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TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 65

Nonie Rose Winter, Debbi Rawlins, Jo Leigh, Vicki Lewis Thompson

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 65

NONIE ROSE WINTER

Unter seinen Blicken …

Als Fotograf Adrian das schöne Model Sophie trifft, verfällt er sofort ihrem besonderen sinnlichen Zauber. Doch Vorsicht: Sie ist bestimmt nicht besser als der Rest der oberflächlichen Modeleute, oder?

DEBBI RAWLINS

High Heels und heiße Nächte

Erin will nur eins von sexy Ranchbesitzer Spencer Hunt: dass er ihr erlaubt, am Moonlight Mountain einen Film zu drehen. Bis es mit jedem Treffen immer intensiver zwischen ihnen prickelt …

JO LEIGH

Im Rausch der Begierde

Tony und sie trennen Welten! Das weiß Catherine gleich. Doch was zählt die Stimme der Vernunft, wenn Catherine sich auf erregende Weise immer stärker zu dem heißblütigen Italiener hingezogen fühlt?

VICKI LEWIS THOMPSON

Wie zähmt man einen Künstler?

Sapphires glutvolle Blicke machen Grady so heiß, dass er jede Nacht erotische Träume von ihr hat. Aber sobald er versucht, ihr wirklich näher zu kommen, entzieht sie sich ihm. Warum nur?

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Unter seinen Blicken …

1. KAPITEL

„So Ladys, jetzt gehen wir in die zweite Runde. Bitte alle ausziehen.“ Die ältere Dame mit dem strengen Haarknoten und dem noch strengeren Blick hatte tatsächlich die Dreistigkeit, in die Hände zu klatschen.

Sophie verdrehte die Augen. Wofür hielten sich diese Leute? Als Model war sie es zwar gewohnt, wie ein Stück Fleisch bei einer Viehbeschau behandelt zu werden. Aber musste diese Frau sie obendrein herumscheuchen, als seien sie Fünfjährige?

Zugegeben, es war nicht immer einfach, die Aufmerksamkeit der jungen Mädchen auf sich zu lenken. Die neuen zappelten nervös herum, kauten auf ihren Fingernägeln oder fragten zum wiederholten Mal, wo sich eigentlich der Ladys Room befände. Die erfahreneren Mädchen dagegen wirkten gelangweilt, unterhielten sich oder warfen verstohlene Blicke auf ihre Smartphones – sofern sie noch genug Kleidung am Leib trugen, um das Handy irgendwo darin zu verstecken.

So waren die meisten Go-sees: ermüdend und letzten Endes vergeblich. Sophie konnte schon gar nicht mehr zählen, wie viele dieser Castings sie in den vergangenen drei Jahren bestritten hatte. Trotzdem waren Go-sees wichtig. Bei diesen Vorstellungsrunden entschied sich, welches Model den nächsten verfügbaren Job erhielt. Job konnte allerdings alles Mögliche bedeuten: von der großen Werbekampagne einer populären Make-up-Marke bis zur Hinterhof-Modenschau für einen Jungdesigner, der danach auf Nimmerwiedersehen auf New Yorks Friedhof der verlorenen Träume verschwand.

Sophie verkniff sich ein Seufzen. Wenn sie die Agentur wieder umsonst hergeschickt hatte, würde sie denen etwas erzählen.

Nein. Das würde sie natürlich nicht. Sie würde jeden Job annehmen, der sich ihr bot – und das mit Kusshand. Schließlich hatte New Yorks unerhörte Mietspreiserhöhung eingeschlagen wie eine Bombe.

Sophie schaute prüfend auf das gerahmte Bild an der Wand hinter der Haarknoten-Frau. Wenn sie einen Schritt beiseite machte, konnte sie in dem Glasrahmen ihre Reflexion sehen und ihre Frisur kontrollieren. Diesen Trick hatte ihr die erste Agentur beigebracht für den Fall, dass keine Spiegel zur Hand waren.

Das kalte Neonlicht warf einen grellen Lichtpunkt auf ihre Stirn und ließ ihre Haut wächsern aussehen, doch das machte nichts. Sophie reckte das Kinn und setzte den arroganten Blick auf, der bei ihren Modelkolleginnen so gefürchtet war.

Auch das war etwas, was ihre erste Agentur sie gelehrt hatte. Egal, wie sie dich behandeln, lass es dir nicht anmerken. Sei stark. Sei herablassend, und sie werden dir aus der Hand fressen.

Zu Anfang war das sehr ungewohnt gewesen. Ein Mädchen vom Land, das dazu erzogen worden war, jeden älteren Menschen auf der Straße höflich zu grüßen, sollte plötzlich alle ignorieren? Sich arrogant geben – und bisweilen sogar unverschämt?

Richtig. Sophie hatte schnell lernen müssen, dass es gar nicht anders ging, wenn man den harten Alltag in New York überleben wollte.

Die Haarknoten-Lady ließ die Mädchen nun vor einem Tisch antanzen. Es schien, als habe sie ihren Liebling bereits gefunden: ein blondes Mädchen, dessen Oberschenkel man mit einer Hand umfassen konnte.

Na toll, dachte Sophie. Und dafür saß ich eine Stunde in der U-Bahn.

Wozu war sie überhaupt nach New York gezogen? In dieser weitläufigen Stadt benötigte man für jede Strecke empörend viel Zeit. Da Sophie auf die U-Bahn angewiesen war, brauchte sie Stunden, um zu Go-sees, Castings und Werbe-Jobs zu fahren. Und bis zu ihrer neuen Agentur war sie den halben Tag unterwegs.

Im Winter hinterließen die heftigen Temperaturschwankungen zwischen Straße und U-Bahn rote Flecken auf den Wangen, und im Sommer wurde man von den unterirdischen Lüftungsschächten beinahe gekocht, sodass man verschwitzt und mit feuchten Haaren bei potenziellen Kunden ankam.

Es gab Momente, in denen war das Model-Dasein glamourös – wenn man in der New Yorker U-Bahn steckte, war es das definitiv nicht.

Die Hexe mit dem Haarknoten riss sie aus ihren Gedanken. „Du da“, bellte sie heiser und wedelte mit einer Mappe. „Ziehst du heute noch deinen Pullover aus, oder brauchst du eine extra Einladung?“

„Nicht nötig. Im Ausziehen bin ich Expertin“, gab Sophie spöttisch zurück.

Die Dame verzog das Gesicht, schwieg aber dazu. Sophie unterdrückte ein Grinsen. Mit einer lasziven Geste streifte sie den petrolfarbenen Pullover ab. Sie hatte ihn gewählt, weil er besonders gut zu ihrem langen brünetten Haar passte.

Aber der alten Hexe und ihren Assistenten war das offensichtlich vollkommen egal. Alles, was zählte, war Haut.

Verdammte Fleischbeschau.

Eine übereifrige Sekretärin riss Sophie den Pullover aus der Hand. Jetzt trug sie nur noch ein dünnes Unterhemd, dessen Träger ihre scharfen Schlüsselbeine betonten.

Dann näherte sich die Meute und fasste jeden Zentimeter ihres Körpers scharf ins Auge.

Diese Leute organisierten ein Shooting für Kleider, die eine aufsteigende Jungdesignerin entworfen hatte. Noch war sie in New York relativ unbekannt, aber sie hatte die richtigen Kontakte gewählt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis man ihren Namen in den Klatschblättern lesen und ihr Gesicht auf Partyfotos sehen würde, die auf hippen New Yorker Dachterrassen abgelichtet worden waren.

Partys, zu denen man eine ausdrückliche Einladung brauchte. Und zu denen Sophie zugegebenermaßen selbst gerne ging.

Bei einer jener Partys hatte sie Gerüchte über die Designerin aufgeschnappt. Hinter vorgehaltener Hand hieß es, dass ihre schrägen Seidenkleider demnächst in der Vogue erscheinen sollten.

Die Vogue.

Davon hatte Sophie schon als kleines Mädchen geträumt. Damals, als sie ihre Mutter bekniet hatte, beim Einkaufen den 12-Meilen-Umweg in die nächstgrößere Stadt zu machen, um die Vogue zu besorgen, weil es diese in ihrem kleinen Kaff nicht einmal zu kaufen gab.

Ihre Mutter hatte nur widerwillig nachgegeben und die Zeitschrift mit einer Mischung aus Verachtung und Neugier betrachtet. Sophie solle ihr Taschengeld lieber für etwas Sinnvolles ausgeben, hatte sie sich beschwert. Sie hatte nie zugegeben, dass sie die Vogue selbst gerne gelesen hätte.

Für etwas Sinnvolles, hatte sie gesagt, anstatt für Modelügen.

Lügen hatte sie es genannt.

Sophie nannte es Träume.

Und manchmal, ganz selten, gingen Träume in Erfüllung.

„Dreh dich um!“, fauchte die Ältere in diesem Moment. „Was ist mit deinen Oberschenkeln? Die berühren sich doch nicht etwa?“

So viel dazu, was passierte, wenn Träume sich erfüllten.

Sophie fühlte sich an Paris erinnert.

Das war der erste Traum gewesen, der sich beinahe als Albtraum entpuppt hätte. Vor einem Jahr hatte ihr die Agentur zu einem ersten großen Auftrag verholfen.

Sie durfte nach Paris fliegen und für eine bekannte europäische Kosmetikkinie modeln.

Paris! Und ihr Gesicht auf Tausenden Plakaten, in Zeitungen, Stores …

Zunächst hatte sich das wie das Paradies angehört. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Sophie noch nie Amerika verlassen. Sie war noch nicht einmal in Kanada gewesen, ganz zu schweigen von Übersee.

Sie hatte ihren Koffer mit ihren schönsten Kleidern gefüllt – und übergroßen Hoffnungen.

Aber es war besser, nicht daran zu denken, wenn man einen Kunden von sich überzeugen wollte. Auch wenn es sich bei ihrem Gegenüber gerade um ein altes, bösartiges Weib handelte. Wie war noch mal ihr Name? Olive. Olive Hunter.

Die hatte den strengen Blick in Sophies Modelbook versenkt und blätterte kritisch darin. Mit geübtem Griff hielt sie den DIN-A 4-Ordner und drehte die Klarsichthüllen herum, bis sie bei einem bestimmten Foto innehielt. Ihr Gesichtsausdruck wurde für eine Sekunde sanfter. „Na schön“, ordnete sie an. „Und jetzt gehst du bis ans andere Ende des Raums, drehst dich und läufst auf uns zu“, kommandierte die Alte.

Wenn’s weiter nichts ist, dachte Sophie. Eines der Bilder musste Olive offenbar gefallen haben. Sophie wusste, dass sie in den vergangenen Jahren einige beeindruckende Fotos gesammelt hatte. Sie schob das Kinn vor, machte sich gerade, straffte die Schultern und stakste los. Ihre langen Beine verfielen sofort in den typischen zackigen Modelgang, der sie für den Laufsteg qualifiziert hatte.

In diesen Augenblicken konnte Sophie die Welt um sich herum einfach ausblenden. Sie vergaß Olive mit dem strengen Haarknoten, sie vergaß die missgünstigen Blicke der jungen Assistentin und dass sie sich in diesem Moment verkaufen musste. Und sie vergaß, dass sie eine alte Röhrenjeans und ein fadenscheiniges Trägerhemdchen trug, durch das man bei genauem Hinsehen ihre Nippel erkennen konnte.

Stattdessen stellte sie sich vor, sie würde ein Kleid von Dior tragen. Eines dieser wunderschönen, skulpturalen Kleider, ein Traum in Schwarz und Weiß, das sie zu jemand anderem machen würde.

Ein Kleid, das sie aus dem zugigen Loft herausheben würde, über die Enge der Hochhausschluchten hinaus, hoch über die Dächer von New York, und sich wie Flügel auf ihrem Rücken spannen würde, bis sie dem Lärm und dem Smog entkommen und die untergehende Sonne berühren würde, mit hoch erhobenem Kopf …

Die Tür flog auf. „Sorry, bin zu spät.“

Sophies Blick glitt unwillkürlich zur Seite. Ein großer Typ mit Lederjacke und lässiger Jeans lehnte im Türrahmen und sah sie an. Er hatte dunkel glänzendes, beinahe schwarzes Haar, das Sophie an den Lack der Gondeln erinnerte, die sie in einem Prospekt über Venedig gesehen hatte. In dem Reiseprospekt, den sie vor den WG-Mädels unter dem Bett versteckt hielt.

