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Tiffany Hot & Sexy, Band 11

CARA SUMMERS

Einfach unwiderstehlich!

Sadie spielt mit dem Feuer! Nicht nur ihre Verfolger sind gefährlich. In ihrer Verkleidung als Sam Schaeffer muss sie auch auf Theo aufpassen, der ihre wahre Identität kennt – und leider oft vergisst, dass er sie nicht mehr jederzeit nach Herzenslust küssen darf. Die Leute tuscheln schon über die begehrlichen Blicke, die er seinem „Praktikanten“ zuwirft …

TORI CARRINGTON

Nur für eine Nacht?

Nur einen kurzen Blick hat Kyle erhaschen können, bevor die Braut seines Freundes die Schlafzimmertür schloss. Der reichte aus, ihn um den Schlaf zu bringen. Ständig hat er Heidis hinreißenden Körper vor Augen, träumt von hemmungslosen Liebesspielen – bis sein heißester Wunsch tatsächlich in Erfüllung geht. Doch damit fangen die Probleme erst richtig an …

MARIE DONOVAN

Eine Sekretärin zum Vernaschen

Diese Frau im hautengen Stretchtop, superknappen Mini und messerscharfen High Heels soll eine brillante Buchhalterin sein – und mit ihm trockene Bilanzen durchforsten? Unmöglich! An endlose Zahlenkolonnen denkt Dane jedenfalls nicht, als er Keeley in ihrem Undercover-Outfit sieht: Als Sekretärin „Cherry“ gibt sie sich naiv, aber heiß und scharf wie Chili …

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Cara Summers

Einfach unwiderstehlich!

PROLOG

Freitag, 28. August, abends

Die Abenddämmerung gehörte zu den besonderen Tageszeiten, in denen Cassandra Angelis’ hellseherische Fähigkeiten zunahmen – und an diesem Abend konnte sie jede Hilfe gebrauchen. Das Gefühl, dass es sich um eine dringende Angelegenheit handelte, trieb sie den Gartenpfad entlang, bis sie die ersten Strahlen der Sonne entdeckte, die auf den Pazifik fielen und den Himmel in zartes Pink und Hellblau tauchten. Ihr blieb also noch ein wenig Zeit.

Cass verlangsamte ihre Schritte und nahm den Duft der Blumen und den Gesang der Vögel wahr. Es wäre nicht gut, sich abzuhetzen, und aus Erfahrung wusste sie, dass sie ihre Visionen nicht herbeizwingen konnte. Sie mussten von selbst kommen.

Übersinnliche Fähigkeiten waren in ihrer Familie weit verbreitet. Cass hatte stets zu ihrer Gabe gestanden und sich im Lauf der Jahre in der Gegend um San Francisco einen guten Ruf als Hellseherin erworben.

An diesem Abend hatte sie keinen Kunden. Seit fast einem Monat wusste sie, dass dieses Wochenende im Leben einiger Familienmitglieder entscheidend sein würde, doch erst um Mitternacht und dann wieder am Morgen waren ihre Visionen deutlicher geworden. Nun hatte sie die Gewissheit, dass das Schicksal für zwei ihrer Neffen tödliche Gefahren bereithielt. Und die Liebe, wenn sie ihre Herzen öffneten.

Vor einem Beet mit weißen Blumen blieb sie stehen. Die zarten Blüten erinnerten sie stets an die Wildblumen, die in Griechenland in der Nähe des Meers wuchsen, wo sie ihren Mann Demetrius kennengelernt hatte. Sie erinnerte sich noch genau an den Moment, als ihr bewusst geworden war, dass es keinen anderen für sie geben würde.

Zwischen ihrer Schwester Penelope und Demetrius’ Bruder Spiro war es dasselbe gewesen. Keiner von ihnen hatte gezögert, zu ergreifen, was das Schicksal ihnen anbot. Sie hatte es nie bereut, sich für Demetrius entschieden zu haben, obwohl ihnen nur ein Dutzend gemeinsame Jahre vergönnt waren, bevor er und ihre Schwester bei einem Bootsunfall ums Leben kamen. In den Jahren danach zog sie Penelopes Kinder groß, ihre Neffen Nik, Theo und Kit sowie ihre Nichte Philly. Sie betrachtete sie genau wie ihren Sohn Dino als ihre eigenen Kinder.

Cass bückte sich, pflückte eine der Blumen und roch daran, während sie den Pfad weiterging. Achtzehn Jahre waren so schnell vergangen. Ihre Kinder waren alle erwachsen und gingen ihre eigenen Wege. Und es war Theo, der zweitälteste Sohn ihrer Schwester, an den sie den ganzen Tag hatte denken müssen.

Sie lächelte. Schon als Kind hatte er mehr riskiert als seine beiden Brüder und auf sein Glück vertraut. Diese Charaktereigenschaft war ihm in seinem Beruf als Strafverteidiger äußerst nützlich gewesen. Sein Ruf, wichtige Fälle zu gewinnen, hatte ihm sogar die Aufmerksamkeit der Presse eingebracht. Vor einigen Monaten noch hatte er auf der Liste der begehrtesten Junggesellen San Franciscos gestanden, und sein Foto war in der Sonntagszeitung abgedruckt. Seine Brüder hatten ihn damit natürlich aufgezogen, aber es hatte ihm auch zu einigen Einladungen auf wichtigen Partys verholfen. Der plötzliche Ruhm hatte jedoch auch eine Kehrseite gehabt, denn Theo wurde von einer Stalkerin verfolgt.

Man merkte ihm nicht an, wie sehr ihm die Situation zu schaffen machte, doch Cass registrierte, wie er sich mehr und mehr in sich selbst zurückzog, was darin gipfelte, dass er sich eine Wohnung in der Stadt nahm. Er tat das nur, um die Familie zu schützen, nur nützte es ihm am Ende nichts. Trotz seiner Vorsichtsmaßnahmen verfolgte ihn die Stalkerin eines Abends bis zum Restaurant seines Vaters, wo sie eine Schusswaffe zog. Es gelang ihm, sie dazu zu überreden, mit ihm nach draußen zu gehen, damit sie niemanden verletzen konnte, doch bei dem Versuch, ihr die Waffe abzunehmen, wurde er angeschossen. Ganz typisch für ihn war, dass er ihr anschließend einen guten Anwalt besorgte.

Gedankenverloren blickte Cass aufs Meer. Die Familie hatte erwartet, dass Theo wieder in das gemeinsame Haus ziehen würde, nachdem die Stalkerin verhaftet war, aber das tat er nicht. Auch das „Poseidon“ besuchte er nicht mehr. Cass glaubte zu wissen, was ihm zu schaffen machte. Alle Angelis-Kinder besaßen mehr oder weniger übersinnliche Kräfte, und bei Theo waren sie am stärksten ausgeprägt. Er hatte keine hellseherischen Visionen, aber manchmal wusste er Dinge einfach. Als Kind hatte er das Glück genannt, doch seit dem Vorfall mit der Stalkerin zweifelte er an seinem Glück.

Cass wusste, was er durchmachte. Sie hatte das Bootsunglück, bei dem ihre Schwester und ihr Mann ums Leben gekommen waren, auch nicht vorausgesehen und sich deshalb lange schuldig gefühlt. Irgendwann aber hatte sie gelernt, ihren Fähigkeiten wieder zu vertrauen. Theo würde diese Lektion auch lernen müssen.

Seufzend setzte sie sich auf eine Bank und sah in der Dämmerung hinaus auf den Ozean. Über ihr sang ein Vogel aus voller Kehle. Sie lauschte und dachte an nichts mehr, bis sich vor ihren Augen ein feiner Nebel erhob, in dem sie das Bild einer Frau erkannte. Sie war groß, hatte dunkle Haare und intelligente Augen.

Ja, dachte sie, Theo würde eine intelligente Frau wollen. Der Nebel wurde dunkler, und wie durch ein getöntes Glas sah sie Theo und die Frau nebeneinanderstehen. Sie spürte ihre Furcht, aber auch die Gefühle der anderen Person, die bei ihnen war: Wut und Gier. Dann löste sich das Bild auf, und Cass war wieder allein im Garten.

Der Abend war warm, doch Cass fröstelte. Von ihren drei Neffen würde Theo der größten Gefahr ausgesetzt sein. Aber er würde auch die Liebe finden – wenn er den Mut besaß, es zuzulassen. Und diese Liebe würde ihn lehren, wieder seinen Instinkten zu vertrauen.

1. KAPITEL

Freitag, 28. August, abends

Die Nachricht ihrer Schwester Juliana hatte gelautet, dass Sadie um sieben Uhr zur St. Peter’s Church kommen solle. Als sie jedoch vor einigen Sekunden daran vorbeigefahren war, hatte sie niemanden gesehen. Das einzige Anzeichen für irgendwelche Aktivitäten war ein schwarzer Van, der die Einfahrt zum kleinen Parkplatz hinter der Kirche blockierte. Der Mann hinter dem Steuer kam ihr vage bekannt vor, nur wusste sie nicht, woher. Sie überlegte noch, ob sie umdrehen und ihn bitten sollte, zur Seite zu fahren, damit sie hinter der Kirche parken konnte, als sie eine Parklücke entdeckte, in die sie ihren Miata hineinquetschen konnte.

Sadie schnappte sich ihre Handtasche, stieg aus dem Wagen, schloss ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. Obwohl sie schon zehn Minuten zu spät kam, überprüfte sie rasch noch einmal ihr Aussehen in der Windschutzscheibe ihres Wagens. Unansehnlich, dachte sie. Ihre langen dunklen Haare hatte sie zu einem Zopf zusammengebunden, weil sie keine Lust hatte, sie zu frisieren. Ihre Ohrringe und ihr Kostüm waren eindeutig konservativ und fürs Büro ausgewählt, wobei sie die Auswahl sorgfältig getroffen hatte, weil sie ihre Familie gut repräsentieren wollte. Nach Feierabend wirkte das Ensemble allerdings nicht mehr so toll. Nicht, dass sie je für irgendwelche Feierabendaktivitäten zu haben gewesen wäre. Erst seit sie für Oliver Enterprises arbeitete, hatte sie sich ein paar schlichte schwarze Kleider für gesellschaftliche Anlässe gekauft, bei denen ihr Erscheinen als Mitglied der Familie Oliver erwartet wurde.

Zum Schluss blickte sie auf ihre Schuhe und verzog das Gesicht. Sie waren bestenfalls praktisch. „Unansehnlich“, wiederholte eine leise Stimme in ihrem Kopf.

