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TIFFANY EXKLUSIV BAND 52

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Ein prickelndes Geständnis

PROLOG

Abra sank in einen Sessel beim Ausgang zu ihrem Flugsteig und atmete auf. Sie war viel zu früh. In der Abflughalle war kaum jemand zu sehen, auch der Schalter der Fluggesellschaft war noch nicht besetzt. Gut. Endlich konnte sie sich entspannen.

Sie hatte einen Wagen gemietet und, ohne recht zu wissen wohin, die Stadt verlassen. Bloß weg. Nach ziellosem Umherirren war sie schließlich in New Jersey gelandet. Dort hatte sie einen Zug nach Philadelphia genommen, war dann in einen Bus nach Baltimore umgestiegen, und nun wartete sie auf ihren Flug nach Chicago. Aber es war bestimmt nicht völlig ausgeschlossen, dass ihr jemand auf die Spur kam, auch wenn sie sich das Haar hatte schneiden und färben lassen, ungeschminkt war und eine Baseballmütze trug, die sie gerade noch auf dem Flughafen gekauft hatte. Keiner würde auf die Idee kommen, dass Abra Holloway jetzt braune Haare hatte, geschweige denn, dass sie eine Baseballmütze trug. Doch wer es wirklich wollte, der würde sie ausfindig machen, egal ob mit oder ohne Mütze.

Sie lehnte sich zurück und schaute nachdenklich auf ihre Bordkarte. Vorbei die Zeiten, in denen sie erster Klasse geflogen war, die Flugbegleiter ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen und Passagiere aus der Touristenklasse sie um ein Autogramm baten.

„Daran muss ich mich wohl gewöhnen“, murmelte sie vor sich hin. „Ab jetzt nur noch Holzklasse.“ Sie steckte die Bordkarte wieder in die Tasche und holte ein Buch heraus. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren.

Zögernd sah sie zu dem Fernsehschirm hoch, der oberhalb der Sitze angebracht war, und traute sich kaum, richtig hinzusehen. Aber es ging nur um irgendeine Ausstellung von exquisiten Teekannen im Metropolitan Museum of Art. Sie atmete erleichtert auf. Keine Gefahr. Doch dann, in der anschließenden Nachrichtensendung, schien die Sprecherin Abra direkt anzusehen, als sie sagte: „Aus New York wird gemeldet, dass Abra Holloway, Liebling der Medien und Star der Lifestyle-Szene, überraschend verschwunden ist.“

Abra stockte der Atem. Sie sah sich kurz um und duckte sich tiefer in ihren Sitz. Aber außer einem Mann vom Putzdienst war niemand zu sehen. Noch hatte keiner gemerkt, dass die Frau von dem Foto da oben auf dem Fernsehschirm hier unten saß.

„Obgleich sie wie immer an jedem Donnerstag in der Shelby Show auftreten sollte“, fuhr die Sprecherin fort, „musste Gastgeberin Shelby Marino schon letzten Donnerstag ihrem Publikum eröffnen, dass ‚Abra Cadabra‘, wie ihre Fans sie nennen, diesmal keine Ratschläge geben würde. Als sie auch am heutigen Donnerstag nicht auftauchte, versuchten Reporter verschiedener Zeitschriften, mit ihr in Kontakt zu kommen. Shelby Marino und die Produzenten der Show wollten keine Stellungnahme abgeben, aber ihr nahe stehende Menschen vermuten, dass Abra Holloway nicht nur die Show, sondern auch die Stadt verlassen hat.“

Wer sollte das sein, „ihr nahe stehende Menschen“? Außer Shelby fiel Abra keine Seele ein, die sie als „nahe stehend“ bezeichnet hätte. Sicher, da war Julian, und alle Welt nahm an, dass sie ein Paar waren, zumindest hatten sie diesen Anschein immer erwecken wollen. Aber Abra wusste es besser.

Die Stimme der Sprecherin riss sie aus ihren Gedanken. „Es gibt bisher keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Ihr Verlobter, der millionenschwere Geschäftsmann und Mäzen Julian Wheelwright, stellte sich heute Morgen der Presse.“

Abras Herz schlug schneller, sie starrte gebannt auf den Bildschirm. Du liebe Zeit! Auch noch Julian! Er sah so gepflegt und gut aus wie immer mit seinem perfekt gestylten blonden Haar und den schönen blauen Augen.

Mist! „Einem Mann mit blauen Augen sollte man nie trauen“, murmelte Abra vor sich hin. Mit zwei Männern hatte sie bisher eine längere Beziehung gehabt, und beide hatten hinreißende blaue Augen gehabt. Und beide hatten sich als ausgesprochen unzuverlässig herausgestellt.

Und dennoch konnte sie den Blick nicht von Julian abwenden. Wieso hatte er eine Pressekonferenz einberufen? Was wollte er den Leuten denn erzählen? Konnte er nicht den Mund halten?

„Ich kann mir vorstellen, dass viele von Abras Fans sich Sorgen machen“, sagte Julian mit getragener Stimme. „Aber ich versichere Ihnen, dazu besteht keine Veranlassung.“ Er lächelte zuversichtlich. „Ja, wir sind noch verlobt, und alles ist in bester Ordnung.“

In bester Ordnung?

„Sie ist nur ein bisschen gestresst und überarbeitet. In der letzten Zeit war es ein bisschen viel für sie, die Shelby Show und dazu noch die Vorbereitungen für die eigene Talkshow. Sie musste einfach mal eine Pause einlegen.“

Abra blieb der Mund offen stehen. Was für schamlose Lügen. Noch verlobt? Wer hatte ihm denn den Ring voller Wut vor die Füße geworfen? Gestresst und überarbeitet wegen der Shelby Show? Das war doch einfach lächerlich.

Und nun behauptete er noch, sie habe ihm eine Notiz hinterlassen, damit er sich keine Sorgen mache. Sie liebe ihn und würde bald zurückkommen. Alles Lüge!

„Ich kenne Abra und vertraue ihr“, sagte er jetzt mit fester Stimme. „Wenn sie der Meinung ist, dass sie momentan so handeln muss, dann ist das auch das Richtige für sie.“

Abra wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sicher, auf diese Weise würde keiner nach ihr suchen. Vielleicht sollte sie Julian dafür dankbar sein. „Wahrscheinlich will er sich nur selbst rein waschen“, sagte sie leise vor sich hin und betrachtete sein ebenmäßiges Gesicht. „Hoffentlich glaubt die Polizei, dass er mich umgebracht hat. Das geschähe ihm recht.“

Jetzt war sie selbst wieder auf dem Bildschirm zu sehen. Sie wirkte ruhig und gelassen, das honigblonde Haar fiel ihr auf die Schultern, die Haut war makellos und die Haltung selbstbewusst. War das wirklich erst ein paar Monate her?

„Ihre Auftritte in der wöchentlichen Shelby Show haben Abra Holloway berühmt gemacht“, fuhr die Sprecherin fort. „Ihre Ratschläge zu den unterschiedlichsten Problemen waren immer kompetent und daher sehr gefragt, ob es nun um Ordnung im Kleiderschrank ging, ein besseres Selbstwertgefühl oder die erfolgreiche Suche nach der Liebe des Lebens. Bald hieß sie nur noch ‚Abra Cadabra‘, weil sie mit geradezu magischer Hellsichtigkeit den Nagel auf den Kopf traf. Ein Geheimnis umgibt das Verschwinden von Abra Holloway. Keiner weiß, wo sie sich zurzeit aufhält. Selbstverständlich werden wir Sie auf dem Laufenden halten, sobald wir mehr wissen.“

Abra zog sich die Mütze tiefer in die Stirn, griff nach ihrem Gepäck und stand auf. Nur weg von diesem Fernsehschirm!

1. KAPITEL

Detective Sean Calhoun war spät dran. Und dauernd klingelte sein Handy.

„Verdammt!“ Er zog das Handy aus der Tasche seines Jacketts und sah auf dem Display, dass Jake, sein ältester Bruder, inzwischen angerufen hatte, wahrscheinlich, als er mit seinem Chef noch die letzten Dinge durchgegangen war, bevor er in die Ferien fuhr. Warum dieser Anruf? Sie würden sich doch in einer halben Stunde treffen, um gemeinsam in Urlaub zu fahren.

„Ja?“

„Sean, du musst sofort kommen.“ Das war seine Mutter.

„Ma, ich hab jetzt wirklich keine Zeit. Ich muss gleich los.“

„Hast du denn die Nichte meiner Freundin Bebe angerufen? Oder die Nachbarin von Tante Ruthie, die so toll kochen kann? Sie ist gestern vorbeigekommen, um Tante Ruthie Kekse zu bringen. Ein reizendes Mädchen, sie würde sicher eine sehr gute Mutter abgeben.“

Als wenn das ein Vorteil wäre! Frau und Kinder, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Solange er denken konnte, hatte er versucht, sich von der eigenen Familie abzusetzen. Und da sollte er freiwillig eine neue Generation von Calhouns in die Welt setzen und sich noch mehr binden?

„Frag doch Jake“, erwiderte er so sanft wie möglich. Es hatte keinen Sinn, die Mutter zu reizen. „Schließlich wird er in ein paar Monaten dreißig. Da wird es allmählich Zeit.“

„Jake!“, entgegnete sie und schnaubte verächtlich. „Das bringt doch nichts. Er ist deinem Vater viel zu ähnlich. Den möchte ich keiner Frau zumuten.“

„Gut. Aber mich kannst du mit deinen Kuppeleiversuchen genauso verschonen.“

Er hörte, wie seine Mutter am anderen Ende empört Luft holte, es sich dann aber anders überlegte.

„Deshalb rufe ich auch gar nicht an. Ich muss unbedingt etwas mit dir besprechen. Ich glaube, dein Vater hat eine Freundin.“

„Aber, Ma, du weißt, dass das nicht stimmt. Das passt doch überhaupt nicht zu ihm.“

Michael Calhoun, einer der fünf Deputy Superintendents der Polizei von Chicago, war ein grundehrlicher Mann, der Inbegriff des aufrechten Polizisten.

„Aber ich habe Beweise“, sagte seine Mutter leise. „Bitte, komm her.“

„Muss das sein? Ich bin sowieso schon spät dran.“ Sean seufzte. Seine Mutter war leider sehr eifersüchtig und hielt ihren Mann und die Söhne an der kurzen Leine. „Jake und ich müssen noch Cooper abholen. Wir wollen doch nach Wisconsin zum Angeln, hast du das vergessen? Das passt jetzt wirklich schlecht.“

„Dann müssen deine Brüder eben warten. Das hier ist wichtiger.“

„Sekunde mal eben, Ma. Ich habe hier noch eine Nachricht von Jake. Ich rufe dich gleich wieder an.“ Er unterbrach die Verbindung und drückte einen Knopf.

