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TIFFANY EXKLUSIV BAND 73

Hemmungslose Lust einer Nacht

1. KAPITEL

„Wegen Krankheit beurlaubt?“ Rob Klassen konnte nicht glauben, was der Chefredakteur der World Week, des Nachrichtenmagazins, für das er seit zwölf Jahren als Fotojournalist arbeitete, gerade zu ihm gesagt hatte. „Ich bin nicht krank!“

Gary Wallander nahm seine Brille ab und warf sie auf den Schreibtisch. Darauf lagen Robs Fotoabzüge, die ein Gefecht in einer kleinen Stadt im Grenzgebiet von Ras Ajdir zwischen Tunesien und Libyen dokumentierten. „Wie soll ich es sonst nennen? Beurlaubt wegen eines Schusses in den Hintern? Du warst wieder kurz davor, getötet zu werden, verdammt.“ Er mochte es nicht, wenn sich seine Reporter zu nah an das Geschehen heranwagten.

Rob verlagerte das Gewicht auf das unverletzte Bein. Der pochende Schmerz im linken Oberschenkel machte ihm zu schaffen. „Ich bin so schnell weggerannt, wie ich konnte.“

„Ich habe die Krankenakte gesehen. Du bist in Richtung des Schützen gerannt. So etwas lässt sich anhand der Eintritts- und Austrittswunde feststellen. Pech für dich.“

In der folgenden unbehaglichen Stille hörte Rob die Geräusche des Verkehrs auf den Straßen Manhattans weit unter ihnen überdeutlich. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Gary die Details herausfinden würde, die er lieber für sich behalten hätte.

„Wenn du ein Kriegsheld sein willst“, fuhr ihn der Chefredakteur an, „geh zur Army. Unsere Aufgabe ist es, darüber zu berichten, was in der Welt passiert.“

„Es flogen überall Kugeln herum. Ich hatte die Orientierung verloren.“

„Quatsch. Du hast wieder den Helden gespielt, nicht wahr?“

Rob hatte noch immer das kleine Mädchen vor Augen, zusammengekauert hinter einem Ölfass. Ja, sein Chef wäre glücklicher gewesen, wenn er es verängstigt im Kugelhagel zurückgelassen hätte. Aber er war derjenige, der sich morgens im Spiegel in die Augen blicken musste. In Wahrheit hatte er überhaupt nicht nachgedacht, sondern war einfach zu dem Kind gerannt und hatte es in Sicherheit gebracht. „Für Fotos mit dem Teleobjektiv werden keine Pulitzer-Preise vergeben. Ich musste nah genug herangehen, um das Geschehen richtig einzufangen.“

„Nah genug, um eine Kugel ins Bein zu bekommen.“

„Das war unglücklich“, gab Rob zu. „Trotzdem kann ich noch immer laufen und eine Kamera bedienen.“ Demonstrativ stolzierte er in Garys Büro auf und ab. Wenn er sich konzentrierte, konnte er gehen, ohne zu humpeln. Aber vor Anstrengung brach ihm der Schweiß aus.

„Nein.“

Ruckartig blieb er stehen und drehte sich um. „Ich bin der Beste, den du hast. Du musst mich wieder mit einem neuen Auftrag losschicken.“

„Das tue ich. Sobald du anderthalb Kilometer in fünf Minuten zurücklegst.“

„Warum so schnell?“

„Damit du es das nächste Mal schaffst, außer Schussweite zu kommen, wenn du um dein Leben rennen musst“, antwortete Gary trocken.

Rob hielt inne und stützte sich auf eine Stuhllehne. Er und Gary waren seit langer Zeit Freunde. Auch wenn er stocksauer war, wusste er, dass sein Boss die richtige Entscheidung traf. „Ich hatte einfach Pech. Wenn ich statt nach links nach rechts ausgewichen wäre …“

„Die meisten Leute an deiner Stelle wären ziemlich glücklich, noch am Leben zu sein. Und froh, bezahlten Urlaub zu bekommen.“ Gary setzte seine Brille wieder auf.

„Es war lediglich eine Fleischwunde.“

„Die Kugel hat den Oberschenkelknochen gestreift. Ich habe die Krankenakte des Militärkrankenhauses gründlich gelesen. Geh nach Hause. Ruh dich aus. Die Welt wird auch noch voller Probleme sein, wenn du zurückkommst.“

Offenbar war Gary immer noch verärgert. Denn er hatte Rob nicht für seine Fotos gelobt – die ausgezeichnet waren, das wussten sie beide. Stattdessen schickte er ihn nach Hause wie ein ungezogenes Kind. Robs Gesichtszüge verfinsterten sich. Nach Hause. Er war in den letzten Jahren so oft unterwegs gewesen, dass gewöhnlich dort sein Zuhause war, wo er seinen Rucksack abstellte.

Wenn er jemals ein Zuhause gehabt hatte, dann in Fremont, Washington. Im Moment schien der Vorort von Seattle der einzige Ort zu sein, wohin er gehen könnte. Auch wenn alles, was sein Zuhause einmal ausgemacht hatte, jetzt nicht mehr existierte. „In Ordnung. Aber meine Wunde heilt schnell. In höchstens zwei Wochen laufe ich die anderthalb Kilometer in fünf Minuten.“

„Ich brauche den Bericht deines Arztes, bevor ich dich wieder mit einem Auftrag in die Welt schicke.“

„Oh, komm schon, Gary. Verschone mich.“

Er nahm erneut die Brille ab und sah ihn an. „Genau das tue ich. Ich könnte dir auch einen Schreibtischjob hier in New York geben. Das ist die Alternative.“

Rob schüttelte den Kopf. Keinesfalls würde er sich in einen kleinen Raum einsperren lassen. Dann hätte er das Gefühl, in der Falle zu sitzen. „Wir sehen uns in zwei Wochen.“ Er verließ das Büro. Im Flur gab er es auf, den starken Mann zu spielen, und belastete das verletzte Bein möglichst wenig.

„Du solltest Krücken nehmen, Rob.“

Er erkannte die Frauenstimme, drehte sich um und brachte ein erfreutes Lächeln zustande. „Hallo, Romona.“ Die blitzgescheite Wirtschaftsreporterin der World Week war auf dem Sprung ins Fernsehen. Sie sah aus wie ein südamerikanisches Model. Wenn sie sich beide in New York aufhielten, genossen sie es, sich Gesellschaft zu leisten und miteinander zu schlafen. Aber weder sie noch er hatten Interesse an einer Beziehung.

„Ich habe gehört, dass du verletzt bist. Wie geht es dir?“

Er zuckte die Schultern. „Okay.“

Romona warf ihm einen verführerischen Blick zu und senkte die Stimme. „Warum kommst du später nicht zu mir? Dann küsse ich dir den Schmerz weg.“

„Ich bin schmutzig – habe mich seit Tagen nicht rasiert, war seit Wochen nicht beim Friseur. Mein …“

„Ich mag es, wenn du so aussiehst. Wie ein sonnenverbrannter Pirat.“

Rob wurde klar, dass er seinen Tiefpunkt erreicht hatte: Er hatte kein Interesse daran, die Nacht mit einer leidenschaftlichen Frau zu verbringen. Die Wunde brannte. Er hatte einen schlimmen Jetlag, und er war beurlaubt. Sogar zum Sex war er zu müde und erschöpft. Er wollte sich nur eine Weile lang irgendwo verstecken und wieder auf die Beine kommen. „Tut mir leid, ich muss einen Flieger erwischen.“ Er versuchte, enttäuschter zu wirken, als er war.

Obwohl sie genauso gut wusste wie er, dass er den Flug umbuchen könnte und einfach zu erschöpft war, tätschelte sie ihm den Arm. „Nächstes Mal vielleicht.“

Das war das Tolle an Romona. Sie war ihm so ähnlich. Er hatte im Lauf der Jahre mit vielen Frauen geschlafen. Er liebte Sex, wollte jedoch keine Beziehung führen. Die Karriere hatte Vorrang. Vielleicht war das oberflächlich. Vielleicht sehnte sich ein Teil von ihm nach einer Frau, die ihn tröstete, sich seine Geschichten anhörte, seinen Schmerz teilte. Doch die einzige Frau, die das jemals getan hatte, war seine Großmutter gewesen. Vielleicht war sie die Liebe meines Lebens, dachte er reuevoll. Und jetzt war sie nicht mehr da.

Rob hatte so viele Bonusmeilen gesammelt, dass es kein Problem darstellte, am Flughafen LaGuardia ein Upgrade zu bekommen. Er ergatterte einen Sitz am Gang, der es ihm ermöglichte, das verletzte Bein ein wenig auszustrecken.

Nach dem Start der Maschine erinnerte er sich daran, dass der Anwalt seiner Großmutter versucht hatte, mit ihm zu sprechen. Aber er war durch seine Verletzung noch nicht dazu gekommen, ihn zurückzurufen. Es hatte etwas mit dem Haus in Fremont zu tun gehabt. In Bellamy House hatte er so viel Zeit mit seiner Großmutter verbracht. Er konnte sich den alten Familienbesitz nicht ohne sie vorstellen. Um sich von seinem Kummer abzulenken, nahm er ein Taschenbuch aus seinem Rucksack und fing an zu lesen.

Hailey Fleming war eine Frau, die sehr gut organisiert war. Sie verließ sich völlig auf ihren elektronischen Organizer. Allein der Gedanke, ihn zu verlieren, machte sie nervös. Daher notierte sie in letzter Zeit ihre Termine zur Sicherheit auch noch in einem Organizer aus Papier.

Jetzt erschien sie pünktlich zum besten Termin des Tages. Nach der Arbeit bei Dalbello and Company, wo sie viele Überstunden machte, um sich als selbstständige Immobilienmaklerin zu profilieren, traf sie sich auf ein Glas Wein mit ihrer Kollegin Julia Atkinson, die zu einer engen Freundin geworden war. Sie sah sich im Bistro um. Julia kam wie immer zu spät. Sie setzte sich an einen freien Tisch, bestellte ein Glas Wein und ging sorgfältig ihre Termine für den nächsten Tag durch. Dann notierte sie einige Verbesserungsideen für ihre Website.

„Bin ich zu spät?“, fragte ihre Freundin atemlos und sank auf den Stuhl Hailey gegenüber.

„Natürlich. Wie immer.“

Julia lächelte. „Ich war bei der Eröffnung einer neuen Möbelgalerie, die einige fantastische Modelle aus Mailand präsentiert. Ich habe mich so gut unterhalten, dass ich glatt die Zeit vergessen habe. Außerdem gab es diese köstlichen Kekse, ich konnte mich kaum bremsen. Aber ein schlechtes Gewissen habe ich nicht – ich wette, du hast eine Menge Arbeit erledigt, während du gewartet hast.“

„Ein halbes Tagespensum mindestens“, lachte Hailey. Ihre Freundin bestellte sich einen Wodka Tonic, was nur bedeuten konnte, dass Julia wieder eine ihrer Diäten machte. Und das hieß …

„Ich habe einen Mann getroffen!“

Hailey lehnte sich nach vorn. „Wow, das ging schnell. Wir haben uns doch erst letzte Woche gesehen. Erzähl mir alles!“

Julia zog ihre Jacke aus. Darunter trug sie passend zu ihren kinnlangen, roten Locken ein schwarzrotes Kleid und eine ihrer vielen glitzernden Vintage-Halsketten. „Er ist Ingenieur und wohnt Downtown. Er war verheiratet. Aber seine Frau hat ihn verlassen und ihm das Herz gebrochen.“

„Wo bist du ihm begegnet?“

Julia trank einen Schluck ihres Wodka Tonic, den der Kellner inzwischen gebracht hatte. „Tatsächlich bin ich ihm noch nicht begegnet.“

„Wie?“ Hailey war irritiert.