Der Typ grüßte die Haarknoten-Lady flüchtig, nickte den Assistenten zu und musterte dann mit unverhohlener Neugier Sophies Gang.

Für den Bruchteil einer Sekunde geriet sie aus dem Takt, doch sie hatte sich schnell wieder gefangen. Ihre schwindelerregenden Absätze warfen ein scharfes Klicken in den hohen Raum. Sie versuchte, dem Typen dieses Klicken wie eine Waffe entgegenzuschleudern, weil er ihren Lauf unterbrochen hatte.

Der lehnte noch immer lässig an der Tür und betrachtete Sophie mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck. Es war schwer zu sagen, ob ihm gefiel, was er sah. Er hätte ebenso gut ein interessantes Gemälde betrachten können oder eine seltene Art von Schmetterling.

Es war der Blick, den Fotografen oft aufsetzten, wenn es in ihrem Kopf zu arbeiten begann. Und in diesem Moment wurde Sophie klar, dass dieser Typ tatsächlich ein Fotograf war.

Alles klar. Mit denen konnte sie inzwischen umgehen. Was hatte ihre Freundin einmal über Fotografen gesagt? Denen darfst du nicht weiter trauen, als du sie werfen kannst.

Und Sophie hatte es sich zu Herzen genommen.

Leider zu spät.

Aber mittlerweile hatte sie genug Erfahrung gesammelt, um den Job gut zu machen. Und sie machte sich sogar manchmal einen Spaß daraus, die Fantasie der Fotografen anzuheizen. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem man beliebig die Rollen vertauschen konnte.

Und sobald sie sich vor der Kamera wohlfühlte, wurde sie zur Katze.

Zur Raubkatze.

Sophie reckte das Kinn noch ein wenig höher und stolzierte auf den langen Tisch zu, an dem Mrs. Haarknoten saß. Dieser war keine ihrer Bewegungen entgangen. „Gut“, gab sie zu. „Das war wirklich gut.“ Ihr herablassender Tonfall war eine Spur freundlicher geworden. „Du kannst dich wieder anziehen. Wir werden uns melden.“

Wir werden uns melden. Wie oft hatte Sophie diesen Spruch schon gehört?

In den meisten Fällen nichts als eine hohle Phrase.

„Danke“, erwiderte sie artig und streckte die Hand aus, um das Modelbook zurückzunehmen.

In dieser Sekunde löste sich der Typ mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung von seinem Platz an der Tür und schnappte sich die Mappe, bevor Sophie sie entgegennehmen konnte. „Hey!“, empörte sie sich.

Die Haarknoten-Lady sah sie missbilligend an. „Du solltest ihn einen Blick darauf werfen lassen“, tadelte sie Sophie, als sei sie eine Schülerin. „Immerhin wird er die Fotos machen. Falls du den Job bekommst“, fügte sie mit gerümpfter Nase hinzu. Und obwohl sie reichlich Arroganz zutage trug, hatte sie ihre guten Manieren nicht vergessen. „Darf ich vorstellen? Das ist Adrian Clark. Adrian, hier haben wir Sophie Warner.“

Adrian Clark? Irgendwo hatte Sophie den Namen schon einmal gehört. Aber in welchem Zusammenhang? Wer hatte über ihn gesprochen?

Zu ihrem Erstaunen fügte Olive hinzu: „Sophie hat ein beeindruckendes Modelbook mitgebracht. Ich denke, es könnte dir gefallen, Adrian.“

Der Typ wirkte nicht sonderlich beeindruckt. Er musterte Sophie abschätzig. Seine Augen waren von einem warmen, dunklen Braun, aber es war unmöglich zu sagen, was in ihm vorging.

Unter seinem Blick wurde Sophie warm, obwohl sie noch immer den Pullover in der Hand hielt. Siedend heiß wurde ihr bewusst, wie durchsichtig ihr Hemdchen aus der Nähe war.

Aber der Typ achtete weder auf ihre Brüste noch auf ihre nackten Arme, noch nicht einmal auf ihr Schlüsselbein.

Stattdessen fixierte er ihr Gesicht.

Was für ein Blick …

Er veränderte sich. Jetzt lag eine distanzierte Bewunderung darin. Er tastete ihre Stirn ab und die hohen Wangenknochen.

Die Wangenknochen waren es, die ihr den ersten Modeljob beschert hatten. Die Wangenknochen, die so hoch und scharf waren, dass man sich daran schneiden konnte, wie einmal ein Fotograf über sie gesagt hatte.

Inzwischen gehörten die Wangenknochen zu Sophies Markenzeichen.

Ebenso wie die grün-blauen Augen, die je nach Lichteinfall die Farbe wechselten. Mal sahen sie aus wie das Gefieder eines Eisvogels, mal erinnerten sie an frische Minzblätter in einem eisgekühlten Cocktailglas.

Es waren die Augen einer Raubkatze.

Dann betrachtete Adrian ihren Mund. Sie hatte volle Lippen und einen anmaßenden Zug um die Mundwinkel, der dies ein bisschen nach unten zog und ihr einen gleichgültigen Schmollmund zeichnete.

Sophie hatte den Schmollmund während ihrer Laufbahn als Model kultiviert und setzte ihn gezielt ein, um Kunden zu beeindrucken und Fotografen herauszufordern.

Anders als im Job liebte sie es aber, zu lachen – besonders mit guten alten Freundinnen. Hier in New York lagen die Dinge anders. Wann hatte sie überhaupt das letzte Mal richtig gelacht?

Manchmal vermisste sie ihre beste Freundin aus Merwood so sehr, dass sie sich lautlos in den Schlaf weinte. Aber das hätte sie niemals jemandem erzählt.

Adrians Blick berührte ihr Gesicht mit einer Intensität, von der ihr schwindlig wurde.

Er ist Fotograf, sagte sie sich. Er sieht jedes neue Mädchen so an. Für ihn bist du nur ein weiteres Gesicht für sein Portfolio.

Und doch hatte sie noch nie jemand so angesehen.

Es lag nicht einmal Begehren in seinem Blick. Wenn dem so war, konnte er es zumindest gut verschleiern.

Sophie fühlte sich vielmehr daran erinnert, wie Menschen manchmal aussahen, wenn sie eine Kathedrale betraten: ernst, feierlich und beinah ein bisschen ehrfürchtig.

Doch gleich darauf war der Ausdruck verschwunden. Wie weggewischt. Und stattdessen zeigte er dieselbe arrogante, gleichgültige Miene, die sie selbst so oft aufsetzte, um sich andere vom Leib zu halten.

„Lass mal sehen“, sagte er knapp und begann in ihrem Modelbook zu blättern.

Sie wusste genau, was ihn dort erwartete. Wie oft hatte sie die einzelnen Fotos umsortiert, getauscht und in eine andere Reihenfolge gebracht. Es gab Bilder von ihren ersten Shootings, Fotos ihrer letzten Kampagne und einige Polaroids. Außerdem hatte sie ein Schwarz-Weiß-Bild in das Portfolio geschmuggelt, das ein unbekannter Fotograf aus Brooklyn gemacht hatte – das ihr aber sehr am Herzen lag, weil es eine andere Seite von ihr zeigte.

Eine dunklere Seite.

Auf diesem Bild lehnte sie an einer Mauer, die mit wilden Graffiti besprayt war. Die Graffiti bildeten einen finsteren, bedrohlichen Schlund, der sich um die Worte EXIT schloss. Sophie stand mit dem Rücken zur Wand und hatte die Lider gesenkt. Immer, wenn sie dieses Foto betrachtete, wurde sie daran erinnert, was sie in diesem Augenblick gefühlt hatte: Angst und eine unbestimmte nervöse Erregung. New York mit seinem mächtigen Puls hätte sie am Anfang beinahe verschluckt – doch dann hatte sie ihre starke Seite entdeckt. Ihre harte Seite. Und diese hatte sie der Stadt entgegengesetzt.

Adrians Aufmerksamkeit richtete sich jedoch zunächst auf die Polaroids.

Auch damit hatte Sophie gelernt umzugehen. Man wurde von der Agentur ungeschminkt und unfrisiert vor eine kahle weiße Wand gestellt und in einem erbarmungslosen weißen Licht fotografiert, damit potenzielle Kunden die ungeschminkte Wahrheit über das Model zu sehen bekamen.

Anfangs waren Sophie diese Bilder unangenehm gewesen. Ihr Ego war durchaus angreifbar, und es war eine Herausforderung gewesen, ohne Kajal und Wimperntusche in die Kamera zu sehen.

Aber dann hatte sie die Polaroids ihrer Model-Kolleginnen gesehen und hatte etwas von dem Druck verloren, der auf ihren Schultern lastete. Keines der Mädchen war auf diesen Bildern perfekt. Sie zeigten gnadenlos jede Hautunreinheit, jedes Fältchen, jedes verirrte Augenbrauenhaar.

Und trotzdem tat das der Schönheit der Mädchen keinen Abbruch.

Im Gegenteil, Sophie war oft darüber schockiert, wie aus einem hübschen Mädchen mit natürlichem Aussehen durch den Computer am Ende ein Püppchen mit Plastikhaut und alienhaften Kulleraugen gebastelt wurde.

In der Branche war eben alles erlaubt, was die Illusion von Schönheit erhielt.

Adrian konzentrierte sich noch immer auf die Polaroids.

Die Haarknoten-Lady räusperte sich. „Wir würden hier gerne weitermachen“, erklärte sie in einem Ton, mit dem man Glas zum Zerspringen bringen konnte.

Der Typ blieb völlig unbeeindruckt. „Sicher. Komm, Sophie, wir gehen auf den Flur. Hier sind wir doch nur im Weg.“ Ohne einen Blick auf die anderen Mädchen zurichten, ging er hinaus.

Die Mappe nahm er mit.

Sophie blieb nichts anderes übrig, als ihm nachzulaufen.

Ärgerlich trat sie in den Flur und schloss leise die Tür hinter sich. Hier gab es zumindest große Fenster, durch die man in einen kahlen Hinterhof sehen konnte. Doch auch wenn die Sonne im September noch viel Kraft hatte, kam in diesem Hof nichts davon an. Die umliegenden Häuser waren so hoch, dass sich die Sonnenstrahlen irgendwo dort oben fingen, von den Mauern geschluckt wurden und schließlich versickerten.

Alles, was hier unten im zweiten Stock davon ankam, war eine diffuse Ahnung von Licht.

Sophie seufzte. „Bekomme ich jetzt meine Mappe zurück?“ Sie streckte die Hand aus.

„Hast du es so eilig?“

„Ich denke, die da drin haben sich schon entschieden. Für Madison.“ Sophie hatte den Namen der Blonden auf deren Mappe gesehen.

„Abwarten.“ Das war alles, was Adrian dazu sagte. Dann öffnete er erneut das Modelbook und musterte die Polaroids. Er war ihr so nahe, dass sie den zarten Schatten sehen konnte, den seine dichten dunklen Wimpern auf seine Haut warfen. Trotz seiner dunklen Haare war seine Haut hell, beinah transparent. Auch er sah nicht so aus, als würde er viel Sonne bekommen.

Vielleicht arbeitet er zu viel, überlegte sie. Und die Schatten unter seinen Augen sind Ringe, weil er zu wenig Schlaf findet.

Sophie verlagerte unruhig das Gewicht. „Ich habe einen langen Heimweg“, erklärte sie. „Und ich habe heute noch etwas anderes vor.“ Das stimmte nicht ganz. Aber es machte sie nervös, wie Adrian ihre Fotos ansah.

Und sie selbst.

„Wo musst du hin?“

Das geht dich gar nichts an, lag ihr auf der Zunge. Aber sie musste an den Job denken. Es war nicht gut, sich beim ersten Treffen mit einem Fotografen unbeliebt zu machen. Selbst wenn sie nicht für das Shooting gebucht wurde – es war nicht gesagt, ob sie nicht in Zukunft noch einmal auf Adrian treffen würde.

„Harlem“, sagte sie stattdessen knapp.

„Wo genau?“

„Wozu willst du das wissen?“ Sophie hob den Kopf. Selbst wenn sie sich streckte, reichte sie Adrian gerade bis ans Kinn. Es war eine angenehme Abwechslung zu dem letzten Fotografen, der mit seiner feisten Statur und seiner Hakennase nicht einmal über ihre Schulter sehen konnte. Was ihn allerdings nicht davon abgehalten hatte, sie unangenehm anzuflirten. Aber gierige Blicke, die von unten kamen, ließen sich einfacher übersehen.

