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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 69

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Ein Hauch von Irland in deinem Kuss

1. KAPITEL

„Jonathan will dich sehen.“

Miranda schreckte aus ihrem Tagtraum auf, in dem sie mit ihrem Boss, Jonathan Vanguard, bei Kerzenschein in einem romantischen Restaurant am Meer saß und er ihr seine Liebe gestand, während er ihr tief in die Augen blickte.

Sie wusste nicht, wie oft sie sich diese oder eine ähnliche Szene in den letzten Jahren schon ausgemalt hatte, aber es verging kaum eine Stunde, in der sie nicht an ihn dachte.

Doch anstatt bei einem schönen Dinner saß sie gerade in ihrem kleinen Abteil mitten im Großraumbüro, während Jonathan sich in seinem Einzelbüro am Fenster aufhielt. Wenn sie über die Trennwand schaute, konnte sie ihn durch die Glastür an seinem Schreibtisch sitzen sehen.

An ihrem allerersten Tag in der Bank war sie seinem Team zugeteilt worden. Obwohl die Arbeit eintönig war – sie waren für die Abrechnungen zuständig –, war es Miranda niemals in den Sinn gekommen, sich einen anderen Job zu suchen oder sich innerhalb der Bank auf eine interessantere oder besser dotierte Stelle zu bewerben.

Stattdessen lebte sie dafür, dass Jonathan sie morgens mit einem Lächeln begrüßte. Er sah so gut aus, dass es Miranda fast das Herz brach: hellblonde Haare, die er in einer modischen Frisur trug, hellgraue Augen, schlank und groß. Er war immer perfekt gekleidet in hellgrauen Anzügen, die zur Farbe seiner Augen passten. Nur die Krawatte variierte er von Tag zu Tag. Anfangs hatte sie versucht, zu erraten, ob die Wahl seiner Krawatten etwas mit seiner Stimmung zu tun haben könnte, aber Jonathan lächelte sie jeden Tag gleich freundlich an.

Sie und alle anderen Frauen und die wenigen Männer, die in seinem Team arbeiteten.

Immerfort hier tätig zu sein war schon ziemlich masochistisch von ihr, wie Abigail und Kristen, ihre beiden besten Freundinnen, ihr immer wieder sagten. Denn Jonathan war nicht nur außerhalb ihrer Reichweite, weil er ihr Boss war. Er war darüber hinaus verheiratetet.

Ohne ihre Freundinnen würde sie wahrscheinlich jeden Abend alleine zuhause sitzen, Trübsal blasen, Eiscreme essen und sich Liebesschnulzen ansehen. Oder erotische Romane lesen, in denen die romantische Heldin von einem verwegenen Piraten entführt wurde, ihn zuerst hasste, sich am Ende aber natürlich doch in ihn verliebte. Keine gesunde Beschäftigung für eine siebenundzwanzigjährige, unglücklich verliebte Singlefrau.

So traf sie sich ein- bis zweimal in der Woche mit ihren Freundinnen, sang in einem Chor und ging einmal wöchentlich zum Square Dance. Am Wochenende besuchte sie oft Fortbildungen oder Seminare, um sich weiterzubilden – und sich abzulenken.

„Hat er gesagt, worum es geht?“, fragte Miranda ihre Kollegin, die immer noch vor ihrer Trennwand stand. Es war ungewöhnlich, dass Jonathan eine Mitarbeiterin in sein Büro bat.

Doch Samantha zuckte die Schultern. „Nein, keine Ahnung?“

„Na, dann gehe ich mal besser zu ihm“, sagte Miranda bemüht neutral und strich sich eine einzelne Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, aus dem Gesicht. Während der Arbeit trug sie ihre fast hüftlangen roten Locken meistens in einer Hochsteckfrisur oder einem Zopf. In der Schule war sie wegen ihrer Haarfarbe gnadenlos gehänselt, als Hexe oder hässliches rotes Entlein betitelt worden. Einige Zeit lang hatte sie ihre Haare deswegen schwarz gefärbt, was zu ihrer hellen Haut und den weiterhin rötlichen Augenbrauen so gar nicht gepasst hatte. Danach hatte sie es mit Blondieren versucht, bis ihre Haare so kaputt waren, dass sie sie hatte kurz schneiden müssen. Seitdem hatte sie die Finger von Farbexperimenten gelassen, versteckte ihre auffällige Mähne aber in klassisch-strengen Frisuren.

Als sie das Großraumbüro durchquerte, hatte Miranda das Gefühl, ihr Herz schlüge vor Aufregung doppelt so schnell wie sonst.

Ihre Kollegen sahen noch nicht einmal auf. Jeder hier war mit seiner Arbeit beschäftigt. Nur gut, dass Miranda ihre inzwischen mehr oder minder im Schlaf beherrschte. So fiel gar nicht auf, wenn ihre Gedanken wieder einmal abdrifteten.

Sie klopfte zaghaft an die Glastür. Jonathan sah auf und winkte sie hinein.

Miranda holte tief Luft, setzte ein Lächeln auf und nahm auf dem Besucherstuhl Platz, den Rücken zur Tür.

„Ah, Miranda. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen.“

Mirandas Herz schlug ihr jetzt bis zum Hals. Sie wischte ihre vor Aufregung schweißfeuchten Hände an ihrem dunkelgrauen Rock ab. „Ja, Jonathan?“

„Es ist noch nicht offiziell, aber ich möchte, dass Sie es als Erste erfahren.“

Das klang, als wolle er sie in ein Geheimnis einweihen. Erwartungsvoll beugte sie sich vor, bemüht, in ihrer weißen Bluse ja nicht zu viel Dekolleté zu zeigen. Das war eher Samanthas Stil, nicht ihrer.

„Ich habe schon mit den Direktoren und der Personalabteilung gesprochen.“

Miranda runzelte die Stirn. Ob Jonathan ihr sagen wollte, dass er befördert worden war? Das würde bedeuten, dass sie einen anderen Vorgesetzten bekäme und ihn nicht mehr jeden Tag sehen würde. Miranda schluckte, wagte jedoch nicht, ihn zu unterbrechen. Oder hatte er vielleicht vor, sie zu befördern? Sie hatte immer gute Leistungen abgeliefert. Bei jedem Beurteilungsgespräch hatte er betont, dass er mit ihrer Arbeit sehr zufrieden sei. Verdient hätte sie eine Beförderung oder zumindest eine Gehaltserhöhung oder einen Bonus.

„Sie haben ja schon von unserem Kostensenkungsprogramm gehört.“

Miranda nickte. Das Programm war vom Vorstand vorgegeben worden und sah vor, dass jede Abteilung innerhalb von zwei Jahren zwanzig Prozent Kosten einsparen musste. Auch bei ihnen gab es seit einiger Zeit keine Neueinstellungen mehr, und viele Annehmlichkeiten, die sie als selbstverständlich betrachtet hatten, waren gestrichen worden.

„Tja, so wie es aussieht, werden die bisherigen Maßnahmen leider nicht ausreichen. Wir werden daher fünfzehn Prozent der Stellen abbauen müssen. Sie finden mit Ihrem Talent bestimmt schnell etwas Neues.“

Miranda brauchte einige Sekunden, bis ihr der Sinn von Jonathans Worten bewusst wurde. „Feuern Sie mich etwa?“

„Tut mir leid.“ Er sah ihr dabei nicht in die Augen. „Sie sind eine fähige Mitarbeiterin, aber die Umstände lassen mir leider keine andere Wahl.“

Wieso nicht, wenn ich doch so fähig bin? dachte Miranda bitter.

„Aber ich brauche meinen Job“, versuchte sie zu argumentieren. „Ich muss meine Hypothek zurückzahlen.“

„Ja, deswegen können Sie auch noch bis zum Monatsende hierbleiben. Normalerweise hätten Sie direkt gehen müssen.“

Heute war der fünfte. Miranda spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Verzweifelt versuchte sie, sie wegzublinzeln. Vor Jonathan wollte sie sich keine Blöße geben.

„Aber was soll ich denn jetzt machen?“

„Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken, Miranda“, wich Jonathan ihr aus.

Als sie auf dem Flur stand, fielen ihr natürlich prompt jede Menge clevere Erwiderungen ein.

Jetzt, wo es zu spät war!

War Jonathan schon immer so gewesen, so – unverbindlich? Hatte sie in ihrer Verliebtheit etwa mehr in sein freundliches Lächeln hineininterpretiert?

Mit gesenktem Kopf ging sie an ihren Platz zurück. Stärken? Sie hatte keine Stärken, vielleicht einmal abgesehen von eiserner Selbstdisziplin, wenn es darum ging, nach außen keine Gefühle zu zeigen. Dies kam ihr jetzt zugute, denn sie konnte Samanthas Frage, was denn gewesen sei, mit einigen nichtssagenden Floskeln abtun.

Wie in Trance kam sie durch den Rest des Tages. Erst zuhause, nachdem sie die Tür ihres Appartements hinter sich geschlossen hatte, erlaubte sie ihren Tränen freien Lauf.

Sie war eine Versagerin. Nicht nur, dass sie ihren Job verlor, nein, sie hatte heute auch das letzte Fünkchen Hoffnung, dass Jonathan sie genauso sehr liebte wie sie ihn, verloren.

Alleine der Gedanke, Jonathan nicht mehr täglich sehen zu können, tat körperlich weh.

Was sollte sie nur machen?

San Francisco war teuer. Seit es hip war, im Silicon Valley zu arbeiten, aber in San Francisco zu leben, waren die Preise in exorbitante Höhen gestiegen. Dies galt nicht nur für Wohnraum, sondern auch für alle anderen Lebenshaltungskosten. Mit ihrem Vollzeitjob im Back Office einer Bank konnte sie es sich nur leisten, noch hier zu leben, weil sie ihre Wohnung während der Finanzkrise gekauft hatte, als die Preise deutlich niedriger waren.

Wie es weitergehen sollte, wenn sie keinen neuen, gut bezahlten Job fand, das wagte sie sich gar nicht auszumalen.

Da gab sie sich doch lieber romantischen Träumereien von einem netten, gutaussehenden Millionär hin, der alle ihre Probleme wie durch Zauberhand lösen würde.

Natürlich war das nicht die Realität. Das wusste sie selber.

Aber wenn sie noch nicht einmal mehr ihre Träume hatte, wäre ihr Leben wirklich armselig.

„Das ist doch nicht das Ende der Welt, sondern die Chance für einen Neuanfang“, versuchte Kristen sie zu trösten, als die drei Freundinnen sich am nächsten Tag nach der Arbeit in einer Bar trafen.

Doch Miranda war nicht überzeugt. „Ich habe echt Angst, wie es weitergehen soll.“

„Das ist doch ganz natürlich“, sagte Abigail verständnisvoll. „Wie lange hattest du deinen Job, sechs Jahre? Dann ist er ein Teil deines Lebens, und es ist erst einmal ein Schock, wenn er plötzlich nicht mehr da ist. Andererseits, wenn du ehrlich bist, hat dir deine Arbeit dort nie besonderen Spaß gemacht. Du fandst sie eintönig und unterfordernd. Jetzt hast du die Chance, dich auf deine Stärken zu besinnen und zu überlegen, welchen Job du schon immer machen wolltest, bevor du in der Bank hängen geblieben bist.“

Obwohl sie ähnliche Worte benutzte wie Jonathan, wirkten sie bei Abigail ganz anders. Abigail war emphatisch und lösungsorientiert. Jonathan war … tja, was war er? Sie hatte immer gedacht, dass er sie mochte, vor ihren Kollegen aber nicht bevorzugen wollte, um das Betriebsklima nicht zu gefährden. Inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher, ob ihre Interpretation richtig war.

„Sei doch froh, endlich bist du deinen langweiligen Job und deinen langweiligen Boss los und kannst machen, was du willst“, stimmte Kristen wenig feinfühlig zu.

Das ist typisch Kristen, dachte Miranda. Ehrlich bis zur Schmerzgrenze – und gelegentlich darüber hinaus.

„Du hast ihn nie kennengelernt.“

„Nein, aber ich höre mir seit gefühlt hundert Jahren dein Gejammer wegen ihm an.“

Hatte sie ihren Freundinnen wirklich so oft etwas vorgejammert? „Ich bin doch oft auf Dates mit anderen Männern gegangen.“

„Alle paar Monate mal und immer nur halbherzig“, widersprach Abigail.

