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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 82

Bryony Taylor, Oamela Yaye, Jennifer Snow, Kate Hofmann

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 82

BRYONY TAYLOR

Meine süße Versuchung

Eishockeystar Charles Bellamy sitzt nur widerwillig in der Jury der Back-Show. Bis er die sexy Kandidatin Tammy sieht. Schon bald verfällt er ihrem Charme. Aber will sie wirklich ihn oder nur seinen Ruhm?

OAMELA YAYE

Sinnliche Nächte in Miami

Sie braucht nur sein Geld für ihre Stiftung. Doch dann verliebt Haley sich in Millionenerbe Ashton Rollins. In seinen Armen verbringt sie sinnliche Stunden. Bis sie sein dunkles Geheimnis erfährt …

JENNIFER SNOW

Hochzeit mit Nebenwirkungen

Scott Dillon muss die Hochzeit seines Bruders unbedingt verhindern! Doch damit würde er die Karriere von Hochzeitsplanerin Kate zerstören. Und seine Chance, diese umwerfende Frau für sich zu gewinnen …

KATE HOFMANN

Du weckst die Leidenschaft in mir

„Ich will sie küssen!“ Das schießt Jack durch den Kopf, als er die sexy Fremde am Flughafen sieht. Dann trifft er Mia unverhofft wieder – und kann sein Glück nicht fassen. Bis er erfährt, wer sie ist …

Meine süße Versuchung

PROLOG

Blogeintrag VeganFairy.Foodblog.com

OMG, OMG, OMG …!

Meine lieben Cupcakes, ihr werdet niemals erraten, was mir passiert ist! Könnt ihr auch gar nicht – ich wäre selbst im Traum nicht darauf gekommen. Also, haltet euch fest: Eure VeganFairy wird bei der kommenden Staffel von Cake Wars teilnehmen.

Was, ihr wisst nicht, was das ist? Dann will ich euch mal kurz ins Bild setzen. Cake Wars ist eine Art Castingshow für Bäcker und Konditoren, die – wie sollte es anders sein – über den großen Teich zu uns herübergeschwappt kam.

Der Wettbewerb geht über insgesamt sechs Shows, von denen fünf aufgezeichnet werden und die sechste live ausgestrahlt wird. Insgesamt elf Kandidaten erhalten die Chance, ihr Können zu beweisen. In den ersten beiden Shows fliegen je drei Kandidaten raus. Von den restlichen sechs dann jeweils einer, bis im Finale am Ende noch die letzten drei übrigbleiben.

Dem Gewinner winkt ein eigenes Café und die tatkräftige Unterstützung der Juryvorsitzenden Phyllis Hunter!

Sagt ehrlich, ist das nicht abgefahren? Ich kann’s noch immer kaum glauben! Wer bin ich denn schon? Okay, meine Videos haben schon einige Klicks, aber dass so etwas bei einer großen Produktion wie Cake Wars jemandem auffallen würde … Nein, niemals hätte ich das für möglich gehalten. Und als ich letzte Woche eine E-Mail von KTV in meinem Postfach vorfand, hielt ich das zuerst für einen dummen Scherz. War es aber nicht. Ganz und gar nicht.

Anscheinend ist jemand aus dem Produktionsteam ein Fan. Tja, liebe Cupcakes, so ist das im Leben manchmal: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Jedenfalls freu ich mich total. Vor allem, da ich bereits etwas von einem neuen Juror habe läuten hören.

Na ja, gut, ihr habt recht, ich weiß schon mehr. Aber ich darf’s noch nicht verraten. Ist ein supergroßes Mega-Geheimnis, aber ich kann euch versichern, ihr werdet begeistert sein.

Ich war es jedenfalls. Dass ich mal mit einem meiner absoluten Idole in einer Fernsehshow auftreten würde … Wow, ich bin immer noch total durch den Wind. Aber jetzt erstmal genug davon. Kommen wir zu dem Rezept für die köstlichen Petit Fours, das ich letzte Woche schon angekündigt habe …

Tammy Meriwhether lehnte sich auf dem Bürostuhl in ihrem Homeoffice zurück und starrte den Bildschirm an. Eine Weile lang tat sie einfach nur das. Sie saß da und schaute zu, wie der Cursor am Ende ihres jüngsten Blogeintrags langsam blinkte. Dann griff sie nach der Maus und schloss das Dokument.

Was dahinter zum Vorschein kam, hatte nichts mit Desserts und Backen – ihren geliebten Steckenpferden – zu tun. Nun, ein bisschen vielleicht schon. Jetzt, wo …

Sie biss sich auf die Unterlippe und fuhr mit der Hand unter ihren Hosenbund. Der Mann, der auf dem Foto abgebildet war, schaffte es jedes Mal aufs Neue, sie anzumachen. Sie musste ihn nur ansehen, und schon fing es zwischen ihren Schenkeln an zu pochen.

Auch dieses Mal enttäuschte er sie nicht.

Sein Haar war so hell, dass es schon fast silbern schimmerte, die Augen von einem so tiefen Blau, dass man das Gefühl hatte, darin zu versinken. Um seine schmalen Lippen spielte stets ein herausfordernd wirkendes Lächeln, das ihre Knie ganz weich werden ließ. Seine Nase war nicht ganz gerade, was daran lag, dass sie in den fünf Saisons, die er nun schon bei den Penguins unter Vertrag stand, insgesamt dreimal gebrochen worden war. Doch in Tammys Augen tat das seiner Attraktivität keinen Abbruch.

Ganz im Gegenteil sogar.

Charles Bellamy war ein echter Mann. Und, verdammt, das turnte sie einfach nur an.

Nicht nur das, wohlgemerkt.

Sie ließ ihren Blick (und ihre Hand) langsam weiter nach unten wandern. In voller Hockeymontur konnte man die Körper der Sportler nur erahnen. Doch dieses Bild zeigte ihn nach dem Training, in einem eng anliegenden Shirt, das Haar tropfnass vom Duschen und …

Sie schloss die Augen und schob die Hand zwischen ihre Schenkel, wobei sie sich vorzustellen versuchte, dass es Bellamys große, raue Hand war, die sie dort berührte, wo sie es sich am allermeisten ersehnte.

Es klappte nicht ganz – der Mann hatte bestimmt riesige Hände, Tammys dagegen waren eher zierlich –, doch es musste reichen. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und berührte mit der anderen Hand ihre Brust, deren Nippel sich unter ihren Fingerspitzen aufrichteten.

Ein leises Seufzen entwich ihrer Kehle. Sie lehnte sich weiter zurück, während das Pulsieren zwischen ihren Schenkeln immer stärker wurde. Wärme breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Ein Beben durchzuckte sie, als sie die Finger unter den glatten Stoff ihres Satinslips schob. Ihr stockte der Atem. Vor ihrem inneren Auge sah sie Charles Bellamy, der sie mit seinem eisblauen Blick musterte. Fixierte. Sie konnte ein Stöhnen nicht zurückhalten, als ihre Fingerspitzen weiter in die feuchte Wärme vorstießen. Sie streiften die verborgene Perle am Zentrum ihrer Weiblichkeit, und Tammy bäumte sich auf, während ihre Muskeln zuckten und bebten.

„Charles!“

Sie stieß seinen Namen hervor, ehe ihr richtig klar geworden war, was sie tat. Und dann wurde sie von einem so heftigen Höhepunkt geschüttelt, dass ihr für einen kurzen Moment lang schwarz vor Augen wurde.

Schweratmend sackte sie auf ihrem Stuhl zusammen. Ihre Glieder waren bleischwer und von einer wohligen Wärme erfüllt. Ihr Puls brauchte eine Weile, um sich zu beruhigen, und schließlich setzte auch ihr Verstand wieder ein.

Sie unterdrückte ein erneutes Stöhnen – dieses Mal jedoch nicht vor Lust, sondern vielmehr vor Scham.

Rasch schloss die das Fenster mit dem Bild von Charles Bellamy. Es war nicht das erste Mal, dass ihr so etwas passierte. Doch jedes Mal war es ihr hinterher irgendwie peinlich.

Sie war doch kein pubertierendes Mädchen mehr, das es sich vor einem Poster seines Stars selbst machte! Mit dreiundzwanzig war sie zu alt, um solchen Träumereien nachzuhängen. Ja, aus dem Alter war sie nun wirklich heraus.

Außerdem waren Schwärmereien für Stars von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil man dem Objekt seiner Begierde sowieso niemals begegnete.

Nun, normalerweise jedenfalls. Allerdings lagen in Tammys Fall die Dinge plötzlich ein wenig anders. Denn Eishockeystar Charles Bellamy sah nicht nur rattenscharf aus, sondern war auch ein echter Feinschmecker. Anders ließ es sich nicht erklären, dass er als neues Jurymitglied für die kommende Staffel von Cake Wars verpflichtet worden war.

Derselben Staffel, in der auch Tammy mit von der Partie sein würde. Was bedeutete, dass sie Charles Bellamy schon bald höchstpersönlich und in Lebensgröße gegenüberstehen würde.

Sie war allein, daher bemühte sie sich nicht einmal, ein kurzes Fangirl-Kreischen zu unterdrücken.

Charles Bellamy.

Sie fragte sich, ob er in natura genauso gut aussah wie auf den Fotos, die sie so oft … nun ja, den Fotos eben.

Und ob er nett war.

Bestimmt.

Jemand, der so sehr im Licht der Öffentlichkeit stand wie er, musste doch einfach nett sein – oder?

1. KAPITEL

„Verdammte Scheiße, nein, mit dem Hemd sehe ich aus wie Ernie aus der Sesamstraße! Ist mir scheißegal, ob das modern ist. Schlimm genug, dass ich mich für diese Show zum Affen machen muss – ich muss dabei nicht auch noch aussehen wie der hinterletzte Depp!“

Tammy starrte den Mann, der mitten im Fernsehstudio stand und eine Riesenwelle machte, fassungslos an. Sie musste zugeben, dass das Hemd – orange-blau mit gelben Nadelstreifen – tatsächlich nicht besonders toll aussah. Wobei er einer dieser Männer war, die durch nichts wirklich zu verunstalten waren.

Aber die Frau aus dem Kostümfundus deswegen so zur Schnecke zu machen, erschien ihr dann doch etwas übertrieben.

Und nicht besonders nett.

Sie atmete tief durch und versuchte das Flattern ihrer Nerven zu beruhigen. Als sie das Fernsehstudio vor etwas mehr als einer Stunde betreten hatte, war sie furchtbar aufgeregt gewesen. So sehr, dass sie beim Hereinkommen gleich den Schirmständer umgestoßen hatte und beinahe mit einer Assistentin zusammengeprallt wäre, die ein Tablett mit Wassergläsern balancierte.

Zum Glück war ihr gleich jemand zur Hilfe geeilt. Carter Elliot war etwa in ihrem Alter, trug Jeans mit kunstvoll arrangierten Löchern an den Knien, eine riesige Hipsterbrille und war seines Zeichens Regieassistent. Was, wie er Tammy erklärte, mehr oder weniger Mädchen für alles bedeutete.

Heute umfasste das die Aufgabe, sie mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen – und den Menschen, mit denen sie während der nächsten Wochen zusammenarbeiten würde.

Darunter befand sich auch Charles Bellamy – der gerade dabei war, nun auch die Maskenbildnerin zusammenzustauchen, die versuchte, ihm den Glanz von der Nase zu pudern. Die arme Frau stand kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Tammy ballte die Hände. Das konnte sie sich nicht ruhigen Gewissens mitansehen.

„Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt!“ Sie war losgestürzt, ehe sie sich überhaupt richtig klar darüber geworden war, was sie eigentlich vorhatte. Und ihr Mund war ebenfalls schneller als ihr Verstand – was für sie nicht wirklich ungewöhnlich war. „Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Nein, streichen Sie die Frage, Mister Bellamy, ich weiß ganz genau, wer Sie sind. Aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, andere Leute so zu behandeln. Sie mögen ja ein VIP sein, aber ich verrate Ihnen was: Auch Sie kochen nur mit Wasser. Und nun hören Sie endlich auf, sich wie eine Diva aufzuführen!“

Wow, das war’s, sagte Tammy zu sich selbst. Ihre Wangen brannten, und das Herz flatterte wie ein aufgeregter Vogel gegen ihre Rippen, doch sie stand ihre Frau und weigerte sich, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Wenn sie eines nicht ausstehen konnte, dann war es Ungerechtigkeit. Und wie Charles Bellamy sich hier benahm, war einfach nur inakzeptabel.

