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Liebe, Sommer und Glück

Stephanie Bond

Heißer Draht

1. KAPITEL

Georgia Adams kaute an ihrem Daumennagel, während sie sich die Bedienungsanleitung ihres neuen Telefons laut vorlas, in der Hoffnung, dass die Worte beim dritten Mal einen Sinn ergaben. „Wenn Sie den Ziffernblock wählen, ist die Direktwahl blockiert. Wenn die Direktwahl aktiviert ist, ist auch die Freisprech-Option aktiviert, falls zuvor die automatische Anrufbeantwortungsfunktion gewählt wurde. Siehe auch Seite 38 B, Diagramm H.“ Georgia verzog den Mund und murmelte einen Fluch, der nicht in der Bedienungsanleitung stand. Allerdings beabsichtigte sie, den Hersteller anzurufen und vorzuschlagen, eine Seite mit Kraftausdrücken hinzuzufügen – sobald sie das piepende Telefon zum Funktionieren gebracht hatte.

Sie drückte den Knopf, mit dem man die Programmierung löschte, zog die drei Kabel wieder heraus und begann die Broschüre mit den Eselsohren noch einmal von vorn zu lesen. Neunzig Minuten und sechs angeknabberte Fingernägel später bekam sie einen Wählton und stieß einen Triumphschrei aus. Sie vollführte einen Siegestanz auf ihrem Sisalläufer und pfefferte die Bedienungsanleitung durchs Zimmer. Sie landete neben dem Videorekorder, der nach drei Jahren noch immer zwölf Uhr anzeigte. Zum Glück hatten der Videorekorder und der Fernseher das Gewitter, das ihr Telefon lahmgelegt hatte, unbeschadet überstanden. Überzeugt, dass sie jeden Moment auf geheimnisvolle Weise die Möglichkeit verlieren würde, einen Anruf zu machen, ließ sie sich auf ihre harte Couch fallen und wählte die Nummer ihrer Freundin Toni.

„Haus der Sünde“, meldete sich Toni.

„Du bist schrecklich“, entgegnete Georgia lachend. „Was hättest du gesagt, wenn es Dr. Halbert gewesen wäre, der dich bitten wollte, wegen eines Notfalls einzuspringen?“

„Ich gehe nicht, selbst wenn er tatsächlich anruft. Um nichts auf der Welt würde ich mir die Party entgehen lassen, mit der Stacey ihren Abschied vom Single-Leben feiert.“

Georgia räusperte sich. „Wegen der Party …“

„O nein, das tust du nicht, Georgia Arletta Adams! Du lässt mich nicht hängen!“

„Wie hast du meinen zweiten Namen herausgefunden?“

„Die Frage ist eher, wie viele Leute in der Notaufnahme ihn erfahren werden, wenn du heute Abend nicht mit mir zu den Bad Boys gehst. Außerdem wird Stacey schwer beleidigt sein, wenn du nicht kommst.“

„Stacey wird betrunken sein und sich nicht darum scheren.“

„Ach komm schon, Georgia. Amüsier dich mal. Hast du etwa Angst, dass Rob es nicht gefällt, wenn du dir nackte, schweißbedeckte, muskelbepackte Männer anschaust?“

Georgia versuchte vergeblich, auf dem Sofa eine bequemere Haltung einzunehmen. Dann rückte sie ein gerahmtes Foto auf dem Beistelltisch gerade. „Nein, Rob macht Überstunden und meinte, es würde ihm nichts ausmachen, wenn ich hingehe.“

„Gütiger Himmel, soll das etwa heißen, du hast ihn tatsächlich gefragt?“

Um ehrlich zu sein, hatte Georgia gehofft, er würde wenigstens ein bisschen eifersüchtig sein. Besonders, da sie ihn nach zehn Monaten noch immer nicht nackt gesehen hatte. Stattdessen hatte er nur überrascht geklungen und hinzugefügt, er sei kein eifersüchtiger Typ. Er vertraute. Wie gnädig! „Ich fand es rücksichtsvoller, ihn zu fragen.“

„Das ist nicht rücksichtsvoll, sondern traurig. Du gehörst diesem Mann nicht.“

Wie wahr, dachte Georgia.

„Außerdem, was hast du denn sonst heute Abend vor?“

Schlafen, zum Beispiel, schoss es Georgia durch den Kopf. Doch die untrüglichen Anzeichen ihrer Schlaflosigkeit zeigten sich bereits jetzt schon. Sie würde wieder einmal den Großteil der Nacht wach sein. Verzweifelt versuchte sie, sich etwas einfallen zu lassen, das wenigstens annähernd spannend klang. „Mein neues Telefon programmieren.“

Toni schnaubte verächtlich. „Das dauert höchstens zehn Minuten.“

„Nicht, wenn man technisch so unbegabt ist wie ich.“

„Unsinn. Ich erwarte dich in einer Stunde bei mir. Zeig ein bisschen Haut und bring genug Eindollarscheine mit.“

Georgia verabschiedete sich und betrachtete stirnrunzelnd den Hörer, auf der Suche nach dem Knopf, den sie jetzt drücken musste. Bei diesen schnurlosen Telefonen war es unmöglich, den Hörer auf die Gabel zu knallen. Nicht, dass sie zu den Menschen gehörte, die Telefonhörer auf die Gabel knallten. Doch mit dreißig erwartete sie noch viele charakterbildende Erfahrungen, und es schien ihr nur vernünftig zu sein, die dazu nötigen Requisiten parat zu haben. Zum Abschluss eines Gesprächs nur einen Knopf zu betätigen würde einfach nicht die gleiche Wirkung haben wie ein temperamentvolles Aufknallen des Hörers.

Wieder drückte sie die Sprechtaste und war erstaunt, dass sie das Amtszeichen hörte. Mit gestärktem Selbstbewusstsein betätigte sie die Programmiertaste, und nach einigem Probieren mit den Pfeiltasten gelang es ihr, die Nummer der Leute einzugeben, die sie am häufigsten anrief: Rob, Toni, ihre Mutter, ihre Schwester, die Personalabteilung des Krankenhauses, verschiedene Freunde, den Lieferservice für Pizza, für thailändisches, chinesisches und mexikanisches Essen. Danach kritzelte sie die Namen mit den dazugehörigen Zwei-Ziffern-Codes auf das kleine ausziehbare Nummernregister der Basisstation. Das war ihrer Ansicht nach das beeindruckendste Zubehör am ganzen Telefon.

Georgia wischte sich mit dem Saum ihres T-Shirts den Schweiß von der Stirn. Bildete sie es sich nur ein, oder war ihr Apartment tatsächlich der heißeste Ort nördlich des Äquators? Von ihrem Platz aus konnte sie den Thermostat der Klimaanlage im Flur sehen. Der Hausverwalter hatte ihn schon dreimal für sie eingestellt, und noch immer war es in ihrem Apartment heiß wie in der Sauna. Aber nach der Bedienungsanleitung dafür würde sie erst morgen suchen. Sie mochte technisch zwar gerade auf Erfolgskurs sein, doch heute Abend wollte sie ihr Glück lieber nicht herausfordern. Außerdem war schwitzen gut für die Poren.

Sie lehnte den Kopf an das harte Sofapolster und dachte daran, wie sehr sie das beigefarbene Sofa hasste. Vor zwei Jahren hatte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester beendet und arbeitete jetzt in der Notaufnahme. Als sie nach Birmingham, Alabama, zog und ihre Mutter und Schwester zurückließ, hatte sie sich ultramoderne Wohnzimmermöbel gekauft, als Ausdruck ihrer Unabhängigkeit. Schon bald hatte sie jedoch feststellen müssen, dass die strengen Formen und langweiligen Farben nicht gerade freundlich wirkten, wenn man es sich gemütlich machen wollte, um einen klassischen Liebesfilm zu sehen. Andererseits hatte Rob gesagt, ihre Möbel seien eine willkommene Abwechslung zu den geblümten Mustern, die die meisten Frauen bevorzugten.

Georgia grinste bei dem Gedanken, dass Robs Einstellung zu Möbeln seiner Einstellung zum Sex glich – der Mann war ein Minimalist. Sofort bereute sie diesen Gedanken, denn Rob Trainer war ein hart arbeitender, ehrgeiziger Finanzberater und ein vollendeter Südstaaten-Gentleman.

Georgia streckte sich und gähnte. Ihre Schlaflosigkeit, zusammen mit Robs höflicher Art, stellte sie auf eine harte Probe. Genau aus dem Grund wollte sie auch die Party in dem Männerstrip-Club lieber ausfallen lassen. Sie rieb sich das Gesicht und versuchte die provozierenden Bilder aus ihrem Kopf und das Prickeln in ihrem Bauch zu vertreiben. Zwar war sie noch nie in einem Strip-Club gewesen, doch befürchtete sie, dass ein solcher Ort das Feuer in ihr, das sie verzweifelt zu ersticken versuchte, nur noch stärker anfachte.

Sie stand auf, durchquerte ihr Wohnzimmer und öffnete die Fenster, um Luft hereinzulassen, die zumindest etwas weniger stickig war als die in ihrem winzigen Apartment im zweiten Stock. Von draußen drangen die Straßengeräusche zu ihr herauf und schienen sie herauslocken zu wollen – startende Motoren, laute Hupen und wummernde Stereoanlagen, leicht bekleidete, lachende Frauen und Männer in vorbeifahrenden Cabrios und auf Motorrädern. Alle waren auf der Suche nach Sex in dieser heißen Nacht im Süden.

Einschließlich Georgia Arletta Adams.

Seufzend drückte sie die Nase gegen die Fensterscheibe. Selbst ihr nahestehende Menschen wären geschockt, wenn sie wüssten, woran sie, die gute, unschuldige Krankenschwester, litt: an brennendem, pulsierendem, rasendem und überwältigendem Verlangen.

Sie hielt inne, bevor sie sich selbst eine Nymphomanin nannte, da sie nicht wahllos mit Männern ins Bett ging. Natürlich hatte es einige nicht weiter erwähnenswerte Kontakte während ihrer Collegezeit gegeben und ein oder zwei Beziehungen seither. Doch diese Männer hatten sie nicht erregt oder ihre Lust entfacht.

Georgia ging in die Küche, öffnete die Kühlschranktür und genoss erleichtert die kalte Luft auf ihrer Haut. Sie hob ihr T-Shirt an, um ihren Bauch zu kühlen, und nahm sich eine Banane aus dem Gemüsefach.

Sie betrachtete die Banane – im Moment sah alles irgendwie phallisch aus. Sie biss von der Banane ab und fächerte sich mit ihrem T-Shirt Luft zu. Indem sie sich in die Arbeit stürzte, war es ihr lange gelungen, ihre Begierde unter Kontrolle zu halten. Bis vor einem Jahr. Dann, ausgelöst entweder durch einen Hormonschub, den die meisten Frauen Anfang dreißig erlebten, durch Jahre der Verdrängung oder durch die Hitze des Südens, hatte ihr Körper eine stille Rebellion eingeleitet.