Verärgert wandte sie sich ab und eilte über die Straße. Vor einigen Monaten noch hätte sie keinen Gedanken an ihr Äußeres verschwendet. Ihre kleine Schwester Juliana, die ganz nach ihrer Mutter kam, war immer das süße Mädchen gewesen. Da Sadie stets ihrem großen Bruder Roman nacheiferte, war sie eher der Wildfang gewesen. Sich wie eine Frau zu benehmen und auf Kleidung und Frisur zu achten, hatte sie nicht leiden können. Sie war zufrieden mit sich gewesen, wie sie war. Oder nicht?

Sadie runzelte die Stirn. Erst seit Theo Angelis sie zwei Monate zuvor im Gerichtssaal angesprochen hatte, schaute sie hin und wieder in den Spiegel – und empfand sich als unansehnlich.

„Sei nicht albern“, ermahnte sie sich und beschleunigte ihre Schritte. Theo Angelis nahm sie ohnehin nicht als Frau wahr, sondern als Kollegin. Er hatte ihr lediglich zu einem Fall gratulieren wollen, den er ihr, wie sie zu ihrer Überraschung erfuhr, zugespielt hatte. Denn Sandra Linton, die sie an diesem Tag verteidigt hatte, war seine Stalkerin, die vor dem Restaurant seiner Familie auf ihn geschossen hatte. Und Theo war froh gewesen, dass die Frau in psychiatrische Behandlung kam statt ins Gefängnis. Er sagte Sadie, er bewundere ihre Arbeit, was ein großes Kompliment war, da sie über seine Arbeit genauso dachte.

Warum sie sich bei dieser Gelegenheit auch noch an seinen wundervollen männlichen Duft erinnerte, war ihr ein Rätsel. Sie war groß, aber dennoch musste sie zu ihm aufsehen. In seinen dunklen Augen lag ein gefährliches Funkeln. Mit ihm zu sprechen und ihm die Hand zu schütteln hatte ihr weiche Knie verursacht. Nach einer Gerichtsverhandlung bin ich immer ein wenig aufgedreht, ermahnte sie sich, und das allein ist der Grund für meine maßlose Schwärmerei, die im Übrigen absolut einseitig ist.

Du lieber Himmel, sie hatten sich nur die Hände geschüttelt! Sie wusste doch ganz genau, dass sie nicht der Typ Frau war, den ein Mann wie Theo Angelis attraktiv fand. Sie zog eher einen Mann wie Michael Dano an, der praktisch und zuverlässig war und in der Rechtsabteilung von Oliver Enterprises arbeitete. Die Sorte Mann, die für sie Mentor und Freund zugleich war. Michael hatte fast sechs Monate gewartet, bis er ihr Avancen machte. Und sie hatte nichts dabei empfunden. Theo dagegen weckte mit nur einem einzigen Blick beunruhigende Gefühle in ihr. Es war eben ihr Pech, dass sie etwas für einen Mann empfand, der jede Frau haben konnte.

Sie täte gut daran, ihn sich schleunigst aus dem Kopf zu schlagen. In Juristenkreisen sprach man davon, dass Staranwalt Jason Sangerfeld ihm einen Job in Los Angeles angeboten hatte.

Erneut schaute Sadie auf die Uhr und fing an zu laufen. Die Nachricht ihrer Schwester Juliana war sehr kurzfristig gekommen, erst gegen vier hatte sie sie erhalten, und da war ihr keine Zeit mehr geblieben, sich umzuziehen. Abgesehen davon wusste sie ja auch gar nicht, wofür sie sich umziehen sollte, denn die Nachricht war sehr vage gewesen: Komm bitte heute Abend um sieben zur St. Peter’s Church. Juliana. Auf dem Handy war sie bis jetzt nicht zu erreichen gewesen.

Am Fuß der Treppe verspürte Sadie plötzlich Schuldgefühle, weil Juliana und sie sich nicht besonders nahestanden, was unter anderem damit zusammenhing, dass ihre Schwester erst achtzehn und sie sechsundzwanzig war. In ihrer Kindheit waren die acht Jahre ein großer Altersunterschied gewesen. Als Sadie ihr Jurastudium begonnen hatte, spielte Juliana noch mit Barbiepuppen. Und als Sadie ein Jahr zuvor bei Oliver Enterprises angefangen hatte, war Juliana im Internat gewesen.

Vor drei Monaten war ihre Schwester zurückgekommen, und Sadie hatte sich vorgenommen, sie besser kennenzulernen. Aber die viele Arbeit und möglicherweise auch ihre Frustration hatten es bisher verhindert.

Sadie eilte die Stufen hinauf. In den letzten fünf Monaten seit Michael Danos Annäherungsversuch hatte er sie mit sinnloser Arbeit eingedeckt, und wenn sie nicht damit beschäftigt war, bestanden ihr Vater und ihr Bruder auf ihrem Erscheinen bei verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen.

Aber es war falsch, Michael Dano oder ihrem Vater die Schuld dafür zu geben, dass sie und ihre Schwester sich nicht nähergekommen waren. Das lag ganz allein an ihr.

Sie öffnete die Kirchentür und betrat die stille dunkle Vorhalle. Plötzlich fielen schnell hintereinander zwei Schüsse.

Nachdem Theo eine Nachricht auf Niks Handy hinterlassen hatte, rief er Kit an und sprach auch ihr auf die Mailbox. Dann schaltete er sein Handy aus und schlenderte hinaus auf die Veranda der Hütte, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Die Flut kam, doch das Wasser in der kleinen Bucht war ziemlich ruhig.

Bis zum Sonnenuntergang dauerte es noch ungefähr eine halbe Stunde, Zeit genug, um sich hinzusetzen und in Ruhe die Aussicht zu genießen.

Theo war nicht überrascht, dass seine Brüder sich nicht am Telefon gemeldet hatten. Sobald sie seine Nummer im Display sahen, wussten sie, warum er anrief. Er war als Erster bei der Angelhütte ihres Großvaters angekommen, deshalb war es seine Pflicht, damit zu prahlen.

In ihrer Kindheit hatte es dieses Wettrennen vom Wagen ihres Vaters bis zur Hütte gegeben. Der Gewinner durfte sich die Köder und eine Angelrute aussuchen.

Okay, an diesem Wochenende hatte er das Wettrennen gewonnen, nur hatte er sein Büro nicht so früh verlassen, um sich zuerst Köder und Angelrute aussuchen zu können, sondern um dem Wochenendverkehr zu entgehen und ein wenig allein zu sein. Am Meer gelang es ihm stets, einen klaren Kopf zu bekommen und abzuschalten. Vielleicht würde sich hier die Unruhe legen, die ihn in letzter Zeit plagte. Zum ersten Mal im Leben zweifelte er an sich, was dazu führte, dass er im Gerichtssaal zögerlich wurde und seinen Instinkten misstraute.

Ein fröhliches Bellen war zu hören, und er entdecke Bob, den Hund seines Nachbarn, der auf die Hütte zurannte. Niemand wusste genau, welcher Abstammung Bob war, aber Theo hatte schon immer vermutet, dass ein Bernhardiner zu seinen Vorfahren gehörte. Er öffnete die Tür, und der Hund schoss in die Hütte, wo seine Krallen auf dem Holzfußboden klackten, während er von Zimmer zu Zimmer rannte.

Kurz darauf kehrte er auf die Veranda zurück, und Theo hätte schwören können, dass sein Blick vorwurfsvoll war.

„Ari kommt später mit Kit“, sagte Theo. Im Lauf der Jahre waren Bob und Ari, Kits Hund, Freunde geworden. Theo ging in die Küche und verstaute das Vollkornbrot, das er mitgebracht hatte, in der Speisekammer und die Auswahl an Käsesorten im Kühlschrank. Als er sich wieder umdrehte, saß der Hund schwanzwedelnd da und beobachtete ihn.

„Kit bringt dir nachher das Zeug mit, das du so gerne frisst“, erklärte er, brach dem Hund aber trotzdem ein Stück Käse ab. Sein jüngster Bruder war für andere Grundnahrungsmittel wie Eier, Speck, Brötchen und Unmengen Fleisch zuständig, während Nik, dessen Schränke in seiner Wohnung meistens leer waren, das mitbrachte, was er für absolut notwendig hielt – Junkfood und Bier.

Bob schlang das Käsestück herunter, und Theo verstaute den Wein, den er mitgebracht hatte – zwei Flaschen italienischen und einen deutschen Weißwein sowie einen französischen Chardonnay. Alle würden sehr gut zu den Fischen passen, die sie an diesem Wochenende fangen würden.

Bob folgte ihm ins Schlafzimmer und schaute hoffnungsvoll zu, wie Theo seine Stadtkleidung auszog und ordentlich auf einen Bügel hängte. Da Theo bemerkte, wie Bob seine italienischen Schuhe ansah, stellte er sie sicherheitshalber ins oberste Schrankfach. Dann zog er seine ausgewaschene Jeans und ein T-Shirt an, schenkte sich ein Glas Weißwein ein und ging damit hinaus auf die Veranda, wo er sich in einen Sessel setzte und die Füße aufs Geländer legte. Er trank einen Schluck Wein und kraulte den Kopf des Hundes. Eine Möwe schrie und flog dicht über der Wasseroberfläche, bevor sie hoch in die Luft aufstieg. In der Ferne war der Außenbordmotor eines Bootes zu hören, das langsam in die Mitte der Bucht hinausfuhr und in Erwartung des Sonnenuntergangs bereits die Positionslichter gesetzt hatte. Bob seufzte, und Theo konnte ihm nur beipflichten.

Er hatte an diesem Wochenende eine Entscheidung zu treffen, die er nicht länger vor sich herschieben konnte, so unerfreulich sie auch sein mochte. Langsam trank er einen Schluck Wein und schaute aufs Wasser. Normalerweise war er nicht so unentschlossen.

Seine Tante Cass glaubte an übersinnliche Fähigkeiten in der Familie und behauptete, seine Gabe sei besonders ausgeprägt. Er hatte keine hellseherischen Visionen wie sie, doch seit seiner Kindheit gab es Momente, in denen er bestimmte Dinge einfach wusste. Den Großteil seiner Erfolge im Gerichtssaal hatte er der Tatsache zu verdanken, dass er ein Gefühl dafür hatte, welche Strategie die richtige war. Und für gewöhnlich wusste er auch, wie eine Entscheidung ausfallen musste.

Aber das hatte sich seit Sandra Linton alles geändert. Angefangen hatte es mit dieser Liste der begehrtesten Junggesellen. Nach dieser Publicity gehörte Sandra zu den Frauen, die seine Gerichtsverhandlungen besuchten. Seine Brüder nannten sie Groupies. Dann beging Theo den Fehler, mit ihr einen Kaffee zu trinken. Warum hatte er nicht geahnt, dass diese harmlose Entscheidung in einer Katastrophe enden würde? Warum hatte er nicht gemerkt, dass Sandra gestört war?

