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Tiffany Duo Band 0162

Raeanne Thayne

Küsse auf eigene Gerahr

PROLOG

“Wirklich, es ist absolut perfekt.” Dylan Webster streckte ihrer besten Freundin Lucy Harte beschwörend die Hände entgegen. “Siehst du das denn nicht? Es ist der einzige Weg.”

Lucy schaute Dylan auf ihre ernste Art aus besorgten grauen Augen an. Im Dämmerlicht des Heubodens wirkte ihre Stirn ganz zerknittert.

“Also, ich weiß nicht …”

“Ach komm schon, Luce. Du sagst doch selbst, dass wir eigentlich Schwestern sein sollten und nicht bloß Freundinnen. Wir haben am selben Tag Geburtstag, wir sind beide verrückt nach Pferden, und wenn wir groß sind, wollen wir beide Tierärztinnen werden wie meine Mom.”

“Na ja, schon, aber …”

“Und wenn meine Mom deinen Dad heiratet, sind wir endlich richtige Schwestern. Dann haben wir ein gemeinsames Zimmer und fahren jeden Tag zusammen mit dem Schulbus in die Schule und all das, und hier auf der Ranch könnte ich dann auch ein eigenes Pferd haben.”

Lucy nagte an ihrer Unterlippe. “Aber …”

“Du wünschst dir doch genauso eine Mom wie ich mir einen Dad, oder? Auch wenn du noch deine Tante Cassie hast, ist es trotzdem nicht dasselbe. Du weißt genau, dass es nicht dasselbe ist.”

Lucy stieß einen immer noch leicht zweifelnden Seufzer aus, aber über ihr Gesicht huschte ein verträumter Ausdruck. “Und dann sind wir Schwestern, Luce”, ließ Dylan nicht locker. “So ganz richtige. Wär das nicht toll?”

“Ja, echt toll, wirklich.” Doch dann legte Lucy die Stirn erneut in Falten. “Aber warum sollten sie heiraten, Dylan? Ich glaube nicht mal, dass sie sich besonders mögen.”

“Wer?”

“Mein Dad und deine Mom.”

Nun verlor auch Dylan ihren Enthusiasmus. Lucy hatte recht. Ihr Dad und Dylans Mom mochten sich wirklich nicht besonders. Erst kürzlich hatte Dylan gehört, wie ihre Mom zu Sue Ann gesagt hatte, dass Matt Harte ein sturer alter Knochen sei.

Dylan zuckte bei der Erinnerung leicht zusammen. Na schön, dann mochten die beiden sich eben nicht besonders. Trotzdem fand ihre Mom, dass er gut aussah und eine tolle Figur hatte. Weil das nämlich Sue Ann gesagt hatte, und ihre Mom hatte nicht widersprochen, sondern war sogar ein bisschen rot geworden. Und das zählte schließlich auch.

Dylan bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln. “Sie hatten bloß noch keine Gelegenheit, sich richtig kennenzulernen.”

Lucy wirkte immer noch nicht ganz überzeugt. “Aber mein Dad hat erst letzte Woche zu Tante Cassie gesagt, dass er diese Kurpfuscherin aus der Stadt nie an sein Vieh lassen würde. Ich glaube, damit hat er deine Mom gemeint.”

Dylans Augen wurden schmal. “Meine Mom ist keine Kurpfuscherin.”

“Weiß ich doch. Für mich ist deine Mom die beste Tierärztin der Welt. Ich erzähle ja nur, was Dad gesagt hat.”

“Dann müssen wir ihn eben dazu bringen, dass er seine Meinung ändert. Wenn sie sich erst besser kennen, merken sie schon, dass sie zusammengehören.”

“Also, ich weiß nicht.”

