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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 72

Kate Hoffmann, Candace Havens, Daire St. Denis, Kira Sinclair

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 72

KATE HOFFMANN

Ich will das Eine – und noch mehr!

Wie eine Furie steht Regan vor ihm und wirft ihm vor, ihre Großmutter zu betrügen! Jamie Quinn muss sie überzeugen, dass er kein Gauner ist! Und doch kann er bei ihrem Anblick nur noch an das Eine denken …

CANDACE HAVENS

Eine heiße Affäre zu Weihnachten

Binden will Ainsley sich nicht, aber gegen eine heiße Affäre zur Weihnacht hat sie nichts einzuwenden. Bis plötzlich der Tag des Abschieds naht – und ihr Herz an dem wunderbaren Ben festhält …

DAIRE ST. DENIS

Sündige Feiertage

Er sollte sie nicht küssen – warum kann Thad Knight Jolies roten Lippen und ihrer süßen Verlockung nicht widerstehen? Obwohl er weiß, dass ihre Nächte voller Ekstase für Jolie höchst riskant sind …

KIRA SINCLAIR

Verheißungsvolles Lächeln

Hohe Mauern umschließen ihr Herz! Kentucky will keine Liebe mehr – die Enttäuschungen schmerzen sie zu sehr. Daran wird auch Finn McAllister mit seinem atemberaubenden Sex-Appeal nichts ändern …

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Ich will das Eine – und noch mehr!

PROLOG

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Jamie Quinn, während er die leuchtend gelbe Karte anstarrte, die an die Eingangstür seines Zuhauses in der Downey Street in Minneapolis geheftet worden war.

„Es ist ein Räumungsbescheid“, sagte Thom. Sein älterer Bruder griff nach dem nagelneuen Vorhängeschloss, das an der Tür befestigt worden war und ihnen den Zutritt versperrte. Jamie lief es eiskalt den Rücken herunter, doch er biss die Zähne zusammen und ignorierte dieses Gefühl. Er hatte gelernt, seine größten Ängste zu kontrollieren. Er konnte so stark sein wie seine älteren Brüder, wenn er musste.

„Wie können die uns mit einer Zwangsräumung drohen?“, fragte Tristan. „Wir haben die Miete doch letzten Monat gezahlt.“

„Ja, schon, aber wir waren fünf Monate im Rückstand“, bemerkte Thom. „Wir warten, bis es dunkel ist. Im Keller gibt es ein kaputtes Fenster, durch das Jamie hineinklettern kann. Bis dahin sollten wir uns um einen Platz zum Übernachten kümmern.“

Die drei stiegen die schneebedeckten Stufen von der maroden Veranda hinab und machten sich auf den Weg in die Stadt.

Das ist nicht fair, dachte Jamie. Erwachsene suchten sich einen Job und bezahlten damit die Miete. Aber wie sollten Kinder das tun, wenn sie nicht arbeiten durften?

Er hatte versucht, Geld zu verdienen. Er wollte Zeitungen austragen, aber man sagte ihm, er sei zu jung. Und als er beim Supermarkt Leuten ihre Einkäufe gegen ein kleines Trinkgeld tragen wollte, jagte ihn der Ladenbesitzer davon. Und die meisten Anwohner waren zu arm, um ihn dafür zu bezahlen, dass er ihre Hunde ausführte.

„Wie soll Mom uns finden, wenn sie rauskommt und wir nicht zuhause sind?“, fragte Tris.

Ihre Mutter war beim Stehlen erwischt worden und saß deshalb nun für drei Monate im Gefängnis. Das Jugendamt schien ihren Fall übersehen zu haben, weshalb die Jungs seitdem auf sich selbst gestellt waren. Die Zwangsräumung brachte ihr Leben nun erneut durcheinander. Sie saßen völlig schutzlos auf der Straße.

„Wir könnten in meinem Versteck schlafen“, schlug Jamie vor.

„Dein Versteck? Seit wann hast du ein Versteck?“, fragte Tristan.

Jamie zuckte mit den Schultern. „Seitdem ich es letzten Monat entdeckt habe. Ich habe da auch ein paar Dinge versteckt. Es ist warm und sicher, und wir können alle dort schlafen. Niemand würde uns bemerken.“

Thom betrachtete ihn einen Moment lang. „Zeigst du uns, wo es ist?“

„Es ist ein Geheimnis“, sagte Jamie. „Also müsst ihr schwören, dass ihr niemandem davon erzählt.“

„Wem sollten wir davon erzählen?“, fragte Tristan.

Jamie führte sie durch ein Labyrinth von Gassen. Immer wieder sah er sich um. Als er sich sicher war, dass sie nicht verfolgt wurden, lief er ein Stück des Weges wieder zurück, bis sie an eine baufällige Garage kamen, ungefähr einen Block von ihrem Haus entfernt. „Ihr bleibt hier“, wies er seine zwei älteren Brüder an. „Niemand darf euch sehen. Ich zeige euch, wie man reinkommt, und dann folgt ihr mir.“

Jamie stieg auf einen Mülleimer, um sich von dort aus auf das Dach zu ziehen. Er kletterte die Dachschräge vorsichtig hoch, um nicht auf den teilweise von Schnee bedeckten alten Schindeln auszurutschen. Mit dem Fuß öffnete er ein altes Dachfenster und schwang sich leichtfüßig auf das Fensterbrett. Als er drinnen war, gab er seinen Brüdern zu verstehen, es ihm nachzumachen.

Als alle drei in der Garage waren, schloss Jamie das Fenster, zog einen Vorhang davor und schaltete das Licht ein. Auf dem Dachboden der Garage standen säuberlich aufgereihte Kartons und Boxen. Unten befand sich eine modern eingerichtete, gut ausgestattete Werkstatt. Der Besitzer hatte sie mit abblätternder Farbe und brüchigen Dachziegeln als heruntergekommenen Schuppen getarnt. Jamie trat an den Rand des offenen Dachbodens. „Im Winter heizt der Typ die Garage sogar. Und es gibt Wasser und Elektrizität und einen Kühlschrank.“

„Wow, wer hätte das gedacht“, murmelte Tris. „Hier ist es schöner als bei uns zuhause.“

„Wenn er sich schon so um seine Autos kümmert, frage ich mich, wie er wohl seine Kinder behandelt“, sagte Thom. Er lehnte sich über das Geländer des Dachbodens und betrachtete die beiden mit großen Tüchern verhüllten Fahrzeuge. „Was für Autos sind das?“

Jamie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Irgendwas Ausländisches.“

„Was, wenn er kommt?“, fragte Tris.

„Er kommt nur am Wochenende tagsüber her. Und die Lichter gehen automatisch an, sobald er die Tür öffnet.“ Jamie ging auf die andere Seite des Dachbodens. „Ich habe ein paar Decken gefunden. Und Bücher. Und unten gibt es sogar einen Fernseher.“

Thom zog Jamie an sich und umarmte ihn fest. „Das hast du gut gemacht, kleiner Bruder. Wir bleiben erst mal hier. Wenn Mom aus dem Gefängnis kommt, werden wir uns ein neues Zuhause suchen.“

Jamie lächelte. Es kam nicht oft vor, dass seine Brüder ihn für etwas lobten. Er war für gewöhnlich derjenige, der von ihrer Fürsorge abhängig war. Aber dieses Mal hatte er für ein vorübergehendes Zuhause gesorgt – einen Platz, der sicher und warm und gemütlich war.

Wenn er erwachsen war und einen Job hatte, könnte er mit seinem Geld Menschen helfen, die kein Zuhause hatten. Er könnte in jede Garage seines Viertels einen Dachboden bauen, damit es für jeden eine Bleibe gab. Oder Holz kaufen und Häuser bauen, die niemand wegnehmen konnte. Es würde keine Vermieter und keine Miete geben und schon gar keine Zwangsräumungen. Jeder wäre an einem sicheren und warmen Ort, und das Jugendamt würde Eltern niemals ihre Kinder wegnehmen.

Seine Lehrer hatten ihm immer gesagt, dass jeder einen Traum haben sollte. Jamie hatte geglaubt, sie würden damit Träume meinen wie die seiner Klassenkameraden, die Astronaut oder Basketballspieler werden wollten. Vielleicht war es aber auch genug, sich zu wünschen, Häuser bauen zu können …

1. KAPITEL

Regan Macintosh liebte das Morgengrauen. Der Moment, in dem das erste Licht des Tages im Osten auftauchte und die Nacht verblassen ließ, bedeutete für sie einen vollkommen neuen Beginn. Keine Sorgen, keine Enttäuschungen. Nur die Chance auf einen perfekten Tag, der vor ihr lag – und vielleicht auch das perfekte Bild.

Ihre innere Uhr folgte den Jahreszeiten, sodass sie immer, genau fünfzehn Minuten bevor die Sonne am Horizont auftauchte, aufwachte. Das Wetter in Minnesota war im späten September wechselhaft, auf warme und windige Tage folgten kühle Nächte. Die Blätter fingen gerade erst an, sich zu verfärben, und Schwärme von Gänsen verließen den See, um in den Süden zu fliegen.

Wenn sie bei ihrer Grandma am östlichen Ufer des Pickett Lake übernachtete, so wie letzte Nacht, nutzte sie den frühen Start in den Tag für einen Spaziergang – ihre Lieblingskamera hatte sie dann immer dabei. Das Licht war in den Morgenstunden für gewöhnlich am besten, und unverhofft interessante Bilder ließen sich immer dann schießen, wenn der Rest der Welt noch schlief.

Regan wusste nicht mehr genau, wann ihre Suche begonnen hatte, doch der Drang, das perfekte Bild zu finden, war umso größer geworden, je älter sie wurde. Nur ein einziges Mal wollte sie den Auslöser drücken und voll und ganz mit dem Bild zufrieden sein, ohne es am Computer nachbearbeiten zu wollen, ohne den gewählten Ausschnitt anzuzweifeln.

Regan legte sich den Kameragurt über die Schulter, öffnete die Tür und schlich hinaus. Sie sog die kühle Morgenluft ein, den Duft der Wälder und Seen von Minnesota. Es war ein anderer Duft als der der Wüste in Arizona, wo sie die Winter verbrachte.

Während sie die Straße hinauflief, wuchs in ihr die Vorfreude. Nebelschwaden bedeckten den Boden des Waldes, und in der Ferne hörte sie einen Blauhäher rufen.

Als sie klein war, hatten sich ihre Eltern und Geschwister über ihr Streben nach Perfektion lustig gemacht und sie wegen all ihrer Listen und Pläne geneckt. Doch sie war schon immer so gewesen; sie entdeckte etwas, wofür sie sich leidenschaftlich interessierte, und verwendete dann ihre ganze Energie und jede Sekunde ihrer Zeit darauf.

Ihre Faszination für Fotografie war in ihrer Kindheit aus einer ihrer größten Leidenschaften entstanden: Bräute. Begonnen hatte diese, als sie zum ersten Mal eine Hochzeitsszene im Fernsehen sah. Danach war sie nur noch dann glücklich, wenn sie ein langes weißes Kleid und einen Schleier trug. Manchmal stahl sie Kleidungsstücke aus dem Schrank ihrer Mutter, ein anderes Mal bastelte sie ihr weißes Outfit aus Toilettenpapier und Taschentüchern.

An Halloween trug sie immer das gleiche Kostüm: ein komplettes Brautgewand, zu dem auch eine Kristalltiara und mit Glitzersteinen besetzte Schuhe gehörten. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag bekam sie von ihren Eltern eine Digitalkamera geschenkt, in der Hoffnung, sie würde eine neue Leidenschaft finden. Stattdessen nutzte sie den Selbstauslöser und schoss Fotos von sich in ihren Brautkreationen.

Während sie jetzt die leere Straße entlanglief, dachte sie zurück an die sorgenlosen Sommer, die sie am See im Haus ihrer Großeltern verbracht hatte. Als sie acht Jahre alt wurde, durfte sie mit dem Rad in die Stadt fahren, und so konnte sie sich endlich echte Hochzeiten ansehen. Den ganzen Sommer über gaben sich wunderschöne Bräute und ihre gutaussehenden Ehemänner in der alten Steinkapelle das Jawort.

Manchmal schlich Regan sich hinein und machte ein paar Fotos von der Galerie aus, doch meistens musste sie draußen warten. Jeden Sommer füllte sie ganze Alben mit Fotos und fand jedes Jahr neue Möglichkeiten, noch schönere zu schießen.

Als sie um eine Kurve bog, konnte sie sehen, wie die Kapelle aus dem Nebel ragte. Sie machte ein paar Aufnahmen. Doch als sie näher kam, bewegte sich etwas auf der Treppe zum Eingang der Kapelle – ein Fuchs saß auf der obersten Stufe. Er bemerkte sie nicht, und Regan setzte vorsichtig ihre Kamera an. Der Himmel war verhangen, aber wenn sie etwas Geduld hatte, würde das Licht vielleicht besser werden.