Zwei Monate lang folgte sie ihm überallhin. Argumente halfen nicht, auch keine gerichtliche Verfügung, die ihr untersagte, sich ihm zu nähern. Er mietete sich eine kleine Wohnung, um sie von seiner Familie fernzuhalten, und wenn er das Büro verließ, nahm er den Lieferanteneingang des Gebäudes. Er wechselte sogar seine Parkplätze. Trotzdem gelang es ihr, ihn bis zum Restaurant seines Vaters zu verfolgen.

Noch jetzt stieg bei der Erinnerung daran Panik in ihm auf. In der kleinen Eingangshalle des „Poseidon“ hatte sie plötzlich eine Waffe gezogen. Seine jüngere Schwester Philly war nur wenige Meter entfernt gewesen, und bei ihr hatten Gäste gestanden, die auf einen frei werdenden Tisch warteten. Theo hatte keine hellseherischen Fähigkeiten gebraucht, um zu wissen, was Sandra vorhatte, denn das verriet ihr irrer, verzweifelter Blick. Wäre es ihm nicht gelungen, sie dazu zu überreden, das Restaurant zu verlassen …

Er trank einen Schluck Wein und schob diesen schrecklichen Gedanken beiseite, um sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Es wurde höchste Zeit, Sandra Linton endlich zu vergessen und sein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.

Möglicherweise würde ihm das am ehesten gelingen, wenn er Jason Sangerfelds Angebot annahm. Der hochkarätige Verteidiger hatte ihn vor einem Monat angerufen und ihm einen Traumjob angeboten, auf den jeder Anwalt sich sofort gestürzt hätte. Falls Theo annahm, würde er Seite an Seite mit Jason an Fällen mit enormem Medieninteresse arbeiten. Das wäre eine unglaubliche Erfahrung, ganz zu schweigen davon, dass er viel mehr als jetzt verdienen würde. Der Haken an der Sache war, dass er seine eigene Kanzlei aufgeben und nach Los Angeles ziehen müsste.

Theo wusste genau, was seine Tante Cass dazu sagen würde – das Schicksal bot ihm eine Chance, und mit seiner Entscheidung würde sich sein Leben vollkommen ändern. Die Wahrheit aber lautete, dass er sich viel schneller entscheiden könnte, wenn er eine Ahnung hätte, welche die richtige Entscheidung war. Aber sein Glück hatte ihn in dieser Hinsicht verlassen – er wusste einfach nicht mehr, was er tun sollte, und fragte sich, ob es daran lag, dass er an seinen Instinkten zweifelte.

Bob seufzte erneut, und Theo nahm die Füße vom Geländer, stand auf und ging hinunter an den Strand. Eines wusste er jedoch ganz sicher: Er hätte Sandra Linton vergessen sollen, nachdem sie verhaftet worden war und er sich an die Kanzlei des Pflichtverteidigers gewandt hatte, damit Sadie Oliver den Fall übernahm.

Theo setzte sich auf den Anleger, und Bob legte sich neben ihn. Für einige Minuten gelang es ihm, an nichts zu denken. Er lauschte der sanften Brandung und betrachtete den Sonnenuntergang. Hinter ihm summten die Insekten im Gras.

Beim Anblick der im Meer versinkenden Sonne kehrten seine Gedanken zu Sadie Oliver zurück. In letzter Zeit dachte er ziemlich häufig an sie. Der beste Freund seines Bruders Kit, Roman Oliver, hatte hin und wieder seine beiden Schwestern erwähnt. Er war sehr stolz darauf, dass Sadie an der Ostküste studiert und an der Harvard Law School eine juristische Zeitschrift herausgegeben hatte. Seine zweite, zwölf Jahre jüngere Schwester Juliana war aufs Internat geschickt worden. Durch Kit hatte Theo erfahren, dass beide Schwestern wieder in der Stadt waren und Sadie in der Rechtsabteilung von Oliver Enterprises arbeitete, einer millionenschweren Immobilienfirma, die ihr Vater und ihr Bruder Roman leiteten.

Theo stellte sein Weinglas auf den Anleger. Seine Neugier war erwacht, als Kit erwähnte, Sadie übernehme ehrenamtlich Fälle für die Kanzlei des Pflichtverteidigers. Er beobachtete sie bei einem ihrer Prozesse. Sie war sehr gut. Er musste lächeln. Ihr Stil war konservativer als seiner, aber ihr Verstand und ihre kühle, unerschütterliche Art kamen bei einer Jury gut an. Ein wenig wirkte sie wie eine unnahbare, beherrschte Prinzessin. Überhaupt nicht sein Typ. Aber dann hatte er sie vor den Geschworenen erlebt und die Leidenschaft hinter ihrer kühlen Fassade entdeckt. Als er das nächste Mal ihren Namen auf der Liste der Gerichtstermine las, ging er wieder hin, was dazu führte, dass er nach der Verhaftung seiner Stalkerin gleich an Sadie dachte.

Er runzelte die Stirn und trank einen weiteren kleinen Schluck Wein. Etwas war geschehen, als er nach der Verhandlung mit ihr gesprochen hatte. Genau genommen waren mehrere Dinge passiert, die ihn nachdenklich gestimmt hatten. Während die Sonne am Horizont im Pazifik versank, gestattete er sich die Erinnerung an jene Begegnung …

Als er sie angesprochen hatte, war der Gerichtssaal schon leer und Sadie gerade dabei gewesen, ihre Unterlagen einzupacken. Während der Verhandlung hatte er reichlich Gelegenheit gehabt, sie anzusehen. Sie war überdurchschnittlich groß und trug stets ein konservativ geschnittenes Kostüm, dazu schlichte schwarze Pumps. Die langen dunklen Haare hatte sie zu einem straffen Zopf zurückgebunden, der ihr bis auf den Rücken fiel.

Ihre Haltung ließ nichts von der Leidenschaft ahnen, die er bei ihrem Plädoyer gespürt hatte, und aus irgendeinem Grund fand er diesen Kontrast anziehend.

Bevor er etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf ihre Hände, und da fühlte er sich zum ersten Mal auf diese unerklärliche Weise zu ihr hingezogen. Sie hatte lange, schmale Finger, deren Nägel kurz und mit transparentem Nagellack lackiert waren. Theo konnte sich sehr gut vorstellen, wie diese Hände Tee in zerbrechliche Porzellantassen einschenkten. Er konnte sich außerdem vorstellen, wie sie über seine Haut glitten, und verspürte ein unbändiges Verlangen.

Ihr Handy klingelte, und während sie das Gespräch entgegennahm, hatte er die Gelegenheit, sich zu sammeln.

„Ja?“

Obwohl er ihr Gesicht nur im Profil sah, entging ihm nicht, dass ihre Miene sich verdüsterte und sie das Mobiltelefon umklammerte.

„Michael, ich habe dir doch gesagt, dass ich heute eine Gerichtsverhandlung habe.“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Ich werde in einer halben Stunde zurück sein und Überstunden machen, damit du meinen Bericht gleich morgen früh auf deinem Schreibtisch hast.“

Sie wirkte angespannt. Wer auch immer dieser Michael war, er war ihr unangenehm. Trotzdem ließ sie sich nichts anmerken, weshalb Theo sich fragte, was wohl nötig wäre, um diese Fassade zu durchdringen. Was würde er dahinter finden? Ganz sicher Leidenschaft. Fasziniert malte er sich aus, wie es sein würde, wenn diese Leidenschaft erwachte.

„Ich bin sicher, dass du, Daddy und Roman auch ohne mich bei der Spendenveranstaltung des Bürgermeisters auskommen werdet. Die Olivers werden gut repräsentiert sein.“ Sie klappte ihr Handy zu, stopfte es in ihre Handtasche und nahm ihren Aktenkoffer.

„Miss Oliver“, sagte Theo.

Erschrocken drehte sie sich zu ihm um.

Er sah ihr in die Augen, und für einen Moment war sein Kopf vollkommen leer. Alles, woran er denken konnte, war sie. Er bemerkte ihre golden schimmernde Haut, ihren süßen Duft und versank regelrecht im Blick ihrer schokoladenbraunen Augen.

„Mr. Angelis, ich … bin überrascht, Sie hier zu sehen.“ Entschlossen hängte sie sich ihre Handtasche um.

„Sie kennen mich?“

„Ich habe Ihr Bild gesehen.“

Verlegen dachte er an den Artikel über die begehrtesten Junggesellen. Würde ihn das ewig verfolgen? „Sie meinen das in der Zeitung?“

„Na ja, das habe ich auch gesehen. Aber ich meinte eher das im Büro meines Bruders. Darauf hat er Sie gerade im Tennis geschlagen.“

Theo verzog das Gesicht. „Er ist der Beste, gegen den ich je gespielt habe. Bis jetzt war er noch nicht zu einer Revanche bereit.“

„Wenn es so weit ist, nutzen Sie seine schwache Rückhand aus. Das mache ich auch immer.“

Fasziniert setzte er sich seitlich auf das Geländer, das die Tische der Anwälte vom übrigen Gerichtssaal trennte. „Dann haben Sie ihn also geschlagen?“

Sie lächelte. „Einmal, vor einigen Wochen. Und ich habe vor, es wieder zu tun.“

Es war das erste Mal, dass er sie lächeln sah. Im schräg einfallenden Licht der schmalen Fenster erkannte Theo, dass Sadie schön war. Das Verlangen kam so unvorbereitet wie ein Schlag in den Magen.

Es kostete ihn einige Mühe, normal weiterzusprechen. „Verraten Sie da keine Familiengeheimnisse?“

„Kann sein, aber ich finde, das bin ich Ihnen schuldig.“

„Warum?“

„Ich weiß, dass Sie mich für diesen Fall empfohlen haben. Mit dem Ausgang können Sie allerdings nicht zufrieden sein.“

„Weil Sie dafür gesorgt haben, dass die Frau, die mich verfolgt hat, in psychiatrische Behandlung statt ins Gefängnis kommt? Ich hatte darauf gehofft, dass Sie ein solches Urteil erwirken können.“

„Aber sie hat auf Sie geschossen.“

Theo zuckte die Schultern. „Ich wurde nicht tödlich getroffen, und sie ist sehr krank.“ Hätte er das rechtzeitig bemerkt, hätte er das alles möglicherweise verhindern können. „Im Gefängnis hätte ihr nicht geholfen werden können. Darf ich Sie etwas fragen?“

„Nur zu.“

„Warum arbeiten Sie ehrenamtlich für die Kanzlei des Pflichtverteidigers? Haben Sie bei Oliver Enterprises nicht genug zu tun?“ Für einen kurzen Augenblick wirkte sie verunsichert, und das ließ ihn an ihr Telefonat mit diesem Michael denken.

