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TIFFANY EXKLUSIV BAND 54

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Ich will ’nen Cowboy - im Bett!

1. KAPITEL

„Und hier sind sie, die Gastgeber unserer beliebten Show ‚Meg und Mel am Morgen‘: Meg Delancy und Mel Harrison!“

Strahlend betrat Meg die Bühne und verbeugte sich vor dem Studiopublikum, das begeistert applaudierte. Dann folgte der sanft lächelnde Mel. Dass die Zuschauerzahlen zurzeit nicht allzu gut aussahen, durfte man ihnen nicht anmerken. Es bestand durchaus die Gefahr, dass sie ihren Spitzenplatz verlieren würden.

Warum das so war, wusste niemand so recht.

Aber es gab allerlei Gerüchte, unter anderem, dass Mel und sie sich nicht mehr gut genug verstünden. Und wenn einer der Studiobosse diesem Gerücht Glauben schenkte, waren Megs Tage gezählt. Ihr Partner hatte die Show vor acht Jahren gestartet, und kein Mensch würde auf die Idee kommen, den grauhaarigen Mel zu feuern.

Doch Meg war fest entschlossen, ihren Job zu behalten.

Das Fernsehen hatte sie immer schon fasziniert. Schon als kleines Mädchen hatte sie begeistert alle Kindersendungen gesehen, und eines Tages hatte sie ihren erstaunten Eltern verkündet, dass sie eines Tages ihre eigene Fernsehshow haben würde. Die Eltern hatten nur gelacht.

Auch als sie anfing, das Wohnzimmer in Brooklyn in ein Studio zu verwandeln, lächelte ihre Familie darüber. Jeder fand sie süß.

Doch als sie dann in der Schule und später auf dem College diesen Traum weiterverfolgte, begannen ihre Eltern doch, sich Sorgen zu machen. Sie kannten niemanden, der in der Unterhaltungsindustrie Erfolg gehabt hätte. Deshalb versuchten sie, Meg von dieser Idee abzubringen, und schlugen ihr allerlei Berufe vor, von Krankenschwester über Lehrerin bis zur Bankerin. Auch die engsten Freunde und Freundinnen hielten nichts von Megs ehrgeizigem Plan. Doch all das bestärkte Meg nur noch mehr in ihrer Überzeugung, unbedingt Moderatorin werden zu wollen.

Sie hatte schließlich irgendeinen kleinen Job bei der Morgen-Show ergattert, die damals noch „Marnie und Mel am Morgen“ hieß. Meg arbeitete hart und gehörte bald zum technischen Stab. Aber das war eigentlich nicht ihr Ziel, denn sie wollte Mels Co-Moderatorin werden. Als Marnie überraschend am Blinddarm operiert werden musste, sprang Meg für sie ein. Und als Marnie sich dann entschloss, eine Rolle in einem Kinofilm anzunehmen, überredete Meg Mel, sie als Marnies Nachfolgerin zu akzeptieren.

Ihre Familie und die Freunde konnten es immer noch nicht recht glauben. Sie befürchteten, dass Meg der Ruhm zu Kopf steigen würde, aber sie war entschlossen, normal und natürlich zu bleiben.

Der Applaus ließ nicht nach, denn die Produzentin Sharon Dempsey stand an der Seite, unsichtbar für die Kamera, und feuerte das Publikum immer wieder an. Erst als Mel und Meg sich auf das gemütliche Sofa setzten und nach ihren Kaffeebechern griffen, wurde es still.

Mel nahm einen Schluck von seinem kaffeebraun gefärbten Wasser und wandte sich lächelnd an Meg. „Tolles Wochenende gehabt?“ Meistens war er es, der das Gespräch anfing. „Jede Menge Halloween-Partys, was? Und dann war es auch wettermäßig noch so angenehm. Heute ist schon der erste November, und bisher gibt es keinen Schnee in Manhattan. Also, wie war Ihr Wochenende?“

„Freitagabend bin ich mit ein paar Freundinnen ausgegangen, aber es hat leider kein toller Mann angebissen.“

„Wie schade. Und Sonnabend?“

„Sonnabend habe ich mir den Film ‚Die Mumie‘ auf DVD angesehen. Allein.“ Meg nahm einen Schluck stark verdünnte Cola. Ihr nicht vorhandenes Liebesleben war ein beliebter Gag der Show, aber Meg hing das allmählich zum Hals heraus. Dabei war das allein ihre Schuld. Denn sie steckte immer so tief in Arbeit, dass sie gar keine Zeit hatte, jemanden kennen zu lernen.

„Ich dachte, den Film hätten Sie schon am letzten Wochenende gesehen.“

„Ich schwärme nun mal für Brendan Fraser.“ Viel lieber hätte sie an dem Abend ein heißes Date gehabt. Seit sie ihren beruflichen Traum verwirklicht hatte, musste sie feststellen, dass das mit gewissen Einschränkungen verbunden war.

Denn trotz des erotischen Geplänkels mit Mel, mit dem sie gelegentlich die Show würzten, war er ausgesprochen konservativ. Meg wusste, dass sie sofort gefeuert würde, sobald irgendein Klatschblatt ihr eine wilde Affäre anhängen würde.

Aber sie wollte sowieso erst ihre TV-Karriere festigen, bevor sie heiratete, und das konnte noch Jahre dauern. Meg konnte sich durchaus vorstellen, Mann und Kinder zu haben, sofern sie das mit ihrem Beruf vereinbaren konnte. Und ihr Ehemann müsste akzeptieren, dass sie ihre Karriere nie aufgeben würde.

„Ts, ts!“ Mel schüttelte den Kopf. „Was ist denn bloß mit den jungen Männern in dieser Stadt los? Bei einer hinreißenden Rothaarigen wie Ihnen müssten die Männer doch Schlange stehen.“

„Wahrscheinlich sind all die tollen Männer schon vergeben. Aber wie war es denn bei Ihnen? Sie waren doch sicher auf einer Halloween-Party?“ Im Gegensatz zu Meg führten Mel und seine Frau ein ereignisreiches gesellschaftliches Leben und schienen nie zu Hause zu sein.

„Evie und ich waren bei einer Party im ‚Starlight Room‘. Und ich muss Ihnen sagen, der absolute Hit war ein Mann, der als Cowboy auftrat. Er wirkte sehr echt und kannte sogar eine Reihe von Lassotricks. Die Frauen waren hingerissen.“

Meg legte sich die Hand aufs Herz und seufzte laut. „Ich liebe Cowboys, besonders wenn sie diese engen Jeans tragen, die ihre … ihre Persönlichkeit so wunderbar zur Geltung bringen.“ Sie hob schmunzelnd die Augenbrauen, und das Publikum lachte.

Tatsache war, dass sie wirklich für Cowboys schwärmte. Ihr Dad liebte Western, und so hatte sie fast alle bekannten Filme dieses Genres gesehen, von ‚Gunsmoke‘ bis zu den Spaghetti-Western mit Clint Eastwood.

„Leider stellte sich dann heraus, dass der Cowboy schwul war.“

„Das ist es ja, was ich immer sage. Die tollen Männer sind entweder schon vergeben oder schwul. Zumindest in New York.“ Doch dann lächelte Meg. „Vielleicht sollte ich in den Wilden Westen gehen und mich selbst nach einem lassoschwingenden Cowboy mit echten Sporen an den Stiefeln umsehen.“

Mel schüttelte den Kopf, ohne das sich auch nur eine Strähne seines perfekt gestylten Haare bewegte. „So etwas gibt es nur noch in Hollywood-Filmen.“

„Das glaube ich nicht. Ich wette, der Westen steckt immer noch voller sexy Cowboys, die in engen Jeans über die Prärie reiten …“

„Ich fürchte, dieser Traumcowboy ist nur ein Mythos. Aber wo wir schon bei Mythen und Cowboys sind, Viggo Mortensen, der Star aus ‚Herr der Ringe‘ und ‚Hidalgo‘, ist hier, um uns von seinem nächsten Projekt zu erzählen. Das wäre doch ein Fantasiecowboy für Sie, Meg. Sie haben Viggo doch bestimmt in ‚Hidalgo‘ gesehen?“

„Sechs Mal.“

„Das habe ich mir gedacht. Außerdem haben wir einen Zauberer eingeladen, der momentan in New York auftritt. Das alles nach einer kleinen Werbepause.“

Sofort stürzte Sharon auf die Bühne. „He, die Telefone spielen verrückt! Alle Welt will sehen, wie Meg sich im Westen ihren Cowboy angelt!“

Meg lachte. „Das habe ich mir gedacht. Aber es war doch nur ein Scherz. Ich war noch nie im Wilden Westen und habe nicht die Absicht …“

„Aber, Meg! Überleg doch mal! Das könnte genau das sein, was wir dringend brauchen.“ Sharon war ganz aufgeregt.

„Das ist wirklich keine so schlechte Idee“, sagte Mel langsam. „Je länger ich darüber nachdenke …“

„Es ist eine fantastische Idee!“ Sharon war außer sich vor Begeisterung. „Ich weiß auch schon, wie wir das Ganze nennen: ‚Auf der Suche nach dem schärfsten Cowboy des Wilden Westens‘.“

Mel nickte. „Gefällt mir gut.“

Meg fand die Idee absurd. Und sie wollte auf keinen Fall ihren Platz in der Show räumen. „Ich weiß nicht, Sharon. Findest du nicht, wir sollten die Sache gut überlegen, bevor wir eine voreilige Entscheidung fällen?“

„Über die Einzelheiten können wir uns noch in Ruhe unterhalten. Aber mir kribbelt die Haut, und das ist ein Zeichen dafür, dass etwas dran ist an der Idee. Du kannst doch mit Jamie auf die Suche gehen. Die Kandidaten stellen wir dann hier dem Publikum vor, und das bestimmt dann den Sieger. Das bringt ganz sicher Quote. Ist das nicht toll?“

Meg war kein bisschen überzeugt. „Aber ich kann doch nicht einfach aus der Show aussteigen, um mich auf die Suche nach Cowboys zu machen.“

„Warum denn nicht?“ meinte Mel. „Ist doch nur für ein paar Tage. Und Sharon hat Recht, was die Quote betrifft.“

„Aber wer wird die Show mit dir machen, wenn ich nicht da bin?“ Das war natürlich eine rhetorische Frage. Mona Swift natürlich. Sie war schon lange hinter Megs Job her und wartete nur darauf, dass ihr der kleinste Fehler unterlief. Und bevor Meg sich versah, würde die Show „Mona und Mel am Morgen“ heißen.

„Wir haben doch Mona“, sagte Sharon denn auch prompt. „Ich bin sicher, sie wird für eine gewisse Zeit gern aushelfen.“

Allerdings. Und sie wird alles daransetzen, mir meinen Job auf Dauer wegzunehmen. „Aber das wird doch alles viel zu teuer. Hotels und so …“

„Ach was.“ Mel war jetzt ganz begeistert von der Idee. „Ich bin sicher, dass sich einige Ranches kostenlos für die Ausscheidungswettkämpfe zur Verfügung stellen werden. Wir könnten doch mit Georges Ranch in Arizona anfangen. Er ist dankbar für jede Publicity, die nichts kostet.“

Meg sah Mel verzweifelt an und machte einen letzten Versuch. „Aber, Mel, das bringt doch unser ganzes Showkonzept durcheinander. Und ich weiß doch, wie sehr Sie Änderungen hassen.“

„Das schon, aber noch mehr hasse ich es, wenn wir Zuschauer verlieren. In diesem Fall bin ich voll auf Sharons Seite. Sie müssen das einfach tun, Meg.“

Damit war die Sache beschlossen. Mel hatte gesprochen.

