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TIFFANY EXKLUSIV BAND 55

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Ein aufregender Plan

1. KAPITEL

„Der Rest ist für Sie.“ Cecily Connaught schnappte sich ihr Gepäck, sprang aus dem Taxi und lief schnell in die Kirche. Erschlagen von dem hektischen Treiben um sie herum, blieb sie einen Moment im Vorraum stehen.

„Cecily, bist du das?“ Elaine Shipley eilte geschäftig auf sie zu.

„Jetzt ist keine Zeit zum Plaudern“, meinte eine ganz in Apricot gekleidete Frau, die Elaine auf den Fersen folgte. „Sie sind spät dran “, sagte sie dann zu Cecily.

„Immerhin ist sie da“, erklärte Elaine. „Das ist mehr als man von …“

„Wir müssen uns beeilen“, unterbrach die Frau. „Ziehen Sie diese Schuhe an“, forderte sie Cecily auf.

„Aber …“

Doch jeder Protest schien sinnlos. Jemand nahm ihr das Gepäck aus den Händen und nötigte sie, sich hinzusetzen. Dann zog man ihr die bequemen Sandalen aus und Designer-Stilettos aus weißem Satin an.

„Sie sollen diese Schuhe schon zur Probe der Trauungszeremonie tragen“, erklärte die Frau in Apricot. „Damit Sie nicht morgen auf dem Weg zum Altar ins Stolpern kommen. Und da Sie jetzt hier sind, fangen wir einfach an. Es ist mir völlig egal, wer noch fehlt.“ Sie packte Cecily am Arm und zog sie eilig zu einer Gruppe von Frauen.

Cecily wurde beim Anblick der perfekt zurechtgemachten Frauen, die zu ihren kurzen Röcken passende nabelfreie Tops trugen und lange, schlanke Beine sehen ließen, von Panik erfasst. Es war nicht zu übersehen, dass sie in ihrem langen, lässigen Sommerkleid am schlechtesten angezogen war. Sie hatte das Kleid im kühlen Vermont während einer noch nie da gewesenen Hitzewelle erstanden. Ihre Mutter wäre zweifellos vor Scham im Boden versunken. Aber Cecilys Mutter konnte die Handlungsweisen ihrer Tochter schon lange nicht mehr nachvollziehen, ganz zu schweigen von ihrer Berufswahl. Cecily war trotzdem Tierärztin geworden.

„Sally, die Ehrenbrautjungfer ist da“, erklärte die Frau in Apricot in triumphierendem Tonfall.

Eine dunkelhaarige Schönheit wirbelte herum und riss die Augen auf. „Cecily? Cecily!“ Sie schloss Cecily in die Arme. Die Braut, Elaine Shipleys, war noch perfekter gestylt als die Frauen, die sie umringten.

„Sally, es ist lange …“

Die Frau in Apricot, offensichtlich die Hochzeitsplanerin, unterbrach Cecily erneut. „Keine Zeit für sentimentale Erinnerungen.“ Sie dirigierte die Frauen unerbittlich den Gang zum Altar hinunter und wies jeder ihren Platz zu. „Lassen Sie etwas Platz“, meinte sie zu Cecily. „Die Trauzeugin der Braut ist noch nicht eingetroffen. Reverend Justice“, wies sie den Pfarrer an, „fangen Sie an. Ich werde die anderen hereinbringen, wenn sie endlich auftauchen.“ Ihre Verärgerung war nicht zu überhören.

Die Braut packte ihren Bräutigam am Ellbogen. „Das ist Gus“, flüsterte sie Cecily zu.

Cecily streckte ihm die Hand hin. „Ich freue mich, Sie kennen …“

„Jetzt bitte keine Unterhaltung mehr“, ordnete die Organisatorin der Hochzeit lautstark an.

Folgsam wandte Sally sich dem Pfarrer zu, der mit der Probe begann. „Meine Lieben …“

Gedankenverloren verlagerte Cecily das Gewicht von einem schmerzenden Fuß auf den anderen. Sie musste nicht ganz bei Sinnen gewesen sein, als sie zugestimmt hatte, die Ehrenbrautjungfer für jemanden zu spielen, an den sie sich kaum noch erinnern konnte. Sie hatte Sally das letzte Mal gesehen, als sie beide fünf Jahre alt gewesen waren. Doch auch wenn sie bei dieser Hochzeit nur widerwillig die Brautjungfer abgab, hatte sie eine Mission zu erfüllen. Denn während der anschließenden Hochzeitsfeier konnte sie …

„Wir haben uns hier versammelt, weil Sally und Gus den Bund der Ehe eingehen wollen.“

Große Worte, dachte Cecily. Den Bund der Ehe einzugehen war ein Fehler, den sie nicht machen würde. Sie würde nie tun, was ihre Mutter ihr vorgelebt hatte – eine Karriere aufzugeben, um einen Mann zu heiraten, der sie hinterher die meiste Zeit links liegen ließ. Ihr Vater konnte Cecilys Lebensentscheidungen ebenso wenig nachvollziehen wie ihre Mutter. Aber es war ihm auch herzlich egal. Er liebte nur eine Sache, nämlich in der akademischen Welt durch brillante Werke in seinem Fachgebiet Wirtschaftswissenschaften auf sich aufmerksam zu machen. Cecilys Mutter hatte aus ihrer Tochter eine Dame der Gesellschaft machen wollen. Ihr Vater wiederum hätte es lieber gesehen, wenn sie irgendetwas im Bereich Marketing angesteuert hätte. Kein Wunder, dass sie stattdessen entschieden hatte, sich Tieren zu widmen. Cecily holte tief Luft. Sie war schlecht gelaunt, weil ihre Mutter sie dazu gedrängt hatte, für Sally die Ehrenbrautjungfer zu spielen. Deshalb hatte sie heute früh um vier Uhr aufstehen müssen. Von Vermont, wo es an diesem Maitag noch sehr kühl gewesen war, war sie nach Dallas geflogen. Und hier herrschten geradezu tropische Temperaturen. Aber am meisten setzten ihr diese verflixten Schuhe mit den zehn Zentimeter hohen Absätzen zu. Selbst eine gestandene Tierärztin, die es sonst mit Pferden und Bullen aufnahm, konnte da schon mal die Nerven verlieren.

Aber als Sallys Brautjungfer musste sie einen guten Eindruck machen. Außerdem war das hier ja erst die Probe der Trauungszeremonie. Sally, die nach einem katastrophalen ersten Mal jetzt zum zweiten Versuch ansetzte, blieben noch vierundzwanzig Stunden Zeit, um zur Vernunft zu kommen. Mit etwas Glück würde Cecily diese Schuhe nur einmal tragen müssen.

Zudem hatte sie sich noch etwas anderes vorgenommen. Es hatte einmal einen Jungen gegeben, der ihre Ansichten über Liebe und Ehe hätte ändern können. Dieser Junge war jetzt ein erwachsener Mann und musste hier irgendwo unter den Freunden des Bräutigams sein. Dieses Wochenende könnte also ihre zweite Chance mit ihm werden. Sie nahm den letzten Mann in der Reihe ins Visier. Er hatte kurze hellblonde Haare und blaue Augen, trug eine graue Hose von Hugo Boss, ein weißes Poloshirt von Calvin Klein und Slipper von Gucci. Sie erkannte die Designer an den Logos, die an jedem Kleidungsstück prangten. Der Mann war attraktiv, aber definitiv nicht Will Murchison.

Cecily machte sich keine Hoffnungen, dass sie und Will sich ineinander verlieben und womöglich heiraten könnten. Jetzt wo sie eine vernünftige, erwachsene Frau war, hatte sie beschlossen, nie zu heiraten. Sie wollte den Fehler ihrer Mutter nicht wiederholen. Eine Wochenendaffäre mit einem Jungen – mittlerweile ein Mann – den sie aus irgendeinem Grund nie vergessen hatte – mehr wollte Cecily gar nicht. Die Erinnerung an ihn war blitzartig zurückgekehrt, als sie am Morgen im Flugzeug Wills Namen auf der Gästeliste entdeckt hatte.

Der Junge damals hatte Will Murchison geheißen und hatte einmal erwähnt, dass er aus Dallas kam. „Ich habe sie ziemlich hart rangenommen. Reib sie gut ab, okay?“ war bis zu jenem entscheidenden Nachmittag das Aufregendste gewesen, was er jemals zu ihr gesagt hatte. Er hatte über eine Stute geredet.

Während er in Exeter eine angesehene Privatschule für Jungen besucht hatte, war sie auf einer öffentlichen Schule in Boston gewesen. Und weil sie schon damals unbedingt Tierärztin werden wollte, hatte sie an den Wochenenden in den Ställen gejobbt, in die Will regelmäßig zum Reiten gekommen war. Sie hatte nicht mehr als zwei Worte mit ihm gewechselt, denn sie war einfach zu schüchtern gewesen. Stattdessen hatte sie ihn nur angestarrt und gelegentlich „keine Ursache“, gestammelt, weil er sich immer mit einem Lächeln bei ihr bedankt hatte, bei dem ihr ganz heiß geworden war.

Sie musterte den Freund des Bräutigams, der ebenfalls blaue Augen hatte, unübersehbar Designer-Kleidung trug und sich anscheinend blonde Strähnchen hatte färben lassen. Aber ein sexy Lächeln konnte sie nicht entdecken. Nein, auch das war nicht Will Murchison.

Will war meistens von Mädchen umringt gewesen. Aber an diesem einen Nachmittag, an dem sie mitten in einem heftigen Sturm losgeschickt worden war, um ihn zu finden und in Sicherheit zu bringen, waren sie allein gewesen. Da hatte er versucht, sie zu küssen. Doch anstatt den Traum wahr werden zu lassen und den Kuss zu erwidern, war sie in Panik weggelaufen. Und dann war das Schuljahr zu Ende gewesen und sie hatte ihn nie mehr wiedergesehen. Will war so sexy und männlich und reif für sein Alter gewesen. Danach war ihr niemand mehr über den Weg gelaufen, der ihm das Wasser hätte reichen können.

Der dritte Freund des Bräutigams hatte dunkelblonde Haare und grüne Augen. Auch er war hatte offenbar eine Vorliebe für Designer-Kleidung und schenkte dem Pfarrer keinerlei Aufmerksamkeit, sondern fächelte sich entnervt Luft zu. Insgesamt gab es vier Freunde des Bräutigams. Alle trugen modische Dreitagebärte und sahen sich ziemlich ähnlich, aber keiner sah auch nur annähernd so aus wie der Will, an den sie sich erinnerte. Murchison war in Texas ein häufig vorkommender Name. Es kann ein Dutzend Will Murchisons geben, dachte sie enttäuscht. Aber zwischen dem ersten und zweiten Freund des Bräutigams klaffte eine breite Lücke, weshalb Cecily noch hoffte. Denn die Hochzeitsorganisatorin hatte gesagt, dass noch einige Leute fehlten.

