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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 71

Kate Hoffmann, Anabeth Bold, Tawny Weber, Tiffany Reisz

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 71

KATE HOFFMANN

Entlarvt, enthüllt – verführt

Drei alte Damen dazu zu bringen, ein Grundstück zu verkaufen? Leicht, glaubt Tristan – bis er Lily, die Nichte der drei, trifft. Sie reizt ihn, verführt ihn, zeigt ihm seine Grenzen. Und das, was jenseits liegt …

ANABETH BOLD

Cinderellas sinnliches Geheimnis

Sie war seine sinnliche Cinderella für eine Nacht. Paolo geht die maskierte Schönheit seit dem Kostümball nicht mehr aus dem Kopf. Er ahnt nicht, wie nah sie ihm Tag für Tag ist …

TAWNY WEBER

Der Traummann unterm Mistelzweig

Operation Weihnachten? Navy SEAL Phillip Banks hatte schon gefährlichere Aufträge – glaubt er. Aber als er unterm Mistelzweig der süßen Frankie begegnet, verlangt sie etwas Riskantes von ihm …

TIFFANY REISZ

Nur Rache brennt heißer

Jede ihrer Berührungen war wie ein zarter Biss einer Flamme. Für Ian sind die glühenden Nächte mit Veronica unvergesslich! Kann er die schöne Kunstschmiedin zurück ins Feuer der Lust locken?

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Entlarvt, enthüllt – verführt

PROLOG

In dem blauen Haus in der Downey Street hatten sie nur fünf Monate lang gewohnt. Tristan war beim Einzug noch so aufgeregt gewesen. Endlich ein richtiges Haus, nachdem die fünfköpfige Familie den Sommer über im Auto oder im Zelt geschlafen hatte. Doch dann war ihr Vater gestorben, und als der Winter begann, war ihre Situation wieder genauso aussichtslos wie zuvor.

Sie hatten durch Bettelei, kleinere Ladendiebstähle und mit der Behindertenrente, die ihre Mutter erhielt, gerade genug, um über die Runden zu kommen. Die Quinns konnten die Miete nicht mehr bezahlen, doch man wollte sie mitten im Winter nicht auf die Straße werfen. Darauf hatte ihre Mutter immer gebaut – die Schuldgefühle anderer Leute.

Tristan stand am Fenster und kratzte mit dem Fingernagel über die gefrorene Scheibe. Heizung und Strom waren ihnen schon vor zwei Monaten abgestellt worden. Um sich aufzuwärmen, hatten sie einen winzigen, qualmenden Ofen, um Wasser zu holen und als Bad nutzten sie das WC in der Tankstelle um die Ecke.

„Wo ist sie?“, fragte Tristans kleiner Bruder Jamie. Ihre Mutter war mit Thom, dem dritten Bruder, zum Wochenmarkt gegangen, um dort etwas zu Essen aufzutreiben. Letzten Monat waren sie beim Stehlen einer Cornflakes-Packung erwischt worden, doch der Ladeninhaber hatte wegen der Feiertage auf eine Anzeige verzichtet und sie mit einer prall gefüllten Lebensmittelkiste nach Hause geschickt, von der sie über eine Woche hatten leben können.

Auf und ab. So lief das Leben der Quinns. Immer wenn es ihnen ein wenig besser zu gehen schien, passierte irgendetwas, das sie wieder aus der Bahn warf.

Tristan rieb sich die Arme, sein Atem bildete vor Kälte kleine Wolken vor seinem Gesicht. Seine Mutter und Thom waren schon viel zu lange weg. Etwas stimmte nicht, und Tristan fürchtete sich vor den Konsequenzen, die ihnen drohen mochten.

Seine Brüder und er lebten quasi mit einem Bein im Kinderheim. Das Jugendamt war der Drache, der bedrohlich über ihrer kleinen Welt schwebte und sich jederzeit einen von ihnen oder sie alle auf einmal schnappen konnte. Tristan hatte keine Möglichkeit, sich an die Polizei zu wenden, um seine Mutter zu finden, denn dann würde herauskommen, dass er und seine Brüder mitten im Winter größtenteils allein in einem unbeheizten Haus lebten. Dann würde das Jugendamt die Familie auseinanderreißen, vielleicht für immer. Also waren sie dazu gezwungen, abzuwarten und sich zu fragen, wo ihre Mutter steckte – manchmal ein, zwei Tage lang und manchmal ganze Wochen, wenn sie irgendwie an Fusel oder andere Drogen gekommen war.

Plötzlich hörte Tristan Schritte auf der Veranda, und ihm stockte der Atem. Wer konnte das sein? Manchmal brach jemand bei ihnen ein, um nach Wertgegenständen zu suchen, und auch der Vermieter tauchte dann und wann auf, um ihnen zu drohen.

„Hey!“, ertönte eine bekannte Stimme.

Jamie atmete erleichtert auf. „Thom“, sagte er.

Ein paar Sekunden später stürmte der dritte Quinn-Bruder herein, die Jacke offen und das Gesicht vor Kälte gerötet. Er schleppte eine zerknitterte Einkaufstüte mit sich, die er neben dem Ofen auf den Boden fallen ließ.

„Was ist passiert?“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie die Flasche nicht mitnehmen soll. Sie war sowieso schon betrunken, ohne kann sie ja gar nicht mehr. Auf dem Weg nach draußen ist ihr die Flasche dann aus den Händen gerutscht und auf dem Boden vor ihren Füßen kaputtgegangen. Ich habe mir geschnappt, was ich greifen konnte, und bin losgerannt, aber sie haben sie erwischt. Wahrscheinlich sitzt sie jetzt im Knast.“

„Wir müssen sie retten“, sagte Jamie.

„Nein“, widersprach Tristan. „Nein. Dort ist sie sicher. Sie bekommt zu essen, hat ein Bett, und beheizt ist es da auch. Sie wird da keinen Alkohol bekommen. Wenn wir da jetzt auftauchen, werden die Fragen stellen. Du weißt, dass ich recht habe, Jamie, stimmt’s?“

Sein kleiner Bruder nickte.

„Wir kommen gut alleine zurecht“, erklärte Tristan. „Wir haben den Ofen und etwas zu essen. Unsere Schlafsäcke halten uns warm, das wird wie ein Camping-Ausflug. Und morgen gehen wir in die Schule, da ist es warm und etwas zu essen gibt es auch. Das schaffen wir schon. Wie immer.“

Tristan legte den Arm um Jamie und zog ihn an sich. Dann warf er einen Blick auf Thom. „Warum macht ihr euch nicht etwas zu essen? Ich versuche, noch etwas Holz für den Ofen zu finden. Auf dem Weg zur Schule habe ich ein Haus mit einem Riesenhaufen Feuerholz in der Garage gesehen. Wenn ich mir da etwas schnappen kann, werden wir es ein paar Tage ganz gemütlich haben.“

„Es ist echt kalt draußen“, warnte Thom ihn. „Zieh den roten Mantel an. Der hat eine heile Kapuze.“

Tristan ließ seine Brüder am Feuer sitzen, und während die beiden sich durch die Sachen wühlten, die Thom hatte stehlen können, wappnete er sich gegen die Kälte und machte sich auf den Weg nach draußen.

Während er durch das ärmliche Viertel ging, in dem sie wohnten, versuchte er, den Geruch von Kaminrauch in der Luft wahrzunehmen.

Im Dunkeln sah alles so anders aus. Vor allem, wenn es unter einer dünnen Schneeschicht lag. Schließlich fand er ein Haus, dessen Schornstein rauchte. Er warf einen Blick durch das Fenster ins dunkle Innere – es schien niemand zu Hause zu sein. Zu seiner Überraschung stand jedoch eine Seitentür zur Garage offen, wahrscheinlich, damit der Hauseigentümer so selbst möglichst schnell für Feuerholz-Nachschub sorgen konnte.

„Sehr gut“, flüsterte Tristan lächelnd. Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wie er das Holz nach Hause schaffen konnte. Drei oder vier Blöcke konnte er so tragen, doch das würde nicht einmal für eine Nacht reichen. Er musste eine Möglichkeit finden, mehr Holz auf einmal zu transportieren.

Das schummrige Licht der Straßenlaterne fiel in die Garage. Er sah eine Schubkarre und eine Plane. Das Fehlen der Schubkarre würde auffallen, und er war sich nicht sicher, ob er stark genug war, um sie durch den Schnee nach Hause zu schieben. Also nahm er sich die Plane. Er konnte das Holz darauf stapeln und sie einfach hinter sich herziehen.

Tristan beeilte sich. Ihm war klar, dass die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, größer wurde, je länger er brauchte. Er schaffte es, sechzehn Holzscheite aufzuladen, bevor er vorsichtig die Garagentür schloss und sich auf den Weg zurück machte.

Der Typ würde das Holz gar nicht vermissen, und Tristans Familie würde es ein, zwei Tage lang warm haben. Sein Diebstahl machte ihm kein schlechtes Gewissen. Schuldgefühle konnte er sich längst nicht mehr leisten. Doch immer, wenn er sich dazu gezwungen sah, das Gesetz zu brechen oder jemanden auszunutzen, um selbst zu überleben, gab er sich ein Versprechen.

Eines Tages, wenn er erwachsen sein würde und sich nicht mehr um seine Brüder kümmern musste, wollte er für Menschen da sein, denen es schlecht ging und die ums Überleben kämpften.

Er würde ihnen dabei helfen, etwas zu Essen und ein hübsches Zuhause zu finden, vielleicht auch einen Job, damit sie sich etwas zum Anziehen kaufen und manchmal auch ein Eis essen gehen konnten. Er wusste noch nicht genau, was für ein Beruf das sein sollte, aber wenn es so etwas gab, einen Job, in dem er sein Versprechen erfüllen konnte, würde er ihn finden.

1. KAPITEL

Tristan Quinn schaltete einen Gang herunter, als er in dem silbernen Cabrio die schmale Kurve der Landstraße entlangfuhr. Das Sonnenlicht fiel durch die Bäume, die links und rechts der Straße standen. Nur hin und wieder passierte er Holzschilder, die auf Hütten oder Ferienwohnungen hinwiesen, die sich tiefer im Wald befanden.

Er atmete tief durch, genoss den frischen Wind und die warme Sonne auf seinem Gesicht. Manchmal war er sich nicht mehr sicher, warum er eigentlich Anwalt geworden war – abgesehen natürlich von dem vielen Geld, das er verdiente. Er hätte genauso gut Bauarbeiter oder Straßenbauer werden können, dann müsste er jetzt wenigstens nicht in einem engen Büro ausharren und könnte jeden Tag das Wetter genießen, die warmen Sommertage, aber auch die bittere Kälte, die der Winter in Minneapolis mit sich brachte.

An diesem Morgen war er im Auftrag eines Klienten unterwegs. Als er die Gelegenheit bekommen hatte, hatte Tristan sich den Fall sofort gesichert. Allerdings hatten die Kollegen, die bisher noch nicht daran gearbeitet hatten, sowieso keine Lust auf einen Fall gehabt, bei dem man den ganzen Tag im Freien sein musste – für Tristan jedoch war genau das der Grund gewesen, ihn zu übernehmen.

Er war bereits früh morgens mit einem beträchtlichen Berg an Unterlagen in seinem Aktenkoffer in Richtung Nordwesten aufgebrochen. Heute wollte er sein Glück versuchen und endlich eine Einigung in dem vertrackten Grundbesitzfall herleiten, der sich schon seit drei Jahren hinzog. Die meisten Anwälte seiner Firma hatten sich bereits die Zähne daran ausgebissen, doch für ihn war dies der erste Versuch. Es war seine Chance, den Partnern zu zeigen, dass er es draufhatte.

Es ging um ein unglaublich schönes Fleckchen Erde, das eine Stunde von der Stadt entfernt an einem kleinen und völlig klaren See lag – einem der letzten noch verbliebenen unberührten Seen in dieser Gegend – und dementsprechend für jeden Immobilienmakler Gold wert war.

Das Land war seit den 1950ern im Besitz der Pigglestone-Familienstiftung, und seitdem wurde darauf eine Künstlerkolonie geführt. Doch nun wollte die jüngste Generation der Familie das Land verkaufen, und dafür musste sie ihre drei alten Tanten loswerden, die schon immer in der Kolonie gelebt hatten. Die Papiere waren längst aufgesetzt und den Damen übermittelt worden, die die gerichtlichen Anordnungen jedoch einfach ignorierten.

