte sich. „Nun ja, Jack und ich kennen uns nicht ganz so lange, ehrlich gesagt, erst seit heute Morgen.“

Madames Brauen schossen in die Höhe. „Oh. Na, wenn das kein coup de foudre ist, mein lieber Jacques.“

„Was heißt das?“, wollte Lily wissen.

„Blitzschlag, in der Bedeutung, dass etwas völlig Unerwartetes passiert“, erklärte Jack unbehaglich, denn es bedeutete auch: Liebe auf den ersten Blick.

„Das trifft es.“ Lily nickte eifrig. „Ich bin ja förmlich in Jack reingerannt. Damit hat alles angefangen. Und jetzt soll ich mit ihm in die Provence fahren, obwohl ich ihn erst einen Tag kenne. Wissen Sie, ich möchte nicht als Aufmacher in der TV-Show ‚Spurlos verschwunden‘ enden“, sprudelte Lily atemlos hervor.

Madame nickte verständnisvoll. „Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein. Überall wimmelt es nur so von gut aussehenden, skrupellosen Kerlen.“

Jack gab einen leisen Protestlaut von sich, aber Lily achtete nicht auf ihn, sondern beugte sich lebhaft vor. „Ganz genau! Wissen Sie, eigentlich hatte ich diese Reise zusammen mit meiner Cousine geplant, doch die musste kurzfristig abspringen, weil sie schwanger ist. Deshalb bin ich jetzt alleine unterwegs. Nicht immer ganz einfach, kann ich Ihnen sagen.“

„Sie tapferes Mädchen! Leider trifft man in Europa immer öfter auf die hinterhältigsten Typen. Dass nicht noch mehr junge Frauen diesen Kerlen zum Opfer fallen, grenzt an ein Wunder.“

„Sie sprechen mir aus der Seele!“

Das lief nicht ganz in die Richtung, wie Jack es sich vorgestellt hatte. „Madame …“

Doch Madame kam nun erst richtig in Fahrt: „Wenn ich Ihnen erzähle, welchem Pack ich bei meiner letzten Reise begegnet bin, Sie würden es nicht für möglich halten. Abscheuliches Benehmen.“

„Madame, bitte!“, unterbrach Jack verzweifelt ihre Tirade. „Wenn Sie so weitermachen, hält Lily mich am Ende noch für einen Axtmörder.“

Beide Frauen sahen ihn an, als hätten sie seine Gegenwart völlig vergessen. Lily verkniff sich ein Lachen, während Madame ihn mit einem strengen Blick für seine schlechten Manieren tadelte.

„Entschuldigen Sie bitte, Madame“, sagte er sofort kleinlaut.

Sie neigte gnädig den Kopf, Entschuldigung angenommen. „Also, Mademoiselle Lily, die Welt scheint zwar von zwielichtigen Gestalten bevölkert, doch ich darf Ihnen versichern, mein ehemaliger Schüler Jack gehört nicht dazu. Im Gegenteil, er ist gewissenhaft, fleißig, gut erzogen und grundanständig.“

„Er hat mir erzählt, dass er früher bei den Pfadfindern war.“

„Aber ja, natürlich. Dort hat er es sogar zu höchsten Ehren gebracht. Wenn er Ihnen also anbietet, Ihnen die Provence zu zeigen, können Sie sicher sein, dass er nicht über Sie herfallen wird wie ein hungriger Tiger.“

„Oh.“

Entsprang das nun seinem Wunschdenken, oder hatte Lily eben tatsächlich ein klein wenig enttäuscht geklungen? Jack wusste es nicht.

„Ich bin ja so erleichtert, dass Sie für ihn bürgen.“

„Das tue ich.“ Madame durchbohrte ihn förmlich mit ihrem Blick. „Ich gebe Ihnen meine Telefonnummer. Zögern Sie nicht, mich im Notfall anzurufen. Ich habe einige gute Freunde in Südfrankreich, die Ihnen mit dem größten Vergnügen beistehen würden.“

Jack zuckte zusammen. Diese Androhung ließ ihm nicht viel Spielraum, denn Madames Freunde waren auch seine Freunde.

„Oh, vielen Dank!“ Lily tauschte Telefonnummer und E-Mail-Adresse mit seiner Lehrerin. „Jetzt fühle ich mich schon viel besser.“

„Prima.“ Madame lehnte sich zufrieden zurück. „Keine Angst, Master Jack wird Sie behüten wie eine Schwester.“

„Selbstverständlich.“ Jack rang sich ein Lächeln ab. Er hatte keine Schwester, und ganz sicher betrachtete er Lily nicht als solche, aber versprochen war versprochen.

