Logo weiterlesen.de
TIFFANY EXKLUSIV BAND 38

LORI WILDE

Ich will alles!

Abby hat genug von ihrem Spießerdasein! Erst recht, als ihr Verlobter sie sitzen lässt. Spontan beschließt sie, sich eine heiße Affäre zu gönnen. Da kommt ihr der attraktive Durango wie gerufen! Prickelnder Sex lässt Abbys lustvolle Fantasien wahr werden – bis ein Foto von ihrem Liebesspiel in der Zeitung erscheint und Durango ihr bittere Vorwürfe macht!

JOANN ROSS

Aber sexy muss er sein!

„Mann, sind Sie hartnäckig!“ Lucky O’Neill ist verwirrt. Macht Redakteurin Judy ihm nur deshalb schöne Augen, weil sie ihn für ihre Zeitschrift ablichten will, oder ist sie scharf auf ihn? Kurzerhand verführt er die schöne Blondine in der wildromantischen Landschaft Wyomings und erkennt: Er ist drauf und dran, sein Herz an Judy zu verlieren …

JULIE LETO

Ein Millionär in meinem Bett

Nervös erschauert Micki unter Sebastian Stones glutvollen Blicken! Sein Angebot: ihr eine Woche lang hemmungslose Lust zu bescheren und ihre geheimsten erotischen Träume zu verwirklichen. Soll Micki dem gutaussehenden Millionär einen Korb geben? Oder ihrem pulsierenden Verlangen gehorchen und damit riskieren, nie mehr auf Sebastian verzichten zu wollen?

IMAGE

Ich will alles!

1. KAPITEL

„Weißt du, was gut für dich wäre?“

„Was?“

„Wenn du dich mal richtig betrinken und dir den erstbesten tollen Kerl schnappen würdest, der dir über den Weg läuft. Das ist die beste Kur, wenn man kurz vor der Trauung sitzen gelassen wurde.“

Abby Archer warf ihrer Freundin Tess Baxter einen skeptischen Blick zu. Sie saßen nebeneinander auf Holzschaukeln hinter dem Gemeindezentrum, wo sich ein kleiner Kinderspielplatz befand. Abby trug noch ihr achttausend Dollar teures Vera-Wang-Brautkleid mit dazu passenden Pumps, während Tess ein pfirsichfarbenes Brautjungfernkleid anhatte und Sandaletten, die vorne offen waren.

Erst jetzt bemerkte Abby, dass Tess ihre Zehennägel in Neongrün lackiert hatte. Darüber musste sie unwillkürlich lächeln.

Tess gestikulierte heftig, in der einen Hand eine Flasche Tequila, in der anderen eine Tüte mit Zitronenstücken. „Den Schnaps habe ich, also lass uns losziehen und Männer suchen.“

„Danke für deinen Versuch, mich aufzumuntern, aber ich muss mich nicht betrinken oder einen One-Night-Stand haben, um mein Ego zu stärken. Es war für uns beide besser so, dass Ken mir den Laufpass gegeben hat.“

„Wirst du wohl damit aufhören?“ Tess schraubte den Deckel der Tequilaflasche ab und warf ihn hinter sich. Er landete auf dem Boden, der noch weich war vom seltenen frühmorgendlichen Regen im Mai in Phoenix.

„Womit aufhören?“

„Die Sache zu beschönigen. Du bist an deinem Hochzeitstag verlassen worden, da hast du allen Grund, schwer gekränkt zu sein.“

„Im Ernst, es macht mir überhaupt nichts aus. Ehrlich gesagt …“

„Ja?“

Abby senkte die Stimme. „Ich bin erleichtert.“

Tess gab einen verächtlichen Laut von sich. „Wie dem auch sei, Ken hat dich gedemütigt. Wenn ich versetzt worden wäre, würde ich mir eine Axt schnappen und den Kerl entmannen.“

„Du und dein Hang zum Dramatischen.“

„He …“, Tess schnippte mit den Fingern, „… soll ich ihn mir vorknöpfen? Ich stehe dir zur Verfügung.“

„Ich weiß deine Treue zu schätzen, aber wir sollten ihn lieber nicht entmannen, sonst hat er keine Zukunft mit Racy Racine.“

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er mit einer Stripteasetänzerin durchgebrannt ist.“ Tess trank einen Schluck Tequila, verzog das Gesicht und biss in ein Zitronenstück. Dann reichte sie Abby die Flasche.

Abby lehnte kopfschüttelnd ab. Die rostigen Metallketten der Schaukel quietschten. „Ich hätte nur nicht erwartet, dass Ken etwas tut, was so wenig zu ihm passt. Ich meine, ich wollte ihn heiraten, weil er ein so gefestigter, bodenständiger und verlässlicher Mann war.“

„Und weil er deinem Dad gefiel.“

„Das auch.“

„Weißt du was? Ich finde, wir sollten deine Flitterwochentickets umtauschen und eine Reise machen. Du hast ohnehin zwei Wochen frei, und ich bin momentan ohne Job. Lass uns irgendetwas Verrücktes unternehmen. Wie zum Beispiel nach New Orleans fahren und uns die Zungen piercen lassen.“

„Autsch! Nein!“

„Komm schon, ich habe gehört, es soll sexuell stimulierend sein“, versuchte Tess sie zu überreden.

Abby verdrehte die Augen. „Du hältst fast alles für sexuell stimulierend. Ich finde, Sex wird im Allgemeinen überbewertet.“

Tess grinste. „Das sagst du nur, weil du noch nie großartigen Sex hattest.“

„Ich verstehe nicht, was daran so toll sein soll.“

Tess seufzte und fuhr sich durch die kurzen roten Haare. „Du meine Güte, Abby, lässt du dich denn nie einfach mal treiben?“

„Du weißt, was ich davon halte, die Kontrolle über mich zu verlieren. Es ist würdelos und zerstörerisch.“

„Los, sag die Wahrheit. Hast du nicht insgeheim von einem wilden, leidenschaftlichen Mann fantasiert, wenn du mit dem langweiligen, spießigen Ken geschlafen hast?“

„Tess!“

„Beantworte einfach meine Frage.“

„Manchmal“, murmelte Abby. Ständig, dachte sie, und deshalb lag ihr auch so viel daran, ihre sexuellen Begierden unter Kontrolle zu halten. Sie wusste aus Erfahrung, welchen Schaden zügellose Leidenschaft anrichtete, und daher fürchtete sie sich davor.

Tess’ Augen leuchteten. „Erzähl! Ist es jemand Berühmtes? Oder ist dein Traumliebhaber jemand, den du kennst?“

„Ich möchte lieber nicht darüber sprechen“, erwiderte Abby, doch sofort erschien Durango Creed vor ihrem geistigen Auge.

In ihrer Fantasie sah er noch genauso aus wie mit achtzehn, als er für immer aus ihrem Leben verschwunden war. In schwarzer Jeans, schwarzer Lederjacke und schwarzem Whitesnake-T-Shirt saß er auf seiner Ducati und flehte Abby an, mit ihm durchzubrennen. Sein markantes, attraktives Gesicht glänzte im Mondlicht, sein schulterlanges schwarzes Haar war vom Wind zerzaust, seine dunklen Augen funkelten. Und sein sexy Grinsen verhieß nichts als Ärger. Er war das genaue Gegenteil des Ritters in glänzender Rüstung gewesen.

In ihren Tagträumen sehnte Abby sich danach, dass er tat, was sein Lächeln verhieß, doch in Wirklichkeit hatte sie ihn fortgeschickt, ohne diese gefährliche Grenze zu überschreiten. Sie war nicht ihren Impulsen gefolgt.

Zum Glück. Das war das Klügste, was sie je getan hatte.

Zumindest redete sie sich das ein.

„Das ist das erste Mal, dass du auch nur andeutest, geheime erotische Fantasien zu haben“, bemerkte Tess. „Erzähl mir davon.“

„Es ist dumm. Unlogisch. Und ich sollte es besser wissen.“ Abby stocherte mit der Schuhspitze in der Erde, die in diesem Teil von Arizona eine dunkelrote Färbung hatte. Damit ruinierte sie zwar ihre Schuhe, aber wen interessierte das noch?

„Abby, jeder hat Sexfantasien. Das ist ganz natürlich. Ehrlich, ich habe schon langsam gedacht, du wärst nicht normal. Es macht mir Mut, zu hören, dass du einen Fantasieliebhaber hast.“

„Das soll normal sein? Seit zehn Jahren? Sogar noch, wenn man verlobt ist? Für mich klingt das nicht normal. Ich hätte von keinem anderen fantasieren dürfen als von Ken.“

„Wenn du von Ken fantasiert hättest, würdest du jetzt hier sitzen und dir die Augen aus dem Kopf weinen, weil er dich sitzen gelassen hat.“

„Wenn ich von meinem netten, zuverlässigen Ken fantasiert hätte, statt von dem wilden Rebellen von vor langer Zeit, wäre ich vielleicht nicht sitzen gelassen worden.“

„Du meine Güte.“ Tess klatschte erfreut in die Hände. „Dein geheimer Liebhaber ist Durango Creed!“

„Nein, ist er nicht“, log Abby rasch und musste sich das Spitzentaschentuch vor die Nase halten, um ein Niesen zu unterdrücken.

„Siehst du, was ich meine? Wenn du nicht aufhörst, dir hinsichtlich deiner Sehnsüchte etwas vorzulügen, kriegst du noch einen schweren allergischen Anfall. Außerdem ist das nichts, weswegen man sich schämen müsste, schließlich war die Hälfte der Frauen in Phoenix in Durango vernarrt.“

„Genau deswegen hatte ich … Ich bin nicht in ihn vernarrt.“ Abby nieste ein drittes Mal.

„Dafür niest du aber ziemlich oft.“

„Na schön, ich habe für ihn geschwärmt“, räumte Abby widerwillig ein.

„War das so schwer zu zuzugeben?“

Ja. Aber wenigstens nieste sie nicht mehr. „Was soll’s, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich bin sicher, Durango hasst mich. Ich war so gemein zu ihm.“

„Oh, bitte, du warst noch nie zu jemandem gemein.“

„Ich wollte ihm nicht vertrauen. Ich habe ihm gesagt, ich könnte mit einem gemeinen Kriminellen keine Zukunft haben.“ Selbst heute noch bereute sie diese Worte.

„Du hast es getan, um dich selbst zu schützen. Was hättest du sonst tun sollen? Inzwischen dürfte er wohl darüber hinweggekommen sein. Was hat er sich überhaupt dabei gedacht, dir ein Ultimatum zu stellen, dich zwischen ihm und deinem Leben in Silverton Heights zu entscheiden?“

„Er war verletzt und durcheinander. Es war ein harter Schlag für ihn, als sein Vater nur vier Monate nach dem Tod seiner Mutter eine Frau heiratete, die halb so alt war wie er. Und dann stellte sein Vater sich auch noch auf die Seite seiner neuen Frau und gegen seinen Sohn …“

„Die Sache wurde nicht gerade besser dadurch, dass dein Vater Durango eine Woche ins Gefängnis steckte, weil er das Lagerhaus seiner Stiefmutter mit Graffiti beschmiert hatte“, pflichtete Tess ihr bei.