Georgia war stets überzeugt gewesen, dass sie eines Tages heiraten würde. So hatte sie ihre Suche nach dem Richtigen forciert, weil sie glaubte, dass es sicherer wäre, ihre Sinnlichkeit innerhalb der Grenzen einer monogamen Beziehung zu erforschen. Rob Trainer war ihr wie der perfekte Kandidat erschienen: Er sah gut aus und war erfolgreich, gebildet, nachdenklich, intelligent und freundlich. Sie mochte ihn sehr. Doch nachdem sie bereits mehrere Monate in ihre Beziehung investiert hatte, war sie zu dem Schluss gekommen, dass der Mann keinerlei Interesse daran hatte, mit ihr zu schlafen.

Sie fühlte sich wie eine reife Frucht, die darauf wartete, gepflückt zu werden, während Rob sich damit zu begnügen schien, nur um den Baum herumzulaufen.

Aber in Wirklichkeit sehnte sie sich nach mehr als nur Sex. Sie sehnte sich nach der Nähe und Intimität, die entstand, wenn zwei Liebende miteinander schliefen. Nach den prickelnden Szenen, die sie aus Filmen kannte. Wenn es wahre Liebe tatsächlich gab, dann wollte sie sie. Einzigartige Liebe, nicht die traurige Beziehung ihrer Eltern, die sie als Ehe bezeichnet hatten. Sie wollte einen Mann, der sich ihr öffnen konnte, der sich für sie zum Narren machen würde, einen Mann, der sie liebevoll umsorgen würde.

Georgia fächerte sich Luft zu. Mittlerweile hatte die Rebellion ihres Körpers katastrophale Ausmaße angenommen. Während ihrer Ausbildung hatte sie von dokumentierten Fällen von Selbstentzündung gelesen. Wenn ihre innere Glut sich verstärkte, noch dazu bei dieser Hitzewelle, deren Ende nicht in Sicht war, würde sie bald den Punkt erreichen, an dem sie in Flammen aufging.

Sie hatte die Banane aufgegessen, schloss widerstrebend die Kühlschranktür und betrachtete ihre dunkelrot lackierten Fußnägel. Insgeheim hatte sie gehofft, Rob würde das sexy finden. Doch als sie gestern Abend ihre neuen Riemchenpumps getragen hatte, hatte er nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Stattdessen hatte er sie gewarnt, sie könnte mit den Schuhen fallen und sich das Genick brechen. Dann hatte er vorgeschlagen, sie sollte noch einmal ihre Unfallversicherung überprüfen, und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben. Sie hätte es nie für möglich gehalten, dass sie eine Beziehung beenden würde, weil der Mann nicht versuchte, ihr näherzukommen. Aber in ihr gab es nun mal Bedürfnisse, die danach verlangten, befriedigt zu werden. Irgendwie musste sie einen Weg finden, Rob begreiflich zu machen, dass sie gern weitergehen würde, und zwar bald.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schnitt sie ihrem Sofa eine Grimasse. Bald würde sie sich auch eine bequeme Couch kaufen. Vorerst jedoch hatten das Ausbildungsdarlehen und Dollarnoten für strippende Männer Vorrang. Träge hob sie ihre langen Haare aus dem feuchten Nacken und nahm sie zu einem losen Knoten zusammen. Sie fürchtete sich vor diesem Abend und hoffte, dass sie nicht dabei war, ein so großes Feuer in ihrem Innern zu entfachen, dass Rob es nicht mehr löschen konnte.

„Komm schon, Georgia, sei nicht so langweilig und kreisch mit!“ Toni lachte und zog Georgia auf die Füße. Dann formte sie mit den Händen einen Trichter um ihren Mund und feuerte den auf der Bühne tanzenden Mann an. Der nackte Bodybuilder trug einen Kopfschmuck und wirbelte einen kurzen, an beiden Enden brennenden Stab herum, offenbar blind für die Gefahr, der er seine Männlichkeit aussetzte. Er bewegte sich mit kleinen Hüpfern zum Rhythmus ohrenbetäubend lauter Calypso-Musik. Sein Körper war so muskulös, dass es fast schon entstellend wirkte. Georgia konnte ihn nur anstarren, während Toni ihm laut zujubelte.

Tatsächlich schrien Hunderte von stehenden Frauen ihre Anfeuerungsrufe und reckten die Arme, um den Männern, die sich über den U-förmigen Laufsteg bewegten, ihre Dollarscheine zuzustecken. Natürlich brauchten die Tänzer nicht viel Ermutigung, um sich auszuziehen und die Frauen mit sexy Bewegungen in Raserei zu versetzen. Die pulsierende Musik und das Kreischen der Frauen erreichten eine solche Lautstärke, dass Georgia sicher war, die wackelnden Spiegel, die die Bühne flankierten, würden jeden Moment zerspringen.

Georgia hielt den Atem an und ließ sich von der Atmosphäre mitreißen. Der Duft der geölten Körper auf der Bühne, der Geschmack von Schweiß auf ihrer Oberlippe, das Gedränge der Frauen um sie herum, die Lichtkegel der Scheinwerfer, die durch den Saal zuckten, die pulsierende Musik, all das verschmolz zu einer sexuell aufgeladenen Stimmung. Es war weniger die Nacktheit der Tänzer als viel mehr die Offenheit, die sie so erregend fand – der Stolz, mit dem die Männer ihre Körper präsentierten, und die Frauen, die ohne Scheu ihre Begeisterung zum Ausdruck brachten.

Georgia befeuchtete ihre salzig schmeckenden Lippen. Es reichte, um eine anständige Frau dazu zu treiben, Dinge zu tun, zu denen sie gewöhnlich nicht bereit war.

Sie tastete hinter sich nach ihrem Rum-Drink, den sie bisher noch nicht angerührt hatte. Sie umschloss das kühle Glas mit der Hand und hielt es sich an ihre erhitzte Wange, ehe sie einen großen Schluck trank. Der Feuerjongleur verschwand unter lautem Applaus von der Bühne, um durch einen Bauarbeiter mit schwingendem Werkzeuggürtel ersetzt zu werden. Innerhalb kürzester Zeit war er bis auf seinen Sicherheitshelm entkleidet und ließ sich von den Frauen am Bühnenrand Geld zustecken. Georgia fühlte ein Kribbeln im Magen. Gleichzeitig stieg Frustration in ihr auf. Sie versuchte sich den Tänzer mit Robs Gesicht vorzustellen, doch es gelang ihr nicht. Rob symbolisierte Sicherheit, der Tänzer auf der Bühne Sinnlichkeit. Beides ließ sich offenbar nicht miteinander vereinen.

„Ein Prachtexemplar, was?“, meinte Toni und riss Georgia aus ihren Gedanken.

„Hm?“ Georgia musterte die beachtlichen männlichen Attribute des Tänzers. „Oh, ja. Sicher.“ Mit einem weiteren Schluck leerte sie ihr Glas.

„He, ist alles in Ordnung mit dir? Ich habe doch vorhin nur Spaß gemacht wegen Rob. Hattet ihr beiden etwa einen Streit?“

„Nein.“

Toni kniff die Augen zusammen und deutete mit dem Kopf zur Damentoilette.

Georgia nahm ihre Handtasche und folgte ihr ein wenig unsicher, da sie ein Verhör befürchtete. Gleichzeitig war sie jedoch auch froh, den erotischen Darbietungen auf der Bühne zu entkommen.

Noch bevor sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, zündete ihre Freundin sich eine Mentholzigarette an. Georgia runzelte die Stirn. Dann öffnete sie ihre Handtasche und nahm einen Lippenstift heraus. „Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.“

Toni atmete den Qualm aus und lehnte sich gegen den Kondomautomaten. „Nur bei besonderen Anlässen. Also, amüsierst du dich?“

Georgia fuhr sich mit dem Finger unter den Kragen ihrer ärmellosen weißen Bluse, die sie in die schwarze Jeans gesteckt hatte. „Klar.“

„Lügnerin. Du warst den ganzen Abend in Gedanken woanders.“

Wegen ihres leeren Magens stieg Georgia der Alkohol sofort zu Kopf und löste eine leichte Benommenheit in ihr aus. „Ich bin durcheinander.“

Toni blinzelte erstaunt. „Ach ja?“

Georgia wandte sich ab und betrachtete ihr erhitztes Gesicht im Spiegel, während sie weitersprach und ihre Lippen mit mokkafarbenem Lippenstift nachzog. „Ich bin unruhig, durcheinander, nervös.“

„Lüstern?“

Toni sollte ruhig zur Sache kommen. Georgia seufzte und blies die Wangen auf. Es gefiel ihr, wie ihre Lachfalten dadurch verschwanden. „Toni, meinst du, ich würde es merken, wenn Rob schwul wäre?“

Ihre Freundin verschluckte sich und hustete eine Rauchwolke aus. „Wahrscheinlich. Wieso denkst du das?“

Georgia presste die Lippen auf ein hartes Papierhandtuch. „Das tue ich ja eigentlich nicht. Ich komme bloß nicht hinter seine Vorlieben und Abneigungen.“

Toni lachte und tat Georgias Besorgnis mit einer Handbewegung ab. „Männer haben alle eine Macke. Mein früherer Freund wollte immer Aerosmith hören, wenn wir miteinander schliefen. Lass mich raten.“ Sie legte die Finger an die Schläfen und konzentrierte sich. „Rob möchte es im Dunkeln tun und dabei die Socken anbehalten.“

Georgia lächelte gequält. „Keine Ahnung.“

Toni starrte sie an. „Soll das heißen, ihr zwei hattet nie Sex?“

„Genau.“

„Wow. Wie weit seid ihr gegangen? Erster Schritt? Zweiter Schritt?“

Georgia verzog den Mund. „Ich war mir nie ganz sicher, was der erste und der zweite Schritt beinhaltet.“

„Du weichst mir aus.“

„Also schön, wir haben uns geküsst.“

„Keine wilden Liebkosungen?“

„Nein.“

„Keine intimen Zärtlichkeiten?“

„Nichts dergleichen.“

„Kein zärtliches Verwöhnen mit Lippen und Zunge?“

Georgia schüttelte den Kopf.

