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TIFFANY EXKLUSIV BAND 36

BARBARA DUNLOP

1000 Küsse später …

Alles hört auf sein Kommando– außer Candice! Mit den Waffen einer Frau macht sie sich daran, Derek Reeves davon zu überzeugen, dass es lustvoller ist, sich den Wünschen anderer zu beugen …

JAMIE SOBRATO

Wochenende der Verführung

Zwei Wochen soll Jenna mit Travis zusammenleben – warum, will ihr der Millionär in seinem Landhaus verraten. Schon die Fahrt dahin wird zum erotischen Feuerwerk: Travis küsst sie – und Jenna will mehr. Viel mehr …

SHAWNA DELACORTE

… und hinterher Champagner

Bryce weiß, wer ihn nach einem Job fragt: Paige, die Tochter des Mannes, dem er seine Firma abgeluchst hat. Doch ihre Kurven sind so verführerisch, dass der Unternehmer alle Vorsicht über Bord wirft …

LORI BORRILL

Drei Tage voller Lust

Drake taucht zur richtigen Zeit auf! Nur zügelloser Sex kann Bonnie aus ihrem Tief holen! Der Medienmogul erfüllt jeden ihrer Wünsche – bis auf einen: Wahre Liebe will er ihr nicht geben ...

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1000 Küsse später …

1. KAPITEL

„Eigentlich seltsam, dass du immer nur Trauzeuge bist und nie Bräutigam …“ Tyler stützte sich auf dem Geländer der Terrasse ab und sah seinen ältesten Bruder Derek nachdenklich an. Aus dem Ballsaal drangen Musik und Gelächter. An diesem schönen Septemberabend feierten sie im luxuriösen Quayside Hotel die Hochzeit ihres mittleren Bruders Striker.

Derek grinste selbstgefällig. Es stimmte, er war der letzte der Reeves-DuCarter- Brüder, der nicht verheiratet war, aber das war ihm durchaus recht. „Neidisch?“ Er drehte dem Rosengarten, dem Marmorbrunnen und dem Lake Washington den Rücken zu und lehnte sich lässig an das Geländer.

Tyler lachte leise und sah zu seiner Frau Jenna hinüber, die sich mit den anderen Brautjungfern unterhielt. „Das würde ich nicht gerade sagen.“

Derek nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas und schwieg. Er musste zugeben, Jenna war eine bezaubernde Frau, und auch Erin, Strikers frischgebackene Gattin, war ausgesprochen hübsch und intelligent. Aber es waren dennoch Ehefrauen. Und eine Ehefrau hatte immer Bedürfnisse, Forderungen und eigene Vorstellungen, die seine Freiheit eingeschränkt hätten. Ob er das jemals in Kauf nehmen würde? Er hatte da große Zweifel.

Tyler wies mit dem Kopf auf das Glas in Dereks Hand. „Musst du heute noch fahren?“

„Nein, aber ich erwarte einen Anruf aus Tokio und möchte einen klaren Kopf haben.“

„Was? Du hast nicht einmal bei der Hochzeit deines Bruders dein Handy zu Hause gelassen?“

„Während der Trauung hatte ich es abgeschaltet.“

„Es wird wirklich Zeit, dass du dir mal so etwas wie ein Privatleben anschaffst.“

„Wenn du darunter verstehst, dass ich mich auch für ewig an eine Frau ketten soll, dann muss ich leider passen. Vielleicht täte es dir wohl, in deinem Elend nicht allein zu sein, kleiner Bruder …“, er zwinkerte Tyler zu, „… aber ich fürchte, auf mich kannst du da nicht zählen.“

Tyler prostete ihm mit seinem Scotch zu. „Versuch es doch mal. Du wirst sehen, es ist sehr gut auszuhalten.“

Vom See her erhob sich eine Brise und trug den Rosenduft bis auf die Terrasse. Derek atmete tief durch, dann sah er seinen Bruder skeptisch an.

„Das ist mein Ernst, Derek.“

„Ich bin vollkommen mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist.“

„Woher weißt du, dass es nicht noch schöner sein kann?“ Tyler gab nicht auf.

Derek runzelte die Stirn. „Was soll diese Frage?“

„Wann hattest du denn das letzte Mal eine längerfristige Beziehung?“

„Das kommt darauf an, was du unter längerfristig verstehst.“

„Länger als acht Stunden.“

Das war tatsächlich eine ganze Weile her. Aber genau so wollte Derek es haben. „Vor ein paar Monaten, vielleicht einem Jahr.“

„Eben. Deshalb müssen wir für dich endlich ein nettes Mädchen finden, das du auch mal nach Hause mitbringen und Mutter vorstellen kannst.“

Derek musste laut lachen. Sieh an, der kleine Bruder. Vor einem Jahr hatte er noch ganz anders gesprochen. „Es gibt doch nichts Schlimmeres als einen bekehrten Junggesellen.“

„Lach nicht, ich meine es ernst.“

„Ich auch. Wenn ich eine Frau will, dann finde ich auch eine. Keine Sorge, Brüderchen, in Sachen Liebe kann ich sehr gut für mich selbst sorgen.“

„Liebe? Ich dachte, man nennt so etwas One-Night-Stand.“

„Was willst du damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass du dich mit der falschen Sorte Frauen abgibst.“

„Offenbar will die richtige Sorte Frauen sich nicht mit mir abgeben.“

Im letzten Monat hatte Derek drei Mal nach Europa fliegen müssen. Demnächst musste er nach Japan. Und wenn er es nicht irgendwie schaffte, den Enoki-Auftrag zu retten, den sie gerade an Hammond Electronics verloren hatten, dann musste er in Brasilien neue Kunden für ihre drahtlosen elektronischen Produkte finden. Wahrscheinlich würden die meisten netten Frauen erwarten, dass ihr Mann wenigstens die Hälfte seines Lebens auf dem amerikanischen Kontinent verbrachte.

„Wer weiß“, meinte Tyler. „Vielleicht gibt es ja Frauen, die auf das Äußere nicht so großen Wert legen.“

„Du kannst mich nicht provozieren, mein Hübscher.“

Tyler lachte.

„Wenigstens sind unsere Aktionäre froh, wenn ich nicht heirate.“

„Warum das denn?“

„Sobald eine Frau zu Hause auf mich wartet, leidet mein Einsatz für das Geschäft.“

„Das ist doch Unsinn.“

„Oh, nein.“ Derek schüttelte entschieden den Kopf. „Frauen lenken Männer von ihren eigentlichen Zielen ab. Sie wollen beachtet und verwöhnt werden, erwarten einen ständig aufmerksamen Ehemann, der ihnen Geschenke kauft und sich mit ihnen über ihre Gefühle unterhält.“

„Nicht alle Frauen sind so. Jenna ist ganz anders.“

„Tatsächlich? Wann habt ihr denn das letzte Mal einen Abend getrennt verbracht?“

Tyler schaute wieder in den Ballsaal und suchte nach seiner Frau.

„Vor einer Woche?“, fragte Derek. „Vor einem Monat? Überhaupt schon mal, seit ihr verheiratet seid?“

Tyler schüttelte zögernd den Kopf. „Aber nicht, weil ich nicht dürfte …“

„Das habe ich auch nicht behauptet.“ Derek wusste, er hatte den Bruder verunsichert. Es wurde Zeit, dass sie sich ernsteren Themen zuwandten. „Und während ihr euch zärtliche Worte ins Ohr flüstertet, hat Jenna da auch zufällig mal erwähnt, wie sie sich die Renovierung des Leuchtturms vorstellt?“

Der „Leuchtturm“, das war ein Spitzenrestaurant im obersten Stockwerk des familieneigenen Quayside Hotels. Jenna und Candice Hammond, besser gesagt, ihre Firma Canna Interiors, hatten es übernommen, das Restaurant zu renovieren.

„Jenna sagt, dass du dich schon wieder mit Candice gestritten hast“, meinte Tyler.

„Das kann kaum sein, da ich die letzten drei Tage in London war.“

„Das war Candice offenbar nicht aufgefallen, denn sie war weiterhin sehr kämpferisch aufgelegt. Candice und du, ihr macht Jenna ganz verrückt mit euren ewigen Streitereien.“

„Dann soll Jenna sich doch direkt mit Candice auseinandersetzen. Was konnte Derek dafür, dass Candice eine unmögliche Person war, mit der man beim besten Willen nicht auskommen konnte.“

„Candice meint, du mischst dich in ihre Angelegenheiten.“

Allerdings. „Ich muss doch darauf achten, dass Candice Hammond nicht mal eben dreieinhalb Millionen meiner sauer verdienten Dollar zum Fenster herauswirft.“

„Warum vertraust du ihr nicht? Ihre Firma hat doch einen ausgezeichneten Ruf.“

„Sie will sich rächen, hast du das noch nicht bemerkt?“

„Warum denn?“

„Weil wir sie belogen haben, du und ich.“

„Aber Jenna und ich sind doch jetzt glücklich verheiratet. Candice ist bestimmt nicht mehr böse.“

„Auf dich vielleicht nicht mehr, aber auf mich. Sie intrigiert gegen mich.“

„Du leidest unter Verfolgungswahn!“

Derek nahm wieder einen Schluck von seinem Mineralwasser. Vielleicht hatte Tyler nicht ganz unrecht, aber übertriebene Vorsicht hatte Derek schon manche Unannehmlichkeit erspart und war durchaus nützlich für Männer in seiner Position. „Mag sein, dass ich leicht paranoid bin, aber das heißt noch lange nicht, dass Candice nicht doch etwas gegen mich im Schilde führt.“

„Los, Candice, fang ihn!“, schrie Jenna, als Erin weit ausholte und den Brautstrauß im hohem Bogen in die Mitte des Ballsaals warf.

Candice duckte sich, als sie sah, dass der Strauß tatsächlich in ihre Richtung flog. Schnell ging sie rückwärts, während sie leise vor sich hinfluchte. Das würde sie ihrer Freundin nie verzeihen. Durch ihren Ausruf hatte sie die Aufmerksamkeit der Menge mehr als nötig auf die Tatsache gelenkt, dass Candice unverheiratet war. Und nicht nur das, sie hatte auch keine feste Beziehung und lebte allein.

Der Strauß aus cremefarbenen Rosen und zarten Orchideen kam wie ein unabänderliches Schicksal geradewegs auf sie zu, auch wenn noch so viele der jungen Frauen sehnsüchtig die Arme reckten. Warum konnte sie diesen albernen Strauß nicht einfach auffangen? Candice trat noch einen Schritt zurück. Die Frau vor ihr streifte das Bouquet gerade noch mit den Fingerspitzen, dann prallte es gegen Candice’ Brust, sodass sie es ganz automatisch festhielt.

Jenna rannte strahlend auf Candice zu, so schnell sie auf den hohen Absätzen konnte, und riss jubelnd die Arme hoch. „Gut gefangen!“

„Danke“, murmelte Candice mürrisch.

„Jetzt müssen wir nur noch einen Mann für dich finden.“

Candice nahm den Strauß schnell in eine Hand und versteckte ihn hinter ihrem Rücken. Aber da sie von allen Seiten angestarrt wurde, musste sie auch noch gute Miene zum bösen Spiel machen. Trotzdem hätte sie sich nicht gewundert, wenn auf ihrer Stirn in großen Buchstaben das Wort „Versagerin“ gestanden hätte.

Im Grunde war sie nicht besonders darauf erpicht zu heiraten. Aber alle Welt schien zu glauben, dass man mit siebenundzwanzig unbedingt verheiratet sein musste. Als ob man da schon eine alte Jungfer wäre.

Jenna sah sich im Saal um. „Also, was ist denn im Angebot? Wir suchen einen Mann, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Er sollte erfolgreich sein oder wenigstens gute Karriereaussichten haben. Außerdem muss er geduldig sein und eine gehörige Portion Humor besitzen, denn du kannst manchmal ganz schön …“ Erschrocken unterbrach sie sich selbst.

„Ich kann manchmal ganz schön was?“, hakte Jenna sofort nach. „Was hast du damit gemeint?“

Jenna schwieg.