Langsam, Schritt für Schritt, suchte sie einen günstigeren Blickwinkel, die Kamera fest auf den Fuchs gerichtet. Während sie auf die Sonne wartete, kehrte sie in Gedanken an ihren eigenen Hochzeitstag zurück. Sie kannte Jake Lindstrom fast ihr ganzes Leben. Seiner Familie gehörte das riesige Haus am westlichen Ufer des Pickett Lake, und seine Eltern verkehrten in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen wie ihre.

Es sollte die Hochzeit des Sommers werden, mit einem großen Sektempfang im Country Club. Sie verbrachte ihr ganzes letztes Jahr am College damit, sie bis ins Detail zu planen, und nachdem sie über zweihundert Brautkleider anprobierte hatte, fand sie schließlich das perfekte Kleid.

Alles verlief so wie geplant – bis sie vor dem Altar stand. Dort gab der Mann ihrer Träume sturzbetrunken eine Entschuldigung von sich und rannte zur Tür hinaus.

In diesem Augenblick wurde ihr Traum von der vollkommenen Braut zerstört, und sie verlor den Glauben an die perfekte Beziehung. Wie konnte man jemanden lieben und dann einfach damit aufhören? Was hatte sie falsch gemacht, dass sie kein Happy End wie im Märchen verdiente?

Von diesem Tag an hielt sie Männer innerlich auf Distanz. Sie ging auf Dates und ließ sich auf kurze leidenschaftliche Affären ein, doch ihr Herz öffnete sie nie. Den meisten Männern gefiel ihr Aussehen, und sie genossen den zwanglosen Sex. Und auch wenn viele ihrer Liebhaber die Affäre gerne vertieft hätten, beendete Regan sie jedes Mal.

Während sie den Fuchs beobachtete, dachte sie an all die Fotos, die sie als Hochzeitsfotografin gemacht hatte. Viele sagten, sie könnte Emotionen sogar in Fotos von Gegenständen festhalten – wie etwa Rosenblätter auf einem Tischläufer, ein Hochzeitsprogramm auf der Kirchenbank oder ein Schleier über der Stuhllehne. Sie kombinierte diese Fotos mit umwerfend natürlichen Bildern und wunderschönen Portraits und fing den Tag ein wie keine andere.

Es fiel ihr leichter, an das Märchen zu glauben, wenn sie hinter der Kamera stand. Sie war wie ein Filter, der die alltägliche Realität von Liebe und Ehe verblassen ließ und den Moment der Perfektion für immer einfror.

Eine leichte Brise fuhr durch das Laub am Straßenrand und wirbelte es auf den Gehweg. Plötzlich brach das schwache Morgenlicht durch die Bäume, wurde vom Nebel reflektiert und ließ die Farben strahlen – ein sattes Smaragdgrün, so lebendig, dass es unwirklich schien.

Sie konzentrierte sich wieder auf die Kamera und schoss einige Bilder. Der Fuchs schnüffelte im Wind, wedelte mit dem Schwanz und beobachtete die Straße. Regan hielt die Luft an, während sie ihn weiter fotografierte. Es war, als wüsste er, dass sie ihm nichts tun würde.

Das Sonnenlicht wanderte die Fassade der Kapelle hinauf und hüllte den Fuchs in ein diffuses Licht. Plötzlich stellte er die Ohren auf und legte den Kopf schief. Regan schnappte leise nach Luft, als sie Gesang aus dem Wald herannahen hörte.

„Give me some men, who are stout hearted men, who will fight for the right they adore.“

Innerhalb eines Wimpernschlages war der Fuchs verschwunden. Regan sah von ihrer Kamera auf und fluchte leise, während die Stimme immer lauter wurde. Kurz darauf sah sie einen Läufer, der ihr entgegenkam. Er trug Sporthosen und Laufschuhe, aber sein Langarmshirt hatte er ausgezogen und um seine Hüften gebunden. Sein Oberkörper war nackt und verschwitzt.

Er sang weiter, bis er Regan entdeckte. Offenbar überrascht, so früh am Morgen jemanden zu treffen, blieb er mitten auf der Straße stehen. Von seinem Körper stieg Dampf auf – durch die kalte Luft, die auf seine warme Haut traf –, und einen Moment lang fragte sich Regan, ob er real war.

Sie starrten sich lange an, wie Jäger und Beute, obwohl Regan nicht sicher wusste, was davon sie war. Sie wollte ihn anschreien und Steine und Äste nach ihm werfen, als Bestrafung dafür, dass er ihre Fotosession ruiniert hatte. Doch alles, was sie hervorbrachte, war ein spitzer frustrierter Schrei und ein sarkastisches „Danke schön“.

Sie drehte sich um und machte sich auf den Weg zum Haus ihrer Großmutter. Hätte sie mehr Zeit gehabt, hätte sie mit Sicherheit ein großartiges Foto von dem Fuchs schießen können, das sie als Postkarte für Touristen, die jeden Sommer an den Pickett Lake kamen, hätte verkaufen können. Stattdessen hatte es ein Holzkopf, der sich mehr um seinen Waschbrettbauch und seine Muskeln als um die Natur sorgte, ruiniert.

Ein paar Sekunden später tauchte der Läufer neben ihr auf. „Wofür hast du dich gerade bei mir bedankt?“

„Für nichts“, sagte Regan. „Du hast mir meinen Schuss verdorben.“

„Deinen Schuss?“

„Ein Fuchs. Er saß auf den Stufen der Kapelle. Perfektes Licht.“

„Zum Glück, du hättest auch mich treffen können.“

Regan hielt ihm ihre Kamera vor das Gesicht. „Nicht diese Art von Schuss. Obwohl mir jetzt irgendwie danach wäre; ich könnte dich umbringen. Es wäre so ein schönes Foto geworden, und du hast es mit deinem albernen Lied zerstört.“

„Du kennst das Lied?“

„Mein Grandpa hat es immer gesungen, wenn wir das erste Mal im Jahr alle gemeinsam im See gebadet haben.“ Regan musste lächeln, als sie sich erinnerte, wie alle Enkelkinder aufgeregt über den Steg liefen und ins Wasser sprangen. Es war ein jährliches Eröffnungsritual. Niemand durfte vorher im See schwimmen.

„Dann muss ich mich wohl wirklich bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich dein Foto ruiniert habe“, sagte er. „Wenn du dafür jetzt von mir ein Foto schießen willst, könnte ich nichts dagegen tun.“

Er rannte ein paar Meter vor, drehte sich zu ihr um und joggte rückwärts mit ausgestreckten Armen weiter. „Mach schon, ich bin bereit für meine Bestrafung.“

Regan musste wieder lächeln. Gerade eben war sie noch ziemlich sauer auf ihn gewesen, und jetzt brachte er sie zum Lachen. Wer war dieser Mann?

Sie blickte durch ihre Kamera und machte ein paar Aufnahmen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und stolperte dabei fast. „Ich glaube, das habe ich verdient.“

Regan richtete ihre Kamera neu aus, diesmal fokussierte sie sein Gesicht. Er entfernte sich immer weiter, während sie mehrere Bilder schoss. Als sie die Kamera runternahm, war er schon zwanzig Meter entfernt. Regan wollte ihn bitten, stehen zu bleiben. Sie wollte mehr über ihn erfahren, wollte wissen, wo er herkam, warum er so früh am Morgen unterwegs war. Doch sie ließ ihn davonlaufen. Er hatte sich schließlich bereits umgedreht, sah nach vorne und sang wieder ausgelassen das Lied.

Regan machte schnell noch ein paar Aufnahmen, dann blieb sie mitten auf der Straße stehen und lauschte seiner sich entfernenden Stimme. Sie hatte während ihrer Spaziergänge am frühen Morgen schon viele seltsame Begegnungen gehabt, meistens mit wilden Tieren. Jedoch konnte sie mit Sicherheit sagen, dass sie noch nie auf einen so gutaussehenden Mann getroffen war.

Ihr wurde bewusst, dass sie überhaupt schon seit langem keinem attraktiven Mann mehr begegnet war. Und sie hatte noch ein paar Monate, bevor sie für den Winter nach Arizona zurückkehren würde. Regan sah auf ihre Uhr. Wenn er regelmäßig laufen geht, könnte ich ihn am nächsten Morgen wieder hier treffen. Dann könnte sie auch herausfinden, wo er wohnte und wo er herkam. Bei ihrer nächsten Begegnung würde sie nicht so … wortkarg sein.

Regan lief schnell zurück zum Haus, schlich leise hinein und ging in die Küche. Sie nahm die Speicherkarte aus ihrer Kamera und steckte sie in ihren Laptop. Sie trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch, während die Bilder auf die Festplatte kopiert wurden. Als der Vorgang abgeschlossen war, öffnete sie sofort die Fotos, die sie von dem Fremden geschossen hatte.

Sie klickte auf das Gesicht und vergrößerte es, bis sie jedes Detail erkennen konnte. Ihr stockte der Atem, als sie ihm in die tiefblauen Augen blickte. „Oh Mann“, murmelte sie und legte unwillkürlich eine Hand auf ihre Brust. Ihr Puls beschleunigte sich, und es verschlug ihr die Sprache.

Auf dem Foto war großartig eingefangen, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume und den Nebel fielen und die Feuchtigkeit auf seinem Gesicht und seinem Körper glänzen ließen. Es war ein wunderschönes Bild von einem unglaublich umwerfenden Mann.

Das Foto zeigte ihn mit offenen Armen, wie er sie herausgefordert hatte, ihn zu fotografieren. Sein Lächeln war schelmisch und verschmitzt … als hätte er genau gewusst, wie er sie zum Lachen bringen konnte. Und sie hatte tatsächlich gelacht.

Ein attraktiver und witziger Mann – genau wie sie sich ihn vorstellte. Seit Jake brauchte sie nicht mehr als das; keine Treue oder Ehrlichkeit oder Loyalität. In ihren Beziehungen hatte sie es niemals so weit kommen lassen, dass diese Eigenschaften von Bedeutung waren. Sie war nicht auf der Suche nach Prince Charming. Aber das bedeutete nicht, dass sie sich nicht ab und zu einen Mann in ihrem Bett wünschte.

Noch vierundzwanzig Stunden. Dann würde sie die Straße erneut entlanggehen und darauf hoffen, dass dieser charmante Typ ein Gewohnheitstier war.

Ein frischer Wind jagte das Laub über die Hauptstraße des kleinen Örtchens am Pickett Lake. Jamie Quinn stieg aus seinem Pick-up und lief auf die andere Straßenseite. Er nahm die Stufen vor dem alten Eisenwarenladen und holte die Visitenkarte des örtlichen Immobilienmaklers aus seiner Jackentasche, der gleichzeitig auch der Inhaber dieses Ladens war.

Er war gestern Abend in der Stadt angekommen und hatte sich ein Zimmer in einem Motel genommen. Nach einer erholsamen Nacht, einem tollen Lauf am Morgen, einer seltsamen Begegnung mit einer forschen Fotografin und einem herzhaften Frühstück war er nun bereit, Geschäfte zu machen.

Jamie hatte einen strikten Zeitplan, der keine Flexibilität zuließ. Er hatte nur noch zwei Wochen, um ein Stück Land zu finden, bevor sein Plan vorsah, mit dem Bau der ersten Modulhäuser zu beginnen.

Als er den Laden betrat, knarrten die alten Holzdielen unter seinen Füßen, während er sich nach einem Verkäufer umsah.

Ein älterer Mann nickte ihm zu. „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“

„Ich suche Walt Murphy“, antwortete Jamie.

„Worum geht es denn?“

„Ich bin Jamie Quinn. Ich habe gestern mit ihm telefoniert. Ich bin auf der Suche nach einem Grundstück am See.“

„Sie möchten ein Haus mieten?“, fragte der Mann.

„Nein, nur das Land … Es ist eine etwas komplizierte Geschichte. Könnten Sie Walt holen?“

„Er ist hinten. Ich hole ihn für Sie“, entgegnete der Verkäufer.

Die Idee für HausKit war vor einigen Jahren entstanden, als Jamie und zwei Freunde nach einem Hockeyspiel ein paar Bier tranken. Sam Fraley, ein Architekt, und Rick Santino, ein Bauunternehmer, hatten mit ihm über die „Small House“-Bewegung und ihre möglichen Auswirkungen auf die Bauindustrie diskutiert.

