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TIFFANY EXKLUSIV BAND 47

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Was sie schon immer über Sex wissen wollte

1. KAPITEL

„Na schön, Sara, beschreib mir das erste Mal, als du mit Rick intim geworden bist.“ Beth Samuels legte den Stenoblock auf ihrem Schoß zurecht und schaltete gespannt den Minirekorder ein, den sie zur Sicherheit benutzte. Spud, ihr Chinesischer haarloser Schopfhund, schmiegte sich an ihre Hüfte.

„Du meinst Sex“, entgegnete Sara und grinste. „Wenn du darüber schreiben willst, musst du das Wort auch aussprechen.“ Sie tauchte einen Schokoladenkeks in die Sahneschüssel, die Beth für ihren Kaffeeklatsch hergerichtet hatte.

Beth schaltete den Rekorder aus, bestürzt über die neue Herausforderung. Sie musste sich praktisch über Nacht von lockeren Berichten über Veranstaltungen aller Art und neue Lokale auf Sexkolumnen einstellen. Aber sie würde die Fans von E. M. nicht im Stich lassen. E. M. – nach den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen Elizabeth Mary – war das Pseudonym, unter dem sie schrieb. Ihr Job lag ihr sehr am Herzen. Das Geld spielte natürlich auch eine Rolle, aber keine so große wie der Spaß an der Arbeit.

„Über Rick und das erste Mal“, begann sie erneut und schaltete den Rekorder wieder ein. „War es gleich bei eurem ersten Date? Warum oder warum nicht? Hat er es vorgeschlagen oder du? Gab es ein langes Vorspiel, oder ging es gleich zur Sache?“

„Du meinst, wurde Kleidung vom Leib gerissen und verschmolzen Körper auf wunderbare Weise?“ Sara hatte schon immer gefunden, dass Beth in puncto Sex zur Romantisierung neigte. „Guter Sex muss nicht unbedingt eine ästhetische Angelegenheit sein.“ Sie nahm einen Keks und gestikulierte damit. „Die Leute bewegen sich dabei manchmal ganz schön komisch.“

Beth versuchte, mit einer Serviette Saras Krümel aufzufangen.

„Reißverschlüsse haken“, fuhr Sara fort. „Kondome fliegen quer übers Bett, die Leute bewegen sich im falschen Rhythmus. Aber mit der richtigen Einstellung hat jeder seinen Spaß.“ Triumphierend schob sie sich den Keks in den Mund.

Als die Gefahr von fallenden Kekskrümeln nicht mehr bestand, lehnte Beth sich wieder entspannt auf dem Sofa zurück. „Mir gefällt das Unbeholfene nicht.“

„Was dir nicht gefiel, war Sex mit Blaine.“

„Unser Sex war in Ordnung.“

„Die Worte ‚in Ordnung‘ und ‚Sex‘ sollten nie im gleichen Satz vorkommen.“ Sara hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Blaine nicht leiden konnte. Trotzdem hatte sie sich ein „Ich hab’s dir ja gesagt“ verkniffen, als er verschwand. Sie war zwar rechthaberisch, aber auch eine treue Freundin.

„Du brauchst eine andere Einstellung, wenn es klappen soll. Denk weniger an ein glanzvolles Drumherum und befass dich lieber mit Dingen wie ‚Zehn Tipps für besseren Oralverkehr‘.“

„Ich schreibe nicht für den Cosmopolitan“, konterte Beth, „sondern bloß für Phoenix Rising. Ich peppe die Veranstaltungstipps nur mit ein bisschen Sex auf.“

Allerdings würde das nicht so leicht sein, wie es klang. Oder so leicht, wie ihr Chefredakteur Will Connell glaubte. „Nimm einfach deinen Notizblock mit, wenn du dich amüsierst“, hatte Will sie zu beruhigen versucht. „Wo liegt das Problem?“

Das Problem bestand darin, dass Beth sich nicht amüsierte, was sie Will, der sie wie eine Nichte behandelte, natürlich nicht erzählen würde. Wahrscheinlich würde sie die neuen Bars, Clubs und Restaurants eher mit Sara als mit einem Mann besuchen. Seit Blaine sie vor fast einem Jahr verlassen hatte, war sie mit niemandem mehr ausgegangen.

Ab und zu versuchte Sara für sie ein Date zu arrangieren, aber Beth machte es sich lieber mit ihren Haustieren zu Hause gemütlich und sah sich Doris-Day-Filme an.

Doch jetzt drohte Phoenix Rising von einem Zeitschriftenimperium geschluckt zu werden, und Will versuchte so viele Abteilungen, Rubriken und Jobs wie möglich zu retten.

„Dann schnapp dir einen Mann, und schreib über dein erstes Mal“, riet Sara ihr und nahm sich noch einen Keks. „Nimm eine Zahnbürste mit und besuch eine Single-Bar – im Nu hast du Stoff für deine Sexkolumne.“

„Das passt nicht zu mir“, erklärte Beth und strich gedankenverloren über die Fransen eines Sofakissens.

„Es ist vielleicht nichts für die schüchterne Beth, aber ganz sicher etwas für die welterfahrene E. M.“

„Ich halte mich lieber an die große Sex-Expertin – dich. Hilf mir einfach in dieser schwierigen Phase, Sara.“

„Und du glaubst, das löst das Problem?“

„Ich kann es nur hoffen“, erwiderte Beth. „Wir leben in einer Reality-TV-Welt“, hatte Will gesagt. „Die Leser sind von ihrem eigenen Leben gelangweilt, daher fasziniert sie das Leben anderer.“ Und nichts war faszinierender als Sex. Beth seufzte.

„Na schön“, gab Sara nach. „Ich finde zwar nach wie vor, du brauchst ein Abenteuer, aber ich erzähle dir trotzdem von meinem ersten Mal mit Rick, um dir zu helfen.“

„Fang mit den spannendsten Momenten an.“

Boomer, Beths Bernhardiner, hob den Kopf vom Fußboden, als sei er an der Geschichte interessiert, und Ditzy, ihr Zwergpudel, sprang auf Saras Schoß.

„Ist das die Märchenstunde für Haustiere?“, wollte Sara wissen und spähte zur Küche. „Sogar deine Katzen lauschen.“

Beth sah zu ihren schwarz und weiß gefleckten Katzen Frick und Frack, die von ihrem Lieblingsplatz aus die beiden Frauen beobachteten. „Halt Ditzy wenigstens die Ohren zu. Ich glaube, sie ist noch Jungfrau.“

„Hör zu und lerne, Fellball“, sagte Sara zu dem Hund, der sich auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte. „Na schön, hier also das Beste. Zunächst einmal – Rick hat die erstaunlichste Zunge. Er spielte damit in meinem Ohr und dann tiefer, wo es wirklich zählt, und dann hob ich ab.“

Beth schluckte. „Das klingt ja beeindruckend.“ Ihre Ohren glühten. Es war seltsam, sich etwas so Intimes anzuhören, aber es war unumgänglich.

„Beeindruckend? Es war der reinste Wahnsinn. Als ich wieder Luft bekam, habe ich ihn nach allen Regeln der Kunst verwöhnt.“

Beth machte sich eifrig Notizen, während Sara ins Detail ging, und erschauerte unwillkürlich.

Kurz darauf beendete Sara ihren Bericht mit der Beschreibung des zweiten Höhepunkts. Die beiden Frauen tranken einen großen Schluck von ihren Cocktails und dachten über die Geschichte nach.

„Das ist hübsch detailliert“, sagte Beth schließlich. „Aber ich möchte dir ein paar allgemeine Fragen stellen. Trägst du immer Kondome bei dir, für den Fall, dass der Mann keine dabeihat?“

„Unbedingt. Jeder muss Safer Sex praktizieren.“

„Aber sieht es dann nicht aus, als rechne man mit einem Abenteuer? Nach dem Motto: Ich habe Kondome, also werde ich Sex haben? Nimmt es dem Ganzen nicht ein wenig die Spannung?“

„Nein, es bedeutet nur, dass man vorbereitet ist.“

„Nächste Frage – wovon hängt es für dich ab, ob du mit einem Mann schläfst?“

„Von vielen Dingen. Ob er mich zum Lachen bringt. Ob er ein guter Tänzer ist, ob er gut aussieht und nett zu sein scheint. Bei Rick war es die Körpertemperatur. Er war so heiß, dass ich einfach wusste, er würde toll im Bett sein.“

„Du hast wegen seiner Körpertemperatur mit ihm geschlafen?“

Sara zuckte mit den Schultern. „Es ist nur Sex, nicht der Sinn des Lebens.“

„So einfach war das für mich nie.“

„Weil du Angst hast und es nicht einfach geschehen lässt.“

„Männer reagieren auf mich nicht so wie auf dich“, konterte Beth.

„Wenn du mal in etwas Aufregenderem als in Pullovern herumlaufen würdest, dein Haar offen tragen und nicht ständig so ernst dreinschauen würdest, hättest du mehr Glück.“

„Du meinst, wenn ich jemand anders wäre. Ich werde mich damit begnügen, eine Weile so zu tun, als wäre ich du. Außerdem habe ich mir ein paar Bücher besorgt.“

„Du liest über Sex? Du meine Güte, Beth.“

„Was soll ich sagen? So bin ich eben.“

„Du unterschätzt dich selbst. Du bist ein sinnlicher Mensch. Sieh dich nur an in deinem Seidenpyjama.“

Beth rieb den kühlen, glatten Stoff, der ihre Beine umhüllte. „Und?“

„Und sieh dich um, mit welch satten Farben und üppigen Stoffen dein Wohnzimmer eingerichtet ist. Außerdem liebst du Musik und Duftkerzen. In jedem Zimmer stehen frische Blumen. Das alles drückt Sinnlichkeit aus. Du brauchst bloß einen Mann, der all dieser Sinnlichkeit zum Opfer fällt, und schon wird dein Leben so aufregend sein wie deine Kolumne.“

„Glaub mir, wenn ich so einen Mann finde, wirst du es als Erste erfahren. Jetzt aber zurück zu Ricks Zunge. Würdest du behaupten, das Geheimnis liegt eher in der Technik oder mehr im Gefühl?“

„Grundgütiger! Du brauchst dringend einen Mann, Beth.“

Am nächsten Morgen absolvierte Beth rasch ihren Morgenspaziergang mit den Hunden, weil sie es eilig hatte, mit dem Schreiben anzufangen. Ihr schwirrte noch der Kopf von Saras Berichten. Natürlich hatte Sara recht, dass Beths Kolumne besser sein würde, wenn sie auf eigenen Erfahrungen beruhte. Es wäre auch ganz nett, einem Mann zu begegnen, der so raffinierte Tricks beherrschte wie Rick, aber wie groß war die Chance, dass ihr das in nächster Zeit passierte? Blaine hatte nicht einmal besonders gut geküsst.

Dafür haben wir Spaß zusammen gehabt, sagte sie sich, um ihn nicht vor sich selbst schlecht zu machen. Er hatte sehr viel Sinn für modische Kleidung gehabt und war gern mit ihr ausgegangen, um neue Restaurants und Bars kennen zu lernen. Außerdem war er ein guter Gesprächspartner gewesen. Sie schienen perfekt zusammenzupassen.

Bis er verschwand. Und mit ihm ihr Selbstwertgefühl.