Zwar gefiel Tristan der Gedanke nicht, drei alte Frauen aus ihrem Zuhause zu vertreiben, doch immerhin hatten die Partner ihn mit einer außergewöhnlich hohen Entschädigungssumme ausgestattet – mit der die Frauen sich beinahe überall auf der Welt in ziemlich luxuriösen Verhältnissen niederlassen konnten. Auch wenn vor ihm schon andere an diesem Auftrag gescheitert waren, war sich Tristan sicher, dass er den Fall in ein oder zwei Tagen beenden konnte und als Gewinner zurückfahren würde. Immerhin verdrehte er der Damenwelt den Kopf, seit er denken konnte.

„In zweihundert Metern rechts abbiegen.“

Er warf einen Blick auf sein Navi und runzelte die Stirn. Er hatte schon seit einer Weile keine Straßenschilder mehr gesehen und vermutete langsam, dass er sich verfahren hatte. Kurz darauf meldete sich die Stimme jedoch schon wieder. „In einhundert Metern rechts abbiegen.“

Er verlangsamte seine Fahrt und hielt nach einem Schild Ausschau. Doch bis auf das satte Grün des Waldes war nichts zu erkennen. „In zwanzig Metern rechts abbiegen.“

Plötzlich erschien jedoch tatsächlich eine enge Seitenstraße zu seiner Rechten, und Tristan musste hart bremsen, um die Ausfahrt nicht zu verpassen. Kein Schild oder sonst irgendein Hinweis machte darauf aufmerksam, wohin die Straße führte. Doch da er die Adresse direkt von seinem Chef hatte, vertraute er auf ihre Richtigkeit.

Während er tiefer in den Wald fuhr, wurde die Straße immer enger, bis sie nur noch so breit war, dass er mit seinem Wagen gerade noch darauf Platz hatte. Langsam bog Tristan um eine Kurve, als er plötzlich jemanden vor sich auf der Straße stehen sah. Abrupt stieg er in die Bremsen.

Die Frau hatte ihre Arme hoch über den Kopf nach oben gestreckt, die Finger weit gespreizt. Sie stand ganz still, nur ihr Haar wehte im Wind. Sie trug eine weite Baumwolltunika, die bis kurz über ihre Knie reichte, sonst nichts. Tristan betrachtete sie wie gebannt und ließ seinen Blick über die sinnlichen Kurven ihres Hinterns wandern, die sich unter dem dünnen Stoff abzeichneten. Auch wenn er ihr Gesicht nicht sehen konnte, spürte er irgendwie, dass sie wunderschön war.

Sie beobachtete die Wipfel der Bäume über ihrem Kopf, doch plötzlich senkte sie die Arme. Tristan schaltete den Motor aus und wartete, um sie nicht aufzuschrecken. Sie legte den Kopf leicht zur Seite, als hätte sie tief im Wald etwas gehört. Schließlich ließ sie die Schultern sinken und schüttelte langsam den Kopf.

Als sie sich zu ihm umdrehte, konnte er sehen, dass er mit seiner Vermutung richtiggelegen hatte. Sie war schön. Atemberaubend schön. Mit ihrem dunklen Haar, das ihr in Wellen um die feinen Züge ihres Gesichts auf die Schultern fiel, sah sie aus wie eine Waldnymphe.

„Das hier ist Privatgelände“, rief sie und stützte die Hände in die Taille. Ihre Tunika wurde vom Wind ein Stück hochgeweht und legte ihre schlanken Oberschenkel frei. Sein Blick glitt ihre Beine entlang zu ihren Füßen, die schlammbedeckt waren.

Tristan stieg aus und schloss die Autotür, bevor er ihr entgegenging. „Wonach haben Sie Ausschau gehalten?“

„Ich schaue nicht“, sagte sie. „Ich höre.“

„Und auf was hören Sie?“

„Auf eine Eule. Einen Bartkauz. Manchmal, wenn ich hier spazieren gehe, kann ich ihn hören. Nur woher sein Ruf kommt, kann ich nicht genau ausmachen. Vielleicht macht mir auch nur der Wind etwas vor. Oder es ist ein Geist.“

„Wie klingt denn sein Ruf?“, fragte Tristan.

„Ich kann Vogelrufe nicht besonders gut imitieren“, antwortete sie.

„Versuchen Sie es. Ich bin neugierig.“

„Eigentlich klingt es beinahe nach Sex.“

„Sex?“

„Ja. Es ist mehr so ein sanftes, stöhnendes Geräusch. Uh, uh, uh.“

„Und ich dachte immer, dass Eulen ‚Schuhu‘ rufen“, scherzte Tristan.

„Nur im Comic“, entgegnete sie. „Ich habe mal einen Rothalstaucher gesehen. Die sind hier ziemlich selten. Indigofinken mag ich am liebsten, die bekommt man aber fast nie zu Gesicht. Ihr Blau ist so wunderschön, aber eigentlich gar nicht indigofarben.“ Sie sah ihm in die Augen. „Eher wie Lapislazuli. Oder Himmelblau. Haben Sie sich verfahren?“, fragte sie. „Kann ich Ihnen helfen?“

Etwas verwirrt von ihrem schnellen Themenwechsel, musste Tristan kurz überlegen, warum er eigentlich hier war. „Ich bin auf der Suche nach einer alten Künstlerkolonie, die hier irgendwo sein soll. Ich habe von ihr gelesen und wollte sie mir gerne ansehen.“

„Eine Künstlerkolonie, hier? Davon habe ich noch nie gehört“, sagte sie. „Sind Sie sich sicher, dass Sie hier richtig sind? Am Ende dieser Straße gibt es nur ein paar Hütten.“

„Ich bin mir sicher“, sagte er. „Die Kolonie wurde in den Fünfzigerjahren gegründet. Von drei Schwestern.“ Ihre Blicke trafen sich. „Nichts davon klingt vertraut?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

Tristan wusste, dass sie log. Ihm war noch keine schöne Frau begegnet, die wirklich gut lügen konnte. Er konnte die Gedanken einer Frau – ob Schönheit oder graue Maus – in der Hälfte der Zeit lesen, die es ihn kostete, die Gedanken eines Mannes herauszufinden. Unter anderem wegen dieses Talents war er ein so guter Prozessanwalt.

Aber wenn sie ihn anlügen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr ebenso zu begegnen. „Hm. Wie schade. Ich hatte wirklich gehofft, ein oder zwei Wochen in dieser Kolonie verbringen zu können.“

„Sind Sie Künstler?“

Er nickte. „Schriftsteller. Ich habe noch nichts veröffentlicht, aber es gibt einen Verlag, der interessiert ist. Ich muss nur noch ein paar Stellen umschreiben, bin aber irgendwie völlig blockiert. Ich hatte gehofft, dass eine andere Umgebung helfen könnte.“ Er warf einen Blick zurück zu seinem Auto. „Aber ich sollte besser fahren. Wahrscheinlich bin ich irgendwo falsch abgebogen.“

Sie betrachtete ihn einen Moment lang eingehend. Doch, sie wusste garantiert mehr, als sie preiszugeben bereit war. Doch wie viel? „Ich denke, dass ich Ihnen vielleicht doch weiterhelfen kann“, murmelte sie.

„Haben Sie eine Karte?“

„Ich kann Sie zur Kolonie bringen“, sagte sie. „Ich wohne dort selbst.“

„Sind Sie auch Schriftstellerin?“

„Künstlerin“, sagte sie. „Malerin, Bildhauerin – je nachdem, welches Material und was für ein Thema sich mir eröffnet. Derzeit sind es Eulen.“

„Ich will Sie bei ihren Vogelbeobachtungen nicht stören“, sagte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Jeder Spaziergang in der Natur lässt einen weit mehr finden, als man gesucht hat.“ Sie lächelte. „Das ist von John Muir. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich fahre? Die Straße ist etwas schwierig.“

Tristan schüttelte den Kopf. „Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen – warum sollte ich Sie mein Auto fahren lassen?“

„Weil die Straße sehr kurvenreich und eng ist. Ich möchte nicht, dass Sie Ihren Wagen zu Schrott fahren.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Lily Harrison.“

Tristan stockte der Atem, doch er hoffte, dass sie ihm seine Überraschung nicht ansehen konnte. Vor dieser Frau war er bereits gewarnt worden. Aber nie hätte er damit gerechnet, dass sie noch so jung war – und so schön.

Lily Alicia Hopkins Harrison. Ihre Mutter war Erbin des Pigglestone-Vermögens und ihr Vater Erbe des Vermögens der Harrison-Familie. Doch statt in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, war Lily Künstlerin, Aktivistin und Beschützerin der drei Pigglestone-Schwestern geworden. Während ihre Familie Tristans Kanzlei angeheuert hatte, um die älteren Damen davon zu überzeugen, das Land aufzugeben.

Letzten Sommer hatte Lily sich mit den Tanten an die Veranda einer ihrer Hütten gekettet, als die Bulldozer angefahren kamen, um die Kolonie abzureißen. Sie war in den Nachrichten aufgetaucht und hatte sämtliche Social-Media-Kanäle genutzt, um die restliche Familie wie habgierige Geizhälse aussehen zu lassen, die drei alte Damen aus ihrem Zuhause schmeißen wollten.

„Waren Sie je in einen Verkehrsunfall verwickelt?“, fragte er. „Oder sind Sie schon einmal geblitzt worden?“

„Beides nicht“, sagte sie.

„Kann ich Ihren Führerschein sehen?“

„Habe ich nicht“, sagte sie. „Nie gemacht. Aber ich fahre sehr gut.“

„Wie machen Sie das?“

„Ich lasse machen“, sagte sie und zuckte die Schultern.

Stimmt. Ihr erstes Auto war wahrscheinlich eine Limousine gewesen.

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte er und reichte ihr die Hand. „Ich bin – Quinn. Quinn James.“ Der Name seines Bruders war ihm als Erstes eingefallen. Sie hätte ihn nur googeln müssen und hätte sofort gewusst, dass er für die Anwaltskanzlei arbeitete, die ihr das Leben schwer machte. Unter Pseudonym konnte er vielleicht lang genug anonym bleiben, um zu den drei Tanten durchzustoßen und ihnen sein Angebot zu machen. Danach wäre sein Name sowieso egal.

„Guter Name für einen Schriftsteller“, sagte sie. „Was für Bücher schreiben Sie?“

Weil er nicht noch mehr lügen wollte, entschied er sich dazu, das Thema zu wechseln. „Ich würde Ihre Arbeit unheimlich gern sehen. Sie sagten, dass Sie Eulen malen?“

„Nein“, erwiderte sie. „Eulen schwirren mir nur in letzter Zeit viel im Kopf herum. Sie besuchen mich in meinen Träumen. Das ist wahrscheinlich ein Zeichen, ich weiß nur noch nicht, wofür. Können Sie sich vorstellen, was es bedeuten könnte?“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, nein.“ Tristan ging zur Fahrertür und öffnete sie für sie.

So weit lief eigentlich alles perfekt. Allerdings hatte er nun das Problem, dass er zwar einerseits in die Kolonie eingeladen worden war, dass er dafür jedoch andererseits mit einem Roman aufkommen musste, oder wenigstens mit ein paar Seiten. Davon abgesehen stand ihm natürlich noch die größte Prüfung bevor – die Begegnung mit den Schwestern.

Er umkreiste den Wagen und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er war fest entschlossen, diese seltsame und doch wunderschöne junge Frau besser kennenzulernen. Denn irgendwo tief in seinem Innersten spürte er, dass Lily der Schlüssel zu allem sein konnte, was er sich wünschte – beruflich wie privat.