Er starrte sie an, ohne zu blinzeln. Im Studio, gerade noch von hektischer Betriebsamkeit erfüllt, war es plötzlich so still, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können.

Als er schließlich sprach, klang seine Stimme so eisig, dass Tammy das Gefühl hatte, von einem arktischen Wind gestreift zu werden. „Wie war das gerade?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust – halb, um ihm zu zeigen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen würde, halb als Schutzschild. „Sie haben mich schon verstanden. Nur, weil Sie vielleicht bekannt sind, müssen Sie nicht denken, dass Sie sich alles erlauben können.“

Er wandte sich an Carter, der, wie Tammy nun feststellte, staunend und mit offenem Mund neben ihr stand. „Wer, zum Teufel, ist das, Brillenschlange?“

Sie war kurz davor, angesichts dieser erneuten Beleidigung zum nächsten Rundumschlag anzusetzen, doch Carter kam ihr zuvor. „Das ist Tammy Rochester“, erklärte er. „Sie nimmt als Kandidatin an Cake Wars teil.“

„Als was genau? Als Schaumschlägerin? So wichtig, wie die sich macht, würde mich das jedenfalls nicht wundern.“

„Entschuldigen Sie mal“, entgegnete Tammy erbost. „Ich habe zufällig einen ziemlich beliebten und erfolgreichen Blog für veganes …“

Sie kam gar nicht dazu, den Satz zu beenden, denn Charles Bellamy brach in schallendes Gelächter aus. Es war nicht so ein gekünsteltes Lachen, wie man es oft hörte, sondern tief und donnernd, direkt aus dem Bauch heraus. In seinen Augenwinkeln bildeten sich sogar Tränen, so sehr amüsierte er sich.

Die Frage war nur – worüber eigentlich?

„Was bitte ist so lustig?“

Bellamy setzte zu einer Erklärung an, brachte aber erst einmal kein Wort hervor. Und obwohl sie wütend auf ihn war – so richtig wütend – konnte sie nicht umhin festzustellen, wie verflixt attraktiv er war, wenn er lachte.

Verdammt!

Irgendwann hatte er sich dann wieder so weit beruhigt, dass er zumindest einen zusammenhängenden Satz über die Lippen bekam. Hinterher wäre es Tammy allerdings lieber gewesen, er hätte einfach den Mund gehalten.

„Das hätte ich mir denken können“, sagte er. „Eine vegane Bäckerliesl!“

Okay, es gab doch mehr als eine Sache, die sie auf den Tod nicht ausstehen konnte, wie sie gerade feststellte. Und neben Ungerechtigkeit war es, als vegane Bäckerliesl tituliert zu werden.

Seit sie mit dem veganen Backen angefangen hatte, musste sie immerzu gegen Vorurteile ankämpfen. Viele Leute dachten, vegane Ernährung bestünde nur aus Körnern und Grünzeug. Dabei gab es heute eine so vielfältige Auswahl wie nie zuvor.

Doch was erwartete sie eigentlich von einem – zugegebenermaßen unverschämt anziehenden – Ignoranten wie Charles Bellamy?

Die einfache und irgendwie auch traurige Antwort auf diese Frage lautete: mehr.

Schon seit sie ein junges Mädchen gewesen war, liebte sie Eishockey. Ihr Onkel Joseph war manchmal mit ihr zu den Spielen der Lokalmannschaft gegangen, und jedes Mal war das ein riesiges Ereignis für Tammy gewesen. Sie hätte sogar selbst angefangen zu spielen. Doch ihr lieber Herr Vater hatte ihr natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Was auch sonst? Er hatte es schließlich als seine Aufgabe angesehen, ihr jede nur mögliche Freude zu verderben. Und das nur, weil sie sich nicht so einschüchtern ließ wie ihre Mutter …

Aber das Thema gehörte jetzt nicht hierher. Ihr Vater war tot und konnte sie nicht mehr schikanieren. Sie sollte sich also besser auf das sehr lebendige Exemplar Mann unmittelbar vor sich zu konzentrieren.

„Sie kennen mich doch überhaupt nicht“, entgegnete sie eisig. Sie merkte, dass alle Blicke auf sie gerichtet waren, und ihr Herz hämmerte wie verrückt. Vermutlich würde jeden Moment irgendein Verantwortlicher auftauchen und sie im hohen Bogen vor die Tür setzen. Immerhin hatte sie sich gerade mit einem der Star-Juroren angelegt. Einem Mann, der reich und berühmt (und unverschämt gutaussehend) und für eine Sendung wie Cake Wars mit Sicherheit unendlich viel wichtiger war als jemand wie Tammy. Wer war sie denn schon? Doch nur eine kleine Zuckerbäckerin, die mit bescheidenem Erfolg einen Food-Blog im Internet unterhielt.

Er begegnete ihrem Blick kühl und mit einer hochgezogenen Braue. „Stellen Sie sich vor, ich habe nicht das geringste Interesse, daran irgendetwas zu ändern.“

Bäm! Der hatte gesessen.

Vermutlich verhielt es sich wirklich so, wie man allgemein sagte, und es war tatsächlich besser, seine Idole niemals persönlich zu treffen. Tammy jedenfalls war schockiert – und auch ziemlich enttäuscht. Und was sie dabei ganz besonders ärgerte, war die Tatsache, dass sie sich trotz allem noch so stark zu ihm hingezogen fühlte.

Warum mussten es immer die Bad Boys sein, die sie so faszinierten? Die Typen, die ihre Frauen wie Dreck behandelten? Doch mit den netten Jungs von nebenan hatte sie bisher auch keine besonders guten Erfahrungen gemacht. Was einer der Gründe dafür war, dass sie beschlossen hatte, erst einmal die Finger von Männern überhaupt zu lassen.

Irgendwie hatte sie bei der Auswahl ihrer Partner wohl kein besonders glückliches Händchen.

Doch das tat jetzt alles nichts zur Sache. Sie musste versuchen, die Situation irgendwie zu retten, ohne vollkommen das Gesicht zu verlieren. Doch das war leichter gesagt als getan.

„Hören Sie“, begann sie, ohne wirklich zu wissen, wie sie den Satz weiterführen sollte. Doch das brauchte sie auch gar nicht – denn in diesem Moment hatte eine weitere Person ihren Auftritt.

Laut klatschend betrat Gordon Trelawney, der Produzent der Show, der Tammy höchst persönlich ausgewählt hatte, das Studio. „Das war ja mehr Drama als in Denver Clan und Dallas zusammen“, bemerkte er und klang dabei beinahe … ja, erfreut.

Auch Charles wirkte überrascht, so wie er den anderen Mann anstarrte. „Wie bitte?“

„Sie haben mich schon verstanden, Charles.“ Trelawney kam auf ihn zu und klopfte ihm auf die Schulter. „Hat mir wirklich gut gefallen, die Showeinlage. So was will ich in der Sendung haben. Clever, ihr zwei. Ich habe zwar keinen blassen Schimmer, wann ihr euch das ausgedacht habt, aber das bringt garantiert Quote.“

Tammy blinzelte.

Quote?

Wovon sprach der Mann da eigentlich? Glaubte Gordon Trelawney wirklich, dass Charles und sie diese ganze unschöne Szene zuvor miteinander abgesprochen hatten?

„Ich …“, setzte sie zum Sprechen an, wurde aber sofort unterbrochen.

„Das ist ja wohl der größte Blödsinn, den ich je gehört habe“, polterte Charles. „Ich dachte, ich arbeite hier mit Profis zusammen, aber diese Sendung ist nur ein riesiger Witz.“

Die Miene des Produzenten wurde steinern. „Ich glaube, ich habe mich klar ausgedrückt“, entgegnete er, ohne auf Charles’ Worte einzugehen. „Ich will diese Art von Wortgefecht in der Show haben. Es ist mir egal, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Wie Sie schon sagten, wir sind alle Profis hier – und ich erwarte von allen ein entsprechend professionelles Verhalten. Sie erinnern sich hoffentlich an den Vertrag, den wir gemacht haben.“

Tammy konnte förmlich sehen, wie Charles’ Kiefer mahlten. Sie war überrascht, dass er nicht explodierte, so wie seine Augen blitzten. Stattdessen wandte er sich ruckartig ab und stampfte davon. Das Einzige, was Tammy von ihm noch hörte, war ein gemurmeltes „Ihren Vertrag können Sie sich dahin stecken, wo die Sonne nicht scheint“, danach verschwand er durch eine seitliche Studiotür.

Carter, dessen Anwesenheit sie beinahe vergessen hatte, räusperte sich. Das Geräusch schien alle anderen daran zu erinnern, dass sie noch etwas anderes zu tun hatten als Löcher in die Luft zu starren. Die Betriebsamkeit war so schlagartig wieder zurück, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Wie es schien, war Tammy die Einzige, die sich noch von diesem Vorfall erholen musste. Sie schaute Carter an. „Ist der immer so?“

Der Produktionsassistent lachte leise. „Wenn Sie vom Chef sprechen, nein, der ist eigentlich ganz verträglich. Was Charles Bellamy betrifft … Ja, der ist in der Tat immer so. Und häufig noch viel schlimmer. Ich habe ja das große Glück, schon etwas länger mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen, weil die Juroren und das Produktionsteam gemeinsam an den letzten Details für die Show gefeilt haben. Und ich kann Ihnen sagen – mit dem Mann ist nicht gut Kirschen essen.“

Tammy pfiff zwischen den Zähnen hindurch. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte – das jedenfalls nicht. Und sie wusste auch nicht, was sie davon halten sollte. Eines stand fest: Ein Idol war dieser Charles jedenfalls nicht. Ganz und gar nicht.

„Ich weiß“, sagte Carter, so als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ich war auch erst überrascht. Als Eishockeyfan war mir Charles ‚The Raptor‘ Bellamy natürlich ein Begriff. Aber irgendwie hatte ich immer ein völlig falsches Bild von ihm. Ich dachte, er wäre … nun, ja, nett.“

Sie schauten sich an, und für einen Moment herrschte Schweigen, ehe sie beide zu lachen anfingen.

„Nein, nett ist er nun wirklich nicht“, sagte Tammy, als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten.

„Und nun? Erwartet Mr. Trelawney jetzt wirklich von mir, dass ich mich vor laufenden Kameras mit Charles Bellamy fetze?“

Carter lachte erneut. „Sorry, ich kann mir vorstellen, dass das für Sie nicht besonders lustig ist, aber …“ Er nickte. „Oh ja, genau das erwartet Mr. Trelawney jetzt von Ihnen. Er scheint davon überzeugt zu sein, dass es gut für die Sendung sein könnte. Und auch wenn er sonst eigentlich ein anständiger Kerl ist – sobald es um die Sendung geht, ist alles andere egal. Da nimmt er keine Rücksicht auf Verluste. Das hier ist das Fernsehen“, fügte er dann mit einem Schulterzucken hinzu. „Für Einschaltquoten ist man hier bereit, über Leichen zu gehen.“

Tammy fühlte sich wie ein Ballon, aus dem man alle Luft hatte entweichen lassen.

Na toll. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Prima, Tammy! Nur weil du mal wieder deine große Klappe nicht halten konntest, steckst du jetzt in der Klemme!

„Ach, übrigens.“ Carter wirkte jetzt sehr ernst. „Ich fand es richtig cool, wie Sie sich für die beiden Mädels eingesetzt haben. Die meisten hier finden es nämlich nicht gut, wie Bellamy mit anderen Leuten umspringt. Nur hat sich bisher leider keiner getraut, ihm mal so richtig den Marsch zu blasen.“

Irgendwie wunderte es Tammy nicht, dass ihr Verstand bei dem Wort ‚blasen‘ gleich eine andere Verbindung herstellte. Jedenfalls verschwand für einen Moment das Fernsehstudio um sie herum, und sogar Carter löste sich in Luft auf, und was sie stattdessen sah, war sie selbst, auf dem Boden kniend.

Und vor sich, die Hose heruntergelassen und mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck, der sie zugleich furchtbar aufregte und antörnte, Charles Bellamy.

Sie atmete scharf ein und schob das Bild hastig beiseite. Das konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Generell schon nicht – und erst recht nicht in ihrer aktuellen Situation.