„Toll!“ Überschwänglich warf ihm Lily die Arme um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Provence, ich komme!“

Madame Finch lächelte süffisant. „Gute Reise, ihr beiden. Ein Anruf genügt, nicht vergessen.“

Jack stellte sich vor, wie sie die Verbindung unterbrach und dann anfing diabolisch zu lachen. Lilys Arme lagen noch immer um seinen Nacken geschlungen, ihre sonnengebräunten, nackten Beine waren fest an seine gepresst.

„Ich kann es kaum glauben – das ist alles so aufregend!“

Der Meinung war er auch. Aufregend und beunruhigend, denn seine Libido meldete sich nach monatelangem Koma mit aller Macht zurück. Dummerweise hatte er versprochen, die heißeste Frau, die ihm seit Jahren begegnet war, an den romantischsten aller Orte mitzunehmen – und wie seine Schwester zu behandeln.

Die hinreißende Lily mit den blitzenden braungrünen Augen und den sanft geschwungenen Lippen, die förmlich dazu einluden, geküsst zu werden. Von ihm geküsst zu werden. Jack stellte sich vor, wie er Lily auf seinen Schoß zog und ihr zeigte, was ein echt französischer Kuss war, aber nein, sie war tabu.

Brüderlich löste er ihre Arme von seinem Hals und bedeutete dem Kellner, die Rechnung zu bringen. Dann schob er Lily ihr Weinglas hin. „Stoßen wir auf unsere kleine Reise an.“

Cheers. Wann brechen wir auf?“

„Wenn wir den TGV-Hochgeschwindigkeitszug morgen früh nehmen, können wir mittags schon in Avignon sein. Länger als vier Stunden dauert die Fahrt nicht.“

„Nur vier Stunden!“, rief sie begeistert aus. „Heute Nacht kriege ich vor lauter Aufregung bestimmt kein Auge zu.“

Er mit Sicherheit auch nicht, allerdings aus ganz anderen Gründen.

Voller Vorfreude betrat Lily früh am nächsten Morgen das luxuriös ausgestattete Abteil des TGV. Jack hatte Plätze in der oberen Etage des Doppelstockwagens reserviert, zwei einander gegenüberliegende Einzelsitze mit einem kleinen Tisch dazwischen.

Kaum hatte er es sich bequem gemacht, schloss er auch schon die Augen, um ein bisschen zu dösen. Sie dagegen war hellwach und fest entschlossen, sich nicht das geringste Detail dieser aufregenden Tour entgehen zu lassen. Gemächlich ratterte der Zug durch die Pariser Vorstädte, bevor er endlich richtig Fahrt aufnahm. Die rasante Geschwindigkeit spürte man kaum. Nur, wenn man die Aufmerksamkeit auf die Büsche und Bäume neben den Schienen richtete, sah man, wie sie zu grünen Streifen verwischten.

„Schauen Sie nur!“, rief Lily aus, doch Jack war inzwischen tief eingeschlafen. Typisch Mann, dachte sie, hat sich gestern bei der Tour durch den Park völlig verausgabt, weil er nicht zugeben wollte, wie geschwächt er von seiner Krankheit noch war.

Lily konnte es ihm jedoch nachempfinden. In manchen Situationen tendierte auch sie zu der Haltung: Augen zu und durch! Egal, welche Anstrengung es sie kostete.

Seufzend klappte sie ihren Laptop auf, um die Eindrücke dieser Zugfahrt festzuhalten. Nach einer Stunde konzentrierter Arbeit beschloss sie, sich ein bisschen die Beine zu vertreten.

Sie schlüpfte in den schmalen Gang hinaus, wo sie fast mit einer eleganten Französin zusammenstieß. Nachdem Lily die Waschräume aufgesucht und sich einen Snack besorgt hatte, kehrte sie zu ihrem Platz zurück. Wieder traf sie auf die auffallend attraktive junge Frau.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Lily auf Englisch, als sie sich an ihr vorbeiquetschte.