„Es ist etwas dazwischengekommen“, hörte er Jakes brummige Stimme. „Tut mir leid. Dad hat mich mit einer verrückten Aufgabe betraut, und deshalb kann ich nicht nach Wisconsin kommen. Du musst mit Cooper allein fahren. Viel Spaß.“

„Verdammt, Jake!“ Sean biss wütend die Zähne zusammen. Erst Ma mit ihrer absurden Geschichte, dann ließ ihn auch noch Jake im Stich, und er musste mit seinem kleinen Bruder allein fahren, was schlimmer war, als einen Sack Flöhe zu hüten. Manchmal bedauerte er es wirklich, ein Calhoun zu sein.

Wieder klingelte das Telefon.

„Sean? Warum hast du nicht zurückgerufen? Du musst sofort kommen. Ich erwarte dich in den nächsten zehn Minuten.“ Klick.

Typisch, dass Jake sofort sprang, wenn der Vater etwas von ihm wollte. Seine Mutter dagegen wandte sich immer erst an Sean. Dass die Eltern ihre erwachsenen Söhne aber auch nicht endlich in Ruhe lassen konnten! Manchmal wünschte sich Sean, ein Waisenkind zu sein.

Er versuchte, Cooper anzurufen, erreichte aber nur seinen Anrufbeantworter. „Hallo, Cooper, hier ist Sean. Ich kann hier im Augenblick noch nicht weg, weil Ma etwas von mir will. Und Jake muss irgendwas Dringendes für Dad erledigen. Fahr doch schon mal vor, ich versuche dann später nachzukommen.“

Er steckte das Telefon ein, zog sich die Jacke über und machte sich auf den Weg. Was seine Mutter sich nur wieder einbildete!

Dad hatte eine Affäre? Sean schüttelte lächelnd den Kopf. Niemals!

„Ich dachte schon, du kommst nicht mehr“, sagte Yvonne Calhoun vorwurfsvoll, als sie dem Sohn die Tür aufmachte.

Sean sah gleich, dass sie geweint hatte. „Was ist, Ma?“

„Komm erst einmal herein.“

Sean trat durch die Tür und fühlte sich gleich wieder wie achtzehn, wie immer, wenn er sein Elternhaus betrat. „Tritt dir die Füße ab, sag bitte und danke, im Wohnzimmer wird nicht gegessen und getrunken …“ Sofort fielen ihm wieder all die Ermahnungen ein, und der unwiderstehliche Drang überkam ihn, gegen diese Regeln zu verstoßen.

Er schob die Hände tief in die Taschen. „Jetzt bin ich hier. Also, was gibt’s? Dad soll eine Affäre haben? Das ist doch Unsinn.“

„Keineswegs“, antwortete seine Mutter, schon wieder den Tränen nahe. „Bebe hat es gesehen.“

„Deine Freundin Bebe hat ihn gesehen? Mit wem?“

„Keine Ahnung. Mit irgendeiner Frau.“ Sie ging in Richtung Küche, blieb dann aber stehen und drehte sich um. „Möchtest du etwas trinken? Oder vielleicht einen Keks?“

„Nein, Ma. Ich möchte wissen, was das alles soll.“

„Setz dich. Bebe ist hier, sie kann dir alles erzählen. Bebe, geh nur ins Wohnzimmer, und sprich mit Sean. Ich mache uns inzwischen einen Kaffee. Und vergiss die Fotos nicht.“

„Hallo, Sean.“ Bebe strich sich lächelnd eine perfekt ondulierte Locke aus der Stirn. Sie war nicht nur Yvonnes beste Freundin, sondern auch ihre Friseurin. Sie hatte sich das Haar schon in allen Regenbogenfarben gefärbt. Heute war es ein dunkles Kastanienbraun.

„Hallo, Bebe. Was ist denn los?“

„Deine Mutter braucht dich, mein Junge.“ Sie reichte ihm einen Stapel Fotos und setzte sich neben ihn auf die Couch. „Es tut mir alles schrecklich leid, aber ich habe es nun mal gesehen.“

Sean schaute das oberste Foto an. „Na und? Dad sitzt auf einer Bank, hat einen Trenchcoat an, und einen Meter neben ihm sitzt eine Frau.“

Bebe tippte mit ihrem blutrot lackierten Fingernagel auf das Bild. „Ich führte zufällig gerade den Hund meiner Schwester im Park Gassi, und wen sehe ich da? Michael Calhoun, wie er mit einem Mädchen herumflirtet, das halb so alt ist wie er und grauenhaft gefärbte Haare hat.“ Sie rollte mit den Augen. „Da wuchs schon alles dunkel nach!“

„Und du hattest gerade zufällig eine Kamera dabei?“

„Nein, das war beim zweiten Mal.“

„Ja, beim zweiten Mal!“ Yvonne kam gerade mit einem Tablett herein und nickte heftig. „Bebe hat deinen Vater zweimal mit diesem Flittchen gesehen. Ich habe dir ja gesagt, ich habe Beweise.“

„Mom, ich glaube, du machst hier wirklich aus einer Mücke einen Elefanten.“ Sean lehnte sich zurück. „Er war im Park, und eine Frau setzte sich neben ihn auf die Bank. Was ist schon dabei? Hatte er Lippenstift am Kragen? Oder Quittungen von irgendeinem billigen Motel in der Tasche?“

„Nein, natürlich nicht“, sagte sie, fast beleidigt. „Er ist doch schließlich Polizist, Sean. Für wie dämlich hältst du ihn?“

„Aber ich bin nicht bereit, aus einem harmlosen Gespräch auf der Parkbank einen Fall von Ehebruch zu konstruieren.“

Yvonne ging nervös im Zimmer auf und ab. „Er hat mir nicht gesagt, wo er war. Außerdem war er seltsam angezogen, er trägt doch sonst nie einen Trenchcoat, und er hat sich mit dieser Frau unterhalten, ohne sie anzusehen oder die Lippen zu bewegen.“

„Ich wusste gleich, dass da irgendetwas nicht stimmte“, fiel Bebe eifrig ein. „Deshalb habe ich auch nicht Hallo gesagt, sondern bin mit dem Hund möglichst schnell verschwunden.“

„Und als Bebe mich fragte, was Michael denn im Humboldtpark macht, habe ich mich gewundert. Michael hat doch jetzt einen reinen Schreibtischjob.“ Yvonne ließ sich neben Sean auf die Couch fallen. „Ich habe ihn natürlich gefragt, wo er war, und er meinte, er sei den ganzen Tag im Büro gewesen. Das war eindeutig eine Lüge. Deshalb habe ich seine Sekretärin, eine sehr nette Frau, angerufen und sie gebeten, mir Bescheid zu sagen, wenn er das nächste Mal das Haus verlässt, ohne dass sie etwas von einem Termin weiß.“

„Aber Ma!“ Sean starrte seine Mutter entsetzt an. Sie ließ den Vater durch seine Sekretärin bespitzeln, und das, wo er kurz vor seiner Beförderung stand? Das würde Dad ihr nie verzeihen.

Andererseits, was hatte Michael Calhoun nun wirklich im Park zu suchen? Wer war die Frau? Er nahm sich wieder die Fotos vor und musterte die Blondine genau. Hatte er sie schon einmal gesehen?

„Als dein Vater das nächste Mal das Büro verließ, ohne einen Termin zu haben, habe ich Bebe gebeten, ihn zu beschatten, allerdings verkleidet, damit er sie nicht erkannte. Sie hatte ein Kopftuch um und trug eine Sonnenbrille. Dein Vater hat keinen Verdacht geschöpft.“ Yvonne lächelte stolz.

Tatsächlich. Da war Bebe mit Sonnenbrille und Kopftuch, die einen Kinderwagen schob.

„Sieh dir die Bilder genau an. Dieselbe Bank, dieselbe Frau. Und wie billig sie aussieht.“

Sean musste ihr recht geben. Die Fotos waren gestochen scharf, und die Frau war gut zu erkennen mit ihrem blond gefärbten Haar, das bereits dunkel nachwuchs, der großen Sonnenbrille und dem dunklen Regenmantel. Das Gesicht war nicht schlecht geschnitten – ein kleines energisches Kinn, ein hübscher Mund. Der Mantel stand offen, und man konnte sehen, dass sie darunter enge, tief geschnittene Hosen und ein knappes Top trug. Am fürchterlichsten waren die Schuhe, ein Paar billige glitzernde Plastiksandaletten mit hohen Absätzen. Richtige Nuttenschuhe.

Was war schlimmer? Dass sein Vater eine echte Affäre hatte? Oder dass er mit einer billigen Nutte in Kontakt war? „Okay“, sagte Sean schließlich und seufzte leise. „Du hast Fotos von Dad zusammen mit einer verdächtigen Frau. Sonst noch etwas?“

„Nein, aber das ist ja gerade so seltsam. Nach diesem zweiten Treffen hat er das Büro nie mehr verlassen, ohne eine eindeutige Erklärung zu haben. Das heißt, bis auf heute. Da seine Sekretärin aber gehört hat, dass er sich mit Jake treffen wollte, geht die Sache wohl in Ordnung.“

„Ach so, deshalb hat Jake seinen Urlaub abgesagt. Er hat angerufen und meinte, er müsse etwas für Dad erledigen.“

„Mit dieser Frau hat er sich nicht wieder getroffen, aber es ist etwas anderes passiert.“ Yvonne sah die Freundin viel sagend an.

„Ja.“ Bebe nickte eifrig. „Ich habe sie wieder gesehen“, flüsterte sie.

„Im Park?“

„Nein, auf dem Flughafen. Ich musste meine Nichte abholen, ein sehr süßes und intelligentes Mädchen. Du solltest sie unbedingt kennenlernen, Sean.“

„Was ist nun mit der Frau?“

„Ach so. Ja, ich hole also meine Nichte ab, und wen sehe ich? Die Frau aus dem Park. Sie sah zwar etwas anders aus, hatte eine andere Haarfarbe und trug einen Schal, aber sie war es ganz bestimmt.“

„Gut, du hast sie also auf dem Flughafen gesehen.“ Sean versuchte, seine wachsende Ungeduld zu verbergen. „Offenbar hatte sie vor, die Stadt zu verlassen. Das ist doch nur von Vorteil.“

„Oh, nein“, sagte Bebe schnell. „Sie flog nicht ab, sie kam an. Ich sah sie bei der Gepäckausgabe und bin ihr gefolgt. Dann habe ich sie verloren, fand sie aber wieder. Ich habe sie an dem Schal erkannt. Sie stand am Informationsschalter, und ich habe mich hinter sie gestellt und gelauscht.“

„Donnerwetter, Bebe, warum heuerst du nicht bei der Polizei an?“ Sean versuchte, nicht allzu sarkastisch zu klingen.