Dylan atmete so prustend aus, dass ihre kastanienbraunen Ponyfransen flogen. Vor drei Monaten war sie mit ihrer Mom aus Kalifornien hierher gezogen, und seitdem waren sie und Lucy die allerbesten Freundinnen, die man sich nur vorstellen konnte, aber um manche Sachen machte sich Lucy definitiv zu viele Gedanken.

Dabei war doch alles ganz einfach. Und es wäre echt cool, wenn es klappen würde. Sie wünschte sich so sehnlichst einen Dad, und sie fand, dass Matt Harte mit seinen großen Händen, dem breiten Lächeln und den freundlichen Augen genau der Richtige war. Und obendrein dann auch noch Lucy als Schwester zu bekommen, wäre einfach traumhaft.

Sie musste sich nur noch ein bisschen mehr Mühe geben.

“Du wirst schon sehen, dass es klappt. Glaub mir. Ich weiß es ganz genau.” Sie packte Lucys Hand und drückte sie fest. “Es wird nicht mehr lange dauern, dann gehen wir mit Blumen im Haar zum Altar, und ich und meine Mom leben für immer mit euch hier auf der Ranch. Hör zu, ich hab da eine Idee …”

1. KAPITEL

“Sie haben was gemacht?”

Ellie Webster und der hochgewachsene schroffe Rancher neben ihr sprachen beide gleichzeitig. Ellie warf Matt Harte einen Blick zu und bemerkte, dass er dreinschaute, als ob er gerade eins mit einem Baseballschläger über den Kopf bekommen hätte.

“Oje. Das habe ich befürchtet.” Sarah McKenzie lächelte um Verzeihung heischend.

Wenn Ellie die blonde Lehrerin ihrer Tochter anschaute, fühlte sie sich stets an ein Palomino-Fohlen erinnert, das beim geringsten Anlass die Flucht ergreift. Obwohl sie sich jetzt sehr effektiv hinter ihrem ausladenden Lehrerinnenpult verschanzt hatte. “Darf ich das so verstehen, dass Sie beide nicht in dem Vorbereitungskomitee für das Fest am Valentinstag mitarbeiten wollen?”

“Himmel, ja.” Matt Harte wirkte völlig entsetzt angesichts der absurden Vorstellung, dass er einem solchen Komitee angehören könnte … so entsetzt, als ob Miss McKenzie ihn soeben aufgefordert hätte, sich mit einem ihrer perfekt gespitzten Bleistifte die Augen auszustechen, dachte Ellie.

“Ich wusste bis jetzt überhaupt nichts von dem Fest”, warf Ellie ein.

“Tja, dann haben wir ein Problem.” Miss McKenzie faltete ihre Hände über einem Buch, das wie ein Klassenbuch aussah – dünn und schwarz und geheimnisvoll.

Ellie hatte Klassenbücher immer gehasst.

“Die Mädchen sagten, dass Sie bereit seien, zusammen die Leitung des Komitees zu übernehmen”, sagte die Lehrerin. “Und zwar mit großen Nachdruck.”

“Das kann nur ein Scherz gewesen sein, anders kann ich es mir nicht erklären. Ich wüsste nicht, warum zum Teuf … zum Kuckuck Lucy auf so eine hirnverbrannte Idee kommen sollte.” Matt Harte warf Ellie einen kurzen verächtlichen Blick zu, der bewirkte, dass sie sich versteifte. Sie wusste genau, was er dachte. Und falls doch, ist sonnenklar, wer ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt hat.

Ellie dachte darüber nach, was der Rancher eigentlich gegen sie hatte. Und nicht nur er – es schien ihr, als ob die gesamte Gemeinde ihren Fähigkeiten als Tierärztin misstraute. Jedenfalls könnte sie viel mehr Patienten haben als bislang. Ellies Gedanken schweiften gerade zu dem Stapel unbezahlter Rechnungen, als Miss McKenzies entschiedene Stimme sie wieder in die Gegenwart beförderte. “Na ja, es kam mir auch gleich irgendwie spanisch vor, weil es mir so gar nicht zu Ihnen beiden zu passen schien”, sagte die Lehrerin nun. “Darum habe ich Sie hergebeten”, fuhr sie fort. “Vielleicht können wir versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.”