„Mir geht es um die Erfahrung, die ich im Gerichtssaal sammle.“ Sie hielt ihm ihre Hand hin. „Ich muss los, aber ich möchte mich noch einmal für Ihre Empfehlung bedanken.“

Er ergriff ihre Hand, und bei diesem ersten Körperkontakt hielten sie beide inne. Theo war froh, dass er halb auf dem Geländer saß, denn er bekam weiche Knie. In diesem Moment hatte er gewusst, dass Sadies und sein Weg sich wieder kreuzen würden.

Er leerte sein Glas und sah, wie die Sonne im Meer versank. Er hatte darauf verzichtet, Sadie erneut während einer Verhandlung zu beobachten, doch vergessen konnte er sie nicht. Lag es etwa an ihr, dass er sich nicht wegen des Jobs in Los Angeles entscheiden konnte? War sie womöglich der Grund für seine Unruhe in letzter Zeit?

Erst nach einer ganzen Weile stand er auf und ging zurück zur Hütte.

2. KAPITEL

Schüsse? In einer Kirche? Konnte Sadie sich geirrt haben? Im schwachen Licht der Eingangshalle näherte sie sich vorsichtig der Tür zum Altarraum. Sie hatte sie fast erreicht, als sie näher kommende Schritte hörte.

Ein Schrank von einem Mann stürzte herein, und wäre Sadies Kehle vor Angst nicht wie zugeschnürt gewesen, hätte sie laut geschrien. Er trug ein schwarzes T-Shirt und Jeans. Als er die Wendeltreppe hinaufrannte, die zur Chorempore führte, bemerkte sie die Pistole in seiner Hand. Kurz darauf stürzte ein zweiter Mann durch die Tür.

„Roman?“

Er wirbelte zu ihr herum. Auch er hatte eine Pistole in der Hand.

„Was geht denn hier vor?“

Er packte sie am Arm und schob sie in die Dunkelheit unter der Treppe. „Lass dich nicht blicken. Niemand darf wissen, dass du hier bist.“

Kaum hatte sie die Worte verarbeitet, hörte sie weitere Schüsse aus der Kirche. Während der Schreck ihr noch in den Gliedern saß, war oben ein explosionsartiger Knall zu hören. Ihr klingelten noch die Ohren, da rannte Roman schon die Treppe hinauf. Sie wollte ihn aufhalten, doch die Angst hielt sie zurück, und sie tat das Einzige, was ihr einfiel – sie zückte ihr Handy und wählte den Notruf.

„Juliana, alles in Ordnung mit dir?“, rief Roman.

Sadie schaffte es nicht, mit der Notrufzentrale zu sprechen, da sie vor Entsetzen wie gelähmt war. Hatte jemand auf ihre Schwester geschossen?

Oben glaubte sie einen Mann antworten zu hören: „Ja.“

Dann sprach Roman wieder, doch konnte sie seine Worte nicht verstehen, weil sie der Notrufzentrale atemlos ihren Standort durchgab.

Oben waren polternde Schritte und Kampfgeräusche zu hören – dumpfe Schläge und erstickte Schreie. Sadie spähte die Wendeltreppe hoch und entdeckte zwei miteinander ringende Gestalten, von denen eine plötzlich über das Geländer stürzte.

Es ging alles so schnell. Auf den Sturz folgte kurz darauf ein dumpfer Aufprall. Im schwachen Licht sah sie das Gesicht des Mannes. Roman. Seine Augen waren geschlossen, er lag ganz still.

Sie wollte zu ihm gehen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Jemand rannte die Treppe hinunter und hinaus, aber Sadie nahm nur die Bewegung wahr, ohne jemanden zu erkennen. Erst als derjenige die Eingangstür aufstieß, sah sie, dass es sich um den Mann handelte, dem Roman die Treppe hinaufgefolgt war. Blut strömte aus einer Schulterwunde.

Noch immer war sie wie gelähmt und starrte den leblosen Körper ihres Bruders auf dem Fußboden an. Mit einiger Verzögerung setzte die Panik ein und brachte sie dazu, endlich zu handeln. Sie löste sich aus der Dunkelheit unter der Treppe und schrie: „Juliana? Juliana, alles in Ordnung mit dir?“

Keine Antwort.

Ihre Handtasche fiel zu Boden, ohne dass sie es merkte, als sie sich neben ihren Bruder kniete und zwei Finger auf seine Halsschlagader legte. Sie fühlte einen Puls, zwar schwach, aber gleichmäßig. Erleichtert strich sie ihm über den Kopf und hatte Blut an den Fingern. „Roman“, flüsterte sie und beugte sich zu ihm hinunter.

Seine Lider öffneten sich flatternd.

„Ich bin’s, Sadie. Ich bin hier.“ Sie drückte seine Hand. „Nicht bewegen.“

„Kann nicht … sehen.“

„Ganz ruhig. Du bist gestürzt.“

Erneut schloss er die Augen. „Du bist in Gefahr … verschwinde.“

„Wo ist Juliana? Was geht hier vor?“

„Heimliche … Hochzeit“, flüsterte er kaum hörbar. „Juliana … Paulo … Carlucci.“

Juliana und Paulo Carlucci? Nein, das konnte einfach nicht sein. Die Familienfehde zwischen den Olivers und den Carluccis reichte Generationen zurück, und mit der derzeitigen Konkurrenz zwischen Oliver Enterprises und Carlucci Ltd. um ein lukratives Stück Land an der Orange County Coastline erreichte der Streit einen neuen Höhepunkt.

Wenn ihre kleine Schwester wirklich vorgehabt hatte, Paulo Carlucci heimlich zu heiraten, und es irgendwie durchgesickert war … Die Vorstellung war beängstigend. Es musste durchgesickert sein, oder? Roman hatte jedenfalls Wind davon bekommen. Außerdem der Mann, den er verfolgt hatte.

Eine weitere Möglichkeit ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren … Hatte ihr Vater von den Heiratsplänen erfahren? Mario Oliver genoss den Ruf, stets über alles informiert zu sein, und wer konnte schon sagen, was er unternommen hätte, um die Hochzeit zwischen seiner jüngsten Tochter und dem Sohn seines Erzfeindes zu verhindern.

„ … wollte … sie aufhalten …“

Sie konnte sich gut vorstellen, dass Roman versucht hatte, die Heirat zu verhindern. Das Beispiel ihres Vaters hatte ihrem Bruder und ihr gezeigt, dass selbst eine Ehe unter den besten Voraussetzungen nicht einfach war. Ihre Mutter war kurz nach Julianas Geburt gestorben und Mario Oliver inzwischen zum dritten Mal verheiratet. Sadie hatte den Verdacht, dass Deanna Mancuso Oliver nicht seine letzte Frau sein würde. Juliana war knapp achtzehn, Paulo höchstens ein oder zwei Jahre älter. Die beiden waren noch Kinder.

Erneut drückte Sadie die Hand ihres Bruders. „Nicht sprechen.“

„Auf Paulo … geschossen.“

Sadies Mut sank. Roman hatte auf Paulo geschossen? Vielleicht hatte sie ihn falsch verstanden. Sie beugte sich herunter, bis seine Lippen beinah ihr Ohr berührten.

„Sorg dafür … Juliana … in Sicherheit.“ Romans Griff wurde fester. „Traue niemandem … geh zu Kit.“ Er hielt inne, und Sadie befürchtete, er würde das Bewusstsein verlieren.

Hastig kramte sie ihr Handy aus ihrer Handtasche und gab Kit Angelis’ Nummer ein. Kit und Roman waren seit dem College beste Freunde. Vielleicht konnte er …

Sein Anrufbeantworter sprang an, während draußen vor der Kirche Sirenen zu hören waren. Sie hinterließ ihren Namen und ihre Nummer, verstaute das Handy wieder in der Handtasche und versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Doch eine neue Angst beschlich sie. Roman wollte, dass Juliana in Sicherheit war, und Sadie fiel der Schuss ein, den sie oben gehört hatte. Was, wenn ihre Schwester …

Im nächsten Moment rannte sie die Treppe hinauf, doch die Chorempore war leer. Direkt vor ihr entdeckte sie eine offene Tür. Mit pochendem Herzen betrat sie einen kleinen fensterlosen Raum, in den jedoch genug Licht hineinfiel, um zu erkennen, dass er leer war. Ihre Erleichterung war nur von kurzer Dauer, da sie an zwei der Wände dunkle Flecken sah. Blut? Dann bemerkte sie den Strauß weißer Blumen auf dem Fußboden.

Der Beweis einer heimlichen Hochzeit? Und die Flecken an den Wänden? Wer hatte auf Paulo geschossen? Sie erinnerte sich an Romans Worte – war er es also gewesen?

Der schrille Ton der Sirenen kam näher, und Sadie lief zu einem Fenster in der Chorempore. Unten vor der Kirche hielt ein rotes Cabrio mit einem Blaulicht auf der Motorhaube. Ein Streifenwagen überquerte die Kreuzung vor dem Eingang der Kirche und kam an einem dunklen Van vorbei. Sadie wollte schon zurück nach unten zu Roman laufen, als sie zwei Blocks weiter ein Taxi anhalten sah, um das sich drei Personen drängelten.

Selbst aus dieser Entfernung erkannte sie Juliana. Eine zweite Frau, blond und zierlich, trug einen Kleidersack und eine Reisetasche. Sie stieg in das Taxi, das sofort losfuhr. Zurück blieben Juliana und ein Mann, dessen Profil Sadie erst sah, als er den Arm ihrer Schwester umfasste und sie rasch wegführte. Paulo Carlucci. An seinem Oberarm bemerkte sie einen dunklen Fleck. Blut?

Unter ihr wurde die Kirchentür geöffnet, und als Sadie über das Geländer schaute, knieten bereits zwei Polizisten neben Roman.

„Der Puls ist stabil“, stellte der eine fest. „Sein Hinterkopf ist blutig.“

„Sieht aus, als sei er gestürzt“, bemerkte der andere. „Beweg ihn nicht, bevor die Sanitäter hier sind.“

Sadie zögerte, nach unten zu gehen, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, bei ihrem Bruder zu sein, und ihrer Besorgnis um ihre Schwester. Roman war jetzt in guten Händen. Juliana war diejenige, die sie brauchte.

