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TIFFANY EXKLUSIV BAND 42

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Mehr als Lust und Leidenschaft

PROLOG

Die Rosen in ihrem Brautstrauß ließen traurig die Köpfe hängen, und Darcy Blair ging unruhig auf und ab. Irgendetwas Schreckliches musste George zugestoßen sein. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, zu einer Verabredung zu spät zu kommen, vor allem nicht zu seiner eigenen Hochzeit. Es war heiß in dem niedrigen, schmucklosen Vorraum der Kirche in Washington, D. C., aber Darcy fröstelte.

Sie seufzte, als sie daran dachte, wie gern George Templeton, ihr großer blonder Bräutigam, sie neckte und überraschte. Vermutlich hatte er etwas ganz Besonderes vor, kam vielleicht sogar mit einem Hubschrauber zur Trauung.

Doch eine halbe Stunde später konnte sie nur noch daran denken, dass George wahrscheinlich verletzt und blutend in einem Straßengraben lag. Selbst als sich ihre Freunde erfolglos mit sämtlichen Krankenhäusern in Verbindung gesetzt hatten, war sie davon überzeugt, irgendetwas Entsetzliches sei passiert.

Die hübsche Spitzenborte ihres Hochzeitskleides scheuerte Darcy am Schlüsselbein, und der schwere Satin drückte ihr auf die Schultern. Sie öffnete den obersten Knopf und legte das Bouquet auf einen kleinen Tisch. Der süße Duft der Rosen verstärkte noch ihren Kopfschmerz.

Sie sah sich in dem Raum um. Die pfirsichfarbenen Satinkleider ihrer sechs Brautjungfern wirkten zerknittert. Jeder hatte sie natürlich trösten wollen und für Georges Verspätung alle möglichen Erklärungen herangezogen. Vielleicht steckte er im Verkehr fest oder hatte einen schrecklichen Kater, vielleicht war er zur falschen Kirche gefahren, oder sein Smoking musste noch geändert werden.

Darcy war ihnen dankbar, dass sie nicht aussprachen, was sie selbst insgeheim fürchtete – George ließ sie ganz einfach sitzen. Vielleicht hatte er eingesehen, dass es ein Fehler gewesen war, einer Frau einen Heiratsantrag zu machen, die nicht in seine gesellschaftlichen Kreise gehörte. Er hatte zwar immer behauptet, ihn störe nicht, dass sie die Tochter einer Kellnerin sei, sondern dass er sie liebe, gerade weil sie zurückhaltend und scheu und anders als die Menschen war, mit denen er sich sonst umgab.

Hinten in der Ecke lehnte Georges Trauzeuge, Josh, an der Wand. Er war offensichtlich wütend. Ein Sonnenstrahl fiel auf sein glänzendes schwarzes Haar und beleuchtete kurz das kantige Gesicht.

Darcy wunderte sich über seinen zornigen Gesichtsausdruck. Sie hatte immer geglaubt, dass er etwas gegen diese Heirat hatte. Vielleicht wusste er sogar, wo George sich aufhielt.

Sie ging zu ihm hinüber. „Hast du eine Ahnung, wo George sein könnte, Josh?“

Josh starrte weiter schweigend vor sich hin, wandte sich dann um und ging hinaus. Darcy sah ihm ratlos nach. Vielleicht würde ja George jeden Moment hereinkommen und alles erklären. Sie blickte zu ihren Eltern hinüber.

Ihre Mutter Cora hatte das gleiche blonde Haar wie sie und sah sehr bedrückt aus. Das Gesicht ihres Vaters war rot angelaufen, und er ging nervös in dem Raum auf und ab. Sie sah ihm an, dass er Mühe hatte, die Fassung zu bewahren.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie herumfahren. Josh stand im Eingang, den Kopf gesenkt, und hielt ein Stück Papier in der Hand. Sie lief zu ihm hin. „Was ist los? Was ist mit George?“

Er reichte ihr das Papier. „Sag ihr, dass es vorbei ist“, las sie. Sie stöhnte auf und lehnte sich gegen die Wand. Ihr Vater nahm ihr das Papier aus der Hand und las laut vor, was da stand. Sein Gesicht war jetzt dunkelrot. „Ich knall’ den Kerl ab“, schrie er. Seiner Frau liefen die Tränen über die Wangen. Sie griff nach seinem Arm. „Ralph, bitte. Beruhige dich.“

„Beruhigen? Der Kerl hat uns beleidigt. Ich habe immer gewusst, dass er sich für etwas Besseres hält.“

Aber Cora hielt ihn weiterhin am Arm fest. „Darcy braucht dich jetzt. Unsere Tochter ist zu gut für ihn. Lass ihn. Wir werden es überleben.“

Darcy fühlte, wie ihr Vater sie in die Arme zog und fest an sich drückte. Ihre Mutter legte ihr den Arm um die Schultern, und Darcy wusste, dass ihre Eltern sie immer lieben würden, was auch passierte.

„Ich muss den Gästen sagen, dass sie nach Hause gehen können“, meinte ihr Vater schließlich und schob Darcy sanft von sich.

Aber Cora hielt ihn am Arm zurück. „Warum sollten wir das gute Essen verschwenden? Wir wollen alle zum Essen ins Hotel bitten.“

Ihr Vater nickte zögernd, und Darcy verbarg das Gesicht in den Händen. Ihre Eltern hatten es sich nicht nehmen lassen, ihrem einzigen Kind eine luxuriöse Hochzeit auszurichten, auch wenn sie dafür ihr Erspartes zu Hilfe nehmen mussten. Und Darcys Freundinnen waren seit dem frühen Morgen mit der Zubereitung des Festmahls beschäftigt gewesen, Roastbeef, kalter Puter und Shrimps, außerdem standen köstliche Nachspeisen auf silbernen Tabletts bereit.

Darcy versuchte, sich zusammenzunehmen, aber als Josh auf sie zukam, hatte sie Schwierigkeiten, die Fassung zu bewahren. Er nahm ihre Hand und drückte sie. Sie war sicher, dass er George entschuldigen wollte, aber er brachte schließlich nur wenige Worte heraus. „Darcy, es tut mir so leid.“

Er legte ihr den Arm um die Schultern, und Darcy bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten. Auf das Mitleid von Georges bestem Freund konnte sie gut verzichten. Als sie sich seiner Umarmung entziehen wollte, beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich rufe dich an.“

Anrufen? Warum? Um ihr zu sagen, wie dumm sie gewesen war? Und dass sie doch nicht ernsthaft hatte glauben können, ein Templeton würde sie heiraten?

Aber warum hatte er ihr einen Kuss gegeben? Er war doch nun wirklich alles andere als ihr Freund. George hatte ihn immer als Ladykiller bezeichnet. Vielleicht dachte Josh, sie wäre jetzt leicht zu haben, bereit für eine kleine Affäre. Sie drehte sich schnell um und ging aus dem Zimmer.

Als Darcy endlich allein war, verfiel sie ins Grübeln. Was war da passiert und warum? Was hatte sie gesagt oder getan? Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr: Sie hatte sich vollkommen idiotisch verhalten. Sie hatte sich in einen Mann verliebt, der behauptet hatte, sie auch zu lieben, es aber nicht tat. Er hatte ihre Liebe und ihr Vertrauen verraten und zwar in aller Öffentlichkeit. Er hatte sie behandelt wie den letzten Dreck, und das würde sie ihm nie verzeihen.

Sie würde sich nie wieder in einen reichen Mann verlieben. Für sie gab es ab sofort nur noch ihren Beruf.

1. KAPITEL

„Ich möchte mit derjenigen sprechen, die Träume wahr macht“, sagte eine Männerstimme vor ihrer Bürotür. „Ist Ms. Blair da?“

Durch die Milchglasscheibe gewahrte Darcy die Umrisse einer großen Männergestalt. Kannte sie ihn? Sie griff schnell nach ihrem Terminkalender. Vielleicht hatte ihre Sekretärin Amy ja etwas eingetragen. Nein, da war nichts notiert. Sie lächelte. Nur zu, ich kann Ihre Träume wahr machen, dachte sie.

Selbst wenn sie voll ausgebucht gewesen wäre, hätte sie versucht, den Fremden noch einzuschieben. Er könnte gerade derjenige sein, den Dreams Inc. brauchte, um ihre eigenen Träume wahr werden zu lassen.

Schnell ordnete sie die Papiere auf ihrem Schreibtisch. In den letzten zwei Jahren hatte Darcy sich nur um ihre Firma gekümmert, und das zahlte sich allmählich aus. War Dreams Inc. früher nur ein kleinerer Party-Service gewesen, so war sie jetzt für die Planung und Ausrichtung fantasievoller Hochzeiten berühmt. Und es würde nicht mehr lange dauern, und Darcys Eltern und Tante June konnten das Geschäft ihres Großvaters in Phoenix zurückkaufen.

Sie strich sich noch einmal kurz über das Haar, drückte dann die Taste der Sprechanlage und bat den Besucher, einzutreten. Die Tür ging auf, und Josh Cartwright stand lächelnd vor Darcy. Seine Augen leuchteten, als hätte er gerade das große Los gewonnen.

Darcy starrte ihn an, und der Terminkalender fiel ihr aus der Hand. „Hallo“, brachte sie schließlich heraus. Vor vierundzwanzig Monaten hatte er ihr diese grausame Notiz von George übergeben, und noch immer empfand sie die Demütigung und den Zorn, als sei es gestern gewesen.

„Darcy, du siehst wunderbar aus“, sagte er mit einer solchen Wärme in der Stimme, als sei er ihr verloren geglaubter Geliebter. „Ich freue mich, dich zu sehen.“

Darcy konnte kaum ihr Zittern verbergen. Sie erinnerte sich, wie Josh George etwas zugeflüstert hatte, als er sie das erste Mal bei einer Party sah. Josh wäre der Meinung, dass man nur innerhalb seiner gesellschaftlichen Schicht heiraten solle, hatte George ihr später erzählt. Offensichtlich war George letzten Endes dem Rat des Freundes gefolgt. Sie zog die Augenbrauen zusammen. Von Josh war ganz sicher nichts Gutes zu erwarten.

Er setzte sich und streckte die langen Beine aus. „Wie ist es dir inzwischen ergangen, Darcy?“

„Danke, sehr gut. Weshalb bist du hier?“

„Ich habe gestern diesen Artikel über deine Firma in der Zeitung gelesen und wusste endlich, wo du dich versteckst.“ Er lachte leise.

Sein Lachen machte sie wütend. Sie war zwar Georges Freunden aus dem Weg gegangen, aber sie hatte sich nicht versteckt. Durch ihre Arbeit kam sie viel herum. Und sie war sogar mit ein paar Männern ausgegangen. Allerdings nur zum Essen und zum Tanzen.

„Weshalb bist du hier?“, wiederholte sie.