“Aber weshalb sollten die Mädchen lügen?”, fragte Ellie. “Mir ist völlig schleierhaft, warum die beiden behaupten, wir würden uns freiwillig zu etwas melden, von dem ich noch nie gehört habe.”

Die mit einer weißen Bluse bekleidete Lehrerin hob die Schultern. Diese Bewegung wirkte so anmutig, dass Ellie sich in ihrer Jeans und dem Flanellhemd ungefähr so weiblich fühlte wie ein Lastwagenfahrer.

“Ich weiß es nicht”, sagte sie. “Ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht etwas Licht in die Angelegenheit bringen könnten.”

“Es kann sich nur um ein Missverständnis handeln”, sagte Matt schroff.

Miss McKenzie schwieg einen Moment, dann stieß sie einen leisen Seufzer aus. “Ich habe befürchtet, dass Sie das sagen. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich zwei Elternteile brauche, die das Komitee leiten, und Ihre Töchter wünschen sich offensichtlich, dass Sie das tun. Könnten Sie nicht vielleicht wenigstens darüber nachdenken?”

Matt schnaubte verächtlich. “Also, ich bin für so etwas garantiert der Falsche.”

“Das glaube ich nicht”, widersprach die Lehrerin, als versuche sie, einen widerspenstigen Schüler zur Vernunft zu bringen, und Ellie war erstaunt, wie wenig sie sich von dem barschen Auftreten des Ranchers beeindrucken ließ, von seiner beeindruckenden Erscheinung ganz zu schweigen. Mit diesem kantigen Gesicht, den durchdringenden blauen Augen und breiten Schultern strahlte Matt Harte eine unverhohlene Männlichkeit aus. Ellie konnte nicht einmal neben ihm sitzen, ohne die geballte Kraft in diesen Muskeln zu spüren.

Aber Sarah McKenzie schien dagegen völlig immun zu sein. Sie behandelte den Mann mit derselben Geduld und Nachsicht wie ihre Viertklässler.

“Ich denke, dass Sie beide wunderbar für diese Aufgabe geeignet wären”, fuhr die Lehrerin fort. “Da dies mein erstes Jahr an dieser Schule ist, mache ich so ein Fest zum ersten Mal mit. Wie ich von Kollegen hörte, sind in den vergangenen zwei Jahren immer weniger Leute gekommen. Und dass das für uns ein Problem ist, muss ich Ihnen ja sicher nicht sagen.”

“Nein”, sagte der Rancher mit ernstem Gesicht, und Ellie hätte sich fast brav mit Handzeichen gemeldet, um jemanden zu bitten, ihr den Ernst der Lage zu erklären. Sie konnte beim besten Willen kein Problem darin erkennen, dass einige der braven Bürger von Salt River beschlossen hatten, den Valentinstag woanders als in der Grundschule zu feiern.

“Das Fest ist sehr wichtig, damit wir wieder ein bisschen Geld in unsere Kasse bekommen”, erklärte Miss McKenzie, als ob sie Ellies Gedanken gelesen hätte. “Wir benötigen es dringend, um für die Schulbibliothek neue Bücher anzuschaffen. Deshalb brauchen wir Organisatoren, die ein paar zündende Ideen haben … frischen Wind in die Sache bringen, wenn Sie so wollen. Und ich denke, dass gerade Sie beide genau richtig dafür wären.”

Einen Moment lang blieb es still, dann beugte sich der Rancher vor. “Tut mir wirklich leid, Miss McKenzie. Ich würde Ihnen gern helfen, ganz ehrlich. Ich bin sehr dafür, dass für die Bibliothek neue Bücher angeschafft werden, und bin auch gern bereit, etwas zu spenden, wenn Ihnen das weiterhilft. Aber als Organisator für so ein Fest bin ich wirklich der absolut Falsche. Ich habe keinen Schimmer, wie man so etwas macht.”