„Warum kann ich auch nie den Mund halten!“ Meg starrte aus dem Fenster des Übertragungswagens, den Jamie bei einem Sender in Phoenix gemietet hatten. Sie waren gerade südlich von Tucson, auf dem Weg zu Georges Ranch. George, Multimillionär und Pokerfreund von Mel, hatte die Farm als Investition gekauft und wartete jetzt darauf, dass die Preise stiegen. Er kam selten hierher, und Meg konnte sich vorstellen, warum.

Jamie seufzte aus tiefstem Herzen. „Hast du etwa vor, die nächsten zwei Wochen zu stöhnen und zu klagen? Das kann ich nämlich auch. Alison und ich haben gerade eine Krise, da passt es mir gar nicht, weg zu sein. Wer weiß, was in meiner Abwesenheit passiert.“

„Ich weiß, ich weiß. Aber was ist schlimmer? Alison gibt der Versuchung nach und geht mit jemand anderem aus, oder Mona richtet sich auf Dauer in meinem Job ein? Alison kommt doch sofort zu dir zurück, du brauchst nur mit den Fingern zu schnipsen.“ Jamie und Alison passten einfach perfekt zueinander, das war offensichtlich.

„Das ist ja sehr tröstlich! Du denkst also, Alison angelt sich jemand anderen? Aber davon abgesehen, Mona kann dir den Job gar nicht wegnehmen. Du hast zu viele Fans. Und du bist so erfolgreich, weil du ein absolut ehrlicher Typ bist.“

„Irrtum, mein Erfolg hält sich in Grenzen. Die Quote sinkt. Aber wo wir schon bei ehrlich sind: Ich bin stinksauer, dass ich hier sein muss.“ Sie machte eine weit ausholende Armbewegung. „Sieh dir das an. Hier ist nichts, einfach nichts. Nur Berge, Hügel und Kakteen.“

„Cowboyland.“

„Hör bloß auf! Ich liebe Cowboys, aber nicht mitten im Nirgendwo, sondern mitten in New York, am besten im Madison Square Garden. Ich werde nie wieder ungefragt meinen Mund aufmachen. Es sollte doch nur ein Witz sein, dass ausgerechnet ich, die typische Großstadtpflanze, den Wilden Westen nach einem Mann durchkämmt.“

„Das Ganze ist natürlich ein Witz. Das ist ja das Gute daran. Ich wünschte nur, sie hätten dir Wayne oder Dave mitgegeben.“

Meg warf ihm einen Blick zu. Jamie tat ihr wirklich Leid. „Ich bin froh, dass du mitkommst. Mit Dave und Wayne komme ich längst nicht so gut aus wie mit dir.“

„Ich habe ja auch nichts gegen dich, Meg. Ich habe nur Angst, dass ich Alison verliere, während wir hier in der Wildnis unterwegs sind.“

„Bestimmt nicht. Wo sind wir eigentlich?“ Meg beugte sich vor und hob die Karte vom Boden auf.

„Wir erreichen gleich die aufregende Metropole Sonoita.“

„So?“ Meg beugte sich vor und blickte angestrengt durch die Windschutzscheibe. Die niedrig stehende Sonne warf einen rötlichen Schein auf die Kreuzung vor ihr. „Hier sind doch nur fünf oder sechs Häuser.“

„Das ist Sonoita. An der Kreuzung müssen wir uns links halten, und nach zwei Meilen rechts kommt schon die Circle-W-Ranch.“

„Was? Aber hier gibt es ja gar keine Stadt, ja noch nicht einmal ein Einkaufszentrum. Wo soll ich denn bloß meinen Caffee Latte bekommen?“

Jamie grinste. „Schade, dass ich deine Reaktion eben nicht aufgenommen habe. Die Zuschauer wären begeistert.“

Meg atmete tief aus und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. „Keine falschen Hoffnungen, Jamie Cranston. Ich werde den Zuschauern nicht die Genugtuung geben, mich jammern zu sehen.“ Sie lehnte den Kopf zurück. „Aber ich hätte für mein Leben gern einen heißen Cappuccino.“

„Wer weiß, vielleicht haben sie eine Espressomaschine auf der Ranch.“

Meg starrte teilnahmslos auf die vorüberziehende Landschaft. Sie hatte genügend Western gesehen und wusste, dass das äußerst unwahrscheinlich war. „Damit würde ich nicht rechnen, mein Junge.“

Clint hatte gehofft, dass sich nach harter Arbeit und einer heißen Dusche seine Laune bessern würde, aber er hatte sich getäuscht. Er war immer noch wütend. Zwar gehörte die Circle-W-Ranch jetzt offiziell George Forester, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, die Ranch in eine Fernseh-Location zu verwandeln.

Gut, dass Clints Dad das nicht mehr erleben musste, von Clints Urgroßvater gar nicht zu reden, der die Ranch mit seinen eigenen Händen aufgebaut und zu dem gemacht hatte, was sie lange Jahre gewesen war: ein Schmuckstück. Clint mochte sich gar nicht vorstellen, was Clemson Walker dazu gesagt hätte, dass sich auf seiner Ranch jetzt diese Fernsehleute breit machen würden.

Clint hatte nicht die Macht, das Ganze zu unterbinden, aber er hatte sich fest vorgenommen, im Hintergrund zu bleiben. Sicher, da war die Sache mit der großzügigen Bezahlung, und er brauchte ganz dringend Geld, wenn er irgendwann die Ranch zurückkaufen wollte. Aber dann dachte er wieder daran, was er für dieses Geld würde tun müssen. Nie würde er sich für so etwas hergeben.

Ihm war lediglich durch einen Brief mitgeteilt worden, wie die Sache ablaufen würde. Meg Delancy und ihr Kameramann besuchten sieben Staaten im Westen des Landes, und zwar in alphabetischer Reihenfolge. Unglücklicherweise lag die Circle-W-Ranch in Arizona. Hier würde die erste Ausscheidung stattfinden. Meg würde allen Cowboys der Gegend beim Lassowerfen und beim Reiten zusehen und sich später mit jedem Einzelnen unterhalten. Die drei Besten aus jedem Staat mussten dann später in New York vor den Fernsehkameras gegeneinander antreten. Die Zuschauer würden den Sieger bestimmen.

Den Siegerlohn könnte er durchaus gebrauchen, auch wenn er damit die Ranch noch nicht zurückkaufen konnte. Aber wenn Clint sich vorstellte, wie er sich dafür vor den Kameras zur Schau stellen musste, wurde ihm ganz elend. Selbst wenn dem Sieger im Anschluss noch gut bezahlte Werbeverträge winkten, wie einige meinten – Clint hätte eher einen wilden Bullen reiten, als vor den Fernsehkameras irgendwelche dummen Sprüche aufsagen wollen. Und dann sollte der Sieger auch noch als schärfster Cowboy des Westens vorgestellt werden. Er würde vor Scham im Erdboden versinken.

Nein, er tat das, was er sich vorgenommen hatte, und hoffte, dass Gabriel im nächsten Jahr jede Menge Pokale holen würde. Clint hatte sein letztes Geld zusammengekratzt, um das Pferd zu kaufen, das allgemein als sehr vielversprechend galt. Es würde zwar ein paar Jahre dauern, bis er das Geld für die Ranch zusammen hatte. Und dann musste George sie auch verkaufen wollen.

In drei Monaten fand das erste Rennen statt, auf das das Pferd sorgfältig vorbereitet wurde. Und nun kam diese Fernsehgeschichte dazwischen und brachte das ganze Trainingsprogramm durcheinander.

Hinzu kam, dass Clint die ganze Sache irgendwie peinlich fand. Die Nachbarn fragten schon, ob er an den Wettkämpfen teilnehmen würde. Und einige Frauen hatten ihm bedeutungsvoll zugezwinkert und gemeint, er sei doch wie geschaffen für so etwas. Hoffentlich war diese Meg nicht auch dieser Meinung und übte Druck auf ihn aus. Dem musste er zuvorkommen.

Heute Morgen beim Ausmisten der Ställe hatte er eine glänzende Idee gehabt. Er würde einfach so tun, als habe er keine Ahnung, wie man eine Ranch führte. Er würde behaupten, nur auszuführen, was der alte Tucker Benson ihm auftrug.

Als Clint erfuhr, dass die erste Show auf der Circle-W-Ranch aufgezeichnet werden sollte, hatte er sich die Morgen-Show im Fernsehen angesehen. Denn das bedeutete auch, dass er diese Meg und ihre Kollegen zwei Nächte hier bei sich beherbergen musste. Er konnte nur den Kopf schütteln über die alberne Sendung und die perfekt geschminkte Meg, die pausenlos lächelte. Die Frau war hier wirklich fehl am Platze. Eine Frau, die sein Leben teilen sollte, musste morgens mit ihm ausreiten wollen, ohne eine Stunde vor dem Spiegel verbracht zu haben.

Er zog die dunkelgraue Hose an, die er zuletzt bei der Beerdigung seines Vaters getragen hatte. Dazu noch ein einfarbiges Hemd, einen schmalen Ledergürtel und Halbschuhe. Nach einem Cowboy sah er so bestimmt nicht aus.

Die Invasion konnte jeden Augenblick über ihn hereinbrechen. Wo war Tuck? Er fand den Vormann mit dem vom Wetter gegerbten Gesicht draußen auf dem Trainingsplatz mit Gabriel. Niemand konnte besser mit Pferden umgehen als Tuck, und wenn jemand das Pferd auf die Rennsaison vorbereiten konnte, dann war er es. Clint kannte den Mann, solange er denken konnte.

Tuck war auch ein sehr guter Cowboy gewesen, aber als George Forester die Ranch kaufte, wurde das Vieh abgeschafft. Das Geld, das Clints Vater für die Ranch bekommen hatte, hatte gerade gereicht, die Schulden zu tilgen. Jetzt war die Ranch zu so etwas wie einer Pferdepension verkommen. Das heißt, die neu Hinzugezogenen gaben ihre Pferde bei der Circle-W-Ranch in Pflege und ließen sie dort zureiten. Außerdem wurden für die Touristen Ausritte inklusive Picknick veranstaltet, und da jedes Jahr mehr Touristen nach Sonoita kamen, lief das Geschäft zurzeit ganz gut.

Eine Weile hatte Clint noch versucht, seinen neuen Boss für Rennpferde zu interessieren, aber George wollte mit dem Land nur spekulieren. Glücklicherweise waren die Preise noch nicht sehr gestiegen, so dass die Ranch noch nicht verkauft und parzelliert worden war. Sonst hätte Clint seinen Traum vom Rückkauf der Ranch endgültig begraben müssen.

Andererseits musste er sich mit George gut stellen. Denn wenn George der Sache überdrüssig war und schnell verkaufen wollte, dann sah es auch für die anderen schlecht aus. Was wurde dann aus Tuck und José, dem Koch, und Jed und Denny, die überall mit zupackten, wo es nötig war? Deshalb hatte Clint auch behauptet, dass er die Fernsehgeschichte für eine tolle Sache halte. Denn George fühlte sich natürlich sehr geschmeichelt.

