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TIFFANY EXTRA BAND 2

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Heißes Wiedersehen in der Wildnis

Es ist nach Mitternacht, als Adam das Camp erreicht und in sein Bett kriechen will. Aber Überraschung, da liegt schon wer: Julia, damals ein niedlicher Teenager – jetzt eine aufregende Schönheit …

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Heißes Wiedersehen in der Wildnis

1. KAPITEL

Die warme Sommerluft erfüllte ihr Auto mit dem Duft des Kiefernwaldes und des nahe gelegenen Sees. Julia McKee atmete tief ein und lächelte, nach so vielen Jahren war sie immer noch so aufgeregt wie früher. Es war eine Mischung aus Nervosität und Freude, die sie schon damals kurz vor Erreichen von Camp Winnehawkee immer gefühlt hatte.

Den Moment, als ihre Mutter ihr die Camp-Broschüre gegeben hatte, erinnerte sie noch ganz genau. Es war der erste Sommer nach der Scheidung ihrer Eltern und Lorraine McKee war mit der Erziehung ihrer fünf Kinder völlig überfordert gewesen. Sie hatte sich deshalb dazu entschieden, den Sommer mit Freunden in Kalifornien zu verbringen.

Für Julia bedeutete das, dass sie in einen Bus nach Nord-Wisconsin gesetzt wurde, während ihre vier älteren Brüder allesamt den Sommer in Sportcamps verbringen würden. Die Broschüre von Camp Winnehawkee hielt sie die ganze Fahrt über fest in den Händen und bis zu ihrer Ankunft hatte sie die Vorderseite so oft gelesen, dass sie den Text auswendig kannte. Sie war erst zehn Jahre alt und fürchtete sich sehr vor dem Sommer. Würde sie Freunde fürs Leben finden? Und was sollte das eigentlich bedeuten?

Zuhause hatte sie nicht viele Freunde. Die meiste Zeit verbrachte sie zurückgezogen in ihrem Zimmer und versteckte sich vor ihren rauflustigen Brüdern und deren unablässigen Versuchen, sie zu ärgern. Auch in der Schule las sie lieber ein Buch, als sich mit ihren Mitschülern zu beschäftigen – bald hatten die anderen Kinder ihr deshalb den Spitznamen „Bücherwurm“ verpasst.

Julia blinzelte im Scheinwerferlicht eines ihr entgegenkommenden Autos und warf dann einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett ihres Subaru. Sie war erst spät losgekommen und in Chicago in einen Stau geraten, ihrem Zeitplan hinkte sie inzwischen gute zwei Stunden hinterher. Das bedeutete, dass sie in Winnehawkee nicht vor Mitternacht eintreffen würde.

Sie griff nach dem Handy auf ihrem Beifahrersitz und rief Kate Carmichael Gray an, ihre allerbeste Freundin aus all den Sommern im Camp Winnehawkee. Die beiden waren in ihrem ersten Jahr Zimmergenossinnen gewesen, zusammen mit Frannie Dillon. In den darauf folgenden elf Jahren entwickelte sich zwischen den drei Mädchen eine tiefe Freundschaft, die immer noch anhielt.

Kate war mit Mason Gray verheiratet, genau wie die Mädchen war auch er jedes Jahr in Winnehawkee gewesen und als Teenager dann zum Gruppenleiter aufgestiegen. Die beiden hatten zunächst in Madison gelebt, bis sie sich dazu entschlossen, nach Nord-Wisconsin zu ziehen und dort das Camp zu übernehmen. Mason war eigentlich Highschool-Lehrer und Kate Sozialarbeiterin.

Julia seufzte, als am anderen Ende der Leitung nur Kates Anrufbeantworter dranging. „Hey Kate. Hey Mason. Ich brauche noch mindestens eine Stunde. Es ist schon spät, ich weiß, und ihr habt bestimmt einen langen Tag hinter euch, also geht ruhig schon schlafen. Wir sehen uns morgen früh. Ich finde selbst ein leeres Bett in einer der Hütten, ich weiß mich da schon einzurichten. Bis dann.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, überlegte sie, ob sie Frannie anrufen sollte. Frannie und Ben Cassidy, ebenfalls ein alter Freund aus dem Sommercamp, wollten eigentlich etwas früher im Camp eintreffen. Die beiden lebten inzwischen in Minneapolis und waren sofort an Bord gewesen, als Kate und Mason sie um Hilfe gebeten hatten.

„Wir vom Camp Winnehawkee, Freunde für immer und ewig“, sang Julia leise. „Wir kommen jedes Jahr hierher und lieben dich noch immer mehr.“

Sie war im Sommer nach ihrem Schulabschluss zum Gruppenleiter aufgestiegen und auch noch während ihrer Collegezeit jeden Sommer zurückgekommen, um als Kunst- und Handwerkslehrerin die zwölf- und dreizehnjährigen Mädchen aus der Murmeltierhütte zu betreuen.

Über die Jahre war das Camp für sie zu einer Art Ersatzfamilie geworden. Ihre Brüder wollten nichts mit ihr zu tun haben und ihren Vater hatte sie nach der Scheidung kaum noch gesehen, höchstens zu den gerichtlich vereinbarten Geburtstagsbesuchen. Als ihre Mutter schließlich begann, sich wieder mit Männern zu treffen, hatte sie an der Erziehung ihrer kleinen Tochter komplett das Interesse verloren.

In letzter Zeit hatte Julia häufig über das Camp nachgedacht. Den Kontakt zu Kate und Frannie hatte sie in all der Zeit aufrechterhalten, sie riefen sich zu ihren Geburtstagen und an den Feiertagen an und trafen sich einmal im Jahr zu einem Mädelswochenende. Diesmal ging es allerdings darum, das Camp wieder zum Leben zu erwecken.

Winnehawkee war vor sechs Jahren geschlossen worden, die damaligen Eigentümer hatten das Rentenalter erreicht und waren nach Florida gezogen. Statt das Gelände allerdings an irgendwelche Bauunternehmer zu verkaufen, hatten sie im Kaufvertrag festgehalten, dass die Käufer das Camp wiedereröffnen müssen. Es fand sich jedoch zunächst niemand, bis sich Mason und Kate dazu entschlossen, ihre eigentlich für einen Hauskauf beiseitegelegten Ersparnisse in eine Anzahlung für einen Teil ihrer Kindheit zu investieren.

„Wir haben keine Angst, auch wenn wir uns trennen. Denn in unseren Herzen, Camp Winnehawkee, werden wir uns immer kennen.“

Eine Kirchengemeinde hatte das Camp für ihre Jugendgruppe Ende Juli gebucht. Aber bevor Mason und Kate ihre ersten Gäste in Empfang nehmen konnten, brauchten sie einen weiteren Kredit oder einen Investor, der für die wichtigsten Ausbesserungen aufkommen würde. Sie hatten also einige alte Campfreunde zu einer Reise in den Norden aufgerufen, in der Hoffnung, dass Freundschaft, Nostalgie und Neugierde diese mit genug Tatkraft ausstatten würden, um das Camp wieder bewohnbar zu machen.

Julias Handy klingelte.

„Win – ne – wer?“, rief Kates Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Win – ne – hawkee!“, antwortete Julia, sich an den Morgenruf erinnernd.

„Du bist wer?“, sangen sie gemeinsam. „Winnehawkee. Winne-wer? Winnehawkee. Bist du dabei? Winnehawkee. Wir sind treu. Winnehawkee, Winnehawkee, Aye!“

„Tut mir leid, dass ich deinen Anruf verpasst habe.“

„Macht ja nichts. Wer ist denn noch da?“ Julia hielt den Atem an. Sie war sich nicht sicher, ob sie seinen Namen hören wollte. Adam Sutherland. Da, schon hatte sie den Namen gesagt – oder zumindest gedacht. Adam Sutherland. Tausend Erinnerungen kamen ihr mit einem Mal in den Sinn und ihr Herz fühlte sich an, als würde es jeden Moment in tausend Teile zerspringen. Sie wusste, dass er und Mason noch immer Freunde waren. Es war also möglich.

„Das sind für heute alle“, sagte Kate. „Morgen wird noch der eine oder andere anreisen. Ich glaube, dass Frannie und Ben noch dazukommen werden. Für dich und Frannie habe ich übrigens die Murmeltierhütte vorbereitet, ich weiß ja, dass ihr gern nah an den Waschräumen schlafen wollt.“

„Die alte Murmeltierhütte“, sagte Julia. „Ich frage mich …“, sie räusperte sich und schob die alten Erinnerungen beiseite. „Egal, wir sehen uns morgen früh. Geh schlafen und erhol dich noch mal. Ich hoffe, dass du deine Tennissachen mitgebracht hast, wir müssen nämlich unbedingt diese Woche spielen.“

„Ich habe seit Jahren nicht mehr gespielt und die neuen Netze haben wir auch noch nicht gespannt, aber ich bin bereit“, sagte Kate. „Ich rechne übrigens fest mit deinen Backkünsten. Ich kann nicht die ganze Woche lang allein für die Verpflegung von acht Leuten zuständig sein!“

„Ich habe ein paar Kuchen im Kofferraum und für morgen zum Frühstück Gebäck und Croissants dabei. Ich habe sogar einen kleinen Winnehawkee-Kuchen gebacken, er sieht aus wie das Haupthaus.“

„Perfekt! Wir haben für morgen Abend ein wunderbares Essen geplant“, meinte Kate. „Nicht wie üblich nur Hot Dogs und Baked Beans aus der Dose.“

„Prima“, sagte Julia. „Wir sprechen uns dann morgen früh.“

„Gute Nacht, Jules. Und vielen Dank noch mal für deine Hilfe, Mason und mir bedeutet das sehr viel.“

Julia legte auf und konzentrierte sich auf die Straße vor ihr. Sechs Leute. Kate und Mason, Frannie und Ben und sie. Wer war der Sechste? Konnte er es sein?

Sie hatte Adam Sutherland in ihrem dritten Sommer im Camp kennengelernt, bereits als Zwölfjähriger war er der Schwarm aller Mädchen gewesen. Seine dunklen Haare, die strahlend blauen Augen und sein umwerfendes Lächeln hatten dazu geführt, dass sich alle Mädchen sofort Hals über Kopf in ihn verliebten. Für Julia begann in diesem Sommer eine zehnjährige Liebesgeschichte, die zwar völlig unerwidert blieb, sie jedoch als intensiver empfand, als alle anderen danach.

Sie hatte ihn in den vergangenen Jahren einmal zufällig gesehen, als er mit einer wunderschönen Frau an seiner Seite in der Weihnachtszeit durch Chicago spazierte. Julia wusste, dass er im Finanzwesen tätig war und für die Kapitalbeteiligungsgesellschaft seines Vaters im Zentrum Chicagos arbeitete. Über die Jahre hatte sie seinen Namen ein paarmal bei Google eingegeben und so inzwischen eine ziemlich umfangreiche Biographie erstellt. Dabei war sie auch auf ein paar Fotos gestoßen, die ihn bei verschiedenen Charity-Events zeigten.

Auch wenn ihre Verliebtheit inzwischen abgeklungen war, ist eine gewisse Neugierde geblieben. Und wann immer ihr Liebesleben mal wieder einen Tiefpunkt erreichte, dachte sie darüber nach, was wäre, wenn Adam sie je wahrgenommen hätte.

Als Teenager schrieb sie alle ihre Gedanken über ihn in ihr Camp-Tagebuch, das sie unter einer losen Diele in der Murmeltierhütte versteckte. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als sie mit zehn Jahren zu schreiben begann, und dann an ihren letzten Tag im Camp, als sie das Tagebuch bewusst in seinem Versteck liegen gelassen hatte. Sie kehrte Winnehawkee damals mit dem Entschluss den Rücken, das Tagebuch und Adam Sutherland gleichermaßen zu vergessen. Sie hoffte, dass sie mit dem Zeugnis ihrer jugendlichen Qualen diese selbst endlich hinter sich lassen könnte.

Aber auch heute noch, nach so langer Zeit, war jeder Gedanke an Winnehawkee mit Erinnerungen an Adam verbunden. Julia kicherte leise. Mann, sie hatte sich damals echt pausenlos zum Trottel gemacht. Sie hatte sich so angestrengt, ihm aus dem Weg zu gehen, so zu tun, als würde er ihr nichts bedeuten. Und wann immer sie seine Aufmerksamkeit doch irgendwie auf sich ziehen konnte, schaffte sie es, sich total zu blamieren.

Einmal hatte sie sich zum Beispiel ihr Bikini-Oberteil mit Klopapier ausgestopft, nur um direkt ins Wasser geschubst zu werden und ihre neuerworbenen Brüste davontreiben zu sehen. Ein anderes Mal hatte sie ihm zum Geburtstag eine kunstvolle Torte gebacken – und war dann auf dem Weg zu seiner Hütte über eine Baumwurzel gestolpert, sodass sich der gesamte lila Zuckerguss über ihr T-Shirt verteilte.

Der Gipfel der Peinlichkeiten war für sie in dem Moment erreicht, als sie endlich all ihren Mut zusammengenommen hatte und Adam ihre Liebe in einem Brief gestand, den sie auf seinem Kopfkissen hinterlegte. Kurz darauf fand sie heraus, dass Adam zwischenzeitlich mit einem anderen Jungen die Betten getauscht hatte – Dougie O’Neill wich Julia den restlichen Sommer nicht mehr von der Seite und versuchte unablässig, sie zu küssen. Er war überzeugt davon, dass der Brief an ihn gerichtet gewesen sein musste.

Als Camp-Gruppenleiter hatten Adam und sie viel miteinander gearbeitet, sie war ihm gegenüber jedoch immer distanziert geblieben und hatte ihn wie einen Kumpel behandelt. Es war für sie eine der schwersten Herausforderungen ihres Lebens gewesen, ihre Gefühle für sich zu behalten, während er zugleich fast alle anderen weiblichen Gruppenleiter um den Finger wickelte. Aber dieses Verhalten schützte sie wenigstens vor weiteren Erniedrigungen.