„Aber diesen Freddy habe ich damals sogar mehrmals gedatet.“

„Er hieß doch Frankie, nicht Freddy. Muss ja einen wahnsinnigen Eindruck auf dich gemacht haben. War er denn wenigstens gut im Bett?“

Miranda biss sich auf die Lippen. Ihre Freundinnen hatten recht, ihr Liebesleben hatte in den letzten Jahren überwiegend in ihrer Fantasie existiert. Aber anders als Kristen, die von einem sexuellen Abenteuer ins nächste flatterte, oder Abigail, die seit Kurzem mit Cameron Sinclair zusammen war, war das für sie bisher genug gewesen. „Ich stehe einfach nicht auf Sex mit Männern, die ich noch nicht so gut kenne.“

Abigail machte große Augen. „Sag bloß, du hast seit sechs Jahren …?“

„Lasst uns mal woanders hingehen, hier ist ja nichts los!“, sagte Miranda schnell und sprang auf.

Kristen kippte den Rest ihres Drinks in einem Zug hinunter. „Gute Idee. Woran hast du gedacht?“

Ehrlich gesagt hatte Miranda an gar nichts gedacht. Sie hatte nur das Thema wechseln wollen. „Mir ist einfach mal nach was anderem. Vielleicht was mit Musik.“ Möglichst laute Musik, wo man sich nicht unterhalten musste!

„Die Straße hoch gibt’s diverse Bars“, meinte Kristen und zeigte nach draußen.

„Seid mir nicht böse, aber ich komme nicht mit. Ich möchte heute noch zu Cam und muss morgen früh raus“, entschuldigte sich Abigail. „Wir telefonieren, ja?“

Seit sie mit dem Internet-Unternehmer zusammen war, übernachtete sie häufig bei ihm im Silicon Valley. Miranda gönnte ihrer Freundin ihr Glück, aber der Gedanke, ausgerechnet heute mit der flippigen Kristen alleine loszuziehen, schreckte sie ab. „Schon gut. Ich fahre auch nach Hause. Dann sehen wir uns nächste Woche?“

Ihre Freundinnen nickten. „Alles okay bei dir?“, fragte Abigail dennoch.

Jetzt tat Miranda ihr überstürzter Aufbruch leid. „Klar, alles in Ordnung“, antwortete sie mit falschem Lächeln.

Kristen konnte sie damit vielleicht etwas vormachen. Abigail jedoch sah besorgt aus. „Hör mal, wenn du nicht alleine sein willst …“

„Doch. Schon gut. Alles in Ordnung. Das bin ich ja sonst auch“, plapperte Miranda.

„Sicher?“

„Ja, ganz sicher.“

Vor der Tür verabschiedeten sie sich. Abigail musste zur Bahnstation, Kristen wollte sich ein Taxi schnappen, und Mirandas Bushaltestelle lag in der Nähe.

Der Weg dorthin führte durch die Straße mit den diversen Bars, die Kristen erwähnt hatte. Aus den meisten erklang gedämpfte Loungemusik. Pärchen steckten die Köpfe zusammen und warfen sich verliebte Blicke zu. Gestylte schöne junge Menschen schienen sich prächtig zu unterhalten.

Schnell ging Miranda weiter. Die schnelllebige Partyszene San Franciscos war nie ihr Ding gewesen. Aber an Abenden wie diesem wünschte sie sich einen Partner, mit dem sie gemütlich zuhause oder auch in einer netten Bar sitzen konnte. Jemanden, mit dem sie reden oder auch schweigen konnte. Der sie als Mensch wahrnahm, nicht nur als Mitarbeiterin.

Eigentlich hatte sie gedacht, dass Jonathan dieser Mann sei. Aber es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihn um ein Date zu bitten. Wenn er abgelehnt hätte, wäre sie ihres Lebens nicht mehr froh gewesen, und wenn er angenommen hätte … Sie hatte es nie darauf anlegen wollen, womöglich eine Ehe zu zerstören.

Oder war das nur eine Ausrede gewesen, damit alles so bleiben konnte wie bisher? Lieber ihren Boss von Weitem anhimmeln als eine Entscheidung treffen und mit den Konsequenzen leben müssen?

Mit gesenktem Kopf hastete Miranda weiter, beunruhigt von ihren Gedanken.

Plötzlich hörte sie laute Musik. Kein Loungegedudel, sondern schräge Fideltöne, etwas, das wie Gitarre klang, und rhythmisches Klatschen und Stampfen, in das sich Gesang mischte. Es klang anders als das, was in den üblichen Bars gespielt wurde – lauter, improvisierter und rauer.

Miranda sah auf. Nur wenige Meter vor ihr kamen zwei Frauen aus einem Irish Pub.

„Willst du rein?“ Einladend hielten sie Miranda die Tür auf, hinter der die Musik erklang.

Obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie erwartete, nickte sie.

Drinnen war es voll, heiß und laut. Die Menschen standen dicht gedrängt. Es dauerte eine Weile, bis Miranda sah, dass mehrere Musiker live spielten. Nicht etwa auf einer Bühne, wie sie es gewohnt war, sondern mitten im Publikum, umringt von Menschen, die mitsangen, mitklatschten und tanzten. Die Musiker waren alle schon etwas älter, wahrscheinlich jenseits der fünfzig, spielten aber virtuos. Einer von ihnen hatte eine Gitarre, ein zweiter eine Violine, ein weiterer etwas, das wie eine Harmonika aussah.

„Magst du ein Bier?“, schrie sie ein ihr unbekannter älterer Mann über den Lärm der Musik hinweg an und hielt ihr ein Glas mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit hin.

Miranda zögerte. Nicht nur wegen der Farbe, sondern auch, weil sie selten Drinks von fremden Männern annahm.

„Trink! Ist Guinness!“

Da fast alle anderen in der Kneipe das Gleiche zu trinken schienen, nahm Miranda das Glas schließlich doch an. Oben drauf war eine karamellfarbene Schaumkrone. Sie nippte vorsichtig. Das Bier schmeckte bitter und hatte einen Nachgeschmack, den sie nicht zuordnen konnte.

„Dein erstes Guinness?“ Vor ihr tauchte ein junger Mann mit zerzausten rötlichen Locken und einem ebenfalls rötlichen Bart auf. Er trug Jeans und einen dunkelgrünen Hoodie. In die gestylten Szenelokale passte er mit so einem Look so wenig wie sie mit ihrem hübschen Top, der engen schwarzen Hose und den High Heels in diese Kneipe.

„Ja“, gab Miranda zu. „Merkt man das?“

Er lachte. „Das ist bestes irisches Starkbier mit Malzgeschmack. Wenn man damit aufwächst, kommt man gar nicht auf die Idee, dass andere Menschen es vielleicht etwas ungewohnt finden. Cheers!“

Damit nahm er einen großen Schluck aus seinem Glas und sah sie erwartungsvoll an.

Skeptisch schaute Miranda erst ihn, dann ihr Glas an. Zu ihm passte das Guinness. Sie jedoch trank lieber gespritzten Weißwein oder süße Cocktails.

„Dabei siehst du aus wie ’ne Irin!“

Ihm blieb wohl nichts verborgen, obwohl sie ihre roten Haare halb unter einem Beanie und ihre Sommersprossen unter Make-up versteckt hatte. „Ich bin Amerikanerin.“

„Aber du hast irische Vorfahren?“

Miranda funkelte ihn an. Ihre Familie war ein Thema, das andere nichts anging. Sie wollte sich noch nicht einmal selbst damit beschäftigen. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen, zumindest jene, die sie noch nicht geschafft hatte zu verdrängen.

„Keine Ahnung“, sagte sie mit Nachdruck.

Eigentlich hatte sie gedacht, das Thema damit zu beenden. Ein Amerikaner hätte den Wink verstanden und nicht weiter nachgefragt. Diese Art von Höflichkeit schien dem Typen vor ihr jedoch fremd.

„Wie meinst du das, du hast keine Ahnung?“

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, schoss Miranda zurück. Normalerweise war sie sehr beherrscht, aber er schaffte es, sie innerhalb von Sekunden zur Weißglut zu bringen. Sehr untypisch für sie. Vielleicht war doch etwas daran, dass Rothaarige temperamentvoll waren? Zusammen schienen sie sich jedenfalls zu ergänzen wie Öl und Feuer.

„Ich bin übrigens Patrick, aber du kannst Paddy sagen. Waschechter Ire und stolz darauf.“ Er streckte ihr seine Hand hin.

„Miranda“, sagte sie automatisch. Seine Finger waren überraschend gepflegt. Irgendwie hatte sie ihn als Arbeiter einsortiert.

„Tanzt du?“, fragte er, und bevor Miranda wusste, wie ihr geschah, wirbelte er sie bereits durch den Raum, soweit dies bei dem Gedränge überhaupt möglich war.

Miranda klammerte sich an seine Schultern, die angenehm breit waren. War der Kerl verrückt? Er konnte doch nicht einfach …

„Hey, lass mal locker! Du bist ja völlig verspannt.“

Kein Wunder, dachte Miranda. Doch obwohl sie keine Ahnung von irischem Tanz hatte, schienen die Schritte ähnlich denen beim Square Dance zu sein. Zumindest trat sie ihrem Tanzpartner nicht auf die Füße.

Nach einigen Minuten begann sie tatsächlich, sich zu entspannen. Die Musik war eingängig, der Rhythmus mitreißend, und das Guinness schmeckte zwar beim zweiten Glas nicht besser, lockerte aber ihre Füße und ein Stück weit ihre Zunge. Bevor sie sich’s versah, hatte sie Patrick erzählt, dass sie auf Jobsuche sei, am liebsten in San Francisco. Daraufhin hatte er in einer Pause zwischen zwei Musikstücken in den Raum gerufen, ob jemand einen Job für sie in der Nähe wüsste. Miranda war zuerst peinlich berührt gewesen – so etwas machte man in Amerika nicht! –, aber es hatten sich tatsächlich ein Mann und eine Frau gemeldet, die meinten, sie würden in ihrer Firma nachfragen.

Normalerweise gab sie ihre Telefonnummer nicht jedem Fremden, aber in dieser Situation hatte sie keine Wahl.

„Schade, im Silicon Valley habe ich Connections, aber hier in San Francisco leider nicht“, sagte Patrick bedauernd. „Gibst du mir deine Telefonnummer trotzdem? Vielleicht höre ich ja was.“

Unter den grinsenden Blicken der Umstehenden hatte sie auch ihm ihre Nummer gegeben.

War das etwa nur eine billige Anmache gewesen?

Dabei hatte sie sich in seiner Gesellschaft – der Gesellschaft eines fremden Mannes – überraschend wohlgefühlt. Er hatte ihr auch einige der Umstehenden vorgestellt, überwiegend Iren, die es aus beruflichen oder privaten Gründen in die USA verschlagen hatte. Sie kamen regelmäßig hierher, um sich für eine Weile wieder wie zu Hause zu fühlen.

Miranda war irritiert. War nicht jeder stolz darauf, in den USA leben zu dürfen? Selbst wenn es schwierig war, wirkliche, echte Freunde zu finden? So wie Abigail oder Kristen. Selbst wenn Abigail inzwischen immer mehr Zeit mit Cam verbrachte und Kristens vorlautes Mundwerk Miranda manchmal gehörig auf die Nerven ging.

Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hier im Pub inmitten lauter Fremden verwirrte sie.

Und der Typ, der nicht von ihrer Seite wich, verwirrte sie noch mehr.

Temperament hat diese Miranda wie eine Irin, selbst wenn sie versucht, beherrscht und kühl rüberzukommen, befand Patrick. Was auch immer sie behauptete, er war sich ziemlich sicher, dass sie irische Vorfahren hatte. Die roten Haare, die Stupsnase, die Sommersprossen auf ihren Armen, die Brüste, die sich eben, als er sie wie zufällig berührt hatte, weich und natürlich angefühlt hatten, keinesfalls wie Silikon – unter der Fassade der kühlen Kalifornierin steckte eine irische Rose. Er musste sie nur noch zum Erblühen bringen.

„Ich muss langsam mal nach Hause“, sagte sie in seine Überlegungen hinein.

Ihre Tonlage widersprach ihren Worten. Wieso gestand sie sich nicht ein, was sie wollte? Er zum Beispiel hatte keine Probleme, sich einzugestehen, dass er von ihr fasziniert war und sie nicht gehen lassen wollte. Sie kannten sich gerade mal eine halbe Stunde, aber im Geiste sah er sie schon als Mutter seiner Kinder. Sie würde sich gut machen mit einem kleinen rothaarigen Mädchen im Arm.

