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Tiffany Hot & Sexy, Band 9

Farbe der Leidenschaft

STEPHANIE BOND

Heiße Blicke auf meiner Haut

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Stephanie Bond

Heiße Blicke auf meiner Haut

1. KAPITEL

Gemma White liebte es, morgens Liebe zu machen, wenn die Laken noch warm waren vom Schlaf, wenn man entspannt war und der Tag noch voller Möglichkeiten. Aber Sex am Morgen war für wenige Glückliche reserviert – frisch Verliebte, die sich nicht mitten in der Nacht davonstahlen, glückliche Paare, die es noch genossen, miteinander aufzuwachen, und Verheiratete, die aus Erfahrung die Zeit nutzten, in der ihre Körper bereit waren für die Leidenschaft.

Gemma drehte sich lächelnd auf die Seite und streckte die Hand zärtlich nach Jasons Hälfte des Bettes aus. Doch als ihre Finger ins Leere griffen, wurde sie abrupt in die Wirklichkeit zurückgestoßen.

Jason war fort.

Sofort machte das Verlangen der Trauer Platz. Der Schmerz über die erlittene Demütigung und der Schock hatten auch nach Wochen noch nicht nachgelassen, sondern sich im Gegenteil in ihrem Herzen hartnäckig festgesetzt.

Würde sich ein Morgen jemals wieder richtig anfühlen?

Das Klingeln des Telefons zerriss die Stille, und Gemma verfluchte den Anrufer, der sie in ihrem Kummer störte. Nach dem vierten schrillen Klingeln hörte es auf … um gleich darauf wieder anzufangen. Resigniert schwang sie die Beine aus dem Bett und griff nach dem Hörer.

„Hallo?“, meldete sie sich mit verschlafener Stimme.

„Bist du schon auf?“, fragte ihre beste Freundin Sue.

„Ja.“

„So richtig aus dem Bett aufgestanden?“

Gemma stand automatisch auf. „Jawohl.“

„Und was steht heute auf dem Programm?“

„Hm …“ Sie machte das Licht an und betrachtete das Durcheinander in ihrem Zimmer. Überall lag schmutzige Wäsche herum, und der Fußboden war voller zusammengeknüllter Papiertaschentücher. „Aufräumen, glaube ich.“

„Gut. Es soll ja schließlich alles hübsch aussehen – nur für den Fall, dass du Besuch bekommst.“

„Kommst du nach Tampa?“, fragte Gemma erschrocken. Für ihren Geschmack war es dafür noch viel zu früh. Ihre Freundin würde von Tallahassee heruntergerauscht kommen und ihr einen aufmunternden Vortrag nach dem anderen halten. Aber Gemma war noch viel zu verletzt, um bei Kaffee und Shopping ihre gescheiterte Ehe zu erörtern. Sie brauchte Zeit, um sich neu zu orientieren.

„Ich kann momentan nicht von der Arbeit weg“, erklärte Sue. „Ich meinte eher für den Fall, dass Jason auftaucht.“

Gemma umklammerte den Hörer fester. „Hast du ihn gesehen? Kommt er her?“

„Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Aber wenn er vorbeikommt, müsst ihr, du und dein Haus, euch von eurer besten Seite zeigen. Wissen denn deine Eltern inzwischen Bescheid?“

„Die Scheidung ist ja noch gar nicht rechtskräftig.“

„Gemma, du schindest Zeit.“

„Es wird ihnen das Herz brechen – Jason ist für sie wie ein Sohn.“

„In Anbetracht seiner Position wird es bald in allen Zeitungen stehen. Ist es dir lieber, wenn sie es auf diese Weise erfahren?“

„Nein.“ Aber ebensowenig wollte sie, dass ihre Mutter ihr mit ihrer Fürsorge auf die Nerven fiel. „Ich werde es ihnen sagen. Bald.“

„Hast du einen Job gefunden?“

Ein weiteres Dilemma. Nicht zu arbeiten war nicht ungewöhnlich für die Frau eines Generalstaatsanwalts, aber für eine Geschiedene ohne Unterhaltsanspruch sah die Sache anders aus. „Noch nicht“, gestand sie.

Ein Geräusch veranlasste sie, zum großen Fenster zu schauen, das auf den Garten hinausging. Sie schob die hauchdünne weiße Gardine zur Seite und blickte auf den ungemähten Rasen des Nachbarhauses hinunter. Ein großer Mann mit glänzendem dunklen Haar schlug mit einem Holzhammer ein verblasstes Zu-Verkaufen-Schild aus dem Boden heraus, das in den ganzen zwei Jahren dort gestanden hatte, die Gemma und Jason hier wohnten.

„Hast du dich wenigstens um einen Job bemüht?“, wollte Sue wissen.

„Das werde ich … heute.“

„Na schön.“ Sue klang nicht überzeugt. „Gemma, du musst dich zusammenreißen.“

„Ich weiß, und das werde ich auch. Ich brauche nur Zeit, um mich an die neue Situation zu gewöhnen.“ Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht. Aus dem Werkzeuggürtel schloss sie, dass es sich bei dem Fremden um einen Handwerker handelte, zweifellos von den neuen Besitzern engagiert, um das Haus zu renovieren. Gemma freute sich für das im spanischen Stil erbaute Haus, dessen exotische Fassade sie stets bewundert hatte. Doch als der Mann zu ihrem Fenster im ersten Stock hinaufsah, ließ sie die Gardine los und wich verlegen zurück.

Wahrscheinlich hatte er geglaubt, ihr Haus sei leer. Wie viele Zeitungen stapelten sich inzwischen auf der vorderen Veranda? Waren die leuchtenden Paradiesvogelblumen schon von Unkraut überwuchert? Sich um die exotischen Pflanzen zu kümmern, die in der schwülen Luft Floridas üppig gediehen, hatte immer zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehört. Doch seit dem letzten Gerichtstermin in der vergangenen Woche hatte sie keinen Grund mehr gehabt, vor die Tür zu treten.

„Ich bin sicher, dass jede der gemeinnützigen Organisationen, für die du Spenden gesammelt hast, dich einstellen würde.“

„Wahrscheinlich. Aber ich will aus der Beziehung mit Jason keine Vorteile ziehen.“

„Es ist völlig in Ordnung, seinen Namen zu benutzen, um einen Job zu bekommen. Sobald du Arbeit hast, wirst du dich schon bewähren.“

Gemma sah ein, dass der Rat ihrer Freundin vernünftig war, doch sperrte sich alles in ihr bei der Vorstellung, Jasons Verbindungen zu nutzen. „Ich will Jason nicht dankbar sein müssen oder mit Leuten zu tun haben, die von mir erwarten, dass ich ihn um einen Gefallen bitte.“

„Ich habe einige Geschäftskontakte in Tampa und könnte ein bisschen herumtelefonieren“, bot Sue an.

Klar, Sues Geschäftsfreunde waren bestimmt ganz scharf darauf, eine Zweiunddreißigjährige mit einem Abschluss in Kunstgeschichte und ohne jede Berufserfahrung einzustellen. Gemma würde sich und ihrer Freundin diese Demütigung ersparen. „Danke, ich werde schon selbst etwas finden.“

„Tja, dann bis später“, sagte Sue misstrauisch.

Gemma legte seufzend auf. Sie hatte kein Recht, sauer auf ihre Freundin zu sein, da Sue ihr nur helfen wollte in einer Situation, die sie beide aufwühlte. Denn auch Sue fühlte sich von Jason betrogen, da sie Gemma und Jason damals auf dem College in Jacksonville miteinander bekannt gemacht hatte. Und immer stolz damit geprahlt hatte, als ihre beiden Freunde sich ineinander verliebten, nach dem Studium heirateten und zu einem politisch einflussreichen Paar wurden.

Ich habe sie miteinander bekannt gemacht, verkündete sie den Zuschauern, als bei der feudalen Hochzeit die Blitzlichter zuckten, und im Lauf der Jahre bei jeder politischen Ernennung und Wahl – bis zu Jasons Vereidigung als Generalstaatsanwalt. Als Gemma sie anrief, um ihr von der Scheidung zu berichten, wollte Sue ihr zuerst nicht glauben. Sie konnte ebenso wenig wie Gemma nachvollziehen, dass Jason nach zehn Jahren ohne jede Vorwarnung und ohne jedes Bedauern die Ehe für beendet erklärt hatte, als handele es sich dabei nur um eine der vielen nüchternen Entscheidungen, die er tagtäglich treffen musste.

Wenn es fünfzig Wege gab, seinen Partner zu verlassen, hatte er einen besonders grausamen gewählt. Er bat Gemma, seinen Koffer für eine Last-Minute-Reise zu packen und ins Büro zu bringen. Nachdem sie seine Lieblingskrawatten und –schuhe eingepackt hatte, verkündete er: „Es funktioniert nicht mehr zwischen uns. Ich will die Scheidung.“

Sie wusste noch genau, wie sie in diesem Augenblick gelacht hatte. Jason hatte schon immer einen schrulligen Sinn für Humor gehabt. Doch er hatte sie nur mit einem Ausdruck in den blauen Augen angesehen, den sie im Nachhinein als Mitleid identifiziert hatte. „Ich ziehe allein nach Tallahassee, Gemma. Es ist vorbei.“

Es ist vorbei. Als würde er von einer TV-Sendung oder einem Song sprechen.

Ein Hämmern nebenan riss Gemma aus ihren Gedanken. Sie wischte sich den Schweiß vom Nacken und merkte erst jetzt, wie drückend es im Zimmer war. Ein Blick aufs Display ihrer Klimaanlage offenbarte, dass sie einen Reparaturdienst brauchte.

Sie ging von Zimmer zu Zimmer im ersten Stock, um sämtliche Fenster zu öffnen und die Hitze zu vertreiben, die sich im Haus angestaut hatte. Jasons ehemaliges Arbeitszimmer wirkte beinah entweiht – ohne Möbel und mit Spinnweben an ungewohnten Stellen. Aus den Wänden lugten nackte Kabel, die einst die Energie für sein viel beschäftigtes Dasein gespendet hatten.

Genauso fühlte sie sich: abgetrennt und überflüssig.