Abby schüttelte den Kopf. Es war eine schwere Zeit für sie gewesen. Und noch schwerer für Durango. „Können wir mit dieser Unterhaltung aufhören?“, bat sie.

„Jetzt wo ich dich endlich durchschaut habe? Kein Wunder, dass du froh darüber bist, dass Ken mit Racy Racine durchgebrannt ist. Du liebst Durango immer noch.“

„Ich habe ihn nie geliebt. Das war bloß eine Teenagerschwärmerei.“

„Na schön, aber dann bist du heiß auf ihn, weil du ihn hast entwischen lassen.“

„Ich bin nicht heiß auf ihn, verdammt. Es ist bloß eine dumme Fantasie.“

„Oh, pass lieber auf“, warnte Tess sie, „sonst niest du gleich wieder. Willst du nicht doch einen Schluck Tequila?“

„Alkohol hilft auch nicht weiter.“

„Was dann?“

Abby verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich weiß es nicht.“

„Ich aber.“

Sie warf Tess einen Blick von der Seite zu. „Und?“

„Du musst dich davon befreien.“

„Wovon?“

„Von Durango.“

„Unsinn!“, protestierte Abby.

„Ich meine es ernst. Als er die Stadt verließ, bliebst du zurück und fragtest dich, wie es wohl gewesen wäre, wenn ihr zwei zusammengekommen wärt. Wahrscheinlich fühlst du dich noch immer schuldig, weil du ihm wehgetan hast, auch wenn wir beide wissen, dass dir keine andere Wahl blieb.“

„Ich hätte nicht mit ihm gehen können. Ich war erst siebzehn, und mein Vater war außer sich.“

„Ich stimme dir vollkommen zu, aber offenbar hast du in den letzten zehn Jahren diese Fantasie von ihm entwickelt, der kein realer Mann gerecht werden kann, schon gar nicht jemand so Langweiliges wie Ken. Um den Dämon Durango auszutreiben, wäre es am besten, du findest ihn und lebst deine Fantasie aus.“

„Wahrscheinlich ist er verheiratet und hat einen Haufen Kinder, die alle die gleichen faszinierenden dunklen Augen haben.“

„Er ist nicht verheiratet.“

Abby stutzte, und ihr Puls beschleunigte sich. „Woher weißt du das?“

„Ich habe im ‚Arizona Magazin‘ vor einigen Monaten einen Artikel über ihn gelesen. Er macht ehrenamtlich Abenteuertouren mit schwierigen Jugendlichen, und der Reporter betonte, er sei ein begehrter Junggeselle.“

Abby hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nichts mehr hören. „Reden wir nicht mehr über ihn.“

„Na schön, vergiss Durango. Dann such dir eben einen Ersatz und leb mit dem deine Fantasie aus. Irgendein rebellischer Typ tut es ebenso gut.“

Abbys Herz zog sich zusammen.

Tess’ Vorschlag war sinnvoll, denn inzwischen bereiteten Abby ihre mitternächtlichen Fantasien tatsächlich Sorgen. Sie konnte sie einfach nicht loswerden. Dabei wollte sie wirklich nicht mehr an Durango denken, weil sie sonst nie frei sein würde für einen verlässlichen Mann wie Ken.

„Ich habe nur nicht den Mut für eine wilde Affäre. Du kennst mich, Tess. Ich gehöre zu den Leuten, die einen Testbericht in einer Verbraucherzeitschrift studieren, bevor sie ihre Zahnpastamarke wechsle. Kannst du dir da vielleicht vorstellen, wie ich mit dem erstbesten halbwegs gut aussehenden Kerl ins Bett hüpfe?“

„Oh-oh“, warnte Tess sie. „Apropos in Bett hüpfen, da kommt Cassandra.“

Abby seufzte und sah zu ihrer Mutter, die einen hautengen Minirock und Zehn-Zentimeter-Absätze trug. Mit Trippelschritten kam sie über den Spielplatz auf sie zu, ein Glas Champagner in der einen Hand, eine dünne braune Zigarette in der anderen.

„Wenigstens hat sie ihren jungen Liebhaber nicht dabei“, stellte Tess fest.

„Zum Glück.“

„Weißt du was?“, sagte Tess und sprang von der Schaukel. „Ich werde unser Reisebüro anrufen, um die Flitterwochentickets für Aruba umzutauschen. Heute Abend könnten wir zu einer aufregenden Reise aufbrechen. Las Vegas, New Orleans, Miami … was meinst du?“

„Ich sage, du läufst gerade weg, damit du nicht mit Cassandra reden musst“, warf Abby ihrer Freundin vor.

„Na ja.“ Tess grinste. „Soll ich dir den Tequila dalassen? Vielleicht brauchst du ihn.“

„Wahrscheinlich trinkt sie die ganze Flasche leer.“

„Gutes Argument.“ Tess klemmte sich die Flasche unter den Arm. „Der Tequila bleibt bei mir.“

Tess und Cassandra schenkten sich im Vorbeigehen ein gekünsteltes Lächeln. Aus irgendeinem Grund konnten Tess und Abbys Mutter sich nicht leiden. Abby nahm an, die Feindseligkeit hatte damit zu tun, dass die beiden sich so ähnlich waren.

„Hallo, Schätzchen.“ Abbys Mutter duftete nach ihrem typischen Geißblattparfüm und der Zigarette. Sie setzte sich auf die Schaukel.

„Hallo, Cassandra.“

Cassandra tätschelte zärtlich Abbys Schulter. „Du darfst mich heute Mom nennen, wenn du willst.“

Abby schüttelte den Kopf. Nachdem ihre Mutter ihren Vater verlassen hatte, hatte ihre Mutter darauf bestanden, dass Abby sie Cassandra nannte, damit die Männer, mit denen sie sich traf, nicht wussten, dass sie alt genug war, um eine achtjährige Tochter zu haben. Als Abby älter wurde, plünderte Cassandra ihren Kleiderschrank und flirtete mit Abbys Freunden.

Mit allen bis auf Durango. Ihn hatte Abby ihrer Mutter nie vorgestellt.

„Wie geht es dir?“ Cassandra leerte ihr Champagnerglas und stellte es auf die Rutsche.

„Es geht.“

„Dein Vater scheint sich die Sache sehr zu Herzen genommen zu haben. Er entschuldigt sich bei den Gästen, als sei er derjenige, der etwas falsch gemacht hat.“

„Ken war sein Wahlkampfmanager, und jetzt muss er ihn feuern. Das bereitet ihm Kummer. Außerdem fühlt Daddy sich verantwortlich, weil er uns zusammengebracht hat und er Ken wirklich mag.“

„Ja, ja, Gleich und Gleich gesellt sich gern“, murmelte ihre Mutter.

„Bitte fang nicht wieder damit an.“

„Du hast recht. Kein Grund, kleinlich zu werden, aber ich wette, dein Vater hat durch die geplatzte Hochzeitsfeier viel Geld verloren. Trotzdem unterstelle ich ihm mal, dass er sich mehr Sorgen um dich macht als darum, wie die Wähler auf dieses Ereignis reagieren.“

Abby nahm sich zusammen. Sie hatte jahrelange Erfahrung darin, bei Streitereien zwischen ihren Eltern zu vermitteln. Das war ein ausgezeichnetes Training gewesen für ihren späteren Job als PR-Agentin in einer großen gemeinnützigen Organisation. Und da sie ihre Lektion gelernt hatte, ging sie jetzt auch nicht auf Cassandras Bemerkung ein.

„Es interessiert niemanden, dass ich versetzt wurde. Daddy kandidiert für den Posten des Gouverneurs, nicht ich. Und wegen der Kosten für die Hochzeit brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“ Als wäre ihre Mutter tatsächlich besorgt. „Daddy hat eine Versicherung abgeschlossen.“

„Natürlich hat er das.“ Cassandra lachte trocken und zog an ihrer Zigarette. „Wayne ist äußerst vernünftig.“ Sie sprach das Wort „vernünftig“ aus, als sei es ein unanständiger Ausdruck.

Sie schwiegen einen Moment. Cassandra rauchte, Abby kickte noch mehr Dreck auf ihre Pumps.

„Möchtest du Schuhe kaufen gehen oder so?“, wollte ihre Mutter wissen. Ein Schlussverkauf für Designerschuhe war Cassandras Mittel gegen jede Art von Kummer.

„Mir geht’s gut.“ Abby zwang sich zu einem Lächeln. „Ehrlich. Du kannst beruhigt mit Tad zurück nach Lake Tahoe fahren, ohne dich schuldig zu fühlen.“

„Er heißt Tab, Schätzchen.“

„Wie auch immer.“

Cassandra strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Ken war nicht der Richtige für dich. Das weißt du.“

„Ich glaube, als er nicht vor dem Altar erschien, habe ich es auch gemerkt.“

„Du bist viel zu leidenschaftlich für einen Dummkopf wie ihn.“

„So dumm kann er nicht sein, immerhin hat er Racy Racines Aufmerksamkeit erregt.“

Cassandra winkte ab. „Das wird nicht lange gut gehen. Die Stripperin hat es nur auf sein Geld abgesehen. Sobald sie herausgefunden hat, dass er so aufregend ist wie ein Stück Holz, wird sie mit seiner Brieftasche verschwinden. Und dann wird er zu dir zurückgekrochen kommen. Aber wag es ja nicht, ihm noch eine Chance zu geben! Wie ich schon sagte, du bist viel zu leidenschaftlich für ihn.“

Abby lachte humorlos. „Klar. Ich bin so lebendig, dass mich sogar der langweilige Ken verlässt.“

„Du versteckst deine Leidenschaft nur, weil du Angst hast, dass du wie ich wirst, wenn du sie herauslässt.“

„Ich bin nicht wie du. Nicht im Mindesten“, protestierte Abby und nieste.

„Streite es ab, soviel du willst, Schätzchen. Dein Niesen sagt alles.“

„Ich habe Allergien!“

„Wie kommt es dann, dass du nur niest, wenn sich das Gespräch um das Thema Leidenschaft dreht?“

„Ich niese auch bei anderen Gelegenheiten.“

„Wirklich?“

„Ja.“ Nein, dachte Abby.

Cassandra lächelte wissend. „Ob es dir gefällt oder nicht, in deinen Adern fließt mein feuriges Blut, und durch diese Niesattacken versucht die Natur, es dir klarzumachen.“

Abby dachte an Durango, und Angst beschlich sie. Konnte es wahr sein? Saß sie auf einem Vulkan der Leidenschaft, der nur darauf wartete, auszubrechen und jeden in ihrer Nähe ins Verderben zu stürzen? Sie schluckte. „Das ist nichts, was ein gutes Antihistamin nicht kurieren könnte.“

„Das hättest du wohl gern. In Wahrheit sehnst du dich danach, deinen geheimen Begierden nachzugeben. Tief in deinem Innern weißt du es auch.“

„Du irrst dich. Ich habe keine geheimen Begierden“, log Abby und zog die Nase kraus, um nicht zu niesen.