„Alles okay?“, erkundigte Carter sich und musterte sie besorgt. „Sie schienen gerade ganz weggetreten zu sein.“ Er lächelte. „Sie haben wohl jetzt erst richtig begriffen, was da vorhin eigentlich passiert ist, wie? Passiert mir auch immer. Da kann man schon ordentlich Angst vor der eigenen Courage bekommen.“

Dankbar für den Ausweg, den er ihr geboten hatte, ging sie darauf ein. Sie konnte ihm ja schlecht sagen, woran sie wirklich gedacht hatte.

„Ja“, erwiderte sie mit einem Seufzen. „Mein Mundwerk ist in der Regel schneller als mein Verstand. Und ich habe einen extrem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand andere schikaniert oder ungerecht behandelt.“

„Na, dann ist Ihr Problem ja eigentlich schon gelöst.“

Fragend schaute Tammy ihn an. „Inwiefern das?“

„Charles Bellamy wird Ihnen garantiert mehr als genug Anlass dazu geben, sich so richtig schön aufzuregen. Und auf diese Weise schlagen Sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie erfüllen die Forderung von Mr. Trelawney, und Sie bringen diesem unverschämten Trampel von einem Eishockeystar endlich mal Manieren bei. Die Leute werden Sie lieben, das garantiere ich Ihnen.“

Tammy schüttelte den Kopf. Ob die Leute sie noch immer lieben würden, wenn sie wüssten, was sie in ihren Träumen mit Charles Bellamy anstellte?

2. KAPITEL

„Du bist also die, die Bellamy so richtig schön die Meinung gesagt hat, ja?“

Tammy unterdrückte ein Stöhnen, als sie beim Betreten des Aufenthaltsraumes für die Teilnehmer an Cake Wars gleich mit diesen Worten von einer ihrer Konkurrentinnen in Empfang genommen wurde.

Offenbar eilte ihr Ruf ihr bereits voraus.

Wie wunderbar.

„Tammy“, stellte sie sich vor und streckte der anderen Frau die Hand entgegen. „Und eigentlich bin ich hier, um zu zeigen, dass veganes Backen nicht so verstaubt und langweilig ist, wie die meisten Leute vermuten. Aber ja, ich fürchte, ich bin die, die du meinst …“

„Alicia“, entgegnete sie und schüttelte Tammys Hand enthusiastisch. „Alicia Smith. Und du bist von jetzt an mein Idol. Ehrlich, wer es schafft, einen Zusammenstoß mit Charles Bellamy zu überleben, und dann auch noch als Sieger daraus hervorzugehen, verdient meinen Respekt.“

„Wie eine Siegerin kam ich mir allerdings nicht gerade vor.“ Tammy schüttelte den Kopf. „Und vermutlich war es auch nicht gerade besonders clever, sich schon vor Beginn der Sendung mit einem der Juroren anzulegen.“

„Clever vielleicht nicht, aber heldenhaft. Und außerdem ist Charles Bellamy nur einer der drei Starjuroren. Jeder weiß doch, dass in Wirklichkeit Phyllis Hunter in der Jury die Entscheidungen trifft. Die Frau ist ein echtes Backgenie, die beiden anderen sind nur Dekoration.“

Tammy zuckte mit den Achseln. Es stimmte schon, dass Phyllis Hunter das einzige Jurymitglied war, das professionell etwas mit Backen zu tun hatte. Ihr gehörte eine weltweit extrem erfolgreiche Kette von Konditoreien, in denen ausschließlich Cupcakes verkauft wurden. Sie war schon bei der Originalsendung aus den USA mit dabei gewesen. Aber das bedeutete nicht, dass die anderen keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Jury hatten.

Jedenfalls fiel es Tammy schwer, sich vorzustellen, dass sich Charles Bellamy von irgendjemandem so einfach das Ruder aus der Hand nehmen ließ. Noch dazu von einer Frau.

Überhaupt wunderte es sie ein bisschen, dass Bellamy an einer Sendung wie dieser teilnahm. Sicher, sie wusste aus Interviews und dergleichen, dass er gerne kochte und backte. Aber von da aus war es doch noch ein gewaltiger Sprung bis zur Teilnahme an einer Backshow.

„Wir werden sehen“, sagte Tammy diplomatisch.

Sie ließ ihren Blick durch den Aufenthaltsraum schweifen. Nicht, dass es da besonders viel zu schweifen gab, denn es handelte sich um eine bessere Besenkammer. Zwei Tische und ein Dutzend Plastikstühle, die aussahen, als würden sie zusammenbrechen, wenn man sie nur schief ansah. Seltsam, irgendwie hatte sie vom Fernsehen mehr erwartet. Aber eigentlich war es gar nicht so überraschend. Alles Geld ging dafür drauf, den schönen Schein für die Leute vor der Mattscheibe zu erzeugen. Was sich hinter den Kulissen abspielte, musste weder schön noch komfortabel sein. Sparen lautete hier augenscheinlich die Devise.

Nun, jedenfalls für so kleine Lichter wie sie und ihre Konkurrenten. Jemandem wie Charles Bellamy stand mit Sicherheit die Luxusausführung zur Verfügung.

Aber warum fing sie jetzt schon wieder mit Charles Bellamy an?

„Du backst also vegan?“, fragte Alicia, und ihre goldenen Locken hüpften auf und ab. „Das ist ja wahnsinnig interessant. Ich hab mich auch schon mal an veganen Törtchen versucht, aber irgendwie war das Ergebnis … fad.“

Wie sie das sagte, klang es nicht wie die üblichen Seitenhiebe, die sie sich sonst meistens anhören konnte, wenn das Thema Vegan zur Sprache kam. Alicia wirkte ehrlich interessiert, und das überraschte Tammy, denn sie hatte von ihrer Konkurrenz bei Cake Wars ein völlig anderes Verhalten erwartet.

Eher so was wie hinterrücks einen Dolch zwischen die Rippen gestoßen zu bekommen.

Doch wie sich herausstellte, waren auch die anderen Teilnehmer recht nett. Oder zumindest taten sie so. Das konnte man mitunter ja nicht sofort unterscheiden. Man schien sich aber jedenfalls einig zu sein, dass Tammys Auseinandersetzung mit Charles Bellamy ziemlich beeindruckend gewesen war.

Natürlich gab es auch eine Kandidatin, die Tammy mit hochgezogener Braue musterte und sich aus der Unterhaltung heraushielt. Doch im Großen und Ganzen waren alle sehr nett zu ihr, und ein wenig von dem Unbehagen, das sie seit dem Betreten des Fernsehstudios fest umfangen gehalten hatte, fiel von ihr ab.

Vielleicht würde Cake Wars am Ende sogar zu einer richtig schönen Erfahrung für sie werden. Sie wollte jedenfalls versuchen, der Sache so viel wie möglich Gutes abzugewinnen. Die Vorstellung, dass sie sich bald vor einem Millionenpublikum mit Charles Bellamy herumstreiten sollte, machte das allerdings schwierig. Einzig die Tatsache, dass es ihm ebenso wenig zu gefallen schien wie ihr, versöhnte sie wieder ein bisschen mit der Aussicht.

Sollte sie jetzt, wo alle ein bisschen Gelegenheit hatten, sich zu beruhigen, noch mal das Gespräch mit ihm suchen? Vielleicht hatte sie ihn einfach nur in einem schlechten Moment erwischt, und er war eigentlich ganz verträglich. Carter hatte ihr in der Hinsicht zwar nicht gerade viele Hoffnungen gemacht, doch sie beschloss, ihr Glück trotzdem zu versuchen.

Sie steckten immerhin jetzt in einem Boot. War es da nicht nur logisch, dass man sich zusammentat und versuchte, die ganze Sache mit so viel Anstand wie möglich über die Bühne zu bringen?

Es fanden noch ein paar Proben statt, bei denen die Teilnehmer der Show vor allem im Studio vor Kulissen herumstehen mussten. Wozu genau diese Prozedur diente, war Tammy ein Rätsel. Und sie musste dabei außerdem feststellen, dass die Scheinwerfer, mit denen sie angestrahlt wurden, nicht nur um einiges heller, sondern auch sehr viel heißer waren, als sie erwartet hatte. Nach zwei Stunden hatte sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich die Scones, die sie heute Morgen gebacken hatte, im Ofen gefühlt haben mussten.

Die Visagistin hatte nicht übertrieben, als sie das Make-up, mit dem sie alle vorbereitet worden waren, als wasserfest bezeichnete. Ihr Gesicht fühlte sich an, als würde es kochen, doch kein Schweißtropfen drang an die Oberfläche.

Als endlich – es war schon halb neun – verkündet wurde, dass sie Feierabend machen konnten, wirkten alle erleichtert.

Alicia kam auf sie zu. „Hey, ein paar von uns wollen in einem Pub an der Southbank noch was trinken gehen. Hast du Lust mitzukommen?“

An jedem anderen Abend hätte Tammy sicher zugesagt, doch heute hatte sie noch etwas anderes vor. „Morgen vielleicht“, sagte sie. „Ich muss unbedingt noch etwas Dringendes erledigen.“

Alicia nickte. „Na, dann viel Erfolg bei deiner Erledigung.“

Tammy wartete, bis die anderen Kandidaten gegangen waren. Sie kam sich irgendwie vor wie ein Dieb in der Nacht, als sie daraufhin wieder ins Studio zurückkehrte.

Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, doch es überraschte sie, das Studio bereits verwaist vorzufinden. Die großen Scheinwerfer waren ausgeschaltet, und die Halle wurde nur noch von einer schwachen Notbeleuchtung erhellt, die vermutlich dazu dienen sollte, dass niemand im Dunkeln über eine Kabeltrommel stolperte und sich den Hals brach.

„Hallo?“, rief sie und kam sich selbst blöd dabei vor. Wie war sie nur auf die Idee gekommen, dass Charles Bellamy noch hier sein würde? Vermutlich, weil er auch immer einer der Letzten war, die nach einem Spiel das Eis verließen. Aber das hier war keine Eishockeyarena, und diese ganze Fernsehsache, daran musste sie sich erinnern, war für ihn ebenso neu wie für sie.

Sicher, er war daran gewöhnt, vor Kameras zu agieren. Sie verfolgten ihn, während er spielte, und waren bei Interviews auf ihn gerichtet. Durch ihre Videoblogs besaß auch Tammy eine gewisse Erfahrung. Doch eine richtige Fernsehshow war für sie beide Neuland. Vielleicht war er auch deshalb so ekelhaft zu den Studiomitarbeitern gewesen. Das entschuldigte sein Verhalten zwar nicht, erklärte es aber möglicherweise ein wenig.

Tammy trat in das Halbdunkel des Studios hinein. Es gab mehrere verschiedene Kulissen mit Küchen, von denen jede in einem anderen Stil gebaut war. Die moderne Designerküche stand neben der gemütlichen Cottageküche. Es gab eine Sechziger-Jahre-Küche mit glänzenden Resopaloberflächen und sogar eine im Design einer mittelalterlichen Schlossküche. Was die Geräte betraf, befanden sich aber alle auf demselben Standard. Immerhin sollte es bei der Show ja fair zugehen und jeder Kandidat dieselben Chancen haben.

Gedankenverloren strich Tammy mit den Fingern über den kühlen Edelstahl einer Arbeitsfläche. Küchen waren ihr Element. Der Ort, an dem sie sich schon immer am meisten zuhause gefühlt hatte, auch wenn sie von Beruf Kindergärtnerin geworden war.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Als sie sie wieder öffnete, spürte sie sofort, dass sie nicht mehr allein war.

Hastig wirbelte sie herum und atmete scharf ein, als sie sich einer großen, düsteren Gestalt gegenübersah.

Das Herz hämmerte ihr wie wild gegen die Rippen. Da half es auch nichts, dass sie die Gestalt auf den zweiten Blick erkannte.

Eher im Gegenteil.

„Na wen haben wir denn da? Was schleichst du hier im Dunkeln herum, Bäckerliesl?“, erklang Charles Bellamys dunkle Stimme, und Tammy konnte nichts, aber auch gar nichts gegen den wohligen Schauer tun, der ihr über den Rücken rieselte. Ebenso wenig wie sie verhindern konnte, dass der spöttische Spitzname, den er ihr gegeben hatte, ihr Blut zum Kochen brachte.