Und ihre Ersparnisse. Aber daran wollte sie lieber nicht denken. Es war zu demütigend.

Im Haus holten die Hunde ihre Lieblingsspielzeuge aus dem großen Korb mit Hundespielsachen, während Frick und Frack das Geschehen von ihrem Platz auf dem Kratzbaum beobachteten. Beth schaute sich in ihrem Wohnzimmer um und dachte darüber nach, was Sara über ihr Haus gesagt hatte. Auch in diesem Punkt hatte ihre Freundin recht. Dabei hatte Beth lediglich ein gemütliches Zuhause einrichten wollen. Herausgekommen war aber ein Fest für die Sinne.

Trotzdem hatten ihre früheren Liebhaber nicht ihre sinnliche Seite wahrgenommen. Nicht dass sie mit siebenundzwanzig Jahren schon mit vielen geschlafen hätte – es waren drei, Blaine mitgezählt. Auf geistiger Ebene hatten sie alle gut zu ihr gepasst, was wichtiger zu sein schien als Sex, der für sie nur einen Teil der Beziehung ausmachte.

Aber vielleicht irrte sie sich da.

Möglicherweise würde sie in ihrer Kolumne das Thema Sinnlichkeit kontra Sexualität beleuchten. Was sie wiederum daran erinnerte, dass sie dringend mit der Arbeit beginnen musste.

„Genug, Jungs!“, rief sie und weigerte sich, zum neunzehnten Mal Ditzys sabberiges Gummitier, Spuds Knochen oder Boomers zerfledderten Spielzeugball entgegenzunehmen. Stattdessen ging sie in ihr Arbeitszimmer, die enttäuschten Hunde im Schlepptau.

Ihre Überarbeitung einer Gebrauchsanweisung für ein Campingzelt war diese Woche fällig, doch ihre Kolumne machte ihr Angst, daher wollte sie sie als Erstes in Angriff nehmen.

Sie schaltete den Miniaturwasserfall auf ihrem Schreibtisch ein, zündete zwei nach Minze duftende Kerzen an, um die Konzentration zu fördern, machte kurz ein paar Yogaübungen für Rücken und Arme und setzte sich in ihren speziell ausgestatteten Bürosessel.

Nachdem sie drei Mal tief durchgeatmet hatte, justierte sie die Lampe, damit ihre Augen nicht ermüdeten, dann schaltete sie den Computer an.

Ihre Haustiere nahmen ihre „Arbeitsposten“ ein: Spud legte den Kopf auf Beths Füße, Boomer legte sich links von ihr auf den Boden und Ditzy rollte sich auf ihrem Schoß zusammen, wo sie auf ihrem Spielzeug kaute. Beth hoffte, der Quietscher in dem Spielzeugtier würde den Geist aufgeben, bevor sie, Beth, wahnsinnig wurde.

Sie legte die Finger auf die Tastatur und begann zu schreiben.

Eure Stadtreporterin, die für Euch gewissenhaft über die neuesten Tanzclubs und besten Restaurants berichtet hat, wird ihre Aufmerksamkeit jetzt dem Rest des Abends widmen. Mein Date und ich fragen uns, während wir unseren köstlichen Cabernet trinken, was wir nach dem Jazzkonzert im Phonicean wohl noch unternehmen werden. Werden wir miteinander schlafen?

Kein schlechter Anfang, dachte Beth. Aber konnte sie in diesem Stil weiterschreiben? Schließlich nahm sie Sex nicht auf die leichte Schulter wie Sara. Sie tat ihr Bestes, um es zu etwas Besonderem zu machen, indem sie für das richtige Licht, stimmungsvolle Musik und erotisch duftende Kerzen sorgte, außerdem geschmackvolle Kleidung trug, Wein neben das Bett stellte und einen Snack für hinterher im Kühlschrank bereithielt.

In ihrer bisherigen Kolumne war es ausschließlich ums Ambiente gegangen und darum, alles, selbst eine Tasse Kaffee, zu feiern. Ihre Kolumne erhob das Gewöhnliche in den Stand des Außergewöhnlichen. Und genau so etwas wollte sie jetzt mit Sex erreichen.

Sie schaute auf den Kalender. Ihr blieb nur eine Woche zum Schreiben und Überarbeiten. Das war knapp. Sie ließ ihre Texte gern ein paar Tage liegen, bevor sie sie überarbeitete und an Will schickte. Ihr Blick fiel auf die Fanbriefe an der Pinnwand. Ihre Leser verließen sich auf ihre Tipps. Sie würde sie nicht im Stich lassen.

Doch als ihr Telefon klingelte, war sie dankbar für die Unterbrechung. „Hallo?“, meldete sie sich, und ihre Mutter begrüßte sie ebenso fröhlich.

Beth ging mit ihrem Stuhl in Relaxposition, da sie wusste, dass das Gespräch eine Weile dauern konnte. Ihre Mutter suchte bei ihr Trost und Rat, eine Gewohnheit, die angefangen hatte, als Beths Vater die Familie vor zwanzig Jahren verlassen hatte. Bei praktischen Dingen wie Reparaturen und Finanzen musste man Helen Samuels allerdings erst mühsam entlocken, welche Hilfe sie benötigte.

Es dauerte einige Minuten bis Beth erfuhr, dass die Klimaanlage kaputt war. Eine Klimaanlage war lebenswichtig in Phoenix mit seinen hohen Temperaturen. Selbst im April. Ihr Bruder Timmy, der bei ihrer Mutter wohnte, hatte die Klimaanlage repariert, bevor er zur Arbeit fuhr, aber kurz danach hatte sie gestreikt.

Der Vermieter, George Nichols, bestand darauf, die kaputte Anlage durch eine aus einer anderen Wohnung zu ersetzen, aber das wollte Beths Mutter nicht. Ihre Miete war niedrig, weil sie im Mietvertrag vereinbart hatten, dass sie sich um sämtliche Reparaturen selbst kümmern würde, und Timmy war gut darin. Das Angebot einer neuen Klimaanlage war eine Gefälligkeit, die ihrer Mutter nicht behagte, weil sie sich seit dem Verschwinden ihres Mannes vor zwanzig Jahren kaum mit Männern verabredete.

Beth überredete ihre Mutter, die Klimaanlage von George anzunehmen, und versprach, demnächst zum Abendessen zu kommen, ehe sie auflegte.

Sie starrte auf den blinkenden Cursor und dachte an etwas anderes, das ihre Mutter erwähnt hatte – Timmys jüngste Erfindung. „Er braucht Investoren, Beth. Weißt du nicht jemanden?“ Ihr Magen zog sich zusammen. In der Vergangenheit hatte sie mit ihren Ersparnissen ausgeholfen. Seit Blaine hatte sie keine Ersparnisse mehr. Wie hatte sie sich in diesem Mann so irren können?

Sie waren fast ein Jahr zusammen gewesen, hatten den Großteil ihrer Freizeit zusammen verbracht, und Blaine schien Beth anzubeten. Als er verschwand, war sie perplex gewesen. Sie hatte gedacht, eine einigermaßen gute Menschenkenntnis zu besitzen. Als Optimistin glaubte sie an das Gute im Menschen und wurde normalerweise auch nicht enttäuscht. Sicher, zum Schluss hatte Blaine distanzierter und ungewöhnlich beschäftigt gewirkt. Er erwähnte gewisse Schwierigkeiten bei der Finanzierung einer Unternehmensbeteiligung, und seine Begeisterung für ihre lange geplante Karibikreise war abgeflaut. Aber Beth hatte nie an seiner Liebe gezweifelt.

Vielleicht hatte sie sich blenden lassen. Es musste so gewesen sein, sonst hätte er nicht ihre Unterschrift auf einem Scheck über zwanzigtausend Dollar gefälscht.

Diese Erfahrung hatte ihr Selbstwertgefühl zerstört, und es würde sehr lange dauern, bis sie sich wieder mit einem Mann einließ, ganz gleich, was Sara davon hielt.

Beth spielte das Band mit Saras Schilderung ab und schloss die Augen. Wenn sie nur so locker mit ihrer Sexualität umgehen könnte wie Sara!

Vier Stunden später hatte sie immerhin eine erste Fassung ihrer Kolumne fertig, in der sie Saras Erlebnisse detailliert, aber keineswegs vulgär darstellte. Zufrieden mit dem Ergebnis, schickte sie eine Kopie an Sara und wollte gerade eine weitere per E-Mail an Will senden, als ihr Telefon klingelte.

„Sag mir, dass du das noch nicht abgeschickt hast“, meldete sich Sara ohne weitere Einleitung.

„Ich hatte es gerade vor. Wieso?“

„Tut mir leid, Beth, aber du kannst es nicht verwenden.“

„Wie bitte?“

Sara senkte die Stimme. „Ich weiß, es klingt albern, aber Rick findet es zu privat.“

„Du machst Witze. Niemand wird euch in dem Text erkennen.“

„Aber wir wissen es, und das reicht.“

„Das ist nicht dein Ernst!“

„Ich wünschte, es wäre so. Ich persönlich finde deinen Text ziemlich scharf. Und stell dir vor, jetzt will Rick, dass ich nur noch mit ihm ausgehe.“

„Du wolltest doch keine feste Beziehung“, erinnerte Beth sie und versuchte die schlechten Nachrichten hinsichtlich ihrer Kolumne zu verdauen.

„Ich weiß, ich weiß. Aber ist es nicht irgendwie süß? Plötzlich erwacht sein Beschützerinstinkt, und er wird sentimental. Ich habe gesagt, wir versuchen es miteinander und warten mal ab. Falls er besitzergreifend und eifersüchtig wird, mache ich mich natürlich aus dem Staub.“

„Ich freue mich für dich, Sara. Ich hoffe, es klappt.“ Beth seufzte und wollte lieber nicht an ihre Kolumne denken.

„Tut mir leid für dich“, sagte Sara, als könnte sie Gedanken lesen. „Vielleicht kannst du die Kolumne ein wenig verändern und die Details weglassen?“

„Der Zauber liegt ja gerade im Detail. Mal sehen …“ Beth öffnete die Datei und überflog sie. Nachdem sie sämtliche Einzelheiten gestrichen hatte, blieben noch zwei mickrige Absätze übrig. „Ohne pikante Einzelheiten habe ich bloß noch eine grobe Zusammenfassung. Und mir bleibt nur eine Woche, mir was Neues einfallen zu lassen.“

„Du kennst meine Antwort: Such dir einen Mann und sorg für Action.“

„Kannst du dir vorstellen, wie ich so etwas tue?“

„Ja, wenn du kein Buch mitnimmst.“

„Das war nur das eine Mal. Außerdem war es ein toller Roman.“ Sara war bekannt für ihre Unpünktlichkeit, und Beth hatte zufällig ein Taschenbuch dabeigehabt, während sie auf ihre Freundin wartete. Sara hatte ihr seitdem immer wieder unter die Nase gerieben, dass sie in einer Bar gelesen hatte.

„Du kannst es, Beth. Zieh dir was Aufreizendes an und mach ein freundliches Gesicht.“

„Ich werde mir für die Kolumne einfach etwas ausdenken.“ Beth seufzte. „Vielleicht bringe ich noch ein paar Statistiken über die Lieblingspraktiken beim Vorspiel oder so hinein.“

„Statistiken? Komm schon. Überleg doch nur, was für eine großartige Kolumne es werden könnte, wenn E. M. tatsächlich in der Single-Szene auf die Jagd geht. Versuch es einfach.“

„Nein.“ Wenn es darum ging, sich einen Mann zu angeln, war Beth so weit von der lockeren, kultivierten E. M. entfernt wie eine Jungfrau vom Callgirl.