„Wieso ist Tess dann deine Freundin?“

„Weil ich sie mag.“

„Und wieso magst du sie?“

„Weil sie witzig ist.“

„Genau. Du hast sie zu deiner besten Freundin gemacht, damit du indirekt durch sie leben kannst. Sie tut stellvertretend für dich all die Dinge, vor denen du Angst hast. Doch früher oder später wird deine Leidenschaft ausbrechen, ganz gleich, wie sehr du sie zu unterdrücken versuchst. Genau wie bei mir.“

„Nicht wenn ich mich dagegen wehre.“

„Es ist stärker als du, Liebes. Der Himmel weiß, dass ich versucht habe, Wayne eine gute Frau zu sein und dir eine gute Mutter. Ich habe versucht, das typische Leben einer Hausfrau in einem schicken Vorort zu leben, aber es ging einfach nicht. Ich fühlte mich eingeengt und erstickt. Ich wollte ich selbst sein und mich nicht dafür entschuldigen müssen.“

„Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen.“

„Das tue ich auch nicht. Begreifst du es nicht? Ich versuche dich zu warnen.“

„Mich warnen?“

„Sobald du erst einmal die Büchse der Pandora geöffnet und deine wahre Leidenschaft befreit hast, musst du dich vorsehen. Es gibt nämlich kein Zurück.“

„Dann sagst du also, dass es gut ist, wenn ich meine unvernünftigen Begierden zugunsten einer sachlichen, abwägenden Haltung unterdrücke?“, meinte Abby.

„Nein, ich sage, dass du dich früher oder später deinem wahren Ich stellen musst. Und wenn du das tust, werden auch deine Allergien aufhören. Du kannst nicht ewig versuchen, vollkommen zu sein, nur um deinen Vater zufriedenzustellen.“

„Das ist so abwegig, dass es lachhaft ist.“

„Ach ja?“

„Ja.“

„Dann beweis es“, forderte ihre Mutter sie auf.

„Beweisen?“ Abby stutzte. Wovon sprach Cassandra?

„Lass dich gehen. Mach etwas total Verrücktes.“

„Etwas total Verrücktes“, wiederholte Abby wie ein Echo.

„Genau. Klär es mit dir selbst. Zeig ein für alle Mal, dass du nicht so bist wie ich“, fuhr Cassandra fort. „Mach eine Reise irgendwohin, wo du niemanden kennst, und schnapp dir einen Fremden. Hab tollen Sex. Eifere Tess nach.“

„Dazu habe ich keinen Grund.“

„Nein? Willst du mir etwa weismachen, dass dich keine geheimen Fantasien plagen, einmal auszubrechen aus deinem braven Leben?“

Abby schluckte, antwortete jedoch nicht.

„Probier es. Wenn ich mich irre und du nicht so bist, wie ich vermute, wird nichts passieren. Du wirst lediglich mit ein paar hübschen Erinnerungen heimkehren und dein braves Leben wieder aufnehmen, in der beruhigenden Gewissheit, dass die Leidenschaft dich nie dazu treiben wird, deinen Mann und dein Kind zu verlassen.“

„Ich werde daran denken. Danke für die Anregung.“ Abby saß auf ihren Händen, damit Cassandra das Zittern nicht bemerkte. „Dein mütterlicher Rat ist in diesem Stadium meines Lebens von unschätzbarem Wert.“

„Warum bist du so sarkastisch?“ Cassandra wirkte amüsiert.

„Entschuldige, ich hatte einen schlechten Tag.“

„Na los, wehr dich. Behaupte dich. Zeig Leidenschaft.“

Doch Abby hatte nicht vor, ihrer Mutter den Gefallen zu tun und die Beherrschung zu verlieren. „Ich wünsche dir eine gute Heimreise.“

„Ich werde entlassen?“ Das Grinsen ihrer Mutter wurde breiter. Sie stand auf und nahm ihr leeres Champagnerglas.

„Ich habe dich lieb, Mom“, sagte Abby. „Aber in dieser Sache werden wir nie einer Meinung sein.“

„Oh, du mein liebes, unschuldiges Mädchen.“ Cassandra gab ihr einen Kuss auf die Wange und stolzierte davon.

Zwei Minuten, nachdem ihre Mutter ins Gemeindezentrum zurückgegangen war, kam Tess wieder herausgehüpft. Sie strahlte und wedelte mit einem Blatt Papier. „Ich habe genau das richtige Reiseziel für uns gefunden!“

Mit einem flauen Gefühl im Magen fragte Abby sich, ob sie wohl in Las Vegas würfeln oder in New Orleans Cocktails schlürfen würden. Sollte sie das wirklich tun?

Sie nieste in ihr Spitzentaschentuch. Ihr fielen Kens Abschiedsworte wieder ein, als er sie angerufen hatte, um ihr mitzuteilen, dass er nicht zur Trauung kommen würde.

„Du bist einfach nicht feurig genug, Abby. Sieh dich doch mal an. Wenn ich dir wirklich etwas bedeuten würde, wärst du eifersüchtig auf Racine und würdest mir die Augen auskratzen für das, was ich getan habe. Stattdessen sagst du, es sei in Ordnung. Genau das ist es, was zwischen uns nicht stimmt und weshalb ich dich nicht heiraten kann: Da ist kein Feuer.“

Und dann hörte sie Tess sagen: „Um den Dämon Durango auszutreiben, wäre es am besten, du findest ihn und lebst deine Fantasie aus.“

Und zum Schluss dachte sie an die provozierenden Worte ihrer Mutter: „Lass dich gehen. Tu etwas total Verrücktes. Beweis ein für alle Mal, dass du nicht wie ich bist.“

Einerseits wollte Abby diese Herausforderung annehmen. Etwas riskieren. Ihre Fantasien bezwingen.

Andererseits hatte sie Angst. Was, wenn ihre Mutter recht hatte und sie sich tatsächlich so ähnlich waren?

„Erde an Abby.“ Tess schnippte mit den Fingern vor Abbys Gesicht.

„Wie?“

„Willst du gar nicht wissen, wohin wir verreisen?“

Abby schloss die Augen und machte sich auf das Schlimmste gefasst. „Na los.“

„Wir gönnen uns eine Verwöhnwoche im ‚Tranquility Spa‘ in Sedona.“

Abby öffnete ein Auge. „Sedona? Wirklich?“

„Ja.“

„Du nimmst mich nicht auf den Arm? Wir fahren ins ruhige, verschlafene Sedona? Mit seinen roten Tafelbergen und diesen geheimnisvollen Kraftorten, die man Vortexes nennt?“

„Ich fand, Ruhe und Frieden sind das, was du wirklich suchst.“

Abby war ihrer Freundin unendlich dankbar. Genau diese Art von Erholung brauchte sie. Auf Trubel konnte sie gut verzichten. Sie musste sich nicht ausgeflippt benehmen, um sich selbst zu beweisen. Alles, was sie brauchte, war ein friedlicher Ort, an dem sie sich entspannen und ein wenig Abstand gewinnen konnte.

Sie sprang von der Schaukel und umarmte Tess. „Danke.“

„He“, sagte Tess, „wozu hat man schließlich Freunde?“

„Aber was ist mit dir? Du wolltest Spaß und Abenteuer und Sex.“

„Na ja.“ Tess grinste. „Mein Fantasie-Lover Colin Cruz dreht zufällig gerade einen Film in Sedona. Ich hoffe, wir können bei den Dreharbeiten zusehen. Weißt du, was ich außerdem gehört habe?“ Sie senkte die Stimme.

„Was?“

„Die Erdenergien in Sedona steigern die Intensität sexueller Höhepunkte.“

„Du machst Witze!“

„Anscheinend gibt es keinen besseren Sex als in so einem Kraftfeld.“

2. KAPITEL

„Guten Morgen, Süßer“, meldete sich die tiefe, heisere Stimme von Connie Vargas über Funk aus der Zentrale von Sunrise Jeep Tours.

„Morgen, Connie.“ Durango Creed grinste. Connie war mindestens fünfundsechzig, aber sie flirtete, als wäre sie sechzehn. Er bewunderte den Schwung dieser Frau. Sie ließ sich von ihrem Alter nicht bremsen. „Hast du gut geschlafen?“

„Nicht allzu gut, Cowboy“, erwiderte sie. „Du warst nicht in meinem Bett.“

„Glaub mir, Connie, ich könnte mit dir nicht mithalten.“

Sie lachte. „Klar, sicher. Ich habe die Gerüchte über dich gehört.“

„Ach, das sind doch alles nur Lügen.“

„Und was ist mit den vielen Frauen aus der Stadt, die herkommen und dich als Führer wollen? Willst du mir etwa weismachen, dass du denen keinen zusätzlichen Service anbietest?“

Durango tat beleidigt. „Ziehst du etwa meine Ehrenhaftigkeit in Zweifel?“

„Nein, aber vielleicht gerät deine Ehrenhaftigkeit bei deinen nächsten Kundinnen ins Wanken.“

„Wie?“

„Du sollst jemanden vom ‚Tranquility Spa‘ für die Vortex-Tour abholen. Der Name ist Baxter. Es handelt sich um zwei Damen, und die eine Lady hat extra nach Durango Creed gefragt. Sie hörte sich sehr sexy an.“

„Ich fahre hin.“

„Na klar, Cowboy. Over und Ende.“

Durango grinste und lenkte seinen leuchtend orangefarbenen Jeep die schmale L’Auberge Lane hinauf. Er fuhr in westlicher Richtung, wo das extravagante Hotel lag. Er fuhr am „Black Cow Café“ vorbei und bog an der Kreuzung rechts ab.

Aus dem Augenwinkel nahm er Cathedral Rock wahr, der majestätisch in der Ferne aufragte. Die Sonne brach durch die Wolken und ließ die Bergformation aussehen, als sei sie in Bewegung. Der Anblick dieser Tafelberge weckte jedes Mal wieder tiefe Ehrfurcht in Durango.

Er bog in die Einfahrt des Hotels und verlangsamte sein Tempo so weit, dass er dem Wachmann am Tor seinen Ausweis im Vorbeifahren zeigen konnte. Der Wachmann winkte ihn durch, und er fuhr zum Vordereingang.

Unter der Markise standen zwei Frauen. Die eine war eine schlanke Rothaarige, die ein dünnes Kleid und hochhackige Sandaletten trug, die zum Wandern auf den Bergpfaden völlig ungeeignet waren. Typisch Touristin, dachte er.

Die andere Frau war eine atemberaubend schöne Brünette, die weiße Designershorts und ein rotes Top mit V-Ausschnitt anhatte, das ihre wundervollen Brüste hervorhob. Ihre Wanderstiefel ließen ihre Beine noch aufregender wirken. Ihre Augen waren hinter einer teuren Designersonnenbrille verborgen. Ein großer Strohhut schützte ihr Gesicht vor der Sonne.

Verlangen erwachte in Durango.

Seltsamerweise sah die Fremde einer Frau ähnlich, die er vor langer Zeit gekannt hatte. Vielleicht fühlte er sich deshalb sofort zu ihr hingezogen.

Etwas in seiner Brust zog sich zusammen.

Es musste am Licht oder seiner Einbildungskraft liegen, dass er glaubte, diese Frau zu kennen. Er stellte den Motor aus und sprang aus dem Wagen.

„Hallo, ich bin von Sunrise Tours. Warten Sie auf …“, fragte er die Rothaarige und stutzte, als die Brünette nach Luft schnappte. Hastig nahm sie die Sonnenbrille ab.

Durangos Herz hämmerte in seiner Brust, und er bekam feuchte Hände, als er in die vertrauten braunen Augen sah.