„He, Tuck, ich muss mal was mit dir besprechen.“ Clint lehnte sich über den Zaun. Tuck drehte sich um und kam näher. „Was ist denn?“ Dann hob er überrascht die Augenbrauen. „Wie siehst du denn aus? Willst du in die Stadt?“

„Nein, die Verkleidung ist Teil meines Plans. Wenn diese Fernsehlady auftaucht, werde ich ihr sagen, dass ich kein Cowboy bin und keine Ahnung von Pferden habe. Ich behaupte, ich sei nur für die Verwaltung und Buchhaltung zuständig, du aber für alles andere.“

„Und du meinst, das nimmt sie dir ab? Selbst in dem Aufzug siehst du wie ein Cowboy aus.“

„Nur weil du mich kennst. Aber die Lady nicht. Machst du das Spiel mit? Und erklärst den anderen die Sache?“

Tuck nickte „Ich werde tun, was du willst. Also willst du an diesem Wettkampf nicht teilnehmen?“

„Auf gar keinen Fall.“

„Einige Leute hier in der Gegend sehen das anders. Sie haben das Gefühl, dass da viel Geld drin ist.“

„So viel, dass ich dafür vor den Kameras herumtänzele, kann man mir gar nicht bezahlen. Würdest du denn so etwas tun?“

„Kommt darauf an, was dabei herauskommt. Aber egal, dahinten sehe ich eine Staubwolke. Das sind wahrscheinlich die Leute vom Fernsehen.“

Clint drehte sich um. Tatsächlich. Leise seufzend versuchte er sich damit zu beruhigen, dass die ganze Sache übermorgen vorbei sein würde.

Er erreichte die Stufen zum Hauseingang gerade, als der weiße Van davor hielt. Die Frau, die die Beifahrertür aufstieß und schnell ausstieg, war kleiner und dünner, als er sie sich vorgestellt hatte. Ihre Brüste allerdings … aber das war sowieso ohne Bedeutung. Ihr Outfit entsprach genau dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Sie trug ein knappes, weit ausgeschnittenes Top, darüber eine dünne strassverzierte Jeansjacke. Dazu eine dreiviertellange enge Hose und rote Pantoletten, auf denen sie sehr geschickt balancierte.

„Hallo!“ sagte sie und streckte ihm lächelnd die Hand hin. „Ich bin Meg Delancy von ‚Meg und Mel am Morgen‘.“

Er hatte sich vorgenommen, freundlich und weltgewandt zu wirken, so als hätte er jeden Tag mit Fernsehberühmtheiten zu tun. Aber ihr Auftritt haute ihn einfach um. Auf ein solches Lächeln war er nicht gefasst gewesen, und seine Knie begannen zu zittern.

Trotz ihres lächerlichen Outfits, trotz ihrer Absicht, den Frieden auf der Circle-W-Ranch mit ihrem Medienzirkus zu stören, war er schlicht und einfach hingerissen. „Ich … Also ich bin Clint … Walker.“

„So? Ist das nicht ein Name aus ‚Cheyenne‘?“

„Mein Dad liebte den Film.“ Clint schüttelte ihre unglaublich zarte Hand und ärgerte sich, dass er sich wie ein verknallter Teenager aufführte.

„Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Walker. Ehrlich gesagt hatte ich jemanden in Jeans und Stetson erwartet. Sie sehen eher aus wie ein Stadtmensch.“

„Tucker Benson, mein Vormann, ist hier der Cowboy. Ich bin für die Buchhaltung zuständig.“ Das stimmte sogar. Leider war die Ranch trotzdem in die roten Zahlen gerutscht.

„Nicht jeder ist dazu geschaffen, ein Cowboy zu sein, Mr. Walker.“

„Bitte, nennen Sie mich Clint.“ Das war ihm so herausgerutscht. Verdammt. Dabei hatte er sich fest vorgenommen, höfliche Distanz zu wahren. Mr. Walker wäre sehr viel passender gewesen.

„Gern.“ Sie schenkte ihm wieder dieses strahlende Lächeln, das direkt aus ihrem Herzen zu kommen schien. Dann wies sie auf den kleinen dünnen Mann, der auf der Fahrerseite ausgestiegen war. „Das ist mein Kameramann Jamie Cranston. Jamie, das ist Clint Walker, unser Gastgeber.“

„Freut mich.“ Jamie hatte einen festen Händedruck. Nach einem kurzen Blick auf den Himmel meinte er: „Wir haben noch ein bisschen Zeit, bis die Sonne untergeht. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mir gern einen ersten Eindruck von dem Gelände verschaffen. Schlafen die Angestellten der Ranch in einem Extrahaus?“

„Ja, da unten bei den Reitplätzen. Aber ich fürchte, meine Leute sind auf Besuch nicht vorbereitet.“

„Das macht nichts. Ich möchte gern sehen, wie das Leben auf einer Ranch wirklich ist. Wenn da unten noch ein Bett frei ist, würde ich gern bei Ihren Leuten schlafen.“

Darauf war Clint nicht vorbereitet. Er hatte die beiden Gästezimmer herrichten lassen. Wenn der Kameramann nun bei den Angestellten schlief, dann war er mit dieser Meg ganz allein im Haus.

„Damit ich einen authentischen Eindruck bekomme“, fügte Jamie noch hinzu.

„Ja, ich verstehe. Das wird sich sicher machen lassen.“ Keinesfalls konnte Clint den wahren Grund für sein Zögern nennen. Jed und Denny, die beide an dem Wettkampf teilnehmen wollten, hatten den Kameramann sicher gern in ihrer Nähe. Wahrscheinlich würden sie sich davon Vorteile versprechen.

„Wunderbar.“ Jamie wandte sich an Meg. „Nimmst du dann bitte dein Gepäck aus dem Wagen? Ich fahre gleich zu dem anderen Haus und mache mich mit dem Gelände vertraut. Die Sonne wird bald untergehen, und ich habe nicht mehr sehr viel Zeit.“

„Klar.“ Meg zog einen Riesenkoffer, der glücklicherweise Rollen hatte, aus dem Wagen und hängte sich die Tasche mit ihrem Laptop um.

„Bis später, Meg!“

Clint trat der Schweiß auf die Stirn. Er hatte nicht damit gerechnet, mit Meg so bald allein zu sein. „Das Essen findet um sechs im Haupthaus statt!“, rief er Jamie noch hinterher. Das bedeutete, dass er zwei endlose Stunden mit Meg allein war. Was sollte er bloß mit dieser Großstadtpflanze anfangen?

„Okay, bin um sechs wieder da!“ Jamie schwang sich auf den Fahrersitz und brauste davon.

„So weit, so gut“, bemerkte Meg leise, und ihre dunkle Stimme jagte Clint einen Schauer über den Rücken. Das gefiel ihm gar nicht. Er wollte sie als Eindringling, als Feindin betrachten, aber stattdessen war er von Minute zu Minute mehr von ihr angetan.

Er sah sie an. „Dann sollten wir wohl mal … hineingehen.“

„Ja. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie mich aufnehmen. Ich weiß, es ist eine Zumutung.“

„Aber keineswegs.“ Clint griff nach ihrem Koffer. Er war schwer wie Blei. Was hatte sie bloß alles eingepackt? Natürlich, Frauen wie sie mussten ihre Kleidung sicher drei Mal am Tag wechseln. Genauso hatte er sie sich vorgestellt. Aber anstatt abgestoßen zu sein, fühlte er sich immer mehr zu ihr hingezogen. Verrückt.

„Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer.“ Während er den Koffer die Stufen empor wuchtete, konnte er an nichts anderes denken, als dass ihr Schlafzimmer seinem direkt gegenüberlag. Clint wurde es heiß und kalt.

2. KAPITEL

Die Landschaft fand Meg nicht besonders aufregend, aber der Anblick vor ihr ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie stieg hinter Clint die Stufen hinauf, und seine breiten Schultern und die schmalen Hüften hätte sie ewig anstarren mögen. Als er sich kurz nach ihr umsah, war sie von seinen Augen ganz fasziniert. Waren die wirklich so blau, oder wirkten sie nur so durch seine Sonnenbräune?

Er sah nicht so aus, als würde er seine Zeit hinter dem Schreibtisch verbringen. Solche Männer kannte sie zur Genüge, sie waren blass und hatten eine schlaffe Haut. Sie hätte schwören können, dass er draußen körperlich arbeitete. Außerdem bewegte er sich wie jemand, der viel auf den Beinen war. Oder im Sattel.

Auf alle Fälle war er sehr attraktiv. Warum er wohl so vehement bestritt, etwas von dem Job eines Cowboys zu verstehen?

„Hier ist Ihr Zimmer.“ Er trug ihren Koffer in einen altmodisch eingerichteten Raum mit einem Messingbett, einer antiken Holzkommode und einem geflochtenen Teppich. Tatsächlich, in der Ecke stand sogar ein Schaukelstuhl.

„Das ist wahrscheinlich das Badezimmer?“ Meg wies auf eine Tür in der gegenüberliegenden Wand.

„Nein. Das ist ein Einbauschrank. Das Badezimmer geht vom Flur ab.“

„Oh. Gut, dass ich einen Bademantel mitgebracht habe.“

„Wenn Sie wollen, können Sie auch in meinem Zimmer schlafen.“

„Bei Ihnen?“, fragte sie lächelnd.

Zu ihrer Überraschung lief er feuerrot an. „Ich meine, Sie bekommen mein Zimmer, und ich dieses. Meins hat ein Badezimmer.“

Wie süß, er wurde rot. Die ganze Unternehmung war vielleicht doch nicht so öde, wie sie befürchtet hatte. Die Einheimischen waren jedenfalls ganz allerliebst und unverdorben.

Im Grunde hatte sie für diese zynischen Typen in New York auch nicht besonders viel übrig. Da war der Mann hier doch ein ganz anderes Kaliber. Eine kurze heiße Affäre mit ihm konnte sie sich durchaus vorstellen, und das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Allerdings hatte ihr für so etwas auch immer die Zeit gefehlt. Dass Clint auf sie so anziehend wirkte, musste auch etwas damit zu tun haben, dass sie so lange keinen Sex mehr gehabt hatte.

„Um Himmels willen, nie im Traum würde ich Sie aus Ihrem Zimmer vertreiben. Das hier ist doch wunderbar.“ Auch wenn es, wie ein schneller Blick ihr gezeigt hatte, weder Telefon noch Fernsehapparat hatte.

„Aber ich überlasse Ihnen gern mein Zimmer.“

Er war wirklich sehr lieb. Sie wollte ihm zwar keine Umstände machen, aber die Vorstellung, nicht über den Flur gehen zu müssen, wenn sie ins Badezimmer wollte, war doch sehr verlockend. „Haben Sie einen Fernsehapparat im Zimmer?“

„Nein. Der einzige Fernseher ist im Wohnzimmer, und ich muss Sie warnen. Der Empfang ist ziemlich miserabel. Das hängt irgendwie mit der Witterung zusammen.“

Probleme mit dem Fernsehempfang? Meg gewöhnte sich zwar allmählich an den Gedanken, dass es hier keine Einkaufsmöglichkeiten gab, aber kein Fernsehen?

„Dann haben Sie sicher DVDs, falls Sie mal kein Programm reinkriegen?“

„Nein, nur ein altes Videogerät, aber das ist auch nicht sehr verlässlich. Ich benutze es nicht sehr oft.“

„Was machen Sie denn dann abends?“

„Abends gehe ich ins Bett.“

Sie hatte Mühe, nicht loszulachen. Himmel, war der Typ süß.