Julia seufzte. Inzwischen war sie zum Glück etwas erfolgreicher im Umgang mit Männern. Aber noch immer hatte keine ihrer realen Beziehung sie wirklich erfüllen können. Kein Mann konnte Julias Erwartungen erfüllen – zumindest kein Mann, den sie so kennenlernte.

Den Grund für ihre Unsicherheiten und die daraus resultierenden Enttäuschungen führte Julia einerseits auf die Scheidung ihrer Eltern zurück. Andererseits redete sie sich ein, dass ihr der Richtige einfach noch nicht begegnet war. Ihren Traumprinzen würde sie sofort erkennen, alle Schwierigkeiten würden sich in Luft auflösen und sie endlich die wahre Liebe finden.

Während sie weiterfuhr, kreisten ihre Gedanken um all die Erinnerungen aus den Camp-Jahren. Es waren so viele gute dabei und selbst durch die schlechteren Zeiten hatten sie ihre Träume von Adam Sutherland getragen. Ob das Tagebuch wohl noch in dem Versteck lag? Es könnte ihr vielleicht dabei helfen, den Gründen für ihr noch immer miserables Liebesleben auf die Spur zu kommen.

Nachdem sie ihr Kunststudium abgeschlossen hatte, war sie durch Zufall an einen Job als Kuchendekorateurin in einer der angesehensten Patisserien von Chicago geraten. Ein paar Jahre später hatte sie sich dann mit ihrer eigenen Konditorei selbständig gemacht und war inzwischen eine erfolgreiche Spezialistin für Hochzeitstorten. In zwei Monaten wollte sie nun das Abenteuer ihres Lebens beginnen und nach Paris ziehen, um dort bei einem ihrer ehemaligen Mentoren ihr Handwerk zu perfektionieren.

Jean-Paul war erst ihr Lehrer gewesen, dann ein Freund und nach der Ausbildung auch ihr Liebhaber. Doch obwohl sie ihre Leidenschaft fürs Backen miteinander teilten, konnten sie diese Gefühle nie ins Bett übertragen.

Ehrlich gesagt hatte noch kein Mann ihren Wünschen und Sehnsüchten im Bett entsprechen können. Sex empfand sie als angenehm, ja, aber wo blieb die rasende Ekstase, die überwältigende Anziehung, die ultimative Befreiung durch Sex? Sie sehnte sich danach, gleichermaßen von Leidenschaft und Liebe einfach hinweggerissen zu werden, so etwas hatte sie noch nie erlebt.

In Paris würde sie vielleicht einen sexy Franzosen kennenlernen und mit ihm eine heiße Affäre beginnen – bisher war ihr allerdings im Hochzeitsbusiness noch nie ein diesbezüglich wirklich qualifizierter Mann begegnet. Sie war mehr als bereit dazu, einfach alle Vorsicht in den Wind zu schießen, sich fallen zu lassen und all die Missgeschicke ihrer Vergangenheit hinter sich zu lassen. Nur einmal wollte sie nicht über die Liebe nachdenken, sondern sich einfach der totalen Lust hingeben. Und wo sollte ihr das sonst gelingen, wenn nicht in Paris …

Dazu musste sie sich allerdings von der alten Julia McKee verabschieden und das Mädchen hinter sich lassen, das sich zehn Sommer lang nach einem unerreichbaren Traumtypen verzehrt hatte. Erst dann würde sie ihre Sachen packen, Chicago verlassen und eine völlig neue Julia McKee werden können.

Ihr Blick folgte dem Straßenverlauf; wie präsent ihr die Gegend nach all der Zeit noch immer war. Sie schaute auf ihr Navigationsgerät und verlangsamte die Fahrt, während sie der zum Camp führenden Straße immer näher kam.

Dort war es, das vertraute gelbbraune Schild. Im Licht der Scheinwerfer erkannte sie, dass es frisch gestrichen worden war. Sie musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, wie glücklich sie dieser Anblick jeden Sommer gemacht hatte.

Sie erreichte das Haupthaus, die Fenster waren schon dunkel, aber das Licht auf der Veranda brannte noch. Auch oben auf dem Hügel hatte Kate das Licht an der Murmeltierhütte für sie brennen lassen.

Die Hütte verfügte über Schlafplätze für elf Personen, zehn Jugendliche in den Stockbetten sowie ein gemütliches Doppelbett in einem Separee für den jeweiligen Betreuer. Das war der einzige Luxus, den dieser Posten mit sich brachte. Wenn man rund um die Uhr als Ansprechpartner für zehn pubertierende Mädchen zur Verfügung stehen musste, stellten ein bequemes Bett und ein kleiner Rückzugsraum eine absolute Notwendigkeit dar.

Julia nahm ihr Gepäck vom Rücksitz und stieg den Pfad zur Hütte hinauf. Der Wald lag friedlich da, der Wind rauschte in den Baumwipfeln und die Grillen zirpten ein leises Sommerkonzert. Der Geruch des nahen Sees lag in der Luft.

Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr ihr dieser Ort gefehlt hatte. Im turbulenten Stadtleben war sie an ihren stressigen und chaotischen Alltag gewöhnt, doch hier fiel mit einem Mal all das von ihr ab, alles wurde einfach und klar und sie fühlte sich wieder wie früher.

Sie betrachtete das Innere der Hütte im Schein der am Ventilator angebrachten Deckenlampe. Es sah immer noch genauso aus, wie sie es erinnerte. Die Betten hatten allerdings nagelneue Matratzen und der Raum war frisch gewischt worden. Kate hatte die Fenster offen gelassen, die Sommerbrise erfüllte die Hütte und ein Maikäfer schwirrte im Raum umher.

Es war beinahe Mitternacht. Erschöpft von der Fahrt schälte Julia sich schnell aus ihren Sachen und schlüpfte in ihr altes, ausgeblichenes Camp-T-Shirt. Wenn Frannie später ankommen würde, könnten sie die Bettenverteilung immer noch ausdiskutieren und gegebenenfalls morgen die Betten tauschen.

Julia ging zum ersten Stockbett und warf einen Blick darunter. Ob ihr Tagebuch nach all der Zeit immer noch dort lag? Oder hatte es inzwischen vielleicht irgendjemand gefunden? Sie war mit einem Mal jedoch todmüde, das Tagebuch würde bis morgen warten müssen. Eigentlich handelte es sich ja nur um eine sentimentale Erinnerung an einen Jungen, den sie heute nicht mal mehr kannte.

Sie machte das Licht aus. Der sanfte gelbe Schein der Verandalampe reichte gerade aus, um zum Bett zu finden, ohne sich irgendwo zu stoßen. Sie machte es sich in dem einfachen Baumwollbettzeug gemütlich, zog die Decke hoch bis ans Kinn und seufzte tief zufrieden. Dann erinnerte sie sich allerdings an die Fledermäuse, die sich mindestens einmal in jedem Sommer nachts in die Hütte verirrt hatten. Zur Sicherheit legte sie sich ihren Tennisschläger auf dem Nachbarbett bereit.

Julia schloss die Augen und entspannte sich nach der langen Fahrt, doch plötzlich drifteten ihre Gedanken in Richtung Adam Sutherland. Ächzend drehte sie sich zur Seite und boxte genervt in ihr Kissen. Sie war inzwischen neunundzwanzig Jahre alt und noch immer gab es diese Momente, in denen sie sich wieder fühlte wie ein Teenager.

Als Adam endlich in die Auffahrt zum Camp Winnehawkee einbog, war es fast drei Uhr nachts. Er hatte kurz überlegt, unterwegs Halt zu machen und sich ein Motelzimmer zu nehmen, aber er konnte es kaum erwarten, endlich das Camp zu erreichen.

Gelbes Licht schien ihm von der Veranda des Haupthauses entgegen und tief im Wald konnte er die Konturen der weiteren Hütten ausmachen. Die meisten Camp-Besucher mochten mit der hier um drei Uhr nachts herrschenden Ruhe nichts anfangen können, Adam hingegen hatte sich früher häufig um diese Zeit aus seiner Hütte gestohlen und die Sperrstunde umgangen. Später, als Gruppenleiter, kannte er alle Tricks und erwischte jeden bei dem Versuch, sich nachts aus den Hütten zu schleichen.

Hier in Winnehawkee hatte Adam einige der wichtigsten Erfahrungen seiner Jugend gemacht – der erste Kuss, die erste Zigarette, die ersten sexuellen Abenteuer; seine Jungfräulichkeit hatte er mitten im Wald an ein etwas älteres Mädchen aus einem Nachbarort verloren. Winnehawkee wurde damals als besonders gesundheitsförderlich und erholsam gerühmt, Adam verband mit dem Camp jedoch viel mehr: Hier konnte er wenigstens für die Zeit der Sommerferien den beengenden Verhältnissen in seiner Familie und den Erwartungen seiner Eltern entkommen und das Leben einfach nur genießen.

Wie viele andere Kinder im Camp kam auch er aus besseren Verhältnissen – sein Vater war Geschäftsführer einer Kapitalbeteiligungsgesellschaft und seine Mutter war eine Tochter aus gutem Hause. Adam hatte eine exklusive Privatschule in einem reichen Vorort Chicagos besucht und wurde seit seiner Geburt darauf vorbereitet, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und die Firma irgendwann zu übernehmen.

Nach dem College wollte Adam eigentlich seinen eigenen Weg gehen. Der Druck, den seine Familie auf ihn ausübte, war jedoch stärker und so begann er, für seinen Vater zu arbeiten. Vater und Sohn kamen sich dabei allerdings nicht näher, die Distanz zwischen ihnen wurde vielmehr immer größer. Adam war inzwischen von dem blinden Profitstreben der Firma so frustriert, dass die Beziehung zu seinem Vater so gut wie am Ende war.

Mason und Kate machten es richtig. Sie wollten Winnehawkee von dem ehemaligen Sommer-Resort für verwöhnte Kinder aus Chicagos besseren Vororten zu einem Ort machen, an dem benachteiligte Kinder Hilfe finden sollen. Es hatte mal eine Zeit gegeben, da träumte auch Adam davon, mit seinem Leben etwas von Bedeutung zu tun. Dieser Traum war mit der Zeit jedoch längst von all den Familienerwartungen und – verpflichtungen, denen er nachzukommen versuchte, verschüttet worden.

In letzter Zeit hatte er angefangen, immer häufiger über eine Auszeit nachzudenken. Sein Plan war es nun, Mason dabei zu helfen, das Camp finanziell in trockene Tücher zu bringen, und sich dann um sich selbst zu kümmern und eine Aufgabe für sich zu finden, die sich nicht um Geld und Statussymbole drehte. Seine Ideen waren zwar noch nicht sehr konkret, aber er war bereit für eine massive Veränderung.

Er hatte genug Geld angelegt, um für ein paar Jahre bequem davon leben zu können. Verdammt, er könnte alle seine Wertpapiere Mason und Kate überschreiben und immer noch einen Weg finden, selbst gut zurechtzukommen. Das Leben drehte sich doch nicht nur um Gewinn- und Verlustrechnungen, Kapitalanlagenerträge und Risikoabschätzungen. Da musste noch mehr sein.

Winnehawkee war für ihn ein Zufluchtsort gewesen, hier hatte er den nötigen Raum gefunden, um als Teenager seine Persönlichkeit zu entfalten. Es war an der Zeit, sich dafür zu revanchieren. Was war aus dem idealistischen jungen Mann geworden, der er einst war? Er hatte sich familiären Verpflichtungen gebeugt und sich dabei nach und nach an die Bequemlichkeiten, die sein hohes Einkommen mit sich brachten, gewöhnt. Er war dabei, genau wie sein Vater zu werden.

Adam parkte direkt neben einem Subaru und fragte sich, wer wohl noch alles gekommen war. Obwohl es sich bei den Winnehawkee-Hütten um alles andere als Luxusappartements handelte, freute Adam sich sehr darauf, für eine Woche in seine Jugend zurückzukehren. Um den See herum gab es wunderschöne Wanderwege zu entdecken, der See lud zum Kanufahren und Schwimmengehen ein und nachts am Ufer konnte man riesige Lagerfeuer machen.

Vorsichtshalber hatte er sein Zelt und seinen Schlafsack mitgebracht, er konnte jedoch sehen, dass an einer der alten Schlafhütten das Licht an der Tür brannte. Mason hatte erwähnt, dass er noch ein paar andere Leute gebeten hatte, ihm beim Aufbau des Camps zu helfen. Sich mit den anderen einfach eine Hütte zu teilen kam Adam sehr viel unkomplizierter vor, als jetzt noch sein Zelt aufzubauen. Also schnappte er sich seinen Schlafsack und stieg den Hügel zur beleuchteten Hütte hoch. Er brauchte nur eine Mütze voll Schlaf, um direkt am nächsten Morgen tatkräftig mit anpacken zu können.

Die Tür knarrte, als er sie öffnete, und er versuchte im schummrigen Licht der Verandalampe einen Blick ins Innere der Hütte zu werfen. Er stellte seine Tasche ab und setzte sich auf das Ende eines der Stockbetten. Früher war ihm nie aufgefallen, wie klein die Betten eigentlich waren.

Adam warf einen Blick auf die Nische mit dem Gruppenleiter-Bett. Es sah zwar etwas zerwühlt aus, aber wenigstens würde er sich dort in seinem Schlafsack komplett ausstrecken können. Er ging zu der Nische, setzte sich auf das Fußende des Bettes, schälte sich aus seiner Jacke und warf sie achtlos hinter sich. Da schrie jemand und etwas traf ihn am Kopf. Adam sprang auf und drehte sich schnell um.

„Fledermäuse, verdammte Fledermäuse.“ Er machte im Dunkeln die schemenhafte Figur einer Frau aus, die einen Tennisschläger um ihren Kopf wirbelte. Sie traf ihn wieder, diesmal direkt an der Stirn.

„Au!“, rief er. „Hör auf, hier sind keine Fledermäuse.“

Für einen Moment herrschte Stille, dann schrie sie erneut auf, fiel aus dem Bett und landete mit einem Platschen auf dem Boden. Adam sah sich schnell um und entdeckte die Deckenlampe, die am Ventilator hing. Er machte Licht und ging zurück zu der Nische.