“Tja, ich fürchte, meine starke Seite ist es auch nicht gerade”, meinte Ellie, was eine himmelschreiende Untertreibung war.

“Aber Ihren Töchtern scheint es aus irgendwelchen Gründen sehr wichtig zu sein, dass Sie sich an den Vorbereitungen beteiligen.” Miss McKenzie wandte sich wieder an Matt. “Hat Lucy Sie jemals um Ihre freiwillige Mitarbeit in der Schule gebeten, Mr Harte?”

Die Stirn des Ranchers legte sich in Falten. “Nein”, gab er schließlich zurück. “Soweit ich mich erinnere, nicht.”

“Ich finde, Lucy hat sich im Verlauf des Schuljahrs sehr verändert. Sie ist längst nicht mehr so schüchtern wie früher.”

“Nein?”

“Seit Dylan in der Klasse ist, ist Lucy viel besser integriert als früher. Sie ist ein reizendes Mädchen mit viel schöpferischer Energie.”

“Und das ist gut, oder?”

“Sehr gut. Obwohl sie trotzdem immer noch dazu neigt, sich im Hintergrund zu halten. Sie äußert selten von sich aus eine Meinung. Ich bin überzeugt davon, dass es wunderbar für Ihre Tochter wäre, durch Sie in die Festvorbereitungen mit einbezogen zu werden. Das könnte ihr möglicherweise das Selbstvertrauen geben, an dem es ihr bis jetzt noch fehlt.”

“Ich bin sehr beschäftigt, Miss McKenzie …”

“Das ist mir klar. Und mir ist ebenfalls klar, dass Dr. Webster alle Hände voll damit zu tun hat, ihre Tierarztpraxis hier in Star Valley aufzubauen.”

Du weißt nicht mal die Hälfte, dachte Ellie grimmig.

“Aber ich denke dennoch, dass es beiden Mädchen helfen würde, nicht nur Lucy”, sagte die Lehrerin und wandte sich nun an Ellie. “Ich habe Ihnen schon neulich gesagt, dass mir Ihre Tochter ein bisschen Sorgen macht. Dylan ist sehr intelligent und die geborene Anführerin, aber im Unterricht hat sie bisher noch nicht besonders viel Begeisterung gezeigt.”

Die Lehrerin, die ihre Hände immer noch gefaltet vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte, bedachte Matt und Ellie mit einem Blick, unter dem Ellie sich vorkam, als sei sie während der Schulstunde beim Kaugummikauen erwischt worden. “Es ist offensichtlich, dass keiner von Ihnen große Lust hat, sich diese zusätzliche Arbeit aufzuhalsen, und das kann ich gut verstehen, glauben Sie mir. Aber ich würde Ihnen dennoch raten, Ihre Bedenken über Bord zu werfen und an Ihre Töchter und deren Wünsche zu denken.”

Oh, sie war gut. An das elterliche Schuldgefühl zu appellieren funktionierte immer.

Ellie beobachtete aus dem Augenwinkel, dass Harte denselben inneren Kampf mit sich ausfocht.

Wie sollte sie das bloß machen? Valentinstag, um Himmels willen. Der Tag der Romantik, der Blümchen und Herzen. Lauter Dinge, mit denen sie absolut keine Erfahrung hatte.

Davon abgesehen hatte sie im Augenblick so viel damit zu tun, ihre Praxis zu retten, dass sie für nichts anderes Zeit hatte und jeden Abend todmüde ins Bett fiel.

Und dennoch, Dylan wollte, das sie es machte. Warum auch immer, auf jeden Fall schien es ihrer Tochter wichtig zu sein. Und war Ellie es ihr nicht schuldig, nachdem sie sie schon aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen und in diese fremde Welt gebracht hatte? Musste sie es nicht wenigstens versuchen, wenn es Dylan glücklich machte?