Sie legte auf. Der Cursor auf dem Monitor blinkte so nervös, wie ihr Herz klopfte. Beth stellte sich vor, wie sie in einem sexy Outfit in eine Bar marschierte und eindeutige Signale aussandte. Nein, auf keinen Fall! Nicht in einer Million Jahren!

„Das gefällt mir nicht“, erklärte Will. Er hatte Beth in sein Büro gebeten, um über ihre überarbeitete Kolumne zu sprechen. „Es ist viel zu hölzern. Wo sind die interessanten Details, die E. M.s Markenzeichen sind? Himmel, deine Beschreibung des Weins, den ihr trinkt, ist aufregender als die Schlafzimmerszene.“

Das Schlimmste war, dass er recht hatte. „Ich musste es in letzter Minute umschreiben. Ich nehme es mir noch mal vor. Glaub mir, ich bekomme es besser hin.“ Dummerweise war sie nur gut darin, echte Erfahrungen zu schildern, und nicht im Erfinden von Geschichten.

Will nahm eine Zeitschrift vom Stapel auf seinem Schreibtisch. Es war Man’s Man, eine Mischung aus Esquire und Maxim. Der Verlag, der Man’s Man herausbrachte, wollte Phoenix Rising übernehmen. Will schlug eine Seite auf, die er mit einem Eselsohr markiert hatte, und drehte sie zu Beth herum. „Man’s Man kriegt sie alle“, zitierte er. „Von Z. Wer immer das auch sein mag. Das ist es, was wir brauchen – unsere Version von Z.“

Man’s Man ist eine Männerzeitschrift“, entgegnete Beth. „Phoenix Rising hat auch weibliche Leser.“ Sie wollte ihm das Magazin zurückgeben.

„Behalt es als Inspiration. Gib mir etwas, womit ich arbeiten kann, E. M. Wir verlieren ständig Leser. Auch Frauen lesen gern über Sex.“

Sie registrierte die tiefen Sorgenfalten auf Wills Stirn und die Schweißringe unter seinen Achseln. Anscheinend war die Lage schlimmer, als er zugab. „Was verschweigst du mir?“

Er seufzte. „Ein Manager von Man’s Man wird nächste Woche wegen der Übernahme herkommen. Er will unsere Zeitschrift völlig umkrempeln. Die Leitlinie bei MM lautet: Bring alles auf die Sexschiene und provoziere. Ich will deine Kolumne behalten, aber sie muss gut sein. Du musst mich – und ihn – beeindrucken.“

„Ich werde mein Bestes tun“, versprach sie, während sich ihr Magen zusammenzog.

„Das weiß ich. Du kannst es. Mach es einfach lebendiger, frischer, realistischer.“

Klar doch. Bedrückt las Beth die Kolumne in Man’s Man, als sie das Gebäude verließ. Es ging bloß um Sex, es war keine Wärme drin, keine Klasse, kein bisschen Empfindsamkeit.

Es war lahm. Es war abstoßend. Ein Haufen chauvinistischer Blödsinn. Was das Letzte war, was die Leser von Phoenix Rising brauchten, ganz gleich, was der Kerl von Man’s Man sich vorstellte.

Sie konnte es besser. Das musste sie einfach. Leider konnte sie es sich nicht einfach ausdenken. Nicht, wenn es lebendig, frisch und realistisch sein sollte. Es gab nur einen Weg, zu tun, was sie tun musste.

Auf dem Gehsteig vor dem Gebäude klemmte sie die Zeitschrift unter den Arm und drückte die Schnellwahltaste auf ihrem Handy.

„Hallo?“, meldete sich Sara.

„Verrate mir alles, was ich wissen muss, um einen Mann aufzugabeln.“

„Im Ernst?“

„Ja. Ich will alles darüber wissen, wie man einen Mann anspricht, mit ihm flirtet usw. Oh, verdammt, Sara, hilf mir!“

2. KAPITEL

Adam Rafael Jarvis, A. J. für seine Freunde und Rafe für den Rest der Welt, betrat die Hotellobby, nachdem die Arbeit des Tages getan war. Hundemüde fuhr er sich durch die Haare. Er war so rücksichtsvoll wie möglich mit den Mitarbeitern von Phoenix Rising umgegangen, hatte ihnen jedoch gewisse Fakten nicht ersparen können. Es hatte keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen, dass sie Verluste machten. Die Auflage der Zeitschrift war im Keller, und das Konzept von Man’s Man war die einzige Hoffnung. Aber wenn alle mitspielten, würde niemand seinen Job verlieren.

Er arbeitete gern mit dem Chefredakteur Will Connell zusammen, einem kompetenten und erfahrenen Mann. Trotzdem war die Anspannung in der Belegschaft belastend gewesen. Auf seine alten Tage wurde Rafe offenbar noch weich. Zwar war er erst fünfunddreißig, aber in letzter Zeit kam ihm das alt vor.

Er brauchte einen Drink, also ging er auf einen schnellen Scotch in die Bar. Er setzte sich ans Ende des Tresens, von wo aus er die Gäste beobachten konnte – eine alte Reportergewohnheit –, und bestellte einen Scotch on the rocks.

Die Bar war voller Konferenzteilnehmer – die man an ihren Plastiknamensschildern erkannte – und Angestellten aus den umliegenden Büros, die zweifellos von den Preisen der Happy Hour angezogen wurden. Ein paar Frauen ohne Begleitung waren auch da.

Eine Frau fiel ihm besonders auf. In ihrem engen blauen Kleid ging sie Richtung Damentoilette, wobei sie ein wenig schwankte, wie ein Kind, das die Pumps der Mutter ausprobiert. Ehrgeizig, aber unsicher, dachte er.

Sie hatte tolle Kurven, und ihre Haare waren so raffiniert hochgesteckt, dass jeder Mann Lust bekam, mit den Händen hindurchzufahren. Als sie an ihm vorbeiging, bemerkte er, dass die Haare von einer Spange in Form eines Kätzchens zusammengehalten wurden.

Das war ein faszinierender Kontrast. Außerdem hatte sie einen sexy Po, wie er registrierte, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand.

Er richtete seine Aufmerksamkeit auf einen Mann, der mit drei Frauen an einem Tisch saß und unbeholfen mit ihnen flirtete. Entweder war er verheiratet oder ihr Chef. Zu gern wäre Rafe nahe genug herangegangen, um zu sehen, ob seine Vermutung stimmte. Er musste lächeln über diesen Reportertick. Anscheinend langweilte er sich.

Er trank einen Schluck und genoss die Wärme, die sich in ihm ausbreitete. Er reiste gern, und es gefiel ihm, die anderen Magazine zu besuchen, die der Verlag von Man’s Man aufgekauft hatte, und ihnen seinen Stempel aufzudrücken. Alles andere an seinem Job wurde jedoch immer vorhersehbarer. Außerdem hatte er die Wohltätigkeitsveranstaltungen, Vorstandssitzungen und Berichte über Werbeeinnahmen satt.

Er vermisste die journalistische Arbeit. Er hatte oft an seine Zeit als Reporter bei der Miami Tribune denken müssen, wo er die skandalösen Machenschaften von Beerdigungsinstituten aufgedeckt hatte. Er hatte sich durch Berge von Akten gewühlt, zögernde Bürokraten zu Aussagen überredet und dann eine Serie von Artikeln geschrieben, die zu einer gründlichen Untersuchung des ganzen Gewerbes führte, einem neuen Gesetz und einer Nominierung für den Pulitzerpreis.

Die Arbeit war befriedigend gewesen, aber damals hatte er nicht gewusst, wie viel sie ihm bedeutete. In den Zwanzigern war er rastlos gewesen. Ein paar weitere Reportagen mehrten sein Ansehen, und er bekam ein Angebot von Man’s Man. Die Bezahlung war hervorragend, und er mochte die San Francisco Bay. Kurz darauf wurde er Redakteur, was eine neue Herausforderung war, und wechselte anschließend ins Management des Verlages, wo er für die Unternehmensentwicklung zuständig war.

Wo er jetzt das Gefühl hatte festzusitzen. Sicher, es war seine Entscheidung gewesen. Der Verleger verließ sich auf ihn. Vielleicht machte er nur eine Phase der inneren Unruhe durch, die auch wieder vorbeigehen würde.

Er würde einen zusätzlichen Tag in Phoenix verbringen, in dessen Verlauf er weitere Details mit Will besprechen und mit einer freien Mitarbeiterin reden würde – E. M. Samuels, die in die Redaktion kommen würde, um ihren Scheck und die Post abzuholen.

Er freute sich nicht unbedingt auf die Begegnung. Die Arbeit der Frau verkörperte ziemlich genau das, was schief lief mit der Zeitschrift. Sie berichtete viel zu brav über Restaurants und Clubs, um die angestrebte Zielgruppe zu begeistern. Connell schien sie behalten zu wollen, weil sie mit Worten umgehen konnte und enormes Talent besaß. Rafe war bereit, ihr diese Möglichkeit anzubieten, aber dafür würde sie ihre Kolumne vergessen müssen.

Hauptsache, sie weinte nicht. Ihr gezierter Schreibstil ließ allerdings vermuten, dass sie der Typ dafür war. Er hasste es, Frauen zum Weinen zu bringen, weshalb er sich auch von jedem weiblichen Wesen fern hielt, das ernste Absichten auch nur andeutete.

Genau genommen hielt er sich in letzter Zeit von allen Frauen fern. Er trank einen weiteren Schluck Scotch und wollte lieber nicht darüber nachdenken, was sein Rückzug von Frauen zu bedeuten hatte. Stattdessen dachte er lieber wieder an die Änderungen bei Phoenix Rising.

Bis Will jemanden mit dem richtigen Schwung gefunden hatte, der E. M. Samuels’ Platz einnehmen konnte, würde Rafe den Man’s-Man-Kolumnisten Zack Walker ein paar Gastbeiträge schreiben lassen.

In zwei Tagen würde Rafe wieder in seinem Büro in San Francisco sein. Gerade rechtzeitig zu einer Aktionärsversammlung, gefolgt von einem Golfturnier und einer Woche Arbeit am Strategieplan des Unternehmens – ermüdend und tödlich langweilig.

Ganz im Gegensatz zu der Frau mit der Kätzchen-Haarspange, die von der Toilette zurückkam. Sie fing seinen Blick auf und lächelte. Dann huschte sie an ihm vorbei, als hätte sie Angst, er könnte sie ansprechen.

Rafe verspürte den Wunsch, genau das zu tun – und sei es nur, um zu erfahren, was es mit der Haarspange auf sich hatte. Aber leider ließ sie sich an einem Tisch mit einem verdrießlichen Kerl nieder. Zweifellos ihr Freund, obwohl es Rafe ein Rätsel war, wie der Kerl so düster dreinblicken konnte, wenn er so eine Freundin hatte.

Sie sagte etwas zu ihm, er antwortete und grinste, dann stand er auf und eilte davon. Hatte sie ihn losgeschickt, eine Besorgung zu machen? Sie schaute ihm lächelnd hinterher, dann ließ sie die Schultern hängen. Hatte sie ihre Fröhlichkeit nur gespielt?