Als sie in ihrem Schlafzimmer das Fenster seitlich aufschieben wollte, sah sie erneut zum Nachbarhaus hinüber und erschrak, da plötzlich die Fensterläden des Sprossenfensters drüben aufgestoßen wurden und der dunkelhaarige Fremde auftauchte. Vage wurde ihr bewusst, dass sie nur ein dünnes Trägertop trug und keinen BH. Trotzdem vermochte sie nicht, sich von der Stelle zu rühren, als sein Blick sie traf. Er legte den Kopf schräg und nickte höflich.

Gemma brachte ein unsicheres Lächeln zustande, aber da war er schon verschwunden.

Benommen schaute sie zum Himmel. Der warme, sonnige Frühlingstag stand in krassem Gegensatz zu ihrer düsteren Stimmung.

Eigentlich hätte sie jetzt in Tallahassee wohnen sollen, in einem neuen Haus nahe Jasons Büro, mit Leutem wie dem Gouverneur auf Augenhöhe verkehren und ihrem Mann eine Gefährtin sein sollen, wie sie es gelernt hatte. Eine Frau, die gut aussah, sich artikulieren konnte … und die ansonsten ignoriert wurde.

Barfuß lief sie nach unten, um sich etwas Kaltes zu trinken zu holen. In der dunklen Küche brummte der Kühlschrank, der gegen die Wärme ankämpfte. Der durchdringende Geruch überreifen Obstes hing in der Luft. Gemma nahm sich eine Birne aus dem Drahtkorb und suchte im Kühlschrank, in dem noch Jasons Red-Bull-Dosen standen, nach Eistee.

Während sie trank und auf die Wirkung des Koffeins wartete, ging sie in Gedanken die Dinge durch, um die sie sich noch kümmern musste. In einem Punkt hatte Sue recht – Gemma brauchte einen Job. Zwar befand sie sich im Gegensatz zu vielen geschiedenen Frauen in der glücklichen Position, dass Jason anstelle von Unterhalt das Haus und ihren Wagen bezahlt und ihr ein kleines Sparkonto überlassen hatte. Aber das Geld wollte sie nicht anrühren, und das Haus und das Auto produzierten laufende Kosten.

Außerdem würde ein Job helfen, wieder zu sich selbst zu finden. In den Stellenanzeigen konnte ihre ganze Zukunft liegen.

Sie zog Shorts und ein T-Shirt an und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zurück. Dann trat sie barfuß auf die Veranda, deren hellgraue Holzplanken sandig waren, sammelte die Zeitungen ein und warf sie ins Haus. Der vernachlässigte Garten würde noch warten müssen.

Wie schnell doch alles außer Kontrolle geraten konnte.

Sie ging zum Briefkasten und musterte dabei das Nachbarhaus. Das zweistöckige Gebäude mit der blassgelben Stuckfassade, rotem Ziegeldach und den schmiedeeisernen Verzierungen war einer der letzten Altbauten in dieser Gegend, der noch auf seine Rettung wartete. Sie meinte gehört zu haben, dass es Nachlassstreitigkeiten gegeben hatte. Richtig renoviert würde es wunderbar aussehen, viel interessanter als das solide Standardhaus, in dem sie und Jason gewohnt hatten.

Der dunkelhaarige Handwerker war nirgends zu entdecken, doch seine Anwesenheit hatte Spuren hinterlassen. Das Zu-Verkaufen-Schild war verschwunden, und zwei Leitern lehnten an der Vorderseite. An der Haustür standen ein Hochdruckreiniger und weitere Geräte. Endlich bekam das Haus die Aufmerksamkeit, die es verdiente.

Der Briefkasten mit der Aufschrift „Jason und Gemma White, 131 Petal Lagoon“ – ein weiteres Überbleibsel ihrer Ehe, das zu korrigieren war – war vollgestopft mit Hightech-Katalogen und Zeitschriften, die Jason gern las. Aus irgendeinem Grund funktionierte der Nachsendeauftrag nicht bei allen Postsendungen. Sie nahm den Stapel Post, den sie auf dem Rückweg zum Haus durchsah. Bei einem großen braunen Umschlag, dessen Absender die Bezirksverwaltung war, stutzte sie. Sie ging ins Haus, warf die Tür hinter sich zu und die restliche Post auf den Küchentisch, bevor sie mit einem mulmigen Gefühl den Umschlag aufriss.

Es handelte sich um das rechtskräftige Scheidungsurteil. Gemma schluckte und überflog die vier Absätze, die ihre Ehe offiziell für beendet erklärten.

„… ist hiermit richterlich verfügt, dass die Ehe, die beide Parteien eingegangen sind, mit sofortiger Wirkung geschieden ist …“

Als hätte es diese zehn Jahre Ehe nie gegeben.

Tränen stiegen ihr in die Augen, die Worte auf dem Papier verschwammen. Was nun? Laut TV-Therapeuten und Talkshows war das Ende einer Beziehung ein Neuanfang – die Chance einer Frau, ihr wahres Ich zu entdecken.

Aber was, wenn ihr wahres Ich seine Bestimmung darin gefunden hatte, Jason Whites Ehefrau zu sein?

Diese Möglichkeit wollte sie lieber nicht in Betracht ziehen. Das Leben einer Frau war mehr als das Leben an der Seite ihres Mannes. Und trotzdem konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wer sie vor ihrer Ehe gewesen war. Bevor sie sich an Jason gehängt hatte, schien ihr Leben kein Ziel gehabt zu haben.

Er war ihr erster und einziger Liebhaber gewesen. Er war alles, was sie kannte.

Das Läuten der Türklingel erschreckte sie. Wer konnte das sein? Dann fielen ihr Sues Ratschläge ein, und bei der Vorstellung, es könnte Jason sein, schlug ihr Herz schneller. Hatte ihre Freundin nur versucht, sie vorzuwarnen? Vielleicht hatte er inzwischen auch die Scheidungsunterlagen erhalten und es sich noch einmal überlegt …

Sie wischte sich die Wangen trocken, lief durch den Flur und öffnete strahlend die Tür.

Beim Anblick des Mannes draußen erstarb ihr Lächeln.

Die Schultern des dunkelhaarigen Handwerkers waren fast so breit wie der Türrahmen. Seine markanten Gesichtszüge und die langen, muskulösen Arme waren mit einer feinen grauen Staubschicht bedeckt. Eins seiner Ohrläppchen schmückte ein kleiner goldener Ring, und unter dem rechten T-Shirt-Ärmel lugte ein schwarzes Tattoo hervor. Gemma schätzte ihn auf Ende dreißig. Aus der Nähe wirkte er noch muskulöser und größer. Sie tadelte sich dafür, nicht zuerst durch den Spion gesehen zu haben, bevor sie die Tür aufmachte, und wich einen halben Schritt zurück. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie schutzlos sie ganz allein hier war.

Sie musste dringend wieder wie eine alleinstehende Frau denken.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie, um einen selbstbewussten Ton bemüht.

„Verzeihen Sie die Störung, Miss Jacobs“, sagte er mit einer warmen, tiefen Stimme.

„Woher wissen Sie meinen Namen?“ Noch dazu ihren Mädchennamen … ihren alten und neuen Namen, wie die Scheidungspapiere bestätigten.

„Das war in Ihrer Post“, erwiderte er und hielt ihr einen weißen Umschlag hin. „Der flog in meinem Garten herum.“

Sie nahm den Umschlag. „Oh, den muss ich verloren haben. Danke.“

„Keine Ursache.“

Er nickte und machte Anstalten zu gehen, doch nachdem sie so kurz angebunden gewesen war, fühlte sie sich gezwungen, noch etwas zu sagen. „Ihr Garten?“

„Ja, ich werde ungefähr einen Monat lang in dem Haus wohnen, bis es für den Weiterverkauf fertig ist.“

Er wollte also einen schnellen Profit erzielen und dann weiterziehen. „Es ist ein sehr schönes Haus“, sagte sie.

„Ich hatte schon länger ein Auge darauf geworfen, aber es dauerte, bis das Geschäft zustande kam.“

Apropos Augen, seine waren besonders hübsch und hatten die Farbe von unvermischtem Umbra. Gemma hatte seit Jahren nicht mehr an Farben und ans Malen gedacht. „Ich habe die Architektur des Hauses stets bewundert und freue mich, dass jemand es renoviert.“

„Chev Martinez.“ Er hielt ihr seine gebräunte Hand hin.

Nach kurzem Zögern legte sie ihre Hand in seine. „Gemma Jacobs.“ Ihr alter und neuer Name kam ihr erstaunlich leicht über die Lippen. Dafür war die Berührung umso beunruhigender. Die Hand dieses Mannes war groß und schwielig, sein Griff jedoch sanft. Es war die Hand eines Mannes, der daran gewöhnt war, mit seiner Berührung eine Reaktion auszulösen. Ein sinnliches Kribbeln lief ihren Arm hinauf, während sie erschrocken feststellte, dass er sie mit unverhohlenem männlichen Interesse betrachtete. Sie zog unwillkürlich die Hand zurück, als ihr einfiel, dass sie weder Make-up noch einen Ehering trug. Sie vermochte nicht zu sagen, wodurch sie sich nackter fühlte.

„Wohnen Sie allein hier?“

Sie wusste genau, worauf seine Frage abzielte … er wollte wissen, ob sie Single war, noch zu haben. Die Scheidungspapiere besagten, dass sie tatsächlich Single war. Aber war sie auch zu haben?

Um sie herum waren Frühlingsgeräusche zu hören – das Summen der Honigbienen, die von ihren vernachlässigten Ingwerpflanzen angezogen wurden, die Schreie der Vögel in den Palmen. „Ja, ich wohne allein hier.“

„Falls Sie der Baulärm stört, sagen Sie mir bitte Bescheid.“

„Das werde ich.“

„Tja, dann mache ich mich mal wieder an die Arbeit“, sagte er und wandte sich schon ab.

„Sie …Sie sind also in der Immobilienbranche tätig?“

Sein Lächeln überraschte sie, und seine Zähne wirkten wegen seiner gebräunten Haut besonders weiß. „Nein, ich bin Zimmermann, aber manchmal renoviere ich Häuser. Und Sie?“

Ich bin die perfekte Ehefrau, dachte sie. Laut sagte sie: „Arbeitslose Kunsthistorikerin. Deshalb habe ich mich auch in Ihr Haus verliebt.“

„Vielleicht darf ich es Ihnen mal zeigen?“ Er ging rückwärts die Verandastufen hinunter, wobei er Gemma weiter ansah – und zwar Zentimeter für Zentimeter, von Kopf bis Fuß.