Und vielleicht – ganz vielleicht – hilft es dir ja auch, in dieser fest gefügten Gemeinschaft von Star Valley ein bisschen besser Fuß zu fassen, flüsterte eine egoistische Stimme in ihrem Hinterkopf.

Wenn sie den anderen Eltern zeigte, dass sie bereit war, sich für die Schule zu engagieren, waren die vielleicht im Gegenzug dazu bereit, Ellie in ihre Reihen aufzunehmen. Und sie musste wirklich dringend etwas unternehmen, sonst würde ihre Praxis noch ganz den Bach runtergehen.

“In Ordnung, ich mache mit”, sagte sie schnell, bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte. “Was ist mit Ihnen, Harte?”

“Valentinstag! Woher zum Teufel soll ich wissen, was sich die Leute von einem Fest zum Valentinstag erwarten?”

Das klang so ratlos, dass sie unwillkürlich kichern musste. Obwohl ihr der Mann wirklich gegen den Strich ging. Er legte ihr Steine in den Weg, wo er nur konnte. Nicht genug damit, dass dieser starrköpfige Mann nicht die geringste Neigung zu haben schien, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, er riet auch den anderen Ranchern noch davon ab, Ellie zu konsultieren. Durch die Verachtung, die er ihren unkonventionellen Behandlungsmethoden entgegenbrachte, fühlte sie sich sowohl in ihrer beruflichen wie auch in ihrer persönlichen Ehre gekränkt.

“Soll das heißen, dass Ihnen in den letzten Jahren niemand Blumen oder Pralinen geschickt hat? Bei Ihrer reizenden Art hätte ich eigentlich erwartet, dass Sie sich vor Grüßen zum Valentinstag gar nicht retten können.”

Die schnippische Bemerkung war Ellie kaum herausgerutscht, da bereute sie sie auch schon. Auch wenn sie nichts von Matt Harte hielt, sollte sie zumindest versuchen, höflich zu bleiben.

Trotzdem spürte sie, dass sich ihre Nackenhaare aufstellten, als er sie wütend anfunkelte. Was sein bevorzugter Gesichtsausdruck zu sein schien. Wirklich ein Jammer. Wenn er nicht ständig so dreinschauen würde, als ob er sich gerade in einen Kaktus gesetzt hätte, könnte er richtig attraktiv aussehen. Ihr war völlig unbegreiflich, wie so ein süßes Mädchen wie Lucy einen dermaßen sauertöpfischen Vater haben konnte.

Bevor er dazu kam, etwas zu erwidern, schritt die Lehrerin mit derselben diplomatischen Art ein, mit der sie wahrscheinlich Raufereien auf dem Schulhof ein Ende machte. “Es ist nicht nötig, dass Sie sich sofort entscheiden. Wir haben erst Mitte November und bis zum Valentinstag ist noch jede Menge Zeit. Ich schlage vor, dass Sie es sich ein paar Tage überlegen, und dann können wir ja vielleicht nächste Woche noch einmal darüber sprechen.”

Damit stand Miss McKenzie auf. “Danke, dass Sie beide gekommen sind”, sagte sie. “Ich melde mich dann nächste Woche bei Ihnen.”

Ellie erhob sich ebenfalls und schlüpfte in ihren Mantel. Lucys Vater tat dasselbe.

“Entschuldigen Sie das Durcheinander”, sagte er und streckte Miss McKenzie die Hand hin.

“Macht nichts. Ich melde mich dann”, wiederholte die Lehrerin und drückte erst Ellie und dann Matt die Hand.

Was soll das bloß alles? fragte sich Matt, während er der Tierärztin mit den dubiosen Behandlungsmethoden aus dem Klassenzimmer auf den Flur folgte.