„Erstens geht Sie das nichts an, und zweitens würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie aufhören könnten, mir lächerliche Namen zu geben.“

Er grinste. „Du meinst Bäckerliesl? Ich finde, der Name passt irgendwie zu dir. Veganes Backen, dieser Ökofummel und die ausgelatschten Treter – fehlt nur noch so eine Riesenbrille, wie Vierauge sie trägt.“

Wolltest du nicht eigentlich ein vernünftiges Gespräch mit Charles Bellamy führen, Tammy? Und sah dein Plan nicht vor, dass ihr alle Unstimmigkeiten aus der Welt räumt und gemeinsam einen Weg findet, mit der Situation umzugehen?

Vergiss den Plan!

„Sie unverschämter, sexistischer, selbstverliebter …“

„Ganz schön feurig“, fiel er ihr ins Wort und nickte dabei anerkennend. „Irgendwie gefällt mir das.“

„Das Allerletzte, was ich auf der Welt will, ist, Ihnen zu gefallen, Mr. Bellamy! Ich weiß nicht, ob Sie es bisher noch nicht gemerkt haben oder ob es Ihnen einfach nur völlig egal ist, aber jeder hier hasst Sie. Wie Sie mit den Leuten umspringen, ist wirklich schlimm. Vielleicht täte es Ihnen mal ganz gut, in den Spiegel zu sehen und sich zu fragen, warum Sie das eigentlich machen. Aber mir sind Ihre Gründe eigentlich auch egal. Gott, ich kann gar nicht fassen, dass Sie mal sowas wie mein Idol waren! Ich …“

Sie stockte. Oh nein, was hatte sie da schon wieder gesagt? Am liebsten hätte sie sich die Zunge abgebissen. Konnte sie denn nicht einmal ihren Mund halten? Nur ein einziges Mal einfach gar nichts sagen?

„Moment mal, ich war Ihr Idol?“ Er hob eine Braue. „Na, das sind ja interessante Neuigkeiten.“

„Als Eishockeyspieler“, fauchte Tammy. „Und auch nur, weil ich keine Ahnung hatte, was für ein Mensch Sie wirklich sind.“

Er machte einen Schritt auf sie zu, und Tammy wich wie von selbst zurück. Weit kam sie allerdings nicht, denn sie stieß mit dem Rücken gegen den Rand der Arbeitsplatte der Sechziger-Jahre-Küche.

Normalerweise hatte Tammy keine Probleme mit ihrer Größe. Sicher, mit ihren einsachtundfünfzig war sie nicht gerade eine Riesin, aber das störte sie eigentlich nicht.

Normalerweise.

Gezwungen zu sein, zu Charles Bellamy aufzublicken, der einen Meter neunzig maß und sie damit um mehr als dreißig Zentimeter überragte, gefiel ihr jedoch ganz und gar nicht.

Denn genau so fühlte es sich auch an – als würde er drohend über ihr aufragen. Und die Reaktionen, die es in ihr auslöste, hätten widersprüchlicher kaum sein können.

Ein Teil von ihr wollte einfach nur die Flucht ergreifen, während ein anderer sich von seiner körperlichen Überlegenheit unglaublich angezogen fühlte.

Diese Seite von ihr war ihr nicht unbekannt, doch es war lange her, dass sie sich mit solcher Macht gemeldet hatte. Es war, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen, und sie würde fallen, fallen, fallen … Das klang unangenehm, war es aber nicht, zumindest nicht vollkommen. Natürlich jagte es ihr Angst ein. Aber es gab ihr auch ein Gefühl von Sicherheit. Denn sie spürte, dass es da jemanden gab, der sie wieder auffangen würde, ganz gleich, wie tief sie auch fiel.

Und dieser Jemand war Charles Bellamy.

Moment mal! Hatte sie jetzt vollkommen den Verstand verloren? Charles Bellamy war ein echtes Ekelpaket. Wie kam sie auf den Gedanken, ihm vertrauen zu können?

Vielleicht war ihr letzter Orgasmus wirklich schon zu lang her, und ihre Hormone spielten verrückt. Sie sollte sich am besten, wenn sie nachher nach Hause kam, mal wieder ihre Fotosammlung von Charles Bell…

Erschrocken über sich selbst atmete sie scharf ein.

Nein!

Und er blickte noch immer auf sie herab, der Ausdruck in seinen Augen wissend, so als könnte er ihre Gedanken lesen. Was natürlich blanker Unsinn war.

Hoffentlich.

„Möchten Sie vielleicht ein Autogramm?“

Tammys Augen wurden schmal. „Ob ich …? Nein, zum Teufel, haben Sie mir überhaupt zugehört?“

„Nicht mehr, seit Sie gesagt haben, dass ich Ihr Idol bin. War auch nicht nötig – Ihre Gedanken sind ziemlich laut, wissen Sie?“

Defensiv verschränkte sie die Arme vor der Brust. Oder vielleicht auch schützend. Sie wusste es selbst nicht mehr so genau. „Ach ja, und was denke ich jetzt gerade?“

„Sie stellen sich vor, wie es wohl wäre, mich zu küssen.“

Verdammt.

Bis zu diesem Moment war es ihr gelungen, genau dieses Bild aus ihren Gedanken herauszuhalten. Doch jetzt brach es regelrecht hervor, und Tammy war beinahe dankbar für die Arbeitsplatte in ihrem Rücken, gab sie ihr doch ein bisschen dringend benötigte Stabilität.

„Ich habe gar nichts dergleichen gedacht“, flunkerte sie. „Aber Sie glauben vermutlich, dass Sie nur mit dem Finger zu schnippen brauchen, damit Ihnen alle Frauen zu Füßen liegen.“

„Nein“, entgegnete er und schüttelte langsam den Kopf. „Nicht alle Frauen. Nur Sie.“

Charles Malcom Bellamy, was zur Hölle …?

Seit er vor genau vier Wochen zum ersten Mal einen Fuß in dieses verdammte Studio gesetzt hatte, traf er eine bedauernswerte Entscheidung nach der anderen. Und er meinte damit nicht, dass er sich in der Kantine statt für Spagetti Bolognese für den Shepard’s Pie entschieden und seitdem den ganzen restlichen Tag mit Sodbrennen zu kämpfen hatte.

Nein, das war rückblickend zwar mit Sicherheit ein Fehler gewesen, aber den hatten ein paar Brausetabletten aus der Welt schaffen können. Ein paar andere Dinge, wie zum Beispiel sein Verhalten den Studioangestellten gegenüber, wogen da viel schwerer. Diese Leute waren schließlich nicht für den Schlamassel verantwortlich, in dem er steckte. Das Problem war nur, dass er die wahre Schuldige nicht in die Finger bekam, und das machte ihn einfach verrückt.

So frustriert wie in letzter Zeit war er schon lange nicht mehr gewesen. Und es bekam ihm nicht. Es bekam ihm ganz und gar nicht.

Davon abgesehen, dass Frust ihn unausstehlich werden ließ, machte er ihn außerdem … Verdammt, er machte ihn geil.

Und zwar so sehr, dass er sich die Kleine vor sich einfach packen und besinnungslos küssen wollte. Was er natürlich nicht tun würde. Er hatte es nicht nötig, sich irgendjemandem aufzuzwingen. Vermutlich wartete am Hinterausgang des Studios schon ein gutes Dutzend Groupies darauf, von ihm vernascht zu werden.

Schön, vielleicht auch nicht.

Vor ein paar Jahren vielleicht, als er noch der junge, aufstrebende Stern am Eishockeyhimmel gewesen war. Nicht etwa, dass er sich jetzt als alt bezeichnen würde. Nein. Aber er saß nun schon seit mehreren Monaten aufgrund einer Fußverletzung auf der Ersatzbank und konnte nicht spielen. Etwas, das ihn nicht nur endlos frustrierte, sondern auch seinen Marktwert erheblich schwächte. Vielleicht war er deshalb auch so bereitwillig darauf eingestiegen, als Rebecca Willis, die Promotion-Assistentin seines Clubs, ihm schöne Augen gemacht hatte.

Natürlich hatte er gewusst, dass sie dafür zuständig war, die Spieler des Teams mit möglichst vielen einträglichen Werbeverträgen und Sponsorings zu versorgen. Deshalb hatte er sich auch nichts dabei gedacht, den Vertrag zu unterzeichnen, den sie ihm bei einem romantischen Abendessen mit Kerzenschein über den Tisch geschoben hatte. Ihr lasziver Augenaufschlag hatte ihn einfach jede Vorsicht vergessen lassen. Das Einzige, woran er in diesem Moment hatte denken können, war, wie er wohl am schnellsten das Dinner beenden und sie in sein Bett bekommen konnte.

Auf den Gedanken, das Kleingedruckte zu lesen, war er erst sehr viel später gekommen. Beschämend viel später, wie er sich eingestehen musste. Eigentlich erst, als die Leute von der Produktionsfirma anriefen, um die Details der Vereinbarung mit ihm durchzugehen, dämmerte ihm langsam, was er da unterzeichnet hatte. Und das war die eine zugegebenermaßen ziemlich heiße Nacht mit Rebecca keinesfalls wert gewesen.

Normalerweise war Charles derjenige, der sich nach einem solchen Tête-à-Tête rarmachte, nicht seine jeweilige Bettgefährtin. So etwas wie Liebe existierte in seinem Weltbild nicht – er brauchte nur seine Familie anzusehen, um das zu wissen –, weshalb er gar nicht erst zuließ, dass irgendwelche Gefühle aufkamen. Im Grunde tat er den Frauen damit einen Gefallen. Sie hatten allerdings manchmal Mühe, das auch so zu sehen.

In diesem Fall war es aber Rebecca gewesen, die plötzlich nicht mehr zu erreichen gewesen war. Und zwar aus verflixt gutem Grund. Sie hatte sich sicher denken können, dass er nicht begeistert über die Vereinbarung war, die er blind unterschrieben hatte.

Obwohl er, wenn er ganz ehrlich war, eigentlich nur sich selbst einen Vorwurf machen konnte. Wenn er statt seinen Kopf einzuschalten nur mit seinem Schwanz dachte, war das ganz allein sein Problem …

Apropos – das Mit-dem-Schwanz-Denken war so ein Problem, mit dem er öfter zu kämpfen hatte. So auch jetzt wieder, wo diese unmögliche Person vor ihm stand und ihn anfunkelte, so als hätte er irgendein Kapitalverbrechen begangen.

Dabei hatte er doch nur das Offensichtliche ausgesprochen. Denn ihm war nicht entgangen, wie sie ihn ansah, wenn sie glaubte, dass er es nicht mitbekam.

Charles war an solche Blicke gewöhnt. Mehr noch, er war darauf getunt, sie zu bemerken. Und diese Tammy stand auf ihn, das war so sicher wie sonst was. Sie war anscheinend nur noch nicht bereit, sich die Wahrheit selbst einzugestehen.

Nicht, dass das für ihn einen großartigen Unterschied machte. Er war nicht interessiert. Ganz und gar nicht. Diese Tammy war überhaupt nicht sein Typ. Er mochte Frauen, die sich sexy kleideten und mit ihren Reizen spielten. Für solche, die mit fettigen Haaren, ungeschminkt und in Joggingklamotten durch die Gegend liefen, hatte er noch nie Verständnis aufbringen können. Es waren dann zumeist auch genau die, die lauthals herumjammerten, dass sie nie ein Mann auch nur eines Blickes würdigte. Warum sollten sie denn auch, wenn sich das Gegenüber so offensichtlich keine Mühe dabei gab, dem Auge etwas zu bieten?

Natürliche Schönheit kommt von innen, war dann so ein Kommentar, der gerne benutzt wurde, um sich herauszureden. Das mochte alles sein, aber schlabbrige Klamotten vom Discounter um die Ecke waren mehr als in der Lage, diese innere Schönheit zu überdecken.

Nun war es nicht so, dass die Bäckerliesl im Ökooutfit und ungeduscht beim Sender aufgeschlagen war. Dazu war sie vermutlich einfach zu clever. Doch wirklich anturnend fand Charles das dunkle Businesskostüm, das mit einer biederen weißen Bluse kombiniert war, jetzt auch nicht.