Jamie argumentierte, dass sie eine interessante Möglichkeit bot, um vorgefertigte Häuser für Obdachlose zu bauen. In seinem Leben hatte es eine Zeit gegeben, in der er keinen sicheren und warmen Ort gehabt hatte, an dem er bleiben konnte, und er hatte schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, etwas für andere tun zu können, die in der gleichen Situation waren wie er damals.

Und so war HausKit entstanden. Die Materialien für ein ganzes hundert Quadratmeter großes Haus würden in einer Box dort hingeschickt, wo sie benötigt wurden. Sie hatten jeden Bausatz als Modul designt, sodass es zu einem vernünftigen Preis zu einem größeren Haus erweitert werden konnte. Sam, Rick und Jamie war es vor allem wichtig gewesen, dass der Bausatz so einfach wie möglich mit einem Minimum an Werkzeugen und Ausrüstung zusammengebaut werden konnte.

Den dreien lag dieses Projekt sehr am Herzen, und nachdem sie ein Jahr lang an dem Design gearbeitet hatten, bauten sie zusammen ihr erstes Modulhaus, das sie einem Projekt für Obdachlosenunterkünfte in Minneapolis spendeten. Das kleine Haus hatte viele Auszeichnungen erhalten und großes Interesse bei Investoren geweckt. Doch diese Investoren brauchten einen Beweis, dass Jamie und seine Freunde damit Gewinn erwirtschaften konnten. Deshalb hatten sie einen zweiten Plan ausgearbeitet: ein Ferienhauskonzept.

Der Verkauf der Modulferienhäuser sollte das gemeinnützige Obdachlosenprojekt finanzieren. Aber es reichte nicht aus, einfach ein Werbeprospekt mit Bildern vom Design zu erstellen. Investoren wollten echte Häuser in einer natürlichen Umgebung sehen.

Deshalb war Jamie auf der Suche nach einem Grundstück am See, das er pachten konnte. Sobald er die Genehmigung hätte, würde er HausKits erstes Modulhaus bauen und seine Entstehung mit Fotos und Videos für eine Bauanleitung dokumentieren.

„Entschuldigung? Könnten Sie mir helfen?“, fragte eine ältere Dame hinter ihm. Ihr blondes Haar trug sie zu einem Dutt hochgesteckt, und ihre glatte Haut ließ kaum Rückschlüsse auf ihr Alter zu. Sie trug einen Leinenmantel, Khakihosen und kniehohe Gummistiefel.

„Tut mir leid, aber ich arbeite nicht hier“, entgegnete Jamie.

Sie lächelte, und ihre blauen Augen funkelten. „Ich brauche nicht Ihren Rat. Ich brauche nur Ihre Augen. Ich kann diese Beschreibung nicht lesen.“

„Damit kann ich Ihnen natürlich helfen“, sagte Jamie und nahm ihr die Packung Kleber aus der Hand. Er las ihr die Anweisungen vor, und als der Frau bewusst wurde, dass es nicht das war, wonach sie gesucht hatte, half er ihr, den richtigen Kleber zu finden.

„Danke für Ihre Hilfe.“

„Ich freue mich, dass ich Ihnen behilflich sein konnte.“

Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Celia Macintosh. Und wie ist Ihr Name, junger Mann?“

„James Quinn. Aber alle nennen mich Jamie.“

„Jamie, ich habe eben zufällig mitbekommen, dass Sie ein Stück Land suchen.“

„Ja, richtig. Mit Seeblick. Es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der ein Grundstück am See vermieten möchte. Vor allem für den Preis, den ich zahlen kann.“

„Mr. Quinn?“

Jamie drehte sich um. Ein Mann mittleren Alters kam auf ihn zu. Er trug ein lässiges Sakko und ein ordentlich gebügeltes Hemd. Sein graues Haar war zerzaust, er sah aus, als hätte er gerade ein Nickerchen gemacht. „Mr. Murphy?“

Der Immobilienmakler gab ihm die Hand. „Walt Murphy. Was kann ich für Sie tun?“

„Nichts“, sagte Celia. „Mr. Quinn benötigt Ihre Hilfe nicht mehr.“ Sie räusperte sich. „Wie ich gerade sagen wollte, Mr. Quinn, habe ich ein zauberhaftes kleines Grundstück, das ich gerne vermieten würde. An die richtige Person natürlich.“

„Seit wann haben Sie denn Land zu verpachten, Miss Celia?“, fragte Walt.

„Das geht Sie nichts an.“ Sie warf Jamie ein neckisches Grinsen zu. „Kommen Sie mit, Mr. Quinn, wir müssen übers Geschäft sprechen.“ Sie gab Walt die Packung Kleber. „Walter, sag deiner Mutter einen schönen Gruß von mir. Und lass dir mal die Haare schneiden!“

„Miss Celia, ich denke, ich muss Sie daran erinnern, dass Ihr Eigentum treuhänderisch verwaltet wird. Sie sind nicht dazu ermächtigt, es an Dritte zu vermieten“, sagte Walt. „Vielleicht sollte Mr. Quinn mit Ihrer Enkelin sprechen, bevor Sie etwas entscheiden. Miss Regan wird wissen, was das Beste ist.“

„Sei nicht albern“, sagte Celia. „Ich kann selbst Entscheidungen treffen. Ich brauche Regans Hilfe nicht. Und ich besitze selbst Eigentum. Mir gehört Maple Point.“

Walt runzelte die Stirn. „Sie überlegen, dieses Grundstück zu verkaufen? Aber ich dachte, Sie …“

„Walt, du weißt, dass es am See kein vernünftiges Grundstück mehr gibt. Es sei denn, du versuchst, dieses schäbige Stück Sumpfgebiet am westlichen Ufer, das dir gehört, zu verkaufen.“ Celia drehte sich zu Jamie um. „Warum sehen wir uns nicht einfach mein Grundstück an?“

„In Ordnung“, antwortete Jamie.

Als sie zur Tür gingen, hielt Walt ihn am Arm fest. „Jeder in der Stadt liebt Miss Celia. Hier in Pickett Lake haben wir ein Auge aufeinander. Sollten Sie sie verletzen oder sie ausnutzen, werden Sie es mit der ganzen Stadt zu tun bekommen.“

„Ich weiß diese Warnung zu schätzen“, entgegnete Jamie. „Ich habe eine Grandma, die mir sehr wichtig ist, und wenn es Sie wäre, würde ich mir genauso Sorgen machen.“

Obwohl seine Grandma zu spät in sein Leben getreten war, um ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren, hatte sie, während er in der Highschool war, stetig Einfluss auf Jamie, den Jüngsten in der Familie, genommen.

„Gut. Ich bin froh, dass wir das geklärt haben“, sagte Walt.

Jamie folgte Celia hinaus. Sie zog ein Paar Lederhandschuhe aus ihrer Tasche und zeigte auf einen blassgelben Mercedes auf der anderen Straßenseite. „Erzählen Sie mir, Mr. Quinn, was wollen Sie auf meinem Grundstück bauen? Ein nettes kleines Sommerhaus für Ihre Frau und Kinder?“

Jamie lachte. „Nein, ich habe keine Frau. Oder Kinder.“

„Wirklich?“ Sie lächelte. „Ich bin überrascht. Warum nicht? Sie scheinen ein sehr netter Mann zu sein. Gutaussehend. Erfolgreich.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Sie sind gut gekleidet. Und Sie interessieren sich für mein Land, was kein Schnäppchen ist.“

„Ich plane, ein Modellhaus zu bauen. Ein Moduldesign, das mein Unternehmen herstellt. Wir wollen davon Fotos machen, um sie potenziellen Investoren zeigen zu können. Und wenn wir es nicht mehr brauchen, so in drei oder vier Jahren, bauen wir es ab und bringen das Land in seinen Ursprungszustand.“

„Ich könnte Ihnen das Grundstück verpachten“, sagte Celia. „Doch was wäre, wenn ich das Haus behalten wollte? Vielleicht könnten Sie es einfach stehen lassen?“

„Sie sind eine wirklich geschäftstüchtige Frau, Miss Celia.“

„Das bin ich.“

Jamie half ihr in den Wagen und lief dann zu seinem Pick-up. Er machte kehrt und folgte dem Mercedes die Hauptstraße hinunter und die Küstenstraße entlang, wo sie nur langsam durch die engen Kurven fuhren, die sich durch die dichten Wälder schlängelten.

Er erkannte den Weg. Es war die gleiche Strecke, die er am Morgen gejoggt war. Er dachte an die Begegnung mit der frechen, aber hübschen Fotografin.

Eigentlich hatte er in der Stadt nach ihr fragen wollen, um etwas über sie herauszubekommen. Aber bis jetzt war er sich noch nicht sicher, ob er in Pickett Lake bleiben würde. Der Urlaubsort war nicht weit weg von Minneapolis, was beim Aufbauen des Hauses hilfreich sein würde. Aber es war auch ein kleiner Ort, und er war sich bewusst, dass die Chancen, ein verfügbares und bezahlbares Grundstück zur Pacht zu finden, gering waren. Das Zusammentreffen mit Celia war ein Segen. Und wenn er sich hier ein Stück Land sichern könnte, würde er vielleicht auch etwas über die interessante Fotografin in Erfahrung bringen können.

Er erinnerte sich, dass sie wunderschön war und dass ihn ihre Augenfarbe fasziniert hatte – ein dunkles Smaragdgrün. Und ihre Stimme war weich und melodisch, als könnte sie damit jeden, der ihr begegnete, überzeugen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Sogar jetzt konnte er sich ihre Stimme vorstellen, wie sie ihn neckte, seinen Namen sagte, ihn überzeugte, sich zu entspannen, sich zu ergeben …

Stopp, Jamie! Das war doch verrückt. Er hatte nicht nach ihrem Namen gefragt, weil er nicht gewusst hatte, ob er überhaupt in der Stadt bleiben würde. Außerdem war er nicht der Typ Mann, der sich gerne festlegte. Er hatte sich vorgenommen, schwierige Romanzen zu vermeiden. Er bevorzugte Frauen, die nur etwas für eine oder zwei Nächte suchten. Doch diese Frau war viel zu hübsch, um sich auf zwanglosen Sex einzulassen. Er konnte sich vorstellen, wie die Männer an ihren Lippen hingen und für ein Date Schlange standen.

Verdammt, wahrscheinlich war sie verheiratet. Oder mit jemandem zusammen. Warum war er nicht etwas länger bei ihr geblieben und hatte sich vorgestellt?

Die Bremslichter des Mercedes leuchteten auf, und Celia bog in eine enge gepflasterte Einfahrt, nicht weit von dem Ort, an dem er die Fotografin getroffen hatte. Vielleicht wusste Celia, wer sie war. Jamie nahm sich vor, sie zu fragen, sobald sich eine Gelegenheit ergab.

Das Haus, oder besser gesagt die Lodge, war aus Holzstämmen gebaut und stand auf einer weiten Lichtung, von der aus man über den See blicken konnte. Obwohl er wusste, dass es Nachbarn gab, waren die Bäume so dicht, dass man den Eindruck hatte, völlig allein und abgeschirmt zu sein.

Celia hielt in dem großen Wendekreis an, stieg elegant aus dem Wagen und strich sich über die Haare. Jamie hatte ihr von Wohlstand zeugendes Auftreten schon im Eisenwarenladen bemerkt, doch nachdem er ihr Haus gesehen hatte, wusste er, dass Celia das Einkommen durch die Verpachtung des Landes nicht brauchte, um finanziell abgesichert zu sein.

Jamie sprang aus dem Truck und schlenderte zu ihr hinüber. „Ganz schön eindrucksvoll“, sagte er.

„Mein verstorbener Ehemann Kenneth hat es erbaut, damit wir den Sommer mit der ganzen Familie hier verbringen konnten“, erklärte sie. „Doch nun sind unsere Kinder in alle Himmelsrichtungen verstreut, und mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Nur an Thanksgiving, Weihnachten und an meinem Geburtstag im Juli ist das Haus voll.“

„Wie viele Kinder haben Sie denn?“, fragte Jamie.