Sie warf ihm einen merkwürdigen Blick zu, als er ihr die Tür aufhielt, dann ging sie ohne ein Wort an ihm vorbei. Dabei streifte ihr Mantel seinen Arm, und der Duft ihres Haars wehte ihm in die Nase. Es roch sauber und frisch, wie diese köstliche Zitronencreme, die es drüben im Restaurant gab.

Es kann dir absolut egal sein, wie das Haar dieser verstädterten Tierärztin riecht, ermahnte sich Matt streng. Und auch, dass diese kleine vorwitzige Nase mit Sommersprossen gesprenkelt war oder dass dieses süß duftende Haar im Licht so rot leuchtete wie ein Sonnenuntergang im August nach einem Gewitter.

Er schob die unerwünschten Gedanken beiseite und folgte Ellie Webster in die kalte Nacht hinaus. Als ihm ein eisiger Wind ins Gesicht blies, verkroch er sich tiefer in seiner Jeansjacke.

Es war viel kälter als normalerweise um diese Jahreszeit. Am Himmel hingen dunkle schwere Wolken, und das Zwielicht schuf eine gespannte Atmosphäre wie kurz vor einem Schneesturm.

Vorhin auf dem Weg in die Stadt hatte er im Radio gehört, dass sie mit mindestens einem Meter Schnee rechnen mussten. Genau das, was er jetzt brauchte. Mit diesem eisigen Wind, der aus Kanada herüberblies, würden sie heute Nacht garantiert Frost bekommen. Und wenn dann auch noch ein Schneesturm dazukam, würde er heute Nacht alle Hände voll mit der Herde zu tun haben.

Ellie las seine Gedanken. “Dem Himmel nach zu urteilen kann ich mir vorstellen, dass wir heute beide eine unruhige Nacht haben werden.”

“Sie auch?”

“Nun, Mr Harte, Sie werden es sich kaum vorstellen können, aber ein paar Patienten habe ich immer noch.”

Er versuchte sich auszumalen, wie dieses Stadtmädchen einen Bullen in eine Box zu drängen versuchte, aber er schaffte es nicht. Himmel, sie wirkte so zierlich, dass man sich nicht einmal vorstellen konnte, dass sie mit einem einen Tag alten Kalb zurechtkam. Das war sein erster Gedanke gewesen, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Sie reichte ihm kaum bis ans Kinn, und ihre Handgelenke waren so dünn wie die Fesseln eines ausgehungerten Kätzchens. Was wollte ein mageres Stadtmädchen aus Kalifornien in der Wildnis von Wyoming? Er hatte wirklich keinen Schimmer.

Auf dem Schulparkplatz standen nur zwei Fahrzeuge – der nagelneue Truck, den er sich letzte Woche gekauft hatte, und ihr alter verbeulter Ford Pick-up.

Miss McKenzie schien zu Fuß gekommen zu sein, weil sie nicht weit entfernt von der Schule wohnte. Es war so affenkalt geworden, dass er ihr vielleicht anbieten sollte, sie nach Hause zu fahren.

Bevor er dazu kam, sich umzudrehen und zurückzugehen, sah er, dass Ellie Webster vergeblich mit ihrem Türschloss kämpfte.

“Kann ich Ihnen helfen, Ma’am?”, fragte er schließlich.

Sie brummte, während sie mit dem Schlüssel herumhantierte. “Das Schloss klemmt offenbar …”

War das nicht wieder typisch Stadtmädchen, sich diesen ganzen Ärger mit dem Schloss aufzuladen, nur weil sie glaubte, einen verrosteten alten Pick-up abschließen zu müssen, den sowieso keiner stehlen würde? “Die meisten von uns schließen ihre Autos nicht ab, wissen Sie. Gibt eigentlich keinen Grund dafür.”

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. “Und die meisten von Ihnen halten Karaoke wahrscheinlich für ein Mädchen, mit dem sie zur High School gegangen sind.”