Will war vor sehr vielen Jahren in Cecilys Leben aufgetaucht. Aber immer wieder hatte sie überlegt, was gewesen wäre, wenn sie seinem Kuss nicht ausgewichen wäre. Der Psychiater ihrer Mutter hatte ihr klarmachen wollen, dass sie die Erinnerung an Will als Entschuldigung benutzte, um sich auf keinen anderen Mann einlassen zu müssen. Er hatte ihr geraten, endlich mit dieser Schwärmerei aufzuhören. Wie immer war sie brav gewesen, hatte den Rat befolgt und war glücklich mit ihrer Lebensplanung, die eine erfolgreichen Karriere und gelegentliche Liebhaber vorsah. Die Karriere lief auch gut, nur mit den Liebhabern haperte es. Und genau deshalb war sie mit einem Mal so aufgeregt gewesen, als sie Wills Namen auf der Gästeliste entdeckt hatte.

Falls sie beide sich dieses Wochenende näher kamen, bestand die Möglichkeit, zumindest ihr Sexleben ein bisschen in Schwung zu bringen. Denn jetzt wurde ihr klar, dass weniger ihre Müdigkeit oder die mörderischen Schuhe schuld an ihrer schlechten Laune waren, als vielmehr sexuelle Frustration. Aber wenn Will plötzlich auftauchte, war sie schlecht vorbereitet. Warum hatte sie nicht etwas Zeit in New York verbracht, um sich modisch auf den neuesten Stand zu bringen? Und sich auch gleich mit passabler Unterwäsche einzudecken? Cecily schauderte allein bei dem Gedanken an ihre weißen BHs und Slips aus Baumwolle, die sie im Dreierpack zu Hause in Vermont gekauft hatte. Sie warf noch einen Blick auf die schönen Brautjungfern und die gut aussehenden Freunde des Bräutigams. Das waren die Leute, mit denen Will verkehrte. Da hatte sie wohl kaum eine Chance.

Um sich abzulenken, betrachtete sie die geschmückte Kirche. St. Andrews stand bei den Brautpaaren in Dallas hoch im Kurs, hatte Cecilys Mutter erzählt. Die frühe Nachmittagssonne schien durch die bunten Mosaikfenster und tauchte das Geschehen in ein rosiges Licht, was allerdings den Tatsachen keineswegs entsprach. Die Hochzeitsplanerin rannte hektisch hin und her. Ein Fotograf hantierte auf der Empore mit einem Stativ und verschiedenen Scheinwerfern. Der gut aussehende Mann, der sich auf einem Block Notizen machte, musste ein Reporter sein. Sallys Mutter stand im hinteren Teil der Kirche und rang die Hände. Es fehlten immer noch drei Leute, die eigentlich an der Probe teilnehmen sollten. Auch Gus, der groß, breitschultrig und sehr muskulös war, wirkte äußerst angespannt.

Cecily verfolgte die Worte des Pfarrers unkonzentriert, unterdrückte ein Gähnen und überlegte, was Sally wohl dazu bewogen hatte, sie als Ehrenbrautjungfer haben zu wollen. Ihre Mutter hatte Cecily Fotos geschickt, auf denen Sally und sie als Kinder zu sehen waren, um ihre Erinnerung aufzufrischen. Ihre Freundschaft mit Sally war schon im Alter von fünf Jahren zu Ende gewesen, als sie ganz unterschiedliche Richtungen eingeschlagen hatten. Sally hatte sich fürs Ballett und Cecily fürs Reiten entschieden. Zudem hatte damals ihr Vater die Universität gewechselt, und Cecily war mit ihren Eltern nach Indiana gezogen. Mit sechzehn hatten sich Sally und Cecily das letzte Mal gesehen.

Doch ihre Mutter hatte trotz all der Umzüge der Familie immer Kontakt gehalten. Wahrscheinlich war es ihr Vorschlag gewesen, Cecily als Sallys erste Freundin bei der Hochzeit zu deren Ehrenbrautjungfer zu machen. Denn das würde Sallys neues Image unterstreichen. Denn durch die Heirat mit Gus wollte Sally ihr bisheriges wildes Leben endgültig hinter sich lassen. Cecily hatte versucht, die Bitte abzulehnen, aber ihre Mutter hatte ein Nein einfach nicht gelten lassen.

Der Pfarrer kam allmählich zum Ende: „Nimmst du, Gus Hargrove, Sally Shipley zu deiner …“

Wenn Will auftauchte und auch nur das geringste Interesse an ihr zeigte, würde Cecily sofort zugreifen! Soweit sie wusste, gab es in ihrer näheren Umgebung in Vermont keinen einzigen vergleichbaren Mann, der noch zu haben wäre. Alle Männer, die zu ihr als der zuständigen Tierärztin kamen, waren meistens schon älter und viele Jahre verheiratet. Und da sie sehr viel arbeitete, hatte sie außerhalb der Arbeit kaum Kontakt. Außer mit Dr. Vaughn natürlich. Aber der war nicht nur älter und ebenfalls verheiratet, sondern Maddie Vaughn war auch zu einer Art Mutterersatz für Cecily geworden. Daher hatte ihr Plan, bei Bedarf auf gelegentliche Liebhaber zurückzugreifen, nicht funktioniert. Seit drei Jahren hatte sie kein interessantes Date mehr gehabt, von Sex ganz zu schweigen.

Jetzt lagen vierundzwanzig Stunden im heißen Dallas vor ihr, die zu wildem und zügellosem Verhalten förmlich einluden. Und zu Hause in Blue Hill würde niemand je erfahren, dass die allseits respektierte Tierärztin Dr. Connaught insgeheim eine überaus leidenschaftliche Frau war.

„Ja, ich will“, sagte Gus.

„Entschuldigung, bitte. Entschuldigung“, war plötzlich eine Stimme aus dem hinteren Teil der Kirche zu hören.

Wie vom Blitz getroffen drehte sich Cecily um.

„Will!“ kreischte Sally. „Du kommst zu spät. Wo ist Muffy?“

„Sie schafft es nicht mehr. Sie bekommt jeden Moment das Baby. Ich brauche Hilfe. Schnell.“

Mrs. Shipley stöhnte laut.

Cecily hätte auch am liebsten gestöhnt. Amor hatte mit seinem Pfeil bei ihr voll ins Schwarze getroffen. Ein Blick auf Will genügte, um ihr Herz in wilden Aufruhr zu versetzen. Meine Güte, war aus dem Jungen ein attraktiver Mann geworden! Als er Sally in den Arm nahm und Gus auf die Schulter klopfte, erinnerte sie sich wieder lebhaft an seine glänzenden rotbraunen Haare, die jetzt kurz geschnitten und zerzaust waren. Seine Schultern waren noch breiter geworden, und das rote Poloshirt ließ muskulöse Arme und gebräunte Haut sehen. Seine graue Hose – mit Ralph-Lauren-Logo – betonte einen ausgesprochen knackigen Po. Als er mit Sally redete, erhaschte Cecily einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht. Er hatte lange Wimpern und markante Augenbrauen. Anders als die anderen Freunde des Bräutigams hatte er keinen Dreitagebart. Er war also nicht der aktuellen Mode zum Opfer gefallen. Das Logo an der Hose verzieh sie ihm.

Cecily erschauerte. Hier war er also, der Mann ihrer Träume, den sie sich hatte entgehen lassen. Und er war nicht nur verheiratet, sondern auch im Begriff, Vater zu werden. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

„Rufen Sie einen Krankenwagen“, schlug eine der Brautjungfern vor.

„Das habe ich schon. Aber das Baby kommt jede Minute. Muffy ist in meinem Auto, auf dem Parkplatz vor der Kirche. Ist ein Arzt hier? Jemand mit medizinischen Kenntnissen? Oder jemand, der Erste Hilfe …?“

„Cecily“, sagte Sally, packte sie am Arm und zerrte sie zu dem panischen Will. „Cecily kann das Baby entbinden.“

„Cecily?“ fragte Will mit einer plötzlich ganz atemlosen Stimme, während er sie ansah. „Von den Green Trails Stables?“

Seine haselnussbraunen Augen leuchteten auf, und Cecily glaubte darin ein Gefühl wieder zu erkennen, dem sie nicht näher auf den Grund gehen wollte. Sie wollte erst gar nicht daran denken, was ihre Augen ihm signalisieren könnten. Es war mehr, als sie ertragen konnte. Sie drehte sich eilig weg, um seinem Blick zu entkommen. „Nein, das kann ich nicht“, zischte sie Sally leise zu. „Ich bin Tierärztin, keine …“

„Das musst du Muffy ja nicht auf die Nase binden“, konterte Sally.

„Cecily Connaught“, fuhr Will fort. „Ich kann nicht glauben, dass du es wirklich bist. Nach all den Jahren …“

Er erinnert sich an meinen vollständigen Namen, dachte Cecily. „Das könnte sogar illegal sein“, flüsterte sie Sally ins Ohr.

„Muffy ist eine Zicke. Du bist eine Tierärztin. Was sollte daran illegal sein?“ raunte Sally ihr zu. Dann schob sie Will und Cecily Richtung Ausgang. „Wie nett, dass ihr euch schon kennt. Dann mal los.“

Mrs. Shipley eilte hektisch herbei. „Aber Sally …“

„Ganz ruhig, Mom.“

„Dann bist du also Ärztin geworden?“ Will schien sich nicht vom Fleck bewegen zu wollen.

„Für höfliche Konversation habt ihr noch genug Zeit! Hast du das Baby vergessen? Das ist ein Notfall!!“ Sally erhob die Stimme.

„Richtig.“ Erst jetzt wandte Will den Blick von Cecily. „Es ist ein Notfall.“ Er packte Cecily plötzlich sehr entschieden am Arm, während Sally zurück zum Altar ging und Mrs. Shipley auf eine Kirchenbank sank.

„Die anderen bleiben hier“, ordnete Cecily über die Schulter hinweg an, weil ohnehin niemand zu Hilfe eilte. „Je weniger Zuschauer, desto besser“, fügte sie hinzu, als Will sie durch die Kirche nach draußen zog. „Eine Minute noch, bitte.“

„Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

„Meine Arzttasche steht im Vorraum. Ich brauche sie.“

Will blieb ruckartig stehen. „Du hast deine Arzttasche mit zur Probe der Trauungszeremonie gebracht?“

„Ich bin direkt vom Flughafen hergekommen. Ich reise nie ohne die Tasche.“

„Oh.“ Er eilte mit ihr zurück in die Kirche, wo sie sich hastig die Tasche schnappte, und dann auf den Parkplatz.

„Ist die Schwangerschaft normal verlaufen?“ fragte sie ihn.