„Ja, vielleicht“, erwiderte sie. Jetzt, wo er außer Reichweite war, erlangte sie ihre Fassung wieder. Dieser Mann hatte etwas gefährlich Anziehendes. Innerhalb weniger Minuten hatte er seine Fähigkeit demonstriert, ihr die Wahrheit zu entlocken.

Er hob noch die Hand, ehe er mit langen Schritten davonging. Im Schutz ihrer Veranda schaute Gemma ihm hinterher, fasziniert von seinen athletischen Bewegungen, den breiten Schultern und der schmalen Taille, die in einer staubigen Jeans steckte, an der eine Gesäßtasche fehlte. Er blieb bei einem silbernen Pick-up in der Auffahrt stehen und wuchtete eine Tischsäge von der Ladefläche, was Gemma die Gelegenheit gab, das Spiel seiner Muskeln unter dem verschwitzten T-Shirt zu bewundern. Er trug das sperrige Werkzeug zur Tür des Hauses, als wäre es ein Luftballon, und verschwand.

Gemma fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und wurde sich eines eigenartigen Gefühls bewusst – Erregung?

Sie gab einen verächtlichen Laut von sich. Das konnte ja wohl kaum sein.

Zurück im Haus schob sie für alle Fälle den Riegel vor. Ihre Reaktion war bloße Neugier gewesen und Freude darüber, dass sich offenbar endlich jemand um das Nachbarhaus kümmerte. Auch wenn dieser Mann eine faszinierende Bereicherung der Nachbarschaft war.

Nicht, dass sie viele ihrer Nachbarn kannte. In den zwei Jahren hier hatten sich ihre und Jasons sozialen Kontakte auf seine Anwaltskreise beschränkt. Gemma hatte ein paar Bekanntschaften bei der Gartenarbeit gemacht, die jedoch über Smalltalk und vage Verabredungen zu Grillpartys nicht hinausgegangen waren. Sie hatte immer gewusst, dass sie ohnehin wieder wegziehen würden, sobald Jason sein Ziel erreicht haben würde, Generalstaatsanwalt von Florida zu werden.

Nun sah es so aus, als würde sie auf unabsehbare Zeit allein in der Petal Lagoon 131 wohnen.

Seufzend musterte sie den Umschlag, den ihr Nachbar gebracht hatte. Der Absender war ein Postfach in Jacksonville. Vermutlich war es ein Rundschreiben ihres Colleges. Aber die jährliche Spende würde warten müssen, bis sie einen Job gefunden und ihre Rechnungen bezahlt hatte. Mit diesem Ziel im Hinterkopf schnappte sie sich die zusammengerollten Zeitungen.

Zwar fühlte sie sich mit der Jobsuche einstweilen überfordert, doch gleichzeitig war die Aussicht auf einen eigenen Beruf verlockend. Wie lange war es her, dass sie an eigene Ambitionen auch nur gedacht hatte?

Das war vor ihrer Zeit mit Jason gewesen, auf dem College.

Gemma suchte nach den Stellenanzeigen. „Kunst, Kunst, Kunst“, murmelte sie, während sie mit dem Zeigefinger die Spalten entlangfuhr. Eine Kuratorenstelle wäre nicht schlecht oder etwas im Bereich Restaurierung. Vielleicht konnte sie Unterricht geben. Ihr Finger stoppte bei einer Anzeige, in der eine Chefsekretärin für den Direktor eines örtlichen Museums gesucht wurde. Sie lächelte. Das wäre vielleicht nicht allzu schwer. Die Jobbeschreibung klang interessant. Aber dann las sie die Anforderungen, und ihre Euphorie verflog. Ein erfolgreich abgeschlossenes wissenschaftliches Studium, zwei bis vier Jahre Berufserfahrung und Computerkenntnisse, mit denen sie nicht aufwarten konnte.

Aber ein Anruf konnte ja nicht schaden. Man informierte sie, dass die Stelle bereits vergeben sei.

Nach weiteren Anzeigen der Rubrik „Kunst“ stellte sie fest, dass sie jämmerlich unterqualifiziert war. Gemma kämpfte gegen die aufsteigende Angst an, die ihr in letzter Zeit viel zu vertraut geworden war – die Angst davor, dass es nach der Ausfahrt, für die sie sich im Leben entschieden hatte, keine Auffahrt mehr zurück auf die Autobahn gab.

Mit einem Wort: sie kam sich dumm vor. Außerdem war sie wütend auf sich selbst. Sie war zweiunddreißig Jahre alt und verfügte nicht einmal über die nötigen Kenntnisse, um ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.

In der Hoffnung, dass eine Kanne Kaffee ihre Stimmung aufhellen würde, befüllte sie die Kaffeemaschine und lauschte dem leisen Gurgeln, während sie aus dem Fenster und zum Haus nebenan sah. Mit seinen aufgerissenen Fensterläden, Türen und Fenstern wirkte es verletzlich. Es schien sich schweren Herzens mit der Tatsache abgefunden zu haben, dass es erst seines Stolzes beraubt werden musste, um anschließend in neuem Glanz zu erstrahlen.

Und den Staubwolken nach zu urteilen, die aus einem der Fenster im ersten Stock kamen, schien Chev Martinez genau der richtige Mann für diese Arbeit zu sein. Sie versuchte einen Blick auf ihn zu erhaschen, doch das Röcheln der Kaffeemaschine, das anzeigte, dass das Wasser durchgelaufen war, riss sie aus ihren Bemühungen.

Und das war auch gut so.

2. KAPITEL

Chev Martinez hielt inne und stützte sich auf den Besen, damit sich der Staub im Zimmer und das Durcheinander in seinem Kopf legen konnten. Seit Monaten hatte er sich auf diesen Tag gefreut, seit er zum ersten Mal dieses leer stehende, im spanischen Stil erbaute Haus gesehen hatte: eine sträflich vernachlässigte exotische Blume in einer ansonsten farblosen, wenn auch teuren Gegend. Seitdem war er unzählige Male daran vorbeigefahren, nur um sich zu vergewissern, dass das Haus noch stand und auf ihn wartete.

Mehrmals hatte er bei seinen Stippvisiten die blonde junge Frau von nebenan in ihren Blumenbeeten arbeiten sehen. Er hatte den Namen ihres Mannes auf dem Briefkasten gelesen, kannte seine Position und hatte versucht, die Frau wieder zu vergessen. Doch sie hatte etwas an sich, das ihn ansprach – die Anmut ihres geschmeidigen Körpers, die großen Hüte und bunten Handschuhe, die sie bei der Gartenarbeit trug, die Tatsache, dass sie jedes Mal vor sich hinzusummen schien.

Sie schien glücklich zu sein, und Chev hatte den Mann beneidet, der jeden Tag von diesem Lächeln empfangen wurde. Er stellte sich vor, dass sie einen frechen Sinn für Humor besaß und eine großartige Liebhaberin war. Die Art von Frau, die sich auf das richtige Auftreten an der Seite ihres Mannes im Privaten wie in der Politik verstand, sich in der Ungestörtheit ihres Schlafzimmers jedoch bereitwillig gehen ließ.

Als Chev heute vorgefahren war, hatte er gespürt, dass etwas anders war. Ihr Garten war vernachlässigt, die Zeitungen stapelten sich auf der Veranda. Ihr Haus lag dunkel und still da. Sein erster Gedanke war, dass sie und ihr Mann einen längeren Urlaub machten, aber dann sah er in einem der oberen Zimmer Licht angehen und sie allein herumlaufen. Zu wissen, dass sie da war, machte ihn den ganzen Vormittag unruhig, und als er den Brief in seinem Garten fand, hatte er einen willkommenen Vorwand zu klingeln. Trotzdem hatte er sich dabei wie ein nervöser Teenager gefühlt.

Mit gutem Grund.

Sie aus der Nähe zu betrachten beschleunigte seinen Puls. Ihre rotgeränderten Augen und die feuchten Wangen bestätigten seinen Verdacht, dass irgendetwas nicht stimmte, und die helle Stelle an ihrem Ringfinger lieferte einen Hinweis darauf, was es sein könnte. Ihre Antwort schließlich, sie wohne allein hier, brachte die Gewissheit, dass das Glück dieser Frau durch das plötzliche Ende ihrer Ehe zerbrochen war.

Diese Erkenntnis machte ihn traurig, beunruhigte ihn aber auch. Er war schon vielen Frauen begegnet, zu denen er sich körperlich hingezogen fühlte, aber diese Frau hatte etwas entwaffnend Anziehendes an sich. In ihren Augen las er, wie verletzlich und traurig sie war. Obwohl er sich zu ihr hingezogen fühlte, wollte er sich auf keinen Fall mit einer Frau einlassen, die gleich neben seiner Baustelle wohnte und sich noch dazu nach ihrem Ex verzehrte. Außerdem war seine Reaktion ohnehin nur darauf zurückzuführen, dass er sich schon oft ausgemalt hatte, was er mit dieser Frau gern tun wollte. Wahrscheinlich war sie in Wirklichkeit ganz anders als in seinen Träumen.

Gemma.

Natürlich musste ihr Name einzigartig, etwas ganz Besonderes sein. Natürlich wusste sie um den Wert seines Hauses. Natürlich waren ihre Beine lang und ihre Brüste voll. Natürlich hatte sie direkt neben ihrem sinnlich geschwungenen Mund einen Schönheitsfleck, der ihn völlig aus dem Konzept brachte.

Er zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den verschwitzten Staub vom Nacken. Er musste seine Libido unter Kontrolle halten und an seine Arbeit denken. Schließlich machte Gemma Jacobs nicht den Eindruck, als wolle sie etwas mit ihm anfangen. Die Politik ihres Mannes war Amerikanern puertoricanischer Abstammung nicht besonders wohlgesinnt, und wahrscheinlich teilte sie seine Ansichten. Aber eigentlich war diese Vermutung nur ein fadenscheiniger Versuch, auf Abstand zu gehen, wie er sich gleich eingestand. Er hatte ohnehin genug um die Ohren momentan und konnte sich keine Ablenkung leisten.