„Kein Wunder, dass du ihn für schwul hältst. Aber ich habe viele homosexuelle Freunde, und ich würde wetten, dass Rob nicht schwul ist.“

Georgia legte den Kopf schräg und betrachtete ihr Spiegelbild. „Das bedeutet, dass er mich nicht attraktiv findet.“

Tonis Gesicht erschien über ihrer Schulter. „Sieh dich an – du hast tolle Haare, ein tolles Gesicht und einen tollen Körper. Wahrscheinlich ist der Mann eher eingeschüchtert.“

Georgia verdrehte die Augen. „Na klar, ganz bestimmt. Ich bin nicht gerade eine verführerische Sirene.“

„Ganz recht. Meistens wirkst du nämlich unnahbar.“ Die Zigarette tanzte wild umher, als Toni ihr die Spange aus ihren langen dunklen Haaren entfernte und sie aufschüttelte. „Hier.“ Toni nahm einen preiselbeerroten Lippenstift aus ihrer Handtasche. „Lass das braune Zeug weg, und versuch es mal hiermit.“

Georgia trug die neue Farbe auf und runzelte die Stirn. „Es ist ziemlich hell.“

„Exakt.“ Nun knöpfte Toni ihr die Bluse auf, bis die kleine pinkfarbene Schleife an ihrem BH sichtbar wurde. „Musst du unbedingt einen BH tragen?“

„Ja!“ Nackte Haut unter weißer Baumwolle? Oje!

„Schon gut, schon gut.“ Toni zog Georgias Bluse aus der Hose und knotete sie so zusammen, dass der Bauchnabel frei blieb. „So. Du musst einfach nur ein bisschen lockerer werden. Ich bin sicher, Rob braucht nur ein Signal.“

Georgia schaute wieder in den Spiegel und zog einen Schmollmund. „Meinst du?“

Toni malte mit ihrem preiselbeerfarbenen Lippenstift zwei Punkte auf Georgias Wangen und verrieb die Farbe mit dem Daumen. „Eindeutig. Tu etwas, um ihn ein wenig aufzurütteln. Du weißt schon, tauche bei ihm auf, nur mit einem Gürtel bekleidet, oder so etwas in der Art.“

„Und wenn er mir einen Korb gibt?“

Toni zuckte die Schultern. „Dann hat er selbst Schuld, und du weißt wenigstens, woran du bist. Aber glaub mir, er wird dir keinen Korb geben.“

Ihre Freundin hatte ein Talent dafür, die Dinge einfach darzustellen. Georgia betrachtete ihr neues, provozierendes Äußeres und erwärmte sich langsam für die Möglichkeiten. Sie hatte das College und drei Jahre im Beruf überstanden und war im Krankenhaus täglich mit lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert. Wieso sollte sie dann davor Angst haben, den Mann anzumachen, mit dem sie seit einigen Monaten ausging? Vielleicht weil es einfacher war, ihn in dem Glauben zu lassen, sie sei so brav, statt die unter der Oberfläche brodelnde Leidenschaft herauszulassen. Sie wollte nicht so sein wie eine der vielen gesichtslosen Freundinnen ihres Vaters, für die ihre Mutter ganz bestimmte Namen gehabt hatte.

„Komm schon“, sagte Toni und drückte ihre Zigarette aus. „Los, wir spendieren Stacey einen Table-Dance. Ich habe bemerkt, dass sie ein Auge auf den Piraten geworfen hat. Außerdem“, fügte sie zwinkernd hinzu, „müssen wir ein wenig planen.“

Georgia betrat ihr Apartment und schaltete das Licht ein. Noch immer leicht benommen von ihrem letzten Drink, schlüpfte sie aus ihren Schuhen und betrachtete ihr neues Telefon und den Anrufbeantworter. Doch die Nachrichtenanzeige blinkte nicht. Sie nahm den Hörer aus der Basisstation und ging ins Schlafzimmer, obwohl sie kein bisschen müde war. Im Gegenteil, mit jedem Schritt beschleunigte sich ihr Puls.

In den letzten Stunden hatte sie über Tonis Rat nachgedacht und sich von der erotischen Atmosphäre des Strip-Clubs verführen lassen. Irgendwann war sie zu der Einsicht gelangt, dass ihre Freundin recht hatte – Rob wartete darauf, dass sie den ersten Schritt machte. Also hatte Toni auf der gemeinsamen Rückfahrt im Taxi die am wenigsten bedrohliche, jedoch hoch erotische Lösung vorgeschlagen: Telefonsex.

Obwohl Telefonsex eine von Georgias Lieblingsfantasien war, hatte sie sich verpflichtet gefühlt zu protestieren. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie so etwas funktionierte.

Toni hatte diesen Einwand abgetan. „Was gibt es da zu wissen? Du redest, du stöhnst, du legst auf.“

„Aber wie soll ich ihn fragen, ob er das überhaupt will?“

„Frag nicht, tu es einfach.“

Und falls Rob empört ist, kann ich ja noch immer in den Mittleren Westen ziehen und meinen Namen ändern, dachte Georgia.

Sie bewegte sich langsam in der Dunkelheit ihres Schlafzimmers. Würde sie es schaffen? Die Tatsache, dass sie noch nie vorher Telefonsex praktiziert hatte, erhöhte ihre Spannung nur. Ihre Brüste hoben und senkten sich schneller, und ein Schauer durchrieselte sie.

Sie schaltete eine Lampe ein und dimmte das Licht so, dass ihr schmiedeeisernes Bett und die senffarbene Tagesdecke in einen goldenen Schein getaucht wurden. Nachdem sie die Jeans ausgezogen und sie über den gepolsterten Stuhl vor ihrer Frisierkommode gelegt hatte, setzte sie sich auf die Bettkante und grub die roten Fußnägel in den Knüpfteppich. Gleich würde sie wissen, ob ihre Fantasien Rob begeistern oder verschrecken würden.

Georgia schaute zur Uhr. Es war halb zwei, Mittwochmorgen. Rob würde tief und fest schlafen. Wenn alles nach Plan lief, würde er in ein paar Sekunden allerdings hellwach sein. Ehe sie es sich anders überlegen konnte, zog sie ihren weißen Baumwollslip aus und warf ihn auf den Teppich. Ihre Hände zitterten leicht, während sie die Tastenkombination drückte, mit der sie Robs gespeicherte Nummer wählte.

Als sein Telefon zu klingeln begann, durchströmte es warm ihren Bauch. Nach dem dritten Klingeln geriet sie in Panik und wollte schon auflegen, doch bevor sie die Ein- und Austaste fand, hörte sie seine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Hallo?“

Ihr Herz pochte so laut, dass sie ihn kaum verstehen konnte. „Hallo, Rob. Hier spricht Georgia.“

„Hm?“

„Sag nichts.“ Sie lehnte sich zurück gegen den Kissenstapel und senkte ihre Stimme so, dass es hoffentlich sexy klang. „Hör einfach nur zu.“

2. KAPITEL

Nach sechs Jahren bei der Polizei hätte Officer Ken Medlock an nächtliche Anrufe gewöhnt sein müssen. Trotzdem hatte er Schwierigkeiten, sich auf die Stimme am anderen Ende der Leitung zu konzentrieren. Er tastete nach der Lampe auf dem Nachttisch und erinnerte sich dann, dass er vergessen hatte, die kaputte Birne zu wechseln.

Hatte die Frau gesagt, ihr Name sei Georgia? Er versuchte diesen Namen einzuordnen. Handelte es sich um eine neue Fahrdienstleiterin? Er blinzelte, um einen klaren Kopf zu bekommen. Halb zwei. Verdammt, zum letzten Mal hatte er vor nicht einmal einer Stunde zur Uhr gesehen. Seine in Abständen immer mal wieder auftretende Schlaflosigkeit schien mit den steigenden Temperaturen schlimmer zu werden. Und jetzt auch noch diese Unterbrechung!

„Rob, ich weiß, dass es schon spät ist. Aber ich habe den ganzen Abend über uns nachgedacht und mich gefragt … das heißt …“ Die Frau mit der sinnlichen Stimme holte tief Luft, und Ken machte den Mund auf, um ihr zu sagen, dass sie die falsche Nummer gewählt hatte.

„Ich trage keinen Slip.“

Er machte den Mund wieder zu und spürte, wie eine heiße Welle der Erregung ihn durchflutete.

Die Frau am anderen Ende der Leitung lachte unsicher. „Ich habe mich schon immer gefragt, ob du eigentlich Boxershorts trägst oder Slips.“

Was hatte diese geheimnisvolle Frau vor? Wollte sie diesen Rob in ein erotisches Gespräch verwickeln, damit er vorbeikam? „Boxershorts“, antwortete Ken und lehnte sich zurück. Hatte er den Verstand verloren? Schämte er sich nicht?

„Hm, schläfst du in deiner Unterwäsche?“

Wenn ich überhaupt mal schlafe, dachte er. Dennoch konnte er sich an eine so willkommene Unterbrechung seines Schlafs nicht erinnern – nur wenige seiner Träume waren so gut. Er hätte vermutet, dass sein Partner ihm mal wieder einen Streich spielte, aber so weit würde selbst Owen nicht gehen. Außerdem klang die Frau, als sei es ihr Ernst. Sein Job erforderte es, in Sekundenschnelle Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen. Doch plötzlich war er unentschlossen – sollte er gestehen, auflegen oder mitspielen?

Sein Körper traf die Entscheidung, da ihn erneut Verlangen packte. Was konnte es schon schaden, einmal einem Impuls nachzugeben? Bevor er es sich anders überlegen konnte, murmelte er: „Hm.“ Da sie das Missverständnis jeden Moment entdecken konnte, hielt er die Sprechmuschel ein wenig von seinem Mund weg. Andererseits, wenn sie keine Ahnung hatte, welche Unterwäsche Robbie Boy trug, hatte sie den Mann vielleicht gerade erst kennengelernt. Möglicherweise war sie eine Prostituierte.

„Ich dachte, es ist an der Zeit, dich wissen zu lassen, wie ich empfinde.“

Vielleicht wusste ihr Freund einfach nicht, wie gut er es hatte. „Okay“, meinte er.

„Aber nur, wenn du dich dabei nicht unbehaglich fühlst.“

Ihre leichte Unsicherheit gefiel ihm besonders. Hatte sie eigentlich eine Ahnung, wie sexy ihre Stimme klang? Seine Erregung wuchs. „Kein Problem. Rede weiter.“ Da seiner Aufforderung nur Schweigen folgte, dachte er schon, ihr sei das Missverständnis aufgefallen.

„Kannst du deine Boxershorts ausziehen?“, flüsterte sie.

