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TIFFANY EXKLUSIV BAND 26

NAOMI HORTON

Noch einmal diese Lust erleben

Heißes Prickeln, ein Kamin und ein kuscheliges Sofa für zwei: Es könnte der Himmel auf Erden für Andrea und Connor sein! Stattdessen stehen sie in dem Blockhaus, in das sie sich geflüchtet haben, vor einem Riesenproblem: Sie sind beste Freunde – was, wenn sie ihre Freundschaft durch eine sinnliche Nacht vor dem Kaminfeuer zerstören?

MEAGAN MCKINNEY

Mit dir allein …

Zwei Dickköpfe auf einer Wandertour durch die Rocky Mountains – da kann viel passieren: Streit, Missverständnisse … aber als City-Girl Jacquelyn Rousseaux und der schweigsame Rancher A.J. Clayburn endlich die Holzhütte erreichen, geschieht etwas ganz anderes. Etwas wunderbar Sinnliches, aufregend Leidenschaftliches …

KATE HOFFMANN

Meine Nächte mit Sam

Mit dem sexy Naturburschen Charlie durch die Wildnis zu stapfen, sich am Lagerfeuer heiß zu küssen und dann zu zweit in einem Schlafsack unter Tausenden von Sternen: Eigentlich hat Sarah keine Eile, dass Charlie sie zu dem Einsiedler Sam Morgan bringt, über den sie einen Film drehen will! Sie ahnt ja nicht, wie nah Sam die ganze Zeit über ist …

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Noch einmal diese Lust erleben

1. KAPITEL

Sie hatte den Anruf erwartet. Trotzdem schreckte sie auf, als das Telefon dann klingelte. Es klang schrill in dem stillen Zimmer mitten in der Nacht. Andie fuhr hoch und fluchte. Ihr Herz klopfte heftig.

Es war spät. Er rief immer spät an. Am Tag war er viel zu selbstsicher, als dass Zweifel, Fragen und Schmerz ihm etwas hätten ausmachen können. Nur in der Dunkelheit entkamen die Dämonen und quälten ihn. Und dann rief er sie an.

Andie Spencer, die Drachentöterin.

Sie lächelte grimmig und sah auf den Wecker. Nicht diesmal, dachte sie. Heute kannst du allein gegen deine Drachen kämpfen. Ich werde nicht kommen. Sie stöhnte. Es war halb fünf!

Irgendwie schaffte sie es, nach dem Hörer zu angeln, ohne den Stapel Bücher daneben umzuwerfen.

„Connor.“ Den Hörer in der Hand, ließ sie sich wieder aufs Kissen fallen.

In der Leitung war es sekundenlang still, dann erklang die vertraute männliche Stimme. „Woher weißt du, dass ich es bin?“

„Wer würde sonst mitten in der Nacht anrufen?“, murmelte sie schläfrig. „Sie ist heute gekommen, oder? Deine Scheidungsurkunde?“

Diesmal folgte eine längere Pause, und sie hörte ihn tief einatmen.

„Ja, das stimmt“, antwortete er schließlich ein wenig schuldbewusst. „Und woher weißt du das nun wieder?“

„Ich habe den Umschlag vom Anwalt gesehen, als ich dir heute Morgen die Post auf den Schreibtisch gelegt habe.“

Er lachte leise, aber sie merkte, dass es ihn Anstrengung kostete. Dann seufzte er.

Sie konnte sich gut vorstellen, wie er dort saß und mit den Papieren in der Hand in die Dunkelheit starrte. Als er den Umschlag geöffnet hatte, hatte er sicher noch gedacht, es wäre keine große Sache. Er hatte sich eingeredet, es würde ihm nichts ausmachen, dass er ja sowieso schon über Judith hinweg sei. Dass er damit fertig werden würde. Zur Hölle, es war immerhin das zweite Mal und er ein alter Hase und zu abgebrüht, um mehr zu empfinden als Erleichterung, dass es endlich vorbei war.

Aber der Schmerz saß zu tief, war zu kompliziert, und es tat eben doch weh. Und dann, viel später, hatte er in seinem leeren großen Haus gesessen, auf das Summen der Klimaanlage und seinen eigenen Herzschlag gelauscht, und die Einsamkeit und die Erinnerungen hatten ihn überwältigt. Da hatte er schließlich zum Telefon gegriffen.

Aber sie würde diesmal nicht nachgeben und hinfahren, um seine Hand zu halten und ihm zu sagen, es täte ihr leid, dass es nicht funktioniert hatte, und dass alles schon wieder werden würde.

„Wie wäre es, wenn du dich anziehst und herkommst?“, fragte er leise. „Wir trinken auf die alten Zeiten, und du kannst mir helfen, den Rest der Fotos wegzuwerfen.“

„Es ist halb fünf Uhr morgens, Connor.“ Sie biss die Zähne zusammen. Zur Hölle, und sie würde nicht hinfahren. „Du klingst, als hättest du die halbe Nacht getrunken. Schraub die Flasche Bourbon zu, die neben dir steht, wirf das Foto von Judith, das du in der Hand hältst, ins Feuer, und geh ins Bett. Wir reden später im Büro.“

„Verdammt!“ Sein heiseres Lachen hüllte sie ein wie ein Netz aus Seide. „Du machst mir manchmal richtig Angst, Lady. Aber du hast nur halb recht. Es ist zwölf Jahre alter Scotch, kein Bourbon.“

Unwillkürlich lächelte sie. „Nun, ich bin froh, dass du diesmal ein bisschen Klasse beweist, Devlin. Als Liza sich von dir hat scheiden lassen, hast du dich mit billigem Wein betrunken, musstest dich fünf- oder sechsmal übergeben und hattest drei Tage lang einen Kater.“

„Man lernt eben dazu, wenn man Dinge oft genug tut“, meinte er. „Verheiratet zu bleiben, das schaffe ich offenbar nicht, aber den Scheidungsteil beherrsche ich schon ziemlich gut.“

„Oh, Connor …“ Sie kämpfte mit sich. Sie durfte nicht mehr jedes Mal zu ihm eilen, wenn er anrief, sie musste aufhören …

„Andie?“, flüsterte er. „Andie, verdammt, ich brauche dich.“

„Ich muss in vier Stunden bei der Arbeit sein …“

Er lachte. „Komm schon, Andie, sei nicht so. Was wird dein Boss schon tun? Dich feuern?“

„Soviel Glück müsste ich mal haben“, erwiderte sie in mörderischem Ton.

Wieder lachte er. „Sei ein bisschen locker. Ich gebe dir heute frei.“

„Und wer wird den Bericht fertigmachen, den du für das Treffen mit Desmond Beck brauchst?“

Connor stöhnte. „Sag das Treffen ab. Zur Hölle, ich nehme mir auch frei, und wir unternehmen etwas. Du warst seit über einem Jahr nicht mehr mit mir segeln.“

„Bleib ernst, Devlin. Die Chance, einen Konkurrenten wie Becktron aufzukaufen, bekommt man nur einmal im Leben. Die Firma ist Millionen wert für jemanden, der genügend Verstand und Mut hat, sie vor dem Bankrott zu retten und wieder auf die Beine zu bringen. Lässt nicht schon der Gedanke daran dein Unternehmerherz höher schlagen?“

„Okay, kein freier Tag heute.“ Er seufzte müde. „Also bring dein Zeug mit her, und wir fahren dann zusammen zur Arbeit. Zur Hölle, Andie, du wirst sowieso nicht mehr viel schlafen.“

Sie starrte zur Decke. Nie wieder, hatte sie sich geschworen. Sie war dabei, sich zu ändern. Die neue, verbesserte Andrea Spencer war immun gegen Süßholz raspelnde Männer mit graugrünen Augen und charmantem Lächeln.

„Ist dir je in den Sinn gekommen, dass ich vielleicht nicht allein sein könnte? Dass ich um halb fünf Uhr früh bessere Dinge zu tun haben könnte, als dir zu helfen, auf deine Ex-Frauen zu trinken? Ich bin eine normale, alleinstehende Frau von neunundzwanzig Jahren, Connor. Mein Leben besteht nicht nur aus Devlin Electronics.“

„Wir haben einander versprochen, immer für den anderen dazusein, erinnerst du dich? Du wirst deinen besten Freund und Blutsbruder doch nicht im Stich lassen, wenn er dich braucht.“

Unwillkürlich strich sie über die Narbe an ihrem linken Daumen. Sie war auch nach zwanzig Jahren noch zu spüren.

Dann wurde ihr klar, was sie da tat – was er tat –, und sie schlug mit der flachen Hand aufs Bett. „Verdammt, Connor Devlin, das ist nicht fair! Ich war immer da, wenn du mich gebraucht hast. Du musstest bloß anrufen und …“

Erwischt.

Er brauchte nichts mehr zu sagen.

Und er war auch klug genug, es zu lassen.

Sie knirschte innerlich mit den Zähnen. Wem wollte sie überhaupt etwas vormachen? Sie hatte ihm nie widerstehen können. Nicht ein einziges Mal in zweiundzwanzig Jahren.

„Eine Stunde“, murmelte sie. „Und schraub die verdammte Scotchflasche zu. Falls du betrunken und rührselig bist, wenn ich komme, dann drehe ich gleich wieder um.“

„Wann hast du mich je rührselig erlebt, Darling?“

„Vor sieben Jahren, als du das zum ersten Mal durchgemacht hast. Und koch Kaffee.“

„Entkoffeinierten?“

„Nein, hochgradig wirksamen.“ Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Du schuldest mir was dafür, Devlin.“

„Sag mir, was du willst, und es gehört dir.“ Er lachte. „Ich liebe dich, Lady.“

Das schlimmste war, dass er das in diesem Moment wahrscheinlich sogar so meinte.

Andie zog alte Jeans und einen Pullover an, stopfte Make-up und Haarbürste in die Handtasche, nahm etwas Passendes für die Arbeit mit und griff auf dem Weg zur Tür nach ihrer Aktentasche.

„Ich muss den Verstand verloren haben“, murmelte sie vor sich hin.

Während sie ihren kleinen roten Mercedes aufschloss, gähnte sie und zitterte vor Kälte. Dann stieg sie ein, startete und schüttelte angewidert den Kopf.

Eigentlich hätte sie sich inzwischen unter Kontrolle haben müssen. Schließlich war sie kein Kind mehr. Es war eine Sache, sich im Alter von zehn Jahren in den süßen Nachbarsjungen zu verlieben, und ganz eine andere, drei Wochen vor dem dreißigsten Geburtstag immer noch in ihn verliebt zu sein, ohne dass er eine Ahnung davon hatte.

Jämmerlich war das.

Sie brauchte nur eine halbe Stunde. Um diese Zeit waren der Freeway und die schmalen Straßen, die zu dem großen Haus am Meer führten, leer.

Jedes Mal wenn sie diesen Weg fuhr, stieg ein seltsames Gefühl in ihr hoch. Zum ersten Mal war sie vor fast elf Jahren hergekommen, und die Erinnerung machte ihr immer noch zu schaffen.

