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TIFFANY EXKLUSIV BAND 58

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Feuerwerk der Leidenschaft

PROLOG

Im Zug nach New York City

31. Dezember, gegen 10 Uhr 30

„Und? Hast du schon angefangen, deinen großen Buchvertrag zu feiern? Ich habe erwartet, die Champagnerkorken im Hintergrund knallen zu hören.“ Sharons Stimme, die sich so aufgeregt anhörte, wie Becky sich fühlte, war durch atmosphärische Störungen schlecht zu verstehen.

Becky Stone, die zukünftige Bestsellerautorin Rebecca St. Claire, drückte das Handy fester ans Ohr und verbarg ihre Freude nicht. „Es ist zwar Silvester, aber das Feiern verschiebe ich lieber noch, bis ich in Manhattan bin.“

Sie rechnete fest damit, in wenigen Stunden ihre High Heels mit den zwölf Zentimeter hohen Absätzen zu schwingen und richtig zu feiern. Am Tag zuvor hatte Pat, ihre Lektorin, angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie wichtige Neuigkeiten für sie habe, die weitreichende Auswirkungen auf Beckys Karriere haben würden. Sie hatte gefragt, ob sie, Becky, nicht in den nächsten Tagen nach Manhattan kommen konnte, um beim Lunch alles zu besprechen. Die viel beschäftigte New Yorker Lektorin kommunizierte vorzugsweise per E-Mail. Ein Anruf, verbunden mit der Bitte um ein persönliches Treffen, musste bedeuten, dass etwas Großes passiert war oder unmittelbar bevorstand. Daher hatte Becky sich sofort eine Fahrkarte erster Klasse gekauft. Der Schnellzug von der Union Station in Washington D. C. würde sie in weniger als drei Stunden zur Penn Station in New York bringen.

Pats Anruf konnte nur eines bedeuten. Die Auflage ihres letzten Angelina-Talbot-Romans musste vergriffen sein. Die das Genre erweiternde erotische Thrillerserie schien ihre Leserinnen zu begeistern – was ihre früheren historischen Romanzen nicht geschafft hatten. Wer weiß? Möglicherweise hatte das Buch es in eine der Beststellerlisten geschafft – wenn nicht in die der New York Times, dann bestimmt in die von USA Today. Warum sonst sollte Pat einen solchen Wirbel machen und sie unbedingt kurz vor der größten Party des Jahres noch sehen wollen?

Beckys Horoskop, das ihr ein fantastisches neues Jahr voller „Neuanfänge“ und „grandioser Chancen“ sowohl beruflich als auch in der Liebe prophezeit hatte, würde sich nicht nur erfüllen – sie schien sogar irgendeine Art von astrologischem Jackpot geknackt zu haben.

Sharons Stimme holte sie zurück in die Gegenwart. „Übertreib das Schuhekaufen nicht. Zumindest nicht, bis die Tinte unter deinem Megabuchvertrag getrocknet ist. Oh! Und ruf mich an, wenn dein Siegeslunch gelaufen ist. Ich will alles ganz genau erfahren.“

„Das mach ich.“ Die schlechter werdende Verbindung veranlasste Becky aus dem Fenster zu sehen. „Wir fahren gleich in den Tunnel unter dem Hudson River ein. Ich verabschiede mich jetzt lieber, bevor die Verbindung abreißt. Danke für deinen Anruf und die Glückwünsche. Ich hab dich lieb, Freundin.“

„Ich hab dich auch lieb, Becky. Und frohes neues Jahr.“

Becky wollte die Neujahrswünsche erwidern, doch die Verbindung riss ab. Sie klappte ihr Handy zu, ließ es in ihre Kate-Spade-Tasche fallen und nahm den neuesten Angelina-Talbot-Roman heraus. Sie strich liebevoll über das glänzende Cover des Taschenbuchs und musste zugeben, dass die Leute vom Design sich diesmal selbst übertroffen hatten. Das schlanke schwarzhaarige Covermodel verkörperte perfekt die sexy britische Heldin, vom schicken schwarzen Minirock und der rauchenden Pistole bis zu den glänzenden schwarzen Stilettos. Die Schuhe waren ein Statement, keine Notwendigkeit. Becky mochte ohne ihre geliebten Designer-High-Heels zwar nur eins fünfundfünfzig groß sein, aber ihre Romanheldin hatte die stattliche Größe von fast eins achtzig. Damit war sie groß genug, anderen Frauen und den meisten Männern auch ohne hohe Schuhe direkt in die Augen blicken zu können. Zusätzlich zu der Größe, nach der sie sich selbst immer gesehnt hatte, hatte Becky ihre Heldin auch mit enormer Intelligenz ausgestattet, der Libido eines Playboybunnys und der Figur eines Victoria’s-Secret-Models.

Das Beste am Cover war jedoch das Lob von Publisher’s Weekly, das unter dem in Gold aufgeprägten Titel abgedruckt war und der Autorin eine „frische, innovative Stimme“ bescheinigte und sie ein „aufstrebendes Talent“ nannte, das man im Auge behalten sollte.

Aufstrebendes Talent … Becky verstaute das Buch wieder in ihrer Tasche und lehnte sich zufrieden seufzend in ihrem extrabreiten Sitz zurück. Sie streckte die Beine aus und warf einen liebevollen Blick auf ihre kniehohen schokoladenbraunen Manolo-Blahnik-Stiefel aus Nappaleder. Als zweitjüngstes Kind einer fünfköpfigen Familie in einer Kleinstadt in Maryland aufgewachsen, waren Designerschuhe für sie so unerreichbar gewesen wie Cinderellas Glasschuhe. Selbst ihre Barbiepuppen mussten barfuß laufen. Und jetzt trug sie Manolo Blahniks und reiste erster Klasse. Ein paar Träume wurden eben doch wahr.

Die Dinge schienen eindeutig besser zu stehen als noch vor einer Woche um die Weihnachtszeit. Heiligabend hatte sie allein zu Hause mit ihrer getigerten Katze Daisy Bud verbracht. Es gab thailändisches Essen zum Mitnehmen für sie und Thunfisch für die Katze. Da dies die Zeit der Wünsche war, hatte sie eine Wunschliste geschrieben und all die Dinge aufgelistet, die sie im kommenden Jahr tun wollte – tun würde.

Zum Beispiel: Bestsellerautorin werden. Eine Reise nach Irland machen. Motorradfahren. Aus dem Tierheim einen Gefährten für die Katze holen. Auf eine Anzahlung für ein Haus sparen. Den Mann ihrer Träume kennenlernen und sich verlieben …

Seit ihr Exfreund Elliot sie für eine Ziege Mitte zwanzig verlassen hatte, war sie sehr vorsichtig und äußerst misstrauisch, was Beziehungen anging. Romantische Intimität klang sehr gut auf dem Papier, doch im wirklichen Leben war sie eher unwahrscheinlich. Sie war sich absolut sicher gewesen, dass der ehemalige FBI-Agent und spätere Medienkommentator der Richtige für sie war. Nach zwei Jahrzehnten Date-Erfahrung, angefangen in der neunten Klasse mit ihrem damaligen Freund hinten im Uptown Theater, hatte sie geglaubt, die männliche Psyche ziemlich gut zu kennen. Trotzdem war sie auf ihren Ex hereingefallen.

Rückblickend betrachtet hätte sie gewarnt sein müssen. Mal rief er überraschend an, dann wieder ließ er nichts von sich hören. Er machte ständig Pläne, ohne sie je zu verwirklichen, und sie hatte lediglich eine E-Mail-Adresse von ihm gehabt. Dennoch war sie bei ihm geblieben, hatte ihm geglaubt und sogar seinen Rat angenommen und ihren Job gekündigt. Das war schlechte Menschenkenntnis. Nach dieser Erfahrung würde sie keinem Mann mehr trauen. Wie konnte sie sich in Sachen Liebe je selbst wieder trauen?

„Nächster Halt New York Penn Station.“

Die Stimme aus dem Lautsprecher veranlasste sie aus dem Fenster zu sehen, gerade als der Zug aus dem Tunnel hinausfuhr und die Skyline Manhattans wie eine Stadt aus dem Märchen in Sicht kam – fern, aber in Reichweite, ihren Träumen nicht unähnlich. Lügende Partner, laue Buchverkäufe und Geldsorgen ganz allgemein würden bald der Vergangenheit angehören. Endlich einmal würde sie Glück haben.

Noch dreizehneinhalb Stunden bis zum neuen Jahr, und es sah bereits vielversprechend nach dreihundertfünfundsechzig Tagen voller „Neuanfänge“ und „grandioser Chancen“ aus. Becky war bereit für die guten Zeiten.

1. KAPITEL

„Das Buch war ein Flop, Becky. Tut mir leid.“

Pat unterstrich ihre Worte, indem sie die Flasche Ketchup über ihrem Hamburger auf den Kopf drehte. Ein hellroter Klecks landete auf dem Fleisch.

Becky brauchte einen Moment, um sich von dem Schluck Champagner zu erholen, den sie gerade getrunken hatte. Das Wort „Flop“ im Zusammenhang mit ihrer Bestseller-Hoffnung war ein Schock. „Ich … Ich glaube, ich habe dich nicht richtig verstanden. Es klang, als hättest du …“

„Ein Flop, Fehlschlag, Misserfolg – such es dir aus.“ Pat klatschte die obere Hälfte des Brötchens wieder auf den Burger und biss herzhaft ab. „Das Verlagsgeschäft ist eine harte Branche, in der es mal aufwärts und mal abwärts geht.“

Gütiger Himmel. Becky fühlte sich um all ihre Hoffnungen betrogen. „Aber … Aber der Verkaufsstart lief doch gut, und die Kritiker …“

„… schwärmten“, beendete Pat den Satz. Ketchup tropfte ihr vom Mundwinkel. Die Lektorin schob ihren Teller mit Pommes frites zu Becky. „Probier eine Fritte, die sind köstlich mit dieser Mayonnaise aus Dijon.“

Becky widerstand dem Impuls, sich mit der flachen Hand vor die Stirn zu schlagen, hinter der es zu hämmern begonnen hatte. „Danke, ich verzichte lieber.“

Pat nahm eine Fritte und zeigte damit auf sie. „Weißt du, was meine Starautoren vom Mittelmaß unterscheidet? Es ist nicht Talent, obwohl das natürlich hilft. Es ist auch nicht das Aussehen, obwohl das nicht schaden kann. Es sind ihr Mumm und ihre Beharrlichkeit. Die heutigen Bestseller stammen sämtlich von Leuten mit Ausdauer, die alles dafür getan haben, um nach oben zu kommen. Du musst dich neu erfinden. Wie hieß diese Schauspielerin aus der Stummfilmzeit noch, die gesagt hat, man dürfe ruhig fallen, man müsse nur wieder aufstehen? Wie es in der Nike-Werbung heißt: Just do it.“

Diese aufmunternd gemeinten Worte verstärkten Beckys Panik eher noch. „Na schön, ich erfinde mich neu. Aber wie? Ich dachte, das hätte ich schon getan, indem ich erotische Liebesgeschichten mit dem Krimigenre gemixt habe.“

Pat nickte. Ihre mit Haarspray fixierten platinblonden Haare erinnerten an Meryl Streep in dem Film „Der Teufel trägt Prada“.