Wer A sagt, muss auch B sagen. Ken griff unter die Decke und streifte sich in drei Sekunden seine Boxershorts ab, was keine ganz einfache Aufgabe war in einem Wasserbett, wenn man gleichzeitig den Telefonhörer in der Hand hielt. Die TV-Fernbedienung, die er auf dem Bett hatte liegen lassen, fiel auf den Holzfußboden. „Ich habe sie ausgezogen. Bist du …“ Ken befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge. „Bist du nackt?“

„Noch nicht“, erwiderte sie. „Ich trage noch eine weiße Bluse und einen weißen BH.“

Ken schloss die Augen. „Zieh die Sachen aus.“

Dem Rascheln am anderen Ende der Leitung nach zu urteilen zog sie sich aus. Seine Gedanken wirbelten durcheinander, und er fragte sich, wie die mysteriöse Georgia wohl aussah. War sie rothaarig? Oder brünett? Blond? Hatte sie braune Augen? Blaue? Haselnussbraune? Hatte sie lange Haare? Kurze? Verschiedene Teile formten sich zu einem Bild seiner Traumfrau: langes, dunkles Haar, blaue Augen, ein strahlendes Lächeln und eine sexy Figur, die sie gerade von allen Hüllen befreite.

„Ich bin ausgezogen.“

Ken biss sich auf die Zunge, um keine Fragen zu stellen, die das Gespräch möglicherweise sofort beenden würden. Seine Hand glitt unter die Decke, und er stellte sich vor, wie Georgia zu ihm ins Bett kam.

„Es ist heiß hier“, fuhr sie zu seiner Erleichterung fort. „Ich konnte nicht schlafen, als ich von dem Club nach Hause kam. All diese Nacktheit hat mich aufgewühlt.“

War sie eine Stripperin? Der Gedanke besänftigte ein wenig sein schlechtes Gewissen. Zumindest war sie nicht irgendeine unschuldige Lady, die zum ersten Mal etwas Verruchtes tat. Sie musste einen unglaublichen Körper besitzen. Ihr kaum hörbarer Akzent verriet zwar, dass sie keine typische Südstaaten-Schönheit sein konnte, doch in seiner Vorstellung war Georgia so üppig und sinnlich, wie ihr Name andeutete.

„Ich brauche Entspannung“, sagte sie seufzend.

Ken glaubte fast, ihren Atem an seinem Hals zu spüren. Seine Antwort war ein tiefes, ermutigendes Stöhnen.

„In letzter Zeit habe ich gehofft, wir könnten vielleicht ein wenig intimer miteinander werden.“

„Das wusste ich nicht.“ Wie wahr!

„Wir waren beide ein wenig schüchtern, und irgendwie fällt es mir leichter, am Telefon über meine Fantasien zu sprechen.“

Ein heißes Prickeln überlief seine Haut. „Sprich weiter.“

„Meine Brüste“, sagte sie, plötzlich erneut zögernd.

Sind sie klein oder üppig?, dachte er. Fest?

„Sie sind so sensibel.“

Das war zwar nicht so bildlich, aber es reizte ihn trotzdem. „Hm.“

Sie atmete jetzt heftiger. „Mein Haar ist offen und kitzelt meine Brüste.“

O ja, dachte er.

„Kannst du dir vorstellen, wie ich neben dir liege?“

„Ja.“ Sie brachte ihn um den Verstand. Mondlicht fiel durch das Fenster neben seinem Bett und verwandelte die Bettdecke in die Formen einer Frau. Ihre Haut war zart und golden, mit schwachen Bräunungslinien. Wunderschön. Ihre Finger verflochten sich miteinander, während sie sich gegenseitig streichelten.

„Berühre mich tiefer“, murmelte sie.

Er hielt den Atem an.

„Noch tiefer“, drängte sie ihn. Er stöhnte und stellte sich ihren Nabel und das Dreieck dunkler Haare zwischen ihren Schenkeln vor.

„Ja, genau da“, hauchte sie zufrieden.

Er war bewegt davon, wie viel Gefühl in ihrer Stimme lag. „Lange halte ich es nicht mehr aus.“

Ihr Atem ging inzwischen stoßweise. „Ja … jetzt.“

Er stellte sich vor, wie er über ihr war, bereit für sie, während sie auf ihn wartete. Ihr Stöhnen würde sich miteinander vermischen, und sie würde ihn tief in sich aufnehmen.

Ihre sinnliche Stimme hallte in seinem Kopf wider, ein Strom leiser Seufzer mit kehligen Lauten in einem Rhythmus, dem er sich ohne zu zögern anpasste. Von ihrer Stimme konnte er nicht genug bekommen. „Sprich mit mir“, flehte er.

„Es ist so gut mit dir. Ja … schneller … härter …“

Ken gehorchte. Sein Atem wurde mit jedem Stoß rauer. „Wenn du so weit bist“, flüsterte er, „dann nimm mich mit.“

„Ja“, erwiderte sie keuchend. „Zusammen … jetzt … O ja.“

Ken kniff die Augen zusammen und erreichte mit ihr einen überwältigenden Höhepunkt. Ihre Stimmen steigerten sich zu Schreien, die allmählich zu leisem Stöhnen verebbten, bis nur noch zufriedenes Seufzen in der Leitung zu hören war, während sie beide wieder zu Atem zu kommen versuchten.

„Das war großartig“, brachte er mühsam hervor.

„Ja“, hauchte sie leise lachend und räusperte sich. „Ich glaube, ich lasse dich jetzt lieber wieder schlafen.“ Sie hatte sich wieder in ihre Schüchternheit zurückgezogen. „Gute Nacht, Rob. Ruf mich morgen an.“ Er hörte das schwache Klicken und dann das Amtszeichen.

Ken setzte sich mühsam auf, wobei er das Telefon und andere Kleinigkeiten vom Nachttisch fegte, und schwang die Füße auf den Boden. Sein Herz raste noch immer nach diesem unerwarteten sündigen Anruf. Im Lauf der Jahre als Cop hatte er vieles erlebt, aber so etwas noch nicht.

Heute – nein, gestern – war einer der schlimmsten Tage gewesen, an die er sich erinnern konnte. Es hatte zwar keine Toten gegeben, zum Glück, doch hatte er ungewöhnlich vielen Notrufen wegen häuslicher Gewalt nachgehen müssen. Und die Kriminellen schienen immer jünger zu werden. Er war zum einen deswegen Cop geworden, weil er für seine Nichten und Neffen eine bessere Welt schaffen wollte, und zum anderen, weil er im Polizeidienst seine ihm von der Natur gegebene Kraft und Diszipliniertheit am besten einsetzen konnte. Nur hatte er dabei die pure Boshaftigkeit unterschätzt, mit der die Menschen sich gegenseitig behandelten, besonders Menschen innerhalb einer Familie.

Jeder Cop hatte Zeiten, da wollte er schlicht nicht aufstehen und zur Arbeit gehen, und mit genau diesen Gedanken war Ken ins Bett gegangen. Doch obwohl er jetzt körperlich erschöpft war, war sein Geist mit neuer Lebendigkeit erfüllt. Ken fand, er sollte seine Prioritäten neu setzen und eine gute Frau finden. Vielleicht würde er dann nicht mehr so unter dem Elend leiden, mit dem er täglich konfrontiert war.

Möglicherweise wäre die Versuchung dann auch nicht mehr so groß, sich auf einen solchen Anruf einzulassen, der eigentlich einem anderen gegolten hatte.

Erneut plagte ihn sein Gewissen. Doch was sollte er jetzt noch tun? Nichts, entschied er hastig, stand auf und ging ins Badezimmer. Hak es als einmalige Sache ab, sagte er sich. Morgen würden Georgia und Rob, wer immer sie waren, herzlich darüber lachen, sobald ihnen klar wurde, dass Georgia sich verwählt und den Falschen zu einem Höhepunkt gebracht hatte.

Ken lehnte sich gegen das Waschbecken, fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und dachte an die Scheu, die er zeitweilig in der Stimme seiner ahnungslosen Partnerin gehört hatte. Was, wenn sie sich stattdessen gedemütigt fühlte und ihr Geheimnis für sich behielt? Was, wenn sie beunruhigt war wegen der Identität der Person, mit der sie ein so intimes Erlebnis geteilt hatte?

Ach was, sagte er sich dann, spritzte sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht und schlenderte zurück ins Bett. Mit einem trägen Grinsen und einem herzhaften Gähnen ließ er sich wieder aufs Bett fallen. Eines wusste er jedenfalls mit Bestimmtheit: für heute Nacht war er von seiner Schlaflosigkeit kuriert.

„Na, wie ist es gelaufen?“

Georgia erschrak beim Klang von Tonis Stimme. Dann lächelte sie ihre Freundin verlegen an. Trotz leichter Kopfschmerzen und obwohl sie sich heute Morgen im Bus auf Kaugummi gesetzt hatte, strahlte sie, seitdem der Wecker geklingelt hatte. Endlich war sie kein braves Mädchen mehr. Das Leben war schön.

Toni schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht. „Erzähl schon. Immerhin habe ich dich summen hören.“

Georgia sah auf die Patientenkarten, an denen sie arbeitete, und dann auf die Uhr. „Ich habe sowieso Pause. Wollen wir Kaffee trinken gehen?“

„Gern.“

Nachdem sie in der Anmeldung Bescheid gesagt hatte, dass sie für zehn Minuten fort sei, schrieb Georgia „Pause“ neben ihren Namen auf der Personaltafel. „Wie läuft es auf der Säuglingsstation?“

Toni verdrehte die Augen. „Was hat mich bloß geritten, dass ich mich in den vierten Stock habe versetzen lassen?“

„Du liebst Babys, und du bist auf den neuen Chef der Entbindungsstation scharf.“

Toni runzelte die Stirn. „O ja.“

„Wie läuft es denn?“

„Gut. Er nennt mich Terri.“

„Oh.“ Georgia verbarg ihr Lächeln und ging voran in den Aufenthaltsraum des Personals. Zwei Medizinstudenten saßen an einem Ecktisch. Der eine las, der andere schlief im Sitzen.

Toni warf die Hände in die Luft. „Ich frage mich, wie der Mann die Anatomie geschafft hat, wenn er sich nicht mal Namen merken kann.“

Georgia goss zwei Pappbecher voll Kaffee und gab Toni ein Päckchen Zucker. „Er wird es schon noch lernen.“

„Das hoffe ich. Eigentlich wollte ich mir schon längst einen Arzt geschnappt haben. Nichts für ungut, Georgia, aber ich bin vom Beruf der Krankenschwester nicht so begeistert wie du. Ich bin hier, um einen Ehemann zu finden. Einen reichen Ehemann mit talentierten Händen.“

Georgia lachte. „Lügnerin. Du bist eine gute Krankenschwester. Übrigens, wie ging es Stacey heute Morgen?“

„Nicht so gut, aber sie wird sich erholen.“ Nach einem kurzen Blick auf die Medizinstudenten beugte sie sich vor. „Ich sterbe vor Neugier. Hast du Rob angerufen und … du weißt schon?“

Georgia errötete und blies auf ihren Kaffee.