Vielleicht ohne die Bluse, überlegte er. Den Blazer zugeknöpft, sodass man einen schönen tiefen V-Ausschnitt zu sehen bekam …

Was sich unter der Bluse befand, schien ja durchaus ansehnlich zu sein, soweit er das durch den Baumwollstoff beurteilen konnte. Er würde wohl nie verstehen, warum Frauen, die etwas zu bieten hatten, es so häufig vorzogen, sich hinter einem Schutzwall aus Kleidungsstücken zu verstecken.

Egal.

Die Bäckerliesl war nicht sein Fall, und damit hatte es sich.

Warum er dann aber das heftige Verlangen verspürte, ihr das Haar, das sich aus ihrem prüden Zopf gelöst hatte, hinters Ohr zurückzustreichen, konnte er sich selbst nicht wirklich erklären.

„Ich habe mir keineswegs vorgestellt, wie es wäre, Sie zu küssen“, sagte sie plötzlich, und Charles brauchte einen Moment, um sich vor Augen zu rufen, wovon sie da eigentlich sprach.

Ach ja, richtig, sie hatten ja so etwas wie eine Unterhaltung geführt, bevor er mit den Gedanken vollkommen abgeschweift war.

Er setzte sein gewinnendstes Lächeln auf, das zugleich das war, von dem er hoffte, dass es sie am meisten auf die Palme bringen würde. „Tja, das glaube ich aber doch. Und nichts, was Sie sagen, wird mich vom Gegenteil überzeugen. Sie stehen auf mich, so einfach ist das.“

Sie lachte hell auf, doch es klang einen Deut zu schrill. Zu bemüht.

Aha.

Er hatte also geradewegs ins Schwarze getroffen. Oder es zumindest gestreift. Großer Gott, war sie etwa tatsächlich ein Fan?

„Ich stehe keinesfalls auf Sie“, entgegnete sie, doch sie wich, während sie es sagte, seinem Blick aus.

Wenn er es vorher noch nicht gewusst hatte, so war dies der letzte Beweis, den er noch gebraucht hatte. Und irgendwie … Ja, verdammt, irgendwie törnte ihn der Gedanke an.

Was zur Hölle war nur mit ihm los? Er war doch sonst nicht seine Art, sich so einfach so von seinen niederen Instinkten mitreißen zu lassen. Doch tatsächlich war er es, der sich gerade in diesem Augenblick vorstellte, wie es sich wohl anfühlen würde, sie zu küssen.

„Ganz sicher?“

„Absolut sicher.“ Sie funkelte ihn an. „Sie lassen mich vollkommen kalt, Mr. Bellamy. Ich wette, Sie halten sich für unwiderstehlich. Aber selbst wenn Sie der letzte Mann auf Erden wären, würde ich Sie nicht küssen wollen. Ich finde Ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber nämlich ehrlich gesagt widerwärtig.“

Sie nahm wirklich kein Blatt vor den Mund, das musste er ihr lassen. Und es war sexy. Ja, verdammt, das war es wirklich.

Diese Frau hatte etwas an sich, das ihn geradezu magnetisch anzog.

Und genau diese magnetische Anziehungskraft war auch schuld daran, dass er sich plötzlich unmittelbar in ihrer Nähe widerfand, seine Hände zu beiden Seiten von ihr auf die Küchenarbeitsplatte abgestützt.

Aus dieser Perspektive wirkten ihre dunklen Augen riesig, ihre Züge im sanften Schein der Studio-Notbeleuchtung weich und lieblich. Und ihre Lippen …

Er schluckte hart. Diese Lippen waren Sünde pur. Sie schimmerten leicht, und als sie nun nervös mit der Zunge darüberfuhr, war er einen Moment lang wie hypnotisiert.

„Was tun Sie?“, stieß sie heiser hervor.

Nein, heiser traf es nicht ganz. Es war … rauchig. Erotisch. Tat sie das absichtlich? Versuchte sie, ihn zu verführen?

Aber nein, das ergab doch gar keinen Sinn! Wenn man jemanden verführen wollte, schoss man nicht mit verbalen Giftpfeilen nach dem Objekt der Begierde. Ihre spitze Zunge und die leichte Glasigkeit ihrer Augen sagten zwei völlig unterschiedliche Dinge aus.

Sie wollte ihn sehr wohl. Sie sträubte sich lediglich dagegen. So, wie auch er es eigentlich tun sollte.

Aber warum eigentlich? Warum nicht einfach mal etwas tun, ohne lange zu überlegen. Wann hatte er das letzte Mal etwas wirklich Spontanes gemacht? Etwas, bei dem er sich nicht vorher eine kleine Ewigkeit Gedanken über mögliche Konsequenzen gemacht hatte?

Ach ja, richtig. Das war bei der Unterzeichnung des Vertrags für diese verflixte Show gewesen. Nicht unbedingt ein gutes Beispiel, das dafür sprach, einfach seinen Instinkten zu folgen. Doch sein Unterbewusstsein schien bereits eine Entscheidung gefällt zu haben, ehe er auch nur Gelegenheit hatte, die Sache bis zum Ende zu durchdenken.

„Na, dann lässt Sie das hier ja sicherlich auch vollkommen kalt“, sagte er, beugte sich zu ihr hinab und eroberte ihren Mund in einem leidenschaftlichen Kuss.

Einen Moment lang war sie wie zur Salzsäule erstarrt. Er konnte förmlich spüren, wie sie innerlich vor Anspannung vibrierte. Doch dann entfuhr ihr ein leises Seufzen, und sie schmolz förmlich in seinen Armen dahin.

3. KAPITEL

Tammy hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war.

Oder doch – Charles Bellamy.

Wie aus weiter Ferne hörte sie die Alarmsirenen in ihrem Kopf schrillen, doch sie waren so leicht auszublenden … Das Rauschen in ihren Ohren übertönte ohnehin alles andere.

Großer Gott, was war bloß mit ihr los? War sie krank? Auf jeden Fall war ihr unglaublich heiß. Sie bekam doch wohl hoffentlich kein Fieber?

Fast wäre sie froh über eine so einfache Erklärung gewesen. Doch was sie da fühlte, hatte mit einer harmlosen Erkältung nichts zu tun. Überhaupt – harmlos war daran überhaupt nichts.

Sie brannte lichterloh. Himmel, konnte der Mann küssen!

Ihre Knie wurden weich, als seine Zunge in ihren Mund vordrang. Sie schloss die Augen und ließ sich mit dem Rücken gegen die Küchenarbeitsplatte sinken.

Flüssiges Feuer pulsierte durch ihre Adern und setzte sie innerlich in Flammen. Ihr Puls raste, und ihre Hände schienen ein Eigenleben entwickelt zu haben. Tammy konnte sich jedenfalls nicht erinnern, ihnen den Befehl gegeben zu haben, sich in Charles Bellamys Haare zu vergraben.

Und was war das für herrlich weiches Haar!

Es war genauso seidig, wie es auf den Bildern aussah, die sie in einem verstreckten Ordner auf der Festplatte ihres Laptops hatte. Aber es war zudem auch noch viel dichter, als sie erwartet hätte. Es kribbelte sie in den Fingern, es zu packen und fest …

Oh, nein!

Ihr Verstand schien die Fähigkeit verloren zu haben, Fantasie und Realität auseinanderzuhalten. Anders konnte sie es sich nicht erklären, dass sie dem spontanen Impuls, die Hand in Charles Bellamy zur Faust zu ballen und kräftig zu ziehen, sogleich Taten folgen ließ.

Es war, als hätte jemand bei einem Zug in voller Fahrt plötzlich die Handbremse gezogen.

Tammys Lippen kribbelten, wo Charles’ Mund sie eben noch berührt hatte. Jetzt lagen gute dreißig Zentimeter zwischen ihnen – ein Abstand, für den sie eigentlich dankbar sein sollte, angesichts der Umstände.

Und Charles starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an.

Du liebe Güte, seine Augen waren wirklich genauso blau, wie es im Fernsehen immer aussah. Nein, noch blauer. Sie waren wie der Himmel an einem hellen Sommertag, dessen Perfektion kein Wölkchen zu trüben wagte. Nur dass man von dem sagenumwobenen Blau gerade nicht besonders viel sah. Seine Pupillen waren riesig. Schwarze Löcher, von denen Tammy gnadenlos angezogen wurde.

Doch das konnte sie jetzt natürlich vergessen. Sie hätte es besser wissen müssen, als diese Seite von ihr durchkommen zu lassen. Doch Charles hatte sie einfach alles um sie herum vergessen lassen. Einen Moment lang hatte sie nicht mehr daran gedacht, dass sie ihn eigentlich gar nicht ausstehen konnte.

Und eben auch, dass Männer einfach nicht mit Frauen umgehen konnten, die mehr wollten als Blümchensex im heimischen Bett zu den Klängen irgendeines abgedroschenen Schmusesongs.

Das hatte Tammy mehr als einmal auf die harte Tour lernen müssen. Die Dinge, von denen sie träumte, die sie antörnten, deckten sich nicht mit den Fantasien anderer Menschen. Oder zumindest der Menschen, mit denen sie bisher ausgegangen war. Dazu gehörte, wie sie vor etwas mehr als vier Wochen hatte feststellen müssen, auch ihr jetziger Ex.

Jonas.

„Tut mir leid“, hatte er gesagt, und seine hängenden Schultern und sein treuer Hundeblick hatten ihr tatsächlich glaubhaft gemacht, dass er es so meinte. „Aber ich kann das einfach nicht, Tammy. Du bist … einfach … zu viel.“

Sie erinnerte sich noch gut an diesen speziellen Moment. Eigentlich an jeden dieser speziellen Momente, denn es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass es sie jedes Mal aufs Neue wie ein Pfeil ins Herz traf.

„Zu viel?“, hatte sie gefragt.

„Ich weiß“, war seine Antwort zögernd gekommen, „das klingt jetzt vermutlich total bescheuert, aber als ich dich kennenlernte, hielt ich dich für das nette Mädchen von nebenan. Hübsch, freundlich, aber auch ein bisschen spießig. Eben jemand, mit dem man viel Spaß haben kann, mit dem man aber auch auf einer Welle schwimmt. Nun, ich zumindest …“

Und an der Stelle kam dann immer das Aber.

„Aber du bist nicht spießig. Kein bisschen. Im Gegenteil sogar. Du bist abenteuerlustig, experimentierfreudig und … kurz gesagt, du übertreibst es einfach, Tammy. Ich kann mit dir nicht mithalten. Als ich mit dir zusammenkam, hatte ich nicht erwartet, eine durchgeknallte Nymphomanin zur Freundin zu haben.“

Durchgeknallte Nymphomanin.

Diese Worte schwirrten ihr seitdem immer wieder im Kopf herum, wie zwei verrückt gewordene Ping-Pong-Bälle.

Sie hatte ja schon vorher gewusst, dass sie nicht ganz das war, was ein Mann im Allgemeinen auf den ersten Blick von ihr erwartete. Und wenn man auf One-Night-Stands und kurze heiße Affären stand, dann war es sicher von Vorteil, eine durchgeknallte Nymphomanin zu sein.

Das Problem war, Tammy mochte nette Jungs. Solche, die einem Blumen mitbrachten, auch wenn man gerade mal nicht Jahrestag hatte. Die für einen kochten und Gedichte schrieben, romantische DVD-Abende liebten und gute Manieren besaßen.

Im Bett aber … Nun, man konnte es wohl am besten so ausdrücken, dass ihr zweimal in der Woche fünf Minuten Missionarsstellung nicht genügten. Jonas hatte es schon ganz richtig ausgedrückt: Sie war abenteuerlustig und experimentierfreudig.

Einer ihrer Verflossenen hatte beinahe einen Herzinfarkt gekriegt, als sie ihm im Kino, nachdem das Licht ausging, an die Hose gegangen war. Der Becher mit dem Popcorn, den er auf dem Schoß gehabt hatte, war regelrecht wie eine Rakete in die Luft geschossen. Sein heiserer Aufschrei hatte das Übrige getan, um das ganze Kino zumindest erahnen zu lassen, was da in der letzten Reihe vor sich gegangen war.

Er hatte sie gleich nach dem Film nach Hause gebracht und sich nie wieder bei ihr gemeldet.