„Willst du etwa behaupten, ich sei manchmal unleidlich?“

„Vielleicht ein klitzekleines Bisschen gereizt.“

„Gereizt?“

Jenna nahm Candice beim Arm und zog sie zur Seite. „Nur manchmal.“

Candice war froh, der allgemeinen Aufmerksamkeit zu entkommen. Wenn sie nur unbemerkt den Strauß irgendwo ablegen könnte. Eine der alleinstehenden Damen würde ihn sich bestimmt nur zu gern unter den Nagel reißen. „Ich bin nie gereizt.“

„Oh, doch, zumindest wenn es um Derek geht.“

Derek! Candice verdrehte die Augen. Seit drei Monaten waren Jenna und sie mit der Renovierung des „Leuchtturms“ beschäftigt. Und in diesen drei Monaten war Derek ihr wie ein Schatten gefolgt, so kam es ihr jedenfalls vor. Als würde er ihr nicht über den Weg trauen. Dabei hätte er mal überlegen sollen, was wirklich passiert war. Er hatte sie angelogen, nicht umgekehrt. Wenn also jemand Grund hatte, misstrauisch zu sein, dann war sie es.

„Er ist derjenige, der gereizt ist“, sagte sie zu ihrer Freundin.

„Nur, wenn du in der Nähe bist.“

Also hatte sie auch noch Schuld. Das wurde ja immer schöner. „Er ist arrogant, anmaßend, eingebildet und glaubt, alle müssten nach seiner Pfeife tanzen.“

Jenna lächelte. „Er meint es doch nur gut.“ Dann legte sie den Kopf schief und schaute die Freundin prüfend von der Seite an. „Vielleicht solltest du mal wieder mit einem Mann schlafen.“

„Bitte? Was hast du gesagt?“

„Nach drei Monaten Ehe kann ich das wirklich sehr empfehlen.“

„Vielen Dank für den Tipp!“

Jenna grinste und wies mit dem Kopf auf eine Gruppe junger Männer. „Ich wette, jeder von ihnen hätte absolut nichts dagegen, mit dir …“

Candice entzog der Freundin den Arm. „Ich glaube, ich gehe mal hoch und sehe mich im Restaurant um.“

„Warum das denn? Du hast heute frei, und außerdem wollen wir einen Mann für dich suchen.“

Auf keinen Fall würde Candice bleiben und sich widerstandslos von Jenna verkuppeln lassen. „Ich will mich nur vergewissern, dass die richtige Verkleidung geliefert worden ist.“

„Aber du könntest doch vor Montag sowieso nichts daran ändern.“

„Aber ich schlafe besser, wenn ich weiß, dass alles in Ordnung ist. Du kannst ja schon mal das Terrain in Bezug auf passende Männer sondieren.“

Jenna strahlte. „Wirklich? Du bist damit einverstanden?“

„Ja, warum nicht?“ Da Candice keinerlei Absicht hatte zurückzukommen, konnte sie Jenna getrost in ihrem Glauben lassen. Sie wollte auch gar nicht ins Restaurant hochfahren. Sobald es ging, würde sie sich unbemerkt aus dem Staub machen und sich ein Taxi rufen.

„Dann bis gleich.“ Candice ging in Richtung des Expressaufzuges, der die Halle mit dem Restaurant verband. Immer wieder schaute sie sich verstohlen um, damit niemand mitbekam, wie sie sich davonmachte.

Leider aber hatte Tyler sich aus der Menge gelöst und war neben seine Frau getreten. Offenbar hatte Jenna ihn schnell informiert, denn beide sahen Candice hinterher und winkten ihr zu. Wie peinlich.

Dennoch lächelte sie ihnen zu und vergewisserte sich, dass beide sahen, wie sie auf den Fahrstuhlknopf drückte. Unglücklicherweise war der Fahrstuhl schon da und die Türen gingen sofort auf, sodass Candice nichts anderes übrig blieb, als einzusteigen.

Als sich die Türen lautlos hinter ihr schlossen, atmete sie erleichtert aus und lehnte sich gegen die Wand. Endlich war sie der Musik und dem Stimmengewirr entkommen. Hier war es kühl und friedlich. Durch die Außenwand aus Glas konnte sie den Sternenhimmel sehen, aber auch den dunklen See und die Lichter von Seattle.

Sie liebte das Quayside. Da mochte Derek, der die Hauptanteile an dem Hotel besaß, ihr noch so sehr auf die Nerven gehen, das Gebäude aus dunklem Backstein und mit Stuckverzierungen war einfach wunderschön.

Die Firma Canna Interiors, die sie und Jenna gegründet hatten, fing gerade an, sich in Seattle einen Namen zu machen. Aber noch mussten sie jeden Auftrag annehmen, der sich ihnen bot. Doch Candice hoffte, dass sie sich irgendwann ganz auf historische Gebäude wie das Quayside konzentrieren konnten, die die Seele und das Herz der Stadt waren.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Candice stieg aus. Wahrscheinlich war es besser, ein bisschen abzuwarten, bevor sie wieder nach unten fuhr. Ihre Schritte waren auf dem nackten Holz gut zu hören, als sie den Flur hinunterging.

Das ganze Stockwerk war wegen der Renovierung geschlossen. Dass die Lieferung in Ordnung war, sah Candice auf den ersten Blick. Das Material war im Foyer abgeladen worden.

Sie stieß die schwere antike Doppeltür zu dem eigentlichen Restaurant auf. Die bisherigen Wandverkleidungen waren bereits entfernt und ließen den Raum viel großzügiger erscheinen, als er eigentlich war. Die neuen Fenster boten einen grandiosen Blick auf die Stadt.

Schnell legte Candice den Strauß ab und sah sich in dem großen Raum um. Sofort sah sie ihn fertig vor sich, ausgestattet mit alten Lampen, Jugendstil-Gemälden, weißen Tischdecken und edlem Porzellan. Ihr Blick blieb auf einem unfertigen Regal für Weinflaschen hängen, und sie runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Auf der rohen Holzplatte lagen die Pläne, und als sie den kleinen handgeschriebenen Zettel bemerkte, der angeheftet war, hätte sie am liebsten laut geflucht. Sie hatte ganz genaue Angaben über Größe und Platzierung des Regals gemacht, aber wieder hatte Derek andere Anweisungen gegeben und damit ihre Autorität untergraben.

Wütend knüllte sie den Zettel zusammen. Möglicherweise war es ihm zu verdanken, dass Canna Interiors den Auftrag bekommen hatte. Aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, sich in alles einzumischen. Am besten knöpfte sie ihn sich gleich einmal vor, auch wenn sie dafür wieder zu der Hochzeitsgesellschaft zurückkehren musste. Aber so ging es nicht weiter.

Während sie noch überlegte, was sie ihm sagen würde, gingen die Fahrstuhltüren auf und jemand kam mit festem Schritt den Flur entlang. Na, wunderbar! Jenna hatte ihr Versprechen wahr gemacht und den Mann für Candice’ Leben gleich nach oben geschickt.

Entschlossen drehte sie sich um. Den Kerl würde sie geradewegs zurückschicken. Doch dann wurde die Tür aufgestoßen, und Candice blieb wie angewurzelt stehen. Derek!

Groß, breitschultrig und athletisch gebaut stand er vor ihr und sah sie mit seinen blauen Augen durchdringend an. Eine Aura von Reichtum und Macht umgab ihn und strahlte aus, dass er im Leben haben konnte, was immer er begehrte.

Aber diesmal nicht.

Das konnte er mit ihr nicht machen.

Er schien genauso überrascht zu sein wie sie. „Was machst du denn hier oben?“

„Ich versuche gerade herauszufinden, was du jetzt schon wieder angerichtet hast.“

„Was heißt angerichtet? Wovon redest du überhaupt?“

Er kam noch einen Schritt näher, und Candice war froh, dass sie die Schuhe mit den höchsten Absätzen angezogen hatte, die sie besaß. So leicht ließ sie sich von ihm nicht einschüchtern. Sie wies mit dem Kopf auf das Weinregal. „Sieh dir das doch an.“

Derek starrte sie verblüfft an und betrachtete sich dann das Regal genauer. „Was ist damit? Ist doch alles in Ordnung.“

„Nichts ist in Ordnung. Aber das fällt dir natürlich nicht auf, weil du keine Ahnung hast, was wir hier eigentlich tun.“

„Oh, doch, ich weiß genau, was wir hier tun. Wir renovieren mein Restaurant.“

Candice trat näher an das Weinregal heran und wies auf den unteren Teil. „Möchtest du denn unbedingt das Geld zum Fenster hinauswerfen?“

„Im Gegenteil, ich möchte Geld sparen.“

„Das ist Sparsamkeit am falschen Platz.“

Derek grinste nur sarkastisch. „Wie viele Millionen, meinst du, sind dieser Argumentation schon zum Opfer gefallen?“

„Du bist einfach zu misstrauisch.“

„Nein, ich vertraue den Menschen.“

„Von wegen.“

„Solange ich sie kontrollieren kann.“

Candice stieß ihm mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Du hast mich angelogen, hast du das vergessen?“

„Nein, aber ich hatte Sorge, dass du mein Geld verschwendest.“

„Nur, weil du uns erzählt hast, du seist Derek Reeves…“

„Ich bin Derek Reeves.“

„Nein, du bist Derek Reeves-DuCarter, und das ist etwas ganz anderes.“

„Du hast mir doch auch nie erzählt, dass du Candice Hammond bist.“

Da musste Candice ihm recht geben. Seltsamerweise hatten sie sich bereits vierzehn Tage gekannt, ohne zu wissen, wer der andere war. Sie hatte den Namen Reeves-DuCarter natürlich oft gehört und wusste, dass das Konkurrenten ihres Vaters waren. Wahrscheinlich hatte sie Dereks Vater sogar mal auf irgendeiner Party getroffen. Und dennoch war sie nicht auf die Idee gekommen, dass die Reeves-Brüder etwas mit den Reeves-DuCarters zu tun hatten.

„Ich habe dich nie belogen, was meinen Namen betrifft“, sagte sie.

„Stimmt“, musste Derek zugeben. „Diese interessante Kleinigkeit hat Tyler für sich behalten.“

„Gut, dann setz dich mit deinem Bruder auseinander und lass mich in Frieden.“

„Aber ich kann dich nicht in Frieden lassen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil du verdreht genug bist, mein Geld zu verschwenden.“

„Aber ich bin auch so gut in meinem Job, dass ich deine Fehler wieder ausbügeln kann.“

„Das möchte ich mal sehen.“

Candice hockte sich hin und wies auf den Regalboden. „Du weißt, dass die marmorne Abdeckplatte schon zugeschnitten ist?“

Er kam zu ihr. „Und?“

„Du hast den Regalboden fünfzig Zentimeter vorbauen lassen. Aber das ist falsche Sparsamkeit, denn wir müssen alles wieder herausreißen, weil die Platte nicht mehr passt.“

„Das ist doch Unsinn. Ich habe die Größe nicht verändert, sondern nur das Regal etwas vorgezogen.“

„Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, den Plan anzusehen, wäre dir aufgefallen, dass das Regal in die Wand eingelassen werden soll.“

„Ich habe mir den Plan angesehen. Daraus ging hervor, dass du die ganze Wand wegen dieser fünfzig Zentimeter neu aufbauen lassen wolltest.“

Sie sah ihn gequält an. Sie arbeiteten nach einem genauen Plan, bei dem jede Einzelheit wichtig war. Wollte oder konnte Derek das nicht begreifen? „Was willst du damit sagen?“

Er richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen. „Du machst mir Angst, weißt du das?“

Sie übersah die ausgestreckte Hand und kam hoch, blieb jedoch in ihrem Rocksaum hängen und stolperte. Derek packte sie beim Arm.

Die Wärme seiner Hand breitete sich im Nu über ihren ganzen Körper aus. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, das irritierende Gefühl der Erregung zu unterdrücken. „Und du machst mir Angst“, stieß sie leise hervor. Mit seinem Chefgehabe und …

Schnell schüttelte sie seine Hand ab.

„Weil ich dich aufgefangen habe?“

Sie trat ein paar Schritte zur Seite. Wenn er mit dieser vollen dunklen Stimme sprach und sie dabei noch berührte, fing ihr Puls immer zu rasen an. Das letzte Mal hatte sie das in diesem albernen Liebestunnel, dieser Bahn auf dem Jahrmarkt, entdeckt. An dem Tag hatte sie auch herausgefunden, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn hielt, und dass Tyler hinter Jenna her war.