„Soweit ich weiß ja.“

„Ist Muffy am Ende des neunten Monats?“

„Anscheinend. Das Baby kommt jeden Augenblick.“

Unverkennbar hatte ihn die Schwangerschaft seiner Frau nicht übermäßig interessiert. Vielleicht war er zu einem dieser Männer geworden, die gut aussahen, sonst aber ziemlich oberflächlich waren. Und gut aussehen tat er definitiv.

„Hier ist sie.“ Er machte die hintere Tür einer luxuriösen grauen Limousine auf.

„Wo warst du?“ schrie die Frau in der Limousine. „Ich bekomme gerade ganz allein ein Baby auf dem Rücksitz eines verdammten Autos!“

Schulter an Schulter schauten Will und Cecily ins Auto. Cecily konnte seine Muskeln spüren und seinen angenehmen männlichen Duft wahrnehmen. Will war ihr so nah, dass ihr Körper zu kribbeln begann und die Lust sie überkam.

Will sah wieder Muffy an. „Beruhige dich, Muffy“, sagte er in bestimmtem Ton. „Ich wollte dich ja sofort ins Krankenhaus fahren, aber du meintest, es sei falscher Alarm. Du hast gesagt …“

Cecily stieß ihm den Ellbogen in die Seite, und er verstand die Botschaft.

„Hier ist die Ärztin“, erklärte er in sanfterem Ton. „Sie wird sich um dich kümmern.“

Muffy stützte sich auf einen Arm und atmete heftig aus. „Sie sehen nicht wie eine Ärztin aus. Haben Sie jemals einem Baby auf die Welt geholfen?“

„Viele.“ Ceciliy legte kurz ihre Hand auf Muffys, um eine Verbindung zu der Frau herzustellen, bevor es hart zur Sache gehen würde. Das funktionierte bei gestressten Kühen und Pferden. Vielleicht funktionierte es auch bei Zicken. „Atmen Sie ganz regelmäßig weiter, während ich die Vorbereitungen treffe.“

„Vergessen Sie die Vorbereitungen. Waschen Sie sich die Hände und legen Sie los.“ Die nächste Wehe kam, und Muffy fing wieder jammervoll zu schreien an.

Schnell sah Cecily auf ihre große, praktische Armbanduhr, um Dauer und Abstände der Wehen einschätzen zu können. „Schön atmen. Ja, richtig. Und ausatmen.“ Sie holte die antibakterielle Waschlösung aus ihrer Tasche, desinfizierte ihre Hände, streifte dann sterile Handschuhe über und band sich eine sterile Schürze über ihr Sommerkleid. „Ich werde Sie kurz untersuchen. Pressen Sie nicht“, sagte sie scharf, weil Muffy wie verrückt presste.

„Sind Sie verrückt?“ entgegnete Muffy zwischen einigen Atemstößen. „Wie soll ich das Baby herausbekommen, wenn ich nicht presse?“

Cecily dachte kurz an die Vorteile der Entbindung von Kühen. Da hatte es Beschwerden in diesem Ton noch nie gegeben. Doch sie wusste, dass sie die werdende Mutter beruhigen musste. „Nur eine Minute, okay? Wenn alles in Ordnung ist, können Sie wieder pressen.“ Sie wandte sich dem sichtlich nervösen werdenden Vater zu. „Und du hältst bitte ihre Hand und unterstützt sie beim Atmen.“

„Ja, sicher, es wird mir enorm helfen, wenn er mich beim Atmen unterstützt“, zeterte Muffy. „Er wollte mich mal ersticken. Sagen Sie ihm, dass er weggehen soll. Er macht mich verrückt.“

„Was heißt denn, wenn alles in Ordnung ist?“ mischte sich Will ein.

„Ich will sichergehen, dass der Kopf zuerst herauskommen wird und nicht die Hufe.“

„Die was?“ Muffy stützte sich auf die Ellbogen.

„Ein alter Ärztewitz“, meinte Cecily besänftigend. „Ich meinte natürlich die Füße.“

Muffy stieß einen lauten Schrei aus, und Will stöhnte.

„Die Mutter ist während der Geburt oft nicht ganz sie selbst“, murmelte Cecily Will zu. „Nimm es nicht persönlich.“

„Sie ist ganz sie selbst“, sagte Will. „Muffy ist unausstehlich. Bring einfach das Baby zur Welt, okay?“

Cecily überlegte, ob Wills Ehe wohl demnächst vor dem Scheidungsrichter enden würde, hielt es aber für unwahrscheinlich. Viele Männer hatten eine Schwäche für Zicken, weil sie glaubten, aus ihnen zahme Ehefrauen machen zu können. Ihre eigene Lustattacke war wieder abgeflaut. Zum einen war ihr bewusst, wie sinnlos es war, sich nach Will zu sehnen. Zum anderen versetzte die Geburt sie in Aufregung. Sie seufzte. Okay, wenn sie Will zu spät wiedergesehen hatte, um selbst ein Baby von ihm haben zu können, konnte sie es ja wenigstens entbinden.

Erleichtert stellte sie fest, dass das Köpfchen des Babys bereits zu sehen war. „Okay, jetzt pressen“, wies sie Muffy an. „Ja, sehr gut. Prima. Sie schaffen das. Sie sind …“

Muffy schrie sich die Lungen aus dem Leib, während das Baby mit einem Schrei auf die Welt kam.

„Es ist ein Mädchen!“ Cecily durchtrennte die Nabelschnur. Als Sirenen aufheulten und Muffy erleichtert schluchzte, fügte Cecily hinzu: „Ein hübsches kleines Mädchen. Und ein Feuerwehrauto, ein Streifenwagen und – welch Wunder! – ein Krankenwagen sind jetzt auch da, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben.“

Cecily untersuchte das Baby, während die Sanitäter Muffy auf einer Trage in den Krankenwagen verfrachteten. Dann übergab Cecily ihnen das Kind, informierte sie über den Geburtshergang und teilte ihnen detailliert mit, was sie bisher getan hatte. Schließlich fuhr der Krankenwagen los, und es wurde wohltuend still.

Sie zog sich die Handschuhe und die Schürze aus und strich sich über die Stirn. Sie hatte nicht gesehen, dass Will Muffy begleitet hatte, aber er musste es getan haben, denn sie war allein auf dem Parkplatz. Aber dann bemerkte sie ein Paar Schuhe. Es waren Slipper von Gucci, die zu Will gehörten. Er lag schlaff an einen Reifen gelehnt auf dem Boden. Bislang hatte sie es für einen Mythos gehalten, dass es der frisch gebackenen Mutter gut ging, während der Vater ohnmächtig wurde. Doch anscheinend kam das tatsächlich vor.

Cecily ging neben ihm in die Hocke. „Will!“ Sie fühlte ihm den Puls.

„Was ist passiert?“ Er klang erschöpft, war aber wieder bei Bewusstsein.

„Das Baby ist da.“

„Oh. Gut.“

Cecily schnaufte aufgebracht. „Es ist ein Mädchen.“

„Hm.“

„Mutter und Kind sind wohlauf.“ Sie erhob die Stimme.

„Ich wünschte, ich wäre es auch.“

Jetzt reichte es Cecily. „Sieh mal“, fing sie an, „deine Beziehung zu Muffy geht mich nichts an. Aber jetzt solltest du eure Differenzen einmal vergessen und Muffy unterstützen. Eine Frau, die gerade eine Geburt hinter sich hat, ist sehr verletzbar. Sie braucht dich jetzt.“ Sie funkelte ihn wütend an. „Also setz deinen Hintern in Bewegung. Wir werden zum Krankenhaus fahren, um nach ihr zu sehen. Und zwar sofort.“

Will starrte sie an.

„Ich werde fahren“, erklärte sie selbstsicherer, als ihr zu Mute war. „Du scheinst ja nicht besonders belastbar zu sein, auch wenn ich das nicht erwartet hätte.“

Er wirkte überhaupt nicht schuldbewusst wegen seines Desinteresses, sondern nur verwirrt. Während er sie immer noch anstarrte, ging er zur Beifahrertür, stieg ein und stellte den Sitz so weit zurück, dass sie sein Gesicht nicht sehen konnte.

Aber sie konnte spüren, dass er sie ansah, und erlaubte sich einen seitlichen Blick auf ihn, als sie den Rückspiegel einstellte. Mann, war er sexy. Er strahlte so viel Männlichkeit aus. Sein Mund war sinnlich, und seine Augen wirkten verführerisch. Ganz überwältigt steckte sie den Zündschlüssel ins Schloss. Will setzte seine Sonnenbrille auf. Auf diese Weise konnte sie sich in ihrer Fantasie ausmalen, dass er sie wohlgefällig musterte, und ihr wurde ganz heiß. Sie hatte sich sofort wieder in ihn verliebt, obwohl er verheiratet war und gerade Vater einer Tochter geworden war.

2. KAPITEL

Will ließ sich in den Ledersitz seines neuen Autos sinken und fragte sich, was eigentlich los war. Nach vielen Jahren war Cecily auf wundersame Weise wieder in seinem Leben aufgetaucht und hatte anscheinend nur seine Beziehung zu Muffy im Sinn.

Vielleicht hatte Sally ihr von Muffy erzählt. Er hatte Muffy aus gutem Grund nie erwähnt, als Cecily im Reitstall arbeitete. In ihrer Jugend waren sie wie Katz und Hund gewesen, und Muffy hatte ihm das Leben zur Hölle gemacht. Vor allem deshalb hatten ihn seine Eltern nach Exeter auf die Privatschule geschickt. Ihrer Meinung nach war es höchste Zeit gewesen, dass er nicht mehr unter Muffys Knute stand.

Das hatte auch funktioniert. Muffy und er kamen als Erwachsene besser miteinander aus und gingen schon viele Jahre nicht mehr aufeinander los. Was den „Erstickungsversuch“ anging, hatte Muffy mal wieder übertrieben. Als sie noch in den Kindergarten gingen, hatte er der schlafenden Muffy eine Plastiktüte über den Kopf gestreift, weil sie ihn als Langweiler verhöhnt hatte. Aber er hatte vorher kleine Löcher in die Plastiktüte gestochen. Es sollte nur eine Warnung sein, sich nie wieder über ihn lustig zu machen. Doch Muffy hatte das anders gesehen.

Seit Muffy Gator geheiratet hatte, war sie zumindest Will gegenüber zahmer geworden. Nun hatte sie ja Gator zum Piesacken. Dennoch traten Will und sie bei gesellschaftlichen Anlässen nur dann zusammen auf, wenn es sich partout nicht vermeiden ließ. Für Will grenzte es an ein Wunder, dass sein Verhältnis zu Frauen nicht in Mitleidenschaft gezogen war. Es war wirklich heldenhaft von ihm gewesen, Muffy in Waco abzuholen und nach Dallas zu fahren, weil Gator wegen einer Sportgeräte-Messe nach Fort Worth hatte fliegen müssen.