„Er ist Anwalt, jede Wette.“

Lily schritt im Wohnzimmer ihrer Großtante Violet auf und ab, die wie immer in ihrem Tänzerinnen-Outfit, bestehend aus einem schwarzen Gymnastikanzug mit Chiffon-Rock, in einem Sessel saß und an ihrem Tee nippte. Die grauen Locken hatte sie mit einem Tuch kunstvoll hochgebunden, ihre Augen waren dunkel geschminkt. „Setz dich, Lily. Ich glaube, dass deine Fantasie schon wieder mit dir durchgeht.“

„Ich habe recht, ganz sicher. Er behauptet, Schriftsteller zu sein – aber hast du schon mal einen Schriftsteller mit so einem Auto gesehen? Mit einem Mercedes-Cabriolet? In Minnesota? Weißt du eigentlich, was dieses Auto aussagt?“

„Mir war nicht bewusst, dass Autos jetzt schon sprechen können.“

Lily verdrehte die Augen. „Du weißt doch, was ich meine.“

„Bitte, Lily, drück dich genauer aus. Wenn du nicht damit aufhörst, so zwischen den Themen hin und her zu springen, klingst du bald wie Daisy. Zu versuchen, ihren Gedanken zu folgen, ist so, als würde man einem Kolibri durch den Wald nachjagen.“

„Ich wechsle das Thema überhaupt nicht. Dieses teure Cabrio sagt mir, dass er Anwalt ist. Es sagt jedem, den es interessiert, dass er wohlhabend genug ist, sich ein Sommer- und ein Winterauto leisten zu können. Und dann diese Schuhe. Und die Uhr.“

„Vielleicht ist er ein Anwalt, der Schriftsteller werden möchte“, schlug ihre Tante vor. „Musst du immer so misstrauisch sein? Nicht jeder da draußen hat es auf uns abgesehen.“

„Ich versuche nur, uns alle hier zu beschützen“, sagte Lily.

Die Tür zu Violets Hütte ging auf, und ihre beiden Schwestern kamen hereingeeilt. Rose, die jüngste der drei, trug die langen grauen Haare zu einem hohen, unordentlichen Dutt zusammengebunden. Sie war Komponistin und arbeitete unentwegt an neuen Stücken. Im Laufe des Tages steckte sie sich nach und nach immer mehr Bleistifte in den Dutt, sodass sie irgendwann wie eine Geisha aussah.

Die mittlere Schwester, Daisy, war eine Malerin wie Lily und lief normalerweise in einem farbverschmierten Malerkittel herum, ein knallpinkes Band in den Haaren.

„Was ist los?“, fragte sie. „Ich muss dringend zurück an die Arbeit. Habt ihr diesen Sonnenaufgang heute Morgen gesehen?“ Sie seufzte. „Paris, 1963.“

Violet bedeutete ihren Schwestern, auf dem Sofa Platz zu nehmen. „Lily meint, hier in der Kolonie einen Anwalt entdeckt zu haben.“

„Was? Spaziert der hier einfach so herum?“, fragte Rose.

„Nein“, sagte Lily. „Er gibt vor, Schriftsteller zu sein. Und dass er gern hier wohnen würde.“

„Wie nennt man eigentlich diese Wolken, die wie Pferdeschweife aussehen?“, fragte Daisy.

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Lily. „Aber ich nehme an, dass er versuchen will, an euch drei heranzukommen.“

„Das soll er nur versuchen. Du weißt doch, dass wir uns nicht überreden lassen“, sagte Violet. „Nichts, was er sagt, wird unsere Meinung ändern. Wir verlassen die Kolonie nicht, ganz einfach.“

„Was soll ich also mit ihm anstellen?“, fragte Lily.

„Vielleicht sollten wir ihn aufnehmen“, sagte Violet. „Er könnte uns eventuell irgendwann noch nützlich werden. Und wäre es nicht sowieso schlau, ihn im Blick zu behalten?“ Sie lächelte. „Wir könnten uns doch auf ein kleines Katz-und-Maus-Spiel mit diesem Anwalt einlassen. Und sobald er uns langweilt, schicken wir ihn wieder nach Hause. Wir hatten schon lange keinen solchen Spaß mehr. Kommt, wir fragen ihn, ob er bleiben möchte.“

„Ich habe Finch gebeten, ihm die Kolonie zu zeigen, während wir uns besprechen“, sagte Lily. „Er bringt Quinn zum Tee hierher, wenn sie durch sind. Aber wir sollten einen Plan vorbereitet haben, bevor er kommt.“

„Wie alt ist er?“, fragte Rose.

„Ungefähr mein Alter, denke ich“, antwortete Lily.

Die Tanten warfen sich lächelnd Blicke zu. „Und sieht er gut aus?“, fragte Violet.

„Nein, er sieht aus wie ein Anwalt“, sagte Lily. „Wie einer dieser verkorksten, gemeinen Typen, die Leute wie uns zum Frühstück verspeisen.“

„Oh, so schlimm wird er schon nicht sein. Selbst ein Anwalt muss doch irgendwelche Vorzüge haben, die ihn in deinen Augen wenigstens ein bisschen besser dastehen lassen.“

„Sie können einen aus dem Knast holen, wenn man beim Opernball eine Schlägerei angezettelt und dem Polizeipferd einen Schlag verpasst hat“, warf Daisy ein.

„Ich bin mir sicher, dass wir drei ihm mit der Zeit die Wahrheit schon entlocken werden“, sagte Violet.

Es klopfte an der Tür. Violet stand auf, strich sich eine Strähne ihres Haars hinters Ohr und befestigte sie unter ihrem Tuch. „Dann wollen wir uns Lilys Anwalt doch einmal genauer ansehen.“

Lily hielt die Luft an, als ihre Tante zur Tür ging. Einen Augenblick später betrat Mr. Quinn James mit geschmeidigen Schritten die Hütte. Alle Anwesenden verfolgten ihn mit aufmerksamen Blicken. Sofort konnte Lily erkennen, dass selbst ihre Tanten ihn attraktiv fanden. Was hatte dieser Mann nur an sich?

Waren es die beinahe schwarzen Haare, die so aussahen, als käme er geradewegs aus dem Bett? Oder seine Züge, die so ebenmäßig waren, dass die Suche nach einem Schönheitsfehler aussichtslos war? Oder seine Stimme, die tief und warm war und so sexy, dass ihr Herz bei jedem Wort, das er sagte, etwas schneller schlug?

Violet hielt ihm die Hand gebeugt entgegen, einen förmlichen Handkuss statt eines höflichen Händeschüttelns erwartend. Es überraschte Lily, dass er dieses subtile Zeichen erkannte und seinen Kopf neigte, um mit den Lippen einen leichten Kuss auf ihren Handrücken zu hauchen.

„Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Miss Violet.“

Violet stellte ihm ihre Schwestern vor, denen Quinn ebenfalls die Hände küsste.

„Quinn James, zu ihren Diensten“, sagte er. Dann setzte er sich neben Lily, wobei sein Oberschenkel den ihren berührte. Ein Gefühl von Wärme schoss durch ihr nacktes Bein, und sie spürte, wie ihre gesamte Aufmerksamkeit sich dort konzentrierte, wo er sie berührte. Ihr Puls ging schneller.

„Woher kommen Sie, Mr. James?“, fragte Violet.

„Nennen Sie mich Quinn“, sagte er. „Aus Minneapolis-Saint Paul. Ich bin in St. Paul geboren und habe dort mein ganzes Leben verbracht.“

„Und wie lange schreiben Sie schon?“, fragte Rose.

„Seit fünf Jahren, und das mal mehr, mal weniger. Ich habe jetzt erst erkannt, dass das Schreiben etwas ist, das ich unbedingt machen will.“

„Lily hat uns erzählt, dass sie eine Weile bei uns bleiben möchten“, sagte Rose.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir überhaupt einen freien Platz haben“, warf Lily ein. „Eventuell müssen Sie sich eine Hütte mit jemandem teilen. Normalerweise nehmen wir unveröffentlichte Autoren auch gar nicht auf. Es sei denn, wir bekommen als Gegenleistung das Werk als Erste zu lesen.“

„Nun, Liebes, ich bin mir sicher, dass wir eine schöne Unterkunft für unseren Gast finden können. Er hat doch immerhin etwas Wichtiges zu tun.“ Violet betrachtete ihn eingehend.

„In Finchs Hütte ist doch noch ein Schlafzimmer frei“, schlug Rose vor. „Finch freut sich bestimmt über die Gesellschaft.“ Rose lächelte Quinn zu. „Was meinen Sie, Mr. James? Wir würden uns freuen, wenn Sie hierblieben.“

„Es macht mir überhaupt nichts aus, meine Unterkunft zu teilen“, entgegnete er.

„Sehr schön“, sagte Violet. „Jetzt, wo alles geregelt ist, möchten Sie vielleicht einen Tee mit uns trinken, Mr. James?“

„Ich muss tatsächlich noch einmal in die Stadt zurück“, antwortete er. „Um meine Sachen zu holen.“

„Sie haben nichts dabei?“, fragte Violet.

„Ich war mir nicht sicher, ob Sie mich überhaupt willkommen heißen.“ Mit einer kleinen Verbeugung stand er auf. „Doch jetzt, wo alles geklärt ist, kann ich es kaum erwarten, loszulegen. Meine Damen – wir sehen uns morgen.“

„Sorgen Sie dafür, dass Sie spätestens morgen Abend um sieben Uhr wieder hier sind“, sagte Rose. „Billy Farnsworth-Chadwick wird ein paar Szenen aus dem Othello in unserem kleinen Theater vortragen, und er hat Violet darum gebeten, ihre Desdemona zu geben. Die Rolle hat sie nicht mehr gespielt, seit sie London verlassen hat.“

„Um nichts in der Welt will ich das verpassen“, entgegnete Quinn.

Lily ging nach draußen und hielt ihm die Tür auf. „Ich hätte Sie vielleicht vor meinen Tanten warnen sollen“, sagte sie, als sie gemeinsam die Stufen der Veranda hinabgingen.

„Nein“, erwiderte er. „Sie sind entzückend. Stand Miss Violet wirklich mal in London auf der Bühne?“

„Das weiß man bei den dreien nie so genau“, sagte Lily. „Manchmal sind ihre Geschichten wahr. Und manchmal sind es nur Wunschträume. Ich versuche normalerweise nicht, das auseinanderzuhalten. Solange sie glücklich sind, bin ich es auch.“

Als sie das Auto erreichten, nahm Quinn ihre Hand und berührte ihren Handrücken ganz sanft mit den Lippen. Ein Schauer lief ihren Rücken hinab – schon seine kleinste Berührung reichte aus, um ihr das Blut heiß durch die Adern schießen zu lassen.

Es war lange her, dass ein Mann das letzte Mal mit seinen Lippen ihren Körper berührt hatte. Doch er konnte nicht vor ihr verbergen, dass er sich ebenfalls zu ihr hingezogen fühlte. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, diese Tatsache zu ihrem Vorteil zu nutzen?

Erst einmal wollte sie ihn jedenfalls genau im Blick behalten. Sie würde den wahren Grund für seinen Aufenthalt in ihrer Kolonie herausfinden, und sollte er tatsächlich für ihre Familie arbeiten, würde sie ihn sofort rausschmeißen.

„Dann bis morgen, nehme ich an“, sagte sie.

„Brauchen Sie irgendetwas aus der Stadt?“, fragte Quinn.

„Da fällt mir spontan nichts ein“, entgegnete Lily. „Bringen Sie mir doch einfach etwas Interessantes zu lesen mit. Ihren Roman zum Beispiel.“

Er lachte leise und setzte sich ans Steuer.

„Auf Wiedersehen, Lily“, sagte er.

„Auf Wiedersehen, Quinn.“ Lily trat einen Schritt zur Seite, und als er den Wagen startete und davonfuhr, sah sie ihm noch lange hinterher.

Sie musste einen klaren Kopf behalten, wenn sie seinen wahren Motiven auf die Spur kommen wollte. Er war unheimlich charmant, doch sie durfte sich von ihm nicht den Kopf verdrehen lassen. Denn wenn er nicht der war, der er zu sein vorgab, musste sie dafür sorgen, dass er die Maske fallen ließ.

Die Maske fallen lassen … Die Hüllen fallen lassen … Lily musste lächeln. Es kam nicht oft vor, dass ein junger gut aussehender Mann in ihre Kolonie spaziert kam – doch wenn sich dann und wann einmal ein solches Exemplar zu ihnen verirrte, wusste Lily die Situation für gewöhnlich ziemlich gut auszunutzen. Eine kleine Sommerromanze tat ihrer Kreativität immer gut. Ihre besten Werke waren entstanden, während sie eine solche, meist kurze, Affäre gehabt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Quinn war nicht der, der er vorgab zu sein, rief sie sich in Erinnerung. Erst einmal war es also das Klügste, ihn auf gesunder Distanz zu halten.