Sie saß noch immer an der gleichen Stelle auf dem Fußboden und hielt den Tennisschläger fest an ihre Brust gepresst. Ihre Haare verdeckten den größten Teil ihres Gesichtes. In dem Moment, als sich ihre Blicke trafen, hielt sie hörbar die Luft an. „Ich bin keine Fledermaus“, sagte er und rieb sich die Stirn.

„Ich … das sehe ich“, erwiderte sie und hoffte, unbeeindruckt zu klingen.

Sie stand vorsichtig auf und versuchte dabei, mit dem Saum ihres Shirts möglichst ihre nackten Oberschenkel zu bedecken. Als sie sich das Haar aus dem Gesicht strich, erkannte er sie sofort. Die vollen Lippen waren genau so, wie er sie erinnerte. Und dann die wunderschönen Augen mit den dunklen Wimpern, diese Augen, aus denen sie ihn immer voller Geringschätzung angesehen hatte. Statt eines straßenköterblonden Pferdeschwanzes trug sie ihr Haar inzwischen schulterlang und wellig, in einem weichen Karamellblondton. „Jules?“ Er lachte. „Ich bin’s, Adam Sutherland.“

„Adam“, sagte sie und lächelte nervös. „Richtig, ich … ich wusste nicht, dass du auch kommst.“

„Mason hat mir gegenüber auch nicht erwähnt, dass du kommen würdest.“ Er musterte sie und stellte fest, dass sie sich in den vergangenen Jahren sehr zu ihrem Vorteil entwickelt hatte. Er mochte Julia McKee eigentlich immer, dieses Gefühl beruhte jedoch nie auf Gegenseitigkeit. Adam hatte sie als klug, humorvoll und aufrichtig kennengelernt. Zu schade, dass sie nie etwas für ihn übriggehabt hatte.

Wenn er ganz ehrlich war, vermutete er, dass Julia nichts von seinem durchschlagenden Erfolg bei den übrigen Mädchen im Camp hielt. Sie war die Einzige gewesen, die er mit seinem Charme nicht rumgekriegt hatte – und da lag sie plötzlich, erwachsen und unglaublich sexy, direkt in seinem Bett.

„Erzähl, wie ist es dir ergangen Jules?“

Sie blinzelte, als hätte seine Frage sie erschreckt. Man, das konnte er eigentlich besser. Aber was hätte er denn sonst zu ihr sagen sollen, zu dem Mädchen, das Teil so vieler seiner Fantasien gewesen war? Er lehnte sich über das Bett und reichte ihr seine Hand, um ihr aufzuhelfen.

Sie tat, als sehe sie seine Hand nicht, kam irgendwie wieder auf die Füße, setzte sich auf ihre Bettseite und wickelte das Laken um sich. Dabei ließ sie ihn nicht einen Moment aus den Augen. „Mir geht’s gut.“

Er nickte. Die Situation wurde langsam unangenehm. Er wollte sich einen anderen Schlafplatz suchen, aber vorher musste er die angespannte Stimmung irgendwie noch auflockern. „Ich habe gedacht, dass das Licht für mich angelassen wurde. Ich hatte keine Ahnung, dass du hier im Bett liegst, sonst …“

Endlich entspannten sich ihre Züge und sie lächelte ihn an, diesmal sehr viel herzlicher als zuvor. „Tut mir leid, dass ich dich mit dem Tennisschläger erwischt habe. Da war etwas in meinem Gesicht, ich dachte, es ist eine Fledermaus. Die hatten schon immer eine besondere Vorliebe für diese Hütte.“

„Du hast eine ziemlich beeindruckende Vorhand.“

„Das war meine Rückhand … Tat es sehr weh?“

Sie streckte ihre Hand aus, um über seine Schläfe zu streichen, und als sie ihn berührte, durchfuhr ihn ein Gefühl wie ein elektrischer Schlag. Er schluckte und griff dann nach ihrer Hand, verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich – ich werd schon wieder. Entschuldige, dass ich dich geweckt habe. Wann bist du angekommen?“

Sie blickte auf ihre Finger, die noch immer mit den seinen verschränkt waren. „Kurz nach Mitternacht.“ Sie zog ihre Hand zurück. „Wie spät ist es denn?“

„Drei Uhr morgens.“ Er runzelte die Stirn. Warum hatte sich das so gut angefühlt? Er hätte nicht gedacht, dass eine so harmlose Berührung ein so intensives Gefühl in ihm hervorrufen konnte. „Ich war ziemlich k. o. – bis du mich mit dem Schläger erwischt hast. Jetzt bin ich hellwach.“ Hellwach und schwer darum bemüht, das Gespräch bloß nicht abreißen zu lassen. „Und hungrig. Hast du Hunger?“

Sie lehnte ihren Kopf zur Seite und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Vergnügen. „Ich könnte schon etwas essen.“

„Frühstück wäre gut. Gibt es hier irgendwo ein 24-Stunden Diner? Ich könnte hinfahren und uns etwas holen.“

„Wir sind hier nicht in Chicago, ich bezweifle, dass es hier so etwas wie den Ashland Grill gibt.“

„Du kennst den Ashland Grill? Ich liebe den Laden“, sagte Adam grinsend.

„Ich wohne da ganz in der Nähe.“

„Du lebst in Chicago?“

Sie nickte. „Ja, das tue ich.“

„Ich glaube, Mason hat das mal erwähnt“, sagte Adam. „Wo genau?“

„Wicker Park.“

„Lincoln Park“, erwiderte Adam. „Direkt am Wasser.“ Er konnte es nicht fassen, sie wohnten quasi nebeneinander und er hatte keine Ahnung davon gehabt! Logisch, ihre Eltern waren auch aus Chicago. Es kam ihm dennoch sehr merkwürdig vor, dass sie sich eigentlich ständig hätten begegnen können, er aber irgendwie nie an sie gedacht hatte. Warum eigentlich nicht? Was hatte sie wohl in der Zwischenzeit gemacht?

„Mir fällt da was ein“, rief Julia. Sie sprang aus dem Bett und lief leichtfüßig zur Tür. „Bin gleich wieder da.“

„Was hast du vor?“

„Ich muss kurz zu meinem Auto.“

Die Tür fiel hinter ihr zu und Adam beobachtete durch die Glasfront der Hütte, wie Julia den Hügel hinuntereilte. Ihr T-Shirt flog hoch und er konnte die Bikinihose sehen, die sie trug, und auch ihren schön geformten Rücken. Er stellte sich ihren Körper vor, weich und nackt, wie gemacht für seine Berührungen.

Da stieß sie sich den Zeh an einer Wurzel und stolperte laut fluchend durch die Nacht. Er trat vor die Tür, bereit, ihr zu helfen, doch sie lief humpelnd weiter.

Adam lachte leise. Es war eine Weile her, dass eine Frau ihn so fasziniert hatte. Schon komisch, nach all den Jahren hier wieder auf Julia zu treffen. Sie war noch schöner geworden und zugleich noch immer das unbeholfene, tollpatschige Mädchen von früher. Und mit einem Mal war die alte Neugierde wieder da. Julia McKee stellte für ihn eine Herausforderung dar; eine Herausforderung, der er nicht widerstehen konnte.

Das würde eine sehr interessante Woche werden.

Julias Augen füllten sich mit Tränen, als sie zu ihrem Auto humpelte. „Bitte, bitte, lass ihn das nicht gesehen haben“, flüsterte sie wieder und wieder. Sie traute sich nicht, sich umzudrehen und ihn vor der Hütte stehen zu sehen, wie er sie beobachtete, während sie stolpernd durch den Wald lief.

Doch erst als sie den Wagen erreicht hatte, merkte sie, dass der Autoschlüssel noch in der Hütte lag. Aber zum Glück hatte sie vorhin, als sie ihr Gepäck aus dem Auto geholt hat, die hintere Tür nicht abgeschlossen. Julia krabbelte über den Rücksitz bis zu ihrer Kuchenbox. Wenn er hungrig war, würde sie ihn schon zu füttern wissen. „Zimtrollen“, murmelte sie, den Duft tief einatmend.

Auf dem Rücksitz hatte sie außerdem noch einen Leinenbeutel mit ihrem Kaffeezubehör – der Stempelkanne, dem Gourmetkaffee aus ihrer Konditorei und dem Wasserkocher. Sie griff sich noch ein paar Wasserflaschen und ihren Reisebecher und lief zur Hütte zurück, diesmal allerdings etwas vorsichtiger.

„Bau jetzt keinen Mist“, murmelte sie. „Reiß dich zusammen.“

„Brauchst du Hilfe?“

Sie blickte auf und da stand er direkt vor ihr. Gott, er war so unfassbar sexy. Und charmant. Und lustig. All die verrückten Gefühle von früher waren wieder da, sie kam sich wie ein Teenager vor – nur viel schlimmer … oder vielleicht doch besser. „Nimm die Box“, sagte sie.

„Was ist das alles?“

„Frühstück. Du sagtest, du möchtest etwas essen.“

„Du fährst eine komplette Frühstücksausstattung in deinem Auto mit dir rum? Für den Fall, dass du …?“ Er schüttelte den Kopf. „Mir fällt wirklich kein Grund ein, warum du das tun könntest.“

„Ich bin Konditorin und Kate hat mich gebeten, etwas mitzubringen. Und weil ich ohne meinen Kaffee morgens nicht wach werde, habe ich auf Reisen immer mein Kaffeeset dabei.“

Er hielt ihr die Tür auf und folgte ihr zurück in die Hütte. Sie legte ihr Zubehör auf eines der Stockbetten, füllte den Wasserkocher mit Wasser und steckte das Kabel in die einzige Steckdose in der Hütte, direkt am Spiegel. Sie warf einen Blick auf Adam und bemerkte, wie er sie beobachtete. „Du kannst die Box einfach öffnen und dich bedienen.“ Sie schaltete den Wasserkocher ein.

Er öffnete die weiße Box und sah hinein. Der Duft von Hefe und Zimt hing in der Luft. „Sind das etwa Zimtrollen? Wahnsinn.“ Er nahm eine heraus und biss hinein, die Frischkäseglasur hinterließ einen weißen Bart auf seiner Oberlippe. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte und sich vorstellte, wie es wohl wäre, die Glasur langsam, ganz langsam von seinen Lippen zu lecken.

„Und die hast du gemacht?“, fragte er mit vollem Mund.

„Das ist mein Beruf“, sagte sie und versuchte dabei, vor Freude nicht aufzuspringen. Es gab eine Zeit, da wurde gutes Essen – sehr gutes Essen – als eine Art Vorspiel begriffen. Es bereitete ihr großes Vergnügen, sich vorzustellen, wie ihm ihre Zimtrollen das ultimative Geschmackserlebnis bereiteten. Und wenn sie Glück hatte, würden sie ja vielleicht später noch zu ganz anderen Gelüsten kommen.

Adam setzte sich mitten auf das große Bett und schlug die Beine übereinander. „Bist du denn sicher, dass wir die jetzt essen sollten? Wird Kate da nicht böse werden?“

„Es sind noch Croissants und ein Apfelkuchen im Auto. Ich habe genug dabei.“

„Damit solltest du dich selbständig machen“, sagte er. „Die sind richtig gut.“

„Ich bin selbständig. Ich bin Inhaberin einer Konditorei.“

„Ja, dann bin ich jetzt in echten Schwierigkeiten“, erwiderte er mit einem ungläubigen Blick. „Du bist wunderschön, und du kannst kochen.“

„Backen“, korrigierte sie ihn, während sie spürte, wie sie errötete. „Kochen kann ich nicht wirklich.“

Sie sollte sich nicht so leicht um den Finger wickeln lassen. Julia wusste, dass hier gerade alles in Adam-typischer Weise ablief. Für ihn war jede Frau eine Eroberung, jede Verführung ein Zweikampf, den es zu gewinnen galt. Sie ging durch den Raum und setzte sich auf die Bettkante. „Der Kaffee ist in ein paar Minuten fertig.“

Er beobachtete sie scharf und leckte sich die restliche Glasur von den Fingerspitzen. „Du konntest nie viel mit mir anfangen, stimmt’s Jules?“

Seine unverblümte Art erwischte sie unvorbereitet. Na immerhin war es ihr offenbar erfolgreich gelungen, ihre Gefühle vor ihm zu verbergen. „Nein. Ich – ich meine, ich mochte dich auch nie nicht.“ Ihr Atem stockte. „Wie kommst du darauf?“

„Ich hatte immer das Gefühl, dass du mich keines Gedankens gewürdigt hast. Wir waren irgendwie nie … auf einer Wellenlänge.“

Julia blickte starr auf ihre im Schoß gefalteten Hände. „Ich denke, dass ich mich einfach ungern hinten anstellen wollte“, flüsterte sie.

„Touché.“ Er lachte leise. „Ich nehme an, das habe ich verdient. Aber du hast schon recht, ein Mädchen wie du hätte mit niemandem konkurrieren sollen.“

„Ein Mädchen wie ich?“

„Ein gutes Mädchen“, sagte er. „Ich meine … nicht gut im schlechten Sinne. Eher … gut. Wertvoll. Weißt du, ich fand dich immer ziemlich cool. Ich habe mir immer gewünscht, dass wir uns ein bisschen besser kennenlernen würden. Als Freunde.“

„Das können wir in dieser Woche ja nachholen, nehme ich an“, sagte sie.

„Also ich werde mich auf jeden Fall immer ganz in der Nähe der Frau aufhalten, die diese Zimtrollen macht.“

Julia kicherte und errötete erneut. Mit Komplimenten hielt er sich nicht zurück, so viel war klar. Und warum sollte sie diese Aufmerksamkeit nicht auch mal genießen? Warum nicht die Woche einfach damit verbringen, mit Adam zu flirten? Und wenn es zu mehr kommen sollte, sollte ihr das auch recht sein. Hier könnte tatsächlich eine Jugendfantasie Wirklichkeit werden!

Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Allein der Gedanke daran, wie sie sich ihm hingeben und in seine Arme, in sein Bett fallen würde, ließ ihren Herzschlag schneller werden und ihren Atem erneut stocken. Sie legte ihre Hand auf ihre Brust und spürte ihr Herz rasen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Kaffee“, sagte sie und sprang auf. Sie konzentrierte sich fest auf die Stempelkanne, füllte Kaffeepulver ein und goss es mit heißem Wasser auf. In ihrer Box fand sie ihre Lieblingstasse und stellte sie auf den Boden.

„Es tut gut, wieder hier zu sein“, sagte Adam, während er sich in der Hütte umsah. „Bei der Anfahrt habe ich mich wie früher gefühlt. Die Landschaft ist so einzigartig, ich habe alles gleich wiedererkannt. Und wie die Luft riecht …“

„Es riecht grün“, meinte Julia. „Ich liebe diesen Geruch.“

Sie verteilte den Kaffee auf zwei Tassen und ging zum Bett zurück. Adam rutschte zum Fußende und lehnte sich an der dort angebrachten Holzwand an, Julia setzte sich ihm gegenüber und lehnte sich an das Kopfende.

Die Atmosphäre war so vertraut, nur die beiden, um sie nichts als die ruhige Nacht. Julia hatte oft von einem Moment wie diesem geträumt und sich gefragt, wie es wohl wäre, ihn ganz für sich allein zu haben. Und da saß er, Hauptdarsteller all ihrer Teenager-Fantasien – und der meisten ihres Erwachsenenlebens auch.

Sie machten es sich auf dem Bett gemütlich und unterhielten sich locker. Dann und wann berührte sein Oberschenkel den ihren und jedes Mal spürte Julia ihr Herz flattern. Sie bekämpfte den Drang, alle Vorsicht über Bord zu werfen, sich zu ihm hinzudrehen und ihn zu küssen.

Adam war keiner, der so eine Avance nicht angenommen hätte. Das wusste sie mit Sicherheit. Sie konnte sich jeden Moment haargenau ausmalen – die Stärke seines schlanken Körpers, die Wärme seiner Lippen, das Gefühl seiner Hände auf ihrem Körper. Julia seufzte und stöhnte leise.

„Entschuldige bitte“, sagte er. „Ich halte dich wach.“

„Nein! Nein, alles gut. Jetzt hatte ich meinen Morgenkaffee, jetzt bin ich wach. Da gibt es kein Zurück mehr.“

„Als ich hier ankam, war ich todmüde, und jetzt fühle ich mich bereit für einen Marathonlauf.“

„Das macht der Kaffee“, sagte sie.

Er lächelte sie an. „Vielleicht. Es könnte aber auch an der Gesellschaft liegen.“

Julia trat spielerisch nach ihm. Er nahm ihren Fuß in seine Hände und massierte ihn sanft. Seine Berührungen lösten eine Wärmewelle in ihr aus, die durch ihren Körper floss und jeden Nerv in Erregung brachte.

„Jaja, ich weiß, diese kitschigen Sprüche wirken bei dir nicht“, neckte er sie. „Einen Versuch ist es aber immerhin wert, finde ich.“

„Ja“, sagte sie. „Das ist es wahrscheinlich.“

Ihre Blicke waren für einen langen Moment ineinander versunken und Julias Herz setzte für einen Schlag aus. Da war eine unglaubliche Anziehung zwischen ihnen, sie spürte es in seinem Blick, in seinem Lächeln, das bildete sie sich nicht ein. War diese Spannung vielleicht schon immer da gewesen? War Julia früher so von ihrer Verliebtheit geblendet gewesen, dass sie das gar nicht wahrgenommen hatte?

Sie lächelte und senkte den Blick auf ihren Kaffee. Nach ihrem einzigen Versuch – der Brief, der so ganz andere Wirkung hatte als erhofft – hatte sie nie wieder gewagt, Adam ihre wahren Gefühle zu zeigen. Doch was wäre gewesen, wenn?

Es gab so einiges, das während ihrer zehnjährigen Verliebtheit in Adam Sutherland furchtbar schiefgelaufen war. Aber das wollte sie nun hinter sich lassen. Sie sehnte sich danach, einfach etwas zu riskieren, zur Hölle mit den Konsequenzen. Und selbst wenn sie sich zum totalen Idioten machte, konnte sie danach einfach nach Frankreich fliehen und sich dort für die nächsten zwei Jahre verstecken.

2. KAPITEL

Adam öffnete die Augen und sah die Morgensonne durch die Bäume blitzen. Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar, setzte sich auf und blickte sich um. Julia war nicht mehr da, ihre Seite vom Bett war ordentlich gemacht. Er musste unwillkürlich lächeln und streckte sich gähnend.

Er wusste nicht, wann er zuletzt eine Nacht mit einer schönen Frau verbracht hatte, ohne dass zwischen ihnen etwas gelaufen war. Aber vielleicht war es gar keine so schlechte Idee, beim ersten Treffen mal nicht sofort miteinander im Bett zu landen. Was hatte ihm das in der Vergangenheit gebracht? Klar, eine ganze Menge sexueller Abenteuer, aber nichts weiter.

Er war inzwischen fast dreißig Jahre alt. Er wollte mehr vom Leben, als von einer seichten Affäre zur nächsten zu springen, als Beziehungen zu Frauen, die sexy, aber leider hirnlos waren. Er sehnte sich nach einer Herausforderung, nach einer Frau, die ihm nicht immer nur nach dem Mund reden und sich ihm komplett unterordnen würde. Er suchte jemanden, der ihn länger als nur für ein paar Monate faszinieren konnte.

Verdammt, Jules begeisterte ihn seit mehr als zehn Jahren! Und jetzt tauchte sie plötzlich wieder in seinem Leben auf und Adam merkte, dass sein Interesse an ihr nie nachgelassen hatte. Er schwang seine Beine aus dem Bett und dehnte seinen Nacken, während er nach seinem Seesack griff.

Das Frühstück hatte er wahrscheinlich schon verpasst. Aber mit etwas Glück würde er noch einen Rest Kaffee finden und vielleicht war auch von Julias Gebäck noch etwas übrig, das ihn bis zum Mittagessen satt halten konnte. Ums Essen ging es ihm dabei jedoch kaum, er wollte eigentlich nur Julia wiedersehen.

In seinem Seesack fand er ein paar ausgeblichene Cargohosen und ein altes T-Shirt. Seine Sachen vom Vortag, in denen er eingeschlafen war, hatte er bereits ausgezogen und kramte fast völlig nackt nur noch nach einer frischen Boxershorts, da hörte er die Vordertür quietschen.

Überrascht drehte er sich um und sah Julia mit einer Kaffeetasse in der Hand im Türrahmen stehen. Allein ihr Anblick reichte aus, dass er wie ein Teenager sofort grinsen musste. Sie trug ein hellblaues Jäckchen, einen leichten Baumwollrock und Sandalen, die ihre pink lackierten Fußnägel zeigten.

Dass sie Konditorin war, sah man ihr wirklich nicht an. Sie war schlank und groß gewachsen, ihr Körper weckte in ihm den unbedingten Wunsch, sie zu berühren. „Morgen“, sagte er. „Ist das für mich?“

„Ja, jeder wundert sich schon, wo du bleibst. Ich meinte, du bist erst heute früh angekommen, kurz nachdem ich aufgestanden bin.“ Während sie näher kam, um ihm den Kaffee zu geben, ließ sie ihren Blick langsam seinen Körper hinabgleiten.

Adam lächelte. Es gefiel ihm, wie sie ihre Augen nicht von ihm lassen konnte. Vielleicht war sie sogar etwas neugierig? Vor ihnen lag eine ganze gemeinsame Woche und Adam hatte nicht vor, einen einzigen Augenblick davon zu vergeuden. Er wollte mehr über sie erfahren, Zeit mit ihr verbringen, herausfinden, wohin die Reise für sie beide gehen könnte. Ihm war jedoch klar, dass er behutsam vorgehen musste. Jules war keine von denen, die, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, einfach mit jemandem ins Bett gehen würde.

„Ich bin wohl eingeschlafen“, sagte er und nahm ihr den Kaffee ab. „Ich hätte wahrscheinlich eines der Stockbetten beziehen sollen, aber …“

„Alles gut“, winkte sie ab und wippte zugleich nervös von Fuß zu Fuß. „Es ist ja nichts passiert, du warst der perfekte Gentleman.“

„Wenn du meine Gedanken lesen könntest“, sagte er, während er einen Schritt in ihre Richtung machte. Sie wich nicht zurück, was Adam als gutes Zeichen deutete. Er berührte sie an der Taille und ließ die Hand behutsam über ihre Hüfte wandern. Dann beugte er sich langsam zu ihr vor und strich mit seinen Lippen sanft über ihre. Das war eine Art Test, dachte er sich. Wenn sie ablehnend reagieren sollte, wüsste er genau, wie sie zueinander stehen. Aber wenn sie stattdessen …

Im gleichen Augenblick schlang Julia ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn zurück. Doch dieser Kuss war heißblütig und ungestüm – und absolut kein Test mehr.

Adam strauchelte ein wenig und der heiße Kaffee schwappte ihm auf die Hand. Vor Schreck ließ er die Tasse mit einem kurzen Schmerzenslaut fallen, so dass sie auf dem Holzboden zersprang. Ihr Kuss ließ ihn den Schmerz jedoch sofort vergessen, er packte sie fester und zog sie mit sich, bis sie aufs Bett fielen und Julia auf ihm zu liegen kam.

Er legte seine Hände um ihr Gesicht – ein Versuch, das, was zwischen ihnen gerade wie im Rausch passierte, etwas abzubremsen. Sie entspannte sich bei seiner Berührung doch in ihrem Blick lag Staunen, sie sah ihn fragend an. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er.

Julia nickte atemlos.

„Das war schön. Möchtest du es nochmal versuchen?“

Julia runzelte die Stirn. „War es denn eben nicht gut?“

„Nein, es war sehr gut, warte, ich zeige es dir.“ Ihr zweiter Kuss war weniger heftig als der erste, sie ließen sich Zeit, neckten sich spielerisch, schmeckten sich intensiv. „Wer braucht schon Kaffee, wenn er dich haben kann?“

Sie fuhr mit der Hand über seinen nackten Oberkörper und rang sich zu einem Entschluss durch. „Du kannst hier nicht wohnen. Du musst dir einen anderen Schlafplatz suchen.“

„Ich weiß.“ Als sie ihn erneut küsste, seufzte er lustvoll und ließ seine Hände ihren Rücken hinabwandern. Er raffte den Stoff ihres Rockes in seinen Fäusten hoch, bis ihre Beine komplett enthüllt waren. „Aber das bedeutet ja nicht, dass ich nicht am liebsten hierbleiben würde.“ Mit dem Daumen fuhr er sanft über ihre Unterlippe, die von dem Kuss noch feucht war. „Ich könnte nachts, wenn alle schlafen, wieder herkommen – was meinst du? Ich bin ein Profi, wenn es darum geht, unbemerkt durchs Camp zu schleichen.“

Sie nickte. „Du solltest jetzt wirklich frühstücken gehen. Alle wundern sich schon, wo du bleibst.“

„Nur, wenn du mich küsst. Einmal noch.“

Sie lächelte, beugte sich zu ihm und ließ ihre Zunge über seine Lippen fahren, bevor sie sich einem letzten, langen, perfekten Kuss hingab. Dann stieß sie sich von ihm ab und stand auf, die Hände in ihrem weiten T-Shirt vergraben.

„Ich denke, dass wir das für uns behalten sollten“, sagte sie. „Ich möchte nicht zum Gesprächsthema Nummer eins in Winnehawkee werden.“

Adam nickte langsam. Zunächst würde er sie die Regeln bestimmen lassen. „Gut, das klingt vernünftig.“

Sie ging zur Tür und zögerte kurz, bevor sie sich noch einmal zu ihm umdrehte. „Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl wäre, dich zu küssen“, sagte sie. „Du hast hier im Camp ja fast jedes Mädchen geküsst.“

„Du warst die Einzige, die ich wirklich küssen wollte.“

„Und war es, wie du es dir vorgestellt hast?“

Adam nickte. „Du weißt, wie man küsst, das muss ich dir lassen.“ Er bemerkte seine Erektion, die sich gegen den Stoff seiner Boxershorts abzeichnete, und versuchte, sie mit den Händen zu verdecken. „Sorry, das kann in solchen Situationen schon mal passieren.“

Sie öffnete die Tür und kicherte. „Das solltest du lieber nicht zum Frühstückstisch mitbringen.“

Er sah ihr nach, wie sie den Hügel hinabschlenderte und dabei wieder über die gleiche Wurzel stolperte, über die sie gestern Nacht schon gestolpert war. Sie konnte sich gerade noch abfangen und rieb sich, auf einem Bein hüpfend, die Zehen ihres angeschlagenen Fußes. Sie warf einen Blick zurück, ob er es gesehen haben könnte. „Geht’s dir gut?“, rief er.

„Alle klar“, antwortete sie ihm winkend.

„Frühstück“, murmelte er, während er zurück in die Hütte ging. Er zog sich die bereits ausgewählten Kleidungsstücke an und schlüpfte in seine Segelschuhe. Obwohl er es kaum erwarten konnte, Mason und Ben wiederzusehen, galten seine Gedanken nur einer einzigen Person. Sie hatte sanfte Lippen und weiche Haut und ein Lächeln, das sie noch begehrenswerter machte, als ihre Zimtrollen.

Einige Minuten später, als Adam sicher sein konnte, dass er sich wieder völlig im Griff hatte, ging auch er zum Speisesaal. Er trat ein und sah alle seine alten Freunde zusammen um den Tisch, direkt beim Durchgang zur Küche, sitzen.

„Ah, da ist er ja endlich!“, rief Mason. „Wir wollten schon einen Suchtrupp losschicken. Jede Minute zählt und du hältst erst mal deinen Schönheitsschlaf.“

Adam durchquerte den Raum und grinste Mason an. „Dass du hingegen unter Schlaflosigkeit leidest, sehe ich dir direkt an. Du bist wirklich nicht schön anzusehen, Mase!“ Er streckte Mason die Hand entgegen, der sie packte, Adam zu sich zog und ihn umarmte.