Doch Will hatte es wegen Sally auf sich genommen, mehrere Stunden zusammen mit Muffy im Auto zu verbringen. Sally war ihre Cousine, und sie alle hatten während ihrer katastrophalen ersten Ehe mitgelitten. Sicher hatte Sally als Party-Girl ein wildes Leben geführt, bis sie Gus getroffen, sich bis über beide Ohren in ihn verliebt und geschworen hatte, sich zu ändern. Aber sie hatte ein gutes Herz. Deshalb wollte Will sichergehen, dass Gus Sally auch wirklich glücklich machen würde, denn er hatte da so seine Bedenken.

Zu der Zeit, als Sally Gus kennen gelernt hatte, hatte der gerade einen neuen Steuerberater gesucht, und Sally hatte ihm Will empfohlen. Wie es in seiner Kanzlei, Helpern und Ridley in Houston, üblich war, kümmerte sich Will nicht nur um die Buchhaltung von Gus’ Sicherheitsunternehmen, sondern auch um seine private Steuererklärung. Und Will hatte in den Unterlagen, die Gus ihm geschickt hatte, widersprüchliche Angaben entdeckt. Er hatte erfolglos einige Stunden seiner Freizeit investiert, um herauszufinden, welche Einnahmen Gus nicht lückenlos dokumentiert hatte. Will hatte sich vorgenommen Gus und seine Freunde bei der Hochzeit danach zu fragen, denn als vereidigter Buchprüfer und Steuerberater war er nun mal dazu verpflichtet, sicherzustellen, dass Steuererklärungen nach bestem Wissen und Gewissen gemacht wurden.

Zudem konnte er nicht zulassen, dass Sally jemand heiratete, der in irgendwelche zwielichtigen Machenschaften verwickelt war. Nun blieben ihm vierundzwanzig Stunden, um diese widersprüchlichen Angaben aufzuklären. Ansonsten würde er die Hochzeit verhindern müssen.

Da Will keine Zeit zu verschwenden hatte, war Cecily eine Ablenkung, die er nicht brauchen konnte. Sie war das Mädchen aus seiner Vergangenheit, das sich nicht hatte küssen lassen wollen und das er nie vergessen hatte. Sie war die Frau, die nach all den Jahren immer noch nicht das geringste Interesse an ihm zu haben schien. Sie zu treffen, wäre nicht so ein Schock gewesen, wenn er die Gästeliste der Hochzeit durchgesehen hätte, die ihm Sally und Gus geschickt hatten. Dann wäre er jetzt besser vorbereitet.

Er betrachtete ihre gerade kleine Nase und die makellose, aber blasse Haut. Sie war nicht geschminkt. Will konnte auch sehen, dass ihre langen Wimpern nicht getuscht waren. Ihr voller Mund war wie zum Lächeln gemacht. Auch wenn sie in den wenigen Minuten, seitdem sie unerwartet wieder in seinem Leben aufgetaucht war, nicht oft gelächelt hatte. Ihre dichten blonden Haare waren eine Nuance dunkler als früher. Als Teenie hatte sie einen akkuraten Bob getragen. Heute waren ihre honigblonden Haare lang, und sie hatte sie lässig im Nacken zusammengebunden, als wollte sie verhindern, dass sie ihr ins Gesicht hingen. Im Reitstall hatte sie in ihren Reithosen und Blusen immer perfekt ausgesehen. Doch jetzt trug sie ein legeres geblümtes Sommerkleid. Er mochte den natürlichen Look, mit dem sie sich sehr von den Frauen unterschied, mit denen er normalerweise zu tun hatte. Cecilys Kleid ließ ihre Kurven nur ahnen, so dass seine Fantasie gefragt war.

Doch eines hatte sich nicht geändert: Ihre Augen waren immer noch so groß und himmelblau wie früher. Von dem Moment an, als sie ihn angesehen hatte, fühlte er sich von ihr in einer Art und Weise angezogen, die ihn verunsicherte. Und sie gefiel ihm immer noch. Warum, verdammt noch mal, konnte sie ihm nicht dasselbe Interesse entgegenbringen?

Offensichtlich konnte sie an nichts anderes denken als an Muffy. Er hatte sich nichts vorzuwerfen, was Muffy betraf. Doch Cecily, die offensichtlich Ärztin geworden war, schien zu glauben, ihm vorhalten zu können, dass er nicht genug für Muffy getan habe.

„In welches Krankenhaus ist sie gebracht worden?“, fragte er.

„Ins Glen Oaks Care Center. Kennst du es?“

„Sicher.“ Er wählte Gators Handynummer und hinterließ ihm eine kurze Nachricht. Dann wählte er die Nummer, unter der Gator in seinem Flugzeug zu erreichen war. Als er dem Freizeichen lauschte, registrierte er, dass Cecily den Parkplatz vor der Kirche immer noch nicht verlassen hatte. „Hallo“, sagte er, als Gator sich gemeldet hatte. „Sie ist im GOCC. Ja. Okay, werde ich machen. Ja, bis dann.“ Er wandte sich Cecily zu. „Wir brauchen Zigarren. Wir werden auf dem Weg kurz anhalten.“

„Weißt du zufällig, wo das GOCC ist?“ gab Cecily zurück.

„Ja.“

„Würde es dir viel ausmachen, es mir zu sagen?“ Schließlich hatte sie die Ausfahrt des Parkplatzes doch noch gefunden, saß völlig genervt da und wartete auf seine Antwort.

Will überlegte, dass er den Besuch bei Muffy problemlos noch etwas hinauszögern konnte. „Links“, wies er sie an und wählte die Telefonnummer seiner Eltern.

„Und jetzt?“ Cecily war an einer Straßenkreuzung angekommen.

„Nimm den Highway.“

„Okay. Wo ist der?“

„Bieg rechts ab, dann ist es ausgeschildert. Ich muss kurz noch einen Anruf erledigen.“ Als seine Mutter sich meldete, sagte Will: „Mom, du hast eine Enkeltochter. Die Details erzähle ich dir später.“ Er unterbrach die aufgeregten Fragen. „Sie ist im GOCC. Richtig. Wir treffen uns dort.“ Nun hatte er alles getan, was man von ihm erwarten konnte. Gators Flugzeug würde demnächst auf dem Flughafen von Dallas landen. Doch die stolzen Großeltern Murchison, die in Highland Park lebten, würden es wohl eher zum Krankenhaus schaffen. Muffy würde schon bald von Menschen umgeben sein, die sie wirklich mochten.

Er aber wollte erst einmal die Bekanntschaft mit Cecily auffrischen. Sie wollte ihn unbedingt zu Muffy ins Krankenhaus bringen. Warum bestand sie so verbissen darauf, dass er umgehend seine Zwillingsschwester besuchte, die ihm das Leben zur Hölle machte, solange er denken konnte?

Cecily musste zugeben, dass Wills Verhalten sie etwas enttäuschte. Wenn er schon verheiratet war, sollte er wenigstens ein guter Ehemann sein. Es hatte sie geärgert, dass er seiner Frau und seinem Kind nur widerstrebend ins Krankenhaus folgen wollte. Aber vielleicht hatte er unter Schock gestanden. Denn als er jetzt mit der Familie telefoniert hatte, hatte er erfreut geklungen.

Wills luxuriöses Auto zu fahren machte sie nervös. Sie lebte jetzt drei Jahre auf dem Land und war den Verkehr in der Stadt nicht mehr gewöhnt. Als das erste Hinweisschild in Sicht kam, geriet sie in Panik. Sie hatte einen ausgesprochen schlechten Orientierungssinn, und sie saß neben einem Mann, der völlig unangemessene Gefühle in ihr weckte. Dennoch sie war wild entschlossen, ihn ins Krankenhaus zu bringen. „Will, welche Richtung muss ich nehmen?“, fragte sie hektisch. „Auf der linken Spur geht es nach Nordwesten und auf der rechten nach Südwesten.“

Er verschränkte ganz gelassen die Arme vor der Brust. „Du bist richtig. Bleib auf dieser Spur.“

Erleichtert folgte Cecily der Spur, bog ab und landete auf dem Highway, wo ein Stau war. „Hier ist viel Verkehr.“

„So ist es immer.“

„Aber wir haben es eilig!“ Sie fing an zu hupen.

Will hielt ihre Hand fest. „Hupen wird nichts nützen.“

Seine Berührung setzte sie unter Strom. Aber es war ihre eigene Schuld, dass es überhaupt so weit gekommen war. Wenn sie sich auch noch die anderen Namen auf der Gästeliste der Hochzeit angesehen hätte, wäre ihr der Name Muffy Murchison aufgefallen. Dann hätte sie sich auf das Schlimmste gefasst gemacht. Stattdessen musste sie ihr einmal gewecktes Verlangen auf einen anderen Mann umpolen. Denn dieser Ausflug nach Dallas machte ihr bewusst, dass sie wie jede andere normale Frau auch Sex brauchte. Das hatte sie fast vergessen, weil sie vor lauter Arbeit ihre ihre sexuellen Bedürfnisse völlig ignoriert hatte.

Also würde sie einen anderen Mann finden müssen, mit dem sie leidenschaftliche vierundzwanzig Stunden verbringen würde. Und Will konnte ihr dabei helfen. Sie hatte sein Baby entbunden. Nun konnte er ihr doch wohl einen unverheirateten Mann besorgen, mit dem sie ihre Lust ausleben konnte.

Will, der Cecily auf den falschen Highway gelotst hatte, kam der Stau sehr gelegen, weil ihm das Zeit gab, um sie mit seinem Charme einwickeln. Das hoffte er jedenfalls. Es war schon viele Jahre her, dass er als Muffys langweiliger Zwillingsbruder gegolten hatte. Seit er sein Elternhaus verlassen hatte, hatten sich sehr viele Frauen für ihn interessiert. Doch Cecily hatte nie erfahren, dass er einmal als Langweiler verschrien gewesen war. Warum nur war sie damals in den schlimmen Sturm hinausgerannt, als er sie hatte küssen wollen? Das hatte seinem Ego einen bösen Schlag versetzt, auch wenn er den schließlich verkraftet hatte. Aber weshalb war er dann nie völlig über Cecily hinweggekommen?

„Wir sollten jetzt nach der Ausfahrt Glen Oaks Ausschau halten“, meinte er. Tatsächlich waren sie dort auf den Highway gefahren. Bei diesem Verkehr einmal im Kreis durch Dallas zu fahren sollte ihm genug Zeit lassen, sie so weit zu bringen, dass sie ihm aus der Hand fraß. Er legte eine CD ein und suchte nach einem Einstieg für ein etwas intimeres Gespräch. „Du bist also wegen der Hochzeit hier.“

„Ich wurde unter Druck gesetzt“, erwiderte sie.