„Ich möchte mit dir über die Hochzeit meiner Schwester reden. In dem Artikel stand, dass du da einiges zu bieten hast. Besonders die Hochzeit im Wikinger-Stil hörte sich interessant an – alle in schweren Rüstungen und auf einem Segelschiff. Bei der Bora-Bora-Sache bin ich allerdings nicht so ganz sicher. Die Familien der Brautleute mit Kriegsbemalung und die Gäste in Baströckchen … Ich bin ganz froh, dass ich da nicht eingeladen war.“

Insgeheim verfluchte sie den Artikel. „Nur die Gäste, die Lust dazu hatten, trugen Kriegsbemalung und Baströckchen.“ Ihr Blick fiel auf das Magazin „Bridal Ideas“, das auf ihrem Schreibtisch lag. „Träume werden wahr durch Darcy Blair“ stand auf der Titelseite. Und darunter in kleineren Buchstaben: „Sie kann Ihre Traumhochzeit Wirklichkeit werden lassen.“

Josh griff nach der Zeitschrift und las die Überschriften laut vor. Wieder stieg ihr vor Verlegenheit die Röte in die Wangen. Er sah sie kurz an und lächelte. „Ich wundere mich, dass du gerade diesen Beruf gewählt hast.“

Auf sein Mitleid konnte sie wirklich verzichten. Ebenso wenig gefiel ihr die Vorstellung, dass die Leute dachten, die arme, abgewiesene Darcy zöge es zwanghaft zum Altar und ihr Job sei sozusagen pure Ersatzbefriedigung. Genau das hatte letzte Woche eine frühere Freundin jemand anderem zugeflüstert und zwar während einer Hochzeit, die Darcy ausgerichtet hatte. Sie war wütend.

„Immer noch besser, als sein Geld als Scheidungsanwalt zu verdienen“, entgegnete sie kühl.

„Ja, leider häufen sich die Scheidungsfälle“, antwortete er. „In den letzten zwei Jahren hatten wir doppelt so viele Fälle wie früher. Aber nicht nur deshalb wird man Anwalt. Für mich ist es auch wichtig, Menschen helfen zu können.“

Sie sah keinen Grund, nun ihrerseits zu erklären, warum sie professionell Hochzeiten ausrichtete. Das hatte sich auch mehr zufällig ergeben. Sie war für eine Freundin eingesprungen und hatte sich um das Mieten von vierzig Heißluftballons gekümmert, in denen eine Hochzeitsgesellschaft über dem Potomac schweben wollte.

„Bei so vielen Scheidungen müsste ich längst desillusioniert sein“, fuhr Josh fort, „aber ich glaube noch immer an die Ehe. Deshalb möchte ich gern, dass du die Hochzeit meiner Schwester organisierst. Es soll eine große Sache werden, aber du wirst es schon schaffen. Ist denn so eine Hochzeitsplanung sehr arbeitsaufwendig?“

„Hat dich der Artikel nicht davon überzeugt?“

„Der Artikel hat mich davon überzeugt, dass ich dich unbedingt wiedersehen sollte.“ Er lächelte.

Sie hatte zwar gehofft, dass der Artikel mögliche Klienten auf Dreams Inc. aufmerksam machen würde, aber nie im Leben hatte sie dabei an Josh Cartwright gedacht.

„Aus dem Artikel geht nicht hervor, ob du verheiratet bist. Da du keinen Ring trägst, gehe ich davon aus, dass du noch zu haben bist.“

„Richtig“, sagte sie knapp. „Doch nun zu der Hochzeit deiner Schwester. Ich bin sicher, dass das nichts für uns ist.“ Auf keinen Fall wollte sie mit Josh Cartwright zu tun haben.

„Warum denn nicht?“

„Aus vielerlei Gründen. Alles hängt von dem Termin ab und den Aufträgen, die wir bereits übernommen haben. Wahrscheinlich haben wir nicht die Zeit oder die Leute.“

„Man kann immer kurzfristig Leute anstellen.“

„Das geht gegen unser Geschäftsprinzip. Wir bilden die Leute aus und setzen sie immer wieder ein. Wir haben im Augenblick vier Festangestellte.“ Sie hielt plötzlich inne und sah ihn an. „Warum ist deine Schwester eigentlich nicht selbst gekommen?“

„Sie konnte heute nicht freinehmen. Wir möchten gern in der nächsten Woche kommen und die Einzelheiten besprechen. Vielleicht können wir auch zusammen zum Dinner gehen.“

Darcy gefiel die Art und Weise nicht, in der er sie ansah. So als wollte er sie darüber hinwegtrösten, was sein bester Freund ihr angetan hatte. Opportunist, genauso wie damals! dachte sie. Sie griff nach ihrem Terminkalender, nahm eines der Formulare aus der Schublade und schob es ihm zu.

„Das musst du ausfüllen. Ich weiß noch nicht, wie die nächste Woche aussieht. Da unsere Arbeitsgespräche in den Bürostunden stattfinden, kommt ein gemeinsames Abendessen nicht infrage.“

„Ich werde deine Sekretärin wegen eines Termins anrufen“, sagte Josh. „Und ich nehme an, du hast dich inzwischen auch daran gewöhnt, zurückrufen?“

„Geschäftliche Anrufe werden von mir immer beantwortet.“ Warum musste er darauf anspielen, dass sie auf seine früheren Anrufe nicht reagiert hatte?

„Und du weißt immer ganz genau, warum jemand anruft?“

„Ja.“ Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als er ihr direkt in die Augen sah. Sie wich seinem Blick aus und fixierte stattdessen das kleine Aquarell vom Geschäft ihres Großvaters, das hinter ihm an der Wand hing.

Josh ging jetzt das Formular mit der nervtötenden Gewissenhaftigkeit eines Anwalts durch, und Darcy dachte darüber nach, welche Extravaganzen sich die Natur doch immer wieder erlaubte. Josh Cartwright sah wirklich gut aus – wie der geborene Herzensbrecher.

Sie war allerdings damit nicht zu beeindrucken. Sie sah zu, wie er das Formular ausfüllte, und atmete tief durch.

Josh schrieb einen Scheck aus und schob ihn ihr zusammen mit dem Formblatt zu. „Es tut mir leid, aber ich musste einiges offenlassen. Ginger wird das Fehlende nächste Woche einfügen.“

Darcy blickte auf das Blatt Papier. „Aber du hast ja kaum etwas ausgefüllt.“ Sie blickte auf den Scheck und musste schlucken. Sie wusste, dass Joshs Familie vermögend war. Die ganze Stadt kannte Cartwright Industries, ein führendes Unternehmen der High-Tech-Medizin.

„Josh“, sie schob ihm den Scheck wieder zu. „Ein Scheck dieser Höhe ist absolut unnötig. Wir verlangen lediglich eine Vorauszahlung von 100 Dollar und rechnen dann später ab. Da das Formular auch noch nicht vollständig ausgefüllt ist, sollten wir lieber bis zur nächsten Woche warten, wenn deine Schwester kommt. Du kannst mir auch dann den Scheck in der erforderlichen Höhe geben, falls es zu einem Vertrag kommt.“

„Ich möchte die Sache aber auf meine Art regeln.“ Er stellte nachdrücklich Darcys Briefbeschwerer auf den Scheck.

„Bist du dir darüber im Klaren, dass wir nur ungewöhnliche Hochzeiten ausrichten?“ Sie sah ihn fragend an, denn er hatte die Rubrik „Hochzeitsthema“ nicht ausgefüllt.

„Allerdings.“ Er lächelte. „Ich überlasse es lieber meine Schwester, dir das zu erklären. Sie hat eine ganz verrückte Idee für ihren großen Tag.“

Als er aufstand, fiel ihr zum ersten Mal auf, wie klein ihr Büro war. Auch sie erhob sich und musste feststellen, dass sie ihm kaum bis zur Schulter reichte.

„Ich habe mich sehr gefreut, dich wiederzusehen, Darcy. Bis zum nächsten Mal.“ Sie hatte den Eindruck, dass das nicht nur die übliche Höflichkeitsfloskel war, und als er sich vorbeugte und sie kurz auf die Wange küsste, stand sie wie erstarrt da. Sein Lächeln war herzlich und sexy zugleich, und ihr Herzschlag beschleunigte sich wieder.

Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, sank sie auf den Stuhl. Sie schüttelte kurz den Kopf, zog die Tastatur näher zu sich heran und gab eine Notiz in den Computer ein, die besagte, dass Dreams Inc. die Hochzeitsplanung für seine Schwester leider aus Zeitmangel nicht übernehmen konnte. Den Scheck würde sie dem Brief beilegen. Sie wollte ihn möglichst bald loswerden, auch wenn die Firma das Geld noch so sehr brauchte.

Schon als er seinen roten Jeep aus der Parklücke heraussteuerte, spürte Josh, wie sehr er Darcy begehrte. Es war verdammt schwierig gewesen, ihr ruhig gegenüberzusitzen und ihr in die dunkelblauen Augen zu sehen. Das honigfarbene Haar trug sie lockerer, als er es in Erinnerung hatte, und die blitzenden kleinen Ohrringe unterstrichen noch ihren klaren, hellen Teint.

Er begehrte sie – genauso wie damals, als er ihr zum ersten Mal begegnet war, vor Jahren auf einer Party mit George. „Diese Frau ist anders“, hatte er George zugeflüstert, „warm und natürlich.“

„Finger weg“, hatte George zurückgezischt. „Ich habe sie zuerst entdeckt.“ Und natürlich hatte er sich daraufhin zurückgezogen, anständig wie er war. Ein kolossaler Fehler.

Ein lautes Hupen riss ihn aus seinen Gedanken. Er war kurz davor gewesen, wieder in das Büro zu stürzen und Darcy zu erzählen, was er damals am liebsten getan hätte, als George sie sitzen ließ. Er hatte sie fragen wollen, und zwar aus einem tiefen, drängenden Wunsch heraus, ob sie nicht ihn heiraten wollte, jetzt und sofort. Und als er sie heute wiedersah, da hatte ihn genau dieses Gefühl wieder mit Macht überfallen.

Er parkte den Jeep ein paar Straßen weiter und ging zu Fuß zum „Sans Souci“, wobei er sich dabei ertappte, dass er wildfremden Menschen zulächelte.

Ginger erwartete ihn bereits in dem Restaurant und nickte ihm herzlich zu. „Wie war’s? Findest du Darcy noch immer so unwiderstehlich? Ich habe beinahe den Eindruck, denn du strahlst ja richtig.“

„Warte, bis du sie kennenlernst. Ich danke dir, dass du mich das hast machen lassen. Sie ist wirklich eine sehr ungewöhnliche Frau, ganz anders als alle anderen.“

Der Ober kam und nahm ihre Bestellung auf.