Sie zuckte die Schultern. „Ich habe ihn auf LoveMatch.com entdeckt.“

„Oh. Online-Dating.“

„Vorher habe ich das noch nie ausprobiert. Aber viele Frauen treffen online tolle Männer. Also warum nicht? Wenn man beruflich Immobilien, die zum Verkauf stehen, aufmöbelt und dekoriert, lernt man keine Männer kennen.“ Sie dachte eine Sekunde lang nach. „Zumindest keine Heterosexuellen.“

„Woher weißt du schon so viel über ihn?“

„Wir haben miteinander telefoniert. Er hält sich momentan geschäftlich auf den Philippinen auf. Nächsten Dienstag treffe ich ihn.“ Ihre Augen leuchteten. „Willst du ein Foto von ihm sehen?“

„Natürlich.“

Julia holte ihren Tablet-PC aus der Tasche und drehte den Bildschirm nach ein paar Sekunden zu Hailey herum.

Der grinsende blonde Mann auf dem Foto war absolut nicht ihr Typ. Er war zu schön für ihren Geschmack. Doch ihrer Freundin gefielen schöne Männer. „Wow.“

„Meine große Angst ist, dass er zu gut für mich aussieht. Oh, und er hat einen sehr süßen Akzent. Er wurde in Manchester geboren, hat aber auf der ganzen Welt gelebt. Er stammt wie du aus einer Soldatenfamilie.“

Hailey betrachtete noch einmal das Foto. Trotz des markanten Kinns schien es dem Mann irgendwie an Charakter zu mangeln. Aber das würde sie Julia niemals sagen. Außerdem war ihr klar, dass sie ausgesprochen wählerisch war. „Er sieht nicht zu gut für dich aus. Du bist so hübsch.“

„Glaubst du, dass ich bis Dienstag zehn Pfund abnehmen kann?“

„Hör auf damit.“ Hailey verkniff sich ein Lachen. „Er hat doch dein Foto gesehen, richtig? Offenbar hat ihm gefallen, was er gesehen hat.“

Julia biss sich auf die Unterlippe. „Ich habe ein Foto genommen, das letztes Jahr aufgenommen wurde. Damals war ich dünner.“

Obwohl ihre Freundin eine gescheite, selbstbewusste Frau war, hatte sie Komplexe wegen ihrer Figur. Hailey wusste, dass es keinen Zweck hatte, darüber mit ihr zu diskutieren. „Es wird sicher gut gehen“, versicherte sie stattdessen.

„Vermutlich. Ich habe einfach solches Pech mit Männern.“ Sie warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf das Foto und steckte den Tablet-PC weg. „Wie geht es dir?“

„Ich habe auch Neuigkeiten“, sagte Hailey aufgeregt.

Julia sah sie überrascht an. „Du hast einen Mann getroffen?“

„Nein. Für Männer habe ich keine Zeit, schließlich baue ich mir ein Unternehmen auf. Vielleicht in ein paar Jahren, wenn ich das Gefühl habe, erfolgreich zu sein …“

„Ich weiß. Du und dein Organizer in zweifacher Ausführung.“

„Listen halten mich auf dem Laufenden.“ In ihrem Leben hatte so viel Chaos geherrscht. Manchmal dachte sie, dass ihr diese Listen ein Gefühl der Kontrolle und Stabilität vermittelten, das sie als Kind nie gehabt hatte. Sie war damals in dreizehn Jahren zwölfmal umgezogen. Daher rührte ihr Bedürfnis nach Ordnung. Ihre Mutter hatte es irgendwann sogar aufgegeben, die Wohnungen herzurichten, weil es sinnlos gewesen war. Irgendwann hatte Hailey Umzugskisten gehasst. Deswegen war sie Immobilienmaklerin geworden. Sie wollte Menschen helfen, ein dauerhaftes Zuhause zu finden.

„Vermisst du es nicht, einen Mann in deinem Leben zu haben?“ Julia senkte die Stimme. „Den Sex?“

„Es gibt viele Männer in meinem Leben. Kunden, Immobilienmakler, Freunde.“

„Und Sex?“

„Ich habe Sex“, verteidigte sie sich. „Okay, nicht viel Sex. Es ist eine Weile her. Aber flüchtige und unverbindliche Abenteuer sind einfach nichts für mich.“ Hailey zuckte mit den Schultern. „Seitdem meine Verlobung in die Brüche gegangen ist …“

Sie hatte damals geglaubt, Drake, ein Anwalt, sei perfekt für sie. Sie hatten bei der Abwicklung einiger Projekte gut zusammengearbeitet, waren beide ehrgeizig und engagiert. Erst als sie über einen möglichen Hochzeitstermin gesprochen hatten, war ihnen aufgefallen, wie wenig ihre Lebensentwürfe zusammenpassten.

Drake hatte nach New York ziehen wollen, um in einer größeren Kanzlei zu arbeiten, sie dagegen stand in Seattle erst am Anfang ihrer Karriere. Er hatte sich sofort Kinder gewünscht, sie hatte noch einige Jahre warten wollen. Vor einem Jahr war er ohne sie nach New York gegangen. Seitdem hatte Hailey sich in die Arbeit gestürzt und ihn weniger vermisst, als sie vermutet hatte.

„Er war ein Vollidiot, dass er New York dir vorgezogen hat.“

„Danke. Ganz meine Meinung.“

„Also, was sind deine großen Neuigkeiten?“

„Ich habe heute eine tolle Immobilie hereinbekommen. Das ist meine große Chance. Onkel Ned, ein alter Freund meines Vaters und Anwalt, hat mir Bellamy House angeboten.“

Julia machte große Augen. „Dieses schöne alte Haus auf dem Hügel?“

„Ja. Die Besitzerin ist vor zwei Monaten gestorben. Onkel Ned ist der Testamentsvollstrecker. Es gibt einen Enkel, der dem Verkauf zugestimmt hat.“

„Das ist fantastisch!“

„Ich weiß.“ Hailey setzte ein ernstes Gesicht auf. „Es gibt nur ein Problem.“

Ihre Freundin griff nach ihrer Hand. „Es muss aufgemöbelt werden?“

„Ja! Und am besten sofort. Ich glaube, ich habe bereits die perfekten Käufer dafür. Ich würde ihnen das Haus gern am Dienstagmorgen zeigen. Natürlich ist es viel verlangt – aber kannst du morgen schon loslegen?“

„Ich bin bekannt dafür, dass ich Wunder vollbringe. Hast du den Schlüssel für das Haus?“

„Ja.“

„Wenn du es mir heute Abend zeigen kannst“, meinte Julia, „sehe ich, was ich brauche. Und bis morgen Abend hast du dann dein Wunder.“

„Ich kann es kaum erwarten, es dir zu zeigen. Dieses Haus ändert alles.“

Als Rob aus dem Taxi stieg, schmerzte sein verletztes Bein fürchterlich. In Chicago hatte das Flugzeug wegen des Nebels Startverbot gehabt. Dadurch hatte sich eine relativ unkomplizierte achtstündige Anreise in eine zweitägige Tortur verwandelt. Seine Augen brannten vor Müdigkeit. Obwohl er beruflich ständig unterwegs war, hatte er noch nicht herausgefunden, wie man in einem Flugzeug schlafen konnte.

Aber jetzt stand er endlich vor dem Haus, das er immer als sein Zuhause betrachtet hatte. Plötzlich wurde ihm das Herz schwer. Seine Großmutter war nicht mehr da. Durch ihren plötzlichen Tod hatte er es nicht einmal geschafft, zur Trauerfeier zu kommen. Das letzte Mal hatten sie sich vor ein paar Monaten gesehen, als er sie zwischen zwei Aufträgen besucht hatte.

Hatte sie gebrechlicher gewirkt als früher? Rob schüttelte den Kopf. Nein, sie war mit ihren achtundachtzig Jahren geistig fit wie immer gewesen. Sie hatte ihn sogar ermahnt, sich mit dem Heiraten und Kinderkriegen zu beeilen, damit sie vor ihrem hundertsten Geburtstag Urenkel bekäme. Natürlich hatte er ihr nicht gesagt, dass er nicht heiraten und eine Familie gründen würde, bis er eine Frau wie sie gefunden hätte. Das war in fünfunddreißig Jahren nicht geschehen. Und er bezweifelte, dass es je passieren würde.

Seine Großmutter hatte gelacht und gesagt, dass er seine Ansprüche herunterschrauben sollte. Er grinste, als er sich daran erinnerte. Nein, sie hatte definitiv nicht vorgehabt zu sterben. Verdammt. Er vermisste sie. Wahrscheinlich musste er einige Dinge regeln und Papiere unterschreiben. Doch jetzt brauchte er zuerst einmal etwas zu Trinken, eine heiße Dusche und viel Schlaf – ohne Unterbrechungen in einem richtigen Bett.

Rob humpelte den Weg zur Haustür. Es war ein kühler Abend, obwohl es erst Anfang September war. Rob bemerkte, dass die Stufen vor der Haustür vor Kurzem gefegt und blühende Büsche in die Hochbeete gepflanzt worden waren. Wer das oder warum das jemand getan hatte, konnte er sich nicht erklären. Im Moment war er auch viel zu erschöpft, um sich über solche Nebensächlichkeiten Gedanken zu machen.

Hailey sah ihre Aufgabe als Immobilienmaklerin vor allem darin, das richtige Haus mit dem richtigen Käufer zusammenzubringen. Heute Morgen etwa hatte sie dank der Empfehlung eines zufriedenen Kunden ein kleines Loft in der Innenstadt hereinbekommen. Fehlte nur noch der ungebundene Single, der sich in das Apartment verliebte. Sie war noch relativ neu im Geschäft. Daher erfüllten sie jede Empfehlung, jeder neue Auftrag und besonders jeder Verkauf einer Immobilie mit Stolz.

Jetzt war sie bereit für eine weitere Zusammenführung. Bellamy House, das sie jetzt Samantha und Luke MacDonald zeigen würde, war wie für das Ehepaar geschaffen. Das hatte sie im Gefühl.