Connor war ein einundzwanzigjähriger Collegestudent gewesen, als sie weggegangen war, brillant, beliebt und voller Träume. Er und sein bester Freund Bill Soames hatten davon geredet, das Studium aufzugeben und ihre eigene Computerfirma zu gründen, und nicht lange, nachdem sie abgereist war, hatten sie es auch getan. Elf Monate später war aus der Zweimannfirma der am schnellsten wachsende Softwarebetrieb an der Westküste geworden. Die beiden jungen Besitzer hatten mehr Erfolg und Geld, als sie es sich je erträumt hatten.

Sie lächelte, als sie nun in die Einfahrt einbog. Doch es war kein fröhliches Lächeln. Connor hatte die Beleuchtung am Eingang für sie eingeschaltet. Vor elf Jahren hatte kein Licht sie willkommen geheißen.

Es war schon fast Mitternacht gewesen. Sie war von New York nach Seattle zurückgekommen, weil sie es nicht länger ausgehalten hatte wegzubleiben. Endlich hatte sie beschlossen, die Initiative zu ergreifen und dafür zu sorgen, dass Connor sich in sie verliebte. Sie hatte ihre Verführung bis ins Detail geplant.

Da sie ihn überraschen wollte, hatte sie weder angerufen noch geschrieben. Sie hatte den Ausdruck in seinem Gesicht sehen wollen, wenn er die Tür öffnete und sie mit der Champagnerflasche in der einen und dem Koffer in der anderen Hand vor ihm stand.

Nun, sie hatte ihn tatsächlich überrascht. Er hatte sie lange angestarrt, dann hatte er das Gesicht verzogen und gefragt, was, zur Hölle, sie um Mitternacht hier täte. Nachdem er sich erholt hatte, hatte er sie lachend umarmt und hereingebeten.

Kaum hatte er ihren Mantel über einen Stuhl geworfen, da hatte eine gereizte weibliche Stimme aus der Tiefe des Hauses nach ihm gerufen. Und bevor sie nach einem Moment völliger Verblüffung mit einem Rest von Stolz hatte gehen können, war eine große, schlanke Blondine im Wohnzimmer erschienen, zerzaust und schläfrig.

Sie hatte bloß einen Satinmorgenmantel getragen und sie verärgert angesehen. Dann hatte Connor, wie ein Narr grinsend, den Arm um diese Frau gelegt, sie geküsst und sie ihr, ohne jede Ironie, als Liza, seine Ehefrau vorgestellt.

Noch heute, mehr als zehn Jahre später, wurde sie rot, wenn sie daran dachte. Sie hatte irgendwas gemurmelt, sich Mantel und Koffer geschnappt und war blind vor Tränen geflüchtetet. Connor war ihr gefolgt, hatte sie gefragt, was denn los sei, warum sie nicht wenigstens lange genug bliebe, um ihm zu erklären, was sie wieder in Seattle täte. Dann hatte Liza ihn erneut gerufen, und sie war in die Nacht gerannt und hatte sich später im Gästezimmer ihrer Eltern die Augen ausgeweint. Ihr Herz war gebrochen.

Wenn sie Geld gehabt hätte, wäre sie mit dem nächsten Flug nach New York zurückgekehrt. Aber sie hatte nicht nur kaum Geld, sondern auch zu viel Stolz. Am Ende war sie trotzig in Seattle geblieben, hatte das College beendet, einen guten Job gefunden, ein nettes Apartment und sogar ein oder zwei Freunde. Zur Hölle mit Connor Devlin und seiner Frau.

Das war elf Jahre und zwei Mrs Devlins her, und sie, Andie, war immer noch da. Oberflächlich betrachtet hatte sich alles gut entwickelt. Sie hatte eine Stellung, die sie liebte, ein schönes Apartment voller Antiquitäten und Kunstwerke, eine Menge großartiger Freunde, sogar einen Mann, der sie heiraten wollte. Alles – außer dem einen, das sie sich am meisten wünschte.

Connor Devlin.

Er hatte die Tür für sie unverschlossen gelassen, und sie trat in das dunkle Foyer. Dort blieb sie einen Moment stehen. Nein, es war kein fremdes Parfüm zu riechen und nirgendwo weibliches Lachen zu hören.

Sie lächelte über ihr albernes Benehmen und betrat selbstbewusst den Flur, der zum Wohnzimmer führte. Dabei wich sie instinktiv dem antiken Tisch links von ihr aus und dem Ständer mit der Mingvase rechts. Die Räume waren wie ein zweites Zuhause für sie. Alles war ihr vertraut, war ein Teil von ihr, weil es ein Teil von Connor war. Sie atmete tief ein, genoss den männlichen Duft von Holz und Leder und dem Rasierwasser, das Connor immer benutzte.

Das riesige Wohnzimmer lag im Schatten. Das einzige Licht kam von dem glimmenden Feuer im Kamin. Connor saß in dem massiven Sessel, den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen. Eine offene Flasche Scotch stand neben ihm, zu ungefähr einem Viertel geleert, und auf dem Boden waren Papiere ausgebreitet, von der schweren Qualität, die Anwälte gern benutzen, wenn sie einem schlechte Nachrichten mitteilen.

Erneut blieb sie einen Moment lang stehen und sah Connor an. Sie spürte förmlich seinen Schmerz. Dann hängte sie ihre Jacke über den nächsten Stuhl, ging zu Connor und massierte ihm die Schläfen.

Er behielt die Augen geschlossen und seufzte vor Wohlbehagen. „Mein barmherziger Engel. Ich wusste nicht, ob du kommen würdest oder nicht.“

„Du wusstest verdammt gut, dass ich komme. Das tue ich doch immer.“

„Das ist wahr.“ Er griff nach ihrer Hand und drückte einen Kuss darauf. „Was würde ich nur ohne dich tun, Darling? Die halbe Zeit bist du das einzige in meinem Leben, was Sinn ergibt. Und der einzige Mensch, auf den ich mich verlassen kann.“

„Ich bin deine beste Freundin, erinnerst du dich?“ Sie setzte sich hin, ihre Finger waren immer noch mit seinen verschlungen. Er wirkte müde und abgespannt, und ein halbherziges Lächeln war alles, was er zustande brachte. „Du siehst höllisch aus, Devlin. Hast du zu dem ganzen Scotch auch was gegessen?“

Connor blickte Andie an. Wie immer gefiel ihm, was er sah. Sogar um halb sechs Uhr morgens, in Jeans und Pullover, ohne jedes Make-up, war sie perfekt. Ihre Haut schimmerte, und ihre rotbraune, schulterlange Mähne glänzte. Das war Andie, immer ruhig und selbstbeherrscht. Niemals nahm sie sich etwas zu sehr zu Herzen.

Er drückte ihre Finger, dann ließ er ihre Hand los und beugte sich vor. Seine Augen brannten, und seine Zunge fühlte sich geschwollen an. „Ich habe heute Nachmittag ein Sandwich gegessen … Oder war das gestern?“

„Aha, die Diät aus Alkohol und Selbstmitleid. Vielleicht finde ich irgendeine ‚Sie hat mein Herz gebrochen-Musik‘ in einem Countrysender, und du singst mit.“

„Es ist herrlich, wenn du so mitfühlend bist“, murmelte er.

„Nun, ich bin hier, oder?“ Sie gab ihm einen Klaps aufs Knie. „Wie viele Leute kennst du, die um halb fünf Uhr früh aus ihrem warmen Bett steigen, zu dir kommen und zuhören, wie du jammerst und stöhnst?“

„Ich jammere und stöhne nicht“, knurrte er. „Ich feiere. Jeder hat das Recht, ein bisschen zu feiern, wenn seine Scheidung rechtskräftig wird. Ich bin wieder ein freier Mann. Wenn das kein Grund zu jubeln ist, kenne ich keinen.“ Nur dass ihm gar nicht nach Jubeln zumute war. Am liebsten hätte er sich irgendwo verkrochen und drei Monate geschlafen.

„Oh, Connor“, flüsterte Andie.

Er spürte ihre Fingerspitzen auf seiner Wange, seinen Schläfen. Dann schlang sie die Arme um ihn und hielt ihn ganz fest, und er vergrub das Gesicht an ihrer Schulter und atmete ihren warmen, weiblichen Duft ein, als wäre er ein Heilmittel.

„Connor, es tut mir leid, dass es nicht funktioniert hat, ehrlich. Ich weiß, du hast wirklich gehofft, es würde diesmal klappen und alles wäre perfekt.“

Er lächelte wehmütig. „Ich werde es überleben, Darling, und ich fühle mich wie ein Narr, weil ich dich hergerufen habe. Als ich heute Morgen die verdammten Papiere gelesen habe, dachte ich, hey, es ist vorbei. Das ist doch das, was sie und ich gewollt haben. Aber dann …“ Er zuckte mit den Schultern und küsste Andie auf den Hals. „Zur Hölle, ich bin irgendwie zusammengebrochen. Frag mich nicht, warum. Es ist ja nicht so, als würde ich sie lieben.“

„Du hast es einmal getan.“ Andie ließ ihn los und rückte ein wenig von ihm weg.

„Ja?“ Connor hörte selbst, wie bitter das klang.

„Du musst immerhin geglaubt haben, dass du es tust. Das ist das gleiche.“

„Ich habe hier stundenlang gesessen und überlegt, was, zur Hölle, ich damals empfunden habe. Etwas muss es ja gewesen sein. Ein Mann heiratet eine Frau doch nicht, ohne etwas zu fühlen, richtig?“ Er sah Andie ernst an. „Aber das ist jetzt das zweite Mal. Mit einer Scheidung kann ich leben, und als ich Liza heiratete, war ich noch jung genug zu glauben, dass toller Sex genügt, um zusammenzubleiben.“

Er lächelte schief. „Aber als ich Judith heiratete, dachte ich, es wäre für immer. Ich hatte den Eindruck, zu wissen, was ich tat. Und dann hat es sich einfach in Luft aufgelöst. Eines Morgens bin ich aufgewacht, habe sie neben mir liegen sehen und mir gewünscht, ich wäre ihr nie begegnet.“

„Aber der Sex war toll.“

Connor musste grinsen. „Oh, ja, fantastisch. Bis zum Ende.“

Andie hielt seinem Blick noch eine Sekunde stand, dann sah sie schnell weg und wurde ein bisschen rot. „Ich werde jetzt Frühstück machen. Du hast den Kaffee doch hoffentlich schon gekocht, oder?“

Er nickte abwesend, und während er Andie dabei beobachtete, wie sie die Papiere aufsammelte, erinnerte er sich plötzlich lebhaft, wie es mit ihr gewesen war.

Ein Wochenende im Himmel … so hatte er immer daran gedacht. Drei Tage lang waren sie sich so nah gewesen, wie er es niemals zuvor oder später erlebt hatte. Eigentlich hatten sie zu viert zum Skifahren auf dem Mount Baker fahren wollen, Andie und ihr Freund, er und Sharon Newcombe.

Doch zwei Tage vor der Reise hatten Andie und ihr Freund sich getrennt. Er fand, es gäbe keinen Grund, warum sie nicht trotzdem fahren sollte. Schließlich war die Hütte, die sie gemietet hatten, ziemlich groß. Da war Sharon explodiert und erbost hinausgestürmt.