„Und es war eine tolle Idee – zu seiner Zeit. Das Problem ist, dass der Markt für Mainstream in der Genreliteratur kontinuierlich geschrumpft ist. Nur die etablierten Autoren behaupten sich noch. Neuaufsteiger wie du werden einfach verdrängt. Du bist ein paar Jahre zu spät auf der Szene erschienen. Unter diesen Umständen kann ich dir keinen neuen Vertrag über mehrere Projekte anbieten. Tatsache ist, dass ich dir überhaupt keinen Vertrag mehr anbieten kann.“

Becky war völlig benommen. So viel zu ihrem Horoskop. Sie hatte kein regelmäßiges Einkommen und war auf ihren Vorschuss angewiesen, um die Rechnungen im nächsten Jahr bezahlen zu können. „Aber hast du nicht gesagt …“

„Das war vor der Leserumfrage auf unserer Website. Die ergab, dass die Leser genug haben von Angelinas lockerem Lebenswandel.“

Becky schob ihren Salat von sich. „Ich dachte, ihre sexuelle Abenteuerlust gefiele den Lesern besonders.“

„Nicht mehr. Jetzt wünschen sie sich, dass Angelina einen sexy Partner findet.“

Becky konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Soll das heißen, die Leser wünschen sich eine monogame Angelina?“

Pat runzelte die Stirn. Die tiefen Falten deuteten darauf hin, dass demnächst wohl wieder eine Botoxspritze fällig war. Normalerweise war das Gesicht der über Fünfzigjährigen straff wie das einer Zwanzigjährigen und unbeweglich wie das einer Schaufensterpuppe. „Sag das nicht so abfällig. Monogamie ist derzeit sehr angesagt, selbst wenn es sich nur um serielle Monogamie handelt. Die Leser sehen es lieber, wenn jeweils nur ein Mann und eine Frau zurzeit zusammen sind.“

Becky rieb sich die pochenden Schläfen. „Aber Angelina bleibt nie lange genug an einem Ort, um eine dauerhafte Beziehung einzugehen. Das macht den Glamour ihres Jobs als Secret Agent aus. Sie ist immer auf dem Sprung.“

„Das darf sie ruhig weiterhin sein, nur dass sie in Zukunft statt mit Designergepäck mit einem sexy Partner reist.“ Pat wischte sich die Krümel von den Fingern und beugte sich vor, als wollte sie Becky ein Geheimnis verraten. „Angelina braucht einen Mann, der nicht bloß ein weiteres hübsches Gesicht ist, sondern ihr in jeder Hinsicht ebenbürtig. Ein echter Kerl, aber kein Neandertaler, eine amerikanische Version von James Bond, ohne den Smoking und den Geschüttelt-nicht-gerührt-Martini. Er muss sexy sein, klug und kultiviert – allerdings nicht so kultiviert, dass er wie ein Weichei wirkt.“

Becky war erleichtert. Ihre Lektorin hatte sie noch nicht abgeschrieben. Pat war nach wie vor auf ihrer Seite. Beckys Karriere war noch nicht zu Ende. Sie erlebte nur einen dieser ärgerlichen Rückschläge, den die meisten Autoren an irgendeinem Punkt ihrer Karriere erdulden mussten, bevor es wieder aufwärts ging.

„Verstanden“, erklärte sie und verspürte einen Adrenalinschub. „Ich werde gleich mit dem Umschreiben beginnen, damit du die überarbeitete Fassung meines neuen Manuskripts Anfang nächster Woche bekommst.“

Bildete sie es sich nur ein oder schien Pat sich plötzlich unbehaglich zu fühlen?

„Jetzt kommt das Beste. Du brauchst ihn nicht zu erfinden, denn er ist schon fertig.“

„Schon fertig? Aber wie …“

Pat spielte mit einer Fritte, die auf ihrem Teller übrig geblieben war. „Hast du mal die Reihe ‚Drakes Abenteuer‘ von Adam Maxwell gelesen?“

Becky verschluckte sich prompt am Champagner. „Adam Maxwell? Wenn du damit das andeuten willst, was ich vermute, lautet meine Antwort: Nein, auf keinen Fall. Niemals.“

Von allen Schriftstellern, die für eine Zusammenarbeit infrage kamen, war Adam Maxwell der schlimmste. Der einsiedlerisch lebende Autor verließ sein Haus in den White Mountains in New Hampshire nur selten, und das konnte Becky ihm nicht verdenken. Wenn man sich den ganzen Tag lang außergewöhnliche Charaktere ausdachte, war es sicher schwer, echte Menschen zu finden, die da mithalten konnten. Maxwell war in New England geboren, und die Leute aus New England hatten den Ruf, gern unter sich zu bleiben. Wenn Adam Maxwell seine Besteller hinter geschlossenen Türen in seiner Berghütte schreiben wollte, hatte sie nichts dagegen.

Es waren die befremdlichen Dinge, die er von sich gab, wenn er in die Öffentlichkeit trat, die sie ärgerten. In dem Interview, das er gegeben hatte, nachdem sein zweites Buch ein Bestseller geworden war, hatte er sich als chauvinistischer Idiot geoutet. Ein Jahr später wurmte Becky seine Bemerkung, Liebesromane seien „Hausfrauenpornos“, immer noch. Seit sie dieses Zitat im New Yorker gelesen hatte, war Maxwell von ihr und ihren Schriftstellerkolleginnen zum Hassobjekt erklärt worden. Für wen hielt er sich, die Arbeit anderer Autoren zu verurteilen? Er war der Autor von Abenteuerromanen und nicht Hemingway. Pat ließ die Fritte fallen und sah auf. „Ich mag das, was du schreibst, Becky, das weißt du. Aber bei derartig enttäuschenden Verkaufszahlen kann ich dich nicht nach oben bringen. Dich mit Adam Maxwell zusammenzutun, könnte dich im Geschäft halten und dich möglicherweise sogar in die Bestsellerliga hieven. Was sagst du?“

Eine hübsche blonde Kellnerin erschien an ihrem Tisch und ersparte Becky damit eine Antwort. „Möchten Sie Kaffee oder Dessert?“

Becky wollte fragen, welche dekadenten Desserts es gab – schließlich galt Schokolade in manchen Kulturen als Medizin –, doch Pat kam ihr zuvor und reichte der Kellnerin ihre Kreditkarte. „Und beeilen Sie sich bitte.“

„Wie Sie wünschen.“ Die junge Frau verdrehte die Augen und eilte davon, wie nur eine Frau auf bequemen flachen Schuhen es vermochte.

Pat schaute auf ihre Armbanduhr von Dolce & Gabbana und wandte sich wieder an Becky. „Tut mir leid, Schätzchen, aber ich muss los. Ich habe auf der anderen Seite der Stadt noch ein Treffen mit einem Autor, und es wird mörderisch werden, um diese Tageszeit ein Taxi zu bekommen.“

Becky kämpfte gegen das Gefühl an, gerade ihre Henkersmahlzeit zu sich genommen zu haben. „Ist schon in Ordnung. Ich muss sowieso noch eine Weile in Ruhe nachdenken.“

Die Kellnerin kam in Rekordzeit zurück. Pat unterschrieb den Beleg und verstaute die Rechnung in ihrer Handtasche. „Das Büro ist morgen wegen des Feiertags geschlossen, aber ruf mich auf dem Handy an, bevor du zurück nach Washington fährst.“ Sie zog ihren grell pinkfarbenen Trenchcoat an und rutschte aus der Tischnische. „Denk dran, der Buchmarkt ist ein Dschungel voller hungriger junger Autoren, die nur darauf warten, sich deinen Platz zu schnappen und die nächste Rebecca St. Claire zu werden.“

Becky stützte die Ellbogen auf den Tisch und schaute ihrer Lektorin auf deren Weg zur Tür hinterher. Die warnenden Worte klangen ihr noch in den Ohren. Sie war eine gute Schriftstellerin, verdammt, doch in einer unbeständigen Branche wie dem Verlagswesen war niemand so gut, dass man ihn nicht ersetzen könnte.

„Mich mit einer Autorin von Liebesromanen zusammenzubringen ist deine Vorstellung von einem Karrieresprung? Das soll wohl ein Witz sein.“ Adam Maxwell – Max – starrte seine Lektorin an, die ihm in der Bar des Hotels Chelsea gegenübersaß.

„Es ist kein Witz“, sagte sie und griff nach ihrem Drink, einem Spezialcocktail namens „Pink Bitch“, was so viel bedeutete wie „Miststück in Pink“ und unter diesen Umständen äußerst treffend war, wie Max fand. „Mein Instinkt sagt mir, dass es genau die richtige Marketingstrategie ist, deinen Drake Dundee mit Rebecca St. Claires Angelina Talbot zusammenzubringen. Das könnte für euch der nächste Karriereschritt sein.“

Max schaute auf das Glas in seiner Hand und fragte sich, ob der eine Schluck Scotch möglicherweise sein Gehör beeinträchtigt hatte. „Manchmal führt der nächste Schritt abwärts.“

Pat nahm eine Olive von der Platte mit Appetizern und schob sie sich in den Mund. „Ich will, dass du dieses Buch mit Rebecca St. Claire machst. Betrachte es als kreatives Experiment. Ein Buch, mehr verlange ich nicht.“

Max schüttelte den Kopf. „Es ist mir egal, ob es ein Buch ist oder hundertundeins. Die Antwort lautet Nein. Es gibt einen Grund, weshalb ich nie einen Partner beim Schreiben hatte – ich wollte keinen. Ich arbeite allein, Punkt.“

Das stimmte nicht ganz. Als Elaina noch lebte und gesund war, hatten sie manchmal nachts bei einer Flasche Wein oder einer frischen Kanne Kaffee zusammengesessen und sich Ideen ausgedacht. Dann spielten sie das Was-wäre-wenn-Spiel, wie sie es nannten. Das war stets entspannend gewesen und ihm nicht wie Arbeit vorgekommen.