Dies war das dritte Haus innerhalb eines Jahres, das er renovierte, um es anschließend mit Profit zu verkaufen. Für jemanden, der kein eigenes Haus besaß – und auch nicht vorhatte, häuslich zu werden –, schien er genau zu wissen, was Hausbesitzer sich wünschten. Ihm blieb ein Monat Zeit für diese Renovierung, bevor er für einen lukrativen Auftrag nach Miami musste. Bis dahin wollte er das Zu-Verkaufen-Schild wieder aufzustellen und die Stadt mit einem dicken Scheck verlassen. Der Termin für die Versteigerung stand bereits fest. Falls er die Frist nicht einhalten konnte, war er aufgeschmissen, weshalb er sich keinen Flirt leisten konnte, so verlockend es auch sein mochte.

Nachdem sie sich einen Milchkaffee eingeschenkt hatte, widmete Gemma sich wieder den Stellenanzeigen, diesmal bewaffnet mit einem Rotstift. Mehrere frustrierende Anrufe später hatte sie zwei Dinge erfahren: Jobs in der unmittelbaren Umgebung von Tampa waren nie länger als achtundvierzig Stunden frei, und der Großteil der Stellen wurde von Arbeitsagenturen besetzt. Als sie auf eine Anzeige für eine dieser Stellenvermittlungen stieß, rief sie daher kurzerhand dort an.

Eine fröhlich klingende Frau lud sie ein, am nächsten Morgen vorbeizukommen, um Gemmas „Qualifikationen zu erörtern“. Sie vereinbarten einen Termin, und nachdem sie aufgelegt hatte, fühlte Gemma sich wie eine Studentin, die einen Ferienjob gesucht hatte, bei dem wenigstens genug Geld für billiges Essen und preiswerte Kleider heraussprang.

Als Tränen der Wut drohten, ihre Fortschritte wieder zunichte zu machen, beschloss sie aufzuräumen, wie sie es Sue versprochen hatte. Umgehend machte sie sich an die Arbeit. Als am Nachmittag ihre Mutter anrief, machte das den Tag nicht besser. Andererseits schien dies der richtige Augenblick zu sein, Phyllipa Jacobs endlich die Wahrheit zu sagen.

„Hallo Mom.“

„Gemma“, meldete sich ihre Mutter in gekränktem Ton. „Gibt es etwas, das du mir und deinem Vater sagen möchtest?“

Gemma biss sich auf die Zunge. „Ich habt es anscheinend schon gehört.“

„Du meinst die Nachricht von der Scheidung meiner Tochter? Irgendein uns völlig fremder Mensch von der Lokalzeitung rief an, um einen Kommentar von uns zu bekommen. In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gedemütigt gefühlt.“

Wenn die Zeitung in der kleinen Stadt Peterman schon von der Scheidung des Generalstaatsanwaltes gehört hatte, lief die Meldung längst über die Nachrichtenagenturen. Hatte Jasons Büro eine Erklärung verbreitet? „Ich wusste nicht, wie ich es euch sagen soll. Es tut mir leid, dass ihr es durch jemand anderen herausfinden musstet.“

„Dann stimmt es also?“

„Ja.“

„Ich kann es nicht fassen. Was ist passiert?“

Gemma ließ sich in einen Sessel fallen und gab ein ersticktes Lachen von sich. „Ich habe wirklich keine Ahnung.“

„Lachst du etwa?“

Sie schloss die Augen. „Nein, ich lache nicht, Mutter. Ich sage dir die Wahrheit. Es war Jasons Idee. Er wollte die Scheidung.“

„Jason wollte die Scheidung? Was hast du getan?“

Gemma verzog das Gesicht. „Wie kommst du darauf, dass ich etwas getan habe?“

„Weil Jason dich liebte. Er hat dir ein wunderbares Leben geboten.“

„Mom, ich …“

„Habt ihr wenigstens versucht, eure Probleme zu lösen?“

Diese unerwartete Attacke machte sie für einen Moment sprachlos. „Mom, Jason wollte es gar nicht mehr versuchen.“

„Das hört sich aber nicht nach dem Jason an, den ich kenne.“

Womit sie nichts anderes andeuten wollte, als dass Gemma ihren eigenen Mann nicht kannte. Und es stimmte. Er hatte sie alle zum Narren gehalten. Seine Eltern lebten nicht mehr, und Gemmas Eltern hatten ihn aufgenommen wie den Sohn, den sie nie gehabt hatten. Und waren begeistert und entzückt, weil ihre Tochter mit einem so einflussreichen Mann verheiratet war.

„Ich weiß, dass du und Dad enttäuscht seid, und es tut mir wirklich leid.“

„Was wirst du denn jetzt bloß machen, Gemma? Wie willst du allein zurechtkommen?“

„Indem ich mir einen Job suche.“

„Als was?“

„Ich habe immerhin einen Collegeabschluss.“

„Den du nie gebraucht hast.“

Gemma rieb sich die Schläfen. „Ich werde schon etwas finden.“

Im Hintergrund war eine tiefe Stimme zu hören, dann sagte ihre Mutter: „Dein Vater will wissen, ob du Geld benötigst.“

„Richte ihm bitte aus, nein danke.“

„Gemma“, sagte ihre Mutter und senkte die Stimme, „wenn es zwischen euch im Schlafzimmer nicht so recht geklappt hat …“

„Mom, nicht …“

„Ich meine ja auch nur, falls er sich nach jemand anderem umgesehen hat, muss das doch nicht das Ende eurer Beziehung sein.“

„Auf jeden Fall ist jetzt das Ende dieses Gesprächs gekommen. Ich muss los und melde mich bald wieder.“

Sie brach die Verbindung ab und warf den Hörer auf einen Sessel. Diese absonderliche Unterhaltung musste sie erst einmal verdauen. Ihre Mutter, die ihr ein Küchenhandtuch aufs Gesicht gelegt hatte, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen, als sie ihr die Sache mit den Bienen und den Blumen erklärt hatte, gab ihr einen Rat, wie sie mit einem sexuell unzufriedenen Ehemann umgehen sollte!

Ging eigentlich jeder automatisch davon aus, dass Gemma schlecht im Bett war?

Wahrscheinlich, denn das glaubte sie ja selbst von sich.

Zugegeben, schon zu Beginn ihrer Beziehung mit Jason war es nicht allzu leidenschaftlich hergegangen im Schlafzimmer, doch war ihr langweiliges Sexleben kein Problem gewesen, weil sie sich in so vielen anderen Dingen gut verstanden. Für gewöhnlich fanden sie Zeit füreinander. Allerdings war Jasons Terminkalender immer voller geworden, je näher die Wahlen rückten. Doch er hatte ihr versichert, dass keine andere Frau der Grund für die Scheidung war. Nachdem Gemma zwei Tage lang wie besessen seine Sachen durchsucht hatte, ohne auf etwas auch nur entfernt Verdächtiges zu stoßen, quälte sie sich mit der Frage, was schlimmer war: wegen einer anderen verlassen zu werden oder scheinbar grundlos.

Von nebenan war ein lautes Brummen zu hören. Neugierig stand sie auf und sah aus dem Küchenfenster. Chev Martinez war gerade dabei, die Stuckfassade des Nachbarhauses mit einem Hochdruckreiniger zu reinigen. Wegen der Nachmittagshitze hatte er sein T-Shirt ausgezogen, sodass Gemma seine breite, vor Schweiß und versprühtem Wasser glänzende Brust bewundern konnte. Ein rotes Piratentuch bedeckte seinen Kopf und verlieh ihm ein verwegenes Aussehen. Seine Jeans war bis zu den Knien nass, und Wasser tropfte ihm vom Ellbogen, während er mit dem Strahl des Hochdruckreinigers den Schmutz vom Haus entfernte. Auf seinem sich wölbenden Oberarmmuskel prangte die dunkle Tätowierung.

Gemma wurde an längst vergessenen Stellen ihres Körpers warm. Dieser Mann war so exotisch, dass er regelrecht deplatziert wirkte in dieser verschnarchten Nachbarschaft – wie ein Raubtier, das urplötzlich aus der Wildnis aufgetaucht war. Gemma leckte sich mit der Zungenspitze die winzigen Schweißperlen von der Oberlippe. Doch als er in ihre Richtung schaute, wich sie erschrocken vom Fenster zurück und kam sich vor wie eine sexhungrige Hausfrau, die den Poolboy observiert.

Dieses Verhalten war völlig untypisch für sie. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die auf einer Cocktailparty die Aufmerksamkeit eines attraktiven Mannes auf sich zu lenken versuchten oder mit Kellnern und Schuhverkäufern flirteten. Sie war eine verheiratete Frau gewesen, die nicht einmal mehr den Gedanken zuließ, einen anderen Mann zu berühren oder sich berühren zu lassen.

Sie hatte keine Ahnung, wie eine Single-Frau sich verhielt, konnte sich weder an das Vokabular erinnern noch an die Körpersprache.

Mit einem Mal fühlte sie sich unendlich müde und geschafft vom Aufräumen. Eine Dusche war nötig, und sie musste anfangen, an den morgigen Termin bei der Stellenvermittlung zu denken. Sie nahm die alten Zeitungen und sortierte die restliche Post. Jasons Zeitschriften und Kataloge wanderten in den Papierkorb. Bei den Scheidungspapieren zögerte sie.

Wo bewahrte man denn solche Unterlagen auf? In einem Karton mit den alten Hochzeitsfotos und der Heiratsurkunde? In einem Ordner zusammen mit anderen Unterlagen wie Steuerformularen und stornierten Schecks? Rahmte man die Scheidungspapiere ein und hängte sie an die Wand?

Gemma seufzte entnervt und verschob die Entscheidung. Mit einem Anflug von Wehmut betrachtete sie den weißen Umschlag von ihrem ehemaligen College, den Chev Martinez ihr gebracht hatte. Sie hatte gern studiert, auch weil sie damit der übertriebenen Fürsorge ihrer Eltern hatte entgehen können. Die jungen Frauen, die sie kennenlernte, waren viel reifer und erfahrener gewesen als sie, und Gemma hatte sie dafür bewundert.

Sie riss den Umschlag auf und zog den Inhalt heraus, der aus einem weiteren Umschlag und einem Begleitschreiben bestand. Der gelb geblümte Umschlag kam ihr bekannt vor. Er war mit einer Reihe von Zahlen und Buchstaben beschriftet, die irgendeinen Code ergaben. War das nicht ihre eigene Handschrift?