Seine Mundwinkel zuckten, aber er verkniff sich sein Grinsen. Stattdessen zog er einen Handschuh aus und legte seinen nackten Daumen auf das Schloss.

Sie beobachtete ihn mit einem verwirrten Stirnrunzeln. “Was machen Sie denn da?”

“Ihr Schloss anwärmen. Ich denke, dass es zugefroren ist. Solche Probleme hatten Sie wahrscheinlich in Kalifornien nicht, oder?”

“Nein, eher nicht. Ich nehme an, das ist eine weitere aufregende Seite an Wyoming. Genau wie die ewigen Baustellen.”

“Kurz bevor die Sonne untergegangen ist, hat es geregnet. Da kann es bei diesen Temperaturen leicht passieren, dass das Schloss zufriert.”

“Ich werde in Zukunft daran denken.”

“So. Das müsste eigentlich reichen.” Er pflückte ihr wortlos den Schlüssel aus der Hand und schob ihn ins Schloss. Es ließ sich nun ganz leicht aufschließen, und Matt konnte nicht widerstehen, die Tür aufzureißen und sie ihr mit einer übertrieben galanten Verbeugung aufzuhalten.

Ellie stieg mit einem verärgerten Blick ein. “Danke.”

“Nichts zu danken.” Er schob seine Hände in die Taschen seiner gefütterten Jacke. “Also, wie gesagt, Sie brauchen Ihr Auto nicht abzuschließen. Hier bei uns stiehlt niemand.”

Sie wirkte nicht, als ob sie seinen Rat zu schätzen wüsste. “Sie machen die Dinge auf Ihre Art, Harte, und ich mache sie auf meine.”

Als sie den Zündschlüssel umdrehte, startete der Truck mit einem geschmeidigen Schnurren, das die schäbige Innenausstattung wettmachte. “Falls Sie beschließen sollten, dass Sie Manns genug sind, mir bei diesem dämlichen Fest zu helfen, sollten wir am besten bald anfangen.”

“Dass ich Manns genug bin?”, knurrte er.

Sie grinste ihn aus grün funkelnden Augen an, und er musste sich allergrößte Mühe geben, das Flattern, das er plötzlich im Bauch verspürte, zu ignorieren. “Nun, dass Sie genug Mumm haben, das durchzustehen!”, erklärte sie spöttisch.

“Das hat nichts mit Mumm zu tun”, schnappte er. “Es hat damit zu tun, dass ich meine Zeit nicht mit irgendwelchen idiotischen Festvorbereitungen vergeuden kann.”

“Wenn Sie meinen.”

“Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Dr. Webster.”

Etwas Falscheres hätte er offensichtlich nicht sagen können. Ihr Grinsen verrutschte, während sie sich versteifte und ihn mit Blicken in Streifen schnitt. “Und ich habe nichts Besseres zu tun als rosa und weiße Herzen auszuschneiden, um damit die Schule zu dekorieren, richtig? Das denken Sie doch, oder? Dank Ihnen und den anderen Holzköpfen hier in der Gegend habe ich weiß Gott nicht sehr viel zu tun, das muss ich zugeben.”

Er presste die Kiefer aufeinander. Darüber würde er hier draußen auf dem Parkplatz, wo der Wind so eisig blies, dass man sich den Tod holen konnte, ganz bestimmt nicht reden. “War nicht so gemeint”, brummte er.

“Ich weiß genau, wie es gemeint war. Weil ich nämlich genau weiß, was Sie von mir halten, Mr Harte.”

Das wagte er zu bezweifeln. Oder wusste sie, dass er viel mehr von ihr hielt, als er eigentlich sollte, und dass ihm ihre grünen Augen und ihr schlagfertiges Mundwerk nicht mehr aus dem Kopf gingen?