Sie hatte Reinigungskräfte und einen Fensterputzer angeheuert. Julia hatte die Innenräume des soliden, aber in die Jahre gekommenen Hauses neu dekoriert. Um vom vernachlässigten Garten abzulenken, hatte Hailey vor der Haustür blühende Büsche gepflanzt. Alles war so perfekt hergerichtet, wie ihre Zeit und ihre Möglichkeiten es ihr erlaubt hatten. Der Sonnenschein spiegelte sich in den blitzblank geputzten Fenstern des Hauses im Stil der Jahrhundertwende, das früher einmal ein richtiges Prunkstück gewesen sein musste.

Pünktlich um elf Uhr kam das junge Ehepaar zum Besichtigungstermin. „Dieses Haus wird Ihnen bestimmt gefallen.“ Hailey reichte Ihnen ein Papier mit den wichtigsten Informationen. „Es ist gerade erst auf den Markt gekommen. Ich habe sofort an Sie gedacht.“

Sie schloss die Haustür auf. Das frisch gewachste Eichenparkett schimmerte im hereinfallenden Licht. Es war erstaunlich, was ein gründlicher Hausputz bewirken konnte. Obwohl die vorherige Besitzerin Agnes Neeson das Haus in Ordnung gehalten hatte, war es seit ihrem Tod verstaubt. Inzwischen war der muffige Geruch verschwunden. Stattdessen duftete es nach den Lilien und Rosen, die Julia in einer gläsernen Vase auf dem Tisch im Foyer arrangiert hatte.

Hailey führte das Ehepaar herum, wies auf die Größe des Wohn- und des Esszimmers sowie auf den geschnitzten Kaminsims und die Einbauschränke aus Glas hin. Julia hatte wirklich ein Wunder vollbracht. Sie hatte persönliche Dinge von Agnes Neeson, den Schnickschnack und die meisten der veralteten Möbel eingelagert und sie durch moderne Möbel, Kissen und Decken in leuchtenden Farben ersetzt.

Samantha und Luke waren sichtlich angetan und ein wenig aufgeregt. Hailey konnte das nachvollziehen. Wer wollte nicht ein großes Haus wie dieses? Der Preis lag an der oberen Grenze ihres Budgets. Aber sie könnten den Betrag aufbringen und unterhielten sich bereits darüber, wie sie die Räume kindersicher machen könnten.

„Hier ist genug Platz für eine neue Einbauküche“, sagte Hailey, als sie weitergingen. Ihr gefiel die Küche mit den alten Schränken und den gelben Wänden. Doch die MacDonalds bevorzugten wahrscheinlich Haushaltsgeräte aus Edelstahl und Arbeitsplatten aus Granit. Als Samantha ihren Ehemann daran erinnerte, Renovierungskosten einzuplanen, wusste sie, dass sie richtig gelegen hatte. Er stöhnte theatralisch, grinste aber und schien einverstanden zu sein.

Hailey war gern Single. Aber in Momenten wie diesen, wenn sie einen Blick in ein anderes mögliches Leben erhaschte, stellte sie sich vor, wie es wäre, mit einem Mann eine Familie zu gründen und ein Zuhause zu haben.

„Es gibt noch vier weitere Zimmer?“, fragte Samantha.

„Ja. Eines wäre ideal als Kinderzimmer. Eines hat die richtige Größe für ein Gästezimmer. Das andere könnte ich mir gut als Arbeitszimmer vorstellen. Das Schlafzimmer ist ein besonderes Highlight. Kommen Sie mit.“

Im ersten Stock zeigte sie dem Ehepaar zuerst die beiden kleineren Räume. Dann öffnete sie die Schlafzimmertür. „Das ist mein Lieblingszimmer. Darin steht ein altmodisches Himmelbett, das Sie zusammen mit dem Haus kaufen könnten. Der Raum ist groß, gut geschnitten, verfügt über einen Fenstersitzplatz, einen Kamin und Zugang zu einem eigenen Bad.“ Sie schaltete die Deckenlampe an, damit sie die begeisterten Gesichter ihrer Kunden besser sehen konnte.

Doch statt in Freudenschreie auszubrechen, blinzelte Samantha MacDonald verdutzt und schaute dann ihren ebenso verblüfften Ehemann an.

Verwirrt drehte Hailey sich um. Auf der weißen Bettdecke, die sie am Tag zuvor sorgsam glatt gestrichen hatte, lag ein großer, unrasierter Mann und schlief. Er trug ein kariertes Hemd, abgetragene Jeans und Socken, die nicht zusammenpassten. Zumindest die schmutzigen Sneakers hatte er ausgezogen. Sie standen auf dem Designerteppich vor dem Bett.

Ein Moment lang herrschte Schweigen.

„Gehört er ebenfalls zur Ausstattung des Hauses?“, fragte Samantha.

Der Fremde blinzelte verschlafen. Er hatte blaue Augen und ein schmales, vom Wetter gegerbtes Gesicht. Seine halblangen, braunen Haare waren zerzaust. Er betrachtete sie, schien über die Frage nachzudenken und lächelte.

„Man kann über alles reden“, sagte er mit vom Schlaf heiserer Stimme.

Zum Glück kicherte Samantha. Doch Hailey fand es absolut nicht amüsant, dass ein obdachloser Mann mit einem sonderbaren Sinn für Humor ausgerechnet in dem Haus ein Nickerchen machte, das sie gerade zu verkaufen versuchte. Dann sah er sie an und Hailey überkam das merkwürdige Gefühl, eine Verbindung zu dem Fremden zu haben. Einen Moment lang schauten sie sich in die Augen. Ihr Herz klopfte schneller. Irgendetwas in ihr, das in Unordnung geraten war, schien wieder an die richtige Stelle zu rücken. Die Empfindung war so seltsam, dass sie die Augen schloss.

Sie versuchte zu fragen: „Wer sind Sie?“ Und: „Was tun Sie hier?“ Aber diese Fragen sprudelten so schnell aus ihr heraus, dass sie sich verhaspelte. „Wer tun Sie hier?“

Samantha kicherte erneut.

„Ich meine: Was tun Sie hier?“

Er gähnte und legte sich auf den Rücken. „Bis Sie aufgetaucht sind, habe ich geschlafen.“

Sie widerstand der Versuchung, ihm etwas an den Kopf zu werfen. „Okay, versuchen wir es mit der anderen Frage. „Wer sind Sie?“

„Robert Klassen. Und wer sind Sie?“

„Mein Name ist Hailey Fleming. Ich bin Immobilienmaklerin. Dieses Haus steht zum Verkauf.“

Er rieb sich die Augen. „Sieht es hier deshalb wie in einem Möbelgeschäft aus? Ich habe das Haus kaum wiedererkannt. Einen derart modernen Geschmack hatte meine Großmutter nie. Das Einzige, was ich wiedererkannt habe, war dieses Bett.“ Er warf den MacDonalds einen Blick zu. „Sie ist darin gestorben.“

Bestürzt trat Samantha einen Schritt zurück und sah sich um, als ob sich ein Geist im Zimmer aufhielte.

In diesem Moment wusste Hailey, dass der Verkauf geplatzt war. „Sie ist nicht in diesem Haus gestorben“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Sie ist friedlich im Krankenhaus von uns gegangen.“ Sie bezweifelte, dass die MacDonalds ihr glaubten. Aus irgendeinem Grund glaubten sie diesem Mann. War er wirklich Mrs. Neesons Enkel? Wenn ja, musste sie vorsichtig sein.

Das Haus wies keinerlei Spuren eines Einbruchs auf. Neben einem schmuddeligen Rucksack lehnte eine teuer aussehende Kameratasche an der Wand. Hatte sie nicht gehört, dass der Enkel Fotograf war? Außerdem sprang er nicht auf und raste zur Tür. Stattdessen schob er sich die beiden grünen Seidenkissen unter den Rücken, um sich aufzusetzen. Sie konnte nicht leugnen, dass er beeindruckend gut aussah – auf eine nachlässige Art und Weise, die sich nur gewisse Männer leisten konnten.

Hailey hatte keine Ahnung, wie sie fortfahren sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit solchen Situationen. Aber selbst einem versierten Immobilienmakler passierte so etwas wohl eher selten. Sie wollte dieses Haus unbedingt auf ihrer Auftragsliste behalten. Es war ihre große Chance, die sie sich von einem zotteligen Rucksacktouristen nicht verderben lassen würde. Sie riss sich zusammen und wandte sich an das Ehepaar. „Es tut mir leid. Offensichtlich liegt hier eine Verwechslung vor, die ich zunächst aufklären muss.“

„Das verstehen wir.“ Luke MacDonald ging in den Flur. „Trotzdem ist es ein Jammer. Das Haus wäre für unsere Bedürfnisse perfekt gewesen.“

„Ich weiß.“ Zumindest war es eine Genugtuung für Hailey, dass sie den MacDonalds das passende Haus gezeigt hatte. Dank des großen, attraktiven Herumtreibers wirkte sich das jetzt allerdings nicht auf ihr Bankkonto aus. Aber sie wusste, dass sie auf der richtigen Spur war. „Wenn ich herausgefunden habe, was los ist, sind Sie die Ersten, die ich anrufe. Das verspreche ich. In der Zwischenzeit sehe ich mich nach weiteren passenden Häusern für Sie um.“

Als sie die Treppe hinuntergingen, warf Samantha einen Blick über die Schulter. „Ist die vorherige Besitzerin wirklich in dem Haus gestorben?“

„Natürlich nicht. Das hätte ich Ihnen gesagt. Agnes Neeson ist im Krankenhaus gestorben. Sie war fast neunzig Jahre alt und hat hier bis einige Tage vor ihrem Tod glücklich gelebt. Es war ein Schlaganfall.“

Vor der Haustür verabschiedete Hailey das Ehepaar mit einem strahlenden Lächeln. Dann drehte sie sich um und kehrte mit finsterem Gesicht ins Haus zurück. Sie hatte nicht die Absicht, sich von dem Fremden ihre Pläne durchkreuzen zu lassen.

2. KAPITEL

Rob gähnte und streckte sich. Er wollte den Schlaf fortsetzen, den er so dringend brauchte. Als er die Haustür ins Schloss fallen hörte, stöhnte er. Er ahnte, dass die Frau, die ihn so unhöflich geweckt hatte, zurückkommen und wohl auch nicht so bald wieder verschwinden würde.

Er lauschte ihren Schritten auf der Treppe. Wie immer knarrten die sechste und die elfte Treppenstufe. Ihm waren alle Geheimnisse dieses Hauses bekannt. Als sie im Schlafzimmer ankam, war er vorbereitet.

Natürlich wäre seine Großmutter entsetzt gewesen, ihn so auf dem Bett liegen zu sehen – gestützt auf Kissen, die er ebenso wenig wiedererkannte wie beinahe alles im Zimmer. Ihm kam das so unwirklich vor, dass er fast das Gefühl hatte, sich in einem Traum zu befinden. Die Frau, die ihn jetzt betrachtete, war jedoch zweifellos real.