Sie strich sich über den Arm, wie um seine Berührung wegzuwischen. „Was möchtest du nun haben, ein Spitzenrestaurant oder einen Pizzaladen?“

„Natürlich einen Pizzaladen“, sagte er und grinste frech.

„Dann bist du ja auf dem richtigen Weg.“

„Du bist immer so melodramatisch.“

„Und du bist naiv.“

Er sah sie aus großen Augen an. Das hatte ihm noch keiner gesagt.

„Allerdings.“ Sie hob die Hand und spreizte die Finger. „Erstens: Wir haben bereits einen Vorschuss an einen Künstler gezahlt. Zweitens: Wir haben eine Marmorplatte ausgesucht. Drittens: Wir haben Gemälde für die zurückgesetzte Wand gekauft. Die Struktur des Marmor passt fantastisch zu den Säulen, gibt dem kleinen Innenhof einen ganz besonderen Touch und …“

„Du siehst das alles nur vom künstlerischen Standpunkt aus, aber ich habe eine Verpflichtung den Aktionären gegenüber.“

„Inwiefern? Indem du die künstlerische Linie zerstörst?“

„Indem ich dafür sorge, dass die Reeves-DuCarter-Aktien nicht in den Keller gehen, wenn rauskommt, wie viel du für ein Weinregal ausgeben willst.“

„Aber das ist doch der Blickfang des ganzen Raumes!“

„Hallo, Derek!“

Candice presste die Lippen zusammen und trat schnell ein paar Schritte zurück. Tyler Reeves. Was wollte der denn hier?

„Kannst du mir mal dein Handy leihen?“

Derek sah seinen Bruder überrascht an. War er dafür bis ins oberste Stockwerk gefahren?

Candice musterte die beiden Brüder. Sie waren beide groß und breitschultrig, hatten kurzes dunkles Haar und diese unglaublich blauen Augen. Tyler war allerdings etwas schlanker als Derek, und er wirkte immer sehr viel glücklicher.

„Geht der Empfang jetzt hier oben weiter?“, fragte sie. Wenn sie verschwand, fiel es nicht weiter auf, denn sie war nur einer der vielen Hochzeitsgäste. Aber Tyler und Derek waren die Brüder des Bräutigams und konnten die Party nicht verlassen, ohne dass man es bemerkte.

„Ich muss nur kurz etwas überprüfen“, meinte Tyler und streckte die Hand aus. „Dein Handy, bitte.“

Derek wirkte verwirrt, griff aber in die Innentasche des Smokings und zog sein Telefon heraus. „Hier …“

„Danke.“ Tyler nahm es und wandte sich zur Tür.

Candice wunderte sich, dass Tyler nicht einen der Hausapparate benutzte. In der Lobby waren mindestens zehn. Sie sah ihm nachdenklich hinterher. Plötzlich blieb er in der Tür stehen, wandte sich um und musterte Derek und Candice mit ernstem Blick. „Meine Frau ist sauer auf euch.“

„Jenna ist sauer?“, fragte Candice überrascht. Wieso das? Eben war Jenna doch noch blendender Laune gewesen. So wichtig konnte es ihr doch nun auch nicht sein, dass Candice sich einen Mann angelte.

Tyler öffnete die Tür und trat auf den Flur. „Ich glaube, das Beste ist, wenn ihr mal etwas Zeit füreinander habt, um euch auszusprechen.“ Er schloss die beiden Türflügel von außen, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um.

„Was, zum Donnerwetter …“ Mit drei langen Schritten war Derek an der Tür und schlug gegen die massive Eichenplatte. „Tyler! Mach sofort auf! Mein Telefon …“

„Jenna meint, ihr müsstet mal eine Auszeit haben“, war Tylers Stimme jetzt sehr gedämpft zu vernehmen.

„Auszeit von was?“, schrie Derek.

„Es ist wie im Kindergarten. Ihr setzt euch jetzt zusammen und einigt euch, bevor die Arbeiter am Montagmorgen kommen.“

2. KAPITEL

Sie sollten sich einigen? Candice sah Derek unauffällig an. Mann, war der wütend. „Wieso Montagmorgen? Was meint er damit?“

Derek presste die Lippen zusammen und schwieg.

Candice sah sich das alte Schloss genauer an. Es war von beiden Seiten zu bedienen, aber sie hatte keinen Schlüssel.

Tyler hatte sie in dem Restaurant eingeschlossen.

„Tyler?“ Sie drehte am Türknauf. „Tyler, bist du noch da?“

Keine Antwort.

Derek stieß einen leisen Fluch aus. „Ich glaube nicht, dass er noch da ist.“

„Er kommt bestimmt zurück“, meinte Candice zuversichtlich, trat einen Schritt zurück und musterte die riesige Tür. „Das Ganze ist doch nur ein Witz.“

„Ich habe ihn nicht lachen hören.“

„Jenna wird nicht zulassen, dass wir hier eingeschlossen sind.“

„Vielleicht sagt er Jenna gar nichts davon.“

„Nein, das glaube ich nicht, weil … ich meine, er würde doch nicht …“ Aber warum eigentlich nicht?

Derek trat neben sie und rüttelte an der Tür. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass er ihr nichts gesagt hat.“

„Aber sie ist doch seine Frau. Steht im Ehegelöbnis nicht irgendetwas von Anständigkeit und Ehrlichkeit?“

„Tyler ist sicher der Meinung, dass er Jenna damit einen großen Gefallen tut.“

„Wenn es so ist, dann bist du daran schuld.“

„Wie kommst du denn auf die Idee? Weshalb sollte das meine Schuld sein?“

„Jenna ist frustriert, weil du ständig etwas auszusetzen hast und meine Arbeit torpedierst.“

„Ich darf doch wohl mein Veto einlegen.“

„Auch wenn es nur um die Farbe der Lasur geht? Um die Täfelung? Oder wo und wie das Weinregal angebracht wird?“ Hätte Derek sie in Ruhe ihre Arbeit machen lassen, wären sie nie in diese Situation gekommen. Mit ihr konnte man nun wirklich gut auskommen.

„Ich kann gegen alles Einspruch erheben.“

„Damit legst du den Vertrag aber sehr weit aus. Zu weit für meinen Geschmack.“

„Ich habe befürchtet, dass du mich in den Ruin treibst, und das wäre nun wirklich gegen den Vertrag.“

„Das ist doch Unsinn. Keiner ruiniert dich. Ich bin schließlich ein Profi und weiß, was ich tue.“

Er lachte trocken auf. „Darf ich dich daran erinnern, was du gesagt hast? ‚Der Vertrag sieht einen Kostenrahmen von 3,5 Millionen Dollar vor, und ich werde jeden Cent davon ausgeben.‘ Das hast du wörtlich gesagt.“

„Ich war wütend.“ Candice sah ihn nicht an. Das war sicher nicht sehr schlau gewesen. Aber in Dereks Gegenwart verlor sie manchmal die Beherrschung.

Er rüttelte wieder an der Tür. „Unter normalen Umständen, wenn alles gut läuft, ist es leicht, die Fassung zu bewahren.“

„Als ihr uns angelogen habt, Tyler und du, als ihr uns ausgehorcht und uns verschwiegen habt, wer ihr wirklich seid, konnte man auch nicht von normalen Umständen reden.“

„Tyler hat undercover gearbeitet.“

„Aber er hat auch mit Jenna geschlafen.“

„Sie scheint ihm vergeben zu haben.“

„Das hat er auch verdient.“

Er sah sie prüfend an. „Aber ich nicht.“

„Du bist immer noch ein Problem.“

„Und wir sind immer noch in dem Restaurant eingesperrt, Candy.“

„Candice.“

Er grinste nur.

„Okay, du hast recht. Lass uns den Streit vorübergehend begraben.“

„Einverstanden. Wir können ja wieder anfangen, sobald wir hier raus sind.“

Sie nickte. „Gut. Hast du eigentlich den Hauptschlüssel bei dir?“

„Ja, aber er passt nicht in dieses Schlüsselloch.“

„Wieso, das ist doch der Hauptschlüssel, der überall passen sollte.“

„Die Tür und das Schloss sind alt und außerdem Unikate. Das Schloss ist seit Jahren nicht benutzt worden.“

Candice musterte die geschnitzte Tür. „Kannst du sie eintreten?“

„Keine Chance. Das ist solide Eiche. Außerdem ist sie doch sicher Teil von eurem künstlerischen Gesamtplan.“

„Stimmt.“ Die antike Tür mit den aufwendigen Schnitzereien sollte ein Schmuckstück für den ganzen Raum sein. Sie wollten sie abschleifen und neu ölen lassen, außerdem die Messingbeschläge ersetzen. Auf alle Fälle sollten sie auch das Schloss austauschen, damit so etwas nie wieder passieren konnte.

Es wäre ein Jammer, eine solche Tür zu zerstören. Aber allmählich bekam Candice Platzangst. Nicht dass der Raum besonders klein war, im Gegenteil. Er war riesig. Aber Derek nahm ihr irgendwie die Luft zum Atmen.

Plötzlich hatte sie eine Idee. „In der Küche ist eine Tür.“ Sie stürzte vorwärts.

„Die ist durch die neue Kühl- und Gefriereinheit blockiert“, rief er ihr hinterher.

„Wir können es doch versuchen.“

„Zeitverschwendung.“ Dennoch folgte er ihr.

„Pessimist!“

„Realist“, verbesserte er.

Vor der riesigen Gefriereinheit blieb sie stehen. Selbst ein früherer Footballspieler wie Derek würde die nicht bewegen können, das sah sie sofort.

„Jenna kommt sicher bald“, sagte Candice, mehr um sich selbst Mut zu machen als aus Überzeugung.

„Vielleicht.“

„Ihr fällt bestimmt auf, dass wir nicht da sind.“

„Ich fürchte, sie hat momentan nur ihren Mann im Sinn. Man sagt, dass Hochzeiten auf Frauen eine ganz bestimmte Wirkung haben.“

Candice musste zugeben, dass Derek nicht ganz unrecht hatte. Manche Frauen reagierten auf das romantische Drumherum geradezu lächerlich. „Nicht auf mich.“

„Das hätte ich mir denken können.“

Candice tat so, als habe sie die letzte Bemerkung nicht gehört. „Ich kann hier unmöglich bis Montag bleiben. Ich habe Termine und auch sonst viel zu tun.“„Wem sagst du das.“

Wütend stieß sie mit dem Fuß gegen die Kühleinheit. „Das Ganze scheint dich ja nicht weiter aufzuregen.“ Für einen viel beschäftigten Topmanager eines großen Konzerns wirkte Derek ausgesprochen gelassen. Er musste doch auch unter enormem Termindruck stehen.

„Candy …“

„Candice.“

„Das Ding wiegt mindestens eine Tonne. Wir können es nicht bewegen.“

„Schwächling!“ Entschlossen zog sie ihre zierlichen Schuhe aus.

„Vergiss es. Manchmal muss man auch eine Niederlage einstecken können.“

„Ich frage mich, wie du mit dieser Einstellung so erfolgreich hast sein können.“ Sie legte die Hände gegen das Gefriermonstrum und stemmte sich mit aller Kraft dagegen.

„Und ich frage mich, wie du mit deiner Einstellung auch nur einen einzigen Kunden hast gewinnen können.“

„Ich bin eine sehr vernünftige Frau.“

„Tatsächlich?“ Er zog eine Schublade auf und suchte darin herum. „Weil du eine tonnenschwere Gefriereinheit bewegen willst?“

Er hatte recht. Sie verkniff sich ein Lächeln und richtete sich auf. „Was ist daran unvernünftig?“

„Wie viel wiegst du ungefähr? Vielleicht fünfzig Kilo? Das kann schon nach den einfachsten physikalischen Gesetzen nicht klappen.“ Er nahm ein großes Küchenmesser aus der Schublade und betrachtete es nachdenklich.