Jetzt stand sie auf und schien zu zögern, ehe sie erneut auf die Toiletten zuging. Diesmal warf sie Rafe nicht einmal einen Blick zu, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, ihr Handy aus der Handtasche nehmen. Er drehte sich, um sie weiter beobachten zu können – und um zu lauschen.

Sie blieb in einer kleinen Nische stehen. „Sara?“, sagte sie. „Bis auf die Drinks war es eine einzige Pleite … Was? … Ja, ich habe einen Mann kennen gelernt. Nur stellte sich heraus, dass er einen Streit mit seiner Freundin hatte. Es ist hoffnungslos … Natürlich habe ich ihm geholfen. Außerdem habe ich ihm vorgeschlagen, ihr Rosen zu kaufen … Was? Ich habe mich nicht selbst sabotiert. Der Punkt ist, ich kann es einfach nicht … Natürlich will ich mit einem Mann ins Bett!“

Sie schaute düster auf – zum Glück blickte sie nicht in Rafes Richtung, denn sonst hätte sie gesehen, wie er sich bei ihren Worten an seinem Drink verschluckte.

Ging es um eine Wette zwischen ihr und ihrer Freundin? Er lauschte weiter.

„Ich bin nicht der Typ Frau, den Männer aufgabeln“, fuhr sie fort. „Ich bin der Typ, den sie um Rat wegen ihrer Freundinnen fragen. Ich fahre nach Hause. Was soll ich sonst tun? … Ja, ich weiß, es wäre gut für mich.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Na schön. Ich probiere es noch einmal.“

Sie legte auf und ging langsam am Tresen entlang auf ihren Tisch zu.

Sie wollte es noch einmal probieren, einen Mann zu finden, der mit ihr ins Bett ging? Rafe fühlte sich angespornt wie schon lange nicht mehr. Die Frau hatte eine erfrischend natürliche Art und war zugleich umwerfend sexy.

Wie sollte er sich ihr nähern? Er bemerkte einen Kugelschreiber auf dem Boden neben ihrem Tisch. Das war ein Anfang. Er stand von seinem Barhocker auf und ging auf sie zu. Irgendwie würde er herausbekommen, was es mit ihrer Haarspange auf sich hatte. Und vielleicht würde sich daraus mehr entwickeln.

„Gehört der Ihnen?“ Der attraktive Mann, der Beth auf ihrem Rückweg von der Toilette angelächelt hatte, hielt ihr einen Kugelschreiber hin.

„Oh, der gehört nicht mir. Vielleicht hat die Kellnerin ihn verloren.“ Sie zeigte zu der Frau.

Er lächelte selbstbewusst. Seine Augen waren von einem durchdringenden Blau. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich hier auf sie warte?“ Er schien sie zu necken.

Schlagartig wurde ihr klar, dass der Kugelschreiber und die Kellnerin nur ein Vorwand waren, um sie anzusprechen. „Natürlich nicht. Setzen Sie sich.“

Er nahm Platz und schüttelte ihr die Hand. „Ich bin A. J.“

„Beth.“ Sein Griff war fest, aber nicht zu sehr, und seine Hand war sehr warm.

Beth registrierte, wie ihr neuer Tischgenosse sie auf männlich interessierte Weise musterte. Beunruhigend, aber erfreulich. Und schmeichelhaft.

Er hatte ein markantes Kinn und eine kräftige gerade Nase. Doch sein sinnlicher, freundlicher Mund milderte die Strenge seiner Züge. Am auffallendsten waren seine blauen Augen, die ebenso wie die Falten um sie herum Humor und Intelligenz verrieten.

Gerade als das gegenseitige Mustern unnatürlich lang zu dauern schien, kam die Kellnerin. „Was darf ich Ihnen bringen?“, erkundigte sie sich bei A. J., dem sie freundlicher zulächelte als vorher Beth.

„Was trinken Sie?“ Er deutete auf Beths Glas.

„Tutti Frutti Martooti“, antwortete Beth und fand, dass es sich ziemlich albern anhörte. Sie war wegen der speziellen Drinks ins Grins gekommen, weil sie über die Top Ten der extravaganten Cocktails berichten wollte. Und um einen Mann kennen zu lernen.

„Möchten Sie noch einen?“, fragte A. J. mit skeptischer Miene.

„Ich sollte etwas anderes probieren.“ Sie nahm die Getränkekarte. „Ich kann mich nicht entscheiden zwischen dem Licorice Twist und dem Hot Cha-Cha. Probieren Sie einen für mich?“

„Tut mir leid“, erwiderte er und runzelte die Stirn, als fände er ihre Frage absurd. „Scotch on the rocks, bitte.“

„Gern“, sagte die Kellnerin und zwinkerte ihm zu. Entweder hatte es die Frau auf ein großes Trinkgeld abgesehen oder auf ein Date nach der Schicht.

„Ich nehme den Licorice Twist“, erklärte Beth.

„Gern.“ Die Kellnerin schrieb die Bestellung auf und wollte gehen.

„Der Kugelschreiber“, erinnerte Beth ihn.

„Ich glaube, den haben Sie fallen lassen“, sagte er zu der Kellnerin und hielt den Stift hoch.

Sie nahm ihn, wobei ihre Finger seine eine Spur zu lange berührten. „Vielen Dank.“

„Es war mir ein Vergnügen“, sagte A. J.

Manchen Leuten fiel Flirten so leicht wie Atmen. Nicht Beth. Sara hatte ihr Tipps gegeben, aber die hatte sie alle in dem Augenblick vergessen, als dieser Mann sich an ihren Tisch setzte.

Ihr Magen zog sich zusammen, denn sie fühlte sich plötzlich der Situation nicht gewachsen. Aber sie musste ja nicht gleich mit ihm schlafen. Sie konnten einfach plaudern und sich vielleicht auch küssen, gerade genug, um ihrer Kolumne den nötigen Pep zu geben. Sara hätte sich natürlich auf Sex eingelassen. Schließlich hatte er warme Hände.

„Was treibt Sie hierher?“, fragte A. J.

Ich gable mir einen Mann auf. Sind Sie interessiert? „Ich probiere Cocktails aus.“ Sie hob ihr leeres Glas.

„Tut mir leid, dass ich Ihnen da nicht helfen konnte. Exotische Cocktails bedrohen meine Männlichkeit.“

Sie grinste. „Das kann ich mir bei Ihnen absolut nicht vorstellen“. Nicht schlecht. Etwas verlieh ihr Mut – entweder sein freundliches Gesicht oder ihre Entschlossenheit, aus dieser Begegnung um jeden Preis etwas Verwertbares für ihre Kolumne herauszuholen.

„Ich komme Ihnen also zu machohaft vor?“

„Nein, nur sehr männlich.“ Sein blondes Haar glänzte im Kerzenschein. Unter der abgewetzten Lederjacke trug er ein ziegelrotes Seidenhemd.

„Ich glaube, irgendwo hier habe ich auch eine weibliche Seite“, erklärte er und klopfte aus Spaß seine Taschen ab. „Hoffentlich zeigt sie sich, wenn ich sie brauche.“

„Und wann könnte das der Fall sein?“

„Wenn eine Frau wissen will, was ich fühle.“ Er tat, als schüttle er sich.

„Ich werde versuchen, nicht zu neugierig zu sein.“

Er hatte nicht gescherzt, das spürte sie. Neben seiner Freundlichkeit strahlte er auch Reserviertheit aus. „Was tun Sie beruflich, Beth?“

„Ich bin technische Redakteurin.“ Zumindest war das einer ihrer Jobs. Wenn sie Bars und Clubs besuchte, verriet sie nie ihre wahre Identität.

„Das klingt interessant.“

Sie lachte. „Sehr freundlich von Ihnen. Es klingt langweilig, aber ich finde es faszinierend. Ich mag die Herausforderung, einen technischen Jargon in einen für alle lesbaren Text zu verwandeln.“

„Da ich einmal eine Stereoanlage aufgebaut habe, ziehe ich den Hut vor Ihnen. Kommen Sie aus einem technischen Beruf?“

„Eigentlich nicht. Ich habe Englisch studiert, aber auch Mathematik und Naturwissenschaften.“

Die Kellnerin kam mit ihren Drinks, und nachdem sie wieder gegangen war, hob A. J. sein Glas. „Auf exotische Cocktails und Gespräche.“

Ein heißer Schauer überlief Beth. Sie hob ihr Glas. „Auf besseres Kennenlernen.“ Und vielleicht auf mehr?

Nur wenn sie sich traute. Vorausgesetzt, er war interessiert.

Das Verhältnis von Anis und Schokolade in ihrem Cocktail stimmte nicht, also strich sie ihn in Gedanken von ihrer Top-Ten-Liste. Dieser Teil ihrer Kolumne lief gut. Für den restlichen, wichtigeren Teil sollte sie jetzt anfangen zu flirten. Aber sie entschied sie dennoch für das Naheliegende. „Und Sie? Was führt Sie ins Grins?“

„Ich wohne hier im Hotel.“

„Woher kommen Sie?“

„Aus San Francisco.“

„Haben Sie geschäftlich hier zu tun?“ Er nickte, und etwas flackerte in seinem Blick auf. Unbehagen? Sie stellte die nächste Frage trotzdem. „Was arbeiten Sie denn?“

„Ich bin Experte für Firmenübernahmen. Ich befasse mich vor allem mit Umstrukturierungsmaßnahmen.“

„Das hört sich viel interessanter an als technische Redakteurin.“

„Heute hat es keinen besonderen Spaß gemacht. Ehrlich gesagt, bin ich hier, weil ich nicht mehr darüber nachdenken wollte.“ Wie zum Beweis hob er sein Glas.

„Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht belästigen.“ Sie hatte den Mann ja regelrecht verhört.

„Bleiben wir einfach dabei, uns gegenseitig Gesellschaft zu leisten.“ Er tippte mit dem Finger gegen ihr Glas und musterte sie erneut. „Das finde ich interessant.“

„Oh. Na gut.“ Sein eindringlicher Blick machte sie nervös. Andererseits gefiel es ihr auch.

„Um ehrlich zu sein, Sie sind mir aufgefallen, als Sie vor einer Weile vorbeigingen“, gestand A. J.

„Tatsächlich? Warum?“

„Sie wirkten irgendwie widersprüchlich.“

„Wie meinen Sie das?“

„Sie sind sehr sexy angezogen, laufen jedoch unsicher auf Ihren hohen Absätzen. Außerdem tragen Sie eine Kinderhaarspange.“

Unwillkürlich tastete sie nach der Kätzchenspange, die sie sich von der Nachbarstochter geliehen hatte. „Die habe ich mir geborgt. Und die Schuhe sind neu, ich muss sie erst einlaufen.“ In Wahrheit trug sie nie hohe Absätze. A. J. hatte offenbar ihr wahres Wesen sofort erkannt.

„Entschuldigen Sie sich nicht. Diese Widersprüchlichkeit verleiht Ihnen einen ganz besonderen Reiz.“

Sie versuchte ihre Nervosität mit einem Scherz zu überspielen. „Ich fühle mich geschmeichelt. Und was erwidere ich darauf am besten? Ich fürchte, ich bin nicht besonders gut darin.“

„Worin?“

„Im Flirten. Und ich bin nicht sehr schlagfertig. Ich bin mehr für Direktheit. Ich mag es, wenn Leute sagen, was sie wirklich meinen.“

„Ich auch.“

„Das andere beherrschen Sie aber auch gut. Bei der Kellnerin waren Sie großartig, und das mit dem Kugelschreiber am Boden war erfrischend.“

„Darf ich das als Kompliment auffassen?“, neckte er sie.