„Erzähl schon!“

„Ja.“

Toni stieß einen kurzen Schrei aus. „Ich wusste, dass du es kannst, wenn du nur willst. Hat es ihm gefallen?“

Georgia verzog den Mund und dachte an die erotische Unterhaltung letzte Nacht, die noch immer sinnliche Schauer in ihr auslöste. Robs Reaktion war überraschend begeistert gewesen. Sie hatte eine Seite an ihm entdeckt, die sie bisher nicht gekannt, auf die sie jedoch gehofft hatte. „Ich glaube schon.“ Leise fügte sie hinzu: „Es war fantastisch.“

Toni grinste. „Du Vamp.“

Georgia genoss die neue Erfahrung. Sie war unanständig gewesen und trotzdem nicht vom Blitz erschlagen worden. Außerdem war sie heute Morgen im Bus nicht versucht gewesen, fremde Männer anzustarren. Ihre Hormone waren wieder vollkommen unter Kontrolle.

„Ich nehme alles zurück, was ich gestern Abend über Rob gesagt habe. Er ist anscheinend doch kein Langweiler, sondern ein Schläfer.“

„Ein Schläfer?“, wiederholte Georgia.

„Du weißt schon, jemand, der vorher ganz unauffällig ist und plötzlich und unerwartet zum Leben erwacht.“ Toni wackelte mit den Brauen.

„Aha.“

„Wann wirst du wieder von ihm hören?“

„Ich habe ihm gesagt, dass er mich heute anrufen soll.“

Toni schlürfte ihren Kaffee und meinte: „Hoffen wir, dass ihn das Tageslicht nicht in einen Spießer zurückverwandelt.“

Georgias Lächeln erstarb. „Was soll das heißen?“

Toni rümpfte die Nase und machte ein unschuldiges Gesicht. „Nichts weiter.“

„Von wegen. Was meinst du damit?“

Toni seufzte. „Ich rede von Reue. Ich habe mich gefragt, ob es mit dem Telefonsex wie mit dem richtigen Sex ist. Einer von drei Männern bereut am nächsten Morgen, was er getan hat.“

Zweifel trübten Georgias gute Laune. „Du meinst, er hat es letzte Nacht genossen, aber heute Morgen respektiert er mich nicht mehr?“

Toni warf ihren halb leeren Becher in den Mülleimer und rieb sich die Hände zum Zeichen dafür, dass die Sache für sie erledigt war. „Vergiss, dass ich etwas gesagt habe.“

Georgias Miene verfinsterte sich. „Ich werde es versuchen.“

Toni wechselte das Thema. „Wann hast du Feierabend?“

„Ich gehe um drei.“

„Mach dir keine Sorgen. Er wird dich schon anrufen.“

Georgia verdrängte ihre nagenden Zweifel und stürzte sich in das Chaos dieses Nachmittags. Jede Schwester in einer Notaufnahme erlebte gelegentlich einen Tag, an dem sie ihre Entscheidung, Krankenschwester zu werden, infrage stellte. Und ein solcher Tag war heute für Georgia. Als Teenager hatte sie davon geträumt, Kranke zu heilen – ihre Wunden und damit auch ihre Seelen. Aber solche Vorstellungen erschienen ihr heute lächerlich angesichts der Magen-Darm-Grippen, Lebensmittelvergiftungen, Stichwunden und weiterer, noch weniger appetitlicher Leiden. Heute gab es keine dramatischen Lebensrettungsaktionen. Sie gab der Hitze die Schuld an der gestiegenen Gereiztheit. Jeder Patient schien ihre Geduld heute auf die Probe zu stellen, meckerte über die Wartezeit oder kritisierte die Behandlung. Im Lauf ihrer Schicht wurde Georgias Angst größer. Und je größer ihre Angst wurde, desto mehr schwand ihr Selbstbewusstsein. Und je geringer ihr Selbstbewusstsein wurde, desto verunsicherter wurde sie wegen ihres Vorstoßes in die Welt der sexuell Anspruchsvollen.

Was, wenn Toni recht hatte und Rob von ihrer Dreistigkeit irritiert war? Wie sollte sie ihm dann jemals wieder gegenübertreten? Sie hatte etwas mehr Schwung in ihre Beziehung bringen wollen. Aber vielleicht war es für ihn zu viel gewesen? Da seine Beratertätigkeit mit Reisen verbunden war und sie selbst in wechselnden Schichten arbeitete, telefonierten sie tagsüber fast nie miteinander. Doch sobald sie die Stechuhr betätigt hatte, würde sie eine Ausnahme machen und ihn anrufen, um seine Reaktion zu testen.

„Du pfeifst? Das muss ja eine tolle Nacht gewesen sein.“

Ken wickelte das Papier von seinem Hamburger auf den Knien ab, da jeder Quadratzentimeter seines Schreibtisches mit Papieren bedeckt war, und sah zu seinem Partner auf. „Vergiss deine schmutzigen Gedanken, Owen. Ich habe gut geschlafen, das ist alles. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie das ist.“

Der ältere Mann grinste und fuhr mit vollem Mund fort: „Was, keine heiße Nummer, die dich die ganze Nacht wach gehalten hat?“

Eine falsche heiße Nummer, dachte Ken. „Mann, du stellst zu viele Fragen.“

„Die typische Berufskrankheit eines Polizisten“, erwiderte Owen unbeeindruckt. „Seit Wochen beklagst du dich über deine Schlaflosigkeit, aber ich glaube, du hast dir die Nächte einfach mit Frauen und Partys um die Ohren geschlagen.“

„Mein Leben ist nicht halb so aufregend, wie du die Leute glauben machst.“

„Na ja, dann hattest du wahrscheinlich einen Nebenjob nachts.“

„Owen, ich hatte keinen Nebenjob.“ Es sei denn, er würde für das Lösen von Kreuzworträtseln in den frühen Morgenstunden bezahlt werden.

„Falls du nämlich mehr Geld brauchst, um deinen Lebensstil zu finanzieren: die Unternehmen in der Stadt suchen händeringend Cops, die nach Feierabend den Verkehr regeln. Wenn du mich fragst, sollte die Stadt ein paar Ampeln mehr aufstellen. Wo arbeitest du?“

„Ich hatte keinen Nebenjob.“

„Wenn du mich fragst, wird es höchste Zeit für dich, dass du eine gute Frau findest und eine Familie gründest.“

„Ich habe dich aber nicht gefragt.“

„Deshalb leidest du auch an Schlaflosigkeit. Du sehnst dich nach einem seelenverwandten Menschen.“

Ken verzog das Gesicht und schaute sich zu seinen Kollegen um. „Sprich um Himmels willen nicht so laut. Hast du etwa den ‚Cosmopolitan‘ oder so etwas gelesen?“ Er schnaubte. „Ich habe dir schon mal gesagt, dass die Ehe nichts für mich ist.“ Er wollte sich voll auf seinen Job konzentrieren können. Sein erster Partner war frisch von der Akademie gekommen und ein gutmütiger Kerl gewesen. Er hatte eine glänzende Karriere vor sich gehabt, bis er seine „Seelenverwandte“ traf, eine Frau, die ihn so durcheinanderbrachte, dass er schwere Fehler im Beruf machte. Das letzte Mal, als Ken ihn gesehen hatte, war er arbeitslos, geschieden und verbittert gewesen.

Kens eigene Erfahrung war weniger dramatisch, doch hatte er genug von langweiligen Frauen, die entschlossen waren, sich in sein Leben zu drängen. Beziehungen waren ganz allgemein ein einziger Kampf. Letzte Nacht hatte er zum ersten Mal Sex mit einer Frau gehabt, ohne sich darüber Sorgen zu machen, ob danach plötzlich parfümiertes Badeöl in seinem Badezimmer stehen würde.

Owen biss erneut von seinem Sandwich ab. „Ich sage doch nur, dass man in diesem stressigen Beruf jemanden haben sollte, zu dem man abends heimkehrt. Jemanden, der dich daran erinnert, dass nicht alle Menschen Kriminelle sind. Louise und ich sind jetzt achtzehn Jahre verheiratet, und wir tun es noch immer jeden Freitagabend während der ‚Tonight Show‘. Na ja, außer bei den zwei Malen, wo sie nach der Geburt der Kinder im Krankenhaus war.“

Ken war gezwungen zuzuhören, während er seinen zu lange gebratenen Hamburger aß. „Ich kann dir nicht sagen, wie wenig Lust ich habe, mir das anzuhören. Und sprich nicht mit vollem Mund, verdammt noch mal.“

Owen wischte sich mit einer zusammengerollten Papierserviette flüchtig den Mund ab. „Ich mache mir doch nur Sorgen darüber, was du mit deinem Leben anfängst. Du brauchst nicht gleich wütend zu werden.“

Ken bereute seinen Ausbruch sofort und biss die Zähne zusammen. „Owen, es gefällt mir, Single zu sein.“

Sein Partner schüttelte den Kopf. „Eines Tages wirst du auf die harte Tour lernen, dass nicht alles immer so sein kann, wie wir es gern hätten.“

Ken warf seinen halb gegessenen Hamburger in den Müll und versuchte, Georgias geheimnisvolle telefonische Verführung aus seinen Gedanken zu verbannen. „Ich trage keinen Slip.“ Das gefiel ihm. „Wie sieht es mit dem Fleming-Fall aus?“

Owen schien Kens Strategie, das Thema zu wechseln, nicht zu bemerken. Er rutschte auf seinem Platz herum und hielt ein fleckiges Stück Papier mit einem Klecks Mayonnaise an einer Ecke hoch. „Ich habe einen Tipp erhalten, ein Pfandhaus wegen einiger Teile des verschwundenen Schmucks zu überprüfen.“

Ken nahm das Stück Papier, wobei er darauf achtete, dass sein marineblaues Uniformhemd nichts von der Mayonnaise abbekam, und stand auf. „Ich übernehme die Sache.“

Owen erhob sich ebenfalls halb. „Möchtest du Gesellschaft?“

„Nein. Ich habe mich heute freiwillig gemeldet, mich um die Schulschwänzer im Einkaufszentrum zu kümmern. Die Pfandleihe liegt auf dem Weg.“

Sein Partner verzog das Gesicht. „Den Dienst im Einkaufszentrum kannst du gern allein erledigen.“

„Das ist meine gute Tat für diese Woche“, stimmte Ken gequält zu. „Wir sehen uns später.“ Bevor er die Wache verließ, ging er in den Spindraum und putzte sich die Zähne. In dem kleinen quadratischen Spiegel sah er deutlich hervortretende Wangenknochen, wahrscheinlich wegen seines schlechten Appetits in letzter Zeit. Sein dunkles Haar schien noch zerzauster zu sein als sonst, trotz seiner Bemühungen, es so kurz zu halten, dass es sich nicht kringeln konnte. Dass es das dennoch tat, lag an der Luftfeuchtigkeit.