Es ist Abby, dachte er im gleichen Augenblick, als sie „Durango Creed“ flüsterte.

In dem Moment, als sie Durango aus dem Jeep steigen sah, wusste Abby, dass man sie hereingelegt hatte.

„Tess Baxter, was hast du getan?“, zischte sie.

Tess lachte. „Betrachte es als Zeichen meiner Dankbarkeit dafür, dass die Hochzeit geplatzt ist.“

Bevor Abby sich weiter beklagen konnte, versperrte Durango ihr mit seiner sexy Statur die Sicht. Der Mann war beeindruckender als die roten Felsen um sie herum.

Abby ballte die Fäuste und zwang sich, normal zu atmen. Leider sah er noch besser aus als früher. Ihr Puls beschleunigte sich unwillkürlich. Einerseits wollte sie am liebsten vor der Intensität seiner Augen fliehen, andererseits sehnte sie sich danach, sich ihm einfach in die Arme zu werfen.

Sie tat weder das eine noch das andere.

Fünf Jahre PR-Arbeit und siebenundzwanzig Jahre als Tochter eines einflussreichen Richters hatten sie gelehrt, ihre Gefühle zu kontrollieren und stets angemessen zu reagieren. Also hielt sie ihm die Hand hin, setzte ein künstliches Lächeln auf und wiederholte seinen Namen.

„So, so“, sagte er und ignorierte ihre ausgestreckte Hand. „Wenn das nicht Angel Archer ist.“

Ihren alten Spitznamen zu hören wühlte Abby auf. Sie hatte vergessen, dass er sie früher so genannt hatte – Angel bedeutete Engel –, weil sie so brav gewesen war.

Sie stand mit ausgestreckter Hand da und kam sich töricht vor, weil sie nicht wusste, wie sie die Hand würdevoll wieder zurückziehen sollte.

Durango musterte sie mit einem Blick, der ihr das Gefühl gab, vollkommen nackt zu sein. Sie kam sich verletzlich und ausgeliefert vor, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

Ihre Nase kribbelte.

Zum Glück hatte sie unterwegs Antihistamine gekauft, obwohl sie davon immer einen trockenen Mund bekam. Das war immer noch besser, als ständig zu niesen.

„Du erinnerst dich nach all den Jahren noch an mich“, bemerkte er.

„Natürlich erinnert sie sich an dich“, plapperte Tess los. „Sie hat sogar noch erotische Träume von dir und …“

Abby trat ihrer Freundin auf den Fuß.

„Au!“ Tess starrte sie wütend an und hüpfte übertrieben auf einem Bein.

Durango grinste. „Und da wolltest du dich mit einem Händeschütteln zufriedengeben? Du hast dich kein bisschen geändert, Angel. Du hältst noch immer deine Gefühle unter Kontrolle.“

„Ich glaube nicht, dass …“, begann Abby.

„Komm her.“ Er trat auf sie zu, schloss sie in seine Arme und hob sie hoch.

Du liebe Zeit!

Der Kontakt mit seinem festen, muskulösen Körper machte sie benommen. Ihre Brüste wurden gegen seine breite Brust gedrückt. Er duftete herrlich nach Wind, Sonne und Leder.

Seine Muskeln wölbten sich, als er Abby an sich drückte. Seine Haare kitzelten ihr Ohr. Sein Kinn berührte ihre Wange, und das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln erregte sie.

Sie begehrte ihn.

Abby erstarrte. Mit deutlicher Klarheit erinnerte sie sich plötzlich wieder, weshalb sie vor all den Jahren nicht Partei für ihn ergriffen hatte, als alle in Silverton Heights sich gegen ihn gewandt hatten.

Sie hatte zu viel Angst gehabt.

Seine Ausstrahlung war zu überwältigend und einschüchternd, seine Leidenschaft zu explosiv. Abby war das brave Mädchen gewesen, das böse zu enden drohte, genau wie ihre unverbesserliche Mutter.

Durango hielt sie weiter fest und lachte. In seinen dunklen Augen lag ein mutwilliges Funkeln. Abby nahm sich zusammen und wartete darauf, dass er sie endlich wieder herunterließ.

In ihrer Erinnerung sah sie sich als das schüchterne Mädchen, das sich einst danach gesehnt hatte, ihrer heißen Leidenschaft nachzugeben, es aus Furcht jedoch nicht gewagt hatte. Deshalb hatte sie all die Jahre von Durango fantasiert.

Endlich ließ er sie herunter und musterte sie noch einmal von oben bis unten. „Du siehst toll aus“, bemerkte er heiser.

Abby senkte den Blick. Du auch, wollte sie sagen, doch stattdessen murmelte sie: „Danke.“

„Lebst du noch immer in Phoenix?“

„Ja.“

„Sie wohnt noch immer bei ihrem Vater.“ Tess verdrehte die Augen. „Natürlich sollte sie heiraten, aber daraus wurde nichts. Der Bräutigam ließ sie am Hochzeitstag wegen einer Stripperin sitzen. Zum Glück. Ken war nicht der Richtige für sie.“

„Ken Rockford?“ Durango räusperte sich.

Auf der privaten High School des Vororts Silverton Heights, die sie alle drei besucht hatten, waren Durango und Ken Erzfeinde gewesen. Während Ken Klassensprecher und Quarterback des Footballteams gewesen war, war Durango der Rebell gewesen, der heimlich rauchte.

Abby nickte, sah ihn jedoch nicht an. Vielen Dank, Tess, dass du die Situation noch peinlicher gemacht hast, als sie ohnehin schon war, dachte sie.

Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus.

„Ich bin übrigens Tess.“ Sie trat einen Schritt vor, um ihm die Hand zu schütteln. „Erinnerst du dich an mich? Als du mit Abby gingst, besuchte ich ein Internat, aber wir sind uns in dem Jahr auf der Weihnachtsfeier deines Vaters begegnet.“

„Warst du früher nicht blond?“, fragte er.

„Ja, und davor brünett. Einmal habe ich mir die Haare sogar in drei Tönen gefärbt – brünett, rot und blond.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht so wie Abby, die ihr ganzes Leben die gleiche Frisur hat. Ich langweile mich schnell.“

Durango lachte. „Du gefällst mir, Tess.“

„Du gefällst mir auch.“

Verdammt, flirtete Tess mit ihm? Und kritisierte sie etwa ihre Frisur? Eifersucht erwachte in Abby, so heftig, dass sie erschrak.

„Machen wir jetzt diese Vortex-Tour oder nicht?“, fragte sie und ärgerte sich über sich selbst, weil sie zickig klang.

„Natürlich.“ Durango nickte. „Wer will vorne sitzen?“

„Abby!“, rief Tess.

„Wir können beide hinten sitzen.“

„Nein, nein, ihr zwei müsst euch über alte Zeiten unterhalten“, verkündete Tess und schob Abby zur Beifahrerseite des Jeeps.

„Das ist wirklich nicht nötig. Ich sitze gern hinten“, versicherte Abby ihr.

Durango setzte sich hinters Steuer, und Tess schob sich auf den Rücksitz.

Durango startete den Motor, sodass Abby keine andere Wahl blieb, als den Beifahrersitz einzunehmen. Am Rückspiegel baumelte ein Medaillon an einer Kette. Die Sonne spiegelte sich in den silbernen Buchstaben auf dem roten Hintergrund und brachte sie zum Glitzern.

„Freefall“, las Abby. Freier Fall. Charakterisierte das Durango nicht treffend? Und ihre Fantasien über ihn. In ihren Träumen tauchte Durango immer als sexy Pirat oder Bandit oder Gesetzloser auf.

Sie erinnerte sich an seine Küsse, aufregend und zugleich beängstigend. Abby erinnerte sich auch daran, wie er ihr die Hand unter die Bluse geschoben und geschickt ihren BH aufgehakt hatte. Und daran, was für ein Schock es gewesen war, seine pulsierende Härte an ihrem Oberschenkel zu spüren. Sie konnte nicht vergessen, wie ihr Herz vor Aufregung und Verlangen gepocht hatte.

Offenbar hatte sich überhaupt nichts geändert.

Durango fuhr durch das Tor. Abby hielt ihren Hut fest, damit er nicht davonflog. Sie setzte ihre Sonnenbrille wieder auf und fragte: „Was ist eigentlich ein Vortex?“

„Manche bezeichnen es als Kraftwirbel oder Energiefeld. Im Grunde genommen ist es die Erdenergie, die dort wirkt.“

„Aha.“

„Diese Energie kann magnetisch sein, elektrisch oder elektromagnetisch. Einen magnetischen Vortex betrachtet man als männlich, einen elektrischen als weiblich, und eine elektromagnetischer ist neutral.“

„Und zu welchem Vortex fahren wir?“, wollte Abby wissen. Sie ertappte sich dabei, wie sie seine starken Hände am Lenkrad betrachtete.

„Wir fahren zuerst zum Cathedral Rock. Der hat überwiegend weibliche Energie.“

„Was wird dort passieren?“

„Möglicherweise gar nichts“, antwortete Durango. „Es hängt alles davon ab, wonach du suchst. Manche Menschen kommen auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen nach Sedona. Andere wollen ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden stärken. Wieder andere suchen Orientierung, weil sie an einem Scheideweg stehen. Sedona ist ein guter Ort, um in sich zu gehen und herauszufinden, was man wirklich will.“

Genau das traf auf Abby zu. Nur hatte sie keine Ahnung, was sie wirklich wollte.

„Welche Art von Orientierung können einem diese Erdenergien geben?“, fragte sie.

„Wenn du die Kraft an dich heranlässt, können sie dir für jeden Weg, den du gehen willst, Kraft geben.“

„Das hört sich rätselhaft an“, meldete sich Tess zu Wort.

„Es ist eine individuelle Erfahrung. Wenn man darauf eingestellt ist, kann man durch diese Energien zu Ausgeglichenheit und Harmonie finden. Oder sie können den Weg zu einem wichtigen Karrierewechsel weisen. Sie können bei Beziehungen helfen und zu einer intensiveren Wahrnehmung führen.“

„Was ist mit Sex?“, wollte Tess wissen.

„Ich bin dafür“, entgegnete Durango.

Tess kicherte. „Ich auch. Aber ich habe gehört, dass diese Erdenergien das Sexleben verbessern können.“

Durango lachte. Es klang tief und sinnlich und ließ Abby erschauern. „Wenn es das ist, was du brauchst … sicher, warum nicht?“

„Ich wette, die elektromagnetischen Energiefelder sind die aufregendsten.“ Tess beugte sich zum Vordersitz vor.

„Von der Seite habe ich es noch nie betrachtet“, gestand Durango. „Aber schon möglich, dass sie wegen des Doppelstroms die aufregendsten sind.“

„Glaubst du wirklich, dass ein Vortex eine solche Kraft hat?“, fragte Abby.

„Keineswegs“, antwortete er. „Die Kraft ist in dir. Ein Vortex ist nur so etwas wie ein Kanal. Er lässt Energie in das fließen, was du mitbringst, sei es nun positiv oder negativ.“

Abby schluckte. „Das klingt alles ziemlich abgehoben. Nach New Age.“

Und ganz und gar nicht nach dem Durango, den sie früher gekannt hatte. Der jugendliche Rebell war voller Zorn gewesen. Heute wirkte er anders. Entspannter, philosophischer, sich seines Platzes in der Welt bewusster. Außerdem schien er kein bisschen nachtragend zu sein, dass sie sich damals gegen ihn gestellt hatte. Das war schön. Sie mochte die Veränderungen an ihm.