„Ich habe fünf Kinder und siebzehn Enkelkinder“, antwortete Celia und lächelte. „Lassen Sie uns erst zu der Landspitze gehen, und ich zeige Ihnen das Grundstück.“

Sie gingen um das Haus herum zu einer breiten Steinterrasse, die einen malerischen Blick über den See bot. Die Rückseite der Lodge wurde von einer zweistöckigen Veranda umrandet, und eine Treppe führte vom Garten zu einer breiten Fensterfront hinauf. „Das ist wunderschön“, sagte Jamie. „Wie im Paradies.“

„So habe ich auch mal gedacht. Doch jetzt ist es nur noch ein großes leeres Haus, voll von Erinnerungen.“

Jamie zeigte auf ein kleines Gebäude am See. „Ist das ein Bootshaus?“

„Nein, ein Gästehaus. Das war bereits auf dem Grundstück, als wir es gekauft haben. Mein Mann und ich haben dort gewohnt, während wir die Lodge bauten.“

„Ich werde etwas zum Übernachten benötigen, wenn ich das Modell bauen werde. Würden Sie mir das Gästehaus vermieten?“

„Ich denke, das kann ich tun. Der Ofen funktioniert nicht, und das Wasser ist ausgestellt. Aber ich könnte mich darum kümmern. Wann würden Sie einziehen?“

„Nun, ich benötige noch die Baugenehmigung, und das kann einige Wochen dauern. Aber ich muss bis November fertig sein, denn dann wird das Wetter schlechter, und unsere Investoren werden nervös. Also würde ich wahrscheinlich Mitte Oktober wiederkommen.“ Er lachte. „Aber ich habe die Stelle ja noch gar nicht gesehen. Vielleicht sollten wir damit anfangen.“

Während sie am Seeufer entlangliefen, erzählte Jamie von den Vorhaben seines Unternehmens, von dem Wunsch, einfach und schnell zu bauende Obdachlosenunterkünfte anbieten zu können, und wie der Bau von Ferienhäusern bei der Finanzierung ihrer uneigennützigen Ziele helfen würde.

Celia hörte aufmerksam zu und stellte immer wieder Fragen. Während er alles erklärte, wurde sein Enthusiasmus für das Projekt immer offensichtlicher.

Als sie an der Stelle ankamen, die Celia im Sinn hatte, wusste Jamie sofort, dass sie perfekt war. Jetzt mussten sie sich nur noch über die Konditionen einigen und hoffen, dass Celias Familie nichts dagegen hatte.

2. KAPITEL

Regan zupfte an den Falten der gehäkelten Babydecke herum und trat dann zurück, um das Arrangement für das Foto zu überprüfen.

Eine Familie aus dem Ort hatte ihr Baby-Paket gebucht, und sie hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, das junge Paar und seine kleine Tochter zu fotografieren. Sie hatten erst draußen die leuchtenden Farben des Herbstes als Kulisse genutzt, und nun machten sie zum Schluss noch ein paar Aufnahmen von der Mutter und dem Kind, die entspannt auf dem Schaukelstuhl im Kinderzimmer saßen.

„So“, flüsterte sie. „Jetzt drehen Sie den Kopf etwas zur Seite, und sehen Sie aus dem Fenster.“

Regan konzentrierte sich auf das schlafende Baby – auf seine zarten mädchenhaften Gesichtszüge mit langen Wimpern, kleiner Nase und geschwungener Oberlippe. Regan musste schlucken; wie immer war sie von diesem Anblick ergriffen.

Nach Jake hatte sie ihren Traum von einer märchenhaften Hochzeit aufgegeben. Und an dieser Entscheidung hielt sie fest. Doch das bedeutete auch, die Hoffnung auf eigene Kinder in naher Zukunft aufzugeben. Und das setzte ihr manchmal noch zu.

Eines Tages, wenn sie dann noch ein Kind haben wollte, würde sie eines bekommen. Sie brauchte keinen Ehemann, doch sie würde jemanden finden müssen, der sein genetisches Material zur Verfügung stellte. Wie schwer konnte das schon sein?

Als sie durch die Kamera blickte, erinnerte sie sich an den Mann, den sie vor ein paar Wochen auf der Straße getroffen hatte. Er war das Aufregendste, was ihr in letzter Zeit begegnet war.

Sie hatte sich im Ort umgehört, hier und da ein paar unauffällige Fragen gestellt, aber niemand wusste etwas von einem Fremden, der in der Stadt war. Vielleicht war er der neue Besitzer vom Hamill Cottage, das nur einige hundert Meter von dem Haus ihrer Grandma entfernt lag. Es war erst kürzlich verkauft worden, und er war aus dieser Richtung gekommen. Ihre Grandma würde ihn sicherlich kennen, wenn er der neue Nachbar war.

Doch manchmal war es für Regan besser, solche Dinge für sich zu behalten. Ceci neigte dazu, sich zu sehr einzumischen, wenn sie in irgendeinem Mann einen potenziellen Ehemann für Regan sah. Sobald Regan sich für jemanden interessierte, bereitete ihre Grandma schon die Gästeliste für die Hochzeit vor. Obwohl sie ihr schon oft erklärt hatte, dass sie nie wieder heiraten wollte, versuchte Ceci trotzdem immer wieder, sie davon zu überzeugen, der Liebe eine zweite Chance zu geben.

Regan machte noch ein paar weitere Aufnahmen von der Mutter und dem Kind, bis sie zufrieden war. „Wir sind fertig“, sagte sie, als sie den Deckel auf das Objektiv setzte.

Die Mutter stand langsam und vorsichtig auf, um nicht ihr Baby zu wecken. „Darf ich mal sehen?“

Regan schüttelte den Kopf. „Nein, ich zeige die Bilder niemandem, bevor sie entwickelt sind. Deshalb haben Sie mich gebucht. Ich suche die schönsten Bilder raus und bearbeite sie. Ich verspreche, Sie werden nicht enttäuscht sein.“

Ihre Kundin lächelte. „Okay. Dann vielen Dank. Und rufen Sie mich an, wenn die Bilder fertig sind. Wir würden gerne eins für unsere Weihnachtskarten verwenden.“

Sie verließ das Kinderzimmer, ihre Tochter immer noch schlafend auf ihrem Arm, und Regan packte ihre Sachen zusammen. Als sie ihre Ausrüstung zum Auto schleppte, zog sie ihr Handy aus der Jacke.

Ihre Grandma hatte in den letzten Tagen zwei Mal angerufen, um sie zum Essen einzuladen. Regan schickte ihr eine Nachricht, dass sie damit beschäftigt war, Hochzeitsfotos zu bearbeiten, aber vorbeikommen würde, sobald sie einen freien Abend hätte.

Obwohl sie ein kleines Apartment über ihrem Laden in der Stadt hatte, verbrachte sie ein Drittel ihrer Nächte bei ihrer Grandma. Regan wusste, wie einsam Ceci war und wie viel Freude es ihr bereitete, für ihre Enkelin zu kochen. Deshalb machte sie sich immer, wenn sie eine Pause von der Arbeit brauchte, auf den kurzen Weg zu der Lodge.

Weil sie jedoch in letzter Zeit so viele Aufträge hatte, war sie seit fast drei Wochen nicht mehr bei ihrer Grandma gewesen. Als Regan im Auto saß, entschied sie sich um und rief Ceci an.

Sie hatte noch ein paar Tage Zeit, bis sie sich um die Fotos von dem Babyshooting kümmern musste. Und die Hochzeit, auf der sie eigentlich am Wochenende hätte fotografieren sollen, war letzten Monat abgesagt worden.

Regan erreichte ihre Grandma nicht und sprach ihr auf die Mailbox: „Hi, Nana, ich bin’s, Regan. Ich wollte dir nur sagen, dass ich heute Abend endlich Zeit für ein Essen hätte. Ich muss nur noch schnell in die Stadt, um Batterien für meine Kamera zu kaufen, und dann komme ich vorbei. Ruf mich an, wenn du etwas aus der Stadt brauchst. Bis später. Ich hab dich lieb.“

Regan fuhr los. Sie hatte es eilig, denn der Eisenwarenladen würde bald schließen. Walt Murphy sperrte um punkt 17 Uhr die Türen zu, sie hatte also nur noch drei Minuten, um die speziellen Batterien für ihre Ausrüstung zu besorgen.

Sie hielt vor dem Laden, gerade als er herauskam. „Gott sei Dank, Sie haben noch geöffnet“, rief Regan.

Walt lachte und zeigte auf die Tür, die er gerade abschloss. „Wir öffnen morgen um acht wieder.“

„Ich brauche nur ein paar Kadmium-Batterien. Im Supermarkt bekomme ich die nicht, und ich muss morgen früh für den Feuerwehrkalender ein paar Aufnahmen vom Sonnenaufgang machen.“

„Nun, als freiwilliger Feuerwehrmann muss ich da wohl eine Ausnahme machen.“ Walt öffnete die Tür wieder. „Ich bin froh, dass Sie vorbeikommen. Ich wollte mit Ihnen über Ihre Großmutter sprechen.“

„Meine Grandma?“

„Ja“, sagte Walt, während er ihr die Tür aufhielt. „Vor ein paar Wochen war sie in meinem Laden und hat hier einen Mann namens Quinn kennengelernt. Er wollte sich mit mir treffen, weil er ein Stück Land gesucht hat, um darauf zu bauen. Aber bevor wir etwas besprechen konnten, hatte sie ihm schon Maple Point angeboten.“

Unser Maple Point?“

„Japp. Land, das treuhänderisch verwaltet wird, kann sie nicht verpachten oder verkaufen, doch dann habe ich herausgefunden, dass dieses Stück Land ihr gehört. Sie hat es vor langer Zeit zurückgekauft. Ich wollte Sie anrufen, aber dann dachte ich, dass ich mich nicht in Angelegenheiten Ihrer Familie einmischen sollte.“

Regan holte die Batterien und bezahlte sie. „Danke, dass Sie mir das gesagt haben.“

„Wenn sie Maple Point wirklich verkaufen will, könnte ich den besten Preis herausholen – wenn sie mir den Auftrag erteilen würde.“

„Sie wird das Grundstück nicht verkaufen“, versicherte sie ihm.

Regan fluchte leise. Seit ihr Grandpa vor zwei Jahren gestorben war, wusste ihre Grandma nichts mit sich anzufangen. Die Familie hatte sie gedrängt, die Lodge zu verkaufen und sie gegen etwas Kleineres einzutauschen, doch Celia bestand darauf, dass sie im Familienbesitz blieb, in der Hoffnung auf wunderschöne Sommer wie in vergangenen Zeiten, als das Haus bevölkert war von Macintoshs aus drei Generationen.

Da Regan die einzige Verwandte war, die in der Nähe wohnte, musste sie sich um Celia und ihre Probleme kümmern. Sie hatte ihrer Grandma schon immer nahegestanden, deshalb machte es ihr nichts aus. Aber Celia Macintosh konnte stur sein, und sie wollte ihre eigenen Entscheidungen treffen, egal, wie absurd sie auch sein mochten.

Doch das hier ist eine unerwartete Entwicklung, dachte Regan. Und wenn Ceci jemand Fremdes zu sich einlud, war es zudem gefährlich. Sie lief zurück zu ihrem Wagen und versuchte noch mal, ihre Grandma anzurufen. Aber wieder erreichte sie in der Lodge niemanden.

Das ist meine Schuld! Ich hätte sie längst besuchen sollen. Wenn ich nicht auf sie aufpasse, gerät sie noch in Schwierigkeiten. Wenn Regans Familie davon erfuhr, würde sie ihr die Hölle heiß machen. Sollte Ceci schon ein Stück Land überschrieben haben, würde Regan die Anwälte einschalten müssen, und das bedeutete, dass sie ihren Vater anrufen müsste.

Sie fuhr die Küstenstraße entlang. Die Sonne war bereits untergegangen. Bald würde der erste Schnee fallen und in einem Monat der Winter einbrechen. Nach den Feiertagen würden Regan und Ceci in den Süden fahren und für ein paar Monate in ihrer Wohnung in Scottsdale leben.

Ceci genoss die Zeit mit ihren Freunden in Arizona, und Regan war fast an jedem Wochenende zwischen Silvester und April für Hochzeiten gebucht. Am ersten Mai packten die beiden dann immer ihre Sachen und fuhren an den See zurück.

Als Regan die Lodge erreichte, sprang sie aus dem Wagen und lief hastig zur Vordertür. Zwar besaß sie einen eigenen Schlüssel, jedoch kündigte sie sich immer mit einem Klingeln an.

„Nana?“, rief sie beim Eintreten. „Nana, ich bin’s, Regan.“

Einen Moment später kam Ceci aus dem hinteren Bereich des Hauses. Regan blieb bei ihrem Anblick die Luft weg. Seit dem Tod ihres Ehemanns hatte Celia mehr und mehr ihren Sinn für Mode verloren und sich nur noch in gedeckten Farben gekleidet. Ihr aschblondes Haar band sie für gewöhnlich zu einem Dutt zusammen. Aber heute trug sie einen fließenden Kaftan in Neonpink und Orangerot, und ihr Haar war leicht gelockt und toupiert. Regan war überwältigt davon, wie jung ihre Grandma aussah.