Als Ire trug Patrick sein Herz normalerweise auf der Zunge, aber in diesem Fall schien es ihm klüger, ihr nicht sofort zu sagen, dass er sie heiraten wollte.

„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er stattdessen. So würde er ihre Adresse erfahren.

„Ich nehme den Bus“, wies Miranda ihn spröde ab.

„Um diese Uhrzeit?“

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und biss sich auf die Lippen. „Dann nehme ich mir ein Taxi.“

„Wir können uns ja eins teilen.“ Bevor sie protestieren konnte, hatte er schon den Barkeeper gebeten, ein Taxi zu rufen.

„Vielleicht wohne ich in einer ganz anderen Richtung als du?“

„Egal. Ein Gentleman begleitet die Lady nach Hause“, entgegnete er.

„Du meinst also, du bist ein Gentleman?“

Patrick fühlte sich einen Moment lang tatsächlich beleidigt. Sah sie in ihm etwa einen typischen Aufreißer? „Natürlich! Irische Kinderstube. Ich weiß, was sich gehört, da hat meine Mutter bei unserer Erziehung drauf geachtet.“

„Okay. Aber ich bitte dich nicht auf einen Kaffee herauf.“

Patrick musste sich das Lachen verbeißen, wie ernsthaft sie plötzlich war. „Ich muss morgen sowieso früh arbeiten.“

Nicht, dass er kein Interesse gehabt hätte. An ihr, nicht an Kaffee. Der sorgte um diese Uhrzeit bei ihm eher für eine schlaflose Nacht. Dann doch lieber ein gutes Glas irischen Whiskey, langsam und mit Genuss vor dem Kamin zuhause getrunken, im Kreise seiner Familie.

Er vermisste Irland. Das Grün, den Whiskey, seine Freunde, seine Familie. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Nun ja, er verdiente hier prächtig, aber die Lebenshaltungskosten waren auch hoch, obwohl er nur ein WG-Zimmer hatte. So konnte er seiner Familie doch nicht so viel Geld überweisen wie ursprünglich geplant. Natürlich erwarteten sie nicht, dass er sie unterstützte, aber für ihn war es eine Selbstverständlichkeit. Seine Ma hatte jahrelang alles für ihn und seine drei Schwestern getan, jetzt konnte er sich endlich dafür erkenntlich zeigen.

Er hatte sich bewusst dafür entschieden, in San Francisco zu wohnen, weil ihm der Vibe hier besser gefiel als in den langgestreckten Siedlungen im Silicon Valley. Die Stadt war stark europäisch geprägt. Er brauchte noch nicht einmal ein Auto, denn seine Firma stellte jeden Morgen und Abend Busse zur Verfügung, die ihre Angestellten, die in der Stadt wohnten, zum Firmencampus und zurück fuhren. An Bord der Busse konnte man schon anfangen zu arbeiten. Perfekt für jemanden wie ihn.

Das Taxi fuhr vor. Patrick beeilte sich, Miranda die Tür aufzuhalten, ging dann um den Wagen herum und setzte sich neben sie.

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu, bevor sie dem Fahrer ihre Adresse gab.

Gar nicht so weit weg von meiner Wohnung, frohlockte Patrick stumm. Während der kurzen Fahrt genoss er es, neben ihr zu sitzen. Worte hätten die Stimmung zwischen ihnen nur zerstört.

Viel zu schnell hielt der Fahrer vor einem Appartementgebäude mit vielen Wohnungen.

Aber er hatte ja ihre Handynummer.

Patrick zweifelte keine Sekunde daran, dass sie sich wiedersehen würden. Diese Frau und er waren vom Schicksal füreinander bestimmt, er spürte es.

Anstatt „Gute Nacht“ zu sagen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: „Heirate mich.“

Was war das denn gerade gewesen?

Ein Heiratsantrag konnte es ja schlecht gewesen sein. Da war niemand auf die Knie gegangen, und es hatte auch niemand einen funkelnden Verlobungsring aus seiner Jacketttasche gezaubert.

Stattdessen hatte ein gutaussehender, aber schlecht angezogener Typ mit einem Kapuzenpullover, den Miranda weniger als eine Stunde kannte, sich einen schlechten Scherz mit ihr erlaubt!

Wütend knallte sie die Tür ihres Appartements hinter sich zu und ging in ihre Küche, um sich einen Kaffee zu machen und eine Packung Schokoladeneis aus dem Tiefkühlfach zu holen.

Doch als sie mit Kaffee und Eis auf der Couch saß, schmeckte es ihr plötzlich nicht mehr.

Was hatte dieser Patrick an sich, das sie so durcheinanderbrachte?

2. KAPITEL

Doch Patrick war nicht das Einzige, was sie durcheinanderbrachte. Am nächsten Tag war ein Brief ihres Arbeitgebers in der Hauspost.

Miranda hatte ihn wohlweislich nicht im Büro geöffnet, sondern mit nach Hause genommen. Das war auch besser so, dachte sie bitter, während sie den Inhalt überflog. Neben der Bestätigung ihrer Kündigung stellten sie nämlich auch die Hypothek ihrer Wohnung fällig.

Miranda schluckte gegen die Tränen an. Ihr Albtraum war immer gewesen, arbeits- und wohnungslos zu sein. So wie ihre Mutter, die die letzten Jahre ihres Lebens in einem Trailer Park verbracht hatte. Mehrfach hatte Miranda ihr angeboten, ihre Krankenversicherung und einen Teil ihrer Miete zu bezahlen, aber ihre Mutter hatte immer nur Bargeld gewollt.

Um es zu versaufen.

Vor drei Jahren war sie gestorben und hatte laut den Nachlassabwicklern nichts außer Schulden hinterlassen. Monate später hatte man Miranda einen Karton mit persönlichen Andenken zugeschickt, der immer noch ungeöffnet in ihrer Abstellkammer stand. Sie hatte es weder übers Herz gebracht, ihn wegzuwerfen, noch gewagt hineinzuschauen.

Ein bisschen wie ihre Beziehung zu Jonathan, erkannte sie: Bloß nicht am Status Quo rühren.

Aber ihre Taktik, unangenehme Dinge zu ignorieren, würde ihr in diesem Fall nicht weiterhelfen. Ihre Hypothek betrug noch etwas über achtundsechzigtausend Dollar, und wenn es ihr nicht gelang, diesen Betrag innerhalb von drei Wochen zusammenbekommen, würde die Bank ihre Wohnung beschlagnahmen.

„Du könntest eine zweite Hypothek aufnehmen, mit der Immobilie als Sicherheit, und die erste damit ablösen“, schlug Abigail, wie immer praktisch veranlagt, vor.

„Aber ich habe keinen Job und kann den Kredit deshalb nicht zurückzahlen. Früher oder später würde mein Appartement an die nächste Bank fallen.“

„Du könntest es verkaufen, bevor es dazu kommt“, meinte Kristen, die bei einem Architekturbüro arbeitete. „Soll ich mich mal umhören?“

„Danke, aber so schnell wird das nicht gehen, und überhaupt, wo soll ich dann wohnen?“

„Na, zum Beispiel in meinem Appartement“, bot Abigail sofort an. „Ich bin sowieso kaum noch dort, und Cam hat mich neulich erst gefragt, wann ich denn endlich ganz bei ihm einziehe.“

Abigail hat wirklich Glück mit einem Partner wie Cam, dachte Miranda ein wenig neidisch. Die beiden ergänzten sich perfekt. Trotzdem winkte sie ab. „Das kann ich mir ohne Job nicht leisten. Momentan bin ich einfach in einer schlechten Verhandlungsposition.“

Abigail schwieg einen Moment. „Ich kann mit Cam sprechen, ob er dir Geld leiht, zur Überbrückung, bis du weißt, wie es weitergeht“, bot sie an.

Doch Miranda schüttelte den Kopf. „Das ist lieb von dir, aber ich will nicht in Cams Schuld stehen.“

„Ich würde dir das Geld selber leihen, wenn ich es hätte.“ Abigail sah wirklich unglücklich aus. „Ich würde dir so gerne helfen, aber du musst dir schon helfen lassen, Miranda! Es wäre dumm, aus falschem Stolz einfach abzuwarten, bis die Bank deine Wohnung beschlagnahmt. Das Appartement ist definitiv mehr wert als achtundsechzigtausend Dollar. Ich weiß, dass du damals über das Doppelte bezahlt hast. Hast du schon so viel getilgt?“

Miranda nickte. „Ich hasse es, Schulden zu haben.“

„Da bist du in Amerika aber eine Ausnahme. Das sind eher europäische Tugenden.“

Hier hingegen musste man Schulden machen, um eine gute Kreditwürdigkeit vorweisen zu können. Eigentlich schwachsinnig, hatte Miranda oft gedacht. Aber auch ihre Bank hatte gut an diesem System verdient, und sie selbst war ebenfalls froh gewesen, es für ihre Hypothek in Anspruch nehmen zu können. „Ich wollte einen guten Kreditscore. Immerhin arbeite ich bei einer Bank, da muss man vertrauenswürdig sein.“

„Du, meine Liebe, bist die vertrauenswürdigste Person, die ich kenne“, antwortete Abigail zu Mirandas Verlegenheit. „Du würdest nie jemanden zu deinem Vorteil ausnutzen, und du warst immer eine gute Freundin. Selbst wenn du einen furchtbaren Geschmack hast, was Männer angeht. Es wird Zeit, dass auch du endlich dein Glück findest. Ich würde es dir so sehr gönnen.“

„Wann kommst du uns denn endlich mal wieder besuchen, Paddy? Wir vermissen dich.“

Die Stimme seiner Schwester Gracie klang glasklar, obwohl sie viele tausend Kilometer entfernt war.

Patrick seufzte. „Ich würde ja gerne, aber gerade ist es schwierig. Wir haben da dieses neue Projekt, das ziemlich arbeitsintensiv ist …“

„Das sagst du jetzt schon seit zwei Jahren. Ehrlich, Paddy, du bist nicht mehr der Bruder, den ich mal hatte. Amerika hat dich verändert, und zwar nicht zum Guten.“

Das war typisch Gracie, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ich vermisse meine kleine Schwester, gestand Patrick sich ein. Er vermisste sogar ihr loses Mundwerk. „Ich vermisse euch auch“, sagte er stattdessen.

„Dann beweg endlich deinen faulen Arsch über den Atlantik, anstatt nur zu reden!“

„Vielleicht gibt es ja einen Grund dafür, dass ich hier gerade nicht wegmöchte“, sagte er, um Zeit zu schinden.

Gracie stieß einen so lauten Freudenschrei aus, dass er den Hörer vom Ohr nehmen musste. „Ma, Paddy hat endlich eine Frau kennengelernt!“, hörte er dennoch und dann, wieder nah an seinem Ohr: „Kein Problem, bring sie einfach mit! Ma sagt, sie freut sich schon darauf, ihre zukünftige Schwiegertochter kennenzulernen.“

Mit gemischten Gefühlen klingelte Miranda an der beeindruckenden weißen Villa.

„Da bist du ja endlich!“, rief Abigail, die ihr die Tür öffnete. „Warum wolltest du denn bloß nicht, dass ich dich am Bahnhof abhole?“

„Ich wollte euch keine Umstände machen“, murmelte Miranda.

Außerdem hatte sie in der Nähe ein Bewerbungsgespräch gehabt und war sich nicht sicher gewesen, wie lange es dauern würde. In einem der großen, gesichtslosen Hotels, die angeblich eine Management Assistentin suchten. Mit ihr war eine chinesische Reisegruppe eingetroffen, und da es ihr nicht gleich gelungen war, sich bemerkbar zu machen, war sie einige Minuten zu spät beim Termin gewesen. Als sich dann auch noch herausstellte, dass man eigentlich nur eine Rezeptionistin suchte, hatte sie das Gespräch von sich aus abgebrochen. Sie mochte verzweifelt sein, aber so verzweifelt dann doch noch nicht!