Durango lehnte sich zu ihr herüber und drückte ihr seinen Daumen auf die Stirn. „Öffne deinen Geist, Abby. Die Welt ist viel größer als der Einflussbereich deines Vaters.“

Sie starrte ihn an. Ihre Stirn prickelte von seiner Berührung. „Was meinst du damit?“

„Finde es heraus.“ Seine funkelnden Augen provozierten sie, die gewohnten Bahnen zu verlassen. Er war so damit beschäftigt, sie anzusehen, dass er fast die Abzweigung verpasst hätte.

Die Reifen quietschten. Abby hielt die Luft an und klammerte sich an den Türgriff.

Das Medaillon vom Rückspiegel landete in ihrem Schoß. Mit zitternden Fingern hängte sie es wieder an den Spiegel.

„Juchhu!“, rief Tess vom Rücksitz. „Das hat Spaß gemacht.“

„Ich wollte nur sehen, ob ihr wach seid“, scherzte Durango.

Sie bogen in die Back O’Beyond Road ein, die sich durch die majestätischen Berge schlängelte. Andere Jeeps mit Touristen waren auf der Straße unterwegs. Nach einer Weile fand Durango einen Platz zum Parken.

„Von hier aus gehen wir zu Fuß“, verkündete er und schnallte seinen Rucksack um.

Das Wetter war angenehm – die Sonne schien, aber es war ein paar Grad kühler als in Phoenix und still und friedlich.

Abby konnte nicht glauben, dass sie ihr ganzes Leben in Phoenix verbracht hatte, ohne jemals die zweistündige Fahrt nach Sedona zu unternehmen. Ihr blieb nicht viel Zeit für Urlaub. Sie hatte zu viel mit ihrem Job, dem Haushalt ihres Vaters und seinen Wahlkämpfen zu tun. Und wenn sie sich mal freinahm, dann bevorzugte sie Reisen in die Karibik.

Denk nur, die ganze Zeit war Durango nur zwei Stunden von dir entfernt, und du wusstest es nicht.

Diese Vorstellung machte sie seltsam traurig, und sie fragte sich, wieso.

Durango ging auf dem Pfad voran. Nach nicht einmal einem Kilometer fing Tess bereits an sich zu beschweren. „Wieso hat mir niemand gesagt, dass wir so lange durch die Gegend laufen müssen?“

„Ich habe dich darauf hingewiesen, dass du lieber keine hochhackigen Sandaletten anziehen solltest“, erinnerte Abby ihre Freundin.

„Aber Wanderschuhe ruinieren mein sexy Image“, beschwerte Tess sich.

„Es ist nicht mehr weit“, sagte Durango.

„Wieso baut man keine Straßen zu den Kraftfeldern?“, jammerte Tess.

„Dann wären sie ja kein Naturerlebnis mehr“, entgegnete Abby.

Auf dem Weg den Felsen hinauf kamen sie an anderen Wanderern vorbei. Am Ende zog Tess ihre Schuhe einfach aus und trottete barfuß hinterher. Als sie auf einen großen flachen Felsen in der Mitte des Pfades stießen, sank Tess erschöpft darauf nieder.

„Geht ruhig weiter. Ich will mich eine Minute ausruhen.“

„Wir warten auf dich“, sagte Abby und setzte sich neben sie. Auf keinen Fall wollte sie mit Durango allein sein.

„Ich möchte wirklich allein sein. Um zu meditieren“, versicherte Tess ihr.

„Seit wann meditierst du?“, fragte Abby verblüfft.

„Seit ich herausgefunden habe, dass Colin Cruz sich mit fernöstlicher Philosophie beschäftigt. Wenn es dir also nichts ausmacht …“ Tess scheuchte sie weg. „Verschwindet.“

Abby wusste, was ihre Freundin im Schilde führte. Tess meinte es zwar gut, doch war Abby keineswegs dankbar.

„Na ja, lassen wir sie ein bisschen in Ruhe“, schlug Durango vor und deutete zum Berggipfel.

Widerstrebend stand Abby auf und folgte ihm. „Du und Tess, ihr seid vollkommen gegensätzlich“, bemerkte Durango, sobald sie außer Hörweite waren. „Wie habt ihr es geschafft, so lange befreundet zu sein?“

„Tess ist ein Original“, gestand Abby. „Es macht Spaß, mit ihr zusammen zu sein.“

„Und du bist die Bodenständige von euch beiden.“

„So könnte man es wohl sagen.“

Sie erreichten den Gipfel. Ein Kamera schwingender, schon etwas kahler dicker Mann mittleren Alters in Bermudashorts, einem Van-Halen-T-Shirt und schwarzen Sandalen mit karierten Socken kam ihnen entgegen.

„Ich habe überall auf diesem verdammten Berg gesucht, und nirgends war dieser blöde Vortex zu sehen“, beschwerte er sich.

„Ein Vortex ist nichts, was man sehen kann“, erklärte Durango ihm. „Es ist ein Energiefeld. Man muss es fühlen.“

Der Kerl schnaubte, murmelte etwas über New-Age-Spinner und marschierte den Pfad hinunter.

„Der war ja freundlich“, meinte Abby.

„Leute wie er tauchen hier ständig auf. Gewöhnlich kommen sie aus der Großstadt. Sie sind gehetzt und suchen für einen kurzen Augenblick innere Ruhe. Sie haben von der stärkenden Kraft der Energiefelder gehört und glauben, das sei der Weg zur sofortigen Erleuchtung. Aber das ist natürlich unmöglich.“

Abby betrachtete Durango. Er schien mit sich im Reinen zu sein, und das freute sie für ihn. „Du scheinst schon einige Erleuchtungen hinter dir zu haben.“

„Tja, mir blieb nur die Wahl, entweder zur Ruhe zu kommen oder verrückt zu werden vor Groll.“

„Bist du mir noch böse?“

„Was glaubst du?“

„Ich glaube ja.“

Er nickte. „Damals war ich sehr verletzt. Ich dachte, das zwischen uns wäre etwas Besonderes. Aber dann zeigte sich, dass ich mich geirrt hatte. Da kann man mal sehen, wie dumm Teenager sein können.“

„Das finde ich nicht“, widersprach sie.

„Nein?“

„Auch ich dachte, zwischen uns wäre etwas Besonderes.“

Er musterte sie misstrauisch. „Aber als es hart auf hart kam …“

„Was soll ich sagen? Ich war ein verängstigter Teenager.“

„Jetzt bist du erwachsen.“

„Ja.“

„Aber du hast immer noch Angst.“ Er grinste wieder, diesmal mutwilliger denn je.

Die Sonne brannte auf sie herunter. Die Luft war aufgeladen. In diesem Augenblick spürte Abby etwas. Sie wusste nicht, ob es die Energie dieses speziellen Ortes war oder etwas ganz anderes, doch ihre Haut prickelte, und sie fühlte sich plötzlich sehr aufgedreht.

Durangos Brust hob und senkte sich mit jedem Atemzug im gleichen Rhythmus wie Abbys. Sie schwankte zwischen Anziehung und Vorsicht. Ihre Blicke trafen sich, und plötzlich kam ihr diese Szene vor wie aus einem Liebesfilm.

Ein geheimnisvoller Kraftstrudel schien sie aufzusaugen und zu einem Ort zu ziehen, von dem sie nicht sicher war, ob sie überhaupt dorthin gelangen wollte.

Lauf! Lauf! schrie die vorsichtige Seite in ihr, die sie von ihrem Vater geerbt hatte.

Bleib, drängte eine andere Stimme, die ihrer Mutter zu gehören schien.

„Durango“, flüsterte Abby.

„Angel.“ Er streckte die Hand nach ihr aus.

Sie kam ihm entgegen.

Er nahm ihr den Hut ab.

Sie sah ihm ins Gesicht. Und er hätte sie geküsst, wenn sie nicht in diesem Moment hätte niesen müssen.

3. KAPITEL

Was um alles in der Welt machst du da eigentlich, Creed?

Oh, Durango wusste sehr wohl, was er da tat, und es war nicht gut. Um ehrlich zu sein, er hatte finstere Absichten.

Als er erkannt hatte, dass Frau mit dem glatten braunen Haar vor dem „Tranquility Spa“ niemand anderes war als Abby Archer, die ihm das Herz gebrochen hatte, als sie damals für ihren Vater und ihre vornehme Partei ergriff, war sein erster Gedanke Rache gewesen.

Sein zweiter, vernünftigerer Gedanke war gewesen: Vergiss es.

Zehn Jahre waren vergangen. Er dachte kaum noch an Abby und die Vergangenheit und hatte sich ein gutes Leben in Sedona aufgebaut. Dennoch steckte noch etwas von dem Rebellen von damals in ihm. Ein Teil von ihm hegte noch immer einen Groll gegen Abby und Silverton Heights.

Er war nicht stolz auf diese Gefühle, aber er konnte sie auch nicht verdrängen. Sie waren nun einmal da, und er stand zu dem, was er empfand.

Andererseits – wie konnte er Abby vorwerfen, was damals passiert war? Sie hatte getan, was sie als siebzehnjähriges Mädchen mit einem mächtigen Vater für richtig gehalten hatte. Ihr war kaum etwas anderes übrig geblieben, als sich seinem Befehl zu fügen. Vom Verstand her konnte Durango das nachvollziehen.

Tief im Innern jedoch war er noch der verletzliche Junge, der nicht begreifen konnte, weshalb er nicht gut genug für sie war.

Außerdem hatte er den großen Krach mit ihrem Vater gehabt, nicht sie. Und mit seinem Vater.

Bei der Erinnerung daran musste Durango die Zähne zusammenbeißen. Obwohl er längst darüber hinweg war, von seinem Vater zugunsten dessen berechnender Vorzeigefrau enterbt worden zu sein, konnte er bis heute nicht verstehen, wieso Phillip Creed der unverschämten Lüge Merediths mehr Glauben geschenkt hatte als seinem eigenen Sohn. Durangos Stiefmutter hatte behauptet, er habe versucht, sie zum Sex zu zwingen. Dabei war es genau andersherum gewesen – Meredith hatte versucht, sich an ihn heranzumachen.

Durango hatte versucht, seinem Vater klarzumachen, dass Merediths Vorwurf nur eine List war, weil er, Durango, illegale Machenschaften in ihrem Unternehmen entdeckt hatte, von dem sein Vater kurz zuvor Anteile erworben hatte.

Aber Durangos Vater war noch tiefer gesunken, indem er sich von Meredith dazu bewegen ließ, seinen Freund Richter Archer in die private Familienangelegenheit mit hineinzuziehen. Sein Vater überredete Abbys Vater dazu, Durango eine Woche ins Gefängnis zu sperren, nachdem er in seiner Verzweiflung eines von Merediths Lagerhäusern verwüstet hatte.

Die Erinnerung an die sieben Tage hinter Gittern würde ihn nie mehr loslassen.

Vergiss es, sagte er sich. Es ist lange her. Er war jetzt glücklich, und das allein zählte.

Sein dritter Gedanke war gewesen: Abby ist verdammt sexy. Ich muss einen Weg finden, sie ins Bett zu bekommen.