Sie war am Neujahrstag vor einem Jahr an Krebs gestorben, und er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, Abendessen nur für einen zu kochen oder allein zu schlafen oder in ein leeres Haus zurückzukommen. Wenn das Schreiben nicht gewesen wäre, hätte er die letzten zwölf Monate vielleicht nicht durchgestanden. Sich ein buntes Universum mit verschiedenen Figuren auszudenken hatte ihm die Stille erträglicher gemacht. Nachdem er sich dazu gezwungen hatte, die Arbeit wieder aufzunehmen, beendete er rasch das Buch, das er zwischenzeitlich beiseitegelegt hatte und ließ kurz darauf zwei weitere folgen. Sein Held, der australische Abenteurer Drake Dundee, war viel zu sehr damit beschäftigt, neue Pfade zu erkunden und Schätze zu finden, um innezuhalten und mehr als das Kribbeln des Entdeckers zu verspüren. Liebe mit ins Spiel zu bringen – und im wirklichen Leben eine Autorin von Liebesromanen –, verhieß nichts Gutes für Max’ bewährtes Strickmuster, ganz zu schweigen von seinen Nerven.

Pat lehnte sich zurück und hob eine nachgezogene Braue auf eine Weise an, die ihn stark an Cruella aus dem Film „101 Dalmatiner“ erinnerte.

„Sechzig Prozent Verkauf der Erstauflage gilt als respektabel für das erste Buch. Für einen etablierten Autor ist das jedoch ziemlich enttäuschend. Entweder lassen wir uns etwas einfallen, um deine Verkaufszahlen zu erhöhen, oder du kannst erleben, wie die Auflage des nächsten Buches drastisch verkleinert und der Werbeetat entsprechend gekürzt wird.“

Pat versuchte es also auf die harte Tour. Die Aussicht, die Kontrolle über Drakes Schicksal ebenso zu verlieren wie über sein Leben, das er im Lauf des vergangenen Jahres mühsam wieder aufgebaut hatte, machte ihn zornig.

„Ich habe zu hart dafür gearbeitet, mir einen Namen zu machen. Ich werde ihn jetzt nicht einfach ruinieren, nur weil die Verkaufszahlen für ein Buch hinter den Erwartungen zurückbleiben.“

Drake hatte seine Abenteuer begonnen, als er mit einer großen reizenden griechisch-amerikanischen Kryptologin namens Isabel verheiratet war. Diese Figur hatte Elaina zum Vorbild. Nach ihrem Tod hatte Max auch Isabel sterben lassen. Ein mit Kurare vergifteter Pfeil traf sie in die linke Brust, die Stelle, wo Elainas erste Krebsgeschwulst entdeckt worden war. Drake eine neue Partnerin an die Seite zu stellen wäre Verrat an seiner Frau. Es kam einfach nicht infrage.

Pat nahm ein Stück Pitabrot und tunkte es in einen Dip. Sie biss ab und meinte: „Die Angelina-Talbot-Bücher sind keinem Genre genau zuzuordnen. Sie sind eine Mischung aus erotischer Literatur und Krimi. Elemente des Liebesromans und des Krimis in ein Action-Abenteuer einzubauen wird die Verkaufszahlen beider Serien erhöhen. Wer weiß, was für ein kommerzielles Potenzial die Idee hat. Und ich rede hier nicht nur von Büchern. Es kommt schließlich nicht selten vor, dass ein Filmdrehbuch auf einem Beststeller basiert.“

Anscheinend war Pat von ihrem Chef unter Druck gesetzt worden, Max für die Idee zu gewinnen. „Mir hat es bisher immer gereicht, Schriftsteller zu sein und jedes Buch so gut wie möglich zu schreiben.“

Pat nahm ein Taschenbuch aus ihrer Handtasche und gab es ihm. „Bevor du dich endgültig entscheidest, solltest du Rebecca lesen. Dies ist ihr neuestes Buch. Es hat begeisterte Kritiken bekommen, sogar in Publisher’s Weekly und in der Chicago Tribune.“

Max machte keinen Hehl aus seiner Abneigung. Auf dem reißerisch gestalteten Cover war eine schlanke dunkelhaarige Frau in einem tief ausgeschnittenen schwarzen Kleid zu sehen, deren perfekte Brüste sich neben der rauchenden Pistole als Silhouette abzeichneten. Ein Lichtkegel im Fadenkreuz deutete ein unbekanntes Ziel an. Ziemlich klischeehaft.

„Und wenn die Bücher dieser Frau das Beste wären, seit Gutenberg den Buchdruck erfunden hat, bleibt meine Antwort bestehen.“

Pats Miene verdüsterte sich. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Du hast einen Vertrag für mehrere Bücher mit uns, und falls du dich noch erinnerst, besagt dieser Vertrag, dass wir beim letzten Buch entscheiden können, wie es aussehen soll. Und wir wollen es so.“

Wie die fiktive Figur Drake war Max allergisch gegen Drohungen, egal, ob unverhüllt oder offen. „Ich werde keinen Co-Autor akzeptieren. Wenn sich deshalb beruflich unsere Wege trennen, dann sei’s drum. Euer Verlag ist nicht der einzige in New York, und seit den Anschlägen vom elften September sind Actionabenteuer ein Renner. Wenn es sein muss, werde ich die Gelegenheit wahrnehmen.“

„Wir haben einen Vertrag, ein rechtlich bindendes Dokument. Vielleicht solltest du mit deinem Agenten reden, bevor du irgendwelche Brücken hinter dir abbrichst.“

Max knallte das Taschenbuch auf den Tisch, stand auf und nahm ein paar Scheine aus seiner Brieftasche. So wütend er auch war, er würde einer Frau trotzdem nicht die Rechnung überlassen, selbst wenn diese Frau ein globales Verlagshaus repräsentierte, das dabei war, seinen Ruf und seine Karriere zu ruinieren.

Pat stand ebenfalls auf. „Max, geh nicht in dieser Stimmung. Lass uns darüber reden.“

Er hatte genug geredet. Es wurde höchste Zeit zu handeln. „Ich werde mich mit meinem Agenten unterhalten, wie du vorgeschlagen hast. Und nicht nur mit ihm, sondern auch mit meinem Anwalt.“

Nachdem er Pat in der Bar sitzen gelassen hatte, ging Max in seine Suite im Dachgeschoss, um seinen Wintermantel zu holen. Trotz des langsamen Fahrstuhls schaffte er es in Rekordzeit vom Hotel zu Harry Goldblatts Büro in Manhattan. Der Spaziergang im kalten Wind dämpfte seinen Zorn nicht. Harry vertrat ihn seit seinem ersten Roman. Wenn Max sich auf jemanden verlassen konnte, dann auf seinen Agenten.

Die erste Ahnung, dass etwas nicht stimmte, kam ihm, als die Rezeptionistin mit den violetten Haaren nicht überrascht schien, ihn zu sehen. Wie eine schlechte Schauspielerin, die ihren Text nur unzureichend gelernt hat, schaute sie von ihrer Zeitschrift auf und bot ihm an, Platz zu nehmen, bis Mr. Goldblatt sein angeblich wichtiges Telefonat beendet hatte. In den fünfzehn Minuten Wartezeit erhärtete sich sein Verdacht. Hier lief ein abgekartetes Spiel. Während er zähneknirschend eine Dose Mineralwasser trank, lieferte sein Agent ihn aus.

Er knallte die Dose auf den Glastisch, marschierte am Empfangstresen vorbei und stürmte ohne anzuklopfen in das Büro. „Verdammt, Harry, ich weiß nicht, was du vorhast, aber ich muss mit dir reden, und zwar sofort!“

Die Rezeptionistin lief ihm hinterher, wobei sie ihren Lederminirock über ihren üppigen Schenkeln glättete. „Es tut mir leid, Mr. Goldblatt. Ich habe ihm gesagt, dass Sie telefonieren, aber …“

Harry, ein Mann in den Sechzigern mit hängenden Schultern, hielt an seinem Schreibtisch sitzend die Sprechmuschel zu und bedeutete ihr, sich zurückzuziehen. „Ist schon gut, Janice.“ Er warf Max einen Blick zu und widmete sich wieder dem Telefonat. „Ja, Patricia, er ist hier. Ich rufe dich zurück. Ciao, Baby.“ Er legte auf und sagte lächelnd: „Hallo, Max, was für eine Überraschung.“

Max bemerkte das Buch dieser St. Claire auf dem Schreibtisch seines Agenten. „Von wegen Überraschung. Ich weiß nicht, was du und Pat ausgeheckt habt, aber ich habe zu viele Jahre damit verbracht, mir einen Ruf zu erkämpfen, um mir von einer Schundschreiberin alles kaputt machen zu lassen.“

Harry strich sich durch das spärliche silbergraue Haar. Seit er Jack Nicholson bei der Oscar-Verleihung kahlköpfig gesehen hatte, überlegte er, sich den Schädel zu rasieren. „Du wirkst gereizt, Max. Nimm Platz und lass uns vernünftig miteinander reden.“ Er deutete auf die Ledersessel vor dem Schreibtisch.

„Da gibt es nichts zu reden. Es wird nicht passieren, verstanden?“

„Laut und deutlich. Allerdings frage ich mich, ob das Zuhören nicht ein bisschen einseitig ist. Alles, worum Patricia dich bittet, ist, dass du dieser Co-Autorin eine Chance gibst. Ein Buch mit Rebecca St. Claire – ist das wirklich zu viel verlangt?“

„Und ob! Meine Leserschaft besteht hauptsächlich aus Männern, und die sind sehr visuell. Wenn wir scharfe Sachen wollen, leihen wir uns einen Film oder kaufen ein Magazin, aber niemals einen Roman. Außerdem ist Drake kein hübsches Model mit rasierter Brust und künstlicher Bräune. Er ist ein echter Kerl.“

„Du solltest dich der Realität stellen“, konterte Harry. „Die Verkaufszahlen deines letzten Buches sehen nämlich nicht rosig aus.“

Max zuckte mit den Schultern, obwohl er alles andere als gelassen war. Vor einigen Jahren hatte er die Lokalzeitung, die im Besitz seiner Familie war, für ein kleines Vermögen verkauft. Die Romanschriftstellerei war schon immer sein Traum gewesen. Das Einkommen, das er mit seinen Büchern erzielte, war nur ein Bonus zu der Freude, die es ihm bereitete, seinen Lesern überall auf der Welt seine Geschichten zu erzählen.

„Alle Verkaufszahlen sind schlecht. Es ist ein hart umkämpfter Markt. Wenn man nicht Michael Crichton heißt oder Dean Koontz, muss man unbedingt einen Knüller landen.“

Harry musterte ihn mitfühlend, doch registrierte Max auch eine gewisse Zufriedenheit.