„So etwas Bescheuertes! Es dauert keine fünf Minuten, zum Bahnhof zu fahren und dich abzuholen. Stattdessen wird hier das Essen kalt.“

„Tut mir leid.“

„Unsinn, ich hab doch nur Spaß gemacht.“ Abigail zog sie in eine Umarmung. „Kommst du kurz mit in die Küche? Ich liege in den letzten Vorbereitungen. Cam ist gerade unter der Dusche, er war noch schwimmen. Sobald ich das Essen im Ofen habe, zeige ich dir mal das Haus.“

Es war das erste Mal, dass Miranda Abigail in Cams Haus besuchte. In Cams und Abigails Haus, wie Cam, der kurz darauf ebenfalls in die Küche kam, betonte. Er jedenfalls ließ keinen Zweifel daran, dass Abigail die Frau seines Lebens war. Im Gegenzug ließ auch Abigail keinen Zweifel daran, dass Cam zu ihr gehörte – und sie zu ihm.

„Im Sommer wollen wir auf Verlobungsreise nach Europa“, verriet Abigail. „London, Paris, Rom – und dazwischen auf jeden Fall ein paar Tage irgendwo entspannen, wo es schön lauschig ist.“

Was für ein altmodisches Wort, dachte Miranda amüsiert. „Ganz einsam und gemütlich?“, hakte sie nach.

„Genau. Es wird eine Kombination aus Privat- und Geschäftsreise, da habe ich mir eine romantische Auszeit zwischendrin gewünscht. Vielleicht irgendwo in der Toskana. Wir sind uns aber noch nicht ganz sicher. Es gibt so viele schöne Ecken …“

Obwohl Miranda ihrer Freundin ihr Glück von Herzen gönnte, fühlte sie doch eine tiefe Traurigkeit, dass es in ihrem Leben derzeit nichts gab, auf das sie sich freuen konnte. Kein Job, kein Partner, kein Urlaub und wahrscheinlich bald noch nicht einmal ein Dach über dem Kopf.

„Abigail hat mir von deiner Situation erzählt“, unterbrach Cam just in diesem Moment ihre Gedanken.

Miranda warf Abigail einen gekränkten Blick zu, doch die ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Ich leihe dir das Geld für deine Hypothek“, sagte Cam ohne Umschweife. „Unbefristet und zinslos.“

„Das kann ich wirklich nicht annehmen!“, protestierte Miranda zutiefst schockiert.

„Natürlich kannst du das“, mischte Abigail sich ein.

Miranda funkelte ihre Freundin wütend an. „Bitte, Abigail, ich kann das nicht annehmen. Versteh das doch.“

„Das ist kein Almosen, Miranda“, sagte Cam. „Das ist ein Business Investment. Und glaube mir, ich erkenne ein gutes Investment, wenn ich eins sehe.“

Cam war ein Selfmade-Millionär und trat zuweilen selbst als Investor auf, wie Miranda wusste. Anscheinend war ihre Wohnung doch etwas wert. „Wenn ich dir das Geld nicht zurückzahlen kann, hast du immerhin meine Wohnung.“

Cam warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. „Ich meinte mit dem guten Investment nicht deine Wohnung, Miranda. Ich meinte dich.“

Als sie wieder zuhause war, überlegte Miranda, warum Cams Angebot ihr die Tränen in die Augen getrieben hatte. Hoffentlich hatten Abigail und Cam gedacht, es wären Freudentränen gewesen, weil ihre monetären Probleme vorerst gelöst waren.

Ein Stück weit stimmte das. Aber da war noch mehr. Miranda hatte einfach nicht glauben können, dass Cam es erst meinte.

Sie sei nichts wert und verdiene es nicht, glücklich zu sein, hatte ihre Mutter ihr immer wieder an den Kopf geworfen. Sie sei schuld, dass ihr Vater sie verlassen habe. Sie sei schuld, dass ihre Mutter hatte arbeiten gehen müssen. Sie sei schuld, dass sie in einer winzigen, dreckigen Wohnung hausen mussten. Sie sei schuld, dass ihre Mutter keinen neuen Mann finde. Sie sei schuld, dass ihre Mutter schon wieder einen Job verloren habe. Sie sei schuld, dass sie zur Flasche greife.

Nach jahrzehntelangen Vorwürfen hatte Miranda diese Litanei verinnerlicht und daran geglaubt.

Natürlich hatte sie versucht auszubrechen. Sobald sie alt genug war, zu arbeiten, hatte sie neben der Schule diverse Jobs angenommen: Tellerwäscherin, Servierkraft, Verkäuferin, Regaleinräumerin – alles, was Geld brachte. Am Tag nach ihrem Highschoolabschluss war sie ausgezogen, zuerst in ein winziges Zimmer über einem Fast Food Diner, in dem es permanent nach Essen roch, und später, als sie aufs College ging, in ein Zimmer im Studentenwohnheim, das sie sich mit einer Mitstudentin teilte.

Kaum hatte sie ihren Abschluss im Bereich Tourismusmanagement, gab sie ihre diversen Teilzeitjobs zugunsten eines Vollzeitjobs auf. Ihr Wunsch war es immer gewesen, überall auf der Welt arbeiten zu können. Doch anstatt reisen zu können, wie man ihr anfangs versprochen hatte, hing sie als schlecht bezahltes Mädchen für alles in einem Motel in einem heruntergekommenen Vorort von San Francisco fest.

Deshalb hatte sie nicht lange nachgedacht, als vor sechs Jahren das Angebot der Bank kam. Plötzlich hatte sie geregelte Arbeitszeiten, ein höheres Einkommen und die Möglichkeit, über ihren Arbeitgeber günstig an Kredite zu kommen.

Also hatte sie sich nach einem Appartement umgeschaut und war in einem der Hochhäuser in der Nähe des Financial Districts fündig geworden. Das Haus lag günstig, wenn es auch etwas heruntergekommen war. Wenn Miranda wollte, konnte sie von dort aus zu Fuß zur Arbeit laufen. So sparte sie sich sogar die Kosten für ein Auto oder den Bus.

Die Wohnung war ein dunkles Loch gewesen, aber mit Hilfe von heller Farbe, Möbeln vom Sperrmüll, die sie liebevoll aufbereitete, und ein paar Dekoartikeln hatte Miranda das Beste daraus gemacht. Zwischenzeitlich war das Haus saniert worden, aber wirklich wohl hatte sie sich dort trotzdem nie gefühlt.

„Ich hätte dich eher in einem Altbau gesehen, irgendein Haus mit Erkern und Charakter“, hatte Abigail kommentiert, als sie das erste – und beinahe einzige – Mal bei ihr gewesen war.

Das war tief in ihr auch Mirandas Wunsch. Ein liebevoller Mann, zwei bis drei Kinder, ein schönes Zuhause, in das man gerne Freunde einlud.

Doch anstatt dem näher zu kommen, schien ihr Traum in immer weitere Ferne zu rücken.

Ihre Tage mit Jonathan waren gezählt. Sollte sie tatsächlich alles auf eine Karte setzen und mit ihm sprechen – ihn vielleicht sogar verführen?

Aber wollte sie das wirklich? Über diese Frage grübelte Miranda zu ihrem eigenen Erstaunen länger nach. Irgendwie hatten ihre Fantasien immer aufgehört, bevor es zur sexuellen Vereinigung gekommen war.

Jetzt war sie verunsichert. Für ihre Freundinnen gehörte Sex zu einer Beziehung dazu, für Kristen auch ohne Beziehung. Aber wie würde ihre eigene Fantasie der Realität standhalten?

Sie stellte sich vor, wie Jonathan sie küssen würde. Er würde ihre Bluse – oder sollte sie etwas anderes tragen? – aufknöpfen und ihr sagen, wie wunderschön sie sei, bevor er langsam den Kopf neigen würde, um mit der Zunge ihre Nippel zu umspielen.

Miranda schloss die Augen, um sich ganz auf das Gefühl zu konzentrieren, das Jonathans Berührungen in ihr auslösten. Doch es war Patricks Gesicht, das sie in ihrem Tagtraum sah.

Verwirrt öffnete sie die Augen wieder. Wieso verdrängte Patrick Jonathan aus ihrer Fantasie?

So wie er sich in ihr Leben gedrängt hatte?

Begonnen hatte es mit einer kleinen Nachricht am Morgen nach ihrem ersten Treffen: „Guten Morgen, Prinzessin! Hoffe, du hast gut geschlafen.“

Miranda hatte nicht gewusst, was sie zurückschreiben sollte, und es daher gelassen. Doch das hatte ihn nicht davon abgehalten, ihr weiterhin zu schreiben. So wie heute Abend: „Hast du Lust auf das beste Sandwich in San Francisco?“

Kristen hätte so eine Nachricht wahrscheinlich als Einladung zu einem Dreier aufgefasst, dachte Miranda belustigt. Damit sie gar nicht erst auf so eine Idee kommen konnte, hatte Patrick ein Foto mitgeschickt: zwei dunkle, knackige Brotscheiben, zwischen denen Pastrami, Tomatenscheiben, Salatblätter, Käse und eine dunkelgrüne Sauce hervorquollen. Es sah ganz anders aus als die labberigen Weißbrote mit oft undefinierbaren Belägen, die sie so oft in der Mittagspause aß.

„OK“, tippte sie spontan zurück, was sonst gar nicht ihre Art war. Aber sie hatte tatsächlich Hunger.

Woraufhin er zurückgeschrieben hatte: „Bei mir?“ und gleich seine Adresse hinzugefügt hatte.

Ganz untypisch nahm sie nicht den Bus, sondern ein Taxi, das sie zu einem älteren, holzvertäfelten Haus brachte, das in mehrere einzelne Wohnungen unterteilt worden war. Trotzdem teilte Patrick seine Wohnung noch mit einem Südafrikaner, einem Kanadier und einem Argentinier, die alle in der gleichen Firma arbeiteten, wie er erzählte.

„Aber in der Küche bin ich der Chef“, grinste er und suchte die Sandwichzutaten zusammen. „Brot aus einer deutschen Bäckerei, Pastrami vom italienischen Delikatessenladen, französischer Käse, selbstgemachte Sauce, und das Gemüse ist aus dem Biomarkt.“

„Und was daran ist jetzt irisch?“, fragte Miranda.

„Na, der Koch! Außerdem steckt in der Zubereitung ganz viel irisches Gefühl drin.“

Letzteres bildete Miranda sich ein sogar schmecken zu können. Was Patrick da mit Pesto, eingelegtem Gemüse, Salat, Schinken und Käse zauberte, ging weit über das hinaus, was es hier in den Delikatessenläden gab.

„Das schmeckt genial!“

„Freut mich.“ Er klang plötzlich einsilbig.

„Ist irgendwas?“, fragte Miranda.

„Ach, nur … das eingelegte Gemüse ist ein Rezept meiner Großmutter. Sie hätte heute Geburtstag gehabt, ist aber vor ein paar Monaten gestorben. Ich konnte nicht zu ihrer Beerdigung gehen, weil ich keinen Urlaub bekommen habe.“

„Das tut mir leid“, sagte Miranda. „Wo lebt deine Familie denn?“

„Südlich von Dublin, in einem kleinen Ort nahe am Meer.“

„In Irland?“, fragte Miranda erstaunt.

„Ja, klar, was hast du denn gedacht? Die gehen da nicht weg.“

„Aber du bist weggegangen“, stellte Miranda fest. „Was machst du denn jetzt beruflich?“

„Momentan arbeite ich im Silicon Valley. Ich habe schon in Irland für einen der amerikanischen Internetriesen gearbeitet. Sie haben mich vor zwei Jahren nach Kalifornien geholt.“

Dass sie ihn nur deshalb geholt hatten, weil er verdammt gut in seinem Job war, verschwieg er. Als Mitglied des Think Tanks hatte er viel Narrenfreiheit, neue, IT-basierte Lösungen und Produkte für gesellschaftliche Probleme zu finden. Nicht umsonst hatten sie ihm auf der Arbeit den Spitznamen „Mister Troubleshooter“ gegeben. Für Patrick gab es keine Probleme, sondern nur Lösungen.

Anfangs hatte ihm der Job auch viel Spaß gemacht. Erst in letzter Zeit hatte er das Gefühl, dass er wegen der Arbeit vieles Wichtigere vernachlässigte: seine Familie, seine Freunde und nicht zuletzt sich selbst. Mit dreißig hatte er sein eigener Chef sein wollen. Das wäre in wenigen Monaten. Und wo war er? So weit entfernt von seinem Traum wie vor zwei Jahren, als er in die USA gegangen war.