Sie entfaltete das kurze Begleitschreiben und las den Briefkopf. An den Namen Dr. Michelle Alexander erinnerte sie sich ebenfalls, weshalb sie gespannt zu lesen begann.

Liebe Miss Jacobs,

in Ihrem letzten Semester am Covington Women’s College haben Sie an meinem Kurs zum Thema „Sexualpsychologie“ teilgenommen. Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass eine der freiwilligen Aufgaben der Kursteilnehmerinnen darin bestand, ihre sexuellen Fantasien aufzuschreiben und sie in einem Umschlag zu versiegeln, damit er ihnen zehn Jahre später zugeschickt werden kann. Beiliegend finden Sie den Umschlag, den Sie abgegeben haben. Er wurde unter einer Codenummer verwahrt und blieb verschlossen. Ich hoffe, der Inhalt wird sich als emotional nützlich erweisen, wie auch immer Ihre Lebensumstände jetzt aussehen mögen. Falls Sie Fragen oder Anregungen haben, zögern Sie bitte nicht, Kontakt mit mir aufzunehmen.

Mit herzlichen Grüßen,

Dr. Michelle Alexander

Gemma erinnerte sich daran, dass der Kurs in Covington legendär gewesen war und von den Studentinnen scherzhaft „Sex für Anfänger“ genannt worden war. Sie selbst war sich schon allein dadurch sündig vorgekommen, dass sie sich dafür eingeschrieben hatte, und konnte sich noch ganz genau erinnern, wie nervös und unsicher sie gewesen war, als sie sich in eine der hinteren Bankreihen gesetzt hatte.

Dr. Michelle Alexander war eine Frau mit üppigen Hüften, langen dunklen, gewellten Haaren und einem freundlichen Lächeln, die Sex wie ein wundervolles Geschenk erscheinen ließ und nicht wie die Verpflichtung, von der Gemmas Mutter immer gesprochen hatte. Während die Dozentin über Selbstbefriedigung und multiple Orgasmen plauderte, hatte Gemma sich fasziniert gefragt, wie viele Liebhaber dieser Frau wohl zur Verfügung standen. Dieser Kurs war für Gemma ein Aha-Erlebnis gewesen, ein Ventil für all die Fragen, die sie schon so lange beschäftigt hatten.

Zögernd griff sie nach dem geblümten Umschlag, seltsam verlegen bei der Aussicht darauf, Dinge zu lesen, die sie als Jungfrau geschrieben hatte, noch bevor sie Jason kennengelernt hatte.

Sie biss sich auf die Unterlippe. Warum war es so beunruhigend, einen Einblick in die Gedanken der Frau zu bekommen, die sie vor Jason gewesen war? Mit dem Umschlag und einer halben Flasche Wein bewaffnet ging sie nach oben und beschloss zu duschen, bevor sie in die Vergangenheit eintauchte.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie vergessen hatte, den Reparaturdienst wegen der Klimaanlage anzurufen. Diese Nacht würde heiß werden.

Als sie sich nach dem Duschen abtrocknete, betrachtete sie sich im Spiegel. Ihre Haare waren ein wenig länger als sonst, aus purer Vernachlässigung, aber das ließ sie jünger wirken. Sie hatte sich immer mit Pilates und Jogging in Form gehalten und sah trotz der zurückliegenden phlegmatischen Wochen nackt so gut aus wie eh und je.

Spielerisch ließ sie ihre Hände über ihre Brüste und hinunter zu ihrem flachen Bauch gleiten.

Hatte Jason sich schlichtweg gelangweilt? Sie begutachtete ihren Po, auf der Suche nach einem Verfallsdatum, das sie vielleicht übersehen hatte. Sie war keine junge Studentin mehr, doch weigerte sie sich zu glauben, dass sie die Blüte ihrer Jahre bereits hinter sich hatte.

Gemma wickelte sich in ein Handtuch, das sie unter ihren Brüsten zusammenknotete, und ging barfuß ins Schlafzimmer, wo sie sich einen großen Schluck Rotwein einschenkte und es sich mit dem gelben Umschlag in ihrem Lieblingssessel bequem machte. Einen Moment lang hielt sie den Brief einfach in der Hand und versuchte sich an seinen Inhalt zu erinnern. Sie schloss die Augen und sah wieder ihr Zimmer vor sich, das sie sich mit Sue und zwei weiteren Mädchen geteilt hatte. Ihr Briefpapier hatte sie in einem Karton unter ihrem Bett aufbewahrt, und ihr fiel wieder ein, wie sie im Licht einer Taschenlampe an dieser freiwilligen Aufgabe gearbeitet hatte – ihre sexuellen Fantasien am helllichten Tag aufzuschreiben war ihr undenkbar erschienen.

Zwei Schlucke Wein rannen sanft durch ihre Kehle, bevor sie mit klopfendem Herzen den Umschlag öffnete und mehrere sorgfältig gefaltete Seiten Briefpapier herausnahm, auf denen sie ihre noch mädchenhafte Handschrift wiedererkannte.

Die Aufzeichnungen datierten vom Januar, aus ihrem letzten Semester.

Ich weiß wirklich nicht, wie ich diesen Brief beginnen soll. Die Dozentin unseres Sex-für-Anfänger-Kurses bat uns, unsere sexuellen Fantasien niederzuschreiben. Dr. Alexander meint, wir würden viel über uns selbst lernen, wenn wir unsere geheimsten Sehnsüchte verstehen. In zehn Jahren soll sie unsere Adressen herausbekommen und uns diese Briefe zuschicken. In zehn Jahren werde ich zweiunddreißig sein, und das kommt mir noch so weit weg vor, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie ich dann sein werde.

Gemma musste lachen. Diese zehn Jahre waren wie im Flug vergangen, und sie hatte noch immer keine Ahnung, wer sie war.

Was die sexuellen Fantasien betrifft, so bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich genug über Sex weiß, um zu wissen, was mich erregt. Ich bin noch Jungfrau, deshalb weiß ich doch gar nicht, wie es ist, mit jemandem zu schlafen. Bisher habe ich noch nicht einmal einen nackten Mann gesehen, außer auf Fotos. Außerdem habe ich mir mit Sue ein paar nicht jugendfreie Filme angesehen, die sie von einem Jungen geliehen hatte. Sue sagt, der Mann habe mehr Spaß am Sex als die Frau, und das sei nicht fair. Die Frauen in den Pornofilmen schienen aber durchaus ihren Spaß zu haben.

Einmal, auf einer Party, habe ich einen Penis angefasst. Der Typ küsste mich, und ich schob die Hand in seine Hose. Es fühlte sich weicher an, als ich erwartet hatte, und haarig. Dann kam er in meiner Hand, und ich musste ins Badezimmer, um sie zu waschen. Es roch eigenartig und ganz anders, als ich gedacht hatte. Als ich aus dem Badezimmer zurückkam, tat der Junge so, als würde er mich nicht kennen.

Gemma verzog das Gesicht. Sie erinnerte sich nicht an diesen Jungen, sehr wohl aber noch an den Vorfall und wie naiv sie damals gewesen war.

Es war mir egal, denn ich konnte den Jungen sowieso nicht leiden. Es kam eine andere Party mit einem anderen Typen. Er beobachtete mich. Wir sprachen nicht, und er berührte mich nicht, doch die Art, wie er mich ansah, erregte mich und weckte in mir den Wunsch, etwas Aufreizendes anzuhaben. Es weckte in mir das Verlangen, mich vor seinen Augen zu berühren. Es war, als würde ich jemand anderes sein.

Und so beschloss ich, mich in jemand anderen zu verwandeln.

Gemma stand unvermittelt auf und nahm einen großen Schluck. Sie wollte nicht weiterlesen, zumindest fürs Erste nicht. Ein sinnliches Gefühl durchflutete sie, ihr Puls war beschleunigt. Längst verdrängte Erinnerungen kamen zurück …

Dr. Alexander hatte ihre Studentinnen nicht nur ermutigt, ihre Fantasien aufzuschreiben, sondern sie auch auf selbstbewusste und verantwortliche Art und Weise auszuleben. Gemma war von dieser Idee fasziniert gewesen, da sie ihre Gefühle immer unter Verschluss gehalten hatte, eine unbestimmte Lust ignorierend. Die Aufgabe kam der Erlaubnis zur Unanständigkeit gleich. Eine ganze Woche lang war sie in die Rolle einer Exhibitionistin geschlüpft, hatte sich verkleidet und den Campus heimlich verlassen, um ihre Fantasien auszuleben.

Bei der Erinnerung an die Dinge, die sie getan hatte, glühte ihr Gesicht noch mehr. Und sie war dabei fast in ernste Schwierigkeiten geraten. Die Angst hatte sie sozusagen geläutert, und als sie einige Wochen darauf Jason kennengelernt hatte, war ihr Leben wieder in geordnete Bahnen geraten. Sie war froh gewesen, diese kleine Abschweifung unbeschadet überstanden zu haben. Kein Wunder, dass sie nicht mehr genau wusste, was sie geschrieben hatte: Sie hatte es verdrängt.

Hastig faltete sie den Brief zusammen und schob ihn zurück in den Umschlag. Danach ging sie fieberhaft nachdenkend im Zimmer auf und ab. Es war ohnehin albern, Schulmädchenfantasien wieder aufzuwärmen, denn die hatten nichts mit ihrem heutigen Leben zu tun.

Das Telefon klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute auf die Anruferkennung und hoffte inständig, dass es nicht ihre Mutter war. Es war Sue.

Das kleinere von zwei Übeln.

„Hi, ich wollte mich nur mal kurz erkundigen, wie dein Tag war.“

„Ich habe heute die Scheidungspapiere bekommen.“

„Das tut mir leid, Gemma.“

„Ist ja nicht deine Schuld.“

„Hast du etwas von Jason gehört?“

Sie fuhr sich durch die feuchten Haare. „Nein. Es klingelte heute Morgen an der Tür, und ich Närrin dachte, er sei es.“

„Wer war es dann?“

„Ein Typ, der das Haus nebenan renoviert.“

„Ein Typ? Sieht er gut aus?“

Gemma dachte an Chev Martinez’ sexy Augen und seinen tollen Körper. „Darauf habe ich nicht geachtet.“

„Was wollte er?“

„Er brachte mir einen Brief, den er im Garten gefunden hatte. Übrigens habe ich morgen einen Termin bei einer Stellenvermittlung“, sagte sie dann, um das Thema zu wechseln.