Sie starrte auf die blitzende Klinge. „Bist du so wütend auf mich?“

Verblüfft sah er sie an, dann warf er das Messer wieder in die Schublade. „Mit dem können wir die Schrauben auch nicht herausdrehen. Wir sitzen tatsächlich fest.“

„Was? Wir können hier wirklich nicht raus? Die ganze Nacht nicht?“

Er warf ihr einen Blick zu, und es überlief sie heiß. „Candy …“

„Candice.“

Beide spürten die sexuelle Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Candice’ Haut prickelte, und sie atmete schneller. „Derek?“

„Was?“

„Wir müssen unbedingt hier raus!“

Das war gehörig untertrieben. Dass sich auf seinem Schreibtisch die unerledigten Vorgänge häuften, weil er normalerweise auch am Wochenende arbeitete, dass er das wichtige Telefongespräch mit dem japanischen Geschäftspartner nun seinem Bruder Tyler überlassen musste, das alles beunruhigte Derek nur mäßig. Aber wie Candice und er aufeinander reagierten, das machte ihn ausgesprochen nervös. In sechsunddreißig Stunden konnte eine Menge passieren.

In ihrem dunkellila Kleid sah sie einfach hinreißend aus. Das war ihm schon vorher aufgefallen. Auch dass sie eine bestimmte Wirkung auf ihn ausübte, war ihm nicht neu. Denn sie war hübsch und außerdem klug und voller Energie. Und sie brachte ihn nicht nur dazu, mal innezuhalten und nachzudenken über das, was er tat. Sie erregte in ihm auch ganz bestimmte Gefühle, Begehren, Verlangen …

Die Nacht allein mit ihr zu verbringen war im günstigsten Fall dumm, im schlimmsten reiner Selbstmord.

„Vielleicht sollte ich nach Werkzeug suchen.“ Noch waren nicht alle Möglichkeiten ausgetestet.

„Werkzeug?“

„Vielleicht können wir die Tür aus den Angeln heben.“

Ihre grünen Augen leuchteten auf. „Das ist eine gute Idee.“

Er sah sich in dem großen Raum um. Platten von Sperrholz und Styropor waren an den Wänden aufgestapelt. Der Boden war voller Sägespäne. Die Tische hatte man in einer Ecke zusammengestellt und mit Tüchern gegen den Staub geschützt.

Die Tischler waren halb fertig, die Klempner hatten letzte Woche angefangen, und die Elektriker schienen sämtliche Wände aufgerissen zu haben, um neue Leitungen zu legen.

Offenbar hatten die Handwerker ihre Werkzeuge mitgenommen, aber Derek sah sich trotzdem sorgfältig um. Vielleicht hatte doch einer irgendetwas vergessen. Er trat an die Fensterfront und schaute hinunter auf den Bürgersteig vor dem Hotel und den Lake Washington. Eines musste er Candice und Jenna lassen. Die Freilegung der ehemals verbauten großen Fenster hatte den Raum sehr zum Vorteil verändert. Schon der Blick auf den Segelhafen würde viele neue Gäste anziehen.

Er hob Teerpappen hoch und schob Sperrholzplatten auseinander, in der Hoffnung, einen Schraubenzieher oder etwas Ähnliches zu finden. Nichts. Die Handwerker waren offenbar sehr ordentlich und achteten auf ihr Werkzeug.

„Hast du was gefunden?“, rief Candice und kam näher.

Er wusste nicht, was ihn mehr antörnte, ihre schlanken Beine in den Schuhen mit den hohen Absätzen vorhin oder die nackten Füße in den hauchdünnen Strümpfen jetzt. Das trägerlose Kleid zeigte ihre wohlgeformten Schultern, und das Oberteil war so eng geschnitten, dass über eins kein Zweifel bestand: Trotz ihrer harten Argumentation war sie überall dort verführerisch weich, wo es sein musste.

Das blonde Haar hatte sie sorgfältig hochgesteckt, aber inzwischen lösten sich feine Strähnchen und umrahmten ihr herzförmiges Gesicht. Wie sie so vor ihm stand, war sie eine einzige sinnliche Versuchung, und Derek musste sich schnell abwenden, um nicht die Arme auszustrecken und sie an sich zu ziehen.

„Bisher nichts.“

„Kannst du dir vorstellen, warum Tyler so etwas tut?“

„Er will Jenna offenbar schützen.“

„Aber er braucht Jenna doch nicht vor mir zu schützen. Ich bin ihre Freundin, wir arbeiten zusammen. Und ihre Trauzeugin war ich außerdem.“

Wieder hob er ein Stück Teerpappe hoch. Sägemehl, ein Maßband, ein Lot, ein Bleistift. Nichts, was ihm hätte weiterhelfen können. „Ich glaube, sie hat Probleme mit unserem Verhältnis zueinander.“

„Aber ich habe kein Verhältnis mit dir.“

Er grinste kurz. „Stimmt. Sie stört wohl auch eher, dass wir uns immer streiten, wenn es um die Arbeit geht.“ Dass sie hier ohne Schuhe herumlief, gefiel ihm nicht. Auf dem Fußboden lagen sicher Metallspäne, Nägel und Holzsplitter herum. „Du solltest dir lieber die Schuhe wieder anziehen.“

„Ich streite überhaupt nicht! Und ich kann meine Schuhe nicht anziehen.“

„Warum denn nicht?“

„Meine Füße sind geschwollen. Die Schuhe passen nicht mehr.“

„Dann setz dich hin.“ Er ging zu der Wand, an der die Stühle unter einer Plastikplane aufgestapelt standen, und zog einen hervor. Der Stoff der gepolsterten Sitzfläche war ausgeblichen, und auch das Holz der Armlehnen musste neu lackiert werden, aber bequem war der Stuhl immer noch. „Das fehlte gerade noch, dass du dich verletzt.“ Er stellte den Stuhl dicht an eins der großen Fenster.

„Immer ganz der Kavalier“, sagte sie schmunzelnd.

Er holte einen zweiten Stuhl und stellte einen der kleineren Tische zwischen beide Stühle. „Hast du etwas anderes erwartet?“

Sie setzte sich tatsächlich, und Derek war geradezu dankbar, dass sie endlich mal das tat, worum er sie gebeten hatte. Sicher gab es irgendwo einen Erste-Hilfe-Kasten, aber er hatte wirklich keine Lust, ihr einen Nagel aus dem Fuß herauszuoperieren.

„Hast du etwas gefunden, das uns hier rausbringt?“, fragte sie.

„Leider hat niemand seinen Schraubenzieher hier gelassen.“

„Und du kannst die Tür wirklich nicht eintreten?“

„Möchtest du das denn?“

Sie seufzte tief, zog die Füße auf den Stuhl und zerrte den Rock über die Knie. „Nein, das wäre unverantwortlich.“

Derek setzte sich auf den anderen Stuhl. „Wahrscheinlich würde ich mir auch eher den Knöchel brechen, als dass die Tür nachgibt. So etwas Solides wird heutzutage gar nicht mehr hergestellt.“

„Stimmt.“ Wieder seufzte sie und stützte dann die Ellbogen auf den Tisch. „Sind wir wirklich so schlimm?“

„Schlimm? Wieso?“

„Dass wir so etwas verdient haben.“ Mit einer weitausholenden Geste wies sie auf den ungemütlichen Raum.

„Tylers Reaktion ist völlig übertrieben.“

„Vielleicht ist das Ganze nur eine besondere Art von Scherz, und er kommt gleich zurück und befreit uns.“

„Vielleicht.“ Derek hatte da seine Zweifel.

Aber Candice schöpfte wieder Hoffnung. „Gut. Was wollen wir solange machen?“

„Das fragst du mich? Ich dachte, ich sei sowieso zu nichts nütze.“

„Habe ich so etwas wirklich mal gesagt?“

„Schlimmeres als das.“

„Da siehst du mal, wie verzweifelt ich war.“

„Hast du Hunger?“ Wie es um Candy stand, wusste er nicht, aber er selbst hatte während des Empfangs noch keinen Bissen zu sich genommen. Anstatt hier zu sitzen und Däumchen zu drehen, sollten sie das Beste aus der Situation machen.

„Weshalb fragst du das? Ich glaube kaum, dass Tyler hier für uns einen Picknickkorb zurückgelassen hat.“

„Das nicht. Aber wir sind doch schließlich in einem Restaurant.“

Sie warf einen Blick auf die Küche. „Du meinst, wir können …“

„Soviel ich weiß, funktioniert noch alles.“ Derek stand auf. Vielleicht war er wirklich zu pessimistisch. Vielleicht hatte Tyler ein Herz und befreite sie nach ein paar Stunden. Aber warum sollten sie in der Zwischenzeit hungern?

„Weißt du denn, wie man damit umgeht?“ Candice sah ihn zweifelnd an. „Das sieht alles sehr kompliziert aus.“

Er reichte ihr die Hand. „Wenn du Hunger hast, koche ich dir etwas.“

„Tatsächlich?“

„Nein, ich bin ein Unmensch und sage das nur, um dich zu quälen.“

„Das könnte ich direkt glauben.“

„Na los.“ Er stand auf und trat neben ihren Stuhl. „Ich trage dich, damit dir nichts passiert.“

„Oh, nein, das wirst du nicht tun.“

„Nun sei doch nicht immer so widerspenstig.“ Er bückte sich, umfasste sie und hob sie hoch. „Nicht, wenn ich mich gerade nützlich machen will.“

Sie machte sich ganz steif. „Lass mich runter! Ich will das nicht.“

„Soll ich dich wirklich wieder absetzen? Und was ist, wenn du auf einen Nagel trittst?“

„Einen Nagel?“

„Allerdings. Hier wird schließlich gebaut.“

Misstrauisch musterte sie den Boden. „Na gut. Aber nur, damit wir keine Probleme kriegen.“ Sie legte ihm die Arme um den Hals.

Er ging quer durch den Raum, und nach wenigen Sekunden hatte Candice sich entspannt. Er konnte ihre sanften Kurven an seinem Brustkorb spüren. Ihre Finger schienen seinen Nacken zu liebkosen, und ihr kleiner fester Po drückte gegen seinen Bauch. Sie war so weich und sexy.

„Darf ich einen etwas derben Witz machen?“, fragte sie und lachte leise.

Ihre Brüste bebten leicht, und Derek musste schlucken. „Wenn du es verantworten kannst.“ Seine Stimme klang dunkel und gefährlich.

Sie sah ihn prüfend an, und eine tiefe Röte stieg ihr in die Wangen.

An ihn gekuschelt hatte Candice das Empfinden, eine verbotene Fantasie auszuleben. Sie musste zugeben, dass sie hin und wieder durchaus seinen muskulösen Körper bewundert hatte. Wie sie hatten sich wahrscheinlich schon viele Frauen gefragt, wie sich ein solcher Körper wohl anfühlte.

Jetzt wusste sie es.

Hart und warm. Sie spürte, wie sich seine gut ausgebildeten Muskeln unter der Haut bewegten, während er sie in die Küche trug. Tief durchatmend schloss sie die Augen.

Aber das hätte sie lieber nicht tun sollen. Denn bei dem männlichen Duft spielten ihre Sinne verrückt. Derek mochte arrogant und anmaßend sein, aber er war auch sexy wie die Sünde. Seine Finger schienen sich in ihre Schenkel zu brennen, ihr Körper wurde weich und nachgiebig, und statt Widerstand empfand sie nur Verlangen.

Leider ließ er sie viel zu bald auf dem Fliesenboden nieder. Er sah sie lange an, bis ihr die Knie weich wurden und ihr Herzschlag kurz aussetzte. Doch dann atmete er ein Mal tief durch, und schon hatte er seine Gesichtszüge wieder in der Gewalt.

Schnell drehte er sich zu dem großen begehbaren Gefrierschrank um und zog die schwere Tür auf. Die Angeln quietschten leise, dann knipste Derek das Licht an und trat ein.

Candice kam näher. Immer noch war sie wie benommen. Eine Fantasie auszuleben war im Grunde nichts Schlimmes. Aber hier handelte es sich schließlich um Derek.

Er entsprach genau dem Typ Mann, vor dem ihre Mutter sie immer gewarnt hatte – ein skrupelloser Unternehmer, dessen einziger Lebenszweck es war, Geld zu machen und seine Macht zu vergrößern.