„Es ist ein schrumpfender Markt, kein Zweifel, und er schrumpft immer schneller. Die Leute lesen immer weniger. Wenn du mein Alter erreicht hast, wirst du nur noch Klappentexte schreiben und sie im Internet veröffentlichen, weil die Aufmerksamkeitsspanne so kurz geworden sein wird.“

Max schob die Hände in die Manteltaschen, um seinem Agenten nicht an die Gurgel zu gehen. „Komm zur Sache.“

„Gern. Was ich damit sagen will – auf dem Büchermarkt herrscht ein Überlebenskampf. Nur die besten Autoren schaffen es. Gut zu sein heißt heute vor allem hartnäckig zu sein und flexibel. Betrachte diese Zusammenarbeit als die Gelegenheit, deine Leserschaft zu vergrößern. Frauen stellen den größten Anteil der Konsumenten in diesem Land. Ob es um Bücher geht oder um Autoreifen, sie treffen die Kaufentscheidungen, nicht die Männer.“

„Ich bin nicht Schriftsteller geworden, um Schrott zu produzieren, den ich selbst nicht lesen würde“, konterte Max.

„Natürlich, du legst Wert auf Qualität. Aber diese Rebecca St. Claire soll gut sein.“ Zu Max’ Verdruss hielt Harry das Buch hoch und zeigte auf ein Zitat auf dem Cover. „Ihr letztes Buch wurde von Publisher’s Weekly hervorragend besprochen. Pat hat mir erzählt, dass sie schon eine Fortsetzung hat. Und du solltest Drake zur Abwechslung auch mal ein Liebesabenteuer gönnen. Der arme Kerl lebt seit zwei Büchern wie ein Mönch.“

Diese Bemerkung traf Max. Sein Romanheld war nicht der Einzige, der wie ein Mönch lebte. Im Lauf des vergangenen Jahres hatten gut meinende Freunde ihm eine Frau nach der anderen vorgestellt, damit er, wie sie sich ausdrückten, endlich wieder anfing zu leben. Das Problem war nur, dass er kein Interesse an Dates hatte. Seine zehnjährige Ehe war nicht vollkommen gewesen – das war keine Ehe –, aber sie war dem nahegekommen. Es war vielleicht nicht sehr männlich, das zuzugeben, aber er war gerne verheiratet gewesen. Es würde für jede Frau sehr schwer werden, Elaina das Wasser zu reichen. Mit neununddreißig hatte er sich mehr oder weniger damit abgefunden, die zweite Lebenshälfte allein zu verbringen. Er war zwar kein überzeugter Junggeselle, aber dafür auf dem besten Weg, ein echter Griesgram zu werden.

Harry schnalzte mit der Zunge. „Dein Privatleben hat Auswirkungen auf deinen Schreibstil, und zwar keine guten. Drakes Frau zu Beginn des zweiten Buches sterben zu lassen war marktstrategisch gesehen keine gute Idee.“

Dass er Isabel aus der Geschichte verschwinden ließ, hatte keine marktstrategischen Gründe gehabt. Es war ums Überleben gegangen – um seines. Als Elaina ihren Kampf gegen den Krebs verlor, existierte das zweite Buch zu der Reihe „Drakes Abenteuer“ erst in einer Rohfassung. Max hatte einen Monat gebraucht, ehe er wieder einen Blick darauf werfen konnte. Und als er es tat, wusste er, dass er die fiktive Figur, für die seine Frau das Vorbild gewesen war, nicht in weiteren Geschichten auftauchen lassen konnte. Wie im richtigen Leben konnte er sich auch nicht vorstellen, dass jemals eine andere Frau in ihre Fußstapfen treten würde.

Harrys Stimme holte ihn zurück in die Gegenwart. „Ich spreche es nur ungern an, weil ich weiß, dass es ein heikles Thema ist, aber eine Klausel in deinem Vertrag besagt, dass der Verleger den Inhalt des letzten Buches bestimmen darf. Sie können von dir sogar einen Comic oder einen Schundroman verlangen. Es hätte also schlimmer kommen können.“

Das bezweifelte Max.

Seinen Vorteil witternd, setzte Harry nach. „Wenn es nicht funktioniert, werde ich einen Weg finden, dich aus dem Vertrag herauszubekommen. Das verspreche ich dir.“

Max kochte innerlich. „Dann finde sofort einen Weg.“

„Das ist nicht so einfach.“

„Wenn es einfach wäre, würde ich dir nicht fünfzehn Prozent meiner Einkünfte abtreten. Es muss eine Möglichkeit geben, und ich erwarte, dass du sie findest.“

Harry legte sich die Hand aufs Herz. „Deine Worte kränken mich nach all den Jahren der Zusammenarbeit. Als ich dich entdeckte, konntest du froh sein …“

Max hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er war nicht in der Stimmung, sich schon wieder anzuhören, wie Harry sein unaufgefordert eingesandtes Manuskript aus dem Stapel der Ablehnungen zog und großzügig die unsicheren Satzkonstruktionen und die schlecht ausgebesserten Tippfehler übersah, um sich auf das Potenzial der Story zu konzentrieren. Selbstverständlich war Max seinem Agenten dankbar dafür, dass er ihm geholfen hatte, sich einen Namen zu machen. Doch auch Loyalität hatte ihre Grenzen. Wenn ein Buch, das er zusammen mit dieser Rebecca St. Claire verfasste, ein Flop wäre, würde Harry nicht zögern, ihn fallen zu lassen.

„Na schön, du hast gewonnen. Ich werde mit deinem Literaturanwalt sprechen, damit er sich den Vertrag ansieht. Aber ich mache dir keine Hoffnung. Bis dahin tu mir den Gefallen und erwecke wenigstens den Anschein, als würdest du einlenken. Pat hat mir erzählt, dass Rebecca St. Claire heute in der Stadt übernachtet. Warum lädst du sie nicht auf ein paar Drinks ein oder, noch besser, zum Essen? Schließlich ist heute Silvester, und irgendetwas sagt mir, dass du keine großen Pläne hast.“

Max’ Plan für diesen Abend sah vor, im Hotel zu essen und früh ins Bett zu gehen. Falls er doch wach blieb, dann würde er sich den Countdown am Times Square im Fernsehen ansehen. Trotzdem sagte er: „Auf keinen Fall.“

Harry ging gar nicht darauf ein und hielt ihm das Taschenbuch hin. „Hier, nimm wenigstens ihr Buch mit. Lies ein paar Kapitel, damit du ihr erzählen kannst, wie sehr du ihre Arbeit bewunderst. Denk dran, man fängt mehr Fliegen mit Honig als mit Essig.“

Obwohl Max ihr nie begegnet war, empfand er diese Rebecca St. Claire bereits als Fliege in der Suppe. Er nahm das Buch und sagte: „Du und deine guten Ratschläge. Zu dumm, dass keiner von ihnen kostenlos ist.“ Er steckte das Buch in die Manteltasche und nahm sich vor, es zusammen mit einem Trinkgeld dem Zimmermädchen dazulassen, wenn er abreiste.

Harry nahm seine Brille ab und rieb sich die Stirn. „Du bezahlst mich jedenfalls nicht, damit ich dir etwas vormache. Du wirst klein beigeben müssen. Diesmal hast du keine Wahl.“

„Meinst du, ja? Na, das werden wir sehen, Harry.“

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Becky stand auf Strümpfen in der Schuhabteilung von Saks und versuchte nicht darauf zu achten, dass der Verkäufer ungeduldig mit der Schuhspitze auf den Boden klopfte. Er wollte zweifellos endlich nach Hause, um Silvester zu feiern, aber sie hatte nun einmal eine wichtige Entscheidung zu treffen. Da durfte sie sich auf keinen Fall ablenken lassen.

Sollte sie die todschicken schwarzen Lederpumps von Manolo Blahnik nehmen, mit der hübschen kleinen Schleife auf dem Oberleder, oder die ultraeleganten roten Slingpumps aus Seide von Jimmy Choo, die mit einer Kristallbrosche verziert waren? Die Jimmys kosteten fast zweimal so viel wie die Manolos, aber es handelte sich auch um Schuhe für besondere Anlässe, was bedeutete, dass sie länger halten würden. Andererseits waren die Pumps viel praktischer. Da sie schwarz waren, konnte man sie tagsüber und abends tragen, man bekäme also zwei Paar Schuhe für den Preis von einem. Ein Schnäppchen, das eine schlaue Einkäuferin wie Becky sich nicht entgehen lassen konnte.

Sie nahm ihre Kreditkarte aus der Brieftasche und sagte Worte, die sie zweifellos bedauern würde: „Ich nehme beide.“

Was soll’s, dachte sie, dann habe ich eben die schicksten Schuhe im Obdachlosenheim.

Auf ihrem Weg aus dem Geschäft kaufte sie in der Abteilung für Accessoires noch ein perlenbesetztes Täschchen von Roberto Cavalli und einen roten Lippenstift am Clinique-Tresen, beides passend zu den Schuhen. Mit Einkaufstüten bepackt trat sie hinaus auf die Straße. Sie ging am Rockefeller Center vorbei Richtung Avenue of the Americas, weil sie hoffte, wegen der vielen Hotels dort eher ein Taxi zu bekommen.

Mehrere sausten vorbei, entweder schon besetzt oder mit ausgeschaltetem Taxischild. Als sie das New York Hilton erreichte, taten ihr die Füße in ihren spitzen Stiefeln weh. Der Wind hatte aufgefrischt und wehte ihr die Haare ins Gesicht, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatten. Sie entdeckte ein Taxi, das langsamer zu werden schien, und winkte, damit der Fahrer sie sah, bevor er den Hoteleingang erreichte.

Sie hatte Glück, der Wagen blieb stehen, und Touristen stiegen hinten aus. Mit erhobenen Armen rannte Becky los, damit ihr niemand das Taxi wegschnappen konnte.

„Taxi! Taxi! He, warten Sie … oh!“

Ehe sie sich versah, stürzte sie mitsamt ihren Tüten auf den Gehsteig. Benommen stützte sie sich auf die schmerzenden Ellbogen. Um sie herum herrschte ein Durcheinander an vorbeieilenden Füßen. Alles war dabei, von den teuersten Designerschuhen, wie die in ihrer Einkaufstüte, bis zu Socken in Ledersandalen, die so ausgelatscht aussahen, als stammten sie aus den Siebzigern. Wow, eine Menge Leute waren an den Füßen nachlässig gekleidet.