Also waren Andie und er allein gefahren, beide mit Liebeskummer. Keiner von ihnen hatte geahnt, was sich daraus entwickeln würde. Und dann waren sie mehr oder weniger in Flammen aufgegangen. Noch zwölf Jahre später wurde ihm ganz heiß bei der Erinnerung daran …

Es war ein Wochenende voller Magie gewesen. Aber danach war der Zauber irgendwie im Alltag verschwunden. Sharon war wieder aufgetaucht und hatte sich entschuldigt, woraufhin Andie wutentbrannt hinausgestürmt war. Sie hatte dann einen Sommerjob bei der Investmentfirma ihres Bruders in San Francisco angenommen.

Er hatte vorgehabt, ihr zu folgen und über alles zu reden. Aber sein Collegefreund Bill Soames und er hatten angefangen, mit einer neuen Idee für einen Computer herumzuspielen, und ziemlich schnell war der Sommer vorüber gewesen. Die Situation zwischen Andie und ihm war immer angespannter geworden, und dann war sie plötzlich nach New York gezogen, und sie hatten sich fast ein Jahr nicht mehr gesehen.

Das Holz im Kamin knisterte, und er schüttelte die Erinnerungen ungeduldig ab.

Andie hatte die Scheidungspapiere auf den Kaminsims gelegt, und er betrachtete sie leidenschaftslos. Seltsam, dass es nun vorbei war. Drei Jahre großartiger Sex, etwas Spaß … und nun eine Handvoll Papiere, und er war wieder ein Single.

Aus irgendeinem Grund brachte ihn das zum Lachen, obwohl es wirklich nicht komisch war. Er stand auf und streckte sich. Er konnte Andie in der Küche hören, und plötzlich hatte er großen Hunger, schraubte die Scotchflasche zu, nahm sein halb leeres Glas und ging zu ihr.

Andie räumte gerade Geschirr aus der Spülmaschine und stapelte es auf den Tresen. Er genoss den Anblick ihres runden Pos in den ausgeblichenen Jeans. Davon sah er mittlerweile viel zu wenig. Es war zwar in vielerlei Hinsicht klug von ihm gewesen, Andie einzustellen, aber es bedeutete auch, dass sie die meiste Zeit, die sie mit ihm verbrachte, Geschäftskleidung trug.

Das ist eigentlich verdammt schade, schoss es ihm durch den Kopf.

Er stellte das Glas weg, schlang beide Arme um sie und liebkoste ihren Hals. „Weißt du, was ich gerade denke?“

„Ich habe Angst zu fragen.“

„Warum nehmen wir uns nicht doch frei? Das Becktron-Geschäft kann ein oder zwei Tage warten. Desmond Beck wird dadurch vielleicht sogar zugänglicher.“ Ihre Haut schmeckte ein bisschen salzig, und er strich mit der Zungenspitze durch ihr Ohr. Sie zuckte leicht zusammen. Warum hatte er das nie zuvor getan? Es war ja nicht so, als wäre es ihm nie in den Sinn gekommen. Aber es schien einfach nicht richtig zu sein, sich seiner besten Freundin sexuell zu nähern.

„Connor …“ Sie klang etwas erschrocken.

„Ich habe noch eine Idee“, murmelte er, schob eine Hand unter ihren Pullover und streichelte die nackte Haut.

„Connor …“ Andie erstarrte, als sie seine Hand auf ihrem Bauch spürte. Sie konnte nicht ganz glauben, was er da tat.

„Wir könnten für ein oder zwei Stunden ins Bett gehen“, flüsterte er ihr zu und glitt mit den Fingern unter den Bund ihrer Jeans, während er sich mit der anderen Hand zu ihren Brüste unter der Seide und Spitze ihres BHs vortastete. Sie waren warm und voll, und er dachte daran, wie empfindlich sie vor zwölf Jahren gewesen waren und wie sie leise gestöhnt hatte, als er …

„Connor!“ Sie ließ sich atemlos gegen ihn sinken.

„Du fühlst dich so gut an.“ Hingerissen nahm er ihre unglaublich weichen Brüste in die Hände. „Ich hatte vergessen, wie gut.“ Er liebkoste ihre Kehle, legte die Finger auf ihren Bauch und presste sie an sich. Mit jeder Sekunde wurde er erregter.

„Erinnerst du dich, wie es an diesem Wochenende auf dem Mount Baker war?“ Sie hielt den Atem an und lächelte, während er mit den Fingerspitzen ihren BH berührte. Wunderbar, sie trug immer noch die, die vorne geschlossen waren. „Wir könnten wieder diese Magie haben, Andie. Wir könnten …“

„Connor, was tust du da?“, flüsterte sie benommen.

„Was glaubst du denn? Es ist zwar eine Weile her, aber ich glaube, man nennt es Vorspiel …“

Damals, als sie sich zum ersten Mal liebten, waren sie so wild und hungrig gewesen, dass sie es kaum hatten erwarten können.

Selbst jetzt, zwölf Jahre später, wusste er noch genau, wie er in sie eingedrungen war, hatte er noch immer ihr leises kehliges Seufzen im Ohr. Sie war dahingeschmolzen und hatte ihn geliebt, als er sich tief in ihrer Wärme verlor.

Aufstöhnend schmiegte er sich nun an sie. Der Verschluss ihres BHs gab leicht nach. Er streichelte ihre Brüste, die Spitzen waren bereits hart, und sie erschauerte, als er sanft darüberstrich.

Sie griff nach seinem Handgelenk und hielt es fest. Damals hatte sie vor Vergnügen aufgeschrien, als er ihre Brustspitzen in den Mund genommen, daran gesaugt und sie mit der Zunge liebkost hatte.

Er erinnerte sich auch noch genau, wie er sie zum ersten Mal ganz intim berührt hatte, den sensibelsten Punkt gesucht und gefunden hatte. Verlegen und ein bisschen unsicher hatte sie die Beine zusammengepresst, bis sie sich schließlich entspannt und ihm erlaubt hatte, mit dem Finger in sie hineinzugleiten. In der nächsten Sekunde hatte sie sich brennend vor Begierde seiner Hand entgegengebogen, und ihre Augen waren vor Staunen und Verzückung ganz groß gewesen.

Etwas in ihm zog sich zusammen, und er presste sich fest an ihren runden Po, öffnete rasch ihre Jeans und schlüpfte mit den Fingern unter das Gummi ihres Slips. „Andie, ich will dich“, stöhnte er und rieb sich an ihr.

„Connor!“, hauchte sie. „Bitte!“

Er drehte sie in seinen Armen um und drückte sie mit dem Rücken gegen die Geschirrspülmaschine, schob verlangend ein Bein zwischen ihre Schenkel und ließ die Finger in ihr Haar gleiten. Wie magisch angezogen, beugte er sich über ihren Mund, drang tief mit der Zunge ein, und es war, als hätte er nie aufgehört, sich nach ihr zu sehnen. Sie erwiderte seinen Kuss, hielt sich an seinen Schultern fest und hob sich ihm entgegen.

Und dann, ganz plötzlich, löste sie sich von ihm, drehte den Kopf weg, dass er sie nicht mehr küssen konnte, und stieß ihn von sich. „Connor, was, zur Hölle, glaubst du, was du da tust?“

„Dich küssen“, murmelte er und versuchte es erneut. „Verdammt, Andie, wende dich nicht ab und …“

„Hör auf!“

Sie war stärker, als er vermutet hätte, und sie schubste ihn rau zurück. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen blitzten. „Lass mich zufrieden!“

„Andie … verdammt …“ Fluchend trat er einen Schritt zurück. Er war so erregt, dass es wehtat. „Was ist los?“

„Ich bin nicht einfach ein Körper, den du benutzen kannst, wenn dir gerade danach ist, Mister! Wenn du dir deine Männlichkeit beweisen oder deine Sorgen verdrängen oder deine neue Freiheit feiern willst, oder was auch immer, fein … aber nicht mit mir!“

„Was?“ Er starrte sie verwirrt an. „Schatz, das ist nicht …“

„Nein!“, zischte sie wütend, schloss ihre Jeans und hakte ihren BH zu. „Hast du mich deshalb heute hergerufen? Weil du dir selbst leidgetan hast und dir gedacht hast, alles, was du brauchst, um über die Scheidung wegzukommen, wäre …“

„Sprich das nicht aus. Schau, ich …“ Zähneknirschend schloss er die Augen. „Es tut mir leid“, murmelte er. „Verdammt, Andie, ich weiß nicht, was …“ Er schüttelte den Kopf.

Zur Hölle, er wusste es wirklich nicht. Sicher, hin und wieder hatte er daran gedacht, wie es wäre, wieder mit ihr zu schlafen, aber das war mehr Neugier gewesen als Begierde. Sie war schließlich Andie! Und ein Mann machte seiner besten Freundin keinen unanständigen Antrag.

„Mir tut es auch leid“, sagte sie. „Es war … Lass es uns einfach vergessen, okay? Es ist sechs Uhr morgens, ich bin müde, du bist ein bisschen betrunken.“

Sie strich mit kreisenden Bewegungen über seinen Rücken. „Du bist mein bester Freund, Devlin. Das heißt aber nicht, dass ich dich nicht k. o. schlage, wenn du so etwas noch mal versuchst. Aber lass uns auch keine große Sache daraus machen.“ Sie küsste ihn leicht auf die Wange. Dabei streifte ihre Brust für einen Moment seinen Arm. „Geh jetzt duschen … kalt. Ich kümmere mich ums Frühstück.“

Er musste trotz allem grinsen und griff nach ihrer Hand, als sie wegtreten wollte. „Warum kommst du nicht mit? Teufel, es ist zwölf Jahre her, seit wir zuletzt zusammen geduscht haben. Es gibt schlimmere Arten, den Tag zu beginnen.“

„Du treibst es zu weit, Devlin.“ Sie legte die Finger auf seine Brust und hielt ihn von sich fern.

Womit habe ich so eine Frau verdient? fragte er sich. Sie war das Beste, was ihm je passiert war. „Wenn ich Verstand hätte, dann hätte ich vor elf Jahren dich geheiratet statt Liza“, sagte er halb ernst, halb lachend.

Ein seltsamer Ausdruck erschien in ihrem Gesicht. Im nächsten Moment lächelte sie. „Damit hättest du eine perfekte Freundschaft ruiniert. Das hätten wir fast schon getan, als wir an diesem Wochenende miteinander geschlafen haben. Erinnerst du dich?“

„Oh, ja.“

„Dann weißt du ja auch noch, dass uns unsere Freundschaft wichtiger war als Sex. Wir waren uns einig …“

„Es war toller Sex!“

„In Ordnung, toller Sex. Trotzdem waren wir uns einig, dass gute Freunde schwieriger zu finden sind als Sexpartner. Sogar als gute Sexpartner.“

„Großartige.“

„Großartig?“ Sie wirkte freudig überrascht. „Du findest wirklich, dass ich …“ Viel zu schnell riss sie sich wieder zusammen und wich seinem Blick aus. „Geh jetzt duschen, Devlin.“

„Ja, Ma’am.“ Er grinste und ging zur Küchentür. „Und ja, du warst tatsächlich großartig. Sobald wir die jungfräulichen Hemmungen hinter uns hatten, warst du …“

„Vergiss es“, unterbrach sie ihn rasch und war plötzlich sehr damit beschäftigt, im Kühlschrank zu kramen. „Eier … Brot … Wie wäre es mit französischem Toast zum Frühstück?“

„Ich bin zu allem bereit.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Du kannst jederzeit darauf zurückkommen.“

„Das hättest du wohl gern.“

Manchmal wünsche ich mir das wirklich, Darling, dachte Connor wehmütig.