Aber Bebe war viel zu sehr von sich überzeugt, um beleidigt zu sein. „Ja, ich war sehr gut, das muss ich selbst zugeben. Also, ich habe genau gehört, wie sie nach dem Weg nach Champaign-Urbana fragte.“

„Nach Champaign-Urbana?“, fragte Sean überrascht. „Zur Universität von Illinois?“

„Genau.“ Seine Mutter setzte sich befriedigt zurück. „Sie kaufte eine Fahrkarte für den Bus nach Champaign. Und ich möchte, dass du diesem Flittchen folgst und herauskriegst, was sie von deinem Vater will.“

2. KAPITEL

Als Sean in einem hübschen Hotelzimmer nicht weit vom Universitätscampus seinen Koffer auspackte, fiel seine Anspannung allmählich von ihm ab. Was für ein wunderschöner Sommertag! Von seinem Fenster aus konnte er fast den ganzen Campus überblicken, auf dem zu dieser Jahreszeit wenig los war, da die meisten Studenten während der Semesterferien nach Hause gefahren waren. Hier würde er diese kleine Schlampe in ihren billigen Schuhen ganz bestimmt nicht treffen.

Er hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil er von vornherein wusste, dass die Suche vergeblich war, und seine Mutter doch so große Hoffnungen in ihn setzte. Aber er würde sich nach bestem Wissen und Gewissen umsehen und nach ein paar entspannten Tagen zurückfahren. Ohne jedes Schuldgefühl konnte er seiner Mutter dann sagen, dass er diese Frau leider nicht hatte finden können.

Auf diese Weise kam er wenigstens mal raus aus der Stadt, weg von seinem Schreibtisch, seiner Mutter, die ihn immer nur verkuppeln wollte, und entging auch der mühsamen Aufgabe, während der ursprünglich geplanten Angelferien auf seinen kleinen Bruder aufpassen zu müssen. Nicht übel. Außerdem sah er auf diese Weise seine alte Universität wieder.

Er hatte hier studiert und erinnerte sich noch gut an eine verrückte Zeit ohne Sorgen, an spontane Basketballspiele, gute Pizza, lausiges Bier und aufregende Mädchen.

Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, griff er nach seiner Wasserflasche und lief in die Lobby hinunter. Er wollte ein paar alte Lieblingsorte aufsuchen und sich wieder mit der Umgebung vertraut machen. Dann würde er diskret ein paar Nachforschungen anstellen, vielleicht dem einen oder anderen das Foto der blonden Frau unter die Nase halten, um sich danach mit gutem Gewissen der guten Pizza und dem hoffentlich nicht mehr so schlechten Bier zuzuwenden.

Schon lange hatte Sean sich nicht mehr so frei und jung gefühlt wie jetzt, als er über den Campus schlenderte und sich an alte Zeiten erinnerte. Dieses Gefühl hielt genau vier Minuten an.

Dann tauchte sie auf.

Das konnte doch nicht wahr sein. War sie es wirklich? Die Frau von dem Foto?

Sie kam genau auf ihn zu, mit gesenktem Kopf und der linken Hand in der Tasche eines langen Jeansmantels. In der rechten Hand trug sie eine Einkaufstasche aus Leinen. Die Augen hatte sie hinter einer großen dunklen Sonnenbrille versteckt, genau wie die Frau auf dem Foto. Ihr braunes Haar sah aus, als sei es erst kürzlich geschnitten worden. Unter dem Kopftuch schauten die Spitzen hervor. Sie war blass und hatte ein hübsches Gesicht. Ein kleines energisches Kinn, sinnliche Lippen.

Sean kniff leicht die Augen zusammen. Sah er Gespenster, oder war das wirklich die Frau auf Bebes Fotos?

Ganz plötzlich schien die Atmosphäre aufgeladen, die Luft wie elektrisiert. Er war überrascht, wie schnell ihn das Jagdfieber überkam. Glücklicherweise war er geistesgegenwärtig genug, einfach weiterzugehen, als sie den gepflasterten Pfad verließ, über den Rasen ging und sich dann unter einem großen Baum niederließ. Wie ein Tourist, der alten Erinnerungen nachhängt, schlenderte er auf das Vorlesungsgebäude zu, blieb stehen und sah an dem Bau hoch, ging weiter und drehte sich dann unauffällig um, als wolle er die großen Bäume bewundern, während er die mysteriöse Frau genau musterte.

Sie war ein wenig nervös, so wie sie an ihrem Haar herumzupfte, die Sonnenbrille hin und her rückte und immer wieder den Mantel glatt strich, schien aber keinen Verdacht zu schöpfen. Sean ließ sich Zeit, nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche, ging ein paar Schritte, blieb wieder stehen und sah sich um.

Sie war sehr viel dezenter geschminkt als die Frau auf Bebes Fotos, außerdem waren Haarfarbe und Haarschnitt anders. Und statt der schäbigen Sandaletten trug sie flache Sandalen. Andererseits waren Gesicht, Lippen und Statur der Frau wiederum sehr ähnlich. Sie war etwa genauso groß und trug ein Kopftuch, was Bebe ja noch extra erwähnt hatte …

Außerdem sagte ihm sein Instinkt, dass sie es war. Wangenknochen und Kinnform waren genauso wie bei der Frau auf dem Foto.

Und sonst? Von ihrer Figur war wegen des weiten Mantels nicht viel zu erkennen, aber der Mantel machte sie verdächtig. Bei diesem warmen Wetter liefen fast alle Leute nur in Shorts und T-Shirt herum. Außerdem, warum versteckte sie sich hinter einer großen Sonnenbrille und trug bei diesen Temperaturen ein Kopftuch, wenn sie nichts zu verbergen hatte? Sie setzte sich unter den großen Baum und bemühte sich dabei so angestrengt, unauffällig zu wirken, dass es höchst auffällig und verdächtig war.

Aber war das wirklich die Frau, die er suchte? Er war so sicher gewesen, sie nicht zu finden, geschweige denn, schon in den ersten fünf Minuten auf sie zu stoßen.

Außerdem hatte er nicht erwartet, dass sie so … interessant war. Selbst in dieser merkwürdigen Verkleidung hatte sie etwas an sich, was ihn sofort aufmerken ließ, eine Ausstrahlung, die auch auf die Entfernung spürbar war. Wenn er ihr das Kopftuch und die Brille abnahm und sie von dem langen unförmigen Mantel befreite, dann war sie sicher …

Bildhübsch. Intelligent. Sexy.

War es wirklich nur das Jagdfieber, das seinen Körper heiß pulsieren ließ, oder spielte noch etwas anderes eine Rolle? So etwas war ihm noch nie passiert, aber alles geschah schließlich irgendwann zum ersten Mal.

Er trank einen Schluck Wasser und versuchte, sich auf seine Mission zu konzentrieren. War dies nun die Frau, nach der er Ausschau halten sollte?

Rein äußerlich gab es viele Übereinstimmungen, und dennoch wirkte diese Frau ganz anders als die Person auf Bebes Fotos mit den zotteligen, schlecht gefärbten Haaren und den billigen Schuhen.

In Gedanken versunken, entfernte Sean sich schrittweise von seinem Beobachtungsobjekt, ohne es jedoch aus den Augen zu verlieren. Da er gar nicht damit gerechnet hatte, die Frau zu finden, hatte er auch nicht überlegt, was zu tun war, wenn er sie fand. Sollte er ein Foto machen und an Bebe schicken, damit sie die Bilder vergleichen konnte? Sollte er versuchen, an ihre Fingerabdrücke heranzukommen, um sie von seinen Kollegen überprüfen zu lassen? Oder mit ihr ins Gespräch kommen? Vielleicht konnte er auf diese Weise herausfinden, ob zwischen ihr und seinem Vater etwas lief.

Wieder warf er verstohlen einen Blick in ihre Richtung. Sie schien keine Ahnung zu haben, dass sie beobachtet wurde. Vielleicht war sie von Natur aus vertrauensselig?

Sie nahm das Kopftuch ab und wischte sich über die Stirn, wobei ihm auffiel, dass sie keinen Ehering trug, und band sich das Tuch wieder um. Langsam nahm sie die Sonnenbrille ab und tupfte sich mit einem Tuch die Augen. Hatte sie Heuschnupfen, oder weinte sie? Sie schloss kurz die Augen und presste sich für ein paar Sekunden die Hand auf den Mund. Dann setzte sie die Brille wieder auf und zog aus ihrer Tasche eine Packung Cracker, die sie sich langsam Stück für Stück in den Mund schob, bis die Packung leer war. Danach stand sie auf, hängte sich die Tasche über die Schulter und ging davon.

Natürlich folgte Sean ihr.

Seltsam. Offenbar war sie hungrig gewesen. Aber hatte sie Heuschnupfen, oder hatte sie geweint? Und warum hatte sie sich die Hand auf den Mund gepresst? War ihr übel gewesen? Vielleicht wegen der Allergie? Oder hatte sie einen Hitzschlag bekommen? Warum zog sie dann den albernen Mantel nicht aus? Sean konnte sich keinen Reim darauf machen.

War das wirklich die Frau, die Bebe beobachtet hatte? Zu achtzig Prozent war Sean sicher. Aber was hatte sie dann mit seinem Vater da auf der Bank in Chicago gemacht? Und weshalb war sie jetzt hier? Er war selbst überrascht, wie begierig er war, die Wahrheit herauszufinden, und das hatte nicht nur etwas mit dem Auftrag seiner Mutter zu tun. Wer war diese Frau mit dem langen Mantel und der großen Sonnenbrille, die eine ganze Packung Cracker auf einmal aufaß? Was wollte sie hier in Champaign-Urbana?

Jetzt ging sie direkt auf ein kleines Café zu, kaufte sich etwas zu essen und ein großes Glas Milch und setzte sich draußen an einen Tisch. Bedächtig aß sie den Kuchen und trank die Milch. Danach stand sie auf und ging mit schnellem Schritt die Hauptstraße entlang. Etwas außerhalb vom Campus bog sie in eine kleine Straße ein, die von Bäumen gesäumt war, und verschwand in einem kleinen Haus.

Vor der Tür stand kein Auto. Soviel er erkennen konnte, gab es an der Klingel kein Schild mit dem Namen der Bewohner. Sean stand auf der anderen Straßenseite, unsichtbar hinter dichten Büschen, und überdachte den bisherigen Tagesverlauf. Er war kaum vier Stunden in dieser Stadt und hatte nicht nur sein Zielobjekt gefunden, sondern wusste auch schon, wo es wohnte. Das war wirklich nicht schlecht.

Am dritten Tag kannte Sean den Tagesablauf der geheimnisvollen Frau genau. Zwischen neun und zehn kam sie aus dem Haus, immer viel zu dick angezogen. Den Mantel knöpfte sie bis oben hin zu, außerdem trug sie einen Hut und die große Sonnenbrille. Jedes Mal ging sie auf den Campus, setzte sich immer unter denselben Baum, aß eine große Packung Cracker, starrte in die Luft und schien hin und wieder zu weinen. Auf alle Fälle machte sie sich wegen irgendetwas Sorgen. Manchmal fütterte sie die Eichhörnchen oder warf ein Frisbee zurück, das versehentlich in ihre Richtung geflogen war.