„Darcy schien nicht gerade begeistert zu sein, mich zu sehen“, gestand Josh. „Aber ich bin sicher, dass das nur mit George zusammenhängt.“

„Das glaube ich auch. Du solltest doch schließlich sein Trauzeuge sein.“

„Das hat mich damals auch überrascht. Wir waren doch gar nicht so gute Freunde. Ich war gern bei ihm zu Hause, das stimmt. Seine Familie hatte diese festen Traditionen, und seine Mutter mochte ich sehr. Sie war natürlich und immer freundlich. Wie Darcy.“

„Ich bin erstaunt, wie genau du sie zu kennen glaubst.“

„Als ich sie das erste Mal traf, fiel sie mir gleich auf, und zwar nicht nur, weil sie hübsch ist. Sie tat etwas sehr Nettes. Einer der Gäste saß allein, eine nicht besonders gut aussehende Frau mit einer schlechten Haut, und jeder schien sie zu meiden. Aber Darcy setzte sich neben sie und unterhielt sich mit ihr, und sehr bald hörte man die beiden lachen.“

„Das ist sehr sympathisch. Ich glaube, eine Frau muss ein gutes Selbstgefühl haben, um so etwas zu tun.“

„Genau. Manche Frauen wollen sich nur immer in den Vordergrund spielen, wenn junge Männer dabei sind. Und sie war auch freundlich zu einem alten Herrn und half ihm beim Aufstehen.“

Ginger lächelte. „Dann ist sie dir ja sehr ähnlich. Du schickst doch auch jeden Monat Blumen an eine alte Frau, nur um ihr eine Freude zu machen. Offensichtlich habt Ihr vieles gemeinsam, Darcy und du. Du weißt, dass ich mir so meine Gedanken mache, jetzt, wo ich heirate. Du bist immerhin schon dreißig.“

Josh nickte. „Ich weiß. Die meisten in meinem Alter haben bereits zwei Kinder und eine Hypothek. Und du hast recht, was Darcy betrifft. Ich wollte mich gleich mit ihr verabreden, als ich sie das erste Mal sah, aber George behauptete, ältere Rechte zu haben.“

„Du bist einfach zu anständig, Josh.“

Beide aßen schweigend. Dann sah Ginger ihren Bruder aufmerksam an.

„Wann ist der Termin mit Darcy, um über meine Hochzeit zu sprechen?“

„Irgendwann in der nächsten Woche. Ich sage dir noch Bescheid.“

„Es wäre toll, wenn es auch bei dir klappen würde, Josh. Wir könnten dann eine Doppelhochzeit feiern.“

Josh sah nachdenklich auf seinen Teller. „Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen, Ginger. Aber ich weiß nicht, ob ich ein guter Ehemann und Vater wäre.“

„Doch, ganz bestimmt.“

„Bist du wirklich der Meinung? Ich habe keine guten Vorbilder.“ Seit Kurzem fühlte er immer stärker den Wunsch, eine eigene Familie zu haben. „Ich würde meinen Kindern alles zeigen, von den Niagara-Fällen bis zum Grand Canyon, würde mit ihnen zum Camping gehen und angeln, all das, was wir nie gemacht haben.“

Ginger steckte sich den letzten Bissen in den Mund. „Ich möchte eine große Familie haben.“

Josh wich ihrem Blick aus. „Du bist noch jung“, sagte er zärtlich. Er wollte die gute Stimmung nicht dadurch stören, dass er wieder auf Billy zu sprechen kam. Sie liebte den Mann, und vielleicht würde sich Joshs Verdacht, Billy Melrose sei nur hinter ihrem Geld her, ja als grundlos erweisen. Er hoffte es sehr für seine Schwester, denn eine Eheschließung war schließlich ein ernster Schritt.

Vor dem Restaurant küsste Ginger ihren Bruder auf die Wange. „Danke für das Lunch. Und ruf mich nächste Woche an. Ich bin schon so gespannt auf Darcy. Wenn du sie liebst, muss sie schon etwas Besonderes sein.“

Josh fuhr zu seinem Büro, hatte eine Reihe von anstrengenden Sitzungen und fuhr erschöpft nach Hause.

Er hörte den Anrufbeantworter ab. Die Rothaarige, mit der er im letzten Herbst in der Oper war, sprach rau und atemlos. „Josh, hier ist Lola. Ich gebe am Samstag eine Party. Hoffentlich kannst du kommen.“ Nein. Er hatte keine Lust mehr zu diesen großen Partys.

Der Privatdetektiv, den er auf Billy Melrose angesetzt hatte, war als nächster dran. „Ich habe bisher nichts herausfinden können. Entweder ist er absolut sauber oder sehr raffiniert.“

Josh löschte das Band. Er wünschte, er müsste Billy nicht hinter Gingers Rücken beschatten lassen, aber der Mann war schwer zu durchschauen. Er fuhr einen teuren Mercedes und lebte in einem großen Haus in MacLean, obgleich er nur einen schlecht bezahlten Job bei der Behörde hatte. Ginger war erst zwanzig und hatte sich immer in allem auf Josh verlassen. Und er würde sie auch nicht im Stich lassen, nicht wie ihr eigener Vater. Der war von heute auf morgen verschwunden, hatte die Annahme ihrer Briefe verweigert und sogar den Hörer aufgelegt, wenn er oder Ginger ihn anriefen.

Er sah seine Post durch, zog sich Jeans an und hatte gerade den Fernseher angestellt, als das Telefon klingelte. Er schaltete den Apparat wieder ab und nahm den Hörer ab.

Sam Goldman war am Apparat, ein guter Freund und überzeugter Junggeselle, der kein Kind von Traurigkeit war.

„Josh, erinnerst du dich noch an die beiden Blondinen aus Indiana, die so scharf darauf waren, jemanden kennenzulernen? Wie wär’s, wenn wir uns mit ihnen treffen?“

Josh zögerte. Er hatte eigentlich diese ganze Machotour satt, das Biertrinken und zu laute Lachen, das übliche Frage- und Antwortspiel: ‚Wo kommst du her? Wo arbeitest du?‘ Meist waren diese Frauen alles andere als zurückhaltend. Sie forderten, bevor man überhaupt etwas angeboten hatte. Erst letzten Monat hatte eine aggressive Frau seine Männlichkeit in Zweifel gezogen, nur weil er höflich abgelehnt hatte, mit ihr ins Bett zu gehen.

„Tut mir leid, Sam, ich habe schon was vor.“

„Aber es geht dir gut, Buddy? Du lässt doch sonst keine Gelegenheit aus.“

„Ich bin nicht der Partylöwe, für den mich jeder hält.“

Sam lachte. „Du hast wohl schon eine Verabredung mit einer tollen Frau? Okay, alter Kumpel, nichts für ungut.“

Josh legte den Hörer auf und holte sich ein Bier. Tolle Frau? Sam war genauso wie alle anderen. Sie hielten ihn alle für einen Frauenhelden, und daran war er selber schuld, weil er sich oft mit wechselnden Frauen traf.

Im Grunde aber war er nur einsam. Die ewigen Partys und Verabredungen hatten ihn nicht glücklich gemacht. Er sehnte sich nach einer Frau, der er sein Herz schenken konnte und die sein Bett und sein Leben mit ihm teilen wollte. Und Darcy war genau diese Frau. Sie war schön und sexy und offenbar so warmherzig, dass sie eine ideale Mutter sein würde. Sie hatte noch solide Wertvorstellungen, weil sie in einer liebevollen Familie aufgewachsen war.

Er wünschte sich so sehr, Leben und Kinderlachen in das alte Haus in Virginia zu bringen. Er wollte die alten Traditionen wiederbeleben, wollte sich mit seiner Familie um den großen Esstisch versammeln, wollte heiße Suppe kochen, wenn es kalt war, und im Frühling einen Garten anlegen. Mit Mohrrüben, Tomaten und Kartoffeln.

Er wollte Darcy. Seit er sie wiedergesehen hatte, war er sich dessen ganz sicher, trotz des kühlen Empfangs. Er musste sie besser kennenlernen, musste sich davon überzeugen, dass sein Gefühl ihn nicht trog. Doch sie war vielleicht noch immer in George verliebt, und das gefiel ihm gar nicht. Es war Zeit, dass sie bewusst die Gegenwart wahrnahm und damit ihn. Nein, bis nächste Woche wollte er nicht warten. Morgen würde er sie anrufen und versuchen, das Treffen vorzuziehen.

2. KAPITEL

Darcy klebte den Brief an Josh Cartwright zu: „Dreams Inc. kann leider im Augenblick keine neuen Aufträge annehmen, da feste Vorbuchungen für die nächsten zwei Jahre vorliegen.“

Sie fühlte so etwas wie Schuld. Den Cartwright-Auftrag abzulehnen war wirklich die zweitdümmste Sache, die sie in ihrem Leben vollbracht hatte. Aber sie wusste genau, dass sie mit Josh nichts zu tun haben wollte. Die Probleme würden noch größer sein als damals. Jetzt war es wieder da, dieses Gefühl einer unwiderstehlichen Anziehung, und das, obwohl sie geglaubt hatte, für solche Regungen nicht mehr anfällig zu sein. Letzte Nacht hatte sie ständig an Josh denken müssen, und dabei mochte sie den Mann nicht einmal. Ihr war ausgesprochen unwohl bei dem Gedanken, Tante June erklären zu müssen, warum sie den Auftrag nicht angenommen hatte.

Als sie in die geräumige Küche von Dreams Inc. trat, wurde sie von fröhlichem Gelächter und dem köstlichen Duft nach in Butter gedünsteten Zwiebeln empfangen. Chefköchin Rosa war dabei, eine Pilzfüllung für das National-Women-City-Planners-Lunch vorzubereiten. Sie arbeitete mit zwei Hilfskräften zusammen, und alle drei begrüßten Darcy mit einem fröhlichen „Guten Morgen“.

„Guten Morgen, ihr Drei“, erwiderte Darcy, „wie kann ich euch helfen?“

„Musst du dich nicht an die Planung einer Hochzeit machen?“ Tante June lächelte und winkte ihr zu. „Ich habe gestern Josh Cartwright getroffen, als er das Haus verließ. Er sagte, dass du die Hochzeit seiner Schwester ausrichten wirst. Dann solltest du doch lieber …“

„Das ist vielleicht ein toll aussehender Mann!“, warf Rosa ein. „Ich kam zufällig an deinem Büro vorbei, als er sein Interesse an dir ziemlich deutlich machte.“

Darcy wurde rot. Es war unverschämt von ihm gewesen, sie einfach zu küssen. „Er ist ein alter Freund von mir“, sagte sie kurz. „Wie ist es, soll ich ein paar Radieschen zur Dekoration schneiden?“

„Du willst wohl das Thema wechseln?“ Rosa musste lachen. „Okay. Wenn ich jung und hübsch wäre, würde ich selbst hinter dem jungen Mann her sein.“ Sie wies auf ein große Schüssel Radieschen und Rettichen. „Ja, wir nehmen deine Hilfe gern an.“ Sie reichte Darcy ein kleines Schälmesser.