Und sie sah heiß aus! Jedoch wirkte sie verärgert, verwirrt und verunsichert zugleich. Eine interessante Kombination. Die Haare waren lang und blond. Ihre Augenfarbe, die zwischen Grau und Blau changierte, erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Sie trug einen schwarzen Rock, eine weiße Bluse und schwarzen Modeschmuck. Neben netten Beinen hatte sie vielleicht auch ein nettes Lächeln. Im Moment jedoch presste sie die Lippen fest zusammen. Dann öffnete sie den Mund. Leider nicht, um zu lächeln.

„Wir müssen reden“, sagte Hailey.

Er ließ den Kopf zurück auf die Kissen sinken. „Ein Satz, der jeden Mann in Angst und Schrecken versetzt.“ Konsterniert stellte er fest, dass sie es schaffte, den Anflug eines Lächelns zu unterdrücken.

„Ich glaube, hier liegt irgendein Irrtum vor.“

„Ja, das glaube ich auch.“ Erneut sah Rob sich im Zimmer um. „Sind Sie etwa hier eingezogen?“

„Natürlich nicht. Wie gesagt: Ich bin Immobilienmaklerin und beauftragt worden, einen Käufer für das Haus zu finden.“

„Nun, all diese Sachen sind von jemand anderem. Es sei denn, meine Großmutter hat die letzten Monate ihres Lebens damit verbracht, sich teuer und modern einzurichten.“

„Ich habe das Haus für den Verkauf herrichten lassen.“ Als Hailey klar wurde, dass er keine Ahnung hatte, wovon sie sprach, fuhr sie fort: „Wir haben die alten Sachen durch andere Möbel und einige Accessoires ersetzt, um das Haus so gut wie möglich in Szene zu setzen.“

„Es sieht überhaupt nicht mehr wie das Haus meiner Großmutter aus.“ Mit Ausnahme des großen Betts, zu dem es Rob gestern Abend instinktiv hingezogen hatte. Es hatte ihn an sein Zuhause und seine Großmutter erinnert. Doch als er die Maklerin ansah, brachte ihn das Himmelbett plötzlich auf ganz andere Gedanken. Er stellte sich vor, wie sie sich mit ihren schmalen Händen an den Bettpfosten festhielt, während sie sich vor Leidenschaft wand. Er blinzelte und schaute schnell weg.

„Das soll es auch nicht. Vielmehr soll dem Käufer durch diese verkaufsfördernde Maßnahme genug Raum geboten werden, sich seine eigenen Möbel und persönlichen Dinge in dem Haus vorzustellen.“

Er könnte alles Mögliche erwidern. Zum Beispiel, dass sie die Sachen seiner Großmutter zurückbringen sollte. In Wirklichkeit wollte er seine Großmutter zurück. Aber er wusste, dass das unmöglich war. Zudem war er hundemüde. Also ging er in die Offensive. „Sie müssen das ganze Zeug wieder fortschaffen.“ Rob bemerkte, dass ihre Augenfarbe eher zu grau tendierte, wenn sie sich ärgerte.

Hailey verschränkte die Arme. „Ich habe einen Maklerauftrag.“

„Nicht von mir.“

„Nein, von Mrs. Neesons Anwalt.“

„Das ist komisch. Denn das Haus wurde mir vererbt.“ Doch er musste ehrlich sein. „Ich erinnere mich vage an ein sehr merkwürdiges Telefongespräch mit dem Anwalt. Ich war in einem Rebellencamp in Libyen. Die Verbindung war schlecht. Vielleicht dachte er, dass ich dem Verkauf des Hauses zugestimmt habe, obwohl das nicht der Fall war.“ Er rieb sich das Gesicht. Für eine Tasse Kaffee gäbe er alles. „Wahrscheinlich verkaufe ich es. Doch das habe ich noch nicht entschieden.“

„Das bringt mich in eine sehr schwierige Lage.“

Er schwieg. Sie schien nicht zu wissen, was sie tun sollte. Plötzlich kam ihm in den Sinn, dass sie noch ziemlich neu im Geschäft war. Wahrscheinlich hatte sie noch keine schwierige Situation meistern müssen. Nun, irgendwann ist immer das erste Mal.

Hailey runzelte die Stirn. „Ich möchte nicht unhöflich sein. Aber ich habe keinen Beweis dafür, dass Sie Mrs. Neesons Enkel sind.“

Rob holte schließlich seine Brieftasche hervor, nahm den Führerschein heraus und reichte ihn ihr.

Sie starrte das Foto an, dann ihn und dann wieder das Foto. „Der Nachname stimmt nicht mit dem ihrer Großmutter überein.“

„Richtig. Neeson war der Mädchenname meiner Mutter.“

„Vielleicht sollten Sie das Haus verlassen, und wir klären das morgen.“

Er würde dieses Haus nicht verlassen. Genauso wenig wie er sich von einer hochnäsigen Blondine in zu hohen Stöckelschuhen herumkommandieren ließ. „Auf keinen Fall.“ Ihm reichte es. Er wollte seine Ruhe haben und wieder schlafen. „Wir rufen Edward Barnes an. Er kennt mich.“

„Er ist bei einer Weinverkostung in Kalifornien. Und wenn Sie ihn tatsächlich kennen, wissen Sie, dass er …“

„… kein Handy hat“, beendete Rob den Satz für sie. Er war zunehmend irritiert. In Krisen behielt er immer einen kühlen Kopf. Darauf war er stolz. Doch das hier wurde allmählich absurd. „Wie bin ich hereingekommen?“

Hailey sah ihn verwirrt an.

„Ich habe die verschlossene Tür geöffnet. Wie bin ich hereingekommen, wenn ich nicht der Enkel bin?“

„Der Schlüssel war unter dem Pflanzenkübel versteckt. Dort und unter der Fußmatte schaut wahrscheinlich jeder nach.“

„Ich verlasse das Haus nicht. Ich bin der rechtmäßige Eigentümer.“

„Alles, worum ich Sie bitte, ist ein Beweis dafür.“

Plötzlich fiel Rob die offensichtliche Lösung des Problems ein. „Es gibt Alben mit Fotos, die mich und meine Großmutter zeigen.“

„Erinnern Sie sich, was wir mit den alten Sachen gemacht haben?“, entgegnete Hailey schuldbewusst.

„Wo sind die Fotoalben?“

„Eingelagert.“

Das entwickelte sich zu einer Farce. Einige der alten Nachbarn hätten ihn wiedererkennen können. Aber die meisten von ihnen waren weggezogen – oder gestorben. Rob fiel es schwer, im Bett und allein mit einer sehr attraktiven Frau nachzudenken. Jetzt stellte er sich vor, wie sie ausgestreckt auf diesem Bett lag – mit nichts am Leib außer diesen schwarzen Stilettos. Er musste hier heraus, bevor er total hart wurde. Er setzte sich auf. „Folgen Sie mir.“

Hailey wurde sofort misstrauisch. „Wohin?“

„Am besten zur Haustür.“ Er log. Denn das wäre am zweitbesten. „Aber wenn Sie sich nicht dazu bewegen lassen, möchte ich Ihnen etwas in meinem alten Zimmer zeigen.“ Er versuchte, nicht vor Schmerz zusammenzuzucken, als er aufstand und zur Tür ging. „Ich meine den Raum, der immer mein Zimmer war, bevor Sie ihn in ein Kinderzimmer verwandelt haben.“ Noch ein Grund, warum er sich in das Bett seiner Großmutter gelegt hatte, statt in sein eigenes. Im Flur kam er nur schleppend voran.

Sie passte sich seinem Tempo an und folgte ihm langsam. „Ach, du meine Güte. Wir haben einen schwarzen Gehstock eingelagert. Ich dachte, er gehörte Mrs. Neeson. War das Ihrer?“

„Nein, der gehörte meiner Großmutter.“ Da sie ihm vermutlich nicht einmal glaubte, dass er Mrs. Neesons Enkel war, hatte Rob keine Lust auf Erklärungen.

„Oh, gut.“

In seinem alten Zimmer fiel das Tageslicht durch das Dachfenster. Seine Großmutter hatte ihn das Zimmer nach der Scheidung seiner Eltern neu gestalten lassen. Das hatte ihm das Gefühl gegeben, dass es in seinem Leben immer einen Ort geben würde, an dem er zu Hause war.

Er erinnerte sich daran, wie oft er morgens im Bett gelegen, zum Himmel geschaut und von Reisen, Abenteuern und einer selbstbestimmten Zukunft geträumt hatte. Auf der Truhe, die vor dem Fenster im Erker stand, hatte er stundenlang gesessen und Comichefte gelesen. Jetzt lag ein Designerkissen darauf. Er legte es weg und hob den Holzdeckel der Truhe an, der einen Spalt weit nachgab.

„Die Truhe lässt sich nicht öffnen“, sagte Hailey. „Wir haben es probiert.“

„Doch, das geht.“ Rob hatte ewig gebraucht, um es herauszufinden. Er hatte seine geheimen Schätze darin unterbringen wollen. Seine Großmutter war so cool gewesen, ihn nie zu fragen, was er darin aufbewahrte. Sie hatte seine Privatsphäre respektiert und ihm vertraut. Er wünschte, es gäbe mehr solche Frauen auf der Welt.

Als Hailey näher kam, um zu sehen, was er tat, nahm er ihren Duft wahr. Schwer bestimmbar, feminin und sexy wie eine Frau, die nichts außer Stilettos trug – und vielleicht hauchzarte Dessous.

Er legte den Zeigefinger in die vertraute Kerbe und öffnete mithilfe des Schnappriegels den Deckel noch einige Zentimeter weit. Jetzt hatte er Zugang zum zweiten Mechanismus und konnte den Deckel aufklappen. Dann starrte er zum ersten Mal seit Jahren in die Truhe. Es waren nur ein paar Sachen darin: alte Comichefte, von denen er sich nicht hatte trennen können. Sein erster Baseballhandschuh, ein Messer mit einem Holzgriff, den er selbst geschnitzt hatte. Darunter lag die Ledermappe.

Rob reichte sie Hailey. Er sah ihr über die Schulter, als sie die Mappe aufschlug. Erneut stieg ihm ihr Duft in die Nase. Eine kühle, zitrusfrische Kopfnote mit einer feurigen Herznote.

„Sie haben einen Fotowettbewerb gewonnen, als sie auf der Highschool waren.“

Als sie sich zu ihm umdrehte, beeindruckten ihn wieder ihre blaugrauen Augen. Zuerst machten sie einen kühlen Eindruck wie ihr Duft. Doch dann nahm man die Hitze hinter der kühlen Fassade wahr. „Ja, aber das ist nicht der Punkt. Sehen Sie sich das Foto an und lesen Sie die Bildunterschrift.“

Auf dem Foto war er als Teenager neben seiner Großmutter und seiner Mom zu sehen. Sie hielten sein Gewinnerfoto hoch. Für ihn war diese Auszeichnung gewissermaßen der Beginn seiner Karriere als Fotojournalist gewesen. Sein Beruf bot ihm Freiheit, Abenteuer, ein Leben auf Achse und ein anständiges Gehalt.