Offenbar ahnte er, wie seine Antwort auf sie wirkte, denn er wurde wieder rot. „Das habe ich nicht so gemeint, wie es sich vielleicht anhörte.“

„Schade. Es wurde gerade interessant.“

Vor Verlegenheit sah er weg, und sie beschloss, sanfter mit ihm umzugehen. Schließlich verdiente er nicht wie sie sein Geld damit, schlagfertig zu sein.

Die Morgen-Show lebte von spitzzüngigem Geplänkel und erotischen Anspielungen, die New Yorker liebten so etwas. Aber Clint war vom Land und konnte damit nicht umgehen. Und sie wollte ihn nicht gleich verunsichern, denn vielleicht war er genau die richtige Kur für ihren sexuellen Frust.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie, „ich sollte nicht so mit Ihnen sprechen. Bitte, glauben Sie mir, ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich aufnehmen. Der Raum ist vollkommen in Ordnung. Nochmals herzlichen Dank, dass ich bleiben darf.“

„Keine Ursache.“ Er ging zur Tür. „Bitte, fühlen Sie sich wie zu Hause. Ich habe … noch ein paar Sachen zu erledigen.“

„Darf ich Sie noch um etwas bitten? Ich weiß, es ist unverschämt, aber hätten Sie vielleicht einen Kaffee? Das wäre jetzt meine Rettung.“

Er nickte, froh, dass er ihr diesen Wunsch erfüllen konnte. „Ich mache gleich Kaffee.“

„Wunderbar. Und … Sie haben nicht zufällig eine Espressomaschine?“

„Nein, ich kann nur normalen Kaffee machen.“

„Kein Problem. Dann gern normalen Kaffee.“

„Soll ich ihn Ihnen raufbringen?“

„Aber nein, ich komme in die Küche.“ Du liebe Zeit, er musste ja denken, sie sei eine Prinzessin, die es gewohnt war, Anordnungen zu geben. Aber diese fremde Umgebung verunsicherte auch sie etwas. Wie benahm man sich ein Mädchen vom Land?

„Kommen Sie lieber auf die Veranda. Da ist es besonders schön beim Sonnenuntergang.“

„Hört sich gut an.“ Tatsächlich? Auf einer Veranda zu sitzen und in die Gegend zu starren musste genauso langweilig sein wie ein schwarzer Fernsehschirm. Wenn sich Clint allerdings zu ihr setzte …

„Dann sehen wir uns in ein paar Minuten.“ Er trat auf den Flur, drehte sich aber noch einmal um. „Nehmen Sie Sahne in den Kaffee?“

„Fettfreie Milch.“ Hatte er doch sicher auch nicht.

„Habe ich leider nicht. Nur halbfette.“

„Dann möchte ich den Kaffee lieber schwarz.“ Sie hatte heute bereits gesündigt, als sie zum Lunch einen Hamburger aß. Die meisten Zuschauer ahnten nicht, wie sehr ein Fernsehstar auf sein Gewicht achten musste. Mona hatte Glück, sie war sehr groß, und so verteilten sich die Pfunde besser. Sie war allerdings auch dünn wie eine Bohnenstange. Meg aber war klein, da war jedes zusätzliche Gramm sofort zu sehen.

„Okay, dann schwarz.“

Sobald Clint gegangen war, öffnete Meg ihren Koffer und packte aus. Dabei musste sie ständig an ihren Gastgeber denken. Hier in der Einöde könnte sie sich vielleicht eine kleine Affäre leisten, ohne dass die New Yorker Klatschblätter davon Wind bekamen. Vor ihrer TV-Karriere hatte sie sich immer vorgestellt, von Männern umschwärmt zu werden. Ihr war nicht klar gewesen, dass ihr Privatleben unter ständiger Beobachtung stehen würde. Affären kamen deshalb überhaupt nicht infrage.

Aber hier war das anders. Allerdings musste sie herausfinden, ob er überhaupt an ihr interessiert war, und dann, ob er eine Freundin hatte und ob er verschwiegen sein konnte. Letzteres möglicherweise, aber so wie Clint aussah, hatte er bestimmt eine Freundin.

Seufzend betrachtete sie ihre verknüllten Sachen. In einem Hotel hätte sie einfach den Zimmerservice rufen können. Hoffentlich hatte Clint wenigstens ein Bügeleisen.

Ruhig war es hier wirklich. Das war ihr noch nicht aufgefallen, weil Clint ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht hatte. Aber jetzt kam ihr die Stille fast unheimlich vor. Draußen piepsten ein paar Vögel, und sehr gedämpft drangen Laute aus der Küche zu ihr, aber davon abgesehen war es totenstill. Keine Autos, keine Polizeisirenen, keine anderen Geräusche, die ihr aus der Stadt vertraut waren.

Ob es hier wenigstens ein Radio gab? Sie blickte sich suchend um. Nein. Als sie eine Schublade der Kommode aufzog, um ihre Unterwäsche hineinzulegen, nahm sie einen vertrauten Duft wahr. Wie nett! In den Schubladen lagen kleine Zedernholzstücke, um die Motten fern zu halten.

Sie hängte in den Schrank, was sie die nächsten zwei Tage brauchen würde, nahm ihre Kosmetiktasche und ging über den Flur ins Badezimmer. Das Bad war schlicht, aber ausreichend. Und blitzsauber. Ob Clint wohl eine Putzfrau hatte?

Sie hatte ihren Make-up-Spiegel mitgebracht, und als sie sich jetzt in dem großen Spiegel über dem Waschbecken betrachtete, sah sie, dass sie ihr Make-up auffrischen musste. Die Nase glänzte, und vom Lippenstift war auch nichts mehr zu sehen. Aber dann drang ihr der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase.

Ach was, Make-up! Sie brauchte Kaffee, und Clint fiel es sicher nicht auf, dass sie nicht perfekt geschminkt war. Vielleicht war es ihm sogar lieber, wenn sie nicht ganz so gestylt aussah. Andererseits wollte sie jederzeit gut aussehen, selbst wenn ihr Gegenüber kein einsachtzig großer Beau war. Und wenn sie daran dachte, dass sie auf diesen Beau angewiesen war, weil es hier sonst keine Abwechslung gab, dann war es vielleicht doch wichtig, was er von ihr hielt.

Im Wohnzimmer sah sie sich aufmerksam um, konnte aber keinen Fernsehapparat entdecken. Dann runzelte sie die Stirn, als sie in einer Ecke ein kleines Gerät stehen sah, das mindestens zwanzig Jahre alt sein musste. Aber es schien sehr selten benutzt zu werden, denn die Sessel waren alle um den gewaltigen Kamin gruppiert, in dem man wohl einen ganzen Baumstamm verbrennen konnte.

Es roch nach frisch gehacktem Brennholz. Auf dem Couchtisch lagen Bücher und Zeitschriften über Pferde.

Meg hatte das Gefühl, sie sei gerade auf dem Mars gelandet. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wie man hier die Abende verbrachte. Etwa indem man in die Flammen starrte oder sich mit Pferdeliteratur beschäftigte? Und das bei absoluter Stille, in der höchstens das Knistern des Feuers zu hören war. Sie würde verrückt werden.

Vielleicht war sie auch nur so nervös, weil sie an akutem Coffeinmangel litt. Und dem war abzuhelfen, denn Clint wartete sicher schon auf der Veranda. Sie ging durch die Vordertür hinaus. Clint saß auf einem der rustikalen Holzstühle, stand aber sofort auf. „Alles in Ordnung?“

„Ja.“ Es war kühler geworden, eine heiße Tasse Kaffee war jetzt genau das Richtige. „Der Kaffee duftet köstlich.“ Sie ging zu dem freien Stuhl, setzte sich und griff nach dem Kaffeebecher, der vor ihr auf dem niedrigen Tischchen stand.

Meg setzte den Becher an die Lippen und nahm einen Schluck. Donnerwetter, das war bei weitem der stärkste Kaffee, den sie je getrunken hatte. Mit Mühe unterdrückte sie einen Hustenanfall.

„Ich mache ihn immer sehr stark“, sagte Clint.

„Das kann man wohl sagen.“ Der konnte sich ja in fünf Sekunden durch die Magenwand fressen! Aber das Coffein würde ihr gut tun.

„Wollen Sie die Milch wirklich nicht?“

„Warum eigentlich nicht? Man lebt schließlich nur einmal.“ Und ihre Lebenserwartung würde sich drastisch verkürzen, wenn sie dieses schwarze Zeug nicht durch irgendetwas verdünnte.

„Bin gleich wieder da.“ Clint stellte seinen Becher ab und ging in die Küche. Schnell lehnte sich Meg vor, um zu sehen, ob er Milch in den Kaffee nahm. Nein, er trank das pechschwarze Zeug so, wie es war. Der Mann musste einen Magen aus Eisen haben.

Er kam mit einem Milchkarton wieder. „Tut mir Leid, dass der Kaffee zu stark ist. Als Sie etwas von Espresso sagten, dachte ich, ich könnte ihn so machen, wie ich es gewohnt bin.“

„Heiß und stark, das steht fest“, sagte sie und goss sich einen ordentlichen Schuss Milch in den Kaffee. „Wie viele Tassen trinken Sie denn so pro Tag?“

„Das habe ich noch nie gezählt. Vielleicht acht oder zehn.“

„Was? Und dann können Sie so ruhig auf dem Stuhl sitzen?“ Vielleicht ließ ihn das aufputschende Coffein vergessen, wie langweilig sein Leben war. Aber er saß da, ruhig wie ein Fels, ohne zu zittern.

„Ich gehöre wohl zu den Menschen, die auf Coffein nicht reagieren. Und ich bin es nicht anders gewohnt. Mein Dad trank auch sehr starken Kaffee.“

„War Ihr Vater Rancher?“

„Der Beste, den man sich vorstellen kann.“

„Und Sie haben nicht seine Nachfolge angetreten?“ Ganz automatisch nahm sie die Rolle der Interviewerin ein.

Er schaute zur Seite. „Das ist heute nicht mehr so einfach.“

Offenbar war da etwas, worüber er nicht sprechen wollte. „Dann sind wir wohl noch rechtzeitig gekommen, bevor alle Cowboys und Rancher vom Erdboden verschwunden sind.“

„Das stimmt wohl.“

Meg hatte gelernt, die Antworten ihrer Interviewpartner einzuschätzen. Selbst aus diesem einen Wort war herauszulesen, dass ihm dieser ganze TV-Wettkampf zuwider war. Aber warum? Als Buchhalter sollte er wissen, dass gutes Marketing sich beim Geschäft auszahlte.

„Ihnen passt dieser Cowboy-Wettstreit nicht, oder?“

Jetzt sah er sie wieder an, und seine blauen Augen waren vollkommen ausdruckslos. „Ich bin Ihnen gern behilflich.“

„Quatsch! Sie finden die ganze Geschichte total hirnrissig! Aber warum? Sie sind doch gar kein Cowboy.“

Er lächelte ein wenig. „Stimmt.“

„Weshalb lächeln Sie?“

„Ich wette, die Wörter ‚Quatsch‘und ‚hirnrissig‘ kommen Ihnen während der Sendung nicht über die Lippen.“

„ Sie weichen mir aus.“

Er musterte sie nachdenklich, als überlegte er, ob ihr zu trauen war. Schließlich holte er tief Luft und lehnte sich zurück. „Die Circle-W-Ranch gehört jetzt George Forester. Er bestimmt, wo es langgeht.“

Plötzlich ahnte sie, was dahinter steckte. „Er hat Ihnen die Familienranch abgenommen?“, fragte sie leise.