Während sie die Radieschen und Rettiche in feine Rosetten verwandelte, hörte Darcy zu, wie die anderen sich über Kino und Einkaufen unterhielten. Alle verstanden sich so gut. Ihr Schuldgefühl wuchs, als sie sich vor Augen hielt, dass sie den einträglichsten Auftrag abgelehnt hatte, der ihnen je angeboten worden war. Was hatte Josh gesagt? „Es kommt nicht auf die Kosten an.“ Sie stellte die Schüssel mit den fertigen Rosetten in den Kühlschrank und drehte sich zu ihrer Tante um. „Ich muss mit dir sprechen, Tante June.“

June goss sich eine Tasse Kaffee ein und folgte Darcy ins Büro. „Was ich dir noch erzählen wollte: als ich heute Morgen ungefähr um acht in die Firma kam, rief Josh Cartwright an. Er möchte heute mit seiner Schwester vorbeikommen. Ich bin schon ganz aufgeregt.“

Gestern, kurz nachdem Josh gegangen war, war Tante June ins Büro gekommen, um wie immer mit ihr zu besprechen, was anlag. Darcy hatte ihr Joshs Scheck gegeben, weil sie nicht wollte, dass er in dem unübersichtlichen Büro verloren ging. Das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn nun war es noch schwerer, Farbe zu bekennen.

„Ich kann es nicht tun. Ich kann nicht mit Josh zusammenarbeiten. Ich möchte ihn aus meinem Leben heraushalten und habe deshalb diesen Brief geschrieben. Bitte, gib mir den Scheck, damit ich ihn zurückschicken kann.“

June war ganz blass geworden. Sie spielte nervös mit ihrer Perlenkette. „Warum kannst du nicht mit Josh zusammenarbeiten?“

„Du weißt doch, was damals passiert ist. Du warst ja dabei. Er überbrachte mir die Nachricht von seinem Freund George, der dann …“ Sie konnte den Namen Rhonda nicht aussprechen, Rhonda, die Frau, wegen der George sie sitzen gelassen und die er dann sehr bald geheiratet hatte. „Tante June, auch wenn ich mit meinem Servicebetrieb habe, die Vergangenheit holt mich immer wieder ein.“

„Einen Augenblick, Darcy. Ich verstehe, dass du auf George wütend bist, das geht mir nicht anders. Aber Josh hat doch nichts getan, was dich verletzen könnte.“

„Er hätte mich warnen sollen. Josh weiß sehr wohl, welche Rolle sozialer Status und Geld spielen. Er wusste, was passieren würde. Nein, er hat wirklich nicht wie ein Gentleman gehandelt.“

Tante June betrachtete eindringlich ihre Nägel. „Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, aber bestrafst du hier nicht den Falschen?“

Darcy biss die Zähne zusammen. Sie hasste jegliche Auseinandersetzungen mit ihrer Tante und war bisher nicht fähig gewesen, überhaupt über den schrecklichen Tag damals zu sprechen. Sie hatte die Ehre ihrer Familie in Misskredit gebracht und hatte hart daran arbeiten müssen, um ihr Selbstwertgefühl wiederzufinden. Aber gestern war deutlich geworden, wie tief die Verletzung noch immer ging. Wie oft hatte sie sich vorgenommen, Josh bestimmte Fragen zu stellen, sollte sie ihn jemals wiedersehen. Und dennoch war ihr gestern keine einzige Frage über die Lippen gekommen.

„Tante June, bitte versteh mich richtig. Ich habe ein sehr schlechtes Gewissen, denn in drei Monaten steht Großvaters Geschäft in Phoenix wieder zum Verkauf.“

Tante June setzte die Kaffeetasse ab, stand auf und ging zum Fenster. „Ich wünschte, ich würde endlich das Geld bekommen.“

Darcy krampfte sich das Herz zusammen. Tante Junes Ex-Mann hatte noch immer nicht den Unterhalt nach der Scheidung überwiesen, den June so nötig brauchte, um das Geschäft ihres Vaters zurückzukaufen.

„Ich war ja da und habe die anderen Interessenten kennengelernt. Wir haben zwar eine Option, aber du hast die Briefe ihrer Anwälte gelesen. Der jetzige Besitzer ist alt und hat lediglich ein finanzielles Interesse an der Sache. Ihm ist es egal, ob die neuen Eigentümer alles abreißen.“

„Das dürfen wir nicht zulassen. Du und Dad, ihr habt eurem Vater versprochen, das Geschäft zurückzukaufen. Das ist Ehrensache. Außerdem sind so viele Erinnerungen damit verknüpft. Solange ich denken kann, habt ihr immer davon gesprochen, wie viel Spaß ihr als Kinder in diesem Geschäft hattet. Bis zur Weltwirtschaftskrise.“

Tante June wurden die Augen feucht. „Dad hat den Verlust nie verwunden. Er war immer sicher, Mutter hätte nie psychische Probleme entwickelt und sich das Leben genommen, wenn er das Geschäft behalten hätte.“

Darcy spielte nachdenklich mit einem Bleistift. Sie fühlte sich innerlich wie zerrissen, zwang sich aber, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Tante June, es wird sich etwas anderes ergeben. Ich weiß, es klingt kindisch, und das sollte ich mit achtundzwanzig nicht mehr sein. Aber ich kann nicht mit Josh arbeiten.“

„Du musst das als rein geschäftliche Angelegenheit betrachten. Wir lehnen Aufträge ja auch nicht wegen der Hautfarbe oder der Berufe unserer Kunden ab. Warum dann, nur weil uns der Auftraggeber an etwas erinnert, was wir lieber vergessen wollen?“

Darcy rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. Tante June konnte sehr hartnäckig sein.

„Gib deinem Herzen einen Stoß, Darcy. Wir brauchen diese große Hochzeit und können uns nicht leisten, wählerisch zu sein. Fang einfach an mit der Planung, dann wird es schon gehen.“

Darcy schwieg. Sie dachte daran, dass ihr Vater sein Leben lang als Lagerverwalter hatte arbeiten müssen und noch immer davon träumte, sein Versprechen dem Vater gegenüber zu erfüllen. Schließlich sagte sie: „Gut, ich bin Geschäftsfrau, und meine Familie kommt an erster Stelle. Wir könnten Amy in diesem Fall einsetzen, oder vielleicht kannst auch du mit Josh arbeiten.“ Darcy gefiel diese Idee immer besser. „Es gibt keinen Grund, warum nicht jemand anderes diese Aufgabe übernehmen kann. Ich muss sowieso lernen zu delegieren. Warum sollte ich nicht gleich damit anfangen? Natürlich stehe ich euch immer mit Rat und Tat zur Verfügung.“

Amy meldete sich über die Sprechanlage. „Mr. Cartwright auf zwei.“ Darcy runzelte die Stirn und nahm den Hörer ab.

„Darcy, ich habe mich so gefreut, dich gestern wiederzusehen. Ich rufe nur an, um zu fragen, ob Ginger und ich heute kommen können.“

„Wartest du mal eine Sekunde? Meine Tante und Geschäftspartnerin June Blair ist hier, und ich möchte mich kurz mit ihr besprechen.“ Sie legte die Hand über die Sprechmuschel und sah ihre Tante verzweifelt an. „Würdest du ihm bitte sagen, wann du Zeit hast?“

June lächelte und nahm den Hörer. „Josh, Amy und ich stehen Ihnen gern zur Verfügung. Wann möchten Sie kommen?“

Während sie zuhörte, wurde ihr Gesichtsausdruck immer ernster. Schließlich sagte sie: „Wir verstehen es als unsere Aufgabe, unsere Kunden zufriedenzustellen. Und wenn Sie nur mit Darcy zusammenarbeiten wollen, werden wir versuchen, es möglich zu machen. Aber heute hat sie keine Zeit.“

Trotz Darcys abwehrenden Gesten griff June nach Darcys Terminkalender. „Sie wäre morgen Nachmittag frei. Gut, einverstanden.“

June legte den Hörer auf. „Dank dir, Liebes, du wirst es nicht bereuen, das Richtige für die Familie getan zu haben. Es wird nicht so schwierig sein, mit Josh zusammenzuarbeiten. Er ist sehr charmant.“

Nachdem Tante June das Büro verlassen hatte, holte Darcy sofort einen Schokoriegel aus der Schublade und aß ihn bis auf den letzten Krümel auf. Das Leben war so ungerecht. Nie würde sie mit diesem egoistischen und arroganten Josh Cartwright zusammenarbeiten können. Natürlich würde sie es versuchen, wegen der Familie, aber es konnte nicht lange gut gehen.

Darcy begrüßte Josh kurz, sah ihn dabei aber nur flüchtig an. Er trug einen eleganten schwarzen Anzug und lächelte triumphierend. Es ärgerte sie, dass er darauf bestanden hatte, direkt mit ihr zu arbeiten. Jetzt konnte sie nur noch hoffen, dass er sich bald aus der ganzen Angelegenheit zurückziehen würde. Normalerweise kamen Männer nur ein oder zweimal mit und überließen dann die weitere Ausführung der Pläne den Müttern oder Großmüttern.

Josh setzte sich ihr gegenüber und lächelte sie an. „Haben wir nicht wunderbares Wetter? Ein herrlicher Frühling.“

„Es ist ausgesprochen stürmisch“, sagte Darcy knapp. „Der Regen hat sämtliche Blüten zerstört.“

„Das war doch vor zwei Wochen.“

Das wusste sie. Doch bevor sie kontern konnte, wurde die Bürotür heftig aufgestoßen, und eine lebhafte, kleine Blondine in einem eleganten roten Hosenanzug stürzte herein.

„Ich bin Ginger. Ihre Assistentin meinte, ich solle einfach hineingehen.“ Sie streckte die Hand mit den perfekt manikürten, roten Fingernägeln aus.

Darcy schüttelte ihr die Hand und ging dann um den Schreibtisch herum, um einen Stuhl für Ginger heranzuziehen. Josh sah sie unentwegt an, und sie wünschte, sie wäre die drei überflüssigen Kilos los und hätte es noch zum Friseur geschafft. Sie trug ihr dunkelblaues Kostüm, in dem sie sehr geschäftsmäßig, aber nicht unbedingt attraktiv aussah. Ihr stieg unter seinen Blicken die Röte in die Wangen. Am liebsten hätte sie ihren ganzen Berufsstolz wie eine alte Sonnenbrille weggeworfen und einfach den Raum verlassen. Aber sie nahm sich zusammen und bedeutete Ginger, sich zu setzen. Das arme Mädchen konnte ja schließlich nichts für die Arroganz ihres Bruders.

Darcy setzte sich wieder hinter den Schreibtisch. Sie nahm ein Blatt Papier und ertappte sich dabei, dass sie den Stift verkehrt herum ansetzte. Hastig drehte sie den Kugelschreiber herum und schrieb „Cartwright-Hochzeit“ auf die leere Seite.