Jetzt wo er auf dem Gipfel von Cathedral Rock stand, ihr in die Augen sah und sich nach ihren sinnlichen Lippen sehnte, dachte er, dass sie ihre Leidenschaft immer noch nicht entdeckt hatte.

Er konnte sehen, dass sie verloren war und es nicht einmal wusste. Sein Herz war voller Sehnsucht, und seine Schwäche für Abby beunruhigte ihn zutiefst.

Wieso bedeutete sie ihm noch etwas?

Sie war der gleiche Mensch wie vor zehn Jahren, was schon allein die Tatsache bewies, dass sie beinah den Langweiler Ken Rockford geheiratet hätte. Sie kuschte immer noch vor ihrem Vater, leugnete das Feuer in ihr und versteckte sich vor ihrem wahren Ich.

Durango wollte ihr gern zeigen, dass ein Leben ohne Leidenschaft nichts wert war. Er sehnte sich danach, ihr zu zeigen, wie sie auf ihre eigenen Wünsche hörte und die Meinung anderer ignorierte. Zu gern hätte er sie aus dem Konzept gebracht und ihr gezeigt, was ihr entging.

„Was suchst du, Abby?“, fragte er. „Hat die Leidenschaft dich erschreckt?“

„Wie bitte?“ Sie stutzte.

„Du hast geniest.“

„Na und?“

„Früher hast du geniest, wenn es emotional brenzlig wurde.“

„Wieso sagt mir das jeder ständig?“

„Vielleicht, weil es wahr ist.“

„Es ist nicht wahr! Ich habe Allergien.“

„Klar, du bist allergisch dagegen, dich deinen Gefühlen zu stellen und herauszufinden, was du wirklich willst.“

Sie starrte ihn an.

Er hatte sie überrumpelt. Gut. „Wonach suchst du?“, wiederholte er.

„Ich … Wer sagt, dass ich nach irgendetwas suche?“

„Die meisten Leute, die nach Sedona kommen, sind auf der Suche nach etwas.“

„Ich mache einfach nur Urlaub.“

„Stimmt das? Oder bist du hier, um dir die Wunden zu lecken, nachdem Ken Rockford dich vor dem Altar stehen ließ?“ Diese Bemerkung hatte er gar nicht machen wollen, sie war ihm einfach herausgerutscht. Na schön, dachte er. Ich bin eifersüchtig. Na und?

„Es hat mir nicht das Herz gebrochen, dass Ken mich verlassen hat, falls du das meinst. Genau genommen ist das das Problem. Anscheinend bin ich zu tieferen Gefühlen nicht fähig.“

Durango wollte fragen, ob Ken sie jemals zum Niesen gebracht hatte. Stattdessen sagte er: „Ich weiß, wie dein Problem kuriert werden kann.“

„Ach ja?“ Sie runzelte skeptisch die Stirn. Durango erinnerte sich nur zu gut an diesen hochnäsigen, provozierenden Prinzessinnenblick. „Und wie?“

Eigentlich wollte er ihr sagen, sie solle sich gehen lassen und einmal in ihrem Leben etwas Riskantes tun. Doch ihre unnahbare, arrogante Haltung reizte ihn, ihr einen Dämpfer zu verpassen.

„Zum Beispiel so.“

Ehe er selbst so recht wusste, was er tat, zog er sie an sich und presste seine Lippen auf ihre. Zuerst wehrte Abby sich und stemmte sich gegen seine Brust. Aber dann gab sie nach und erwiderte das erotische Spiel seiner Zunge. Mit ihren kühlen Fingern streichelte sie seinen Nacken.

Sie wollte es ebenso sehr wie er, auch wenn sie es nicht zugeben konnte. Diese Erkenntnis fachte seine Begierde an. Durango küsste sie noch stürmischer und legte ihr die Hand auf den Rücken, damit sie das Gleichgewicht behielt.

Nach einer Weile löste sie sich von ihm. Ihre Augen waren geweitet, ihr Blick nervös. Rasch schaute sie sich um.

„Durango“, hauchte sie und hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Niesen zu unterdrücken.

„Na bitte, du erstickst die Leidenschaft. Lass sie zu, dann hört auch dieser seltsame Niesreiz auf.“

„Das kann ich nicht. Wir sollten das nicht tun. Was ist, wenn uns jemand sieht?“

Er stöhnte. Wie oft hatte sie diese Sätze zu ihm gesagt? Wie oft hatte er sich zusammengenommen und ihren Wunsch respektiert, obwohl er sie so heftig begehrte, dass er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können? Doch heute waren sie keine Teenager mehr.

„Zur Hölle mit dem, was wir nicht tun sollten“, knurrte er und zog sie erneut an sich.

Er spürte, wie ein intensiver Energiestrom des Berges ihn durchflutete und dann auf Abby überging. Die weibliche Energie des Cathedral Rock hatte sie erfasst. Ihre Leidenschaft war eins mit dem Kosmos, und sie verschmolzen mit ihrer Umgebung.

In den neun Jahren, seit Durango Führungen durch Sedona machte, hatte er die rätselhafte Kraft der Energiefelder Hunderte Male gespürt. Manchmal als ein leichtes Ziehen, manchmal als Sog. Manchmal fühlte er sich emotional aufgewühlt, manchmal geerdet. Und manchmal war er überwältigt von der Größe des Universums. Doch nie zuvor hatte er so etwas empfunden wie in diesem Augenblick.

Er ließ Abby los und trat zurück. Ihr Blick verriet ihm, dass sie dasselbe empfand wie er.

Benommen sahen sie einander an.

„Was es das?“, flüsterte sie. „Fühlt sich der Vortex so an?“

Er schluckte. „Ja. Das war der Vortex.“

„Dem Himmel sei Dank. Ich habe schon gedacht, dass …“ Sie verstummte und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

Durango wusste, was sie dachte, denn er dachte das Gleiche. Wenn ein schlichter Kuss unter dem Einfluss eines Vortex derart heftige Empfindungen auslösen konnte, was würde dann erst geschehen, wenn sie sich in so einem Energiestrom liebten?

Sie musste ihre Gefühle unter Kontrolle bringen. Abby war ekstatisch und ängstlich, glücklich und erschrocken, alles gleichzeitig. Aber sie wollte nicht, dass Durango ihre Verwirrung bemerkte. Ihr Vater hatte sie darauf gedrillt, ihren Gegnern nie eine Schwäche zu zeigen.

„Wir sollten nach Tess sehen“, schlug sie äußerlich ruhig vor und wollte an ihm vorbeigehen.

Durango hielt sie am Ellbogen fest. „Ich finde, wir sollten über das sprechen, was gerade passiert ist.“

„Nichts ist passiert.“

„Verdammt, spiel nicht schon wieder dieses Spiel.“

„Bitte nimm deine Hand weg.“ Sie sah ihn finster an.

Er ließ sie los. „Wirst du für den Rest deines Lebens so sein?“

„Wie sein?“

Obwohl seine Hand fort war, spürte sie noch den Druck seiner Finger auf ihrer Haut. Und schon verspürte sie wieder diese sinnliche Benommenheit, die sie auch früher stets in seiner Gegenwart verspürt hatte. Das gefiel ihr ganz und gar nicht.

„Du bist aus Stein“, sagte er.

„Das bin ich nicht.“ Glaubte er das wirklich? „Ich zeige meine Gefühle nur nicht so offen wie manche anderen Leute.“

Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Gib es zu, Angel. Du fürchtest dich vor deiner Leidenschaft. Sogar deine Nase weiß das.“

„Hör auf, mich Angel zu nennen.“

„Wieso? Weil es etwas in dir auslöst?“

Er hatte recht. „Nein, weil ich nicht mehr die kleine dumme Siebzehnjährige bin, die in dich verliebt war.“

„Du warst nicht in mich verliebt, sonst hättest du dich nicht auf die Seite deines und meines Vaters geschlagen, obwohl du wusstest, dass ich es nicht verdiente, ins Gefängnis gesteckt zu werden.“ Sein Ton war hart geworden.

Wunderbar. Jetzt wurde er auch noch wütend. Sie wollte sich nicht mit ihm streiten. Es hatte keinen Sinn, in der Vergangenheit zu wühlen. Sie hatten beide ihre Entscheidungen getroffen.

„Versuch nicht, mir allein die Schuld zu geben. Du hattest mir ein Ultimatum gestellt, Durango. Und das Lagerhaus deiner Stiefmutter hast du nun mal tatsächlich wüst beschmiert.“

„Du weißt, wieso ich das getan habe.“

„Es war trotzdem nicht richtig.“

„Deshalb fing ich auch an, dich Angel zu nennen“, konterte er. „Weil du so verdammt vollkommen bist. Du wirst nie wütend, bist nie verletzt oder machst Dummheiten wie alle anderen.“

„Ich werde oft verletzt. Es hat mich verletzt, als du die Stadt verlassen hast und nicht mehr zurückgekommen bist. Nur weil ich nicht mit dir gehen konnte, bedeutet das nicht, dass ich es nicht wollte.“

Erneut starrten sie einander an. „Zwischen uns gibt es noch einige ungeklärte Dinge“, eröffnete er ihr. „Das hat der Kuss bewiesen.“

„Das war der Vortex, schon vergessen?“ Abby versuchte den sinnlichen Schauer, der sie überlief, zu ignorieren.

„Und wie ich dir bereits erklärt habe, verstärkt das Energiefeld nur, was ohnehin vorhanden ist.“

„Was willst du damit sagen?“ Ihr Herz pochte.

Er legte seine Hand an ihre Wange. Seine Finger waren warm und stark. „Damit will ich sagen, dass ich dir zeigen kann, wie du deine Leidenschaft befreien kannst, wenn du es willst.“

Sag Ja, riet eine kleine Stimme in ihrem Kopf. Lass dich auf eine Affäre mit Durango ein, damit du ihn hinterher vergessen und in dein gewohntes Leben zurückkehren kannst. „Was genau schlägst du vor?“

„Ein Abenteuer.“ Durangos Grinsen war mutwillig. „Um deinen Horizont zu erweitern.“

Sie trat von einem Bein auf das andere, bereits wieder nervös vor Verlangen, ihn erneut zu küssen. Sie begehrte ihn heftig, doch gleichzeitig fragte sie sich, ob es richtig war, sich mit ihm einzulassen. Was, wenn sie tatsächlich wie ihre Mutter war und sie die Geister, die sie rief, nicht wieder los wurde?

„Du hast Bedenken“, stellte Durango fest, „dass dieses Abenteuer dich auf elementare Weise verändern wird.“

„Ja.“

„Daran führt kein Weg vorbei. Sobald du die Leidenschaft gekostet hast, kannst du nicht wieder so sein wie vorher. Du hast Angst, dich allem Gewohnten und Vertrauten zu entfremden. So wie Cassandra und ich.“

Abby nickte beklommen. Sie war harmoniebedürftig und wollte auf keinen Fall für Unruhe sorgen. Sie war bekannt dafür, sich zu engagieren und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zum Wohl anderer zurückzustellen. Das war bisher ihr Lebensmotto gewesen.

„Was du allerdings nicht weißt, Abby, ist, was ich gefunden habe, als ich Silverton Heights verließ.“

„Was hast du gefunden?“ Ihr Herz pochte.