„Also, was haben wir denn im Angebot?“ Seine Stimme klang leicht gedämpft. „Filet Mignon, Lammrücken, Lachs …“

Sie rieb sich die kalten Oberarme und trat von einem Fuß auf den anderen, denn der Boden war eiskalt. „Weißt du denn, wie man so etwas zubereitet?“

„Sicher. Du nicht?“

Da sie zu Hause eine Köchin und eine Haushälterin hatten, waren Candice’ hausfrauliche Fähigkeiten nicht sehr stark ausgeprägt. „Ich kann ziemlich gut mit der Mikrowelle umgehen.“

Derek sah sie entrüstet an. „Was? Du isst nur Fertiggerichte?“

„Nicht immer.“ Ihre Zähne schlugen kurz aufeinander. „Wenn ich meine Eltern besuchen fahre, gibt Anna-Leigh mir immer was zu essen mit.“

„Das ist ja armselig.“ Er zog das Smokingjackett aus und legte es ihr um die Schultern.

Heftig schüttelte sie den Kopf und versuchte, das Jackett loszuwerden. Das war ihr alles viel zu intim.

Aber er ließ es nicht zu und hielt das Jackett auf ihren Schultern fest. „Sei nicht albern.“

„Ich brauche das nicht.“

„Aber du klapperst doch schon mit den Zähnen.“

„Ich stehe ja auch vor einem offenen Kühlraum.“

„Musst du denn immer so eigensinnig sein?“

„Du bist es doch, der mir seine Jacke aufdrängt.“

„Okay. Wenn du meine Jacke anziehst, mach ich uns etwas zu essen.“

„Das ist doch …“

„Abgemacht?“

„Na gut.“ Sie schlüpfte in die Ärmel und wickelte sich richtiggehend ein. Der warme Futterstoff fühlte sich himmlisch an.

Derek knöpfte die Manschetten auf und krempelte die Ärmel hoch. Dann trat er tiefer in den Gefrierraum hinein. „Du kannst noch nicht einmal ein Steak braten?“

„Steak mag ich nicht.“

„Was isst du denn gern?“

„Alles, was aus dem Meer kommt.“

„Hm.“ Derek trat näher an das große Regal heran.

Candice blieb in der offenen Tür stehen und war um jeden warmen Luftzug froh, der sie aus der Küche erreichte.

Endlich hatte er gefunden, was er suchte, und kam mit zwei Plastikpäckchen wieder. „Hummer wird dir hoffentlich recht sein. Sieh mal im Kühlraum nach, ob Butter da ist. Ich mache inzwischen den Grill an.“

„Willst du tatsächlich Hummer machen?“ Sie hatte zwar keine Ahnung, aber Hummer schien ihr noch schwieriger zuzubereiten zu sein als Steak.

„Warum nicht?“ Er schob sie aus der Tür, die er schnell wieder schloss.

Ihre Füße waren halb erfroren, und sie rieb sich die Fußsohlen abwechselnd an der Wade. „Hattet ihr denn keine Köchin, als du klein warst?“

„Doch natürlich, aber das bedeutet nicht, dass ich kein Kochbuch lesen kann. Bitte, hol die Butter aus dem Kühlschrank, und dann …“ Er sah sich in der Küche um. Überall standen Kisten und Schachteln jeder Größe mit der neuen Kücheneinrichtung herum, waren aber noch nicht ausgepackt. „Egal.“ Er nickte Candice beruhigend zu. „Ich finde die Gewürze schon.“

Als sie mit der Butter zurückkam, hatte Derek bereits den Grill in Gang gesetzt und rührte in einem Topf, der auf dem Riesenherd stand.

„Was ist das denn?“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute ihm über die Schulter. „Das riecht süß.“

„Kein Wunder, ist ja auch Schokolade.“

„Du machst Hummer mit Schokolade?“ Entsetzt starrte sie ihn an. Offenbar hatte sie seine Kochkünste gewaltig überschätzt.

„Ach was. Ich mache Mousse au Chocolat zum Nachtisch.“

„Das glaube ich dir nicht.“ Sehr selten machte sie mal einen Kuchen aus Backmischung, und wenn sie sehr mutig war, wagte sie sich an Schokoladenkekse, natürlich auch aus einer fertigen Teigmischung.

Er warf ihr einen anklagenden Blick zu. „Dein mangelndes Vertrauen in mich ist nicht gerade aufbauend.“

„Aber du wirkst immer wie ein verzogener …“ Sie biss sich auf die Lippe. Der Mann kochte ihr ein wunderbares Essen, und sie hätte ihn beinahe beleidigt.

„Du solltest nie so voreilige Schlüsse ziehen“, sagte er leise.

„Wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir in den letzten drei Monaten miteinander verbracht haben, kann man eigentlich nicht von vorschnell sprechen.“ Abgesehen von seinen möglicherweise vorhandenen Kochkünsten hatte sie nach wie vor keinen Zweifel daran, dass er verwöhnt und versnobt war.

Er regulierte die Flamme unter dem offenen Grill und stellte dann den Abzug an. „Man sollte immer beide Seiten bedenken.“

Sehr schlau! „Du hast dich doch in alles eingemischt. Nicht einmal mit der Farbe der Lasur warst du einverstanden.“ Sie konnte es sich einfach nicht verkneifen, wieder von der Arbeit anzufangen.

„Möglich, aber du konntest auch nie nachgeben.“

Das stimmte, aber sie wusste, dass man Derek gegenüber nie etwas zugeben durfte. Außerdem war es etwas anderes, denn sie trug schließlich die Verantwortung für die Renovierung.

„Du wolltest unbedingt den Honigton, dabei ist er kaum anders als der natürliche Seidenglanz, den ich wollte und der fantastisch zu allem anderen passt. Aber du hast für deine Wahl gekämpft, als hinge dein Leben davon ab.“

Derek rührte seelenruhig in dem Topf mit der schmelzenden Schokolade. „Und du hast für deine Wahl gekämpft, als hinge dein Leben davon ab.“

„Das ist etwas anderes.“

„Nein, es ist genau das Gleiche.“

Es wollte es einfach nicht begreifen. Ihre Farbwahl hatte mit dem ganzen Projekt zu tun, während seine Entscheidung nur einer Laune entsprang.

Vielleicht wollte er auch nur streiten. Das war sogar wahrscheinlicher. „Und was ist mit der Holztäfelung?“ Sie war gespannt, aus welchen Gründen er sich hier eingemischt hatte.

„Auch in dem Punkt liegen unsere Meinungen nicht weit auseinander. Aber du wolltest, dass die Paneele einen halben Zentimeter breiter sind.“ Er wickelte die Hummerschwänze aus und legte sie auf den Grill. In einem Töpfchen ließ er Butter schmelzen.

„Für mich ist wichtig, dass alles so aussieht, wie man es in der damaligen Zeit hatte. Und da waren die Paneele nun mal ein bisschen breiter. Und genau das macht den Unterschied.“

„Kann ich dir helfen?“, fragte Candice

„Nein, danke.“ Er zog eine der großen Besteckschubladen auf und nahm einen Fettpinsel heraus. „Es ist ein Unterschied von einem halben Zentimeter. Und von mehreren Tausend Dollar.“

„Das musste ja kommen.“

„Hast du etwas anders erwartet?“ Er tauchte den Pinsel in die flüssige Butter.

„Warum ist dir das alles so wichtig?“, fragte Candice.

„Warum ist es dir so wichtig?“, gab er zurück.

„Ich bin hier für die Innenausstattung zuständig. Es gehört zu meinem Job, mich um die Details zu kümmern.“

„Mir gehört das Hotel. Ich muss darauf achten, dass das Budget nicht überschritten wird.“

„Ich halte das Budget ein.“

„Aber du machst es auch nicht preiswerter.“

„Deshalb gibt es doch ein Budget. Ich stelle dir ein wunderschönes Restaurant hin, und das alles in dem finanziellen Rahmen, den du vorgegeben hast.“

„Aber keinem wird es auffallen, dass die Paneele etwas schmaler sind.“

„Vielleicht nicht genau das, aber …“

„Siehst du.“ Er bepinselte die Hummerschwänze mit der linken Hand, während er mit der rechten die Schokolade umrührte. „Warum soll man Geld an etwas verschwenden, was sowieso niemand bemerken wird?“

Sie war fasziniert, wie routiniert er sich in der Küche bewegte. Nur widerstrebend löste sie den Blick von seinen geschickten Händen. „Vielleicht fällt niemandem auf Anhieb die Breite der Paneele auf, aber es ist der Gesamteindruck, der zählt. Das ist wie die Sache mit dem Weinregal. Kein Mensch wird sagen: ‚Toll, wie das Muster der marmornen Abdeckplatte sich in der Wandmalerei fortsetzt.‘ Aber unbewusst werden die Menschen das sehr wohl wahrnehmen. Glaub mir, es sind genau diese Dinge, die den entscheidenden Unterschied zwischen einem 4-Sterne- und einem 5-Sterne-Restaurant ausmachen.“

„Weißt du was? Ich bin für einen Kompromiss. Ich lasse dich die Farbe der Lasur aussuchen, und du bist mit den etwas schmaleren Paneelen einverstanden.“

Candice hatte nicht vor, bei irgendetwas nachzugeben. „Aber die Täfelung macht so viel …“

„Sie macht einen Unterschied von mehreren Tausend Dollar aus.“ Wieder warf er ihr schnell einen Blick zu. „Und das alles wegen eines halben Zentimeters. Kannst du dich auf diesen Kompromiss einlassen oder nicht?“

Sie schwieg. Hatte sie überhaupt eine Wahl? Aber vielleicht würde die Täfelung auch mit schmaleren Paneelen gut aussehen. „Okay, aber nur unter der Bedingung, dass ich alle Lasuren und alle Wandfarben aussuchen kann.“

Jetzt wandte er sich empört um. „Was? Alle Farben und Lasuren und das nur wegen eines lumpigen halben Zentimeters?“

„Und Tausenden von Dollar.“

Derek grinste. „Gut gekontert. Einverstanden.“ Er tauchte einen kleinen Löffel in die Schokolade und blies darüber. Dann hielt er Candice den Löffel hin. „Was meinst du?“

Vorsichtig leckte sie die Spitze des Löffels ab. Hm, das war gut. Sie schloss die Augen und stöhnte leise. „Fantastisch. Eins. Setzen.“

„Danke, Frau Lehrerin.“ Seine sanfte Stimme erreichte sie wie eine zärtliche Liebkosung.

3. KAPITEL

„Vielleicht hättest du Koch werden sollen“, sagte Candice und nahm noch einen Bissen von dem zarten Hummerschwanz. Dabei schaute sie Derek direkt in die Augen. Das Licht der Kerze spiegelte sich in seinen Augen.

Ihr Lob tat ihm gut, das musste er zugeben. „Um meine Karriere als Berater für Innenausstattungen aufzugeben?“

„Ich möchte dich ja nicht beleidigen“, sagte Candice lächelnd und hob ihr Weinglas. „Aber du solltest dir wirklich genau überlegen, wo deine Stärken liegen.“

„Nicht bei der Raumausstattung? Ich bin untröstlich.“ Derek prostete ihr fröhlich zu.

Seit Wochen hatte er nicht mehr gekocht. Und das erste Mal seit Monaten musste er nach dem Essen nicht gleich wieder zur nächsten Sitzung. Außerdem machte der Schlagabtausch mit Candice großen Spaß, ihr scharfer Witz war erfrischend und herausfordernd.

Sie hob ihr Glas und wandte sich dem Fenster zu. Die Lichter von Seattle funkelten, und romantisch erleuchtete Touristenboote strebten dem Hafen zu. „Selbst ihr Supermänner könnt nicht in jeder Beziehung überragend sein.“

Er lehnte sich zurück und schmunzelte. „Donnerwetter, von einer nutzlosen Nervensäge zum Supermann, und das alles an einem Abend. Nicht schlecht.“

„Du bist immer noch eine nutzlose Nervensäge, wenn es um Fragen der Innenausstattung geht. Das solltest du wirklich zugeben.“

Derek lächelte vielsagend und hob langsam sein Glas. „Du meinst, ich soll das vollkommen dir überlassen?“

„Genau. Tu doch lieber das, was du am besten kannst. Geld machen.“

„Willst du damit sagen, dass ich Geld verdienen soll, damit du es hier ausgeben kannst?“

„Endlich hast du es begriffen“, sagte sie fröhlich. Sie beugte sich vor und strahlte ihn an. „Dann ist ja noch nicht alle Hoffnung verloren.“ Ihre grünen Augen leuchteten im Kerzenlicht, die Lippen waren leicht geöffnet und die Wangen zart gerötet.