Mit diesem Gedanken eilte sie leise zur einen Seite der Chorempore und dort die Treppe hinunter. Der Raum unten war klein, in der Mitte stand ein Taufbecken aus Marmor. Sadie rannte daran vorbei nach draußen. Als sie noch etwa einen halben Block entfernt war von der Ecke, an der sie Juliana entdeckt hatte, sah sie einen dunklen Van über die Kreuzung fahren. Er wäre ihr wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen, wenn sie durch das offene Seitenfenster nicht den Fahrer wiedererkannt hätte, der bei ihrer Ankunft in der Einfahrt zum Parkplatz vor der Kirche gestanden hatte.

Hatte er etwa auf den Mann gewartet, den Roman in der Kirche verfolgt hatte und der anschließend mit blutendem Arm durch den Haupteingang geflohen war? Suchten die Männer in dem Wagen auch nach Juliana?

Sadie nahm all ihre Kraft zusammen und rannte zur Straßenecke. Doch dort war nichts mehr von Juliana oder Paulo zu sehen.

Und der dunkle Van war ebenfalls verschwunden.

Als Sadie zur St. Peter’s Church zurückkam, blockierten vier Streifenwagen die Kreuzung Skylar Avenue und Bellevue. Sie war noch ein ganzes Stück gelaufen, um Ausschau nach Juliana und Paulo zu halten, hatte die beiden jedoch nirgends entdecken können. Den Van hatte sie auch nicht mehr gesehen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es halb acht war. Es war also erst knapp eine Viertelstunde her, seit sie die Schüsse gehört und Romans Sturz gesehen hatte.

Die Erinnerung daran ließ sie erschauern. Sie durfte jetzt nicht darüber nachdenken, sondern musste sich zusammennehmen. Roman brauchte sie.

Zwei Krankenwagen parkten vor der Kirche, und uniformierte Polizisten bewachten das Absperrband, das Schaulustige fernhalten sollte. Wenn Sadie zurück in die Kirche wollte, um nach ihrem Bruder zu sehen, musste sie zuerst an den Polizisten vorbeikommen.

Als sie sich ihren Weg durch die kleine Gruppe von Menschen bahnte, berührte jemand sie am Arm. Sie drehte sich um und entdeckte eine kleine ältere Frau mit hellblauen Augen und lockigen weißen Haaren, die sie aufgeregt ansah.

„Haben Sie die Schüsse gehört?“, wollte sie wissen.

„Nein“, log Sadie und suchte nach einer Lücke in der Polizeiabsperrung.

„Ich aber. Ich wohne in dem Haus rechts neben dem Pfarrhaus. Zuerst war ich mir nicht sicher. Ich dachte, es sei ein Auto mit Fehlzündungen. Ich habe sechs gezählt. Viel zu viele für ein Auto. Also dachte ich mir, dass es Schüsse sein müssen.“

Sechs, dachte Sadie. Das stimmte in etwa mit dem überein, was sie gehört hatte – zwei beim Hereinkommen, drei aus dem Kirchenschiff, ein Schuss oben auf der Empore. „Haben Sie etwas gesehen?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Nicht während der Schießerei. Ich habe vorher aus dem Fenster geschaut und wusste, dass eine Hochzeit stattfindet, weil ich den Wagen vom Partyservice vor dem Pfarrhaus sah. Pater Mike traut in letzter Zeit viele Paare. Er kommt gut an bei den jungen Leuten, deshalb ist St. Peter’s Church ein gefragter Ort für Hochzeiten. Er hat neuen Schwung in die Gemeinde gebracht.“ Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Diesmal war es allerdings ein bisschen merkwürdig.“

„Was denn?“, wollte Sadie wissen.

„Es gab nur sehr wenige Gäste. Normalerweise ist der Parkplatz voll. Aber heute nicht. Die Braut fuhr in einem Taxi vor, zusammen mit einer Blondine, die einen Kleidersack trug.“

Sadie dachte an die Frau, die sie in Julianas Begleitung gesehen hatte und die mit einem Kleidersack in ein Taxi gestiegen war. Sofort meldeten sich wieder Schuldgefühle, weil sie keine Ahnung hatte, wer die Frau sein könnte und wer überhaupt die Freunde ihrer Schwester waren.

„Ein junger Mann war kurz zuvor in Begleitung eines ziemlich großen Kerls eingetroffen. Ich dachte, einer von denen ist der Bräutigam, bis der andere ankam. Der sah klasse aus, und ich dachte mir, dass sich die Braut glücklich schätzen konnte, den zu heiraten. Er kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich wusste nicht, woher. Es fällt mir bestimmt noch ein, wenn ich gar nicht damit rechne. Nachdem der gut aussehende junge Mann in der Kirche verschwunden war, ging ich nach unten, um mir ‚Glücksrad‘ anzusehen.“

Sadie sah zum Eingang der Kirche, wo sich nichts tat. Als sie weitergehen wollte, sagte die Frau: „Vielleicht handelte es sich um ein prominentes Pärchen. Wie dem auch sei, jemand bekam Wind davon und versuchte die Hochzeit zu stoppen. Ich hoffe nur, dass es nicht Pater Mike war, der erschossen wurde. Aber natürlich will ich auch nicht, dass es die Brautleute waren.“

Sadie richtete den Blick wieder auf die kleine Frau. „Jemand wurde erschossen?“

„Ich habe gehört, wie die Polizisten sich darüber unterhielten. Mein Gehör ist noch sehr gut.“ In vertraulichem Ton fügte sie hinzu: „Sie sprachen von einem Toten und zwei Verletzten. Einen hat es also richtig erwischt.“

Bitte nicht Roman, dachte Sadie. „Ich muss in die Kirche“, sagte sie und hob das Absperrband an.

Die Frau legte ihr die Hand auf den Arm. „Die werden Sie nicht durchlassen.“

„Aber ich muss hinein.“ Ein junger Polizist stellte sich Sadie in den Weg.

„Miss, ich muss Sie bitten, das Absperrband loszulassen und zurückzutreten“, erklärte er.

„Sie verstehen nicht. Ich war vorhin hier und muss mit einem Verantwortlichen sprechen.“

Ein Mann Ende vierzig kam dazu. „Gibt es ein Problem, Jerry?“

„Sie will einen Verantwortlichen sprechen.“

Der andere wandte sich an Sadie. Er war nicht groß, aber kräftig gebaut. „Im Moment sind das Officer Carter hier und ich, und unser Befehl lautet, niemanden durchzulassen. Die einzigen Leute, die in die Kirche dürfen, sind die Sanitäter und die Spurensicherung.“

Bevor sie etwas erwidern konnte, kamen zwei Sanitäter mit einer Trage aus der Kirche.

„Dem Himmel sei Dank“, sagte die ältere Dame. „Das ist Pater Mike. Ich habe mir solche Sorgen um ihn gemacht.“

„Woher wissen Sie, dass er noch lebt?“, fragte Sadie.

„Na ja, sie schieben ihn in den Krankenwagen. Den Toten holt der Gerichtsmediziner ab.“

Sadie bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend. War das der Grund, weshalb man Roman noch nicht herausgebracht hatte? Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, gingen die Kirchentüren ein weiteres Mal auf, und eine zweite Trage wurde herausgebracht. Erleichtert sah sie, dass es sich um Roman handelte.

Nachdem man ihn in den Krankenwagen geschoben hatte, stieg ein Polizist hinten ein und ein weiterer auf der Beifahrerseite. Das war kein gutes Zeichen. Aber falls Roman tatsächlich auf Paulo geschossen hatte, hatte er ihn jedenfalls nicht getötet.

Der erste Krankenwagen fuhr ab, und Sadie rannte los. Sie musste irgendwie den Krankenwagen erreichen, in dem ihr Bruder lag. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der zweite Krankenwagen Fahrt aufnahm. Ohne nachzudenken, rannte sie mitten auf die Kreuzung und wedelte mit den Armen.

Die Sirene heulte einmal auf, doch da Sadie sich nicht von der Stelle rührte, musste der Wagen anhalten. Der Polizist auf dem Beifahrersitz ließ das Fenster herunter. „Lady, gehen Sie aus dem Weg!“

Außer Atem legte sie die Hände auf die Tür. „Sie haben meinen Bruder im Wagen. Ich will mit zum Krankenhaus fahren.“

„Das geht nicht“, erklärte der Polizist. „Er ist möglicherweise ein Verdächtiger in einem Mordfall.“

Mord? dachte sie entsetzt. „Verraten Sie mir wenigstens, wo Sie ihn hinbringen.“

Der Polizist zögerte, dann sagte er: „Können Sie sich ausweisen?“

Da sie ihre Handtasche nicht dabeihatte, schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich …“

„Dann kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen.“ Noch während sich das Fenster schloss, fuhr der Krankenwagen mit heulender Sirene weiter.

Zeit für Plan B. Sadie lief zu ihrem Wagen, froh, dass sie die Autoschlüssel immer in die Hosentasche steckte.

Die Handtasche. Sie dachte kurz daran, während sie sich hinters Steuer setzte. Die hatte sie fallen lassen, als sie hinauf zur Chorempore gerannt war, um nach Juliana zu sehen. Jetzt blieb keine Zeit mehr, die Tasche zu holen, wenn sie den Krankenwagen im Auge behalten wollte. Die Polizei hatte sie vermutlich ohnehin längst zu den Beweismitteln gelegt.

Sadie gab Gas. Der Polizist hatte gesagt, Roman sei möglicherweise ein Verdächtiger in einem Mordfall. Sie musste herausfinden, was in der Kirche passiert war.

Es war fast zehn, als Theo aus der Hütte trat und beinah über Bob gestolpert wäre.

Der Hund stand auf und wedelte mit dem Schwanz.

„Ari ist immer noch nicht da.“

Mit hoffnungsvollem Blick sah Bob zu ihm auf.

„Na schön.“ Theo hielt ihm die Tür auf. „Du kannst reingehen. Aber eine Leckerei gibt es erst wieder, wenn ich vom Schwimmen zurück bin.“

Da er nicht schlafen konnte, hatte er beschlossen, schwimmen zu gehen. Am Ende des Anlegers blieb er stehen. Der Mond schien hell, das Wasser war ruhig und schwarz. Theo hob die Arme und sprang kopfüber hinein.

Kurz vor elf parkte Sadie ihren Wagen neben einem silbernen Geländewagen. Der kleine Parkplatz war genau dort, wo Kits Tante Cass es ihr beschrieben hatte, ein Stück abseits der Straße. Nur hatte Sadie erwartet, drei Wagen hier vorzufinden.

Vom Münztelefon im Krankenhaus hatte sie Kit noch einmal angerufen, aber wieder nur den Anrufbeantworter in seinem Büro erreicht. Dann hatte sie es bei ihm zu Hause versucht, wo sich seine Tante meldete und ihr sagte, er sei unterwegs, um sich mit seinen Brüdern zu einem Angelwochenende in der Hütte ihres Großvaters zu treffen.