Das Einzige, was ihn hier noch hielt, war die Frau vor ihm. An dem Abend, an dem er sie kennengelernt hatte, hatte er eigentlich den Entschluss gefasst, wieder nach Irland zurückzugehen.

Nun war er sich plötzlich nicht mehr sicher.

„Würdest du mich küssen?“, fragte sie ihn völlig unvermittelt.

Patrick konnte sein Glück kaum fassen. Doch so, wie sie es sagte, schien sie irgendeinen Hintergedanken zu haben. „Warum?“, fragte er deshalb.

„Ähm …“

Mehr bekam er aus ihr nicht raus.

„Also schön.“ Er würde ihr schon zeigen, wie ein Ire küssen konnte. Nämlich so, dass sie nie wieder einen anderen Mann haben wollte als ihn!

Eigentlich hatte sie Patrick nur gefragt, ob er sie küssen würde, weil sie etwas aus der Übung war und nicht wollte, dass Jonathan es merkte. Das ist der einzige Grund, redete Miranda sich selber ein, während er näher kam und die Arme um sie legte.

Doch anstatt sie zu küssen, legte er ihr einen Finger unters Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Präg dir diesen Moment gut ein“, raunte er.

Dann näherten sich seine Lippen ihren.

Miranda schloss die Augen und stellte sich vor, es wäre Jonathan, der jetzt vor ihr stünde.

Doch es funktionierte nicht. Patrick war ein Stückchen kleiner als Jonathan, ein bisschen kräftiger, und er roch auch ganz anders. Seine Locken kitzelten sie im Gesicht, und seine Bartstoppeln kratzten über ihre Wange.

Instinktiv trat Miranda einen Schritt zurück, aber da legte Patrick bereits die Arme um sie und zog sie näher. Sie spürte seinen warmen Männerkörper von den Haarspitzen bis zu den Zehenspitzen. Ein kribbeliges Gefühl breitete sich in ihr aus.

Dann fühlte sie seine Lippen auf ihren. Er hauchte ein paar federleichte Küsse auf ihre Mundwinkel. Das ist angenehm, dachte Miranda beinahe verwundert und entspannte sich in seinen Armen.

Patrick schien nur auf ein solches Signal gewartet zu haben. Seine Zungenspitze zeichnete den Schwung ihrer Lippen nach, bis Miranda den Mund öffnete und ihr Einlass gewährte.

So wie von Patrick war sie noch nie geküsst worden. Er führte, ohne ihr das Gefühl zu geben, sie zu dominieren. Miranda ließ sich in den Kuss fallen und genoss es, gleichzeitig beschützt und begehrt zu werden. Selbstvergessen drehte sie eine seiner Locken um ihren Finger, schob ihre Hände unter seinen Pullover und spürte seine sich kräuselnden Brusthaare unter ihren Fingern. Er hatte sich anscheinend nicht die Brust rasiert, wie es so viele Amerikaner taten. Patrick fühlte sich einfach gut an, vertraut und trotzdem aufregend.

Sie konnte nicht sagen, wie lange der Kuss gedauert hatte, aber als sie aufsah, war es draußen bereits dunkel, obwohl sie lange vor Einbruch der Dämmerung angekommen war. Sie standen auch nicht mehr in der Küche, sondern lagen auf der Couch im Wohnbereich, obwohl sie sich nicht erinnern konnte, wie sie dorthin gekommen war.

„Ich gehe wohl mal besser“, murmelte sie leicht desorientiert, während sie sich aufrichtete und sich die langen Haare aus dem Gesicht strich. Ihre Frisur hatte sich komplett aufgelöst. Wahrscheinlich sah sie völlig verstrubbelt aus.

„Du kannst bei mir schlafen“, bot Patrick an.

Aber so gut das Intermezzo auch gewesen war, Miranda schaffte es nicht, über ihren Schatten zu springen. Egal, welche Hintergedanken Patrick bei diesem Angebot hatte oder nicht hatte – sie schlief nicht bei fremden Männern.

„Ich möchte lieber in meinem eigenen Bett schlafen.“

„Dann begleite ich dich nach Hause.“

„Das ist nicht nö…“, begann Miranda, aber Patrick fiel ihr ins Wort: „Ein Gentleman begleitet die Lady nach Hause.“

Bevor sie weiter protestieren konnte, war er bereits aufgestanden und hatte nach Jacke und Schlüsselbund gegriffen.

Kein Mann vieler Worte und trotzdem effizient. Da würde sie nicht widersprechen.

Vor allem nicht, da sie sich insgeheim darüber freute, dass er sie begleitete.

„Hast du denn inzwischen schon einen neuen Job gefunden?“, fragte er, während sie die Straße entlanggingen.

Da sie noch gar nicht richtig angefangen hatte zu suchen, hatte sie noch gar keine Chance gehabt, etwas zu finden. Jobs wurden heutzutage leider nicht auf dem Silbertablett serviert, von schlecht bezahlten Aushilfsjobs einmal abgesehen. „Ich bin sicher, dass ich bald etwas finden werde“, sagte sie mit mehr Zuversicht, als sie fühlte.

Anscheinend hatte Patrick den amerikanisch gefärbten Unterton mitbekommen. „Es ist keine Schande, auch mal eine Weile nichts zu machen. Nimm dir Zeit, um dich neu zu orientieren.“

„Würde ich ja gerne, aber das ist auch ein finanzielles Problem.“

„Brauchst du Geld? Ich kann dir was leihen“, bot er sofort an.

Miranda stolperte beinahe über ihre eigenen Füße. „Du kennst mich doch gar nicht!“ Wie konnte ein wildfremder Mann ihr einfach Geld anbieten – es sei denn, er hatte dabei irgendwelche Hintergedanken?

„Natürlich kenne ich dich. Du bist die Frau, die ich heiraten werde. Die, die mich eben stundenlang geküsst hat.“

Daraufhin sagte Miranda erst einmal gar nichts. War das wirklich stundenlang gewesen? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren.

Plötzlich standen sie vor ihrer Haustür, obwohl es Miranda so vorkam, als seien sie gerade erst losgegangen.

„Tja … Danke fürs Begleiten“, brachte sie heraus.

„Du könntest mich auch hereinbitten. Ich habe keine Probleme damit, in fremden Betten zu schlafen.“

„Gute Nacht“, antwortete Miranda schnell, bevor sie es sich anders überlegen konnte, und schlug ihm die Haustür vor der Nase zu.

Keine Sekunde später bereute sie, was sie getan hatte.

Doch als sie kurz darauf die Tür wieder öffnete, um Patrick hereinzubitten, war er nicht mehr da.

Enttäuscht fuhr sie zu ihrer Wohnung hinauf und blieb erst einmal eine Weile im Dunkeln sitzen. Als sie endlich ins Bad ging, um sich bettfertig zu machen, fiel ihr Blick auf ihr Spiegelbild: Ihre Augen glänzten unnatürlich, ihre Lippen waren geschwollen, und ihr Gesicht war immer noch gerötet. Wahrscheinlich gereizt von Patricks Bartstoppeln, redete sie sich ein.

3. KAPITEL

„Bist du wirklich sicher, dass du mitfahren willst?“, fragte Abigail mit besorgtem Gesichtsausdruck.

Miranda nickte entschlossen. Sie saßen zur Happy Hour in einer Bar im Financial District, und der Kommentar ihrer Freundin bezog sich auf den jährlichen Betriebsausflug, auf den Miranda sich seit Monaten freute. Diesmal sollte es nach Las Vegas gehen. „Ich arbeite offiziell noch bis zum Monatsende bei der Bank. Der Betriebsausflug geht von Freitag bis Samstag, und Sonntag ist der Monatsletzte. Das passt doch perfekt als Abschluss.“

Abigail und Kristen warfen sich über ihren Kopf hinweg bedeutsame Blicke zu.

„Miranda, bist du sicher, dass das so eine gute Idee ist? Immerhin wird Jonathan dabei sein“, sagte Abigail.

Natürlich wusste Miranda, was ihre Freundin damit sagen wollte. Aber der Gedanke, dass Jonathan in Vegas war, während sie alleine zu Hause hockte, tat zu weh. Nachdem sie ihn sechs Jahre lang fast arbeitstäglich gesehen hatte, war Jonathan zu einem Teil ihres Lebens geworden. Es gelang ihr einfach nicht, sich von heute auf morgen zu entlieben. Der Gedanke, ihn nach diesem Wochenende nicht mehr wiederzusehen, war schlimm genug.

„Vielleicht denkt sie, dass das ihre Chance ist?“, warf Kristen über Mirandas Kopf hinweg ein. „Sie kann ihren Boss verführen, ohne sich um die Konsequenzen Sorgen zu machen, wie sie sich ihm Montagmorgen im Büro gegenüber verhalten soll.“

„Nein, das ist eine ganz schlechte Idee!“, rügte Abigail.

„Hey, ich bin übrigens anwesend!“, schmollte Miranda.

„Du bist aber momentan nicht zurechnungsfähig“, wiegelte Kristen ab.

Eine nette Freundin! Miranda winkte nach dem Barkeeper und bestellte sich noch einen Cocktail.

Doch Kristens Idee hatte sich bereits in ihrem Kopf festgesetzt. Es war womöglich ihre letzte Chance, Jonathan nahezukommen. Sie würden Freitagmorgen nach Vegas fliegen, ein paar Vorträge hören und Team Building Workshops durchführen, und am Abend würde eine Party mit irgendeinem Showact steigen. Bei so etwas ließ die Bank sich nicht lumpen. Samstagvormittag wurden diverse Sightseeingtouren angeboten, bevor alle am späten Nachmittag zurückfliegen würden.

Alleine wäre sie nie auf die Idee gekommen, ausgerechnet nach Vegas zu fliegen. Aber da es sich um einen Betriebsausflug handelte, übernahm die Firma die Kosten. Und wenn sich die Gelegenheit schon einmal bot … Wie sagte man so schön: Was in Vegas geschieht, bleibt in Vegas?

„Wie müsste ich es denn anstellen, Jonathan zu verführen?“, wandte Miranda sich an Kristen.

Die verdrehte die Augen. „Na, wenn du das nicht weißt, ist bei dir wirklich Hopfen und Malz verloren!“

Miranda erwog kurz, Kristen ihren Drink, der gerade serviert wurde, ins Gesicht zu schütten. „Nicht jede Frau springt ständig mit allen Männern ins Bett, die sie trifft!“, schoss sie stattdessen zurück.

„Tue ich doch gar nicht.“ Ihr Angriff prallte an Kristens unschuldigem Blick ab. „Höchstens mit jedem zweiten.“

„Aber ich will nur Jonathan.“

Abigail futterte sich derweil systematisch durch das Schälchen mit Erdnüssen, das zwischen ihnen auf dem Tisch stand. Schließlich sah sie auf: „Wenn du Jonathan wirklich verführen willst, dürfte so ein Betriebsausflug eine gute Gelegenheit sein. Seine Frau …“ Das Wort gab Miranda einen Stich. „… wird nicht da sein, der Alkohol wird in Strömen fließen, und die Hemmungen werden fallen, je mehr Haut die Leute zeigen. Ich will nur nicht, dass du verletzt wirst, Süße. Bist du sicher, dass es wirklich so eine gute Idee ist, dich an deinen Boss ranzuschmeißen? Bei einer Betriebsfeier kann es Zeugen geben.“

„Wichtig ist, dass du ihn dir krallst, bevor er zu betrunken ist, um noch einen hochzukriegen“, ergänzte Kristen.

Miranda war pikiert ob der vulgären Ausdrucksweise ihrer Freundin. „Kristen! Ich bin verliebt in ihn!“

„Nein, Schätzchen. Nein, nein, nein. Versuch bloß nicht, ihm an diesem Wochenende deine Liebe zu gestehen! Wenn du einen Abschiedsfick willst, hast du meine volle Unterstützung, aber erwarte kein Happy End. Und was immer du tust, stell sicher, dass es keine Zeugen gibt! Du magst nach dem Wochenende weg sein, aber du willst trotzdem nicht, dass die ganze Firma über dich tratscht.“

Das fehlte noch. Alleine, arbeitslos und dem Gespött aller ihrer Exkollegen ausgesetzt!

Kurz war Miranda davor, ihre Teilnahme doch noch abzusagen. Aber was Jonathan anging, war sie wie eine Süchtige. Sie kam einfach nicht von ihm los.

„Helft ihr mir?“ Bittend sah Miranda ihre beiden Freundinnen an.