„Schön, dich zu sehen.“

Adam winkte Frannie und Ben zu. „Und wo bekomme ich jetzt hier etwas zu essen her?“

„Kate hat in der Küche alles vorbereitet. Nimm dir einen Teller, Kaffee haben wir hier draußen.“

Als Adam zur Schwingtür der Küche ging, kam ihm Kate mit einer Dose Ahornsirup entgegen. „Ich hab’s gefunden, aber ich weiß nicht, ob es … Adam!“ Sie warf ihre Arme um seinen Hals und umarmte ihn stürmisch. „In der Küche gibt’s noch Pancakes und Würstchen. Ich kann dir ein paar Eier braten, wenn du möchtest. Wann bist du angekommen? Wo hast du geschlafen?“

„Spät. Ich habe meinen Schlafsack mitgebracht“, antwortete er. Er war sich nicht sicher, wie viel Jules den anderen erzählt hatte, und entschied, sich zurückzuhalten. „Pancakes klingen wunderbar.“

Adam ging durch die Schwingtür in die riesige Küche. Julia zog gerade ein Backblech aus dem alten Industriebackofen. „Solltest du Zimtrollen machen, ich könnte allein mindestens vier oder fünf essen.“

Sie wandte sich um und lächelte ihn an. „Scones“, sagte sie. „Himbeerscones.“ Julia nahm einen Scone vom Backblech und warf ihn Adam zu. „Vorsicht, die sind heiß.“

Er setzte sich auf einen Stuhl an die große Arbeitsplatte und stellte den Scone vor sich ab. „Und was ist der Plan für heute? Kann ich hier einfach sitzenbleiben und dir beim Backen zusehen, oder muss ich arbeiten?“

„Du musst vor allem deine Sachen aus meiner Hütte holen“, sagte sie.

„Warum? Ist doch nichts passiert letzte Nacht. Ich bin mir sicher, dass wir friedlich koexistieren können.“

„Diese Woche geht es nicht um uns. Es geht um Mason und Kate.“

„Aber wir werden ja nicht Tag und Nacht arbeiten, mal werden wir auch Zeit für uns haben. Wir könnten heute Abend zum Beispiel zusammen in die Stadt fahren und etwas essen? Nur du und ich?“

Sie starrte ihn eine Weile lang an, als würde sie versuchen, ihm seine Beweggründe anzusehen. Hatte er sich nicht klar genug ausgedrückt? Oder vertraute sie ihm ganz einfach nicht? War er zu schnell, erwartete er mehr, als sie bereit war zu geben? Aber dieser Kuss hatte nach so viel mehr geschmeckt – nach Verlangen, Sehnsucht, Begierde. Sollte er das ignorieren?

„Du hast recht“, sagte er und biss eine Ecke vom warmen Scone ab. „Wir müssen uns auf das konzentrieren, was hier erledigt werden muss.“ Er betrachtete das Gebäck genauer und nickte. „Der ist gut.“

Damit drehte er sich um und verließ die Küche. Julia sollte die Gelegenheit bekommen, sich zu überlegen, wie sie beide hier weiter vorgehen würden. Wenn er den Kuss richtig verstanden hatte, würde sie früher oder später das Gleiche wollen wie er. Und für eine Frau wie Julia war Adam mehr als bereit, darauf zu warten.

„Was steht denn heute auf dem Plan?“, fragte er seine Freunde und nahm sich einen Kaffee.

„Wir müssen die Dächer dreier Hütten neu decken“, sagte Mason. „Die Mädels tauschen bei zwei Hütten die Frontscheiben aus und dann hoffe ich, dass jemand sich freiwillig meldet, um das Krankenzimmer neu zu tapezieren. Als Kate und ich zuletzt zusammen tapeziert haben, hätten wir uns am Ende beinahe geprügelt.“

„Ich kann tapezieren“, sagte Julia, die gerade mit einem Korb frischer Scones aus der Küche kam.

„Ich auch“, fügte Adam schnell hinzu. „Ich bin Profi.“

„Sehr gut“, sagte Mason. „Dann ist das eure Aufgabe für morgen.“ Er stand auf und nahm sich seine Kaffeetasse. „Also Leute, lasst uns loslegen.“

Adam ging um den Tisch herum zu Julia und legte ihr eine Hand auf den Rücken, während er nach einem weiteren Scone griff. „Nur einen noch“, flüsterte er.

Sie blickte ihn flüchtig an, ihr Blick blieb an seinem Mund hängen und er wusste sofort, woran sie dachte. Würde es ihm gelingen, sie nochmals zu küssen, ohne dass die anderen etwas mitbekommen würden? „Ich werde mir ein paar deiner Scones zum Mitnehmen einpacken.“

„Ja, ich besorge dir eine Tüte“, sagte Julia. Sie ging zurück in die Küche und ein paar Sekunden später folgte Adam ihr.

Sie spürte, dass er im Raum war, und drehte sie sich schnell zu ihm um. An die Tischkante gelehnt beobachtete sie, wie er langsam den Raum in ihre Richtung durchquerte, bis er direkt vor ihr stand. Er spürte die Wärme, die ihr Körper ausstrahlte, und hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte.

Er umfasste ihre Taille und zog Julia zu sich. In ihrem Blick konnte er sehen, was sie wollte, und ohne zu zögern küsste er sie.

Sie wollten einander und es war zwecklos, das abzustreiten. Seine Zunge eroberte ihren warmen Mund stürmisch, sie reagierte darauf mit genau dem gleichen Verlangen. Adams Hände strichen über ihre Hüfte, er umfasste ihren Hintern und zog sie noch näher an sich heran.

Wenn er so weitermachte, würde man seiner Hose einen verräterischen Beweis für ihr Treiben hier ansehen und er würde erst mal eine kalte Dusche nehmen müssen oder wenigstens für zehn Minuten zur Ruhe kommen. Entschieden trat er einen Schritt zurück.

„Wir sehen uns später“, sagte er und strich ihr über den Rücken.

Sie lächelte. „Möchtest du deine Scones nicht mitnehmen?“

Adam schüttelte den Kopf. „Nein, so kann ich noch mal zu dir kommen.“

„Später“, sagte sie nickend.

Als er die Tür erreichte, schaute er kurz zurück und sah sie noch immer an den Tisch gelehnt stehen, so, wie er sie zurückgelassen hatte, ihre Hand an ihr Herz gepresst, die Lippen noch feucht von seinem Kuss. Adam schritt durch den Speisesaal auf die Veranda hinaus. „Das wird ein guter Tag“, sagte er zu Mason und die beiden gingen im Sonnenschein davon.

Julia hatte wackelige Knie, sie atmete tief ein und versuchte, sich zu beruhigen. Aber vom Sauerstoff wurde ihr nur noch schwindeliger. Schnell stolperte sie zum Waschbecken und benetzte ihr Gesicht mit kaltem Wasser. Würde sie sich je daran gewöhnen, ihn zu küssen? Und würden diese Nachwirkungen weniger werden, je öfter sie sich küssten?

Seit dem ersten Kuss in der Hütte hatte sie an nichts anderes mehr denken können. Ihr waren aus Versehen zwei Eier runtergefallen, sie hatte ein Glas Orangensaft umgekippt und ihr war ein ganzes Blech mit Scones verbrannt, während sie Adam in Gedanken wieder und wieder küsste. Und jetzt war ein weiterer Kuss dazugekommen und sie wusste, dass der Gedanke daran es ihr den ganzen Tag über unmöglich machen würde, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren.

Sie atmete noch einmal tief durch. Obwohl sie seit Jahren davon träumte, Adam zu küssen, hätte sie nie gedacht, dass es sie so umhauen würde. Allein sein Geschmack, die Wärme seiner Lippen, seine Hände auf ihrem Körper reichten schon aus, um sie verrückt zu machen. Sie konnte sich gegen das Gefühl, sich diesem Mann absolut und vollständig hingeben zu wollen, nicht wehren.

Als Teenager hatte sie sich in romantischen Fantasien verloren, jetzt aber war es die pure Begierde, die ihre Gedanken beherrschte. Sie sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers danach, diese Begierde zu befriedigen, und sah die Erfüllung ihrer Lust in intensiven Bildern vor ihrem inneren Auge. Nackte, ineinander verschlungene Körper, suchende Münder, leises Seufzen.

Genau davon hatte sie geträumt und jetzt, wo es real werden sollte, wollte sie sich jeden einzelnen Moment genau einprägen. Langsam sank sie auf den Küchenboden nieder und schloss die Augen. Sie konnte ihn immer noch auf ihren Lippen schmecken. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und dabei dachte sie, dass sie blind hundert fremde Männer küssen konnte – ihn würde sie sofort erkennen.

Sie wollte rennen und springen und schreien und sich einfach dem wilden Gefühl hingeben, das ihren Körper beherrschte. Aber Julia wusste, dass sie ihre Gefühle erst mal für sich behalten musste. Es könnte ein, zwei Tage anhalten und dann genauso plötzlich wieder vorbei sein, wie es begonnen hatte. Und als Allerletztes wollte Julia sich vor den anderen zum Deppen zu machen.

Zugleich war es so schwer, zu glauben, was ihr gerade passierte, solange sie niemandem davon erzählen konnte. Wenn sie es Kate oder Frannie erzählen könnte, würde es sich vielleicht nicht mehr so unwirklich anfühlen. Und vielleicht wäre sie dann auch nicht mehr so eingeschüchtert von dem, was hier passierte.

Dass ein Mann in ihr ein solches Chaos aus ängstlicher Aufregung und Vorfreude auslöste, hatte sie in ihrem Leben seit … ja, eigentlich noch nie erlebt. Was würde passieren, wenn sie ihn das nächste Mal sah? Wenn er sie das nächste Mal berührte?

„Jules?“

Sie blickte auf und sah Kate, die mit der Kaffeekanne in der Hand neben ihr stand.

„Was machst du denn da?“, fragte Kate.

„Nichts“, sagte Julia schnell. „Ich habe nur … ein wenig geträumt. Letzte Nacht habe ich nicht sehr gut geschlafen.“

Kate setzte sich zu ihr. „Geht’s dir gut? Du glühst ja.“ Sie hielt ihre Hand an Julias Stirn. „Wirst du etwa krank?“

„Nein, das liegt nur am Backofen. Mir geht’s gut, wirklich.“

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Frannie, die zu ihren Freundinnen stieß. Sie setzte sich neben Kate und beugte sich zu Julia. „Alles in Ordnung mit dir? Deine Wangen glühen.“

Julia fasste sich an die Wangen. „Ja.“

„Ihr ist nur warm“, erklärte Kate. Sie seufzte. „Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr wir uns über eure Hilfe freuen. Alleine würden wir’s nie schaffen. Und bezahlen können wir auch niemanden mehr, das hätte unser Budget endgültig gesprengt. Wisst ihr, wie teuer Klempner sind?“

„Mach dir keine Gedanken“, sagte Frannie.

„Ich will nur, dass ihr wisst …“

„Stopp“, sagte Julia und nahm Kate in den Arm. „Wir sind alle hier, weil wir diesen Ort lieben und euch auch.“

Kate umarmte ihre beiden Freundinnen. „Ich bin so froh, dass wir alle wieder hier zusammen sind.“

„Wir haben uns nicht wirklich verändert, stimmt’s, Mädels?“, sagte Frannie und streckte ihre Beine aus. „Aber wisst ihr, wer sich so richtig positiv entwickelt hat über die letzten Jahre?“ Sie lehnte sich zu den beiden anderen. „Adam. Gott, ich hätte nie gedacht, dass er noch heißer werden könnte, als er sowieso schon war! Warum hat sich den eigentlich noch keine Frau geschnappt?“

„Vielleicht ist er ja schwul“, sagte Kate.

„Nein, ich glaube nicht, dass er schwul ist“, sagte Julia.

„Woher willst du das denn wissen?“ Kate schaute Julia mit großen Augen an. „Ihr zwei habt doch nicht …“

„Ich habe ihn mal in Chicago gesehen. Er spazierte die Michigan Avenue mit einer umwerfenden Blondine entlang. Ich glaube, er mag Frauen einfach viel zu gern, als dass er sich auf eine festlegen würde.“

„Wer so aussieht, hat auf jeden Fall die große Auswahl“, sagte Kate. „Ich sage ja immer, dass Masons Geheimratsecken das Beste sind, das unserer Ehe hätte passieren können. Die Ehe ist doch eine gute Option für einen, der demnächst eine Glatze haben wird.“

Frannie stand auf. „Lasst uns anstoßen.“ Sie füllte drei Gläser mit Orangensaft und reichte sie herum. „Auf Camp Winnehawkee. Freunde für immer.“

„Ja“, sagte Julia. „Seht uns an. Ihr zwei seid einfach meine besten Freunde.“

„Wir sollten uns wirklich öfter als nur einmal im Jahr sehen“, sagte Frannie. „Wir wohnen ja noch nicht einmal weit voneinander entfernt.“

„Das wird sich bald ändern“, sagte Julia. Sie stellte ihr Glas auf die Arbeitsplatte und atmete tief ein. „Ende des Sommers ziehe ich mit Jean-Paul nach Paris.“

Ihre Freundinnen starrten sie mit offenen Mündern an. „Mit Jean-Paul? Ihr geht zusammen? Als Paar?“

Julia zuckte mit den Schultern. „Möglich wär’s, wir gehen aber vor allem aus beruflichen Gründen. Er möchte am ‚Meilleurs Ouvriers de France‘-Wettbewerb teilnehmen. Wenn man in Frankreich diesen Titel hat, gehört man zu den Besten seiner Zunft. Er wird deshalb für ein paar Jahre wieder in der Patisserie seiner Familie arbeiten und hat mich gefragt, ob ich mitkommen möchte.“

„Werdet ihr zusammenleben?“, fragte Frannie.

„Nein. Wir werden noch nicht mal zusammen arbeiten. Er hat mich bei einem sehr bekannten Konditor untergebracht, in dessen Geschäft ich erst mal arbeiten werde.“

„Für wie lange denn?“, fragte Frannie weiter.