Doch zum ersten Mal seit langer Zeit waren weder seine Augen gerötet, noch hatte er einen steifen Nacken. Seine anhaltende Schlaflosigkeit hatte ihn doch stärker angegriffen, als ihm klar gewesen war. Sie hatte ihn unruhig und gereizt gemacht und zu einem Verhalten verleitet, zu dem er sich normalerweise nicht hinreißen ließ. Zum Beispiel sich als Freund einer Frau auszugeben, die leidenschaftlicher war als jede andere, die er bisher kennengelernt hatte.

Er warf seinen Spind zu und ging ins Parkhaus hinaus, wobei er vor sich hinpfiff, um nicht daran zu denken, wie er die Frau am Telefon ausfindig machen konnte. Er stieg in seinen Streifenwagen und fuhr los. Nein, er würde nicht darüber nachdenken, wie er mithilfe seiner Möglichkeiten herausfinden konnte, wer diese Frau war.

Zum Beispiel könnte er das Dutzend Striplokale nach einer Tänzerin namens Georgia absuchen. Oder im Computer der Stadtverwaltung nach weiblichen Einwohnern mit diesem Namen suchen. Oder seine eigenen Telefonverbindungen überprüfen, um zu sehen, von wo der Anruf gekommen war.

Frustriert klopfte er mit dem Daumen aufs Lenkrad. Es ärgerte ihn, dass die unbekannte Anruferin ihn nicht losließ. Schließlich ist sie nicht wichtig, sagte er sich, während er auf den Parkplatz der Pfandleihe fuhr. Die Frau bedeutete ihm nichts und würde wohl selbst auch keinen Gedanken mehr an die Sache verschwenden, sobald sie den Irrtum herausgefunden hatte.

Wieso also war er trotzdem besorgt?

Ken versuchte sich auf die vor ihm liegenden Aufgaben zu konzentrieren. Der Halt bei der Pfandleihe erwies sich als fruchtbar, da er dort zwei Ringe und ein Armband aus dem Einbruch bei den Flemings entdeckte. Außerdem bekam er ein Polaroidfoto der Frau, die die Sachen in das Pfandleihhaus gebracht hatte. Er legte die Schmuckstücke ins Handschuhfach, setzte sich hinters Steuer und freute sich plötzlich auf den Dienst im Einkaufszentrum, trotz der frechen Schulschwänzer, die er dort mit Sicherheit treffen würde. Die Jugendlichen heutzutage konnten schwierig sein, doch er hatte eine gute Motivationshilfe: die Erinnerung an den Cop, der ihn vor zwanzig Jahren aus einem Einkaufszentrum gejagt und dazu gebracht hatte, wieder zur Highschool zu gehen.

Ken fädelte sich in den Verkehr ein und fuhr Richtung Einkaufszentrum. Aus den Augenwinkeln registrierte er eine kleine Gestalt, die seinen Weg kreuzte. Erschrocken trat er hart auf die Bremse. Ein dumpfer Aufprall war zu hören. Um ihn herum ertönten Hupen. Wunderbarerweise gelang es dem Lastwagen hinter ihm, nicht auf seinen Wagen aufzufahren. Ken schaltete sofort das Blaulicht ein und stieg aus.

Angst schnürte ihm die Kehle zu, als er Blut an seinem Wagen entdeckte und die leblose Gestalt auf der Straße sah. Zwei Sekunden später stellte er mit unendlicher Erleichterung fest, dass er kein Kind angefahren hatte. Trotzdem zog sich beim Anblick des großen Hundes unter der Stoßstange seines Wagens sein Magen zusammen. Mit leicht zitternden Händen berührte er das Tier, um zu sehen, ob es noch lebte.

Es lebte tatsächlich noch. Er kannte sich mit Hunden zwar nicht aus, aber es schien ein Mischling zu sein. Sein Fell war lang und mehrfarbig, sein Kopf breit und massig. Er trug kein Halsband. Als Ken seinen Rücken streichelte, öffnete der Hund die Augen und winselte. Dann versuchte er aufzustehen, brach jedoch jämmerlich jaulend zusammen.

„Tut mir leid, mein Junge“, murmelte Ken und war sich der größer werdenden Menge um ihn herum bewusst. Ein Bein des Hundes war in einem merkwürdigen Winkel verdreht. Außerdem blutete er stark an der Hüfte. Ken nahm sich zusammen, schaute sich um und entdeckte nur einen halben Block von ihm entfernt den Eingang der Notaufnahme des County Hospitals. Vielleicht konnte dort jemand die Blutung stoppen, bevor er den Hund in eine Tierklinik fuhr.

Rasch traf er eine Entscheidung, band dem Hund ein Taschentuch um die Schnauze, damit das Tier ihn nicht vor Schmerz biss, und hob ihn auf den Rücksitz seines Streifenwagens. Er deckte ihn mit einer Decke aus dem Kofferraum zu, wohl wissend, dass diese Geste für ihn vermutlich beruhigender war als für den Hund. Verzweifelt hoffte er, dass die Verletzungen nicht tödlich waren. Ken setzte sich hinter das Steuer und raste zum Eingang der Notaufnahme. Dort würde er Hilfe finden.

3. KAPITEL

„Bis morgen!“, rief Georgia einer Kollegin auf dem Weg zum Ausgang der Notaufnahme zu.

Was für ein schrecklicher Tag. Sie nahm ihr Namensschild ab und beschleunigte ihre Schritte bei dem Gedanken daran, mit Rob zu sprechen. Nachdem sie stundenlang darüber nachgedacht hatte, war sie zu dem Schluss gekommen, dass er seine Reaktion letzte Nacht nicht vorgetäuscht haben konnte. Es war deutlich zu hören gewesen, wie sehr es ihm gefallen hatte. Wahrscheinlich hatte er ihr zu Hause bereits eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

Plötzlich flog die Tür für die Angestellten neben der Treppe auf, und ein großer Polizist mit einer kleinen, in eine Decke gehüllten Gestalt kam in die Notaufnahme gestürmt. „Er ist mir vor den Wagen gelaufen“, berichtete er atemlos. „Er blutet, und ich fürchte, sein Bein ist gebrochen.“

Georgia zeigte zur Anmeldung und rief, während sie neben dem Cop herlief: „Wir haben jemanden, der von einem Auto angefahren wurde! Welcher Raum ist frei?“

„Nummer drei“, antwortete die Schwester in der Anmeldung und reichte ihr im Vorbeieilen eine Patientenkarte. Die Leute machten Platz, und Georgia suchte nach dem diensthabenden Arzt, während sie in den freien Raum voranging. „Jemand soll Dr. Story holen!“, rief sie, bevor sich die Tür schloss. Dann nahm sie automatisch ein Paar Latexhandschuhe aus einem Spender.

Sie empfand einen Anflug von Zuneigung zu dem breitschultrigen Polizisten, der das Unfallopfer vorsichtig auf den Untersuchungstisch legte. Sein Hemd war blutverschmiert und sein Gesicht so besorgt, dass es Georgia rührte. In solchen Situationen hatte sie keine Zweifel an ihrer Berufswahl. So konnte sie wenigstens ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Sofort fühlte sie sich mit diesem Mann verbunden, denn auch er arbeitete in einem Beruf, in dem er Leben retten musste.

„Wissen Sie den Namen des Opfers?“, fragte sie und trat an den Tisch.

„Nein“, erwiderte der Cop und zog die Decke zurück. „Er trug kein Halsband.“

Georgia erstarrte beim Anblick des haarigen Bündels. „Das ist ein Hund.“

„Ja, Ma’am.“

Wütend streifte sie sich die Handschuhe wieder ab und rang um Beherrschung. „Wir behandeln hier Menschen, Officer, keine Tiere.“

Er runzelte die Stirn. „Können Sie nicht eine Ausnahme machen?“

„Selbstverständlich“, sagte sie sarkastisch, „wenn ich meinen Job verlieren will.“ Sie ging zur Tür und rief: „Dr. Story wird nicht mehr benötigt!“ Dann drehte sie sich wieder zu dem dunkelhaarigen Polizisten um. „Wir müssen uns an unsere Vorschriften halten. Das sollten Sie eigentlich wissen.“

Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Sie könnten ihn wenigstens verbinden.“

Der arme Hund tat ihr leid. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, um den Impuls zu helfen zu unterdrücken. Schließlich musste sie ihre Einkäufe und ihre Miete bezahlen, nicht zu vergessen das Darlehen für die Ausbildung. Und das würde sehr schwer werden, wenn sie ihren Job verlor. Auch nach einem Jahr in der Unfallmedizin galt sie noch als Neuling. Dr. Story beobachtete sie genau. Eine solch ungeheure Verletzung der Vorschriften wie diese konnte das Ende ihrer Karriere im County Hospital bedeuten und wäre ein Makel in ihrer Personalakte. Georgia schluckte und wandte den Blick ab. „Tut mir leid, aber das sind die Krankenhausvorschriften. Die Tierklinik in der Sechzehnten Straße ist die nächstgelegene Einrichtung.“

Der Zorn des Polizisten war deutlich spürbar. Doch statt zu gehen, begann er die Regale zu durchsuchen.

„Was machen Sie da?“

„Das, was Sie eigentlich machen sollten“, knurrte er, nahm eine Rolle Mullverband aus einem Karton und rollte ihn ab.

Georgia machte den Mund auf, um zu protestieren, erkannte jedoch, dass es zwecklos wäre, mit diesem offenbar wild entschlossenen Mann zu streiten. Sie hielt sich zurück, doch als er anfing, den Hund ungeschickt zu verbinden, geschah etwas mit ihr. Eine unerwartete Wärme durchströmte ihre Brust, und sie empfand tiefe Bewunderung. Der Mann hatte keine Ahnung, was er da tat, aber er war entschlossen, zu handeln. Auch wenn es noch so unangebracht war, hatte sie Respekt vor seinem Diensteifer.

Aber als er ungefähr zehn Meter Verbandmull abgewickelt hatte, schüttelte sie den Kopf. „Das reicht“, sagte sie leise.

Mit funkelnden Augen sah er auf, bereit zu kämpfen.

„Der arme Hund kriegt ja keine Luft mehr“, erklärte sie, zog sich die Latexhandschuhe wieder an und griff nach Schere und Klebeband. In der Gewissheit, dass sie vermutlich einen Verweis oder sogar eine fristlose Kündigung erhalten würde, untersuchte sie das Tier flüchtig und verband es. Beide, Hund und Cop, betrachteten sie still und mit großen Augen. Sie fühlte, dass der Zorn des Polizisten nachließ. „Officer …“

„Medlock“, stellte er sich vor.