„Absolut. Schließlich bin ich hauptsächlich daran interessiert, wie das alles funktioniert.“

„Warum?“

Darauf konnte sie natürlich nicht ehrlich antworten. „Die Sache ist die, dass ich länger kein Date mehr hatte. Ich bin sozusagen ein wenig eingerostet, daher habe ich einige Fragen dazu.“

„Sie hatten schon länger kein Date mehr?“

„Nein. Nachdem meine letzte Beziehung zu Ende ging, hatte ich nichts mehr unternommen, um jemanden kennen zu lernen.“

„Was für ein Verlust für die Männerwelt.“

„Danke. Also, darf ich Sie fragen, wie das alles funktioniert?“

Ihre Frage schien ihn zu amüsieren. „Ich bin zwar kein Experte, aber nur zu, fragen Sie.“

„Großartig.“ In ihrer Reporterrolle fühlte sie sich gleich besser. „Es geht los. Wie entscheiden Sie, was Sie sagen, wenn Sie eine Frau kennen lernen wollen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das hängt von der Frau und der Situation ab.“

„Keine lahmen Sprüche wie: ‚Tat es sehr weh, als Sie vom Himmel fielen?‘“

„Auf keinen Fall. Das ist was für Amateure.“ Er zwinkerte ihr zu. „Zuerst brechen Sie das Eis. Dazu müssen Sie etwas Witziges oder Faszinierendes sagen und dürfen keine sexuellen Anspielungen machen.“

„Das wäre zu aufdringlich, nicht wahr?“

„Genau. Der erste Satz ist auch nicht entscheidend, sondern der zweite. Mit dem zweiten Satz ist nämlich die Unterhaltung schon im Gange.“

„Oh, das stimmt.“ Beth wünschte, sie könnte ihren Rekorder einschalten oder sich wenigstens Notizen machen. „Wie entscheiden Sie, worüber Sie sich unterhalten?“

„Das kommt darauf an. Wenn ich zum Beispiel am Flughafen eine Frau sehe, die ich kennen lernen möchte, dann frage ich sie vielleicht nach dem Buch, das sie gerade liest oder wie ihr Laptop ihr gefällt. Was eben nahe liegend ist, natürlich immer vorausgesetzt, ich belästige sie damit nicht. Man merkt schnell, ob jemand lieber seine Ruhe haben möchte, statt sich zu unterhalten.“

„Ich verstehe.“ Beth wusste, sie gehörte zu den Frauen, die das Signal aussandten, dass sie lieber allein sein wollten. Obwohl sogar sie A. J.s Anmachversuchen erliegen würde. Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe, als würde sie ihn schon seit Jahren kennen, nicht erst seit wenigen Augenblicken.

„Da ist noch etwas, was ich wissen möchte.“ Sie hielt inne und fragte sich, ob sie es wagen konnte, die Frage zu stellen. Ach, was soll’s, dachte sie. „Wie oft führen diese Begegnungen zu mehr?“

„Sie meinen zu Sex?“ Er grinste. „Das hängt davon ab, wie wir beide uns fühlen.“ Er wurde nachdenklich. „In letzter Zeit nicht so häufig, um die Wahrheit zu sagen. Ich bin viel gereist und hatte kein Interesse.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Verdammt. Also würden sie heute Abend nur reden. Na ja, das machte nichts. Immerhin hatte sie ein bisschen Stoff für ihre Kolumne – wie man jemanden ansprach und seine Chancen auslotete. Die Frage war nur, ob das reichte, um Will und den Manager für Unternehmensentwicklung von Man’s Man zu überzeugen.

„Bis ich heute Abend Sie mit Ihrer Kätzchenhaarspange sah“, fügte A. J. hinzu. „An Ihnen bin ich sehr interessiert.“

„Tatsächlich?“ Sie verspürte ein Kribbeln im Bauch und trank rasch einen großen Schluck von ihrem Cocktail, der viel zu süß war. Sie verzog das Gesicht.

„Probieren Sie das.“ A. J. reichte ihr seinen Scotch.

Sie trank einen Schluck, aber der Alkohol war viel zu stark, sodass sie sich verschluckte.

A. J. beugte sich über den Tisch, um ihr auf den Rücken zu klopfen. „Alles in Ordnung? Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Beth schnappte nach Luft. „Schon gut.“

„Sie mögen es doch, wenn jemand direkt ist, oder?“

„Ja.“

„Gut. Ich möchte mit Ihnen schlafen, Beth.“

Sie war wie elektrisiert und konnte ihr Glück nicht fassen. Sie hatte nicht nur einen aufregenden Mann in einer Bar kennen gelernt, sondern er ging schon nach fünfzehn Minuten Unterhaltung aufs Ganze. Das Anbändeln war leichter, als Sara gesagt hatte. Vielleicht wollte das Schicksal, dass sie ihre Kolumne behielt.

„Beth?“, sagte A. J. „Geht es Ihnen gut?“

„Ja. Sehr sogar. Sie wollen also …“

„Mit Ihnen schlafen? Sehr gern. Sind Sie interessiert?“

Glücklicherweise war sie vorbereitet. Auf Saras Vorschlag hin hatte sie eine Reisezahnbürste und eine Auswahl an Kondomen – gerippt, mit Geschmack und ultradünn – in der Handtasche.

Aber war sie auch fähig, zur Tat zu schreiten? Es könnte eine Katastrophe werden. Oder geradezu himmlisch.

„Ich möchte nicht, dass Sie sich bedrängt fühlen“, meinte A. J., der ihre Zweifel zu registrieren schien. „Ich sage Ihnen nur, dass ich verfügbar bin. Und Sie sollten wissen, dass Sie bloß den Finger krumm zu machen brauchen, um jeden Mann hier ins Bett zu bekommen.“

„Das ist nett von Ihnen.“ Dem Mann war es gelungen, ihre Zweifel mit einem Satz auszulöschen. Dafür hätte sie ihn küssen können.

„Es ist nur die Wahrheit.“

Wie konnte sie sich einen solchen Mann entgehen lassen? Eine solche Chance? Sie war weder ein Drückeberger noch ein Feigling. Also würde sie es tun.

Ihr Gesicht glühte. „Ehrlich gesagt, ich glaube, ich würde gern mit Ihnen ins Bett gehen.“ Ihr Gesicht glühte.

„Sie klingen, als hätten Sie gerade einen gefährlichen Auftrag angenommen.“

Sie lachte. „Wie ich schon sagte, ich hatte länger kein Date mehr. Außerdem geht alles sehr schnell …“

„Ich bin auch ein wenig aus der Übung, falls es Sie beruhigt.“

Aus der Übung? Sie hatte so etwas noch nie getan. Allerdings hatte sie nicht vor, das zuzugeben. Zumindest nicht sofort. „Dann sind wir uns wohl einig.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Sollten wir dann nicht auf Ihr Zimmer gehen?“

A. J. legte seine Hände auf ihre und sah ihr in die Augen. „Trinken wir erst in Ruhe unsere Drinks aus und unterhalten uns noch ein bisschen. Danach sehen wir weiter.“

„Aber Sie glauben schon, dass wir in der Stimmung sein werden, nach oben zu gehen?“ Jetzt wollte sie die Sache auch durchziehen.

Er dachte in gespieltem Ernst über ihre Frage nach. „Vielleicht sollten wir lieber auf Nummer sicher gehen. Damit wir unsere Zeit nicht vergeuden.“

Er stand auf und setzte sich auf Beths Seite. Dann umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste sie. Seine Lippen waren sanft, und er versuchte nicht, sie zu drängen.

Dadurch ermutigt, begann sie den Kuss zu erwidern und auf das erregende Spiel seiner Zunge einzugehen. Ein heißer Schauer überlief sie. Dieser Mann verstand sich aufs Küssen.

Schließlich gab A. J. ihre Lippen wieder frei. „Nun?“, fragte er. „Meinst du, wir gehen später nach oben?“

Langsam machte sie die Augen wieder auf. Sollte das ein Witz sein? Sie war dahingeschmolzen wie Eis in der Sonne. „Ja“, brachte sie mühsam hervor.

„Vielleicht sollten wir ganz sichergehen“, meinte er und küsste sie erneut, diesmal leidenschaftlicher als beim ersten Mal. Allerdings blieb er weiterhin behutsam, als spüre er ihre Unsicherheit. Sein Atem verriet jedoch, dass er ebenso erregt war wie sie.

Wärme durchflutete ihren Körper, als sei sie vorher gefroren gewesen und taue nun dank dieses Mannes auf. Ihre Sehnsucht war so groß, dass sie ihm nicht nah genug sein konnte – und prompt gegen den Tisch stieß. Das Klirren der Gläser erinnerte sie wieder daran, wo sie sich befanden. Sie unterbrach den Kuss und sah A. J. in die Augen.

„Gehen wir nach oben“, flüsterte sie. Damit er nicht zu viel voraussetzte, fügte sie rasch hinzu: „Da sind wir ungestört.“

A. J. rutschte von der Bank und bot Beth die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie schwankte ein wenig, und er zog sie fest an sich. „Alles in Ordnung? Du tust doch nicht nur so, als sei dir schwindelig, damit ich mich männlicher fühle, oder?“

„Es sind nur die Absätze“, entgegnete sie, da sie ihm nicht verraten wollte, dass sie seinetwegen weiche Knie hatte.

Sie gingen durch die Lobby und fuhren Sekunden später im Fahrstuhl nach oben. Wenn man zur Nervosität neigte, waren Hotelbars der perfekte Ort, um Männer kennen zu lernen. Im Nu war man in ihrem Zimmer. So blieb einem kaum Zeit für Zweifel.

A. J. öffnete seine Zimmertür mit einer Magnetkarte und führte Beth hinein. Das Zimmer war mit nachgemachten Antiquitäten aus Kirschholz möbliert. Das Zentrum bildete ein riesiges Doppelbett, auf dessen Kante Beth sich setzte. Nervös strich sie über die Tagesdecke.

A. J. schaltete die Stehlampe ein und zog die Vorhänge zurück, sodass sie die funkelnden Lichter der Stadt sehen konnten. Dann zog er sein Jackett aus und ging zu Beth zurück, um sie in die Arme zu schließen.

Einen Moment lang verließ sie der Mut. Ihre Handtasche war zwischen ihnen eingeklemmt und erinnerte sie an etwas. „Ich … ich habe Kondome dabei. Drei verschiedene Sorten, was dir am besten gefällt – ultradünn, gerippt oder mit Geschmack.“

Er wirkte amüsiert. „Ich überlasse der Dame die Wahl.“

„Oh. Gut. Na schön.“ Plötzlich war ihre Verlegenheit wieder da. Immerhin waren sie Fremde. Sie wusste lediglich, dass er gut küsste.