Sie zitterte und rieb sich die Arme, denn plötzlich hatte sie eine Gänsehaut. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie unter ihrer weiten Baumwolltunika keine Unterwäsche trug.

Lily stöhnte leise auf und machte sich auf den Weg zu ihrer Hütte zurück. Sie war es gewohnt, sich einfach das überzuwerfen, was griffbereit war. Doch mit diesem gefährlich attraktiven Mann in ihrer Nähe musste sie sich in den nächsten Tagen vielleicht ein wenig genauer überlegen, was sie anzog.

„Liebe Kollegen, unsere Firma ist seit über drei Jahren mit diesem Fall befasst, und bisher können wir ziemlich wenig vorweisen. Die drei Schwestern leben noch immer froh und zufrieden auf dem Grundstück und haben nicht im Geringsten vor, das Feld zu räumen. Mein Plan ist, möglichst nah an sie heranzukommen und herauszufinden, was sie sich wirklich wünschen. Und das große Rätsel, das ich damit lösen werde, ist doch die Frage, welches Angebot die drei Schwestern nicht ausschlagen können.“

Tristan sah sich im Raum um, suchte nach Zeichen der Zustimmung für seine unkonventionelle Idee. Die Kanzlei Forster und Dunlap war in der Regel ganz und gar nicht unkonventionell. Eigentlich kam sich Tristan hier schon seit seinem ersten Tag wie der Freak unter lauter prüden, spießigen Anwälten vor. Doch immerhin hatte die Kanzlei einem Typen wie ihm, dessen Charmelevel zwar sehr hoch, dessen Notendurchschnitt dafür jedoch eher niedrig gewesen war, eine Chance gegeben und ihn eingestellt.

Das Jurastudium war so viel härter gewesen, als Tristan es sich je vorgestellt hatte. Allerdings hatte es das Leben bis dahin sowieso noch nie besonders gut mit ihm gemeint – oder mit seinen beiden Brüdern. Sie waren schon immer dazu gezwungen gewesen, allein zurechtzukommen. Seine Eltern hatten sich ohnehin nie besonders gut um ihre Kinder gekümmert, doch dann war sein Vater gestorben, seine Mutter war überhaupt nicht mehr zurechtgekommen, und schließlich hatte das Jugendamt seine Brüder und ihn zu einem Leben in Heimen und bei Pflegefamilien verdammt.

Thom, Jamie und er hatten das alles überlebt – nur wie, das war Tristan bis heute ein großes Rätsel. Vielleicht war es die Stärke gewesen, die sie einander gegeben hatten und aus der eine sture Entschlossenheit erwachsen war, es gemeinsam zu schaffen.

Die Schulzeit hatte er mithilfe eines Stipendiums und diverser Jobs überstanden, doch das Jurastudium war noch einmal ein ganz anderes Kaliber gewesen. Die Kosten und die Anforderungen hatten ihm beinahe das Genick gebrochen. So gerade eben war es ihm gelungen, einen Vollzeitjob und das Abendstudium parallel zu schaffen – was bedeutete, dass er sich pro Nacht nicht mehr als vier oder fünf Stunden Schlaf hatte erlauben können.

Doch Tristan hatte immer gewusst, wofür er das alles tat. Zuerst wollte er der ganzen Welt beweisen, dass der älteste Sohn von Denny Quinn mehr war als der Sohn eines Kriminellen. Und dann hatte er sich selbst beweisen müssen, dass er es schaffen konnte. Dass er immer etwas zu Essen im Kühlschrank und einen warmen Schlafplatz haben würde.

Er räusperte sich und wartete auf eine Reaktion der Partner, die vor ihm saßen. Sein Vorschlag war natürlich etwas gewagt. Doch sie hatten schon alles andere versucht, und bisher hatte nichts funktioniert. Es war an der Zeit für kreative Lösungen. Und er hatte die Einladung in die Kolonie bereits in der Tasche. Warum also sollten sie diesen glücklichen Zufall nicht zu ihrem Vorteil nutzen?

Bob Foster, einer der beiden Hauptinhaber der Kanzlei, ergriff endlich das Wort. „Aber wie wollen Sie diese Scharade denn durchziehen? Sie sind doch überhaupt kein Schriftsteller.“

„Das ist doch nur ein kleines Detail am Rande“, sagte Tristan. „Bestimmt wollen sie irgendwann etwas von mir lesen, aber diesen Zeitpunkt werde ich so lange herauszögern wie möglich. Ich werde meine volle Aufmerksamkeit den Pigglestone-Schwestern widmen und alles daransetzen, sie besser kennenzulernen. Wenn ich sie dazu bringe, mir zu vertrauen, nehmen sie vielleicht ein Angebot von uns an.“

Reggie Dunlap, die andere Hälfte von Forster und Dunlap, kicherte leise. „Ich muss schon sagen, das ist ein verdammt kreativer Zugang zu unserem Problemfall. Wenn sie eins haben, Quinn, dann ist das Charme, soviel steht fest. Was meinen Sie also, wie lange wird es dauern, bis wir eine Antwort vorliegen haben?“

„Das kommt darauf an“, antwortete Tristan.

„Worauf?“, fragte Forster.

„Darauf, wie lange ich vorgeben kann, Quinn James zu sein. Und darauf, wie lange die Schwestern brauchen werden, bis sie mir vertrauen.“

„Was ist mit Lily Harrison?“, fragte Forster. „Sie hat den größten Einfluss auf die Damen. Wie wollen Sie mit ihr verfahren?“

„Ich nehme an, dass sie am einfachsten zu knacken sein wird“, sagte Tristan. Er hatte doch direkt gespürt, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie es gewesen war, die die Schwestern dazu überredet hatte, ihn in der Kolonie bleiben zu lassen.

„Sie wird höchstwahrscheinlich trotzdem sehr skeptisch sein. Und dass Sie sich dieses Schriftsteller-Pseudonym ausgedacht haben, macht mich auch nicht unbedingt froh. Sie brauchen ein Manuskript.“

Tristans Assistentin, Melanie Parker, hob schüchtern die Hand. „Melanie?“

„Ich … ich würde gern etwas vorschlagen“, sagte sie. „Ich schreibe selbst ein wenig und arbeite seit ungefähr einem Jahr an einem Roman. Es ist ein Thriller mit ein paar romantischen Zügen. Ich habe ihn beinahe fertig. Tristan darf ihn gerne als seinen ausgeben.“

„Das ist sehr großzügig von Ihnen“, entgegnete Tristan.

„Wer weiß“, sagte sie. „Vielleicht lernen Sie ja einen berühmten Schriftsteller kennen, der mein Manuskript an einen Verlag vermitteln kann. Im schlechtesten Fall erhalte ich meinen Roman mit einer Kritik oder ein paar nützlichen Hinweisen zurück.“

Tristan brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass in der Kolonie eigentlich fast nur Rentner und ehemalige Künstler lebten. Er bezweifelte, dass dort irgendjemand lebte, der noch Verbindungen ins Verlagswesen hatte. Doch Melanie meinte es gut und wollte helfen. Wenn dieser Plan aufging, würde er sich selbst dahinterklemmen, für sie einen Verlag zu finden. Zugleich hoffte er allerdings beinahe, dass ihr Buch schlecht geschrieben war – denn das würde sicher weniger Lilys Aufmerksamkeit erregen.

„Ein guter Plan“, sagte Reggie. Er stand auf beendete damit das Meeting. „Sie haben einen Monat, Quinn. Wenn Sie das hinbekommen, haben Sie sich eine Position als Junior Partner gesichert.“

Tristan stand auf, während die Inhaber den Raum verließen. Als sie gegangen waren, atmete er tief durch. „Danke“, sagte er lächelnd zu Melanie, während er sich in seinen Sessel zurücksinken ließ. „Ihr Vorschlag hat den Deal besiegelt, glaube ich.“

„Vielleicht hätte ich gar nicht davon anfangen sollen“, sagte sie. „Jetzt wird sich jeder fragen, ob ich nicht eigentlich Schriftstellerin werden möchte, statt die beste Rechtanwaltsgehilfin, die Foster und Dunlap je gesehen haben. Am besten erzählen Sie allen, dass Sie mein Buch ganz furchtbar finden.“

Tristan sammelte seine Unterlagen zusammen und verstaute sie in seiner Aktentasche. „Ich bezweifle, dass es furchtbar sein wird“, sagte er. „Sie sind bestimmt eine sehr gute Autorin.“ Er hielt kurz inne, bevor er die Tasche schloss. „Fragen Sie sich nie, was ihre eigentliche Bestimmung in dieser Welt ist? Vielleicht sind Sie eigentlich dazu ausersehen, Autorin zu sein und nicht Rechtsanwaltsgehilfin.“

„Das würde mir schon gefallen“, sagte Melanie. „Versprechen Sie mir, dass Sie mir eine ehrliche Rückmeldung geben, sollten Sie das Buch lesen?“

Ihre Blicke trafen sich, und Tristan sah eine Verwundbarkeit in ihren Augen, die er bisher nur äußerst selten bei ihr erblickt hatte. In den drei Jahren, die er inzwischen mit Melanie zusammenarbeitete, waren sie zu einem sehr guten Team zusammengewachsen. Er spürte beinahe so etwas wie das Gefühl, sie beschützen zu müssen, so als wäre sie seine kleine Schwester. Sie trug ihre dunklen Haare immer in einem wirren Dutt, und ihre Hornbrille saß fast immer ein wenig schief auf ihrer Nase. Außerdem schien sie unförmige, weite Kostüme zu bevorzugen, die man im besten Fall als unvorteilhaft bezeichnen konnte.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er manchmal bemerkt, wie sie ihn mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht zu mustern schien, und er hatte sich gefragt, ob er irgendwelche höchst unangemessenen Gefühle in ihr weckte. Doch dann war mit einem Mal immer alles wieder wie früher, und ihm wurde klar, dass er mit der einzigen Frau weltweit zusammenarbeitete, die offensichtlich gegen seinen Charme immun war.

„Lassen Sie uns doch am besten sofort einen Blick in Ihr Manuskript werfen, was meinen Sie?“

„Im Ernst? Ich habe noch niemandem erzählt, dass ich schreibe. Sie werden der Erste sein, der das liest.“

2. KAPITEL

Lily saß auf den Stufen zu ihrer Hütte, die Arme um die Knie geschlungen, und konnte den Blick nicht von der Zufahrtsstraße zur Kolonie abwenden. Es war bereits drei Uhr nachmittags, und sie wartete nun schon seit dem Morgen auf Quinn.

„Reiß dich zusammen“, murmelte sie. Warum ging sie nicht ihren Beschäftigungen nach, so als wäre es ein ganz normaler Tag wie jeder andere? Sie war heute Morgen schon zum Badehaus gegangen und hatte geduscht, dann hatte sie auf dem Steg am See gesessen und sich ausgiebig die Haare gekämmt, bevor sie zur Speisehalle gegangen war, um zu frühstücken. Nach dem Mittagessen war sie sogar kurz in ihrem Studio gewesen, um sich dann endlich dazu durchzuringen, den Kampf aufzugeben und ihre Konzentration gleich ganz auf die Zufahrtsstraße zu lenken.

Was, wenn er sich umentschieden hatte und gar nicht mehr kommen wollte? Falls ihr Verdacht zutraf und er wirklich ein Anwalt war, der nur vorgab, Schriftsteller zu sein, hatte er auch jeden Grund dazu. Seine Lügen könnten so einfach auffliegen, vor allem dann, wenn er kein Manuskript vorzuweisen hatte.

„Hey Lily! Was für ein hübsches Kleid, willst du in die Stadt?“

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als Bernie Wilson heranschlurfte. Bernie war der einzige noch schreibende Autor in der Kolonie, und mit vierundfünfzig Jahren war er auch der einzige Mann hier, der auch nur annähernd in ihrem Alter war. Irgendwie hatte diese Tatsache ihn zu dem Gedanken geführt, dass sie füreinander bestimmt sein mussten.