Ginger beugte sie vor und lächelte dann zufrieden. „Ich freue mich, dass Sie ‚Cartwright‘ geschrieben haben.“

„Werden Sie Ihren Namen behalten?“, fragte Darcy. Das zu wissen war wichtig für die Wunschliste des Hochzeitstisches, für die Servietten und den ganzen Papierkram, der mit so einer Hochzeit verbunden war.

„Meine Mutter hat ihren Namen so oft gewechselt, dass Josh es für sinnvoll hält, wenn ich bei meinem ersten Namen bleibe.“

„Wird Ihre Mutter bei den Hochzeitsvorbereitungen mit uns zusammenarbeiten?“

„Unsere Mutter ist vor drei Jahren gestorben“, sagte Josh.

„Das tut mir leid.“ Jetzt verstand Darcy, warum Josh sich selbst um die Ausrichtung der Hochzeit kümmerte. „Ginger, haben Sie denn sonst jemanden, eine Tante oder eine Großmutter, die bei den Vorbereitungen dabei sein möchte?“

„Warum kann das nicht der Bruder sein?“, fragte Josh erstaunt. „Oder sind Sie der Meinung, dass nur Frauen dafür in Frage kommen?“

„Frauen können das im Allgemeinen besser.“ Darcy starrte auf das Blatt Papier, um seinem prüfenden Blick auszuweichen. Er wünschte sich sicher, dass sie sein Engagement besonders würdigte, dass sie sich freute, ihn zu sehen. Aber sie konnte die Vergangenheit nicht so schnell abschütteln.

„Du musst dich leider mit Gingers Bruder abfinden.“ Er lächelte.

Er sieht ausgesprochen sexy aus, wenn er so frech grinst, dachte sie. Warum ging ihr das gerade durch den Kopf? Offensichtlich hatte er Vergnügen daran, dass sie sich bei dem Gedanken, mit ihm zu arbeiten, sichtlich unbehaglich fühlte. Daran musste sie unbedingt etwas ändern. Sie lächelte ihn liebenswürdig an und wandte sich an seine Schwester.

„Wann soll die Hochzeit sein, Ginger?“

„In sechs Monaten und drei Tagen, am sechsten Oktober.“ Sie strahlte. „Und ich wünsche mir keine typische amerikanische Hochzeit. Meine Mutter ist halb Griechin, halb Italienerin und verbrachte ihre Kindheit in Istanbul. Und unsere Herkunft soll auch Thema meiner Hochzeit sein.“

„Eine wunderbare Idee.“ Darcy war ehrlich begeistert. Sie hatte geglaubt, dass die Cartwrights sich für die luxuriöse Standardform entscheiden würden. Etwa eine viktorianische Teeparty. Oder eine Schiffsfahrt auf dem Potomac. Oder einen Ball der Schönen Künste im Corcoran Museum. Sie lächelte. „Das können wir farbenprächtig und exotisch gestalten.“

Darcy blickte zu Josh hinüber. Er starrte düster vor sich hin, so, als könne er an der Hochzeit seiner Schwester kein Vergnügen finden. Das schien Ginger jedoch nicht zu merken.

Aber selbst wenn er finster ist, sieht er süß aus, schoss es Darcy durch den Kopf. Schnell richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ginger. „Wie ist denn Ihr Verlobter? Wo haben Sie sich kennengelernt?“

„Er heißt Billy Melrose und ist groß und blond. Wir sind uns das erste Mal im Bus begegnet. Es war eine Fahrt von nur zehn Minuten, und so mussten wir uns sehr schnell verlieben.“ Sie lachte. Ganz offensichtlich hatte sie diese Geschichte schon oft erzählt und wusste, dass sie damit Erfolg hatte. Auch Darcy musste unwillkürlich lachen. Josh blickte nur gelangweilt zur Decke.

„Meine Schwester übertreibt gern“, sagte er. „Sie kennt Bill jetzt seit sechs Monaten, und in der letzten Woche, an ihrem zwanzigsten Geburtstag, haben sie sich verlobt.“

„Ich bin sicher, Sie würden ihn nicht heiraten, wenn Sie ihn nicht gut kennen würden.“ Wieder musste Darcy an ihren eigenen Hochzeitstag denken.

„Ginger kennt Bill wohl so gut, wie man ihn kennen kann.“ Josh runzelte die Stirn. „Billy ist seine Privatsphäre sehr wichtig.“

Darcy sah ihn überrascht an. Das hörte sich ja so an, als sei dieser Bill ein ausgesprochen mysteriöser Mann, so eine Mischung aus Howard Hughes und Heiratsschwindler.

Josh hob beschwichtigend die Hand. „Du musst unsere spezielle Situation kennen. Wir sind nicht das, was man eine normale Familie nennt. Ginger und ich hatten jede Menge Stiefmütter und Stiefväter. Und verrückterweise lebt nur noch eine, die dritte Frau meines Vaters, die wir gar nicht kennen. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Australien, in Melbourne. Augenblicklich besteht unsere Familie also nur noch aus Ginger und mir, und deshalb bin ich manchmal etwas zu besorgt, was dieses Mädchen betrifft, ich meine, diese junge Frau.“ Er legte seiner Schwester liebevoll die Hand auf den Arm.

„Du kümmerst dich um alles, das stimmt.“ Ginger strich dem Bruder zärtlich über die Hand. „Josh ist wie eine Glucke. Aber er will uns die tollste Hochzeit ausrichten, die man nur haben kann.“

Ginger musste man einfach gern haben. Sie wirkte offen, natürlich und liebte das Leben, und sie konnte jeden mit ihrer Begeisterung anstecken. Josh dagegen schien etwas ungehalten.

„Ich kann ihr dieses Hochzeitsthema nicht ausreden. Ein Stilmix aus Griechisch, Italienisch und Orientalisch, das scheint mir ein bisschen zu viel des Guten. Warum denken wir nicht lieber an etwas Amerikanisches wie ein Rodeo im Wilden Westen oder eine Wildwasserfahrt auf dem Floß?“

Darcy sah Ginger an. „Sie wollen an Ihrer Idee festhalten?“ Josh wollte protestieren, aber Darcy hob die Hand. Er hatte nicht das Recht, über Gingers Hochzeit zu bestimmen.

„Ja.“ Ginger nickte und lachte leise.

„Josh, das, was deine Schwester vorhat, scheint mir eine wunderbare Art und Weise zu sein, die Herkunft eurer Mutter zu feiern. Und hier in Washington fühlen wir uns sowieso mit der ganzen Welt verbunden. Ich glaube, Ginger möchte das auch betonen. Das geht nicht mit einem staubigen Rodeo.“

Josh starrte vor sich hin, und Ginger lächelte zufrieden. Darcy stellte nun gezielt einige Fragen nach der Mutter und machte sich Notizen.

„Das wird wunderbar. Luftige große Zelte mit bequemen Sesseln, Seidenkissen, Messingtischchen.“ Darcy sah bereits alles vor sich. „Dazu vielleicht griechische Musik, italienisches Essen, englische Rosen, französische Weine und Schweizer Schokolade.“

„Es handelt sich hier um eine Hochzeit und nicht um ein Musical.“ Josh wirkte direkt etwas eingeschnappt.

Darcy sah ihn an. Der Mann hatte keine Fantasie und keinen Humor. Er war weder spontan noch zu jedem Unsinn bereit wie sein Freund George. Ein kurzer, scharfer Schmerz durchfuhr sie.

„Und wo soll die Hochzeit stattfinden? Hier in Washington?“

„Oh, nein“, sagte Josh. „In Flint Hill in Virginia, in der Nähe des Shenandoah Nationalparks. Ich habe dort eine Farm geerbt. Mit den Blue Ridge Mountains im Hintergrund könnte man meinen, in der Schweiz zu sein.“

Darcy nahm den Stift zur Hand und machte sich wieder Notizen.

„Darcy.“ Sie blickte auf und war verwirrt von der Zärtlichkeit, mit der er sie ansah. Und die Art und Weise, in der ihren Namen aussprach, ließ sie schneller atmen. „Du kannst deine Kunden sehr schnell begeistern.“

Wieder fühlte sie, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Sie unterdrückte ein Lächeln und wandte sich wieder dem Formular zu.

„Wir müssen jetzt los, Josh“, sagte Ginger und stand auf. „Ich muss zurück zur Arbeit. Darcy, ich habe mich gefreut, Sie kennenzulernen. Sie sind wunderbar.“

Darcy lächelte. Wenn Ginger dabei war, war alles einfacher. Ihr Hochzeitsthema war spannend, und es machte Spaß, mit ihr zu arbeiten.

Ginger sah sie an. „Ich würde mich freuen, wenn Sie morgen mit Bill, Josh und mir essen würden. Dann könnten Sie Bill kennenlernen, und wir könnten ein paar Einzelheiten wegen der Hochzeit besprechen.“

Darcy hatte bisher Privates und Geschäftliches immer streng getrennt. Doch bevor sie ablehnen konnte, gesellte sich Tante June zu ihnen, wie sie es normalerweise bei neuen Kunden tat.

Gingers Stimme wurde drängender. „Darcy, bitte. Ich kann während des Tages so schlecht weg aus meinem Büro, und Bill hat die gleichen Schwierigkeiten. Und Sie müssen ihn doch unbedingt kennenlernen.“

Jetzt mischte sich Tante June ein. „Ich bin sicher, dass Darcy Sie gern zum Essen trifft, wenn Sie sonst keine Zeit finden. Nicht wahr, Liebes?“

Darcy wollte schon wütend aufbrausen, als ihr Blick auf das verblichene Aquarell an der Wand fiel.

„Gut, ich bin mit einem Geschäftsessen einverstanden“, erklärte sie schließlich. „Ich werde alles mitbringen, was ich bis dahin schon herausgefunden habe.“

„Bis morgen dann.“ Josh lächelte und stand auf. „Ich lasse dir auf alle Fälle meine Visitenkarte hier.“

Nachdem sie gegangen waren, atmete Tante June erleichtert auf. „Ich weiß, dass dir das überhaupt nicht gefällt, Darcy. Aber ich bin stolz, dass du dich hast überwinden können.“

„Ginger wünscht sich so etwas wie eine Mulitkulti-Hochzeit, und das ist eine interessante Aufgabe. Außerdem ist sie eine sehr nette junge Frau. Sie hat nur noch ihren Bruder. Und der traut dem Mann nicht, den sie heiraten will.“

„Hoffentlich wird die ganze Sache nicht abgeblasen.“ June seufzte. „Dann können wir nie Vaters Geschäft zurückkaufen.“

„Ich muss mich dann eben um andere Aufträge bemühen. Martin hat mich heute zu einem Empfang bei einer Zahnarzttagung eingeladen. Mal sehen, was da für Leute sind. Vielleicht ergibt sich ja etwas.“ Darcy griff nach Joshs Visitenkarte und legte sie in eine rote Schachtel. Bloß weg damit.