„Ich bin froh, dass du vorbereitet bist“, meinte A. J. „Was ich möglicherweise noch im Kulturbeutel dabeihabe, ist sicher längst abgelaufen.“ Er betrachtete ihr Gesicht. „Beth, wir sind unter uns. Wir können jederzeit aufhören. Du hast das Kommando.“

„Richtig. Gut.“ Sie atmete erschauernd aus. „Ich muss mal das Bad benutzen.“

Vor allem musste sie sich beruhigen und zu begreifen versuchen, wie es möglich war, dass sie vor Kurzem noch Probleme damit gehabt hatte, sich Saras Schilderungen ihrer Abenteuer anzuhören, jetzt aber drauf und dran war, mit einem Fremden ins Bett zu gehen.

Hatte ihre Kolumne sie so mutig gemacht? Oder hatte es etwas mit A. J. zu tun? Oder kam ein anderes Ich in ihr zum Vorschein? E. M., ihr Alter Ego, mochte zu allem bereit sein, Beth war es noch nicht ganz.

3. KAPITEL

Beth saß auf dem Badewannenrand. Du kannst das, sagte Beth sich. Du musst, wenn du deine Kolumne behalten willst. Die Situation war doch wirklich ideal. A. J. war der perfekte Kandidat für ihr erstes Abenteuer in der wilden Welt unverbindlicher sexueller Kontakte. Er war selbstbewusst, aber auch sensibel, denn er hatte ihre Unsicherheit gespürt und damit umzugehen gewusst. Außerdem kam er von außerhalb, sodass er die Zeitschrift nie lesen und erfahren würde, dass er in ihrer Kolumne vorkam. Natürlich würde sie ihn nicht so beschreiben, wie er war, aber Ricks Reaktion nach zu urteilen, nahmen manche Männer selbst anonyme Schilderungen komisch auf.

A. J. war absolut in Ordnung. Sie war das Problem. Dabei brauchte sie sich für die nächsten Stunden bloß in E. M. zu verwandeln.

Es wurde Zeit, in Aktion zu treten. Was, wenn er dachte, dass sie sich auszog? Würde er nackt sein, wenn sie herauskam?

Beth verspürte das Bedürfnis, Sara anzurufen und um Rat zu fragen, hielt sich jedoch zurück. Im Spiegel blickte sie in das blasse Gesicht und die glänzenden Augen einer nervösen Frau. Wie war sie bloß in diesen Schlamassel geraten?

„Beth, ist alles in Ordnung?“, rief A. J.

Das klang so ehrlich besorgt, dass sie ihre Ängste beiseiteschob. „Ja, bestens.“ Du kannst das, sagte sie sich erneut. Sei die sinnliche Frau, die du in Wahrheit bist. Sie hängte sich ihre Handtasche um, atmete tief durch, setzte ein Lächeln auf und öffnete die Tür.

Zum Glück hatte A. J. seine Sachen noch an. Allerdings trug er keine Schuhe und Socken mehr. Du liebe Zeit, er hatte sogar sexy Füße. Er nahm ihr die Handtasche ab und warf sie auf einen Sessel, um Beth an sich zu ziehen. Seine Wärme war beruhigend wie ein heißes Bad.

„Ich fürchte, ich bin ein bisschen nervös“, gestand sie.

„Das macht doch nichts. Du scheinst dich selbst unter Druck zu setzen. Dabei können wir es ganz ruhig angehen. Oder uns einfach nur küssen. Was immer du willst.“ Er küsste sie erneut, und wieder schmolz Beth dahin.

Es war so schön mit ihm. Wenn sie sich für eine Sekunde vergaß, könnte sie diesen Augenblick noch mehr genießen. Sie spreizte die Finger auf seinem Rücken und spürte seine Kraft. Ihre Zungen berührten sich, spielten miteinander. Das war vertraut, und wenn es dabei blieb, war es für sie auch in Ordnung.

Aber dann umfasste er mit beiden Händen ihren Po und drückte sie an sich, sodass sie deutlich seine Erregung spürte. Ein prickelnder Schauer überlief sie. Na schön, vielleicht sollten sie doch mehr probieren, als sich nur zu küssen.

A. J. unterbrach den Kuss, ohne sie loszulassen. „Alles klar?“

„Oh, ja.“ Es war herrlich, ihn so nah zu spüren. Wenn Blaine erregt war, bedeutete es stets nur: Ich bin bereit. Bei A. J. hieß es: Sieh nur, welche Wirkung du auf mich hast.

Er küsste sie erneut, diesmal fordernder, und Beth ging darauf ein. Sie fühlte sich begehrenswert, und was sie tat, kam ihr richtig vor. Noch besser war, dass die Umarmung die Erinnerung an Blaine immer mehr in den Hintergrund drängte.

Sie würde darauf achten, dass ihre Kolumne das einfing – den Zauber des ersten Mals mit dem richtigen Mann.

A. J. ließ die Hände hinaufwandern. Er hob ihr Kleid an, sodass ihre Oberschenkel und der Spitzenbesatz ihrer halterlosen Strümpfe zu sehen waren. Dann bewegte er die Hände zur Vorderseite ihres Kleids und umschloss durch den Stoff hindurch ihre Brüste.

Beth unterbrach den Kuss und sog scharf die Luft ein.

„Geht es dir zu schnell?“, fragte er und sah sie an, als sei sie eine viktorianische Jungfrau, die wegrennen oder ohnmächtig werden könnte. Aber sie wollte kein scheues Reh sein, sondern mutig.

„Nein, du bist wundervoll. Mach weiter, bitte.“

Er lächelte und streichelte sanft ihre Brustspitzen. Sofort richteten sie sich auf. Beth war wie elektrisiert. Sie musste A. J. berühren, um in ihm die gleiche Lust zu wecken wie er in ihr. So gut sie konnte, umfasste sie ihn durch seine Hose hindurch.

Er fühlte sich sehr hart und sehr groß an, was Beth ein wenig verunsicherte. Doch instinktiv wusste sie, dass er behutsam sein würde.

Im nächsten Moment überraschte er sie, indem er seine Hand zwischen ihre Beine schob und ihren sensibelsten Punkt streichelte. Beths Knie zitterten, und jetzt befürchtete sie doch, wie eine viktorianische Jungfrau ohnmächtig zu werden. „Lass uns ins Bett gehen“, flüsterte sie. Wenn sie nur schnell dorthin kämen und ihre Kleidung ohne irgendwelche unbeholfenen Bewegungen verschwinden würde …

A. J. hörte auf, sie zu streicheln. „Bist du dir sicher?“

Sie nickte. „Aber schließ die Augen, während ich mich ausziehe.“

„Ich würde aber gern gucken“, gab er zurück, machte die Augen jedoch zu.

„Nicht blinzeln.“

„Du bist wunderschön, Beth.“

„Tu mir trotzdem den Gefallen“, sagte sie und schaltete die Stehlampe aus. Rasch zog sie sich bis auf die Strümpfe aus.

„Fertig?“

„Noch nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor ihren nackten Brüsten. A. J.s Augen blieben geschlossen, aber er grinste.

Beth wickelte ihre Unterwäsche in ihr Kleid, legte es auf ihre Handtasche und stellte die Schuhe ordentlich darunter, genau wie bei einer gynäkologischen Untersuchung. Dann lief sie zum Bett. Auf einmal fielen ihr die Kondome ein, also machte sie noch einmal kehrt. Sie legte die Päckchen auf den Nachtschrank, zog sich die Decke bis zum Kinn und dämpfte das Licht der Nachttischlampe.

„Jetzt kannst du die Augen wieder aufmachen.“

„Aber das Beste habe ich verpasst“, beschwerte A. J. sich und kam zum Bett.

„Es gibt noch genug andere gute Szenen.“

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, zog er sein Hemd über den Kopf und warf es zum Sessel, wo es auf Beths Kleid landete.

Er öffnete seinen Gürtel und streifte mit einer anmutigen Bewegung Hose und Boxershorts ab. Er wirkte sehr durchtrainiert mit seinem Waschbrettbauch und den muskulösen Schenkeln. Flüchtig registrierte sie, dass seine Brust mit feinen goldenen Haaren bedeckt war.

Beth seufzte, und er schlüpfte zu ihr unter die Decke und nahm sie in die Arme. Er strahlte Wärme aus wie ein Ofen, und sie musste an Sara denken. Scheu schmiegte sie sich an ihn, sodass ihre Brüste sich an ihn pressten und sie seine Härte an ihrem Bauch spürte.

„Du fühlst dich so gut an“, sagte er und küsste ihren Hals. „Ich möchte dich ansehen.“ Ehe sie protestieren konnte, hatte er die Decke schon zurückgeschlagen, sodass Beth bis zur Taille nackt war.

Trotz des gedämpften Lichts kam sie sich entblößt vor und hätte die Decke am liebsten wieder hochgezogen. Doch A. J.s Gesichtsausdruck hielt sie davon ab. Er strich mit der Hand über ihre Brüste und schien jeden Millimeter ihrer Haut ehrfürchtig zu bewundern. „Vom ersten Moment an, als ich dich in der Bar sah, wollte ich dich berühren.“

„Ehrlich?“

„Oh ja.“ Er schob die Decke noch weiter nach unten und legte die Hand auf ihren Bauch. Beth zog den Bauch ein, um die kleine Wölbung zu kaschieren, doch A. J. streichelte sie liebevoll. „Dein Körper ist wundervoll.“ Kein Mann hatte sie je mit solch offener Wertschätzung angesehen, als wären ihre Makel nur Teil ihres Charmes.

Mit der Zunge liebkoste er ihr Ohr, während er gleichzeitig ihren Bauch streichelte und die Hand langsam tiefer schob, bis sie die seidigen Haare zwischen ihren Beinen streifte.

„Oh“, hauchte Beth. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Ihr Verlangen machte sie mutig, sodass sie die Hand ausstreckte und A. J.s pulsierende Härte umfasste. Sanft begann sie die Hand auf und ab zu bewegen. A. J. schoss stöhnend die Augen.

Jetzt würde es ernst werden, und das bedeutete für sie stets Ungewissheit. „Ich sollte dich warnen, dass ich manchmal, wenn ich nervös bin, nicht zum Höhepunkt komme. Also warte nicht auf mich. Mach einfach weiter. Es wird trotzdem gut für mich sein.“

„Dies ist kein Wettrennen, Beth“, erklärte er.

„Ich weiß. Ich will nur nicht, dass du enttäuscht bist.“

„Keine Sorge. Ich genieße jede Sekunde. Und du?“ Behutsam fuhr er mit dem Finger über ihren sensibelsten Punkt. Hitze durchflutete sie. „Bist du enttäuscht?“

„Nein“, stieß sie mühsam hervor.

„Den Eindruck habe ich auch. Ich spüre, wie erregt du bist“, sagte er und begann sie behutsam zu erkunden. „Bist du nervös?“

„Ja“, gestand sie, benommen von seinen Liebkosungen.

A. J. lächelte und küsste ihren Hals, während er mit seinen erotischen Zärtlichkeiten fortfuhr. Langsam bewegte er sich von ihrem Hals hinunter zu ihren Brüsten und umschloss eine ihrer hoch aufgerichteten Brustspitzen mit den Lippen.

Beth bog sich ihm entgegen und spreizte instinktiv die Beine ein wenig mehr. A. J. verstand und bewegte den Finger rhythmisch.

Sie wollte seine Erektion berühren, doch das wilde Pulsieren tief in ihr hinderte sie daran.