„Sie sind direkt in mich hineingerannt. Ist alles in Ordnung?“ Die tiefe Stimme mit dem New-England-Akzent gehörte offenbar zu dem Paar Lederslipper direkt vor ihrer Nase. Die klassischen Schuhe mussten dringend geputzt werden.

„Ja, vermutlich. Verdammt!“ Sie sah ein Paar dreckige Nikes in forschem Tempo näher kommen, schnappte sich ihre noch eingepackte Cavalli-Handtasche und warf sie zurück in die Einkaufstüte.

Mr. Lederslipper kniete sich neben sie.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“

Sie schaute auf und hielt den Atem an. Ihr guter Samariter war blond und blauäugig, Mitte bis Ende dreißig und äußerst attraktiv. Er hatte breite Schultern, und Becky war sich ziemlich sicher, dass sein khakifarbener Trenchcoat von Burberry war, nicht von London Fog.

„Es geht schon. Ich glaube, ich habe …“

Ein Windstoß fegte über sie hinweg, und Becky spürte die kalte Luft zwischen ihren Beinen. Ihr karamellfarbenes Strickkleid war ihr bis zur Taille hochgerutscht, sodass ihre pfirsichfarbene Unterwäsche von Victoria’s Secret für alle Welt sichtbar war. Du lieber Himmel! Sie presste die Beine zusammen, zerrte ihr Kleid herunter und klammerte sich an seinen Arm wie an eine Rettungsleine.

2. KAPITEL

Max zog die Frau hoch und registrierte erstaunt, wie klein sie war und wie leicht. Selbst in ihren hochhackigen Stiefeln reichte sie ihm gerade bis zur Brust.

Sie klopfte sich ab und schaute zu Boden. „Sie haben Ihr Buch fallen lassen.“ Ehe er sie aufhalten konnte, hob sie schon das Taschenbuch von Rebecca St. Claire auf und gab es ihm. „Sie lesen Liebesromane?“

Max spürte, wie er errötete. „Eigentlich nicht. Noch nicht, jedenfalls. Ein Freund gab es mir und meinte, es lohne sich, einen Blick hineinzuwerfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich tun werde.“

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht, und als sie ihn ansah, vergaß Max das Buch. Plötzlich fühlte er sich, als sei er gerade hingefallen. Er betrachtete ihre großen braunen Augen, die makellose helle Haut, die zarten Gesichtszüge und ihre sinnlichen Lippen. Die Vorstellung von ihrem braun gelockten Kopf zwischen seinen Schenkeln und diesen wundervollen Lippen, die sich um sein Glied schlossen, stieg vor ihm auf. Erregung durchflutete ihn.

„Sie sollten es ruhig versuchen. Vielleicht gefällt es Ihnen sogar.“

Er steckte das Buch wieder ein. „Ja, vielleicht lese ich es tatsächlich.“ Er nahm ihre Tüten und führte die Frau vom belebten Bürgersteig zu einer Bank vor einem verschneiten Abschnitt des Stadtparks. Er stellte die Tüten auf die Bank und sagte: „Sie sind hart gestürzt. Sind Sie wirklich nicht verletzt?“

„Nur mein Stolz.“ Sie klopfte sich den Mantel ab. „Und ich dachte, dieser Tag könnte nicht schlimmer werden.“ Sie überprüfte ihre Einkaufstüten.

„Ich hatte auch nicht gerade den besten Tag“, gestand er ihr aus irgendeinem Grund.

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Darf ich Sie fragen, welches Sternzeichen Sie sind?“

„Stier“, antwortete er perplex.

„Aha, das ergibt Sinn.“ Sie musterte ihn. „Was stand in Ihrem Horoskop?“

„In meinem Horoskop? Ich … Ich weiß nicht. Das lese ich nie.“ Er hielt Astrologie für New-Age-Blödsinn, aber da er an diesem Tag schon genug Leute verärgert hatte, verkniff er sich jede Bemerkung.

„Ich lese meines täglich online. Ein heimliches Vergnügen, sozusagen. Warum auch nicht? Ich bin übrigens Waage – Sie wissen schon, die Waagschalen, Symbol für die ewige Suche nach Gleichgewicht und Gerechtigkeit und … na ja, Partnerschaft.“ Beim letzten Wort schien sie zu zögern. „Der Januar soll angeblich voller Neuanfänge und Chancen sein, was Liebe und Beruf angeht. Die Fortbewegung ist anscheinend ein weiteres Gebiet, auf dem es nicht gut läuft für mich.“ Sie sah über die Schulter. „Das Taxi habe ich wohl verpasst, was?“

„Sieht ganz danach aus“, bestätigte er. „Tja, dann werde ich mich mal wieder auf den Weg machen.“

„Oh nein! Nein!“ Erschrocken griff sie in die offene Einkaufstüte und holte einen in Einwickelpapier eingeschlagenen roten hochhackigen Schuh aus Seide heraus.

„Was ist denn los?“

„Mir fehlt ein Schuh. Der andere muss herausgefallen sein, als ich gestürzt bin.“ Sie wickelte den Schuh aus dem Papier und hielt ihn Max hin. Das perlenbesetzte Medaillon obendrauf funkelte im schwächer werdenden Licht dieses Wintertages. „Was soll ich jetzt bloß machen? So kann ich sie schlecht zurückbringen, und mit einem Schuh kann ich nicht herumlaufen.“

„Bei Aschenbrödel hat es funktioniert.“ Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal einen Scherz gemacht hatte. Auch wenn dieser Versuch recht lahm war, tat es gut.

„Sehr witzig. Wenn Sie wüssten, wie viel die mich gekostet haben, würden Sie nicht mehr lachen.“

Er setzte ein ernstes Gesicht auf. „Designerschuhe?“

„Ja, ich war im Kaufrausch.“

„In dem Fall – halt die Kutschenpferde an, Cinderella. Ich bin gleich wieder da.“

Er machte sich dort auf die Suche, wo sie gestürzt war. Auch wenn die Chancen schlecht standen, wollte er es versuchen. Nachdem er unter einen Brezelwagen gespäht und zwischen Turnschuhen und Pudelpfoten gesucht hatte, wollte er schon aufgeben, als er etwas Weißes im Rinnstein flattern sah. Zuerst dachte er, es handele sich um eine der allgegenwärtigen Tauben, aber bei genauerem Hinsehen entpuppte es sich als Einwickelpapier, aus dem ein eleganter roter Absatz herausschaute.

Er hob den Schuh schnell auf, Sekunden bevor die Reifen eines herannahenden Taxis gefrorenen Matsch aufspritzen ließen. Max wischte sich den Dreck vom Mantel und brachte der Frau den Schuh stolz wie sein Hund Scout, wenn er einem Gast seinen Kauknochen in den Schoß fallen ließ. „Wenn der Schuh passt …“

„Danke!“, rief sie begeistert und nahm den Schuh von ihm entgegen. „Er ist sogar noch heil. Der Verkäufer hat ihn wirklich gut eingepackt und das Papier mit dem Saks-Sticker zugeklebt. Ich liebe Saks, und ich liebe diese Schuhe.“ Sie drückte sie ans Herz und sah ihn mit glänzenden Augen an.

„Laufen Sie wirklich auf diesen Dingern?“, fragte er.

„Klar, das bin ich gewohnt.“ Liebevoll legte sie den Schuh zurück zu seinem Zwilling, schloss den Deckel des Kartons und nahm ihre Tüten. „Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Max wurde klar, dass er noch nicht bereit war, sie gehen zu lassen. Er wollte nicht, dass sie schon wieder aus seinem Leben verschwand. Er versuchte Zeit zu gewinnen, bis ihm etwas einfiele, wie er sich nach ihrem Namen erkundigen konnte, ohne wie ein Stalker zu erscheinen. „Rote Schuhe erinnern mich immer an dieses Märchen der Brüder Grimm.“

„Was?“

„Diese Kindergeschichte von dem Streichholzmädchen, das sich unbedingt diese schicken roten Schuhe wünscht. Als sie sie endlich anzieht, hören sie nicht mehr auf, mit ihr zu tanzen, bis sie schließlich einen Holzfäller bittet, ihr die Füße abzuhacken, damit sie wieder frei ist.“

„Und ich dachte, ich hätte einen Schuhtick. Allerdings ist die Geschichte meines Wissens von Hans Christian Andersen.“

Fasziniert von ihrem wundervollen Lächeln brauchte er einen Moment, bis er begriff. „Wie bitte?“

„Hans Christian Andersen schrieb ‚Die roten Schuhe‘, nicht die Brüder Grimm.“

Max dachte nach. Sie hatte recht. „Stimmt.“ Sie war nicht nur sexy, sondern offenbar auch klug und kultiviert, und sie faszinierte ihn mit jeder Minute mehr.

„Mit Schuhen kenne ich mich aus“, meinte sie augenzwinkernd. „Danke für Ihre Hilfe und verzeihen Sie mir, dass ich in Sie hineingelaufen bin.“

Cinderella ging an ihm vorbei und die Straße entlang. Max schaute ihr hinterher und fragte sich, was sein Romanheld Drake wohl jetzt getan hätte. Die Antwort war klar – er hätte gehandelt.

„He, warten Sie!“, rief er und bahnte sich einen Weg zwischen den zahlreichen Fußgängern hindurch, wobei er mehreren Kinderwagen, einem Obdachlosen mit Einkaufswagen und einem Trio japanischer Touristen, die für ein Foto stehen geblieben waren, ausweichen musste.

Er holte die Frau vor dem nächsten Zebrastreifen ein. Sie drehte sich verwirrt um. „Habe ich noch mehr Schuhe verloren?“

Max kam sich unbeholfen wie ein Schüler vor, der zum ersten Mal ein Mädchen um ein Date bittet. „Nein, ich dachte nur, wir könnten uns vielleicht ein Taxi teilen. Oder noch besser, ich lade Sie zum Kaffee ein. Wir könnten irgendwo einkehren, wo es warm ist und …“ Er beendete den ungeschickten Satz nicht.

„Ich kann nicht“, erklärte sie nach kurzem Zögern, und ihr Bedauern klang aufrichtig. „Ich muss wieder nach Hause. Es war nett, Sie kennenzulernen.“ Nach kurzem Zögern setzte sie hinzu: „Ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr.“

Max kam sich wie ein Tölpel vor und sah ihr hinterher, wie sie mit einem sexy Hüftschwung davonging. Natürlich wollte sie nach Hause, es war Silvester, der größte Feiertag nach dem Valentinstag. Frauen, die so aussehen und sich so bewegen, blieben Silvester nicht lange allein.