Ihre Tante setzte sich neben sie. „Ich wollte dich schon fragen, wie es mit Martin ist.“

„So, wie immer. Er ist nett, aber wir sind nur Freunde. Wir haben beide Freude an Antiquitäten und gehen gern auf Flohmärkte.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Aber nun muss ich unbedingt telefonieren.“

June verließ das Büro, und Darcy strich sich gedankenverloren über die Wange, dort, wo Josh sie vorgestern geküsst hatte. Diesmal hatte sie darauf geachtet, ihm nicht zu nahe zu kommen, aber er hatte es auch gar nicht versucht. Sie schüttelte den Kopf. Warum dachte sie überhaupt darüber nach, es war ihr doch so oder so egal?

Sie sollte lieber anfangen zu arbeiten. Und wenn sie heute Abend mögliche Kunden kennenlernte, konnte sie ihm noch immer den Scheck zurückschicken und ihm Perfect Weddings empfehlen, die neue große Konkurrenz von Dreams Inc. Mal sehen, was sich auf diesem Empfang der Zahnärzte machen ließ. Sie würde schon einen Weg finden, Josh Cartwright aus ihrem Leben verschwinden zu lassen.

Darcy nahm den Stapel Visitenkarten, die sie gestern auf dem Empfang gesammelt hatte, und legte sie in die rote Schachtel. Dabei fiel ihr Blick auf Joshs Karte. Er hatte seine Privatnummer handschriftlich hinzugefügt. Die Acht war lang und schmal – wie seine Hüften, dachte Darcy. Sie lächelte über den Smiley, den er daneben gemalt hatte.

Tante June und Amy öffneten die Bürotür. Sie hatten gerade das Lunch ausgeliefert. „Die Women City Planners sind schwierige Kunden“, sagte June. „Aber das Essen hat ihnen sehr gefallen. Eine war auch an einer Hochzeitsfeier interessiert. Ihre Tochter ist eine begeisterte Skiläuferin und möchte gern auf einer Skipiste heiraten.“

Darcy stand auf und lächelte die beiden Frauen an.

„Aber es gibt bisher noch kein Datum. Sie wird sich wieder melden“, sagte June. „Du kannst sicher sein, ich bleibe dran.“

„Das ist doch immerhin etwas.“ Darcy nickte. Sie wusste, dass Erwartungen nicht immer erfüllt wurden, aber man durfte die Hoffnung nie aufgeben.

„Und wie war gestern der Empfang?“

„Viele Jacket-Kronen. Teure, saubere, lächelnde Gebisse.“ Darcy musste lachen. „Ich habe mir zehn Minuten lang die Zähne geputzt, bevor Martin mich abholte.“ Sie wies auf den Stapel Visitenkarten. „Ich habe unsere Karte jedem gegeben, der nur einigermaßen vielversprechend aussah.“

Ihre Tante strahlte. „Sehr gut.“

„Aber bisher ohne Erfolg. Viel Partytalk. Ich hoffte auf eine Hochzeit in einer Zahnarztpraxis. Alle angeschnallt und Lachgas statt Champagner.“

Tante June lachte los und kniff Darcy liebevoll in die Wange.

„Ich muss in die Bibliothek“, sagte Darcy und griff nach Tasche und Notizbuch. „Ich brauche dringend ein paar Informationen.“

Die Bibliothek war drei Straßen weiter. Alle Welt schien unterwegs zu sein, und Darcy musste immer wieder Radfahrern ausweichen. Sie kam an einem Saxofonspieler vorbei, um den sich eine dichte Menschenmenge versammelt hatte, und weil seine Melodie so traurig klang, gab sie ihm einen Dollar. Es duftete nach frischem Kuchen, aber Darcy widerstand der Versuchung. Sie ärgerte sich über ihre Esslust, die immer auftrat, wenn irgendetwas nicht so klappte.

Sie hörte die verschiedensten Sprachen, und wie immer versuchte sie herauszufinden, woher die Menschen kamen. Frankreich, Deutschland, Griechenland, aber es gab auch fremdländische Stimmen, die sie nicht identifizieren konnte.

In der Bibliothek sah sie sich nach kulturhistorischen Werken um. Sie brauchte mehr Informationen über südeuropäische und orientalische Hochzeitsrituale. Ein Buch mit dem Titel „Griechische Rituale“ erwies sich jedoch eher als Geschichte der Erotik von der Antike bis zur Gegenwart, mit vielen Bildern von nackten Männern und Frauen in den abenteuerlichsten Positionen.

Ein nackter Mann fiel ihr besonders auf, wahrscheinlich wegen seiner Ähnlichkeit mit Josh. Er war braun gebrannt und hatte dunkles Haar, und der Mund ähnelte sehr dem von Josh. Darcy schoss das Blut in die Wangen, und sie schlug schnell das Buch zu.

Schließlich entschied sie sich für drei Bücher, die sie ausleihen wollte. Bevor sie „Griechische Rituale“ wieder ins Regal zurückstellte, sah sie sich kurz den Griechen noch einmal an, der Josh so ähnlich war. Sie musste über sich selbst lachen und verließ schnell die Bibliothek.

Im Büro wartet Amy bereits auf sie. „Josh Cartwright hat angerufen.“

Darcy legte die Bücher auf den Schreibtisch. „Was wollte er?“

„Das hat er nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass du nicht da seist, und gefragt, ob ich etwas ausrichten könnte. Aber er meinte, nein.“

Vielleicht wollte er ja das Essen absagen. Das wäre wunderbar, denn sie hätte dann etwas mehr Zeit, sich um Ersatzaufträge zu kümmern. Der drohende Verkauf des Geschäftes in Phoenix lag wie ein Albdruck auf ihr. Sie mussten das Geld in drei Monaten zusammenhaben. Nun, ein Spatz in der Hand … sie sollte sich jetzt lieber um Gingers Hochzeit kümmern. Darcy nahm ihre Aufstellung zur Hand und führte eine Reihe von Telefongesprächen. Nachdem sie die großen Messingtabletts bestellt hatte, die als Tische dienen würden, musste sie überlegen, wo sie Kamele mieten könnte. Gingers Mutter, die offensichtlich viel Fantasie gehabt hatte, hatte angeblich immer zu ihrer Tochter gesagt: „Wenn du einmal heiratest, wird dein Bräutigam auf einem Kamel geritten kommen.“ Also mussten Kamele her.

Der städtische Zoo lehnte ab. Ein Zoo in Cincinnati verwies sie auf einen Mann in Maine. „Er hat eine Kamelzucht für Hollywood.“ Das hörte sich so verrückt an, dass es wahr sein musste. Doch in Maine nahm keiner ab.

Was war sonst zu bedenken? Das Essen.

In den Gelben Seiten waren einige italienische Restaurants aufgeführt, die auch außer Haus lieferten. Dann suchte sie nach griechischen Restaurants und dachte darüber nach, ob sich Baklava und gefüllte Weinblätter wohl mit italienischem Essen vertrügen. Sie war sich nicht sicher, was Josh am liebsten aß. Er machte den Eindruck, als bevorzuge er das übliche Steak. Aber ganz sicher wollte er seinen reichen, arroganten Hochzeitsgästen kein zusammengewürfeltes Menu vorsetzen.

In Gedanken versunken strich sie ihren Rock glatt. Sie musste unbedingt abnehmen. Sofort.

Amy öffnete die Tür. „Lunch?“

Darcy wollte schon den Kopf schütteln, aber dann nickte sie doch und griff nach ihrer Handtasche.

Sie gingen zu einem Bistro ganz in der Nähe, das jetzt in der Mittagszeit von jungen Leuten gut besetzt war, die alle im Stadtzentrum arbeiteten. Die beiden Frauen fanden noch einen freien Tisch unter einem großen grünen Sonnenschirm. Es duftete nach Roastbeef und Zwiebelsuppe.

„Josh Cartwright ist ja ausgesprochen attraktiv. Ist er verheiratet?“ Amy griff nach der Speisekarte.

„Nein, aber er kennt jede Menge Frauen.“

„Er scheint wirklich etwas für dich übrig zu haben. Gib ihm doch eine Chance.“

„Nein, danke, an solchen Männern bin ich nicht interessiert. Reich und selbstsüchtig. Die Sorte kenne ich.“

„Du kannst nicht alle reichen Männer über einen Kamm scheren. Du wirst es nie wissen, wenn du ihm keine Chance gibst.“

Darcy konzentrierte sich auf die Speisekarte. Keinesfalls wollte sie Josh die Gelegenheit geben, festzustellen, wie unwohl sie sich in der Gesellschaft reicher Männer fühlte, vor allen Dingen nach ihren bösen Erfahrungen mit George. Amy meinte es nur gut, und sie waren auch wirklich enge Freundinnen, aber Darcy wollte sich jetzt nicht über Josh Cartwright unterhalten.

„Ich hoffe, dass es etwas mit der Frau von den Women City Planners wird und wir die Ski-Hochzeit ausrichten können.“ Darcy wechselte das Thema und beeilte sich mit ihrem Essen.

Wieder zurück in der Firma musste Darcy zugeben, dass sie ihr Büro unbedingt einmal aufräumen müsste. Aber das Telefon klingelte beinahe unentwegt. Und als sie endlich ein paar Punkte auf ihrer Liste abgehakt hatte, stellte sie fest, dass der Nachmittag schon fast wieder vorbei war. Da sie Rosa versprochen hatte zu helfen, ging Darcy in die Küche. Eine große jamaikanische Party musste vorbereitet werden, und Darcy liebte die exotischen Details, die ihre Fantasie beflügelten: Sonnendurchglühte Strände, das Gekreische von farbenprächtigen Papageien und schlanke Palmen, von denen die Kokosnüsse zur Erde fielen. Während sie eine goldgelbe, saftige Mango in feine Scheiben schnitt, träumte sie davon, eines Tages die ganze Welt zu sehen. Ob Josh schon viel gereist war?

Sie stellte die Glasschale in den Kühlschrank und ging zurück in ihr Büro. Josh saß im Vorraum. Er trug ein dunkelblaues Jackett zu einer grauen Hose und blätterte ernst in einem dicken schwarzen Ordner. Während des Lesens zogen sich seine schwarzen Augenbrauen zusammen, und Darcy wurde warm bei seinem Anblick.

Dann hob er den Kopf, und seine Miene hellte sich auf. Er sah Darcy so intensiv an, dass sie nervös mit der Zunge über ihre Unterlippe fuhr. Er ließ den Blick nicht von ihr und strich mit dem Daumen langsam über seine Lippen. Sie sah zur Seite.

„Ich habe meinen Schreiber gestern hier vergessen und bin nur vorbeigekommen, um ihn zu holen.“ Er stand auf und hob einen schmalen goldenen Füllfederhalter hoch.