„Nana“, flüsterte sie. „Du siehst umwerfend aus.“

Ceci lächelte und drehte sie sich einmal um die eigene Achse. „In diesem alten Ding? Das habe ich seit Jahren nicht mehr getragen.“

„Deine Haare!“

„Sind sie so in Ordnung? Ich weiß, dass man Haare heutzutage nicht mehr toupiert, aber ich konnte einfach nicht anders.“

„Du siehst toll aus.“ Regan zögerte kurz, bevor sie die offensichtliche Frage stellte. Sie atmete tief ein.

„Was ist der Anlass?“

„Vor ein paar Wochen habe ich im Eisenwarenladen einen netten jungen Mann getroffen, der an einem sehr wichtigen Projekt arbeitet. Er wird die Art des Wohnens neu erfinden. Ich muss für ihn ein paar Unterlagen unterschreiben, deshalb habe ich ihn zum Essen eingeladen. Wenn du schon da bist, kannst du uns Gesellschaft leisten. Und könntest du ein wenig aufräumen? Ich muss noch etwas vorbereiten. Und du solltest vielleicht noch einen Blick in den Spiegel werfen und etwas Lippenstift auftragen.“

„Ist das der Mann, an den du Maple Point verpachten willst?“

„Walt Murphy sollte sich um seinen eigenen Kram kümmern. Und du auch. Wenn ich mich dazu entschließe, Maple Point zu verpachten oder zu verkaufen, dann ist das meine eigene Entscheidung.“

„Was weißt du denn über diesen Typen, Nana? Er könnte ein Betrüger sein, ein Schwindler oder einer dieser widerlichen Kerle, die wohlhabende ältere Damen ausnehmen. Ein Wolf im Schafspelz!“

„Ich habe doch nicht meinen Verstand verloren“, entgegnete Ceci. „Ich habe ihn von unserem Familienanwalt überprüfen lassen, und Mr. Quinn scheint wirklich derjenige zu sein, für den er sich ausgibt. Ich hätte ihm nicht angeboten, hier zu übernachten, wenn ich das Gefühl hätte, er könnte ein Schwindler sein.“

„Du hast ihm angeboten, hier zu schlafen?“, fragte Regan.

„Ich habe ihm gesagt, dass er das Gästehaus mieten kann. Ich kann das Geld gut gebrauchen.“

„Nana, du musst doch keine Gäste beherbergen. Du hast genug Geld. Und wenn du allein bist, kannst du immer mich anrufen. Ich verbringe dann die Nacht hier.“

„Ich weiß, Darling. Aber du hast eine Aufgabe, die dich ausfüllt. Ich muss auch etwas tun. Etwas, auf das ich mich freuen kann.“

„Und das ist, einem Fremden Abendessen zu servieren?“

„Er ist kein Fremder. Er ist ein sehr netter Mann, und ich bin mir sicher, dass du mir zustimmen wirst, wenn du ihn erst kennenlernst.“

„Was ich gleich auf jeden Fall tun werde. Wann wird er hier sein?“

„Oh, das ist er schon längst. Er ist oben. Ich dachte, es wäre schön, wenn wir uns für das Abendessen schick machen. Dein Grandpa und ich haben das immer so gemacht, dadurch wurde das Abendessen zu etwas Besonderem. Der junge Mann hatte keinen Smoking, aber ich hatte noch einen von deinem Grandpa, den ich ihm geliehen habe.“

Regan seufzte innerlich. Offensichtlich hatte dieser Mann ihre Grandma bereits um den Finger gewickelt. Smoking und Candle-Light-Dinner zu zweit? Jemand musste das unterbinden, bevor Ceci verletzt wurde, und es schien, als müsste Regan das übernehmen. „Ich gehe kurz nach oben und stelle mich ihm vor“, sagte sie.

„Er wird jeden Moment herunterkommen. So lange wirst du wohl noch warten können.“

„Nein, das kann ich nicht.“ Regan machte auf dem Absatz kehrt und lief zur Treppe.

Ihre Grandma sah ihr besorgt hinterher.

Wenn dieser Mann vorhatte, ihre Grandma auszunutzen, würde Regan das herausfinden. Es gab so viele skrupellose Menschen, die dazu fähig waren, das Leben von anderen zu zerstören. Sie würde nicht zulassen, dass ihrer Grandma so etwas widerfuhr. Ganz gleich, wie attraktiv oder charmant dieser Mann war.

Regan stieg die Treppen hinauf in den zweiten Stock und schaute in jedem der sechs Schlafzimmer nach. Im letzten Zimmer entdeckte sie Männerkleidung auf dem Bett ausgebreitet. Sie trat ein und sah sich um.

Aus dem Badezimmer drang das Geräusch des Wassers in der Dusche, sie hatte also kurz Zeit, um sich umzusehen. Regan nahm die Brieftasche des Kerls und durchsuchte sie. Sie fand seinen Führerschein, zog ihn heraus und betrachtete das Foto. Ihr stockte der Atem.

„Oh mein Gott“, murmelte sie. „Er ist es.“

Regan hatte angenommen, dass er bereits älter war. Seinem Führerschein nach war er jedoch siebenundzwanzig Jahre alt, und auf dem Foto strahlte er eine umwerfende Männlichkeit aus, wie sie sich jede Frau von einem Mann im Bett ersehnte.

Sie ertappte sich dabei, wie sie das Foto anstarrte. Sie versuchte, in seinen hellblauen Augen zu erkennen, welche Absichten er hatte. Doch dieses Foto sagte ihr nicht mehr, als dass er das perfekte Gesicht hatte.

Er hatte fast fünfhundert Dollar und einige Kreditkarten in seinem Portemonnaie. Der Rest des Inhalts verriet ihr, dass er eine verlässliche Reinigung hatte, einen Lieblingscoffeeshop und Tickets für das Eishockeyspiel der Blizzards gegen New York Anfang Dezember.

Regan legte die Brieftasche zurück und nahm sein Handy. Zu ihrem Ärger war es ausgestellt. Sie schaltete es ein und wartete darauf, dass das Display aufleuchtete. Mit Sicherheit würde sie in seinen Textnachrichten und Fotos mehr über ihn erfahren …

Jamie nahm sich ein Handtuch vom Stapel und band es sich um die Hüften. Eigentlich hätte er sich nicht die Zeit für eine Dusche nehmen sollen in Anbetracht der Tatsache, dass Celia unten mit dem Abendessen auf ihn wartete. Doch er hatte fast den ganzen Tag im Auto verbracht, und die marmorne Dusche schien genau der richtige Ort zu sein, um seinen steifen Nacken und Rücken zu entspannen.

Er öffnete die Badezimmertür und blieb abrupt stehen, als er eine Frau entdeckte, die mit seinem Handy in der Hand auf dem Bett saß. Sie sah zu ihm auf, und er erkannte sie sofort. „Sie sind es“, murmelte er.

Sie starrte ihn skeptisch an. „Und Sie sind es auch. Würden Sie mir mal verraten, was Sie hier im Haus meiner Großmutter tun?“

„Ich glaube, die wichtigere Frage hier ist, was Sie mit meinem Handy machen!“

Regan sprang auf und warf hastig das Handy aufs Bett, als hätte sie gerade erst bemerkt, dass sie dabei erwischt worden war, wie sie seine Sachen durchwühlte.

Ihr Blick wanderte langsam von seinen nassen Haaren über seinen nackten Oberkörper und schließlich zu dem Handtuch, das tief auf seinen Hüften saß.

Er lächelte. „Ich habe nicht damit gerechnet, Sie wiederzusehen.“

Regan wandte sich zur Tür. Sie wusste nicht, ob sie fliehen oder ihrer Neugier auf den Fremden, der halbnackt vor ihr stand, nachgeben sollte. Im letzten Moment entschied sie zu bleiben.

„Regan“, sagte sie schließlich. „Mein Name ist Regan Macintosh. Ich bin Celias Enkelin.“ Sie hielt ihm die Hand hin und bemerkte erst dann, dass er mit seiner Rechten das Handtuch festhielt.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Regan“, antwortete er. Er versicherte sich, dass das Handtuch nicht herunterrutschte, und gab ihr die Hand. „Ich bin James Quinn, aber alle nennen mich Jamie.“

Sie sah auf ihre Hände und runzelte die Stirn, als fragte sie sich, wie ihre Hand dorthin gekommen war.

Jamie wartete auf eine Erklärung. Regan zwang sich zu lächeln, dann richtete sie sich auf und sah ihm in die Augen.

„Ich denke, das reicht jetzt“, entgegnete sie und deutete auf seinen nackten Oberkörper. „Ich bin sicher, du läufst gerne halbnackt herum und raubst all den Ladys den Atem, aber auf mich wirkt das ehrlich gesagt etwas verzweifelt.“

„Verzweifelt?“ Jamie lachte. „Warum?“

„Männer wie du nutzen all ihre Vorzüge. Es ist nicht zu übersehen, dass du einen unglaublich heißen Körper hast, aber ich bin mir sicher, dass meine Grandma nicht auf diese plumpe Masche hereinfällt.“

„Plumpe Masche?“, murmelte Jamie. „Was genau, glaubst du, tue ich hier?“

„Ich denke, du willst meiner Grandma das Geld aus der Tasche ziehen. Ist es nicht das, wofür Männer wie du ihren Körper einsetzen?“

Jamie musste laut loslachen, als er begriff, wie sie zu diesem Schluss gekommen war. „Du glaubst, ich bin ein Liebesbetrüger?“

„Du bevorzugst wohl die Bezeichnung Hochstapler?“, entgegnete Regan gereizt. „Ich versichere dir, dass sie, wenn du so hinuntergehst, einen Herzinfarkt bekommen wird.“

Jamie schüttelte den Kopf, dann trat er an das Fußende des Bettes und griff nach seinen Boxershorts. Er stieg hinein und zog sie unter dem Handtuch nach oben. Dann löste er das Handtuch von seinen Hüften und legte es sich um den Hals. „Ich bin hier, weil ich einen Platz zum Übernachten brauche und nicht in ein Motel gehen wollte. Deine Grandma bot mir freundlicherweise das Gästehaus an. Und dann hat sie mich zum Dinner eingeladen. Sonst nichts.“

„Natürlich. Vergiss aber nicht das Grundstück, das du ihr abschwatzen willst. Du glaubst wahrscheinlich, dass sie ein leichtes Opfer ist, weil sie hier draußen alleine wohnt, mit niemandem, der auf sie aufpasst. Aber ich passe auf sie auf“, entgegnete Regan. „Und du wirst nicht einen Cent von ihrem Geld sehen oder auch nur einen Quadratmeter Land von ihr bekommen. Ist das klar?“

Jamie ging zum Kleiderschrank und schnappte sich ein Hemd. Während er es sich überstreifte, fluchte er vor sich hin. „Das Einzige, was klar ist, ist, dass du verrückt bist.“

„Bin ich nicht“, rief Regan.

„Wenn du es nicht wärst, würdest du dich mich allein lassen, und ich könnte mich in Ruhe anziehen.“

Regan wollte gerade etwas darauf erwidern, doch die Antwort blieb ihr im Hals stecken. „Wir sind hier noch lange nicht fertig“, brachte sie schließlich hervor.

„Ich freue mich darauf, dieses Gespräch zu einem Zeitpunkt, der uns beiden passt, fortzusetzen“, antwortete Jamie.

„Davon wird es einige geben, da ich dich, solange du hier bist, im Auge behalten werde“, entgegnete Regan.

„Schön!“, sagte Jamie.

„Schön!“, gab Regan zurück. „Wir sehen uns unten.“

Sie stürmte aus dem Zimmer, wodurch sie Jamie eine vorzügliche Aussicht auf ihre Rückseite bot. „Was für eine interessante Entwicklung“, murmelte er. Tatsächlich freute er sich darüber, Regan in seiner Nähe zu haben. Wenn jemand anderes aus der Familie Bedenken haben sollte, könnte sie versichern, dass er anständig mit Celia umging und nicht die Absicht hatte, ihr etwas abzuschwatzen.

Auch wenn Regan völlig danebenlag, was seine Absichten anging, hatte sie doch mit einer Sache recht. Ihre Großmutter schien sich tatsächlich über die Aussicht auf Gesellschaft zu freuen. Und vielleicht hatte er das zu seinem Vorteil genutzt, um ein perfektes Zimmer in einem perfekten Haus auf einem perfekten Grundstück zu ergattern. Aber es war eine harmlose Freundschaft, und er war einfühlsam genug, um sicherzugehen, dass niemand verletzt wurde.

Er knöpfte das Hemd zu, das ihm glücklicherweise ziemlich gut passte, ging dann zum Spiegel und fuhr sich durch die noch feuchten Haare.

Was dagegen sein Interesse an Regan Macintosh anging … Er könnte nicht versprechen, dass seine Absichten harmlos bleiben würden.