„He, passen Sie auf, wohin Sie gehen!“

Max blickte in das wütende Gesicht eines Falafel-Verkäufers, gegen dessen Verkaufswagen er gestoßen war. „Verzeihung.“

Halbwegs benommen ging er zurück in sein Hotel. Als er die von Neonlicht beleuchtete Markise des Chelsea Hotels erreichte, war es draußen dunkel. Er wusste nicht, wie er hergekommen war oder woran er unterwegs vorbeigekommen war. Es war ihm egal. Obwohl er einen Korb bekommen hatte, war er nicht nur in einer „New York State of Mind“ – einer New York-Stimmung, sondern auch ausgesprochen guter Laune.

Er summte den Billy-Joel-Song vor sich hin und betrat den Fahrstuhl in der Lobby. Die Türen schlossen sich, und ein Duft nach Rosmarin stieg ihm in die Nase. Zuerst glaubte er, es sei der Duftspender, doch dann erkannte er, dass es von seiner Kleidung kam. Es war ihr Duft, so frisch und wundervoll, dass er ihn sich gar nicht als Parfüm vorstellen konnte. Dieser kurze magische Moment auf der Sixth Avenue hatte ihm die Aussicht auf das neue Jahr versüßt. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich wieder lebendig.

Die Fahrstuhltüren schlossen sich, und Max konnte sein lächelndes Gesicht im blanken Metall der Kabinenwände sehen.

Becky erwischte ein Taxi, nicht weit von der Stelle entfernt, an der sie den hilfsbereiten, gut aussehenden Fremden verlassen hatte. Vielleicht war es nur Wunschdenken, doch hätte sie schwören können, dass er ihr noch eine ganze Weile hinterhersah.

Sie stieg in das Taxi und sagte: „Zum Hotel Chelsea bitte. Das ist die Nummer 222 West zwischen …“

„Zwischen Seventh und Eighth. Ja, ich weiß.“ Der Taxifahrer fädelte sich in den Verkehr ein, wobei er einen anderen Wagen schnitt und dem Fahrer den Finger zeigte.

Becky lehnte sich mit ihren Tüten zurück und fragte sich, warum um alles in der Welt sie dem attraktivsten Mann, dem sie seit Ewigkeiten begegnet war, einen Korb gegeben hatte. Er hatte absolut nichts Unheimliches an sich gehabt, weder eine üble Ausstrahlung noch irgendeine Art von Gesichtszucken oder dergleichen. Im Gegenteil, er war charmant gewesen. Und er hatte ein sexy Lächeln und die längsten Wimpern, die sie je bei einem Mann gesehen hatte. Er hatte ihr sogar aufgeholfen und sich wie ein Märchenprinz auf die Suche nach ihrem verlorenen Schuh gemacht. Und er hatte sie Cinderella genannt.

Ihr hatte auch seine klassische Kleidung gefallen, besser gesagt, die lässige Art, wie er sie trug, als hätte er rein zufällig lauter Sachen angezogen, die ihm fabelhaft standen. Sogar sein missglückter Versuch, sie mit der Kenntnis von Kinderliteratur zu beeindrucken, war sehr süß gewesen.

Der Fahrer hielt vor dem Hotel. Sie gab ihm einen Zehner und stieg mit ihren Taschen aus. Auf dem Gehsteig stehend blickte sie an dem schlichten Backsteingebäude hoch, dessen Neonschild sie freundlich begrüßte. Früher das Zuhause von Leuten wie Bob Dylan, Janis Joplin und Leonard Cohen, hatte das altmodisch aussehende Hotel reichlich Selbstmorde, Drogen und Krach unter Künstlern gesehen. Doch auch wenn die bunte Vergangenheit nicht gewesen und es kein Unterschlupf für Berühmtheiten gewesen wäre, hätte sie hier wohnen wollen. Im Chelsea, mit seinen kleinen Zimmern und der bequemen abgenutzten Einrichtung, fühlte sie sich immer auf eine Weise willkommen, wie es die großen Hotelketten nicht zu vermitteln vermochten.

Sie ging am Empfang vorbei und durchquerte die galerieartige Lobby, wobei sie nach Prominenten Ausschau hielt. Der halbe Spaß im Chelsea bestand darin, dass man nie wusste, wem man über den Weg laufen würde, sei es nun einer Hollywoodlegende wie Peter O’Toole, nach dem eine Suite benannt war, oder einem jungen Star wie Christina Ricci – oder vielleicht einem attraktiven Fremden mit blauen Augen und einer Schwäche für klassisch elegante Kleidung und Märchen?

Komm wieder auf den Teppich, ermahnte sie sich. Wie oft passierte es schon, dass ihr ein solcher Mann über den Weg lief? Tja, in diesem Fall hatte sie sich eine der von ihrem Horoskop vorhergesagten grandiosen Chancen entgehen lassen.

Bedauernd, dass sie die Szene auf der Straße nicht einfach wie in einem Roman umschreiben konnte, betrat sie den Fahrstuhl und drückte den Knopf für den dritten Stock. Ihr Zimmer war spärlich möbliert und klein, bei zweihundert Dollar pro Nacht für Manhattan aber ein Schnäppchen. Sie hängte ihren Mantel in den winzigen Schrank und warf die Einkaufstüten auf das Bett. Dann setzte sie sich auf die Bettkante, um ihre Stiefel auszuziehen. Dabei stellte sie fest, dass ihr Po wehtat.

Sie legte das rechte Bein über das linke, massierte ihren verkrampften Fuß und untersuchte ihre Blasen. Seit sie ihren Beraterjob gekündigt hatte, waren die Geschäftsessen mit Pat eine der wenigen Gelegenheiten, buchstäblich in die Fußstapfen ihrer glamourösen Romanheldin Angelina zu treten. Aber möglicherweise war dies ihr letztes gemeinsames Mittagessen gewesen, je nachdem, welche Antwort sie ihrer Lektorin geben würde.

Sie wechselte das Bein, rieb ihren linken Fuß und überlegte, was sie mit dem Abend anfangen sollte. Normalerweise genügte ihr nach einem Nachmittag im Chaos von Manhattan ein Essen auf dem Zimmer, um sich anschließend zum Schreiben hinzusetzen. Aber heute war Silvester. Selbst wenn es ein ganz gewöhnlicher Abend gewesen wäre, hätte sie nicht schreiben können, bevor sie sich nicht entschieden hatte, wie es mit ihrer Karriere weitergehen sollte.

Sie stand auf, ging in das kleine Badezimmer, schaltete das Licht ein und begutachtete den Schaden im Spiegel. Sie drehte sich, nachdem sie sich ausgezogen hatte, und fand, dass ihre Figur für fast fünfunddreißig nicht schlecht war, mal abgesehen von den blauen Flecken am Po und der fehlenden tropischen Sonnenbräune. Sicher, es würde ihr besser gefallen, etwas größer zu sein – na schön, ein ganzes Stück größer. Aber dafür hatte irgendein europäischer Modedesigner ja den Stilettoabsatz erfunden.

Seufzend suchte sie auf der Spiegelablage nach der kleinen Reisebürste, die in ihre Cavalli-Handtasche passte. Weil sie keine Lust hatte, herumzukramen, kippte sie kurzerhand ihren Kulturbeutel aus. Zusammen mit ihren zahlreichen Kosmetikartikeln fielen auch drei glänzende goldene Folienpäckchen heraus.

Kondome. Die musste sie schon seit über einem Jahr in der Tasche aufbewahrt haben, eingepackt für die Reise nach L. A., die nie zustande gekommen war. Sie wollte sie in den Müll werfen, doch irgendetwas hielt sie davon ab. Wie lange waren Kondome eigentlich haltbar? Sie nahm eines der Päckchen und las das Haltbarkeitsdatum. Die zähen kleinen Dinger liefen erst in einem Jahr ab – ein Jahr voller Neuanfänge und grandioser Chancen.

Möglicherweise lag es an ihrem durch das Horoskop genährten Optimismus oder an ihrem tief sitzenden Widerwillen gegen jede Art von Verschwendung – sie verstaute die Kondome jedenfalls in ihrer Handtasche, statt sie wegzuschmeißen.

Manhattan war ein magischer Ort. Das hatte sie schon immer gefunden, und nach dieser Begegnung heute war sie davon mehr denn je überzeugt. Wenn man sich in einer Stadt aufhielt, die niemals schlief, konnte man nie wissen, wem man begegnen würde. Von jetzt an würde sie sich nicht mehr hinter ihrem Laptop verstecken und auf keinen Fall sexy Fremde mit blauen Augen – und ohne Ehering, sie hatte darauf geachtet – zurückweisen. Zumindest nicht, bevor sie sie näher kennengelernt hatte. Schließlich war Silvester, ein ganzes neues Jahr lag vor ihr, und falls tatsächlich Neuanfänge und grandiose Chancen auf sie warteten, dann würde sie sie auch finden.

Max’ gute Laune hielt an, bis er seine Suite im Dachgeschoss betrat und das Lämpchen des Anrufbeantworters blinken sah. Es war eine Nachricht von Pat und eine von Harry darauf. Das war keine Überraschung. Beide sagten ungefähr das Gleiche, und die Formulierungen ähnelten sich so sehr, dass er sich fragte, ob seine Lektorin und sein Agent nicht ein wenig zu eng zusammenarbeiteten.

Zehn Minuten später stand er geduscht und mit einem Handtuch um die Hüften vor dem Spiegel. Er fuhr sich mit der Hand über die frischen Bartstoppeln am Kinn und überlegte, ob er mit dem Rasieren noch bis zum Morgen warten sollte. Er betrachtete sein Gesicht selten. Jetzt schaute er genauer hin und suchte nach irgendetwas, was die scheue Cinderella verschreckt haben könnte. Sicher, da waren ein paar Falten auf der Stirn und um die Augen, und einige Bartstoppeln waren grau, aber die Frau hatte nicht ausgesehen, als wäre sie auf der Suche nach einem jungen Lover in den Zwanzigern. Nein, aus der Art, wie sie ihn angesehen hatte, schloss er, dass ihr gefiel, was sie sah.