Er küsste ihr Ohr und murmelte: „Mich selbst.“

Abby erschauerte. War dieser Mann die Versuchung in Person, die sie dazu bringen wollte, ihre eigenen Regeln zu brechen? Oder war Durango ihr Retter, der ihr die Chance auf Erlösung bot, bevor es zu spät war?

Sie ging ein enormes Risiko ein. Wenn sie die falsche Entscheidung traf, konnte ihr Leben zerstört sein. Doch wenn sie die richtige Entscheidung traf, konnte sich ihr Leben für immer verändern.

Einen Moment lang war sie unentschlossen, dann wurde das Schweigen zwischen ihnen unterbrochen vom Klingeln eines Handys. Durango zog es aus seinem Rucksack und meldete sich.

Überrascht reichte er Abby das Telefon. „Für dich.“

„Für mich?“ Wer konnte sie auf Durangos Handy anrufen? „Hallo?“, meldete sie sich.

„Abby, ich bin froh, dich zu erwischen.“

„Daddy? Wie hast du mich hier gefunden? Wieso rufst du mich unter dieser Nummer an?“ Sie kehrte Durango den Rücken zu, entfernte sich ein paar Schritte und senkte die Stimme, damit er nicht alles mithörte.

„Ich habe im ‚Tranquility Spa‘ angerufen, und die sagten mir, du wärst auf einer Jeeptour. Dann rief ich den Tourveranstalter an, und die gaben mir die Handynummer des Führers.“

„Was ist denn los?“, fragte sie nervös. Ihr Vater würde einen Anfall bekommen, wenn er wüsste, dass der Führer Durango Creed war.

„Du musst nach Hause kommen.“

„Ist etwas Schlimmes passiert?“ Sie rieb sich den Nacken.

„Nein, etwas Gutes.“

„Ach? Was denn?“

„Ken ist zurückgekommen. Ihm ist klar geworden, was für einen Fehler er gemacht hat. Er ist angesichts der Hochzeit in Panik geraten. Er will es wieder gutmachen. Er will dich sehen.“

„Ken hat mich vor dem Altar stehen lassen. Er ist mit einer Stripperin nach Las Vegas verschwunden. Er kann mir gestohlen bleiben.“

„Aber es tut ihm leid, was passiert ist. Er bittet dich um Verzeihung.“

„Was hat sie gemacht? Ihn ausgeraubt?“

„Wie bitte?“

„Die Stripperin. Hat sie Kens Brieftasche gestohlen?“

„Und seine Corvette“, erwiderte Abbys Vater.

„Cassandra hat genau das prophezeit.“

„Seit wann hörst du auf das, was diese Karikatur von einer Mutter dir sagt?“

„Keine Beschimpfungen, Daddy.“

„Du hast recht. Entschuldige. Komm einfach nach Hause, damit wir die Angelegenheit klären können.“

„Ich will nicht wieder mit Ken zusammen sein.“

„Er ist ein guter Mann, der einen schlimmen Fehler gemacht hat“, beharrte ihr Vater.

„Ken ist ein Esel!“

„Abby“, meinte er tadelnd. „Ich dachte, du hättest gesagt, keine Beschimpfungen.“

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Na schön, du brauchst ihn nicht zu heiraten, aber du musst die Sache klären. Angesichts der bevorstehenden Wahl werdet ihr zwei eng zusammenarbeiten müssen. Wir können uns keine Feindseligkeiten im Wahlkampfteam erlauben.“

„Du hast ihn nicht gefeuert?“

„Liebes, Ken ist mein Wahlkampfmanager.“

„Und ich bin deine Tochter.“

„Die normalerweise sehr lieb, verständig und eine großartige Vermittlerin ist. Ich weiß, dass du das kannst.“

„Du willst, dass ich meinen Stolz überwinde? Dass ich klein beigebe?“

„Ich würde dich nicht darum bitten, wenn der Wahlkampf nicht so wichtig wäre. Die Kluft zwischen dir und Ken könnte meine Karriere negativ beeinflussen.“

„Dann schmeiß ihn raus.“

„Ich brauche ihn, Abby, das weißt du.“

Mehr als du mich brauchst? Vor Enttäuschung traten ihr die Tränen in die Augen. Offenbar waren ihrem Vater ihr Glück und ihre Bedürfnisse egal, solange es ihn nicht betraf. Ihn interessierte lediglich sein Wahlkampf.

„Es tut mir leid, Daddy, aber ich kann nicht. Ich muss über vieles nachdenken. Ich muss mich selbst finden.“

„Abigail“, mahnte er in strengem Befehlston, „du kommst sofort nach Hause.“

„Du kannst mich nicht herumkommandieren. Ich bin keine siebzehn mehr.“

Sie hörte ihren Vater tief einatmen. Abby konnte ihn vor sich sehen, wie er die Zähne zusammenbiss, sich den Nasenrücken rieb und versuchte, ruhig zu bleiben. Er war es nicht gewohnt, dass sie ihm trotzte. Seinem Schweigen entnahm sie, dass er darüber nachdachte, wie er am besten mit dieser Situation umging.

„Weißt du“, begann er nach einem langen Moment, „genauso hat es mit deiner Mutter angefangen. Sie verschwand auch, um sich selbst zu finden. Eigentlich sollte es nur ein Wochenende sein, aber dann wurde eine Woche daraus und schließlich rannte sie mit diesem ausgeflippten Künstler weg, der aus Müll Kunst machte. Sie wollte frei sein, um ihrer Leidenschaft zu folgen.“

„Daddy, ich will mich deswegen nicht schlecht fühlen.“

„Gefühle sind eine Frage des Willens. Ich habe dir beigebracht, dich nicht von ihnen leiten zu lassen.“

„Es ist längst überfällig, dass ich lerne, sie auszudrücken.“

„Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass Cassandra genau in deinem Alter war, als sie überschnappte.“ Ihr Vater klang verbittert und zornig. Es war, als wollte er ihr ein schlechtes Gewissen machen, weil sie ihr eigenes Leben zu führen versuchte.

Aber diesmal würden seine Einschüchterungstaktiken nicht funktionieren. Diesmal würde sie nicht nachgeben und sich seinem Willen beugen. „Cassandra ist nicht übergeschnappt“, verteidigte sie ihre Mutter mit brüchiger Stimme. „Sie ist bloß ein Freigeist.“

„Du willst es beschönigen. Deine Mutter hat uns sitzen lassen.“

„Ich lasse dich nicht sitzen, Daddy. Ich muss nur eine Weile mit mir allein sein.“

„Du bist nicht mit dir allein. Du bist mit Tess unterwegs“, erinnerte er sie. „Und ich mache mir Sorgen, dass sie dich auf die falsche Bahn lenkt.“

„Daddy, bitte.“

Er seufzte schwer. „Na schön. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Aber bitte bringe mich nicht in Verlegenheit, während du dich suchst oder findest oder deiner Leidenschaft folgst oder was immer du da machst. Wenn diese kleine Eskapade zum Skandal wird und mich Wählerstimmen kostet …“

Noch nie hatte sie bei einem Telefonat mit ihrem Vater einfach aufgelegt, aber diesmal war es so weit. Sie schaltete das Handy aus und gab es Durango zurück.

Seit ihre Mutter die Familie verlassen hatte, hatte Abby sich stets auf die Seite ihres Vaters gestellt. Cassandra war die Unverantwortliche, während Abbys Vater sie großgezogen hatte. Doch plötzlich sah sie ihre Mutter in einem etwas anderen Licht und ihre Eltern aus der Perspektive eines Erwachsenen.

Ihr wurde klar, dass ihr Vater nicht so schuldlos war, wie sie stets geglaubt hatte. Für die lebenslustige Cassandra musste es sehr schwer gewesen sein, eine Ehe mit einem so arbeitswütigen, ernsten Mann wie dem Richter zu führen.

„Dein Vater?“, fragte Durango.

Sie nickte.

„Er will, dass du nach Hause kommst.“

„Ja.“

„Gehst du?“

Abby zögerte. „Nein.“

„Was wirst du tun?“

Sie zuckte mit den Schultern.

Ein kleines Propellerflugzeug brummte am Himmel über ihnen. Sie sah hinauf und erkannte, dass es etwas in den Himmel schrieb. Sie schützte ihre Augen mit der Hand gegen die Sonne und beobachtete die Schleifen und Drehungen, die er Pilot flog, um mit weißem Rauch Worte zu formen.

Als der Pilot fertig war und sie las, was dort stand, schlug ihr Herz schneller.

Dort oben stand die Antwort, nach der sie gesucht hatte: Freefall – freier Fall.

4. KAPITEL

„Abby?“ Durango fing sie auf, als ihre Knie nachgaben. „Ist alles in Ordnung?“

„Die Sonne … das Energiefeld. Mir wird schwindelig.“

„Wahrscheinlich Flüssigkeitsmangel. Leg deinen Kopf zwischen die Knie.“

Er kramte im Rucksack nach einer Flasche Wasser. Dann kniete er neben Abby, reichte ihr das Wasser und massierte ihr die Schultern, während sie trank.

Er fühlte deutlich ihre Verspannung. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er verdrängt hatte, wie sehr er sie damals begehrt hatte. Und wie sehr sie ihn verletzt hatte. Plötzlich kam das Verlangen zurück, als wäre er noch immer der achtzehnjährige Junge, der sich nach ihrem Körper und ihrer Aufmerksamkeit sehnte.

Das gefiel ihm nicht, und er hörte auf, ihren Nacken zu massieren.

Ein Wassertropfen rann die Plastikflasche hinunter, fiel auf Abbys T-Shirt, rollte langsam in den V-Ausschnitt, um schließlich zwischen ihren Brüsten zu verschwinden.

Durango starrte auf ihre Brüste. Es reizte ihn, sie noch einmal zu berühren, doch er gestattete sich dieses Vergnügen nicht. Er hatte die plötzliche Befürchtung, dass er für immer verdammt sein würde, wenn er jetzt seinen Gefühlen nachgab.

Er war erstaunt, welche Wirkung diese Frau auch nach all den Jahren noch auf ihn hatte. Zum Glück schaute sie zum Himmel und bemerkte nicht, wie er sie anstarrte. Wie würde sie wohl reagieren, wenn sie das Verlangen in seinem Blick sehen könnte?

„Die Schrift am Himmel“, flüsterte sie und deutete nach oben. „Freefall. Genau wie auf dem Medaillon am Rückspiegel deines Jeeps.“

„Ja“, sagte er und stellte erschrocken fest, dass sie zitterte. Offenbar war er nicht der Einzige, der einen Kampf mit seinen Gefühlen auszufechten hatte.

„Was bedeutet das?“ Sie sah ihn an.

„Freefall ist ein Abenteuerpaket, das Sunrise Tours anbietet, und ich bin einer der Führer. Zum Angebot gehören Extremsportarten wie Drachenfliegen, Bungee-Jumping, Heißluftballonfahrten und Fallschirmspringen“, erklärte Durango, froh, von seiner Begierde abgelenkt zu werden.