Hailey las laut: „Gewinner des Wettbewerbs ist Robert Klassen, fünfzehn Jahre alt. Seine Mutter Emily Klassen und seine Großmutter Agnes Neeson freuen sich mit ihm.“ Sie lächelte. „Das ist ein schönes Foto. Sie waren ein sehr niedlicher Teenager.“ Nach einem Moment gab sie ihm die Ledermappe zurück.

„Glauben Sie mir jetzt, dass ich Mrs. Neesons Enkel bin?“ Als sie ihm den Kopf zudrehte, war er erneut von ihren graublauen Augen gefesselt.

„Sie hatten mich schon überzeugt, als sie den Deckel dieser Truhe öffnen konnten. Das Missverständnis tut mir leid.“

Rob tat es auch leid. Abgesehen davon, dass sie ein bisschen überspannt war, schien sie eine sympathische Frau zu sein. „Fakt ist, dass ich noch nicht entschieden habe, ob ich das Haus verkaufe. Und falls ich das tue, möchte ich mir selbst einen Immobilienmakler aussuchen.“

Ihre Nasenflügel bebten. „Haben Sie Beziehungen zu einem Immobilienmakler in Seattle?“

„Nein.“

„Nun, ich bin eine extrem kompetente Maklerin mit ausgezeichneten Referenzen. Ich halte die MacDonalds für mögliche Käufer.“

„Die beiden schienen total ausgeflippt zu sein, weil meine Großmutter in ihrem Bett gestorben ist.“ Als Hailey die Hände in die Hüften stützte, registrierte er, dass sie perfekt manikürte Hände hatte und keinen Ehering trug.

„Das stimmt nicht. Ihre Großmutter ist im Krankenhaus gestorben – wie Sie sicher wissen.“

„Darum geht es nicht. Wenn Sie meine Großmutter gekannt hätten, wäre Ihnen auch daran gelegen, dass ihr Geist im Haus verweilt.“ Vielleicht fiel es ihm deshalb so schwer, sich vorzustellen, dass andere Leute in diesem Haus wohnen könnten. Für ihn war seine Großmutter immer noch da. „Menschen, die sich vor Geistern fürchten, sind nichts für mich und meine Großmutter.“ Er war übermüdet. Wahrscheinlich sollte er aufhören zu reden, bevor er sich völlig zum Narren machte.

Sie lächelte Rob an. „Es ist schwer, einen geliebten Menschen loszulassen“, sagte sie sanft.

„Ja.“ So abgedroschen ihre Worte klangen – sie waren offenbar aufrichtig gemeint.

„Standen Sie sich nah?“

„Oh ja. Sie hat mich fast allein aufgezogen.“ Er konnte sich nicht vorstellen, was aus ihm geworden wäre, wenn er bei seiner Mutter geblieben wäre. Seine Großmutter hatte ihn gerettet und ihm die Chance gegeben, etwas aus seinem Leben zu machen.

Als Hailey ihn anschaute, hatte er das sehr sonderbare Gefühl, sie könnte bis in seine Seele sehen. Als sie einen Schritt zurücktrat, ahnte er, dass sie das auch fühlte. Sie schienen sich beide im selben Moment darüber bewusst zu werden, dass sie allein zusammen in einem Schlafzimmer waren – auch wenn die Bettdecke mit kleinen, gelben Enten bedruckt war. Rob hätte schwören können, dass es im Zimmer einige Grad wärmer wurde.

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

Jetzt war er davon überzeugt, dass sie wirklich seine Gedanken lesen konnte. „Dafür würde ich sterben.“

Sie lächelte. „Kommen Sie hinunter in die Küche.“

Er wollte sie bitten, ihm den Kaffee nach oben zu bringen. Aber er wusste, dass sie dann einen falschen Eindruck bekäme. Das Problem war, dass ihm das Treppensteigen am schwersten fiel. Er wollte nicht, dass diese Frau ihn humpeln sah. „Es ist in Ordnung. Ich mache mir später einen Kaffee.“

„Ich möchte auch eine Tasse trinken. Außerdem will ich mit Ihnen reden.“

Bleib selbstsicher. Sei positiv, sagte Hailey sich, als sie den Kaffee zubereitete. Zum Glück hatte sie am Tag vorher Kaffee und sogar frische Milch eingekauft. Als sie ein Geräusch hörte, drehte sie sich um. Robert Klassen stand in der Küche. Jetzt fiel ihr auf, dass er größer, noch imposanter und definitiv sexier war, als sie zuerst gedacht hatte. „Setzen Sie sich.“ Sie deutete auf die Eichenstühle am Küchentisch, die nicht von Julia ersetzt worden waren.

„Danke.“ Mühsam bewegte er sich auf einen der Stühle zu. Er stützte sich auf den Tisch, während er sich langsam setzte.

Sie drehte sich weg, damit er nicht den Eindruck bekam, sie starre ihn an. „Nehmen Sie Milch und Zucker?“

„Nein.“

Hailey brachte die beiden Tassen zum Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Ihr blieben fünfunddreißig Minuten Zeit, bevor sie zum wöchentlichen Meeting im Büro sein musste. Sie war entschlossen, diese Zeit zu nutzen, um ihren Maklerauftrag zu retten. „Sie mögen Kaffee“, sagte sie amüsiert, als er den ersten Schluck sichtlich genoss.

„Wenn man so lebt wie ich, sind Dinge wie Kaffee oder eine gute Mahlzeit keine Selbstverständlichkeit. Selbst sauberes Wasser ist ein Luxus.“ Rob trank noch einen Schluck. „Ich humpele, weil auf mich geschossen wurde. Es ist keine große Sache. Aber ich muss mich ein paar Wochen lang schonen.“

„Geschossen? Ich dachte, sie wären Fotograf.“

„Fotojournalist. Ich arbeite für die World Week.“

„Wow. Das muss faszinierend sein.“

„Ist es. Zu meinem Job gehört es, über Kriegsgebiete, Hungersnöte und Naturkatastrophen zu berichten. Wie Sie sich vorstellen können, gibt es in diesen Regionen nicht an jeder Ecke einen Coffeeshop.“

Wie oft nehme ich mir Zeit, um meinen Morgenkaffee zu genießen? fragte sich Hailey, als sie auch einen Schluck Kaffee trank. Aber jetzt ging es ums Geschäft. Sie musste am Ball bleiben. „Haben Sie eine Ehefrau und eine Familie?“

Rob verschluckte sich fast. „Nein.“

„Haben Sie vor, hier zu wohnen?“ Er schien darüber nachzudenken. Also half sie ihm weiter. „Ein Haus dieser Größe würde vermutlich nicht zu Ihrem Lebensstil passen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie nicht oft daheim sind.“

„Sehen Sie, die Sache ist so …“ Er hielt inne, als sie hörten, dass jemand die Haustür öffnete.

„Kann ich hereinkommen?“, rief Julia.

„Sicher. Ich bin in der Küche“, erwiderte Hailey.

„Dann ist die Luft rein.“ Ihre Freundin betrat die Küche und sah den Mann am Tisch sitzen. „Oh.“

„Julia, das ist Robert Klassen.“

„Rob reicht völlig“, sagte er, als sie sich die Hände schüttelten.

„Hallo, Rob.“ Sie warf Hailey einen Blick zu. „Sind Sie daran interessiert, Bellamy House zu kaufen?“

„Es gehört mir bereits.“

Nachdem Hailey ihre Freundin aufgeklärt hatte, schenkte sich Julia eine Tasse Kaffee ein und sagte zu ihm: „Hailey ist eine fantastische Maklerin. Dieses Haus wird im Handumdrehen verkauft sein.“ Sie wandte sich an ihre Freundin. „Wie hat es den MacDonalds gefallen? Die Idee, das kleine Schlafzimmer als Kinderzimmer herzurichten, war genial.“

„Ich glaube, sie sind interessiert“, antwortete Hailey in möglichst neutralem Ton.

„Sie sind nicht die richtigen Leute für dieses Haus“, wandte Rob ein.

Die Freundinnen wechselten einen besorgten Blick. Julia brach schließlich das angespannte Schweigen. „Soll ich Dienstagabend noch einige Dinge im ersten Stock erledigen, zu denen ich nicht mehr gekommen bin?“

„Du hast doch am Dienstagabend ein Date, oder nicht?“, wisperte Julia.

„Nein. Er musste es verschieben. Seine Geschäftsreise dauert länger. Nächste Woche muss er noch nach Nigeria. In der Woche darauf treffe ich ihn.“

„Oh, zu dumm.“

„Zumindest kann ich noch zwei Pfund abnehmen, bevor wir uns treffen.“ Sie drehte sich Rob zu. „Entschuldigen Sie. Ich habe mich per Online-Dating verabredet und ich bin etwas nervös.“

„Das verstehe ich. Welchen Beruf hat er?“, fragte Rob höflich.

„Bauingenieur.“

Hailey lenkte das Gespräch zurück zum Geschäftlichen. „Julia, ich bin nicht sicher wegen Dienstag. Kann ich dich deswegen anrufen?“

„Sicher.“ Julia stand auf. „Die Arbeit ruft und danach bin ich zu einer Freundin eingeladen, die ein Baby erwartet. Nett, Sie kennengelernt zu haben, Rob.“ Sie verabschiedete sich und ging.

Jetzt blieben Hailey nur noch zwanzig Minuten Zeit, um Robert Klassen davon zu überzeugen, dass sie die richtige Immobilienmaklerin für das Haus war. Doch gerade als sie aufs Geschäft zurückkommen wollte, überraschte er sie mit einer Frage.

„Also hat Ihre Freundin diesen Mann, mit dem sie ein Date hat, noch nicht getroffen?“

„Nein. Warum?“ Ihr rannte die Zeit weg.

„Sagen Sie ihr, dass es wahrscheinlich ein Betrüger ist.“

„Wie bitte?“

„Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Betrüger wie in Nigeria. Und dass er Bauingenieur sein soll, hört sich für mich verdächtig an.“

„Wie können Sie nur so voreingenommen sein? Sie hat mit ihm telefoniert. Ich bin sicher, dass alles in Ordnung ist.“

„Vielleicht. Aber wenn man lange genug in meiner Branche arbeitet, bekommt man eine Nase für so etwas“, meinte Rob. „Richten Sie ihr einfach aus, dass sie dem Mann auf keinen Fall Geld schicken soll.“

„Gut.“ Hailey warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Können wir jetzt über uns reden?“ Seine Art, sie anzusehen, war unglaublich sexy. Jedes Mal, wenn er sie anschaute, kamen ihr Gedanken, die absolut nichts mit ihrer Arbeit zu tun hatten.