Bernie schrieb Science-Fiction-Romane und konnte davon ganz gut leben. Er hatte es jedenfalls definitiv nicht nötig, hier in der Kolonie zu wohnen, und dennoch verbrachte er seit acht Jahren jeden Sommer hier und war mit der Zeit ihr erfolgreichster Bewohner geworden.

„Stimmt es, dass jemand Neues einzieht?“, fragte er und schob seine Brille auf seinem Nasenrücken hoch.

Lily nickte. „Ja. Er kommt im Laufe des Nachmittags, denke ich.“

„Wo wird er wohnen?“

„In Finchs Hütte ist noch ein Zimmer frei. Dort bringen wir ihn unter, bis eine der Hütten auf der Halbinsel frei wird.“

„Ich habe heute einen Gelbbauch-Saftlecker gesehen“, sagte Bernie. „Gleich da drüben.“

„Ja, davon fliegen hier einige umher“, sagte Lily. Dann stand sie auf und wischte sich den Staub vom Kleid. „Bis später, Bernie.“

„Kommst du morgen früh zur Kritikerrunde?“

„Nein, ich habe nichts vorzulesen.“

„Klar. Kein Problem. Vielleicht ja nächste Woche.“ Er stand auf, hielt dann jedoch kurz inne. „Du schreibst sehr schöne Gedichte“, sagte er.

Lily lächelte. „Danke, Bernie. Ich sollte jetzt aber besser wieder zurück zu meinen Leinwänden. Außerdem spielt Violet später eine Othello-Szene mit Billy. Bestimmt brauchen die beiden meine Hilfe beim Bühnenaufbau. Mach’s gut.“

Sie eilte in Richtung der Studios davon, und in der Luft lag plötzlich zarte Harfenmusik. Evaleen Deschanter, eine Folk-Sängerin, saß auf der Veranda ihrer Hütte und sang zu ihrem Harfenspiel eine tragische Ballade von zwei unglücklich Verliebten.

„Hi, Lily“, sagte Evaleen und lächelte schüchtern, als sie näher kam. „Ich hörte, dass wir heute einen Neuzugang haben. Violet meinte, dass es sich um einen sehr gut aussehenden jungen Mann handelt, und ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.“

Klatsch und Tratsch machten in der Kolonie schneller die Runde, als ein Feuer sich auf einem ausgedörrten Feld ausbreiten konnte. Normalerweise war Lily das egal, doch irgendwie schien sie diesmal ins Zentrum der Geschichte gerückt zu werden. Dieser Mann konnte ihr aller Feind sein, aber anscheinend war jeder ganz entzückt davon, ihn willkommen zu heißen.

Lily schüttelte den Kopf. „Er ist sehr charmant. Ich bin mir sicher, dass er hier bald eine Menge Verehrerinnen haben wird.“

Insgesamt verbrachten einundzwanzig Künstler den Sommer in der Kolonie, manche nur wenige Wochen, andere Monate. Vierzehn von ihnen waren weiblich, und Lily war die Einzige von ihnen, die ihren siebenundsechzigsten Geburtstag noch nicht gefeiert hatte. Die sieben Männer waren, mit Ausnahme von Bernie, auch alle über siebzig. Lily hatte die Tatsache akzeptiert, ihre Tage in einem regelrechten Seniorendomizil zu verbringen. Doch das schien sich nun radikal zu ändern.

Sie passierte drei weitere Künstler, die sie ebenfalls alle freundlich grüßten und ihr zulächelten, als würden sie ihr alles Gute wünschen. Als sie endlich die Sprossen zu dem Baumhaus hinaufkletterte, in dem ihr Studio untergebracht war, und die Falltür hinter sich zufallen ließ, musste sie sich sehr beherrschen, um nicht aus der Haut zu fahren.

Die Studios waren alle in Baumhäusern auf dicken Pfählen mit Blick über den See untergebracht. Von allen Orten in der Kolonie fühlte sie sich hier am wohlsten. Die vier Wände des Baumhauses hatten riesige Fenster, durch die, wenn sie geöffnet waren, die Sommerbrise hineinwehte. Zugleich boten die Bäume Schutz vor den Blicken anderer und somit genug Privatsphäre, dass sie hier nicht nur völlig befreit malen, sondern auch weinen, singen und nackt herumtanzen konnte, wenn sie wollte.

Lily öffnete die Fensterläden, um das Licht hereinzulassen. Die nachmittäglichen Sonnenstrahlen wurden durch die Blätter der Bäume gefiltert, es war das perfekte Licht zum Malen. Sie stellte das abstrakte Gemälde, an dem sie zuletzt gearbeitet hatte, auf eine Staffelei und zog sich einen Stuhl heran, um das Bild eingehend betrachten zu können.

Sie hatte ihre eigenen Arbeiten nie besonders gut einschätzen können, doch dieses Bild hatte irgendwie etwas Besonderes, so als hätte sie in ihrer künstlerischen Entwicklung einen Schritt gemacht.

In den vergangenen Jahren hatte sie dieses Gefühl schon einige Male gespürt, so als würde sie eine Tür öffnen oder ein Fenster entdecken und dahinter etwas Wundervolles finden. Doch leider kam das nicht oft vor – meistens fand sie sich vor einer weißen Leinwand wieder und fragte sich, was sie hier eigentlich machte.

Lily hatte das Glück, mit dem Geld ihrer Familie gut auszukommen. Und dennoch wollte sie glauben, dass ihre Kunst nicht völlig sinnlos war. Vielleicht würde sie sich endlich als richtige Künstlerin fühlen, wenn dieses Werk fertig war.

Sie verlor sich leicht in ihrer Arbeit, und bevor sie es bemerkte, war eine Stunde vergangen. Ihre Hände waren ganz voller Farbe, und am Boden um sie herum lagen lauter Stofffetzen, mit denen sie ihre Pinsel abgewischt hatte. Das Gemälde war jetzt fast fertig, die neue Farbschicht brachte eine tiefere Dimension hinein. Doch irgendwie konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren, dass dieser Farbton ziemlich genau Quinn James’ Haarfarbe entsprach…

Das Läuten einer Glocke riss sie aus ihren Gedanken, und sie stand auf. Da es hier keine Telefone gab, wurde in der Kolonie über eine große Messingglocke kommuniziert, die direkt neben der Tür zum großen Speisesaal hing. Sie rief die Bewohner zum Essen oder zu Besprechungen zusammen, und dass sie um diese Tageszeit läutete, konnte nur eines bedeuten. Ihr neuer Gast musste eingetroffen sein.

Lilys Herz setzte einen Schlag lang aus, und sie spürte ein seltsames Gefühl der Vorfreude in sich aufsteigen. Es war ihr nicht gelungen, Quinn aus ihren Gedanken zu vertreiben, seit er am Tag zuvor abgefahren war. Jetzt, wo er wieder hier war, konnte sie ihn endlich unter die Lupe nehmen. War er ein Wolf im Schriftsteller-Pelz? Oder nur ein charmanter Typ, der gern mit jungen Frauen flirtete?

Sie nahm sich fest vor, auf Distanz zu bleiben, bis sie genau wusste, wer er war und was er vorhatte. Dennoch wollte sie ihn mit den anderen willkommen heißen. Schnell kletterte sie die Leiter hinab und lief den schmalen Sandweg zum Haupthaus entlang.

Als sie die Lichtung erreichte, hatte sich dort schon eine neugierige Menschenmenge versammelt. Lily zählte einmal durch und musste grinsen, als sie feststellte, dass tatsächlich jeder einzelne Bewohner der Kolonie sich hier eingefunden hatte „Wir sind wohl alle ein wenig aufgeregt“, murmelte sie leise zu sich selbst.

Langsam ging sie auf die Gruppe zu, den Blick fest auf den Mann gerichtet, der seine Koffer gerade aus dem Sportwagen herausholte. Er war anders angezogen als gestern. Das gestärkte Hemd und die Krawatte waren einem T-Shirt und einer kurzen Hose gewichen. Seine Augen waren noch immer hinter einer Sonnenbrille versteckt, und er trug ein Baseballcap, unter dem sein dickes, dunkles Haar hervorschaute.

Sie stellte sich neben Tante Violet, die als älteste der drei Schwestern stets die offizielle Begrüßung übernahm. Und wie so oft in den vergangenen Jahren hielt Violet eine entzückende kurze Rede, in der sie Quinn James in der Kolonie willkommen hieß und ihn der Gruppe vorstellte. Alle applaudierten, und nachdem sich ihm ein paar Bewohner auch noch persönlich vorgestellt hatten, löste sich die Menge langsam auf. Zurück blieben Quinn, Violet, Lily und Finch.

Lily streckte die Hand aus. „Schön, dass Sie hier sind, Quinn. Ich hoffe, dass Sie Ihren Aufenthalt genießen werden.“

„Danke, Lily.“

Sie schwiegen einen Moment lang, und Lily lächelte weiter, während sie darauf wartete, dass Violet sich ins Gespräch einbrachte. Als ihre Tante das jedoch nicht tat, zuckte sie die Schultern. „Ich muss zurück an die Arbeit“, sagte sie und hob ihre farbbeklecksten Hände hoch. „Sieht so aus, als hätte ich gerade einen richtigen Durchbruch. Sehr aufregend. Vielleicht sehen wir uns heute Abend?“

„Ich hatte gehofft, dass du Mr. James ein wenig herumführen könntest“, sagte Violet.

„Ich dachte, das hätte Finch gestern schon getan“, erwiderte Lily.

„Wir haben nur die kurze Tour gemacht“, erklärte Finch.

„Und ich habe Mr. Finch gebeten, mich in die Stadt zu fahren, um ein paar Besorgungen zu erledigen“, warf Violet ein. „Nicht wahr, Mr. Finch?“

Der ältere Herr blickte zwischen den beiden Frauen hin und her, bevor er nickte. „Ja, das haben Sie, Miss Violet, das haben Sie auf jeden Fall. Ich habe Mr. James gestern nur meine Hütte und den großen Speisesaal gezeigt. Alles andere muss er ja auch noch sehen, stimmt’s, Lily? Ich bringe nur eben Mr. Quinns Sachen hoch, dann hole ich den Wagen.“

„Keine Sorge“, sagte Quinn. „Das schaffe ich schon alleine.“

Lilys Herz klopfte so laut, dass sie sich sicher war, dass jeder um sie herum es hören musste. Sie schluckte. „Alles klar, dann fangen wir am besten gleich an.“ Sie wandte sich an Quinn. „Bereit?“

„Nur zu“, sagte er.

Sie griff sich eine seiner kleineren Taschen und zeigte in die Richtung, in der Finchs Hütte lag. „Hier entlang.“

Unterwegs versuchte Lily, sich ein Gesprächsthema einfallen zu lassen, doch ihre Gedanken kreisten die ganze Zeit nur um ihre erste Begegnung und um die seltsame Anziehungskraft, die zwischen ihnen geherrscht hatte. „Ich hoffe, dass Sie sich auf sehr einfache Verhältnisse einstellen können“, sagte sie. „In jeder Hütte gibt es ein Waschbecken, aber für alles andere müssen Sie zum Waschhaus unten am Hügel gehen. Oder Sie pinkeln einfach im Wald wie die meisten Männer hier.“

„Das klingt gar nicht so schlecht.“

„Alle Fenster haben Vorhänge, aber bei schlechtem Wetter sollten Sie die Fensterläden schließen, damit der Regen nicht hereinkommt. Manchmal sind die Abende hier auch etwas kühler, ich hoffe also, dass sie eine dicke Decke mitgebracht haben.“

„Ich wollte im Ort alles besorgen, was ich hier brauche“, sagte er. „Die Decke ist schon notiert.“

Als sie die Hütte erreichten, öffnete Lily die Tür und trat einen Schritt zurück, um ihn hineinzulassen. Innen war es gemütlich; es gab ein paar ältere Möbel, und der Schreibtisch, der an einem der großen Fenster stand und an dem Finch arbeitete, wurde unter Büchern und Papierstapeln beinahe begraben. „Sie können das leere Schlafzimmer beziehen, und zum Arbeiten finden wir etwas anderes für Sie. Eines der Baumhausstudios ist noch frei.“

„Baumhäuser? Das klingt gut“, antwortete er und stellte seine Koffer auf dem Fußboden ab.