„Natürlich. Amerikanerin?“

„Natürlich“, antwortete Lily leicht schnippisch. Sie spürte eine plötzliche Eifersucht gegenüber der anderen Frau. Alles an der Französin schien perfekt zu sein: ihre Englischkenntnisse, ihr lässiger Chic, die Art, wie ihr dunkles, schimmerndes Haar das herzförmige Gesicht mit den ausdrucksvollen braunen Augen umrahmte. Und wie zum Teufel schaffte sie es nur, dass ihre Leinenhose auf der Zugfahrt nicht knitterte?.

Lily verscheuchte die neidvollen Gedanken, so tief wollte sie nicht sinken. „Ihr Land ist wirklich wunderschön.“

„Danke. Ich war mal in New York. Ist auch nicht übel.“

Sofort gewann die Abneigung wieder Oberhand. „Ähnlich wie Paris. Auch ganz nett, zum Teil jedenfalls.“

Ihr blasierter Ton verfehlte leider seine Wirkung, denn die Französin hatte ihre Aufmerksamkeit längst auf den schlafenden Jack gerichtet.

„Sie haben einen gut aussehenden Lover.“

Recht hatte sie – nicht, was den Lover betraf, natürlich. Jack sah hinreißend aus. Er erinnerte mit seiner blassen Gesichtsfarbe und den rotbraunen Haaren, die sich im Nacken und hinter den Ohren leicht lockten, an eine Figur aus einem Renaissance-Gemälde.

Sofort besserte sich ihre Laune, und sie bedachte ihr Gegenüber mit einem gnädigen Lächeln. Schon wollte sie das Missverständnis aufklären, doch dann dachte sie: Warum eigentlich? Geschieht der eingebildeten Ziege ganz recht, dass ich einen so tollen Lover habe und sie nicht.

„Ja nicht wahr?“, sagte sie also. Und fügte vertraulich hinzu: „Fantastisch im Bett, so erfinderisch.“

„Im Gegensatz zu amerikanischen Männern sind Franzosen das fast immer.“

Touché. In dem Punkt hatte die andere recht, Lily beabsichtigte nicht, ihre Landsmänner zu verteidigen.

„Irgendwie kommt er mir bekannt vor.“

Die Französin zog die perfekt gezupften Brauen zusammen, während sie Jack aufmerksam musterte.

Ha, netter Versuch, aber nicht besonders originell! „Kann ich mir nicht vorstellen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen …“ Lily rutschte auf ihren Sitz und klappte den Laptop auf. Um sich schwer beschäftigt zu geben, tippte sie wirre Buchstabenkombinationen ein. Nachdem Mademoiselle Supermodel endlich auf ihren Platz zurückgekehrt war, löschte sie den ganzen Blödsinn.

Sie spähte zu Jack hinüber, der immer noch fest schlief. Zum Glück, sonst wäre er peinlicherweise Zeuge ihrer überschwänglichen Lobeshymne über seine Qualitäten im Bett geworden. Himmel, wieso hatte sie sich bloß dazu hinreißen lassen?

Die Frage war leicht zu beantworten. Tatsächlich dachte sie an nichts anderes mehr, seit er sich am Abend zuvor frisch rasiert an ihren Tisch setzte und sie versehentlich mit ihm gefüßelt hatte.

Rasch öffnete sie eine neue Datei, um ihre Erlebnisse im TGV niederzuschreiben. Train à grande vitesse – Hochgeschwindigkeitszug. Auf Französisch klang das viel besser.

Wie ihr Name „Lily“, wenn Jack ihn so unnachahmlich französisch aussprach, oder sein Name. „Jacques“ klang viel exotischer und abenteuerlicher als Jack.

„Jacques“, ließ sie sich seinen Namen versonnen auf der Zunge zergehen.

Besagter Jacques riss irritiert die Augen auf. „Quoi? Was ist?“

Jetzt hatte sie ihn geweckt. Lily beugte sich vor und tätschelte ihm die Hand. „Schlafen Sie ruhig weiter, wir sind noch gut zwei Stunden unterwegs.“

„Nein, jetzt bin ich wach. Ich dachte, ich hätte meinen Namen gehört.“ Er rieb sich die Augen.

„Ach, vielleicht, weil ich mich gerade mit einer Mitreisenden unterhalten habe“, meinte Lily leichthin.

„Haben Sie etwas zu trinken? Ich habe einen ganz trockenen Mund.“

Sie gab ihm ihre Wasserflasche, die er in einem Zug leerte.