„Uns?“

Sie sahen sich in die Augen. Vielleicht hat Julia recht, dachte sie. Wenn ein zotteliger Herumtreiber, der ihrer Karriere im Weg stand, sie nur mit einem Blick heiß machen konnte, war es viel zu lange her, dass sie zuletzt Sex gehabt hatte. „Sie wissen, dass ich den Maklerauftrag meine.“

Rob lehnte sich im Stuhl zurück. „Hier ist mein Vorschlag: Sie können den Auftrag behalten. Ich wohne hier. Also müssen Sie die Besichtigungstermine vorher mit mir absprechen. Nur Einzeltermine. Wir sehen, wie es läuft.“

Hailey nickte erleichtert. „In Ordnung. Aber ich habe auch eine Bedingung.“ Ganz so leicht wollte sie es ihm nicht machen. „Keine Geschichten mehr darüber, dass Ihre Großmutter in diesem Bett gestorben ist. Wenn man nichts Nettes sagen kann, sagt man am besten überhaupt nichts. Ich bin sicher, dass Mrs. Neeson Ihnen das beigebracht hat.“

Nachdem sich die sexy Immobilienmaklerin verabschiedet hatte, ging Rob langsam durch das Haus. Es machte wirklich keinen Sinn, es zu behalten. Es musste instand gehalten werden und war groß genug für eine Familie. Und jetzt, da seine Großmutter gestorben war, hatte er keine Familie mehr.

Aber er konnte sicherstellen, dass künftig eine Familie darin wohnte, die seiner Großmutter gefallen hätte. Plötzlich wurde ihm klar, was ihn zurück nach Seattle geführt hatte. Er musste das Haus in die richtigen Hände geben. Dann konnte er vielleicht die Vergangenheit loslassen.

Abgesehen davon, wieder zu Kräften zu kommen, hatte er keine Ahnung, was er in den nächsten Wochen mit sich anfangen sollte. Also rief er in der Praxis des Hausarztes der Familie an und bekam noch am selben Nachmittag einen Termin.

Als Hailey im Büro von Dalbello and Company eintraf, hielt der Büroleiter bereits seine wöchentliche Ansprache. Normalerweise arbeitete sie von Zuhause aus und kam nur vorbei, um den Fotokopierer zu benutzen und ihren Freund und Mentor Hal Wilson zu besuchen. Er arbeitete schon seit dreißig Jahren in der Branche. Sie entdeckte Hal neben dem Trinkwasserspender und ging zu ihm. „Habe ich etwas verpasst?“, flüsterte sie.

„Ted hat gesagt, dass in der Stadt viele Immobilien in den Verkauf gehen und die Preise anziehen.“

„Gute Neuigkeiten.“

Der Büroleiter erzählte ein paar Witze und gab einen Verkaufstipp. Schließlich kam er zu dem Tagesordnungspunkt, wegen dem die etwa dreißig freischaffenden Immobilienmakler zum Meeting gekommen waren. Wie ein Auktionator gab er die neu hereingekommenen Aufträge bekannt. Es war die übliche Mischung aus Häusern, Eigentumswohnungen und ein paar Gewerbeobjekten.

„Und Bellamy House“, fügte er hinzu. „Hailey Fleming hat den Auftrag ergattert. Es ist ihr bisher größtes Objekt und diese Woche der größte Auftrag, den unser Büro hereinbekommen hat. Er drehte sich zu ihr und klatschte. „Weiter so, Hailey!“

Nach dem Meeting kam Diane zu Hailey und Hal hinüber. „Glückwunsch. Wann steht das Haus Kaufinteressenten anderer Makler offen?“

„Der Kunde besteht auf Einzelbesichtigungen. Ich habe Fotos auf meiner Website veröffentlicht. Ruf mich an, um Einzeltermine zu vereinbaren, wenn du interessierte Kunden hast.“

„Abgemacht.“ Diane stellte noch ein paar Fragen über die Küche, machte sich Notizen und ging weg, als ihr Handy klingelte.

Als die gestylte Rothaarige außer Hörweite war, sagte Hal: „Soweit ich weiß, hat sie versucht, an diesen Auftrag zu kommen. Sie hat eine Kontaktperson im Krankenhaus. Wenn der Besitzer einer Immobilie stirbt, erfährt sie es noch vor den nächsten Angehörigen.“

„Nein!“

Er zuckte die Schultern. „Ich traue ihr das ohne Weiteres zu.“

Nur gut, dass Mrs. Neesons Anwalt ein Freund von Haileys Familie war. „Hal, ich brauche deinen Rat.“

„In Ordnung.“

Hailey erzählte ihm von Rob und den Bedingungen, die er gestellt hatte. „Ich bin sicher, dass die MacDonalds ein Kaufangebot gemacht hätten, wenn er sie nicht mit dem Märchen verjagt hätte, seine Großmutter sei im Himmelbett gestorben.“

„Manche Kunden wissen selbst nicht, was sie wollen“, sagte er schließlich. „Anscheinend gehört er dazu. Du musst ihn einfach zu nehmen wissen.“

„Und wie soll das gehen?“

„Lass deinen umwerfenden Charme spielen.“

Rob saß im Wartezimmer des Hausarztes, der ihn und seine Großmutter lange Jahre behandelt hatte und inzwischen fast siebzig Jahre alt sein musste. Er hasste Wartezimmer. Jetzt saß er schon eine Viertelstunde hier. Dabei war es noch nicht einmal seine Idee gewesen, sich in ärztliche Behandlung zu geben. Er verfluchte Gary und seine Anweisungen. Sein Bein tat weh, na und? Es würde schon wieder heilen.

„Du kannst jetzt hineingehen“, sagte Carol, die schon hinter der alten Eichentheke am Empfang gesessen hatte, bevor er geboren wurde.

Dr. Horace Greene stand auf, als Rob in sein Besprechungszimmer humpelte, und streckte ihm die Hand hin. „Wie geht es dir?“

„Es ging schon mal besser, Doc.“

Der Arzt deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und setzte sich wieder. „Ich habe dich ewig nicht gesehen. Wie lange ist das her?“, erkundigte er sich im Plauderton.

„Es müssen fünf Jahre sein.“

„Es tut mir leid, dass deine Großmutter gestorben ist. Das war ein großer Verlust für dich.“

Rob nickte.

„Und du humpelst. Was ist passiert?“

„Auf mich ist geschossen worden.“

„Soso. Wann war das? Wer hat dich behandelt?“ Dr. Greene nahm einen Block und machte sich Notizen.

„Vor etwa einer Woche während einer Fotoreportage in Libyen. Mein Chef hat seine Beziehungen spielen lassen und dafür gesorgt, dass ich von einem Chirurgen im Militärkrankenhaus behandelt wurde. Er hat einige Röntgenaufnahmen gemacht und gesagt, dass bei dem Durchschuss keine Fragmente zurückgeblieben sind. Nachdem er die Wunde genäht hat, wurde ich entlassen.“

„Ich wette, er hat dir auch gesagt, dass du Krücken benutzen sollst.“

Rob zuckte die Schultern. „Du weißt, wie schnell Wunden bei mir heilen. Du hast immer gesagt, dass mich so schnell nichts umhaut.“

„Aber kugelsicher bist du nicht. Ich sollte mir die Wunde anschauen.“

„Ich brauche dann einen Bericht von dir, in dem steht, dass ich wieder voll einsatzfähig bin.“

Dr. Greene stand auf und ging in das angrenzende Behandlungszimmer. „Zieh die Hose aus.“

Rob folgte ihm, setzte sich auf die Untersuchungsliege und legte das nackte Bein hoch. „Aua“, rief er, als der Arzt die Wunde abtastete.

„Alles in Ordnung. Ich erneuere den Verband. Den Mull kannst du bei Bedarf austauschen. Sobald die Wunde nicht mehr nässt, kannst du den Verband weglassen. Das sollte in ein paar Tagen der Fall sein.“

„Großartig. Danke“, sagte Rob, nachdem er einen neuen Verband hatte. Er war froh, dass ihm Dr. Greene weitere gute Ratschläge und Ermahnungen ersparte. Aber so leicht kam er nicht davon.

„Zieh dich wieder an und komm zurück in mein Besprechungszimmer. Ich möchte über einige Dinge mit dir reden.“

Widerwillig kehrte Rob ins andere Zimmer zurück und sank auf den Stuhl.

Der ältere Mann sah ihn an. „Wie kommst du zurecht?“

„Gut.“

Einen Moment lang schwiegen beide. „Hinter dir liegt eine Zeit, die dich emotional sehr mitgenommen haben muss“, fuhr Dr. Greene dann fort. „Du hast einen ganz besonderen Menschen verloren und du bist schwer verletzt worden. Das fordert seinen Tribut.“

„Mir geht es gut“, wiederholte Rob, wusste jedoch selbst, dass er sich nicht so anhörte. Vor ihm saß der Mann, der alle Krankheiten seiner Großmutter behandelt und bis zu ihrem Ende nach ihr gesehen hatte. „Meine Großmutter – ihr schien es gut zu gehen, als ich vor sechs Monaten zu Hause war …“

„Agnes Neeson hat sich ihre Unabhängigkeit bis zum Schluss erhalten.“ Er lächelte. „Du weißt, wie wichtig ihr das war. Sie hatte einen schweren Schlaganfall und ist im Krankenhaus gestorben, ohne wieder zu Bewusstsein zu kommen.“

„Musste sie leiden?“

„Nein.“

„Gut.“ Rob war erleichtert und irgendwie getröstet. „Ich wünschte, ich wäre bei ihr gewesen.“

Der Arzt nickte. „Ich weiß. Deine Großmutter hat jede Ausgabe der World Week gelesen, weil sie sich dir dann näher gefühlt hat. Niemand hätte stolzer auf dich sein können.“

Entsetzt bemerkte Rob, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er räusperte sich und wechselte schnell das Thema. „Eine Immobilienmaklerin stellt das Haus auf den Kopf. Alles ist anders als bei meinem letzten Besuch.“

„Ich habe gehört, dass das Haus zum Verkauf steht. Diese nette junge Frau von Dalbello hat den Auftrag bekommen. Sie wird einen guten Job machen.“

Rob hatte nicht die Energie, um über sein Gefühlschaos zu reden. Also bedankte er sich, stand auf und humpelte hinaus. Ihm wurde klar, dass Dr. Greene recht hatte. Es ging ihm nicht so gut, wie er vorzugeben versuchte.

Julia betrat das Beananza, ihren Lieblingscoffeeshop.

„Hallo, wie geht’s?“, begrüßte Bruno sie über die zischende Espressomaschine hinweg.

„Gut, es ist ein schöner Tag.“

Er warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Es regnet.“

Bruno war ihr Lieblingsbarista. Sofort fing er an, Julia einen großen Skinny Latte zuzubereiten. Er brauchte sie nicht zu fragen, was sie trinken wollte. Denn sie bestellte immer den Milchkaffee mit Magermilch, um Kalorien zu sparen.

„Die Brownies kommen frisch aus dem Ofen.“

Darauf brauchte er sie nicht extra hinzuweisen. Der Duft war unglaublich verführerisch. „Ich kann nicht“, stöhnte Julia. „Ich bin auf Diät.“

„Wirklich? Wer ist er?“

„Warum glaubst du, dass ich wegen eines Mannes auf Diät bin?“

„Du kommst seit drei Jahren fast täglich ins Beananza. Und jedes Mal, wenn du sagst, dass du eine Diät machst, ist ein neuer Mann aufgetaucht.“

„In Ordnung, es gibt einen Mann.“

Bruno lächelte, als er ihr den Milchkaffee reichte. Wie jeden Morgen sah sie auf den Milchschaum. Heute hatte er ein Herz in den Schaum gezeichnet. Sie lachte und setzte sich an einen der schmalen Tische, um ihren Kaffee in Ruhe zu genießen. Dann klappte sie ihren Tablet-PC auf, um die letzte E-Mail von ihrem Online-Partner zu öffnen.