„Das ist ja großartig! Bist du schon aufgeregt?“

„Ja, ich freue mich darauf. Ach, und dann habe ich heute noch mit meiner Mutter telefoniert.“

„Wie ist es gelaufen?“

„Es war ein Desaster biblischen Ausmaßes. Im Großen und Ganzen glaubt sie, ich hätte die Scheidung zu verantworten, weil ich Jason im Bett nicht glücklich gemacht habe.“

„Du lieber Himmel, das hat deine Mutter gesagt?“

„Ja. Sie über Sex reden zu hören war so ähnlich, als würde man im Radio aus Versehen eine falsche Frequenz erwischen. Ich glaube, mir ist dabei das Trommelfell geplatzt.“

Sue lachte. „Wenigstens hörst du dich schon wieder an wie du selbst. Deine Mom wird darüber hinwegkommen. Deine Eltern waren einfach überrumpelt, das ist alles.“

„Waren wir das nicht alle?“, fragte Gemma. „Außerdem hatte ich zwei Nachrichten von Reportern auf dem Anrufbeantworter, die mich baten, die Scheidung zu kommentieren.“

„Das überrascht mich nicht. Hast du sie zurückgerufen?“

„Natürlich nicht. Einer von denen war dieses Ekel Lewis Wilcox, der sich so dreist gegen Jasons Wahl ausgesprochen hat.“

„Nett von dir, Jason in Schutz zu nehmen, wenn man es sich so überlegt.“

Gemma presste die Lippen zusammen – alte Gewohnheiten waren eben schwer abzulegen. „Ich nehme ihn nicht in Schutz. Ich will bloß keine öffentliche Aufmerksamkeit. Außerdem gibt es keine schmutzigen Details, die ich preisgeben könnte.“

„Aber genau die würden Jasons politische Gegner gern zu einem Skandal aufbauschen, wenn sie könnten.“

„Dabei ist die Wahrheit viel zu langweilig für eine Schlagzeile: Generalstaatsanwalt erklärt Ehefrau: ‚Ich stehe einfach nicht mehr auf dich.‘“

Sue lachte erneut. „Zumindest wird es jetzt, wo die Scheidung ausgesprochen ist, leichter für dich, dein eigenes Leben zu führen.“

„Als hätte ich eine Wahl.“

„Es wird alles gut, das verspreche ich.“

Gemma seufzte. „Ich weiß. Ich hoffe nur, bald.“

„Ruf mich morgen nach deinem Vorstellungsgespräch an und berichte mir, wie es gelaufen ist.“

„Okay. Bis dann.“

Gemma legte auf und war Sue dankbar, dass sie sich nach ihr erkundigt hatte, wo sie doch selbst genug um die Ohren hatte.

Sue hatte recht, es würde schon wieder werden. Ein Job würde Gemma davon abhalten, ständigen über ihre gescheiterte Ehe nachzugrübeln. Skeptisch schaute Gemma zum Kleiderschrank. Sie wusste, wie man sich für eine Wohltätigkeitsgala anzog, ein Geschäftsessen oder eine politische Veranstaltung, aber was trug man heutzutage zu einem Vorstellungsgespräch?

Sie öffnete die Schranktüren, und der Anblick der leeren Seite, auf der sich Jasons Sachen befunden hatten, versetzte ihr einen Stich. Jetzt waren nur noch ein paar Kleiderbügel und ein Beleg von der Reinigung übrig. Wie oft hatte sie sich mehr Platz im Kleiderschrank gewünscht? Jetzt habe ich ihn, dachte sie und schob ihre Kleiderbügel über die gesamte Länge der Stange.

Nach einigem Suchen entschied sie sich für ein maßgeschneidertes Hemdkleid. Sie drehte sich zum Spiegel um, ließ das Handtuch fallen – und hielt erschrocken inne.

Sie hatte ganz vergessen, dass sie einen neuen Nachbarn hatte und nicht so einfach splitterfasernackt im Schlafzimmer herumlaufen konnte.

Erleichtert stellte sie fest, dass das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite dunkel war. Es war spät, Chev Martinez war bestimmt irgendwo essen oder erschöpft in sein provisorisches Bett gefallen, das er irgendwo im Haus aufgestellt hatte.

Plötzlich kam ihr ein sündiger, vom Wein befeuerter Gedanke. Was hätte sie getan, wenn der sexy Handwerker an seinem Fenster drüben gestanden hätte?

Chev stand wie angewurzelt da. Er war noch einmal nach oben gegangen, um ein Fenster zu schließen und ein paar Werkzeuge einzusammeln. Und dabei hatte er gesehen, wie Gemma Jacobs drüben auf der anderen Seite vor dem Spiegel ihr Handtuch fallen gelassen hatte.

Beim Anblick ihres nackten Körpers begann er schwer zu atmen. Ihre Brüste sahen voll und schwer aus, die Taille war schmal, die Hüften geschwungen. Ihre Haut war hell und durchscheinend, die Brustspitzen leuchtend rosa und aufgerichtet. Das Haardreieck zwischen ihren Schenkeln war hellbraun. Zwischen seinen Beinen regte sich etwas, und Chev wagte nicht, sich zu bewegen – aus Angst, sie könnte ihn hören oder die Bewegung in dem dunklen Zimmer wahrnehmen. Er war zwar beileibe kein Voyeur, aber sich von ihrem Anblick loszureißen war schlichtweg unmöglich. Dafür hatte er zu oft von ihr fantasiert … und der unverhofften Gelegenheit, sie unbemerkt zu beobachten, konnte er einfach nicht widerstehen. Wem schadete er schon damit? Sie wusste es nicht, und der Einzige, der dabei litt, war er.

Gemma betrachtete sich im Spiegel und hielt ein blaues Kleid hoch, dessen Farbe ausnehmend gut zu ihr passte. Sie legte das Kleid aufs Bett und nahm einen BH und einen Slip aus einer Schublade. Nachdem sie den hellrosa Slip angezogen hatte, schob sie die Arme durch die Träger des BHs, hakte den Vorderverschluss zu und schob ihre Brüste zurecht.

Erneut meldete sich Chevs Erektion, und er musste schlucken. Niemals hätte er sich träumen lassen, wie erotisch es sein könnte, einer Frau beim Anziehen zuzusehen.

Dann hob sie das Kleid über den Kopf und ließ es an ihrem Körper hinuntergleiten. Chev hätte schwören können, das Rascheln des Stoffs zu hören. Langsam knöpfte sie es zu und drehte sich hierhin und dorthin, bevor sie in ein Paar hochhackige Pumps schlüpfte, die ihre Beine noch länger wirken ließen und ihre Waden betonten. Chev fand, dass sie wunderschön aussah, doch sie verzog das Gesicht. Offenbar war sie nicht zufrieden, denn sie fing an, das Kleid quälend langsam wieder aufzuknöpfen und über den Kopf zu ziehen.

Er stöhnte leise, da sie jetzt nur noch BH, Slip und Pumps trug.

Als Nächstes probierte sie einen engen Rock und eine züchtige Bluse an. „Hübsch“, murmelte er, obwohl sie für seinen Geschmack nicht genug Bein zeigte.

Sie drehte sich vor dem Spiegel um die eigene Achse, schüttelte den Kopf und fing an, sich zu seiner Freude und wachsenden Verzweiflung zugleich erneut auszuziehen, wobei ihre Brüste beinah aus dem BH quollen. Er hielt diesen Anblick schon fast nicht mehr aus und fühlte Schweiß den Rücken hinunterlaufen.

Es folgte ein weiteres Kleid, diesmal geblümt, mit luftigem Rock und engem Korsett. Die Pumps tauschte sie gegen hochhackige Riemchensandaletten ein und drehte sich noch einmal vor dem Spiegel. „Lady, du bist umwerfend“, flüsterte Chev.

Dabei bewegte er sich und stieß aus Versehen gegen den großen Nass-Staubsauger, worauf der gegen die Leiter prallte, die prompt umfiel und dabei mehrere an der Wand lehnende Bretter mitriss, die neben seinem Feldbett lautstark auf den Boden knallten. Als hätte der Lärm nicht ausgereicht, um seine Nachbarin zu erschrecken, ging auch noch die große Taschenlampe an und erzeugte tanzende Lichtstrahlen, als sie herunterfiel und über den Boden rollte.

Chev stürzte sich sofort darauf, doch der Schalter war abgebrochen, sodass sie sich nicht ausschalten ließ. Er kämpfte damit, um die Batterien herauszunehmen, und erkannte dabei aus dem Augenwinkel, dass Gemma von der anderen Seite herüberschaute. Sie sah ihn direkt an, und erst in diesem Moment wurde ihm klar, dass er den Strahl der Taschenlampe genau auf sein Gesicht gerichtet hatte.

Ertappt.

3. KAPITEL

Als Chev Martinez’ markantes Gesicht hinter dem gegenüberliegenden Fenster gut ausgeleuchtet aufblitzte, blieb Gemma wie angewurzelt stehen. Seiner schuldbewussten Miene nach zu urteilen, hatte er sie schon eine ganze Weile beobachtet. Beim Anziehen … und beim Ausziehen. Dabei zeigten der pinkfarbene Spitzen-BH und der Slip weitaus mehr, als sie verhüllten. Und diverse Outfits lagen auf dem Bett verstreut.

Der Gedanke daran, was für eine Show sie ihm schon geboten hatte, trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht. Aber obwohl ihr Verstand eindringlich mahnte, auf der Stelle etwas anzuziehen und den Vorhang zuzuziehen, zögerte sie. Es war, als hätte ihre lüsterne Fantasie, er könnte sie heimlich beobachten, ihn ans Fenster gelockt. Wie konnte sie also züchtig empört die Vorhänge zuziehen, wenn sie sich insgeheim danach gesehnt hatte, dass er ihr von dort drüben beim An- und Ausziehen zusah? Außerdem war er derjenige, der völlig perplex wirkte und sich offenkundig ertappt fühlte.