Und nun würde genau dasselbe eben mit Charles Bellamy passieren. Nur, dass der im Gegensatz zu den anderen gar kein netter Junge war. Er würde sie vermutlich auslachen, wenn sie ihn darum bat, ihr ein Gedicht zu schreiben. Von daher war es vermutlich sogar gut, dass die Sache jetzt ein Ende fand, bevor es noch komplizierter werden konnte.

Sie sollte erleichtert sein.

Was sie aber stattdessen empfand, war ein Gefühl bohrender Enttäuschung.

Sie ließ sein Haar los und machte Anstalten, sich auch sonst von ihm loszumachen. „Tut mir leid, ich …“

„Mach das nochmal.“

Tammy blinzelte.

Sie musste sich da verhört haben. „Wie bitte?“ Entgeistert starrte sie ihn an.

Er runzelte die Stirn. „Spreche ich Chinesisch? Ich sagte, mach das nochmal.“

Noch immer glaubte Tammy, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Zaghaft hob sie die Hand und legte sie auf sein Haar.

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und Verlangen rollte über sie hinweg wie der Tsunami nach einem Seebeben. Es war so heftig, dass sie am ganzen Körper vibrierte und ihre Finger sich ganz wie von selbst zu einer festen Faust schlossen.

Charles’ Reaktion folgte auf dem Fuße.

Der Laut, der aus seiner Kehle drang, war eine Mischung aus Stöhnen und Knurren, die Tammy antörnte wie noch nie etwas anderes zuvor. Seine Pupillen weiteten sich sogar noch ein wenig mehr, sodass seine Augen jetzt beinahe völlig schwarz wirkten. Und dann umfasste er ihren Kopf mit beiden Händen, zog ihr Gesicht zu sich heran und brachte ihre Lippen in einem Kuss zusammen, der das Potenzial hatte, ganz London in Schutt und Asche zu legen.

Wow.

Sie zögerte nicht lange und küsste ihn mit großem Enthusiasmus zurück. So hatte sie noch nie zuvor ein Mann geküsst. Versuchsweise zog sie erneut an seinem silberblonden Haar, und er stöhnte in ihren Mund.

Gott, dieser Mann würde sie noch umbringen. War es überhaupt erlaubt, so sexy zu sein?

Sie presste sich an ihn, und er tat es ihr gleich, bis sie Körper an Körper waren, so eng, das kein Blatt Papier mehr zwischen sie gepasst hätte.

Und sie konnte alles fühlen.

Alles.

Und was sich da so eindringlich gegen ihren Schoß presste und um Aufmerksamkeit bettelte, war nicht von schlechten Eltern, das konnte sie schon sagen.

Er ließ seine Hände inzwischen über ihre Schultern und ihren Rücken hinunterwandern, bis er ihren Hintern erreichte, den er regelrecht besitzergreifend packte und knetete.

Tammy unterbrach den Kuss, warf den Kopf in den Nacken und stöhnte laut auf. Ihre neue Position nutzte Charles sogleich, um mit seinen Lippen eine Spur aus Feuer über ihren Hals bis hinunter zum Schlüsselbein zu ziehen. An dieser Stelle erwies sich ihr Bluse als unüberwindliches Hindernis.

Nun, zumindest so lange, bis Tammy genügend Gehirnzellen zum Arbeiten bekommen hatte, um ihren Fingern noch einmal zu erläutern, was man mit Knöpfen machte.

Charles ging das augenscheinlich zu langsam. Für einen winzigen Augenblick ließ er von ihrem Hintern ab, um den Kragen der Bluse zu packen und die beiden Seiten mit einem Ruck auseinanderzuziehen, so energisch, dass Knöpfe wie kleine Geschosse durch die Gegend flogen.

Tammy fand es alarmierend, wie wenig sie an seiner Vorgehensweise auszusetzen hatte.

Er legte die Hände im Nu wieder unter ihren Po und hob Tammy dann mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung auf die Arbeitsplatte. Dann trat er zwischen ihre Schenkel. Ihre Brust hob und senkte sich heftig.

Aus ihrer leicht erhöhten Position konnte Tammy zum ersten Mal auf hin hinabblicken, wenn auch nur minimal. Dennoch war es ein unglaublich mächtiges Gefühl, das durch ihre Adern pulsierte. Vor allem, da sein Gesicht sich nun praktisch auf Augenhöhe mit ihren Brüsten befand.

Er schaute zu ihr auf, und es kostete sie alle Selbstbeherrschung, die sie aufbringen konnte, nicht gleich an Ort und Stelle zu explodieren.

So etwas war ihr noch nie passiert. Doch die ganze Situation war so irrwitzig und verrückt … Es machte sie einfach unglaublich an.

Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, beugte er sich vor und küsste ihre Brüste durch den Spitzenstoff ihres sündhaft teuren BHs – ein Faible für Reizwäsche hatte sie nämlich obendrein. Und obwohl sie von der Berührung nicht viel spüren konnte, war die Wärme seines Atems mehr als genug, um lustvolle Schauer durch ihren Körper rieseln zu lassen.

Instinktiv stützte sie ihre Hände auf der Arbeitsplatte ab, bog den Rücken durch und präsentierte sich ihm.

Er zögerte nicht lange, umfasste ihre Brüste und knetete sie, ehe er den störenden Stoff zur Seite schob, einen ihrer harten Nippel mit den Lippen umschloss und kräftig saugte.

„Oh Gott!“ Tammy schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschluchzen.

Das Gefühl ging ihr einfach durch und durch. Jede Synapse in ihrem Körper schien zu singen vor Verlangen. Es raubte ihr den Atem, und ihre Finger kratzten über die glatte Arbeitsfläche in dem verzweifelten Versuch, sich irgendwo Halt zu holen.

„Du machst mich vollkommen verrückt“, hörte sie Charles keuchen.

Seine Stimme klang belegt und heiser. Gut – sie war nicht die Einzige, die von dem, was zwischen ihnen passierte, einfach mitgerissen wurde. Und genauso fühlte es sich an. Als würde man von einem reißenden Strom davongetragen, hilflos und wohlwissend, dass hinter der nächsten Flussbiegung der tödliche Wasserfall wartete.

Sie richtete sich auf und zerrte mit flattrigen Fingern das Hemd aus dem Bund seiner Hose. Mit einem leisen Lachen, dass sie als Rumpeln unter ihren Fingerspitzen fühlen konnten, umfasste er ihre Handgelenke.

„Nicht so hastig“, sagte er. „Das ist ein ziemlich teures Hemd gewesen, und ich würde es gern noch weiter tragen können.“

Mit gehobener Braue schaute Tammy auf die kläglichen Überreste ihrer Bluse hinunter. „Stell dir vor, ich mochte diese Bluse ebenfalls.“

Er hatte sein Jackett abgestreift und faltete es gerade sorgsam zusammen, als er innehielt und in seine Hosentasche griff. Aus der Geldbörse, die er daraus hervorzog, holte er ein paar Scheine und hielt sie Tammy hin. „Hier, reicht das? Kauf dir eine Neue.“

Tammy starrte ihn an. Das Feuer, das bis gerade noch durch ihre Adern pulsiert war, verwandelte sich in Eiswasser. Was bildete er sich eigentlich ein?

„Sie glauben wohl, dass man mit Geld alles kaufen kann, wie?“ Mit einem Satz hüpfte sie von der Arbeitsplatte herunter und zog die Hälften ihrer Bluse schützend vor der Brust zusammen. Ihr war richtig schlecht. Das war das Allerdümmste gewesen, das sie in letzter Zeit getan hatte.

Nein, es war das Allerdümmste gewesen, das sie überhaupt jemals getan hatte.

Beschwichtigend hob er die Arme. Doch seine Worte klangen nicht besonders entschuldigend. „Jetzt stell dich doch nicht so an. Ich hab deine Bluse ruiniert, und deswegen bezahle ich sie dir.“ Mit einem süffisanten Lächeln trat er wieder auf sie zu. Sein Haar war zerwühlt, seine Lippen vom Küssen leicht geschwollen. Kurz, er sah aus wie Sex auf zwei Beinen, und das heftige Verlangen, das sie durchzuckte, erschreckte Tammy.

Sie sah ihn an, sagte aber nichts.

„Können wir dann jetzt weitermachen, wo wir aufgehört haben?“, fragte er.

„Weitermachen?“ Sie riss die Augen auf. Na, der hatte vielleicht Nerven! „Nein, können wir nicht“, stellte sie klar. „Und ich sage dir auch, was wir stattdessen tun.“

„Nämlich?“

„Wir werden uns jetzt, so gut es möglich ist, wieder anziehen. Dann verlassen wir das Studio und gehen unserer Wege. Wohlgemerkt getrennt voneinander.“

Er nickte. „Clever, auf diese Weise merkt niemand was. Meine Wohnung liegt in den Docklands. Mit einem Cab bist du um die Zeit in einer halben Stunde da und …“

„Ich glaube, du hast mir gar nicht richtig zugehört. Als ich sagte, dass wir unserer Wege gehen, meinte ich nicht, dass wir uns später wiedertreffen.“ Sie funkelte zu ihm auf. „Und falls du es immer noch nicht kapiert hast, erklär ich’s noch mal extra einfach: Das war’s. Ich gehe jetzt nach Hause, und wenn ich morgen Früh wieder herkomme, werde ich einfach so tun, als sei das hier nie geschehen.“

Er hob eine Braue. „Und du denkst, dass du das schaffst?“

„Glaub mir, so unwiderstehlich bist du auch nun wieder nicht!“

Eine Lüge. Eine glatte Lüge, die ihr aber dennoch völlig problemlos über die Lippen kam. Irgendjemand musste diesen Typen doch mal ein paar Zentimeter zurechtstutzen. Wie konnte man so eingebildet sein?

Er grinste noch immer. „Da habe ich aber schon anderes gehört …“

„Schön, dann solltest du dich vielleicht in diese Richtung orientieren – denn ich werde mich ganz sicher nicht um dein kleines Problem dort“, sie nickte in Richtung seines Schritts, der mehr als deutlich ausgebeult war, „kümmern.“

„Lass mich dir versichern, von klein kann absolut nicht die Rede sein.“

Sie hasste sich selbst dafür, dass diese Worte etwas in ihr auslösten. Und damit meinte sie nicht den Wunsch, ihm für seine Arroganz die Augen auszukratzen. Nein, was sie empfand, ging sehr viel tiefer als das. Es sprach eine animalische Seite von ihr an, die sie normalerweise streng unter Verschluss hielt.

Eine Seite, die sie selbst nur schwer verstand, und mit der Männer ihrer Erfahrung nach schlichtweg überfordert waren.

Reiß dich zusammen, Tammy.

„Mir egal“, schnappte sie. „Ich bin dann jetzt weg.“

„Ich hoffe, du hast eine Jacke dabei“, rief er ihr hinterher. „Sonst verkühlst du dich am Ende noch …“

So ein Arsch!

Sie zog die Überreste ihrer Bluse enger um ihren Körper. Bevor die Studiotür hinter ihr mit einem Knall ins Schloss fiel, hörte sie ihn lachen und schwor sich, dass dies das erste und zugleich das letzte Mal gewesen war, dass sie ihn näher als auf zwei Schritte an sich herangelassen hatte.

4. KAPITEL

„So, und nun stellen Sie sich so neben Charles … Nein, nein, nicht so weit weg“, sagte der Kameramann, der vor ihnen in den Studiokulissen stand, wo sie einen kurzen Zwischen-Einspieler aufnahmen. „Kuscheln Sie sich ruhig ein bisschen an ihn heran … Ja, schon viel besser.“

Tammy schluckte hart. Charles Bellamy näherzukommen war so ziemlich das Allerletzte, was sie wollte. Vor allem, weil der so was von unverschämt grinste!

„Na?“, fragte er, so leise, dass nur sie ihn hören konnte. „Hast du mich vermisst?“

„Ungefähr so sehr, wie man eine schmerzhafte Blase am Fuß vermisst“, zischte sie zurück.

„Wie unhöflich“, kommentierte er, doch das Grinsen in seinem Gesicht wurde sogar noch breiter.

Das Schlimmste war, dass jedes Mal, wenn er sie streifte oder beiläufig berührte, ein heftiges Gefühl von Verlangen in ihr hochkochte. Es war störend und ärgerlich und überaus lästig, doch es schien nichts zu geben, was sie dagegen tun konnte. Gegen die Anziehungskraft, die Charles Bellamy auf sie ausübte, war sie einfach machtlos. Hätte sie vielleicht doch mit ihm schlafen sollen?