Früher war Sophie für ihre Größe gehänselt worden. In der Schule hatte sie oft gewünscht, sie wäre so klein und anschmiegsam wie die anderen Mädchen. Diese konnten sich einfach in der Gruppe verstecken, wenn es nötig war. Sie dagegen hatte die anderen immer um einen Kopf überragt. Besonders im Sportunterricht hatte es keine Chance gegeben unterzutauchen – was oft zu peinlichen Zusammenstößen geführt hatte.

In der Schule hatte Sophie Sport gehasst. Dort war ihr systematisch die Freude an Bewegung genommen worden, indem sie nur herumkommandiert, verglichen und ausgelacht wurde. Damals hatte ihr niemand erklärt, wie sie mit ihren langen Gliedmaßen umgehen sollte. Sie hatte sich wie ein dünnes, staksiges Fohlen gefühlt, das seine Bewegungen noch nicht koordinieren konnte.

Meistens war sie die letzte gewesen, die in ein Team gewählt worden war.

Wenn ihre Sportlehrerin sie heute sehen könnte! Sophie ging beinahe jeden Tag joggen und liebte es, auf Inlineskates durch die Straßen zu flitzen. Eine Weile war sie sogar zum Kickboxen gegangen, doch dieser Sport hatte sich schließlich nicht mehr mit dem Modeln vertragen. Zu viele blaue Flecken.

„Warum bist du so kratzbürstig?“, stellte Adrian die Gegenfrage. Etwas in seinen Augen veränderte sich. Der dunkle Glanz darin verblasste. Er klappte die Mappe zu und reichte sie Sophie. „Ich habe dir eine einfache Frage gestellt. Dass ihr Models euch immer gleich einbildet, wir wollten euch stalken.“

Sophie spürte, wie auf ihren Wangen zarte pinkfarbene Male aufblühten. „Ich bilde mir gar nichts ein. Und ich bin nicht wie alle anderen.“

„Sicher.“ Adrians Tonfall hatte einen beißenden Klang angenommen. „Du glaubst doch, jeder Fotograf würde sich sofort in dich verlieben. Du lässt dich eine Zeit lang anhimmeln und dann lässt du sie abblitzen. Ich kenne unzählige Mädchen wie dich. Ihr habt nichts im Kopf außer eurem Aussehen und bildet euch ein, die Welt würde sich nur um euch drehen.“

„Wenn das so ist, haben wir ja etwas gemeinsam“, gab sie zurück. Sie musterte verächtlich seine teuren Jeans und die schicke Lederjacke. „Du bist doch selbst Teil der Modewelt. Du machst nichts anderes als oberflächliche Fotos von oberflächlichen Leuten. Dir geht es doch nur ums Äußere. Was willst du mir eigentlich erzählen?“

Mit diesen Worten wirbelte sie auf dem Absatz herum und ließ ihn stehen. Sollte er an seiner Arroganz ersticken.

Doch beim Weggehen spürte sie seinen heißen Blick in ihrem Rücken, als hätte er ein brennendes Messer nach ihr geworfen.

2. KAPITEL

„Adrian Clark? Hat der nicht früher was mit Kunst gemacht?“ Nicole füllte ein Glas mit warmem Wasser und gab einen Spritzer Zitrone hinein.

Sophie sah ihr dabei zu und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Auf dem Heimweg war ihr das Gespräch mit dem Fotografen nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Inzwischen war ihr Zorn verraucht. Sie war müde und wünschte sich nichts sehnlicher als eine tröstliche, heiße Pizza. Aber wie sie Nicole kannte, würde die ihr die Hölle heiß machen, wenn sie auch nur das Wort Pizza in den Mund nahm.

„Wirklich? Was denn?“ Sophie bemühte sich um einen neutralen Plauderton. In Wahrheit war ihr Interesse an dem Fotografen jetzt erst recht geweckt.

Nicole nahm einen Schluck von ihrem Getränk und dachte einen Augenblick nach.

Sophie schüttelte sich. Warmes Wasser! Und das den ganzen Tag lang. Aber Nicole zog die Kur gnadenlos durch. „Das weiß ich nicht“, sagte sie schließlich. „Ich habe mal ein Mädel getroffen, das sich meistens bei seinen Projekten ums Make-up kümmert. Sie sagte, Adrian hätte großes Potenzial und eine künstlerische Ader.“ Sie zwinkerte Sophie zu. „Ich glaube, sie war einfach nur in ihn verschossen. Wahrscheinlich hat er was mit ihr.“

Diese Worte riefen ein unwillkommenes Gefühl in Sophie wach. Die Vorstellung gefiel ihr gar nicht. Aber was hatte sie erwartet? Adrian war Fotograf. Seine Liste an hübschen Freundinnen war vermutlich so lang wie der Broadway.

Sie nahm sich fest vor, nicht mehr an ihn zu denken.

„Ich bin hungrig“, wechselte sie stattdessen das Thema.

Nicole deutete auf den Kühlschrank. „Ich habe eine Wassermelone aufgeschnitten.“

„Großartig“, entgegnete Sophie finster. „Und was gibt es als Hauptspeise?“

„Das ist die Hauptspeise.“ Nicole lachte und knuffte Sophie in die Rippen. Ihre langen blonden Haare waren zu einem schmalen Pferdeschwanz gebunden. Für einen Moment blieb Sophies Blick daran haften. Täuschte sie sich, oder hatte Nicoles Haar seinen Glanz verloren? Es wirkte ungewohnt stumpf. Bei genauerem Hinsehen bemerkte Sophie nun auch die Ringe, die unter den Augen ihrer Freundin lagen.

„Sag mal, geht es dir gut?“, wollte Sophie wissen.

„Sicher. Warum?“

„Ich finde, du siehst ein bisschen müde aus. Hey, ich habe eine Idee. Ich bestelle uns eine Pizza, und wir machen uns einen gemütlichen Abend auf der Couch.“

Nicole schüttelte den Kopf. „Geht nicht. Ich bin gleich mit Marla im Fitnessstudio verabredet.“ Ihre Mitbewohnerin Marla war ebenso wie Nicole einundzwanzig und hatte gerade mit dem Modeln begonnen.

Sophie hob die Braue. „Im Fitnessstudio? Du warst heute Morgen schon joggen.“

„Na und? Wer rastet, der rostet.“

„Ich will ja nur sagen … übertreib es nicht“, gab Sophie leise zurück. „Ich mache mir langsam Sorgen um dich.“

„Ja, Mutter“, neckte Nicole. Sie trank das Glas aus und stellte es in die Spüle. Sie gab sich alle Mühe, unbefangen zu klingen, aber Sophie spürte die Veränderung, die in ihr vorging. Nicoles Tonfall wandelte sich. Er klang jetzt beinah bedauernd. „Wir machen morgen was zusammen, in Ordnung?“ Ihre blassblauen Augen fingen Sophies Blick auf und hielten ihn für einen Moment fest. Es lag ein leerer, hohler Ausdruck in Nicoles Augen, der Sophie an einen hungrigen Vogel erinnerte. Einen hungrigen kleinen Vogel, der aus dem Nest gefallen war.

„Sicher. Viel Spaß im Fitnessstudio.“ Sie beobachtete, wie Nicole ihre langen Beine von dem winzigen Klappstuhl faltete und sich hinter dem Küchentisch hervorzwängte.

Der Raum war viel zu klein, um gemeinsam darin zu essen. Wenn alle drei Mädchen der Model-WG zu Hause waren, mussten sie sich mit dem Essen abwechseln oder in den Flur setzen. Allerdings kam es ohnehin nicht häufig vor, dass sie gemeinsam kochten.

Während Nicole in ihrem Zimmer verschwand, um ihre Trainingskleidung zu holen, dachte Sophie an ihre beste Freundin in Merwood. Wehmütig erinnerte sie sich an die Abende, an denen sie sich mit Chips und Schokolade versorgt hatten und zum Picknick zu ihrer Lieblingslichtung geradelt waren.

Damals hatten sie keine Kalorien gezählt. Und damals war es Sophie viel leichter gefallen, sich zu entspannen. Gemeinsam mit ihrer Freundin hatte sie auf der Picknickdecke gelegen, den Wolken nachgesehen und die Gedanken schweifen gelassen. Wie oft hatte sie sich ausgemalt, wie es wäre, eines Tages aus dem begrenzten Leben im Dorf auszubrechen.

Wie es wäre, die schönsten Kleider zu tragen und die wertvollsten Schuhe. Zu rauschenden Partys zu gehen und interessante Menschen kennenzulernen.

Mit einem Mal kam ihr die winzige WG-Küche schrecklich beengt vor. Vor ihrem inneren Auge verblassten die Bilder der Lichtung und des weiten Himmels über Merwood. In diesem Himmel hatte man sich leicht in Träumen verlieren können.

Hier konnte man den Himmel nicht einmal sehen.

Einem plötzlichen Impuls folgend, räumte Sophie den Stuhl beiseite, auf dem Nicole eben noch gesessen hatte. Sie schob den wackligen Tisch gegen den Herd und öffnete das dahinterliegende Fenster. Vor dem Fenster war die Feuerleiter zu sehen. Wenn man am Küchentisch saß, konnte man die Stufen mit dem verrosteten Gitterwerk von unten betrachten.

Sophie wohnte nun seit zwei Monaten in der WG – und sie hatte noch nie erlebt, dass eines der Mädchen das Fenster geöffnet hatte. Daher war auch sie nie auf die Idee gekommen. Bis jetzt.

Sie legte den Klappriegel um und versuchte, den Rahmen hochzuschieben. Das weißlackierte Holz splitterte und klemmte und ließ sich nur schwer öffnen. Ganz offensichtlich war es sehr lange nicht mehr benutzt worden.

Aber schließlich gelang es Sophie, das Fenster zu öffnen. Vorsichtig reckte sie den Kopf nach draußen. Rechts vom Fenster befand sich ein Treppenabsatz, auf dem bequem zwei Personen Platz zum Sitzen fanden.

Ohne zu Zögern schwang Sophie das Bein über das Fensterbrett, hielt sich am Rahmen fest und ließ sich nach draußen gleiten. Dort setzte sie sich auf die kleine Empore und sah nach unten auf die Straße.

Die WG befand sich im dritten Stock. Der Fahrstuhl war defekt, aber niemand wollte sich darum kümmern. Sophie störte das nicht, denn enge Räume waren ihr ohnehin zuwider. Die anderen Mädels nutzten das Treppenhaus zum ersten morgendlichen Work-out.

Als Sophie vor drei Jahren allein nach New York gekommen war, hatte sie zunächst eine kleine gemütliche Wohnung in Brooklyn bezogen. Der Mann ihrer Tante hatte ihr bei der Wohnungssuche geholfen und für sie gebürgt. Damals hatte Sophie noch keine Ahnung gehabt, wie schwer es war, an die heiß begehrten Wohnungen in New York heranzukommen.

Sie hatte zur Zwischenmiete gewohnt, weil sich die Besitzerin für ein halbes Jahr im Ausland aufhielt. Zu jener Zeit hatte Sophie den weiten Weg von Brooklyn nach Manhattan oft verflucht, aber die Wohnung selbst hatte sie sehr zu schätzen gelernt.

Sie war gemütlich eingerichtet gewesen und voll liebevoller Details. Die Besitzerin hatte ihr erlaubt, sich an dem Bücherregal zu bedienen, was Sophie ausgiebig getan hatte. In den ersten Monaten war Sophie in New York sehr einsam gewesen. Und weil sie anfangs oft zu schüchtern war, um alleine auszugehen, hatte sie sich Abend für Abend in die Bücher vertieft.

Die Frau, der die Wohnung gehört hatte, war Kuratorin eines Museums. Aus diesem Grund fanden sich unzählige Bildbände und Werke über Kunst und Kunstgeschichte in ihrer Bücherwand. Zu Sophies großer Freude fand sie auch ein Buch über Kostümgeschichte.

Bis dahin hatte sie lediglich die Vogue verschlungen und die aktuelle Mode bewundert – aber ab diesem Zeitpunkt entdeckte sie die Faszination für vergangene Epochen und die Kunstfertigkeit ehemaliger Schneider und Modeschöpfer.

Es war, als würde sich eine neue Welt öffnen, und Sophie hatte mehr denn je den Wunsch verspürt, in diese Welt einzudringen und in den Farben und Stoffen zu schwelgen.

Als sie nach einem halben Jahr die Wohnung verlassen musste und in die erste Model-WG gezogen war, die ihr die Agentur empfohlen hatte, war ihre Hoffnung groß gewesen, ihre Begeisterung endlich mit jemand teilen zu können.