„Du und Sally wart einmal befreundet? Ich meine, offensichtlich wart ihr das.“

„Wir waren noch zu jung, um es besser zu wissen.“

„Dann hast du also früher in Dallas gewohnt und bist dann weggezogen?“ Das erklärte, warum er sie da nicht kennen gelernt hatte. Auf der Junior Highschool war er immer mit ein und derselben Clique zusammen gewesen – Kinder aus der Nachbarschaft, deren Eltern befreundet waren oder geschäftlich miteinander zu tun hatten. Einige von ihnen hatten sich nicht einmal gemocht. Aber die familiären Verbindungen hatten die Clique zusammengehalten. Sally und Muffy zum Beispiel hatten immer miteinander gestritten. Dennoch hatte Sally Muffy, gebeten ihre Trauzeugin zu sein.

„Mein Vater ist Professor“, erklärte Cecily, plötzlich gesprächiger. „Ich wurde hier geboren, als er an der Universität in Dallas lehrte. Wir sind mehrmals umgezogen, und jetzt ist er an der New York University. Aber meine Mutter hat den Kontakt mit Elaine Shipley aufrechterhalten. In Texas waren die Shipleys unsere Nachbarn. Ich weiß nicht, warum Sally mich gebeten hat, ihre Ehrenbrautjungfer zu sein. Will, dieser viele Verkehr ist schrecklich“, jammerte sie dann. „Wir werden es nie bis zum Krankenhaus schaffen.“

„Muffy wird das verstehen. Sie weiß, wie viel Verkehr hier herrscht.“ Cecily schwieg wieder. Also musste begann er von neuem. „Das wird wirklich eine große Hochzeit. Meines Wissens wird ganz Dallas dabei sein.“

„Das meinte meine Mutter auch. Sie sagte, es wären die ‚wichtigsten Leute aus Dallas’ eingeladen.“

„Ja, jeder vom Bürgermeister bis zum Intendant der Dallas Grand Opera. Oh, und der Kongressabgeordnete Galloway und beide Senatoren von Texas. Kennst du dich mit der Lokalpolitik hier aus?“

„Nein.“

Dann brauche ich wohl ein neues Thema, dachte Will und räusperte sich. „Wo ist deine Praxis?“

Cecily zögerte einen Moment. „In Blue Hill, Vermont.“

„Warum in Vermont?“

Nun zögerte sie noch etwas länger. „Dort gibt es auf meinem Gebiet das meiste Geld zu verdienen.“

„Ja, das ist wohl ein Argument.“ Sein Interesse war geweckt. „Hast du dich spezialisiert?“

„Ich bin Allgemeinmedizinerin, aber ich habe mir einen guten Ruf bei riskanten Entbindungen erworben.“

„Tatsächlich? Welcher Zufall, dass du genau dann hier warst, als Muffy dich brauchte.“ Will dachte über ihre Worte nach. „Obwohl ich überrascht bin. Ich würde denken, dass auf diesem Gebiet das meiste Geld in New York oder Chicago zu verdienen wäre. Das sind Großstädte, wo viele Karrierefrauen leben, die erst Kinder bekommen wollen, wenn sie fast vierzig sind.“

„Ja, aber in Vermont ist es viel schöner und nicht so hektisch“, erklärte Cecily. „Natürlich gibt es auch dort Schattenseiten.“

„Und die wären?“

„Manchmal kann es ziemlich einsam werden.“ Der Stau hatte sich inzwischen aufgelöst, und sie konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

„Du hast doch deine Patienten.“ Neugierig sah Will sie an.

„Ja, aber …“

„Willst du privat nichts mit ihnen zu tun haben?“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Ich bin meinen Patienten sehr zugetan. Aber ich muss zugeben, dass sie unter gewissen Einschränkungen leiden. Sie sind keine großen Leser, und es ist nicht besonders aufregend, mit ihnen zu reden. Sie sind nur minimal an Theater, Filmen oder Konzerten interessiert. Und auch beim Essen ist ihr Geschmack nicht sehr kultiviert.“

Sie ist ein Snob, dachte er. Sie hat zwar nichts dagegen, die Leute auf dem Land zu behandeln oder deren Babys zu entbinden, sieht aber auf sie hinab. Verdammt. Das hätte er nicht von ihr gedacht.

„Was ist aus dir geworden?“ fragte Cecily.

„Ein vereidigter Buchprüfer und Steuerberater. Aber ich bin gut zu meiner Mutter“, meinte er, weil die meisten Menschen sofort dumme Witze über seinen Beruf machten, wenn sie davon hörten. „Ich habe auch ein Jura-Examen“, fügte Will hinzu, als sie nichts sagte. „Ich bin bei Helpern und Ridley in Houston angestellt und bin Gus’ Steuerberater.“

„Aha. Aber du kennst auch Sally?“

„Sally ist meine Cousine.“

„Dann bleibt ja alles in der Familie.“ Sie schenkte ihm tatsächlich ein kurzes, bezauberndes Lächeln. „Magst du deine Arbeit?“

Er liebte sie. „Ich bestreite meinen Lebensunterhalt damit.“ Er strich über das Armaturenbrett seines Autos. „Und finanziere so mein Spielzeug. Wie ist es mit dir? Bist du gern Ärztin?“

„Anscheinend viel zu gern“, meinte Cecily nach einem Moment.

„Und das heißt?“

Sie seufzte und holte tief Luft, als ob sie etwas Wichtiges sagen wollte. „Da ich nicht viel unter Menschen komme, habe ich mich ein bisschen gehen lassen. Sieh dir nur mein Kleid und meine Haare an. Eine Katastrophe! Und das habe ich nicht einmal gemerkt, bis ich heute in die Kirche gekommen bin. Diese Hochzeit ist wohl vor allem eine Modenschau!“

Will fand das überhaupt nicht. Cecily wirkte frisch und natürlich, und er mochte das. „Mir gefällt dein Outfit, und ich denke nicht, dass die Patienten groß Notiz von deinen Kleidern nehmen.“

„Meine sind da wohl noch anspruchsloser als die meisten“, sagte sie. „Dort stört mich meine Aufmachung nicht, aber in Gegenwart von Sally und all ihren schönen Brautjungfern … Ich meine, wer wird mich nehmen, wenn ich …“ Cecily hielt inne. „Will, darf ich dir eine sehr persönliche Frage stellen?“

Er setzte sich auf und hoffte auf eine wirklich persönliche Frage. „Sicher.“

„Was kann ich in den nächsten paar Stunden an meinem Äußeren ändern, damit ich einen Mann verführen kann?“

Wills Sonnenbrille flog in hohem Bogen durch die Luft, so heftig war er zusammengezuckt. Das Auto schwenkte nach rechts aus, und Cecily kreischte. Will griff ins Lenkrad und brachte den Wagen wieder auf die richtige Spur. Dann sammelte er die Scherben seiner Sonnenbrille ein, auf die er bei der Aktion getreten war. Er brauchte eine neue. Nachdem er mit dieser Frau ins Bett gegangen war.

Als Cecily das Auto wieder selbst lenkte, bemerkte sie, dass sie einen Riesenfehler gemacht hatte. Sie hatte einfach das Gefühl gehabt, bei der Suche nach einem Mann Hilfe zu brauchen. Doch Will war zwar die Ursache ihrer Lust, konnte ihr aber nicht die Lösung ihres Problems bieten, weil er verheiratet war. Dennoch hatte sie sich für einen Moment vorgestellt, dass Will dieser Mann sein könnte. Und sie hatte sich ausgemalt, wie dieser Mann auf ihre legere Kleidung ohne Designer-Logos und ihre achtlos frisierten Haare reagieren würde. Selbst wenn dieser Mann – nicht Will natürlich – über all das hinwegsehen und so weit gehen würde, sie auszuziehen, würde er dann mit ihrem praktischen Baumwoll-BH und ihrem langweiligen Baumwollslip konfrontiert werden. Zudem war ihre Unterwäsche nicht einmal schneeweiß, weil das kalkhaltige Wasser in Blue Hill die Wäsche grau werden ließ.

Will hatte gesagt, dass sie gut aussah. Aber was hätte er sonst auch sagen sollen? Zumindest war sie sauber – oder war es zumindest heute Morgen gewesen. Aber das war das einzig Positive. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich in eine verführerische Frau verwandeln konnte, für die sich ein Mann interessierte. Sich die Wimpern zu tuschen würde da definitiv nicht ausreichen. Doch was weitere Styling-Tricks anging, war sie ziemlich ratlos. Als sie noch zu Hause gewohnt hatte, hatte ihre Mutter sie immer mit modischer und für jeden Anlass passender Kleidung eingedeckt und in Schönheitssalons geschleppt. Cecily war froh gewesen, sich endlich diesen ganzen Aufwand sparen zu können, als sie zu Hause ausgezogen war. Aber was war jetzt aus ihr geworden?

Doch Will passte zu Sallys Freunden und trug die gleichen Kleider wie sie. Er würde wissen, wie Cecily aussehen müsste, um auf diese Männer attraktiv zu wirken. Und da er verheiratet und kein völlig Fremder war, hatte sie ihn spontan um Rat gebeten. Wenn sie ihn schon nicht haben konnte, konnte sie doch zumindest auf seinen guten Geschmack zurückgreifen. Denn sie wollte wie der Typ Frau aussehen, auf den Will fliegen würde – wenn er nicht verheiratet wäre und ein Baby hätte. Aber sie war es falsch angegangen und hatte ihm einen Schrecken eingejagt.

Sie wurde knallrot vor Verlegenheit. Er dachte wahrscheinlich, dass ihre Bitte eine Einladung zum Sex gewesen war. Als er sich wieder zurücklehnte und schwer atmete, schwieg er. Zweifellos aus Angst, dachte sie.

„Entschuldige, dass ich überreagiert habe“, sagte er plötzlich. „Du hast mich überrascht, das war alles.“

„Ich muss mich wohl eher entschuldigen“, erwiderte sie kleinlaut. „Auch das gehört zu den Schattenseiten, wenn man …“ Überwiegend mit Tieren zusammen ist, hätte sie fast erklärt. Sie musste ihm ohnehin irgendwann beichten, dass sie Tierärztin war. Aber sie wollte den richtigen Moment abwarten. „Wenn man so isoliert lebt. Man vergisst, sich adäquat auszudrücken. Ich habe mein Anliegen schlecht formuliert.“

„Nein, hast du nicht. Es war nur so …“

„Du willst höflich sein. Tatsächlich musstest du annehmen, ich würde dich bitten, mit mir ins Bett zu gehen. Und nichts liegt mir ferner.“ Sein langes Schweigen verwirrte sie.

„Tatsächlich“, sagte er schließlich.