„So geht das nun mal. Mein Dad konnte sich die Ranch nicht mehr leisten.“

„Und Ihr Dad … er ist …?“

„Er starb vor fünf Jahren. Meine Mom ein paar Jahre früher.“

„Das tut mir sehr Leid.“ Also hatte dieser schwer durchschaubare Mann auch schon so einiges hinter sich.

„Vielleicht ist es für ihn so besser. Dad starb kurz nachdem er die Ranch verkauft hatte. Ich vermute, dass er es nicht ertragen konnte, erst Mom und dann die Ranch zu verlieren.“

Meg legte die Hände um den Kaffeebecher und war dankbar die Wärme, die in ihre Finger stieg. Je tiefer die Sonne sank, desto kühler wurde es. „Es ist sicher sehr schwer, etwas zu verlieren, wofür man sein ganzes Leben gearbeitet hat.“

„Ja.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Sie haben sicher auch einiges durchmachen müssen, um dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind.“

„Kann man so sagen.“

„Damit scheinen Sie aber bisher gut zurechtzukommen, so wie Sie aussehen.“

Wie sollte sie das verstehen? Wollte er mit ihr flirten? „Nicht so ganz. Die Frau, die mich in der Show vertritt, würde mich am liebsten ganz verdrängen.“

„Und? Kann sie das?“

„Das hängt davon ab, wie sie ihre Sache macht.“ Sie war ihm dankbar, dass er ihre Sorgen ernst nahm. „Es ist nur …“ Sie stockte. Sollte sie ihm wirklich von den schlechten Quoten erzählen und den Gerüchten, sie und Mel kämen nicht gut miteinander aus?

Clint schwieg und blickte über das weite Tal, während er seinen Kaffee trank. Ganz offenbar liebte er diese Landschaft, die wie endlos bis zum Horizont reichte.

Sie versuchte, die Landschaft mit seinen Augen zu sehen. Es lag schon etwas Friedvolles darin, über weites unbewohntes Land zu blicken. Meg kannte diese Art von Frieden nicht, aber jemandem wie Clint, der damit aufgewachsen war, war dieses Gefühl vertraut.

Dass er an seinem Zuhause hing, konnte sie gut verstehen. Auch ihre Eltern wollten ihr schlichtes kleines Haus in Brooklyn nicht verlassen, obgleich Meg ihnen oft angeboten hatte, ihnen ein größeres und schöneres Haus zu kaufen.

„Die hohen Berge auf der anderen Seite des Tals sind die Santa Rita Mountains“, sagte Clint jetzt.

Gut zu wissen. Sie musste später den Zuschauern erzählen können, wo sie gewesen war. „Und wie heißen die Berge hinter der Ranch?“

„Das sind die Mustangs.“

„Aha.“ Im Geist formulierte sie bereits den einführenden Text:Ich bin momentan auf der Circle-W-Ranch, direkt am Fuß der Mustang Mountains. „Wie alt ist die Ranch eigentlich?“

„Mein Urgroßvater Clemson Walker hat das Land 1920 gekauft.“

„Da muss es besonders bitter für Sie sein, die Familienranch verloren zu haben.“

„Ich muss mich damit abfinden.“

„Bitte, verzeihen Sie, wenn ich zu aufdringlich bin, aber ich muss Sie etwas fragen. Wäre es nicht weniger qualvoll, wenn Sie woanders wohnten? Auf der Ranch zu wohnen und zu arbeiten, die früher der Familie und jetzt irgendeinem reichen Schnösel aus New York gehört, muss doch sehr hart für Sie sein.“

Clint schwieg eine Weile. Dann seufzte er leise. „Das habe ich mir auch schon oft gesagt, aber wenn ich die Ranch verlasse, wird George sicher nicht mehr lange zögern und das Land aufteilen. Er wartet nur auf einen guten Preis für das Land.“

„Aber wenn er die Ranch sowieso eines Tages aufgibt, dann zögern Sie das Unvermeidliche doch nur hinaus.“ Meg war eher der entscheidungsfreudige Typ, auch wenn das mit Schmerzen verbunden war. Dem Negativen musste man sich möglichst bald stellen.

„Sie haben vollkommen Recht. Aber ich habe leider immer noch die Hoffnung, dass eines Tages ein Wunder geschieht und ich die Ranch zurückkaufen kann.“

„Spielen Sie Lotto?“

„Ja.“

Sie musste an George Forester denken, dem sie einmal auf einer Cocktailparty begegnet war. Für ihn war die Ranch ein reines Spekulationsobjekt, und er würde sie abstoßen, sowie er genug Geld dafür bekam. Aber für Clint hatte die Ranch eine ganz andere Bedeutung, war Zuhause und ein Teil der Familiengeschichte. Wie sehr wünschte sie ihm, dass er den Jackpot knacken würde.

„Ist Ihnen kalt?“ fragte er.

„Warum fragen Sie?“

„Sie zittern.“

„Ja, vielleicht ist mir ein bisschen kühl.“ Doch sie wollte ungern das Gespräch unterbrechen. Es tat gut, hier mit ihm auf der Veranda zu sitzen. Dunkelblaue Schatten legten sich über das Tal, und sie musste zugeben, dass das irgendwie hübsch aussah.

„Kommen Sie, lassen Sie uns hineingehen. José wird gleich mit den Vorbereitungen für das Abendbrot, und ich will das Feuer vorbereiten.“

„Kocht José auf einem Herd, der mit Holz befeuert wird?“ Wenn das so war, musste Jamie unbedingt ein paar Aufnahmen machen.

Clint lachte. „Nein, das nun doch nicht. Meine Großmutter hat noch so gekocht, aber wir haben schon lange Strom. Ich möchte nur jetzt schon alles fertig machen, damit wir nachher das Kaminfeuer nur noch anzünden müssen.“

„Ach so.“ Sie hatte den verrückten Wunsch, ihm dabei zuzusehen – vielleicht, weil im Western die Cowboys irgendwie immer Feuer machten. Eine typisch männliche Tätigkeit. „Dann sollte ich wohl in mein Zimmer gehen und mein Skript für morgen vorbereiten.“

„Wann ist denn die erste Übertragung?“

„Früh. Um halb acht können wir den Vogel haben.“

„Das ist doch nicht früh. Was meinen Sie mit Vogel?“

Sie wies zum Himmel. „So nennen wir den Satelliten. Wir müssen unsere Sache exakt um diese Zeit raufschicken, sonst haben wir verspielt. Aber wir werden versuchen, Sie nicht zu stören.“

„Das können Sie gar nicht. Ich stehe um fünf auf.“

„Wieso? Ich denke, Ihr Vormann ist hier für alles zuständig?“

Einen Moment lang sah er aus wie ein kleiner Junge mit der Hand in der Keksdose. „Ich … ich stehe immer früh auf.“

Meg sah ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen an. Ganz offenbar verheimlichte er ihr etwas. Okay, Freundin oder nicht, er verdiente es, dass sie ihn ein wenig auf die Schippe nahm. „Das gefällt mir“, sagte sie mit leiser dunkler Stimme. „Männer, die früh aufstehen und gleich zu allem bereit sind.“ Sie lächelte ihn an und wartete darauf, dass er wieder rot wurde.

Aber stattdessen zog er die Augenbrauen zusammen und musterte Meg lange. Und als er sprach, klang seine Stimme rau und gefährlich sexy: „Sie sollten vielleicht ein bisschen vorsichtig sein mit dem, was Sie sagen. Sie könnten sonst in Schwierigkeiten kommen.“

Er flirtete mit ihr! Das konnte nur bedeuten, dass er keine feste Freundin hatte. „Vielleicht habe ich gar nichts gegen ein paar kleine Schwierigkeiten einzuwenden.“

Jetzt schaute er ihr direkt in die Augen, und sein Lächeln war eindeutig. „Von klein kann in keiner Hinsicht die Rede sein.“

Sie sah ihn erstaunt an. Vielleicht hatte sie den Mann vollkommen unterschätzt. Aber sie musste unbedingt das letzte Wort haben. „Freut mich zu hören, denn ich gehöre zu den Frauen, die große Überraschungen lieben. Aber jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen. Ich muss vor dem Essen noch ein bisschen was tun.“

Sie ging schnell in ihr Zimmer, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Ihr Atem ging schwer. Du liebe Zeit! Sie war so sicher gewesen, das Heft in der Hand zu halten, und dann waren auf einmal die Rollen vertauscht. Wollte sie nun wirklich etwas mit ihm anfangen? Darüber musste sie sich möglichst bald klar werden, sonst würde er ihr die Entscheidung abnehmen.

3. KAPITEL

Clint blieb noch ein bisschen auf der Veranda sitzen. Er traute sich selbst nicht über den Weg. Wenn er gleich nach Meg ins Haus gegangen wäre, wäre er ihr möglicherweise in ihr Zimmer gefolgt. Wäre er doch bloß nicht auf ihren Flirt eingegangen. Aber sie hatte ihn mit ihren Anspielungen gereizt. Er war schließlich nicht aus Stein.

Was für eine lebhafte aufregende Frau. Ob sie irgendetwas von dem ernst meinte, was sie sagte? Oder spielte sie einfach gern mit Männern?

Wahrscheinlich Letzteres. Er sollte sich von ihr fern halten, denn sie war die typische New Yorkerin. Er hatte sie schon häufiger auf dem Titelblatt von diesen Zeitschriften gesehen, die beim Friseur herumlagen. Mit einer Berühmtheit, die jeder kannte, wollte er sich ganz sicher nicht einlassen.

Dass sie sich zu ihm auf die Veranda gesetzt und Kaffee getrunken hatte, bedeutete gar nichts. Sie hatte im Augenblick nichts anderes zu tun. Und dennoch hatte ihn noch keine Frau so sehr erregt.

Leider schien sie ihn allmählich zu durchschauen. Er wusste zwar nicht wie, aber irgendwie hatte sie herausgefunden, dass er auf der Ranch nicht nur der Buchhalter war.

Er hatte sich seine Meinung über sie wohl ein bisschen voreilig gebildet, obwohl er sie nur fünf Minuten im Fernsehen gesehen hatte. Ihre Persönlichkeit war vielschichtiger, als er gedacht hatte, und ihre Ausstrahlung im direkten Kontakt sehr viel eindrucksvoller als auf dem Fernsehschirm. Also, Hände weg!

Er hatte schon genug Schwierigkeiten. Und falls George herausfand, dass er mit dieser Meg etwas hatte … Immer vorausgesetzt, sie wäre überhaupt bereit, etwas mit ihm anzufangen. Vielleicht war das alles nur nichts weiter als ein oberflächlicher Flirt.

Natürlich konnte man das nicht wissen, und das machte ihn ganz verrückt. Er hatte Schwierigkeiten, an etwas anderes zu denken. Das musste ein Ende haben. Abrupt stand er auf und ging um das Haus herum, um Kaminholz zu holen. In zwei Tagen war alles vorbei, und er würde wieder sein altes Leben aufnehmen können: Tuck bei Gabriels Training helfen, Pferde an Touristen vermieten und ihnen das Reiten beibringen – und sich jede Woche ein Lotterielos kaufen.