„Es sind keine richtigen Baumhäuser, aber … Sie werden ja sehen.“ Sie glättete ihr Kleid mit den Händen. „Möchten Sie, dass ich Ihnen etwas Bestimmtes zeige? Ich weiß nicht genau, was Sie gestern schon gesehen haben.“

„Sie haben sich die Haare gekämmt“, murmelte Quinn und trat einen Schritt auf sie zu.

Lily wich zurück und fuhr sich mit den Fingern durch die dichten Wellen ihres Haars. „Nein. Ich … ich meine, ja. Ich sehe nicht immer so … unordentlich aus.“

Er kam noch einen Schritt auf sie zu, doch diesmal blieb Lily stehen. „Mir gefallen Ihre Haare wild und durcheinander sehr gut“, sagte er. Und trat noch einen Schritt näher. Er stand nun so dicht vor ihr, dass er einfach die Hand hätte ausstrecken können, um eine Strähne ihres vollen Haares sanft hinter ihr Ohr zu streichen.

„Es reagiert so stark auf Feuchtigkeit“, murmelte Lily.

Sie hielt die Luft an, als er das letzte Bisschen Distanz zwischen ihnen überwand. Er sah ihr tief in die Augen, und sie spürte, dass er sie gleich küssen würde. Jeder ihrer Instinkte schrie ihr zu, davonzurennen, bevor er sie in seine Falle locken konnte. Doch gegen ihre Neugier war sie völlig machtlos. Es war doch nur ein Kuss. Und auch wenn sie nicht sicher wusste, wer er war, wusste Lily genau, wer sie war – und wer nicht.

Sie war keine Frau, die sich von einem Fremden, der vielleicht sogar ihr Feind war, mitreißen ließ. Sie war keine Frau, deren Meinung sich durch einen einfachen Kuss veränderte. Sie war keine …

Er legte seine Hände um ihre Taille und zog sie an sich. Und nur einen Sekundenbruchteil später spürte sie seine Lippen auf ihren und ließ sich in den tiefen Strudel der Gefühle mitreißen, den sein Kuss in ihr entstehen ließ. Ihr Körper fühlte sich schwerelos an, ihre Knie waren kurz davor, einzuknicken. Und als sie es taten, sank sie gegen seine breite, muskulöse Brust.

Er hob den Kopf, musterte sie genau, versuchte, ihre Reaktion zu lesen. Doch Lily war noch immer im Taumel der Gefühle gefangen.

„Daran habe ich gedacht, seit wir uns gestern begegnet sind.“

„Hast du?“ Sie war ganz außer Atem und spürte Hitze in sich aufsteigen. Der Gedanke daran, von ihm verführt zu werden, brachte sie seit vierundzwanzig Stunden um den Verstand. Doch jetzt, als die Wirklichkeit mit einem unwiderstehlichen Lächeln zu ihr hinabsah, wurde Lily bewusst, dass sie in größter Gefahr schwebte.

„Ich sollte gehen“, murmelte sie. „Und dich ankommen lassen.“

„Möchtest du mit mir in den Ort fahren?“

Lily schüttelte den Kopf. „Nein, ich muss malen. Du kennst das doch sicher. Wenn es gerade gut läuft, will man nicht aufhören.“

Er senkte den Kopf und küsste sie erneut. „Das verstehe ich nur zu gut“, sagte er mit einem schelmischen Grinsen.

„Vergiss nicht, dir etwas zu Essen zu besorgen. Wir versorgen uns hier alle selbst, bis auf Mittwoch abends und Sonntag nachmittags. Dann essen wir alle zusammen, und jeder bringt etwas mit.“ Sie nickte ihm zu. „Und bitte küss mich nicht noch einmal.“

Lily wandte sich von ihm ab und huschte hinaus. Die seltsamsten Gefühle hatten die Macht über ihren Körper übernommen. Das Verlangen danach, bei ihm zu bleiben und herauszufinden, was als Nächstes zwischen ihnen passieren würde, war beinahe stärker als ihr Verstand.

Sie rannte den Pfad zu ihrem Studio entlang, schlug dann jedoch den Weg zur Badestelle ein. Sie zog sich das Kleid über den Kopf und ließ es auf dem kleinen Sandstreifen am Ufer zu Boden gleiten.

Als sie in den See watete, schlug das kalte Wasser gegen ihren Körper und ließ ihre überhitzten Nerven abkühlen. Es löschte all die ungewohnten Gefühle aus, die sein Kuss in ihr geweckt hatte. Sie tauchte unter, ganz tief, bis sie den sandigen Grund erreichte, von dem sie sich abstieß und wieder an die Oberfläche schoss. Mit einer sinnlichen Bewegung warf sie ihre nassen Haare in einem gewaltigen Bogen über ihren Kopf nach hinten.

Das hier würde sie nun also den ganzen Sommer über machen müssen, um ihre Libido im Zaum zu halten und die nächsten Wochen zu überleben. Am besten richtete sie sich gleich ganz am Ufer des Sees ein.

Tristan stand auf dem schmalen Weg, sein Blick ganz gebannt von der nackten Frau, die gerade in dem See auftauchte. Offensichtlich hatte Lily seine Anwesenheit nicht bemerkt, und er kam sich ein wenig schlecht dabei vor, sie so zu beobachten. Doch sie schien ihr Leben sowieso nach ihren ganz eigenen Regeln zu leben – Regeln, die keine Unterwäsche vorsahen … oder Hemmungen … oder die sie davon abhielten, immer genau das zu sagen, was sie dachte.

Noch nie zuvor hatte eine Frau ihn so dermaßen in ihren Bann gezogen, und seine durch den Beruf geschärften Instinkte sorgten dafür, dass er unbedingt alles über sie herausfinden wollte. Es war ihm schon immer leichtgefallen, die Gedanken von Frauen zu lesen. Die meisten Frauen, die er kannte, waren nicht mehr als eine Illusion, hatten ein hübsches Netz aus offensichtlichen Lügen und Wunschvorstellungen gewebt, durchwirkt von einer kühlen und berechnenden Gier, die sie vor ihm nicht verstecken konnten. Und wenn er dieses Netz erst einmal beiseitegeschoben hatte, verlor er das Interesse.

Doch bei Lily schien es dieses Netz nicht zu geben. Was sie der Welt von sich zeigte, war rein und echt, und das fand er unendlich anziehend. Sie versuchte überhaupt nicht, sich zu einem Männertraum umzumodeln. Sie trug kein Make-up, ihre Haare waren weder geglättet noch zurechtfrisiert, und soweit er bisher einschätzen konnte, hatte sie sich auch nie irgendeiner Schönheits-OP unterzogen.

Stattdessen war ihre Haut sonnengebräunt und ihre Nase voller Sommersprossen. Als Friseur diente ihr der Wind und welche Brise er auch immer mit sich brachte. Und sie kleidete sich nicht, um irgendwem zu gefallen, sondern so, wie es für sie am bequemsten war.

Seine Gedanken wanderten zu dem Kuss zurück, den sie geteilt hatten. Wenn er sonst eine Frau küsste, war das nur der Auftakt, um sie ins Bett zu kriegen. Doch Lily hatte er vielmehr aus Neugier geküsst als aus sonst irgendwelchen Motiven. Sie hatte versucht, eine gewisse Distanz zwischen ihnen zu wahren, doch er konnte spüren, dass da mehr war, als sie ihm zeigte. Und das hatte nichts mit irgendeinem Spiel zu tun, das zu ihrem Flirt gehörte. Sie verheimlichte ihm etwas.

Plötzlich zog eine Bewegung im Wald Tristans Aufmerksamkeit auf sich. Im Dickicht konnte er einen Mann ausmachen, der in gebeugter Haltung und mit einem Fernglas in der Hand Lily beim Schwimmen beobachtete.

Leise fluchend lief Tristan auf den Voyeur zu. Doch der Typ bemerkte ihn und verschwand eilig zwischen den Bäumen. Tristan lief ihm nicht nach. Es war offensichtlich jemand aus der Kolonie, und er würde nicht lange brauchen, um herauszufinden, um wen es sich handelte.

Als er die Badestelle erreichte, hob er Lilys Kleid auf und pfiff durch die Zähne. Sie drehte sich um und blickte ihn überrascht an. Ihre nassen, nackten Brüste funkelten im Sonnenlicht. Tristan erwartete, dass sie sofort wieder abtauchen würde, doch das tat sie nicht. Stattdessen hob sie das Kinn und blickte ihm entschlossen entgegen.

„Was willst du?“

„Ich will, dass du aus dem Wasser kommst und dir etwas anziehst“, rief er.

Sie tauchte ab und wieder auf und strich dabei ihre Haare nach hinten. „Ich will schwimmen“, antwortete sie. „Ich brauche die Bewegung.“

„Du brauchst etwas zum Anziehen, bevor dich hier noch irgendjemand beobachtet. Ich habe schon einen Spanner vertrieben, noch mehr möchte ich nicht jagen müssen.“

„Wer hat dich denn zu meinem Beschützer bestimmt?“

„Offensichtlich brauchst du ja einen“, entgegnete Tristan. „Also keine Ursache, ich übernehme das.“

Fluchend schwamm sie auf ihn zu, und als sie aus dem Wasser stieg, hielt er ihr das Kleid entgegen und wandte den Blick in die andere Richtung.

„Was stimmt denn nicht mit dir?“, murmelte sie. „Schmilzt du etwa, wenn du einen einzigen Blick auf eine nackte Frau wirfst?“

„Nein“, sagte er. „Ich wollte dir nur deine Privatsphäre lassen.“

„Das ist doch nur ein nackter Körper“, sagte sie. „Genau wie jeder andere nackte Körper auch. An mir ist auch nur dran, was dazugehört, es gibt hier also nichts Spannendes zu sehen.“ Lily zog ihm das Kleid aus den Händen, doch als er sich endlich wieder zu ihr umdrehte, hatte sie es noch immer nicht angezogen.

Er fluchte leise, entriss ihr dann das Kleid, schüttelte es aus und hielt es ihr über den Kopf. Als sie die Arme hob, versuchte er nicht hinzusehen, doch ihr Anblick ließ sich unmöglich ignorieren. Er spürte einen lustvollen Sog in sich und bekämpfte den Drang, sich selbst auch die Kleider vom Leib zu reißen.

Beinahe konnte er ihre nackte Haut an seinem Körper spüren. Sie standen dicht an dicht, und er stellte sich vor, wie sich ihre Brüste an seiner Haut anfühlen würden. Seine Finger zuckten bei der Vorstellung, sanft über ihren Oberkörper zu streicheln.

„Bist du sicher, dass du ein Schriftsteller bist?“, fragte sie, während der Stoff ihres Kleides über ihren nassen Körper fiel.

Tristan sog scharf die Luft ein. Hatte er sich schon verraten? „Wie kommst du darauf?“

„Die meisten Schriftsteller, die ich kenne, waren nicht so prüde.“

„Wie schon gesagt, ein Typ hat dich vom Ufer aus beobachtet. Er hatte ein Fernglas dabei. Wer weiß denn, was er noch vorhatte?“

„Das war Bernie.“

„Bernie, der Science-Fiction-Typ? Den ich vorhin kennengelernt habe?“

Lily neigte den Kopf nach vorn und wrang das Wasser aus ihren Haaren. „Ja, Bernie. Er ist harmlos.“

„Es macht dir nichts aus, dass er dich beobachtet?“

„Er hat in seinem Leben nicht viele nackte Frauen gesehen. Er ist ein wenig schüchtern und ein bisschen neugierig auch, denke ich.“

Tristan lachte. „Dann tust du ihm also einen Gefallen und lässt ihn dich beobachten?“

Sie zuckte mit den Schultern. Ein paar Wassertropfen fielen aus ihren dunklen Wimpern. „Ich kann nicht immer erst den Wald absuchen, wenn ich schwimmen gehen will.“ Lily ging barfuß zum Weg zurück, und ihre Füße waren binnen kürzester Zeit wieder von Sand und Erde bedeckt.