„Natürlich nicht“, fuhr sie fort. „Das wäre schrecklich von mir. Was ich meinte, war … Am besten fange ich noch mal von vorne an.“

„Okay.“

Ihre Haut prickelte, als sie seinen Blick auf ihrer Wange spürte. „Es ist einfach so, dass ich schon länger keinen Sex hatte. Ich meine, ich war nicht aus freien Stücken enthaltsam“, erklärte sie hastig. Sie konnte sich immer noch nicht richtig ausdrücken. Sie wollte nicht traurig und benachteiligt klingen, sondern fröhlich, frech und ein bisschen anzüglich. Vor allem sollte es sich so anhören, als wenn sie schon lange geplant hätte, sich an diesem Wochenende auszutoben. „Meine Karriere ist mir am wichtigsten. Sex läuft eher nebenher und ist nichts Ernstes. Ab und zu habe ich One-Night-Stands.“

„Nur beiläufigen Sex.“

„Ja, genau, so handhabe ich das“, schwindelte sie. „Aber es gibt da einen kleinen Haken. In Blue Hill gibt es nicht viele Männer, die dafür infrage kommen.“ Keinen. Und wenn ich einen fände, würden sich am nächsten Morgen die Leute das Maul darüber zerreißen. „Also dachte ich, dieses Wochenende wäre eine gute Gelegenheit, ein bisschen auf meine Kosten zu kommen. Aber jetzt, da ich meine Konkurrentinnen gesehen habe, ist mir klar, dass ich mich von Kopf bis Fuß neu stylen muss. Und da du ein alter Freund und ein verheirateter Familienvater bist, dachte ich, ich frage dich einfach, wie ich das am besten anstelle.“ Sie sah ihn von der Seite an.

Will starrte sie entgeistert an. Cecily dachte, dass er und Muffy verheiratet waren und er der Vater von Muffys Baby war! Das war ein so erschreckender Gedanke, dass er am liebsten laut protestiert hätte. Doch ein Gedanke hielt ihn zurück. Vielleicht ist das der einzige Grund, warum ihr nichts ferner liegt, als mit mir Sex zu haben. Denn er fühlte die starke Anziehung zwischen ihnen. Wenn er ihr also sagen würde, dass er gar nicht mit Muffy verheiratet war … Doch er konnte ihr das jetzt nicht sagen, weil er das sehr intime Gespräch nicht beenden wollte. Aber wenn der richtige Augenblick gekommen war, würde er das Missverständnis aufklären.

Jetzt wollte er zunächst einmal so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Cecily merkte offensichtlich gar nicht, dass sie die ganze Zeit im Kreis fuhren. Tatsächlich war das Krankenhaus nur ein paar Straßen von der Kirche entfernt. „Fahr auf die rechte Spur“, wies er sie an. „Dort kommt gleich die Ausfahrt Preston Road. Ich kenne eine Abkürzung zum Krankenhaus.“

„Was?“ rief Cecily und begann hektisch die Spuren zu wechseln. Will machte die Augen zu, als sie dabei einem Lastwagen den Weg abschnitt. Als das Auto plötzlich anhielt, hielt er die Augen immer noch geschlossen. „Geht es jetzt links oder rechts zur Preston Road?“ erkundigte sie sich ganz ruhig. „Will, rechts oder links? Oje, bist du schon wieder ohnmächtig geworden?“

3. KAPITEL

„Und ich dachte schon, ich hätte es verlernt, durch den Großstadt-Dschungel zu fahren. Dabei kann ich es noch genauso gut wie früher“, schwärmte Cecily.

„Ja, du fährst wie der Teufel.“

Sie warf Will einen Blick zu. Zwar war er nicht wieder in Ohnmacht gefallen, wirkte aber sichtlich mitgenommen. „Jetzt muss mir nur wieder einfallen, wie ich mich anzuziehen, zu frisieren, zu maniküren und zu schminken habe.“

„Ich sagte dir doch schon, dass du gut aussiehst.“

„Das war einmal“, berichtigte Cecily. „Meine Mutter hat sich immer darum gekümmert. Aber in dem Moment, als ich von zu Hause weggegangen bin … Oh, sieh nur, Will, das Krankenhaus.“ Abrupt bog sie rechts ab, und er wurde wieder blass. „Ich bin so froh, dass wir endlich da sind. Schade ist nur, dass ich mir von dir nun keine Tipps mehr in Bezug auf Kleider und Dessous geben lassen konnte.“

„Vielleicht finden wir ja noch ein paar Minuten Zeit dafür.“

Nichts wäre ihr lieber, als mit Will mehr Zeit zu verbringen, aber das wurde mit jeder Minute gefährlicher. Je eher sie Abstand zu ihm bekam, desto besser. Sie würde mit dem Taxi zurück zum Hotel fahren und sich in der schicken Sutherland’s-Filiale direkt gegenüber auf ihren eigenen Geschmack verlassen, um sich von einem hässlichen Entlein in einen schönen Schwan zu verwandeln. Außerdem war sie in Sorge, dass sie schon wieder ihre Grenzen überschritten hatte, als sie mit ihm über so persönliche Dinge wie BHs und Slips gesprochen hatte. „Ich hoffe, ich habe dich nicht in Verlegenheit gebracht.“

„Nein, nein, überhaupt nicht. Ich bin daran gewöhnt, als Experte für sexy Frauen zu gelten.“

Als Will sie in die Kategorie „sexy Frauen“ einordnete, wäre Cecily fast gegen einen Baum gefahren. Doch er dirigierte sie umsichtig auf einen Parkplatz vor dem Glen Oaks Care Center. Die Gegend kam ihr irgendwie bekannt vor. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. Sie musste ihn darüber aufklären, dass sie Tierärztin war und ihn fragen, ob diese Tatsache ein zu großer Schock für Muffy sein würde. „Will, es gibt etwas, dass ich dir noch sagen muss, bevor wir Muffy besuchen.“

Er war schon im Begriff, die Autotür aufzumachen, drehte sich um und sah sie mit einem unergründlichen Ausdruck in den Augen an.

Cecily verließ der Mut. Wahrscheinlich glaubt er, ich würde ihm gestehen, dass ich eine Schwäche für ihn habe und ihn schon vorhin mit dem Gerede über Sex auf Abwege hatte bringen wollen. Da lag er vollkommen falsch. Ihr Geständnis würde ihn wahrscheinlich wütend machen. Vielleicht so sehr, dass sie ihn dann nie mehr sehen wollte. Aber sie würde morgen ohnehin wieder nach Hause fliegen und ihn nie mehr zu Gesicht bekommen. Will war inzwischen ausgestiegen. Offensichtlich nahm er an, sie könnte ihr Geständnis auch unterwegs machen. Sie stieg ebenfalls aus. „Will?“

„Ich bin ganz Ohr.“ Er ging so schnell, dass sie kaum Schritt halten konnte.

„Will, ich bin keine Ärztin. Ich meine, ich bin zwar Ärztin, aber Tierärztin. Es stimmt, dass ich besonders auf Geburten spezialisiert bin. Aber dabei handelt sich nicht um menschliche Neugeborene.“

Er war auf dem Fleck stehen geblieben. „Du bist was?“ Zu ihrem Erstaunen verzog er den Mund zu einem amüsierten Lächeln.

„Ich bin Veterinärmedizinerin. Meine Patienten sind Kühe, Pferde, Schafe, Schweine, gelegentlich auch Ziegen …“

Will fing an zu lachen. „Das erklärt, warum du dich nicht mit ihnen verabredest.“

„Ja“, sagte sie und wartete auf seinen Wutanfall. „Deshalb ist das ländliche Vermont ein so guter Ort für mich“, fuhr sie dann schnell fort. „Dort werden Pferde gezüchtet, Schafe gehalten. Es gibt viele Milchbauern dort.“

„Diese Geburten, mit denen du angegeben hast, waren also Geburten auf Tier-Farmen! Muffy wird einen zu viel kriegen. Mann, oh, Mann, ich kann es kaum erwarten, ihr Gesicht zu sehen.“

Cecily war total verblüfft. „Will, du klingst, als wäre es ein Witz auf Muffys Kosten. Du solltest ihr beistehen und böse auf mich sein, weil ich mich falsch dargestellt habe. Du solltest mir mit Konsequenzen drohen.“

„Muffy wird durchdrehen!“ rief er fröhlich. Doch vor dem Eingang des Krankenhauses wurde er wieder ernst und wirkte fast gefährlich, als er sich zu ihr umdrehte. Offensichtlich nahm er nicht zur Kenntnis, dass sich die Türen automatisch geöffnet hatten, und die Mitarbeiterinnen an der Rezeption sie anstarrten. Er beugte sich ganz nahe zu ihr. „Na, warte, dafür wirst du büßen“, meinte er und lächelte.

Cecily hielt sich im Hintergrund, während Will kurz mit der Angestellten am Empfang sprach. „Muffy liegt im Ostflügel, Zimmer 24“, sagte er, als er zurückkam.

„Ich kann mir ein Taxi nehmen“, schlug Cecily vor. „Dann seid ihr ungestört.“ Und er müsste Muffys Wutanfall allein über sich ergehen lassen.

„Nein, sie will sich bestimmt bei dir bedanken.“ Will lächelte wie ein kleiner Junge, der gerade Niespulver verstreut hat. „Lass mich nur erst ein paar Minuten mit ihr allein sprechen. Ich werde ihr erzählen, was du in Wahrheit machst, und werde versuchen, sie zu beruhigen, bevor du nachkommst.“

„Wenn du es für das Richtige hältst.“

„Definitiv. Warte zehn Minuten und komm dann nach.“

Beklommen nahm Cecily in der Lobby Platz und überlegte, dass sie lieber einem wild gewordenen Bullen gegenübertreten würde als einer hysterischen Frau nach der Geburt.

„Will, du bist hier! Ich freue mich so, dich zu sehen. Komm, sieh dir deine Nichte an. Ist sie nicht bildschön? Du wirst ein toller Onkel werden. Sie wird ganz begeistert von dir sein.“

Die Frau, die das Baby in ihren Armen wiegte, sah aus wie Muffy, hörte sich aber nicht an wie sie. Will stand immer noch an der Tür und sah erneut auf das Namensschild, um sich zu vergewissern, dass er auch im richtigen Zimmer war. Ja, war er. Aber Muffy musste von irgendwelchen außerirdischen Kräften gesteuert sein. Woher kam das Strahlen auf ihrem Gesicht? Und diese liebevolle Stimme?

Seine Eltern kamen auf ihn zu und lächelten.

Will umarmte sie. „Hat sich Muffy deiner Ansicht nach verändert?“, flüsterte er seiner Mutter ins Ohr.

„Nein, warum? Sie scheint doch derselbe Schatz zu sein, der sie schon immer war“, murmelte seine Mutter. „Ich weiß, dass sie eine wundervolle Mutter sein wird. Genauso wie du eines Tages ein wunderbarer Vater sein wirst.“

Will sah Muffy skeptisch an. Er nahm ihr das neue Verhalten keine Sekunde ab. Trotzdem brauchte er ihre Hilfe. Er ging zum Bett und beugte sich hinunter, um seine Nichte zu betrachten. Sie war wirklich ein süßes Baby. Er stellte sich bereits vor, wie er später mit ihr ganz stolz in den Zoo oder Zirkus gehen würde. Doch jetzt hatte er andere Dinge zu erledigen. „Ist Gator noch nicht da?“

„Nein.“ Muffy lächelte weich. „Aber er ruft alle fünf Minuten an. Er ist gerade gelandet und auf dem Weg hierher.“

„Also wird er jede Minute da sein.“ Will hob vielsagend die Stimme.

„Ja, nun …“

„Jede Minute“, betonte er und sah Muffy an. „Vielleicht sollten Mom und Dad ihn draußen in Empfang nehmen. Du kennst doch Gator. Er wird so aufgeregt sein, dass er sich verlaufen könnte.“

Muffy musterte Will einen Moment. „Oh ja, ein Empfangskomitee wäre gut. Daddy würdest du nach draußen gehen und auf Gator warten? Und ich brauche dringend eine Bodylotion aus dem Laden unten. Ich habe meine vergessen.“

Das rief ihre Mutter auf den Plan. „Natürlich, Liebes“, sagte Mrs. Murchison warm. „Bodylotion ist jetzt ganz wichtig, Wir wollen ja nicht, dass Schwangerschaftsstreifen zurückbleiben. Komm, Bill, lass uns nach Gator Ausschau halten. Wir sind gleich zurück, ihr Lieben.“

„Was ist denn los?“, flüsterte Muffy, als ihre Eltern fort waren.

„Die Ärztin“, erwiderte Will angespannt. „Ich kenne sie. Ich bin schon verrückt nach ihr, seit ich auf der Schule in Exeter war. Aber sie nimmt an, dass wir beide verheiratet sind.“

„Ach, du meine Güte.“ Jetzt klang sie wieder wie die alte Muffy.

„Ich möchte, dass sie das noch eine Weile glaubt.“

„Warum denn?“

Weil mir vorhin klar geworden ist, dass Cecily bezüglich sexy Kleider und Dessous meinen Rat einholen wird, solange sie denkt, dass ich glücklich verheiratet bin, dachte er. Vielleicht kann ich sie sogar dazu überreden, sie beim Einkaufen begleiten zu dürfen. Die Vorstellung machte ihn total an. Er räusperte sich. „Ich habe meine Gründe. Du spielst mit, okay?“

Muffy sah ihre kleine Tochter liebevoll an. „In meinem Leben gibt es jetzt zwar wichtigere Dinge, aber Zwillinge müssen nun einmal füreinander da sein.“ Sie seufzte.

„Ich habe dir schon sehr zur Seite gestanden“, meinte Will und warf einen erneuten Blick auf das Baby, das wirklich niedlich war. Nun wurde es Zeit, Muffys liebevolles Verhalten einem Härtetest zu unterziehen. „Übrigens, Muffy, in Wirklichkeit ist Cecily eine …“

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Cecily steckte den Kopf ins Zimmer.

Nachdem Cecily zehn Minuten in der Lobby gesessen hatte, war sie zum Aufzug gegangen. Als sich die Aufzugtüren öffneten, stieg ein attraktives älteres Paar aus. Die Frau war schlank und hübsch, und ihre braunen Haare waren leicht ergraut. Der Mann jedoch war die ältere Ausgabe Wills. So würde Will wohl in dreißig Jahren aussehen. Das mussten seine Eltern sein. Cecily lächelte, fuhr mit dem Aufzug nach oben und wagte sich vorsichtig in Muffys Zimmer.

„Oh, sieh nur. Will, hier ist die Ärztin!“ sagte Muffy. „Es ist sehr süß von Ihnen, dass Sie nach mit sehen.“

Erstaunt kam Cecily näher. War das noch dieselbe Muffy? Sie hatte Will während der Geburt gesagt, dass Frauen in diesem Zustand nicht mehr sie selbst waren, und das stimmte offensichtlich. Muffy war nicht schrecklich. Sie hatte nur ein Baby bekommen.

Muffy griff nach Cecilys Hand. „Sie waren großartig“, sagte sie warm. „Ich kann Ihnen gar nicht genug danken.“

„Sie hat ihre Sache gut gemacht, nicht wahr?“ Wills Stimme klang fast genauso warm wie Muffys, löste bei Cecily aber völlig andere Reaktionen aus. „War es nicht unglaublich, dass auf der Probe der Trauungszeremonie eine erstklassige Ärztin anwesend war? Weißt du, was sie mir erzählt hat, Muffy? Das sie eine Expertin für schwierige Geburten ist!“

Cecily erstarrte. Er hätte Muffy doch schon lange sagen sollen, dass sie Tierärztin war.

„Was für ein Zufall!“ meinte Muffy mit großen Augen. „Ich muss einen Schutzengel haben.“

Will warf Muffy einen ironischen Blick zu. „Ja, sie ist eine Expertin – eine Expertin für Geburten von Kälbern, Fohlen und Ferkeln.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Dein Schutzengel hat dir eine Tierärztin geschickt. Was sagst du dazu, Muffy?“

Die Spannung zwischen Will und Muffy war fast greifbar. Irgendetwas geht zwischen den beiden vor, was nichts damit zu tun hat, dass ich Tierärztin bin, dachte Cecily.

Muffy starrte erst sie und dann Will einen Moment fassungslos an. Plötzlich verzog sie das Gesicht zu einem fröhlichen Grinsen. „Das ist das Komischste, das ich jemals gehört habe.“ Sie begann zu lachen.

Will wirkte wie vom Schlag getroffen. „Meine Güte, sie ist wirklich wie verwandelt.“

„Was?“, murmelten Muffy und Cecily wie aus einem Mund.

„Äh, nichts. Nichts. Komm her, Cecily und sieh dir das Baby an.“

Cecily schmolz dahin, als sie die winzigen Hände, die Stupsnase und die langen Wimpern betrachtete. „Sie ist entzückend“, sagte sie. „Sie wird euch beide so glücklich machen.“ Will konnte doch keine Probleme mit dieser süßen, mütterlichen Muffy haben und dachte bestimmt nicht an Scheidung. Noch weniger würde er daran denken, dieses bildschöne Baby zu verlassen. Sie gab sich Mühe, sich für die frisch gebackenen Eltern zu freuen.

Muffy lächelte Will etwas albern an. „Wir haben uns noch nicht für einen Namen entschieden, Liebling. Aber ich denke, ich würde sie gern Cecily nennen. Cecily“, sagte sie zu dem Baby, „darf ich dir Cecily Connaught vorstellen, die wunderbare Frau, die dich unter schrecklichen Umständen auf die Welt gebracht hat.“

Cecily machte der Gedanke, dass Will ein Baby namens Cecily haben würde, ungeheuer nervös. Aber sie kam nicht zu Wort, weil Will sie so stürmisch umarmte, dass es ihr den Atem verschlug.

„Ja, wir werden sie Cecily nennen“, sagte er herzlich, ließ Cecily wieder los und sah sie an. „Vielleicht könntest du ihre Patentante werden.“

„Oh ja!“ rief Muffy. „Das würde uns sehr viel bedeuten.“

„Ich bin geschmeichelt“, erwiderte Cecily mittlerweile fast panisch. „Aber ich …“

„Danke“, sagten Will und Muffy gleichzeitig und lächelten sie an.

Das Telefon läutete, und Muffy nahm ab. „Einen Moment“, meinte sie und hielt die Sprechmuschel zu. „Es ist unser Freund Gator“, informierte sie Will.

„Rede du mit ihm. Ich werde Cecily zurück ins Hotel fahren und sobald wie möglich wieder hier sein, Schatz“, erklärte Will.

„Nein“, protestierte Cecily. Sie würde es keine weitere Minute zusammen mit Will auf so engem Raum aushalten. „Ich nehme ein Taxi.“

„Auf keinen Fall!“ entgegnete Muffy. „Ich bestehe darauf, dass Will Sie ins Hotel zurückbringt.“

„Da ist noch etwas“, meinte Will. „Ich muss Zigarren besorgen, und Cecily muss ein paar Dinge einkaufen gehen. Da sie sich hier nicht mehr gut auskennt, werde ich sie begleiten, bevor ich sie ins Hotel zurückbringe. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich ein paar Stunden wegbleibe, oder?“

Nun erlitt Cecily eine Angstattacke. „Nein, du musst nicht mit mir einkaufen …“

„Nimm dir nur alle Zeit der Welt, Liebling“, sagte Muffy.

„Dann verabschieden wir uns also.“ Will gab Muffy, die weiter mit Gator telefonierte, ein Küsschen auf die Wange. Dann beugte er sich zum Baby und küsste es sehr sanft. „Du und ich werden gute Freunde werden“, flüsterte er.

Das Baby blinzelte, und Cecily trat gerührt neben ihn. „Ich bin deine Patentante Cecily.“

„Eine Patentante, die jetzt erst einmal verschwinden wird“, kommandierte Will energisch.

„Ich sagte gerade, dass ich die Patentante dieses süßen Babys werde“, meinte sie, als Will sie den Gang entlangzog.

„Sehr nett von dir.“

„Aber wir kennen uns kaum, und ich werde in Vermont sein, während die kleine Cecily in Houston aufwachsen wird. Also, wenn du … wenn ihr es euch noch anders überlegen wollt, ist das kein Problem. Muffy ist derzeit übermäßig emotional. Das kommt von der Geburt.“

Will verlangsamte seine Schritte. „Sie ist wie verwandelt. Dieses Baby zu bekommen hat sie völlig verändert.“

„Wie auch immer“, sagte Cecily. „Mit der kleinen Cecily wird eure Bindung noch stärker werden.“

„Glaub mir, die ist schon jetzt sehr stark.“

„Nun, gut.“ Zumindest für ihn, Muffy und das Baby. Was sie selbst anging, musste sie jetzt dringend an die frische Luft. „Es ist wirklich sehr nett, dass du mich ins Hotel zurückbringst, aber du wirst keine Zeit mit Einkaufen verschwenden. Gegenüber ist eine Sutherland’s-Filiale. Setz mich einfach am Hotel ab.“

„Wie du willst.“

Das wollte sie nicht, aber es war die einzig erträgliche Alternative. Sie wollte ihn, aber sie konnte ihrem Verlangen nach Will nicht nachgeben. Sie musste sich darauf konzentrieren, in den nächsten vierundzwanzig Stunden einen anderen Mann zu verführen.

Will konnte sich nicht genug über Muffys Verwandlung wundern. Zusammen hatten sie gerade Cecily erfolgreich über seinen Single-Status im Dunkeln gelassen. Vorher hatte sie noch mit ihm kooperiert. Nun musste er nur noch Cecily auf den Gedanken bringen, mit ihm ins Bett zu gehen. Dann könnte heute einer der großartigsten Tage seines Lebens werden. „Bevor du einkaufen gehst, sollten wir reden. Du hast mich nach Kleidern gefragt.“ Zu seiner Erleichterung steuerte er jetzt das Auto, und sie hatte nicht protestiert.