„Ich kann mich nicht erinnern, ihn gesehen zu haben“, sagte sie und blickte sich in dem unaufgeräumten Zimmer um.

Er lachte. „Das wundert mich nicht. Hat es hier ein Erdbeben gegeben?“

Sie antwortete nicht, sondern schob die Papierstapel auf ihrem Schreibtisch zur Seite. Sie zwang sich zu einem kurzen Lächeln. „Diese Unordnung hat Methode. Kreative Menschen werden dadurch angeregt.“

Josh steckte den Ordner in seine Aktentasche. „Wollen wir zum Dinner fahren? Wir können mein Auto nehmen.“

„Einen Moment noch“, sagte sie und legte ziemlich wahllos Papiere auf einen Haufen. „Ich vermute, du lebst in einer voll durchorganisierten Welt, wo alles an seinem Platz ist.“

„Du kannst jederzeit kommen und das selbst überprüfen.“

Er sah so ernst aus, dass sie stehen blieb und ihn betrachtete. Er wirkte angespannt. Hatte er einen schlechten Tag gehabt? Vielleicht irgendeinen wichtigen Fall verloren? Ärger mit seiner Freundin?

Dann lachte er etwas angestrengt. „Ich habe gerade einen Bericht über Sammler gelesen. Sie sammeln alles Unwichtige und kümmern sich nicht um das Wichtige – etwa um Menschen.“ Das klang sehr verbittert.

Überrascht setzte Darcy einen Stapel mit Prospekten auf dem Schreibtisch ab. Offensichtlich spielte er auf George und sein Verhalten ihr gegenüber an. Vielleicht sprach er auch von seiner Familie, von all den Stiefvätern und Stiefmüttern. Wie auch immer, es ärgerte sie, dass der Auslöser ihre Unordnung war.

Das Telefon klingelte. Sie nahm den Hörer ab und setzte sich auf die Schreibtischkante.

„Oh, hallo, Mutter“, sagte sie herzlich. „Es war sehr schön letzten Samstag. Du gibst dir immer so viel Mühe mit Onkel Alberts Geburtstag. Er sieht ja noch sehr jung aus für vierundachtzig, findet du nicht?“

Plötzlich fühlte sie eine Hand auf der Hüfte und drehte sich schnell um. Josh hielt einen Fussel hoch und lächelte. Wieder stieg ihr die Röte in die Wangen, und sie hatte plötzlich weiche Knie.

Sie versprach ihrer Mutter, zurückzurufen, und legte dann den Hörer auf. „Ich fahre mit meinem Auto und treffe dich dann dort.“

„Beim ‚Raven’s Nest‘ findet man immer so schwer einen Parkplatz. Warum willst du nicht mit mir kommen? Oder ist das bei dir eine Sache des Prinzips, immer selbst zu fahren?“

Er will mich nur provozieren, aber das wird ihm nicht gelingen.

„Du darfst gern Chauffeur spielen“, sagte sie lächelnd. „Ginger und Bill werden schon unterwegs sein.“

Er nickte und führte sie zu seinem Auto. Er öffnete die Tür des Jeeps, und sie stieg ein. Es roch leicht nach Aftershave. Offensichtlich hatte er das noch kurz vor dem Aussteigen benutzt. Bei dem Gedanken, dass er das für sie getan hatte, wünschte sie, sie hätte auch etwas Parfum benutzt, irgendetwas sehr Weibliches und Aufregendes.

„Ich war unfreiwillig Zeuge, wie du mit deiner Mutter sprachst“, sagte er und fuhr aus der Parklücke auf die Straße. „Wie geht es ihr? Und deinem Vater? Es muss schön sein, sich so gut zu verstehen.“

Sie presste die Lippen aufeinander. Das letzte Mal hatte Josh ihre Eltern an diesem schrecklichen Tag gesehen, als er Zeuge ihres Zorns und der Demütigung ihrer Tochter war. Diese grässlichen Bilder ließen sich nur schwer vertreiben. Sie holte tief Luft und redete drauf los. „Mutter und Vater geht es gut. Sie freuen sich schon darauf, nach Arizona zu ziehen. Vater wird das Klima sehr viel besser bekommen, er leidet ja hier ziemlich unter Asthma.“ Sie hielt inne. Der Gedanke an die Möglichkeit, dass Großvaters Geschäft an jemand anderen gehen sollte, schnürte ihr die Luft ab.

Es war sinnlos, Josh davon zu erzählen. Denn ein Mann mit einem solchen Vermögen würde sich nicht vorstellen können, warum sie das Geschäft nicht einfach zurückkauften.

Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Sei nicht traurig, dass sie wegziehen. Du kannst sie doch immer besuchen. Oder denkst du daran, selbst umzuziehen?“

Sie wunderte sich über sein Interesse, aber wahrscheinlich machte er nur Konversation. „Irgendwann will ich auch nach Arizona ziehen. Aber noch wollen wir meinen Großonkel Albert nicht allein lassen. Er fühlt sich so wohl hier in seinem Seniorenheim.“

Als sie Joshs ernsten Gesichtsausdruck sah, fiel ihr plötzlich ein, dass er ja keine Familie hatte. Doch bevor ihr etwas Tröstliches eingefallen war, sagte er: „Billy wird Ginger von der Arbeit abholen, und ich möchte dir ein bisschen was über Billy erzählen.“

Er fuhr weiter. Die Wisconsin Avenue war voll wie immer. „Ich glaube, wir fahren lieber die Q-Street, die ist leerer als die M-Street.“

Er bog in die gepflasterte Eichenallee ein, trat aber nach ungefähr hundert Metern so scharf auf die Bremse, dass Darcy nach vorne fiel und nur von den Gurten gehalten wurde.

„Verdammt! Ich glaube, ich habe eine Katze angefahren. Warum können die Leute auch ihre Haustiere nicht einschließen.“

Er war ganz blass geworden und sprang aus dem Wagen. Ungeduldig winkte er den nachkommenden Autos, vorbeizufahren, aber die Straße war sehr eng. Und wenn ein Fahrer nicht sehr vorsichtig fuhr, war Josh selbst gefährdet. Aber das schien ihm egal zu sein. Er beugte sich vor und blickte unter die Kühlerhaube.

„Vorsicht“, rief Darcy und stieg schnell aus. Sie hob die Hand, um ein Auto anzuhalten.

3. KAPITEL

„Zurück ins Auto!“, schrie er.

„Ich denke nicht daran!“ Sie rannte nach vorn und stand schützend über ihm, während er sich auf das Pflaster kniete und unter das Auto sah. Kein Miau war zu hören, und Darcy schickte ein Stoßgebet gen Himmel.

Dann richtete sich Josh wieder auf. In den Armen hielt er einen kleinen, pechschwarzen Hund, der jämmerlich winselte.

Der Fahrer des Wagens hinter ihnen war ausgestiegen und kam auf sie zu. „He, Sie! Bei mir sitzt ein Senator im Wagen, der dringend zum Weißen Haus muss.“

Josh legte den kleinen Hund vorsichtig in Darcys Arme und wandte sich dann zu dem aufgeregten Chauffeur um. „Sagen Sie Ihrem Senator, dass der Präsident nach Camp David abgeflogen ist. Es kann also nicht so wichtig sein.“ Er öffnete Darcy die Beifahrertür. „Bitte, halt mal kurz den Hund. Ich fahre an die Seite.“

Der kleine Hund fühlte sich warm an und roch nach feuchtem Fell. Darcy hatte noch nie einen Hund gehabt und mochte Hunde eigentlich auch gar nicht, aber sie wünschte sich sehnlich, dass das Tier den Unfall überleben würde. Inzwischen fing es an, dunkel zu werden, und sie konnte kaum erkennen, ob der kleine Hund verletzt war.

Josh parkte neben einem Hydranten und griff nach dem wimmernden Tier. Dabei berührte er Darcys Brüste, und ihr wurde heiß und kalt.

Josh schaltete das Innenlicht an und bemerkte ihr gerötetes Gesicht. „Im Handschuhfach ist eine Taschenlampe.“ Seine Stimme klang tief und rau.

Der Hund begann sich zu bewegen. Ihr Kleid war dunkel von Blut, vielleicht auch nur von Schmutz, und sie griff schnell nach der Taschenlampe. Rasch untersuchte sie sein verfilztes Fell, konnte jedoch keine Wunden entdecken. Sie hob seine eine weiße Pfote hoch. „Er scheint nicht verletzt zu sein.“

Josh nahm den Hund und betrachtete ihn von allen Seiten. „Es hat doch die ganze Woche nicht geregnet, mein Kleiner. Warum bist du denn dann so schmutzig?“

Der Hund jaulte auf und leckte fuhr Josh das Gesicht. Josh grinste.

„Er hat kein Halsband“, sagte Darcy. „Ob er wohl hier in die Nachbarschaft gehört?“

„Nach deinem Kleid zu urteilen, hat er kein Blut verloren, sondern ist nur schmutzig. Er scheint von weither zu kommen.“ Wieder klang Joshs Stimme rau. Er sah Darcy von der Seite her an und legte die Hand mit der Handfläche nach oben neben sich auf den Sitz.

Sie atmete schneller. Sie wollte seine Hand so gern berühren und zärtlich streicheln. Stattdessen sagte sie: „Wir wollen ihn auf die Straße setzen und sehen, ob er hinkt.“ Josh nickte, und sie stieg aus dem Wagen und setzte das Tier auf den Fußweg.

Auch Josh war ausgestiegen, und beide beobachteten den Hund, wie er zwischen ihnen hin- und herlief. Er wirkte erschöpft, schien aber nicht verletzt zu sein. Und offenbar wollte er seine beiden neuen Freunde nicht verlassen.

Sie klopften überall in der Nachbarschaft an die Türen und fragten jeden Passanten, aber ohne Erfolg. Darcy taten allmählich die Füße weh, und sie lehnte sich gegen den Jeep. Der kleine Hund hatte sich im Auto zusammengerollt und wimmerte leise.

„Wir sollten die Humane Society anrufen“, meinte sie.

„Ich habe ein Autotelefon im Wagen, aber ich wohne hier gleich um die Ecke. Wir können von da aus telefonieren. Es gibt doch Heime für entlaufene Hunde. Vielleicht können wir ihn da unterbringen.“

Sie nickte und stieg ein. Dann nahm sie den kleinen Hund auf den Schoß und drückte ihn zärtlich an sich.

„Ich werde Ginger und Bill anrufen und sie bitten, zu mir zu kommen. Wir bestellen einfach eine Pizza.“ Josh steuerte den Wagen mit einer Hand, mit der anderen griff er nach dem Telefon und drückte die Nummer. Er bog in die P-Street ein und parkte vor einem eleganten, alten viktorianischen Haus. Das Haus war renoviert und in drei Apartments aufgeteilt worden. Darcy bewunderte den großen Magnolienbaum im Garten und die grüne Tür mit polierten Messinggriffen.