„Das weiß ich noch nicht genau. Sechs Monate, ein Jahr, vielleicht zwei, wenn alles gut läuft. Und sollte es schlecht laufen, komme ich halt nach ein paar Wochen einfach wieder.“ Julia zuckte mit den Schultern. „Ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Leben etwas verändern muss.“

Kate schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, Jules. Vor ein paar Jahren hattest du eine Beziehung mit dem Typen. Wenn ich mich recht erinnere, hat er dich nicht besonders gut behandelt. Und jetzt willst du mit ihm nach Paris gehen. Für mich klingt das, als wäre es mehr als nur eine berufliche Reise.“

„Möchtest du denn, dass es mehr ist?“, fragte Frannie. „Bist du noch in ihn verliebt?“

Verliebt? Julia war sich nicht mehr sicher, was das eigentlich bedeuten sollte. Nach nur einem Tag, den sie mit Adam Sutherland verbracht hatte, hatte sie keinerlei Gedanken mehr für Jean-Paul übrig. „Nein, ich bin nicht in ihn verliebt“, sagte sie. „Das ist einfach eine fantastische Möglichkeit, die ich nicht verpassen möchte.“

„Und was wird aus deiner Bäckerei?“, fragte Kate.

„Ich habe einen tollen Manager und ein wunderbares Team, die werden gut zurechtkommen, bis ich wieder da bin.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich brauche einfach etwas Neues. Eine Veränderung. Außerdem könnt ihr mich ja besuchen, stellt euch vor, was wir für einen Spaß in Paris haben würden.“

„Au ja, ich habe so viele Bonusmeilen gesammelt, dass wir zwei zusammen zum Mond und wieder zurück reisen könnten“, sagte Frannie zu Kate. „Lass uns im Frühling fliegen, das wäre doch perfekt.“

„Perfekt“, sagte Julia. Aber irgendwie fühlte sich der Gedanke an Paris nicht mehr ganz so perfekt an. Zwischen Paris und Adam lag ein ganzer Ozean, ein Ozean, der sie von dieser aufregenden und verwirrenden Affäre trennen würde, in die sie geraten war. Und obwohl es morgen schon vorbei sein könnte, wollte Julia fest daran glauben, dass es viel länger gehen könnte.

Und wenn die zwei Monate bis zu ihrem Abflug nach Frankreich alles sein sollten, was ihr zur Verfügung stand, musste sie dafür sorgen, dass jeder einzelne Tag sich lohnen würde.

„Au! Verdammt!“

Adam richtete sich auf und legte die Nagelpistole, mit der er das neue Dach der Stachelschweinhütte befestigte, zur Seite. Julia war irgendwo in der Hütte unter ihm damit beschäftigt, die Frontscheiben auszubessern. Und nach dem zu schließen, was er zwischendurch hatte hören können, lief es nicht besonders gut.

Er ging zur Leiter und stieg vom Dach. Sie stand über eine der Fensterbänke gebeugt, mit einem Hammer in der Hand. Durch die Glasfront beobachtete er, wie sie versuchte, einen Nagel in die Holzleiste zu schlagen, die die Scheibe an ihrer Stelle halten sollte.

„Verdammt“, fluchte sie erneut, als sie mit dem Hammer ihren Daumen traf.

„Was ist denn hier los?“

Julia schreckte zusammen, als sie Adams Stimme hörte, und drehte sich zu ihm um. „Ich fluche über meine nicht existierenden Handwerksfähigkeiten … ich habe mir inzwischen alle Finger zertrümmert.“

„Darf ich dir einen kleinen Trick zeigen?“, fragte er und betrat die Hütte. „Also“, sagte er und griff nach ihrer Hand, führte ihre Finger an seine Lippen und küsste nacheinander jede ihrer Fingerkuppen zärtlich. „Schon besser?“, fragte er.

Sie hatte die Luft angehalten und atmete jetzt erst aus. Sie schüttelte den Kopf. „Noch nicht ganz.“

Er drückte ihre Handfläche an seine Lippen. „Wie ist es jetzt?“

„Ein bisschen besser – aber der Schmerz wandert irgendwie meinen Arm entlang.“

Lachend zog er sie in seine Arme. „Und hat der Schmerz deine Lippen schon erreicht?“

Verspielt drückte Julia ihre Hände gegen seine nackte Brust. „Fast. Hast du dafür auch einen Tipp?“

Adam atmete den Duft ihres Nackens ein und biss sanft in die weiche Haut direkt unter ihrem Ohr. „Jules, fang nichts an, was wir nicht zu Ende bringen können.“

„Nur ein Kuss“, sagte sie.

„Heute Morgen war es nur ein Kuss“, flüsterte er. „Ich habe den ganzen Tag auf dem Dach damit verbracht, an dich zu denken. Ich will nicht wieder nur einen Kuss. Und du auch nicht, glaube ich.“

„Du hältst dich wohl für unwiderstehlich?“, versuchte Julia, zu scherzen. „Ich kann dir nämlich sehr gut widerstehen, wenn ich es will.“

Er lachte leise und fuhr mit seinem Daumen langsam ihre Oberlippe entlang. „Nein, das kannst du nicht.“

Stur hob sie den Kopf und betrachtete ihn kühl. „Ich konnte dir zehn Jahre lang widerstehen.“

„Ja, aber die Zeiten sind vorbei. Jetzt ist alles anders.“ Er lehnte sich zu ihr und strich mit seinen Lippen über ihren Mund, seine Zunge folgte der Lücke zwischen ihren Lippen. Adam hatte sich nie viele Gedanken ums Küssen gemacht, es gehörte irgendwie einfach dazu. Aber bei diesem Kuss war es anders, dieser Kuss sollte sie im Sturm erobern.

Er spürte, wie ihre Gegenwehr schwächer wurde, und umfasste ihr Gesicht mit seinen Händen, zog ihren Mund zu seinem, küsste sie. Ihr Körper sank seinem entgegen, sie umfasste seine Schultern und er spürte, wie sie seinem Drängen nachgab.

Dann löste er seinen Griff und ließ seine Hände langsam über ihren Körper gleiten. Sie stöhnte auf, als er ihre Brüste umfasste, ihr Körper gab sich seiner Bewegung hin und als er ihre Hüfte an sich zog, konnte sie spüren, wie hart er schon wieder war. Sie atmete heftig und zuckte dann mit den Schultern. „Okay, ich verstehe, du kannst sehr entschlossen sein, das muss ich dir lassen.“

Adam grinste. Doch plötzlich war von draußen Masons Stimme zu hören. Julia fuhr sich hektisch mit den Fingern durch ihre zerzausten Haare und Adam ging schnell zur anderen Seite des Raumes, griff sich einen dort liegenden Hammer und drehte seinen Rücken zur Tür, um seine Erektion vor Mason zu verbergen.

„Adam? Bist du hier?“ Mason öffnete die Tür und betrat die Hütte.

„Ja, ist er“, rief Julia etwas zu laut. „Er hilft mir mit der Frontscheibe, ich zerschlage mir sonst noch alle Finger.“

Adam blickte über seine Schulter und nickte. „Ich bin hier gleich fertig, ich möchte Julia nur noch zeigen, wie sie es hinbekommt, ohne ihre Finger zu zertrümmern.“

Masons Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. Adam stöhnte innerlich. Mason war ja nicht blind. Er hatte ein Gespür dafür, wenn jemand etwas vor ihm verheimlichte. Verdammt, er war Lehrer, Lehrer hatten einen automatischen Sensor für solche Situationen.

Adam griff nach einer feinen Zange und steckte einen kleinen Nagel in den Zangenkopf. „Siehst du, damit kannst du den Nagel halten und dann loshämmern.“ Schnell reichte er Julia die Zange.

„Danke, das versuche ich gleich mal“, antwortete sie.

„Okay“, murmelte Mason. „Na ja, dann macht mal weiter hier. Kate meinte, dass es in einer halben Stunde Essen gibt. Ich werde bis dahin auf dem Dach weiterarbeiten.“

Beide sahen Mason hinterher, als er die Hütte verließ. „Verdammt“, sagte Adam leise, als sie Masons Schritte auf dem Dach hören konnten.

„Er hat nichts bemerkt, glaube ich“, flüsterte Julia. „Es ist ja auch nicht so, als hätte er uns bei irgendetwas erwischt.“

„Ich wünschte, er hätte uns bei etwas erwischt“, sagte Adam. „Wie wir umeinander herumschleichen, finde ich irgendwie dämlich. Wir sind fast dreißig Jahre alt und verhalten uns wie Teenager.“

„Es geht nicht anders“, sagte sie.

„Wieso nicht?“, fragte Adam. „Gib mir einen guten Grund.“

„Wenn du dich dazu entschließt, mich nach drei Tagen sitzen zu lassen, stehe ich auf diese Weise nicht wie ein Trottel vor meinen Freunden da.“

Ihre Worte trafen ihn hart. So dachte sie über ihn? Sie hielt ihn für so oberflächlich, so grausam, dass er sie zum Zeitvertreib verführen würde? Ungläubig starrte er sie an.

„Tut mir leid“, flüsterte Julia. „Aber ich möchte nicht bloßgestellt werden.“

„Jules, das würde ich nie tun. Du bist mir wichtig.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Gar nichts“, antwortete sie schnell. „Ich finde es gut, wenn das hier nur eine Sache für eine Woche ist. Das finde ich sogar perfekt. Ich erwarte gar nicht mehr und weiß auch nicht, ob ich momentan überhaupt mehr erwarten möchte. Aber meine Freunde sollen nichts Schlechtes von dir oder mir denken.“

„Uns was könnten sie Schlechtes denken?“, fragte er.

„Dass du ein oberflächlicher Widerling bist und ich ein erbärmlicher Verlierer.“

Er atmete tief ein und dann langsam wieder aus. Sie hatten weder die Ruhe noch die Zeit, das jetzt zu besprechen. Er nahm sich jedoch fest vor, das nächste Mal, wenn sie allein waren, mit Julia ernsthaft zu reden. „Ich muss hoch, Mason helfen. Wir sprechen später.“

Sie starrte die Zange in ihrer Hand an und nickte. Adam nahm ihre Hände in seine und zog Julia zu sich. Er küsste ihr Handgelenk und sie hob den Blick, sah ihm tief in die Augen. „Mir geht es um mehr als um Sex“, sagte er. „Und ich würde dich nie verletzen. Glaubst du mir das?“

Es dauerte einen Moment, bis sie nickte. „Du solltest jetzt hochgehen. Mason fragt sich bestimmt schon, warum du so lange brauchst.“

Leise fluchend drehte Adam sich um und verließ die Hütte. Er stieg die Leiter zum Dach hoch und ging zu Mason.

„Alles in Ordnung?“, fragte Mason.

„Klar“, sagte er. „Sie brauchte nur kurz etwas Hilfe.“

„Läuft da was zwischen euch?“, fragte Mason.

Adam schüttelte den Kopf. „Nein. Wie kommst du darauf?“

„Du warst ganz schön lang in der Hütte und ihr habt die ganze Zeit geflüstert.“

„Nein, da ist nichts. Das ist meine offizielle Antwort und dabei bleibe ich.“

Adam konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit, doch in Gedanken war er bei der Frau, die direkt unter ihm mit den Fenstern beschäftigt war. Vielleicht war es besser, dass früher zwischen ihnen nichts gelaufen war. Julia McKee war ein einziges Bündel von verwirrenden, weiblichen Widersprüchen und es würde ihn einige Zeit kosten, sie zu durchschauen.

Er hatte noch sechs Tage und sechs Nächte. Wenn er sich irgendwelche Hoffnungen auf Erfolg machen wollte, musste er sich ins Zeug legen.

3. KAPITEL

Die Weinflasche zum Abendessen war längst geleert, Julia trank den letzten Schluck aus ihrem Glas und stand auf. Sie, Kate und Frannie hatten sich gemütlich zusammengesetzt, nachdem die Reste ihres extravaganten Dinners aufgeräumt waren und sie Julias Apfel-Zimt-Kuchen genossen hatten. Die Männer hatten sich noch mal auf den Weg ins Dorf gemacht, um Bier und ein paar fehlende Arbeitsutensilien zu besorgen.

Julia gähnte. „Ich muss ins Bett. Die frische Luft und die Arbeit machen so müde.“

„Aber wir wollten doch noch ein Lagerfeuer machen, wenn die Jungs wieder da sind“, sagte Kate. „Es ist doch erst halb neun.“

„Ich habe letzte Nacht nicht so gut geschlafen“, sagte sie. „Und ich muss auch noch ein paar Telefonate machen. Für heute waren eine Menge Hochzeitskuchen bestellt und ich möchte sichergehen, dass alle Bräute zufrieden waren.“ Sie winkte kurz. „Wir sehen uns morgen früh.“

„Gute Nacht, Jules“, riefen die beiden, als Julia die Küche verließ.

Die Nacht war ruhig und die Luft feucht. Sie atmete tief ein, als sie auf die Veranda kam. Was für ein Tag. Er hatte mit einem langen, unglaublich guten Kuss angefangen und damit geendet, dass Adam sie schweigend vom anderen Ende des Esstischs aus beobachtet hatte. Seit ihrer Auseinandersetzung am Nachmittag hatte er keinerlei Versuche mehr gemacht, sie allein zu treffen oder noch mal mit ihr zu sprechen.

Julia fragte sich, ob alles zerstört war, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Offensichtlich bestand eine starke Anziehung zwischen ihnen. Und auch wenn alle anderen nichts bemerkten, spürte sie, dass da mehr war. Sie hatten letzte Nacht ein Experiment begonnen und Julia hoffte, dass sie damit heute Nacht weitermachen würden. Aber wenn nicht, war sie darauf vorbereitet, mit seiner Zurückweisung umzugehen.

Sie stieg zur Murmeltierhütte hinauf und öffnete die Tür. Adam hatte irgendwann im Laufe des Tages seine Sachen abgeholt. Das war richtig von ihm, er konnte ja nicht bei ihr wohnen bleiben – oder zumindest nicht, ohne dass die anderen sich ihren Teil dachten. Frannie hatte sich inzwischen für eine andere Hütte entschieden, näher am Wasser, und so konnte Julia wenigstens ein bisschen für sich sein.

Sie ließ sich in ihr Bett fallen und schloss die Augen. Sofort hatte sie das Bild eines ganz bestimmten halbnackten Mannes vor Augen. Der einzige Vorteil der drückenden Hitze war, dass Adam den größten Teil des Tages ohne T-Shirt verbrachte. Er war wirklich zu einem umwerfenden Mann herangewachsen – muskulös, mit breiten Schultern, schmalen Hüften und leicht gebräunter Haut.

Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte, wann immer sich ihr die Gelegenheit dazu bot – wenn er sich ein Glas Eiswasser holte, während des Mittagessens … Sie musste aufpassen, dass sie sich nicht in seinen Anblick verlor, es bestand die Gefahr, dass er ihr den Verstand raubte.

Aber hier, allein, konnte sie sich ihren Gedankenspielen einfach hingeben. Sie konnte ihn in ihrer Fantasie langsam ausziehen, sich vorstellen, wie sie den Reißverschluss seiner Hose öffnen würde, langsam seine Boxershorts über seine Hüften schieben und …

Das Tagebuch. Sie war den ganzen Tag über so beschäftigt gewesen, dass sie es völlig vergessen hatte. Julia durchquerte den Raum und suchte unter dem dort stehenden Stockbett nach der losen Diele, unter der sie es damals versteckt hatte. Genau hier müsste es sein, aber keine der Dielen war lose. Sie nahm sich vor, bei Tageslicht noch einmal nachzusehen.

Gemütlich streckte sie sich wieder auf dem Doppelbett aus, da hörte sie plötzlich, wie etwas ans Fenster stieß. Schnell griff sie nach ihrem Tennisschläger und hoffte, dass es sich nur um einen dicken Maikäfer handelte, der von außen gegen das Fenster geflogen war. Aber dann hörte sie das Geräusch wieder und wieder an ihrem Fenster, und sie begriff, dass es keine Käfer waren, sondern kleine Kieselsteine, die jemand an ihr Fenster warf.

Sie blickte hinaus und sah Adam unter ihrem Fenster stehen. „Was tust du da?“, rief sie.

„Ich lasse mich von Mücken auffressen“, antwortete er.

„Warum?“

„Um deine Aufmerksamkeit zu gewinnen.“

„Du hättest an die Tür klopfen können. Ich habe gehört, dass das funktionieren soll.“

„Ich dachte, du willst sicherlich, dass ich diskreter vorgehe.“

„Ach, komm einfach rein.“

Er grinste und verschwand um die Ecke der Hütte. Julia kletterte aus dem Bett und fuhr sich schnell mit den Fingern durch ihre Haare. Obwohl sie vor dem Abendessen kurz geduscht hatte, klebten ihr bei dem Wetter schon wieder alle Sachen am Körper. Aber das war ihr egal. Wenn alles sich so entwickeln würde, wie sie es sich vorgestellt hatte, würde sie sie sowieso nicht mehr lange anhaben.

Adam betrat die Hütte, hinter ihm fiel die Tür zu. Er löschte das Licht.

Julias Herz schlug wild, während sie darauf wartete, dass er sie erreichte und berühren würde. Vielleicht sollte sie ihm entgegenkommen, vielleicht würde das die Spannungen des Tages auflösen und vielleicht würde er sie dann endlich in die Arme nehmen und küssen, so wie er es am Morgen getan hatte.

Aber ein einfacher Kuss, eine einfache Zärtlichkeit würde sie inzwischen nicht mehr befriedigen. In ihrer Fantasie hatte sie den ganzen Tag über so viel mehr mit ihm erlebt – seinen Körper berührt, ihn ausgezogen und nackt in seinen Armen gelegen. Sie musste schlucken und ihr wurde schwindelig. „Wolltest du etwas Bestimmtes von mir?“, fragte sie mit bebender Stimme.

Mit wenigen Schritten hatte er den Raum durchquert. Er zog sie an sich, küsste sie, sein Mund eroberte ihren und sie gab jeden Widerstand auf. Sie konnte ihn nicht länger auf Distanz halten, die Anziehungskraft zwischen ihnen war zu groß, der Drang nach mehr zu stark.

Seine Hände wanderten über ihren Körper, durch den dünnen Stoff lösten seine Berührungen eine erregende Spannung auf ihrer Haut aus. Sie stöhnte leise, als er ihre Brüste berührte. Er umspielte ihre Brustwarzen und sie wollte ihn mehr denn je. Sie wusste, dass diese Spannung erst dann nachlassen würde, wenn sie endlich beide nackt sein und sie ihn tief in sich spüren würde.

„Bitte entschuldige, was ich heute Nachmittag gesagt habe“, flüsterte er, seine warmen Lippen dicht an ihren. „Wir machen es genau so, wie du es dir vorstellst.“

Julia fuhr mit ihren Händen unter sein T-Shirt, ließ ihre Handflächen über seine angespannten Muskeln und die weiche Haut seines Bauches und seiner Brust gleiten. Adam trat einen Schritt zurück und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. „Komm, lass uns gehen.“

Sie stockte. „Wohin?“

„Ich – ich möchte gern mit dem Kanu auf den See fahren. Kommst du mit?“

Sie sah zu ihm hinauf, sah die Leidenschaft in seinen Augen und wusste, dass sie kurz davor waren, sich einander mit allem, was sie hatten, hinzugeben. Solange die anderen noch wach waren, war es vielleicht wirklich eine gute Idee, sich auf dem See abzulenken. „Klar, das klingt gut.“

Er nahm ihre Hand und führte sie nach draußen, zum See hinunter.

„Ich liebe es hier nachts“, sagte Adam. „Es ist so friedlich, eine ganz andere Welt.“ Er sah sie an. „Ich beneide Mason und Kate. Einfach noch mal von vorne anfangen. Hierher zu kommen, hier zu leben, hier zu arbeiten. Denkst du manchmal darüber nach, dein altes Leben hinter dir zu lassen und alles anders zu machen?“

„Ja“, sagte sie. „Das tue ich.“

„Ich auch.“

Als sie den Steg erreichten, half Adam ihr in eines der alten Holzkanus. Dann löste er das Tau und setzte sich ins Heck. Er nahm ein Paddel und schon glitten sie auf die spiegelnde Fläche des Sees hinaus.

„Machen wir wirklich, was du in diesem Moment tun möchtest?“, fragte sie.

„Nein. Aber wenn wir das Unvermeidbare noch ein wenig aufschieben, wird es umso besser.“

Das Unvermeidbare. Sah er es so? Und was sollte werden, wenn das Unvermeidbare hinter ihnen lag? Würde ihre Neugier gestillt sein? Wäre die Lust gesättigt? Oder würde die Intimität und Nähe zwischen ihnen wie eine kraftvolle Droge wirken und sie voneinander abhängig machen?

Julia ließ den Blick über die Wasseroberfläche gleiten. Sie hatte sich dazu entschlossen, nach Paris zu gehen und ihr Leben komplett umzukrempeln. Aber hier mit Adam spürte sie, dass schon diese Nacht ihr Leben für immer verändern könnte.

Ihr Kanu glitt über den nächtlichen See, das einzige Geräusch kam vom rhythmischen Eintauchen des Paddels ins Wasser. Ihre Situation bot ihm die Gelegenheit, über das, worauf er und Julia unvermeidbar zusteuerten, nachzudenken. Sie schien seine Motive in Frage zu stellen, ließ sich aber zugleich nicht davon abhalten, die Sache zwischen ihnen gezielt voranzutreiben. Und Adam wollte mehr als nur einen One-Night-Stand, Julia hatte etwas an sich, das in ihm die Sehnsucht nach etwas anderem weckte. Es ging tiefer, weit über die körperliche Ebene hinaus. Und bei jedem Kuss, jeder Berührung hatte er das Gefühl, es mit Julia so vorsichtig wie möglich angehen zu müssen.

Mondlicht fiel auf den See, die Lichtreflexion spiegelte sich in Julias hübschem Gesicht wider. Er betrachtete sie, während ihr Blick über das Wasser wanderte, und er wusste genau, was ihn in dieser Nacht noch erwartete. Und doch wollte er nichts überstürzen. Wenn sie sich in Zukunft an ihre erste gemeinsame Nacht erinnern würden, sollte die Erinnerung perfekt sein.

„Warum sind wir uns in Chicago noch nie begegnet?“, fragte er. „Ich treffe dauernd auf irgendwen irgendwo. Warum bisher noch nie auf dich?“

Sie lehnte ihren Kopf ein wenig zur Seite. „Ich habe dich einmal gesehen. Auf der Michigan Avenue, kurz vor Weihnachten, es schneite.“

„Warum hast du denn nichts gesagt?“, fragte er.

„Du warst mit einer Frau unterwegs, sie war blond und trug einen Fellmantel. Außerdem dachte ich, dass du mich sowieso nicht erkennen würdest.“

„Ich hätte dich erkannt“, sagte er. „Und ich hätte mich sehr gefreut, dich zu sehen.“

„Das glaube ich dir nicht“, sagte sie kopfschüttelnd.

„Aber es ist die Wahrheit. Ich fand immer, dass du das coolste Mädchen im Camp warst, Jules. All die anderen waren so albern und nervig und du warst so … konzentriert. Ich habe mich immer gefragt, was wohl in deinem Kopf vorgeht.“ Er sah sie an. „Worüber denkst du jetzt nach?“

„Über uns in der Hütte heute Nachmittag“, sagte sie. „Und was noch kommen wird.“

Er zog das Paddel ins Kanu, bewegte sich vorsichtig nach vorne und stützte sich dabei am Bootsrand ab. Er setzte sich auf den Mittelsitz und nahm ihre Hände in seine, zog sie ein wenig näher zu sich heran. „Ich habe den ganzen Tag immer wieder an unseren Kuss gedacht. Und dass ich dich in meinen Armen haben will und in meinem Bett. Willst du das, Jules?“

„Ja“, sagte sie und ließ ihre Fingerspitzen seinen Arm hinaufwandern. Sie fuhr mit den Fingern durch sein Haar, seinen Nacken entlang und spürte, wie er eine Gänsehaut bekam. Sie musste ihn kaum berühren und schon reagierte er mit jedem Part seines Körpers. Vor allem zwischen den Beinen spürte er, wie stark ihre Wirkung auf ihn war. Er lehnte sich nach vorn und strich mit seinen Lippen über ihre, wollte sie unter sich ziehen.

Julia wollte ihm im gleichen Moment entgegenkommen, also beugte sie sich nach vorn und stieß dabei mit Adam zusammen. Das Kanu kam ins Schaukeln, Julia versuchte, das Gleichgewicht wiederzuerlangen und lehnte sich vor Schreck weit auf die eine Bootsseite, das Kanu schwankte … und kippte. Mit einem Aufschrei versuchte sie noch, sich an Adam festzuhalten, aber er konnte auch nichts mehr tun und beide fielen mit einem lauten Platschen ins Wasser.

Als sie Sekunden später wieder auftauchten, trieb das Kanu umgedreht neben ihnen. Adam sah zu Julia und half ihr dabei, sich die nassen Haare aus dem Gesicht zu wischen. „Alles in Ordnung?“, fragte er lachend.

„Ja, mal davon abgesehen, dass ich klitschnass bin.“

Er strich ihr über das Gesicht. „Normalerweise kann ich das besser.“

Julia schwamm auf die andere Seite des Kanus. „Was sollen wir machen? Kannst du das Kanu wieder umdrehen?“

Wäre es ein leichteres Aluminiummodell gewesen, vielleicht. Aber das alte, schwere Holzkanu würde sich nicht so einfach von zwei Leuten umdrehen lassen.

„Wahrscheinlich nicht. Wir sind nicht weit vom Ufer, wir können an Land schwimmen.“

„Schwimmen?“

„Das Wasser ist warm, wir haben ja Zeit. Ich bin früher mindestens ein-, zweimal jeden Sommer diese Strecke geschwommen. Das macht Spaß.“

„Und was wird aus dem Kanu?“

„Wir könnten es mit uns zurückziehen, aber das würde zu lang dauern. Ich komme einfach morgen ganz früh wieder und hole es.“

„Du hast mich dazu gebracht, dich in einem Kanu zu küssen, jetzt siehst du ja, wozu das führt. Ich bin seit Jahren nicht mehr geschwommen. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es bis ans Ufer schaffe.“

„Es ist ja nicht meine Schuld, dass wir gekentert sind. Du bist aufgestanden.“

„Möchtest du sagen, dass es meine Schuld ist?“

Er packte ihre Hüfte und zog sie an sich heran, bis ihre Gesichter nur noch wenige Millimeter voneinander getrennt waren. „Ich möchte sagen, dass wir das Beste daraus machen sollten.“ Er öffnete seinen Reisverschluss und zog sich unter Wasser die Hosen aus. „Vielleicht möchtest du deinen Rock auch ausziehen, das Schwimmen fällt dann um einiges leichter.“ Als Nächstes zog er sein T-Shirt aus und warf seine nassen Sachen auf das umgedrehte Kanu. Dann ließ er sich auf dem Rücken treiben und sah in den Himmel.

„Ich bin mir wirklich nicht so sicher, ob ich die ganze Strecke schwimmen kann“, sagte sie.

„Keine Sorge. Ich rette dich, wenn du es nicht schaffst. Ich bin zertifizierter Rettungsschwimmer.“

„Das sagst du doch mit Sicherheit zu allen Mädchen“, murmelte sie. „Und als Nächstes bietest du mir eine Mund-zu-Mund-Beatmung an.“

„Das ist das erste Mal, dass ich bei einer Kanufahrt im Wasser lande“, sagte er.

Julia zog ihren Rock aus und warf ihn zu seinen Sachen auf das Kanu. Dann schwamm sie Richtung Ufer. Adam schwamm neben ihr auf das Licht am Winnehawkee-Ufer zu. Es lief nicht ganz so, wie er sich es für ihre erste gemeinsame Nacht vorgestellt hatte, aber er nahm den Unfall locker.