Aber in dieser WG hatten nur Neid und Missgunst gewohnt. Niemand interessierte sich dort für Kostümgeschichte. Die Themen kreisten um Diäten und Partys, die neuesten Skandale und Klatsch und Tratsch aus der Modewelt. Hier war Sophie mit keinem der Mädchen warm geworden. Sie hatte gemerkt, dass es nicht klug war, etwas Persönliches zu erzählen, weil man es gegen sie verwendete. So hatte sie sich mehr und mehr verschlossen.

Vor allem ihr Heimatort wurde zum sensiblen Thema. Ihre Modelkolleginnen hatten so oft abfällig von Provinzlern und Landeiern gesprochen, dass Sophie sich geschworen hatte, von nun an ihre Herkunft zu verschweigen.

Denn eines war klar: Eine Unschuld vom Lande konnte gar keine großen Aufträge bekommen. Dafür brauchte es das Flair einer Großstädterin. Eine kühle, mondäne Schönheit, die nachts in New Yorks Lichtermeer badete und die Füße nur auf rote Teppiche setzte.

Auch wenn Sophie davon überzeugt war, dass nicht einmal die Hälfte ihrer damaligen Mitbewohnerinnen selbst gebürtige New Yorkerinnen waren.

Aber so funktionierte nun einmal die Glamourwelt. Image war alles.

Sophie schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen das Geländer. Wenn sie heute an die ersten Aufträge zurückdachte, die sie als Model bekommen hatte, wurde ihr bewusst, was für einen weiten Weg sie bereits zurückgelegt hatte. Heute konnte sie darüber lächeln. Aber damals war es ihr alles andere als leicht gefallen.

Die Agentur hatte sie zu unzähligen Go-sees geschickt, aber im ersten halben Jahr wurde Sophie kaum gebucht. Einem Auftraggeber war sie zu klein, dem nächsten zu brünett, der Dritte mochte ihre Hände nicht.

Das sei normal, wurde ihr von der Agentur versichert. Inzwischen wusste sie das. Aber damals hatten die Absagen schwer an ihr gezehrt. Immer wieder hatte Sophie an sich gezweifelt. Immer wieder hatte sie die Worte ihrer Mutter im Ohr, die nicht daran geglaubt hatte, dass sie als Model Karriere machen würde. „Du willst nach New York?“, hatte sie gefragt und Sophie ungläubig angesehen.

„Du wirst dort untergehen“, war ihre finstere Prophezeiung, als sie sich von ihrer Tochter verabschiedet hatte. „Tausende Mädchen wollen Model werden. Man wird dich ausnehmen, und dann wirst du gebrochen zurückkehren.“

Diese Worte hatten wehgetan. Sie hatten so wehgetan, dass Sophie etwas herausgerutscht war, was sie niemals hätte sagen sollen. „Du gönnst mir bloß den Erfolg nicht, weil du es selbst nie weiter gebracht hast als zur Schönheitskönigin in der Highschool. Du bist doch bloß verbittert, weil du nie aus diesem Kaff herausgekommen bist.“

Noch während sie es ausgesprochen hatte, war Sophie die Tragweite ihrer Worte bewusst geworden. Sie hatte ins Schwarze getroffen. Aber noch nie hatte die Wahrheit so weh getan.

In diesem Augenblick war es, als sei in den Augen ihrer Mutter ein Vorhang gefallen. Sie hatte Sophie von allen weiteren Gedanken ausgeschlossen. „Wenn du meinst“, hatte sie gesagt und sich abgewandt. „Wenn meine Tochter sich für etwas Besseres hält, dann muss sie nach New York ziehen und Model werden.“

Das war das Letzte gewesen, was sie vor Sophies Abreise gesagt hatte.

Seither hatten sie kaum noch miteinander gesprochen.

„Hey! Warum weinst du denn?“

Die Stimme riss Sophie aus ihren Gedanken. Sie schlug die Augen auf und sah irritiert um sich.

„Hier oben.“

Sophie blickte auf. Schräg über ihr, auf dem nächsthöheren Absatz der Feuerleiter, hockte eine dicke schwarze Lady und sah sie neugierig an.

Sophie räusperte sich. Mit einem fast ärgerlichen Schlag wischte sie mit dem Handrücken die Tränen von ihrer Wange. „Ich weine ja gar nicht.“

„Wenn du meinst.“ Die Lady hob die runden Schultern. „Ich weiß ja nicht, wie ihr Mädels das nennt, aber für mich waren das Tränen. Richtige dicke Kullertränen.“

Darüber musste Sophie lächeln. „Kann sein. Aber es geht schon wieder.“

Die Lady zog etwas aus der Tasche ihrer pinkfarbenen Caprihose. Es raschelte leise, dann flammte ein Feuerzeug auf. Gleich darauf wehte ein unverkennbarer Hauch nach unten. Es roch wie eine Mischung aus Kräutern und Heu.

„Möchtest du auch?“ Die Lady neigte den Kopf und spähte zwischen den Gittern hindurch.

„Nein, danke.“ Während ihrer Zeit in New York waren Sophie schon oft Drogen angeboten worden – vor allem auf Partys. In bestimmten Kreisen gehörte es beinah zum guten Ton, mitzumachen. Und dabei handelte es sich um weit weniger harmloses Zeug als ein bisschen Gras. Aber Sophie hatte nie etwas davon angenommen. Sollten die anderen doch denken, was sie wollten: Sie wollte ihren Weg mit einem klaren Kopf gehen.

„Ist auch besser so.“ Die andere nahm einen Zug und blies den Rauch in Richtung Straße.

Sophie musterte sie verstohlen. Die Ältere trug ein übergroßes Männer-T-Shirt, das sich über ihre beeindruckende Oberweite spannte. In Höhe der Brüste war ein Peace-Zeichen aufgedruckt. Ihre Füße steckten in neongelben Plateausandalen mit einem Absatz aus Kork, und ihre Zehennägel waren in der entsprechenden Kanarienfarbe lackiert.

„Seid ihr Mädels nicht Models?“, hakte die Lady nach.

„Ja. Meistens.“ Sophie grinste. „Wenn wir nicht heulend auf der Feuertreppe sitzen.“ Sie strich sich das Haar hinter das Ohr und deutete auf die alte, ausgebeulte Jeans, gegen die sie vorhin die enge Röhrenhose getauscht hatte. „Titelseite? Fehlanzeige. Realität? So sieht sie aus.“

Die andere dachte einen Augenblick nach und musterte Sophies schmale Oberarme. „Das wäre nichts für mich“, stellte sie sachlich fest. „Ständig auf die Figur achten. Zum Leben gehört Genuss.“ Mit der freien Hand klopfte sie auf ihren Bauch. „Wer nicht genießt, der hat nicht gelebt!“

Sophie lächelte wehmütig. „Wem sagen Sie das.“

„Das Sie kannst du stecken lassen. Ich bin Marie.“

„Freut mich, Marie. Ich heiße Sophie.“

Eine Minute verstrich schweigend. Der Rauch aus Maries Mund kräuselte sich weißlich in den abkühlenden Herbstabend.

Schließlich fragte Marie: „Was möchtest du machen, wenn du kein Model mehr bist?“

Die Frage überraschte Sophie. „Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher“, gab sie zu. „Ich würde gerne weiterhin mit Mode arbeiten. Oder mit Kunst.“

Marie wiegte den Kopf. Sie hatte kräftiges schwarzes Haar, das sie mit einem flamingofarbenen Tuch gebändigt hatte. Ihre Augen leuchteten wie dunkle Sterne. „Wie alt bist du?“

„Dreiundzwanzig.“

Marie nickte zufrieden. „Ihr Mädels solltet wirklich auf euch achten.“ Sie schnippte den Filter über das Geländer und erhob sich schnaufend. „Es gibt da ein Gedicht, angeblich von dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges. Er soll kurz vor seinem Tod geschrieben haben, wenn er sein Leben noch einmal hätte leben können, würde er nicht so perfekt sein wollen, sich mehr entspannen und sehr viel mehr Eis essen. Oder so ähnlich.“

Das brachte Sophie zum Lachen. „Ich werde es mir merken.“

„Hoffentlich.“ Marie winkte ihr zu. „Hast du einen Freund?“, lautete ihre letzte Frage.

Sophie dachte unwillkürlich an Adrian. „Nein“, entgegnete sie. „Ich kann zurzeit keinen Freund gebrauchen. Ich will mich auf die Arbeit konzentrieren.“

„Lass das Leben nicht an dir vorbeiziehen.“ Mit diesem Ratschlag wandte sich die Lady ab, hob das Bein über die Brüstung des Fensters und verschwand mit einem leisen Ächzen in der oben gelegenen Wohnung.

Sophie schaute noch lange auf die Stelle, wo sie gesessen hatte. Sie lächelte. Eine Grasrauchende Lady, die argentinische Schriftsteller zitierte und ihr riet, mehr Eis zu essen.

So etwas konnte einem eben nur in New York passieren.

Ihre Gedanken folgten dem Gespräch unwillkürlich zurück zu der Frage, ob sie einen Freund hatte.

Nein.

Was sollte sie mit einem Freund anfangen? Die Typen aus der Modewelt, denen Sophie bisher begegnet war, waren launenhaft, leichtfertig und unzuverlässig.

Und die Männer, die nichts mit der Modewelt zu tun hatten, zeigten sich schnell eifersüchtig, wenn man sich vor der Kamera bewegte.

Beides machte einem das Leben nicht leichter.

Trotzdem begann Sophie sich zu fragen, ob Adrian eine Freundin hatte. Ob er wirklich mit dieser Stylistin zusammen war, die Nicole erwähnt hatte? Vielleicht. Andererseits wurde die Gerüchteküche in der Szene schneller angefacht als ein Joint.

Vielleicht hatten die beiden sich auch schon wieder getrennt.

Sophie dachte an die zarten Schatten unter seinen Augen. An ihm wirkten sie auf eine besondere Weise anziehend. Sexy. Womöglich war er ein Nachtmensch.

Sie malte sich aus, wie er nachts in seiner Wohnung am Bildschirm saß und Fotos bearbeitete. Dabei würde er Musik hören und aus einer großen Tasse Kaffee trinken. In ihrer Fantasie trug er ein gut geschnittenes T-Shirt, das seinen wohlproportionierten Oberkörper betonte. Und seine schönen Arme. Tief sitzende Jeans, die die schmalen Hüften zur Geltung brachten.

Und wenn sie demnächst mit ihm arbeiten würde?

Dann würde er nachts vor dem Bildschirm sitzen, ihr Gesicht betrachten, aus Hunderten Posen die besten aussuchen, ihren Körper mit diesem Blick mustern …

„Stopp“, sagte sie laut. Das war nicht die Richtung, in die sie denken wollte.

Das war überhaupt keine Richtung für ihre Zukunft.

Sie blickte nach oben. Von dem Treppenabsatz aus konnte man zumindest den Himmel sehen. Auch wenn er in New York nie so samtig und dunkelblau wurde wie in ihrer Heimat, sondern mit dem Schein der Stadt durchsetzt war, als hätte man einen orangefarbenen Schleier über das Nachtblau gelegt.

Sie atmete tief ein und lauschte dem Summen der Großstadt.

Es erzählte von den tausend Chancen, die auf sie warteten.

Von den tausend Menschen, denen sie noch begegnen würde.

Was zählte da schon ein Fotograf mit schönen Armen?

„New York, da bin ich“, flüsterte Sophie. Sie sandte einen letzten Blick zum Himmel, hielt sich am Fensterrahmen fest und ließ sich zurück in die Wohnung gleiten.

Adrian wurde vom Klingeln seines Telefons aus dem Schlaf gerissen.

Mit geschlossenen Augen tastete er nach dem Nachtschränkchen. Da krachte etwas herunter. Fluchend riss er die Augen auf und erhob sich. Das Mobiltelefon war heruntergefallen und klingelte auf dem Teppich fröhlich weiter, als wollte es Adrians Schlaftrunkenheit besonders hervorkehren.

Er angelte sich das Telefon. „Hallo?“

„Guten Tag, Adrian. Hier ist Olive Hunter.“

Tag? Adrians Gefühl nach war es sechs Uhr morgens. Ein rascher Blick auf den Radiowecker belehrte ihn eines Besseren: Es war bereits Viertel nach elf. „Hallo, Olive.“ Mit Daumen und Zeigefinger rieb er sich die Augen. Olive Hunter hatte in der Vergangenheit als Model Scout gearbeitet. Inzwischen betreute sie Modenschauen und wurde gerne von Designern engagiert, um eine Vorauswahl an potenziellen Models zu treffen und bei den Modenschauen beratend zur Seite zu stehen.

Adrian war ihr schon öfter begegnet. Die Models fürchteten sie wegen ihrer strengen Art, aber die Designer schätzten sie für ihr untrügliches Gespür. Kaum jemand konnte so gut einschätzen, welches Model welche Kleidungsstücke am besten zur Geltung brachte. „Was kann ich für dich tun, Olive?“

„Ich wollte dir nur mitteilen, dass sich das Team von Tara Guthier heute Morgen entschieden hat. Sie wollen Sophie Warner. Was hältst du davon?“

Das war neu. Seit wann fragte Olive nach seiner Meinung? Vermutlich aufgrund des letzten Projekts, an dem sie gemeinsam gearbeitet hatten. Adrian hatte die Titelplakate für ein großes Modeevent fotografiert, und das Model hatte Olive ausgewählt. Die Lady aus Stahl mit dem festen Haarknoten geizte für gewöhnlich mit Lob – aber Adrians Fotos hatten ihr außergewöhnlich gut gefallen.

Allerdings beschäftigte Adrian nun ein ganz anderer Gedanke. Wenige Sekunden verstrichen, bis er mit dem Namen Sophie Warner ein Gesicht in Verbindung brachte. In seinem Beruf begegnete er tagtäglich so vielen Menschen, dass er manchmal die Namen nicht mehr zuordnen konnte.

Aber an dieses Gesicht konnte er sich erinnern.

Allzu gut.

Sofort war er hellwach. „Was ich davon halte?“ Er sprang aus dem Bett und lief im Zimmer auf und ab. Er war froh, dass Olive ihn nicht dabei sehen konnte. „Ich denke, das war die richtige Entscheidung. Sie … hat ein interessantes Gesicht.“

Unwillkürlich schüttelte er den Kopf. Interessantes Gesicht. Das war die Untertreibung des Jahres. Interessant traf es nicht annähernd.

Sie hatte das Gesicht einer Göttin.

Einer stolzen, mächtigen Göttin aus einer vergangenen Epoche, die wiederauferstanden war, um die Welt mit ihrer reinen Schönheit um den Verstand zu bringen.

Allerdings war es auch eine mutige Entscheidung von Olive. Denn Sophie war keines dieser puppenhaften, gefälligen Models, die für gewöhnliche Mode gebucht wurden. Sophies Gesicht gehörte in die Welt der Haute Couture – der High Fashion.

So ein Gesicht verband man mit luxuriösen Materialien, maßgeschneiderter Kleidung und renommierten Modehäusern.

Adrian wusste sehr genau um den Unterschied. Er kannte sehr hübsche Mädchen, die es nie weiter als zum Katalogmodel gebracht hatten. Und er kannte Mädchen, die ihre außergewöhnlichen, ausdrucksstarken Gesichter ganz unerwartet auf die Pariser Laufstege befördert hatten.

Sophie zählte zu diesen Mädchen. Mit ihren hohen Wangenknochen konnte sie es mit den Königinnen der Modewelt aufnehmen.

Es war, als hätte Olive seine Gedanken erraten. „Dieses Mädchen könnte es weit bringen“, stellte sie fest. „Wenn sie sich nicht selbst im Weg steht.“

„Was meinst du damit?“, wollte Adrian wissen.

„Nun, ich habe den Eindruck, dass sie sich nicht gerne unterordnet. Aber du weißt ja, wie das Mode-Business ist“, fügte sie nachdenklich hinzu. Sie seufzte.

Oh ja. Das wusste er. Manchmal wurden Models behandelt wie Schaufensterpuppen. Was sie allerdings nicht davon abhielt, sich wie Prinzessinnen aufzuführen. Für viele Männer hatte allein das Wort Model einen magischen, verführerischen Klang.

Für Adrian nicht.

Nicht mehr.

Dagegen klang es für ihn nach Eitelkeit, Größenwahn und Oberflächlichkeit. Er hatte das oft genug erlebt. Zu Anfang war allerdings auch er darauf hereingefallen.

Als er in die Modebranche eingestiegen war, hatte er sich für kurze Zeit im Paradies gewähnt. In einem Paradies aus fantastischen Locations, wertvollem Equipment und schönen Mädchen. Nichts schien unmöglich. Früher hatte er um jede technische Ergänzung seiner Kameraausrüstung kämpfen müssen. Wenn er heute am Set etwas brauchte, musste er bloß einer Assistentin Bescheid geben, und innerhalb einer Stunde war das Gewünschte da. Einen anderen Diffusor? Kein Problem. Ein neues Beauty-Dish? Gerne. Zwei weitere Assistenten, deren einzige Aufgabe darin bestand, stundenlang die Reflektoren im richtigen Winkel zu halten? Sind in fünf Minuten da.

Wo Adrian früher tagelang an Lösungen gefeilt hatte, um den Mangel an Equipment auszugleichen, wurde ihm heute Hightech zur Verfügung gestellt, das jegliche Überlegung überflüssig machte.

Und trotzdem habe ich früher bessere Fotos gemacht, dachte er. Oder gerade deswegen.

Aber derlei Gedanken schob er regelmäßig beiseite. Jetzt war seine Zeit. Jetzt konnte er Geld verdienen und seinem Vater beweisen, dass er sich hier behauptet hatte.

In New. York. City.

Und das ließ er sich von niemandem mehr nehmen. Er würde sich von niemandem mehr ablenken lassen. Weder von seinen Eltern noch von einem hübschen Gesicht.

Auch nicht, wenn es so atemberaubend war wie das von Sophie Warner.

Da wurde ihm bewusst, dass er Olive am Telefon noch immer eine Antwort schuldig war. „Du weißt doch, wie das ist“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Wenn Sophie es nicht bringt, warten tausend andere Mädchen darauf, ihren Job zu machen.“ Seine Worte klangen in seinen eigenen Ohren hart. Eiskalt.

Aber es ist die Wahrheit, versuchte er sich ins Gedächtnis zu rufen.

„Da hast du wohl recht“, gab Olive zu. „Trotzdem wäre es schade. Bei diesem Gesicht.“ Sie seufzte erneut. Es klang erschöpft. Es klang so, wie Adrian sich manchmal fühlte, wenn er des gesamten Business’ überdrüssig wurde.

Aber gleich darauf hatte sich Olive wieder in der Gewalt. „Am Donnerstag geht es los. Wenn du noch etwas brauchst, lass es mich wissen.“

„Danke, Olive. Bis dann.“

Er beendete das Gespräch. Heute war Montag. Das gab ihm noch drei Tage Zeit, das Set zu planen und zu überlegen, wie er Tara Guthiers Kampagne zum Erfolg verhelfen konnte. Drei Tage, bis er Sophie wiedersehen würde.

Nicht, dass das eine Rolle spielte.

3. KAPITEL

Als Sophie am Donnerstagnachmittag das Loft betrat, verschlug es ihr für einen Augenblick den Atem. Sie blinzelte gegen das Licht.

Alles, was sie in den ersten Sekunden sehen konnte, war Weiß.

Weiße Decke, weiße Wände, weiße Lampen.

Dann klärte sich ihr Blick. In dem Weiß wurden Konturen sichtbar. Das schönste waren die Papierkraniche. Zu Hunderten schwebten sie unter der Decke, lagen auf dem Boden verstreut und schaukelten von großen papiernen Lampions. Sophie konnte sich gar nicht sattsehen.

Der größte Kranich war an der Decke befestigt und hatte eine Spannweite von über zwei Metern, der kleinste lag zu ihren Füßen und war so groß wie ihre Handfläche. Sie hob ihn vorsichtig auf, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Er war mit großer Kunstfertigkeit gefaltet und von so leichter eleganter Schönheit, dass sie ihn am liebsten behalten hätte.

„Ah, Sophie. Pünktlich bist du ja.“ Die strenge Stimme ließ den Zauber zerplatzen. Sophie sah auf. Olive Hunter stieg behutsam über eine Kabeltrommel und näherte sich mit einem verbindlichen Lächeln. „Was hältst du von dem Set?“, wollte sie wissen und schüttelte Sophies Hand. „Ist es nicht reizend?“

„Es ist wunderschön“, bestätigte Sophie ehrlich. „War das Taras Idee?“

„Nein. Es war Adrians.“ Olive beschrieb den großen Raum mit einer Geste. Zwischen den Papierkranichen wirkten die Kameras und Stative beinah unwirklich fehl am Platz. „Taras asymmetrische, scharfe Schnitte brachten ihn auf die Idee. Er wollte dem Hintergrund ebenfalls etwas Skulpturales hinzufügen, aber gleichzeitig den bunten Kleidern einen starken weißen Kontrast entgegensetzen.“

Sophie nickte schweigend. Insgeheim fand sie die Idee hervorragend. Bisher hatte sie noch nicht viele Stücke aus Taras Kollektion gesehen, doch sie wusste, dass es sich dabei um farbenfrohe Kleider handelte. Vor den weißen Papierkranichen würden sie großartig aussehen.

„Die anderen sind nebenan“, erklärte Olive und deutete auf eine Tür. Sie war ebenfalls weiß gestrichen, daher war sie Sophie nicht gleich aufgefallen. „Sie sind noch dabei, die letzten Kraniche zu falten. Adrian hat extra eine japanische Origami-Künstlerin bestellt, unter deren Anleitung die Kraniche entstanden sind. Fünf Assistentinnen tun seit zwei Tagen nichts als Papier falten.“ Sie klang ein wenig wie eine stolze Mutter, die mit der Genialität ihres Sohnes prahlte.

„Wow“, kommentierte Sophie. Dann suchte sie den Raum mit den Augen ab. „Wo soll ich mich umziehen?“

Olive deutete auf einen Paravent in der Ecke. Er war ebenfalls weiß, allerdings mit zarten, rosafarbenen Kirschblüten bemalt. „Da hinten. Es gibt sonst nur diesen zweiten Raum, und der ist mit Bastelkram vollgestellt. Und natürlich mit dem Catering.“

Sophie nickte. Für gewöhnlich war das Catering bei kleineren Shootings nichts Besonderes. Wenn man Glück hatte wurden Kaffee und Sandwiches angeboten. Bei größeren Tages-Events gab es auch mal Kuchen und Obst. Aber der Aufwand, der hier betrieben wurde, ließ auf ein Festessen hoffen. Und das war bitter nötig, denn in den vergangenen Tagen hatte Sophie kaum einen Bissen herunterbekommen.

Da öffnete sich die Tür. Eine junge Frau mit einem rubinroten Pagenkopf erschien, gefolgt von – Adrian.

Sophies Puls begann zu jagen.

„Hi, Sophie.“ Adrians Stimme klang betont locker. Er wandte sich an die Frau. „Tara, darf ich dir Sophie vorstellen? Sie wird deine Kollektion repräsentieren. Sophie, das ist Tara Guthier.“

„Freut mich, Sophie.“ Tara bot ihr die Hand. Mit unverhohlener Neugier musterte sie Sophies Gesicht, ihren Körper und ihre Kleidung. „Magst du meine Kollektion?“

„Ja. Oh ja, sehr“, beeilte Sophie sich zu sagen. In so einem Fall konnte es nie schaden, ein bisschen zu schwindeln. Wenn sie bei Tara einen Stein im Brett hatte, würde das Shooting umso schneller über die Bühne gehen. Andernfalls war es gut möglich, dass die Designer die Models so lange schikanierten, bis sie das – ihrer Meinung nach – perfekte Ergebnis im Kasten hatten. Und das konnte sich über Stunden hinziehen – gesetzt den Fall, sie konnten den Fotografen bezahlen.

Sophie musterte verstohlen Taras Outfit. Sie hatte damit gerechnet, dass die junge Designerin ihre eigenen Kreationen tragen würde. Doch im Gegensatz zu ihren papageienbunten Seidenkleider-Entwürfen war Tara selbst völlig in Schwarz gehüllt. Sie trug einen weiten Pullover über einer enganliegenden Leggings und dazu schwarze Lederstiefel.

Tara bemerkte ihren Blick. „Damit hast du nicht gerechnet, was?“ Sie lachte. „Das ist mein Arbeits-Outfit. Ich fände es albern, am Arbeitsplatz meine eigenen Klamotten zu tragen.“

„Das macht dich sympathisch.“ Die Worte waren heraus, bevor Sophie darüber nachdenken konnte. Gleich darauf hätte sie sich die Zunge abbeißen können. So etwas sagte man in der Branche nicht. Zumindest nicht zu einer Designerin, die man seit einer Minute kannte.