Sie folgte Josh nach oben. Eigentlich merkwürdig, dass sie ihm in den letzten zwei Jahren nie begegnet war.

Josh schloss seine Wohnungstür auf und knipste das Licht an. Der kleine Flur führte links in ein geräumiges Wohnzimmer, in dem zwei gemütliche Sofas neben einem großen Marmorkamin standen. Ein schönes Seestück hing über dem Kamin, und ein orientalischer Wandbehang schmückte eine andere Wand.

„Sehr geschmackvoll“, sagte sie.

„Ich habe das möbliert gemietet“, antwortete er. „Lass uns in die Küche gehen und gucken, ob wir für ihn etwas zu fressen finden. Er sieht sehr hungrig aus.“

Der Hund sah ihn dankbar an, als verstünde er alles. Die Küche war lang und schmal und schwarz-weiß gefliest. Josh setzte den Hund vorsichtig ab, rief seine Schwester an und suchte dann nach etwas Fressbarem für den Hund. Darcy hatte sich an den runden Eichentisch gesetzt und rief die Humane Society an.

Ohne Erfolg. Offensichtlich war das Tierasyl über das Wochenende geschlossen. „Ruf das Tierheim in Georgetown an“, sagte George und rollte seine Ärmel hoch.

Sehr muskulöse Unterarme. Sie wandte sich ab und wählte die Nummer. „Sie machen erst morgen früh um elf auf“, berichtete sie wenig später und hinterließ dann eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter: „Wir haben einen Hund gefunden. Promenadenmischung, klein, schwarz, mit weißer Vorderpfote. Wenn Sie den Besitzer kennen, rufen Sie bitte folgende Nummer an.“ Und sie las die Nummer vom Telefon ab.

Josh hatte einen tiefgefrorenen Hamburger gefunden und legte es in die Mikrowelle zum Auftauen, während Darcy das Tier mit einem Lappen säuberte.

„Möchtest du ein Bier?“, fragte er, und bevor sie noch antworten konnte, reichte er ihr schon eine Flasche. Er setzte sich zu ihr an den Tisch und beugte sich vor, um den Hund zu streicheln.

Darcy beobachtete ihn verstohlen. Es war für ihn selbstverständlich gewesen, sich um den Hund zu kümmern. Aber um eine Frau, die er lieben konnte, schien er sich noch keine Gedanken gemacht zu haben. Vielleicht gab es auch eine Frau in seiner Vergangenheit, die er gern geheiratet hätte. Irgendeine alte Liebe, nach der er sich verzehrte.

Die Küche war in einem tadellosen Zustand, ebenso das Apartment oder zumindest der Teil, den sie gesehen hatte. Dennoch war es nicht fair von ihm gewesen, sich über ihre Unordnung lustig zu machen, denn er hatte bestimmt jemanden, der bei ihm sauber machte. Außerdem war er als Junggeselle sicher selten zu Hause. Sie schluckte. Washington war voll von Frauen, die nach einem Mann suchten und nicht zimperlich waren. Und Capitol Hill wimmelte von gut aussehenden, reichen Frauen, die nachts die Bars bevölkerten. Das war nicht ihr Stil, aber es würde sie nicht weiter verwundern, wenn Josh viele Frauen kannte, mit ihnen ausging in Restaurants und teure Nachtclubs und danach … Das ist mir wirklich egal, rief sie sich zur Ordnung. Total egal.

Der Hund schlang das Fleisch hinunter und fiepte.

Josh sah Darcy lächelnd an. „Ist er nicht niedlich?“

„Ja.“ Nachdenklich betrachtete sie den Vierbeiner. „Und er wäre wahrscheinlich noch niedlicher, wenn er gebadet wäre.“

„Er soll sich erst eingewöhnen. Er hat heute schon genügend durchgemacht.“ Josh musterte sie von oben bis unten. „Du hast ein hübsches Kleid an, hoffentlich ist es nun nicht ruiniert. Vielleicht können wir es etwas säubern.“ Schon war er aufgestanden und versuchte mit schnellen Bewegungen, den angetrockneten Schmutz von ihrem Oberteil zu klopfen. Nicht so schnell, schoss es ihr durch den Kopf. Lass deine Hand liegen.

Erbebend hielt sie sein Handgelenk fest. Er hatte sich zu ihr heruntergebeugt, und sie nahm den Duft seines Rasierwassers wahr. „Vielleicht sollte ich schnell nach Hause gehen und mich umziehen.“ Sie ließ ihn los und stand auf. Er blieb unbeweglich stehen, und sie spürte die Spannung, die zwischen ihnen herrschte.

Sie atmete hörbar, konnte sich offensichtlich nicht beruhigen. Er blickte erst auf seine Hand, dann auf Darcys Brüste und lächelte leicht. Sie wusste, was er wollte, und sie wollte es auch. Doch sie drehte sich schnell um und hielt sich einer nächsten Stuhllehne fest. „Warte.“ Er griff nach ihrer Hand. „Ich wollte doch nur den Staub abklopfen. Bitte, komm mit.“ Sie war wie willenlos und ließ sich von ihm über den Flur in sein Schlafzimmer ziehen. War sie so leicht zu durchschauen? Hatte er gespürt, dass sie ihn begehrte?

Sie versuchte, sich loszumachen. „Lass das, Josh. Was soll das?“

Diese Frage war überflüssig. Sie waren zusammen im Schlafzimmer, Mann und Frau, so wie es sein musste, wenn man sich liebte.

„Das musst du unbedingt sehen“, sagte Josh zu ihrer Verblüffung und schob sie sanft vor den großen Spiegel.

Zwei grau-schwarze Handabdrücke waren auf ihren Brüsten zu sehen. „Oh, nein!“ Unwillkürlich hob sie die Hand, um den Schmutz abzuwischen. „Das sieht ja aus, als wenn …“

„Genau.“ Er lachte.

„Das finde ich gar nicht komisch.“ Es war ihr peinlich, dass er diese starken sexuellen Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Sie verging fast vor Sehnsucht nach ihm, und sie wusste, dass jetzt schnell etwas passieren musste, bevor sie nicht mehr wusste, was sie tat. „Du solltest Frauen, die du kaum kennst, nicht so anfassen“, entgegnete sie heftig. Dabei musste sie immer nur denken, wie gut sie zusammen im Spiegel aussahen. Seine kantigen Gesichtszüge wirkten attraktiver denn je, und seine braunen Augen glitzerten amüsiert. „Warum tust du …“

Sein Lächeln verschwand. Er fuhr sich durchs Haar. „Aber, Darcy, weder bist du mir fremd, noch habe ich dich unter die Dusche gezerrt und eingeseift. Beruhige dich doch. Ich lasse das Kleid reinigen.“

„Vielen Dank, das ist nicht nötig. Es ist aus Baumwolle und lässt sich leicht waschen. Ich nehme jetzt ein Taxi und fahre nach Hause.“

„Wir können es doch hier waschen. Bis Ginger und Bill kommen, ist es im Trockner getrocknet. Ich möchte gern, dass wir das mit meinem zukünftigen Schwager jetzt durchziehen. Wenn du heute die Verabredung nicht einhältst, dann unterstützt ihn das nur in seiner Einstellung, dass es auf Verlässlichkeit nicht unbedingt ankommt.“

„Dann musst du mir eins deiner Hemden leihen.“ Was hatte er gedacht? Dass sie hier in Unterwäsche herumstehen würde?

Bei dieser Vorstellung wurde ihr heiß. Sie beide, nackt, und nahe beieinander …

Er trat auf sie zu, wie um sie zu berühren. Dann strich er ihr kurz über den Rücken. Es war nur eine beiläufige Geste, aber sein Gesicht war angespannt.

„Wir wollen uns den Schaden noch mal besehen“, sagte er leise und dreht sie zu sich herum.

Sie fühlte seinen Blick. Wie mit Röntgenaugen schien er durch den Stoff hindurchzusehen und lächelte dabei. Sie hob schon die Arme, um ihn an sich zu ziehen …

Da bellte der Hund in der Küche, und der Zauber war verflogen. Darcy trat zwei Schritte zurück. „Wie ist es? Kannst du mir ein Hemd leihen?“

Einen Augenblick lang war er sprachlos. Dann öffnete er den Kleiderschrank. „Selbstverständlich, such dir etwas aus. Ich bestelle inzwischen die Pizza.“ Er verließ das Schlafzimmer, nicht ohne sich vorher noch einmal umzudrehen. „Mit oder ohne Anchovis?“

„Ohne, bitte“, rief sie ihm zu. Sie starrte auf die lange Reihe von Hemden und entschied sich schließlich für ein hellblaues. Sie nahm es vom Bügel und zog es über das verschmutzte Kleid. Während sie es zuknöpfte, sah sie sich in dem Raum um. Auf dem breiten Bett lag eine tiefblaue Decke. Ob er wohl nackt schlief? Oder trugen die Cartwrights alle seidene Pyjamas? Bevor sie die Schranktür schloss, sah sie auf die vielen Anzüge und Blazer, die mehr Raum einnahmen als ihre gesamte Garderobe. Sie und Josh passten wirklich nicht zusammen. Und doch fühlte sie sich von der Atmosphäre in dem Raum stark angezogen. Alles wirkte klar, männlich, sexy.

Mit einem leisen Seufzer wandte sie sich ab und ging in die Küche. Der Hund schlief, zusammengerollt auf einem großen braunen Kissen, und fühlte sich offensichtlich vollkommen sicher und zu Hause. Sie lächelte.

„Gut siehst du aus.“ Josh saß am Küchentisch und sah ihr entgegen. Es klingelte, und Josh ging zur Tür und riss sie auf. „Kommt rein, die Pizza ist schon unterwegs. Ich habe von allem etwas bestellt, so sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein.“

Bill war ein attraktiver Mann mit markanten Zügen. Er wirkte höflich und kultiviert und passte sehr gut zu den Cartwrights. Er schüttelte Josh freundlich die Hand und lächelte Darcy an.

„Ginger hat mir schon viel von Ihnen erzählt, Darcy. Wir sind begeistert, dass Sie unsere Hochzeit organisieren. Das Foto in ‚Bridal Ideas‘ wird Ihnen aber nicht gerecht.“

Darcy schätzte ihn auf etwa dreißig. Er bewegte sich selbstbewusst, aber sein Blick wirkte eigenartig unstet. „Was für ein charmanter Mann“, sagte sie zu Ginger.

„Ja, er ist mein Märchenprinz. Er ist so cool, sieht so gut aus. Du wirst jetzt verstehen, warum ich ihn liebe.“ Ginger seufzte glücklich und lachte plötzlich los. „He, Darcy, was hast du denn Tolles an? Ist das das Neueste aus ‚Vogue‘?“

„Oder der letzte Schrei aus Paris?“

Darcy erzählte, wie es zu dem verschmutzten Kleid ...

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