Sie erreichten die kleine Badeinsel, die etwa 50 Meter vom Ufer entfernt im Wasser befestigt war. Adam stieg die Leiter hoch und half Julia hinauf. Sie ließ sich auf die Planken fallen, warf ihre Arme neben sich und schnappte nach Luft. Er legte sich neben sie. „Hier können wir uns einen Moment ausruhen.“

Sie wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und seufzte tief. Adam rollte sich auf die Seite und blickte sie an. „Küss mich“, sagte er.

„Bist du dir sicher, dass du das willst? Jedes Mal, wenn ich dich küsse, passiert etwas Schlimmes.“ Sie hielt sich fest. „Die Insel könnte sinken.“

„Nein“, flüsterte er.

Ihre Finger fuhren die Linie dunkler Haare entlang, die von seinem Schlüsselbein bis zu seinem Bauch reichte. Dann beugte sie sich zu ihm, küsste ihn erst auf die Brust und zog dann eine Spur kleiner Küsse bis kurz unter sein Ohr. Er konnte sich kaum noch beherrschen. In Gedanken wollte er ihr die restlichen Sachen vom Körper reißen und sich völlig in ihr verlieren. Aber er wollte sie langsam verführen und das brauchte Zeit – und Geduld.

Er berührte ihre Taille und ließ seine Finger hinauf zu ihren Brüsten gleiten. Ihr Atem stockte und sie zitterte bei seiner Berührung. „Ist dir kalt?“, fragte er.

„Nein.“

„Vielleicht solltest du deine nassen Sachen loswerden.“

Zu seiner Überraschung zog sie sich tatsächlich die Bluse über den Kopf und trug plötzlich nur noch eine Bikinihose. Dieser offensichtlichen Einladung konnte Adam nicht mehr widerstehen. Er lachte leise, umfasste ihre Hüften und führte ihre Körper in eine warme Umarmung. Sie küssten sich lang, ihre Hände erkundeten einander, ihre Münder schmeckten einander, die Insel bewegte sich leicht in ihrem Rhythmus. Er umspielte ihre Knospen mit der Zunge, bis sie hart waren.

„Du hast den wunderschönsten Körper“, flüsterte er. „Perfekte Brüste.“

„Sind sie dir auch endlich aufgefallen“, sagte sie, leise lachend.

Er griff nach ihren weichen Brüsten und Julias Körper wölbte sich ihm entgegen, sie wand sich unter jeder Berührung. Er fuhr mit den Fingern durch ihre nassen Haare, dann küsste er sie auf die Stirn, seine Lippen waren warm und feucht. Als sein Mund ihren fand, schmeckte sie süß und warm. Ihre Zunge umspielte seine und sie presste ihren nackten Oberkörper an seine Brust.

Er hatte einige ungewöhnliche Sexerfahrungen hier im Camp gemacht, aber das hier war neu für ihn, er hatte noch nie Sex auf der Badeinsel gehabt. Adam fasste Julia um die Taille und hob sie auf sich, hielt ihre Knie an seine Seite gepresst und küsste sie intensiv. Er spannte ihre Bikinihose an der Seite mit seinem Daumen, der Gedanke daran, dass sie fast komplett nackt und ungeschützt auf ihm saß, war unwiderstehlich. Sie griff nach ihrer Hose und einen Moment später warf sie sie zur Seite.

„Besser?“, fragte sie.

Er hielt die Luft an, als er sie berührte, und genoss das Gefühl ihrer nackten Haut. Er wollte es langsam angehen, jeden Augenblick auskosten. Aber Julia war ungeduldig. Ihr Haar umfloss ihr schönes Gesicht und er beobachtete, wie sie Kuss für Kuss langsam tiefer und tiefer von seiner Brust zu seinem Bauch wanderte.

Adam spürte die Macht, die sie über seinen Körper hatte. Er trug nur noch seine Boxershorts, die von dem harten Beweis seiner Erregung gespannt waren, seit sie sich auf der Insel küssten. Sie umfasste ihn mit sanftem Druck und Adam schloss mit einem Stöhnen die Augen, gab sich ihrer Berührung hin. Als sie zu ihm hinaufblickte, trafen sich ihre Blicke, er beobachtete jede ihrer Bewegungen.

Er war sich nicht sicher, woran es lag – an ihren nassen Körpern, ihrem Anblick, nackt im Mondlicht, die sanfte Bewegung der Insel –, aber alles fühlte sich für ihn so unglaublich neu und erotisch an. „Du siehst aus wie eine Sirene, geschickt, um mich zu verführen“, flüsterte er.

Julia lächelte, zog ihn vollständig aus, beugte sich zu ihm herunter und nahm ihn in den Mund. Ihre Berührung fuhr wie ein Blitz durch seinen Körper, er zuckte zusammen und atmete scharf ein. Mit ihrer Zunge und ihren Lippen brachte sie ihn wieder und wieder fast bis zum Höhepunkt und als er sich nicht mehr länger beherrschen konnte, umfasste sie ihn mit der Hand bis er mit einem mächtigen Orgasmus kam.

Eine Welle der Lust nach der nächsten durchfuhr seinen Körper und obwohl er in der Vergangenheit schon wunderbare Höhepunkte erlebt hatte, war es diesmal anders. Es war stärker, er hatte sich einem Gefühl hingegeben, das unkontrollierbar war. Bis jetzt hatte er noch nie diese Art von Leidenschaft gespürt, von der er nur theoretisch gewusst hatte, dass man sie beim Sex verspüren kann.

Allmählich kam er wieder zur Ruhe, und die Intensität seiner Gefühle wurde schwächer und sein Atem ging wieder gleichmäßig.

Julia lehnte sich zu ihm und fuhr mit der Zunge langsam seinen Mund entlang. Er zog sie zu sich und küsste sie lang und sinnlich, zeigte ihr ohne Worte, wie sehr er diese Erfahrung mit ihr genoss. Er griff nach unten und berührte sie. Julia stöhnte auf, sie war sehr feucht und als er seine Finger in ihr versenkte, stieß sie einen leidenschaftlichen Schrei aus.

Er wollte sie, wollte sie besitzen, tief in ihr sein und sie beide zum Orgasmus bringen. Aber die Kondome, die er extra eingesteckt hatte – die zwei einzigen, die er in Winnehawkee dabeihatte –, schwammen jetzt irgendwo in der Mitte des Sees.

Als ihr Körper vom ersten Lustkrampf geschüttelte wurde, liebkoste er ihren Nacken und flüsterte ihr ins Ohr, trieb sie mit leisen Worten weiter an, bis sie den Höhepunkt erreichte. Und als die Schauer nachließen, nahm er sie in den Arm und strich ihr mit den Fingern durchs Haar.

Er küsste ihren Nacken. „Dir ist schon klar, dass jetzt alles anders ist. Ich kann nicht die ganze Woche lang so tun, als wäre das hier nicht passiert. Wie soll ich es in deiner Gegenwart aushalten? Wie soll ich es schaffen, dich nicht jedes Mal zu berühren und zu küssen, wenn ich in deiner Nähe bin?“

„Mach es nicht so kompliziert“, sagte Julia. „Noch fühlt es sich nicht wirklich an.“

„Und wenn es das tut?“

„Dann können wir es allen erzählen. Aber wir können jetzt doch nicht wissen, wie es werden wird und ob es überhaupt bis zum Ende der Woche anhält.“

Obwohl Adam nicht verstand, warum ihr das so wichtig war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ihr zu fügen. Vielleicht hatte sie ja recht. Wenn es nur zwischen ihnen blieb, waren die Erwartungen weniger hoch, würde es weniger Fragen geben. Und er kannte das Risiko. Natürlich wollte er an die große Liebe glauben, aber die kam einfach nur sehr selten vor. Und ihm war sie noch nie begegnet.

„Wie soll ich jetzt nur zum Ufer kommen?“, murmelte Julia. „Ich glaube, dass mir meine Glieder nicht mehr gehorchen.“

„Ich konnte dich mit einem anderen Kanu holen“, schlug er vor.

„Wir könnten auch hier schlafen“, erwiderte sie und stand auf. Sie streckte ihre Arme und der Anblick ihres nackten Körpers im Mondlicht reichte schon wieder aus, alle seine Sinne in Aufruhr zu bringen. „Wow“, flüsterte er.

„Wer zuerst am Ufer ist“, sagte sie und sprang ins Wasser.

Adam setzte sich auf und blickte ihr nach. Er wusste nicht, was ihn in dieser Nacht noch alles erwartete, aber er war mehr als bereit, die fünfzig Meter bis zum Ufer zu schwimmen, um es herauszufinden.

Julia lag nackt in Adams Bett, sie waren vom Ufer aus durch den Wald zur Otterhütte gelaufen, hier hatte Adam sich eingerichtet. Das Schwimmen hatte sie abgekühlt und der Ventilator trug seinen Teil zum angenehmen Klima in der Hütte bei.

„Ich denke, dass du mich jetzt leiden kannst“, sagte er und spielte mit einer ihrer Haarsträhnen.

„Das denke ich auch.“ Was die Untertreibung des Jahrhunderts war. Aber auch wenn sich Julia dazu entschlossen hatte, bezüglich Adam alle Vorsicht in den Wind zu schlagen, war da immer noch ein Rest ihrer alten Skepsis in ihr.

Adam Sutherland liebte das Jagen. Wenn ein Mädchen zu leicht zu haben war, verlor er das Interesse. Zu ihrem eigenen Wohl war es besser, sich erst mal cool zu geben – oder so cool, wie sie es noch hinbekam.

„Und wenn wir dann wieder in Chicago sind, Ende der Woche, könnte ich dich dann vielleicht zum Abendessen einladen? Dich zu einem richtigen Date ausführen?“

„Mal sehen. Vielleicht sollten wir einfach … sehen, wie es wird.“

Er rollte sich auf den Bauch und sah ihr tief in die Augen. „Du benutzt mich aber nicht nur für den Sex, oder?“

Julia sah ihm an, dass er es trotz des neckischen Tonfalls ernst meinte. „Nein. Ich mag dich.“

„Ich mag dich auch, Jules.“

Sie seufzte leise und schmiegte sich an ihn. „Ich bin froh, dass wir das geklärt haben.“

„Weißt du, du hast mir nie eine Chance gegeben, als wir hier im Camp waren. Ich war mir sicher, dass du mich gehasst hast.“

„Ich habe dir nicht getraut“, sagte sie. „Außerdem wollte ich nicht eine weitere Kerbe in deinem Bettpfosten sein. Du warst schon ein ziemlicher Camp-Casanova. Wie viele Mädchen hattest du?“

„Weniger als du denkst. Und jetzt hast du keine Angst mehr davor, eine Kerbe in meinem Bettpfosten zu sein?“, fragte er.

„Vielleicht bist du ja jetzt eine Kerbe in meinem Bettpfosten“, sagte sie lächelnd.

„Also benutzt du mich doch nur für den Sex. Ich wusste es.“

Julias schubste ihn in seine Kissen zurück und kletterte auf ihn. „Vielleicht ein wenig. Aber ich finde, dass du lustig und charmant bist. Und ich bin neugierig, zu erfahren, was aus dem Typen geworden ist, der die Mädchen gewechselt hat wie andere ihre Unterwäsche.“

Er blickte sie mit großen Augen an. „Ich habe keine Ahnung, was aus dem geworden ist. Manchmal wundere ich mich selbst. Heute mit dir, das ist das erste Mal seit langem, dass ich mich so richtig … zufrieden gefühlt habe.“

Leicht seufzend legte sie sich zu ihm und warf ihre Beine über seine. „Das ist irgendwie schön.“

„Ist dein Leben so geworden, wie du es dir gewünscht hast, Jules? Hast du dir deine Träume erfüllt?“

Julia nickte. „Größtenteils. Ich bin glücklich, ich habe einen Job, den ich liebe. Viel Zeit für mein Privatleben bleibt mir daneben zwar nicht, aber das ist meine Schuld. Ich denke, dass ich mir die Zeit nehmen könnte, wenn ich es wirklich wollte.“ Sie fuhr mit einem Finger seine Lippen entlang.

„Ich hingegen habe einen Job, den ich hasse. Und weißt du warum? Ich mache nichts, als viel Geld zu verdienen für Leute, die sowieso schon viel Geld haben. Als Mason und Kate sich dazu entschieden haben, das Camp zu übernehmen, kam Mason zu mir und bat mich um Hilfe bei der Finanzierung. Ich habe ihm versprochen, mir etwas einfallen zu lassen. Er möchte hier etwas ziemlich Sinnvolles schaffen und trotzdem weiß ich jetzt schon, dass niemand auch nur einen Gedanken daran verschwenden wird, ihm das Geld zu geben, das er braucht.“

Julia runzelte die Stirn. „Weiß er das?“

„Ich habe ihm bisher noch nichts davon gesagt. Ich hoffe, dass sich vielleicht ein ortsansässiger Geldgeber finden lässt, sobald wir das Camp wieder auf Hochglanz gebracht haben. Leider gibt es hier ein paar mächtige Leute, die möchten, dass er scheitert.“

„Warum?“

„Weil er hier auf einem Ufergrundstück sitzt, Jules. Ein wunderschönes, ungenutztes Grundstück. Der perfekte Platz für einen reichen Investor, um superteure Ferienwohnungen zu bauen oder ein schickes Resort.“

„Aber Kate meinte, das wäre laut Kaufvertrag unmöglich.“

„Na ja, Mason und Kate ist es nicht erlaubt, einzelne Teile des Grundstücks zu verkaufen. Aber wenn sie bankrottgehen, die Bank ihnen den Kredit kündigt und sie verkaufen müssten, könnten die neuen Eigentümer tun, was sie wollen. Es gibt da rechtliche Lücken.“ Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. „Ein Anwalt meiner Firma prüft die Dokumente. Wir haben darüber nachgedacht, eine Stiftung einzurichten und das Land treuhänderisch zu verwalten. Das ist alles recht kompliziert, er wird mich wahrscheinlich gegen Ende der Woche anrufen.“

„Was können wir sonst tun?“

„Wir können nichts tun“, sagte er. „Einrichtungen wie diese machen gerade genug Gewinn, um zu überleben. Es ist einfach kein profitables Anlageobjekt. Zum Glück haben Mason und Kate beide reguläre Jobs. Mason kann wieder an eine Schule gehen und Kate wird schon ...

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