Aber das konnte er natürlich nicht laut sagen. Nicht zu seiner besten Freundin.

2. KAPITEL

All ihre Instinkte rieten Andie, wegzulaufen und sich zu verstecken, in ihrem Apartment die Decke über den Kopf zu ziehen und vor Scham zu sterben.

Eine Berührung, mehr war nicht nötig gewesen, und schon war sie in Connors Armen dahingeschmolzen. Woher sie die Kraft aufgebracht hatte, ihn wegzustoßen, wusste sie nicht. Sie hatte es nämlich nicht gewollt. Sie hatte sich gewünscht, dass er sie auszog und liebte, als würde sein Leben davon abhängen.

Entschieden schob sie sich das Haar aus der Stirn, atmete tief ein und schloss für einen Moment die Augen. Okay, sie konnte damit fertig werden.

Das Geheimnis bestand darin, einen kühlen Kopf zu bewahren und so zu tun, als hätte es nichts bedeutet. Gar nichts.

Connor war zwar nicht betrunken, aber er hatte mehr als sonst getrunken. Er war verletzt, aus dem Gleichgewicht, und das war fremd für einen Mann, der sonst so stolz auf seine Abgeklärtheit war. Sie war da gewesen, warm und weiblich und beruhigend vertraut. Seine beste Freundin, sein Kumpel, der eine Mensch, der ihn besser kannte als jeder andere. Was lag näher, als nach ihr zu greifen, um seine Welt durch ein tröstendes Liebesspiel wieder einzurenken?

Vermutlich würde er sich in ein oder zwei Tagen gar nicht mehr daran erinnern.

Es war kein Schaden entstanden.

Solange ich den Vorfall im richtigen Licht sehe, ermahnte sie sich grimmig. Solange sie sich nicht vormachte, Connor habe plötzlich erkannt, dass sie die einzig mögliche Frau für ihn war, nachdem er bisher blind dafür gewesen war.

Jetzt hatte sie das Gefühl, sich wieder unter Kontrolle zu haben. Sie tat ein bisschen Vanille und Zucker an die Eier und die Milch und schlug das Ganze mit dem Schneebesen. Mit fast dreißig Jahren war sie zu alt, um an Wunder zu glauben. Es wurde Zeit, dass sie sich ein für alle Mal von Connor befreite. Schließlich wollte sie keine dieser albernen Frauen werden, die warteten und warteten … und dann eines Tages merkten, dass ihr ganzes Leben vorbei war und ihre Träume zu Asche geworden waren.

Der französische Toast war goldbraun, als die Dusche abgestellt wurde. Gutes Timing, lobte sie sich. Zwei Minuten später erschien Connor dann in der Küche, frisch rasiert und barfuß. Er trug alte abgeschnittene Jeans und sonst nichts. Sie stellte fest, dass er immer noch fit und schlank war, die Schultern waren kräftig, der Bauch war flach und hart. Und ihr Herz machte immer noch diesen dummen kleinen Hüpfer, wenn er lächelte.

Sie ignorierte das. „Du siehst fast wieder wie ein Mensch aus. Fühlst du dich besser?“

„Ich fühle mich wie ein Narr.“ Er gab ihr einen keuschen Kuss auf die Wange. „Tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es war nicht so gemeint.“

Das ist mir nur zu klar, dachte sie und schluckte. „Vergiss es, Devlin. Männer tun dauernd dumme Dinge. Das macht sie ja so liebenswert.“ Sie legte drei dicke Scheiben französischen Toast auf seinen Teller. „Iss das. Du siehst immer noch ein bisschen mitgenommen aus.“

„Bin ich auch.“ Er strich sich durch die nassen Haare. „Ich kann es gar nicht glauben, dass ich die Unverschämtheit hatte, dich aus dem Bett zu holen, bloß weil ich mir leidgetan habe.“

Sie setzte sich ihm gegenüber. „Da du die meiste Zeit ein intelligenter, tüchtiger Geschäftsmann bist, der sein Leben im Griff hat, kannst du dir gelegentlich mal eine Dummheit erlauben. Mach bloß keine Gewohnheit daraus.“

Er zuckte leicht zusammen. „Verstanden. Sind wir noch Freunde?“

„Für immer.“

Connor nickte und aß nachdenklich seinen Toast. Unter der Dusche hatte er an Andie gedacht … auf unanständige Weise, zugegeben, aber es war mehr als das gewesen. Er hatte sich ebenso ins Gedächtnis gerufen, dass sie immer für ihn da war. Manchmal erschien es ihm selbstverständlich, dass er bloß zu brüllen brauchte, und schon kam sie, ruhig und beherrscht.

„Du … du hattest doch nicht wirklich jemanden bei dir, als ich angerufen habe, oder?“

Sie starrte ihn an. „Was für eine Frage!“

„Du würdest es mir doch sagen, wenn es dir mit jemandem ernst wäre?“

„Seltsam“, sie legte den Kopf schief, „ich könnte schwören, da spricht meine Mutter.“

„In Ordnung“, knurrte er. „Ich weiß, dass es mich nichts angeht, aber …“

„Es ist meine Mutter! Und ich dachte, sie wäre diese Woche in Portland!“

„Ich meine es ernst, Andie. Wir hatten nie Geheimnisse voreinander. Ich weiß, dass du und dieser französische Bankier, André oder Albert oder so, euch in letzter Zeit oft gesehen habt.“

Sie lehnte sich zurück, seufzte übertrieben und verschränkte die Arme. „Du meinst sicher Alain DeRocher, den Frankokanadier, den du mir letztes Jahr vorgestellt hast. Ja, wir haben uns häufig getroffen, so oft wie möglich, wenn man bedenkt, dass wir auf entgegengesetzten Seiten des Kontinents leben. Und nein, er war heute Nacht nicht bei mir. Auch sonst niemand. Bist du nun zufrieden?“

Das war er nur halb. „Also seid ihr beide …“

„Connor!“ Andie fing an zu lachen. „Es geht dich nichts an. Aber um weitere Fragen abzuwehren, wir sind es nicht … noch nicht“, fügte sie boshaft hinzu.

Connor kniff die Augen zusammen. „Das heißt, er denkt daran.“

„Natürlich tut er das. Er ist französischer Abstammung.“

„Und du?“

„Das geht dich nun wirklich nichts an.“

„Also denkst du auch daran.“

„Connor, was soll das? Aber okay, ich wette, er würde mir zumindest Blumen und Wein mitbringen, bevor er versucht, mir die Jeans auszuziehen.“

„Ich habe gesagt, dass es mir leidtut, verdammt.“

„Hmm.“ Sie sah ihn einen Moment lang mit einem seltsamen Ausdruck an. „Was ich sagen will, ist, dass ich einfach nicht weiß, was ich für ihn empfinde. Er ist bestimmt alles, was eine Frau sich wünschen kann …“

Ihr Gesichtsausdruck gefiel Connor gar nicht. Auch nicht die Vorstellung, dass DeRocher versuchen könnte, sie auszuziehen, mit oder ohne Blumen. „Er ist zu alt für dich.“

Sie hob eine Augenbraue. „Wie bitte?“

„Er muss doch mindestens fünfzig sein.“

„Er ist einundvierzig.“

„Sag ich ja, viel zu alt für dich.“

„Ich mag ältere Männer.“ Ihre Augen funkelten gefährlich.

„Er ist wahrscheinlich verheiratet.“

„Das war er nie.“

„Nie?“, rief er. „Findest du das nicht seltsam? Sagt dir das nichts über ihn?“

„Es sagt mir“, antwortete Andie in zuckersüßem Ton, „dass er wesentlich klüger ist als gewisse Männer, die ich jetzt erwähnen könnte.“

„Mir kommt es so vor, als hätte er ein Problem, was Spaß und Spiel angeht.“

„Vertrau mir, er hat in dieser Hinsicht überhaupt kein Problem.“

„Ich will gar nicht wissen, wie du das herausgefunden hast, wenn du nicht …“

„Hast du mir nicht letzte Woche erklärt, du müsstest mit einem Boot nicht erst in See stechen, um zu wissen, ob es in schlechtem Wetter gut reagiert oder nicht? Man erkennt es instinktiv, hast du gesagt.“

„Ich habe auch von Erfahrung gesprochen. Und ich denke, ich habe ein bisschen mehr Erfahrung mit Segelbooten als du mit …“

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie dünn das Eis ist, auf dem du dich bewegst?“

Connor grinste. „Hey, wenn du den Kerl magst, fein. Tu, was du willst. Aber fang nichts Ernstes mit ihm an, denn …“

„Er hat mich gebeten, ihn zu heiraten.“

Sie sagte es ruhig, ohne zu lachen oder auch nur zu lächeln, um es abzumildern. Er erstickte fast an seinem Toast. „Was will er?“, brüllte er. „Dich heiraten? Das kommt überhaupt nicht infrage!“

„Und warum nicht?“

„Weil …“ Verdammt, das wusste er auch nicht so genau, aber er würde niemals zulassen, dass seine Andie irgendeinen nichtsnutzigen frankokanadischen Bankier heiratete. „Erstens ist da mal dein Job“, erklärte er. „Der Typ lebt in Montreal. Du kannst doch nicht immer hin- und herfliegen.“

„Alain lebt in Quebec City. Sein Elternhaus ist dort, mit allen siebenundvierzig Räumen. Sein Hauptbüro ist in Montreal, aber da ist er nur ein paar Tage in der Woche.“

„Noch schlimmer. Quebec City ist ja noch weiter weg.“

„Ich würde natürlich meinen Job aufgeben.“

„Nur über meine Leiche.“

„Das ist leicht zu machen, Devlin.“

„Du bist meine beste Freundin. Du kannst nicht nach Kanada ziehen. Was sollte ich ohne dich anfangen?“

Erneut blitzte etwas in ihrem Gesicht auf, war aber wieder weg, bevor er es endlich deuten konnte. „Du wirst schon zurechtkommen, Connor. Das tust du immer.“

„Darum geht es nicht.“ Einem plötzlichen Impuls folgend, griff er nach ihr und ließ die Finger durch ihr seidiges Haar gleiten. „Du wirst ihn doch nicht wirklich heiraten, oder?“

„Ich weiß nicht, was dich das angeht, selbst wenn ich es täte.“ Sie klang ungeduldig und ein bisschen ärgerlich. „Ich habe mein eigenes Leben. Das scheinst du zu vergessen. Ich habe ein Recht, glücklich zu sein. Nicht meine ganze Existenz dreht sich um dich, Connor.“

Er beugte sich vor und blickte ihr wachsam in die Augen. „Soll das heißen, dass du nicht glücklich bist? Willst du damit sagen …“