Nein! Rasch schob sie den Gedanken beiseite. Das war ja absurd. Glaubte sie denn wirklich, dass sie dieses nervende Flattern im Bauch loswurde, wenn sie mit ihm in die Kiste stieg?

Realistisch gesehen standen die Chancen etwa fifty-fifty. Vielleicht hatte sie wirklich einmal Sex mit ihm und diese Erfahrung reichte ihr bis ans Ende ihres Lebens. Aber was, wenn er wirklich gut im Bett war?

Ein Schauer durchlief sie, und der hatte nichts mit dem kühlen Luftzug zu tun, der durch das Studio zog, als die Tür aufgestoßen wurde und Gordon Trelawney, der Produzent, hereingestürmt kam.

Er ruderte wie wild mit den Armen, sodass er aussah wie eine aufgescheuchte Windmühle. „Nein, nein, nein, nein!“, rief er. „Was soll denn das werden, wenn es fertig ist?“

Zum ersten Mal flackerte nun Charles’ Grinsen. Er wirkte jetzt weniger amüsiert als nur noch genervt. „Was das soll? Tja, das habe ich mich gestern auch gefragt, als Sie mit dieser bescheuerten Idee um die Ecke kamen.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir drehen hier unseren ersten Einspieler, ist das nicht offensichtlich?“

Trelawney bedachte ihn mit einem kühlen Blick. „Wenn Sie sich noch so gut an meine Worte erinnern, wissen Sie doch sicher auch noch, was genau ich gesagt habe. Es war nicht davon die Rede, dass ihr zwei in trauter Zweisamkeit vor der Kamera kuschelt. Ich wollte Action sehen. Und nun strengt euch mal bitte ein bisschen an. Ich will die Fetzen fliegen sehen!“

Tammy schaute Charles an.

Charles schaute sie an.

Dann schauten sie beide gleichzeitig Gordon Trelawney an und fingen gleichzeitig an zu sprechen. Das Ergebnis war ein einziges aufgebrachtes Chaos.

Der Produzent nickte. „Da schau mal an“, sagte er und klang dabei eindeutig zufrieden mit sich selbst. „Es geht doch. Macht einfach weiter so, wenn die Kamera läuft, und alle sind zufrieden.“

Damit wandte er sich und verschwand ohne ein weiteres Wort einfach aus dem Studio.

„Na, das hast du ja ganz prima hingekriegt“, knurrte Charles und schüttelte den Kopf.

„Ich?“ Ungläubig starrte sie ihn an. „Was habe ich denn bitte schön getan?“

„Na nichts. Das ist es ja eben.“

„Ach, aber du warst wirklich hilfreich mit deinem großkotzigen Gehabe, oder was? Ich glaub’s ja nicht. Und so einen wie dich habe ich mal bewundert. Ich …“

„Ja, ja, ich weiß, du warst erste Vorsitzende des James-Bellamys-Arsch-ist-einfach-fantastisch-Fanclubs. Tut mir echt leid, dass ich deinen Vorstellungen nicht entspreche, aber ich habe Neuigkeiten für dich: Ich bin ein Mensch mit Ecken und Kanten und nicht irgendein eindimensionales Fantasiebild, das man sich als Poster an die Wand seines Kinderzimmers hängt.“

Tammy konnte ihn nur anstarren. Ihr blieb doch tatsächlich die Sprache weg. Das Problem war, dass ihr irgendwie sogar einleuchtete, was er sagte. Es stimmte ja, dass sie ihn auf ein Podest gestellt und aus der Ferne bewundert hatte. Und ja, sie war enttäuscht darüber, dass er in Wirklichkeit so vollkommen anders war, als sie erwartet hatte. Aber war das wirklich seine Schuld?

Sicher, es machte ihn zu keinem netteren Menschen, doch sie musste sich eingestehen, dass sie ihm zumindest ihre eigene Enttäuschung nicht zum Vorwurf machen konnte. Immerhin hatte niemand sie gezwungen, sich irgendwelchen wilden Fantasien über ihn hinzugeben.

Fakt war aber, dass sie genau das getan hatte. Es gab einen Charles Bellamy, wie er in ihrer Vorstellung existierte. Tja, und dann gab es den echten Charles Bellamy. Den Mann, der ständig ein überhebliches Lächeln auf den Lippen hatte und andere Leute behandelte, als wären sie seine Leibeigenen. Der, der glaubte, dass alle Frauen ihm zu Füßen lagen und dass er mit seinem Lächeln Herzen zum Schmelzen bringen konnte.

Und es ärgerte sie, dass dieser Typ – dieses Zerrbild der Person, für die sie ihn gehalten hatte – sie tatsächlich so sehr anmachte, dass sie in seiner Gegenwart kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Das war einfach nicht fair!

Gerade wollte sie zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, da rief der Kameramann: „Spitze, den Take haben wir im Kasten. Ich meine, ich stimme Trelawney nicht unbedingt häufig zu, aber in diesem Fall hatte er recht. Ihr zwei zusammen, das hat wirklich Potenzial.“

Tammy konnte es nicht fassen. Wo sollte das zwischen Charles Bellamy und ihr Potenzial besitzen? Wobei – vermutlich sprach der Mann von ihrem gemeinsamen Auftreten vor der Kamera und nicht von dem, was ihr gerade sonst so alles durch den Kopf geschossen war.

Charles schnaubte. „Was sollten die Zuschauer daran finden, uns streiten zu sehen?“

„Es ist unterhaltsam“, entgegnete der Kameramann mit einem Schulterzucken. „Ich weiß selbst nicht so genau, warum. Vielleicht, weil es ein bisschen was von David gegen Goliath hat. Ich meine, Tammy hier ist klein und zierlich, und Sie … Nichts für ungut, Mr. Bellamy, aber Sie sehen aus, als könnten sie mit ihren bloßen Händen Knochen wie Zweige brechen …“

„Kann er vermutlich auch“, murmelte Tammy, weil sie es einfach nicht zurückhalten konnte. „Hast du nicht mal einem gegnerischen Spieler bei einem Bodycheck die Nase gebrochen?“

„Das war während eines Spiel“, brauste er auf. „Im Eifer des Gefechts kann so etwas schon mal passieren. Eishockey ist nun mal kein ungefährlicher Sport. Verletzungen sind da an der Tagesordnung und ganz sicher nicht beabsichtigt.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Das hat ja auch niemand unterstellt, oder?“

„Es klang aber ganz so.“

Der Kameramann lachte. „Sie beide können jetzt übrigens wieder aufhören, die Kamera läuft nicht mehr.“

Überrascht schaute Tammy ihn an. „Sie denken wirklich, wir spielen das nur für die Kamera? Glauben Sie mir, wenn Sie erst mal ein paar Stunden in der Gesellschaft dieses Mannes verbracht haben, werden Sie verstehen, dass schauspielerisches Talent nun wirklich nicht von Nöten ist, um ihm an die Kehle zu gehen.“

„Gestern Abend sah das aber noch ganz anders aus“, entgegnete Charles, und sie brauchte gar nicht hinzusehen, um zu wissen, dass das süffisante Grinsen wieder auf seinen Lippen lag. Ebenso wenig, wie sie einen Spiegel benötigte, um zu sich darüber im Klaren zu sein, dass ihr Gesicht die Farbe eines Feuermelders angenommen hatte.

Peinlich berührt und wütend zugleich wandte Tammy sich an den Kameramann, der sich noch immer von seiner Überraschung erholen zu müssen schien, wenn sie seinen verdutzten Gesichtsausdruck richtig deutete. „Wenn sie uns dann jetzt nicht mehr brauchen …“

Sie griff nach Charles’ Hand und zerrte ihn mit sich in eine ruhige Ecke des Studios. Ihnen folgten neugierige Blicke, die Tammy jedoch für den Moment ignorierte. Ganz im Gegensatz zu Charles, der den Auftritt regelrecht zu genießen schien.

„Wohin so eilig, Bäckerliesl?“, fragte er mit entschieden zu fröhlicher Stimme.

Sie versetzte ihm einen Schubs, der ihn gegen die Studiowand stolpern ließ. „Sag mal, spinnst du? Was sollte das gerade? Habe ich dir gestern Abend nicht klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass ich das, was da auch immer zwischen uns vorgefallen ist, gerne vergessen möchte?“

„Was da zwischen uns vorgefallen ist?“, wiederholte er amüsiert. „Also, ich bin ziemlich sicher, dass es ein Kuss war – und noch ein bisschen mehr.“

Tammys Wangen brannten. So sehr, dass sie glaubte, die Hitze, die von ihnen ausging, spüren zu können. Doch sie ignorierte es. „Schön, wir haben uns geküsst. Und? Das heißt ja wohl nicht, dass jetzt alle Welt davon wissen muss, oder?“

Sein Lächeln wurde spöttisch. „Wieso? Wäre es dir peinlich, wenn jemand davon erführe?“

„Ich …“ Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Sagen wir, ich wäre generell nicht unbedingt stolz darauf, wenn jeder wüsste, dass ich um ein Haar mit einem Typen ins Bett gegangen wäre, den ich erst am selben Tag kennengelernt habe. Aber nicht wegen dir, nein. Auch wenn wir uns nicht wirklich gut verstehen, muss ich zugeben, dass ich mich von deinem Interesse geschmeichelt fühle.“ Sie schluckte, denn es fiel ihr nicht leicht, das auszusprechen – doch es erschien ihr albern, ihm irgendetwas vorzuspielen, das er ohnehin durchschauen würde. „Du weißt ja selbst, dass du ein attraktiver Mann bist …“

Das selbstzufriedene Lächeln verschwand von seinem Gesicht, und für einen Moment wirkte er so ernst, wie sie ihn bisher nicht erlebt hatte. „Danke“, sagte er. „Das aus deinem Mund zu hören, bedeutet mir etwas.“

Tammy blinzelte überrascht. Wenn sie ehrlich war, hatte sie mit einem spöttischen Kommentar gerechnet. Jedenfalls nicht mit … so etwas. Und sie wusste nicht, wieso – aber irgendwie veränderte es die Stimmung zwischen ihnen. Was sie zu der Erkenntnis führte, dass es leichter war, mit ihm zu reden, wenn sie sauer auf ihn war. Jetzt, wo sie zu ihm aufschaute und diese Ernsthaftigkeit in seinen Augen sah …

Verdammt, es machte sie schwach. Und sie durfte in seiner Gegenwart keine Schwäche zeigen. Denn das war gefährlich, und die Konsequenzen waren unabsehbar. Was sie wirklich brauchte, war ein klarer Kopf. Warum fiel ihr das bei ihm nur so furchtbar schwer? Er war doch letztlich auch nur irgendein Mann – und hatte sie denen nicht eigentlich seit der jüngsten Enttäuschung mit Jonas endgültig abgeschworen?

Ja, eigentlich. Aber wie es mit diesem Wort so war, gab es auch Ausnahmen. Und es war ja nicht so, als wollte sie mit Charles Bellamy eine Beziehung führen. Sie gab sich auch nicht eine Sekunde der Illusion hin, dass es ihm anders erging.

Aus der Presse wusste sie von seinen häufig wechselnden Affären. Er war kein Kind von Traurigkeit, und das fand sie auch in Ordnung. Nur war es eben absolut nicht das, was sie sich vom Leben vorstellte.

Wobei – was genau das war, darüber musste sie sich auch erst einmal klar werden. Eigentlich war es immer ihr Traum gewesen, einen netten Mann zu finden und eine Familie mit ihm zu gründen. Vielleicht ein Häuschen im Grünen. Keine besonders ausgefallenen Wünsche also. Jedoch welche, die für sie einfach nicht erfüllbar zu sein schienen.

Sie standen einfach nur da und schauten sich an. Wie lange? Tammy hatte keine Ahnung. Zeit war völlig nebensächlich. Sie hielten sich in einem Kokon auf, in dem nur sie beide existierten. Bis dieser um sie herum plötzlich zerbarst, als sich das große Tor für Kulissen und ähnliches, das sich unmittelbar neben ihnen befand, ratternd und stampfend in die Höhe schob.

Charles blinzelte.

Für einen Moment war ihm, als wäre er gerade eben aus einem tiefen Traum erwacht.