„Officer Medlock, mein Wissen über die Anatomie eines Hundes ist begrenzt, aber es scheint, dass er tatsächlich ein gebrochenes Bein hat. Möglicherweise sind auch ein oder zwei Rippen gebrochen. Sein Atmung ist jedoch gut, daher glaube ich nicht, dass seine Lungen verletzt sind. Weder aus dem Maul noch aus der Nase oder den Ohren kommt Blut. Falls er also innere Blutungen hat, können sie nicht schlimm sein.“ Georgia trat zurück und streifte die Handschuhe ab. „Mehr kann ich wirklich nicht für Sie tun.“

Ein Lächeln erschien plötzlich auf seinem Gesicht, und Georgia hielt inne. Officer Medlock war ein sehr anziehender Mann. Starrköpfig zwar, aber auch äußerst attraktiv. Ein Schauer der Erregung überlief sie, ehe ihr klar wurde, dass sie ihn anstarrte.

„Danke, Dr. …“

„Ich bin Krankenschwester“, sagte sie. „Schwester Adams.“

„Schwester Adams“, wiederholte er. „Danke, dass Sie mich beruhigt haben, Ma’am.“

Sein musternder Blick ließ ihr Herz schneller schlagen. Nur wenige Männer redeten sie mit „Ma’am“ an. In gewisser Hinsicht war es angenehm. „Gern geschehen. Und jetzt verschwinden Sie bitte, solange ich noch einen Job habe.“

Ken versuchte das Gesicht der Frau unauffällig zu betrachten. Ihre dunkelblauen Augen waren erstaunlich, und ihr Mund so sinnlich … Er nahm sich zusammen und machte das nächtliche Telefongespräch für seine Reaktion verantwortlich. Der Hund winselte und erinnerte ihn an seine unmittelbare Aufgabe. Behutsam hob er das Tier auf die Arme.

Die Krankenschwester hielt ihm die Tür auf. „Ich wollte gerade Feierabend machen“, erklärte sie mit dem Anflug eines Lächelns. „Ich werde Ihnen den Ausgang zeigen.“

„Um sicherzugehen, dass ich auch wirklich verschwinde?“

„So ungefähr.“

Er lachte, und sie holte ihre lederne Umhängetasche von der Anmeldung. Sie informierte die Schwester, dass sie gehen würde, und ordnete eine sofortige Desinfektion des Untersuchungsraumes Nummer drei an. Als sie wieder bei ihm war, verspürte er den überwältigenden Wunsch, sie näher kennenzulernen und herauszufinden, ob sie mit jemandem zusammen war. Natürlich würde eine so schöne Frau wie sie gebunden sein, vielleicht sogar verheiratet, noch dazu mit einem Arzt, der zehnmal so viel verdiente wie ein Cop. Ken versuchte den Kopf des Hundes zugedeckt zu lassen, während sie auf den Ausgang zugingen, damit die Frau keine Schwierigkeiten bekam. Dummerweise winselte der Hund jedoch und erregte die Aufmerksamkeit der Leute, an denen sie vorbeikamen. Kens Begleiterin beschleunigte ihre Schritte.

„Georgia!“

Als Ken den Namen hörte, der ihm schon den ganzen Tag nicht aus dem Kopf ging, blieb er unvermittelt stehen. Die Frau neben ihm zögerte und ging dann weiter.

„Georgia!“, rief jemand erneut, diesmal lauter. Ken drehte sich um und entdeckte eine mollige Frau, die ihnen nachlief. Die hübsche Krankenschwester an seiner Seite drehte sich ebenfalls um.

Kens Verstand versuchte diese Information zu verarbeiten. Diese Frau hieß Georgia? Er hatte nie jemanden namens Georgia getroffen. Wie groß war die Chance, dass er innerhalb von vierundzwanzig Stunden gleich zwei Frauen dieses Namens kennenlernte? Er konzentrierte sich auf ihre Stimme, um sie mit der zu vergleichen, die ihm noch immer durch den Kopf schwirrte. Ja, es war möglich, aber doch höchst unwahrscheinlich.

Trotzdem überlegte er fieberhaft, was er sie fragen konnte, um herauszufinden, ob diese umwerfend attraktive Frau die gleiche war … nein, das war einfach nicht möglich.

„Verschwinden Sie“, zischte sie ihm zu.

Doch seine Füße gehorchten ihm nicht.

„Georgia!“ Die mollige Frau erreichte sie atemlos. Dann starrte sie auf das winselnde Bündel auf Kens Arm. „Ist das etwa ein Hund?“

„Melanie, was wolltest du?“, fragte Schwester Adams sie, während sie Ken einen finsteren Blick zuwarf und zum Ausgang deutete.

Die andere Frau reckte neugierig den Hals, ehe sie ihrer Kollegin einen gelben Notizzettel gab. „Fast hätte ich vergessen, diese Nachricht an dich weiterzuleiten. Rob hat angerufen und gesagt, dass er unerwartet wegmusste.“

Vor Schreck hätte Ken beinah seinen Patienten fallen gelassen. Rob? Diese attraktive Frau war die gleiche, die ihn letzte Nacht mit ihrer sinnlich-heiseren Stimme so unglaublich erregt hatte? Er erschauerte und fühlte sich erneut schuldig.

„Danke, Melanie“, sagte Schwester Adams knapp und strebte, offenbar ganz in Gedanken, weiter zum Ausgang.

Doch Ken war noch nicht bereit, Georgia Adams aus seinem Leben verschwinden zu lassen. Er lief ihr nach, wobei er auf das Bündel in seinen Armen achtete. „Warten Sie!“

Sie drehte sich um, schien jedoch alles andere als begeistert zu sein, ihn noch immer hier zu sehen. „Wie ich Ihnen schon sagte, die Tierklinik befindet sich in der Sechzehnten Straße. Sie brauchen keinen Termin.“

Er suchte verzweifelt nach einem Grund, um sich weiter mit ihr zu unterhalten. „Kenne ich Sie nicht irgendwoher?“

Sie wirkte perplex. „Das glaube ich kaum. Ich hatte noch nie Ärger mit der Polizei.“

„Georgia Adams“, murmelte er und tat, als würde er versuchen, sich an sie zu erinnern. Dabei gefiel ihm nur der Klang ihres Namens. „Georgia Adams …“

„Möglicherweise haben Sie mich hier irgendwo im Krankenhaus schon einmal gesehen.“

„Moment mal“, meinte er und improvisierte einfach. „Ich kenne jemanden namens Rob, der mit einer Georgia zusammen ist.“

Sie machte einen halben Schritt auf ihn zu. „Rob Trainer?“

Das war also der Freund, an dessen Stelle Ken mit Georgia jenes erotische Telefonat geführt hatte. „Ja, genau.“ Er verlagerte das Gewicht des Hundes auf den linken Arm, um ihr die Hand zu geben. „Ken Medlock.“

Sie zögerte, ehe sie ihre zarte Hand in seine legte. „Wie geht es Ihnen, Officer Medlock?“

„Nennen Sie mich ruhig Ken“, erwiderte er und ließ ihre Hand nur widerstrebend los.

„Wenn Rob von seiner Geschäftsreise zurück ist, werde ich ihm ausrichten, dass ich Ihnen begegnet bin.“

Oje!, dachte Ken. „Na ja, möglicherweise erinnert er sich gar nicht an mich. Ich habe mich nur ein paar Mal zwanglos mit ihm unterhalten.“ Er schluckte. „Im Fitnesscenter, glaube ich.“

„Das Fitnesscenter in der Arrow Street? Ja, dort trainiert Rob.“ Sie streichelte das Ohr des Hundes, von dem die Decke gerutscht war. „Armer Kerl. Ich hoffe, er wird wieder gesund.“

Ken konnte nur nicken, da er von dem glücklichen Zufall, der sie zusammengeführt hatte, noch ganz durcheinander war. Er war zwar nicht abergläubisch, aber es musste doch ein Zeichen sein, oder?

„Na ja, dann“, sagte sie und winkte kurz. „Viel Glück. In der Tierklinik wird man Ihrem vierbeinigen Freund sicher helfen können.“ Sie machte auf dem Absatz ihrer weißen Schwesternschuhe kehrt. Ihr weißer Kittel wehte dabei und entblößte eine pinkfarbene Bluse und eine perfekte Figur. Ihre dunklen Haare, die ihr bis auf den Rücken hinunterreichten, hatte sie im Nacken zusammengebunden. Schwester Georgia Adams ging zu einer fünfzehn Meter entfernten Bushaltestelle und setzte sich auf die Holzbank – ganz so, als sei ihr absolut nicht bewusst, dass sie die schönste Frau in Birmingham, Alabama, war.

Ken grinste, da ihm ein Fetzen ihrer Unterhaltung wieder einfiel: „Wenn Rob von seiner Geschäftsreise zurück ist, werde ich ihm ausrichten, dass ich Ihnen begegnet bin.“

Die schönste Frau Birminghams war für einige Tage allein.

Das Winseln des Hundes riss Ken aus seinen Fantasien, und er eilte zu seinem Streifenwagen.

Georgia saß mit glühenden Wangen auf der harten Bank. Da Rob sich dafür entschieden hatte, ihr eine Nachricht im Krankenhaus zu hinterlassen, statt mit ihr persönlich zu sprechen, musste er wegen ihres nächtlichen Telefongesprächs aufgebracht sein. Toni hatte wohl doch recht; sie hatte ihn mit ihrem Anruf verstört. Sie las die Nachricht noch einmal und wünschte, die hastig hingekritzelten Zeilen würden ihr verraten, wohin Rob gefahren war oder wie lange er bleiben würde.

Die Kommunikation dieses Mannes war äußerst knapp. Staceys Hochzeit fand in drei Tagen statt, und Georgia hatte sich darauf gefreut, mit Rob daran teilzunehmen. Sie hoffte, dass sie sich über ihre eigenen Ziele ein wenig klarer werden würde, wenn sie jemand anderen den Bund fürs Leben eingehen sah.

Georgia schaute Officer Ken Medlock nach. Er hielt den Hund noch immer auf dem Arm, und als die Decke ein Stück verrutschte, schob er sie behutsam zurück. Es hatte sie überrascht, dass er Rob kannte. Ken Medlock kam ihr bescheidener vor als Robs Yuppie-Freunde. Sicher, er hatte gesagt, sie würden sich nur aus dem Fitnesscenter kennen. Auf der anderen Seite mussten sie sich etwas besser kennen, da Rob ihren Namen erwähnt hatte.

Georgia wurde klar, dass sie sich bisher nie Gedanken darüber gemacht hatte, was Rob seinen Freunden über sie erzählte. Würde er ihnen von ihrem erotischen Telefonat berichten? Immerhin hatte sie es Toni erzählt, wenn auch nur, weil Toni sie überhaupt erst dazu ermutigt hatte, diese Fantasien mit Rob auszuleben. Außerdem war Toni eine Vertraute.