„Ich sage gar nichts“, fauchte sie ihn an. „Es ist bloß so, dass du mich häufig gar nicht als Mensch siehst. Für dich bin ich nur die alte Andie. Ich kümmere mich um dein Büro, vereinbare deine Zahnarzttermine, engagiere und feuere deine Putzfrauen, hole deine gereinigten Sachen ab. Ich sorge dafür, dass du pünktlich zu Verabredungen kommst, dass dein Jet aufgetankt und startbereit ist, wenn du ihn brauchst, und dass deine ausgeliehenen Bücher rechtzeitig in die Bibliothek zurückkommen.“

Sie knallte ihre Gabel auf den Tisch. „Warum machst du dir überhaupt die Mühe zu heiraten. Ich tue doch alles, was auch eine Ehefrau tut, sogar ohne die Unannehmlichkeiten einer Scheidung.“

Himmel, was sollte er darauf antworten? Doch was immer es war, es musste etwas Gutes sein. Er hatte sie lange Zeit nicht so erlebt und fragte sich, was diesen Ausbruch ausgelöst hatte. „Schau, Andie“, begann er vorsichtig. „Ich weiß, ich bin manchmal …“

„Vergiss es.“ Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. „Mir ist klar, was du sagen willst, und du hast recht. Du bist manchmal ein egoistischer, arroganter Bastard. Aber hier geht es nicht um dich, sondern um mich. Ich …“

Sie brach plötzlich ab, zuckte mit den Schultern und lächelte schief. „Schau mich nicht so erschreckt an, Connor. Ich bin einfach müde und musste Dampf ablassen. Iss dein Frühstück auf, ich dusche jetzt. Und ich verspreche dir, dass ich wieder normal bin, wenn ich zurückkomme.“

„Andie?“ Rasch sprang er auf und hielt sie am Arm fest, als sie gehen wollte. „Darling, es tut mir leid. Ich hatte kein Recht, dich herzurufen, damit du meine Hand hältst. Und ganz gewiss hatte ich kein Recht, dir zu sagen, mit wem du dich verabreden darfst oder nicht, wen du heiraten oder mit wem du schlafen darfst. Wenn du es mit dem alten DeRocher tun willst, hast du meinen Segen.“

Den Bruchteil einer Sekunde lang war Andie ernsthaft in Versuchung, Connor eine kräftige Ohrfeige zu geben. Aber der Drang verschwand wieder, und sie hatte Mühe, nicht über diesen unmöglichen Kerl zu lachen. „Kein Wunder, dass die Frauen sich überschlagen, um dich zu kriegen, Connor Devlin. Du bist der romantischste Mann, den ich kenne.“

Sie drehte sich um und ließ ihn dort stehen mit seinem verblüfften Gesichtsausdruck. Aber sie hatte Angst, in Tränen auszubrechen, wenn sie noch einen Augenblick länger blieb.

Vier Stunden, drei Tassen Kaffee und ein oder zwei kritische Momente später hatte Andie immer noch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Sie erinnerte sich viel zu lebhaft, wie Connor sich kraftvoll und erregt an sie gepresst hatte.

Zwischendurch gelang es ihr, wie sonst auch, intensiv zu arbeiten, aber dann dachte sie daran, wie warm Connors Atem über ihre Kehle gestrichen war oder wie er ihre Brüste in seine rauen Hände genommen hatte. Daraufhin sprangen ihre Gedanken erneut in alle möglichen unpassenden Richtungen, und sie starrte auf irgendein Papier, ohne etwas wahrzunehmen.

„Wenn ich es nicht besser wüsste“, begann ihre Sekretärin schließlich mit einem viel zu scharfsinnigen Blick, „würde ich sagen, dass Sie die ganze Nacht mit einem tollen Kerl Champagner getrunken und bis Sonnenaufgang Liebesspiele gespielt haben.“

„Von Champagner kriege ich Schluckauf. Und Liebesspiele bis Sonnenaufgang kommen nicht infrage, wenn ich am nächsten Tag ein Kaufangebot ausarbeiten muss, bei dem es um Millionen geht. Übrigens, ist Ihre Tochter für die Ferien aus dem College zurück?“

Margie Bakerfield grinste. „Allerdings. Und ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. Eigentlich ist das beängstigend. Da gebe ich mehrere Tausend Dollar aus, um ein völlig normales Mädchen, das sich gut ausdrücken kann, auf das beste College in Kalifornien zu schicken, und sie kommt mit einem unverständlichen Wortschatz zurück, nahtlos gebräunt und mit einem Freund, dessen Hauptinteressen Essen und Surfen zu sein scheinen.“

„Sie ist jung und verliebt, Margie. Lassen Sie sie das genießen“, antwortete Andie. „Als ich achtzehn war, dachte ich, die Welt würde immer voller Magie bleiben. Jetzt bin ich fast dreißig, und Magie habe ich nur, wenn ich mir alte Filme anschaue.“

„Dieser Franzose, den Sie da haben, sieht aus, als könnte er ein bisschen zaubern. Er hat heute Morgen übrigens angerufen und möchte, dass Sie zurückrufen. Die Nummer ist hier irgendwo auf Ihrem Schreibtisch.“

Andie nickte abwesend und blätterte in einem dicken Computerausdruck. „Hat die Finanzabteilung schon die überarbeiteten Becktron-Schätzungen geschickt? Wir müssen wissen, wie viel Desmond Becks Patente wert sind, bevor Connor das endgültige Angebot macht.“

Margie griff über Andies Tisch und tippte auf ein paar Computertasten. Gleich darauf erschien eine Reihe von Zahlenkolonnen auf dem Bildschirm.

„Heut ist nicht mein Tag“, murmelte Andie und lächelte sie entschuldigend an.

Margie nickte verständnisvoll. „Kommen Sie diese Woche doch mal zum Abendessen vorbei, okay? Sie und Krista könnten Geschichten über das Leben im College austauschen. Sie denkt, ich wäre zu alt, um mich noch an meine Studienzeit zu erinnern.“

Andie lachte. Margie war erst achtunddreißig. „Klingt gut. Wann darf ich kommen?“

„Donnerstag. Gleich nach der Arbeit.“

„Gehen Sie Donnerstag denn nicht mit Brad ins Konzert?“ Brad war neu in der Firma und arbeitete in der Designerabteilung.

Margie verzog das Gesicht. „Wir sind zweimal ausgegangen. Das erste Mal waren wir in einem romantischen Restaurant, und er hat mir den ganzen Abend von seinen Ex-Frauen erzählt. Das zweite Mal waren wir auf einer Computerausstellung, und er hat mir den ganzen Tag von seiner Mutter erzählt. Das dritte Mal, als er anrief, habe ich ihm erklärt, ich würde gerade den Hund baden. Er hat sich nicht wieder gemeldet.“

Andie verdrehte lachend die Augen. „Oh, Margie, es tut mir leid. Manchmal glaube ich, alle ledigen Männer in dieser Stadt sind entweder seltsam oder außerordentlich seltsam.“

„Das erkennen Sie ganz richtig. Und dann sind da noch die, die nicht sehen, was sich genau vor ihren Augen befindet.“

Das träfe auch auf Connor zu, dachte Andie spontan. Aber Margie sprach von einem anderen Mann. Frank Czarnecki war schuld, wenn ihre sonst so fröhliche Sekretärin ein betrübtes Gesicht machte. „Sie könnten ihn doch mal zum Dinner einladen. Oder ins Kino.“

Margie seufzte. „Er ist so schrecklich schüchtern. Dabei hat er durchaus Interesse, das spüre ich, aber offenbar weiß er nicht, wie er es anpacken soll. Computer scheinen das einzige zu sein, womit er sich auskennt.“

„Als Connor und ich im College waren, waren viele seiner Freunde genau wie Frank. Wenn ein Mädchen sie nur ansah, stotterten sie und ließen alles fallen. Die meisten besitzen heute eigene Computerfirmen und sind vielfache Millionäre, aber mit Menschen können sie immer noch nicht umgehen. Das gehört wohl dazu.“

„Außer bei Connor.“

„Ja.“ Andie lächelte. „Er hatte immer mehr zu bieten als nur einen hohen Intelligenzquotienten. Unbeholfen war er nie.“

Margie wollte offenbar noch etwas sagen, meinte dann aber nur: „Donnerstag also, ja? Mexikanisches Essen?“

„Wunderbar.“

„Gut. Das wird ein unvergesslicher Abend. Kristas Freund Tad wird auch da sein, aber man kann sich leicht mit ihm verständigen. Einmal Grunzen heißt nein, zweimal ja, und ein Schulterzucken bedeutet, dass er es nicht weiß.“

„Kann er nicht sprechen?“

„Keine Ahnung. Ich habe ihn nie lange genug mit leerem Mund erlebt, um das herauszufinden.“

„Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Er scheint einigen von den Jungen zu ähneln, mit denen ich mich verabredet habe, als ich in Kristas Alter war.“ Lachend stand Andie auf und griff nach einigen Papieren. „Ich muss die hier mit Connor durchgehen. Stellen Sie keine Anrufe durch, es sei denn, es ist jemand von Becktron.“

„Ich habe diesen Umschlag von dem Anwalt gestern in der Post gesehen …“

„Ja, das war seine Scheidungsurkunde.“

„Also ist er wieder ledig. Ich schätze, diese Woodruff wird sofort die Krallen in ihn schlagen. Sie umkreist ihn seit Monaten wie ein Geier, der auf ein Opfer wartet. Man merkt richtig, dass ihr das Wasser im Mund zusammenläuft.“

„Wenn sie Connor einfangen will, wird sie sich sehr anstrengen müssen“, gab Andie ruhig zurück. „Denn sobald er merkt, dass sie es ernst meint, flüchtet er.“

„Lassen Sie uns hoffen, dass das stimmt.“ Margie nahm die Briefe, die Andie unterschrieben hatte, und kehrte in ihr eigenes Büro zurück.

Andie starrte ihr einen Moment lang nach, dann steuerte sie auf die Tür zu, die in Connors Büro führte.

Olivia Woodruff war klug, schön und eiskalt. Sie leitete eins der erfolgreichsten Anwaltsbüros an der Westküste. Fast ein Jahr lang hatte sie sich um Connor bemüht, bevor er sie engagiert hatte, und sie hatte nie zu verbergen versucht, dass sein Geschäft nicht alles war, was sie interessierte. Bis jetzt hatte Connor sie auf Abstand gehalten. Aber nun?

Andie klopfte an seine Tür und trat ein.

Das Büro war so breit wie das ganze Gebäude, ein friedlicher Ort, gefüllt mit Antiquitäten und Kunstwerken. Alles war in dunklem Holz, Chrom und Leder gehalten. Natürlich war das ihr Werk. Hätte sie es Connor überlassen, wäre hier nichts zu sehen außer einem Dutzend Computer, einem Telefon und einem Stapel alter Pizzakartons.

Sie lächelte. Unter den teuren Anzügen und Haarschnitten für hundert Dollar steckte noch immer der beängstigend kluge Collegestudent, dessen Leidenschaft für Elektronik zur Gründung einer blühenden Firma geführt hatte.

„Hey, Darling“, begrüßte er sie. Er klang ein wenig matt.