Verdammt, sie war einfach wunderschön. War ihm das früher auch schon aufgefallen?

„Wir wären das ideale Paar für eine perfekte Symbiose“, fügte sie hinzu.

„Weißt du, was du da sagst?“, stieß er rau hervor, denn ein plötzliches Verlangen nahm ihm den Atem.

„Missversteh mich nicht.“ Sie lachte leise. „Symbiose bedeutet lediglich, Hand in Hand zum gegenseitigen Nutzen tätig zu sein.“

„Ich weiß.“ Er konnte sich nur zu gut vorstellen, was sie alles „Hand in Hand zum gegenseitigen Nutzen“ tun konnten. Am besten gleich.

Candice hatte das Jackett über die Stuhllehne gehängt, sodass er ihre ebenmäßigen Schultern bewundern konnte. Und nicht nur das. Der Ausschnitt hatte sich etwas nach unten verschoben und ihren Brustansatz entblößt.

Dereks Gedanken gingen in eine sehr eindeutige Richtung, und auch wenn er wusste, dass das nicht angemessen war, konnte er sich nur schwer zusammennehmen. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte Candice in die Arme genommen. Stattdessen spielte er nervös mit seinem Weinglas.

„Wie wäre es damit: Du darfst den Bodenbelag aussuchen, und ich bestimme den Deckenstuck?“ Das war ein Deal zu seinem Nachteil, aber ihm war leider nichts anderes eingefallen.

„Ich darf den Teppich auswählen, und du bist mit der Decke zufrieden?“ Sie richtete sich auf und sah ihn ungläubig an, als traue sie seiner Großzügigkeit nicht. Das Kleid spannte sich über ihren Brüsten, und er hätte schwören können, dass sich die aufgerichteten Spitzen abzeichneten.

Schnell stürzte er einen großen Schluck Wein hinunter. „Genau.“

„Auch wenn es der alte handgeknüpfte Safawid ist?“

„Auch dann.“

Candice holte wieder tief Luft, und wieder spannte sich der Stoff über den Brüsten. „Du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.“

Aber er bereute bereits, was er gesagt hatte. Die meisten seiner Gäste würden einen echten Perserteppich nicht von einer billigen Nylonware unterscheiden können. Er konnte nur hoffen, dass die wenigen Kenner besonders großzügig bestellten.

Hier hatte sie ihn übervorteilt, aber nur, weil sie ihre Brüste einsetzte, wenn auch unbewusst. Dennoch war es irgendwie unfair.

Es wurde Zeit, dass er für sich etwas mehr herausholte. „Wie sieht es denn mit der Beleuchtung aus?“, fragte er, harmlos lächelnd. „Darüber sollten wir uns vielleicht auch noch unterhalten.“

„Über den Kronleuchter lasse ich nicht mit mir reden.“ Candice’ Augen blitzten streitlustig.

„Ich habe dir den Teppich zugestanden.“

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Sie schob den Stuhl zurück und stand auf.

Derek sprang auf. „Wo willst du hin?“ Sie wusste doch, dass es gefährlich war, hier ohne Schuhe herumzulaufen.

„Ich will ein paar Papierservietten holen.“

„Bleib sitzen. Ich mach das schon.“ Er ging schnell in die Küche und kam erstaunlich schnell mit ein paar weißen Papierservietten zurück.

„Hast du etwas zu schreiben?“

„Auch das.“ Er griff in die Smokingtasche und zog einen schmalen Kugelschreiber hervor. „Was hast du vor?“

Sie nahm den Kugelschreiber und glättete eine Serviette. „Ich will die Vertragsbestandteile aufschreiben. Also, bisher haben wir: die Täfelung bestimmst du, die Farben ich, die Stuckrose du, den Teppich ich.“ Sorgfältig schrieb sie alles in Druckbuchstaben nieder.

„Los, du musst hier unterschreiben.“ Sie schob ihm die Serviette zu.

„Das ist doch lächerlich.“

„Wieso? Wenn wir beide unterschreiben, ist die Abmachung rechtsgültig.“

„Aber wir gehen doch nicht vor Gericht.“

„Das kann man nie wissen. Ich möchte mit meinem Perserteppich auf keinen Fall ein Risiko eingehen.“

„Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe.“

Candice lächelte ihn freundlich an. „Dann kannst du ja auch unterschreiben.“

Leider verschränkte sie die Arme unter den Brüsten und fesselte Dereks Blick an ihren tiefen Ausschnitt, sodass er nicht klar denken konnte. Also unterschrieb er.

„Wunderbar.“ Strahlend nahm sie die Serviette wieder an sich. „Diese Streitpunkte wären schon mal beigelegt.“ Dann warf sie ihm einen langen Blick zu. „Gibt es sonst noch etwas, worüber du dich austauschen möchtest?“

„Was ist nun mit der Beleuchtung?“, fragte er. Dieses Mal würde er sich nicht überrumpeln lassen. Er musste nur darauf achten, dass er seinen Blick auf ihr Gesicht konzentrierte.

„Der Kronleuchter steht nicht zur Disposition“, sagte sie mit fester Stimme. „Er steht für Geschichte und Tradition. Ankommende Gäste sehen als Erstes diesen herrlichen Kronleuchter und sind überwältigt von seiner edlen Schönheit und seinem klassischen Stil. Wer ihn gesehen hat …“

„Es ist eine Lampe“, unterbrach er sie trocken.

„Das ist doch keine Lampe!“ Sie sah ihn empört an. „Das heißt, natürlich ist es auch eine Lichtquelle, aber …“

„Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich den Preis gesehen habe.“

„Aber es ist eben nicht nur irgendeine Lampe. Es ist eine Antiquität.“

„Dann lass eine Reproduktion anfertigen. Das wird keiner merken.“

„Aber du weißt es.“

„Mir ist das egal. Wahrscheinlich fällt es mir noch nicht einmal auf. Denn ich habe dann viel zu viel damit zu tun, das Geld auszugeben, das wir mit der Reproduktion gespart haben.“

Candice lehnte sich vor, und wieder konnte Derek fast ihre Brustspitzen sehen. Das war wirklich unfair und gehörte gesetzlich verboten.

Selbstverständlich konnte er sie darauf aufmerksam machen, und sie würde etwas daran ändern.

Aber wollte er das?

„Und ich weiß es“, sagte sie. „Und mir ist es nicht egal.“

„Soll ich mir deshalb graue Haare wachsen lassen?“

„Nein. Aber vielleicht ist dir wichtig, was die Restaurantkritiker sagen. Denn die erkennen den Unterschied.“ Sie lehnte sich lächelnd zurück, offenbar sehr zufrieden mit ihrem Argument, und hob ihr Weinglas. „Möchtest du, dass sie über eine billige Reproduktion oder ein kostbares Original schreiben?“

Derek schwieg. Er durfte nicht bei all ihren Abmachungen den Kürzeren ziehen. Das vertrug sich schlecht mit seinem Stolz.

„Du darfst die Fliesen aussuchen“, sagte sie. „Und ich kriege meinen Kronleuchter.“

„Aber die Fliesen, die da sind, gefallen mir.“

„Umso besser.“ Sie zuckte mit den Schultern und schrieb.

„Was tust du da?“

„Ich bleibe bei dem Lüster, du bleibst bei den Fliesen.“

„Moment mal …“

„Willst du uns nicht den Nachtisch holen?“ Sie lächelte zuckersüß. „Ich muss doch vorsichtig sein mit meinen Füßen.“

„Das ist ungerecht“, sagte Derek, während Candice sich einen Löffel Mousse in den Mund schob und verzückt lächelte. Es schmeckte himmlisch. Er sollte wirklich ernsthaft überlegen, ob er nicht als Küchenchef Karriere machen wollte.

„Warum?“, fragte sie langsam und leckte den Löffel ab.

„Bei den letzten beiden Abmachungen hast du deinen Willen durchgesetzt.“

„Nur, weil du mir so intensiv in den Ausschnitt gestarrt hast.“ Sie zog den Ausschnitt etwas höher.

„Das hast du gemerkt?“

„Aber ich bitte dich!“ Er mochte ein großartiger Koch sein, aber mit Finesse war er nicht gesegnet. Ein bisschen nackte Haut, und er war verloren.

„Das ist Betrug“, empörte er sich.

„Inwiefern?“

„Du hättest den Ausschnitt ein wenig höher ziehen können.“

„Warum hast du mich denn nicht darauf aufmerksam gemacht?“

Er grinste frech. „Weil du den Ausschnitt dann höher gezogen hättest.“

Sie imitierte sein Lächeln. „Aber du hättest keine 50.000 Dollar für eine Lampe ausgegeben.“

„Für den Preis müsstest du eigentlich die ganze Nacht hier nackt herumlaufen.“

Sie pochte auf die beiden Servietten. „Steht nicht im Vertrag.“

„Mein Pech.“

„Aber, Derek.“ Sie lachte leise. „Es ist doch nur ein Brustansatz. Jede Frau heute auf dem Empfang trug ein Kleid mit einem tiefen Ausschnitt. Bei jeder konntest du die Brüste sehen.“

„Nicht bei meiner Mutter oder Tante Eileen.“

„Bei jeder Frau unter fünfzig.“

„Das ist nicht das Gleiche.“

„Warum denn nicht?“ Sie beugte sich vor und stützte das Gesicht in die Hände.

Er schaute ihr lange in die Augen, ohne etwas zu sagen. „Willst du mit mir flirten?“, fragte er dann leise.

Oh, das klang gefährlich. Darauf durfte sie auf keinen Fall eingehen. Schnell richtete sie sich auf. „Ich möchte die Restaurantstühle mit Leder beziehen lassen.“

„Das sprengt dein Budget.“

„Woher weißt du das?“

Er tippte sich an die Stirn. „Ist alles hier gespeichert. Ich weiß, was gebraucht wird und was das Leder kostet. Außerdem sind die Lohnkosten enorm.“

Dass er ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte, wusste sie. Also musste eine andere Strategie her. Sie löste das Haar und lockerte es mit den Fingerspitzen. Vielleicht dachte er jetzt noch einmal darüber nach?

Schweigend betrachtete er sie, sein Blick folgte jeder ihrer Bewegungen. „Diesmal klappt es nicht. Aber einen Versuch war es wert.“

„Ich wollte dich nicht bestechen“, log sie. „Ich bin müde, und der Kopf wird mir schwer. Da sind offene Haare bequemer. Es ist doch schon nach Mitternacht.“

Er hob leicht die Augenbrauen. „Keine Chance.“

„Seit wann bist du nicht mehr mit einer Frau zusammen gewesen?“

„Was?“

„Du hast genau verstanden, was ich gesagt habe. Du scheinst mir leicht verführbar zu sein, und das von einer Frau, die sich in dem Punkt keinerlei Mühe gibt.“

„Ich bin überhaupt nicht verführbar.“

„So?“ Sie tauchte die Spitze ihres Zeigefingers in die Mousse, steckte ihn dann in den Mund, ließ die Zunge darum kreisen und zog ihn langsam wieder durch die vollen Lippen. Das hatte sie mal in irgendeinem Film gesehen, und es schien zu wirken. Dereks Augen wurden deutlich größer.

„Hör auf“, knurrte er.

„Womit?“ Wieder steckte sie den Finger in die Schokoladencreme.

Er packte sie beim Handgelenk. „Du spielst mit dem Feuer.“

„Wieso? Ich esse meinen Nachtisch.“

Er sah ihr tief in die Augen.

Die Wärme seiner Hand hinterließ eine glühende Spur auf Candice’ Haut. Plötzlich ging ihr Atem schneller, und ihr Puls raste. Heißes Verlangen stieg in ihr auf.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie war hier mit ihm allein eingesperrt und flirtete, als wollte sie ihn verführen. „Verzeih mir“, flüsterte sie. „Ich höre auf.“

„Das will ich dir auch geraten haben.“ Langsam ließ er ihr Handgelenk los, lehnte sich zurück und starrte auf den schwarzen See hinaus.