„Ich kann dir ein paar Tipps geben, wie du Männer schnell heißmachst“, bot Kristen an.

Das glaubte Miranda ihr aufs Wort. Eigentlich hoffte sie, dass die Initiative von Jonathan ausgehen würde. Idealerweise würde er sie in die Luxussuite einladen, die er natürlich heimlich reserviert hatte. Dort würden sie im Jacuzzi baden, der mit warmem Wasser und Blütenblättern gefüllt wäre, bevor er sie zärtlich küssen und ihr gestehen würde, dass er sich auf den ersten Blick in sie verliebt und sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet hätte, wo sie endlich alleine waren.

Die Tatsache, dass er auf den letzten fünf Betriebsausflügen nichts dergleichen getan hatte, ignorierte Miranda wohlweislich.

„Ich könnte dich beim Kauf von Dessous beraten, falls du nichts Passendes im Schrank hast“, sagte Abigail.

Doch das hatte Miranda. Jedes Jahr, seit sie bei der Bank war, kaufte sie sich zum Geburtstag ein sündhaft teures Stück Lingerie. Mal ein Negligee, mal einen Spitzen-BH mit passendem Höschen, mal einen Strumpfgürtel und Nylonstrümpfe. Ihre Mutter hatte ihren Geburtstag regelmäßig vergessen, in der Firma gab es nur einen Blumenstrauß, den die Sekretärin besorgte, und ihre Freundinnen luden sie zum Essen ein. Alles nett gemeint, aber nichts, was sie später einmal in die Hand nehmen und sich daran erfreuen konnte, wenn es ihr schlecht ging.

Doch ihre Errungenschaften waren bis heute ungetragen. Für normale Tage waren sie ihr zu schade, und bisher hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, sie Jonathan zu präsentieren, außer in ihrer Fantasie.

„Danke, Dessous habe ich.“

Ihre Freundinnen sahen sie zwar ungläubig an, aber das war Miranda egal. Sie hoffte nur, dass sie ihr noch passten. Die ganze Frust-Eiscreme war nicht spurlos an ihren Hüften vorbeigegangen.

„Na, dann können wir uns ja dem Wichtigen zuwenden: Sex-Nachhilfe!“, grinste Kristen.

Miranda wurde heiß und kalt. „Muss das wirklich sein?“

„Wenn du ihn wirklich verführen willst, unbedingt!“

Dank Kristens Ratschlägen fühlte sich Miranda tatsächlich einigermaßen sicher, als sie im Flugzeug nach Las Vegas saß. Die Firma hatte einen eigenen Flieger gechartert und mehrere Etagen eines Hotels reserviert.

Leider konnte Miranda, die einen Gangplatz erwischt hatte, nicht viel von der Landschaft unter ihnen sehen, aber Samantha, die am Fenster saß, versicherte ihr, dass unter ihnen eh nur Wüste sei.

Sie und Samantha würden ein Zimmer teilen, so war es schon vor Monaten beschlossen worden. Doch mit etwas Glück würde sie die Nacht bei Jonathan verbringen und nicht mit ihrer Kollegin. Das war zumindest Mirandas Plan.

Der Bustransfer zum Hotel klappte reibungslos. Nur dass sie die Zimmer erst nach dem Mittagessen beziehen konnten, nervte Miranda etwas. Sie hätte sich gerne noch frisch gemacht. So fielen sie quasi direkt vom Bus in den Konferenzsaal.

Die meisten Mitarbeiter ihrer Abteilung saßen zusammen. Miranda sah Jonathan unter ihnen. Doch leider waren die Stühle in seiner Nähe bereits besetzt. So entschied sie sich für einen Platz einige Reihen hinter ihm etwas seitlich, sodass sie ihn – zumindest von hinten – ansehen konnte.

Einer der Geschäftsführer der Bank trat auf und erzählte, wie gut es der Firma gehe und wie toll alle Mitarbeiter seien. Miranda empfand seine Rede als puren Hohn. Wenn es der Bank so gut ging, warum hatte man ihr dann gekündigt?

Als Nächstes trat ein Motivationscoach auf, der ihnen eine Stunde lang einzutrichtern versuchte, dass sie alles schaffen konnten, was sie schaffen wollten. Sie mussten es einfach nur wollen!

Schön, sie wollte Jonathan. Aber die Methoden, die der Coach nannte, ließen sich kaum auf ihre Situation übertragen. So beschränkte Miranda sich darauf, Jonathans Hinterkopf anzuschauen und zu träumen, dass er sie wollte.

Immerhin hatten sie nach dem Vortrag eine Stunde Mittagspause, um die Zimmer zu beziehen und etwas zu essen.

„Der Typ eben war ja so cool!“, meinte Samantha und schleuderte ihren Koffer auf das Bett an der Tür, sodass Miranda das am Fenster blieb. Es handelte sich um Queen Size Betten, und auch das Zimmer war relativ groß. In Vegas schien alles etwas opulenter.

Aus Zeitmangel räumte Miranda ihren Koffer nicht aus, sondern zog sich nur eine frische Bluse an. „Ich fand ihn ehrlich gesagt ziemlich überheblich.“

„Der hat Millionen von Fans! Den einzufliegen, das hat die Bank sich richtig was kosten lassen!“

Miranda fand trotzdem, dass die Bank ihr Geld besser hätte anlegen können. In eine nette Abfindung beispielsweise.

Ob sie später vielleicht kurz ins Casino gehen sollte? Immerhin waren sie in Las Vegas. Grundsätzlich verachtete Miranda Glücksspiele, aber wenn sie sich fest vornahm, maximal fünf Dollar zu riskieren, konnte sie nicht viel verlieren.

Erst einmal aber ging sie zum Buffet, das schon ziemlich abgegrast war. Insbesondere die männlichen Kollegen hatten wohl kaum Zeit mit Zimmerbezug verschwendet, sondern sich direkt aufs Buffet gestürzt.

Miranda sah sich nach einem freien Platz in Jonathans Nähe um, doch er war wieder umgeben von Mitarbeitern. Erst nach längerem Suchen fand sie am anderen Ende des Saals noch einen einzelnen Sitzplatz. Wenn das so weiterging, konnte sie ihren Plan vergessen.

Auch das Nachmittagsprogramm war straff durchorganisiert. Vorträge wechselten sich mit Workshops ab. Erst gegen halb sieben waren sie fertig. Um halb acht würde es Abendessen geben und um halb neun eine Show.

Das gibt mir eine Stunde, um zu duschen und mich zurechtzumachen, überlegte Miranda. Eigentlich kein Problem, sofern Samantha nicht die ganze Zeit über das Badezimmer belegte. Ihre Kollegin war jedenfalls, kaum dass der letzte Vortrag beendet war, aus dem Saal gestürmt. Sie hatten sich nicht abgesprochen, wer zuerst ins Bad konnte, und nun schien es Samantha zu sein.

Unschlüssig blieb Miranda vor dem Casinoeingang stehen. Bisher kannte sie die glitzernden Spielsäle nur aus Filmen.

„Na, willst du auch eine Runde spielen?“

Das war Jonathan, der sie angesprochen hatte! Sie hatte ihn gar nicht kommen sehen. Und er duzte sie! Miranda konnte ihr Glück kaum fassen. „Vielleicht“, antwortete sie, wobei ihr Enthusiasmus, ihn zu sehen, ihre Worte Lügen strafte.

Jonathan ging wie selbstverständlich an ihr vorbei in den Spielsaal. Nach einer Millisekunde Zögern folgte Miranda ihm. Sie erkannte Roulette- und Black-Jack-Tische, dann bog Jonathan in den hinteren Bereich des Casinos ab, in dem die Einarmigen Banditen standen.

Hier war es deutlich leerer als mitten im Saal. Ein paar ältere Frauen und Männer saßen mit stumpfer Miene vor den Automaten und fütterten sie mit Geldscheinen oder Chipkarten. Hier war nichts mehr von netter Casinoatmosphäre zu spüren. Das elektronische Klingen der Automaten irritierte Miranda.

„Hast du mal ’nen Dollar?“, fragte Jonathan, ohne sie anzusehen, und steuerte auf einen der Automaten zu.

Miranda stolperte ihm hinterher, zog im Gehen ihre Geldbörse aus ihrer Handtasche und legte ihm zwei Dollarscheine in seine auffordernd ausgestreckte Hand.

„Was hast du …“, begann sie, da hatte Jonathan bereits den Schein in den Schlitz gesteckt. Auf dem Display setzten sich mehrere Rollen in Bewegung und blieben dann unter diversen Klanglauten wieder stehen.

Anscheinend hatte er nicht gewonnen, denn Jonathan steckte direkt den zweiten Schein hinterher.

„Bonusspiel“, sagte er, bevor Miranda auf dem Display irgendetwas erkennen konnte. „Drück die Daumen.“

Miranda nickte brav. Jonathan stand so nah, dass sie sein Aftershave deutlich riechen konnte. Wenn sie die Hand ausstrecken würde, könnte sie ihn berühren …

Während sie noch versuchte, ihren Mut zusammenzunehmen, fing der Bildschirm vor ihnen zu blinken an. Der Automat gab klingende Laute von sich.

„Ha!“, rief Jonathan und fischte einen Zettel aus einem der diversen Schlitze. „Gewonnen!“

„Echt?“ Miranda trat einen Schritt näher. „Wie viel denn?“

„Nicht so viel. Knapp zwölftausend Dollar.“ Er ließ den Zettel in seiner Jackettasche verschwinden.

Nicht viel? Für Miranda war das sogar sehr viel Geld. „Wow!“

„Ich geh den mal schnell einwechseln. Wir sehen uns dann beim Abendessen.“ Sprach’s und verschwand Richtung der Kassen.

Miranda stand einen Moment wie angewurzelt da, bevor sie ihm hinterherlief. „Warte! Was ist mit meinem Anteil?“

„Wieso dein Anteil? Ich habe gespielt, ich habe gewonnen.“

„Aber du hast mit meinem Geld gespielt!“

„Mach hier keine Szene, ja? Ich geb’s dir nachher zurück. Mit Zinsen.“ Er zwinkerte ihr zu und verschwand in der Menge.

Mach hier keine Szene. Ich geb’s dir nachher zurück.

Miranda klammerte sich an Jonathans Worte, während sie zu ihrem Zimmer zurückging. Du kannst ihm vertrauen, redete sie sich selber ein. Immerhin hast du sechs Jahre lang für ihn gearbeitet. Du kennst ihn gut. Du liebst ihn. Er würde dich niemals hintergehen.

Was sie mit zwölftausend Dollar alles machen könnte! Sie könnte Cam einen Teil seines Kredits zurückzahlen. Sie könnte sich mit der Jobsuche ein bisschen Zeit lassen, um nicht das erstbeste – oder erstschlechteste – Angebot annehmen zu müssen. Sie könnte endlich einmal verreisen. Kurz rauskommen, sich erholen und neue Eindrücke sammeln. Sie könnte …

Samantha war natürlich im Badezimmer. Miranda klopfte an die Tür. „Samantha? Wie lange brauchst du noch? Ich möchte auch noch duschen.“

„Bin gleich fertig!“, rief ihre Kollegin.

Zwanzig Minuten später, in denen Miranda ihr gedanklich mehrere Tode gewünscht hatte, öffnete sie endlich die Badezimmertür.

Miranda raffte ihr Outfit zusammen und stürzte ins Bad. Zum Haarewaschen blieb keine Zeit mehr. Sie duschte in Rekordzeit, cremte sich mit einer duftenden Lotion ein und schlüpfte in ihre schönen Dessous und ihr neues Kleid, das sie sich schon vor Wochen extra für diesen Abend gekauft hatte.

„Beeil dich mal, ich muss mich noch schminken!“, rief Samantha vor der Tür.

Da Miranda züchtig bedeckt war, öffnete sie die Tür. „Das können wir ja gleichzeitig machen, der Spiegel ist groß genug.“

Trotzdem sah sie neidisch zu, wie Samantha volle Kriegsbemalung auftrug: dunkelvioletter Lidschatten, dunkelblaue Mascara und einen Lippenstift in einem ungewöhnlichen Pflaumenrot. Dagegen kam sie sich mit ihrem dezenten Make-up plötzlich wie ein Dorfmädchen vor. Samanthas herablassender Blick schien ihr dies zu bestätigen.