Doch es kam von unerwarteter Seite Hilfe. „Das finde ich auch“, bemerkte Adrian. Er schenkte Tara ein Lächeln, das seinen bis eben noch ernsten Gesichtsausdruck völlig veränderte.

Steht ihm gut, schoss es Sophie durch den Kopf. Wenn es doch für mich gedacht gewesen wäre, fügte sie in Gedanken hinzu.

Olive, die von ihrem Smartphone gefesselt gewesen war, richtete ihre Aufmerksamkeit nun auf Adrian. Ungeduldig verlagerte sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Wir sollten jetzt anfangen“, sagte sie mit Nachdruck.

Sicher, sagte sich Sophie im Stillen. Zeit ist Geld. Das war das Erste, was sie in dem Metier gelernt hatte.

„Gut. Ich schaue mal, wie weit die Mädels sind.“ Mit diesen Worten wandte Adrian sich ab und ging zurück in den Nebenraum.

Auch wenn sie es sich nur schwer eingestehen konnte, war Sophie enttäuscht. Er hatte sie kaum eines Blickes gewürdigt. Dabei hatte sie ungewöhnlich viel Zeit auf ihr Outfit verschwendet. Für gewöhnlich war es ihr vollkommen gleich, mit welcher Kleidung sie am Set erschien. Solange man gepflegt wirkte – und nüchtern –, spielte es ohnehin keine Rolle. Gewaschenes Haar und saubere Finger- und Fußnägel waren Voraussetzung, ansonsten achtete kaum jemand darauf, wie der individuelle Mode-Stil des Models war.

Diese begaben sich ohne zu Murren in die Hände von Stylisten, Haar- und Make-up-Profis, die sie umkleideten, schminkten und verwandelten und schließlich zu einem anderen Menschen machten.

Aber heute hatte Sophie sehr lange in dem WG-Zimmer vor ihrem improvisierten Kleiderschrank gestanden und ausgewählt. Schließlich hatte sie sich für die dunkle Samtleggings und den weichen Kaschmirpullover entschieden, den sie sich von ihrem ersten Honorar als Model geleistet hatte. Es war ihr Lieblingskleidungsstück und verlieh ihr genau den Hauch Glamour, den sie brauchte, um genug Selbstbewusstsein für die Kamera zu haben.

Leider musste sie diesen Pullover nun schon wieder ablegen.

„Ich habe dir die Kleider schon in der richtigen Reihenfolge hingelegt“, erklärte Tara. „Ruf mich, wenn du Hilfe beim Anziehen brauchst. Die Stücke sind … nicht ganz einfach.“ Sie kicherte. „Leider kann ich nicht lange bleiben. Ich habe heute noch einen wichtigen Pressetermin.“ Sie schaute bedauernd auf ihre Armbanduhr.

Sophie begann sich zu fragen, was sie damit meinte. Hoffentlich waren die Kleider nicht so kompliziert, dass man sich darin verheddern oder stolpern würde. Um vor der Kamera eine gute Figur zu machen, musste man sich ganz auf sich selbst konzentrieren – komplizierte Kleidung war dabei nur hinderlich.

Dabei war sie fest entschlossen, Adrian etwas zu bieten, was er so schnell nicht vergessen würde.

Daraufhin wurde sie der Stylistin vorgestellt, die für Haare und Make-up zuständig war. Es war eine herbe, blonde Frau, die sich ohne viel Aufhebens an ihr Werk machte. Sophie war es bloß recht, dass sie keine Konversation betreiben musste. Sie mochte es, wenn die Sache anlief und sich jeder mit Konzentration und Feuereifer auf seine Aufgabe stürzte, um am Ende ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Zu ihrer Erleichterung wünschte sich Adrian auch kein maskenhaftes Glamour-Make-up, sondern setzte auf den natürlichen Look. Zum einen ging das schneller, zum anderen konnte sie sich so auch wiedererkennen, wenn sie am Ende in den Spiegel blickte.

Bei manchen Shootings hatte man Sophie schon so viel Farbe ins Gesicht geschmiert, dass sie kaum noch die Miene verziehen konnte. Es war ein unangenehmes Gefühl. Cremes, Foundations, Make-up, Puder, Rouge – bisweilen wurden bis zu zehn Lagen aufgetragen, die eine harte Schicht auf der Haut bildeten und sie nicht mehr atmen ließen. Wenn Sophie nach so einem Tag nach Hause kam, ging sie als Erstes ins Badezimmer, um die dicke Make-up-Schicht mit viel Seife wieder loszuwerden.

Dennoch gab es genug Kunden, die sich genau diesen Look wünschten. Künstlich. Glatt. Wie Plastik.

Sophie hatte inzwischen gelernt, dass die Kamera grundsätzlich mehr Licht und Farbe verschluckte und dass beim Make-up die Devise galt: Mehr ist mehr.

Aber man musste es ja nicht übertreiben.

Und genau so schien Adrian das auch zu sehen. Er kam hin und wieder vorbei, während Sophie in einer Ecke des riesigen Raumes geschminkt wurde, und schenkte der Stylistin ein knappes Nicken. Dann rauschte er wieder davon, gab letzte Anweisungen, brachte die Papierkraniche in die richtige Position, lenkte die Stative und wechselte die Kameraeinstellungen.

All das tat er mit routinierten Gesten, aber gleichzeitig mit einer Hingabe, die unwiderstehlich wirkte. Sexy. Dieser Mann war vollkommen bei der Sache. Sein Gang war federnd und gleichzeitig entschlossen, seine Haltung dynamisch, und von hinten wirkten seine schmalen Hüften noch verlockender.

Sophie behielt jede seiner Gesten genau im Auge, bis sie Olives Blick bemerkte. Diese schlenderte näher und berührte beiläufig einen der Papierkraniche. „Kinder, das habe ich ja noch gar nicht erwähnt.“ Sie senkte die Stimme und benutzte einen unerwartet verschwörerischen Ton, als würde sie gleich ein intimes Geheimnis verraten. „Nachher kommt eine Autorin von der Vogue vorbei. Sie wird sich das Shooting ansehen. Also strengt euch an.“

Sophies Augen weiteten sich. Eine Autorin der Vogue? Wie konnte Olive etwas so Aufregendes einfach so nebenbei erwähnen?

Adrian dagegen schien unbeeindruckt. Er wandte sich nicht einmal um, sondern justierte weiterhin das Stativ. „Wie hast du denn das geschafft?“, fragte er über die Schulter.

Olive drückte ihren Haarknoten zurecht. „Ich habe ein bisschen die Werbetrommel gerührt. Wenn sich ein junger Starfotograf eintausend Papierkraniche ans Set holt, sollte das auch entsprechend gewürdigt werden.“

Täuschte Sophie sich, oder war Adrian bei dem Wort Starfotograf leicht zusammengezuckt? Schwer zu sagen. Sollte er sich darüber freuen, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.

Ganz im Gegensatz zu Tara. „Im Ernst?“, quiekte sie und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. „Oh. Mein. Gott! Und ich kann nicht einmal bis zum Schluss bleiben.“ Mit einer dramatischen Geste warf sie sich vor dem Schminkstuhl auf die Knie und umfing Sophies Hände mit ihren langen Fingern. „Versprichst du mir, dein Bestes zu geben? Jetzt kommt es auf dich an. Du kannst meine Kreationen lebendig machen.“

Sophie rutschte an die Stuhlkante. Taras Verhalten war ihr beinah unangenehm. Andererseits konnte sie die Aufregung der jungen Designerin nur allzu gut nachvollziehen. „Du kannst dich auf mich verlassen“, versicherte sie und versuchte ein Lächeln, während die Stylistin sie in eine Wolke aus Haarspray hüllte.

Dabei war ihr nicht entgangen, dass Adrian sich umgedreht hatte und sie beobachtete. Doch als sie jetzt aufblickte, hatte er sich schon wieder abgewandt und nestelte an dem schweren Objektiv. „Seid ihr dann so weit?“, fragte er ohne aufzusehen.

„Ja. Wir sind fertig.“ Die Stylistin nahm Sophie den Umhang ab und drehte den Stuhl so, dass sie in den Spiegel sehen konnte. „Gefällt es dir?“

Sophie nickte. „Sieht gut aus. Danke.“ Sie trat hinter den Paravent, um die Kleider zu wechseln. Dort wartete die nächste Überraschung auf sie. Bei Taras Kreationen handelte es sich keineswegs um die langen, stoffreichen Kleider im Hippie-Stil, die Sophie sich ausgemalt hatte. Sondern um schmale, raffiniert geschnittene Seidenbahnen, die mit verborgenen Nähten zusammengehalten wurden.

Wenn man die Kleider in der Hand hielt, wirkten sie wie ein Schal oder ein Turban, der sich bei einer Schlangenbeschwörung aufgelöst hatte.

Sophie hielt die Tücher für einige Sekunden ratlos in den Händen.

Dann steckte Tara den Kopf hinter den Paravent. „Soll ich dir helfen?“

„Oh. Ja, bitte“, gab Sophie erleichtert zu.

Tara hatte keine Scheu, Sophies nackten Körper zu berühren. Mit wenigen, geübten Handgriffen hatte sie die Seide um Sophies Körper geschlungen. Inzwischen war Sophie das gewohnt. Bei Modenschauen musste man sich blitzschnell und vor unzähligen Leuten umziehen, und irgendwann wurden einem die Blicke egal. Es gehörte einfach zum Job.

„So. Fertig.“ Tara trat einen Schritt zurück, um ihr Werk zu bewundern. „Du siehst fabelhaft aus!“ Sie klatschte in die Hände. „Sieh dich im Spiegel an!“

Gehorsam kam Sophie hinter dem Paravent hervor und trat vor den Schminkspiegel.

Olive stand hinter ihr. Sie hob die Brauen. „Ich wusste, dass du die Richtige für den Job bist.“ Sie wedelte mit der Hand. „Adrian, komm rüber. Sieht sie nicht zum Niederknien aus?“

Sophie errötete, doch zum Glück konnte man das unter dem Make-up nicht sehen.

Tara war wirklich eine Zauberin.

Das Problem war nur, dass sie eine sehr freizügige Zauberin war.

Sophie musterte ihr Spiegelbild. Das Kleid war in satten Grün- und Blautönen gehalten, was ihre helle Haut und ihr dunkles Haar gut zur Geltung brachte. Über ihre Schulter floss Indigo, Mayablau und Kobalt, ging an der Hüfte in Smaragd über, wo die Farben an tropische Blumen erinnerten, und bedeckte den Po knapp mit einem dunklen Violett.

Das gesamte Kleid war so geschnitten, dass es Brüste und Po zwar verhüllte, aber Rücken und Bauch freiließ. Über der Hüfte fiel es asymmetrisch und rann schließlich wie ein Wasserfall in mehreren Lagen über das linke Bein, während das rechte vollkommen enthüllt war.

Adrians Blick brannte auf ihrem nackten Rücken. Im Spiegel trafen sich ihre Augen. Sophie spürte, wie sich die Hitze in ihrem Schritt sammelte.

„Ich nenne es Japanischer Blauregen“, zwitscherte Tara aufgeregt. „Es wird sich so gut vor den Papierkranichen machen, Adrian. Du bist ein Genie!“

Adrian hob die Schultern und wandte sich ab. Der Bann war gebrochen. Vorerst.

Sophies Gedanken überschlugen sich. Gleich würde sie vor seiner Kamera stehen. Halbnackt. Und obendrein noch vor der Vogue-Autorin, die Olive angekündigt hatte. Das war alles ein bisschen viel auf einmal.

„Los geht’s“, bestimmte Adrian und trat hinter das Stativ.

Sie straffte die Schultern. Jetzt gilt’s, dachte sie. Wenn du das hier gut machst, werden sich dir vielleicht ganz neue Türen öffnen.

Dazu brauchte sie Adrian. Wenn er demnächst von der Vogue als neuer Starfotograf gehandelt wurde, mussten diese Fotos umwerfend werden.

Also musste sie ihn dazu bringen, ihr aus der Hand zu fressen.

Als Sophie hinter dem Paravent hervortrat, war Adrian beinah das Herz stehengeblieben.

Ihr Anblick hatte ihm für einen Moment den Atem geraubt.