Sie hatte wirklich ein hübsches Profil, außerdem ein bezauberndes Lächeln und eine tolle Haut. Hin und wieder trug sie eine Baseballmütze, so wie heute. Sean wollte endlich einen Schritt weiterkommen und hatte sich mit Rucksack, Wasserflasche, einer kleinen Kamera und einer Zeitung ausgerüstet. Er hatte seiner Mutter bereits ein paar Nachrichten hinterlassen, aber verschwiegen, dass er die Gesuchte höchstwahrscheinlich schon gefunden hatte. Ein paar Aufnahmen aus den verschiedensten Blickwinkeln hatte er bereits gemacht, aber das war auch alles. Unschlüssig sah er zu ihr hinüber. Vielleicht sollte er sie noch ein bisschen länger beobachten, um zu sehen, ob sie mit irgendjemandem Kontakt aufnahm oder hier möglicherweise auf jemanden wartete.

Auf seinen Vater? Schon bei dem Gedanken knirschte er mit den Zähnen. „Die und mein Dad?“ Er schüttelte den Kopf. Das konnte er sich nicht vorstellen. Aber wenn dies wirklich die Frau war, die Bebe im Park beobachtet und dann auf dem Flughafen wieder getroffen hatte?

Plötzlich sprang sie auf, ließ Crackerschachtel und Tasche einfach liegen und stürzte hinter den nächsten Busch. Ohne zu zögern lief Sean hinterher und fand sie schließlich gegen einen Baumstamm gelehnt und die Hände auf Bauch und Mund gepresst. Mütze und Sonnenbrille waren ins Gras gefallen.

Als sie sich langsam umdrehte, bemerkte Sean, dass sie kreidebleich war und am ganzen Körper zitterte. Sie starrte ihn an.

Donnerwetter! Er hatte sie bisher noch nie ohne Sonnenbrille gesehen. Sie hatte wunderschöne haselnussbraune Augen, die selbst in diesem Moment einen warmen Glanz hatten. Jetzt kniff sie sie leicht zusammen, als überlege sie, ob sie ihn schon einmal gesehen hatte und was er wohl hier wollte. Unter ihrem forschenden Blick wurde er verlegen, und dennoch fühlte er sich ihr auf eine merkwürdige Art verbunden.

Er trat näher und hob die Baseballmütze auf. „Entschuldigen Sie“, sagte er leise und reichte ihr die Mütze. „Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber Sie sahen aus, als bräuchten Sie Hilfe …“

Und dann begriff er, was mit ihr los war. Der unförmige Mantel. Die Cracker. Die plötzliche Übelkeit.

Sie war schwanger.

Natürlich. Und trotzdem …

Die Frau, die ein Verhältnis mit seinem Vater haben sollte, war schwanger? Das traf Sean wie ein Faustschlag in den Magen.

3. KAPITEL

„Gehen Sie“, sagte Abra schnell.

Das hatte ihr noch gefehlt, ein neugieriger Fremder, der sich hier einmischte. Er sah nicht gefährlich aus, eigentlich sogar ausgesprochen nett mit seinen kurz geschnittenen hellbraunen Haaren und seiner ernsthaften, mitfühlenden Miene. In dem weißen T-Shirt, der etwas ausgeblichenen Jeans und dem Rucksack über der Schulter passte er gut auf den Campus, obwohl sie zugeben musste, dass er sehr viel besser aussah als der Durchschnittsstudent. Er hatte breite Schultern und schmale Hüften, und wenn er das T-Shirt ausziehen würde … Sie schwärmte für muskulöse Männer, auch wenn sie sich das selbst kaum eingestand.

Wieder sah sie ihn kurz an und wünschte sofort, sie hätte es nicht getan. Blaue Augen hatte er. Das hätte sie sich gleich denken können. Für blaue Augen hatte sie nun mal eine fatale Schwäche, auch wenn Männer mit blauen Augen ihr bisher nur Unglück gebracht hatten.

„Ein Schnüffler ist und bleibt ein Schnüffler, und wenn er noch so gut aussieht“, murmelte sie.

Er trat näher. „Was haben Sie gesagt?“

Abra stöhnte leise und hielt sich weiter an dem Baum fest. Wenn diese Übelkeit doch bloß bald vorbeigehen würde. Dieser anbetungswürdige Mann mit den hinreißenden blauen Augen sah sie an, als wäre sie ein exotisches wildes Tier.

„Ich sagte, gehen Sie“, wiederholte sie.

Aber er schüttelte nur den Kopf und machte wieder einen Schritt auf sie zu. „Ich möchte Ihnen helfen“, sagte er freundlich. „Ziehen Sie doch diesen Mantel aus, sonst werden Sie vor Hitze auch noch ohnmächtig.“

Bevor sie ihn daran hindern konnte, hatte er sie bei den Schultern genommen, streifte ihr den Mantel ab und legte ihn sich über den Arm. „Fühlen Sie sich jetzt besser?“, fragte er in dem gleichen beruhigenden Tonfall und legte ihr die Hand auf die Stirn, als wäre sie eine Dreijährige. Ihr erster Impuls war, seine Hand wegzustoßen, doch dann wünschte sie sich, er würde seine kühle Hand ewig dort liegen lassen.

Schlimmer noch, sie konnte an nichts anderes denken als an die Berührung seiner Finger, auf der Stirn und anderswo, an seine bezwingenden blauen Augen, an ihre Sehnsucht nach den Lippen eines Mannes …

Ihre Hormone spielten vollkommen verrückt. Sie musste endlich etwas dagegen tun.

Aber seine Finger fühlten sich doch so gut an, und die blauen Augen mit den schwarzen Wimpern betrachteten sie tatsächlich voller Mitgefühl. Wie angenehm musste es sein, einmal im Leben einem Mann wirklich vertrauen zu können und sich seiner Fürsorge zu überlassen. Und wenn er dann noch so sexy war wie dieser Fremde …

Sie richtete sich gerade auf und kämpfte gegen einen neuen Anfall von Übelkeit. Was ging denn bloß in ihr vor? Als ob sie nichts Besseres zu tun hatte, als sich in jemanden zu verknallen, den sie überhaupt nicht kannte. Wenn er nun einer dieser ekelhaften Paparazzi war oder irgendein verrückter Fan oder gar ein Serienmörder?

Schnell machte sie einen Schritt zurück. „Vielen Dank, aber …“

Aber Sie dürfen mich auf keinen Fall erkennen, und nun habe ich schon meine Brille verloren und die Mütze, und den Mantel haben Sie mir ausgezogen. Vor sich sehen Sie die berühmte Abra Holloway mit schlecht gefärbtem Haar, die sich ständig übergeben muss. Und selbst wenn Sie kein Serienmörder sind, sehen Sie einfach zu gut aus, als dass ich mit Ihnen etwas anfangen dürfte. Außerdem habe ich bei Männern mit blauen Augen sowieso kein Glück.

„Sie können sich ja kaum auf den Beinen halten“, sagte er und zog eine Flasche Wasser aus dem Rucksack. „Setzen Sie sich doch irgendwo hin, wo es kühler ist. Möchten Sie einen Schluck Wasser?“

Sie sah die Flasche misstrauisch an. Glaubte er wirklich, sie würde aus seiner Flasche trinken? Doch dann wurde ihr bewusst, wie trocken ihr Mund war, also lächelte sie vorsichtig und griff nach der Flasche.

Sie nahm erst einen Schluck, dann einen zweiten, einen dritten. Und ehe sie es sich versah, war die Flasche leer. „Das war gut“, flüsterte sie aufatmend und gab ihm die leere Flasche zurück. „Vielen Dank.“

Er lächelte. „Gern geschehen.“

Du meine Güte, dieses Lächeln! Abra wurden die Knie weich, und diesmal ganz sicher nicht vor Übelkeit.

Das Wasser hatte ihr gut getan, aber immer noch fühlte sie sich nicht in der Lage, den Baum loszulassen. Dennoch, sie musste diesem Lächeln und den blauen Augen irgendwie entkommen. Ob er sie schon erkannt hatte? Vielleicht hatte er sie deshalb angesprochen.

„Haben Sie recht herzlichen Dank für Ihre Hilfe“, sagte sie schnell und ging mit weichen Knien um den Baum herum, ohne ihn loszulassen. „Es geht mir sehr viel besser. Ich habe Sie schon lange genug aufgehalten. Nochmals vielen Dank, dass Sie mich vor … vor meinem Mantel gerettet haben.“ Sie lachte leise und streckte den Arm aus, um den Mantel wieder in Empfang zu nehmen.

Aber er dachte nicht daran, ihr den Mantel zurückzugeben. „Ich habe nicht den Eindruck, dass es Ihnen schon wieder gut geht“, sagte er ernst. „Sie sollten sich unbedingt ins Kühle setzen. Vor allem in Ihrem Zustand.“

Ihr empfindlicher Magen machte sich wieder bemerkbar. „In meinem Zustand? Was meinen Sie damit?“

„Das ist doch nicht schwer zu erraten, bei all den Salzkeksen und der Übelkeit.“

„Sie irren sich“, sagte sie hastig. „Mir war nur einfach zu warm in dem Mantel. Vielleicht kriege ich auch eine Sommergrippe.“

„Mir können Sie nichts vormachen. Sie müssen nämlich wissen, auch wenn das etwas seltsam klingt, dass ich Sie schon länger beobachte.“ Er musterte sie aufmerksam. „Ich glaube, ich weiß, wer Sie sind und was das Ganze soll.“

„Wer ich bin?“ Schnell drehte sie sich ganz zu dem Baum um, aber es war zu spät. Außerdem hatte der Mann sowieso Röntgenaugen. Das war ja ein regelrechter Albtraum. Sie war enttarnt. Auch ohne Mantel war ihr jetzt kochend heiß, und sie war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Aber das durfte nicht sein, denn dann konnte sie sich nicht verteidigen, und er würde sicher jeden Moment sein Handy herausziehen und CNN anrufen. Eine schwangere Abra Holloway, die sich in Illinois aufhielt und gerade ohnmächtig geworden war, das war ein gefundenes Fressen für die Medien!

Und daran war allein dieser Mann mit den blauen Augen schuld. Wie durch einen Nebel hörte sie ihn sprechen, wieder mit dieser sanften Therapeutenstimme, die sie jetzt rasend machte.