Die Vorstellung, dass Robs Freunde jetzt möglicherweise sehr intime Dinge über sie wussten, war ihr äußerst unangenehm. Fast so unangenehm wie die Tatsache, dass sie sich nicht sicher war, ob Rob es ihnen erzählen würde. Denn eigentlich wusste sie nur wenig über die Gewohnheiten und Bekannten dieses Mannes, den sie vor zehn Monaten auf einer Party kennengelernt hatte. Sie war nicht überwältigt gewesen, aber er war nett und anscheinend kein Psychopath – was auf dem heutigen Single-Markt schon ein bedeutender Pluspunkt war.

Als Rob Trainer sie eine Woche später angerufen hatte, um sie zu einer Cocktailparty der Handelskammer einzuladen, hatte sie zugesagt. Seitdem sahen sie sich regelmäßig. Da sie beide wechselnde Arbeitszeiten hatten, beschränkten sich die Treffen jedoch auf gelegentliche Wochenenden und Ausflüge in die Umgebung Birminghams. Und selbst wenn sie zusammen waren, war Rob nicht sonderlich gesprächig. Seine Eltern stammten aus Cincinnati, doch jetzt, wo sie darüber nachdachte, konnte sie sich nicht einmal daran erinnern, ob er jemals Geschwister erwähnt hatte.

Aber stille Wasser waren tief. Rob war ein attraktiver, angenehmer Mann mit einem Ehrgeiz für drei. Was machte es da schon, dass er nicht immer aufmerksam und romantisch war? Welcher Mann war das schon?

Plötzlich dachte sie wieder an Officer Ken, wie er sich über den verletzten Hund beugte. Hatte Rob eigentlich etwas für Tiere übrig? Bei einem Ordnungsfanatiker wie Rob hatte sie ihre Zweifel. Allmählich begriff sie, wie wenige persönliche Details sie von dem Mann wusste, mit dem sie letzte Nacht Telefonsex gehabt hatte. Er könnte ebenso gut ein Krimineller sein. Vielleicht war das der wirkliche Grund, weshalb Officer Ken ihn kannte.

Sie schüttelte über ihre Albernheit den Kopf. Für einen so korrekten Menschen wie Rob wäre schon ein Strafzettel für Falschparken eine Schande. Auch wenn Rob über seine Herkunft so wenig erzählt hatte wie sie über ihre, wusste sie eines doch ganz genau – er war absolut korrekt. Nur leider auch sehr zurückhaltend, was Sex anging.

Lautes Hupen riss sie aus ihren Gedanken. Der Busfahrer schaute sie ungeduldig durch die offene Tür an. „Steigen Sie jetzt ein oder nicht, Lady?“

Georgia sprang auf und stieg in den Bus. Wenn sie mit ihrer Tagträumerei nicht aufhörte, würde sie ihre Besorgungen nie erledigt bekommen. Doch selbst die Tatsache, dass sie sich auf einen Sitz zwischen lärmende Fahrgäste zwängen musste, konnte sie nicht von den Gedanken an Ken Medlocks gut gebauten Körper ablenken. Hatte Rob auch so breite Schultern? Wenn jeder Polizist in Birmingham einem ein solches Gefühl an Sicherheit vermittelte, würde sie vielleicht ihre Tür nicht mehr abschließen.

Sie seufzte, als ihr klar wurde, weshalb sie so stark auf diesen Mann in Uniform reagiert hatte – das nächtliche Telefonat mit Rob hatte Begierden in ihr geweckt, die zuvor geschlummert hatten. Bei der Erinnerung daran durchrieselte sie erneut ein Schauer der Erregung, und sie sah wieder Ken Medlock vor sich – seine markanten Wangenknochen, die gerade Nase, die großen Augen.

Hatte er die Anziehung zwischen ihnen auch gespürt? Sie tadelte sich im Stillen für diese Schwärmerei für einen Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Doch irgendetwas an Ken Medlock kam ihr vertraut vor. Vielleicht lag es einfach nur daran, dass er auf vertrauenswürdige Art den typisch amerikanischen Polizisten verkörperte.

„Einkaufszentrum!“, verkündete der Busfahrer und riss Georgia aus ihren Schulmädchenfantasien. Benommen verließ sie den Bus und machte sich auf den Weg zu einem Geschäft, das Toni ihr für den Kauf eines Kleides für Staceys Hochzeit empfohlen hatte. Toni hatte die Sachen bei Latest & Greatest als „cool und preiswert“ bezeichnet und ihr dringend empfohlen, nach Tom Tom zu fragen.

Aber Tom Tom waren, wie sich jetzt herausstellte, zwei Männer, die beide den Namen Tom trugen. Sie waren offenbar nicht miteinander verwandt und sprachen abwechselnd.

„Ah, Toni hat Sie geschickt! Wir haben …“

„… genau das, was Sie für eine …“

„… Hochzeit an einem Sommernachmittag brauchen. Wenn Sie uns bitte …“

„… folgen wollen.“

Georgia schaute von einem zum anderen und folgte ihnen schließlich zu einem Ständer voller langer, hauchdünner Kleider. Die beiden Toms durchsuchten den Ständer und zogen jeder ein Kleid heraus.

„Die pinkfarbenen Streifen werden hervorragend …“

„… zu Ihren Haaren passen. Das gelbe hingegen …“

„… wird Ihr wunderschönes Gesicht betonen. Allerdings hebt das geblümte blaue …“

„… Ihre Augen am besten hervor.“ Die beiden Männer sahen sich an, nickten und verkündeten gemeinsam: „Das geblümte blaue.“

Georgias erste Wahl wäre das Kleid nicht gewesen. Blumenmuster kamen gewöhnlich nicht einmal in die engere Auswahl. Sie bevorzugte dezente unifarbene Sachen. Doch da ihre Meinung hier offenbar nicht zählte, gehorchte sie, als die beiden sie in eine Umkleidekabine scheuchten und ungeduldig davor warteten. Zu ihrer Überraschung hatten sie recht – das blaue Blumenmuster passte hervorragend zu ihren Augen. Sie betrachtete sich lächelnd im Spiegel und drehte sich rasch, um zu sehen, wie gut es saß.

„Und?“, rief einer der Toms vor der Umkleidekabine.

Georgia holte tief Luft und trat zur Begutachtung aus der Kabine.

„Schätzchen, Sie werden glatt …“

„… die Braut in den Schatten stellen.“

Sie lächelte und freute sich trotz dieser Übertreibung. Dann ließ sie das Abstecken und Zurechtzupfen über sich ergehen und fühlte sich dabei wie eine Schneiderpuppe.

„Was wird Ihr Begleiter tragen?“, erkundigte sich der größere der beiden.

„Einen Anzug, nehme ich an.“ Falls er kommt, fügte Georgia im Stillen hinzu.

„Einen marineblauen Anzug?“, fragte der andere misstrauisch. „Er muss unbedingt einen marineblauen Anzug tragen, um Ihr Kleid zu ergänzen.“

Sie nickte stumm. Da Rob stets gut gekleidet war, hatte er bestimmt einen marineblauen Anzug im Schrank. Georgia runzelte die Stirn. Wieso kam ihr ständig eine marineblaue Uniform in den Sinn?

Beide Toms schrieben etwas auf einen Zettel. „Gehen Sie in die Accessoires-Abteilung bei Elm’s und kaufen Sie dort einen Strohhut von Derrin …“

„… mit weißem Band. Danach gehen Sie ins Schuhgeschäft und holen sich weiße Espadrilles …“

„Wenn Sie zurück sind …“

„… wird Ihr Kleid fertig sein.“

Sie grinsten gleichzeitig und einer der beiden reichte ihr einen Abholzettel. Machtlos angesichts so viel guten Geschmacks nahm Georgia den Zettel und hätte fast einen Knicks gemacht. Dann zog sie sich wieder um und verließ das Geschäft.

Sie folgte den Anweisungen und ging zuerst zu Elm’s. Weil sie sich in dem vornehmen Geschäft nicht auskannte, dauerte es eine Weile, bis sie die Abteilung für Accessoires fand.

Welchen Strohhut mit weißem Band sollte sie nehmen? Es gab so viele davon. Sie probierte einen nach dem anderen auf und stellte fest, dass sie sich so gut wie schon lange nicht mehr amüsierte. Sie hatte sogar die Spange aus ihren Haaren genommen und spielte mit dem Gedanken, sie zur Hochzeit offen zu tragen. Schließlich entschied sie sich für einen Strohhut in Melonenform und hoffte, dass die beiden Toms mit ihrer Wahl einverstanden waren. Die Espadrilles waren schick und bequem, nur viel teurer als vor zwanzig Jahren, als sie zum ersten Mal in Mode waren.

Auf dem Rückweg gab sie ihrem knurrenden Magen nach und machte in der Restaurant-Passage halt für eine Brezel mit Frischkäse und eine Cola. Das Einkaufszentrum war ein hervorragender Ort, um Menschen zu beobachten, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Zum Beispiel der alte Mann dort drüben, der seine Zeitung las. Oder die Drillinge in ihrem Dreier-Buggy, die alle ein Eis aßen. Oder der Polizist, der mit einer Gruppe Jugendlicher an einem Tisch diskutierte.

Georgia hörte auf zu kauen und kniff die Augen zusammen. Officer Medlock? Ihr Puls beschleunigte sich. Was machte er denn hier im Einkaufszentrum? Sie beobachtete, wie er die Kinder entließ, und schaute auf ihre Uhr. Aha, die Kids schwänzten wahrscheinlich die Schule. Er stand, die Hände in die Hüften gestemmt, da und schaute den Jungen nach, die ihm mürrische Blicke über die Schulter zuwarfen, während sie zum Ausgang schlenderten.

Georgia fragte sich, wie es dem Hund ergangen war, und entschied, dass es durchaus gerechtfertigt war, sich danach zu erkundigen. Schließlich hatte sie für den Hund ihren Job riskiert. Doch während sie zu Ken Medlock sah, kam eine junge Frau auf ihn zu. Sie trug hautenge Kleidung, hochhackige Pumps und warf aufreizend die Haare zurück. Georgia betrachtete ihre Berufskleidung und beschloss, doch lieber unauffällig zu verschwinden. Der Cop antwortete auf die Frage der Frau mit einem Lächeln, bei dessen Anblick Georgia sich glatt an einem Stück Brezel verschluckte.

Es blieb ihr prompt in der Luftröhre stecken, sodass sie keine Luft mehr bekam. Georgia griff sich röchelnd an die Kehle. Sie würde sterben, mit ihren letzten Gedanken bei dem geschmacklosen Ereignis der letzten Nacht. Und die Begrüßung im Himmel würde lauten: „Ach, sieh mal, da kommt ja Miss Telefon …“

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