Tristan folgte ihr rasch. „Warum bist du weggelaufen, als ich dich geküsst habe?“

„Weil du, im Gegensatz zu Bernie, nicht harmlos bist. Ich halte dich sogar für einen sehr gefährlichen Mann, Mr. Quinn James … falls das überhaupt dein richtiger Name ist.“

Tristan unterdrückte ein Fluchen. Es war offensichtlich, dass sie ihm nicht traute. Doch wie groß waren ihre Zweifel? Waren es nur seine romantischen Absichten, die sie misstrauisch werden ließen, oder erahnte sie die Tiefe seines betrügerischen Vorhabens? „Viele Schriftsteller nutzen Pseudonyme.“

„Wenn sie bereits etwas veröffentlicht haben vielleicht“, gab sie zurück. „Ist Quinn dein echter Name?“

„Ja“, sagte Tristan. Er wusste, worauf sie hinauswollte, und er wusste auch, dass er sich die Wahrheit so zurechtbog, wie es ihm passte. Doch letztlich konnte er ihre Frage ungelogen bejahen – Quinn war sein echter Name.

„Und warum hast du mich geküsst? Vielleicht möchtest du auf diese Frage ja ehrlich antworten?“

Tristan packte ihre Hand und zog sie mit einer schnellen Bewegung zu sich herum. Er wusste nicht, wie er seine Antwort in Worte fassen sollte. Jetzt, wo sie nur ein paar Zentimeter von ihm entfernt in ihrem nassen Kleid vor ihm stand, verspürte er wieder diesen unglaublichen Drang danach, sie in seine Arme zu ziehen und seine Lippen auf ihre zu drücken. Allerdings würde er ihren Verdacht so wahrscheinlich auch nicht zerstreuen.

„Es schien in dem Moment das Richtige zu sein“, sagte Tristan leise. „Ich konnte nicht anders.“ Er schüttelte den Kopf. „Hast du überhaupt auch nur den Hauch einer Ahnung davon, wie schön du bist? Ist dir klar, was diese Schönheit mit einem Mann anstellen kann?“

Lily starrte ihn einen Augenblick lang an, dann musste sie lachen. Und dieses Lachen war nicht nervös oder vielleicht sogar sarkastisch. Sie hielt seine Aussage ganz offensichtlich einfach nur für lächerlich.

„Die Schönheit liegt nicht im Antlitz. Sie ist ein Licht im Herzen.“

„Wer hat dir das gesagt?“, fragte er.

„Meine Tanten, und die haben den Dichter Kahlil Gibran zitiert. Sie haben mir beigebracht, dass wahre Schönheit im Inneren liegt und nichts mit meinem Aussehen zu tun hat.“

„Nun, das mag dich schockieren, aber damit hatten sie unrecht. Du bist auch äußerlich schön, Lily, und es ist an der Zeit, dass dir das einmal jemand sagt.“

„Ich gebe das gleich an die Nachrichten weiter“, murmelte sie. „Sensation – eine weitere schöne Frau entdeckt. Ich denke, die werden sich gleich auf die Story stürzen.“

„Hat dir wirklich noch niemand gesagt, wie schön du bist? Deine Mutter oder dein Vater?“

„Ich habe nicht viel Zeit mit meinen Eltern verbracht. Sie haben mich auf ein ziemlich strenges katholisches Internat geschickt, da gab es keine Spiegel, Make-up war verboten, und alle trugen eine Uniform. Und jeden Sommer war ich hier bei meinen Tanten, wo sich mein Geist in Ruhe entwickeln und ausleben konnte.“

„Wow“, antwortete Tristan. „Das muss ja eine Kindheit gewesen sein.“

„Nicht jeder hat das Glück, perfekte Eltern zu haben. Meine zum Beispiel hatten keine Kinder, sie haben nur Erben produziert.“

Sie ging weiter den Weg entlang, doch diesmal ließ Tristan ihre Hand nicht los. „Ich habe langsam das Gefühl, dass wir auf unterschiedlichen Planeten geboren worden sind.“

„Sind deine Eltern Aliens?“

Tristan musste lachen. „Mein Vater auf jeden Fall.“

„Erzähl mir von ihnen“, sagte sie. „Sie können nicht schlimmer gewesen sein als meine.“

„Das erzähle ich dir lieber ein anderes Mal“, erwiderte Tristan.

Sie hatten längst die Baumhäuser erreicht. „Das hier ist mein Studio“, sagte sie.

„Willst du es mir zeigen? Ich würde deine Arbeiten gern sehen.“

Lily zögerte kurz, und Tristan dachte einen Augenblick lang, dass sie ihn mit hinaufnehmen würde. Doch wieder verhielt sie sich ganz anders, als er erwartet hatte. „Das muss auch bis zu einem anderen Mal warten.“

Ihr Blick verriet ihm, dass sie sich mit diesen Worten fürs Erste von ihm verabschieden wollte, doch er war noch nicht bereit dazu, sie gehen zu lassen. Er brauchte einen Vorwand, um sie wiederzusehen. Es gefiel ihm nicht, dass sie ihm noch immer nicht traute.

„Hast du schon Pläne fürs Abendessen? Wir könnten in den Ort fahren und dort essen.“

„Ich esse normalerweise hier.“

„Du bist doch sonst so nonkonformistisch. Geh das Risiko ein und iss mit mir zu Abend.“

„Mir ist klar, dass wir hier weit und breit die einzigen Menschen in unserem Alter sind und dass es also nur natürlich wäre, wenn wir uns zusammentun. Aber ich finde es besser, wenn wir versuchen, Freunde zu sein. Du kannst mich gerne zu der Aufführung heute Abend begleiten, ich lade dich auch auf eine Limonade ein.“

Shakespeare und Limonade? Tristan wusste nicht, wann er zuletzt ein so unschuldiges Date gehabt hatte. Normalerweise umfasste seine Dating-Routine ein paar Drinks, denen unverbindlicher Sex folgte. Oder ein Dinner, auf das unverbindlicher Sex folgte. Manchmal auch Lunch, worauf … Tristan stoppte seine Gedanken an dieser Stelle. Er ging allerdings nicht davon aus, dass er heute Abend Othello und unverbindlichen Sex zu seiner Liste hinzufügen würde.

„Othello könnte interessant sein“, sagte er. „Ich glaube, ich habe das Stück noch nie gesehen.“

„Ich verspreche dir, dass du heute Abend bestens unterhalten werden wirst.“

„Dann haben wir ein Date“, sagte er und versuchte, ihr noch einen Kuss zu stehlen.

Doch Lily war schneller und legte ihm einen Finger auf die Lippen, bevor er sie küssen konnte. „Wir sehen uns ein Shakespeare-Drama an, das ist alles.“ Dann kletterte sie die ersten Stufen zu ihrem Studio hinauf. „Oh, und wenn Nacktheit ein Problem für dich ist, solltest du dich Samstagabends nach Sonnenuntergang lieber in deiner Hütte einschließen. Dann gehen hier nämlich alle nackt baden. Das ist eine Tradition, solange das Wetter warm genug ist.“

„Jeder?“

„Naja, die Älteren halt. Ich überlasse sie normalerweise ihrem Vergnügen. Das kann manchmal schon eine richtige Orgie werden. Ich nehme aber natürlich an, dass die Ladys sich über dein Auftauchen unheimlich freuen würden.“

Tristans Augen weiteten sich ungläubig. „Das meinst du nicht ernst, oder?“

„Hier gibt es ziemlich viel Sex, wenn du das meinst“, sagte sie. „Aber ich halte mich da normalerweise raus.“ Mit diesen Worten stieg sie schnell die Leiter hinauf. „Ich weiß genau, dass du mir unter den Rock schaust“, sagte sie. „Hör sofort auf damit.“

Tristan wandte den Blick ab und sah den Weg zu seiner Hütte hinab. Er hatte schon einige Erfahrungen mit Frauen gemacht und eine ganze Menge ungewöhnlicher Beziehungskonzepte ausprobiert. Doch das, was hier zwischen ihm und Lily passierte, überstieg seinen Horizont. In einem Moment waren sie sich ganz nah, und im nächsten triezten sie sich, wo sie nur konnten, und sie stieß ihn weit von sich weg. Er konnte einfach nicht fassen, was hier passierte. Doch grinsend musste er sich eingestehen, dass es ihm ziemlich gut gefiel.

Die Spätsommersonne war schon untergegangen, als sich endlich alle eingefunden hatten, um sich das „kleine Schauspiel“ anzusehen, wie Violet es nannte. Im Laufe des Sommers und bis in den frühen Herbst hinein wurde die Bühne in der Kolonie von den Bewohnern regelmäßig bespielt; von Musicalausschnitten über modernen Tanz bis hin zu klassischen Theaterstücken war für jeden Geschmack etwas dabei.

Heute spielte Lily ihre Rolle als Einlasserin und verteilte an der Tür die Programmhefte, die sie auf Violets Geheiß erstellt hatte.

Billy Chadwick-Farnsworth, ein Dramatiker aus England, der manchmal auch selbst schauspielerte, hatte für diesen Abend geplant, einzelne Szenen und Monologe aus Shakespeares Othello auf die Bühne zu bringen. Billy besuchte die Kolonie schon so lange, wie Lily denken konnte. Im Winter kehrte er jedes Jahr nach England zurück, wo er mit seiner Tochter in Bath lebte. Doch dieses Jahr ging das Gerücht herum, dass er vielleicht nach Ende der Saison bleiben würde, um eine neue Romanze mit Violet auszuleben.

Diese kleinen Liebschaften kamen jeden Sommer auf. Normalerweise waren sie nur von kurzer Lebensdauer, und auch diesmal glaubte Lily nicht, dass es sich um etwas Längerfristiges handelte. Violet war zwar eine große Romantikerin, doch zugleich war sie viel zu unabhängig, um es länger als ein paar Wochen mit einem Mann auszuhalten.

Lily erinnerte sich lächelnd an ihre eigene erste Romanze in der Kolonie. Der gut aussehende junge Fotograf hatte das Land durchreist und war eines Tages bei ihnen aufgetaucht. Sie war damals neunzehn Jahre alt gewesen und gleich im ersten Moment so von ihm hingerissen wie er von ihr. Doch als ein Monat vergangen war, war der junge Mann genauso unangekündigt verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Die Erinnerungen an ihn waren bittersüß, und dennoch hatte Lily ihre Affäre nie bereut. Sie wusste inzwischen, dass mit jeder leidenschaftlichen Romanze, auf die sie sich einließ, auch ihre künstlerischen Talente aufblühten. Ihre Gefühle waren wie ein Feuer, aus dem ihre besten Werke entstanden und das ihrer Kunst fehlte, wenn sie allein war.

Konnte sie es sich leisten, sich Quinn hinzugeben? Sie war älter und reifer geworden und fühlte langsam, dass ihre Zeit für leidenschaftliche Affären einem Ende zuging. Ihre Tanten hatten ihr einmal gesagt, dass die Leidenschaft mit dem Alter in dem Maße abnahm, wie die Weisheit zunahm. Je älter man wurde, desto schwerer fiel es einem, die Vergangenheit außen vor zu lassen und an die Liebe zu glauben.

War Quinn James vielleicht ihre letzte Chance, um wirklich große Kunst zu schaffen? Jede ihrer Tanten hatte einmal eine solche Liebe erlebt; sie sprachen bis heute voll Zärtlichkeit von den Männern, die ihre Musen gewesen waren.

Lilys letzter Liebhaber war ein Franzose gewesen. Das war jetzt zwei Jahre her. Doch auch wenn sie in dem Sommer eine hochintensive Arbeitsphase erlebt hatte, war sie nicht in der Lage gewesen, ihr Herz diesem Mann ganz und gar zu schenken. Selbst als er die Kolonie verlassen hatte, wusste sie, dass es irgendwo den Mann gab, den sie als Nächstes lieben würde.

War Quinn dieser Mann? Der eine, der es ihr endlich ermöglichen würde, sich als wahre Künstlerin zu empfinden? Allerdings hatte sie bisher bei noch keinem ihrer Liebhaber befürchten müssen, dass er ein Verräter sein könnte. Würde es ihr gelingen, sich Quinn hinzugeben, obwohl sie ihm misstraute?

„Worüber zerbrichst du dir den Kopf?“

Er stand hinter ihr, und Lily spürte, wie er seine Hände um ihre Taille legte.