„Ich kann gut verstehen, dass Sie weggelaufen sind und nicht entdeckt werden wollen“, bemerkte er leise. „Ich meine, es ist nicht einfach, unter diesen Umständen ein Kind zu erwarten.“

Was wusste er denn von den „Umständen“? „Wer hat Sie geschickt?“ Angriff ist die beste Verteidigung, dachte sie und hielt sich krampfhaft am Baumstamm fest. Sollte sie versuchen, ihn zu bestechen? Ihm drohen? „Sind Sie Privatdetektiv? Hat Julian Sie angeheuert? Oder Shelby?“

„Nein.“

„Das hätte mich auch gewundert. Gut, wer sind Sie dann? Ein Reporter?“

„Nein.“ Er hatte die Augen leicht zusammengekniffen und musterte sie eindringlich. Sie hatte das Gefühl, er könne ihr direkt in die Seele sehen, sodass ihm nichts verborgen blieb. Sie hätte ihn schütteln mögen.

„Starren Sie mich nicht so an, das nervt. Und wenn Sie mir nicht sofort sagen, wer Sie sind, dann schreie ich. Der nächste Polizist ist bestimmt nicht weit. Sie haben ja bereits zugegeben, dass Sie mir nachgeschlichen sind.“

„Ich bin Ihnen nicht nachgeschlichen.“ Ihre Drohung, die Polizei zu rufen, schien ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen. „Ich heiße übrigens Sean Calhoun.“ Sein Blick wurde noch intensiver, als wolle er herausfinden, ob ihr der Name etwas sagte. Sie hatte ihn noch nie gehört. Als sie keinerlei Reaktion zeigte, wiederholte er: „Ich bin Ihnen nicht nachgeschlichen, ich habe Sie beschattet.“

„Aber warum? Und wer hat Sie beauftragt?“

Er zögerte. „Meine Mutter“, sagte er schließlich.

Was sagte er da? Seine Mutter? „Reden Sie keinen Unsinn. Warum sollte sie? Ist sie ein Fan von mir?“

„Oh nein, das ganz sicher nicht.“

Das wurde ja immer besser. Er beschattete sie, weil seine Mutter die Shelby Show nicht leiden konnte? „Lassen Sie mich in Ruhe!“, stieß sie leise hervor, denn ihr war schon wieder übel. Sie presste ihre Hand auf den Bauch. „Mir ist hundeelend, und ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie wollen. Und das kann ich im Augenblick schlecht ertragen.“

„Regen Sie sich nicht auf!“, sagte er beschwörend und trat auf sie zu, den Mantel in der einen und die Mütze in der anderen Hand. „Ich tue Ihnen nichts. Ich möchte nur, dass Sie sich beruhigen.“

„Ich will mich aber aufregen!“, platzte sie heraus. „Und hören Sie auf mit diesem väterlichen Tonfall. Ob ich mich aufrege oder nicht, geht Sie gar nichts an!“

Er sah sie überrascht an, zuckte dann mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. Doch dann drehte er sich noch einmal um und fixierte sie düster. „Nur eine Sache noch, dann werde ich Sie nicht mehr belästigen. Das Kind …“

Sie sah an ihm vorbei und presste die Lippen zusammen.

„Das Kind“, wiederholte er, „ist es von meinem Vater?“

Was? Sie riss die Augen auf. Wie kam er denn darauf? Sie kannte weder ihn noch seinen Vater. Wieso sollte sein Vater etwas mit ihrem Baby zu tun haben? „Wer ist Ihr Vater?“

„Michael Calhoun.“

„Aber ich kenne keinen …“

„Aber die Parkbank in Chicago …“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Welche Parkbank? Und wieso Chicago? Keine Ahnung.“

„Waren Sie denn nicht vor einigen Tagen auf dem O’Hare Airport und haben sich nach Busverbindungen nach Champaign erkundigt?“

„Das schon, aber ich verstehe nicht …“ Aber dann machte es bei ihr klick. Er verwechselt mich mit einer anderen Frau. Das wäre ja wunderbar. Sie musterte ihn verstohlen. Er sah nicht aus wie jemand, der unter Wahnvorstellungen litt, also musste es sich um einen einfachen Irrtum handeln.

Er wollte wissen, ob sein Vater der Vater ihres Kindes war. Und hatte er nicht behauptet, seine Mutter hätte ihn beauftragt, sie zu suchen? Das war verständlich, wenn sie glaubte, ihr Mann betrüge sie und setze mit anderen Frauen Kinder in die Welt. Aus irgendeinem Grund nahm Sean Calhoun an, sie sei eine dieser Frauen. Also war er nicht Abra Holloway auf der Spur gewesen, sondern der Geliebten seines Vaters.

Vor Erleichterung fing Abra laut an zu lachen. Sean sah sie verblüfft an.

Er hielt sie für jemand anderen. Besser konnte es nicht kommen.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie schließlich und rang mühsam um Fassung. „Tut mir leid, dass Sie offenbar mit Ihren Eltern Probleme haben. Es ist sicher nicht angenehm, die Geliebte des Vaters beschatten zu müssen …“

„Sekunde mal …“

Doch Abra ließ sich nicht stoppen. „Sie haben wirklich mein tiefstes Mitgefühl. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mit Ihrem Familiendrama nichts zu tun habe.“

„Tatsächlich nicht? Sie sehen wirklich so aus wie …“

„Mir ist vollkommen egal, wem ich ähnlich sehe. Ich bin nicht die Frau, die Sie suchen.“ Allmählich stieg Wut in ihr auf. „Ich kenne Sie nicht, ich kenne Ihren Vater nicht und bin noch nie in meinem Leben irgendeinem Calhoun begegnet.“

„Vielleicht hat er einen anderen Namen benutzt“, wandte er ein.

Sie schüttelte energisch den Kopf. „Vielleicht überrascht es Sie, aber ich weiß tatsächlich ziemlich genau, mit wem ich zusammen war und wer der Vater des Kindes ist.“ Sie riss ihm die Baseballmütze aus der Hand und griff nach dem Mantel. Aber Sean war schneller. „Mein Verlobter ist dreißig und lebt in New York. Wie alt sind Sie? Siebenundzwanzig? Achtundzwanzig?“

Er nickte.

„Also kann mein Verlobter auch nicht Ihr Vater sein! Und ich bin nicht die Frau, die Sie suchen. Außerdem ist es eine Unverschämtheit anzunehmen, ich würde mit einem Mann schlafen, der doppelt so alt ist wie ich, und würde mich mit ihm auf Parkbänken treffen! Das ist wirklich mehr als billig.“ Sie atmete tief durch. So, das war erledigt. Doch plötzlich meldete sich ein anderes Gefühl. So war es immer, seit sie schwanger war, sie lebte geradezu in einem Gefühlschaos.

Da stand sie nun, Abra Holloway, der berühmte Medienliebling, ihrem sehr attraktiven Ritter gegenüber, der galant ihren Mantel trug und ihr besorgt die Stirn gefühlt hatte. Und dieser tolle Mann wusste nicht, wen er vor sich hatte.

Sicher, wenn er sie erkannt hätte, hätte sie das in größte Schwierigkeiten gebracht. Doch dass er sie nicht erkannte, war auch irgendwie beleidigend.

Aber darauf durfte sie es nicht ankommen lassen, sondern musste lieber schleunigst das Weite suchen. Schnell riss sie ihm den Mantel aus der Hand, klemmte ihn sich unter den Arm und suchte nun den Boden ab. „Wo ist nur meine Sonnenbrille? Sie ist heruntergefallen und …“

„Ich fürchte, ich bin draufgetreten“, gestand Sean kleinlaut. „Tut mir leid.“

„Macht nichts. Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe. Und viel Glück bei Ihrer Suche.“ Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch einmal um. Sie konnte einfach nicht widerstehen. „Und lassen Sie sich einen guten Rat geben. Versuchen Sie, mit Ihrer Familie ins Gespräch zu kommen. Statt fremden Frauen hinterherzuspionieren, sollten Sie Ihren Vater offen nach seiner Freundin fragen. Das macht alles sehr viel einfacher.“

Er hob überrascht die Augenbrauen. „Vielen Dank für den Ratschlag.“ Er grinste.

Warum grinste er so? „Keine Ursache“, murmelte sie und konnte den Blick nicht von seinem Mund lösen. Unwillkürlich befeuchtete sie sich die Lippen. Er küsste sicher fantastisch. Plötzlich empfand sie so etwas wie Enttäuschung, dass sie das nie herausfinden würde, weil sie ihn nie wieder sehen würde. Sie war wirklich nicht ganz gescheit.

Glücklicherweise fiel ihr noch die Leinentasche ein. Schnell hob sie sie auf und stopfte die fast leere Crackerschachtel und das neueste Elternmagazin hinein, dessen Umschlag sie abgerissen hatte. Ob Sean Calhoun sie immer noch beobachtete? Wie lange er ihr wohl schon gefolgt war? Wie hatte sie so ein Bild von Mann übersehen können?

Sie drehte sich zwar nicht um, aber sie konnte seinen Blick fühlen wie eine warme Umarmung. Sie musste weglaufen, jetzt sofort, und doch wollte sie nichts anderes als bleiben, ihm nahe sein, ganz nahe, ihn spüren mit allen Sinnen, Haut an Haut, Mund an Mund …

Sie richtete sich auf, atmete tief durch und ging weg.

4. KAPITEL

Sean sah der Fremden lange hinterher, gefangen in einer seltsamen Mischung von Gefühlen. Da war die ungeheure Anziehung, die von dieser Frau ausging. Sean konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Ähnliches wie dieses beinahe quälende Verlangen gleich bei der ersten Begegnung empfunden zu haben. Und dann noch nach einer Frau, die schwanger und ganz offensichtlich auf der Flucht war und noch dazu mit der morgendlichen Übelkeit zu kämpfen hatte. Was sollte er von so einer Frau wollen? Aber sie faszinierte ihn, erstaunlicherweise.

Schon von Berufs wegen war er ein guter Beobachter, und so war ihm natürlich nicht entgangen, dass es der Frau ähnlich ging. Sie hatte das gewisse Leuchten in den Augen, immer wenn er sie ansah, und der Mund schien ihr trocken zu werden. Denn immer wieder befeuchtete sie sich mit der Zunge die Lippen.

„Aber sie ist schwanger, du Idiot“, murmelte er vor sich hin. „Sie kriegt ein Kind von einem anderen Mann. Was soll dich dann an ihr faszinieren?“ Er fluchte laut.

Andererseits war Sean auch erleichtert. Sie behauptete, seinen Vater nicht zu kennen, und er glaubte ihr. Er hatte gelernt, Menschen einzuschätzen, und wusste ziemlich schnell, ob sie die Wahrheit sagten. Als sie sich entdeckt glaubte, hatte sie panisch reagiert, aber genauso war ihre Verwirrung echt gewesen, als er seinen Vater erwähnte.

Während er vor dem Gespräch zu achtzig Prozent sicher gewesen war, dass sie und die Frau, die Bebe im Park gesehen hatte, ein und dieselbe Person waren, glaubte er jetzt mit neunzigprozentiger Gewissheit, dass sie es nicht war.