Das hieß, Theo würde auch dort sein.

Die Tatsache, dass sie unterwegs öfters an ihn denken musste, ärgerte sie. Schließlich war sie sechsundzwanzig und damit viel zu alt für alberne Schwärmereien. Außerdem hatte sie momentan ganz andere Sorgen. Mit zitternder Hand nahm sie eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus.

Der Wegbeschreibung zufolge, die sie von Cass Angelis erhalten hatte, musste man die letzte halbe Meile bis zur Angelhütte zu Fuß gehen. Neben dem Geländewagen entdeckte sie den Pfad. Er sah schmal aus im Licht der Taschenlampe, schien aber regelmäßig benutzt zu werden. Trotzdem zögerte sie. Blätter raschelten im Wind, und sie glaubte, ein kleines Tier durch die Büsche huschen zu hören. Jedenfalls nahm sie an, dass es klein war. Gab es in diesem Teil Kaliforniens eigentlich Bären?

Sadie riss sich zusammen und machte sich auf den Weg. Nachdem sie ein Stück gegangen war, flitzte etwas über den Pfad, sodass sie fast vor Schreck aufgeschrien hätte. Im nächsten Moment kam es ihr töricht vor, da es sich höchstwahrscheinlich bloß um eine Maus oder ein Eichhörnchen gehandelt hatte. Als sich ihr Herzschlag wieder halbwegs normalisiert hatte, ging sie weiter. Sie hatte in der Kirche nicht die Nerven verloren, also würde sie auch diesen finsteren Pfad hinter sich bringen, und so weit war eine halbe Meile schließlich nicht. Doch als sie endlich auf eine Lichtung gelangte, atmete sie erleichtert auf. Von der Bucht her wehte ein frischer Wind herüber, und auf dem Wasser spiegelte sich der Mond. Die Umgebung und das sanfte Rauschen der Wellen beruhigten sie sofort.

Am Ende eines etwa zehn Meter langen hölzernen Anlegesteges zeichneten sich die dunklen Umrisse eines kleinen Bootshauses ab. Sie konnte außerdem die Hütte sehen, ein kompaktes einstöckiges Gebäude mit einer großen, von Fliegengitter umschlossenen Vorderveranda. Hinter einem der Fenster brannte Licht.

Hoffentlich war noch jemand wach. Sadie ging auf die Hütte zu, und als sie die Veranda erreichte, klopfte sie an die Fliegengittertür. Das Geräusch kam ihr laut vor und löste sofort eine Bewegung im Innern der Hütte aus. Sie versuchte gerade hineinzuspähen, als eine Kreatur herausgestürmt kam und sich gegen das Fliegengitter warf. Entsetzt taumelte sie rückwärts und wäre beinah gestürzt. Die riesige Kreatur bellte und sprang an der Tür hoch.

Ein Hund, noch dazu ein sehr großer, der offenbar alles daransetzte, durch die Fliegengittertür zu kommen. Sie beschloss, nicht zu warten, bis er vielleicht Erfolg hatte, und lief stattdessen zu der Seite der Hütte, an der sich das erleuchtete Fenster befand. Es war offen und das Fensterbrett ungefähr auf ihrer Augenhöhe, daher stellte sie sich auf Zehenspitzen und schaute hinein.

Das Zimmer war leer, aber das Bett sah benutzt aus. Die Patchworkdecke war zurückgeschlagen, die Kissen waren am Kopfteil aufgeschichtet, und ein Taschenbuch lag auf dem Nachtschrank. Vielleicht war der Bewohner dieses Zimmers in diesem Augenblick auf dem Weg zur Veranda, weil er den Radau des Hundes gehört hatte. Sadie lief zurück, konnte aber niemanden außer dem Hund entdecken, der jetzt wenigstens nicht mehr bellte. Sie wartete zehn Sekunden und klopfte noch einmal. Der Hund winselte leise. Nachdem weitere Sekunden vergangen waren, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und probierte, ob die Tür abgeschlossen war.

Sie ließ sich laut knarrend öffnen, doch Sadie zögerte. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und sah sogar freundlich aus. Im Stillen betend, er möge sie nicht anfallen, betrat sie die Veranda.

Theo ließ sich auf dem Rücken im Wasser treiben und genoss die sanfte Bewegung der Wellen. Er wusste nicht, wie lange er geschwommen war, doch fühlte er sich jetzt weitaus entspannter. Als er zurück auf den Anleger klettern wollte, hörte er ein Klopfen in der nächtlichen Stille, gefolgt von Bobs Bellen. Er hielt sich am Anleger fest und sah zum Ufer. Weder Kit noch Nik würden klopfen. Ein Baum versperrte ihm die Sicht, aber er hörte Bob bellen und gegen die Tür springen.

Bob war nicht der beste Wachhund. Abgesehen von seiner beeindruckenden Größe besaß er das zutrauliche Wesen eines Golden Retrievers und betrachtete jeden Fremden als mögliche Quelle für Streicheleinheiten oder Futter.

Theo verhielt sich still im Wasser, und einen Moment später sah er jemanden um die Hütte herumgehen. Er hatte das Licht in seinem Zimmer angelassen, und als die Person durch das Fenster schaute, konnte er ihr Profil erkennen. Offenbar handelte es sich um eine Frau. Das Licht reichte nicht aus, um ihr Gesicht deutlich zu erkennen, doch konnte er sehen, dass sie einen Rock trug.

Nach der Verhaftung der Stalkerin hatte er seinen kleinen weiblichen Fanclub, der regelmäßig zu seinen Gerichtsverhandlungen erschien, davon überzeugt, ihn endlich in Ruhe zu lassen. In den vergangenen zwei Monaten hatte er geglaubt, sein Leben verliefe wieder normal.

Aber es musste sich um eine Stalkerin handeln, ein anderer Grund fiel ihm nicht ein, weshalb eine Frau mitten in der Nacht den ganzen Weg hierher zurücklegen sollte.

Die Person kam wieder zurück zur Vorderseite. Diesmal klopfte sie lauter. Theo überlegte, ob er rufen sollte, verzichtete aber darauf. Stattdessen schwamm er lautlos zum Ufer. Er war noch gut zwanzig Meter von der Hütte entfernt, als die Frau die Tür öffnete und eintrat. Ihr Mut verdiente Respekt. Bob war zwar harmlos, seine Größe aber beeindruckend. Zu seiner Überraschung sah er, wie die Frau sich hinkniete und mit dem Hund sprach. Wegen der Brandung hinter ihm konnte Theo die Worte jedoch nicht verstehen. Na schön, sie besaß also Mut und mochte große Hunde. Trotzdem hatte sie hier nichts zu suchen. Genau genommen beging sie sogar einen Einbruch.

Als er die Hütte erreichte, war sie darin verschwunden. Leise öffnete er die Verandatür, aber nicht so weit, dass sie knarrte. Die Tür zur Hütte stand offen, sodass er die Silhouette der Frau in der dunklen Küche erkennen konnte. Sie stand am Fenster und schaute hinaus auf die Bucht.

Rotzfrech, dachte er verärgert. Sie war ihm nicht nur zu dieser Hütte gefolgt, die er für eine Zuflucht gehalten hatte, sondern auch noch einfach hineinmarschiert. Seine Laune wurde auch nicht dadurch besser, dass Bob zu ihren Füßen saß und mit dem Schwanz wedelte, offenbar entzückt von der neuen Besucherin. Theo fand, er sollte ihr wenigstens einen ordentlichen Schreck einjagen.

Also schaltete er das Licht ein. „Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier …“

Sie wirbelte herum, und ihr Schrei übertönte den Rest seines Satzes.

„Sadie?“ Sie sah aus, als würde sie gleich ohnmächtig werden, deshalb lief er auf sie zu. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Dumme Frage, denn sie war leichenblass. Er führte sie zum Küchentisch, damit sie sich setzen konnte. Dann ging er an den Kühlschrank, nahm die bereits geöffnete Flasche Wein heraus und goss ein Glas voll. Sie zitterte noch immer, als er es vor sie stellte.

Sie trank einen Schluck, und ihre Blicke trafen sich über den Rand des Glases hinweg. Plötzlich wusste Theo, dass sich nicht nur ihre Wege kreuzen würden, sondern dass sie die eine war, die Frau, die für ihn bestimmt war.

Nein, dachte er mit einem Anflug von Panik. Dafür war er noch nicht bereit. Außerdem hatte er die Wahl, da das Schicksal ihm lediglich Chancen bot.

Doch als Sadie das Glas ein weiteres Mal an die Lippen hob, musste er schlucken. Ihre Lippen waren geteilt und feucht vom Wein. Er sehnte sich danach, diesen Mund zu küssen. Trotz seines heftigen Verlangens atmete er einmal tief durch und lehnte sich zurück. Er musste Abstand gewinnen, bevor …

Entschlossen stand er auf und ging zum Flur. „Trinken Sie den Wein. Ich ziehe mich in der Zwischenzeit um. Dann können Sie mir erzählen, warum Sie hier sind.“

3. KAPITEL

Um ein Haar wäre Sadie das Weinglas aus der Hand gefallen. Vorsichtig stellte sie es auf dem Tisch ab. Sie fühlte sich noch ganz benommen, und das nicht nur, weil Theo sie erschreckt hatte, sondern auch, weil er eine beunruhigende Wirkung auf sie hatte.

Sie presste die Finger an die Schläfen und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Theo hatte hier im Türrahmen zur Küche ganz anders ausgesehen als im Gerichtssaal – groß, männlich, die dunklen Haare nass zurückgekämmt, in den noch dunkleren Augen ein gefährliches Funkeln. Und all diese nasse gebräunte Haut. Sadie war noch immer verblüfft über ihr unbändiges Verlangen, ihn anzufassen und zu schmecken.

Nein, am liebsten hätte sie ihn verschlungen.

Kein Mann hatte je zuvor eine derartige Wirkung auf sie gehabt. Mit noch immer zitternden Händen nahm sie ihr Weinglas und trank einen weiteren Schluck.

Es war eine Überreaktion, weil sie wegen Roman, Juliana und dem Marsch durch den dunklen Wald aufgewühlt war. Sie musste sich einfach zusammenreißen, schließlich war sie hier, um Kit Angelis um Hilfe zu bitten. Sie durfte jetzt nicht die Nerven verlieren.

„Tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe.“

Sie fuhr zusammen und drehte sich um. Theo schenkte sich ein Glas Wein ein, ging zum Kühlschrank und nahm eine Käseplatte heraus. Er trug eine alte Jeans, die an den Nähten ausgeblichen war, dazu ein ebenso altes T-Shirt, auf dem das Wort „Stanford“ kaum noch zu lesen war.

„Ich muss Kit finden. Wo ist er?“

Theo trank einen Schluck Wein und sah sie prüfend an. „Sind Sie mit meinem Bruder zusammen?“

„Was?“

„Das ist eine ganz einfache Frage, Frau Anwältin. Sind Sie mit meinem Bruder Kit zusammen? Ist das der Grund für Ihren Besuch?“

„Nein. Wie kommen Sie darauf? Ich bin ihm bloß ein paarmal begegnet. Warum fragen Sie mich das?“

„Aus Neugier. Schließlich sind Sie hier mitten in der Nacht aufgetaucht und fragen mich, wo er steckt.“

„Ich brauche seine Hilfe. Es geht um Roman.“

„Roman? Was ist mit ihm?“

„Ich muss Kit finden.“

„Warum erzählen Sie mir nicht einfach, was los ist“, schlug er vor.

„Roman sagte, ich solle mich an Kit wenden.“

Nachdenklich runzelte Theo die Stirn. „Unter Seefahrern gibt es ein Sprichwort – im Sturm ist jeder Hafen recht. Sie sagten, es sei dringend, und da Kit nicht hier ist, können Sie ebenso gut mir erzählen, weshalb Sie mitten in der Nacht hierhergefahren sind.“

Er hatte recht. Sie musste jemandem erzählen, was passiert war, und sich überlegen, wie es weitergehen sollte. Da durfte sie sich von der Wirkung, die er auf sie hatte, nicht beeinflussen lassen.

Trotz Romans Rat, niemandem außer Kit zu trauen, erzählte sie Theo Angelis alles, was sie wusste.

Als Sadie fertig war, lehnte Theo sich zurück und betrachtete sie einen Moment. Für das, was sie an diesem Tag alles mitgemacht hatte, hielt sie sich wacker. Kein Wunder, dass sie fast in Ohnmacht gefallen war, als er sie erschreckt hatte. Interessiert hakte er wegen der Schüsse nach, die sie beim Betreten der Kirche gehört hatte.

„Die könnte also Roman abgegeben haben, bevor er in die Eingangshalle gestürmt kam und den Kerl die Treppe hinauf auf die Chorempore verfolgte.“

Sie faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, wobei die Knöchel weiß hervortraten. „Ja. Roman könnte diese Schüsse abgegeben haben.“

„Und die alte Dame, mit der Sie vor der Kirche gesprochen haben, meinte, die Polizisten hätten einen Toten erwähnt.“

„Ich weiß, was Sie sagen wollen – dass Roman den Mann getötet haben könnte und deshalb als Verdächtiger in einem Mordfall gilt. Aber der Mann, den er verfolgt hat, könnte ebenso gut der Mörder sein, denn auch er hatte eine Waffe. Außerdem fielen in der Kirche weitere Schüsse, nachdem Roman und der Mann herausgekommen waren.“

Theo hatte Respekt vor ihrer Selbstbeherrschung. Er wusste nicht, ob er so ruhig geblieben wäre, wenn sie ihn wegen der Möglichkeit verhört hätte, dass einer seiner Brüder jemanden umgebracht hatte. „Ihrer Schilderung nach zu urteilen, müssen mehrere Personen dort aufgetaucht sein, um die Hochzeit zu verhindern, notfalls mit Gewalt. Das trifft auch auf Roman zu, schließlich hatte er eine Waffe bei sich.“

Sadie beugte sich vor. „Roman trägt immer eine Waffe. Mein Vater besteht darauf, dass seine leitenden Angestellten bewaffnet sind, weil sein Vater schon darauf bestanden hat. Sogar Michael Dano, der die Rechtsabteilung leitet, trägt eine Waffe.“

„Und Sie? Sind Sie auch bewaffnet?“

„Nein. Aber ich gehöre auch nicht zur Führungsetage bei Oliver Enterprises.“

Etwas an ihrem Ton weckte seine Aufmerksamkeit. Lag darin Enttäuschung? Gekränktheit? Groll? Ehe er dem nachgehen konnte, fuhr sie rasch fort: „Soweit ich weiß, hat Roman seine Waffe nie benutzt.“

„Vielleicht bestand dazu bisher nie Anlass.“

Zorn flackerte in ihrem Blick auf, doch sie beherrschte sich weiterhin. Da war wieder die Leidenschaft, die ihn schon im Gerichtssaal fasziniert hatte.

„Sie haben recht. Die Polizei wird es genauso sehen. Er ist …“ Sie verstummte.

„Roman steckt in zweifacher Hinsicht in Schwierigkeiten“, fuhr Theo für sie fort. „Erstens hat er womöglich durch den Sturz ernste Verletzungen davongetragen, und zweitens könnte er zum Hauptverdächtigen für die Vorfälle in der Kirche werden. Deshalb wollen Sie mit Kit sprechen. Er soll in dem Fall ermitteln.“

„Er soll mir außerdem helfen, Juliana zu finden. Roman glaubte, dass sie in Gefahr ist.“

„Ihrem Bericht nach ist sie mit dem Mann zusammen, den sie liebt – Paulo Carlucci. Trauen Sie ihm nicht?“

„Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass die beiden davongekommen sind. Möglicherweise ist dieser dunkle Van ihnen gefolgt, und man hat sie gekidnappt. Wenn die Carluccis von den Hochzeitsplänen erfahren haben, werden sie genauso versucht haben, sie zu vereiteln …“

„ … wie Ihr Vater und Roman.“

Trotzig hob sie das Kinn. „Wenn ich rechtzeitig in der Kirche gewesen wäre, hätte auch ich versucht, Juliana diese Hochzeit auszureden.“

„Mit dem Unterschied, dass Sie unbewaffnet gewesen wären.“

„Ja.“ Sie sah ihm in die Augen. „Aber wie ich bereits sagte, Roman war nicht der Einzige, der bewaffnet zur Kirche kam. Auf der Fahrt hierher hatte ich Zeit zum Nachdenken. Die Nachricht, zur Kirche zu kommen, erhielt ich gegen vier. Sie war mit ‚Juliana‘ unterschrieben. Was, wenn Roman eine ähnliche Nachricht erhalten hat? Ich wusste nicht, dass es sich um eine Einladung zu einer Hochzeit handelt, ganz zu schweigen davon, dass Juliana vorhatte, Paulo Carlucci zu heiraten. Was, wenn Roman sich in der gleichen Situation befand wie ich? Damit will ich nicht sagen, dass er nicht versucht hätte, die Heirat zu verhindern, aber seine Waffe hätte er ganz sicher nur zur Selbstverteidigung eingesetzt.“

Theo kannte Roman Oliver nicht so gut wie Kit. Seit Roman und sein Bruder auf dem College Zimmergenossen gewesen waren, war Roman ein regelmäßiger Besucher bei ihnen zu Hause und im Restaurant ihres Vaters. Daher neigte Theo dazu, Sadie beizupflichten. Roman war genau wie seine Schwester temperamentvoll, aber er konnte sich beherrschen. „Nennen wir die Dinge ruhig beim Namen. Sie verdächtigen Ihren Vater, Leute geschickt zu haben, um die Hochzeit zu verhindern, nicht wahr?“

„Habe ich das gesagt?“

„Das brauchten Sie nicht. Sie haben mir erzählt, Sie seien dem Krankenwagen bis zum Krankenhaus gefolgt, dort aber Ihrem Vater aus dem Weg gegangen. Das sagt alles.“

Erst in diesem Moment leistete sie sich einen kleinen Ausbruch, indem sie mit der Hand auf den Tisch schlug. „Was sollte ich denn machen? Zu ihm gehen und ihn fragen, ob er bewaffnete Männer in die Kirche geschickt hat? Mal abgesehen davon, dass er mir ganz bestimmt nicht darauf geantwortet hätte. Mein Vater lässt sich nie in die Karten schauen. Manchmal weiß nicht einmal Roman, was er vorhat …“ Statt den Satz zu beenden, griff Sadie nach ihrem Weinglas und trank einen Schluck.

„Was ist?“

„Es ist lange her. Ich habe seit Jahren nicht mehr daran gedacht, vielleicht weil die Umstände sich so ähneln.“

Theo horchte auf. „Hat Ihr Vater verhindert, dass Sie irgendwen heiraten?“

„Nein.“ Nervös fuhr sie mit dem Finger über den Rand des Weinglases. „Ich war damals ein Jahr jünger als Juliana heute. Ich bettelte, um vom Internat nach Hause kommen und mein letztes Jahr in San Francisco beenden zu dürfen. Dort machte ich im Theaterkurs mit und spielte die Rosalind in ‚Wie es euch gefällt‘. Die männliche Hauptrolle spielte Jackson Rayburn, und wir fingen an, miteinander zu gehen. Ich verliebte mich in ihn, wie man sich eben verliebt, wenn man jung ist und einfach alles für möglich hält.“

„Wurden Sie ein Liebespaar?“

„Nein, aber wir hätten eines werden können. Wir hatten bereits Pläne für die Zukunft geschmiedet. Ich wollte mich am gleichen College bewerben wie er, damit wir zusammen sein konnten. Dann beging ich den Fehler, ihn mit nach Hause zu bringen und meiner Familie vorzustellen. Daraufhin handelte mein Vater sofort.“

Theo schenkte Wein nach. „Was tat er?“

„Jedenfalls wendete er keine Gewalt an. Er tat nichts Illegales. Er ging einfach zu Jacksons Vater und machte ihm ein geschäftliches Angebot, das Mr. Rayburn nicht ablehnen konnte. Es passierte alles innerhalb weniger Tage. Jackson und ich wollten uns am darauffolgenden Wochenende treffen. Als er nicht auftauchte, ging ich zu ihm und erfuhr von den Nachbarn, dass die Familie weggezogen sei. Einfach so.“ Sie schnippte mit den Fingern. „Zack! Ich war stinksauer und stellte meinen Vater zur Rede. Er weigerte sich, mir zu verraten, wohin sie gezogen waren, und ich schrie und tobte vor Wut.“

Ein bisschen wünschte Theo, er hätte dabei sein können, um die wahre Sadie zu erleben, wenn sie ihre kühle Fassade aufgab. Andererseits wollte er sie wegen dieser schmerzlichen Erinnerung trösten.

„Mit Wutausbrüchen kommt man bei meinem Vater nicht weiter. Kalte Logik beeindruckt ihn. Ich sah Jackson nie wieder. Er rief auch nie an, schickte keine E-Mail, keinen Brief. Nichts. Mein Vater ist sehr gründlich.“ Sie nahm ihr Weinglas und trank vorsichtig einen Schluck.