Er nahm das Jackett, das Celia ihm gegeben hatte, schlüpfte hinein und ging nach unten. Er war bereit für einen lebhaften Abend mit zwei wunderschönen Frauen.

Als er die Küche betrat, drehte Celia sich um und klatschte in die Hände. „Wie charmant du aussiehst“, sagte sie mit leuchtenden Augen. Sie richtete seinen Kragen. „Ich hatte recht damit, dass du Kenneths Größe hast.“

Regan räusperte sich, und Celia sah über die Schulter zu ihrer Enkelin. „Hattet ihr zwei euch nicht schon vorgestellt?“, fragte sie und sah beide abwechselnd an.

Jamie lächelte und zuckte mit den Schultern. Er beobachtete Regan, die bei dem Gedanken an das, was zuvor oben geschehen war, zu kochen schien.

„Ich weiß, wer er ist, Nana. Du hast mir seinen Namen gesagt.“

„Aber in diesem Haus pflegt man gewisse Umgangsformen. Regan, Darling, das ist Mr. James Quinn. Er möchte, dass wir ihn Jamie nennen. Jamie, das ist meine liebste Enkelin, Regan Macintosh.“

Jamie griff nach Regans Hand. Er ignorierte die Woge der Hitze, die plötzlich durch seinen Körper strömte. Eine ganz natürliche Reaktion, dachte er. Es war schon etwas her, dass er einer so schönen Frau nähergekommen war, und Regan hatte ihn gerade noch halbnackt gesehen. Er ergriff ihre Hand und küsste sie sanft auf den Handrücken. „Schön, dich kennenzulernen“, murmelte er.

Sie beobachtete ihn aufmerksam, die Gleichgültigkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben. Oh Mann, die ist eine Herausforderung. Er fühlte sich wie ein Schuljunge, der alles dafür tat, die Aufmerksamkeit des hübschesten Mädchens der Klasse zu bekommen.

„Das macht er gut, nicht wahr, Nana?“, sagte Regan. „So lässig. Niemand macht das noch.“ Sie zog ihre Hand weg. „Niemand.“

„Regan! Sei nicht so unhöflich.“

„Ich bin nicht unhöflich. Ist es etwa unhöflich, Mr. Quinn zu fragen, was seine wahren Absichten sind? Er kommt hier angetanzt, bekommt einen Platz am Tisch und trägt Grandpas Smoking. Und du bist wie … verwandelt!“

Jamie räusperte sich, mehr als Warnung denn als Ankündigung, sprechen zu wollen. Regan sah zu ihrer Großmutter und bemerkte, dass sie vor Scham errötete. „Entschuldigung. Ich wollte nicht …“

„Natürlich wolltest du, Darling. Ich kann es dir nicht verübeln. Ich werde nicht lügen. Ich habe mich einsam gefühlt, und es war schön, dass ein attraktiver Mann in mein Leben getreten ist und für etwas Aufregung sorgt.“

„Nana, du musst nicht …“

„Mr. Quinn hier zu haben war eine willkommene Abwechslung. Er ist mein Gast, und ich entscheide, ob und wann er geht.“ Sie klatschte in die Hände und zwang sich zu einem Lächeln. „Nun, da wir das geklärt hätten, können wir ja jetzt essen.“

Das Abendessen war ziemlich munter. Es erinnerte Regan an die Zeit, bevor ihr Grandpa gestorben war. Sie hatte ihre Grandma seit Jahren nicht mehr so viel lächeln gesehen, und es machte sie glücklich, dass es nur ein anregendes Gespräch mit einem gutaussehenden Mann brauchte, um Ceci wieder zum Strahlen zu bringen.

Selbstverständlich trug Jamie mit seinen geschickten Komplimenten, albernen Geschichten und seinem endlosen Charme, den er nicht nur bei ihrer Grandma einsetzte, dazu bei.

Doch Regan spürte, dass seine Absichten ihr selbst gegenüber nicht ganz so harmlos waren. Offensichtlich bereitete es ihm Freude, sie aus dem Konzept zu bringen, und sie schien in seiner Gegenwart nicht in der Lage zu sein, ihr Temperament zu zügeln. Und obwohl er sich in dem besten Licht präsentierte, war Regan trotzdem skeptisch und nervös.

Vielleicht lag es daran, dass sie weiche Knie bekommen hatte, als er ihre Hand geküsst hatte, oder dass ihr Herz schneller schlug, wenn er sie anlächelte. Es schien, als könnte sie nicht kontrollieren, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Und auch wenn es faszinierend war, war es ebenso beängstigend.

Wenn sie nicht einmal sich selbst unter Kontrolle hatte, wie könnte sie dann ihn kontrollieren? Kontrolle war für sie absolut unerlässlich, wenn es um Beziehungen zu Männern ging. Nur so konnte sie sich schützen und eine sichere Distanz wahren.

Wie in Trance hörte Regan ihm zu, als er von seiner Arbeit und dem Projekt, an dem er arbeitete, sprach. HausKit. Sie erinnerte sich, in der Zeitung von seinem Unternehmen gelesen zu haben, jedoch war da kein Foto von ihm gewesen. Das hätte sie ganz sicher nicht vergessen.

Nach dem Hauptgang gab es ein Dessert. Sie hatten bereits zwei Flaschen teuren Rotwein geleert. Ihre Grandma hatte den ganzen Abend nur an einem Glas Wein genippt, also mussten Regan und Jamie den Rest getrunken haben.

Sie war nicht betrunken, fühlte sich jedoch angenehm entspannt. Zwar verhaspelte sie sich ab und zu, aber sie war davon überzeugt, dass es an der Gesellschaft dieses attraktiven Mannes lag.

„Möchte jemand Kaffee?“, fragte Celia.

Jamie erhob sich. „Ihr zwei entspannt euch, und ich mache den Kaffee und kümmere mich um den Abwasch.“

„Nein, nein, nein“, entgegnete Celia. „Du bist mein Gast, und ich möchte nicht, dass du Hausarbeiten erledigst.“

„Eigentlich würde es mir gar nichts ausmachen, Dinge im Haus zu erledigen“, erwiderte Jamie und blickte Regan an. „Ich bin sicher, es gibt hier einiges, das die Hand eines Mannes erfordert.“

Als er das sagte, nahm Regan gerade einen Schluck Wein und musste bei dem unterschwelligen Angebot eines sexuellen Gefallens husten.

„Ist alles in Ordnung, Darling?“, fragte Celia. Regan fächerte sich Luft zu und wurde rot, denn ihr wurde klar, dass er es nicht so gemeint hatte.

„Entschuldigung. Ich habe zu schnell getrunken. Ich helfe dir mit dem Kaffee.“

Sie und Jamie räumten das schmutzige Geschirr ab und gingen in die Küche.

„Ich sollte mich vielleicht entschuldigen“, sagte er. „Mein Angebot, im Haus zu helfen, hatte offensichtlich einen gewissen Unterton.“

„Wirklich?“, fragte Regan. „Das ist mir nicht aufgefallen.“

Jamie lachte. „Oh, doch. Du bist fast an deinem Wein erstickt.“

Regan ließ sich zu einem Lächeln hinreißen. „Na gut, vielleicht stimmt das. Aber du musst zugeben, dass deine Worte zweideutig waren.“

„Du, meine Liebe, hast eine schmutzige Fantasie. Je schneller du begreifst, dass ich ein anständiger Mann bin, desto einfacher werden wir miteinander auskommen.“

„Warum sollte ich mit dir auskommen wollen?“, fragte Regan.

„Weil ich unglaublich faszinierend bin und immer eine gute Geschichte auf Lager habe.“

„Und nicht, weil du ein aufgeblasenes Ego und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hast?“

„Ich glaube, wenn du mir eine Chance geben würdest, könntest du mich mögen.“

„Ich bin mir sicher, du hast viele Frauen, die dich mögen und die am Ende mit gebrochenem Herzen dastehen.“

Er lachte leise. „Das glaubst du vielleicht. Aber so läuft das nicht. Ich bin für gewöhnlich derjenige, dem das Herz gebrochen wird.“

Der Kaffee war fertig, und Regan stellte ihn zusammen mit Tassen und Untertassen, Sahne und Zucker auf ein Tablett und kehrte an den Esstisch zurück. Doch Celia schüttelte den Kopf. „Ich kann jetzt keinen Kaffee trinken. Ich kann dann nicht einschlafen.“ Sie stand langsam auf. „Du bleibst heute hier“, sagte sie zu Jamie. „Nimm dir das Zimmer, in dem du dich umgezogen hast.“ Dann drehte sie sich zu Regan. „Und du wirst nett sein. Bis morgen früh. Gute Nacht.“

Jamie setzte sich zu Regan, und beide beobachteten, wie Celia verschwand und sie alleine ließ.

Regan schenkte sich selbst Kaffee ein und nahm einen großen Schluck. Auch wenn er gut schmeckte, würde er nichts gegen die Wirkung des Weines ausrichten können.

Jamie starrte sie von der anderen Tischseite aus an. Regan wusste, dass sie, wenn sie ihn ansehen, einfach nur seinen Blick erwidern würde, sofort das Verlangen danach hätte, von ihm geküsst zu werden. Dafür war sie nicht bereit.

„Ich … Ich könnte etwas frische Luft gebrauchen“, murmelte sie. „Ich bin gleich wieder da.“

Eilig durchquerte sie das große Wohnzimmer mit der hohen Fensterfront, von der aus man den See sehen konnte. Sie schnappte sich einen roten Strickschal von einem Haken an der Tür und warf ihn sich um, dann trat sie in die kühle Nacht hinaus.

Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter, aber sie wusste nicht, ob es an der Kälte oder an Jamies Nähe lag. Die Dielen der Holzveranda quietschten leise unter ihren Füßen, und als sie das Geländer erreichte, streckte sie die Arme aus und atmete tief ein. Durch die frische Luft konnte sie sofort wieder klar denken.

Regan hörte, wie sich die Tür hinter ihr öffnete, und sie hielt die Luft an. Sie zählte die sich nähernden Schritte, und wieder erfasste sie ein kalter Schauer.

„Was ist das, was du da trägst?“, fragte Jamie und zupfte am Stoff des Capes. „Du siehst wie Rotkäppchen aus.“

„Das ist vintage“, entgegnete Regan.

„Und deshalb ist es modisch?“

„Na klar“, gab Regan mit einem Grinsen zurück. „Und ich mag die Farbe. Rot ist meine Lieblingsfarbe.“ Ein weiterer kalter Schauer durchfuhr sie. Dann spürte sie plötzlich die Wärme seiner Arme, die sich um sie legten. Er drückte sie an seinen warmen Körper.

„Besser?“

Es war besser. Doch es war auch beängstigender. Und aufregender. Und verwirrender. Und trotzdem fühlte es sich natürlich an. „Ich sollte vielleicht auch ins Bett gehen“, sagte sie. „Es ist eine Weile her, dass ich so viel Wein getrunken habe, und ich kann es mir nicht leisten, morgen bei der Arbeit einzuschlafen.“

Er umfasste sanft ihre Schultern und drehte sie langsam zu sich, bis sie ihn ansah. Seine Lippen waren gefährlich nah an ihren, so nah, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Wange spüren konnte.

„Ich weiß, dass du mir immer noch nicht vertraust, aber dich zu mir hingezogen fühlst. Ich fühle mich auch zu dir hingezogen. Ich möchte dich küssen“, flüsterte Jamie. „Warum sehen wir nicht einfach, wo uns das hinführt?“

„Ich denke, das wäre ein Fehler“, sagte Regan.

Ihre Antwort schien ihn zu überraschen. „Dann sollten wir es uns für ein anderes Mal aufheben. Gute Nacht, Regan.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging hinein.

Regan atmete erleichtert aus. Ihr Herz pochte wie wild in ihrer Brust, und ihr wurde bewusst, wie kurz davor sie gewesen war nachzugeben. Er hatte recht, sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Sie wollte ihn küssen. Sie hatte den ganzen Abend daran denken müssen. Doch am Ende siegte die Vernunft.

Regan grinste. Sie war stark genug. Sie konnte ihre Gefühle kontrollieren, wenn er sie berührte. Auch wenn er immer noch gefährlich war – er war nicht Superman. Er war einfach nur ein normaler Typ. Und wenn sie das Zepter in der Hand hatte, könnte sie vielleicht doch etwas zwischen ihnen zulassen.

Vielleicht würde er sie morgen noch einmal fragen. Vielleicht würde sie dann Ja sagen.

3. KAPITEL

Jamie verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Zimmerdecke. Irgendwo tief im Innern des Hauses hörte er es drei Uhr schlagen. Er versuchte einzuschlafen, aber er musste immer wieder an Regan denken.