Aber er war nicht nur erleichtert, er war auch frustriert. Nicht nur sexuell, sondern auch, weil er sie nicht einschätzen konnte und nicht wusste, wer sie war. Und das war wirklich frustrierend.

Sie hatte einen Verlobten in New York erwähnt, aber sie trug keinen Ring. Und was tat sie dann hier mitten in Illinois auf einem Campus, schwanger und allein? Er hatte sie lange beobachtet und wusste, dass sie hier weder studierte oder selbst unterrichtete, noch die berühmte Bibliothek für irgendwelche Forschungszwecke nutzte. Sie tat nichts anderes, als unter den Bäumen zu sitzen, Junk Food zu essen und in die Gegend zu starren, bevor sie abends wieder nach Hause ging. Weshalb war sie hier anstatt in New York oder wo immer sie lebte? Warum hatte sie sich verkleidet? Sie war in Schwierigkeiten, das spürte er ganz genau.

Und sie war sehr sexy, das war nicht zu leugnen, und das auf eine sehr provozierende Weise. Es war diese Mischung aus Unschuld und Koketterie, die sie so anziehend machte. Die Art und Weise, wie sie das Haar zurechtschüttelte und sich die Mütze aufsetzte, der Schwung ihrer Hüften und ihres kleinen runden Pos beim Gehen. Jetzt beugte sie sich vor und sammelte ihre Sachen ein, ein noch verführerischerer Anblick. Sean stöhnte leise. Normalerweise war er dafür bekannt, dass er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ, aber jetzt hätte er sich am liebsten auf sie gestürzt.

Dabei wusste er genau, dass er besser die Finger von ihr lassen und nach der Frau suchen sollte, die Bebe im Park gesehen hatte. Aber er konnte den Blick nicht von ihr lösen und wusste nur eins: Er musste sie wieder sehen.

Jetzt entfernte sie sich mit schnellen Schritten, als seien Reporter hinter ihr her, wovor sie offenbar große Angst hatte. Sie ging an dem Fremdspracheninstitut vorbei, und er wusste, dass sie gleich in die kleine Allee einbiegen würde, in der sie wohnte. Wer auch immer sie war, sie war voller Widersprüche, so viel stand fest.

Aber wenn sie mit ihrem Leben nicht klarkam und deshalb unter einem Baum saß und versuchte, eine Lösung zu finden, wieso gab sie ihm dann diese Ratschläge, wie er mit seinen Eltern und seiner Familie umgehen sollte? Das war ja wie in einer dieser albernen Talkshows, in denen die Menschen mit praktischen Ratschlägen überschüttet wurden. Warum konnte sie sich dann nicht selbst helfen?

Sean wusste genau, dass es ihn überhaupt nichts anging, ob eine Frau bei ihrem Verlobten blieb oder ihr Kind lieber allein aufzog, ob sie sich das Haar färbte und mitten im Sommer in einem warmen Mantel herumlief. Und dennoch umgab diese Frau ein Geheimnis, das ihn neugierig machte. Wer war zum Beispiel dieser Julian, ihr Verlobter?

Sie hatte noch einen Namen genannt: Shelby. Und dann hatte sie offenbar Angst vor Reportern und Skandalblättern. Vielleicht sollte er die Namen einfach in eine Internetsuchmaschine eingeben.

Zufrieden steckte er die Hände in die Hosentaschen. Das war doch immerhin eine Idee.

Erleichtert sank Abra in der kleinen Küche auf einen Stuhl. Hier in diesem Häuschen fühlte sie sich sicher. Sie atmete schwer und stützte den Kopf in die Hand. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Jetzt musste sie sich nicht nur um Julian und das Baby und ihre Karriere Gedanken machen, nun war auch noch dieser atemberaubende Mann aufgetaucht. Was wusste er? Seit wann hatte er sie verfolgt? Wohin sollte sie fliehen?

Seufzend stand sie auf und ging zum Kühlschrank. Sie hatte einen unbezähmbaren Appetit auf Eis, aber nicht irgendein Eis. Es musste Bananeneis mit Schokolade und Walnüssen sein. Natürlich war nichts mehr da. Sollte sie zum nächsten Supermarkt fahren? Aber sie hatte kein Auto.

Wütend schlug sie die Kühlschranktür wieder zu. „Ich will Bananeneis mit Nüssen, auf der Stelle!“, schrie sie wütend, aber nichts geschah.

Wieder ließ sie sich auf den Stuhl sinken. Was war nur mit ihr los? Sie war doch immer für ihre untadelige Haltung berühmt gewesen. „Ich muss mich endlich zusammennehmen“, sagte sie laut. „Ich bin Abra Holloway, die anderen Menschen gute Ratschläge gibt. Ich bin intelligent und weiß für jedes Problem eine Lösung. Da werde ich doch wohl mit meinen eigenen fertig werden.“

Sie schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Das war schon besser. Also, was sollte sie tun? Sollte sie hier bleiben oder sich eine andere Wohnung suchen? Sie griff nach dem Kugelschreiber und dem Block, auf dem sie schon eine Tabelle mit zwei Spalten gezeichnet hatte, für Pro und Contra. Aufgeschrieben hatte sie allerdings noch nichts.

Sie starrte nachdenklich ins Leere. Den Sommer hier in dieser verschlafenen Universitätsstadt zu verbringen hatte sie für eine gute Idee gehalten. In New York, Los Angeles oder Chicago hätte man sie an jeder Straßenecke erkannt und mit Fragen bombardiert, warum sie denn ihre Show aufgegeben habe.

Hinzu kam, dass in dieser kleinen Stadt einmal alles seinen Anfang genommen hatte, damals vor vielen Jahren. Und irgendwie hatte sie die verrückte Idee gehabt, dass es gut wäre, an den Ausgangspunkt zurückzukehren, um neue und diesmal klügere Entscheidungen zu fällen. Wie sollte ihr Leben in Zukunft aussehen als allein stehende Mutter mit Kind?

Wie einfach ist es, anderen gute Ratschläge zu geben, dachte Abra und seufzte.

Und nun war dieser Sean Calhoun aufgetaucht, und sie konnte es sich nicht mehr leisten, hier oder unter einem schattigen Baum auf dem Campus zu sitzen und über ihr Leben nachzudenken. Selbst wenn er vorläufig noch nicht wusste, wer sie war, er würde es schnell herausbekommen und die Information natürlich sofort an die Presse weitergeben.

Und dann würde die Reportermeute sehr schnell vor ihrer Tür stehen. „Weshalb haben Sie sich hier versteckt, Abra? Wer ist denn der Vater Ihres Kindes? Wie konnten gerade Sie ungeplant schwanger werden? Finden Sie nicht, dass das all Ihre Ratschläge völlig unglaubwürdig macht?“

„Ich muss hier weg!“, sagte sie laut und stand auf. Wenn man herausfand, dass sie ein uneheliches Kind erwartete und ihr Leben chaotischer war als das der Menschen, denen sie gute Ratschläge zur Lebensgestaltung gab, konnte sie ihre Karriere vergessen. Denn der Vater des Kindes, ihr Exverlobter, hasste sie und wollte das Kind nicht. Er hatte mit einem öffentlichen Skandal gedroht, wenn sie das Baby trotzdem austrug.

Schnell lief sie ins Schlafzimmer und holte die drei Koffer aus dem Schrank. Wahllos riss sie die Kleider von den Bügeln und stopfte sie in die Koffer. Weg, bloß weg.

Sean schaute auf den Computerbildschirm. Das war interessant. Kein Wunder, dass sie nicht erkannt werden wollte. „Das ist ja diese Abra Holloway“, knurrte er halblaut.

Tagsüber sah er nie fern, und da ihn Talkshows sowieso nicht interessierten, hatte er keine Ahnung gehabt, wer sie war. Aber den Namen Abra Holloway hatte er natürlich schon gehört. Sie war eine Berühmtheit auf ihrem Gebiet, hatte Fanclubs, war im Weißen Haus zum Essen eingeladen gewesen und hatte schon viele Titelblätter geziert.

Nachdenklich betrachtete er die Frau auf dem Monitor, die so ganz anders aussah als die auf dem Campus. Sie wirkte bezaubernd, elegant und klug, hatte helles längeres, tadellos frisiertes Haar und trug ein enges weißes Kleid. Aber wenn er sich Lippen, Nase, Kinn und die ganze Haltung ansah, so handelte es sich ganz eindeutig um die Frau vom Campus.

Er zog Bebes Foto aus der Tasche und konnte sofort den Unterschied erkennen. Sicher, es gab Übereinstimmungen, Ähnlichkeiten an Kinn und Nase, aber die Frauen trennten Welten. Die auf dem Foto sah aus wie eine Prostituierte, die auf dem Monitor wie eine Prinzessin. Wie hatte er sich nur so täuschen können?

Er las sämtliche Artikel über Abra Holloway, druckte einige aus und musste immer wieder den Kopf schütteln. Da war ihm eine Berühmtheit in die Arme gelaufen. Dennoch, aus keinem der Artikel ging hervor, wie diese Frau zur Ratgeberin der Nation geworden war.

Sie war immer noch unter dreißig, immer noch unverheiratet, hatte an vielen Orten der Welt gewohnt und war mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt gekommen. „Abra hat diese warme, energiegeladene Ausstrahlung“, meinte die Zeitschrift People, „und nimmt bei ihren Fans über den Fernsehschirm direkt im Wohnzimmer Platz, als sei sie ihre beste Freundin.“

Sie konnte zu jedem Thema gute Ratschläge geben, etwa, wie man seine Steuerunterlagen ordnen, Tagungen organisieren, Familienferien zu einem Erfolg machen, den Ehemann wieder an Sex interessieren oder besser mit der Schwiegermutter auskommen konnte. Aber woher wusste sie das alles? Sie war keine studierte Psychologin, wie sie immer wieder betonte, eher die große Schwester, weise Tante und gute Freundin, die bei Problemen immer einen Ausweg wusste. Sie war plötzlich wie aus heiterem Himmel aufgetaucht und schlagartig sehr erfolgreich gewesen. Kein Wunder, dass man sie „Abra Cadabra“ nannte.

Und genauso plötzlich war sie verschwunden. Sie hatte ihren Verlobten, den Traum einer jeden Schwiegermutter, ihren Job und ihr schickes Apartment in Manhattan zurückgelassen, und keiner wusste, wo sie war.

Wenn ihr Leben so perfekt war, warum hat sie es dann einfach aufgegeben? fragte sich Sean. Und was war mit dem Baby?