„Ihr Vater hat ihn gekauft.“

„Ja. Er benahm sich wie bei jedem seiner Geschäfte. Wenn er ein mögliches Problem beseitigen will, tut er es mit der Effizienz und dem Geschick eines Chirurgen. Und Jackson ließ sich kaufen. Da beschloss ich, auf ein College an der Ostküste zu gehen, um möglichst weit weg zu sein, damit mein Vater sich nie wieder in mein Privatleben einmischen konnte.“

Einen Moment lang schwiegen sie beide. „Wenn Ihr Vater tatsächlich Wind von der geplanten Heirat bekommen hat – trägt dann das, was in der Kirche passiert ist, seine Handschrift?“

„Sie halten es für ein ziemliches Chaos.“

„Nicht nur das. Aber Ihren und Romans Schilderungen nach zu urteilen, entspricht es einfach nicht Mario Olivers Stil, bewaffnete Männer loszuschicken, um die Hochzeit seiner Tochter zu verhindern. Allerdings muss ich einräumen, dass ich ihn nicht so gut kenne wie Sie.“

Sie schien darüber nachzudenken. „Ich glaube, Sie haben recht. Und wenn er jemanden geschickt hätte, wäre die Sache nicht schiefgegangen. Er hätte gar nicht erst bewaffnete Leute geschickt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er wäre persönlich erschienen und hätte die Hochzeit gestoppt. Das ist doch einleuchtend, aber anscheinend kann ich nicht klar denken …“

Theo legte seine Hände auf ihre. „Es ist immer schwierig, objektiv zu bleiben, wenn es um die Menschen geht, die wir lieben.“

Sie schwiegen erneut, und er wusste, dass er einen großen Fehler begangen hatte. Er hätte sie nicht berühren dürfen, denn sofort spürte er wieder diese intensive Verbindung, ganz anders als alles, was er bisher erlebt hatte. Und diesmal ging sie noch tiefer. Wie lange würde er dieser Anziehung noch widerstehen können? Oder dieser Frau?

Finger weg, ermahnte er sich und nahm langsam seine Hände von ihren.

Sadie war benommen. Wenn dieser Mann sie berührte, konnte sie nicht mehr klar denken. Nur noch fühlen. Und etwas in ihr sehnte sich nach mehr.

„Was glauben Sie, wie Angelo Carlucci reagiert hätte, wenn er erfahren hätte, dass sein einziger Sohn vorhat, die Tochter seines Erzfeindes zu heiraten?“

Sadie stutzte. Theos Lippen hatten sich bewegt.„Wie bitte?“

„Ich habe Sie nach Angelo Carlucci gefragt und wie er Ihrer Meinung nach wohl auf die Nachricht reagiert hätte, dass sein einziger Sohn die Tochter seines Erzfeindes heiratet.“

„Ich habe den Mann nie persönlich kennengelernt, doch nach allem, was ich gehört habe …“ Sie stand auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. Wenn sie Abstand zu diesem Mann hielt, würde ihr Verstand vielleicht wieder normal arbeiten. „Angelo Carlucci hätte wahrscheinlich emotionaler gehandelt als mein Vater, der viel rationaler und pragmatischer vorgeht.“

Er stand ebenfalls auf und ging zum Küchentresen, wo sein Handy lag. „Ich werde versuchen, Kit auf seinem Handy zu erreichen. Er braucht unsere Informationen, damit er mit seinen Nachforschungen beginnen kann. Außerdem ist da eine Sache, über die wir noch nicht gesprochen haben.“ Fragend runzelte sie die Stirn, und er erklärte: „Da Sie Ihre Handtasche in der Kirche gelassen haben, weiß die Polizei, dass Sie dort waren. Daher wird man annehmen, Sie seien irgendwie in die Sache verwickelt.“

„Kit? Wo steckst du?“, fragte Theo.

Sadie saß regungslos am Tisch, weil sich in ihrem Kopf schon wieder alles drehte. Die Art, wie er sie gerade angesehen hatte, hatte sie alles um sie herum vergessen lassen.

„Wie geht es Roman?“

Offenbar sprach er tatsächlich mit seinem Bruder und nicht mit dem Anrufbeantworter.

„Man wird also morgen erst mehr wissen, aber bis jetzt ist sein Zustand stabil.“

Woher wusste Kit von Roman? Hatte ihr Vater ihn angerufen?

Theo begegnete ihrem Blick. „Hast du mit Roman gesprochen?“ Er schüttelte den Kopf, um ihr zu signalisieren, dass die Antwort „Nein“ lautete, und Sadie begriff, dass er Kit offenbar nichts von ihrer Anwesenheit in der Hütte gesagt hatte.

Bob winselte. Er wartete im Türrahmen zur Veranda, deshalb stand Sadie auf und ließ ihn hinaus. Sie schaute ihm nach, wie er über den Rasen davonlief. Zwischen den Bäumen sah sie ein Licht angehen und eine tiefe Stimme rufen: „Bob, Zeit, nach Hause zu kommen.“

Bob lief schneller, und Sadie wartete, bis das Licht wieder ausging. Sie kehrte in die Küche zurück, wo Theo gerade das Handy wieder auf die Arbeitsfläche legte.

Er deutete auf einen Stuhl, und nachdem sie sich beide gesetzt hatten, sagte er: „Sie werden zuerst wissen wollen, wie es Roman geht. Er hat einen Schädelbruch. Die Ärzte machen sich jedoch mehr Sorgen wegen einer Schwellung am Rückgrat. Man hält ihn im künstlichen Koma, damit er sich nicht bewegt. Besuche sind noch nicht erlaubt. Wenn die Schwellung bis morgen nicht zurückgegangen ist, werden sie ihn operieren.“

Sadie musste sich räuspern, bevor sie ihre Frage stellen konnte. „Wird er …“

„Gelähmt sein? Kit sagt, die Ärzte wissen es nicht. Wir sollten versuchen, das Ganze positiv zu sehen: Er hat sich beim Sturz nicht das Genick gebrochen und bekommt die beste medizinische Versorgung.“

„Ja, natürlich.“

„Vom Standpunkt eines Anwalts ist es nur von Vorteil, dass man ihn eine Zeitlang in einem künstlichen Koma hält, weil die Polizei ihn dann nicht vernehmen kann. Je mehr wir vor dieser Vernehmung in Erfahrung bringen können, umso besser.“

Sie atmete tief durch. Theo hatte recht. Roman war in guten Händen. „Was hat Kit Ihnen noch erzählt?“

Sadie schien auf das Schlimmste gefasst zu sein, und Theo hätte am liebsten ihre Hand genommen. Aber diesmal verzichtete er darauf. „Was die ältere Dame Ihnen berichtet hat, stimmt. Ein Mann wurde in der Sakristei erschossen. Kit sagt, Roman sei der Hauptverdächtige.“

Sie nickte. „Was ist mit diesem Pater Mike? Ich habe gesehen, wie man ihn in einen Krankenwagen lud.“

„Er wurde angeschossen und befindet sich jetzt im St. Jude’s Hospital. Er wird durchkommen. Die Frau vom Partyservice kann den Schützen identifizieren, der auf ihn geschossen hat. Es war nicht Roman.“

„Es könnte der Mann gewesen sein, den Roman die Treppe hinauf zur Chorempore verfolgt hat.“

„Möglich. Es könnte aber auch jemand anderes gewesen sein, schließlich sind noch mehr Schüsse gefallen, als Roman und der Mann, den Sie gesehen haben, miteinander gekämpft haben. Wie dem auch sei, es ist, wie ich befürchtet habe – die Polizei hält Roman für denjenigen, der hinter dem ganzen Vorfall steckt. Sie nehmen an, dass er die Hochzeit verhindern wollte und dazu Helfer mitgebracht hat.“

Er sah Zorn in Sadies Augen aufflackern. „Schöne Helfer, die ihn von der Chorempore gestoßen haben.“

„Laut Kit vermutet die Polizei, dass er mit Paulo gekämpft hat und dass der ihn entweder gestoßen hat oder Roman selbst gestürzt ist.“

„Das ist nicht wahr.“

„Halten wir uns an die Fakten, Sadie. Haben Sie gesehen, mit wem Roman dort oben gekämpft hat?“

„Nein, aber …“

„Dann könnte es Paulo gewesen sein?“

„Ja“, räumte sie ein. „Wahrscheinlich wird die Polizei davon ausgehen, dass ich mit Roman unter einer Decke stecke.“

„Damit rechnet Kit auch.“

„Falls Kit Ihnen auch irgendwelche guten Nachrichten mitgeteilt hat, wäre dies der richtige Zeitpunkt, sie mir zu erzählen“, meinte sie trocken.

„Zuerst habe ich eine Frage. Die Frau vom Partyservice sah eine Frau zusammen mit Juliana im Taxi ankommen. Diese Frau war blond, zierlich und gut gekleidet. Fällt Ihnen dazu etwas ein?“

„Das muss dieselbe Frau gewesen sein, die Paulo und Juliana in ein Taxi gesetzt haben.“

„Aber Sie kannten sie nicht?“

„Nein, was traurig ist, denn wenn sie zur Hochzeit kam, muss sie eine gute Freundin von Juliana gewesen sein. Wenn meine Schwester und ich uns nähergestanden hätten …“

„Sadie …“

„Schon gut. Ich weiß, ich muss meine Gefühle unter Kontrolle haben, wenn ich Roman und Juliana helfen will. Und das werde ich.“

Daran zweifelte er keine Sekunde, und endlich tat er das, was er schon die ganze Zeit hatte tun wollen, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatten. Er nahm ihre Hand und hob sie an seine Lippen. „Sie halten sich sehr gut. Und, ja, es gibt auch gute Neuigkeiten. Kit versucht bereits herauszufinden, was passiert ist. Er hat mit Ihrem Vater gesprochen und ihn über die Dinge informiert, die die Polizei ihm noch vorenthält. Und mein Bruder Nik leitet die Ermittlungen. Damit ist also ein Polizist für den Fall verantwortlich, der Ihren Bruder nicht unbedingt zum Täter machen will.“

Seine Worte beruhigten sie offenbar ein wenig. Theo wollte die ganze Anspannung von ihr nehmen und hatte ihre Finger geküsst, um Sadie zu trösten. Doch ihr Blick hatte sich verdunkelt. Er wollte mehr und hatte die Nase voll davon, zurückhaltend und vorsichtig zu sein, deshalb legte er ihr die Hand in den Nacken und zog sie sanft zu sich heran, bis seine Lippen ihre ...

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