„Du trägst auch sonst nur dezentes Make-up, da willst du an so einem Abend nicht völlig anders aussehen als normalerweise, sonst fühlst du dich nicht wohl“, hatte Abigail ihr noch gesagt. Kristen hatte es drastischer zusammengefasst: „Mit deinen knallroten Haaren würdest du wie ein Clown aussehen!“

Nicht zum ersten Mal in ihrem Leben verwünschte Miranda ihre Gene. Aber das half natürlich nichts.

Samantha war schon vorgegangen. Miranda warf einen letzten Blick in den Spiegel. Sie hatte schon wieder leichte Röte im Gesicht. Wahrscheinlich lag das an der Aufregung. Ob Jonathan ihr ihren Anteil des Gewinns in bar geben würde? Sie hatte noch nie sechstausend Dollar auf einmal in der Hand gehabt.

Tatsächlich, Jonathan wartete vor dem Eingang des Speisesaals auf sie. Erwartungsvoll trat Miranda auf ihn zu. Er lächelte sie an, ergriff ihre Hand und drückte etwas hinein. „Du siehst bezaubernd aus“, sagte er.

Miranda strahlte vor Glück. Dann riskierte sie einen Blick auf ihre Handinnenfläche.

Darin lag ein Fünfzigdollarschein.

„Fünfzig Dollar?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Ja, ich bin großzügig.“ Er lächelte sie an. Plötzlich empfand sie sein Aftershave als unangenehm süßlich und trat einen Schritt zurück. „Das Mindeste, was ich erwartet hätte, wäre halbe-halbe“, sagte sie mühsam beherrscht.

„Du hast mir gerade einmal zwei Dollar geliehen, dafür ist das mehr als großzügig“, tat Jonathan ab.

„Ich habe dir einen Dollar geliehen, der Gewinn wurde aber mit dem zweiten gemacht.“

„Nun sei doch nicht so kleinkariert, Miranda. Außerdem muss ich meinen Kindern das Studium finanzieren, da brauche ich das Geld.“

Seine Kinder waren gerade erst in die Schule gekommen. „Ich brauche das Geld auch, Jonathan.“

Doch er hatte sich bereits umgedreht. „Wir sitzen dort drüben an dem Tisch. Wenn du dich wieder beruhigt hast, kannst du dich gerne zu uns setzen. Aber verdirb uns mit deinen Launen nicht den Abend.“

Mit einem erstickten Laut machte Miranda auf dem Absatz kehrt, lief zu den Aufzügen und schlug mehrfach auf den Knopf, bis sich die Türen öffneten. Einige Leute, die ihr entgegenkamen, warfen ihr erstaunte Blicke zu, aber Miranda beachtete sie gar nicht. Nur auf ihr Zimmer, die Tür hinter sich schließen, sich aufs Bett werfen und weinen, solange Samantha beim Essen und der Show war.

Doch bevor sie sich richtig in ihr Selbstmitleid hineinsteigern konnte, bekam sie eine Nachricht.

Miranda fischte ihr Smartphone aus ihrer Handtasche. Wollten Kristen und Abigail ihr Glück wünschen? Doch die Nachricht kam von Patrick. „Wie geht’s dir?“, hatte er geschrieben.

Bevor Miranda sich stoppen konnte, tippten ihre Finger bereits „Furchtbar!“

Sie sah das Smartphone einen Moment an, doch es zeigte nicht an, dass Patrick zurückschrieb.

Auf den war auch kein Verlass mehr. Wütend ging Miranda ins Bad und hielt ihr Gesicht unter fließendes kaltes Wasser, um Tränen und Make-up-Reste abzuwaschen.

Just in diesem Moment klingelte ihr Handy.

Fluchend griff Miranda nach einem Handtuch, tupfte sich damit übers Gesicht und sprintete zum Bett.

„Was ist passiert?“, fragte Patrick knapp.

„Ich hab mich übers Ohr hauen lassen und ärgere mich über mich selbst.“

Es dauerte einige Minuten, bis er ihr einen einigermaßen verständlichen Teil der Story aus der Nase gezogen hatte.

„Was für ein Arsch“, lautete sein Kommentar. „Der ist es doch gar nicht wert, dass du dir von ihm den Abend verderben lässt.“

„Aber das Geld“, schniefte Miranda.

„Ist nur Geld. Steh auf, mach dich schick, und geh mit hoch erhobenem Haupt zu deinen Kollegen. Und dann genießt du, verdammt noch mal, den Abend! Tust du das für dich?“

„Für dich?“, fragte Miranda stirnrunzelnd.

„Nein, für dich! Du bist es wert, einen tollen Abend zu haben. Lass dich nicht unterkriegen, von niemandem. Auch nicht von dir selber.“

Wenn er es so aussprach, klang es so leicht. Miranda merkte, wie eine Last von ihr abfiel. Sie war zwar immer noch genervt, aber sie würde nicht wieder in Tränen ausbrechen. „Ich würde den heutigen Abend lieber mit dir verbringen als mit meinen Kollegen“, sagte sie und meinte es absolut aufrichtig.

„Das ist mein Mädchen. In welchem Hotel bist du?“

Sie sprachen noch kurz miteinander, dann beendete Miranda das Gespräch, überschminkte die Spuren ihrer Tränen und ging hoch erhobenen Hauptes in den Speisesaal.

Ihr Zuspätkommen zog einige Blicke auf sich, aber Miranda tat, als würde sie nichts bemerken. Die Vorspeise hatte sie verpasst, aber gerade wurde das Hauptgericht serviert, Hähnchenfilet mit Gemüse und Pommes frites.

Vielleicht lag es daran, dass sie sich noch immer nicht vollständig beruhigt hatte, vielleicht auch daran, dass das Gericht aus einer Großküche kam. Aber Miranda schmeckte es nicht. Obwohl Essen in den letzten Jahren zu einer Art Ersatzbefriedigung für sie geworden war, schob sie ihren Teller fast unberührt beiseite.

Neben ihr stupste Samantha sie unsanft mit dem Ellbogen in die Seite. „Hast du schon gehört? Jonathan hat im Casino gewonnen.“

„Wie schön für ihn“, sagte Miranda sarkastisch.

„Ja, ich lade euch alle nach der Show noch auf einen Drink ein“, sagte Jonathan, der ihnen gegenübersaß und anscheinend zugehört hatte.

Miranda verkniff sich ein „Wie großzügig von dir“. Die Drinks auf der After-Show-Party wurden schließlich von der Firma bezahlt. Stattdessen sagte sie „Danke“ und ärgerte sich prompt über sich selbst.

Auch der Kuchen, den es zum Dessert gab, schob sie nach einem einzigen Bissen beiseite. Viel zu süß und pappig und mit einem unangenehmen Nachgeschmack.

„Willst du den nicht mehr?“ Schon hatte einer ihrer Kollegen, ein übergewichtiger Mittdreißiger, danach gegriffen.

Miranda war froh, als sich alle erhoben, um ins Theater zu gehen. Ihre Gesichtsmuskeln schmerzten vom ständigen Lächeln.

„Du, es macht dir doch nichts aus, wenn ich heute Nacht ein bisschen später komme – oder gar nicht komme?“, flüsterte Samantha, die sich neben Miranda gesetzt hatte, ihr in der beginnenden Dunkelheit ins Ohr.

Miranda brauchte einen Moment, um zu verstehen, was ihre Nochkollegin meinte. „Willst du noch spielen gehen?“

Samantha lachte glockenhell. „Wer weiß … Glück im Spiel, Glück in der Liebe.“

Die Show war gut, selbst wenn es Miranda schwerfiel, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren.

Als das Licht wieder anging, hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie hatte lange genug gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Auf Jonathans Umtrunk und die Party würde sie verzichten. Genauso wie auf ihre fixe Idee, ihn heute Nacht zu verführen.

Als sie aus dem Saal kam, wäre sie beinahe mit jemandem zusammengestoßen, der mitten im Foyer stand: Patrick.

„Was machst du denn hier?“, fragte Miranda perplex.

„Mein Mädchen ist in Schwierigkeiten. Ich bin gekommen, um dich zu retten.“

Anstatt sich zu freuen, platzte Miranda heraus: „Ich bin nicht dein Mädchen!“

„Ich rette dich trotzdem.“ Resolut legte er ihr den Arm um die Schultern und dirigierte sie Richtung Ausgang.

Einerseits fühlte sich die beschützende Geste gut an. Andererseits … „Wo gehen wir hin?“

„Zum Flughafen.“

„Da gehen um diese Zeit gar keine Flüge mehr!“, protestierte Miranda.

„Wir können einen Privatjet buchen. In zwei Stunden kann er startklar sein.“

Miranda blieb so ruckartig stehen, dass jemand gegen sie prallte. „Ein Privatjet? Hast du so was schon mal gemacht?“

„Nein“, gab er zu, „aber unsere Firma hat ein Arrangement mit einem Privatjetbetreiber, über den jeder der Mitarbeiter im Notfall innerhalb von zwei Stunden einen Flug bekommen kann. Und hier handelt es sich eindeutig um einen Notfall.“

„Nein“, widersprach Miranda, „hier handelt es sich nicht um einen Notfall. Schon gar keinen, der so eine finanzielle Extravaganz rechtfertigt. Ein oder zwei Drinks, und die Welt sieht schon wieder besser aus.“

„Von mir aus.“ Überraschend schnell gab Patrick nach und schwenkte um Richtung Bar. „Dann musst du mir heute Nacht aber Asyl geben.“

Miranda dachte an Samantha, deren Bett wahrscheinlich leer bleiben würde. „Kein Problem.“

4. KAPITEL

Patrick legte es nie darauf an, Frauen betrunken zu machen, um sie in sein Bett zu bekommen.

Und auch bei Miranda nicht. Doch die schaffte das ganz alleine.

„Meinst du nicht, dass du allmählich genug hast?“, fragte er und entwand ihr sanft das Cocktailglas. „Du willst doch morgen den Tag genießen und keinen Kater haben.“

Sie gab einen Laut von sich, der tatsächlich fast wie das Miauen einer Katze klang.

Miranda hatte eindeutig genug getrunken. „Wo ist dein Zimmer?“, fragte er.

Sie nestelte eine Plastikkarte aus ihrer Handtasche, auf der keine Zimmernummer stand. Patrick signalisierte dem Barkeeper, dass er die Rechnung übernehmen würde.

Immerhin wusste sie noch, auf welchem Stockwerk ihr Zimmer lag und in welcher Richtung. Patrick ignorierte die Blicke der Mitfahrenden im Aufzug, während er die betrunkene Frau an seiner Seite stützte.

Er probierte mehrere Zimmer aus, bevor sich tatsächlich eine der Türen öffnete.

„Mirisschlecht“, murmelte Miranda und schwankte gefährlich in seinen Armen.

Patrick kickte die Tür zu und trug Miranda ins Badezimmer. Sie sank neben der Toilette auf die Knie und übergab sich.

Auch eine Art, den Alkohol in ihrem System loszuwerden. Patrick redete beruhigend auf sie ein, während er sie stützte und ihr die Haare aus dem Gesicht hielt. Als er das Gefühl hatte, dass sie fertig sei, befeuchtete er ein kleines Handtuch und wusch ihr damit Gesicht und Nacken.

„Möchtest du dir die Zähne putzen?“ Nur zu gut erinnerte er sich an das unangenehme, pelzige Gefühl im Mund, wenn er nach einer durchzechten Nacht am nächsten Morgen aufgewacht war.

In einem früheren Leben. Inzwischen feierte er zwar noch gerne mit Freunden, aber Alkohol genoss er nur noch in Maßen.

Miranda nickte, und er stützte sie, während sie umständlich mit Zahnbürste und Zahnpasta herumhantierte.

Patrick warf einen Blick auf die Kosmetika im Bad und erkannte eine Abschminklotion. „Halt einen Moment still“, wies er Miranda an, kaum dass sie mit dem Zähneputzen fertig war. Dank seiner drei Schwestern wusste er ungefähr, wie Frauen sich abschminkten. Er verteilte die Lotion auf einem Wattepad, ergriff Mirandas Kinn und entfernte sanft ihr Make-up. Sie sah ihn mit großen, unfokussierten Augen an und zitterte in seinen Armen.