Hallo Süße,

hier ist es heiß und schwül. Ich muss demnächst mein Flugzeug bekommen. Wir halten Ausschau nach Rohren für ein Bauprojekt. Ich vermisse dich so sehr. Ich habe mich noch nie jemandem so nah gefühlt und sehne mich danach, dich nächste Woche zu treffen.

Herzliche Grüße

Gregory

Julia liebte es, dass er sie Süße nannte. Das schien so vertraut, als wären sie schon ein paar Jahre zusammen. Nicht nur den Kaffee, auch die Liebe muss man genießen, dachte sie, als sie die Nachricht erneut las. Sie hoffte nur, dass Gregory nicht enttäuscht sein würde, wenn er sie sah.

Nachdem Rob die Arztpraxis verlassen hatte, humpelte er den Bürgersteig entlang. Plötzlich fing es an, in Strömen zu regnen. Nach der Hitze und Trockenheit in der Wüste hätte ihn der kühle Guss aus einem grauen Himmel glücklich machen sollen. Stattdessen war er gereizt, hatte Schmerzen und fühlte sich verloren, weil er nichts zu tun hatte. Er blieb einfach stehen und wurde nass.

Nach Bellamy House mit all dem Designerkram wollte er nicht zurückkehren. Auch die paar Freunde, die er noch in der Gegend hatte, mochte er nicht besuchen. Er wollte in ein Flugzeug steigen und arbeiten. Doch zunächst einmal musste er wieder ohne Beschwerden laufen können. Langsam humpelte er weiter und verfluchte nicht zum ersten Mal den Rebellen, der auf ihn geschossen hatte.

Drei Straßenecken weiter entdeckte Rob das Schild eines Coffeeshops, den er sich heute als Ziel setzte. Morgen würde er die doppelte Strecke zurücklegen. Und in zwei Wochen könnte er wieder rennen. Krücken – von wegen. Als er an der ersten Straßenecke ankam, hatte er höllische Schmerzen. Die nächste Straßenecke schien unendlich weit weg zu sein. Er überlegte, sich einfach auf eine Bank zu setzen und ein Taxi zu rufen.

Doch dann warf er erneut einen Blick auf den Coffeeshop und humpelte mühsam weiter. Er stellte sich vor, wie gut der Kaffee schmecken würde, wenn er erst dort war. Setze einen Fuß vor den anderen. Er konnte die Schmerzen aushalten. Ein Auto hielt neben ihm, aber er schenkte ihm keine Beachtung – bis jemand das Fenster herunterkurbelte, und er eine Frauenstimme hörte.

„Rob, ich habe Sie gefunden.“

Er drehte sich zur Seite und sah Hailey in einem blauen Regenmantel hinter dem Steuer eines kleinen, grauen SUV sitzen. „Warum suchen Sie mich?“

Sie parkte das Auto, stieg aus, öffnete einen blauen Regenschirm und holte dann den Gehstock seiner Großmutter aus dem Kofferraum.

Eine Sekunde lang stieg Trauer in ihm auf. Auf diesen Gehstock hatte sich seine Großmutter jahrelang gestützt. Natürlich hatte sie es zunächst abgelehnt, den Stock zu benutzen. Später war sie dann darauf angewiesen gewesen.

Hailey kam zu ihm und hielt ihm den abgenutzten, schwarzen Handgriff hin. „Hier.“

Rob nahm den Stock und stützte sich probeweise darauf. Er war etwas zu kurz für ihn. Aber darüber beschwerte er sich nicht. Seltsamerweise ging es ihm besser, als er den Griff umfasst hielt, den seine Großmutter so oft in der Hand gehalten hatte. „Wie kommen Sie darauf?“

„Dr. Greene hat mich angerufen und gesagt, dass Sie den Stock Ihrer Großmutter brauchen könnten.“

Sie schien viel mehr Wärme auszustrahlen als bei der ersten Begegnung und sich aufrichtig zu sorgen. „Mein Doktor hat Sie angerufen?“, fragte er schockiert. „So viel zur ärztlichen Schweigepflicht.“

Hailey lachte. „Ihre Großmutter hatte ein ganzes Netzwerk von Bekannten und Freunden, die sich alle untereinander kennen.“

„Doc Greene hat mir gesagt, dass ich mir Krücken besorgen soll.“

„Ich weiß. Und mir hat er gesagt, dass Sie das nicht tun würden. Wohin wollen Sie? Soll ich Sie fahren?“

Rob schüttelte den Kopf. Unter dem Lichtschein des blauen Regenschirms wirkten ihre Augen himmelblau. „Ich bin auf dem Weg zu dem Coffeeshop da vorn“, meinte er so lässig, als wenn er mühelos in ein paar Minuten dort ankäme.

„Zu Bruno ins Beananza? Ich komme mit.“ Sie sah ihn besorgt an. „Oder ich kann Sie fahren.“

„Es ist an der nächsten Straßenecke.“

„Sie haben eine Kugel im Bein.“

„Habe ich nicht.“

Hailey seufzte frustriert. „Wie auch immer.“

Sie machten sich auf den Weg. Dank des Stocks hielt Rob sich seiner Ansicht nach respektabel. Er hoffte, dass seine Begleiterin nicht bemerkte, wie schwer er sich tat. Langsam näherten sie sich dem gelben Schild. Um sich von den Schmerzen im Oberschenkel abzulenken, musterte er ihre Beine. Sie waren schlank, straff und höllisch sexy.

3. KAPITEL

Ohne viel Aufhebens darum zu machen, öffnete Hailey die Eingangstür zum Beananza und betrat vor Rob den Coffeeshop. Auf diese Weise konnte er hinter ihr hineinhumpeln. „Da Sie mein Kunde sind, lade ich Sie ein.“

Instinktiv wusste er, dass sie ihm die Mühe ersparen wollte, mit einer Tasse Kaffee in der Hand um die kleinen Tische herumzugehen. Ihm gefiel es, wie sie ihm half, ohne ein Wort darüber zu verlieren. „Danke. Einen Café Americano.“

„Hallo, Hailey“, erklang eine vertraute Frauenstimme.

„Julia. Ich hätte mir denken können, dass du um diese Zeit hier bist.“ Sie zog den Mantel aus und legte ihn über die Lehne eines Stuhls an Julias Tisch. Dann rückte sie einen zweiten Stuhl so zurecht, dass Rob sich bequem darauf setzen konnte.

Während Hailey zur Theke ging, um die Getränke zu holen, sah er sich um. Der Coffeeshop war gut besucht. Zwei ältere Männer an einem Ecktisch unterhielten sich über Politik. Daneben tauschten sich drei junge Mütter über ihre Babys aus, die in Kinderwagen schlummerten. Ein junger Mann mit Kopfhörern haute in die Tasten eines Computers. Zwei Asiatinnen saßen mit Lehrbüchern und Notizblocks in einer anderen Ecke. Wenn man die Sprache, die Gesichter und die Kleidung austauschte, könnte man auch in irgendeinem anderen Café auf der Welt sein.

„Es ist wunderbar hier, nicht wahr?“

Rob wandte sich wieder Julia zu. „Mir gefällt es.“

„Warten Sie nur, bis Sie den Kaffee probiert haben. Er ist ein Genuss.“

Er nickte und dachte, dass die Leute immer dasselbe zu sagen schienen – ob es nun stimmte oder nicht. „Arbeiten Sie?“

„Nein. Ich mache eine Pause, um eine E-Mail zu lesen.“ Julia errötete. „Ich führe mich auf wie ein Teenager. Es ist lächerlich. Er nennt mich Süße. Ist das nicht romantisch?“

Ein Mann, der eine Frau Süße nannte, könnte ein Problem haben, sich Namen zu merken. Aber diesen Gedanken behielt er lieber für sich. „Haben Sie schon öfter in Online-Partnerbörsen Bekanntschaften gemacht?“

„Nein. Das ist meine Premiere. Ich kann nicht glauben, dass ich beim ersten Mal so viel Glück habe.“

Hailey kam mit zwei Kaffeetassen zurück und stellte eine davon vor ihn auf den Tisch.

„Danke.“

„Ich habe Rob gerade erzählt, dass mein Ingenieur mich in seinen E-Mails Süße nennt.“

„Oh, das ist so reizend.“

Julia lehnte sich nach vorn. „Ich habe schon ein Kilo abgenommen. Bevor ich mich mit ihm treffe, kann ich bestimmt noch ein Pfund abnehmen. Meinst du, ich sollte Jeans und einen Pulli zum ersten Date anziehen? Oder ein Kleid? Ich passe vermutlich wieder in das rote Kleid, das ich letztes Jahr an deinem Geburtstag getragen habe.“

Hailey überlegte. „Wo findet eure Verabredung statt?“

„Ich bin nicht sicher. Er hat mich nach meinen Lieblingsrestaurants gefragt. Deshalb vermute ich, dass er mich zum Abendessen ausführen will. Er hat gesagt, dass er seinen Mercedes von der Inspektion zurückbekommt und mich abholen kann.“

„Er fährt einen Mercedes“, sagte sie beeindruckt.

„Oder er sagt, dass er es tut“, murmelte Rob in sich hinein. Als Hailey ihren Stuhl etwas verrückte, nahm er wieder ihren Duft wahr – die Mischung aus kühler Zitrusfrische und Hitze.

„Ich möchte so gut wie möglich aussehen. Aber er soll auch nicht denken, dass ich mich zu sehr ins Zeug lege.“ Julia wandte sich an Rob. „Was meinen Sie? Jeans oder ein Kleid?“

In diesem Moment wünschte er, mit den älteren Männern über Politik reden zu können. Er versuchte, sich an sein letztes Date zu erinnern. Das war ein Abendessen mit Romona nach Feierabend gewesen – und bevor sie zusammen ins Bett gegangen waren. Romona sah in Jeans, Kleidern, tollen Abendroben heiß aus. Und am besten, wenn sie keinen Fetzen am Leib hatte. Das wollte er den beiden Frauen aber nicht anvertrauen. „Vermutlich hängt es davon ab, wo die Verabredung stattfindet. Aber mir gefällt es, wenn eine Frau ein hübsches Kleid trägt.“

Die Freundinnen lauschten seinen Worten, als würde er mit den Antworten auf die größten Rätsel des Lebens aufwarten. „Die Chemie muss stimmen. Das ist viel wichtiger als die Kleidung. Manchmal trifft man eine Frau, und es funkt nicht. Und manchmal fühlen sich beide ohne einen bestimmten Grund ungeheuer zueinander hingezogen.“

Instinktiv warf er Hailey einen Blick zu. Die Anziehung zwischen ihnen kam ungelegen, war aber sogar hier und jetzt nicht zu leugnen. Ihn törnte es an, wie sie lachte, wie sie sich ihm zuwandte und den Kopf zur Seite neigte, wenn sie ihm zuhörte. Wie sie mit beiden schlanken Händen die Kaffeetasse hielt. Und erst ihre Beine … „Man hat keine Kontrolle darüber. Selbst wenn es sich um die letzte Person handelt, zu der man sich hingezogen fühlen will.“

Sie sahen sich in die Augen. Das Knistern zwischen ihnen war fast mit Händen zu greifen. Hailey öffnete die Lippen, blinzelte – dann drehte sie sich weg und trank schnell einen Schluck Kaffee.