„Oh. Ja. Also, ich weiß schon, wie ich verführerisch wirken kann“, erklärte sie mit einem Augenaufschlag, und Will konnte ihr da insgeheim nur zustimmen. „Aber mir fehlt die Praxis. Ich habe bemerkt, dass keiner der Freunde des Bräutigams mir einen zweiten Blick geschenkt hat. Dabei wäre ein Freund des Bräutigams für meine Zwecke so praktisch. Was soll ich tragen, um zu signalisieren, dass ich zu haben bin? Ich meine, für ein sexuelles Abenteuer?“

Dass sie die Freunde des Bräutigams im Sinn hatte, brachte Will auf. Glücklicherweise wusste er, dass drei von ihnen verheiratet waren, und Chaz, der als Aufreißer galt, schwul war. Nur den Trauzeugen des Bräutigams kannte er nicht. Es war schon merkwürdig, dass alle drei Männer, die bei der Hochzeit als Freunde von Gus auftraten, eigentlich Sallys Freunde waren. Außer Gus’ Trauzeugen, den kaum jemand richtig kennen gelernt hatte. Will hatte den Mann auf ein paar Partys getroffen, wo er ohne Begleitung erscheinen war, also war er vielleicht Single. Will würde ihn im Auge behalten müssen. So wie Gus, wenn auch aus völlig anderen Gründen.

Doch jetzt wartete Cecily darauf, dass er ihr ein sexy Kleid beschrieb. „Etwas Kurzes, etwa bis zum Knie. Und schwarz sollte es sein und tief ausgeschnitten.“ Bei der Vorstellung, dass Cecily ein tief dekolletiertes Kleid tragen würde, wurde ihm ganz heiß.

„Ich dachte mir schon, dass du mir etwas in der Art vorschlagen würdest.“ Sie musterte ihn. „Was ist mit Dessous? Was mögen Männer da am liebsten?“

Will rutschte unbehaglich auf seinem Sitz herum. „Tja, also …“

„Stimmt es, dass aufreizende Dessous einen Mann mehr antörnen als nackte Tatsachen?“

Will wurde klar, dass Cecily keine Ahnung hatte, dass er sie in seiner Fantasie schon bis auf die Dessous ausgezogen hatte. Aber er musste weiter den verheirateten Mann spielen, der als unbeteiligter Ratgeber auftrat. „Ich weiß nicht, wie das bei anderen Männern ist. Denn wenn Männer zusammen sind, reden sie eher über die Brüste der Frauen als über deren Kleider. Also werde ich dir einfach sagen, was ich gern an Frauen sehe. Wenn ich mich mit einer Frau …“, er konnte sich gerade noch stoppen. „Wenn ich mich früher mit einer Frau verabredet habe, gefiel es mir, wenn sie mir gefallen wollte. Ich wollte, dass sie hübsch, weiblich, freundlich und nett aussieht. Und vor allem, dass sie sich freut, mich zu sehen.“

Cecily hörte ihm aufmerksam zu. Will, der vorher noch nie über seine Vorlieben gesprochen hatte, machte seine Offenbarung verlegen. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, um zu sehen, wie sie es aufgenommen hatte, und bemerkte, dass sie traurig wirkte. „Bist du okay?“ fragte er besorgt. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Nein. Alles bestens.“

War sie traurig, weil er angeblich mit Muffy verheiratet war? Will hoffte das sehr. Sollte er ihr jetzt gestehen, dass er Single und wirklich zu allem bereit war? Aber auch dann war nicht völlig auszuschließen, dass sie ihm einen Korb gab. Und eine solche Enttäuschung konnte er im Moment nicht verkraften. Aber je mehr Zeit er mit Cecily verbringen – und je länger er sie von anderen allein stehenden Männern fern halten würde – desto besser für ihn. Er würde mit ihr einkaufen gehen, ob sie es nun wollte oder nicht. Er stellte sich vor, wie Cecily in einem String aussehen würde, und allein der Gedanke setzte ihn unter Strom.

4. KAPITEL

Das Courtland war ein elegant eingerichtetes und sehr renommiertes Hotel mit exquisitem Service mitten in Dallas. Will fuhr vor, schnappte sich Cecilys Arzttasche und reichte sie zusammen mit seiner Reisetasche dem Parkwächter. „Wir gehen jetzt einkaufen und checken später ein.“

„Nein!“ widersprach Cecily. „Ich gehe einkaufen. Du fährst zurück ins Krankenhaus.“

„Ich muss Zigarren kaufen.“

„Gibt es bei Sutherland’s Zigarren?“

„Bestimmt.“

„Dann wirst du deine Zigarren besorgen, und ich kaufe was zum Anziehen. Vielen Dank für deine Tipps.“

„Ich kann dir im Geschäft noch besser helfen. Wir haben noch gar nicht über Dessous gesprochen. Außerdem ist es für mich einfacher, dir die Sachen zu zeigen, als sie zu beschreiben.“

„Ich glaube, das wäre mir unangenehm.“ Sie fühlte sich schon jetzt ausgesprochen unwohl.

„Aber warum denn?“ fragte Will unschuldig. „Wir sind alte Freunde. Du hast Muffy kennen gelernt und gehört, dass sie gesagt hat, wir sollten uns ruhig Zeit lassen. Ich bin nur dazu da, damit du das richtige Kleid aussuchst, um die Männer auf dich aufmerksam zu machen.“ Er ließ ihr keine andere Wahl und führte sie quer über die Straße, durch die altmodisch wirkenden Türen des Geschäfts und dort geradewegs zum Aufzug. „Wir fangen im dritten Stock an.“

Minuten später sah Cecily einen Ständer mit schwarzen Cocktailkleidern durch und suchte einfach das verführerischste Kleid heraus. „Wie findest du das?“ Sie versuchte, selbstsicher zu klingen. Dabei machte ihr schon die Vorstellung Angst, in diesem ausgesprochen kurzen schwarzen Seidenkleid mit Spaghettiträgern einen Raum zu betreten. Aber wenn Sutherland’s es verkaufte, musste man sich in Dallas ja wohl auch damit zeigen können.

Will schien nicht sonderlich begeistert zu sein. „Wenn du das morgen Abend zur Probe des Hochzeitsdinners anziehst, werden hinterher die Männer vor deiner Zimmertür Schlange stehen. Aber darum geht es ja vermutlich auch.“

Nein, das ging Cecily doch ein bisschen zu weit. Ein Mann war vollends genug, wenn es der richtige war. Sie starrte auf das Preisschild. „Meine Güte, es kostet siebenhundert Dollar. Wenn ich den entsprechenden Stoff hätte, könnte ich mir das selber schneidern.“

Will verschränkte die Arme über der Brust. „Ja, es ist definitiv sein Geld nicht wert.“

„Geld ist kein Thema.“ Sie nahm das Kleid und drehte sich zu den Umkleidekabinen um.

„Dann zahlt sich deine Praxis also aus?“

„Ja, und ich gebe nicht mal ein Drittel von dem aus, was ich verdiene.“ Nervös trat Cecily von einem Fuß auf den anderen. Die Vorstellung, dass Will sie jetzt gleich hier in diesem Kleid sehen würde, ließ sie unruhig werden.

„Warum?“

Verdammt, war er hartnäckig! „Weil es dort kaum eine Gelegenheit gibt, es auszugeben. Aber keine Sorge, ich habe es gut angelegt. Sieh mal, Will, du sollst Zigarren besorgen, und ich will mir Kleider kaufen. Wir haben keine Zeit, um über meine Vermögensplanung zu diskutieren.“

„Du hast Recht.“

Aber sich verabschieden und verschwinden tut er nicht, dachte Cecily.

„Ich denke, du solltest dich noch etwas umsehen. Dieses Kleid ist ein bisschen zu gewagt“, erklärte Will eine Spur zu resolut.

„Keine Zeit.“

„Du könntest den Männern damit auch Angst einjagen. Ich würde für ein etwas dezenteres Kleid plädieren.“

„Will, ich brauche keinen Mann, dem ein Cocktailkleid Angst einjagt. Wenn das Kleid keine Zweifel an meinen Absichten lässt, ist es genau das Richtige. Ich werde es anprobieren. Danke für deine Hilfe. Ich hoffe, du findest die Zigarren, die du suchst.“

„Aber …“, sagte er, bevor sie zu dem Umkleidekabinen floh.

Will steckte in einem Dilemma. Wenn er Cecily die Wahrheit gesagt hätte, könnten sie jetzt zusammen im Bett liegen. Dann würde sie sich nicht abends in diesem aufreizendem Kleid präsentieren wollen. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass Derek Stafford, Gus’ Trauzeuge, Single war. Und als Trauzeuge würde Stafford ganz bestimmt beim traditionellen Dinner nach der Generalprobe dabei sein. Doch Will wollte auf keinen Fall, dass Cecily in diesem Aufzug vor Derek Stafford herumtänzelte. Also würde er die Zigarren, die er Gator besorgen sollte, einfach vergessen. Stattdessen würde er die Dessous-Abteilung ausfindig machen und Cecily nach der Anprobe direkt dorthin dirigieren.

Vor einer Schaufensterpuppe blieb er plötzlich stehen. Er hatte das perfekte Kleid gefunden. Es war ein dünnes ärmelloses Seidenkleid in der Farbe von Cecilys Haut mit einem Blumenmuster im Blauton ihrer Augen. An der Vorderseite des Kleides war eine lockere Rüsche angebracht, die sich von der Schulter bis zum Schlitz im Rock des Kleides zog. Es war ein leicht verspieltes, sehr feminines Kleid. Und sehr teuer, wie er bei einem Blick auf das Preisschild feststellte. Aber irgendetwas hatte ihn aufmerksam werden lassen, genauso wie Cecily ihn irgendwie aufmerksam werden ließ. Sie mochte süß und lieb aussehen, hatte aber eine sehr starke Persönlichkeit.

Er fragte sich, ob sie im Bett auch so direkt und engagiert war. Bei dem Gedanken, dass sie dieses Kleid tragen und ihre langen, schlanken Beine um ihn legen würde, wurde ihm ganz heiß. Will ließ sich von einer Verkäuferin das Kleid in der Größe holen, die er auf dem Etikett des schwarzen Cocktailkleides gelesen hatte, das Cecily gerade anprobierte. Dann raste er mit dem Kleid zu den Ankleidekabinen, die Cecily aufgesucht hatte.

Eine andere Verkäuferin stellte sich ihm in den Weg. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Nein, danke. Ich suche die Frau in dem geblümten Kleid.“

„Mit den weißen Satin-Stilettos?“

„Genau.

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