„Du siehst nicht gerade toll aus. Dein Kopf tut weh, was?“

Er stöhnte, schloss die Augen und rieb sich die Schläfen. „Unfassbar, dass man von zwölf Jahre altem Scotch so einen Kater bekommt.“

Sie trat hinter ihn und goss etwas in ein Glas. „Wenn man sich auf vernünftige Mengen beschränkt, ist das wohl auch nicht der Fall. Trink das hier.“

Misstrauisch betrachtete er die Flüssigkeit. „Schnell oder langsam?“

„Schnell. Es schmeckt furchtbar.“

„Wird es mich umbringen oder heilen?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Nein.“ Rasch leerte er das Glas und schüttelte sich. „Du genießt das, oder?“

„Nur ein bisschen.“ Sie massierte sanft seine Schultern. „Und jetzt atme tief ein, und sprich mir nach: Ich werde nie wieder auf leeren Magen Scotch trinken.“

„Sag bloß nichts von Scotch. Und auch nicht von meinem Magen.“

„Dann ein neues Thema. Ich habe um elf ein Treffen mit der Produktionsabteilung angesetzt. Und ich habe Frank Czarnecki angerufen und gebeten, sein gesamtes Designteam mitzubringen.“

„Verdammt, wir haben also immer noch Probleme mit diesem ferngesteuerten Unterwassermessgerät.“

„Fünfzig Prozent der Geräte funktionieren nicht. Frank schwört, dass es nicht am Design liegt, sondern am Hersteller.“

„Und die Produktionsabteilung schwört, das Design wäre schuld.“ Connor rieb sich die Schläfen. Sein Kopf brummte höllisch.

„Also liegt es an der Herstellung.“

„Wo immer der Fehler steckt, wir müssen ihn schnellstens finden. DeepSix hat einen Vertrag mit der kanadischen Regierung abgeschlossen und braucht die Geräte sofort. Wir können ihnen nichts verkaufen, was nur die Hälfte der Zeit funktioniert, und sie werden nicht warten, bis wir herausgefunden haben, was schiefgegangen ist.“

Er stöhnte erneut und beugte den Kopf vor, damit Andie seinen Nacken massierte. „Wie siehst du die Situation?“

„Unsere Design- und Produktionsteams sind die besten in diesem Geschäft, aber sie misstrauen einander aus Prinzip. Möglicherweise haben Sie bei ihrem ganzen Kleinkrieg etwas übersehen.“

„Zum Beispiel?“

Andie überlegte und unterbrach kurz ihre Massage. „Vielleicht ein Teil, das wir nicht selbst produzieren …“

„Der Programmchip.“ Connor vergaß seinen schmerzenden Kopf und setzte sich auf. „Wir beziehen ihn von Schoendorf, weil er da weniger kostet, als wenn wir ihn selbst herstellen würden.“

„Ein paar fehlerhafte Chips? Das wäre eine Erklärung.“

„Ich gehe sofort in die Produktionsabteilung und rede mit Bob Miller. Du rufst Schoendorf an. Sie sollen eine zufällige Auswahl an Chips herschicken. Wir testen die Dinger gleich heute Nachmittag.“

„Wird erledigt.“ Andie war schon an der Tür. „Ich lasse uns auch die Qualitätstests aus den letzten sechs Monaten rüberfaxen.“

Connor grinste. Sein Kater war wie durch ein Wunder verschwunden. „Sag diesem Franzosen, wenn er dich heiraten will, bekommt er es mit mir zu tun“, rief er hinter Andie her. Zur Hölle, er würde bankrottgehen ohne sie. Allein bei dem Gedanken, sie zu verlieren, wurde ihm ganz kalt.

Es gab niemanden, dessen Urteil er so sehr vertraute wie Andies. Sie kannte nicht nur das Geschäft in- und auswendig, sondern auch ihn selbst, konnte seine Ideen zu Ende führen, während er noch nach den richtigen Worten suchte, war fähig, seinen Gedankensprüngen zu folgen, wenn alle anderen sich noch vergeblich bemühten herauszufinden, wovon er eigentlich redete.

Sie hörte zu, wenn er laut nachdachte, und hatte eine Menge eigene gute Ideen. Es gelang ihr schneller als jedem anderen, zum Kern eines Problems vorzudringen. Sie wusste immer, welche Fragen sie stellen und welche Themen sie anschneiden musste.

Außerdem hatte sie keine Angst vor ihm, im Gegensatz zu den meisten, die für ihn arbeiteten. Und sie tolerierte seine gelegentlichen Temperamentsausbrüche, ignorierte seine Ungeduld und befahl ihm, den Mund zu halten, wenn sie genug hatte.

Er schmunzelte. Wenn alle anderen in Deckung gingen und warteten, bis seine Ausbrüche vorbei waren, blieb sie, mitten im Chaos, ruhig.

Er dachte daran, wie er sie heute Morgen in den Armen gehalten hatte. Sie war so weich und warm gewesen, und ihre Haut, ihr Haar und ihr Mund hatten diesen ganz eigenen wunderbaren Duft gehabt. Es hatte ihn ein bisschen überrascht, wie selbstverständlich es ihm erschien, sie an sich zu pressen. Und seine eigene starke Reaktion hatte ihn ebenfalls verblüfft. Vorher war ihm gar nicht klar gewesen, wie sexy sie war und wie sehr er es genießen würde, wieder mit ihr zu schlafen.

Dabei war es schon vor zwölf Jahren so aufregend schön mit ihr gewesen. Seltsam, dass ein Mann so etwas vergessen konnte, bis plötzlich alles wieder da war, jede Einzelheit und so klar, als wäre es nur einen Tag her.

Als ihm aufging, worauf er in Gedanken zusteuerte, fluchte er. Andie würde ihn umbringen, wenn sie auch nur vermutete, dass er an diese Nacht damals dachte, ganz zu schweigen davon, dass er sich nur zu gern an alle Details erinnerte.

Und heute Morgen … Das wäre fast ein entscheidender Fehler geworden.

Zugegeben, es war höllisch lange her, seit Judith ihn verlassen hatte, aber sexueller Entzug hatte noch keinen Mann umgebracht. Bloße Lust war keine Entschuldigung, die beste Freundschaft zu ruinieren, die er je gehabt hatte und je haben würde. Wenn er Andie nicht verlieren wollte, musste er sicherstellen, dass die Dinge zwischen ihnen rein geschäftlich blieben.

Andie sah auf die Uhr. Bob Miller und Frank Czarnecki würden in einer halben Stunde im Konferenzraum erscheinen, und wenn sie dann nicht dort war, um den Schiedsrichter zu spielen, würden sie sich innerhalb von Minuten an die Kehle gehen. Jeder von ihnen war überzeugt, dass der andere für die Probleme mit dem neuen Gerät verantwortlich war.

Es lag nicht daran, dass sie besserwisserisch waren. Aber sie wollten, dass das Gerät funktionierte – um der Firma und um Connors willen –, und sie nahmen es sehr persönlich, wenn es das nicht tat.

Ihr Telefon klingelte, und sie nahm geistesabwesend ab.

„Gleich gibt’s Ärger“, sagte Margie.

„Was?“ Automatisch sah sie zur Tür. „Wer?“

„Haifisch“, antwortete Margie nur und: „Viel Glück.“

„Wer?“ Aber Margie hatte schon aufgelegt, und im nächsten Moment ging die Tür auf, und Andie sah sich roter Seide und langem blonden Haar gegenüber. Dazu kam der Duft eines teuren Parfüms.

Sie wappnete sich. „Guten Morgen, Olivia. Nett, Sie zu sehen.“

„Das bezweifle ich.“ Olivia lachte leise. „Sie schirmen den Chef hier ja ganz schön ab. Erst musste ich durch die Sicherheitskontrolle, dann musste ich mich an Margie vorbeikämpfen und nun wohl auch noch an Ihnen.“

Andie lehnte sich zurück und musterte den Eindringling. „Ich würde Sie ja reingehen lassen, aber Connor ist nicht da.“

„In einer Sitzung, vermute ich.“ Olivia blickte zu Connors Tür hinüber, als würde sie eine Lüge wittern.

„Nein, er ist unten in der Produktionsabteilung.“

„Und es kommt wohl nicht infrage, ihn ausrufen zu lassen?“

„Das würde ich nicht empfehlen. Er lässt sich nicht gern unterbrechen, wenn er arbeitet.“

„Nicht mal von mir?“ Olivia lächelte kühn.

„Nicht mal von mir“, erwiderte Andie. Schach und matt.

„Hmm. Das ist ernst.“ Olivias Lächeln war genauso kalt wie ihre blassblauen Augen. Wie immer war sie auffällig und teuer angezogen. Wahrscheinlich drehen sich auf der Straße alle nach ihr um, dachte Andie. „Unser gemeinsamer Freund ist wieder ledig, wie ich höre.“

„Ich diskutiere Mr Devlins Privatangelegenheiten nicht. Das sollten Sie inzwischen wissen, Olivia.“

„Richtig. Von Ihnen Informationen zu bekommen ist ebenso schwierig wie meinen Ex-Männern Geld zu entlocken.“ Olivia schob die Hände in die Taschen ihrer roten Seidenjacke. „Ich schätze, ich sollte Ihnen sagen, dass ich Interesse an Connor habe.“

„Nun, dann sollte ich Ihnen wohl sagen, dass Sie nur eine von vielen sind.“ Es amüsierte Andie, Ärger in den Augen dieser Frau zu sehen. „Wenn sich die Scheidung erst herumgesprochen hat, werden von überallher Frauen mit genau solchen Absichten wie Ihren auftauchen.“

„Und was ist mit Ihnen, Andie? Es ist zwar lange her, dass ich für jemand anderen gearbeitet habe, aber ich erinnere mich noch bestens, dass es den Tag aufregender gemacht hat, sich mit dem Boss zu verabreden. Ich schlage allerdings vor, Sie schließen die Tür ab, wenn Sie sich zwischendurch auf dem Schreibtisch Liebesspielen hingeben. Sonst schockieren Sie noch die Sekretärinnen.“

Andie lächelte sanft. „Haben Sie sich Connors Schreibtisch mal genau angesehen? Sich dort zu lieben wäre wie ein Gang durch ein Minenfeld. Man könnte sich an den vielen Modellen darauf verletzen.“

Zu ihrer Überraschung fing Olivia richtig an zu lachen. „Ja, er ist wie ein Kind mit all diesem elektronischen Zeug. Als wir letzte Woche an einer roten Ampel standen, hat er das Fenster runtergekurbelt und sich mit einem kleinen Jungen im Wagen daneben über Videospiele unterhalten.“

„Wenn Sie ernsthafte Absichten haben, sollten Sie sich besser an so etwas gewöhnen. Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Sie selber ein paar dieser Videospiele lernen würden.“

Olivia erschauderte. „Ich glaube kaum.“ Sie betrachtete ihre langen Fingernägel, deren Farbe haargenau der ihrer Jacke entsprach. „Aber ich bin sicher, ich kann Connor für ein paar Spiele persönlicherer Art interessieren.“

Andie dachte daran, wie Connor sie heute Morgen in den Armen gehalten hatte, und fast war es, als würde sie seinen starken Körper an ihrem spüren, seine Begierde, seine Erregung. „Das bezweifle ich nicht“, erwiderte sie knapp und kämpfte gegen die Versuchung an, Olivia an die schlanke Kehle zu gehen. Aber was sollte ihr das nützen? Eine andere würde Olivias Stelle einnehmen. Von Connor Frauen fernzuhalten, das war wie Wespen bei einem Picknick zu verscheuchen.