Es war schwer zu begreifen, dass sie nur ein paar Meter von ihm entfernt in ihrem Bett lag, möglicherweise völlig unbeeindruckt von ihrem Treffen. Von sich konnte Jamie das nicht behaupten.

Er warf die Decke zur Seite, stand auf und ging zu dem leeren Kamin.

Draußen war es windig und kalt geworden. Er dachte an die Bauphase, die vor ihm lag. In der Kälte zu arbeiten war nicht unmöglich, jedoch nicht gerade angenehm. Je früher er anfangen könnte, desto besser.

Regan würde alles komplizierter machen. Sie war schlau und schön, und Jamie gefiel diese Art von Herausforderung. Zudem war er völlig abgelenkt von ihren leuchtend grünen Augen und goldbraunen Haaren und nicht zuletzt ihrem Temperament, das ihn unglaublich reizte.

Er seufzte und ging zurück zum Bett. Sein Magen knurrte, und das Geräusch erinnerte ihn sofort an seine Kindheit – so viele leere Mägen und fehlende Mahlzeiten, Nächte in Parks oder auf der Rückbank eines verlassenen Autos anstatt in einem gemütlichen Zimmer in einer Lodge am See.

Da hörte Jamie ein leises Klopfen an der Tür. Rasch zog er seinen Bademantel über und ging zur Tür. Er öffnete sie, und da stand Regan. Sie trug einen Flanellpyjama.

„Du bist noch wach“, sagte sie. „Brauchst du irgendwas?“

„Sicher. Ja. Ich glaube, ich könnte etwas essen. Oder trinken.“

„Ich wollte auch in die Küche.“

Er trat aus seinem Zimmer und folgte ihr über den Flur und die Treppe hinab ins Erdgeschoss. Sie gingen direkt in die Küche, wo Regan das Gefrierfach öffnete.

„Meine Grandma ist verrückt nach Eiscreme, deshalb hat sie normalerweise sechs oder sieben Sorten da. Magst du Eis?“

„Wer nicht?“, entgegnete Jamie und wählte Kirsche. „Davon habe ich als Kind geträumt.“

„Ich wollte mich für vorhin entschuldigen“, sagte Regan und nahm eine weitere Packung für sich aus dem Kühlfach. „Dafür, dass ich angenommen habe, dass du meine Grandma ausnutzen willst. Ich habe mir dein Unternehmen im Internet angeschaut, und es scheint echt zu sein und gute Dinge zu tun.“

„Nein, du hattest jedes Recht, skeptisch zu sein. Heutzutage weiß man nicht, wem man noch trauen kann. Ich hätte das Gleiche für meine Grandma getan.“

„Siehst du sie oft?“

„Meine Brüder und ich treffen uns einmal im Monat zum Essen bei ihr. Und manchmal bin ich dort, um Rasen zu mähen oder Schnee zu schippen.“

„Ich weiß nicht, was ich ohne meine Grandma gemacht hätte“, sagte Regan. „Sie hat mir oft durch harte Zeiten geholfen.“

„Meine auch. Wir haben bei ihr gelebt, nachdem unsere Eltern sich getrennt hatten.“

Das erzählte er immer, wenn er von seiner Kindheit sprach, und auch wenn es eine Lüge war, stellte sie nie jemand in Frage. In Wirklichkeit hatten seine Eltern sich nicht getrennt. Sein Vater war bei dem Versuch, eine Tankstelle auszurauben, ums Leben gekommen. Und seine Mutter, gefangen in ihrer Drogensucht, hatte immer wieder im Gefängnis gesessen.

„Wie alt warst du, als sie sich haben scheiden lassen?“

„Sie haben sich nicht scheiden lassen. Sie haben sich … na ja, sie sind einfach getrennte Wege gegangen. Wir, also meine Brüder und ich, mussten für uns selbst sorgen.“

„Du musst es mir nicht erzählen. Das geht mich nichts an.“

Niemand wollte von einer unglücklichen Kindheit hören. Deshalb hatte Jamie noch nie die ganze Wahrheit erzählt.

Regan holte zwei Löffel, und sie aßen das Eis direkt aus der Packung. Jamie lächelte. „Es ist schon okay. Getrennt waren sie besser dran. Und meine Brüder und ich sind halt irgendwie klargekommen.“

„Siehst du deine Eltern oft?“

Jamie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich denke, man kann sagen, dass wir uns auseinandergelebt haben. Aber es ist besser so.“

Regan seufzte tief, ohne ihn anzusehen. „Das tut mir leid.“

Diese Reaktion hasste er am meisten. Mitleid. Er hatte sich selbst nie leidgetan, und er erwartete das auch nicht von anderen. „Das ist alles Vergangenheit. Ich denke nicht oft daran.“

„Erzähl mir mehr über das Projekt, an dem du gerade arbeitest“, bat Regan ihn.

„Ich bin schon ziemlich gespannt, wo die Häuser später überall zum Einsatz kommen werden. Sie sind als Module verpackt, die einfach verschickt werden können. Man kann sie auf einen LKW laden und sie in eine Region bringen, die von einem Hurrikan oder einer Überflutung zerstört wurde. Überallhin, wo vorübergehend Unterkünfte benötigt werden. Man kann sie auch als mobile Klassenräume benutzen. Überleg mal, was unser Unternehmen auf Haiti hätte tun können, wenn es uns schon gegeben hätte.“

Er stellte das Eis zurück ins Tiefkühlfach und nahm sich eine andere Sorte – Toffee Karamell. „Wir haben ein paar Investoren, die daran interessiert sind, einen großen Haufen Geld in uns zu investieren, aber vorher wollen sie die Häuser aufgebaut sehen. Deshalb stellen wir dieses Modellhaus hier am See auf. Sobald wir die Investitionen sicher haben, können wir die Produktion starten und Aufträge annehmen. Und ich werde herumreisen, um das Obdachlosenprojekt zu promoten. Bisher haben wir positives Feedback bekommen, und wir hoffen, dass wir das Konzept gut verkaufen können, vor allem da wir recycelte Materialien nutzen.“

Regan starrte ihn an und schüttelte langsam den Kopf.

„Was ist? Ich weiß, wenn ich einmal anfange, darüber zu sprechen, kann ich nicht mehr aufhören. Meine Partner sind der Meinung, ich müsste meine Verkaufsmasche noch optimieren, aber ich will einfach nichts weglassen. Und ich habe noch nicht einmal die Anwendungsmöglichkeiten für ältere Menschen erwähnt.“

„Nein, es war ein sehr gutes Verkaufsgespräch. Und ich bin überzeugt, dass du kein Hochstapler bist, der ältere Frauen ausnehmen will. Ich habe mich geirrt. Entschuldige, dass ich so skeptisch war.“

„Ich vergebe dir“, neckte Jamie sie. Er freute sich, dass sie ihn endlich in einem anderen Licht sah.

„Jetzt bist du dran. Deine Grandma hat mir erzählt, du wärst Fotografin. Was fotografierst du denn noch, außer davonlaufende Füchse?“

„Hochzeiten, Babys, glückliche Ereignisse eben“, antwortete Regan. „Ich habe in der Stadt ein kleines Studio, aber die meisten Fotos entstehen gar nicht dort. Im Sommer arbeite ich hier, und den Winter verbringen Ceci und ich in Arizona.“

„Zeigst du mir deine Fotos?“, fragte Jamie.

„Ich habe ein wirklich schönes von einem Typen, der Füchse verschreckt. Du kennst ihn vielleicht.“

Jamie lachte. Er legte den Löffel beiseite, verschloss die Packung Eis und sagte: „Danke, das habe ich gebraucht.“

„Ich auch“, erwiderte Regan und stellte das Eis zurück in das Gefrierfach.

Dann gingen sie gemeinsam zur Treppe. Dort blieb Regan stehen, drehte sich zu ihm um und legte die Hand auf den Pfosten des Geländers. „Ich fühle mich zu dir hingezogen.“ Sie lächelte verführerisch. „Aber ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es klug wäre, dem nachzugeben.“

„Vielleicht solltest du es einfach versuchen und sehen, was passiert.“

Seine Herausforderung überraschte Regan. „Vielleicht sollte ich das“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Ein anderes Mal.“

Sie wollte gerade die Treppen hinaufsteigen, als Jamie sie am Arm packte und zu sich zog.

Ihre Lippen trafen sich und verschmolzen zu einem leidenschaftlichen und stürmischen Kuss, der ihnen den Atem raubte und ihr Verlangen zum Überkochen brachte. Er fuhr mit den Händen über ihre Arme, ihre Schultern, ihren Hals, umfasste ihr Gesicht und küsste sie noch intensiver.

Sie schmeckte nach süßer Schokolade mit einer Spur von Karamell. Jamie grinste. Er küsste ihren Hals und dann ihre Schultern. Sie lehnte sich an ihn, und er zog sie mit sich, als er sich auf die Stufen hinabsinken ließ.

Sie stützte sich mit den Händen neben seinem Kopf ab, als ihre Hüften aufeinandertrafen, und spürte den Druck seines harten Schafts an ihrem Bauch. Jedes Mal, wenn sie sich auf ihm bewegte, durchzuckten ihn heftige Wellen der Lust.

Er fuhr mit den Fingern durch ihre Haare und zog ihren Kopf zu sich. Mit der Zunge erforschte er sehnsüchtig ihren Mund und spürte, dass er kurz davor war, die Kontrolle zu verlieren. Er zog sich zurück und starrte in ihre grünen Augen.

Sie berührte sanft seine feuchten Lippen. Jamie wollte sie wieder an sich ziehen und sie küssen, doch sie drückte sich von ihm hoch und setzte sich neben ihn auf die Stufen.

„Ich sollte ins Bett gehen. Ich habe morgen einen anstrengenden Tag.“

Jamie nahm ihre Hand und führte sie an seinen Mund. „Bin ich zu weit gegangen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein! Oh, nein, es war schön.“ Sie sah auf ihre Finger. „Wundervoll … perfekt.“ Ihre Haare fielen ihr zerzaust ins Gesicht.

Sie war so wunderschön, dass es ihn schmerzte, sie nur anzusehen. Er wollte sie in den Arm nehmen und sie erneut küssen. Besser noch, er wollte sie hochheben und sie in sein Schlafzimmer tragen, wo er die Zeit mit ihr vergessen würde.

Aber er wollte es nicht zu schnell angehen. Bis sie ihm vollkommen vertrauen würde, sollte sie den Ton angeben. Jamie stand auf und half ihr hoch. „Ich bringe dich zu deinem Zimmer.“

Zusammen stiegen sie die hölzernen Stufen hinauf, und als sie Regans Zimmer erreichten, umfasste er ihr Gesicht und küsste sie ein letztes Mal. „Gute Nacht, Regan. Ich hoffe, ich sehe dich morgen wieder.“

„Gute Nacht“, erwiderte sie und verschwand in ihrem Zimmer.

Am nächsten Morgen betrachtete Regan sich im Badezimmerspiegel. Sie berührte ihre leicht geschwollenen Lippen. Bei dem Gedanken an die Ereignisse auf der Treppe musste sie lächeln – lange und unwiderstehliche Küsse, ein sehnsüchtiges schmerzvolles Verlangen. Und die Erwartung, die jede seiner noch so harmlosen Liebkosungen hervorrief.

Nachdem sie sich Gute Nacht gesagt hatten, hatte Regan fast die ganze Nacht wachgelegen und an Jamie gedacht, der ja nur ein paar Meter von ihr entfernt war. Sie fragte sich, was ihm wohl gerade durch den Kopf ging. Dachte er vielleicht darüber nach, alle Bedenken beiseitezuschieben, herüberzukommen und an ihre Tür zu klopfen, um zu sehen, was passierte? Oder war sie nun an der Reihe, offensiv zu sein? Wartete er darauf, dass sie den nächsten Schritt machte? Schließlich war sie diejenige gewesen, die auf die Bremse getreten hatte.

Regan wollte Antworten. Sie war die Sorte Frau, die immer genau wissen musste, woran sie war. Es würde keine Überraschungen mit Jamie geben. Wenn sie ihn in ihr Leben lassen sollte, würde sie auch diejenige sein, die ihn wieder hinauskomplimentierte.

Doch jede Entschlossenheit, die Kontrolle zu behalten, schien sich in Luft aufzulösen, sobald er sie berührte. In dem einen Augenblick wusste sie genau, was sie tat, und im nächsten war sie bereit loszulassen, ohne zu wissen, wie tief sie fallen könnte.

Sie konnte es ihm nicht verübeln, irritiert zu sein, so wie sie sich verhalten hatte. Er musste glauben, sie spiele ein Spielchen mit ihm, doch Regan hasste Spielchen. Sie wollte ihm genau erklären, was sie von ihm wollte. Er würde ihre Ehrlichkeit bewundern, und sie könnte so die Regeln festlegen.