„Derek?“

„Ja?“

„Ich möchte mich entschuldigen.“

Kurz hob er die Schultern. „Angenommen.“ Dann wandte er den Kopf und sah sie an. „Es ist doch nichts passiert.“

Aber es war etwas passiert, und das wussten sie beide.

So zu tun, als bemerke man nicht, dass der Ausschnitt etwas tief saß, war eine Sache. Aber es war etwas ganz anderes, durch aktive Körpersprache Versprechungen zu machen, die man nicht bereit war zu halten.

Auch wenn sie diese Nacht hier verbringen mussten und eine Flasche Wein zusammen getrunken hatten, blieb Derek doch immer noch ihr Kunde. Und ihr Benehmen ihm gegenüber war alles andere als professionell gewesen.

Je früher dieser Abend endete, desto besser.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte Candice am nächsten Morgen, die Stimme noch rau vom Schlaf.

Derek blickte vom Grill hoch. Sie stand in der Küchentür. Ihr Kleid war zerdrückt und das Haar ungekämmt. Und dennoch sah sie unglaublich sexy aus.

Sie reckte den Hals und ließ die Schultern kreisen, denn der einzige Teppich als Matratze und Tischtücher als Decke hatten nicht gerade ein bequemes Bett abgegeben.

Sie hatte ihm angeboten, das Bett mit ihr zu teilen, aber darauf hatte er sich verständlicherweise nicht eingelassen. Er begehrte sie so sehr, dass nur die Berührung eines Fingers genügt hätte, und er hätte sie an sich gerissen und wie besinnungslos geküsst.

Wenn nicht mehr.

Er war leicht zu entflammen, aber eine derartig wilde Begierde, wie Candice sie bei ihm entfacht hatte, war ihm völlig unbekannt. Der harte Boden war als Schlafplatz zwar fürchterlich unbequem gewesen, aber die Alternative war nicht infrage gekommen. „Nicht so besonders. Und du?“

Sie zuckte mit den nackten Schultern und tappte auf ihn zu. „Es ging. Was machst du denn da?“

„Toast.“ Er blickte sich in dem Raum um. Wo war denn sein Jackett? Sie musste unbedingt etwas überziehen, sonst konnte er für nichts garantieren.

Sie blickte ihm über die Schulter. „Ich bin sehr beeindruckt.“

Er legte die fertigen Scheiben vorsichtig auf einen Teller. Außer Toast und Orangenstückchen in Dosen hatte er nichts gefunden, was einem Frühstück auch nur ähnlich sah. „Soll ich dich noch stärker beeindrucken?“

„Aber klar.“

Er stellte den Gasgrill aus und ging in Richtung Flur. „Komm.“

„Wohin gehen wir?“

„Das wirst du schon sehen.“

„Warum tust du so geheimnisvoll?“

„Das Geheimnis wird gleich gelüftet.“

Sie standen vor einer verschlossenen Tür, und Derek steckte seinen Hauptschlüssel ins Schloss.

„Hast du einen Weg nach draußen gefunden?“

„Leider nein.“ Er sah Candice bedauernd an. „Aber es ist trotzdem etwas Gutes.“

„Ja? Was denn?“

Er machte die Tür weit auf. „Hier gibt es alles, was ein gutes Hotel für seine verehrten Gäste bereithält.“

„Was denn, zum Beispiel?“ Sie blickte in den kleinen dunklen Raum.

Er knipste das Licht an. „Zahnbürsten, Zahnpasta, Badeseifen, Duschgel, Deodorants, Kämme …“ Es gab auch Kondome, aber die erwähnte er nicht. „Alles, was man als Reisender vergessen haben kann und vom Zimmerservice erwartet.“

„Oh …“ Sie drängte sich an ihm vorbei und betrachtete staunend die gut gefüllten Regale. Dann warf sie ihm einen zweifelnden Blick zu. „Aber können wir das so einfach …“

Es war ihm klar, dass er ein paar Schritte zurücktreten sollte, um sie nicht zu berühren, aber seine Füße schienen am Boden festgefroren zu sein. „Nimm, was du brauchst.“

„Das ist einfach wunderbar!“ Sie strahlte ihn an. Während sie sich aus den Regalen bediente, schien sie nicht zu bemerken, dass sie immer wieder gegen ihn stieß.

Für sie mochte die Situation wunderbar sein, für ihn war es die reine Folter. Vor ihm bewegte sich eine spärlich bekleidete Frau, noch warm vom Schlaf, berührte ihn, und er musste so tun, als nehme er das überhaupt nicht wahr.

Er räusperte sich, um seiner Stimme Festigkeit zu geben. „Die Herrentoilette ist außer Betrieb. Wir müssen beide die Damentoilette benutzen. Du kannst gern zuerst gehen.“

Sie drehte sich um und sah ihn an. „Wirklich?“

Wieder musste er sich räuspern, weil er Sorge hatte, die Stimme würde ihm nicht gehorchen. „Selbstverständlich.“

Vor dem Spiegel zog sich Candice aus, erst das Kleid, dann die Unterwäsche und die Strümpfe. In einem großen Korb lagen weiße weiche Handtücher, und sie machte eins davon nass, wickelte die zart duftende Seife aus und wusch sich von Kopf bis Fuß. Das war zwar nicht so gut wie eine Dusche, aber immerhin.

Immer noch konnte sie kaum glauben, dass Tyler sie beide hier oben eingeschlossen hatte. So etwas hätte sie ihm nie zugetraut. Irgendwie bewunderte sie seinen Mut, denn er konnte sich bestimmt denken, wie wütend er Derek damit machen würde.

Sie musste grinsen, doch dann verschwand ihr Lächeln sehr schnell.

Derek.

Sie konnte nur hoffen, dass Tyler sie bald erlöste. Sich mit Derek zu streiten, war schlimm genug. Aber ihn zu begehren, das war geradezu verhängnisvoll.

Ihre Haut prickelte, als sie sich mit dem Handtuch über den ganzen Körper strich und sich an Dereks heiße Blicke erinnerte. Leider fiel ihr dann auch ein, auf welch leichtsinnige Art und Weise sie ihn quasi ermuntert hatte, und vor Scham wurde sie noch nachträglich rot.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

War der Wein daran schuld gewesen? Aber wenn sie ehrlich war, hatte sie sein sexuelles Interesse genossen und sehr bewusst und mit großem Vergnügen mit dem Feuer gespielt.

Während sie das Handtuch ausspülte, betrachtete sie ihr gerötetes Gesicht im Spiegel. Derek, das bedeutete ganz klar Feuer, das sie verbrennen konnte.

Sie hatte sich auch Shampoo mitgenommen, und so beugte sie sich über das Waschbecken, um sich die Haare zu waschen. Dabei musste sie an frühere Klassenreisen denken, wenn sich 20 Mädchen vier Waschbecken mit kaltem Wasser teilen mussten und kichernd versuchten, sich gegenseitig wegzudrängen.

Das hier war allerdings sehr viel komfortabler. Denn sie hatte ein Waschbecken ganz für sich allein, hatte heißes Wasser und statt der Freundinnen Derek zum Spielen …

Derek und spielen … Schnell versuchte sie zu verdrängen, was ihr prompt in den Sinn kam. Sie rubbelte sich das Haar leidlich trocken und zog sich das Kleid wieder über, ließ allerdings die getragene Unterwäsche und die Strümpfe weg. Denn sie genoss das Gefühl von Frische. Immerhin wusch sie die Sachen aus und hängte sie in der Toilettenkabine auf, die ganz am Ende lag. Bis dahin würde Derek wohl nicht kommen.

Dann warf sie die gebrauchten Handtücher in den Korb unter dem Waschtisch und versuchte, ihr Haar einigermaßen in Form zu bringen.

Im späten Nachmittagslicht umspielte das lockige Haar Candice’ herzförmiges Gesicht wie ein heller Schein. Ihre Gesicht hatte eine frische Farbe, und Derek fand, dass sie noch nie so hübsch ausgesehen hatte.

„Okay, nun kommt das Wichtigste“, sagte sie, während sie eine weitere Serviette auf den kleinen Stapel mit den bisher unterschriebenen Abmachungen legte.

„Was meinst du mit ‚das Wichtigste‘?“, fragte er.

Sie hatten die Million schon vor einer Stunde überschritten, und fatalerweise musste er sich eingestehen, dass er bei fast allem nachgegeben hatte. Aber welcher Mann hätte anders handeln können, wenn er einer aufregenden Frau gegenübersaß, die keine Unterwäsche trug?

Sie hatte zwar versucht, ihre Dessous in der letzten Kabine zu verstecken, aber er war groß genug und konnte über die Türen sehen. Das waren eindeutig ihre Unterwäsche und ihre Strümpfe, die da hinter der letzten Tür trockneten. Also musste sie unter dem Kleid splitterfasernackt sein. Kein Wunder, dass er sich nicht konzentrieren konnte.

„Es geht noch einmal um das große Weinregal. Ich möchte es versetzen“, sagte sie.

„Du willst was?“ Er fiel fast vom Stuhl, als er sich hastig vorbeugte. „Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?“

„Es passt da so nicht hin, Derek. Du …“

„Kommt nicht infrage.“

„Aber …“

„Es aus der Wand nehmen, und das wegen vielleicht fünfzig Zentimetern? Bist du verrückt geworden?“ Und nackt bist du außerdem.

„Es ruiniert den kompletten …“

„Es handelt sich doch nur um einen halben Meter.“

„Ein halber Meter ist eine Menge.“

Er hielt die Hände im entsprechenden Abstand hoch. „Genau so viel.“

„Aber genau dieser halbe Meter zerstört die Wirkung.“

Derek starrte sie schweigend an. Er hatte ihr bei fast allem ihren Willen gelassen, beim Teppich, der Beleuchtung, den Tischtüchern, selbst bei der Uniform des Personals. Aber jetzt ging sie zu weit. Außerdem kannte sie seine Einstellung ganz genau. Es wurde höchste Zeit, dass Tyler auftauchte.

„Nein, in diesem Punkt kann ich nicht nachgeben“, sagte er.

„Warum nicht? Was willst du denn dafür?“

Das würde er ihr ganz sicher nicht verraten.

„Es muss doch irgendetwas geben, das ich dir im Austausch dafür zugestehen kann.“

Er schaute ihr in die grünen klaren Augen. Ja, es gab etwas, sie konnte etwas für ihn tun. Nicht das, wovon er heute Nacht geträumt hatte, sie und er nackt auf einer tropischen Insel. Obwohl er nichts dagegen gehabt hätte, sie dazu zu überreden.

Nein, es ging hier um einen persönlichen Gefallen, der nichts mit dem Restaurant zu tun hatte.

„Nun sag schon. Was?“, hakte sie nach.

„Möchtest du das wirklich wissen?“ Er war sich selbst noch nicht darüber im Klaren, ob er das Thema überhaupt anschneiden wollte.

Sie nickte.

„Gut, dann will ich dir sagen, wie ich mir unseren Deal vorstelle.“ Er griff nach dem Stapel Papierservietten mit den vertraglichen Abmachungen der letzten vierundzwanzig Stunden. „Wir zerreißen das hier.“

„Ausgeschlossen!“ Sie griff nach den Servietten, aber er hielt sie außer Reichweite.

„Im Austausch dafür hast du freie Hand.“

„Was meinst du damit?“

„Du kannst alles machen, was du willst.“

„Innerhalb des Budgets, vermute ich.“

Er schüttelte den Kopf. „Es gibt kein Budget. Du kannst machen, was du willst, kannst ausgeben, was du willst. Ohne Beschränkung.“

„Ich verstehe dich nicht. Wie soll ich dich denn …“

„Nicht mit Sex“, unterbrach er sie schnell.