„Nun …“ Olivia sah betont auf die Uhr. „Ich kann nicht den ganzen Vormittag hier verbringen. Könnten Sie Connor nicht doch Bescheid sagen, dass ich hier bin?“

„Ich habe keine Ahnung, wo genau er ist“, erklärte Andie wahrheitsgemäß. „Es würde reichlich dauern, ihn zu finden, und dann besteht nicht mal die Garantie, dass er das unterbricht, was er gerade tut. Sie haben ja selbst gesagt, dass er wie ein Kind ist mit seinen elektronischen Geräten. Und die Produktionsabteilung ist wie ein gigantischer Spielzeugladen. Womöglich verbringt er den ganzen Tag dort.“

Olivias Gesicht verdüsterte sich. „Sagen Sie ihm, dass ich hier war, ja?“

„Natürlich. Hat er Ihre Telefonnummer?“ Das war ein Tiefschlag, der ihr einen kühlen Blick einbrachte.

In diesem Moment ging die Tür auf, und Connor kam herein. Er grinste breit. Sein teures Jackett hatte er sorglos über eine Schulter gehängt, zwei Knöpfe seines Armanihemdes standen offen, und seine teure Krawatte hing ihm lose um den Hals. Auf seinem Hemd war ein Ölfleck, und sein Haar war zerzaust. „Du hattest recht, Darling! Habe ich dir in letzter Zeit schon gesagt, dass ich dich liebe?“

3. KAPITEL

Olivia Woodruff lächelte Connor erwartungsvoll an, aber der nickte ihr nur kurz zu, trat an ihr vorbei und küsste Andie auf den Mund.

Mit einem erneuten Grinsen versuchte er, ein deutlich erotisches Gefühl zu überspielen, und hockte sich neben Andies Stuhl. „Wahrscheinlich hast du uns einen Zwölfmillionenauftrag gerettet, du Genie. Vor fast drei Monaten hat Schoendorf einen der Lieferanten gewechselt. Seitdem hatten sie Schwierigkeiten bei der Qualitätskontrolle, aber keiner hat uns davon erzählt. Darling, du hast dir eine Gehaltserhöhung verdient.“

Andies Augen glänzten. Sie freute sich ebenso wie Connor über die Lösung des Problems. „Dann kann ich das Treffen mit Bob und Frank also absagen?“

„Das habe ich schon getan. Und die beiden sind wieder gute Freunde. Die Einkaufsabteilung verhandelt mit Schoendorf. Bob stoppt die Produktion, bis alle Tests abgeschlossen sind. Die Krise ist abgewendet, dank deiner Scharfsinnigkeit.“

Vergnügt wies Andie auf Connors Hemd. „Ich wünschte, du würdest einen Laborkittel anziehen, wenn du in die Produktionsabteilung gehst. In deinem Büro ist ein sauberes Hemd.“

„Was würde ich nur ohne dich tun?“ Er gab ihr noch einen schnellen Kuss, stand dann auf und drehte sich zu Olivia. „Hallo, Liv. Bist du hier, um mich zum Lunch abzuholen?“

„Vergiss es“, mischte Andie sich sofort ein. „Wir müssen diese Zahlen durchgehen. Mach ein Dinner draus, oder verschieb es auf ein andermal.“

Lässig wischte Olivia Connor einen Fleck von der Wange und ließ ihre Finger einen Moment lang dort. „Andie kümmert sich ja so gut um dich, nicht wahr?“

Da war etwas in ihrer Stimme, in der ganzen Atmosphäre, das Connor veranlasste, zuerst sie, dann Andie anzusehen. Beide lächelten charmant, wirkten aber wie Katzen, die gleich aufeinander losgehen würden.

Was sollte das? Ihm war zwar klar, dass sie keine Freundinnen waren, aber heute lag eine besondere Feindseligkeit in der Luft.

Die Beziehungen unter Frauen hatten ihn schon immer verwirrt. Deshalb hatte er auch bereits vor langer Zeit entschieden, dass ein Mann sich da am besten raushielt.

„Komm rein, dann gebe ich dir eine Tasse Kaffee aus.“ Er führte Olivia sanft, aber entschieden in sein Büro.

Nachdem er die Tür zugezogen hatte, goss er ihnen zwei Tassen von seiner speziellen Kaffeemischung ein, die extra für ihn hergestellt wurde, und reichte Olivia eine. „Prost.“

„Herzlichen Glückwunsch wäre eher angebracht.“

„Wofür?“

„Dass du Ehefrau Nummer zwei los bist. Es muss nett sein, das hinter sich zu haben.“

„‚Nett‘ würde ich es nicht nennen.“ Connor hatte sich immer noch nicht ganz an die Vorstellung gewöhnt, nicht mehr verheiratet zu sein. Er dachte an Judith, um zu testen, ob es noch weh tat, aber da war nur noch ein Gefühl von Trauer. „Wie hast du es herausgefunden? Sag nicht, dass die Presse es schon weiß.“

„Eine Freundin hat mich gestern angerufen, nachdem sie es um drei Ecken erfahren hatte. Ich wollte gleich vorbeikommen, hatte aber einen Termin, der bis nach Mitternacht dauerte.“

Er dachte an die Flasche Scotch. „Wahrscheinlich war das auch gut so. Ich wäre eine miserable Gesellschaft gewesen.“

„Oh, mir wären sicher ein oder zwei Ideen eingefallen, um deine Stimmung zu verbessern.“ Sie lachte heiser auf. „Komm schon, Connor, Kopf hoch! Du siehst aus wie der Held in einem Gruselroman.“

„Das ist vermutlich der Kater“, brummte er.

„So schlimm war es?“

Er murmelte etwas Zustimmendes und ließ sich dann in einen der großen Sessel am Fenster fallen. Gewöhnlich genoss er die Wortgefechte mit Olivia, aber heute war er müde. Es war die Art von Müdigkeit, die einen total matt machte und die man glaubte, nie wieder abschütteln zu können. „Was kann ich für dich tun, Liv?“

„Du meine Güte, wie formell.“ Sie streifte ihre Schuhe ab und setzte sich ihm gegenüber, hob eins ihrer langen Beine und legte ihm ihren nackten Fuß auf den Schoß. „Du weißt, warum ich hier bin. Vor einem Monat habe ich dir einen Vorschlag gemacht, und ich warte immer noch auf die Antwort.“

Er fing an, ihren Fuß zu massieren. „Ich dachte nicht, dass du den ernst meinst.“

„Todernst.“ Sie seufzte vor Vergnügen bei seiner Massage. „Ich will, dass du mich heiratest. Keine Bedingungen, keine hochgespannten Erwartungen, voreheliche Vereinbarungen auf beiden Seiten, um unsere jeweiligen geschäftlichen Interessen zu schützen.“

„Wir könnten doch einfach miteinander schlafen und uns die Anwaltskosten sparen.“

Olivia lachte. „Ich versuche seit acht Monaten, dich in mein Bett zu locken, Devlin, und dabei ist nichts weiter als Frust herausgekommen.“

„Ich war verheiratet.“

„Du warst getrennt. Du und Judith wart schon fast ein Jahr nicht mehr zusammen, als wir uns kennengelernt haben.“

„Verheiratet ist verheiratet. Da gibt es kein Halbwegs oder Fast. Ich bin vielleicht nicht fähig, meine Ehen zum Funktionieren zu bringen, aber ich schlafe mit keiner anderen, solange ich verheiratet bin.“

Olivia seufzte. „Das hast du bereits klar ausgedrückt, als ich mich dir das letzte Mal an den Hals geworfen habe. Aber jetzt bist du ja nicht mehr verheiratet, und du kannst tun, was die Kaninchen tun, immer wieder und voller Begeisterung. Wenn ich Zeit hätte, könnten wir es gleich jetzt und hier machen.“

Das war doch wohl nicht ihr Ernst? Unbehaglich sah er sie an. Aber zu seiner Erleichterung schien sie nicht zu beabsichtigen, die Kleider abzuwerfen. „Ich bin erst seit ungefähr neunzehn Stunden geschieden“, gab er zurück. „Warum sollte ich daran interessiert sein, gleich wieder zu heiraten?“

„Weil ich nicht Judith bin. Oder Liza. Ich gebe nicht vor, in dich verliebt zu sein, und bilde mir auch nicht ein, dass du es in mich wärst. Wir sind beide verwundet worden, sind vorsichtig geworden und haben genug von dem Mist, der normalerweise zu einer Heirat gehört. Ich hatte zwei Ehemänner in acht Jahren. Jeder hat mir erklärt, er würde mich lieben, und sechs Monate nach der Hochzeit mit dem Versuch angefangen, mich zu verändern.“

Olivia zog ihren Fuß weg. „Ich bin jetzt vierunddreißig und eine der erfolgreichsten Anwältinnen westlich des Mississippi. Ich bin arbeitssüchtig und weder geneigt noch geeignet dazu, nur Ehefrau zu sein. Die meisten Männer, die ich kenne, werden mit meinem Erfolg, meinem Temperament und meiner Zeiteinteilung nicht fertig.“

„Und du glaubst, ich könnte das?“, warf er ein und war unwillkürlich fasziniert von der Vorstellung.

„Ich weiß es. Du bist genauso besessen von deiner Arbeit wie ich von meiner. Deshalb würde es dir auch nichts ausmachen, dass ich den größten Teil meiner Zeit in meinem Büro verbringe. Und mein Erfolg und mein Geld würden dich auch nicht stören.“

Sie lächelte. „Du weißt so gut wie ich, wie kalt es in der Geschäftswelt zugeht. Ich würde gern abends nach Hause kommen zu jemandem, der mich wärmt und der unkompliziert ist. Wenn ich zu Veranstaltungen gehen muss, hätte ich gern einen Mann bei mir, den ich respektiere und bewundere. Ich mag dich. Wir scheinen ziemlich gut zusammenzupassen. Ich denke, das alles ergibt Sinn.“

„Wie eine Geschäftsfusion.“

„So kann man es auch betrachten.“

„Ganz schön abgebrüht.“

„Du hast zweimal aus Liebe geheiratet“, erklärte Olivia brutal. „Sieh dir an, was dir das eingebracht hat.“

Er konnte nicht bestreiten, dass sie recht hatte.

„Und ich will ein Baby“, fuhr sie ungeduldig fort. „Ohne das würde ich einer Affäre zustimmen. Aber meine verdammte biologische Uhr tickt immer schneller. Und glaub es oder nicht, ich bin altmodisch genug zu denken, dass eine Frau mit dem Vater ihres Kindes verheiratet sein sollte. Klingt albern, was? Denn eigentlich müsste mir das egal sein.“

„Es klingt gar nicht albern.“ Immer wieder hatte er sich mit Judith über dieses Thema gestritten. Er hatte Kinder gewollt, sie nicht. „Es wird hart, ein Baby aufzuziehen und gleichzeitig voll mit deiner Karriere weiterzumachen.“ Das war auch Judiths Problem gewesen, die ebenfalls eine engagierte Karrierefrau war.