Am liebsten hätte Patrick sie geküsst. Alternativ ausgezogen und unter eine heiße Dusche gestellt. Er tat keins von beidem, sondern tupfte ihr Gesicht erst mit einem feuchten, dann einem trockenen Handtuch ab. „Musst du noch mal auf die Toilette?“

Sie schien erst lange über die Frage nachzudenken und zog dann doch ihr Kleid hoch. Schnell drehte er sich um; ein bisschen Privatsphäre wollte er ihr lassen, für den Fall, dass sie sich morgen früh noch an Details erinnern konnte. Auch er war in seiner Jugend ein paar Mal sinnlos betrunken nach Hause gekommen und wusste, wie sich ein Filmriss anfühlte.

„Fertisch“, murmelte Miranda und schwankte auf eins der Betten zu. Gut, dass sie die High Heels bereits ausgezogen hatte.

Patrick half ihr, ihr Kleid abzulegen. Darunter trug sie entzückende, sehr durchsichtige schwarze Spitzenunterwäsche.

Jetzt würde es helfen, ein Heiliger zu sein. Patrick atmete tief durch, während Miranda unter die Bettdecke krabbelte und die Versuchung ihres Körpers damit seinem Blickfeld entzog.

„Gudnacht“, nuschelte sie und war wenige Sekunden später eingeschlafen.

Tja, so hatte er sich den Abend zwar nicht vorgestellt, aber so war es nun einmal. Patrick sah sich im Zimmer um. Es gab zwei Betten, das, in dem Miranda lag, und ein zweites, auf dem ein Koffer lag, dessen Inhalt über das Bett ausgebreitet war.

Wenn das mal keine Einladung war. Er grinste, während er ins Bad ging, um zu duschen.

Miranda wachte mitten in der Nacht auf, weil ihr heiß war.

Leicht desorientiert sah sie sich um, bis ihr einfiel, dass sie in Las Vegas war. Von draußen kam der Schein bunter Lichter herein, sodass das Hotelzimmer nicht komplett in Dunkelheit getaucht war.

Sie hob die Decke leicht an, um sich abzukühlen.

Neben ihr erklang ein unwirsches Brummen. Gleichzeitig bewegte sich die Matratze unter ihr, und ein behaarter Arm zog sie näher an einen warmen Körper.

Jetzt wurde ihr auch der Grund für die Hitzequelle neben sich klar.

Sie war nach Las Vegas gekommen, um Jonathan zu verführen. Doch nach seinem Verhalten ihr gegenüber hatte es sich endgültig ausgejonathant.

Dafür lag neben ihr ein Mann, der mal eben nach Vegas geflogen war, bloß weil sie gesagt hatte, dass es ihr nicht gut gehe.

Und der, obwohl im Halbschlaf, durchaus Interesse an ihr als Frau zu haben schien, wenn sie von dem Teil seiner Anatomie, das sich gegen ihre Hüfte drückte, ausging.

Bevor sie ihre Motive genauer hinterfragen konnte, hatte Miranda sich ihm schon zugewandt. Ihre Hand legte sich wie von selbst auf seinen Oberarm und wanderte von dort aus weiter, erkundete nackte Männerhaut, von der es verdammt viel gab. Hatte er etwa nichts an?

„Hör nicht auf.“

Ertappt zog sie ihre Hand zurück, was einen gemurmelten Protest zur Folge hatte.

„Wie fühlst du dich?“

Wie sie sich fühlte? Wie sollte sie sich schon fühlen, wenn sie neben einem nackten Mann im Bett lag und bis auf ihre Unterwäsche ebenfalls nichts trug? „Hervorragend“, raunte sie ihm ins Ohr.

„Keine Kopfschmerzen? Keine Schwindelgefühle? Bei klarem Verstand?“

Was für eine merkwürdige Frage, dachte Miranda und kicherte. Dabei stieß sie mit der Nase gegen sein Kinn. „Aua!“

„Hast du dir wehgetan? Warte, ich mache Licht an.“

„Nein, schon gut“, sagte Miranda schnell. „Ich mag es so … lauschig.“

„Ich küsse den Schmerz weg.“ Er hauchte ihr ein paar federleichte Küsse auf die Nasenspitze, woraufhin Miranda schon wieder kichern musste.

„Alles ist gut. Schlaf wieder.“ Patrick bettete ihren Kopf an seine Brust und legte den Arm um sie.

War er etwa wieder eingeschlafen? Miranda lauschte seinen gleichmäßigen Atemzügen. Ein Gefühl der Enttäuschung machte sich in ihr breit. Hier lag sie, nackt und bereit, und Patrick ignorierte sie einfach?

Ihr war immer noch heiß. Außerdem drückte sich der Bügel ihres BH zunehmend schmerzhaft gegen ihre Rippen.

Unwillig befreite Miranda sich aus Patricks Armen und versuchte, unter Verrenkungen den Verschluss zu öffnen. Doch überall stieß sie an Hindernisse: Patrick, die Bettdecke, die widerspenstigen Ösen, die sich partout nicht öffnen lassen wollten.

„Brauchst du Hilfe?“

Anscheinend hatte sie Patrick bei ihren Entkleidungsversuchen wieder aufgeweckt. „Ja, bitte.“

Geschickt öffnete er den Verschluss und half ihr, aus dem BH herauszuschlüpfen, bevor er ihn auf den Boden warf. Dann zog er sie erneut an seine Brust. Diesmal kam seine Hand direkt auf ihrem Busen zu liegen, ohne auch nur einen Hauch störenden Stoffs dazwischen.

Täuschte sie sich, oder bewegten seine Finger sich ganz leicht? Zitterte er, oder streichelte er sie?

Ein Schauer lief über Mirandas Körper. Unwillkürlich schmiegte sie sich enger an Patrick.

Inzwischen lagen seine Fingerspitzen genau auf ihrer Brustwarze, die sich unter seiner Berührung aufrichtete.

Unruhig bewegte Miranda ihre Hüften, was sie in noch engeren Kontakt mit Patricks Körper brachte. Keine gute Idee. Sie versuchte, ruhig zu atmen, aber die Hitze, die von seinem Körper und ganz besonders seinen Fingerspitzen ausging, brachte sie schier um den Verstand. Ihre Haut fühlte sich hypersensibel an, alles prickelte, und sie hatte den Eindruck, als würden elektrische Stöße durch ihre Nervenbahnen jagen.

An Schlaf war gar nicht zu denken! Stattdessen kreisten alle ihre Gedanken um Sex.

Warum sollte die Initiative eigentlich immer nur von Männern ausgehen?

Die Dunkelheit legte sich wie ein schützender Schleier über sie und gab ihr den Mut, Dinge zu tun, die sie bei Tageslicht nicht gewagt hätte. Die beherrschte Miranda, die sich zwang, zu funktionieren, war verschwunden, und an ihre Stelle war eine Frau getreten, die nicht nachdenken, sondern einfach nur genießen wollte, tun, was ihr gerade in den Sinn kam. Wie beispielsweise ihre Hand über Patricks zu legen und sie mit sanftem Druck auf ihre harte Brustwarze zu pressen, während sie gleichzeitig ihren Po an seiner sich aufrichtenden Männlichkeit rieb.

„Bist du sicher, dass du das willst, Miranda?“

Doch Miranda wollte nicht darüber nachdenken, was sie tat. „Liebe mich einfach.“ Das F-Wort kam ihr dann doch nicht über die Lippen. Selbst wenn es für Patrick nichts weiter als ein schneller Fick wäre, Miranda wusste, dass sie sich bis an ihr Lebensende an diese Nacht erinnern würde.

„Das werde ich.“

Langsam und genussvoll erkundeten sie ihre Körper. Die schemenhafte Dunkelheit ließ Raum und Zeit verschwimmen.

„Gefällt dir das?“, flüsterte Patrick, während er mit der Zungenspitze ihre Nippel umrundete.

„Ja“, hauchte Miranda.

„Und das?“, fragte er, während er eine Spur feuchter Küsse in Richtung ihres Bauchnabels tupfte.

„Ja“, seufzte sie.

„Dann wirst du das hier hoffentlich lieben“, raunte er.

Miranda schrie leise auf, als sie seine Zunge durch ihr Spitzenhöschen an ihrer empfindlichsten Stelle spürte. Seine Bartstoppeln kratzten über die zarte Haut an ihren Oberschenkelinnenseiten, seine Haare kitzelten sie. Alle Empfindungen gleichzeitig bewirkten, dass Miranda sich auf dem Bett wand. Sie wollte unbedingt diese Erlösung spüren, von der sie in Romanen immer so viel gelesen hatte. Da warfen die Helden die Heldin aufs Bett und nahmen sie rücksichtslos, woraufhin die Frauen in höchste Ekstase verfielen und die Englein singen hörten.

Patrick hingegen ließ sich Zeit, wartete ihre Reaktionen ab und fragte zwischendurch immer wieder, was ihr gefiel, bevor er ihr endlich das Höschen auszog.

Das Gefühl, wie er mit der Zunge in sie eindrang, war so unbeschreiblich, dass sie sich aufbäumte. „Jaaa … mehr …“

Doch anstatt weiterzumachen, tauchte Patrick wieder auf, griff nach ihrer Hand und führte sie zu seiner Körpermitte. „Jetzt bist du dran.“

Staunend erkundete Miranda seinen Penis. Die Spitze fühlte sich leicht glitschig an, der Rest war fest und warm. Instinktiv fasste sie fester zu und begann, seinen Schaft zu reiben, während sie gleichzeitig die Kontur seines Adamsapfels mit den Lippen erkundete.

Jetzt war es Patrick, der unter ihren Händen zuckte und Laute der Ermutigung stöhnte. Laute, die die Hitze in ihrem Inneren noch mehr anfachten. Instinktiv positionierte Miranda sich so, dass sie ihre Mitte an seinem Schaft reiben konnte. Der Kontakt ihres Kitzlers an seiner heißen Männlichkeit war fast zu viel für sie. Alles war so glitschig und heiß … sie bräuchte sich nur ein klein bisschen anders zu positionieren, und er würde in sie hineingleiten, sie ausfüllen …

„Ich will dich richtig“, murmelte Miranda, unsicher, wie sie ihre Wünsche in Worte fassen sollte.

„Dann nimm mich“, raunte er.

„Warte“, flüsterte sie, momentan in ihrer Konzentration gestört, „Kondom.“

Schlagartig stoppte er. „Verdammt, ich habe nicht … Wir sollten wohl besser … Es tut mir leid. Ich habe keine dabei.“

„Aber ich.“ Das erste Mal in ihrem Leben. „In meiner Handtasche auf dem Nachttisch.“

Hektisch tastete Miranda danach, fand das Gewünschte und reichte es Patrick. Während sie ungeduldig wartete, schien der im Dunkeln wohl etwas Schwierigkeiten damit zu haben, denn er fluchte leise.

„Alles okay?“, fragte sie unsicher.

Er brummte etwas und zog Miranda auf sich.

Anstatt auf dem Rücken liegend zu genießen, was ihr Liebhaber mit ihr machte, kniete Miranda plötzlich über ihm. Einen winzigen Moment lang bekam sie Panik, was sie tun sollte, dann glitt er auch schon in sie hinein. Die Dehnung war im ersten Moment ungewohnt, im zweiten schmerzhaft, dann fühlte es sich einfach nur noch gut an.

„Verdammt, bist du eng“, stöhnte Patrick, während seine Finger sich in ihre Hüften krallten. „So heiß und feucht.“

Instinktiv begann Miranda sich zu bewegen, ihre Hüften kreisen zu lassen und ihre inneren Muskeln um seinen Penis herum anzuspannen, um ihn tiefer in sich zu ziehen. Hitze breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, während sich gleichzeitig eine Spannung aufbaute, die ihre Bewegungen schneller werden ließ, verzweifelter, unkoordinierter, hitziger, bis sich plötzlich alles auf einen Schlag auflöste und Patrick sie umfing, während sie beide sich dem Höhepunkt hingaben.

Nur langsam kam sie wieder in die Realität zurück. Ihr Atem hatte sich noch längst nicht beruhigt, sie war immer noch in Patricks Armen und hatte nicht vor, diesen Ort jemals wieder zu verlassen.

„Das war unglaublich“, raunte Patrick ihr ins Ohr, und sie nickte als Antwort.

„Hast du noch mehr von den Dingern?“

„Noch die ganze Packung.“

„Dann sollten wir sie auch nutzen.“ Besitzergreifend legte sich seine Hand auf ihre Brust.

„Unbedingt“, seufzte sie und löste sich gerade lange genug aus seinen Armen, um nach ihrer ...

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