Ihre Schönheit war nahezu unwirklich. In Taras fantastischer Kreation wirkte sie verzaubert und überirdisch, verlockend und geheimnisvoll zugleich.

Und so sexy, dass Adrian auf der Stelle seine Härte in der Jeans spürte.

Er versuchte, den Blick von ihrer schmalen Taille zu wenden. Von dem flachen nackten Bauch, der seidenen cremeweißen Haut, die zwischen den Stoffbahnen wie Wasserlilien aufleuchtete.

So viel Haut.

Wenn sie sich bewegte, schmiegte sich der Stoff um ihren Körper, als sei sie von exotischen Blüten eingehüllt. Beim Gehen wurde ein zartes, endlos langes Bein enthüllt, während über das andere der verführerische Seidenstoff floss.

Das waren nicht die dürren Storchenbeine, die Adrian an Models so verabscheute. Das waren perfekte, wohlgeformte Waden und Oberschenkel, geformte Muskeln, denen man Bewegung ansah.

Adrian hatte im Lauf der Zeit ein Auge dafür entwickelt, welche Mädchen sich ihre Figur durch Herunterhungern erkämpft hatten, und welche Mädchen sich mit Sport und gesunder Ernährung fit hielten. Er bevorzugte letztere.

Als Sophie sich nun auf das weiße Kreuz stellte, das er mit Klebestreifen auf dem Boden markiert hatte, versuchte er jegliche Gefühle zu verdrängen.

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Das ist nur ein Job. Sie ist nur ein Model. Und ihr tut beide nichts anderes, als einen Traum zu verkaufen.

Allerdings war es der perfekte Traum.

Sie war kein Model mehr. Sie erinnerte Adrian vielmehr an Artemis, die Göttin des Waldes und der Jagd. Als Junge hatte er die mythologischen Geschichten verschlungen, und jetzt war es, als sei die stolze Sagengestalt vor seinen Augen zum Leben erwacht. In einem New Yorker Loft voll Papiervögel.

Und für diesen Trick war bisher weder Photoshop noch übermäßig Schminke zum Einsatz gekommen. Adrian hatte die Stylistin absichtlich angewiesen, das Gesicht dezent zu betonen. Mehr brauchte Sophie nicht.

Die einzigen auffälligen Highlights waren lediglich auf den Lidern und der höchsten Stelle der Wangenknochen, wo ein wenig grünes Glitzerpulver aufgetragen worden war.

Adrian holte unauffällig Luft und atmete tief durch. „Gut. Lass uns anfangen. Wir beginnen mit der Halbtotalen.“ Er zeichnete mit dem Zeigefinger einen imaginären Rahmen um Sophies Silhouette. „Es wird dein gesamter Körper und etwas Umgebung zu sehen sein. Einige Kraniche und du dazwischen. Also bitte komplette Körperspannung halten.“

Was dann passierte, war reine Magie.

Sophie sah vor der Kamera nicht nur aus wie eine Göttin, sie bewegte sich auch wie eine. Sie war ruhig, konzentriert und voll bei der Sache. Adrian musste kaum Anweisungen geben.

Schon unter den ersten fünfzig Schüssen waren mindestens drei überragende Fotos dabei. Sophie reckte den Hals, nahm die Schultern zurück, spannte das Kinn und legte die Hände in die Taille – so stolz und erhaben, als würde sie jeden Tag in diesem Kleid herumlaufen.

Adrian hätte ihr stundenlang zusehen können. Er sicherte ein Bild nach dem anderen, knipste und knipste und verfiel bald in einen Rausch.

Einen Rausch der Schönheit und der Magie, der ihn noch nie zuvor bei einem Modeshooting erfasst hatte.

Der Japanische Blauregen entfaltete vor seinen Augen sein Geheimnis. Die Göttin des Waldes rief ihr Gefolge aus Papierkranichen zu sich und zog zur Jagd. Und Adrian hatte das Gefühl, er sei die Beute. Er konnte sich ihr nicht entziehen.

Nach einiger Zeit ließ er die großen Fenster öffnen. Ein sachter Wind wehte herein und brachte die Vögel in Bewegung. Es war, als würde er die Papierkraniche zum Leben erwecken, und das Set wurde lebendig.

Adrian hatte die Kamera vom Stativ genommen und sich Sophie genähert. Er fing die Drehung ihrer Taille ein, die Wölbung ihres Hüftknochens, die Spannung in den zarten Fingern.

Sophie hob die Arme und streckte die Hände nach dem großen Kranich aus. Die Seide gab nach und entblößte noch mehr Haut. Es war, als würden zwischen ihr und der Kamera Funken überspringen. Eine wilde Energie, die sich auf Adrians Hände übertrug, durchfloss seinen Körper und legte sich wie heiße Lava zwischen seine Beine.

Er sah stetig durch den Sucher der Kamera, doch es war nicht die Linse, die Sophies Haut abtastete und jeden Zentimeter davon verschlang. Es war seine Fantasie, die lebendig wurde. Es waren Adrians Hände, die sich auf ihren Schenkel legten, auf die milchweiße Haut.

Und Sophie schien es zu spüren.

Sie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Dann drehte sie sich mit einer lasziven Geste zur Seite, hob das nackte Bein und ließ seinen Blick ein.

Ließ sich von seinem Blick berühren.

Er kam etwas näher. Suchte das dunkle Geheimnis zwischen ihren Beinen. Zwei Zentimeter Stoff lagen darüber. Zwei Zentimeter, die er mit der kleinsten Geste abstreifen könnte. Zwei Zentimeter, einfach beiseite zu schieben, und in diesem Moment drehte sie den Knöchel zur Seite, der Fuß abgespreizt, und die zarte Haut an der Innenseite ihres Schenkels wurde sichtbar.

Alles, was sie jetzt noch trennte, war die Kamera, und der Gedanke war zugleich erregend und vergeblich, als würde man für immer einem Traum nachjagen.

Adrian spürte, wie seine Härte sich gegen den rauen Stoff der Jeans abzeichnete. Ein ziehender, süßer Schmerz. Die Spannung war bis ins Unerträgliche gesteigert.

Schließlich konnte er nicht länger standhalten.

Er wollte die Hand ausstrecken, da öffnete sie die Augen.

Adrian erstarrte. Ihr Blick traf ihn wie eine Kugel mitten in die Brust. Ihre Augen hatten die Farbe von Absinth. Genau so war auch der Blick: berauscht, entrückt und gleichzeitig wild – wie in Raserei. Der Blick einer Raubkatze.

Unwillkürlich drückte Adrian auf den Auslöser.

Die Zeit stand still.

Die Papierkraniche raschelten leise.

Dann ließ er die Kamera sinken. Etwas Großes war passiert, das spürte er.

Sophie blinzelte, als würde sie aus dem Schlaf erwachen. Grünes Glitzerpulver rieselte aus ihren Wimpern.

„Einzigartig. Das war wirklich einzigartig.“ Die fremde Stimme drang wie aus weiter Ferne an Adrians Ohr. Mit gesenkten Schultern stand er vor Sophie, die Kamera jetzt fast hilflos in der Hand, so nah, dass er nur den Arm ausstrecken müsste, um sie zu berühren.

Und doch schien sie meilenweit weg zu sein.

Und jetzt wurde sich Adrian auch wieder der Welt um sich herum bewusst. Des Studios. Derer, die sie beide beobachteten, und der fremden Frau, die keine drei Meter entfernt innegehalten hatte und mit leuchtenden Augen das Set musterte.

„Adrian Clark? Ich bin Beth Rudd. Ich schreibe für die Vogue.“ Sie streckte den Arm aus und schüttelte seine Hand – etwas länger, als notwendig gewesen wäre.

„Freut mich“, entgegnete er. Es klang ein bisschen lahm. Doch nach dem, was eben passiert war, hatte er noch nicht vollständig in die reale Welt zurückgefunden.

„Das war wirklich beeindruckend“, lobte die Reporterin und nickte in Richtung des großen Papierkranichs. „Eine reizende Idee. Das haben Sie hervorragend umgesetzt.“ Ohne zu fragen zückte sie ihr Smartphone und machte einige Aufnahmen vom Set. „Wenn Ihre Fotos so hinreißend werden, wie ich vermute, wäre das etwas für die kommende spring issue.“ Sie hielt inne – wie um den Anwesenden die Gelegenheit zu geben, gebührend beeindruckt zu sein.

Die Frühlingsausgabe der amerikanischen Vogue. Und Adrians Fotostrecke mittendrin.

Als Nächstes öffnete Beth Rudd eine App an ihrem ultraschma-len Telefon und hielt es Adrian unter die Nase. Offensichtlich handelte es sich um eine Diktierfunktion. „Wie war noch einmal der Name der Designerin?“

„Tara Guthier.“

„Irgendwelche nennenswerten Erfolge bisher? Fashion Awards? Wettbewerbe?“

Adrian zögerte. „So viel ich weiß, noch nicht.“

Beth nickte knapp und feuerte die nächste Frage ab. „Welches Fashion College hat sie besucht? Parsons? FIT? PRATT?“

„Keines davon, glaube ich.“ Was spielte das auch für eine Rolle? Adrian wurde ungeduldig. Vor einer Minute hatte Beth Rudd die Bilder noch einzigartig genannt. Jetzt schien ihr Interesse nachzulassen – und das nur, weil die Designerin keines der angesagten Colleges besucht oder einen Preis gewonnen hatte.

Er spürte, wie er der gesamten Modewelt einmal mehr überdrüssig wurde. Hier zählte überhaupt nicht, ob man sein Handwerk beherrschte. Hier zählten nur Namen, Kontakte und Prestige. Und Geld.

Zum Glück ergriff nun Olive das Wort und nahm sich die dreiste Schreiberin vor. „Sie können sich mit Ihren Fragen gerne an mich wenden.“ Ihr Ton war flötend und zugleich unmissverständlich. „Aber zunächst müssen wir hier fertig werden.“

Adrian warf Olive einen dankbaren Blick zu. „Gut. Sophie soll das nächste Outfit anziehen, während ich mir die Bilder ansehe.“ Mit diesen Worten flüchtete er hinter den großen Flachbildmonitor.

Zu seinem Unmut folgte ihm Beth Rudd und spähte neugierig über seine Schulter, während er die ersten Fotos über Bluetooth auf den Bildschirm holte. Ihr scharfes Parfum erinnerte Adrian an Hochglanzreiniger und überzüchtete Blumen.

„Sie haben ein gutes Auge“, gurrte die Vogue-Autorin und zückte erneut ihr Smartphone. Bei dem Versuch, ein Bild von dem Monitor abzufotografieren, hielt Adrian sie auf. „Bitte. Sie werden verstehen, dass ich keine Werksproben herausgebe, bevor das Projekt abgeschlossen ist. Ich habe weder eine Vorauswahl getroffen noch die Fotos bearbeitet. Ich nehme an, Sie wissen, wie so etwas für gewöhnlich läuft.“

„Selbstverständlich.“ Mit beleidigter Miene steckte Beth Rudd das Telefon in ein Ledertäschchen. „Allerdings hatte ich erwartet, hier etwas zuvorkommender behandelt zu werden.“

Adrian wollte zu einer scharfen Antwort ansetzen, doch Olive kam ihm zuvor. „Beth“, sagte sie in salbungsvollem Ton. „Ich darf doch Beth sagen? Wir sind alle etwas angespannt, weil es ein ganz außergewöhnlich schönes und anspruchsvolles Projekt wird. Und deswegen sind Sie ja auch hier, nicht wahr? Wenn Sie noch ein wenig Geduld haben, werden wir Ihnen Bilder präsentieren, von der die Modewelt noch lange träumen wird …“

Ab diesem Zeitpunkt blendete Adrian die beiden Frauen aus und konzentrierte sich auf den Monitor. Es war unglaublich, aber schon beim ersten Outfit hatte er eingefangen, worauf es ankam.

Die Essenz.

Die Fotos entfalteten eine Magie, der man sich kaum entziehen konnte. Und das hatte er Sophie zu verdanken.

Am liebsten hätte er sofort alle Bilder durchgesehen, doch dazu war keine Zeit. Auch die anderen Outfits mussten abgelichtet werden. Unglücklicherweise würden sie Beth Rudd nun nicht mehr los werden. Es ärgerte Adrian, dass er nicht ganz allein mit Sophie arbeiten konnte.

Aber es war nun einmal nicht zu ändern.