„Daran habe ich auch nicht gedacht.“

„Doch, natürlich hast du daran gedacht.“

Sie lächelte verlegen. „Aber nur für eine Sekunde.“

„Ich habe einen anderen Wunsch. Ich möchte, dass du mich deinem Vater vorstellst. Bei euch zu Hause.“

Schweigend musterte sie ihn. „Warum?“

„Es geht um den Vertrag mit Enoki-Electronics.“

„Ich kann meine Familie nicht dazu zwingen, mit dir Geschäfte zu machen.“

„Das sollst du auch nicht.“

„Mir gehören lediglich fünf Prozent der Firma, Derek. Außerdem habe ich mich nie in die Geschäfte eingemischt. Ich bin immer nur stiller Teilhaber gewesen.“

„Ich möchte die Gelegenheit haben, mit deinem Vater zu sprechen. Und zwar nicht im Büro, sondern im privaten Rahmen. Kannst du nicht so tun, als seien wir befreundet?“

„Befreundet?“

„Ja, ich weiß, das ist viel verlangt.“

Sie musterte ihn kühl. „Nein, das ist es nicht.“

„Was ist es dann?“

„Ich könnte meine Familie nie wegen persönlicher Vorteile in eine ungünstige Situation bringen.“

„Aber darum geht es auch gar nicht. Die ganze Sache bringt keinerlei Nachteile für eure Firma, im Gegenteil.“

„Warum brauchst du dann meine Hilfe?“

„Weil ich weiß, sie würden mir nicht in Ruhe zuhören. Nicht, nachdem ich dafür verantwortlich bin, dass Hammonds erweiterter Bauantrag im letzten Jahr abgelehnt wurde. Deshalb muss ich mit erheblichem Widerstand rechnen.“

Sie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Wie heißt es doch so schön? Wie man sich bettet …“

„Ich bitte dich doch nur darum, die Kissen etwas aufzuschütteln.“

„Ich bin deine Innenarchitektin, nicht deine Haushälterin.“

„Aber es wäre für beide Firmen von Vorteil. Tatsache ist, dass Hammond Electronics mit Enoki Communications einen Vertrag geschlossen hat, der …“

„Es nützt gar nichts, wenn du mich jetzt mit Details langweilst.“

Derek runzelte die Stirn. „Ich will dir doch nur erklären, warum mein Vorschlag gut für eure Firma ist.“

Verstockt schüttelte sie den Kopf. „Das ist mir egal.“

„Wie kann dir so etwas egal sein? Ich möchte eine gleichberechtigte Partnerschaft vorschlagen. Zusammen könnten Hammond Electronics und Reeves-DuCarter den Markt mehr oder weniger kontrollieren.“

Er sah, dass Candice Mühe hatte, die Augen offen zu halten.

„Candy?“

„Ich werde dir nicht dabei helfen, meinen Vater in irgendetwas hineinzuziehen.“

„Weder will ich deinen Vater in irgendetwas hineinziehen, noch sollst du mir dabei helfen. Ich bitte dich lediglich darum, mir eine Unterredung in privatem Rahmen zu ermöglichen. Danach kümmere ich mich um die Sache. Wenn er Nein sagt, dann muss ich mich damit zufriedengeben.“

Candice richtete sich wieder auf und lächelte ihn plötzlich an. „Gut, ich helfe dir.“

Irgendwie kam ihm ihr Lächeln berechnend vor. Wollte sie ihn etwa austricksen? Was hatte sie vor? Denk bloß nicht daran, dass sie unter dem Kleid nackt ist!

Leise stöhnend legte sie sich die Hand auf den Magen. „Ich komme um vor Hunger. Wenn du uns etwas zu essen machst, werde ich dich meinem Vater vorstellen.“ Sie griff nach einer Serviette und kritzelte darauf herum.

Essen? Sie wollte lediglich etwas zu essen?

Selbstverständlich konnte er kochen, so oft sie wollte. Aber irgendwie kam ihm die Abmachung verdächtig simpel vor. Und warum lächelte sie so selbstgefällig?„Gut“, sagte er. „Ich bin einverstanden, allerdings unter einer Bedingung.“ Er hielt ihre Hand fest, sodass sie nicht weiterschreiben konnte. „Ich bin bereit, ein Essen und ein paar Millionen Dollar zu investieren, wenn du unsere Abmachung mit einem Kuss besiegelst.“

„Das heißt, es gibt keinen schriftlichen Vertrag?“

„Ich halte mein Wort.“

Sie starrte ihm auf den Mund. Offenbar war sie unschlüssig, ob sie darauf eingehen sollte.

„Ich will dir die Sache noch etwas erleichtern“, sagte er schnell, denn auf keinem Fall wollte er ihr generelles Einverständnis jetzt wieder gefährden. „Ich mache uns etwas zu essen. Du bewertest das Essen auf einer Skala von eins bis zehn. Und für jeden Punkt bekomme ich einen Kuss.“

„Abgemacht!“

Das kam so schnell, dass Derek sicher war, dass sie ihre Hintergedanken hatte. Doch solange sie bereit war, ihn ihrem Vater vorzustellen, war alles andere zweitrangig – selbst der Kuss. Und kochen musste er sowieso.

4. KAPITEL

Es war ein Jammer, dass Candice dem Essen null Punkte geben musste, denn sie hatte selten so gut gespeist.

Allein zum Tischdecken hatte Derek eine gute halbe Stunde gebraucht. Er hatte ein neues Tischtuch aufgelegt, irgendwo das gute Porzellan und schweres Besteck gefunden und frische Kerzen in die Leuchter gesteckt. Auch der Himmel hatte mitgespielt, denn er hatte sie nicht nur mit einem spektakulären Sonnenuntergang verwöhnt, sondern jetzt auch mit einem strahlend hellen Mond am nachtblauen Himmel.

Candice war aus der Küche verbannt worden, während Derek das Dinner vorbereitete.

Es gab mit Krabbenfleisch gefüllte Pilze als Vorspeise, dann als Hauptgericht gegrillten Lachs mit Sauce béarnaise, angerichtet auf Safranreis und Spargel. Dazu servierte er einen exzellenten Chardonnay.

„Ich kann immer noch nicht fassen, dass Tyler uns hier so lange gefangen hält“, sagte Candice nun schon zum x-ten Mal.

„Ich schon“, meinte Derek.

„Ist er so rachsüchtig?“

„Stur, nicht rachsüchtig. Außerdem hat er uns sicher längst vergessen.“

„Grässlich, diese frisch Verheirateten. Denken nur an sich.“ Candice schmunzelte.

„Immerhin hat er erreicht, was er wollte.“

„Wieso das denn?“

Derek hob das Glas und prostete ihr zu. „Wir werden uns wegen der Restauration des ‚Leuchtturms‘ nicht mehr streiten und deshalb auch Jenna nicht mehr auf die Nerven gehen.“

„Aber nur weil du keine Veranlassung mehr hast, hier nach dem Rechten zu sehen.“

„Kann schon sein, dass ich trotzdem hin und wieder mal vorbeikomme.“

„Aber nicht zum Meckern.“ Das wollte sie noch einmal ganz eindeutig festhalten.

„Kein Wort wird über meine Lippen kommen.“

Sofort schaute sie ihm auf den Mund. Schade, dass sie das Essen so schlecht bewerten musste, denn Derek sah aus, als ob er sehr gut küssen konnte. Das hätte sie gern einmal ausprobiert.

Nachdenklich nahm sie das letzte Stück Lachs auf die Gabel und steckte es langsam in den Mund. Null Punkte, das war wirklich nicht nett, vor allem, wenn sie daran dachte, wie viel Mühe er sich gegeben hatte. Einen Punkt sollte sie ihm doch wenigstens geben. Zumal das jetzt wohl ihre erste und letzte Chance war festzustellen, wie er küsste.

Sicher, sie hatte ihn schon einmal geküsst, damals in dieser Bahn auf dem Rummelplatz. Allerdings konnte man das wohl kaum als richtigen Kuss bezeichnen. Denn ihm war plötzlich klar geworden, dass er im Begriff war, sich mit der Tochter seines Erzkonkurrenten einzulassen. Und daraufhin hatte er sie losgelassen, als habe sie die Pest.

Einen Punkt hatte er für sein vorzügliches Essen schon verdient.

Während sie Für und Wider gegeneinander abwog, nahm sie einen Schluck des trockenen kühlen Weins. „Wir werden uns also in Zukunft kaum noch sehen“, fing sie vorsichtig an.

„Du hast mir versprochen, mich deiner Familie vorzustellen“, erinnerte er sie.

„Ach ja, richtig.“ Also würde sie ihn auf alle Fälle noch einmal sehen. Im Haus ihrer Eltern würde sich allerdings kaum die Gelegenheit für einen Kuss ergeben.

Sollte sie ihm also doch einen Punkt geben?

Auch der Safranreis war ihm sehr gut gelungen, er war perfekt gewürzt. Vielleicht sollte sie ihm zwei Punkte zugestehen. Einen Punkt für den Lachs und einen Punkt für den Reis.

Und der Wein, den er ausgewählt hatte, verdiente der nicht auch einen Punkt?

„Ich verlasse mich darauf, dass du nicht kneifst“, sagte er ernst.

„Ich bin eine ehrenhafte Frau.“ Auch wenn sie lügen musste, was die Bewertung seiner Kochkünste anging.

„Da bin ich aber froh.“

Sogar der Spargel, der aus der Tiefkühltruhe kam, war zart und gleichzeitig knackig und passte fantastisch zu der Soße. Das war eigentlich auch einen Punkt wert.

Das waren schon drei Punkte. Oder etwa vier?

Vier Küsse.

Sie starrte in die Kerzenflamme. Vier Küsse zumindest war sie ihm schuldig. Und wenn schon. Sie küsste ihn nicht aus Leidenschaft, sondern weil es so abgemacht war. Sie war dazu sozusagen verpflichtet.

Am Morgen trennten sich ihre Wege sowieso. Sie musste ihn dann lediglich noch einmal in ihr Elternhaus mitnehmen, wahrscheinlich zu einem schlichten Dinner, und danach würde sie ihn wahrscheinlich nur noch sehr selten, wenn überhaupt, wiedersehen.

Die Vorstellung machte sie irgendwie traurig. Eigentlich albern, denn sie stritten sich doch sowieso nur.

„Wie ist es jetzt mit dem Nachtisch?“, fragte er.

„Was gibt es denn?“

„Crème brulée.“ Er stand auf und ging in die Küche.

Candice hatte das fatale Gefühl, dass ein weiterer Punkt nicht zu vermeiden war.

Fünf Küsse. Wieder trank sie von dem kühlen Wein, denn plötzlich war ihr ganz warm geworden. Fünf Küsse, das waren fünfzig Prozent, gerade mal die Hälfte der zu erreichenden Punkte. Das war irgendwie unverschämt, wenn man bedachte, wie viel Mühe er sich gegeben hatte.

Derek trat wieder an den Tisch, ein Dessertschälchen in jeder Hand. Eine der Schalen setzte er Candice vor und lächelte dabei siegesgewiss. Er war sich offenbar sicher, dass sie ihm den Punkt für den Nachtisch nicht verweigern würde.

„Hoffentlich schmeckt sie dir.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Da bin ich ziemlich sicher.“

„Ich habe sie nach dem Lieblingsrezept meiner Mutter zubereitet.“

„Wie nett.“

„Wenn sie dir nicht schmeckt, bricht für meine Mutter eine Welt zusammen.“

„Das ist unfair.“ Einen Punkt, mehr bekam er nicht für die Nachspeise, Mutter hin, Mutter her.

„Du kannst noch eine zweite Portion haben, wenn sie dir schmeckt.“

„Ich glaube, eine reicht.“

„Das werden wir sehen.“ Wieder lächelte er siegessicher, während er sich setzte.

Candice tauchte ihren Löffel vorsichtig in die Crème und führte ihn dann zum Mund. Die sahnige Speise schmolz geradezu auf der Zunge … Candice riss die Augen auf und starrte Derek an. Ein solches Aroma hatte sie noch nie gekostet, es war einfach himmlisch.

„Habe ich zu viel versprochen?“

„Aber wie hat sie …“

„Familiengeheimnis. Von mir erfährst du nichts. Lass es dir schmecken.“

Candice nahm wieder einen Löffel der geschmeidigen Creme. Kein Zweifel, der Nachtisch hatte mindestens einen Punkt verdient. Also sechs Küsse. Eine freudige Erregung stieg in ihr auf und nahm ihr kurz den Atem. Warum nicht? Was war schon dabei?

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