Er nahm so viel Holz, wie er tragen konnte, und stieß die Hintertür zur Küche auf. José sah von dem großen Holzbrett auf, auf dem er gerade Zwiebeln und Tomaten für seine berühmten Enchiladas würfelte. „Wo ist denn die Lady vom Fernsehen?“

„In ihrem Zimmer. Sie muss sich für morgen früh vorbereiten.“

José war ganz aufgeregt. „Meinst du, dass ich sie auch mal zu Gesicht bekomme?“

„Aber klar. Du isst doch mit uns, wie immer.“

„Oh, nein, das kann ich nicht. Ich müsste sie immer anstarren und könnte keinen Ton herausbringen.“

„Warum denn nicht? Sie ist nett und freundlich. Man braucht vor ihr keine Angst zu haben.“

„Aber, Chef, sie war doch schon auf allen Titelblättern. So jemanden bin ich noch nie persönlich begegnet. Ich würde mich selbst nur in peinliche Situationen bringen.“

„Vielleicht solltest du inzwischen aufhören, auf der armen Tomate herumzuhacken. Die ist schon Mus.“

José blickte betreten auf das Brett. „Siehst du? Ich brauche nur daran zu denken, und schon mache ich alles falsch. Nein, du kannst sie mir doch vorstellen, wenn sie zum Essen kommt. Und dann verschwinde ich in die Küche.“

Clint lachte. „Gut, wenn du unbedingt willst. Aber ich glaube wirklich nicht, dass …“

Die Küchentür öffnete sich, und Tuck steckte den Kopf herein. „Jed und Denny wollen unten essen und nicht ins Haupthaus kommen. Sag uns Bescheid, wenn das Essen fertig ist. Wir holen es uns dann ab.“

José nickte langsam. „Kann mir schon vorstellen, warum. Sie sind alle nervös wegen der Lady vom Fernsehen und haben Angst, sich daneben zu benehmen.“

„Wahrscheinlich“, gab Tuck ihm Recht. „Ich selbst würde ja kommen, aber sie wollen unbedingt, dass ich mit ihnen esse, als wäre das hier immer so.“

Clint konnte es einfach nicht verstehen. Jed war ein Riesenkerl, der vor nichts und niemandem Angst hatte. Und der rothaarige Denny hatte dauernd Mädchen um sich herum und jede Menge Erfahrung mit Frauen. Er hatte sich schließlich auch als erster für den Wettkampf gemeldet. „Willst du damit sagen, dass José, Jed und Denny sich nicht trauen, mit ihr an einem Tisch zu sitzen?“

„Sieht so aus“, meinte Tuck. „Der Kameramann, der ist anders. Bei dem sind sie ganz locker. Der isst übrigens auch mit uns.“

„Dann essen Meg und ich ganz allein? Das ist doch lächerlich.“ Clint stellte sich vor, wie albern es wirken musste, wenn sie zu zweit an dem großen Tisch saßen.

José sah ihn flehend an. „Das machst du sicher ganz prima, Chef. Du hast doch studiert und so. Wir anderen sind einfache Jungs vom Land.“

„Aber Jed und Denny wollen doch bei der Ausscheidung mitmachen. Wollen sie die Frau dann nicht vorher kennen lernen? Das wäre doch ein großer Vorteil denen gegenüber, die erst morgen kommen.“

„Das habe ich auch gesagt“, stimmte Tuck ihm zu. „Aber sie meinen, dass ihnen das eher schaden würde. Wegen der Tischmanieren und so. Sie wollen ihr lieber erst morgen gegenübertreten, wenn sie ihre Fähigkeiten als Cowboys beweisen können.“

Clint stellte sich vor, wie Meg und er alleine beim Essen sitzen würden. Wahrscheinlich würde sie ihn fragen, ob er immer allein aß, und er konnte ihr die Situation nicht erklären, ohne seine Männer der Lächerlichkeit preiszugeben. „Weißt du was, José?“ Er wandte sich an den Koch. „Meg und ich werden vor dem Kamin essen. Wir nehmen den Couchtisch und stellen ihn vor die Sessel.“

„Das wird eine schöne Schweinerei werden.“ José hob abwehrend die Hände. „Heute gibt es doch Enchiladas, und der Weg vom Couchtisch zum Mund ist ziemlich lang. Das geht nicht ohne Kleckerei ab.“

„Dann setzt euch doch auf den Boden“, schlug Tuck vor. „Ein paar Kissen von der Couch, das ist sehr bequem.“

José grinste. „Ja, tolle Idee. Das ist sicher kuschelig.“

„Komm, wir machen das schon mal mit den Kissen und dem Tisch.“ Tuck ging vor ins Wohnzimmer, und José folgte ihm.

Clint fühlte sich von der neuen Entwicklung vollkommen überrollt. Das Einzige, woran er denken konnte, war das Wort kuschelig. So hatte er sich das Abendessen eigentlich nicht vorgestellt. Zu zweit zu essen, war irgendwie schon intim genug, ohne dass man es sich auf Kissen bequem machte.

Kopfschüttelnd folgte er den beiden Männern ins Wohnzimmer und ließ das Holz vor dem Kamin fallen. José und Tuck hatten bereits die Couch weggerückt und zwei Sitzkissen dicht nebeneinander auf den Fußboden gelegt.

„Das sieht ja so aus, als wollten wir am Lagerfeuer essen“, meinte Clint und schob die beiden Kissen auseinander. „Am besten fahre ich mit ihr ins nächste Steakhaus.“

„Das kannst du nicht machen“, sagte Tuck sofort und schob die Kissen wieder zusammen. „Das würde José das Herz brechen. Seit wir wissen, dass die Lady kommt, plant er dieses ganz spezielle Enchilada-Dinner.“

„Das wusste ich nicht. Na, gut, dann essen wir eben hier vor dem Feuer.“ Mit dem Fuß stieß Clint kräftig gegen eins der Kissen, so dass es einen Meter weiter rutschte.

„Was machst du denn immer mit dem Kissen?“, fragte Tuck empört. „Willst du nicht neben ihr sitzen?“

„Ich hoffe doch.“ Meg trat lächelnd durch die Tür.

Tuck wurde krebsrot.

Meg trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand hin. „Ich bin Meg Delancy.“

Tuck öffnete den Mund, bekam aber keinen Ton heraus.

Clint konnte seinen Vormann gut verstehen. Meg war wirklich eine eindrucksvolle Erscheinung. Sie duftete wunderbar und sah überhaupt hinreißend aus. „Meg, dies ist Tucker Benson, mein Vormann.“

Tuck räusperte sich und schüttelte ihr die Hand. „Freut mich, Ma’am.“

„Schön, Sie kennen zu lernen, Tucker.“ Sie lächelte freundlich. „Clint hat mir erzählt, dass Sie die Ranch hier führen. Er versteht nichts von Pferden, das sagt er wenigstens.“

„Na ja, also, ich versuche mein Bestes.“ Tuck warf Clint einen verzweifelten Blick zu.

Clint sah ihn beschwörend an, und Tuck wusste, was der Blick bedeutete.

„Und bitte entschuldigen Sie meine dumme Bemerkung“, fügte Tuck hastig hinzu. „Ich wollte Clint nur wegen der Kissen aufziehen.“

„Kissen?“ Meg sah sich fragend um, bis ihr Blick auf die beiden Sofakissen auf dem Fußboden fiel.

Clint seufzte leise. Er hätte sich nie auf diesen Plan einlassen sollen. Was für eine Schnapsidee, vor dem Feuer zu essen.

„Clint meinte, es wäre nett, vor dem Feuer zu essen, weil …“

„Vielleicht auch nicht“, fiel Clint Tuck schnell ins Wort. „Vielleicht sollten wir doch lieber ins Esszimmer gehen. Was meinen Sie?“

Meg blickte ihn verwirrt an. „Ich habe gehört, wie Sie Jamie sagten, Dinner sei um sechs. Kommt er denn nicht …“

„Jamie will lieber bei den Männern unten essen.“

„Ach so.“ Meg zögerte kurz. „Wollten Sie sonst noch jemanden zum Essen einladen?“

Warum fragte sie das? Hatte sie Angst, mit ihm allein zu sein? „Wen denn zum Beispiel?“

„Ihre Freundin vielleicht?“

„Ich habe momentan keine Freundin“, sagte er knapp.

„Dann lassen Sie uns doch vor dem Kamin essen. Das hört sich sehr gemütlich an.“

Irrte er sich, oder klang ihre Stimme nervös? Clint warf ihr einen Blick zu. Ihr war sicher bewusst, dass sie vorhin mit ihm geflirtet hatte, und nun hatte sie vielleicht Angst, er habe bestimmte Erwartungen. Was nicht der Fall war, aber das konnte er ihr wohl kaum sagen.

Er würde also mit ihr allein vor dem Feuer essen. Dabei musste er darauf achten, sie nicht zu berühren, auch wenn es ihn ein hohes Maß an Selbstbeherrschung kostete.

„Kann ich bei irgendetwas behilflich sein?“ Das war mehr eine rhetorische Frage, denn Meg war ziemlich sicher, dass es nichts für sie zu tun gab.

„Nein, danke, ich habe alles unter Kontrolle“, sagte Clint, der so aussah, als müsse er sich selbst davon überzeugen. „Ich bringe nur die Asche raus und kümmere dann um das Feuer.“

„Gut, dann werde ich Ihnen dabei zusehen.“ Meg setzte sich auf das Sofa und lehnte sich an das letzte verbliebene Kissen.

„Und ich werde jetzt zu den Jungs gehen“, meinte Tuck. „Die fangen sicher bald an zu pokern.“

„Hoffentlich wird es nicht zu spät. Jamie muss morgen früh raus. Dabei fällt mir etwas ein. Hätten Sie etwas dagegen, Tucker, wenn ich Ihnen vor der Kamera ein paar Fragen stelle? Das dauert nicht länger als ein paar Minuten.“ Ursprünglich hatte sie Clint interviewen wollen, aber der hatte nicht das richtige Outfit. Tucker war zwar zu alt, um an der Ausscheidung teilzunehmen, aber er sah aus wie ein echter Cowboy.

Dem Vormann schien der Vorschlag zu gefallen. „Das kann ich sicher einrichten. Sie müssen mir aber sagen, was ich zu tun habe. Übrigens, Sie können mich gern Tuck nennen.“

„Okay, Tuck. Ich werde Ihnen ein paar Fragen über die Ranch stellen und wie Sie zu diesem Beruf gekommen sind. Bitte, sagen Sie Jamie, dass wir dieses Interview machen wollen. Er soll festlegen, wo. Wenn Sie um sieben Uhr schon auf sind, können wir einen kleinen Probelauf machen.“

„Einverstanden.“ Tuck strahlte. „Hört sich gut an. Bis morgen früh dann.“

Tuck ging, und Meg schaute wieder zum Kamin, wo Clint die Asche in einen kleinen Eimer schaufelte. Was für ein tolles Profil er hatte. Und keine Freundin! „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich Ihrem Vormann ein paar Fragen stelle.“

„Nein. Tuck weiß am besten über die Ranch Bescheid. Er hat viel mehr Ahnung als ich.“

Sie runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht. „Was machen Sie denn eigentlich den ganzen Tag? Ich meine, wenn Sie mit Ihrer Buchhaltung fertig sind.“

Er stand auf, drehte sich aber nicht zu ihr um. „Mit der Buchhaltung habe ich gut zu tun. Wir verleihen Pferde an Touristen, haben aber auch welche in Pension und geben Reitstunden. Außerdem werden hier auch Ausritte organisiert.“

„Ach so.“ Dennoch konnte sie sich nicht vorstellen, dass er damit ausgelastet war.