War der blonde Verlobte, der den Arm so besitzergreifend um Abra legte, der Vater des Kindes? Ihm gehörte die Firma, die die Shelby Show produzierte, und er war schwerreich. „Wie praktisch! Verlobter und Boss in einer Person“, stieß Sean leise hervor. „Abra trägt einen dreikarätigen rosa Diamanten“, las er, „ein Geschenk von Julian Wheelwright, den Abra als ihren absoluten Traummann bezeichnet. Bisher gibt es allerdings noch kein Hochzeitsdatum. Böse Zungen behaupten, wer so lange verlobt ist, wird nie heiraten.“

„Sehr gut, Abra“, lobte Sean. Dieser selbstgefällige Kerl war sicher nicht der Richtige für sie. Ob er der Vater des Kindes war? Oder hatte er sie quasi verstoßen, weil das Kind nicht von ihm war?

Irgendetwas stimmte da nicht, sonst hätte sie ihren Traummann längst geheiratet. Sean hatte genug Lebenserfahrung, um zu wissen, dass hinter den Kulissen die Welt der Reichen und Schönen selten perfekt war. Unter den Millionären und High-Society-Hasen gab es genauso viele Betrüger und Schurken wie anderswo auch.

Aber das ging ihn nichts an. Er machte besser den Computer aus und wandte sich wieder seiner eigenen Aufgabe zu, jetzt, wo er wusste, wer diese Frau war.

Er lehnte sich zurück. So einfach ging das nicht. Er war schließlich bei der Kriminalpolizei und ein ausgesprochen guter Detective. Er musste dieses Rätsel lösen, auch wenn das eigentlich nicht seine Sache war. Irgendwie hatte er den Wunsch, Abra Holloway zu helfen. Er wollte herausfinden, was sie unglücklich machte.

Und er wusste auch schon, wo er ansetzen musste.

Abra war unsicher und gleichzeitig wütend auf sich selbst. Sie hasste sich, wenn sie keine klaren Entscheidungen treffen konnte. Es war bereits alles gepackt, und sie hatte schon den Telefonhörer in der Hand, um ein Taxi zum Busbahnhof zu bestellen, als sie merkte, dass sie Hunger hatte. Wenn sie erst einmal im Bus saß, gab es nichts zu essen. Vielleicht sollte sie lieber hier etwas essen als in der Busstation. Sie wählte die Nummer des nächsten Pizzaladens und gab ihre Bestellung auf.

Auch wenn Sean Calhoun superschlau war, kam er sicher nicht auf die Idee, dass sie Champaign-Urbana so schnell wieder verlassen würde. Sowie sie gegessen hatte, würde sie zur Busstation fahren und den nächsten Bus nehmen, egal wohin er fuhr. Hoffentlich kam der Pizzadienst bald.

Das Schlimmste war, dass sie ihre Freundin und Mentorin Shelby hatte sitzen lassen. Sie war immer anständig zu ihr gewesen, und wenn Abra geblieben wäre, würde sie jetzt mitten in den Vorbereitungen für eine neue Show stecken, ihre eigene tägliche Talkshow mit richtigen Menschen und richtigen Problemen, bei denen sie helfen konnte. Sie hätte alles haben können, Ruhm, Geld, Anerkennung.

Aber wollte sie das wirklich? Seit wann war ihr das so wichtig?

Es klingelte. „Ich komme!“, rief sie. Die Pizza. Endlich!

Sie stürzte zur Tür und griff im Vorbeigehen nach ihrer Handtasche. Hoffentlich hatte sie noch genug Bargeld. Vielleicht sollte sie sich beim nächsten Automaten noch etwas holen. Sie riss die Tür auf und suchte gleichzeitig in ihrer Tasche nach ihrem Portemonnaie. „Was bekommen Sie?“

„Hallo“, sagte der Mann an der Tür mit tiefer, warmer Stimme. „Wie geht es Ihnen?“

Das war nicht der Mann vom Pizzadienst. Sie sah hoch.

Sean. Natürlich. Für einen winzigen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben. Plötzlich empfand sie eine überwältigende Freude, ihn wieder zu sehen, und sehnte sich danach, sich in seine starken Arme zu werfen und ihm alles zu überlassen. Dann aber überfiel sie eine kalte Angst.

„Abra?“, fragte er leise. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Hatte sie richtig gehört? Das konnte doch nicht wahr sein.

„Abra?“, sagte er wieder und trat in die Tür, als fürchte er, sie fiele gleich in Ohnmacht.

Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Woher kannte er ihren Namen?

5. KAPITEL

„Und alles nur wegen der albernen Pizza“, murmelte sie. Aber der Hunger, den sie jetzt verspürte, hatte mit Essen nichts zu tun. Sie holte tief Luft. Sean roch nach Sonne und Hitze und Mann, und da stand er, groß, stark und sexy. Sie begehrte ihn, sie wollte ihn an sich ziehen, ihn spüren und lieben. Auf der Stelle.

Was war bloß mit ihr los? Sie war doch sonst nicht so leicht zu erregen. Dieses plötzliche, überwältigende Verlangen hatte sie noch nie gefühlt, nicht bei David, mit dem sie kurz verheiratet gewesen war, und ganz sicher nicht bei Julian. Lag es womöglich an der Schwangerschaft, dass sie vor Begierde brannte, wenn sie diesen gut aussehenden Mann ansah, der offenbar alles hatte, was man sich wünschte? Oder gab es eine andere Ursache?

Sie schloss kurz die Augen und rieb sich die Stirn, als könne sie so wieder zu Verstand kommen. Ihr Leben war auch ohne eine heiße Affäre mit einem Wildfremden schon chaotisch genug. Aber er wusste, wer sie war, und daher konnte sie ihn nicht einfach hinauswerfen.

Inzwischen war er eingetreten und hatte die Haustür hinter sich zugezogen, ohne dass sie es bemerkt hatte. „Ich habe Sie nicht hereingebeten“, sagte sie schnell und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wir sollten miteinander reden“, sagte er jetzt.

„Warum? Brauchen Sie noch Einzelheiten für die Klatschblätter?“

Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand ganz ruhig da. Dass er so sparsam mit seinen Bewegungen umging, gefiel ihr gut. Aber gefiel ihr nicht alles gut an diesem Mann? Auch dass die Hose vorn ein bisschen spannte … Schnell hob sie den Kopf.

„Wenn ich die Presse informieren wollte, hätte ich das längst getan“, sagte er ruhig. „Nein, Abra, ich möchte Ihnen helfen.“ Er lächelte kurz. „Sie scheinen Hilfe nötig zu haben.“

Sie war so durcheinander, dass ihr keine Antwort einfiel. Glücklicherweise nahm er jetzt die Hände aus den Hosentaschen und trat ein paar Schritte zurück.

„Sie wollten wohl vor mir fliehen? Dem Arm des Gesetzes entgehen?“ Er ging um ihr Gepäck herum und musterte die einzelnen Koffer mit leicht zusammengekniffenen Augen. „Als wenn Ihnen das gelingen könnte. Mit diesen Koffern.“

„Wieso? Was ist denn mit meinem Gepäck? Gefällt es Ihnen nicht?“

„Oh, doch, aber es sieht sehr teuer aus.“

„Louis Vuitton“, sagte sie kurz. „Na und?“

„Die Koffer kosten wahrscheinlich mehr als das Haus hier. Glauben Sie wirklich, dass Sie damit durchkommen, ohne aufzufallen? Selbst wenn ich Sie jetzt nicht mehr erwischt hätte, könnte ich Sie leicht wieder einholen. Ich bräuchte nur den Mann am Schalter zu fragen, wohin die Frau mit den Designerkoffern gefahren ist. Hinzu kommt, dass Sie offenbar kein Talent haben, unauffällig zu verschwinden. Erst hat die verrückte Freundin meiner Mutter Ihnen ohne Schwierigkeiten auf dem Flugplatz folgen können, und jetzt beschatte ich Sie hier schon seit vier Tagen. Und Sie scheinen nichts bemerkt zu haben.“

„Sie sind schon vier Tage hinter mir her?“ Sie sah ihn überrascht an. „Und was wollte die Freundin Ihrer Mutter von mir?“

„Das spielt jetzt keine Rolle. Ich will damit nur sagen, dass Sie offensichtlich unfähig sind, unbemerkt unterzutauchen. Außerdem geben Sie viel zu viele Hinweise, wenn man sich mit Ihnen unterhält. Zum Beispiel erwähnten Sie mir gegenüber, der ich Ihnen absolut fremd war und den Sie für einen Reporter oder Privatdetektiv hielten, die Namen Shelby und Julian. Von da bis zu der Erkenntnis, dass Sie die berühmte unnahbare Abra Holloway sind, war es nur ein kleiner Schritt.“

„Wieso halten Sie mich für unnahbar? Ich bin nicht …“ Ja, wie war sie eigentlich? Wusste sie das selbst überhaupt noch? „Ich bin eine ganz normale Frau, deren Leben nur vorübergehend ein bisschen aus den Fugen geraten ist.“

„Das glaube ich Ihnen gern.“ Er sah sie kurz an, und sie schaute schnell weg, als sein Blick sie traf. „Sie scheinen auch kein Gefühl dafür zu haben, wie auffällig Ihre Verkleidung ist. Eine große Sonnenbrille, ein Hut und ein weiter Mantel trotz der Sommerhitze, jeder halbwegs normale Mensch würde erkennen, dass Sie auf der Flucht sind.“

„Okay, okay, ich habe Shelby und Julian erwähnt und mich falsch angezogen, sodass Sie gleich Verdacht schöpften. Das habe ich begriffen. Und was nun?“ Glücklicherweise schien ihr Verstand wieder zu funktionieren. „Nach meiner Einschätzung haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder liefern Sie mich den Klatschblättern aus, wofür Sie sicher gut bezahlt würden, oder Sie verlassen dieses Haus sofort, verschwinden und behaupten, mich nie gesehen zu haben. Was meinen Sie?“

Er schwieg. Würde er sich darauf einlassen? War er beleidigt? Aus seiner unbewegten Miene ließ sich nichts herauslesen. Also fügte sie schnell hinzu: „Ich halte Sie natürlich für einen Ehrenmann und hoffe, Sie entscheiden sich für Letzteres.“

Wie könnte sie ihn sonst noch überzeugen? Kurz dachte sie daran, mit ihm ins Bett zu gehen. Andere Frauen boten den Männern doch auch Sex an, wenn sie ein Geheimnis gewahrt wissen wollten. Außerdem war ihr Körper nur zu bereit … was für eine verrückte und abwegige Idee. „Wie wäre es mit Geld?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie wollen mir einen Scheck geben, damit ich anhand Ihrer Unterschrift jedem schmierigen Reporter beweisen kann, dass es tatsächlich die berühmte Abra Holloway war, die mich bestechen wollte?“ Er lachte ungläubig.

Okay, das war keine gute Idee. „Wenn Sie wollen, kann ich bar bezahlen. Das heißt, ich muss mir noch Geld holen, denn ich brauche auch etwas für den Bus.“

„Und Sie können sich nicht vorstellen, dass Sie auch dadurch die Reporter auf sich aufmerksam machen? Wenn die wissen, wo Sie Geld abgehoben haben, kriegen sie auch sehr schnell heraus, wohin Sie gefahren sind.“

Sie presste kurz die Lippen zusammen. „Was schlagen Sie vor?“

Doch bevor Sean antworten konnte, klingelte es. Sie starrte ihn ängstlich an. „Wer kann denn das sein? Haben Sie irgendjemandem meine Adresse verraten?“

„Das wird Ihre Pizza sein“, sagte er ruhig.