Julia kaute auf ihrer Unterlippe. „Ich fühle mich ungeheuer von diesem Mann angezogen und habe ihn noch nicht einmal getroffen. Ich kann mir nicht vorstellen, was passiert, wenn wir uns begegnen.“

„Ich auch nicht“, murmelte Rob.

Hailey legte ihrer Freundin die Hand auf den Arm, während sie ihm unter dem Tisch einen leichten Tritt versetzte. „Ich hoffe wirklich, dass ihr beide zusammenkommt. Er scheint perfekt zu sein.“

Am nächsten Morgen rief Diane bei Hailey an und sagte, sie habe Kunden, die an Bellamy House interessiert seien.

Hailey sprach den Besichtigungstermin mit Rob ab. Um zu überprüfen, ob er so ordentlich war, wie er behauptete, kam sie eine halbe Stunde früher ins Haus. Im Erdgeschoss musste sie nur einen Mantel und ein Paar Stiefel in den Schrank räumen. Erleichtert lief sie nach oben. Im großen Schlafzimmer hatte er die Designerkissen, die Julia auf dem Bett drapiert hatte, unter dem Bett verstaut. Sie holte sie hervor und schüttelte sie auf, um das Bett damit zu dekorieren.

„Legen Sie auch noch ein Betthupferl auf die Kissen und schlagen die Decke zurück?“

Abrupt drehte sie sich um. „Rob, was tun Sie hier?“ Dann machte sie große Augen. Er kam aus dem angrenzenden Bad und hatte nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Seine Haare waren nass, die feuchten Brusthaare kräuselten sich. Ein Wassertropfen lief ihm langsam die Schulter hinunter, was sie fasziniert beobachtete. Er duftete nach Seife. „Sie müssen verschwinden. In zwanzig Minuten kommt eine Immobilienmaklerin mit ihren Kunden hierher.“

„Ist ihr Name Diane?“

Wie konnte er das wissen? „Ja.“

„Sie hat hier angerufen. Ihre Kunden können den Termin heute nicht einhalten.“

„Diane hat hier angerufen? Sie hätte mich anrufen müssen.“

Rob zuckte die Schultern. „Angeblich konnte Ihre Kollegin Sie nicht erreichen. Wir haben uns ein bisschen unterhalten. Sie weiß viel über die Nachbarschaft hier und ist daran interessiert, mit mir über die Geschichte des Hauses zu reden. Jedenfalls hat sie das gesagt.“

„Oh, hat sie das.“

„Sie hat auch erwähnt, dass Sie ziemlich neu im Geschäft sind. Und dass ich mich jederzeit an sie wenden kann, wenn ich den Rat einer erfahreneren Immobilienmaklerin bräuchte.“

Hailey kochte vor Wut. Sie war jedoch entschlossen, Haltung zu bewahren. „Was haben Sie erwidert?“ Hoffentlich war Rob nicht auf die Winkelzüge der falschen Schlange hereingefallen.

„Dass sie besser in irgendeinem Vorort Gebrauchtwagen verkaufen sollte.“

Sie lachte vor Überraschung laut auf. „Ich wünschte, ich hätte ihr Gesicht gesehen.“ Sie versuchte zu ignorieren, wie fantastisch Rob aussah.

„Ich mag solche taktischen Manöver nicht.“

„Gut“, meinte Hailey. Als er einen Schritt nähertrat, hinterließ er feuchte Fußabdrücke auf dem Teppich. Er hatte schmale Füße mit langen Zehen. Sie sollte sich darauf konzentrieren. Dann beschäftigte es sie nicht unentwegt, dass er fast nackt war, und hinter ihnen ein großes, verlockendes Bett stand.

„Wenn ich Ihnen wegen eines anderen Immobilienmaklers den Laufpass gebe, dann nicht wegen jemandem, der verschlagen ist.“

Sie sah Rob in die Augen. „Geben Sie mir den Laufpass?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

„Das muss ich nicht. Noch nicht.“

Plötzlich stellte Hailey sich vor, wie sie ihn mit einer Hand aufs Bett schob, während sie ihm mit der anderen das Handtuch wegzog. Der Gedanke war so verlockend, dass sie die Hände ballen musste, um sich daran zu hindern. Sie waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Ein Kribbeln hatte ihren ganzen Körper erfasst. Sie suchte verzweifelt nach einem unverfänglichen Gesprächsthema. „Warum haben Sie Julia ihr Date schlecht gemacht?“ Das war das Erste, was ihr einfiel.

„Das habe ich nicht“, entgegnete Rob. „Ich habe ihr gesagt, dass sie ein Kleid anziehen soll, oder nicht?“

„Es klang sarkastisch.“

„Mir fällt es schwer zu glauben, dass man sich im Internet verlieben kann. Der Typ scheint eine Pfeife zu sein.“

„Warum? Weil er sie gefragt hat, welche Restaurants sie mag, statt sie an den Haaren in seine Höhle zu zerren?“ Hailey fragte sich, wie sehr sie sich wehren würde, wenn Rob versuchen sollte, sie in seine Höhle zu zerren. Vermutlich nicht sehr.

„Nein, weil er beiläufig erwähnt hat, dass sein Mercedes einen Ölwechsel nötig hat. Wer tut so etwas?“

„Er versucht, sie zu beeindrucken.“

„Ich finde, das hört sich verdächtig an.“

„Sie halten sich nicht mehr in einem Kriegsgebiet auf, wo jede andere Person ein Spion oder ein Feind sein kann. Sie sind zu Hause. Vielleicht sollten Sie Ihr Misstrauen einmal ablegen.“

„Vielleicht.“

Rob schien noch mehr dazu sagen zu wollen. Seine grünen Augen leuchteten im Morgenlicht, die nassen Haare lockten sich leicht. „Und vielleicht haben sich die beiden wie altmodische Brieffreunde im Internet verliebt“, meinte Hailey.

Er sah sie an. „Worte auf dem Computerbildschirm machen niemanden heiß. Sexuelle Anziehung ist animalisch und schlägt ein wie ein Blitz, wenn sich ein Mann und eine Frau gegenseitig in ihr tiefstes Inneres schauen.“ Er sah ihr in die Augen. „Wie ihr Gesicht geschnitten ist, wie ihre Haare fallen, ihr Gesichtsausdruck in unterschiedlichen Stimmungen – all das versetzt einem einen Kick.“ Er berührte mit den Fingern Haileys Haare und streifte dabei ihre Schultern.

Sie schnappte nach Luft. Sie wollte etwas sagen, aber brachte keinen Ton heraus. Rob stand so dicht vor ihr, dass sie die Musterung seiner Iris und die Sommersprossen auf seinen Schultern sehen konnte.

„Wie sich ihre Haut anfühlt“, fuhr Rob fort und zeichnete mit den Fingern die Linie ihres Kinns nach. Raue Finger, die schweres Kamera-Equipment durch die Wüste tragen konnten. „Der Klang ihrer Stimme, ihr Duft.“ Er senkte die Stimme. „Ihr Geschmack“, flüsterte er heiser und küsste sie auf den Mund.

Obwohl Hailey sich in der Fantasie ausgemalt hatte, wie sich sein Kuss anfühlen würde, war sie völlig unvorbereitet. Eine überwältigende Lust durchströmte sie von Kopf bis Fuß, als sich ihre Lippen berührten. Zunächst leicht und spielerisch, wurde der Kuss im Bruchteil einer Sekunde leidenschaftlich und hungrig. Er fuhr mit der Hand durch ihre Haare bis zum Nacken, griff zärtlich in die langen Strähnen und neigte ihren Kopf zur Seite, um sie noch tiefer zu küssen.

Hailey seufzte leise, als sie ihn an sich zog. Sie wollte seine muskulöse Brust spüren, ihre Finger in seinen Haaren vergraben. Er schmeckte nach kühler Minze und heißer Lust. Er neckte sie mit seiner Zunge, forderte sie heraus, nahm sich, was er wollte, und gab gleichzeitig mehr, als Hailey sich in ihren kühnsten Träumen hätte ausmalen können. So war sie noch nie geküsst worden. Er nahm sich alle Zeit der Welt, nur dieser eine Moment schien für ihn zu zählen. Er versuchte nicht, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, oder sie dazu zu bringen, mit ihm ins Bett zu gehen.

Sich auf mehr als eine Geschäftsbeziehung mit Rob einzulassen, stand nicht in ihrem Organizer. Aber in diesem Augenblick wusste sie, dass ihre Pläne gerade ernsthaft über den Haufen geworfen worden waren.

Während er sich langsam von ihr löste, lächelte er sie an. „Das bekommst du nicht im Internet.“

Hailey war einen Moment lang sprachlos. Als er sich umdrehte, um sich anzuziehen, ging sie aus dem Zimmer. „Oder irgendwo sonst“, sagte sie sanft.

Als Julia die Tür zu ihrem Apartment öffnete, klingelte das Telefon. Sie hatte die Party ihrer schwangeren Freundin früh verlassen, denn Gregory rief sie gewöhnlich um diese Zeit an. Anscheinend waren alle ihre Freundinnen im Begriff zu heiraten oder Babys zu bekommen. Das wollte sie auch. Aufgeregt meldete sie sich, als auf dem Display eine internationale Telefonnummer erschien. „Hallo.“

„Hallo, Süße.“

„Gregory. Wie war dein Meeting?“

„Lang. Ich vermisse dich. Ich vermisse Seattle. Wie ist es dort?“

„Heute regnet es. Hier gibt es nichts Neues.“

„Behält die Lenin-Statue noch immer den Distrikt Fremont scharf im Auge?“

Julia lächelte. „Natürlich. Oh, und ich habe versucht zu entscheiden, was ich zu unserer Verabredung nächste Woche anziehe. Ich kann es kaum erwarten, dich zu treffen.“

„Ich auch nicht, Süße. Ich habe mich einer Frau noch nie so nah gefühlt.“

„Mir geht es genauso. Dabei sind wir uns noch nicht einmal begegnet. Ich habe bemerkt, dass du dein Online-Profil gelöscht hast.“

„Ich bin an keiner anderen Frau interessiert.“

Julia kam es so vor, als hätte sie jahrelang ertragen, sich als Zweitbeste zu fühlen. Sie hatte Männern ihre Telefonnummer gegeben, die sie nie angerufen hatten. Sie hatte größere, schlankere Frauen mit Männern weggehen sehen, an denen sie interessiert gewesen war.

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