„Nichts“, log sie und drehte sich zu ihm um. „Warum lächelst du?“

„Es ist schön, dich wiederzusehen. Schon den ganzen Abend habe ich mich auf dich gefreut.“

Lily drückte ihm ein Programmheft an die Brust und schob ihn von sich weg. „Ich dachte, dass du zum Arbeiten hergekommen bist. Wenn du deine Zeit damit verbringst, an mich zu denken, wie willst du dann irgendetwas anderes schaffen?“

„Vielleicht inspirierst du mich“, sagte er. „Vielleicht bist du meine Muse?“

„Diesen Satz habe ich hier schon viel zu oft gehört. Ich bin wohl eher ein willkommener Zeitvertrieb für dich.“

„Unterhaltsam bist du allemal, Lily, das muss ich zugeben. Was bin ich denn für dich?“

„Keine Ahnung. Vielleicht meine Energiequelle?“

Bevor er etwas erwidern konnte, war Bernie zu ihnen getreten, und Lily reichte ihm ein Programm.

„Ich habe dir einen Platz in der ersten Reihe reserviert“, sagte Bernie zu ihr. „Wenn du die Hefte verteilt hast, kannst du dich zu mir setzen.“

„Danke“, hob sie an.

„Danke, Bernie“, unterbrach Quinn. „Aber sie sitzt bei mir. Und es überrascht mich, dass du dich in die erste Reihe gesetzt hast. Bist du nicht eher der Typ, der die Dinge lieber aus den hinteren Reihen betrachtet?“

Bernie errötete und huschte davon.

„Das war nicht nett von dir“, sagte Lily. „Er ist kein schlechter Mensch. Und ich bin mir sicher, dass es irgendwo da draußen eine Frau für ihn gibt. Nur bin das eben nicht ich.“

„Ganz genau. Er hat also überhaupt keine Berechtigung dazu, dich beim Schwimmen zu beobachten. Schon gar nicht, wenn du nackt schwimmst.“

„Oh, entwickelst du dich jetzt also von der Energiequelle zum Ritter in glänzender Rüstung? Wunderbar.“

In diesem Moment betrat Violet die Bühne, und das Licht wurde gedimmt. Sie trug ein fließendes Kleid aus glänzender cremefarbener Seide und Chiffon mit einem perlenbesetzten Mieder. Ihr graues, offenes Haar fiel ihr in langen Wellen über den Rücken. Dazu trug sie ein Stirnband mit einem funkelnden Stein direkt in der Mitte. Mit den roten Lippen und den schwarz umränderten Augen sah sie aus, als wäre sie geradewegs einem Stummfilm entsprungen.

„Komm mit“, flüsterte Tristan, nahm Lilys Hand und zog sie zur Tür.

„Ich möchte mir das aber ansehen“, protestierte sie.

„Wir sind zurück, bevor es vorbei ist“, versicherte er ihr.

Doch Lily entschied, so lange zu bleiben, bis Billy mit einem der Monologe begann. Verstohlen betrachtete sie Quinn von der Seite und wusste genau, was passieren würde, sobald sie allein waren. Er würde sie wieder küssen … und wieder … und wieder. Und diesmal würde ihr das nicht reichen. Sie brauchte mehr.

Lily seufzte leise. Sie hatte sich geschworen, sich ihm nicht hinzugeben, bis sie seine geheimen Motive enttarnt hatte. Und um herauszufinden, ob er nicht doch ein feindlicher Eindringling war, musste sie einen Blick auf sein Manuskript werfen. „Lass uns gehen“, flüsterte sie ihm zu.

Leise verließen sie die Halle durch die Hintertür und liefen schnell in Richtung des Sees davon. Als sie den Sandstreifen erreicht hatten, zog er sie in seine Arme und küsste sie voller Leidenschaft. Lilys Blut rauschte und ihr Puls raste, während sie mit den Fingern durch sein weiches Haar fuhr.

Er roch so unheimlich gut, dass sie ihr Gesicht am liebsten tief in der Kurve zwischen seinem Hals und seiner Schulter vergraben hätte. Seine Lippen schmeckten nach Zimt. Sie nahm ihn mit jedem ihrer Sinne wahr.

Ihm schien es ganz genauso zu gehen. Mit den Fingerspitzen fuhr er über ihren Körper, über ihren Rücken entlang zu ihrer Taille hinab. Seine Zunge umkreiste ihre in immer schnelleren, stoßenden Bewegungen, während er seine Hände um ihre Brüste legte und Lily leise aufstöhnte.

„Es gibt da etwas, das ich mir wünsche“, flüsterte sie.

„Was immer du willst“, sagte er, und seine Stimmt war tief und beinahe heiser. Sie konnte seinen Atem heiß an ihrem Hals spüren.

„Ich möchte deinen Roman lesen.“

Ihre Bitte überraschte ihn, und er runzelte die Stirn. „Meinen Roman? Jetzt?“

„Ja. Hast du eine ausgedruckte Version?“

„In meinem Zimmer“, antwortete er.

„Dann los“, verlangte sie, nahm seine Hand und zog ihn mit sich.

„Mein Manuskript ist fünfhundert Seiten lang. Das kannst du in einer Nacht gar nicht alles lesen.“

„Dann nehme ich es mit.“

„Ich habe aber nur einen Ausdruck dabei.“

„Wir haben einen Kopierer, kein Problem.“

„Möchtest du nicht lieber in die Halle zurück und Othello sehen?“

Lily hielt inne und sah ihm in die Augen. Was war los? So viele Ausflüchte? „Gibt es einen Grund dafür, dass ich dein Manuskript nicht lesen soll?“ Sein Lächeln erschien ihr etwas zu verkrampft. Er verheimlichte ihr etwas, und Lily wollte herausfinden, was es war. „Gib es den Roman überhaupt?“

„Natürlich gibt es ihn“, sagte Quinn. „Wieso fragst du?“

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Vielleicht hast du ihn dir ja nur ausgedacht, um in die Kolonie eingeladen zu werden.“

„Um mich besser an dich heranmachen zu können?“, fragte Quinn.

„Kann sein“, sagte sie. „Was für Gründe könntest du sonst haben?“

„Dann muss ich dir wohl beweisen, was ich will.“ Diesmal nahm er ihre Hand. Lily konnte kaum mit ihm Schritt halten, und als sie seine Hütte erreichten, war sie völlig außer Atem.

Quinn öffnete die Tür und zog sie hinein. Der Raum wurde von einer alten Stehlampe beleuchtet, die neben Finchs Schreibtisch stand, und von einer kleineren Lampe auf dem Tischchen neben dem Sofa. Beide Lampen spendeten nicht genug Licht, um wirklich gut lesen zu können. „In meinem Zimmer ist das Licht besser“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Ich habe vorhin extra eine neue Lampe gekauft.“

Lily atmete tief durch und sammelte sich. Sein Zimmer auch nur zu betreten war eigentlich schon viel zu gefährlich – doch sie musste herausfinden, ob er wirklich an etwas schrieb. Sollte es kein Manuskript geben, dann wäre klar, dass er aus anderen Gründen in die Kolonie gekommen war. Sollte er jedoch die Wahrheit gesagt haben, würde sie sich auf die wilde Affäre einlassen können, nach der sie sich so sehnte.

Langsam betrat sie das dunkle Zimmer. Er folgte dicht hinter ihr, und sie schloss die Augen, wartete darauf, dass er sie berührte, sie in seine Arme zog und sie noch einmal küsste. Sie verzehrte sich nach diesem ersten Rausch, nach diesem einen Moment, wenn sie die Verbindung zur Wirklichkeit kappen und sich ganz seinem Geschmack und seinen Berührungen hingeben würde.

Wie leicht es ihr fiel, sich dieser Sucht hinzugeben. Und ihr war klar, dass, wie bei jeder Sucht, ihre Sehnsucht nur immer größer werden würde, je mehr sie sich ihr hingab. Ein einfacher Kuss war schon längst nicht mehr ausreichend, um sie zu befriedigen. Sie wollte seine Hände auf ihrem Körper spüren, seine Haut an ihrer, ihn …

Lily atmete scharf ein, als das Licht anging. Tristan stand neben dem Bett und hielt eine dicke Mappe in den Händen. Langsam zog er das Moskitonetz über dem Bett zur Seite. „Hier ist mein Roman, mach es dir gern gemütlich. Ich werde zur Halle zurückgehen und mir das Stück zu Ende ansehen.“

„Du kannst auch bleiben“, sagte sie.

„Das wäre zu hart für mich. Ich habe mir deinen ersten Besuch in meinem Bett etwas anders vorgestellt. Ich hole dich zum Ende der Vorstellung ab.“

Lily nahm das Manuskript entgegen. „Alles klar. Bis später.“

„Ich hoffe, es gefällt dir“, sagte er.

Lily sah ihn einen Moment lang an. „Was?“

Er nickte in Richtung der Mappe. „Mein Manuskript. Ich hoffe, es gefällt dir.“ Und schon war er zur Tür hinaus verschwunden.

Sie setzte sich auf sein Bett, zog das Moskitonetz zu und machte es sich gemütlich. „Dann wollen wir doch mal sehen, was für ein Autor Sie sind, Mr. Quinn James.“

Von der ersten Zeile an war sie wie gefesselt. Es ging um ein Verbrechen, das so durchtrieben und abscheulich war, dass Lily sich augenblicklich mit den Opfern identifizierte. Die Figuren wurden geradezu durch die Hölle geschickt. Doch der Roman zehrte weniger von roher Gewalt als vielmehr von einer Spannung, die auf der psychologischen Ebene entstand und der Lily sich nicht entziehen konnte. Jedes Kapitel endete mit einem Cliffhanger, sodass sie das Manuskript nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Lily war beeindruckt davon, wie dicht der Roman geschrieben war. Sein Stil war einfach, aber voller kleiner Details, die den Text lebendig werden ließen. Und die Romanze, die sich langsam zwischen den beiden Hauptcharakteren – einer Jurastudentin und einem Privatdetektiv – entwickelte, wurde vor allem durch die inneren Monologe der Figuren greifbar.

Manchmal konnte man schon an der Art und Weise, wie ein Autor über das andere Geschlecht schrieb, erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Doch Quinn gelang es außerordentlich gut, sich in die Gedanken seiner weiblichen Hauptfigur zu versetzen.

Lily legte das Manuskript zur Seite. Vielleicht fiel es ihm ja deshalb so leicht, sie zu verführen. Vielleicht wusste er ganz genau, was sie dachte, wenn er sie küsste oder sie berührte.

Eine kühle Brise fuhr durch das Zimmer. Lily deckte sich mit der dicken Decke zu, die Quinn sich an diesem Nachmittag noch neu gekauft hatte, und schloss einen Moment lang die Augen. Quinn war also ein echter Schriftsteller und kein mysteriöser Eindringling.

Sie seufzte leise. Das bedeutete also, dass sie sich auf seine Avancen einlassen konnte. Doch irgendwo tief in ihrem Innersten läutete ein Instinkt noch immer die Alarmglocken, und dieses Geräusch wurde immer lauter, je länger sie sich mit Quinn beschäftigte.

Quinn war der Typ Mann, der einer Frau sowohl in Bezug auf ihren Verstand als auch für ihr Herz gefährlich werden konnte. Doch jede gute Kurzzeitaffäre erforderte einen Mann, der einzigartig und zugleich leicht zu vergessen war. Lily war sich ziemlich sicher, dass Quinn ein einzigartiger Liebhaber sein konnte – und sie spürte schon jetzt, dass er sie für jeden anderen Mann, dem sie noch begegnen mochte, ruinieren würde.

Aber sie war noch nicht bereit dazu, diesen Mann schon jetzt in ihr Leben zu lassen und sich danach nie wieder wirklich auf einen anderen einlassen zu können – so wie es ihren Tanten widerfahren war. Erst musste ihr mindestens ein Meisterwerk gelingen, so viel war klar. „Vielleicht ist er ja gar nicht so gut“, flüsterte sie und zog sich die Decke bis unters Kinn. Gab es einen Mittelweg zwischen einer leichten Sommerromanze und einer stürmischen Affäre, nach der nichts mehr so sein würde wie zuvor? Natürlich gab es den. Und solange sie darauf achtete, dass sie es war, die das Tempo zwischen ihnen vorgab, würde sie von diesem Weg nicht abweichen.

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