Sie entschied, dass es für sie beide am wenigsten peinlich war, wenn sie so tat, als hätte sie ihn gar nicht bemerkt. Deshalb wandte sie ihm den Rücken zu, öffnete ihren BH und zog sich ihr weißes, hauchdünnes Nachthemd über den Kopf. Dann drehte sie sich wieder um und gab vor, Chev Martinez zu ignorieren, obwohl ihre Brustwarzen sich verräterisch aufrichteten und ein warmes Gefühl ihren Körper durchflutete. Sie sammelte die übrigen Kleidungsstücke ein und hängte sie wieder in den Schrank, während sie sich mit Herzklopfen fragte, ob er noch da war. Doch irgendwie wusste sie, dass er noch am Fenster stand. Da sich vor dem Licht die Silhouette ihres Körpers unter ihrem dünnen Nachthemd ganz sicher unübersehbar abzeichnete, kam sie sich fast nackt vor.

Gefiel ihm, was er sah? Sie fühlte sich ein wenig verrucht und drehte sich zur Seite, um ihm einen Blick auf ihr Profil zu gewähren. Spätestens jetzt erwachte das brennende Verlangen in ihr mit einer Intensität, die sie seit Jahren nicht empfunden hatte … seit dem College, wenn sie ehrlich war. Am liebsten hätte sie sich selbst ein wenig gestreichelt, aber die Vernunft sagte ihr, dass sie und Chev sich schließlich noch öfter begegnen würden. Es war schon riskant genug, ein solches Spiel mit Fremden zu spielen, wie sie es auf dem College getan hatte. Doch mit einem Mann zu spielen, der wusste, wo sie wohnte …

Widerstrebend streckte Gemma die Hand aus und machte das Licht aus, bevor sie ins Bett kroch, wo sie still in der warmen Luft lag, einen feinen Schweißfilm auf der Haut, noch immer voller Verlangen.

Was war nur in sie gefahren? War dies die Person, die sie ohne Jason war? Lüstern? Außer Kontrolle? Brauchte sie seine Standhaftigkeit, um sich nicht gehen zu lassen? Würde sie sich ohne ihn wieder ihren sündigen sexuellen Fantasien hingeben?

Einige Minuten später hörte sie, wie Chev seinen Pick-up startete und wegfuhr, und sie fragte sich, was er wohl von ihr dachte. Hielt er sie für hoffnungslos verdorben oder hatte sie ihn im Gegenteil erregt? Wenn die sanitären Anlagen in seinem Haus noch nicht funktionierten, schlief er möglicherweise woanders. Floh er zu einer Freundin oder einer Ehefrau, um ihr belustigt von seinem Erlebnis zu berichten, bevor er schlafen ging? Er trug zwar keinen Ehering, aber das musste nichts bedeuten, zumal er Handwerker war.

In der Stille ihres Zimmers lauschte sie den Geräuschen der Nacht von Zikaden und anderen nachtaktiven Insekten. Der Duft von frisch gemähtem Gras und im Mondschein blühender Pflanzen hing schwer in der Luft. Gemma kam sich sehr allein vor. Die innere Unruhe, die diese an sich selbst gerichteten Notizen ausgelöst hatten, machte sie nervös, und als ihr klar wurde, dass sie sowieso nicht einschlafen konnte, schaltete sie die Nachttischlampe ein und griff noch einmal nach dem Brief.

Mit klopfendem Herzen las sie dort weiter, wo sie aufgehört hatte, bei der Stelle, an der ein unbekannter Junge sie auf einer Party beobachtete.

Es war, als wäre ich plötzlich jemand anderes. Und so beschloss ich, mich wirklich in jemand anderen zu verwandeln. Am nächsten Tag zog ich mir den aufreizendsten Slip an, den ich besaß (pink mit weißer Spitze), dazu einen kurzen karierten Rock und eine weiße Bluse. Auf der Bahnhofstoilette setzte ich mir eine braune Perücke auf, die eine meiner Mitbewohnerinnen bei einer Theateraufführung getragen hatte, und eine dunkle Sonnenbrille. Dann stieg ich in eine S-Bahn, die in einen Teil der Stadt fuhr, wo mich niemand kannte. Das war während des Berufsverkehrs, und der Zug war voll. Ich wartete, bis der geeignete Mann kam. Es dauerte ein paar Stationen. Er war süß und trug einen grauen Nadelstreifenanzug. Als käme er frisch vom College und hätte gerade seinen ersten Job in irgendeinem Büro angetreten. Er setzte sich mir gegenüber. Zuerst musterte er meine Beine. Ich trug weiße Kniestrümpfe und schwarze Mary-Jane-Schuhe. Als sein Blick zu meinem Rock hinaufwanderte, bewegte ich mich ein wenig, damit er ein Stück hochrutschte. Dann spreizte ich meine Beine.

Die Augen des Jungen weiteten sich, und er sah mir ins Gesicht. Doch ich hielt den Kopf leicht zur Seite gedreht. Wegen meiner dunklen Sonnenbrille wusste er nicht, dass ich ihn aus den Augenwinkeln beobachte. Er wischte sich mit der Hand über den Mund und schaute sich um, ob sonst noch jemand meine kleine Privatvorstellung verfolgte. Aber niemand außer ihm hatte es mitbekommen.

Sein Gesicht wurde so pink wie mein Slip, trotzdem starrte er mich weiter an, was mich erschauern ließ. Ich wusste, dass er mich begehrte und wurde feucht. Ich schob meinen Rock wie zufällig noch ein Stückchen höher, spreizte die Beine noch weiter und fragte mich, ob er sehen konnte, wie feucht mein Höschen wurde. Offensichtlich, denn nun breitete er eine Zeitung über seinem Schoß aus und schob eine Hand darunter. Es gab mir ein Gefühl der Macht zu wissen, dass er heimlich masturbierte, während er meinen pinkfarbenen Slip anstarrte. Ein paar Minuten lang gewährte ich ihm einen ausgiebigen Blick, bis seine Augen glasig wurden. Beim nächsten Halt stieg ich aus. Als der Zug wieder anfuhr, schaute mir der Junge hinterher, und ich winkte ihm kurz zu, damit er wusste, dass ich das alles absichtlich getan hatte.

Ich konnte es kaum erwarten, zurück auf mein Zimmer zu kommen. Zum Glück waren meine Mitbewohnerinnen fort. Ich ging ins Badezimmer, schloss die Augen und erinnerte mich daran, wie dieser junge Mann mich angesehen hatte, während ich mich wieder und wieder zum Höhepunkt brachte.

Gemma legte den Brief beiseite. Das Blut rauschte ihr vor Erregung in den Ohren. Seufzend strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Der Versuch ihrer Mutter, Sex als ein notwendiges Übel darzustellen, war nach hinten losgegangen. Wachgeküsst von Dr. Alexanders Kurs brannte Gemma gegen Ende der Collegezeit nur so vor Neugier. Und was eben noch verwerflich und tabu gewesen war, schien plötzlich möglich. Nur war sie noch nicht in der Lage, mit ihrer neuen Freiheit umzugehen. Sie war jung und töricht gewesen und hatte auf der Suche nach dem erotischen Kick mit Fremden das Schicksal herausgefordert. Das war befreiend und aufregend gewesen, doch war sie zu weit gegangen.

Inzwischen war sie älter und klüger und konnte sich besser beherrschen. Sie musste nicht mehr wie früher all ihre Fantasien ausleben. Die Vorstellung vor dem Fenster war nur ein Ausrutscher gewesen.

Erleichtert wendete sie ihr Kissen, um eine kühle Stelle zu finden, und zwang sich zu schlafen. Für das Vorstellungsgespräch morgen musste sie ausgeruht sein. Hoffentlich würde alles gut gehen und sie rasch einen Job finden, denn dann würden sie und Chev Martinez sich vielleicht gar nicht mehr begegnen, bis er weiterzog. Damit wäre der Vorfall einfach vergessen. Vielleicht hatte er ihn ja schon vergessen.

Mit einem aufregend sinnlichen Kribbeln erinnerte sie sich allerdings noch sehr genau an seine dunklen Augen, die auf sie gerichtet waren, und zum ersten Mal seit Jasons abruptem Verschwinden schlief sie mit dem Bild eines anderen Mannes im Kopf ein.

Chev schob die Reste seines Steaks und der Backkartoffel von sich und schloss die Hand um das frische kühle Bier, das ihm der Barkeeper hingestellt hatte. In dem Lokal herrschte für einen Wochentag ziemlich viel Betrieb. Aus der Jukebox dröhnte Musik, und der Tresen wurde von Männern, teilweise noch in Arbeitskleidung, und von luftig gekleideten Studentinnen belagert, die jede Stadt in Florida bevölkerten, in der er jemals gewohnt hatte.

„Gewohnt“ war übertrieben, eher besucht, denn er zog ständig von einem Job zum nächsten und hielt dabei Ausschau nach Häusern, die er auf eigene Rechnung renovieren konnte. Er konnte sich nicht erinnern, in den vergangenen fünf Jahren irgendwo länger als sechs Monate geblieben zu sein, seit seine Verlobung mit Brooke ein so katastrophales Ende gefunden hatte. Immerhin hatte er rechtzeitig herausgefunden, dass seine Verlobte fremdging, nämlich bevor er ihr das Jawort gab. In den ersten beiden Jahren danach hatte er achtzehn Stunden am Tag gearbeitet, um den Schmerz zu verdrängen. Und später wurde dieses Arbeitspensum einfach zur Gewohnheit. Zu lange an einem Ort zu bleiben, hieß Komplikationen vorprogrammieren. Er wollte keine feste Beziehung mehr, nichts Ernstes, nur flüchtige Begegnungen …

Und bloß keinen Ärger, deshalb wollte er auch auf keinen Fall als Spanner verhaftet werden, weil er heimlich die Exfrau des Generalstaatsanwaltes beobachtet hatte.

Chev rutschte unbehaglich auf seinem Barhocker herum. Eine so hartnäckige Erektion hatte er seit der Highschool nicht mehr gehabt, aber selbst nach einer kalten Dusche und einer warmen Mahlzeit bekam er das Bild von Gemma Jacobs nicht aus dem Kopf. Erst hatte es so ausgesehen, als hätte sie ihn beim Spannen erwischt, doch dann hatte sie weitergemacht, als sei nichts geschehen. Sie zog ihr fast durchsichtiges Nachthemd an und bot ihm einen ausgiebigen Blick auf ihre vollen Brüste, indem sie sich bückte und drehte und streckte und dehnte. Dann hatte sie endlich das Licht ausgemacht.

Fast war es ihm so vorgekommen …

Nein. Eine Frau wie Gemma würde nicht …

Oder doch?