Er zog Jeans an, ein Hemd und ein Sportsakko und verbrachte die nächste Stunde mit der Beantwortung von E-Mails. Dann hielt er es nicht mehr im Zimmer aus und fuhr gegen acht mit dem Fahrstuhl in die Lounge im Untergeschoss. Wenn er in New York übernachtete, endete es meistens damit, dass er allein in der Hotellounge saß, Appetizer naschte, Scotch trank und inmitten des Lärms um sich herum schrieb. Als er jetzt die fast leere Bar betrat, war er ein wenig enttäuscht. Ein altes Hotel war an Silvester eben nicht der angesagteste Ort. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er das Treffen mit Pat auf diesen Tag gelegt hatte, weil er Elainas ersten Todestag nicht allein zu Hause verbringen wollte. Um die Nacht zu überstehen, brauchte er Menschen, und sei es nur, um sie still zu beobachten. So verrückt es war, aber er wünschte fast, er hätte Harrys Nachricht mit Rebecca St. Claires Telefonnummer auf dem Anrufbeantworter nicht gelöscht, dann hätte er nicht allein essen müssen. Aber solche Gedanken entsprangen purer Verzweiflung. Er wollte nicht mit der Autorin von Liebesromanen das neue Jahr begehen, sondern mit sexy Cinderella.

Der Barkeeper erkannte ihn vom Nachmittag und goss einen großzügigen Schuss Macallan Scotch über einen Eiswürfel, ohne auf Max’ Bestellung zu warten. Max trank einen Schluck und schaute sich um. „Als ich mich heute Vormittag angemeldet habe, erwähnte der Angestellte am Empfang ein Klavier in der Lounge.“

Der Barkeeper deutete mit einer Kopfbewegung in den hinteren Teil der Bar. „Haben wir heute erst bekommen.“

Max hatte lange nicht gespielt und befürchtete, ein wenig eingerostet zu sein. Trotzdem, ein paar Takte von „Stormy Weather“ würden ihm vielleicht guttun. Außerdem gab es kein Publikum, das ihn ausbuhen konnte.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich spiele?“

Der Barkeeper zuckte mit den Schultern. „Nur zu.“

Max stand auf. Nein, er würde nicht „Stormy Weather“ spielen, sondern in Erinnerung an die Begegnung heute „New York State of Mind“.

Elegant gekleidet, aber ohne Ziel, stand Becky mit ihrem schwarzen Kaschmirmantel über dem Arm in der Hotellobby. Die roten Seidenpumps passten hervorragend zu dem schwarzen taillenbetonten Cocktailkleid, das sie „für alle Fälle“ eingepackt hatte. Sie hatte das Kleid gekauft, als sie noch mit Elliot zusammen gewesen war und er davon redete, wohin er sie überall mitnehmen würde, sobald sie mit ihm nach L. A. gezogen war. Jetzt trug sie es zum ersten Mal. Glücklicherweise passte es noch, sogar perfekt. Der seitliche Reißverschluss hatte sich ohne zu stocken hochziehen lassen, und der tiefe V-Ausschnitt vermittelte ihr die Illusion, üppige Brüste zu haben. Das lockige Haar trug sie offen.

Zu schade, dass ihr gut aussehender Märchenprinz sie nicht sehen konnte. Womöglich würde er den unbeholfenen Trampel, der mit ihm zusammengestoßen war, nicht wiedererkennen. Aber selbst bei ihrer Begegnung hatte er über ihre zerzauste Frisur und die zerrissene Strumpfhose hinweggesehen und sie auf einen Kaffee eingeladen. Sie ärgerte sich immer noch darüber, dass sie ihn abgewiesen hatte, und ging zum Empfang, um sich die Prospekte für die Touristen anzusehen. Vielleicht fand sie einen Tipp, wo sie diesen Abend verbringen könnte.

„Möchten Sie für das Abendessen reservieren?“

Sie schaute von einer Werbebroschüre für Madame Tussaud’s auf. „Wie bitte?“

Der Portier im dunklen Anzug sah sie erwartungsvoll an, den Telefonhörer in der Hand. „Wie viele Personen?“

Becky erstarrte. Sie wollte „nur für eine Person“ sagen, bekam die Worte jedoch nicht heraus. Irgendwie passte es nicht zu den erhofften Neuanfängen und grandiosen Chancen, Silvester allein zu essen, mutlos und mit einer Handtasche voller Kondome.

„Ich … Ich warte auf jemanden. Sie … Ich meine, er müsste jeden Moment eintreffen.“ Sie warf einen theatralischen Blick zum Eingang. „Na ja, er scheint mal wieder zu spät zu kommen. Ich werde unten ein Glas Wein trinken, während ich auf ihn warte.“

Der Portier legte den Hörer wieder auf. „Wie sieht er denn aus?“

„Wie er aussieht?“

„Ja, damit ich ihm sagen kann, dass er Sie unten in der Lounge findet.“

„Oh, er ist …“ Sie sah noch sehr deutlich das Bild des aufregenden Fremden vor sich, dem sie heute begegnet war. „Er sieht sehr gut aus. Er ist groß, über eins achtzig, hat kurze blonde Haare und wunderschöne blaue Augen.“

Der Portier grinste. „Ich werde ihn nach unten schicken, wenn er hereinkommt.“

„Großartig. Danke.“

Auf dem Weg in die Lounge fragte sie sich, warum sie eine so große Sache daraus gemacht hatte, dass sie allein war. Schließlich war es keine Krankheit, Single zu sein. Ihre Heldin Angelina hätte überhaupt kein Problem damit, solo auszugehen. Im Gegenteil, die intelligente britische Sexbombe würde es genießen, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, besonders der von Männern. Vielleicht war es an der Zeit, dass von dem Mut ihrer Heldin etwas auf sie abfärbte.

Klaviermusik empfing sie, als sie aus dem Fahrstuhl trat. Sie war schon einige Male in dieser Bar gewesen, doch an Livemusik erinnerte sie sich nicht. Leider gab es kaum Zuhörer. Bis auf wenige Tische war die Bar leer.

Becky setzte sich vorsichtig – wegen der Prellungen am Po – auf einen Barhocker und wandte sich an den Barkeeper, der Gläser spülte. „Sie haben einen Pianisten, aber ich sehe kein Klavier.“

Er deutete in den hinteren Teil der Lounge. „Hinter dem Metallschirm.“

„Jedenfalls ist es eine schöne Idee. Livemusik hat etwas.“ Du lieber Himmel, sie plapperte wie eine einsame alte Lady in der U-Bahn. So viel zu ihrem Vorsatz, cool wie ihre Heldin aufzutreten.

Der Barkeeper stellte ein Glas ins Regal und trocknete sich die Hände ab, bevor er sich wieder zu ihr umdrehte. „Es ist ein Hotelgast, der da spielt. Da nicht viel los ist, habe ich es ihm erlaubt.“

„Er spielt sehr gut. Das ist ‚New York State of Mind‘, oder?“

„Ja, ich glaube schon. Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?“

„Ich bin mir noch nicht sicher. Was empfehlen Sie?“

„Ich kann Ihnen jeden Drink zubereiten, den Sie wollen“, erklärte er und schob ihr eine Karte hin. „Aber die hier sind unsere Spezialität.“

„Danke.“ Sie las die Karte und bestellte einen Cocktail namens Flirtini. Auf „New York State of Mind“ folgte „Stormy Weather“, und während Becky an ihrem Drink nippte, überlegte sie, ob sie sich von dem unbekannten Pianisten einen Song wünschen sollte. Erst als er aufhörte zu spielen, merkte sie, wie einsam ihr die Bar ohne die Musik vorkam. Sie fühlte sich sofort wieder allein und wollte gerade ein paar Appetizer beim Barkeeper bestellen, als ihr jemand eine warme Hand auf die Schulter legte.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste, Cinderella?“

3. KAPITEL

Beim Klang der tiefen sexy Stimme mit dem New-England-Akzent fuhr Becky herum – und blickte direkt in ein Paar blaue Augen. Der aufregende Fremde, ihr Märchenprinz, stand vor ihr. Sie konnte es kaum glauben. Ihm in New York gleich zweimal am selben Tag über den Weg zu laufen konnte nicht nur Zufall sein, oder?

Als sie ihre Stimme wiederfand, sagte sie: „Waren Sie das, der gespielt hat?“

„Ja, ich bin ziemlich eingerostet.“

„Ich fand es großartig. Es klang sehr professionell. Ich wollte mir gerade einen Song wünschen.“

„Ich erfülle Ihnen jeden Wunsch“, sagte er mit einem Blick, der ein Kribbeln in ihrem Magen auslöste. „Was schwebte Ihnen denn vor?“

„Ich … Ich weiß es nicht mehr.“

Er deutete auf den Hocker neben ihr. „Darf ich?“

„Oh klar. Gern.“ Sie rutschte ein Stück.

„Danke.“ Er stellte seinen Drink auf die Bar und setzte sich neben sie. „Der Kaffee hier ist nicht so besonders, daher werde ich Sie lieber auf einen Cocktail einladen.“ Er betrachtete ihren zur Hälfte geleerten Martini. „Was trinken Sie da?“

„Es ist ein … Flirtini.“ Was für ein Name für einen Drink. Sie spürte, wie sie errötete und sagte sich, dass die Angelinas dieser Welt niemals rot wurden.

„Flirtini?“ Er lächelte. „Den ziehe ich einem Pink Bitch jederzeit vor.“

Sie stutzte. „Wie bitte?“

„Pink Bitch, auch einer der Hauscocktails.“

„Ach so. Ja, ich glaube, den habe ich auf der Karte gesehen.“

Er winkte den Barkeeper heran und bestellte eine weitere Runde. Dann hielt er Becky die Hand hin. „Ich heiße Max.“

Sie legte ihre Hand in seine, und ein Schauer überlief sie bei der Vorstellung, wo er sie mit seinen kräftigen Fingern überall liebkosen könnte.

„Und Sie heißen … Oder soll ich bei Cinderella bleiben?“

Einen Moment war sie versucht, Angelina zu antworten, aber das würde dann doch zu weit gehen. Falls er wider Erwarten in ihren Roman geschaut hatte, würde er sich möglicherweise über den eigenartigen Zufall wundern.

„Gut, dann werde ich Sie weiterhin Cinderella nennen“, sagte er, da sie immer noch nicht geantwortet hatte.

Becky entdeckte eine einzelne Rose in einer kleinen Vase auf einem der Tische und sagte spontan: „Ich heiße Rose.“ Das war der Name ihrer Mutter, was zwar ein wenig bizarr war, es ihr aber erleichtern würde, den Namen nicht zu vergessen.

Er ließ ihre Hand los, hielt aber weiterhin Blickkontakt. „Das ist ein schöner Name für eine schöne Frau.“ Er richtete den Blick auf ihre Beine, und Becky widerstand dem Impuls, ihr knappes Kleid hinunterzuziehen. „Wie ich sehe, tragen Sie die neuen Schuhe.“

„Na ja, nach der ganzen Aufregung fand ich, dass ich sie ruhig einmal ausprobieren könnte. Weil doch heute Silvester ist.“

„Dann wollen Sie ausgehen?“

Er wirkte beinah enttäuscht. Oder bildete sie sich das nur ein?