Was zum Teufel …? Wieso hatte diese Frau eine solch unglaubliche Wirkung auf ihn? Es war kein Geheimnis, dass er sich stark zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlte, das stimmte schon. Schöne Frauen waren seit jeher so etwas wie seine Schwäche. Aber normalerweise war es nicht … so!

Es frustrierte ihn, dass er nicht einmal wirklich in Worte fassen konnte, was da zwischen Tammy und ihm ablief. Da war ganz eindeutig eine heftige sexuelle Anziehungskraft, ja. Aber damit kannte er sich aus, und es brachte ihn nicht aus dem Gleichgewicht.

Tammy aber tat genau das – und zwar ganz ohne dass sie dazu mit ihren weiblichen Reizen kokettierte. Ganz im Gegenteil sogar. Es schien ihr vollkommen egal zu sein, was er von ihr hielt.

Und was da gestern Abend zwischen ihnen gelaufen war …

Er brauchte nur daran zu denken, und in seiner Hose wurde es schon wieder eng. Es war eine ganze Weile her, dass er eine Frau in seinem Bett gehabt hatte, die so feurig und leidenschaftlich gewesen war wie Tammy.

Natürlich hatten sie nicht wirklich miteinander geschlafen. Eigentlich war sogar verhältnismäßig wenig passiert. Aber das, was passiert war … Wie hatte sein alter Herr es immer so passend ausgedrückt? Ach ja: Himmel, Arsch und Zwirn! Und selten war Charles dieser Ausspruch treffender vorgekommen.

Nicht zuletzt, weil Tammy wirklich einen ganz fantastischen Hintern ihr Eigen nennen durfte. Was er da durch den Stoff ihres Rocks gefühlt hatte, war fest und straff gewesen. Nicht zu klein und nicht zu groß. Kurz, genauso, wie er es mochte.

Aber war jetzt wirklich der richtige Moment, über ihren Hintern nachzudenken? Gab es dafür überhaupt einen richtigen Moment?

Er durfte nicht vergessen, dass er Juror in der Show war, in der Tammy als Kandidatin antreten wollte. Wobei – eigentlich konnte ihm das auch egal sein. Es war ja nicht gerade so, als hätte er sich um die Position als Juror gerissen. Ganz im Gegenteil sogar. Er steckte jetzt in dieser Show fest, mit der er eigentlich gar nichts zu tun haben wollte. Er war kein Bäcker, er war Eishockeyspieler, verdammt. Auch, wenn er in seiner Freizeit gern mal den Rührbesen schwang.

„Die ersten Proben für die Eröffnungsshow starten in einer halben Stunde“, rief plötzlich jemand ganz in der Nähe und riss Charles damit zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten aus seinen Gedanken.

Auch Tammy schien es nicht viel besser zu ergehen. Jedenfalls machte sie einen Satz von ihm fort, so als fürchtete sie, er würde gleich an Ort und Stelle über sie herfallen. Worauf er, wenn er ganz ehrlich sein wollte, nicht übel Lust hatte.

Aber so war das nun mal – man konnte nicht immer haben, was man wollte. Zumindest nicht, wenn man nicht in Teufels Küche kommen wollte. Und noch mehr Ärger konnte Charles beim besten Willen nicht gebrauchen. Es reichte schon, dass er jetzt laut seines Vertrags mehr oder weniger alles tun musste, was die Produzenten von Cake Wars von ihm verlangten.

Sie konnten ihm sagen, dass er in einem neongelben Monokini zur Aufzeichnung der Show erscheinen sollte, und ihm würde nicht viel anderes übrig bleiben, als ihren Wünschen zu entsprechen.

Es sei denn natürlich, er war bereit, eine geradezu horrende Summe hinzublättern. Was er auf der einen Seite nicht wollte, auf der anderen Seite aber auch nicht wirklich konnte. Zumindest nicht, wenn er nicht seine eisernen Reserven angreifen wollte.

Sicher, als Eishockeyprofi verdiente er ziemlich gut, und seine Einkünfte aus Sponsorenverträgen und für Werbung waren durchaus beachtlich. Doch Letztere lagen für die Dauer seiner Verletzungspause auf Eis, und wenn er nicht spielen konnte, fielen auch sämtliche Boni und Zusatzvergütungen weg.

Er war weit entfernt davon, am Hungertuch nagen zu müssen. Aber als jemand, der erlebt hatte, wie es sich anfühlte, jeden Penny zweimal umdrehen zu müssen, wollte er auf keinen Fall dorthin zurück.

Alles, nur das nicht.

Tammy räusperte sich. „Ich … geh dann mal zu den anderen …“

„Ja, tu das. Bis später dann.“

Sie schaute ihn an, und es fühlte sich an, als könnte sie bis zum Grund seiner Seele sehen und jeden seiner geheimsten Gedanken lesen.

Rasch wandte er den Blick ab und ging davon.

5. KAPITEL

„So, das war’s für heute“, rief Carter und klatschte in die Hände. „Gute Probe, Leute. Wir sehen uns dann morgen um neun, um noch ein paar letzte Dinge zu besprechen. Um halb zehn fängt dann die Aufzeichnung an. Noch Fragen?“

Allgemeines Kopfschütteln.

Nach vier Stunden Probe, die allerhöchstens für kurze Toilettenpausen unterbrochen worden war, fühlte Tammy sich wie gerädert. Diese ganze Fernsehsache war anstrengender, als sie für möglich gehalten hatte. Und jeder war unglaublich professionell, während sie selbst sich völlig fehl am Platz vorkam. Dabei war noch gar nicht viel für sie zu tun gewesen. Es ging lediglich darum, sich mit ihrem Arbeitsumfeld für die Dauer der Show vertraut zu machen, damit sie morgen, wenn es ernst wurde, auch genau wusste, wo sich was befand und wie die Elektrogeräte funktionierten.

Charles war während der Probe nicht anwesend gewesen. Wozu auch? Er würde erst morgen gebraucht werden, um die Sachen zu probieren, die Tammy und ihre Mitstreiter für sie zauberten, und sein Urteil darüber abzugeben.

Ein bisschen graute Tammy davor bereits. Charles war offensichtlich nicht gerade ein Fan der veganen Küche, und er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Sie konnte sich also darauf einrichten, dass ihre Kreationen bei ihm keinen großen Anklang finden würden. Aber zum Glück war er ja nicht das einzige Jurymitglied – und die, auf die es wirklich ankam, war Phyllis Hunter. Ihr Urteil war es, das am Ende das meiste Gewicht haben würde.

Nun, das zumindest hoffte Tammy. Am Ende waren es nämlich die Zuschauer, die die Entscheidung treffen würden. Und dabei spielte nicht zuletzt auch ganz normale menschliche Sympathie eine Rolle. Die Leute würden für denjenigen anrufen, den sie am meisten ins Herz geschlossen hatten.

So war das doch immer, egal worum es ging. Es waren nicht immer die tollsten Sänger, Entertainer und eben auch Bäcker, die am Ende als Sieger aus einer solchen Show hervorgingen.

Doch wenn Tammy sich während der Sendung immer wieder mit Charles Bellamy anlegte – würde das nicht ein eher schlechtes Licht auf sie werfen?

Es war ja nicht so, als müsste sie die Show unbedingt gewinnen. Sie war schließlich glücklich in ihrem Job als Kindergärtnerin. Doch auf der anderen Seite war sie auch ein Mensch, der sich nicht gern kampflos geschlagen gab. Und jetzt, wo sie einmal hier war, wollte sie auch versuchen, die Show zu gewinnen.

Sie konnte es nicht ausstehen, zu verlieren. Und außerdem hoffte sie, auf diese Weise die Möglichkeit zu erhalten, die Meinung der breiten Öffentlichkeit über die vegane Küche zumindest ein klein wenig zu verändern.

Denn sie wusste natürlich, dass Charles mit seiner Meinung nicht allein dastand. Die meisten glaubten nach wie vor, dass vegane Küche nur aus Körnern und Sojasprossen bestand. Dass es da noch sehr viel mehr gab, wusste kaum jemand. Und genau das fand Tammy so spannend daran.

Sie war keine richtige Veganerin. Sie war nicht einmal eine richtige Vegetarierin. Hin und wieder aß sie gern einmal ein Stück Fleisch, und auch Eier und Milch standen auf ihrem Speiseplan. Ihr ging es weniger um die Ideologie, die vielleicht dahintersteckte, als darum, zu ergründen, was möglich war.

Und sie hatte im Laufe der vergangenen anderthalb Jahre, die sie ihren veganen Backblog nun schon betrieb, festgestellt, dass es überraschend viele Möglichkeiten gab. Und teuer musste die ganze Sache auch nicht unbedingt sein. Sicher, ganz unrecht hatten die Leute nicht, die behaupteten, dass man schon allein den doppelten Preis bezahlte, wenn der Hersteller die Bezeichnung ‚vegan‘ auf seine Verpackung druckte.

Aber das war nicht immer so. Und sie hatte einige Tipps und Tricks erhalten, die die vegane Küche – und gerade auch das Backen – für jedermann erschwinglich machte.

Nun war es so, dass sie mit ihrem Blog sicher schon ein großes Publikum für ihre Nische erreichte. Doch eine Show wie Cake Wars war noch einmal eine vollkommen neue Dimension.

Halb England würde vor dem Fernseher sitzen und sich ansehen, was sie da zauberte. Und sie wusste, dass ihre Kreationen gut waren. Das bestätigten ihr nicht nur ihre Freunde und Subscriber immer wieder. Hin und wieder backte sie auch einfach ein paar Bleche Muffins, stellte sich damit in die kleine Einkaufsstraße in der Nähe ihrer Wohnung und gab den Passanten eine Kostprobe ihres Könnens. Und bisher hatte sich noch nie jemand beschwert.

Die meisten Leute waren jedoch überrascht, wenn sie erfuhren, dass Tammy ausschließlich vegane Zutaten verwendete. Und genau diesen Aha-Moment wünschte sie sich auch für die Leute, die in den nächsten Wochen vor den Fernsehbildschirmen saßen und Cake Wars verfolgten.

„Ein paar von uns wollen gleich wieder in den Pub, einen Absacker trinken“, riss Alicias Stimme sie aus ihren Überlegungen. „Kommst du dieses Mal mit, Tammy?“

Sie unterdrückte ein Gähnen und schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber heute bin ich einfach zu müde. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie habe ich mir das alles gar nicht so anstrengend vorgestellt.“

Chrissie, die selbsternannte Cupcake-Queen, schnaubte abfällig. „Ach je, ist unserer kleinen Bäckerliesl etwa das bisschen Arbeit schon zu viel?“

Alles in ihr sträubte sich, als sie den bekannten (und natürlich verhassten) Spitznamen von jemand anderem als Charles hörte. Nicht, dass es ihr bei ihm gefiel. Aber irgendwie stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass es sie bei ihm nicht halb so sehr störte wie jetzt bei Chrissie.

Doch ehe sie etwas erwidern konnte, meldete sich hinter ihnen ein unerwarteter Dritter zu Wort.

„Ich muss doch wirklich sehr bitten.“ Charles’ Stimme klang so tief und rauchig, dass Tammy sogleich wieder ein wohliger Schauer über den Rücken. Nicht, dass sie das jemals zugeben würde. Nein, nicht einmal unter Folter. „Bäckerliesl ist jetzt quasi sowas wie mein Markenzeichen. Nur ich darf Tammy so nennen, verstanden?“

Chrissie schien einen Moment lang protestieren zu wollen, überlegte es sich dann aber offensichtlich doch anders. Mit hochrotem Kopf stürmte sie davon. Gefolgt von einer leicht verwirrten, aber auch amüsierten Alicia.

„Danke“, sagte Tammy, „aber das wäre nicht nötig gewesen. Mit der wäre ich auch allein fertiggeworden.“

Charles lachte auf. „Glaub mir, daran zweifle ich nicht eine Sekunde. Ich bin nur hier, weil ich kurz mit dir reden wollte.“ Er blickte sich in der Umkleide um. „Bist du allein hier?“

„Siehst du außer mir noch jemanden?“

Er schüttelte den Kopf. „Du legst wirklich jedes meiner Worte auf die Goldwaage, wie? Aber schön, dann will ich es auch völlig klar ausdrücken, damit es keine Missverständnisse gibt.“

Sie hob eine Braue. Was sollte das jetzt werden?

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