Er rieb sich die müden Augen und fragte sich, ob es wohl möglich war, dass sie ihn tatsächlich ertappt hatte. Und dass es ihr gar nichts ausgemacht hatte, von ihm beobachtet zu werden, sondern die kleine Vorstellung sogar extra in die Länge gezogen hatte.

Obwohl sie unerwartet gut geschlafen hatte, war Gemma gereizt, als sie am Küchenfenster stehend ihren Morgenkaffee trank. Sie wusste nicht genau, ob sie wegen des bevorstehenden Vorstellungsgesprächs nervös war oder wegen der Möglichkeit, Chev Martinez nach ihrer unbeabsichtigten Peepshow letzte Nacht über den Weg zu laufen.

Sein silberner Pick-up stand im Morgenlicht in der Auffahrt nebenan. Sie schaute auf ihre Uhr – es war noch früh, aber wenn sie jetzt aufbrach, konnte sie ein Zusammentreffen mit ihrem Nachbarn vielleicht vermeiden.

Sie hatte schon den Rückwärtsgang ihres Wagens eingelegt und wollte aus der Garage fahren, als hinter ihr ein riesiger blauer Vogel mit langem Hals auftauchte. Er hob seinen kleinen anmutigen Kopf und stieß einen lauten Schrei aus, bevor er sein Schwanzgefieder zu einem schillernden Rad in Blau, Grün und Gold aufstellte.

Gemma hatte noch nie einen Pfau aus solcher Nähe gesehen. Dieser Vogel war ein außergewöhnliches Geschöpf und aufgeplustert ziemlich beeindruckend. Leider machte er keinerlei Anstalten, sich von der Stelle zu rühren.

Gemma fuhr ein Stückchen rückwärts, in der Hoffnung, den Vogel zu erschrecken, damit er Platz machte. Doch er bewegte sich keinen Zentimeter. Ratlos schaute sie sich um. Alles war still, es gab nichts und niemanden, um den Vogel abzulenken. Sie drückte kurz auf die Hupe, aber der Vogel ruckte nur mit dem Kopf und ließ sein buntes Gefieder tanzen. Gemma stellte die automatische Schaltung auf „Parken“ und öffnete die Tür.

„Husch!“ Sie wedelte mit den Armen und ging auf den Vogel zu. „Verschwinde!“

Der Vogel wirkte völlig unbeeindruckt.

„Los, beweg dich!“, schrie sie und wedelte mit den Armen. „Ich habe einen wichtigen Termin!“

Der Vogel reckte den Hals und fauchte sie an. Gemma wich zurück, da sie gehört hatte, dass Pfauen aggressiv werden konnten, wenn man sie reizte.

Da vernahm sie ein tiefes Lachen hinter sich und drehte sich um. Chev stand am Zaun, große Hände an schmalen Hüften, und beobachtete amüsiert die Szene. Ein süßes Kribbeln breitete sich in Gemmas Magen aus – zum einen wegen seines sexy Anblicks in ausgewaschener Jeans und T-Shirt, zum anderen weil er letzte Nacht genug von ihr gesehen hatte, um die Zahl ihrer Sommersprossen zu kennen.

Er kam näher, was das Prickeln nur noch verstärkte. Ihre Brüste hoben und senkten sich mit jedem Atemzug, sodass die Knöpfe ihrer gestärkten weißen Bluse ein wenig spannten. Irgendwie brachte sie es nicht über sich, den Blick von seinen dunklen, durchdringenden Augen loszureißen.

„Ärger?“, erkundigte er sich in einem Tonfall, der gleichzeitig belustigt und ungemein erregend war. Der winzige Ohrring in seinem linken Ohrläppchen hob sich funkelnd von seiner gebräunten Haut ab.

Gemma zeigte auf den Vogel und kam sich dumm vor. „Ich habe das Garagentor geöffnet, und da saß er. Er gehört nicht zufällig Ihnen, oder?“

Sein Lächeln blitzte auf. „Nein. Möglicherweise ist er aus einem Zoo entwischt. Aber die meisten Pfaue sind herrenlose Rumtreiber.“ Er schaute zu den Bäumen hoch. „Normalerweise sind sie nicht allein unterwegs. Dieser Bursche muss seine Leute verloren haben, oder er ist auf der Suche nach Anschluss.“

Gemma entspannte sich ein wenig. „Sie scheinen viel über Pfaue zu wissen.“

Er zuckte die Schultern. „Meine Großeltern in Puerto Rico hatten welche.“

Die exotische Herkunft passte zu ihm. „Heißt das, Sie wissen, wie man sie verscheuchen kann?“

Er lachte und ging mit wedelnden Armen auf den Pfau zu, der mit aufgestellten Federn und unter lautstarkem Protest tatsächlich die Flucht ergriff.

„Danke“, sagte Gemma.

„Gern geschehen.“

Bildete sie es sich nur ein, oder musterte er sie? Erinnerte er sich an ihre Kleideranprobe letzte Nacht? Ihre Schenkelinnenseiten kribbelten verdächtig, und sie war froh, dass der Wagen zwischen ihr und diesem rätselhaften Mann stand, der sie mit einem einzigen Blick so mühelos entflammen konnte.

Er schien etwas sagen zu wollen, ließ es jedoch, und Gemma wusste genau, was er dachte – Worte würden alles ändern. Eine Entschuldigung würde nur zu noch mehr Verlegenheit führen, ein Kompliment unangebracht sein.

„Ich mache mich besser auf den Weg“, erklärte sie. „Sonst komme ich zu spät zu meinem Vorstellungsgespräch.“

Er winkte kurz. „Viel Glück.“

Sie stieg wieder in den Wagen und schaute in den Rückspiegel, während sie davonfuhr. Chev ging zurück auf sein Grundstück. Gemma atmete schwer und versuchte, nicht mehr an ihren sexy – und vorübergehenden – Nachbarn zu denken, sondern sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren: einen Job zu finden.

Von außen sah die in einem kleinen Einkaufszentrum gelegene Stellenvermittlung nicht besonders vielversprechend aus, eingezwängt zwischen einem Sandwich-Shop und einer Bankfiliale. Gemma zögerte, bevor sie hineinging. Die Frau mittleren Alters hinter dem mit Aktenbündeln übersäten Schreibtisch telefonierte gerade, winkte sie jedoch heran. Ihr scharfer, abschätzender Blick gab Gemma das Gefühl, mit ihrer prüden Kleidung komplett daneben zu liegen.

„Sie vergraulen jeden, den ich Ihnen schicke“, bellte die Frau in den Hörer. „Zahlen Sie mehr, dann werde ich sehen, was ich für Sie tun kann.“ Sie knallte den Hörer auf die Gabel und wandte sich ihrer Besucherin zu. „Was kann ich für Sie tun?“

Gemma überlegte, ob sie einfach behaupten sollte, sie habe sich in der Tür geirrt, musste aber an die vielen Rechnungen auf ihrem Küchentisch denken – Beweis genug, dass sie diesen Tag schon viel zu lange aufgeschoben hatte. „Ich heiße Gemma Wh… Jacobs. Ich habe einen Termin.“

Die Frau setzte sich eine Lesebrille auf und konsultierte einen großen Wandkalender. „Ja, da sind Sie.“ Sie bedachte Gemma mit einem gelangweilten Lächeln. „Ich bin Jean Pruett. Setzen Sie sich, Schätzchen.“

Gemma sah zu dem nicht zum Schreibtisch passenden Besuchersessel, auf dem ebenfalls ein Stapel Papiere lag.

„Legen Sie den einfach auf den Fußboden.“

Das tat sie und setzte sich auf die Sesselkante.

„Was für eine Arbeit suchen Sie?“, kam Jean gleich zur Sache.

„Vorzugsweise etwas auf dem Gebiet der Kunst. Ich habe Kunstgeschichte studiert.“

Jean verzog das Gesicht. „Wie viel Berufserfahrung haben Sie?“

„Na ja, während des Studiums habe ich Praktika in verschiedenen Museen gemacht – Katalogisierung und Restaurierung.“

„Ich meinte in letzter Zeit.“

„Oh, in letzter Zeit habe ich hauptsächlich Wohltätigkeitsarbeit gemacht. Spenden sammeln, solche Sachen.“

„Ich verstehe. Verfügen Sie über irgendwelche Computerkenntnisse?“

Gemma strahlte. „Ich habe einen Computer zu Hause.“ Den hatte Jason ihr überlassen, aber sie hatte ihn nie eingeschaltet.

„Können Sie mit Tabellenkalkulation, Datenbanken und Webdesign-Programmen arbeiten?“

„Äh … nein.“

„Besitzen Sie eine Lehrerlaubnis?“

„Nein.“

„Sprechen Sie eine Fremdsprache?“

„Ich hatte Spanisch … auf der Highschool.“ Was sie bloß wieder an Chev Martinez erinnerte. Por dios, der Mann hatte vielleicht einen Körper! Dummerweise fielen ihr beim besten Willen keine anderen Worte auf Spanisch ein.

Jean seufzte. „Tut mir leid, Miss Jacobs, aber wenn Sie mir nichts Konkreteres anzubieten haben, kann ich nichts für Sie tun.“

Gemma geriet in Panik. Sie wollte nicht auf Sues oder Jasons Kontakte zurückgreifen, um einen Job zu bekommen. „Es muss doch etwas geben.“

„Die meisten Jobs, die ich vermittle, sind zeitlich begrenzt und erfordern entweder spezielle Qualifikationen oder gar keine, was bedeutet, dass diese Arbeiten nicht allzu begehrt sind. Ihrem Äußeren nach zu urteilen …“

„Probieren Sie es“, unterbrach Gemma sie.

Jean schien skeptisch zu sein, tippte jedoch etwas in ihren Computer. „Etwas auf dem Gebiet der Kunst, sagten Sie?“

„Haben Sie eine freie Stelle?“

Jean nannte ihr das Kunstmuseum, das Gemma gestern wegen der Stelle der Chefsekretärin angerufen hatte. „Die suchen nach Museumsführern …“

„Nehme ich.“

Jean schürzte die Lippen. „Die Bezahlung ist nicht schlecht für eine Halbtagsstelle. Außerdem stehen die Chancen gut, dass eine Vollzeitstelle daraus wird. Können Sie gleich heute anfangen?“

„Kein Problem.“

„Gut. Hm, es gibt da allerdings einen Haken …“

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