Die folgenden Stunden vergingen wie im Flug. Sophie präsentierte jedes Outfit mit derselben Anmut, Eleganz und Größe wie den Japanischen Blauregen. Nur der Moment, in dem Adrian ihr nahegekommen und beinah in ihrem Blick ertrunken wäre, ließ sich nicht wiederholen.

Zu schwer wog die Anwesenheit von Beth Rudd, Olive und den Assistenten. Auch Sophie schien es zu spüren. Sie verhielt sich professionell und glatt, aber es fehlte die Intimität, die bei den ersten Bildern geherrscht hatte. Ebenso wenig gewährte sie seiner Kamera noch einmal tiefe Einblicke. Stattdessen reckte sie das Kinn noch ein wenig höher, zog den anmaßenden Schmollmund und verwandelte sich in das kühle Topmodel, das eine Beth Rudd zu sehen erwartete.

Am Ende war Adrian sich gar nicht mehr sicher, ob der magische Augenblick zwischen ihnen wirklich geschehen war.

Schließlich durfte Sophie sich umziehen. Adrian sah ihr nach, als sie zum Paravent ging, doch Beth Rudd stürzte sich mit weiteren unzähligen Fragen auf ihn. Sie wollte wissen, für welche Magazine er gearbeitet, mit welchen Models er geshootet und welche Kampagnen er fotografiert hatte.

„Ich habe gehört, dass Sie lange mit Stella D’Arcy gearbeitet haben.“ Beth Rudds Tonfall war harmlos und zuckersüß, doch bei der Erwähnung von Stella war ein wachsamer Ausdruck in ihre Augen getreten. „Stella schminkt oft Mädchen für die Editorial-Shootings der Vogue. Allerdings nur für die Online-Ausgabe“, fügte sie ein bisschen verächtlich hinzu.

„Stella hat solide Arbeit geleistet“, erwiderte Adrian unverbindlich. „Aber inzwischen suche ich nach einem anderen Stil.“ Er hatte nicht die geringste Lust, mit Beth Rudd über Stella zu reden. Und schon gar nicht über die anderen Gründe dafür, dass ihre Zusammenarbeit gescheitert war.

Doch Beth Rudd schien einen besonderen Spürsinn für dieses Thema zu haben. Sie senkte die Stimme. „Ist es wahr, dass Ihnen beiden – nun, persönliche Probleme zum Verhängnis wurden?“ Ihr Blick flackerte auf.

„Nun, wenn es welche gab, dann sollten sie auch persönlich bleiben, nicht wahr?“ Adrian hatte Mühe, seine Wut zu unterdrücken. „Und jetzt entschuldigen Sie mich. Wie Sie sehen, gibt es hier noch eine Menge zu tun.“ Zumindest so viel entsprach der Wahrheit. Das Loft war nur bis zwanzig Uhr gemietet, und bis dahin musste Adrians Team das gesamte Set wieder abgebaut haben.

Demnach blieb ihm nicht einmal mehr Zeit, mit Sophie zu sprechen.

Und obwohl der Tag höchst produktiv gewesen war, breitete sich bei diesem Gedanken eine schmerzliche, unbefriedigte Leere in Adrian aus.

4. KAPITEL

Nachdem Sophie sich umgezogen hatte, holte sie sich eine Flasche Wasser und nahm einen tiefen Zug.

Dabei beobachtete sie, wie Adrian mit dem Aufräumen begann. Zuerst baute er die Kamera und die Stative ab. Mit größter Sorgfalt und Achtsamkeit zerlegte er die Ausrüstung und verstaute die schweren Objektive in gepolsterten Metallkoffern.

Nachdem er damit fertig war, half er den Assistenten dabei, die Papierkraniche abzunehmen. Die ruhige, strenge Autorität, die er während des Shootings gezeigt hatte, fiel von ihm ab. Stattdessen arbeitete er mit den anderen Seite an Seite, als sei er selbst lediglich Teil des Assistenten-Teams.

Gegen ihren Willen war Sophie beeindruckt. Er hatte nicht nur großartige Arbeit geleistet, sondern benahm sich auch absolut kollegial und hilfsbereit. Kaum zu vergleichen mit einigen Fotografen, die am Set den großen Maestro herauskehrten und keinen Finger rührten, um vermeintlich niedere Arbeiten zu erledigen.

Unter dem halben Dutzend Lampen war Sophie heiß geworden. Ein dünner Schweißfilm hatte sich am Haaransatz gebildet, nachdem das Licht stundenlang direkt auf ihr Gesicht gerichtet gewesen war. Durstig trank sie die Flasche leer. Sie fühlte sich müde und erschöpft – aber auf eine angenehme Art.

Es war, als sei sie aus einem Rausch erwacht. Was eben vor der Kamera passiert war, grenzte an Magie. Und wenn nur ein einziges Foto dabei herauskam, das diese Magie eingefangen hatte, dann hatte sich der Tag mehr als gelohnt.

Zwischen ihr und Adrian hatte sich ein Inferno entzündet. Ein Inferno, an dem sie sich beinah selbst verbrannt hätte. Wenn nicht im letzten Augenblick Beth Rudd aufgetaucht wäre.

Ihr Erscheinen hatte Sophie zuerst verärgert, weil es den Bann gebrochen hatte. Doch im Nachhinein war sie sogar froh darüber.

Vor Adrians Kamera war sie zügellos geworden. Sie hatte sich auf dem schmalen Grat bewegt, der zwischen elegant und sexy entschied. Zwischen unantastbarer Lady und leichtem Mädchen. Und in einer Sekunde hatte sie sich sogar dazu verleiten lassen, Adrian einen tiefen Blick zwischen ihre Schenkel zu gewähren.

Natürlich waren das Bilder, die bei seriösen Kampagnen nicht verwendet wurden. Magazine wie die Vogue bewegten sich zwar gerne auf jenem schmalen Grat, schafften aber immer im letzten Moment den Absprung, bevor die Bilder anzüglich wurden.

Auch hier gab es eine Menge nackter Haut – aber keinen nackten Schoß.

Der Gedanke, dass Adrian sich später dieses Bild ansehen würde, erregte sie. Und es versetzte sie sofort wieder in jenen Rausch, den sie unter seinem Blick gespürt hatte.

Du brauchst wirklich eine Abkühlung, maßregelte Sophie sich. Sie ging in den Nebenraum und musterte den langen Tisch, auf dem das Catering ausgebreitet war. Sogar ein kleiner, tragbarer Kühlschrank thronte am Ende des Tisches. Sie öffnete ihn und nahm eine Dose Coke Zero heraus. Bevor sie sie öffnete, legte sie die kalte Dose an ihre erhitzten Wangen und an die heiße Stirn.

Dann fielen ihr Beth Rudds Worte wieder ein. Ist es wahr, dass Ihnen beiden – nun, persönliche Probleme zum Verhängnis wurden?

Was hatte sie damit gemeint? War Stella D’Arcy jene Stylistin, von der schon Nicole gesprochen hatte? Oder eine weitere Eroberung?

Jedenfalls hatte es nicht so geklungen, als ob Adrian noch mit ihr verkehren würde.

Da betrat Olive den Raum. „Gute Arbeit, Mädchen.“ Sie trat näher, erfasste schnell und effizient die Auswahl an Sandwiches, Erdnüssen und Fingerfood, das die Assistenten auf Papptellern und in kleinen Schalen angerichtet hatten. Für eine Sekunde blieb Olives Blick an den Käsebrezeln hängen. Dann straffte sie sich mit einem merklichen Ruck und wandte den Dickmachern hochmütig den Rücken zu.

Sophie musterte Olives durchtrainierte Arme und verkniff sich ein Grinsen. Selbst Powerfrauen wie sie konnte man also in Versuchung führen – mit den guten alten Käsebrezeln. „Danke“, erwiderte sie und zog an der Lasche der Coladose, die sich mit einem prickelnden Zischen öffnete.

„Tara wird von den Ergebnissen hingerissen sein“, fuhr Olive im Plauderton fort. „Und die Vogue hoffentlich auch.“ Sie schaute über die Schulter und musterte dann Sophie.

Sophie war aufgefallen, wie sich Olives Miene verändert hatte. Nach dem Shooting lag eine ehrliche Anerkennung in ihren Augen. „Ich glaube, Adrian und dir ist da etwas ganz Spezielles gelungen“, sagte sie nachdenklich. „Da gab es diese bestimmte Sekunde …“ Sie ließ den Satz unvollendet.

Sophie hatte sich unbewusst vorgelehnt. „Ja?“, hakte sie nach.

Olive schüttelte den Kopf. „Ich habe nur laut gedacht. Aber wenn ich richtig liege, dann sollte Adrian dieses Foto verwenden. Er sollte sich damit bewerben.“

„Wo sollte ich mich bewerben?“

Sophie zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass Adrian lautlos im Türrahmen erschienen war und ihr Gespräch mit angehört hatte. Mit einem Mal wirkte er erschöpft. Die Schatten unter seinen Wimpern waren eine Nuance dunkler geworden.

„Beim New York Photography Award.“ Olives Stimme hatte einen feierlichen Klang angenommen.

Doch Adrian schien das anders zu sehen. „Ach was. Für die bin ich doch bloß ein Mode-Fotograf. Die wollen fine art photography sehen.“

„Eben. Und du hast, was man dazu braucht, Adrian.“ Die ältere Frau klang nun fast empört. „Du versteckst dich in diesem Mode-Zirkus, dabei weiß ich genau, dass du etwas anderes willst.“

„Schon gut.“ Adrian winkte ab. „Ich werde darüber nachdenken.“ Allerdings machte er dabei den Eindruck, als wolle er bloß so schnell wie möglich das Thema wechseln. Olive schnaubte leise durch die Nase. Sie schien ihn zu durchschauen, doch vorerst ließ sie es dabei bewenden. „Ich werde mich um Beth Rudd kümmern“, verkündete sie beleidigt. „Irgendjemand muss es ja tun.“ Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Und du solltest dankbar sein, diese Chance zu bekommen.“ Mit diesen Worten segelte sie an Adrian vorbei in das Loft, um Beth Rudd ihr ersehntes Interview zu geben.

Auch wenn Sophie das Gefühl hatte, dass Beth lieber mit Adrian gesprochen hätte. Unter vier Augen. Sie sah gut aus und schrieb für ein wichtiges Magazin. Vielleicht würde sie das Interview heute auch noch bekommen.

In Adrians Bett.

Sophie entfuhr ein leises Seufzen.

„Was ist los?“ Adrian sah sie intensiv an. „Bist du unzufrieden?“

„Ich? Nein.“ Sie nahm einen Schluck Cola. Zu ihrem Ärger musste sie feststellen, dass ihr in Adrians Gegenwart plötzlich die Finger zitterten.

„Du hast so ausgesehen“, stellte er fest. Er machte einen Schritt auf sie zu. „Worüber hast du nachgedacht?“

Wie du mit einer anderen im Bett landest, ging es ihr durch den Kopf. Laut sagte sie: „Über nichts.“

Adrian war ihr jetzt sehr nahe. Wie schon beim Shooting war seine Präsenz überwältigend. Er hob die Hand an ihr Gesicht. Sophie erstarrte, als er mit dem Zeigefinger sanft ihren Augenwinkel berührte. Ein heftiger Schmerz jagte durch ihre Brust, und die Erregung mischte sich unwillkürlich mit Angst.

Sie wich zurück, und aus einer plötzlichen Laune heraus fügte sie hinzu: „Models denken nicht, das weißt du doch.“ Es kam schärfer heraus als beabsichtigt. Zynisch.

Adrian ließ die Hand sinken. Sein Zeigefinger glitzerte grünlich. „Du hattest Puder im Augenwinkel“, stellte er tonlos fest.

Sophie starrte ihn an. „Danke.“ Warum war sie bloß so angriffslustig?

Angriff ist die beste Verteidigung.

Aber warum? Musste sie sich gegen Adrian verteidigen? Wogegen genau?

Gegen seine unwiderstehliche, unleugbare Anziehungskraft. Gegen seine schönen Hände, seine starken Arme und seine wissenden Augen. Und gegen den Zauber, den er mit ihr gemeinsam heraufbeschworen hatte. Ein Zauber, der die Macht hatte, sie zu beflügeln – oder zu zerstören.

„Möchtest du dir die Fotos noch ansehen?“ Sein Tonfall war deutlich abgekühlt, aber in seinen Augen lag ein aufregendes Glitzern. Ein gefährliches Glitzern.

Ein Schauer rann über Sophies Haut. „Ich … nein. Heute nicht mehr. Ich muss jetzt los.“

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