„Darüber hast du gesprochen? Das ist die Art von Abenteuer, die du meintest?“

Hörte er Enttäuschung oder Erleichterung in ihrer Stimme? „Was dachtest du denn, was ich meine?“

Sie errötete. „Ich dachte, du meintest etwas anderes …“ Sie zog die Knie an die Brust, verschränkte die Arme über dem Kopf und legte die Stirn auf die Knie. Verlegen lachte sie. „Ich bin so blöd. Ich dachte, du redest von einem erotischen Abenteuer.“

Das habe ich auch, dachte er, schwieg jedoch. Stattdessen lächelte er nur und zuckte mit den Schultern.

„Dann hast du also gar nicht daran gedacht, Sex mit mir zu haben?“

„Angel“, sagte er. „Ich werde dich nicht anlügen. Es gibt nichts, was ich lieber täte, als mit dir ins Bett zu gehen.“

„Wirklich?“

Sie klang überrascht. Wie konnte sie überrascht sein? Spürte sie denn seine Begierde nicht? „Aber ich werde nicht mit dir schlafen“, erklärte er.

„Nein?“ Diesmal klang sie eindeutig enttäuscht.

„Erst wenn du bereit dazu bist. Ich werde mir nämlich nicht vorwerfen lassen, dich zu etwas gedrängt zu haben, von dem du nicht hundertprozentig überzeugt warst. Besonders wenn du schon wütend auf deinen Dad bist. Ich will nicht das Werkzeug sein, mit dem du es ihm heimzahlst. Wenn die Zeit gekommen ist, will ich, dass du mich anflehst, dich zum Höhepunkt zu bringen.“

„Oh.“ Sie warf ihm einen verlegenen Blick zu. „Aber du würdest mit mir schlafen, wenn ich dich darum bitte?“

„Tust du das?“

„Tess meint, ich sollte eine stürmische Affäre haben. Sie behauptet, das sei bei meiner Beziehung mit Ken falsch gelaufen – dass ich nie die Gelegenheit hatte, vor meiner Verlobung meine Fantasien auszuleben.“

„Und jetzt soll ich dein Führer ins Fantasiereich sein?“ Durango war nicht sicher, wie er dazu stand. Für eine heiße Affäre war er gut genug, aber nicht für eine dauerhafte Beziehung? Doch, er wusste, wie er dazu stand – es ärgerte ihn maßlos.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich das will. Ich erzähle dir nur, was Tess glaubt.“

„Ich will aber lieber wissen, was Abby glaubt“, entgegnete er.

„Abby ist sich nicht ganz sicher, was sie denkt. Genau das versucht sie ja herauszufinden.“

„Bist du sicher, dass ich der Richtige bin, um über dieses Thema zu sprechen? Hast du vergessen, was dein Vater stets über mich sagte?“

„Dass du mein Verderben sein würdest.“ Sie grinste, und sein Ärger verschwand.

„Da hat er recht.“

„Vielleicht bin ich bereit für ein bisschen Verderben“, meinte sie.

„Was willst du damit sagen?“

„Ich weiß nicht.“

„Doch, du weißt es. Sag es.“

Sie holte tief Luft. „Na gut, ich will herausfinden, ob Cassandras leidenschaftliches Blut auch in meinen Adern fließt. Wenn es so ist, will ich es überwinden, damit es mich nicht verfolgt. Ich will nicht mehr niesen, wenn ich außer Kontrolle geratene erotische Fantasien habe.“

„Alles klar.“

„Aber es muss diskret sein. Mein Vater kandidiert für ein öffentliches Amt, also darf ich keinen Skandal verursachen oder seiner Karriere sonst irgendwie schaden.“

„Oh, ich verstehe. Ich werde deine geheime Sünde. Der Mann, an den du zärtlich zurückdenkst, wenn du neunzig bist und im Schaukelstuhl deinen Erinnerungen nachhängst.“

„Ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Macht dich das wütend?“

„Dass du bloß Sex mit mir willst?“ Er war aufgewühlt, und ihre Worte gaben ihm einen Stich. „Na ja, diesmal kriege ich wenigstens Sex, bevor ich abserviert werde.“

„Du bist mir immer noch böse, weil ich nicht mit dir durchbrennen wollte.“

„Nein, ich bin dir nicht mehr böse. Das alles ist lange her. Ich bin nur enttäuscht von dir.“

„Enttäuscht?“

„Dass du dein Leben noch immer nach den Vorstellungen deines Vaters ausrichtest“, erklärte er.

„Deswegen bin ich ja hier. Ich will etwas ändern. Nur brauche ich dazu Hilfe. Du bist ein alter Freund, und ich wende mich an dich, weil du der leidenschaftlichste Mann bist, den ich kenne. Aber wenn du dich zu sehr unter Druck gesetzt fühlst, habe ich dafür Verständnis.“

„Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt“, sagte er. „Ich bin ganz locker. Klar, ich werde Leidenschaft in dein Leben bringen, um der alten Zeiten willen.“

„Wirklich?“ Sie sah glücklich und ängstlich zugleich aus.

„Wirklich.“ Er schenkte ihr sein berüchtigtstes Lächeln. Mehr als einmal war ihm gesagt worden, dass Frauen bei seinem Lächeln weiche Knie bekamen.

Doch Abby schien gewappnet zu sein. Sie hatte die Schultern gestrafft und die Hände brav vor sich gefaltet. „Und du bist einverstanden damit, dass das, was in Sedona passiert, auch in Sedona bleibt? Dass wir unsere Affäre geheim halten? Tess wird die Einzige sein, die davon weiß.“

„Ja, ich bin einverstanden“, sagte er und konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er Abby bloß auf den Geschmack zu bringen brauchte, um die schöne heile Welt des Richters auf den Kopf zu stellen. Was für eine Genugtuung das wäre!

„Hu-hu! Abby, Durango, falls ihr die Hosen heruntergezogen habt, zieht euch wieder an!“ Tess’ Stimme hallte den Berg hinauf.

„Grundgütiger, was glaubt sie, was wir hier tun? Wir befinden uns auf einem Berggipfel, für jeden Vorbeikommenden weithin sichtbar“, meinte Abby.

Durango lachte.

„Gürtel zu, Hemden in die Hose, wir kommen rauf“, verkündete Tess.

„Wir?“, fragte Abby.

„Sieh nicht mich an“, meinte Durango. „Sie ist deine Freundin.“

In diesem Moment tauchten Tess und ein attraktiver Mann, der eine unheimliche Ähnlichkeit mit Colin Cruz hatte, am Ende des Pfads auf. Der Mann hatte den Arm um Tess’ Taille gelegt, und sie lehnte sich albern kichernd an ihn.

„Ich fasse es nicht!“, bemerkte Abby. „Da lässt man sie mal fünfundzwanzig Minuten in der Wildnis allein, und schon angelt sie sich einen Mann.“

„Siehst du, das macht die Leidenschaft“, neckte Durango sie.

„Genau das habe ich befürchtet“, murmelte Abby und bereute schon, dass sie so ehrlich ihm gegenüber gewesen war. „Hör auf zu grinsen.“

Er dachte nicht daran.

„Abby, Durango, darf ich euch Jackson Dauber vorstellen?“ Tess präsentierte den Mann mit einer schwungvollen Geste. „Er ist Colin Cruz’ Double in den Stuntszenen.“

„Hallo, Leute“, begrüßte Jackson sie.

„Jackson stammt aus Australien“, erklärte Tess. „Genau wie Mel Gibson, Russell Crowe und dieser Krokodil-Typ.“

„Na ja, ich bin zwar nicht so berühmt wie diese Jungs, aber die kleine Lady hier scheint trotzdem beeindruckt zu sein.“ Jackson grinste Tess an und sah ihr tief in die Augen. Sie grinste zurück.

„Wer wäre von solchen Muskeln nicht beeindruckt?“ Tess drückte seinen Bizeps, den er bereitwillig anspannte. „Du bist hundert Mal toller als Colin Cruz.“

„Der ist ein Softie, Kleines. Ich kann nicht glauben, dass du auf so einen Typ gestanden hast.“

„Das war ja, bevor ich dich kennenlernte. Und ich kann nicht glauben, dass du mir einfach über den Weg gelaufen bist, während ich da saß und wünschte, etwas Interessantes möge passieren.“

„Das Schicksal hat mich zu diesem Energiefeld geführt. Genau so war es“, wandte Jackson sich an Abby und Durango. „Es war mir vorherbestimmt, Tess heute zu begegnen.“

„Es war Schicksal“, wiederholte Abby.

„Ja. Wir sollten eigentlich heute Morgen eine Actionszene drehen, doch der Regisseur entschied in der letzten Minute, stattdessen die zentrale Liebesszene zu drehen, und zwar ohne Zuschauer“, erklärte Jackson. „Deshalb bekam der Rest von uns heute frei. Sonst würde ich jetzt in einem Wagon, der sich selbstständig gemacht hat, einen Canyon hinunterrasen, statt hier die Aussicht mit meiner neuen Lady zu genießen.“

Neue Lady!

Sie hatten sich gerade erst kennengelernt. Das ging alles viel zu schnell. Abby versuchte Tess mit einem Blick zu signalisieren, die Sache langsamer anzugehen, aber ihre Freundin hatte nur Augen für den muskelbepackten Stuntman.

„Oh, Jackson“, säuselte sie und hing wie ein Groupie an seinem starken Arm.

Sprachlos starrte Abby ihre Freundin an. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte, hätte sie schwören können, dass Tess verliebt war. Doch das konnte nicht sein. Wie denn auch? Sie kannte diesen Menschen ja gar nicht.

„Jackson ist den ganzen Weg vom Filmset hier hoch gewandert. Können wir ihn mit zurück nach Sedona nehmen?“, fragte Tess Durango.

„Sicher. Wir wollten uns gerade auf den Rückweg machen“, meinte Durango.

„Danke, Leute“, sagte Jackson und zwinkerte, was Abby irritierte.

Als sie den Jeep erreichten, stand die Sonne im Zenit, und mehrere Touristen waren in der Gegend unterwegs. Tess und Jackson kletterten auf den Rücksitz, Durango und Abby stiegen vorn ein.

Als sie auf die Straße zurücksetzten, kam ein Mann hinter einem Felsen hervor. Er hob seine Kamera, machte ein Foto von ihnen und verschwand wieder.

Abby erkannte den Mann. Es war der Tourist in Bermudashorts, karierten Socken und Van-Halen-T-Shirt, den sie vorhin getroffen hatten.

„Seltsam“, bemerkte sie. „Wieso hat er uns fotografiert?“

„Die Paparazzi“, erklärte Jackson, „verwechseln mich ständig mit Colin Cruz.“

„Das ist bestimmt aufregend“, sagte Tess.

„Es ist total nervig, sonst nichts.“

„Hm“, murmelte Abby. Sie wusste nicht genau, warum, aber sie hatte das vage Gefühl, dass der Kerl kein Reporter war. Irgendetwas an ihm passte nicht ins Bild.

„Wo kann ich Sie absetzen, Jackson?“, fragte Durango, als sie in Sedona waren.

„Beim ‚Tranquility Spa‘.“

„Du wohnst dort?“, rief Tess. „Das ist super. Wir nämlich auch.“

„Tja, das nenne ich einen angenehmen Zufall“, sagte Jackson.

„Es ist Schicksal.“ Tess lehnte sich an seine Schulter.

Als sie das Hotel erreichten, sprangen Tess und Jackson vom Rücksitz und gingen zusammen hinein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Tiffany Exklusiv Band 38" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen