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TIFFANY EXKLUSIV BAND 30

DEBBI RAWLINS

Heiß und heimlich

Pfarrerstochter Carly hat ihr langweiliges Leben satt! In einem Single-Club in der Karibik sucht sie hemmungslosen, unverbindlichen Sex – und trifft auf ihren Jugendschwarm Rick Baxter. Aus Angst, ihr Herz an den heißen Archäologen zu verlieren, weist sie seine Avancen zunächst zurück. Aber dann stürzt auch sie sich in den Taumel wilder tropischer Liebesnächte …

JENNIFER LABRECQUE

Magie einer Nacht

„Unglaublich!“ Kurz vor ihrer Hochzeit wird Phoebe von ihrem Verlobten betrogen – und das ausgerechnet im Urlaubsparadies Jamaika! Zum Glück ist Ablenkung nicht weit: Phoebes guter Freund Ryan Palmer. Aus Trost und Zerstreuung entwickelt sich schon bald eine prickelnd heiße Affäre. Doch Phoebe bezweifelt, dass Ryan der Mann fürs Leben ist!

KATE HOFFMANN

Eine betörende Überraschung

Carrie Reynolds schwebt auf Wolke sieben: Bei einem spontanen Segeltörn durch die Florida Keys landet sie in der Koje ihres heimlichen Schwarms Devlin! Sofort kommen beide sich näher und verbringen leidenschaftliche Stunden miteinander. Alles scheint perfekt zu sein – aber wie soll Carrie ihrem Traummann gestehen, dass sie nicht die ist, für die er sie hält?

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Heiß und heimlich

1. KAPITEL

„Hübscher Po. Der Kandidat hat acht Punkte.“

„Würdest du bitte etwas leiser sprechen?“ Carly Saunders setzte ihre Sonnenbrille auf, obwohl sie soeben sie Hotellobby betreten hatten, und vermied es, den jungen Mann im roten Jogginganzug anzusehen.

Ihre Freundin lachte. „Er hat mich nicht gehört. Außerdem läuft kein Mann so herum, wenn er nicht Aufmerksamkeit erregen will. He, guck dir den Kerl mit dem Pferdeschwanz in der gelben Turnhose an. Der kriegt auch acht, oder?“

Carly stöhnte. „Ginger, pass bloß auf, dass ich diesen Urlaub mit dir nicht bereue.“

„Es war doch deine Idee – meine Güte, der Blonde am Lift, der mit dem Ring in der rechten Brustwarze. Sagenhaft, diese Brustmuskeln. Der Rest ist auch nicht übel.“

Der Mann hatte offenbar Gingers Bemerkung gehört, denn er schaute von seiner Zeitschrift hoch und lächelte. Carly starrte in die Luft und steuerte auf die Toilette zu. Sollte Ginger doch allein einchecken.

Ginger hatte ja recht – der „Club Nirvana“ war Carlys Idee gewesen. Dass Ginger so lose Reden führen würde, hatte sie nicht geahnt. An der Uni war sie eine stille, ernsthafte Studentin gewesen, die wenig ausging. Doch sobald sie aus dem Flugzeug gestiegen waren und die seidige Luft der Karibik geschnuppert hatten, war Ginger wie ausgewechselt – eine sexbesessene Irre.

Klar, sie hatten ihre männlichen Studienkollegen durchaus im Auge behalten. Leider gab es an der Sizemore University nicht viel Auswahl. Natürlich waren sie und Ginger auch nicht unbedingt Titelschönheiten – Carly blickte in den Spiegel – schon gar nicht nach dem Zehnstundenflug von Salt Lake City.

Sie versuchte, ihr widerborstiges Haar zu glätten. Was war nur in sie gefahren, sich das Haar kurz schneiden zu lassen? Vor einem wichtigen Ereignis den Haarschnitt zu wechseln war pure Dummheit.

Das hatte sie erfahren, als sie es am Tag vor der Schulabschlussfeier rot gefärbt hatte. Kurz zuvor hatte Sam Black sie zum anschließenden Ball eingeladen, aber nachdem er einen Blick auf ihre burgunderroten Locken geworfen hatte, hatte er sich schleunigst aus dem Staub gemacht.

Es war kein großer Verlust. Er war ein Langweiler. Wie die meisten ihrer Dates. Und wie sie selbst, gewissen Kameradinnen zufolge. Aber jetzt würde sie sich gründlich amüsieren. Nach einer Woche Hemmungslosigkeit und Rausch, nach wildem, anonymem Sex würde sie nach Haus zurückkehren und an Orovilles neuer Schule lehren, Gesamtschülerzahl: hundertsiebenunddreißig.

„Wo bleibst du denn?“ Ginger stand hinter ihr und stieß beim Blick in den Spiegel einen Schrei aus. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass mein Haar so aussieht?“

„Wie denn?“

Ginger seufzte. „Okay, es ist immer kraus.“ Sie zupfte eine kastanienbraune Strähne aus dem französischen Zopf, der Carly eine Stunde Arbeit gekostet hatte.

„Dein Haar ist lockig, nicht kraus. Andere Frauen zahlen viel Geld dafür, also reg dich nicht auf.“

Ginger ließ die Hand sinken. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“

„Musst du jeden Kerl so angieren?“

„Ich giere nicht.“

„Dann eben nicht.“ Carly wandte sich wieder dem Spiegel zu. Vielleicht hätte sie sich helle Strähnchen machen sollen. Ihr Haar wirkte furchtbar nichtssagend, weder braun, noch blond.

„Ich habe nur geschaut. Muss man doch, bei den vielen tollen Typen.“ Ginger holte ihren Lippenstift heraus und zog die Lippen nach. „Soll ich mein rosa Strandkleid oder den gelben Sarong zum Dinner tragen?“

Carly lachte. „Wir sind kaum fünf Minuten da, und du machst dir Gedanken über deine Abendgarderobe?“

„Dies ist ein Singles-Club, oder nicht?“

Schweigend steckte Carly ihren Kamm ein. Ginger erwartete sicherlich keine Antwort.

„Die Reiseagentur sagte, dass die meisten Gäste freitags ankommen und eine Woche bleiben. Heute ist Freitag.“

„Und?“ Carly machte sich auf den Weg in die Lobby.

„Der heutige Tag ist entscheidend. Jeder taxiert jeden und legt sich eine Strategie zurecht und … Ach, egal.“ Schulterzuckend ging Ginger hinaus und auf dem Empfang zu.

„Egal was?“

„Du kannst nicht verstehen, wie es ist, als einziges Mädchen in der Klasse nicht zum Abschlussball eingeladen zu werden.“

„Oh doch.“

Ginger hielt an der Schlange vor dem Tresen und drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu Carly um. „Du etwa auch? Unmöglich.“

„Oder allein zu einer Party zu gehen und dumm herumzustehen, während alle anderen Mädchen zum Tanzen aufgefordert werden. Man möchte am liebsten hinter die Tapete kriechen.“ Carly suchte in ihrer Tasche nach der Reservierungsnummer, die sie in ihren Blutspenderausweis gelegt hatte. „Und am Ende“, fuhr sie fort, „behauptet man, zur Toilette zu müssen, und schleicht sich davon, damit keiner es merkt. Falls es überhaupt jemanden interessiert. Ah, hier ist die Nummer.“ Sie steckte ihre Brieftasche wieder ein und sah die verblüffte Ginger an.

„Ich würde es nicht glauben, wenn du nicht so überzeugend klingen würdest.“

„Deine Zweifel schmeicheln mir, aber es ist die traurige Wahrheit. Wenn sich jemand an mich erinnert, dann nur weil unsere Klasse einen sagenhaften Notendurchschnitt hatte.“ Was nicht ganz stimmte. Jeder in der Stadt kannte sie, aber nur wegen ihres Vaters.

Ginger lachte. „Mit den Jungs in Oroville stimmt etwas nicht.“

„Mit denen in Tucson offenbar auch nicht.“

Ginger wurde ernst. „Hoffentlich wird diese Woche kein Reinfall. Ich habe mein Sparkonto dafür geplündert.“

„Ich auch.“ Bekümmert dachte Carly an ihr armes Konto. Sie würde wieder zu ihren Eltern ziehen, in ihr altes Zimmer – hoffentlich ohne den Baldachin aus weißer Spitze über dem Bett. Sie würde kaum Kosten haben … und Abende so aufregend wie Spülwasser.

„Der Nächste bitte.“

Die Frau hinter dem Tresen winkte sie heran. Über dem Gespräch hatten sie nicht bemerkt, dass sich die Schlange aufgelöst hatte. Kurz darauf hatten sie ihre Zimmernummer, der Gepäckboy kümmerte sich um ihre Koffer, und sie gingen zum Lift, um in den fünften Stock zu fahren.

Carly atmete tief durch und sagte sich, dass es keinen Grund zu Nervosität gab. Das ganze Jahr über hatte sie diesen Urlaub geplant. Es war eine lebensnotwendige Erfahrung. Sie würde ihre Neugier stillen, und das Thema wäre abgehakt. Sollte sie als alte Jungfer enden wie die zwei Schwestern ihres Vaters, hätte sie zumindest ein paar schöne Erinnerungen.

Es würde eine Woche ohne Zwänge sein, ohne Sorgen und ohne Reue. Sie würde in die Anonymität abtauchen und Sex in vollen Zügen genießen.

Der Ballsaal sah aus, als wäre Karneval. Bunte Luftballons schwebten an der Decke und schmückten die in den Ecken aufgebauten Bars. Im Raum drängten sich sonnengebräunte, sportlich gestählte und fast nackte Gäste.

Die meisten waren in den Zwanzigern, vermutete Carly, das Zahlenverhältnis von Männern zu Frauen zum Glück ausgeglichen. Die Frauen waren alle hübsch, oder wenigstens selbstsicher, stellte sie fest, als eine Blondine in einem superwinzigen Sarong den attraktivsten Mann weit und breit zum Tanzen aufforderte.

Die Band spielte „Strangers in the Night“. Sonst war noch niemand auf der Tanzfläche, einige Gäste saßen an Tischen im hinteren Bereich, die übrigen spazierten umher.

„Na, was habe ich gesagt?“ Ginger starrte hemmungslos in die Runde, und nicht nur auf die Männer. Die Frauen hatten die gewagtesten Outfits an, viele gingen nabelfrei und trugen Nabelschmuck „Meine Güte.“ Ginger streckte die Brust heraus. „Er kommt zu uns. Schau nicht hin.“

Carly blickte angestrengt zur Bühne.

„Okay, jetzt kannst du gucken. Moment.“ Ginger lächelte aufgesetzt. „Habe ich Lippenstift an den Zähnen?“

Seufzend schüttelte Carly den Kopf. Ginger hatte recht, es war wie auf der Highschool. Die Art, wie alle einander abschätzten, ging ihr auf die Nerven.

Ein großer Mann mit Pferdeschwanz kam auf sie zu, und Carly hielt den Atem an. Er ging an ihr vorbei und bat eine Blondine im engen neonfarbenen Dress um einen Tanz.

„Sein Fehler“, flüsterte Ginger und legte sich erneut auf die Lauer.

Carly fühlte sich äußerst unbehaglich. Sie hätte gar nicht erst zu diesem Begrüßungsabend gehen sollen. Bestimmt konnte man am Strand jemanden kennenlernen, beim Essen oder in der Bar. Diese Veranstaltung rief nur hässliche Erinnerungen wach.

„Möchtest du etwas trinken?“ Ginger betrachtete eine zierliche Brünette mit einem farbenfrohen Cocktail in der Hand.

„Unbedingt.“ Carly zerrte am Saum ihres Strandkleids. Es bedeckte die Schenkel nur halb, doch in dieser Szenerie wirkte sie direkt züchtig. „Ich hole die Drinks. Wodka Tonic?“

„Aber nein, ich möchte auch so etwas Exotisches mit einem Papierschirmchen. Und nimm einen Doppelten.“

Carly nickte und sah zu, wie die Gäste sich schnell zu Paaren fanden. Sie trank nicht oft Alkohol, doch jetzt konnte sie einen Doppelten gebrauchen. Sie steuerte die nächste Bar an und überlegte, wie viele Holzperlen der Drink kosten mochte.

Sie hatten alles inklusive gebucht, um beim Einchecken hatten sie drei Ketten aus bunten Holzperlen bekommen, die man um den Hals tragen sollte und die als Zahlungsmittel galten. Carly fand das ein bisschen albern, vielleicht war es ein Werbetrick.

An der ersten Bar standen die Gäste in Fünferstaffeln. Allerdings schien sich niemand daran zu stören, man verglich die Sonnenbräune oder kommentierte den Po des Barkeepers.

Als Carly nah genug aufgerückt war, um einen Blick auf den Mann zu werfen, entdeckte sie, dass er nichts weiter als eine rote Fliege und einen G-String trug.

Seine Kollegin, eine Blondine, die kaum volljährig zu sein schien, hatte ein fleischfarbenes Bikini-Top zu ihrem G-String gewählt. Carly musste zwei Mal hinsehen.

Hier drehte sich alles um Sex. Die auffordernden Blicke, die schwüle Musik, die Aufmachung von Personal und Gästen. Sogar die Drinks hatten anzügliche Namen. Es machte irgendwie Spaß, weil Carly niemanden kannte. Aber es war auch beängstigend.

„Dich kenne ich doch vom letzten Jahr, nicht?“

Die Stimme erklang dicht an ihrem Ohr, und Carly warf dem Mann einen Blick zu. „Mich?“

Er grinste. „Du warst im September hier, aber dein Haar war länger.“ Er bezeichnete Kinnlänge.

„Das muss eine Verwechslung sein.“

Er zog die Stirn kraus. „Bist du sicher?“

„An diesen Club würde ich mich bestimmt erinnern.“

Seine braunen Augen funkelten amüsiert. „Das will ich meinen.“

Die Schlange rückte vor, und Carly drückte sich an die Bar, um der Nähe des Mannes zu entgehen, denn er war nicht ganz ihr Typ. Ein bisschen zu viele Muskeln, doch sein Lächeln war nett, und sie mochte seine Augen.

Zögernd wandte sie den Kopf. „Du bist wohl ein Stammgast?“

„Bin das dritte Jahr hier.“ Er hatte bereits einen Drink und nahm einen großzügigen Schluck. „Sagenhafte Strände, freie Getränke und tolle Frauen.“ Sein Blick wurde kühn, und sie schauderte fast. „Da kann man nicht meckern.“

Wieder rückte die Schlange vor. Carly drehte dem Mann den Rücken zu und hoffte, er würde ihr Desinteresse erkennen. Keine zehn Sekunden später hörte sie ihn erneut fragen: „Dich kenne ich doch vom letzten Jahr, nicht?“

Vorsichtig schaute Carly. Die Frau hinter ihm strahlte ihn an. Seufzend wandte Carly sich der Bar zu.

Genau das habe ich gewollt, sagte sie sich, einen Singles-Club. Und genau wie jeder hier suchte sie ein erotisches Abenteuer. Die Sache wäre kurz und anonym, und anschließend würde sie zu ihrem normalen Alltag zurückkehren. Der Mann hinter ihr hatte offenbar dasselbe vor, er war nur direkter. Vielleicht war sie zu wählerisch.

Endlich kam sie an die Reihe und bestellte zwei Cocktails mit Ananas. Sie gab dem Barkeeper zwei lila Perlen und trug die Drinks zurück zu Ginger – die nicht da war. Wahrscheinlich war sie in der Toilette und überprüfte ihre Zähne auf Lippenstiftspuren.

Carly nippte an ihrem Getränk, das sich als sehr stark erwies. Bloß gut, dass sie keine Doppelten genommen hatte. Die Ananas duftete verführerisch, und Carly hätte gern ein Stück abgebissen, aber mit beiden Gläsern in den Händen war das zu riskant. Also nahm sie noch einen Schluck und merkte, wir ihr die Hitze in die Wangen stieg.

Seit dem Frühstück in Salt Lake City hatte sie nichts gegessen, daher ging ihr der Alkohol sofort ins Blut. Die Scheibe Ananas würde helfen. Wo Ginger nur blieb …

Da erblickte Carly sie auf der Tanzfläche, im Spotlight leuchtete ihr rotbraunes Haar auf. Ihr Partner war ein großer, langhaariger Bursche, den Ginger zuvor aufmerksam gemustert hatte.

Der Song endete, und Carly fühlte sich zu ihrem Ärger erleichtert. Zwar freute sie sich, dass Ginger mit jemandem tanzte, aber sie kam sich verlassen vor. Auch den nächsten Tanz nahm Ginger mit. Seufzend trank Carly noch ein Mal. Hätte sie doch nur etwas gegessen!

Sie schaute sich nach einem leeren Tisch um, wo sie die Gläser absetzen konnte, und bemerkte einen dunkelhaarigen Mann, der sie musterte. Er war nicht sehr groß, knapp eins achtzig, und sportlich gebaut. Wieder trank sie und spähte zur Tanzfläche, als hätte sie ihn nicht wahrgenommen.

Ginger kam in Schwung. Eng an ihren Partner geschmiegt, wand sie sich aufreizend, bis Carly den Blick abwenden musste. Sie leerte ihr Glas, biss in die Ananas und legte den Kopf in den Nacken, damit sie die glitschige Scheibe nicht verlor. Dann machte sie sich über Gingers Cocktail her.

„Carly?“

Sie drehte sich um. Es war der Dunkelhaarige, der sie angestarrt hatte.

Er lächelte. „Carly Saunders, stimmt’s?“

Verblüfft nickte sie. „Kennen wir uns?“ Sie betrachtete das Grübchen in seinem Kinn. Irgendwie kam er ihr bekannt vor.

„Kennst du mich nicht mehr?“

Langsam schüttelte sie den Kopf. Noch so eine dümmliche Anmache? Hoffentlich. Sie kannte niemanden hier, in der Anonymität bestand der Reiz dieses Urlaubs.

Er legte die Hand aufs Herz und lachte. „Nachdem wir zwei wunderbare Sommerferien zusammen verbracht haben? Ich bin tief getroffen. Niedergeschmettert. Das überlebe ich nicht.“

„Ich fürchte, du verwechselst …“ Plötzlich war die Erinnerung da. „Rick?“

Er grinste und breitete die Arme aus.

Wie gebannt starrte sie ihn an. Himmel, wie er sich entwickelt hatte! Seine Schultern waren so breit, seine Beine so lang und sehnig in der eng sitzenden Jeans. Kein Wunder, dass sie ihn nicht erkannt hatte. Leider sah sie nach den zwölf Jahren offenbar noch genauso aus wie früher.

„Mann, wie schön, dich zu sehen.“

Sie nahm ihr Glas in die Linke und streckte unbeholfen die Hand aus.

Doch Rick ignorierte das, umschlang sie mit beiden Armen und hob sie in die Luft. „Ich fasse es nicht.“

Carly versuchte, sich frei zu machen. „Lass mich runter, Rick!“

Er gehorchte. Ganz langsam ließ er sie an seinem Körper hinuntergleiten. Plötzlich erstarrte er. Seine Miene schien zu sagen, dass diese Art der Begrüßung keine so gute Idee gewesen war. „Wow, bist du gewachsen, Kleines.“

Sofort wich Carly zurück. „Dann brauchst du mich ja nicht mehr Kleines zu nennen.“

„Richtig.“ Leicht verwirrt strich er sich durchs Haar. „Wie lange ist her? Elf Jahre?“

„Eher zwölf.“ Merkwürdig, wie lebhaft sie sich auf einmal an ihren letzten gemeinsamen Tag erinnerte. Sie hatten den Bibern zugeschaut, die im Fluss unterhalb des Hauses seiner Großmutter einen Damm bauten.

Der Tag hatte eine Art Wende gebracht. Carly war gerade dreizehn geworden und hatte gehofft, Rick würde irgendwann ihre Gefühle erwidern. In jenem Sommer hatte sie ihren ersten Liebeskummer gehabt.

„Ich glaube, ich war gerade sechzehn.“

„Stimmt.“ Carly berührte seinen Arm. „Es ist traurig, dass deine Großmutter gestorben ist. Sie war so nett und eine liebe Nachbarin. Meine Mutter sagt, alle in der Stadt vermissen sie.“

Er zuckte die Schultern. „Sie war achtundachtzig und glücklich in ihrem Haus. Was will man mehr vom Leben verlangen?“

„Schade, dass ich nicht zur Beerdigung kommen konnte. Ich war auf dem College und habe erst später davon erfahren.“

„Ich habe es auch verpasst, ich war im Ausland.“ Unruhig blickte er zur Tanzfläche hinüber. „Es ist so laut hier.“

„Ja.“ Ihre Gefühle waren zwiespältig. Einerseits wollte sie sich in Ruhe mit ihm unterhalten, andererseits wünschte sie, ihn für den Rest der Woche nicht wiederzusehen.

Verflixt, sie wollte hier nicht auf Bekannte treffen. Doch nun war es geschehen. Trotzdem war es schön, Rick nach all der Zeit wieder zu begegnen, und er hatte ja keine Verbindung mehr nach Oroville. Er würde nicht herumtratschen.

„Ich tanze nicht besonders gern“, erklärte er. „Höchstens hin und wieder zu einem langsamen Stück.“

„Macht nichts. Du brauchst mich nicht aufzufordern.“ Dann setzte sie hinzu: „Wenn ich tanzen wollte, hätte ich dich aufgefordert.“

Er lächelte. „Du hast dich gar nicht verändert.“

„Oh doch.“

Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie intensiv. „Eigentlich hätte ich dich hier zu allerletzt erwartet.“

Ihr wurde heiß. „Du hast mir so viele Fotos von diesen Inseln gezeigt. Und da dies die einzige Ferienanlage hier ist und Zelten nicht besonders reizvoll klingt …“

„Du weißt schon, was ich meine.“

„Was denn?“ Sie lächelte. Damals hatte er ständig davon gesprochen, dass er eines Tages ein berühmter Archäologe sein und die abgelegensten Gegenden bereisen würde. „Ich hätte dich auch nicht hier vermutet. Ich dachte, du liebst das raue Leben, im Zelt schlafen, in der Erde buddeln.“

„Tja.“ Er blickte sich nervös um. „Du, ich muss gehen, aber vielleicht können wir uns später auf einen Drink treffen.“

„Klar.“ Carly begriff nicht, was sie Falsches gesagt hatte. Doch als sie ihn fragen wollte, war er schon in der Menge untergetaucht.

Ob er einen anderen Beruf ergriffen hatte? Nein, Archäologie war seine Leidenschaft gewesen. Gewiss, damals war er noch jung gewesen. Trotzdem brauchte er nicht so empfindlich zu reagieren.

„Wer war der tolle Typ?“ Ginger kam heran und wedelte sich Luft zu. „Verflixt, ist mir heiß. Das ist hoffentlich für mich.“

Mechanisch reichte Carly ihr den Cocktail, während sie weiter Ausschau hielt. „Er heißt Rick Baxter.“

„Wow, ihr kennt schon eure Nachnamen. Ich dachte, das wäre ungehörig.“

„Ich kenne ihn. Ich meine, von früher.“

„Echt? So ein Zufall.“ Ginger trank einen großen Schluck und betupfte mit der feuchten Papierserviette ihren Hals. „Kennt ihr euch von der Schule?“

Carly seufzte. „Nein, von zu Hause.“

„Meine Güte, Mädchen, ihr habt solche sagenhaften Männer in Oroville?“

„Er ist nicht von da, er kam nur in den Sommerferien zu seiner Großmutter. Aber das ist über zehn Jahre her.“

„Donnerwetter! Und dann triffst du ihn hier.“

„Er hatte mir von diesen Inseln erzählt.“ Carly lächelte, als sie an seine begeisterten Schilderungen dachte. „Er zeigte mir stapelweise Fotos, die er und seine Eltern gemacht hatten. Von da an wollte ich selbst einmal herkommen.“ Ihr Lächeln schwand. „Aber ihm wollte ich nicht gerade begegnen.“

Ginger fluchte leise. „Verdirbt dir das etwa den Urlaub? Machst du dir Sorgen, dass er dich belauert?“

Carly lachte ein wenig hysterisch. Ob sie sich Sorgen machte? Sie war entsetzt.

2. KAPITEL

„So geht das nicht, Mädchen.“ Gähnend stieg Ginger ins Bett.

Carly lag bereits in ihrem Doppelbett. Sie hatte die Zähne geputzt, aber ihr Gesicht nicht gewaschen. Morgen früh würde sie es bereuen, doch jetzt fehlte ihr die Energie dazu. Es war eine lange Nacht gewesen.

„Was geht nicht?“ Sie hatte die Augen geschlossen und war zu müde für lange Diskussionen.

„Dieser Urlaub. Dein Vorhaben, dich auf Teufel komm raus zu amüsieren. Du warst den ganzen Abend über so verspannt, dass ich dir am liebsten ein Dutzend Cocktails eingeflößt hätte.“

„Das hättest du ruhig tun sollen“, murmelte Carly. Nachdem sie Rick begegnet war, hatte sie sich ständig nervös umgesehen, war bei jeder männlichen Stimme in ihrer Nähe zusammengezuckt.

„Was wirst du dagegen tun?“ Ginger knipste ihre Bettlampe aus.

Carly war dankbar für die gnädige Dunkelheit. „Ich weiß es nicht.“

„Du solltest mit ihm reden. Erklär ihm, weshalb du hier bist.“

Carly lachte bitter auf und drehte sich auf die Seite. „Nein, danke.“

„Natürlich nicht alles. Nur dass er nichts ausposaunen soll.“

„Da habe ich nichts zu befürchten. Er hat keinen Grund, nach Oroville zu kommen und mit den Leuten zu reden. Es ist nur lästig, dass er mich beobachten könnte, wenn ich mich mit einem Mann einlasse.“

Ginger lachte. „Das würde ich selbst gern beobachten.“

„Du hast gut lachen. Dein Urlaub ist ja nicht ruiniert.“

„Himmel, tut mir leid, Carly. Ich weiß, wie du dich auf diese Woche gefreut hast. Es muss doch eine Lösung geben.“

Als hätte Carly nicht unausgesetzt nach einer Lösung gesucht. Das Ganze war ihr schlicht peinlich. Sich dauernd beobachtet zu fühlen. Sich Gedanken zu machen, was er von ihr dachte. Gewiss, er war zwei Sommer lang in Oroville gewesen, aber er verstand die Mentalität der Einwohner nicht. Oder wie es war, als Tochter des Pfarrers immer unter Beobachtung zu stehen.

„Schläfst du schon, Carly?“

„Ja.“

„Hast du mit Rick geschlafen?“

„Bist du verrückt? Ich war erst dreizehn. Ich glaubte fast noch an den Klapperstorch.“

„Ich wette, du hast für ihn geschwärmt.“

„Na ja, er war der geheimnisvolle große Junge.“

Beide lachten, dann fragte Ginger: „Also was jetzt?“

„Gute Frage.“ Frustriert hieb Carly auf ihr Kissen ein. „Vielleicht sollte ich ihn verführen.“

„Das ist die richtige Einstellung.“

„Das sollte ein Witz sein.“

„Wieso? Er ist super.“

Carly stöhnte. „Er kennt meine Eltern.“

„Und? Du sagst doch, er kommt nicht nach Oroville.“

„Aber er könnte.“

„Dummes Zeug.“

Carly drehte sich wieder auf die Seite und starrte im Dunkeln in Gingers Richtung. „Würdest du das tun? Mit einem Mann, den du kennst, der deine Eltern kennt, der weiß, wo du zur Kirche gehst und einkaufst?“

Nach einer langen Pause kam die Antwort: „Ich würde mich wohl etwas gehemmt fühlen …“

„Das heißt also nein.“

„Ich verstehe dich ja.“

„Danke.“ Zu ihrem Ärger war Carly nun hellwach.

„Carly?“

„Ja?“

„Da du nicht interessiert bist, kann ich ihn dann haben?“

Carly riss die Augen auf. Was sollte ihr das ausmachen? Dennoch verspürte sie plötzlich den Drang, Ginger ihre Haare einzeln auszureißen.

Feuchter Sand knirschte zwischen Carlys Zehen, die Sonne brannte vom Himmel. Sie hatte sich gründlich eingecremt, aber nicht die schädliche Strahlung machte ihr zu schaffen. Gewisse Körperteile, die der Sarong verhüllte, sollten eigentlich nie das Tageslicht erblicken.

„Ich kann nicht“, erklärte sie und blieb abrupt stehen.

Ginger hielt ebenfalls inne. „Was kannst du nicht?“

„Du weißt schon.“

„Meckerst du noch immer über deinen Badeanzug?“

„Das ist kein Badeanzug. Es ist ein Stück Zahnseide mit zwei Baumwollfetzen.“

Ginger stöhnte. „Meine Güte, alle laufen hier so herum.“

Carly warf einen Seitenblick zu zwei Blondinen, die am Wasser auf grellrosa Strandtüchern lagen, eine auf dem Bauch, die andere auf der Seite. Sie hatten prächtige Pos, rund und fest, als gingen sie täglich zum Fitnesstraining. An ihnen wirkten die Tangas gut.

Zu gut.

„Ich gehe zurück und ziehe mich um.“

Ginger packte sie am Arm. „Kommt nicht infrage. Dein anderer Badeanzug ist unmöglich.“

Carly schaute in den blauen Himmel. „Ich fasse es nicht, dass ich achtzig Dollar für dieses Nichts gezahlt habe.“

Lachend zerrte Ginger Carly weiter. „Du wirst dich daran gewöhnen.“

„Mach bitte kein Theater, wenn ich den Sarong einfach nicht ausziehe.“

„Alle sind im Bikini, und du willst voll angezogen bleiben?“

Carly betrachtete das Tuch, das knapp ihre Brüste bedeckte und am Schenkelansatz endete. „Voll angezogen? Nachts im Bett habe ich mehr an.“

„Schon, aber da bist du auch nicht auf eine Nummer aus.“

Erschrocken blickte Carly sich um.

„Das hat keiner gehört. Komm schon, wenn die Jungs ohne uns losgezogen sind, bin ich echt sauer.“

„Was meinst du mit ‚losgezogen‘?“, bohrte Carly. Ginger hatte sie überredet, sich mit dem Mann zu treffen, der gestern ihr Tanzpartner gewesen war. Angeblich hatte er zwei Freunde dabei, beide tolle Typen, laut Ginger. „Ich dachte, wir wollten uns nur am Strand treffen und etwas trinken.“

„Vielleicht gehen wir zum Wasserski.“

„Kannst du denn Wasserski laufen?“

„Nein, deshalb musst du ja mitkommen. Damit ich nicht die schlechteste Figur abgebe.“

„Vielen Dank“, murmelte Carly. Sie hätte lieber in der Lobby bleiben und nach Rick Ausschau halten sollen. Sie wollte erst noch ein Mal mit ihm reden, bevor sie einschneidende Entschlüsse fasste. Vielleicht kamen sie zu einer Einigung … und hatten ein bisschen Spaß zusammen.

Sie fühlte sich noch immer stark zu ihm hingezogen, und er hatte den Vorteil, eine gewisse Sicherheit zu bieten – er war weder verklemmt noch pervers. Nach dieser Woche würden sie sich trennen, als wäre nichts gewesen. Er würde in sein gewohntes Leben zurückkehren, sie nach Oroville.

Das Kleinstadtleben mochte seine Nachteile haben, doch sie liebte die Ruhe, die Vertrautheit, die Geborgenheit. Auf Abenteuer musste sie zwar verzichten, aber bestand das Leben nicht aus Kompromissen?

„Mach schon.“ Da Ginger rückwärtsging, rannte sie in einen Mann mit schulterlangem Haar und orangefarbener Badehose.

„Nicht so stürmisch, Schätzchen.“ Der Mann packte Ginger an den Schultern.

Mit einem erschrockenen Aufschrei fuhr Ginger herum. „Was zum Teufel …“ Sie verstummte, sobald sie den Prachtkerl in Augenschein nahm.

Neben ihm stand Rick in roter Badehose.

Carly hielt den Atem an.

Sie konnte den Blick nicht von Rick wenden. Natürlich hatte sie ihn schon ohne Hemd gesehen, aber damals war er sechzehn und schmächtiger. Jetzt nicht mehr. Allmächtiger …

„He, Carly.“ Rick lächelte. „So trifft man sich wieder.“ Ohne sie aus den Augen zu lassen, wies er auf seinen Begleiter. „Das ist Tony Maretti, mein Collegekamerad. Carly ist eine Freundin von früher.“

Eine Freundin. Sie seufzte unhörbar. Mehr sah er nicht in ihr, obwohl sie ihn einen Sommer lang angehimmelt hatte.

„Freut mich, Tony. Und der Bulldozer ist meine Freundin Ginger Robbins.“

Die beiden Männer grinsten. Ginger warf ihr einen kurzen strafenden Blick zu, dann widmete sie ihre ganze Aufmerksamkeit Tony.

„Macht ihr einen Strandspaziergang?“, erkundigte sich Tony, der sich offenbar ebenso für Ginger interessierte.

„Ja“, sagte Ginger, während Carly „Nein“ sagte.

Das Wiedersehen mit Rick brachte sie auf gewisse Gedanken. Letzte Nacht war es leicht gewesen, sich einen harmlosen kleinen Flirt mit ihm vorzustellen. Doch als sich jetzt ihr Magen zusammenzog, sah sie das anders.

Ginger gab ihr wortlos zu verstehen, dass sie lieber mit diesen beiden zusammenbleiben wollte.

„Übrigens, ich bin Rick Baxter“, sagte er zu Ginger. „Ein alter Freund von Carly.“

„Mach keine Witze.“ Ginger grinste. „Ich weiß alles über dich.“

Carly stöhnte und packte Ginger am Arm, bevor diese weitere Peinlichkeiten von sich geben konnte. „Wir müssen leider gehen. Vielleicht sehen wir uns später noch.“

„Moment mal.“ Ginger riss sich los und nahm dabei Carlys Sarong mit.

Carly versuchte, danach zu greifen, doch der Knoten über ihren Brüsten hatte sich gelöst, der Sarong glitt in den Sand. Hastig wollte sie ihn aufheben, doch Rick war schneller. Und er gab ihn nicht her. Stumm starrte er Carly an. Er betrachtete ihre Brüste, ihren Bauch und besonders ausgiebig ihre Hüften. In seinem Blick stand pures Verlangen, und ihr wurde so heiß dabei, dass sie am liebsten ins blaue Meer gerannt wäre.

Aber dann würde er die Rückansicht ihres Bikinis sehen. Des praktisch nicht vorhandenen Bikinis.

„Danke“, brachte sie heraus und streckte die Hand aus.

Er kniff die Augen zusammen, als verstünde er nicht. Schließlich begriff er und reichte ihr den Sarong.

„Zieh das nicht wieder an.“ Ginger wollte danach greifen. „Steht ihr der Bikini nicht super? Stell dich nicht so an.“

Dafür würde sie Ginger umbringen. Besser noch, sie würde ihr sagen, dass die Sonne ihr Haar noch röter machte. Mit gesenktem Blick verknotete sie den Sarong über ihren Brüsten und zupfte am Saum.

Tony räusperte sich. „Habt ihr Lust auf ein Bier oder so?“

„Klar.“ Ginger strahlte.

Carly wandte ein: „Hast du denn ganz vergessen?“

„Was?“

„Justin. Du wolltest dich mit ihm treffen.“

Ginger wedelte mit der Hand. „Jetzt ist es ohnehin zu spät. Bis du deinen Bikini gekauft hattest und all das …“

„Okay“, unterbrach Carly rasch, bevor sie noch mehr ausplauderte. „Lasst uns etwas trinken.“

„Prima.“ Tony nahm Gingers Hand. „An der Poolbar mixen sie sagenhafte Piña coladas.“

„Du musst nicht, wenn du etwas anderes vorhast“, sagte Rick leicht gekränkt zu Carly.

„Das habe ich nicht gesagt.“

Ginger blieb stehen. „Natürlich kommt sie mit. Warum denn nicht?“

Rick hielt Carlys Blick fest. „Du entscheidest.“

Ginger zwinkerte ihr beschwörend zu und meinte neckisch zu Tony: „Ich brauche ein bisschen Schatten.“

„Gute Idee.“ Mit einem verwunderten Blick auf Rick und Carly machte Tony sich mit Ginger auf den Weg ins Hotel.

Carly fand das plötzliche Schweigen peinlich. „Los, gehen wir mit“, sagte sie schließlich.

„Lieber nicht.“ Er schlang sich sein Handtuch um die Schultern. „Ich laufe ein Stück. Mach du, was du willst.“

„Rick?“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Richtig, ich habe gezögert. Ich möchte mich nicht aufdrängen. Ginger ist manchmal etwas unsensibel. Außerdem hatte ich gestern den Eindruck, du wolltest mich loswerden.“

„Aber nein.“

„Du warst auf einmal weg. Was sollte ich davon halten?“

„Das hatte nichts mit dir zu tun. Und du warst auch ziemlich merkwürdig. Ich dachte, du wärst mit einem eifersüchtigen Lover hier.“

„Ich bin allein.“ Sie räusperte sich. „Ich will hier nur …“ Die Kehle wurde ihr eng.

Er lächelte. „Ja? Was?“

Sie schloss die Augen. Sie konnte ihm unmöglich erzählen, was sie wollte – Erfahrungen sammeln. Ihre beiden einzigen sexuellen Erlebnisse waren jämmerlich verlaufen, peinliche Fehlschläge. Sie war einfach neugierig. Moderne Frauen taten das unablässig – sich einen Mann ausgucken, auf ihn zugehen. Aber ihr fiel so etwas schwer.

Sie öffnete die Augen und nahm all ihren Mut zusammen. „Es soll eine Art letztes Abenteuer sein.“

Verwirrt zog er die Brauen hoch.

„Du weißt, wie es in Oroville ist, ich habe gerade Examen gemacht und gehe nach Haus zurück, und da …“ Sie wurde rot. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Sie brachte es nicht fertig. Nicht mit Rick.

„Verstehe.“

Carly sah das amüsierte Glitzern in seinen Augen, und ihre Wangen brannten. Sie erwog ernsthaft, sich in ihr Zimmer zu flüchten. Dort könnte sie die nächsten sechs Tage verbringen und sich vom Zimmerservice mit Schokolade versorgen lassen. Mit viel Schokolade und Fernsehen würde sie vielleicht nicht daran denken, was für ein Dummchen sie war und dass Rick sich inzwischen kranklachte über ihre Unbeholfenheit.

Sie schluckte und zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Ich fürchte, du verstehst nicht …“

„Liege ich mit im Rennen?“

Ihr Puls begann zu rasen. „In welchem?“

Er lächelte schräg, und sie wollte seine Antwort lieber nicht abwarten. „Es ist doch nur ein Urlaub.“ Sie zupfte am Saum ihres Sarongs. „Wie am Ende des Schuljahrs, wenn man feiern will. Nur sobald ich wieder zu Haus bin, werde ich zum Arbeitstier und deshalb … Was ist?“

Er blickte sie zweifelnd an. „Du hast gewusst, dass dies ein wilder Club ist.“

„Nein, echt?“ Sie konnte einfach nicht lügen. Schrecklich. Selbst Fremde erkannten, wenn sie log. „Ich hatte keine Ahnung.“

Rick lachte.

„Ehrlich. Ginger hat die Reise gebucht.“ Carly wusste, dass sie knallrot geworden war. Doch sie reckte das Kinn und sah ihm in die Augen.

„Schon gut, ich glaub’s dir.“ Natürlich stimmte das nicht. Sein spöttisches Lächeln sprach Bände.

„Ja, also …“ Hilfe suchend schaute sie umher. „Ich möchte wirklich nichts trinken. Geh ruhig hinterher.“

„Und was machst du?“

„Ein bisschen schwimmen.“

„Hört sich gut an.“ Er schaute aufs Meer hinaus. Das Wasser war ruhig und kristallklar. „Ich komme mit.“

Carly wand sich innerlich. „Ich bin eher mehr für den Pool. Salzwasser ist nicht gut für die Haare.“

Er grinste über ihre Ausweichmanöver. „Kein Problem. Der Pool ist okay.“

„Aber du wolltest etwas trinken.“

„Nicht unbedingt.“

„Hör mal, Rick, du musst nicht den Babysitter für mich spielen. Ginger kann tun und lassen, was sie will, und …“

Er nahm sie an die Hand und zog sie an sich.

„Was soll das?“

Er legte ihre Arme um seinen Hals und senkte den Kopf. Im nächsten Moment berührten sich ihre Lippen. Sein Mund war so warm und weich, dass Carly alles um sich herum vergaß.

Mit der Zungenspitze strich er über ihre Unterlippe, verstärkte den Druck, bis Carly nachgab. Er schmeckte süß und frisch, als hätte er gerade ein Pfefferminz gelutscht. Mit beiden Händen streichelte er ihren Rücken, ihre Hüften, und schließlich umfasste er ihren Po und presste sie an sich. Er war erregt, das spürte sie deutlich, und das blieb auch auf sie nicht ohne Wirkung.

Lautes Johlen brachte sie zur Besinnung.

Sie schrak zurück, atemlos, widerstrebend. Und schrecklich verlegen.

Rick strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Das wollte ich schon tun, als ich sechzehn war.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Warum hast du es nicht getan?“

Er tippte ihr auf die Nasenspitze. „Du warst erst dreizehn.“

„Ach so.“ Sie lächelte beschämt. Natürlich hatte er recht. Obwohl sie glaubte, in ihn verliebt zu sein, hätte sie nach einem Kuss das Weite gesucht und sich versteckt, bis er abgereist wäre.

„Weißt du noch, wie schüchtern du warst, als wir uns kennenlernten?“

„Du warst der erste Junge, den ich näher kannte. Du warst sozusagen eine neue Welt für mich.“

„Und die Schulkameraden, mit denen du in der Badeanstalt warst?“

„Das zählte nicht. Mit denen war ich aufgewachsen, sie waren Kumpel.“

„Und ich nicht?“ Er lächelte. „Ich werd verrückt! Du hast für mich geschwärmt.“

„Du warst der große Junge aus dem strahlenden Kalifornien. Alle Mädchen in der Stadt haben für dich geschwärmt.“

Er wurde ernst. „Und jetzt?“

Ihr Magen zog sich zusammen. „Was meinst du?“

„Hat dein Interesse nachgelassen?“

„Also … nein.“ Sie verschränkte die Arme, und sofort ging sein Blick zu ihren Brüsten. Sie wölbten sich deutlich über dem knappen Sarongs, und Carly löste die Arme. „Das ist alles so schwierig.“

„Wieso?“

„Weil wir so viel voneinander wissen. Ich weiß, dass du Erdnussbutter, Marmeladenbrote und Schokoladeneis verabscheust, und dass du erst mit elf Fahrrad fahren gelernt hast.“

„Verflixt, das weißt du noch?“

Sie betrachtete ihn näher. „Du hast auch noch die Narbe.“

Er berührte sein Kinn, wo sie ihn im ersten Sommer aus Versehen mit einer Angelrute getroffen hatte. „Ja, du hast mich für immer entstellt.“

„Entschuldige mal, wenn ich mich richtig erinnere, war es Selbstverteidigung.“

„Ich glaube, es war umgekehrt.“

„Du wolltest mich ins Wasser werfen.“

„Wollte ich nicht.“

„Quatsch.“

Er grinste frech. „Wirklich, ich wollte dich nicht ins Wasser werfen.“

„Was wolltest du dann?“

„Dich anfassen.“

Sie lachte auf. Mit dreizehn hatte sie gerade einen Hauch von Busen gehabt. „Lügner.“

„Du hast gefragt, ich habe gestanden. Das hast du davon.“

„Charmant wie eh und je.“

In seinen Augen blitzte es amüsiert. „Wir kommen vom Thema ab. Warum ist unsere Vergangenheit ein Problem?“

Carly seufzte. „Ich finde es störend.“

„Das ist keine Erklärung.“ Erneut zog er sie an sich und küsste sie kurz. Sie atmete den angenehmen Duft seiner Sonnencreme ein. „Wie wär’s, wenn wir etwas trinken gehen und der Natur ihren Lauf lassen?“

Sie wollte so gern noch einmal geküsst werden. Und seinem verlangenden Blick nach würde er nicht viel Überredung brauchen.

Er ließ sie los, nahm das Handtuch von den Schultern und drapierte es über seinen Arm. Trotzdem erhaschte sie einen Blick auf seine Erregung, die er zu verbergen suchte.

„Okay, einen Drink.“ Hoffentlich trugen ihre Beine noch so weit.

Er nahm ihre Hand – es fühlte sich so normal an, als hätte er das sein Leben lang getan – und zog sie mit sich.

„Ich glaube, zur Poolbar geht es da entlang.“ Sie wies in die andere Richtung.

Rick drückte ihre Hand. „Wir gehen nicht zum Pool, sondern auf mein Zimmer.“

3. KAPITEL

Wer hätte das gedacht – die kleine, schlaksige, sommersprossige Carly Saunders im „Club Nirvana“. Kopfschüttelnd holte Rick zwei Miniflaschen aus dem Kühlschrank. Dies war der letzte Ort, an dem er sie vermutet hätte. Allerdings hatte er in den vergangenen zwölf Jahren nicht oft an sie gedacht.

Ja, er hatte sie küssen wollen an dem Tag, als sie den Ausflug zum See gemacht hatten, aber das hatte nur an seinen wilden Hormonen gelegen. Sie war viel zu jung gewesen.

Er drehte sich um und sah sie auf der Couch sitzen. Jetzt war das jedenfalls nicht mehr so.

„Ich kann dir entweder eine Bloody Mary oder Gin mit Orangensaft mixen“, erklärte er. „Es sei denn, du möchtest ein Bier. Womit darf ich dich beglücken?“

Sie zuckte leicht zusammen, und er hoffte, dass sie dieselben Nebengedanken hatte. „Ich hätte lieber Limo oder ein Wasser.“

„Auch wenn ich verspreche, nicht über dich herzufallen?“

Sie verdrehte die Augen. „Pass auf, dass ich nicht über dich herfalle.“

Er lachte. „Dafür musst du mich nicht betrunken machen, mein Schatz. Ich tue alles, was du willst.“

Carly lachte ebenfalls. „Ich bleibe bei Limo.“

„Kommt sofort.“ Gemächlich füllte er Eiswürfel in ein Glas, er musste locker bleiben. Suchte sie hier ein erotisches Abenteuer wie alle anderen? Die Carly, die er kannte, wäre nicht so, aber das war lange her.

Erstaunlich, dass er sie sofort erkannt hatte, obwohl sie sich stark verändert hatte. Die Sommersprossen waren fast verschwunden, nur die helle, zarte Haut, die so rasch errötete, hatte sie noch.

„Hier bitte.“ Er reichte ihr eine Cola und setzte sich mit seinem Bier neben sie auf die Couch.

Sie schlug die Beine übereinander und ging auf Abstand.

Er stieß sie in die Rippen. „Glaubst du noch immer, ich hätte Läuse?“

„Ich habe nie behauptet, du hättest Läuse.“

„Klar doch. Am ersten Tag, als du mich im Garten meiner Großmutter gesehen hast.“

Ihre Augen kamen ihm grüner als früher vor und mandelförmiger. „Ich war damals erst elf. Daran kannst du dich unmöglich erinnern.“

„Wollen wir wetten, dass ich es doch kann? Du bist über den Zaun geklettert, um deinen Ball zu holen.“ Er trank einen Schluck Bier. „Wahrscheinlich war das nur eine Ausrede, um mich kennenzulernen.“

Sie lachte. „Du bist wirklich noch derselbe.“

„Wieso?“

„Eingebildet wie eh und je.“

„Ich? Niemals.“ Wenn man so berühmte Eltern hatte, war es schwer, Selbstbewusstsein zu entwickeln.

„Hör doch auf.“ Wieder verdrehte sie die Augen.

„Du fandest mich tatsächlich eingebildet? Das musst du erklären.“ Im Grunde war es ihm egal. Er dachte nur an das, was er unter dem Sarong erblickt hatte. Carly war wahrhaftig nicht mehr schlaksig.

„Weißt du nicht mehr, wie du mir all die Fotos von euren Ausgrabungen gezeigt hast?“

„Es schien dich ziemlich zu beeindrucken.“

„Das hat es. Immerhin war ich noch nie über Salt Lake City hinausgekommen, und du warst an Orten, von denen ich nie gehört hatte, ja, ich nicht einmal aussprechen konnte.“

„Und deswegen war ich eingebildet?“

Sie trank von ihrer Cola, und die Art, wie sich ihre Lippen um den Rand des Glases schlossen, brachte ihn auf ganz andere Gedanken. Sie hatte sich ein wenig entspannt und ahnte vermutlich nicht, dass ihr Sarong ein Stück aufgegangen war, sodass er ihren flachen Bauch und die Unterseite der Brüste sehen konnte.

Sie stellte das Glas ab. „Du hast uns in Oroville doch bestimmt für die letzten Hinterwäldler gehalten.“

„Ja, vielleicht, aber ich war selbst fast noch ein Kind. Da musst du schon ein bisschen Nachsicht üben.“

„Du wolltest, dass ich es erkläre.“ Ein Lächeln glitt über ihre rosigen Lippen. Das war ihre natürliche Farbe, wie er wusste.

Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier. „Willst du wirklich keine Bloody Mary oder so?“

„Bestimmt nicht. Davon werde ich müde.“

Er schaute zum Bett hinüber, und sein Puls beschleunigte sich. „Wenn ich dich ins Bett bekäme, würden wir garantiert nicht schlafen.“

Sie lachte. „Rick!“

„Was denn? Glaubst du etwa nicht, dass ich auch eine Menge an dir fand?“

„Du sagtest, ich war zu jung für dich.“

„Du warst ein Mädchen. Ich mochte dich. Ich machte mir Hoffnungen.“ Sacht strich er über ihren Arm. „Und jetzt bist du nicht mehr zu jung.“

Sie war sprachlos.

Rick lächelte. „Hast du schon Pläne fürs Dinner?“

Sie schluckte. „Eigentlich nicht. Wahrscheinlich esse ich mit Ginger.“

„Ich habe so eine Ahnung, dass Tony sie mit Beschlag belegt. Er hat eine Schwäche für Rothaarige.“

„Dann sind sie füreinander geschaffen. Sie hat eine Schwäche für Männer mit muskulöser Brust.“ Carly wurde rot, griff nach dem Colaglas und trank hastig.

Verärgert verzog Rick das Gesicht – sie hatte sich Tony etwas zu genau angeschaut. „Ich nehme an, Ginger ist aus demselben Grund hier wie du.“

Carly hob die Augenbrauen. „Du meinst einen Urlaub, bevor der Job beginnt?“

„Du brauchst dich nicht zu verteidigen.“ Spielerisch umfasste er ihren Nacken. Ihre Haut war so warm und weich, dass er sie überall berühren wollte. Kaum zu fassen, dass dies das eckige, jungenhafte Mädchen war, das ihm das Angeln gezeigt und ihn beim Fußballspielen besiegt hatte. Jetzt war sie überall wohlgerundet und brachte sein Blut in Wallung.

„Ich verteidige mich gar nicht. Du machst nur zu viel aus einem schlichten Urlaub.“

„Entschuldige.“ Er massierte weiter ihren Nacken und stellte befriedigt fest, dass sie kurz die Augen schloss und den Kopf neigte.

Er beobachtete ihre Brüste, die sich bei jedem Atemzug verführerisch hoben und senkten. Der starke Drang, seine Hand unter ihren Sarong zu schieben, zwang ihn, sich aufrecht hinzusetzen und den Arm über seine Lenden zu legen, damit Carly seinen heiklen Zustand nicht bemerkte.

„Tut das gut?“

„Oh ja.“ Sie seufzte genüsslich. „Viel zu gut.“

„Zu gut gibt es nicht“, gab er leise zurück. Er musste sich zusammenreißen. Bei der kleinsten Ermutigung würde er über sie herfallen. Er stellte seine Massage ein. „Wegen des Dinners … können wir nicht zusammen essen gehen?“

„Ich weiß nicht.“ Carly richtete sich auf. „Was ist mit Ginger und Tony?“

Er hätte sich nicht zurückziehen sollen. Ein wenig körperliche Überredung war offenbar angebracht. „Was soll da sein? Sie haben vielleicht eigene Pläne. Oder wir essen zu viert.“

Sie runzelte nachdenklich die Stirn, leckte sich die Lippen und machte ihn damit fast wahnsinnig. „Dies ist unser erster Urlaubstag.“

„Okay“, sagte er bedächtig. „Und?“

Unschlüssig zupfte sie an ihrem Sarong. „Warum bist du hier?“

„Wie bitte?“

„Du sagtest, der Club wäre für Leute, die Anschluss suchen.“

„Du meinst, ich wäre auf Sex aus?“

„Ja.“

Er lächelte über ihre Offenheit. „Das wäre schön.“

„Solltest du dich dann nicht auf dieses Ziel konzentrieren?“

Er wusste nicht, ob er lachen oder knurren sollte. „Eine glatte Abfuhr, wie? Ich soll meine Zeit nicht mit dir vergeuden.“

Sie stöhnte frustriert. „Verstehst du denn nicht? Ich gebe dir freie Hand.“

Allmählich wurde er ungeduldig. „Wie das?“

Sie lehnte sich zurück und holte tief Luft. „Reden wir mal hypothetisch, okay?“

„Okay.“

„Angenommen, wir sind beide auf eine Woche voll wildem, hemmungslosem Sex aus.“ Hastig setzte sie hinzu: „Rein hypothetisch natürlich.“

Es war beinahe zu viel für ihn. Wild? Hemmungslos? Er rückte beiseite, um seine heftige Körperreaktion zu verbergen, und nickte ernst.

„Also dann …“ Sie wirkte erstaunlich gelassen. „Sollte das Ganze nicht anonym bleiben? Man möchte sich dabei nicht von jemandem beobachten lassen, den man kennt.“

Abwehrend hob er die Hände. „He, so etwas ist nicht mein Ding.“

„Verflixt, du weißt, was ich meine.“

Er grinste. „Ja, okay. Trotzdem verstehe ich nicht, was dir Sorgen macht.“

Sie seufzte. „Sieh mal, dies ist für mich eine Woche vollkommener Freiheit, und die will ich mir nicht vermiesen.“

„Meinst du nicht, wir würden uns auch im Bett verstehen?“

„Weißt du nicht, was ‚anonym‘ bedeutet?“

„Komm mal her.“

„Warum?“, fragte sie ängstlich, als er ihr Kinn umfasste.

„Weißt du nicht, was ‚Anziehung‘ bedeutet?“ Er küsste sie auf den Mund und drängte mit der Zunge ihre Lippen ausei­nander.

Zuerst erstarrte Carly, doch innerhalb von Sekunden gab sie den Widerstand auf und legte ihm die Hand auf die Brust, während er den Kuss vertiefte. Als Carly die Hand nach unten schob, hielt er den Atem an. Enttäuscht merkte er, dass sie an seiner Taille stoppte.

Er musste sich beherrschen, um ihre Hand nicht dorthin zu ziehen, wo er sie jetzt am liebsten fühlen wollte. Doch er wollte sie nicht drängen. Sie hatte ohnehin schon genug Sorgen.

So streichelte er nur ihren Arm und berührte dabei scheinbar zufällig ihre Brust. Carly wich nicht zurück. Vorsichtig umfasste er die Rundung.

Sie stöhnte leise und bewegte sich, sodass er den Körperkontakt verlor. Ihr Blick war verschwommen, als sie den Kopf in den Nacken legte. „Ich sollte nicht hier sein.“

„Warum nicht?“ Locker legte er die Hand auf ihren Schenkel, während er ihren Blick festhielt.

„Wir müssen aufhören, bevor es zu spät ist.“

„Zu spät wofür?“

„Um Freunde zu bleiben“, flüsterte sie. Sie wand sich, bis seine Hand höher hinauf rutschte.

Er wusste nicht, ob sie das absichtlich machte, aber für ihn war es die reine Seligkeit. „Wer sagt, dass wir das nicht können?“

„Das alles ist so schwierig.“ Sie zog sich ein wenig zurück und presste die Beine zusammen. „Ich hätte nie erwartet, hier einem Bekannten zu begegnen.“

„So ist es nun einmal, und wir sind inzwischen erwachsen.“

„Klar.“

„Wie du siehst, bin ich sehr an dir interessiert.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Okay, wenn wir so weitermachen – und ich sage nicht, dass wir da tun –, müssen wir ein paar Regeln einhalten.“

Er runzelte die Stirn. „Zum Beispiel?“

„Wir sollten beide wissen, dass es nur für eine Woche ist. Oder aber du findest, dass es nur für eine Nacht ist. Falls dir eine andere gefällt, will ich dir nicht im Weg stehen …“

„Himmel, Carly, ich bin nicht nur wegen Sex hergekommen.“

„Ich auch nicht“, erwiderte sie heftig.

Er lächelte. „Das hätte ich dir auch nicht zugetraut.“

„Okay, also …“ Sie räusperte sich. „Du begreifst, dass es nach einer Woche vorbei ist, ja? Danach gehen wir wieder getrennte Wege.“

Plötzlich stieg ein hässlicher Verdacht in ihm auf. „Willst du heiraten?“

„Heiraten?“

„Gibt es in Oroville jemanden, der auf dich wartet? Meintest du das mit ‚meine letzte Woche‘?“

„Um Himmels willen, nein. Dann wäre ich nicht hier!“

„Gut. Das wollte ich nur wissen.“

Sie trank ihre Cola aus und stand auf. „Jetzt möchte ich doch eine Bloody Mary.“

„Bedien dich.“ Er sah zu, wie sie zur Minibar ging, bewunderte ihren sanften Hüftschwung und ihre Figur. „Spielst du noch immer Fußball?“

„Nein.“ Sie lachte. „Seit mindestens acht Jahren nicht mehr.“ Sie spülte ihr Glas aus und warf ihm einen unglücklichen Blick zu. „Dies ist keine gute Idee, oder?“

„Wieso?“

„Weil wir eine gemeinsame Vergangenheit haben. Keine lange zwar, aber …“

„Umso besser.“

„Nein.“ Sie konzentrierte sich auf ihre Bloody Mary. „Wir können das Ganze gern vergessen, Rick. Kein Problem.“

„Und Freunde bleiben?“

„Genau.“

Ignorierte sie seinen Sarkasmus, oder hatte sie ihn nicht mitbekommen? „Wir haben uns seit zwölf Jahren nicht gesehen und keinen Kontakt gesucht. Das macht uns nicht gerade zu Freunden.“

„Dieses Jahr schicke ich dir eine Weihnachtskarte.“

„Sehr witzig.“ Langsam fragte er sich, ob sie Angst vor einer Bindung hatte. „Machst du das jedes Jahr? Einen Urlaub, in dem du …“

Sie erstarrte und stellte das Glas hin. Wortlos ging sie zur Tür.

Er sprang auf und fing sie ab. Sie stieß ihn vor die Brust, doch er ließ sie nicht los. „Bitte, ich wollte dich nicht beleidigen. Ich versuche nur, dich zu verstehen.“

„Selbstverständlich habe ich so etwas noch nie gemacht. Ich war einfach neugierig. Du kennst Oroville. Man fühlt sich wie im Aquarium. Ich kann nicht einmal niesen, ohne dass es jeder erfährt.“

Er umarmte sie fester. Sie war so sanft, ihre Haut war so glatt und warm, und ihre Augen … „Ich hatte ganz vergessen, dass du so grüne Augen hast. Und wie sie blitzen können.“

„Weil ich wütend bin.“ Mit hochgezogenen Brauen setzte sie hinzu: „Sehr sogar.“

„Hoffentlich nicht auf mich.“

Seine gespielte Unschuldsmiene brachte sie zum Lachen. „Ich sehe sonst niemanden im Zimmer.“

„Stimmt. Wir sind ganz allein.“

Sie schaute auf seinen Mund, und er spürte ihre Anspannung. „Rick, ich würde sehr gern mit dir zusammen sein. Solange keine Verpflichtungen damit verbunden sind.“

„Aha, du denkst also, wenn wir uns erst leidenschaftlich geliebt haben, bin ich von deinen Reizen total gefesselt.“

Sie verdrehte die Augen. „Du redest Unsinn.“

Er lächelte und blickte auf ihre Lippen. „Ich fürchte, es gibt nur eine Möglichkeit, das festzustellen.“

Hatte er ihr etwas in die Cola getan? Oder war es bloß Gingers unheilvoller Einfluss? Carly Saunders war nicht so kühn. Gut, hin und wieder schon, aber im Grunde war sie noch das schüchterne kleine Mädchen, das Rick kannte.

Sie sah aus dem Fenster. Der Anblick der sanften, blaugrünen Wellen wirkte seltsamerweise alles andere als beruhigend auf sie.

„Carly?“

Sie wandte sich ab und griff nach ihrer Bloody Mary. Er legte ihr den Finger unters Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Das Verlangen in seinem Blick ließ sie erschauern. Sie vergaß das Glas in ihrer Hand, und etwas von dem Getränk spritzte auf ihren Arm.

„Lass mich das machen.“ Er nahm ihre Hand und beugte den Kopf.

Fasziniert schaute sie zu, wie er die Flüssigkeit ableckte. Seine Zunge war samtig und warm. Carly stockte der Atem, und sie schloss die Augen. Sie sollte Rick Einhalt gebieten, aber sie konnte es nicht.

Er strich spielerisch mit der Zunge über ihren Arm, bis er zu ihrer Halsbeuge kam. Dann zog er eine Spur kleiner heißer Küsse zu ihrem Ohr.

Carly legte den Kopf in den Nacken. Es war viel schöner als mit einem Fremden. Sie kannte Rick, vertraute ihm.

Er gab einen erstickten Laut von sich und presste die Lippen auf ihren Mund. Sie erwiderte den Kuss, ihre Zungen trafen sich zu einem sinnlichen Tanz.

Als er den Knoten ihres Sarongs löste, hinderte sie ihn nicht daran. Der Sarong fiel auf den Boden. Dann strich Rick über ihre Hüften, und sie protestierte noch immer nicht. Im Gegenteil, sie wurde ebenfalls aktiv, streichelte seinen festen, flachen Bauch.

Er war es, der den Kuss beendete. „Im Bett hätten wir es bequemer.“

Sie schluckte, ebenfalls schwer atmend. „Mann, ist das hart.“

„Du ahnst ja nicht, wie hart“, flüsterte er und biss leicht in ihr Ohrläppchen.

„Du bist wirklich schlimm.“ Doch sie lächelte, während er ihre Schenkel streichelte, als wäre es das Normalste von der Welt.

„Und das magst du.“

Carly biss sich auf die Lippe. Das war ja das Problem – sie mochte Ricks Draufgängertum, seinen Abenteuergeist, seine zupackende Art. Sie hatte so viel von ihm gelernt. Und der Spaß, den sie hatten – obwohl sie auch gemerkt hatte, dass es nicht einfach war, die brave Pfarrerstochter zu bleiben.“

„Wir dürfen nichts überstürzen“, sagte sie streng. „Denk bitte darüber nach.“

„Ich habe kaum an etwas anderes gedacht.“

„Rick.“

Ihre ernste Bitte drang zu ihm durch. „Wir lassen es langsam angehen“, versprach er, während er einen Finger unter ihr Bikinihöschen schob und sie streichelte. „Habe ich dir je meine Fantasien über dich gestanden?“

Sein hypnotischer Blick hielt ihren fest. „Nein, erzähle.“

Er steckte die ganze Hand in ihr Höschen, folgte der Rundung ihres Pos, aber nicht zu weit. Er wollte sie nicht verschrecken, nur reizen, bis sie ihre Zurückhaltung aufgab.

„Damals wollte ich das natürlich nicht zugeben.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Ich hätte mich zu Tode geschämt.“

Jetzt schob auch Carly die Hand hinter den Bund seiner Badehose, strich mit den Fingernägeln über seine Haut, und genoss es, als er scharf die Luft einsog. „Da du schon davon angefangen hast, musst du es mir erzählen.“

„Es waren die typischen wilden Fantasien eines Sechzehnjährigen. Mehr möchte ich nicht sagen.“

Carly lächelte. „Okay, dann erzähl mir, was du inzwischen so getrieben hast.“

„Ich dachte, genau diesen persönlichen Kontakt wolltest du in diesem Urlaub vermeiden.“

Sie ärgerte sich über sich selbst und zog die Hand von ihm weg. Natürlich interessierte sie sich brennend für seinen Werdegang, aber er hatte recht, das würde zu persönlich.

Er wandte sich ab und griff nach seinem Bier. „Also gut … nach der Schule habe ich studiert und bin dann nach Kenia und an die Elfenbeinküste gegangen.“

„Wegen Ausgrabungen?“

„Das, und um mich umzusehen.“ Er trank sein Bier aus und öffnete den kleinen Kühlschrank. „Und du?“

„War das alles?“ Sie lachte, und er sah sie verständnislos an. „Klar, jeder war schon Kenia. Ist ja langweilig.“

Er ignorierte ihre Ironie und nahm sich noch ein Bier. „Ich war ein ganz normaler Student. Ich habe gelernt und mich amüsiert wie alle.“

„Du bist weit gereist, du bist nicht wie alle.“

Er machte eine wegwerfende Geste. „Jetzt reise ich nicht mehr viel. Hier bin ich schon das dritte Mal.“

Sie wurde nachdenklich. Er war so begierig auf seine Archäologie gewesen, wollte Herausragendes leisten. Dafür musste man reisen. „Ich nehme an, du hast Archäologie studiert.“

„Sicher, ich habe mein Diplom gemacht und alles das.“ Er wechselte das Thema. „Du wolltest immer Lehrerin werden, was ist damit?“

„Ich fange in zwei Monaten in Oroville an.“ Sie wollte jedoch mehr über ihn wissen. „Du hast mir noch immer nicht gesagt, was du machst.“

„Ich versuche, dich zu verführen.“

„Lass den Quatsch.“ Sie knuffte ihn in die Seite. „Es ist mein Ernst.“

Er trank einen Schluck und blickte sie dann verlangend an. „Mir ist es auch ernst, aber …“ Hilflos hob er die Hände. „Wir lassen uns Zeit.“

„Danke.“ Doch ihre Stimme klang verräterisch atemlos. „Lass uns noch ein bisschen reden.“

„Noch mehr?“

Sie ignorierte seine abweisende Miene. „Wie geht es deinen Eltern?“

„Sie sind geschieden.“

„Nicht möglich!“

„Weshalb? Das ist doch ganz alltäglich.“

„Dann arbeiten sie nicht mehr zusammen?“

Er lachte spöttisch. „Das ist das einzige Gebiet, auf dem es keinen Streit zwischen ihnen gibt.“

„Das habe ich nicht gewusst“, sagte sie leise. Damals hatte Rick seine Eltern vergöttert.

„Kein Drama.“ Er stellte sein Bier hin. „Wenn wir reden, mein Schatz, dann nicht über die Vergangenheit.“ Er streckte die Arme nach ihr aus. „Also, was machen wir heute Abend?“

4. KAPITEL

„Falls du es übersehen hast – wir haben nur ein Badezimmer.“ Genervt hämmerte Carly erneut an die Tür zum Bad. Ihr blieben nur noch fünf Minuten für ihr Make-up, und am Schreibtisch war das Licht zu schummrig.

„Gleich.“ Gingers gereizter Ton brachte Carly noch mehr auf die Palme. „Diese Luftfeuchtigkeit ist Gift für mein Haar.“

„Dein Haar wird dein geringstes Problem sein, wenn du nicht sofort aufmachst.“

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Ginger blickte drohend. „Was hast du denn auf einmal?“

„In fünf Minuten sollen wir die Jungs zum Dinner treffen.“ Carly wies zur Uhr. „Du kannst dein Haar hier draußen stylen. Ich brauche das Licht im Bad, um mich zu schminken.“

„Das glaube ich. Du siehst aus wie ein Clown.“ Mit einem eisigen Blick stob Ginger an ihr vorbei, den Lockenstab in der Hand.

Carly verkniff sich eine Bemerkung über Gingers krauses Haar. Sonst machte es Carly nichts aus, wenn Ginger das Bad für sich beanspruchte. Doch heute Abend war sie gereizt, unsicher. Sie hatte Angst.

Es ist ja nur ein Dinner, sagte sie sich und stellte ihr Schminktäschchen ab. Sie blickte in den Spiegel und seufzte. Tatsächlich, sie sah aus wie ein Clown. Zu viel Rouge. Auch der blaue Lidschatten wirkte irgendwie gespenstisch.

Warum machte sie sich überhaupt verrückt? Im Grunde war Rick kein Kandidat für eine Woche hemmungslosen Sex. Das sagte ihr der Verstand. Ihr Herz dagegen wünschte sich etwas anderes.

„Warum wäschst du jetzt alles ab?“ Ginger beobachtete sie von der Tür her. „Entschuldige, das mit dem Clown war nicht so gemeint.“

„Du hast ja recht, das bin ich nicht.“

„Es ist bestimmt ziemlich dunkel, da brauchst du mehr Make-up.“

„Mascara und Blusher genügen.“

Ginger seufzte. „Ja, der Kerl ist dir ohnehin sicher.“

Carly warf ihr einen Seitenblick zu. „Wie meinst du das?“

„Ich habe gesehen, wie Rick dich angeschaut hat.“

„Wir sind Freunde, mehr nicht.“ Carly wandte sich wieder dem Spiegel zu und trug leichte Creme auf.

„Freunde?“ Ginger kicherte. „Okay, aber du fliegst trotzdem auf ihn.“

„Ich fliege keineswegs. Ich weiß noch nicht, wie ich mich verhalten werde.“ Carly kaschierte ihre hartnäckigen Sommersprossen mit einer leichten Grundierung. „Bist du fertig?“

„So gut wie.“ Ginger langte an Carly vorbei nach dem Haarspray. „Ich kann dich verstehen, der Mann ist super. Er ist scharf auf dich, und dir ist er auch nicht gleichgültig. Wo liegt also das Problem?“

„Da fragst du noch? Wir wollten anonym bleiben!“

„Und? Ist es nicht besser, wenn du ihn kennst und magst? Wer weiß, was daraus entsteht. Du sagst selbst, dass du irgendwann heiraten willst.“

„Da entsteht nichts. Ich …“ Carly brach ab. Sie wollte das nicht mit Ginger diskutieren. Es war zu kompliziert. Ihre Sehnsüchte waren ihr selbst rätselhaft.

Gewiss, irgendwann wollte sie eine Familie gründen, und zwar in Oroville. Sie liebte ihre Heimat, und ihre Kinder sollten die Vorzüge einer Kleinstadt genießen. Leider waren die Männer dort konservativ und langweilig, ihre Wünsche beschränkten sich auf Dinge wie einen neuen Pick-up pro Jahr.

Rick war anders – aufregend, abenteuerlustig. Er sprach ähnliche Eigenschaften in ihr an, und das hatte ihr zuweilen Angst gemacht.

So zum Beispiel, als er mit ihr die alte Colby-Mine erforschen wollte. Die Mine war verbotenes Terrain für alle Kinder in Oroville, keins hätte sich je hineingewagt. Doch Rick brauchte sie nur herauszufordern …

Sie lächelte. Es war eins ihrer schönsten Erlebnisse geworden.

Verflixt, sie mochte Rick wirklich. Aber noch war sie nicht so weit, ihm zu Haus nachzutrauern. Das konnte sich jedoch schnell ändern, und was dann?

„Huch, wir sind spät dran.“ Ginger kniff die Augen zusammen und besprühte ihren französischen Zopf.

Das Spray breitete sich überall aus, und Carly verließ hustend das Bad. Auf Eyeliner verzichtete sie.

„Okay.“ Ginger schlang sich ihre Tasche über die Schulter. „Auf in den Kampf.“ Sie rückte an ihrem türkisfarbenen Strandkleid, um ihre Brüste besser zur Geltung zu bringen. „Tony wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht.“

Carly lachte und nahm ebenfalls ihre Tasche. „Ich denke, du rennst bei Tony offene Türen ein.“

Ginger blieb abrupt stehen. „Wieso? Hat Rick etwas gesagt?“

„Komm schon, das war wirklich nicht nötig.“ Carly scheuchte ihre Freundin aus der Tür. „Tony steht auf dich.“

Mit einem selbstgefälligen Lächeln trat Ginger auf den Flur hinaus. „Vielleicht hat er heute Abend Glück bei mir.“

„Nur vielleicht?“ Carly zog die Tür zu.

Ginger lachte. „Übrigens, wie teilen wir heute Nacht die Zimmer auf?“

Leiser Neid beschlich Carly. „Häng das Schild ‚Bitte nicht stören‘ an die Tür, dann verschwinde ich für eine Weile.“

„Du könntest doch bei Rick schlafen, oder?“

„Klar“, erwiderte Carly tapfer.

„Also, was soll ich nehmen?“ Tony studierte die Speisekarte. „Kennt jemand Muschelsuppe?“

Carly hatte noch nie davon gehört. Sie blickte zu Ginger hinüber, die jedoch nur Augen für Tony hatte.

„Es ist eine Landesspezialität“, bemerkte Rick. „Du solltest sie probieren.“

„Genau, man muss alles mal probiert haben, ist mein Motto.“ Tony lächelte Ginger zu. „Und wenn es gut ist, Nachschlag fordern.“

Sie kicherte und knuffte ihn zärtlich.

Carly wollte die Augen verdrehen, riss sich aber zusammen. Sie merkte, wie Rick sie beobachtete. Anstatt ihn anzusehen, vertiefte sie sich in ihre Speisekarte.

„Was nimmst du, Carly?“ Er berührte ihre Hand, und sie fuhr erschrocken auf, wobei sie fast die Piña colada umwarf, die er für sie bestellt hatte.

Sie legte die Karte hin und faltete die Hände im Schoß. „Ich weiß nicht.“

„Soll ich dir ein paar Vorschläge machen?“, fragte er leise.

Sie sah auf, er blinzelte ihr zu, und ihr Herz pochte heftig. „Vielleicht nehme ich Huhn mit Mango.“

„Austern“, empfahl Tony. „Die sind gut für …“

Kichernd knuffte Ginger ihn erneut. „Wir wissen schon, wofür die gut sind.“ Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Als hätte ich ein Aphrodisiakum nötig.“

Tony lächelte und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Carly stöhnte innerlich und griff hastig wieder nach der Karte. Warum in aller Welt musste sie mit den beiden essen? Klare Antwort: Weil sie nicht mit Rick allein sein wollte.

„Kommt, Leute, hebt euch das für später auf.“ Rick warf mit einer Papierserviette nach Tony.

„Später haben wir interessantere Dinge zu besprechen“, erwiderte Tony und warf die Serviette zurück.

Zum Glück beherrschten Tony und Ginger sich so weit, dass sie bestellen und ihr Mahl verzehren konnten. Carly wusste, dass Rick die beiden ermahnt hatte, weil ihr die Situation unbehaglich war.

Den Flirt zuvor mit Rick hatte sie genossen. Auch jetzt war die gegenseitige Anziehung nicht zu übersehen. Es war, als vibrierte die Luft zwischen ihnen. Den ganzen Nachmittag über hatte sie an die Berührungen, die Küsse gedacht, und das ärgerte sie. Wenn sie mit Rick etwas anfinge, würde sie später immer wieder daran zurückdenken und sich fragen, was daraus hätte werden können. Es war traurig, aber wahr.

Der Gedanke an den restlichen Urlaub versetzte sie in leise Panik. Wie sollte sie sich amüsieren, wenn sie sich ständig von ihm beobachtet fühlte? Sie musste sich etwas einfallen lassen oder die nächsten Tage vor dem Fernseher verbringen.

Sie blinzelte verwundert, als die aufregende blonde Bedienung eine weitere Runde Piña coladas servierte und dabei Rick anlächelte. Vielleicht renkte sich doch noch alles ein. Wenn Rick sich eine Partnerin suchte, würde er nicht auf Carly achten …

Die Vorstellung weckte zwiespältige Gefühle, darunter eindeutig Eifersucht. Das war natürlich albern, aber leider Tatsache. Doch sie wäre auch erleichtert, wenn sie nicht dauernd würde aufpassen müssen.

„Möchtet ihr noch etwas?“, erkundigte sich die blonde Bedienung und sah dabei Rick an.

„Ich nicht“, erwiderte er. „Und ihr? Möchte jemand Dessert?“

Tony und Ginger verneinten sofort. Kein Wunder, sie wollten so schnell wie möglich allein sein.

„Also gut.“ Rick griff in seine Tasche. „Wie viele Perlen macht das?“

„Ich hätte gern ein Dessert“, sagte Carly.

Tony und Ginger, die bereits aufstehen wollten, zögerten.

„Geht ruhig.“ Carly wedelte mit der Hand. „Rick leistet mir Gesellschaft.“

„Okay, dann bis später.“ Tony warf Rick einen bedeutungsvollen Blick zu und schob Ginger vor sich her zum Ausgang.

„Soll ich euch noch mal die Karte bringen?“ Es war deutlich zu sehen, dass die Bedienung keinen BH trug.

Rick hatte ihr ein paar Blicke gegönnt, aber nicht mehr als Carly, obwohl die knappen weißen Shorts der Frau ihre hübschen Beine sehen ließen.

Carly schüttelte den Kopf. „Ich weiß schon, was ich möchte. Ein Eis mit einer Extraportion Sahne.“

Verwundert zog Rock die Brauen hoch und lachte. „Für mich auch.“ Dabei sah er Carly an.

„Kommt sofort.“ Die Kellnerin entfernte sich.

Ricks Blick hielt Carlys fest. Insgeheim freute sie sich, dass sie seine Aufmerksamkeit so nachhaltig fesseln konnte. Was natürlich unsinnig war, denn sie wollte ihn ja loswerden.

„Eins verstehe ich nicht“, sagte Rick halb ernst, halb neckend.

„Und das wäre?“ Sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten.

„Weshalb du auf Zeit spielst.“

„So ein Quatsch.“

„Entweder willst du mich abservieren, oder du überlegst, wie du mich ins Bett bekommst. Was natürlich völlig überflüssig wäre.“

„Wieso beziehst du mein Verhalten auf dich?“, brauste Carly auf. „Ich möchte bloß ein Eis, okay?“

Er lachte. „Okay.“

Nervös suchte sie in ihrer Tasche nach den Perlen. Dann merkte sie, dass sie die Kette brav um den Hals trug, wie man es ihnen beim Einchecken geraten hatte. „Was schulde ich dir für das Essen?“

„Lass nur.“

Sie nahm die Kette ab. „Nein, jeder hat nur eine bestimmte Anzahl Perlen. Es wäre unfair, wenn du am Ende keine mehr hättest.“

„Du kannst beim nächsten Mal bezahlen.“

„Und wenn es kein nächstes Mal gibt?“

Er musterte sie intensiv.

Das Schweigen wurde unbehaglich, und Carly starrte auf ihre zerknüllte Papierserviette. „Du könntest dich für eine andere interessieren, und dann sehen wir uns nicht mehr.“

„Carly“, sagte er streng, wie zu einem bockigen Kind. Er nahm ihr die Perlenkette aus der Hand. „Ich dachte, das hätten wir geklärt.“

Sie schaute auf die Kette und fragte sich, was er damit vorhatte. Er lehnte sich zu Carly herüber, streifte ihr die Kette über den Kopf und küsste sie kurz auf die Lippen. Dann lächelte er.

„Bitte sehr.“ Die Bedienung erschien mit den beiden Eisbechern. „Und für jeden eine Extraportion Sahne.“ Sie stellte zwei große Glasschalen auf den Tisch.

„Vielen Dank“, sagte Carly.

Lächelnd erkundigte sich das Mädchen: „Darf es sonst noch etwas sein?“

Rick sah Carly fragend an. Sie schüttelte den Kopf und griff nach dem Löffel, Plötzlich hatte sie keinen Appetit mehr. Sie wollte, dass Rick sie noch einmal küsste.

Und sie wollte, dass er ginge und sie in Ruhe ließe. Was für ein Durcheinander!

Die Bedienung nannte Rick die Summe, und er übergab ihr die entsprechende Anzahl Perlen. Sie blieb zwar höflich, wirkte aber nicht mehr so interessiert wie zuvor. Der Kuss war ihr wohl eine Warnung gewesen.

Der Gedanke machte Carly merkwürdig glücklich, und als Rick ihr seinen Löffel voll Eiscreme an die Lippen hielt, ging sie widerspruchslos darauf ein. Er lächelte und wischte ihr eine Spur Sahne von der Oberlippe. Sie verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, seinen Daumen in den Mund zu nehmen. Sie beherrschte sich, doch als sich ihre Blicke trafen, wusste sie, dass sie verloren war.

Er wusste, wie sehr er sie erregte. Sie sah das Begehren in seinen Augen, das genauso stark wie ihres war.

Es war schlimm, wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Sie wollte in ihr Zimmer gehen, ihn ausziehen, seinen Körper genießen. Wäre das wirklich so verwerflich? Innerhalb einer Woche konnte sich keine allzu starke Bindung entwickeln, oder? Danach würde sie ihn nie wiedersehen. Zudem hatte er keinen Anlass, nach Oroville zu kommen.

„Anschließend möchte ich mit dir einen Strandspaziergang machen“, flüsterte Rick. Mit der Fingerspitze strich er über ihren Handrücken.

In Rekordzeit verspeiste Carly ihr Eis.

Carly war Rick ein Rätsel. Eins, das er unbedingt lösen wollte. Die Chemie zwischen ihnen stimmte. Warum also zögerte sie?

Er betrachtete ihr Profil, während sie über den mondbeschienenen Strand gingen. Vor ihnen gingen noch zwei Pärchen, sonst war niemand in der Nähe. Er fragte sich, was sie tun würde, wenn er sie in die Arme nähme, mit ihr im Sand läge. Sie küsste, bis sie beide außer Atem waren. Seine Hand unter ihr Top schob und ihre Brüste berührte.

Mehrfach an diesem Abend hatte er gesehen, dass ihre Brustspitzen unter dem seidigen blassgelben Stoff hart wurden. Er musste wegschauen, wenn ihm nicht etwas Peinliches passieren sollte. Immer wenn ein Teil ihres Körpers ihn dermaßen reizte, hatte er sich insgeheim Baseballergebnisse ins Gedächtnis gerufen.

„Wollen wir schwimmen?“, fragte er.

Carly fuhr abrupt herum.

Sie hatte den Mond im Rücken, sodass Rick ihr Gesicht nicht klar erkennen konnte, doch die Verblüffung in ihren schönen grünen Augen sah er. Und dass sie ihre süße Stupsnase krauste.

„Im Meer? Jetzt?“

„Ja auf beide Fragen.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Spinnst du?“

„Weshalb denn nicht? Du hast mich mehr als einmal überredet, nachts im Clear Lake zu baden.“

„Ein See ist etwas anderes.“

„Ja, schlimmer. Mit all den Schlingpflanzen, in denen sich die Beine verfangen.“ Ihn schauderte.

Sie blieb stehen. „Hattest du etwa Angst?“

„Und wie.“

„Das hast du mir nie gesagt.“

„Natürlich nicht. Hätte ich dir etwa meine Feigheit gestehen sollen?“

Sie lachte. „Verstehe.“

Er nahm sie bei den Händen und zog sie an sich. „Wovor hast du Angst, Carly?“

„Vor nichts.“ Ihr Lachen klang nervös.

„Jeder fürchtet sich vor irgendetwas.“

Sie versuchte, sich ihm zu entziehen, doch er hielt sie fest. „Ich fürchte, wenn du mich nicht loslässt, bekommst du blaue Flecken.“

„Aha. Und jetzt im Ernst.“

Sie war so nah, dass er sie ohne Weiteres küssen könnte. Er wollte ihren nackten Rücken streicheln, ihre seidige Haut spüren. In der vergangenen Nacht hatte er davon geträumt, dass er mit ihr nackt auf einem Bett aus Herbstblättern lag.

Es war ein wirrer Traum gewesen, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit mischten. Er erwachte mit einem Glücksgefühl, wie er es so intensiv lange nicht mehr empfunden hatte. Seltsam, dass er in all den Jahren kaum an Carly gedacht hatte, und doch war beim Wiedersehen die alte Vertrautheit sofort wieder da.

„Fürchtest du, wir könnten etwas beginnen, das wir nicht zu Ende führen?“, fragte er und zog sie noch näher an sich.

„Nein.“ Sie versteifte sich. „Ich weiß nicht.“

„Meine Güte, Carly, ich will doch nicht, dass du mich heiratest.“

„Ein Glück.“ Sie riss sich los und machte sich auf den Rückweg zum Hotel.

„Bitte.“ Mit zwei Schritten war er bei ihr. „Sei nicht gleich beleidigt. Ich wollte das nur klarstellen.“

Im Licht der Hotelbeleuchtung sah er ihre Verärgerung, ihre geröteten Wangen.

„Ich hätte das Eis nicht essen sollen“, murmelte sie im Weitergehen. „Mir ist schlecht.“

„Das nehme ich dir nicht ab.“ Sein Lächeln schwand. „Ich dachte, wir verstehen uns prima.“

Sie blieb stehen, schaute ihn aber nicht an, sondern aufs Meer hinaus. „Stimmt.“

Erneut nahm er ihre Hand. „Wo liegt dann das Problem?“

„Es liegt nicht an dir. Ehrlich.“

„Und das soll ich glauben?“

Sie seufzte. „In diesem Club zu sein mit Ginger, die sich so auffällig benimmt und dann dir zu begegnen … Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei.“

Rick dachte darüber nach. Sie war noch immer das Mädchen aus der Kleinstadt, ein wenig schüchtern und besorgt um den Eindruck, den sie als Pfarrerstochter machte.

„Du bist hier nicht in Oroville, Carly. Niemand wird dein Verhalten verurteilen.“

„Das ist es nicht.“ Sie suchte nach Worten. „Mir ist nur nicht wohl dabei.“

„Weil du mich kennst.“

Sie nickte betrübt. „Ich kann’s nicht ändern.“

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sie hatten einander vieles anvertraut. Irgendwie verstand er ihre Vorbehalte.

Vielleicht hatte sie recht. Sie kannte seine Schwächen. Sie hatte gewusst, wie sehr er darunter litt, ein unerwünschtes Einzelkind zu sein, und hatte ihn darüber hinweggetröstet.

„He“, sagte er und knuffte sie kameradschaftlich wie früher. „Und wenn ich so tue, als würde ich dich nicht kennen, falls ich jemals wieder nach Oroville komme?“

Sie starrte ihn an. „Du kommst doch nie mehr nach Oroville, oder?“

Er zuckte die Schultern. „Man kann nie wissen.“

Sie wich einen Schritt zurück. Vielleicht lag es am Mondlicht, dass sie so blass aussah. „Mir ist wirklich nicht gut.“ Damit verließ sie ihn.

Er rief ihr nicht nach und folgte ihr auch nicht. Verwirrt stand er da. Was ging in ihr vor? Fürchtete sie um ihren guten Ruf?

Schon damals hatte sie sich manchmal Sorgen darüber gemacht, was die Gemeindemitglieder ihres Vaters von ihr denken mochten. Doch das hatte sie bestimmt überwunden. Carly war zu klug, zu selbstsicher und zu neugierig auf das Leben.

Rick lächelte, als er an die alten Zeiten dachte. Selbst ein mehrtägiger Hausarrest hatte sie nicht schrecken können. Sie hatte ihm von ihrem Fenster aus Papierflieger geschickt. Er hatte mit ihr gelitten. Nein, Carly Saunders war kein spießiges Kleinstadtmädchen. Und das würde er ihr klar machen.

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