„Hart, aber nicht unmöglich. Ich kann es schaffen.“

Daran zweifelte er nicht. „Ist dies eine einmalige Gelegenheit, oder darf ich ein paar Tage darüber nachdenken?“

Olivia lachte. „Ich kann kaum von dir erwarten, dass du kopfüber in eine neue Ehe springst. Denk darüber nach, so lange es nötig ist – aber nicht zu lange.“ Sie stand auf und setzte sich rittlings auf seinen Schoß. „Natürlich könnte ich dir auch einen zusätzlichen Anreiz geben – wenn du ein paar Minuten Zeit hast.“ Spielerisch ließ sie ihre Finger nach unten gleiten.

Er hielt ihr Handgelenk fest. „Ich dachte, du hättest es eilig.“

„Das stimmt. Aber ich kann schnell und gut zugleich sein.“

„Das ist ein Trick, den ich nie gelernt habe.“ Er drehte den Kopf weg, um zu vermeiden, dass sie ihn küsste. „In fünf Minuten habe ich einen Termin, also komm nicht zu sehr in Fahrt.“

„Sei doch nicht so steif, Connor. Fünf Minuten sind eine Menge Zeit, um beide Beteiligten zufriedenzustellen.“ Verführerisch bewegte sie die Hüften.

„Ich brauche schon länger, um morgens zu entscheiden, welche Krawatte ich tragen will“, erwiderte er und lachte. „Reg dich ab, Liv.“ Selbst ohne Kater wäre ihr Angebot ungefähr so reizvoll für ihn gewesen wie ein Unfall mit Fahrerflucht.

Endlich stand sie von seinem Schoß auf und rückte ihre Jacke zurecht. „Wir wären ein gutes Team, Connor. Denk darüber nach, und ruf mich an.“

Sie sah auf die Uhr. „Verdammt, ich komme zu spät. In weniger als einer Stunde habe ich einen Termin, bei dem es um Millionen geht. Wünsch mir Glück.“

„Viel Glück.“ Er stand ebenfalls auf. Bei der Erwähnung von Millionen dachte er an Alain DeRocher und damit an Andie und ihre Überlegung, den Mann zu heiraten und nach Kanada zu ziehen, Babys zu bekommen und ihn und Devlin Electronics zu verlassen. „Ich werde anrufen“, murmelte er.

„Das wirst du, Devlin, denn sonst lasse ich mir deinen Kopf auf einem silbernen Tablett servieren.“ Olivia gab ihm noch einen schnellen Kuss auf die Wange, dann war sie weg.

Die Tür war kaum hinter ihr zugefallen, da wurde sie wieder aufgestoßen. Er erwartete, dass Olivia zurückkam, um zu beenden, was sie begonnen hatte. Aber es war Andie, so kühl wie immer, obwohl da ein gewisses Glitzern in ihren Augen war, das nichts Gutes versprach.

„Sie sagt, du wirst sie heiraten.“

Er rieb sich die Schläfen und schloss für einen Moment die Augen. „Ja, das Thema kam auf. Aber kauf uns noch kein Hochzeitsgeschenk, Darling. Noch ist es nicht so weit.“

„Ich habe dir in den letzten elf Jahren zwei Hochzeitsgeschenke gekauft“, erklärte sie. „Ein drittes bekommst du nicht.“

„Entspann dich, Andie. Ich heirate niemanden, okay? Allerdings, um eine gute Freundin zu zitieren: ‚Ich weiß nicht, was dich das angehen würde, selbst wenn ich es täte.‘“

Sie warf ihm einen Blick zu, der bestimmt schon stärkere Männer auf die Knie gezwungen hatte. „Ich denke, dass ich ein Recht habe, es zu wissen, falls du vorhast, diese Frau zu heiraten, und zwar aus keinem anderen Grund als zwanzig Jahre Freundschaft. So etwas Ähnliches hat mir heute früh ein guter Freund gesagt.“

Er unterließ es, sie darauf hinzuweisen, dass er das nie behauptet hatte. „Zur Hölle, ich hatte schon schlechtere Angebote. Ich habe Liza und auch Judith geheiratet, weil ich dachte, ich würde sie lieben. Nun denke ich, dass es vielleicht nicht die Ehe ist, die mich in Schwierigkeiten bringt, sondern die Liebe. Womöglich gibt es so etwas wie Liebe gar nicht, und man sollte einfach jemanden heiraten, den man nicht allzu sehr verabscheut.“

Ein merkwürdiges Flackern trat in Andies Augen. Neugierig sah er sie an, aber sie wandte sich ab und ging zur Tür. Und plötzlich kam ihm der Gedanke, wenn er bei Verstand wäre, würde er sie heiraten.

Aber seine beste Freundin heiratete man nicht. Denn danach wäre sie nicht mehr die beste Freundin, sondern die Ehefrau. Und an wen könnte er sich dann nach seiner Scheidung wenden?

Zwei Stunden später war Andie immer noch wütend.

Verdammt, niemand konnte so verrückt sein, sich in eine Ehe zu stürzen, wenn er gerade erst die letzte hinter sich hatte. Aber Connor schien eine angeborene Schwäche zu haben, was Frauen betraf, dass er sich fast über Nacht von einem hochintelligenten Unternehmer in einen kompletten Idioten verwandelte.

Zugegeben, bei Judith hatte er keine Chance gehabt. Schon fünf Minuten, nachdem sie sich begegnet waren, hatte sie ihn sich gekrallt, und sein Schicksal war besiegelt, noch bevor er überhaupt merkte, was mit ihm geschah.

Connor war alles, was Judith sich bei einem Ehemann gewünscht hatte. Tüchtig. Reich. Äußerst attraktiv. Er schlürfte seine Suppe nicht, sah in eleganter Kleidung toll aus und konnte den reserviertesten Dinnerpartner für sich gewinnen. Er konnte einen guten Wein auswählen, segeln und reiten, mit schnellen Autos und mit Frauen umgehen. Noch dazu kannte er wichtige Leute. Für eine junge und sehr ehrgeizige Geschäftsfrau war er unwiderstehlich.

Und Judith war wahrscheinlich das gewesen, was Connor sich bei einer Ehefrau wünschte. Schön. Brillant. Erfolgreich. Im ersten Jahr hatten sie ein attraktives Paar abgegeben. Dann war der Traum nach und nach zerbröckelt.

Connor war zurückhaltend und mürrisch geworden und hatte jeden angefaucht, der ihm zu nahe kam. Er hatte fast nur noch gearbeitet und sich von allen ferngehalten. Sie, seine beste Freundin, hatte sich nicht eingemischt, bis er am Silvesterabend des dritten Jahres aus heiterem Himmel bei ihr aufgetaucht war.

Er hatte den Mann hinausgeworfen, mit dem sie verabredet war, sich einen Brandy eingegossen, ihn hinuntergestürzt und dann das Glas an die Wand geknallt.

Und dann hatte er ihr von Judith erzählt. Von ihrem Streit wegen seines Wunsches nach Kindern und ihrer Weigerung, überhaupt darüber zu diskutieren. Als sie ihn heiratete, hatte sie ihm an diesem Abend mitgeteilt, habe sie gedacht, er sei genauso aufs Geschäft konzentriert wie sie. Er dagegen war nun so weit, sich ein bisschen zu entspannen und seinen Erfolg zu genießen. Kurzum: Er war bereit für eine Familie.

Judith jedoch hatte ihm erklärt, dass sie genug von ihm habe und sich scheiden ließe, und war gegangen.

In den folgenden Wochen hatte sich Connors Laune noch verschlechtert. Aber bis zum Eintreffen der Scheidungspapiere hatte er sein Leben in den Griff bekommen und war wieder der alte gewesen.

Abgesehen davon, dass er ruhiger geworden war, weniger lachte und mehr Zeit allein verbrachte.

Andie fluchte. Wenn sie klug wäre, würde sie sich jetzt irgendwo einen Salat zum Abendessen holen, nach Hause fahren, in die Badewanne steigen und danach nur noch schlafen.

Ihr Telefon klingelte, und müde griff sie nach dem Hörer. „Ja?“

„Mr Beck und sein Sohn sind hier.“

Sie fuhr hoch. „Jetzt schon?“

Sie sprang auf, schnappte sich ihre Kostümjacke und schlüpfte rasch in die Schuhe. Nachdem sie Connor Bescheid gesagt hatte, kämmte sie sich, legte frischen Lippenstift auf, atmete ein paarmal tief durch und trat dann in den Empfang hinaus.

Marc Beck entdeckte sie als erster. Er schüttelte ihr begeistert die Hand. „Ich hätte Sie gestern Abend fast angerufen. Zwei Karten fürs Symphoniekonzert sind mir in letzter Minute in die Hand gefallen, und Sie haben doch gesagt, Sie mögen Chopin.“

„Ich liebe ihn“, erwiderte Andie sanft.

„Vergessen Sie Chopin.“ Connor, der nun dazukam, hatte Marcs Angebot noch gehört. Bis wir zu einer Einigung gekommen sind, sind wir Konkurrenten“, stellte er klar, „und wenn Sie sich einem meiner Mitarbeiter nähern, betrachte ich das als Feindseligkeit.“ Er sagte das gerade so freundlich, dass es nicht ärgerlich klang.

Für wen hält sich der Kerl, dass er sich mit Andie verabreden will? fragte er sich wütend. Besonders hier, in meiner Firma.

Marc grinste und schüttelte ihm die Hand. „Umso mehr Anreiz, das Geschäft abzuschließen.“ Er lächelte Andie zu. „Ich hatte selbst immer etwas für Chopin übrig.“

Der Kerl soll doch nach Hause gehen und eine Platte auflegen, wenn er diese verdammte Musik so liebt, statt herzukommen und sich an Andie heranzumachen, dachte Connor. Aber er riss sich zusammen und rief sich ins Gedächtnis, dass das Becktron-Geschäft auf dem Spiel stand. Außerdem bewegte er sich bei Andie ohnehin schon auf dünnem Eis.

„Wir waren für Freitag verabredet. Wo liegt das Problem?“

„Das ist einer der Gründe, warum ich Sie so mag, Devlin“, sagte eine Stimme hinter ihnen. „Sie erinnern mich an mich selbst. Immer gleich zur Sache kommen.“

Connor drehte sich zu Desmond Beck um, der gerade durch die Glastür hereinkam. Er war ein kräftiger Mann mit dichtem grauen Haar und trügerisch sanften Augen, wenn er lächelte.

Beck war ein brillanter Ingenieur, aber seine Firma war in den letzten Jahren in Schwierigkeiten geraten, nicht wegen Fehlern des Gründers und Inhabers, sondern wegen der allgemeinen Wirtschaftslage. Connor respektierte ihn mehr als sonst jemanden in diesem Geschäft.

Jetzt verschwand Becks Lächeln, und sein Blick wurde hart. „Ich habe Ihr letztes Angebot durchgesehen, und da sind mir einige Fragen gekommen.“

„Dann lassen Sie uns darüber reden.“

„Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Devlin. Ein paar unserer Leute denken, wir sollten abwarten, was wir sonst noch für Angebote bekommen können. Und ich habe mich schon selbst gefragt, ob es nicht nur unsere Patente sind, die Sie wollen. Ob Sie den Rest der Firma hinterher nicht verhökern werden wie altes Porzellan auf einem Trödelmarkt.“

„Ihre Herstellungsabteilung ist veraltet“,

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