„Eigentlich schon, aber ich habe meine Pläne in letzter Minute geändert.“ Das entsprach voll und ganz der Wahrheit.

„Sind Sie auch ein Hotelgast?“

Becky war zwar nicht wie Angelina Talbot, aber sie war auch nicht so naiv, dass sie in dieser Frage nicht den Code für „dein Zimmer oder meines?“ heraushörte. Sie dachte an die Kondome in ihrer Handtasche und fragte sich, ob sie dazu imstande wäre. Sie hatte noch nie Sex mit einem Fremden gehabt, aber es gab für alles ein erstes Mal. Sie hatte auch nie vorgehabt, mit einem Macho zusammen einen Roman zu schreiben, und nun sah es ganz danach aus, als würde sie genau das bald tun.

„Sie müssen nicht darauf antworten“, versicherte er ihr.

Sein neckender Ton beruhigte ihre Nerven. „Ich wohne immer hier, wenn ich in der Stadt bin. Mir gefallen die großen Hotelketten nicht.“

„Mir auch nicht. Zu unpersönlich, zu laut und zu groß.“

„Ja, geht mir genauso“, sagte sie. „Sobald ich die Lobby eines Hiltons betrete, habe ich das Gefühl, in eine Art Geräuschstrudel hineingesaugt zu werden.“

Er lachte, und Becky fragte sich unwillkürlich, ob sein kurz geschnittenes Haar sich so seidig anfühlte, wie es aussah. Wenn der Abend weiter in diese Richtung lief, würde sie das wohl früher oder später herausfinden.

„Sie haben eine lebhafte Fantasie. Schreiben Sie etwa?“

Becky überlegte, wie viele Lügen sie ihm noch auftischen würde, bevor die Nacht vorbei war. „Ein bisschen.“ Die Drinks kamen und bewahrten sie davor, das näher erklären zu müssen.

Max hob sein Glas. „Auf die Neuanfänge und grandiosen Chancen, die Ihr Horoskop prophezeit hat.“

Sie hatte ihr Horoskop nur beiläufig erwähnt. Sie hob ihr Glas an die Lippen und war sowohl überrascht als auch erfreut, dass er sich diese Dinge während ihrer kurzen ersten Begegnung gemerkt hatte. „Ich habe das Gefühl, dies könnte doch noch ein gutes Jahr für mich werden.“

Der Abend verging wie im Flug. Max erwies sich als charmant, witzig und höflich. Wie sich außerdem herausstellte, war er viel gereist. Abgesehen vom Barkeeper waren sie bald die einzigen Gäste in der Bar, doch Becky kam es allmählich so vor, als wären sie die einzigen Menschen auf der Erde. Es war lange her, dass sie sich in der Gegenwart eines Mannes so wohlgefühlt hatte – und gleichzeitig so erregt. Inzwischen bedauerte sie, ihm nicht ihren richtigen Namen genannt zu haben. Wieder einmal war sie feige gewesen und auf Nummer sicher gegangen.

„Das Reisen war meine Leidenschaft“, erklärte Max. „Ich bin in ungefähr dreißig Ländern gewesen, aber Australien und Neuseeland sind diejenigen, in die ich immer wieder zurückkehre.“ Er schien noch mehr sagen zu wollen, aber dann nahm er ein Stück Pita vom Teller mit Appetizern, die er für sie beide bestellt hatte.

„Reisen Sie beruflich so viel?“

„Ja, ich bin Reiseschriftsteller.“

Ein Schriftsteller! Kein Wunder, dass sie viel gemeinsam zu haben schienen. Dieser Tag war wirklich voller Zufälle. Andererseits befanden sie sich in Manhattan, dem Zentrum des Verlagswesens der USA, vielleicht sogar der Welt.

„Und was machen Sie?“, erkundigte er sich.

Fast hätte sie geantwortet, sie sei auch Schriftstellerin, doch dann überlegte sie es sich anders. Sie schämte sich nicht dafür, Liebesromane zu schreiben, aber sie war auch nicht in der Stimmung, das Genre mal wieder zu verteidigen oder in eine lästige Diskussion über sinkende Verkaufszahlen und Konkurrenzdruck verwickelt zu werden.

„Ich habe einige Regierungsprogramme als Beraterin betreut.“ Auch das war nicht ganz gelogen, denn bis vor einem Jahr war das tatsächlich ihr Job gewesen. Als mittleres Kind einer Arbeiterfamilie hatte sie sich verpflichtet gefühlt, zuerst eine praktische Ausbildung zu machen. Ihr Studium der Soziologie und Statistik qualifizierte sie für eine Reihe von gut bezahlten und langweiligen Jobs in Regierungsdiensten. Obwohl sie in ihrem Job gut gewesen war, hatte ihr die Arbeit nie gefallen.

Max leerte sein Glas und schob es beiseite. „Das klingt interessant. Um was für Programme ging es denn?“

Sie wedelte mit der Hand. „Ach, das ist langweilig. Ich würde viel lieber erfahren, wie es ist, Schriftsteller zu sein. Ich wette, Sie sind in der Stadt, weil Sie sich mit Ihrem Verleger oder Agenten getroffen haben.“

Er lächelte, aber diesmal erreichte es nicht seine Augen. „Ich habe mich tatsächlich mit beiden getroffen.“ Seiner Miene nach zu urteilen waren beide Treffen nicht erfreulich verlaufen. „Morgen fliege ich wieder nach Hause.“

Er reiste morgen ab. Das war großartig. Damit war er genau der Richtige für einen One-Night-Stand.

„Und Sie?“ Das sexy Lächeln war so plötzlich wieder da, dass Becky für einen Augenblick benommen war.

„Ich wohne in Washington – der Stadt, nicht im Bundesstaat. Ich reise auch morgen früh ab.“ Sie ertappte ihn dabei, wie er ihre Hand betrachtete, mit der sie offenbar die ganze Zeit herumgewedelt hatte, daher faltete sie die Hände im Schoß. „Sie sind nicht lackiert, ich weiß.“ So gern sie auch einkaufen ging, von Maniküre hielt sie nichts. Mehr als transparenten Lack trug sie nie auf.

Er nahm ihre Hand. „Ihre Finger sind wunderschön, von zarter Anmut, genau wie Sie.“ Er hob ihre Hand an seine Lippen und küsste ihre Handfläche. Ein sinnlicher Schauer überlief sie. Sie hatte stets eine Schwäche für Männerhände gehabt, allerdings nie erkannt, dass ihre eigenen eine erogene Zone waren. Was für ein Irrtum!

Über ihnen lief auf einem Flachbildschirm der Countdown am Times Square für das neue Jahr. „Zehn, neun, acht …“

Der Barkeeper stellte ihnen zwei Gläser Champagner und zwei Papiertröten hin, beides eine Aufmerksamkeit des Hauses.

„… sieben, sechs, fünf, vier …“

Becky sah Max an. Ihr Blick fiel auf seinen Mund, und da wusste sie, dass der Fluch dieses Tages gebrochen war.

„… drei, zwei, eins … Frohes neues Jahr!“

Im nächsten Augenblick lagen sie sich in den Armen und küssten sich leidenschaftlich.

Lautes Tröten trennte sie. Der Barkeeper nahm die Papiertröte grinsend aus dem Mund. „Letzte Runde. Wir schließen zeitig wegen Renovierungsarbeiten. Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“

Max deutete auf Beckys halb volles Glas. „Möchtest du noch etwas?“

„Nein“, hauchte sie. Zumindest aus der Bar wollte sie nichts mehr. Sie hatte weder ihren zweiten Flirtini ausgetrunken noch den Gratis-Champagner angerührt. Falls sie mit Max Sex haben sollte, wollte sie sich hinterher daran erinnern.

Er wandte sich an den Barkeeper. „Bitte bringen Sie uns nur die Rechnung.“

Sie befreite ihre Hand aus seiner und griff nach ihrer Tasche. Silvester hin oder her, sie wollte nicht, dass er sie für eine Frau hielt, die sich von Männern aushalten ließ.

Max hielt sie auf. „Du bist mein Gast.“ Ehe sie protestieren konnte, küsste er sie erneut, diesmal so zärtlich, dass es ihr den Atem raubte. „Ich bin ein bisschen altmodisch, wenn es ums Bezahlen geht“, erklärte er lächelnd.

„Gegen altmodisch habe ich nichts, wenn du dir sicher bist.“

„Ich bin mir sicher“, erwiderte er, und es klang, als würde er nicht nur von der Rechnung sprechen.

Max zahlte, und der Barkeeper bedankte sich für das großzügige Trinkgeld. „Bleiben Sie ruhig, so lange Sie wollen“, meinte er und verschwand durch eine Seitentür, die entweder in einen Vorratsraum führte oder nach draußen.

Max wandte sich an Becky. „Hast du gemerkt, dass wir uns über drei Stunden lang unterhalten haben?“

Nein, das hatte sie nicht gemerkt, aber sie hatte außer ihm ohnehin nicht mehr viel wahrgenommen. „Wenn ich mit dir zusammen bin, kommen mir drei Stunden wie drei Minuten vor. Ich will nicht, dass die Nacht schon zu Ende ist.“

„Ich auch nicht“, gestand er. „Vielleicht muss sie noch nicht enden. Ich weiß, dass wir uns eben erst kennengelernt haben, aber ich würde sehr gern mit dir schlafen. Bist du einverstanden?“

„Ja“, hauchte sie, „sehr.“

Er lächelte, und die kleinen sexy Lachfältchen, die sie inzwischen sehr mochte, erschienen wieder um seine Augen. „Gut, dann wäre das geklärt.“ Er strich mit dem Zeigefinger am tiefen V-Ausschnitt ihres Kleides entlang. „Das ist ein hübsches Kleid.“

Ihre Brüste unter dem BH fühlten sich schwer und hypersensibel an. „Ich … Freut mich, dass es dir gefällt.“

„Ja, das tut es.“ Er legte ihr die Hand auf das Knie und schob sie langsam höher. An ihrem Oberschenkel hielt er überrascht inne. „Trägst du … Strapse?“

„Ja.“ Sie hatte diese Reizwäsche zusammen mit dem Kleid eingepackt, ohne recht zu wissen, warum eigentlich. Als sie jetzt den glühenden Ausdruck in Max’ Augen sah, war sie froh, es getan zu haben.

Er spielte mit dem Spitzensaum und schob die Finger darunter. Ein heißer Schauer überlief sie.

Die Hauptlichter im Gebäude wurden gedimmt, sodass Becky und Max sich im Halbdunkel befanden. Sie spreizte die Beine leicht und schmiegte sich an ihn.

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