Sie sah auf ihre Uhr. Es war fast neun. Um zehn hatte sie einen Termin mit einem Hochzeitsplaner. Falls Jamie bereits unten war, hätte sie also gerade noch genug Zeit, um ihr Verhalten von letzter Nacht zu erklären. Bis zum Abendessen zu warten wäre die reinste Qual.

Rasch betrachtete sie sich ein letztes Mal im Spiegel und schlüpfte in ihr Lieblingskleid.

Als sie nach unten kam, war sie überrascht, ihre Grandma in der Küche anzutreffen. Normalerweise schlief Ceci bis neun oder zehn, sodass sie sich für gewöhnlich am Morgen gar nicht begegneten. „Hallo“, begrüßte Regan sie und ging zu ihr, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Du bist früh auf.“

„Ich verschwende viel zu viel Zeit damit, im Bett rumzuliegen“, entgegnete ihre Grandma.

„Schläft dein Gast noch?“

„Oh, nein, Darling. Er ist schon weg. Ich habe ihm um halb sieben Frühstück gemacht, und er hat bei Sonnenaufgang das Haus verlassen.“

Regan versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie fluchte in Gedanken. Das war doch albern! Sie fühlte sich wie ein Schulmädchen, das in seinen besten Freund verliebt war. „Er scheint ja ziemlich fleißig zu sein.“

Celia grinste kokett. „Ja, das ist er, nicht wahr?“

Regan ging zur Kaffeemaschine und nahm sich eine Tasse Kaffee, dann setzte sie sich ihrer Grandma gegenüber an die Kücheninsel. „Ceci, bist du sicher, dass du so viel in einen Mann Inverstieren solltest, den du gar nicht kennst?“

„Investieren? Ich weiß nicht, was du meinst.“

Regan dachte einen Moment nach. Sie musste in dieser Angelegenheit vorsichtig vorgehen. „Du machst ihm Frühstück, ein schickes Abendessen, und du richtest dein Leben ganz nach ihm aus. Früher oder später wird er weggehen, und was wird dir dann noch bleiben?“

Ihre Grandma nahm einen großen Schluck von ihrem Kaffee, während sie darüber nachdachte, was sie antworten sollte. „Ich denke, das, was mir immer bleibt. Meine Erinnerungen.“

Regan fühlte, wie Schuldgefühle in ihr aufstiegen, als sie die Einsamkeit in den Worten ihrer Grandma hörte. „Ich will einfach nicht, dass du verletzt wirst.“

Ceci tätschelte Regans Hand. „Ich kann auf mich selbst aufpassen“, sagte sie leise. „Ich habe keine Angst davor, verletzt zu werden. Es ist einfach schön, irgendetwas zu fühlen. Ich bin letzte Nacht voller Vorfreude auf heute ins Bett gegangen.“

Regan drückte die Hand ihrer Grandma. „Ich will einfach nur, dass du glücklich bist. Und ich weiß, dass es für dich schwierig war, seitdem Grandpa von uns gegangen ist.“

„Was er wohl darüber denken würde? Ich weiß, dass er Jamie mögen würde. Aber er würde auch denken, dass ich naiv bin, mich mit jemandem anzufreunden, der so viel jünger ist als ich.“ Sie seufzte. „Vielleicht bin ich ja auch naiv, aber ich fühle mich wieder jung. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder hinaus in die Welt zu gehen.“

„Nicht dass es dir zu viel wird“, sagte Regan.

„Das wird es nicht. Versprochen. Aber es gibt da etwas, wobei du mir helfen könntest.“

„Was auch immer du möchtest.“

„Ich will, dass du mich beim Shoppen begleitest. Meine ganze Kleidung scheint aus der Mode zu sein. Ich will etwas Fröhliches. Und ich will eine andere Frisur. Irgendetwas, für das man keine ganze Dose Haarspray braucht, damit die Frisur hält.“

Regan betrachtete ihre Grandma für einen langen Moment.

„Du hast gar keine Angst, nicht wahr?“

„Warum sollte ich? Jeder sollte sein Leben voll und ganz genießen. Man sollte die Gelegenheit beim Schopf packen, wenn sich eine ergibt. Ich fühle mich immer noch jung. Das Leben ist vielleicht nicht spurlos an meinem Körper vorbeigegangen, an meinem Geist jedoch schon.“

„Ist das nicht gut?“, fragte Regan.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich will mehr vom Leben. Ich will keine Sekunde verpassen. Aber ein solches Verhalten wird von mir nicht erwartet. Man erwartet, dass ich mich zur Ruhe setze, es langsam angehen lasse.“

„Nana, du kannst mit deinem Leben machen, was du willst. Man wird dich dafür nicht verurteilen.“

„Doch, das wird man. Du hast es gerade getan. Du glaubst, ich bin ein bisschen verrückt.“

Regan wurde bewusst, dass Ceci damit recht hatte. „Es tut mir leid. Ich hatte zuerst wirklich Bedenken. Aber jetzt nicht mehr. Ich glaube, ich kann noch einiges von dir lernen.“

Ceci stand auf und stellte ihre Tasse in die Spüle. „Diese schreckliche Hochzeit hindert dich daran, Liebe zu finden. Ich werde diesem Mann niemals vergeben, was er dir angetan hat.“

Regan wehrte ab. „Vielleicht sollten wir ihm vergeben. Ich sollte froh darüber sein, dass ich ihn nicht geheiratet habe.“

Ceci drehte sich zu ihr um und sah sie an. „Vielleicht. Aber sag mir, dass du die Liebe noch nicht ganz aufgegeben hast.“

Regan hatte ihre Grandma noch nie angelogen, und sie hatte nicht vor, jetzt damit anzufangen. „Ich habe die Leidenschaft nicht aufgegeben. Was die Liebe angeht, bin ich allerdings nicht sicher. Sie ist so viel komplizierter. Um sich zu verlieben, muss man sich fallen lassen. Und du kennst mich. Ich brauche die Kontrolle.“

„Aber ich kann nicht mit ansehen, wie du alle Möglichkeiten verpasst.“

Regan seufzte. „Irgendwann werde ich mir vielleicht über alles klarwerden.“ Sie stellte ihre Tasse ebenfalls in die Spüle und sagte: „Ich habe eine Idee. Ich könnte heute früher Schluss machen und wir gehen shoppen, zum Friseur und lassen uns die Nägel machen. Ein richtiger Mädels-Tag!“

„Ich muss um drei wieder zu Hause sein“, entgegnete Ceci. „Ich treffe mich mit Jamie und den Anwälten, um die Papiere für das Grundstück zu unterzeichnen.“

„Ceci, darüber sollten wir noch sprechen. Ich weiß, dass du bewunderst, was sein Unternehmen tut, das tu ich auch. Aber Maple Point ist ein wertvolles Stück Eigentum. Es ihm einfach zu überlassen könnte keine gute Idee sein. Anstatt ihm Maple Point zu geben, könntest du ihm doch ein Stück am Ufer auf der anderen Seite der Lodge anbieten.“

„Das sind nur Felsen und karge Büsche. Da ist es nicht annähernd so schön wie auf Maple Point.“

„Na ja, ich finde, wir sollten darüber nachdenken, es ihm anzubieten. Ich denke, dass er sich über jedes Stück Land freut, solange wir ihm einen günstigen Preis machen.“

Wenn es um das Land ging, wusste Regan genau, was sie wollte. Jamie Quinn würde Maple Point nicht bekommen. Nicht solange sie da war, um ihn aufzuhalten.

„Denk an deine Tasche, Kreditkarte und gemütliche Schuhe. Wir haben einiges vor.“

„Ich fühle mich wie Cinderella“, sagte Ceci mit leuchtenden Augen.

Vielleicht sollte ich Grandma nicht noch ermutigen, dacht Regan bei sich. Wer wusste, wo Ceci diese neue Lebensfreude hinführen würde? Aber sie war glücklich und optimistisch. Die Gesellschaft eines jungen Mannes schien wahre Wunder bewirkt zu haben.

Aber was würde eine rein sexuelle Beziehung für Regan bewirken? Eine körperliche Beziehung mit einem Mann wie Jamie war ziemlich verlockend. Wenn sie mit ihrer Entscheidung zu lange wartete, könnte ihr etwas wahrhaftig Großartiges entgehen. Doch wenn sie sich jetzt auf eine kurze Affäre einlassen würde, könnten sie noch heute Nacht das Bett teilen.

Die Chancen standen gut, dass er einer zwanglosen Beziehung zustimmte. Drei Wochen würde er für sein Projekt benötigen – perfekt, nicht zu lang und nicht zu kurz. Nicht genug Zeit, um Gefühle zu entwickeln.

Jamie öffnete die Tür und bat die Anwälte herein. Der eine vertrat Jamies Unternehmen, der andere war für Celia gekommen. Sie wollten gemeinsam den Pachtvertrag für Maple Point zum Abschluss bringen.

Regans Grandma hatte den Deal bereits abgesegnet. Es ging nun darum, einen Preis und eine Mietvertragslaufzeit zu finden, mit der sowohl Jamie und seine Partner als auch Celia einverstanden waren. Jamie hatte sie von dem Konzept bereits überzeugt, deshalb rechnete er mit keinen Hindernissen.

Als er die Anwälte zum Wohnzimmer führte, entdeckte er Celia in der Bibliothek. „Geradeaus durch bitte“, sagte er zu den zwei Männern und zeigte den Flur hinunter. „Ich bin gleich bei Ihnen.“

Jamie klopfte leise an die Tür, und Celia drehte sich zu ihm um. Ihre Brille saß auf der Nasenspitze. „Hallo.“

„Entschuldige, dass ich dich störe.“

Ihre Augen strahlten. „Ich hatte immer Angst vor diesem Ding, aber es ist ziemlich einfach.“

„Der Computer?“

„Facebook. Kennst du Facebook? Es ist fantastisch. Ich bin über alle meine Enkelkinder auf dem Laufenden. Und Twitter erst! Regan hat mir eine ganze Liste erstellt.“

„Das macht wirklich alles Spaß, aber wir haben jetzt ein Meeting mit unseren Anwälten. Sie sind schon hier.“

Sie winkte gleichgültig ab. „Ich habe mich mit Regan unterhalten, und sie hat ein paar wichtige Sachen angesprochen. Sie wird sich von nun an um alles kümmern. Sie kann ohnehin viel besser verhandeln als ich.“ Ceci hielt ein neues Handy hoch. „Außerdem muss ich als Nächstes herausfinden, wie das funktioniert. Ich kann damit meine Enkel anrufen, und Regan sagt, ich könne dabei sogar ihr Gesicht sehen. Unglaublich, nicht wahr?“

Sie wandte sich wieder dem Computer zu, und Jamie fluchte innerlich. Was, verdammt noch mal, war hier los? Er hatte gedacht, der Deal wäre so gut wie abgeschlossen. Er hatte die Bauerlaubnis und konnte nächste Woche anfangen. Und jetzt hatte Regan ihre Grandma mit ein paar schicken Spielsachen abgelenkt, während sie sich als Verhandlungsführerin positionierte? Ceci und Jamie hatten eine mündliche Abmachung, außerdem hatte sie bereits eine Vorvereinbarung unterzeichnet. Rechtlich würde Regan es nicht einfach haben, dagegen vorzugehen.

Er ging ins Wohnzimmer, wo Regan zusammen mit den Anwälten auf ihn wartete. Sie lächelte ihn an und wies auf einen freien Stuhl am Tisch.

„Lassen Sie uns über das Geschäft sprechen, Gentlemen. Ich bin Regan Macintosh. Celias Enkelin. Von nun an werden Sie mit mir vorliebnehmen müssen.“

Während der nächsten halben Stunde diskutierten sie hin und her. Alles, was Jamie vorschlug, lehnte Regan kategorisch ab. Sie versuchte nicht einmal, zu verhandeln, und er wusste nicht, ob er ihren Preis noch nicht erreicht hatte oder ob sie das Geschäft einfach nur verhindern wollte.

Regan drängte darauf, dass Maple Point nicht mehr zur Debatte stand, und wollte es durch ein Stück Land am Ufer auf der anderen Seite der Lodge ersetzen. Zwar würde seine Bauerlaubnis auch dort gelten, und er wäre immer noch in seinem Zeitplan, aber er hatte diesen Ort bisher nicht einmal gesehen und keine Ahnung, ob er sich überhaupt für sein Projekt eignen würde.

„Gentlemen, ich denke, wir verschwenden Ihre Zeit. Es ist offensichtlich, dass unsere Vorstellungen weiter auseinandergehen, als ich angenommen habe.

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