A. J. löste sich von ihrer Brust und glitt langsam tiefer, bis seine Hände auf ihren Hüften lagen und sein Mund ihren sensibelsten Punkt berührte.

„Oh … oh“, hauchte sie.

Sie bog sich ihm entgegen und sehnte sich nach mehr. A. J. legte die Hände auf ihren Po und schien zu genießen, was er da tat. Auf keinen Fall tat er es nur, weil er glaubte, dass sie es wollte. Er liebkoste sie, als wüsste er nicht nur ganz genau, wie es ihr am besten gefiel, sondern als bereite es ihm selbst das größte Vergnügen.

Beth dachte, sie sollte ihn aufhalten, um etwas für ihn zu tun, doch die Begierde, die er in ihr entfachte, war so überwältigend, dass sie nicht mehr im Stande war, irgendetwas zu tun. Mühelos gelangte sie zu einem intensiven Höhepunkt, bei dem sie A. J.s Namen laut herausschrie – zu laut für ein Hotelzimmer. Aber sie hatte einfach die Kontrolle verloren. Lust durchflutete sie in Wellen, die einfach nicht aufhören wollten, sodass sie sich vorkam wie eine dieser Frauen mit multiplen Orgasmen, von denen sie gelesen hatte. Nur dass dies ein einziger, schier endlos dauernder Höhepunkt war.

A. J. hielt sie, bis die heißen Schauer abklangen. Dann zog er sich hoch und küsste Beth.

„Das war erstaunlich“, sagte sie atemlos. „Einfach unglaublich.“

Sein Haar war zerzaust, und er wirkte sehr zufrieden mit sich. „Hast du nicht gesagt, du hättest Schwierigkeiten, zum Höhepunkt zu kommen?“

„Das habe ich auch, wenn ich nervös bin. Aber vorhin wusste ich zeitweise meinen eigenen Namen nicht mehr.“

„Meinen kanntest du dafür umso besser. Ich habe mich gefreut, ihn zu hören.“ A. J. lachte leise und küsste sie erneut.

Beth hätte sich gern bei ihm revanchiert, nur glaubte sie, dass sie nicht besonders gut in diesen Dingen war.

Aber sie hatte gelesen, dass Männer es mochten, wenn die Frau oben war. Das konnte sie. Also richtete sie sich auf, rollte A. J. auf den Rücken und setzte sich auf ihn. „Du bist an der Reihe“, verkündete sie.

„Nur wenn du darauf bestehst“, erwiderte er gespielt zögerlich.

Sie nahm ein Kondom vom Nachtschrank, doch als sie die Packung aufreißen wollte, fiel sie ihr aus der Hand.

A. J. nahm es, riss es auf und streifte sich das Kondom über.

„Ultradünn für maximale Gefühlsechtheit“, flüsterte Beth.

„Ich liebe es, wenn du schmutzige Sachen sagst“, neckte er sie und lehnte sich zurück.

„Ich hoffe, das hier wirst du noch mehr lieben.“ Sie bewegte sich so, dass sie ihn an ihrem empfindlichsten Punkt spürte, ehe sie ihn tief in sich aufnahm.

„Oh ja“, sagte er. „Das liebe ich noch mehr.“

Beth bewegte sich instinktiv, während A. J. ihre Hüften gepackt hielt. Dennoch fühlte sie sich in dieser Position ein wenig unsicher – bis seine Hände von ihren Hüften zu ihren Brüsten glitten und sie fest umschlossen.

Es war ein aufregendes, herrliches Gefühl. A. J. rieb die hoch aufgerichteten Knospen. Prickelnde Schauer überliefen Beth, und sie bewegte sich schneller, begierig, sein Verlangen zu stillen. Das Funkeln in seinen Augen verriet ihr, wie viel Lust sie ihm bereitete.

Sie spürte, dass er kurz vor dem Gipfel war. Gleichzeitig streichelte er sanft die kleine Knospe zwischen ihren Schenkeln. Jetzt gab es auch für Beth kein Halten mehr. Immer wilder bewegte sie sich, vergaß wie im Rausch alle Ängste und Hemmungen, die sie je gehabt hatte. Was A. J. mit ihr machte, war fantastisch, und kurz nach ihr kam auch er zum Höhepunkt.

Hinterher sank sie schwer atmend auf ihn. Ihre Haut war schweißnass.

„Das war großartig“, sagte er heiser.

Sie hob den Kopf. „Ich weiß.“ Sie hätte laut jubeln können. Immerhin war sie innerhalb weniger Minuten zwei Mal zum Höhepunkt gelangt, und das mit einem Mann, den sie kaum kannte.

„Gibt es noch mehr Sachen, in denen du nicht gut bist?“, fragte er mit einem kleinen Lächeln.

„Oh, viele.“ Beth freute sich, dass ein so attraktiver Mann sie für eine gute Liebhaberin hielt.

„Ich kann es kaum erwarten, dass du sie mir zeigst.“

Sie schmiegte die Wange an seine Brust, und er hielt sie fest umarmt. Eine Weile lagen sie schweigend da und lauschten auf ihre im Einklang schlagenden Herzen. Dann stand A. J. auf und ging ins Bad.

Beth lag auf den Ellbogen gestützt auf der Seite und wartete auf ihn. Sie war so froh, dass sie den Mut gefunden hatte, dieses Risiko einzugehen. Sie hatte nicht nur massenhaft Material für ihre Kolumne, sondern auch ihr sexuelles Selbstbewusstsein gestärkt.

A. J. kroch wieder unter die Decke, und Beth schmiegte sich eng an ihn. Sie wollte ihm irgendwie danken. „Das war wirklich etwas Besonderes. Ich muss gestehen, dass ich noch nie mit einem Mann gleich bei der ersten Begegnung geschlafen habe. Mal abgesehen davon, dass ich mir noch nie jemanden in einer Bar aufgegabelt habe.“

„Was du nicht sagst!“, erwiderte er mit gespielter Verblüffung.

„War das so offensichtlich?“

„Du hast dich im Badezimmer eingeschlossen, von deiner Auswahl an Kondomen geredet und beinah eine Verzichtserklärung auf deinen eigenen Höhepunkt abgegeben.“

„Dadurch hast du’s gemerkt, wie?“

Er lachte leise, strich ihr die Haare aus dem Gesicht und streichelte ihre Wange. „Du bist eine sehr aufregende, sinnliche Frau. Falls ein Mann dir einen anderen Eindruck vermittelt hat, war er ein Idiot.“

Oder nicht so geschickt wie du, dachte sie, ehe er ihr von neuem bewies, wie aufregend er sie fand.

Ein paar Stunden später legte Beth ihre Wange an A. J.s Brust und lauschte seinem Herzschlag. A. J. schlief. Er hatte sich eine Pause verdient, nachdem er sie noch mehrmals zum Höhepunkt gebracht hatte. Selbst im Schlaf hielt er sie fest. Sie atmete seinen wundervollen Duft ein und kostete seine Haut mit der Zungenspitze.

Liebend gern hätte sie die Nacht hier verbracht, zusammengekuschelt unter der Decke mit diesem Mann, doch sie wagte es nicht. Außerdem musste sie ihre Hunde rauslassen und konnte es kaum erwarten, mit der Kolumne anzufangen. Hinzu kam, dass sie die Schönheit des Augenblicks nicht durch Reden kaputtmachen wollte. Möglicherweise hatte A. J. ärgerliche Ansichten, und sie wollte den Zauber dieser Nacht um jeden Preis bewahren.

Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, entzog sie sich ihm und stand auf.

„Geh nicht“, murmelte er.

„Ich muss“, erwiderte sie, erfreut über das Verlangen in seinem Ton.

„Ich werde in zwei Wochen wieder hier sein“, sagte er.

Sie schnappte sich ihr Kleiderbündel und huschte ins Badezimmer, um sich anzuziehen. Als sie wieder herauskam, blieb sie einen Moment zögernd vor dem Bett stehen. Nein, sie musste gehen. Ihre Hunde und ihre Kolumne warteten.

Sie dachte an A. J.s Worte. Dass er in zwei Wochen wieder hier sein würde, war ein schöner Gedanke. Sie ging zum Schreibtisch und schrieb: „Ruf mich an, wenn Du wieder in der Stadt bist“ auf den Hotelblock. Sie hinterließ ihre Telefonnummer und unterschrieb schlicht mit „Beth“.

Leise ging sie den Hotelflur hinunter. Sie verließ das Zimmer eines Mannes mitten in der Nacht, genau wie E. M., die Sex-in-the-City-Kolumnistin, es tun würde.

Zu Hause ging sie kurz mit den Hunden nach draußen und setzte sich anschließend an den Computer. Obwohl es vier Uhr morgens war, war sie hellwach.

Ihre Haustiere spürten ihre Aufgeregtheit und suchten sich ihre Plätze im Arbeitszimmer. Ditzy rollte sich auf ihrem Schoß zusammen, und Beth begann zu tippen.

Außer neuen aufregenden Drinks beschloss Eure Sex-in-the-City-Reporterin, einen neuen aufregenden Mann zu probieren. Dazu wählte ich eine für ihre trendigen Drinks bekannte Bar. Mein erster Kandidat litt leider an Liebeskummer. Nach einigen aufmunternden Worten schickte ich ihn mit einer passenden Idee für ein Versöhnungsgeschenk zu seiner Freundin. Ich bin nun mal die stets hilfsbereite E. M.

Aber dann warf ich ein Auge auf Mr. Breite Schulter/Sexy Lächeln, den ich auf dem Rückweg von der Damentoilette entdeckte. Anmerkung: Bevor ihr Euch für einen Platz in der Bar entscheidet, Mädels, macht einen Abstecher zum Näschenpudern, damit Ihr einschätzen könnt, von wo aus Ihr die potenziellen Spielgefährten am besten beobachten könnt.

Ach, und noch eine Anmerkung für alle Modefreaks: Kätzchen-Haarspangen können ein echter Männermagnet sein.

Nach kurzer Konversation mit Mr. Breite Schultern, im Folgenden Mr. Perfect Timing genannt, begann es gewaltig zu knistern, und wir nahmen den Fahrstuhl zu seinem Zimmer.

Anmerkung für alle Nervösen: Hotelbars machen es einem sehr leicht. Man braucht bloß in den Lift zu steigen, und schon ist man auf dem Weg ins Bett …

Die Worte flossen nur so aus ihr heraus, und schon bald las Beth zufrieden die Rohfassung. Sie hatte den ersten Sex mit einem sinnlichen Mann in üppigen Details geschildert, ohne zu offen zu sein. Den Schluss bildete ihr Bericht über die nachdenkliche Heimfahrt und die Vertrautheit ihres leeren Betts in der Morgendämmerung.

Sie musste sofort wissen, was Will davon hielt, also schickte sie ihm den Text per E-Mail. Wenn sie um zehn in die Redaktion kam, würde er sie sicher in den höchsten Tönen loben.

Ihre nach Lavendel duftende Bettwäsche hieß sie willkommen, verhinderte jedoch leider, dass sie sich an A. J.s Duft erinnern konnte. Vielleicht würde er noch anrufen, um sich zu verabschieden, bevor er die Stadt verließ. Sie musste immer daran denken, wie er sie angesehen hatte, als wäre ihr Körper mit all seinen Makeln schön, als ginge es ihm einzig und allein darum, dass sie sich gut fühlte.