„Ich hole eine Neue.“ Jack stand auf und streckte sich. „Soll ich Ihnen etwas mitbringen?“

Ja, einen Eimer eiskaltes Wasser, um meine heißen Gedanken abzukühlen.

„Eine Orangenlimonade wäre super.“

4. KAPITEL

Nach ihrer Ankunft in Avignon mietete Jack einen Wagen und zeigte ihr im Schnelldurchlauf den ehemaligen Papstpalast und die berühmte Pont Saint-Bénézet, eine steinerne Brücke, die sich in früheren Zeiten über die Rhône gespannt hatte, aber nur noch zur Hälfte erhalten war.

„Ganz in der Nähe findet ein Lavendel-Festival statt“, sagte er nach einem Blick auf die Tafel einer Touristeninformation. „Wollen wir hin?“

„Klar, sehr gerne.“ Lily war sofort Feuer und Flamme.

„Es gibt hier einige Hotels und Pensionen. Da es nur ein kleines Festival ist, dürfte es kein Problem sein, irgendwo ein Bett zu finden. Kommen Sie, fahren wir.“

Während er den Wagen durch die sanften Hügel mit ihren duftenden, leuchtend blauvioletten Lavendel-Feldern lenkte, hämmerte Lily eifrig auf die Tastatur ihres Laptops ein, um ihren Blog zu füllen. Irgendwann legte Jack ihr eine Hand aufs Knie, zog sie aber gleich wieder weg, als hätte er sich verbrannt.

„Hören Sie auf zu schreiben, genießen Sie lieber den Zauber der Landschaft. Darüber berichten können Sie später noch.“

Lily ertappte sich dabei, wie sie sich wünschte, er möge die Hand wieder auf ihr Knie legen, anstatt so verbissen das Lenkrad zu umklammern. Na ja, vielleicht später. Sie konzentrierte sich auf ihre Umgebung, das war ebenfalls aufregend, wenn auch nicht so aufregend wie der Mann neben ihr. Gerade fuhren sie einen Hügel hinauf, und die Landschaft zeigte sich von ihrer schönsten Seite.

„Wie auf einer Postkarte“, schwärmte Lily. „Diese hellgelben Felder zwischen dem Lavendel, was ist das eigentlich?“

Épautre, Dinkel. Eine alte Weizensorte, die schon seit jeher zusammen mit Lavendel angebaut wird.“

„Kein Wunder, dass Sie aus Paris raus wollten. Im Vergleich mit der Stadt ist das hier das reinste Paradies.“

„Freut mich, dass es Ihnen gefällt. Wissen Sie, Lavendel ist nicht gleich Lavendel. Es gibt unzählige Sorten. Der Lavendel ist uns Südfranzosen sehr kostbar, nicht umsonst wird er auch ’or bleu – blaues Gold – genannt.“

Jack bog in eine kiesbestreute Parkbucht ein und hielt an. Sie stiegen aus, und Lily stürzte sich mit ihrer Kamera bewaffnet sofort auf die grandiosen Motive.

Jack ließ den Blick gedankenverloren über die weite Landschaft schweifen. So geriet er ihr vor die Linse, die zu gerne ein Foto von ihm machen wollte. Um ihn nicht zu stören, nahm sie ihn von hinten auf: seinen Hinterkopf vor dem Panorama lila-gelber Schachbrettfelder. Da fiel ihr etwas auf. „Ist das ein Muttermal unter Ihrem Haaransatz?“

Er rieb sich den Nacken. „Ja, ein sogenannter Storchenbiss. Die findet man oft bei Babys, für gewöhnlich verblassen sie mit der Zeit. Meiner allerdings nicht.“

„Welche Form hat er denn?“ Sie stellte sich hinter ihn. Ihr Atem streifte über seine Haut, und Jack schien zu erschauern. Nur mit Mühe widerstand sie der Versuchung, einen Kuss auf den kleinen rötlichen Fleck zu drücken.

Jacks Stimme klang ungewöhnlich rau, als er sagte: „Ich hab es nur im Spiegel gesehen, aber ich glaube, es ist herzförmig.“

„Wie süß.“ Lily rieb sanft mit dem Daumen darüber. Sofort fuhr Jack herum und hielt ihre Hand fest.

„Eine empfindliche Stelle“, meinte er entschuldigend.

Empfindlich oder empfindsam? Lily spürte, wie ihr ein heißer Schauer über den Rücken rieselte, als sie sich vorstellte, wie sie die Lippen über seine ...

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