Jetzt wandte er sich zu ihr um. „Und dann bin ich noch beratend tätig.“

„So? Als was denn?“

„Als eine Art Wirtschaftsberate für die Unternehmen hier in der Gegend.“

Unternehmen? Sie hatte kaum eins gesehen auf der Fahrt hierher. „Das hört sich nicht nach sehr viel Stress an.“

Er hakte die Daumen in die Gürtelschlaufen. „Stimmt. Mein Leben ist ruhig und angenehm.“

Sie konnte den Blick nicht von seinen Händen lösen. Diese Geste war der Beweis. Sofort sah sie Clint vor sich in Jeans, Stiefeln, einem von der Sonne ausgeblichenen Hemd, mit einem Stetson auf dem Kopf. Der perfekte Cowboy … ihr Traummann.

„Dann haben Sie sicher auch Zeit für eine Reihe von Hobbys.“

„Ja, so einige.“

„Was denn zum Beispiel?“, hakte sie nach.

„Nun, ich … beobachte gern Vögel.“

Wenn Clint ein Vogelliebhaber war, dann war sie die Jungfrau von Orleans. Aber sie tat so, als glaube sie ihm. „Ich habe mir das immer sehr interessant vorgestellt, mit dem Fernglas auf Vogeljagd zu gehen. Welches ist denn der seltenste Vogel, den Sie haben beobachten können?“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich wirklich für Vögel interessieren.“ Das klang unwirsch.

„Sie doch auch nicht.“

„Vielleicht habe ich das nur gesagt, weil ich mich schämte zuzugeben, was ich am liebsten tue. Nämlich den Tag mit einer Dose Bier in der Hand auf der Veranda zu vertrödeln.“

„Das glaube ich genauso wenig.“ Dazu war er viel zu muskulös. „Sie sehen viel zu fit aus. Ich würde sagen, Sie arbeiten als Cowboy und wollen aus irgendwelchen Gründen nicht, dass ich das weiß. Wahrscheinlich hat das was mit dem Wettbewerb zu tun. Wenn Sie nicht mitmachen wollen, werde ich Sie bestimmt nicht drängen. Und ich werde auch George Forester nichts sagen, falls Ihnen das auf der Seele liegt.“

Er schaute sie an, und seine blauen Augen verrieten nichts. „Ich werde mal unseren Koch José holen gehen. Er wollte Sie unbedingt kennen lernen.“

„Dann wollen Sie mich also weiterhin im Unklaren lassen?“

„Genau.“ Er verließ den Raum.

Sie hätte ihm am liebsten irgendetwas an den Kopf geworfen. Aber sie würde schon noch herauskriegen, was mit ihm los war. Sie war bekannt dafür, dass sie ihre Interviewpartner immer dazu brachte zu sagen, was sie eigentlich für sich behalten wollten. Auch Clint würde sein Geheimnis verraten, und wenn sie ihn verführen musste. Und das war keine allzu unangenehme Perspektive.

4. KAPITEL

Während Clint durch das Esszimmer in die Küche ging, war ihm klar, dass er keine besonders guten Karten hatte. Meg würde dieses Versteckspiel gewinnen, das war offensichtlich. Er hatte nicht bedacht, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdiente, die Wahrheit aus den Menschen herauszuholen.

Falls sie noch nicht herausgefunden hatte, dass er sie belogen hatte, konnte es nicht mehr lange dauern. Aber vielleicht spielte das auch gar keine Rolle. Seine halbherzige Verkleidung hatte ihr immerhin gezeigt, dass er keine Lust hatte, an dieser Ausscheidung teilzunehmen.

Als er in die Küche trat, fuhr José zusammen. „Sie ist da, was?“

„Ja, sie ist da. Möchtest du sie kennen lernen?“

José schluckte. „Jetzt?“

„Warum nicht?“

„Okay, aber ich muss irgendeinen Grund haben. Ich kann doch nicht so einfach reingehen und sie anstarren.“

„Sie ist auch nur ein Mensch.“

„Das ist, als würdest du sagten, meine dreifach gefüllte Luxustorte sei auch nur ein Kuchen. Wenn sie nur halb so aufregend ist wie in der Sendung, dann …“

„Du kennst die Show?“ Clint hatte sich die Sendung einmal angesehen, um zu wissen, was auf ihn zukam. Aber er war nie auf die Idee gekommen, dass sonst jemand auf der Ranch die Show kannte.

„Du machst wohl Witze! Ich sehe sie mir jeden Morgen an und nehme sie für die Jungs auf Video auf. Die Frau ist super.“

Clint war fassungslos. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.“

„Kein bisschen. Ich sehe die Show entweder hier oder unten bei den Jungs. Die Sendung an sich ist ziemlich langweilig, aber Meg ist toll. Meinst du, dass sie ihr Haar färbt?“

Clint schüttelte nur verwundert den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Jed meint, nein, aber Denny, der glaubt, Experte zu sein, weil er selbst rotes Haar hat, und meint, dass sie färbt. Sie hat braune Augen, und Rothaarige haben selten braune Augen, sagt er. Mir ist das egal.“

„Ich glaube, sie ist wirklich rothaarig“, sagte Clint ohne nachzudenken. Die helle Haut, die kleinen Sommersprossen, alles sprach dafür.

„Wahrscheinlich hast du Recht. Und so jemand hat keinen Freund. Was für eine Verschwendung.“

„Woher weißt du das denn?“

„Sie selbst spricht in der Sendung immer davon, dass sie nie ausgeht. Wir wollten schon mal unter uns sammeln, damit einer nach New York fliegen kann und sie ausführt. Aber wahrscheinlich würde sie sich nicht darauf einlassen. Sie hat sicher keinen Freund, weil sie viel zu anspruchsvoll ist.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie keine Männerbekanntschaften hat.“ Im Gegenteil. So eine Frau hatte doch sicher einen ziemlichen Männerverschleiß.

José zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich wiederhole nur, was sie in der Sendung immer sagt. Mel nimmt sie deshalb immer hoch. Vielleicht haben die Männer Angst, sie zu fragen. Das zumindest glaubt Denny.“

„Na ja, wer würde schon gern in diesen Klatschblättern auftauchen.“

„Eben. Das meint Denny auch. Jeder Mann weiß, dass man eine Beziehung mit ihr nicht lange geheim halten könnte.“

Vielleicht war sie trotz ihres Erfolgs ein bisschen einsam und frustriert. Dem könnte man leicht abhelfen … Aber Schluss mit solchen Gedanken. Er musste seine Fantasie unbedingt zügeln, denn heute Nacht war er mit ihr allein im Haus.

„He, Chef?“ José wedelte mit der Hand vor Clints Augen. „Meinst du, ich kann da einfach mal reingehen?“

Clint schreckte hoch. „Aber selbstverständlich. Deshalb bin ich doch gekommen.“

„Ich würde gern ein Autogramm von ihr haben.“

„Dann musst du etwas zum Schreiben mitnehmen.“

„Habe ich schon dabei.“ José hielt einen sauberen Topflappen hoch. „Habe ich heute erst gekauft.“

„Aber warum denn ein Topflappen?“

„Als Zeichen, dass sie gegessen hat, was ich kochte.“ José strahlte wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum.

Clint musste zugeben, dass er Josés Gefühle sehr gut verstehen konnte. Auch wenn Meg aus irgendwelchen idiotischen Gründen hier war, blieb sie doch eine ausgesprochen anziehende Frau, und er musste seine ganze Kraft aufbringen, gegen ihren Charme immun zu bleiben. Sehr lange würde er das nicht mehr durchhalten können, das spürte er genau. „Dann los.“

„Ich will nur eben mal die Sets holen und das Besteck und die Servietten, um den Couchtisch zu decken. Dann habe ich einen Grund, ins Wohnzimmer zu gehen.“

Clint wartete, bis José alles beisammen hatte. Stoffservietten, Donnerwetter, die hatten sie ja seit Mutters Tod nicht mehr benutzt. Aber Megs Besuch war sicher Anlass genug.

Ob seine Eltern Meg wohl gemocht hätten? Wahrscheinlich ja. Sie hätten Megs starken Willen bewundert, der sie so weit gebracht hatte.

„Fertig.“ José nahm die Sets und die Servietten unter den Arm, das Besteck in die eine Hand und den Topflappen und einen Stift in die andere und holte tief Luft. „Geh vor, Boss.“

Während Clint durch das Esszimmer ins Wohnzimmer ging, musste er an das denken, was José ihm erzählt hatte. Er hatte seine Männer vollkommen falsch eingeschätzt. Das Ganze war für sie ein tolles Erlebnis, während er, Clint, immer nur daran gedacht hatte, dass „seine“ Ranch der Lächerlichkeit preisgegeben würde. Aber vielleicht sollte er auch die positiven Aspekte berücksichtigen.

Wo blieb Clint denn nur? Meg konnte sich nicht vorstellen, dass er den Koch überreden musste, ihr Guten Tag zu sagen. Die Stimmen waren nicht mehr als ein Flüstern, und sie konnte nicht verstehen, was gesagt wurde. Aber worüber sollten sie reden, wenn nicht über sie? Es mochte interessantere Themen geben, aber warum flüsterten sie dann?

Clint hatte keine Angst vor ihr, das spürte sie deutlich. Aber er ließ sich nicht in die Karten schauen und schien auch sonst verschwiegen zu sein. Vielleicht würde er es tatsächlich nicht gleich überall herausposaunen, dass sie mit ihm … So weit waren sie zwar noch nicht. Aber mit jemandem wie ihm konnte man wohl eine kurze Affäre wagen. Er würde nichts sagen, und sie würde nichts sagen. Und ihr ihrem nicht vorhandenen Sexleben würde es ein bisschen auf die Sprünge helfen.

Sie griff nach einer der Pferdezeitschriften und schlug zufällig einen Artikel über die künstliche Besamung von Stuten auf.

In diesem Augenblick trat Clint in den Raum. Meg hob den Kopf, und eine leichte Röte überzog ihre Wangen, weil sie an die natürlicheren Arten der Fortpflanzung denken musste. Clint schien überrascht zu sein, dass sie in einer der Zeitschriften las, und so beschloss Meg, die Sache etwas anzuheizen. „Toller Artikel über Pferdezucht“, sagte sie. „Ich bin total gefesselt.“

Er grinste und hob die Augenbrauen. „Sehr gut. Nach dem Essen werden wir ein kleines Quiz abhalten.“

Dieses Lächeln … unglaublich. „Ich kann es gar nicht erwarten“, sagte sie leise.

Jemand räusperte sich.

Clint fuhr zusammen. Offenbar hatte er den rundlichen Mexikaner vollkommen vergessen, der hinter ihm stand. „Meg, das ist José Garcia, unser Koch.“

Meg stand auf und reichte José die Hand. „Guten Tag.“

José ließ alles, was er trug, auf den Couchtisch fallen und ergriff Megs Rechte mit beiden Händen. „Herzlich willkommen, señorita! Mi casa es su casa!“

„Danke.“ Sie bezweifelte zwar, dass er über das Haus so einfach verfügen konnte, aber die Geste war sehr nett.

„Es wäre so nett, Señorita“, fing José wieder an, „wenn Sie mir ein Autogramm auf diesen Topflappen geben könnten. Ich werde ihn mein Leben lang in Ehren halten.“ Er legte den kleinen blauen Topflappen vor sie hin und reichte ihr einen Stift.