Er war ein ganz besonderer Mann. Oder nur der Erste in einer ganzen Reihe, nach denen sie von nun an Ausschau halten würde. Beth hatte sich gegen die neue Kolumne gesträubt, aber inzwischen war ihr klar, dass es ein Geschenk für sie war und, so hoffte sie zumindest, auch für ihre Leser.

4. KAPITEL

Heather, die Empfangssekretärin bei Phoenix Rising, flirtete mit Rafe, bevor sie Will informierte, dass er da war. Sie war hübsch und witzig, genau die Sorte Frau, mit der er gewöhnlich gern etwas anfing. Diesmal machte ihn die Aussicht jedoch nur müde. Möglicherweise lag das an der letzten Nacht mit Beth.

Schließlich gab er es auf, Heather dazu zu bringen, Wills Büro anzurufen, und machte sich selbst auf den Weg. Sie wollten den neuen Organisationsplan durchgehen, bevor er die Kolumnistin kennen lernen sollte – um ihr ihre Kolumne wegzunehmen. Das war seine letzte unangenehme Aufgabe, bevor er nach Hause fuhr.

Mit Will war alles rasch geklärt, sodass ihnen bis zur Ankunft der Kolumnistin noch Zeit blieb. Will setzte sich an seinen Computer, während Rafe in E. M. Samuels’ Akte schaute.

„Na, ich will verdammt sein“, sagte Will. „Das müssen Sie lesen.“ Er druckte ein Blatt aus und reichte es Rafe. „Es ist E. M.s neue Kolumne.“

Sie trug den Titel „Sex in der City: Aufregende neue Drinks und aufregende neue Männer“. Rafe las ein paar Zeilen des flott geschriebenen Textes, bis ihm einzelne Formulierungen förmlich ins Gesicht sprangen. Tutti Frutti Martooti … der Kugelschreiber unserer Kellnerin … mit dem Fahrstuhl hinauf in sein Zimmer.

Grundgütiger! Die nervöse Sexgöttin, mit der er letzte Nacht geschlafen hatte, war niemand anders als E. M. Samuels persönlich. Er sah auf die Akte – Elizabeth Mary Samuels stand darauf. Und Beth war die Kurzform von Elizabeth. Außerdem war die Telefonnummer in der Akte identisch mit der, die sie ihm auf dem Hotelblock hinterlassen hatte.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundigte sich Will.

„Klar. Ich überprüfe nur etwas.“ Er betrachtete wieder ihren Lebenslauf, in dem „technische Redakteurin“ als derzeitiger Beruf aufgeführt war. Also hatte Beth ihn nicht angelogen, als sie erzählt hatte, was sie beruflich machte. Die ganze Wahrheit hatte sie ihm allerdings auch nicht erzählt. Zerknirscht erinnerte er sich an ihre Worte: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen stelle? Ich bin ein bisschen aus der Übung.“ Du lieber Himmel! Die ganze Zeit über, die sie zusammen im Bett verbracht hatten, hatte sie in Gedanken an ihrer Kolumne gearbeitet.

„Was halten Sie davon?“, fragte Will. „Ich denke, das ist es, was Sie wollten.“

„Ja, sie hat Potenzial“, brachte Rafe hervor.

„Ich hatte keine Ahnung, dass sie so eine Draufgängerin ist“, meinte Will. „Normalerweise ist sie eher schüchtern und reserviert – die typische Katzenbesitzerin, nur dass sie auch noch einen Haufen Hunde hat.“

Während Will weiter über die Kolumne sprach, wurde Rafe die Tragweite dessen, was er getan hatte, bewusst. Er hatte mit einer Autorin von Phoenix Rising geschlafen. Eine, die er feuern, nein, versetzen würde. Er hatte unmöglich wissen können, wie sie aussah – zu ihrer Kolumne gehörte kein Foto –, und sie kannte ihn nicht.

Er hatte sich als A. J. vorgestellt, so wie seine Freunde ihn nannten, obwohl man ihn bei der Arbeit als Rafe kannte und er diesen Namen gewöhnlich benutzte. Darüber hinaus hatte er lediglich erklärt, er sei Experte für Unternehmensumwandlungen, weil er nicht gern über Man’s Man und Zeitschriftenübernahmen sprach. Ihre Nachnamen hatten sie nicht ausgetauscht.

Sein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Beth würde jeden Augenblick hier auftauchen. Aber sie hatten keinen Termin, weil Will sie nicht hatte beunruhigen wollen. Also wusste sie nicht, dass er hier war.

„Rafe, ist etwas?“

„Nein, alles in Ordnung. Ich habe nur über den Text nachgedacht.“ Er schaute auf das Blatt Papier, und die Worte verschwammen vor seinen Augen.

„Was halten Sie davon, ihr noch eine Chance zu geben, die Kolumne zu behalten?“, schlug Will vor.

„Eventuell. Lassen Sie mich schnell einen Anruf machen.“ Rafe klappte sein Handy auf und ging zur Tür, um ungestört nachdenken zu können.

Aus dem Flur konnte er die heisere Altstimme hören, die erst vor wenigen Stunden seinen Namen in Ekstase geschrien hatte. Beth stand am Empfang und unterhielt sich mit Heather. Er wollte ihr nicht begegnen, ehe er nicht wusste, was er sagen sollte, also floh er durch den Notausgang und lief die sechzehn Stockwerke nach unten.

Aus seinem Mietwagen rief er Will an und erklärte, er habe dringend fortgemusst. Er bat Will, ihm E. M.s Kolumne an Man’s Man zu mailen, wo er darüber nachdenken würde, ob E. M. sie auch in Zukunft schreiben sollte.

Erst im Flugzeug las er ihren Text noch einmal gründlich.

Es geht doch nichts über eine Nacht mit einem Mann, der sich mit dem Körper einer Frau auskennt. Anmerkung für die Männer: Sich Zeit zu lassen bringt intime Belohnungen ein und eure Bettpartnerinnen um den Verstand.

Er schaute auf, verlegen, von sich selbst zu lesen. Er kam sich vor wie ein Voyeur, der sich selbst zusah. Erschrocken setzte er die Lektüre fort.

Ein Mann, der ein kleines Bäuchlein liebkost, als sei er schön, der einen küsst, als würde er am liebsten die ganze Nacht nichts anderes tun – tja, das ist nun mal besser als der beste Wein für Eure City-Reporterin.

Objektiv betrachtet, hatte sie gute Arbeit geleistet und die Stimmung ihrer gemeinsamen Nacht genau wiedergegeben, auch wenn sie ihre Nervosität unterschlagen hatte. In ihrer Rolle als Reporterin war Beth war offenbar selbstbewusster als privat.

Die Tatsache, dass sie ihn hinsichtlich ihrer Motive getäuscht hatte, milderte seine Schuldgefühle darüber, ihr auch nicht alles verraten zu haben.

Andererseits, was hätte sie denn sagen sollen? Tja, also, A. J., nur damit du es weißt, ich werde über unsere Begegnung für eine Zeitschrift schreiben.

Er lächelte. In ihrer Kolumne aufzutauchen störte ihn nicht. Schließlich blieb er anonym, und sie schrieb nur Schmeichelhaftes über „Mr. Perfect Timing“, wie sie ihn größtenteils nannte. Außerdem musste er zugeben, dass der Text erfrischend frech war. Will hatte recht. Beth verdiente eine Chance.

Er würde die Kolumne bei Man’s Man herumzeigen, um sicherzugehen, dass es sein Urteilsvermögen nicht getrübt hatte, mit der Autorin geschlafen zu haben. Dann würde er per E-Mail seine Entscheidung bekannt geben, ohne seine wahre Identität zu verraten.

Allerdings konnte er nicht mehr mit ihr schlafen, so viel war sicher. Und diese Vorstellung machte ihn ziemlich traurig.

Zwei Tage später las Rafe noch einmal die E-Mail, die er gerade sorgfältig formuliert hatte.

Liebe Miss Samuels,

hier schreibt Rafe Jarvis von Man’s Man. Will zeigte mir Ihre neue Kolumne, die mit ihrer Frische sicher die Leser von Phoenix Rising begeistern wird. Wir möchten Ihnen anbieten, drei weitere Kolumnen zu schreiben. Wenn uns Ihre Arbeit gefällt und es ein positives Leserecho gibt, würden wir die Zusammenarbeit gern fortsetzen.

Ich möchte Ihnen auf diesem Wege schon mal zu Ihrer Bereitschaft gratulieren, die Änderungen des Stils der Zeitschrift anzunehmen. Ich bewundere Ihre Entschlossenheit und Flexibilität. Falls Sie noch Fragen haben, bin ich per E-Mail erreichbar.

Mit freundlichen Grüßen

Rafe Jarvis

Er konnte es sich nicht verkneifen, noch eine letzte Bemerkung hinzuzufügen.

P.S. Sie besitzen die Fähigkeit, gewöhnliche Dinge in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Danke, dass Sie die Leser von Phoenix Rising – und mich – an Ihrer Sichtweise teilhaben lassen.

Das schien sicher genug zu sein, obwohl es ihn reizte, ihr für das Privileg zu danken, sie inspiriert zu haben.

Als er eine Stunde später seine Mails überprüfte, sah er, dass eine Nachricht von Beth eingegangen war. Er las sie sofort.

Lieber Mr. Jarvis,

ich freue mich sehr, dass Ihnen die Kolumne gefallen hat. Und ja, ich glaube auch, eine Erfahrung ziemlich lebendig geschildert zu haben. Es war eine Herausforderung, aber glücklicherweise hatte ich Hilfe von Mr. Perfect Timing. Ich kann nur hoffen, dass es mir weiterhin gelingt, eine Kolumne zu schreiben, die meine bisherigen treuen Leser sowohl informiert als auch fasziniert. Danke, dass Sie mir die Gelegenheit dazu geben. Ich werde Sie nicht enttäuschen.

Mit besten Grüßen

E. M. Samuels

P.S. Ihre persönliche Meinung bedeutet mir sehr viel. Die männliche Sichtweise ist für meine Arbeit von unschätzbarem Wert.

Rafe lächelte und fragte sich, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie wüsste, dass sie Mr. Perfect Timing persönlich geschrieben hatte. Ehe er es sich anders überlegen konnte, schrieb er zurück.

E. M.,

es freut mich, Ihnen helfen zu können. Wenn ich Ihnen als Anschauungsmaterial dienen kann – die männliche Sichtweise aufzeigen, wie Sie es nennen –, werde ich das sehr gern tun. Denn wenn wir bei Man’s Man etwas kennen, dann die männliche Sichtweise.

Beth konnte kaum glauben, wie wohlwollend der „Vollstrecker“ von Man’s Man auf ihre Kolumne reagiert hatte. Er schien kein bisschen der kurz angebundene, gnadenlose Kerl zu sein, den die Kollegen ihr beschrieben hatten. Nur Heather hatte eine sanfte Seite erwähnt. Aber Heather hatte auch eine Schwäche für harte Burschen.

Am besten war jedoch, dass er ihr Zeit gegeben hatte, sich zu beweisen. Sie fühlte sich der Herausforderung gewachsen, ja, sie sehnte sich danach. Natürlich konnte es auch damit zu tun haben, dass A. J. in zwei Wochen wieder in der Stadt sein würde, um ihr Material für ihre nächste Kolumne zu liefern. Den Titel wusste sie schon:

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