Als sie zur Tür gehen wollte, hielt er sie zurück. „Lassen Sie mich lieber öffnen. Falls es nicht der Mann mit der Pizza ist. Weiß sonst noch jemand, dass Sie hier sind?“

Sie schüttelte den Kopf.

Wieder klingelte es. Abra griff nach ihrer Tasche. „Es ist ganz bestimmt der Mann mit der Pizza. Draußen steht sein Auto. Lassen Sie mich zahlen, ich habe schließlich auch die Bestellung aufgegeben.“

„Und wenn er ein Fan der Shelby Show ist? Oder Sie vom Cover des People Magazine kennt?“

Sie drückte Sean wortlos ihr Portemonnaie in die Hand. Er öffnete die Tür gerade weit genug, dass er die Pizza entgegennehmen konnte. Als er die Tür wieder schloss und sich umdrehte, riss Abra ihm die Schachtel aus den Händen.

„Sie haben wohl Hunger“, meinte er lächelnd und folgte ihr in die Küche. „Haben Sie das alles für sich bestellt?“

Hastig holte Abra ein paar Pappteller aus dem Schrank, klappte die Schachtel auf und nahm sich ein großes Stück. „Hm, ist das gut!“ Sie sah Sean verlegen an. „Ich war fast am Verhungern. Bitte, nehmen Sie sich einen Teller. Sie können gern mitessen.“

„Vielen Dank, aber erst einmal sollten Sie sich satt essen. Sie sehen aus, als könnten Sie mich noch als Nachtisch vernaschen.“

Sie wurde rot. War das so offensichtlich? „Entschuldigen Sie“, sagte sie schnell, „aber ich habe einen Mordshunger. Und es schmeckt einfach fabelhaft.“

„Ja“, sagte er gedehnt und blickte ihr auf den Mund. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort, wenn ich Sie so essen sehe. Aber sind Sie sicher, dass Pizza das Richtige ist in Ihrem Zustand?“

Das ging ihn gar nichts an! „Ich habe ein Buch über die richtige Ernährung während der Schwangerschaft, aber das kann man vergessen. Salzkekse sollen gut sein gegen die morgendliche Übelkeit, steht darin. Das zumindest hat schon mal nicht funktioniert. Sehr viel weiter bin ich zwar noch nicht gekommen, aber ich weiß, dass auch Stress nicht gut für mein Baby ist. Und wenn Sie sich jetzt in mein Leben einmischen und mir gute Ratschläge geben, dann fühle ich mich sehr gestresst. Ich möchte nichts anderes, als dass Sie …“

Ja, was wollte sie von ihm? Dass er sie auszog und gleich hier auf dem Küchentisch liebte … Glücklicherweise schien er nicht zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging. Er sah sich nachdenklich in der Küche um, musterte Abra und sagte dann ganz ruhig:

„Bitte, glauben Sie mir, ich will Ihre Situation ganz sicher nicht noch schwieriger machen. Ich will Sie nicht unter Druck setzen, und ich will Ihnen auch keine Ratschläge geben. Aber Sie müssen sich anders verhalten, wenn Sie nicht entdeckt werden wollen.“

„Kann sein.“ Sie war mit den Gedanken ganz woanders, nämlich immer noch beim Sex auf dem Küchentisch. Gerade zog Sean die Jeans aus, legte sich auf sie … Sie stöhnte leise. „Kann sein“, wiederholte sie.

Sean zog sich einen Stuhl heran, setzte sich und schaute sie voller Mitgefühl an. „Können Sie mir nicht sagen, wovor Sie weglaufen? Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“

Darüber wollte sie momentan eigentlich nicht nachdenken. „Liegt das nicht auf der Hand?“

„Für mich nicht.“

„Jeder Fernsehzuschauer kennt mich. Ich bin schwanger. Ich bin nicht verheiratet. Genügt das?“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Aber Sie sind doch schon ziemlich lange verlobt, haben einen gut bezahlten Job und sicher auch Freunde und andere Menschen, die Sie unterstützen. Das alles lässt man doch nicht so einfach zurück.“

„Vielleicht nicht. Aber Julian und ich …“ Sie stockte. Über ihr Verhältnis zu Julian wollte sie wirklich nicht sprechen. Hatte Sean ihr nicht selbst eben noch geraten, Fremden gegenüber zurückhaltender zu sein, was Informationen betraf? Sie hatte keinen Grund, ihm zu vertrauen, und die Tatsache, dass sie ihn begehrte, sollte sie eher noch vorsichtiger machen.

Julian … schon bei dem Gedanken an ihn wurde ihr übel. Er hatte behauptet, dass das Baby nicht von ihm war, und gedroht, sie zu verleumden und zu behaupten, sie sei durch viele Betten gegangen. Dabei wusste er ganz genau, dass das nicht der Fall war.

„Ich wollte nie Vater werden, Abra, das habe ich nie verheimlicht. Wenn du versuchst, mir das Kind anzuhängen, dann schrecke ich vor nichts zurück.“

Das war widerlich und demütigend. Nie könnte sie Sean davon erzählen.

„Was ist denn nun mit Julian und Ihnen?“, hakte er nach.

„Julian und ich wussten, was wir uns von unserer Beziehung versprechen konnten. Ich wusste genau, worauf ich mich einließ, und hätte nichts anderes erwarten dürfen, als diese … nun, Komplikationen auftraten.“

„Gut.“ Sean beugte sich leicht vor. „Was heißt das? Ist er nun der Vater oder nicht?“ Er schwieg. Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: „Wer auch immer der Vater ist, meinen Sie nicht, er sollte wissen, dass Sie schwanger sind?“

„Er weiß es.“ Abra stand auf und ging zum Kühlschrank. Sie musste unbedingt etwas Kaltes trinken. „Er hat sehr deutlich gemacht, dass er mir nicht helfen wird. Er will damit nichts zu tun haben.“

„Und dieser Jemand ist Julian?“

Sie schwieg.

„Dann eben nicht“, sagte Sean. Sie spürte seinen Blick auf sich, obwohl sie ihm den Rücken zuwandte. „Sie wollen damit allein fertig werden, und Sie sind sicher, dass Ihr Publikum Ihnen die Rolle der allein erziehenden Mutter übel nehmen wird. Habe ich Sie so weit richtig verstanden?“

„Ich hatte keine Wahl. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

„Dann sind Sie also ganz auf sich gestellt und benehmen sich ausgesprochen kindisch. Sie lesen die einschlägigen Bücher nicht, essen keine Vitamine, ernähren sich ungesund und achten nicht auf sich selbst.“

Wütend fuhr sie herum, die Wasserflasche in der Hand. „Sie sagten, Sie wollen mir helfen? Wie genau wollen Sie das denn anstellen? Wollen Sie mich verhaften? Oder Julian anrufen und ihn auffordern, sich um mich zu kümmern? Was für grandiose Ideen haben Sie sonst noch?“

„Nichts von alledem.“ Er sah sie entschlossen an. „Ich glaube, ich sollte ein bisschen in Ihrer Nähe bleiben.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage!“

Entsetzt machte sie ein paar Schritte rückwärts, stolperte über einen Küchenschemel und wäre gefallen, wenn Sean sie nicht schnell aufgefangen hätte.

Sie atmete schwer und wusste, dass das weniger daher rührte, weil sie beinahe hingefallen wäre, sondern weil sie Seans warme Hände auf den Schultern spürte. Sie schloss die Augen und lehnte sich leicht an ihn. Wunderbar, dieser Duft nach Mann und Sommer …

„Genau deshalb brauchst du mich“, sagte er leise. „Ich bleibe.“

6. KAPITEL

„Du brauchst jemanden, der dich auffängt, wenn du fällst.“

Sie murmelte so etwas wie „Das ist keine gute Idee“, aber dass sie sich gleichzeitig an ihn lehnte, sprach eher für das Gegenteil. Doch dann stieß sie ihn zurück, drehte sich weg und hielt abwehrend die Hände hoch. „Nein, auf keinen Fall!“ Wie in Panik machte sie ein paar Schritte rückwärts.

„Sei vorsichtig, Abra, sonst stolperst du wieder und …“

„Ich falle nicht“, unterbrach sie ihn schnell, „und du bleibst nicht.“

„Aber ich kann dir doch helfen.“

„Helfen? Von wegen.“ Wütend stopfte sie die Reste der Pizza zurück in die Schachtel und drückte den Deckel fest zu. „Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Du hast doch selbst zugegeben, dass du mich beobachtet hast. Und von dieser lächerlichen Geschichte, deine Mutter hätte dich auf deinen Vater und seine Freundin angesetzt, ist auch nicht mehr die Rede.“

„Aber es stimmt. Weißt du, meine ganze Familie ist so. Pflichten und Verantwortung nehmen wir sehr ernst.“ Warum müsst Ihr euch überall einmischen, wo es Probleme gibt, hatte sich seine Mutter schon oft bei seinem Vater beschwert, auch wenn sie euch gar nichts angehen? Sie hatte recht. Sie mussten einfach helfen, wenn Hilfe nötig war, und das tun, was getan werden musste.

Sean hatte zwar immer gedacht, dass er anders war, aber jetzt reagierte er genauso wie sein Vater und sein ältester Bruder.

Abra schien gar nicht zugehört zu haben. Wütend versuchte sie, die Pizzaschachtel in den Mülleimer zu quetschen.

„Gib mir die Box“, sagte Sean und trat auf sie zu.

Sie hielt die Schachtel wie einen Schild hoch. „Lass mich. Ich kenne dich nicht. Warum sollte ich dir vertrauen?“, stieß sie hastig hervor. „Ich gebe zu, dass du mir sehr gefällst, aber das ist nicht meine Schuld, das sind die Hormone. Und dass ich mit dir Sex auf dem Küchentisch haben will, bedeutet nicht, dass das Ganze von Dauer ist. Im Gegenteil. Je eher wir uns trennen, desto besser.“ Atemlos hielt sie inne.

Was hatte sie da gesagt? Er glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Sex auf dem Küchentisch? Wie kam sie denn darauf?

Er sah kurz auf den Tisch, dann sah er Abra an. Ihre Reaktion war eindeutig. Sowie sie begriff, was sie da eben gesagt hatte, ließ sie vor Schreck die Pizzaschachtel fallen.

Keine schlechte Idee. Vielleicht konnte er auf diese Anregung später zurückkommen. Sean unterdrückte mit Mühe ein Grinsen.

„Abra“, begann er wieder, so ruhig er konnte, „ich wollte dich nicht belästigen.“

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