Sie nahm beides. „Sehr gern.“

„Vielleicht können Sie so etwas schreiben wie ‚danke für das fantastische Essen, herzlich Ihre Meg Delancy‘? Das wäre wunderbar.“

„Gern. Ich bin sicher, Ihr Essen schmeckt fantastisch. Es riecht zumindest schon sehr gut.“ Sie schrieb und reichte ihm dann den Topflappen. „Zufrieden?“

„Wunderbar, einfach wunderbar. Gracias, señorita, gracias! Aber nun will ich den Tisch decken. Übrigens, falls Sie Ihre Sendung mal mit ein paar spanischen Worten würzen wollen, bin ich Ihr Mann.“

„Danke.“ Meg trat zur Seite, während José den Tisch deckte. Zum Schluss faltete er die Servietten und legte sie auf die Teller.

„Sehr gekonnt“, sagte Meg bewundernd.

José verbeugte sich. „Das Dinner wird gleich serviert.“ Er hielt seinen Topflappen wie einen kostbaren zerbrechlichen Gegenstand mit beiden Händen fest und verschwand in der Küche.

„Sie müssen natürlich nicht auf Josés Angebot zurückkommen. Erst will Tuck unbedingt bei Ihnen auftreten und jetzt José. Bitte, fühlen Sie sich nicht verpflichtet.“

Mann, der hat wirklich keine Ahnung vom Showgeschäft, dachte Meg. Jemand, der sich zu etwas zwingen ließ, hatte in dem Business keine Chance. „Keine Sorge. Wenn mir etwas nicht gefällt, kann man mich dazu auch nicht zwingen. Allerdings gebe ich zu, dass es nicht einfach ist, seine Linie beizubehalten und trotzdem offen für Neues zu sein.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Sie zum Beispiel.“

„Was ist mit mir?“ Er blickte sie verwirrt an.

„Sie sind vollkommen anders, als ich Sie mir vorgestellt habe.“

„Was hatten Sie denn erwartet?“

„Ich dachte, Sie seien einer dieser Cowboys in Jeans und einem ausgeblichenen Hemd, die fünf Mal in der Minute Ma’am zu mir sagen und ein wenig naiv und sehr direkt sind. Stattdessen sind Sie gewitzt und ziemlich kompliziert. Und offenbar alles andere als ein Cowboy.“

„Enttäuscht?“

„Im Gegenteil. Fasziniert.“

„Ich denke, Sie sind auf der Suche nach Cowboys?“

„Stimmt.“ Sie lächelte. „Wie ich schon sagte, man muss immer offen für Neues sein.“

„Möglich.“

Es machte sicher einen Riesenspaß, ihn zu verführen und zu sehen, wie seine Augen vor Verlangen leuchteten. Sollte sie es wagen? „Werden Sie ein Feuer machen?“, fragte sie leise, und ihre Stimme vibrierte dunkel.

Er hielt ihrem Blick stand. „Ja.“

„Würden Sie mir zeigen, wie man das macht?“

„Haben Sie noch nie ein Feuer gemacht?“ Auch seine Stimme klang plötzlich rau.

Sie entließ ihn nicht aus ihrem Blick. „Nein. Aber ich wollte immer wissen, wie man es macht. Bitte, zeigen Sie es mir.“

„Gut. Kommen Sie her.“

Ein heißes Kribbeln durchlief sie. Sie hatte schon alle möglichen Berühmtheiten interviewt, Filmstars und Rocksänger, Männer mit starker erotischer Ausstrahlung. Aber noch nie hatte einer sie so beeindruckt.

Sie ging zum Kamin und hockte sich neben Clint. Er roch so gut, ganz anders als die Männer, die sie kannte – nach Sonne und Wind und Gras und Weite. Am liebsten hätte sie die Nase gegen sein Hemd gepresst und tief Luft geholt.

„Wie wäre es, wenn Sie es allein versuchen?“ schlug er vor. „Ich sage Ihnen, wie.“

Seine tiefe Stimme war das reinste Aphrodisiakum. „Okay. Was muss ich zuerst machen?“

„Sie knüllen ein paar Bogen Zeitungspapier zusammen und stopfen es unter den Rost.“

Sie folgte seiner Anleitung und konnte nicht verhindern, dass sie ihn leicht mit dem Arm streifte. Ihm stockte kurz der Atem, und sie lächelte. „Und nun?“

„Jetzt kommt das Reisig.“ Er wies auf einen schwarzen Eimer, der mit kleinen Zweigen gefüllt war.

Sie griff danach.

„Halt.“ Er hielt sie beim Handgelenk fest. „Sie sollten sich Handschuhe anziehen.“

„Das ist nicht nötig.“ Wie kräftig seine Finger waren. Diesen Händen würde sie sich immer anvertrauen.

„Oh, doch. Lassen Sie mich das lieber machen.“ Er beugte sich vor und griff nach dem Reisig. „Sie können zusehen.“

„Nein, so war es nicht abgesprochen! Ich möchte das machen.“

Er seufzte leise und sah sie dabei an. „Dann will ich sehen, ob ich nicht ein Paar Handschuhe für Sie finde.“ Er stand auf. „Bin gleich wieder da. Aber versuchen Sie nichts auf eigene Faust. Sie ruinieren sich die Nägel.“

Meg verzog das Gesicht und setzte sich auf den Boden. Sie hasste es, dass er sie wie ein verwöhntes Mädchen aus der Stadt behandelte. Aber natürlich hatte er Recht. In den nächsten vierzehn Tagen musste sie selbst auf ihr Haar, ihre Hände, ihre Haut achten, da stand kein Maskenbildner zur Verfügung. Und sie durfte keinesfalls schlampig aussehen, wenn sie wieder nach New York zurückkehrte, denn Mona war immer wie aus dem Ei gepellt.

Clint kam mit ein Paar Baumwollhandschuhen zurück, die offenbar noch nicht getragen waren. Er reichte sie ihr und hockte sich wieder vor den Kamin. „Sicher zu groß, aber besser als gar nichts.“

„Vielen Dank.“ Meg zog die Handschuhe an. Sie lachte. „Ich sehe aus wie ein Monster.“ Sie griff nach dem Reisig. Die Handschuhe waren neu und steif, aber sie war gerührt, dass Clint sich die Mühe gemacht hatte.

Meg hatte noch nie im Freien geschlafen oder über einem offenen Feuer gekocht. Sie hatte sich zwar bei Jamie beschwert, dass man hier fern von jeder Zivilisation leben musste. Interessant wäre es aber schon zu erfahren, wie dieses ganz andere Leben ablief.

„Okay, das ist genug. Nun kommen die größeren Stücke dran.“

„Wie groß?“

„So groß, dass sie gut auf dem Reisig liegen, ohne es zusammenzudrücken.“

Meg fand ein passendes Stück und wog es leicht in der Hand. Angesichts der Nähe dieses verführerischen Mannes ging die Fantasie mit ihr durch. Vielleicht entschuldbar, wenn eine Frau so lange ohne Mann war und jetzt unmittelbar neben einem Prachtexemplar hockte. Fast zärtlich legte sie das Stück Holz auf das Reisig.

„Gut. Und jetzt ein zweites Stück quer darüber.“

„Verstanden.“ Sie nahm ein zweites Stück Holz und legte es über das erste. „Und nun ein größeres Stück?“

„Nur eins. Später legen wir mehr drauf.“

Sie hob ein Holzscheit auf, das an einer Seite noch Rinde hatte und offenbar frisch geschlagen war, denn es duftete sehr gut. Das frische Holz hatte die Farbe von dunklem Honig. „Was ist das für ein Holz?“

„Eine Art Wacholder. Gehört im weitesten Sinn zu den Zedern.“

Meg hob das schwere Scheit mit beiden Händen hoch und hielt es sich unter die Nase. „Hm, davon hätte ich gern einen Stapel in meiner Wohnung.“

„Kurz nach dem Spalten riecht es besonders gut.“

Sie legte das große Scheit auf die beiden gekreuzten Hölzer. „Das Holz haben doch sicher Sie gespalten?“ So dicht neben ihm konnte sie sehen, dass er dunkle Wimpern hatte und einen perfekt geschnittenen Mund. Das war zwar keine Garantie, dass er besonders gut küsste, aber schon mal ein viel versprechender Anfang.

Clint schaute weg, offenbar fühlte er sich etwas unbehaglich. „Ja, ich habe das Holz gehackt, aber das ist keine große Sache.“ Er griff nach einer Schachtel Streichhölzer, die auf dem Kaminsims lag. „Wollen Sie das Feuer anzünden?“

Und ob. Und sie würde diesen mysteriösen Mann von seinen verschiedenen Schichten befreien, bis sie an seine nackte Haut kam, die sicher die Farbe von dunklem Honig hatte … Warum eigentlich nicht? Was sonst gab es hier in Sonoita zu tun, wenn die Sonne untergegangen war?

„Ich muss erst die Handschuhe ausziehen.“

„Soll ich es anzünden?“

„Nein.“ Sie zog die Handschuhe aus und nahm ihm die Streichholzschachtel aus der Hand. „Ich habe dieses Feuer vorbereitet, und ich möchte es auch anzünden.“ Als sie die Schachtel aufzog, musste sie plötzlich an Kondome denken. Hoffentlich hatte er irgendwo welche.

„Sie müssen das Zündholz von sich weg anstreichen, sonst können Sie sich leicht verbrennen.“

Aha, er war ein Mann, der auf Sicherheit aus war. So ein Mann hatte sicher auch irgendwo Kondome in der Nachttischschublade.

„Nun müssen Sie das Papier an verschiedenen Stellen anzünden. Das ganze Holz soll anfangen zu brennen, nicht nur an dem einen oder anderen Ende.“

„Das gefällt mir.“ Sie tat, wie er ihr geraten hatte, und bald züngelten die kleinen Flammen durch das Reisig. Meg wurde heiß, und am liebsten hätte sie sich ausgezogen. Erstaunlich, dass es so erotisch sein konnte, ein Kaminfeuer zu entfachen.

Außerdem hätte sie nie gedacht, dass man dabei so viel über einen Mann herausfinden konnte. Wenn Clint bei der Liebe ebenso viel Geduld bewies, dann würde sie sich nicht beklagen können. Sie musste ihn nur dazu bringen, dass er mitmachte. Aber sie hatte so das Gefühl, dass das nicht allzu schwer werden würde.

5. KAPITEL

Clint kannte sich selbst nicht mehr. Im Grunde hätte er von einer Frau genervt sein sollen, die in seiner Welt so gar nicht zurechtkam. Von so einer Frau sollte er lieber die Finger lassen. Normalerweise liebte er es, wenn seine Sexpartnerinnen selbstbewusst waren, mit beiden Beinen fest auf der Erde standen und tatkräftig auch einen Männerjob übernahmen, wenn es notwendig war. Das hatte er sich zumindest immer eingeredet.

Nun hockte er hier neben einer Frau, der man sogar erklären musste, wie sie mit einem Zündholz umzugehen hatte. Und er war erregt wie schon lange nicht mehr. Sie duftete so gut, war aufregend weiblich, wusste ihre Worte zu wählen und brachte ihn vollkommen durcheinander. Er musste unbedingt auf Distanz gehen, sonst konnte er für nichts garantieren.

Schnell stand er auf und ging zum Couchtisch hinüber. „Das hält erst einmal eine Weile.“ Vorsichtig schob er mit der Schuhspitze die Kissen etwas weiter auseinander und verschob die Sets auf dem Tisch entsprechend.

Vielleicht reagierte er auf Meg so stark, weil er schon lange keine Frau mehr gehabt hatte. Das musste jetzt schon … ja, eineinhalb Jahre her sein.

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