“Unsere Töchter wollen, dass wir es machen”, sagte sie. “Ich weiß zwar nicht, was die beiden da wieder ausgeheckt haben – und um die Wahrheit zu sagen, bin ich mir auch gar nicht sicher, ob ich es überhaupt wissen will –, aber für Dylan scheint es wichtig zu sein, und das reicht mir. Sagen Sie mir Bescheid, wie Sie sich entschieden haben.”

Damit knallte sie die Tür zu, wobei sie ihm um ein Haar die Finger eingeklemmt hätte. Dann fuhr sie mit aufheulendem Motor davon und ließ Matt, eingehüllt in eine Wolke aus Überrumpelung und Ratlosigkeit, zurück.

2. KAPITEL

Nachdem Matt unter dem hohen Torbogen der Diamond-Harte-Ranch hindurchgefahren war, hielt er einen Moment an, um wie so oft den Anblick, den er liebte, auszukosten. Er ließ den Blick über die sanften, mit Salbeisträuchern bewachsenen Hügel schweifen, den schnurgeraden Zaun, der sich hinzog, so weit das Auge reichte, die Stallungen und Nebengebäude, deren leuchtend roter Anstrich jetzt einen kühnen Kontrast zum weißen Schnee bildete, das Gewirr aus Pferdekoppeln und Pferchen.

Und am Ende der langen, von hohen Douglastannen gesäumten Einfahrt das verwitterte Ranchhaus aus Holz und Stein, das sein Großvater errichtet hatte, mit dem lang gestreckten Anbau, den er seinem Vater als Zwölfjähriger geholfen hatte zu bauen.

Sein Zuhause, das er leidenschaftlich liebte und das – zumindest in seinen Augen – dem Himmel näher war als irgendein Ort auf dieser Welt.

Er hatte der Ranch, die er zu dem blühenden Unternehmen ausgebaut hatte, das sie heute war, alles geopfert: Seine gesamte Zeit und Energie; seinen Collegeabschluss in Landwirtschaft, für den er gerade gebüffelt hatte, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren; sogar seine Frau, die die Ranch ebenso leidenschaftlich gehasst hatte wie er sie liebte.

Melanie. Die Frau, die er mit heftig aufflammender Leidenschaft geliebt hatte. Einer Leidenschaft, die schnell in erbitterten Hass umgeschlagen war. Die Frau, die ihn belogen und betrogen hatte und die ihn schließlich, als Lucy noch nicht einmal drei Monate alt gewesen war, verlassen hatte.

Melanie war auch ein Mädchen aus der Stadt gewesen, fasziniert von törichten romantischen Träumen vom Leben im Wilden Westen. Doch dann hatte sie sehr schnell entdeckt, dass die Wirklichkeit hier keineswegs romantisch aussah. Dass die Arbeit hart und das Wetter erbarmungslos war. Dass Vieh nicht wie Rosenparfum duftete und dass man sich nie darauf verlassen konnte, dass regelmäßig Geld ins Haus kam. Dass einen im Sommer Insektenplagen und im Winter Schneestürme tagelang auf Trab halten konnten.

Melanie hatte nie auch nur versucht, dazuzugehören. Sie war verloren gewesen. Todunglücklich und verzweifelt auf der Suche nach etwas, das sie nicht finden konnte. Das war Matt mittlerweile klar geworden.

Sie war der Meinung gewesen, dass er die Ranch verkaufen und mit ihr irgendwo anders ein neues Leben anfangen sollte. Und als er sich geweigert hatte, hatte sie ihm das Leben zur Hölle gemacht.

Warum fühlte er sich bloß immer von Frauen angezogen, die nicht hierher gehörten? Er dachte an die Tierärztin aus Kalifornien. Vielleicht einfach nur, weil sie irgendwie so anders war, das war alles. Irritierend, arrogant, streitlustig. Allein aus diesem Grund beschleunigte sich sein Puls, wenn Ellie Webster in der Nähe war.

Plötzlich zerrte ein besonders heftiger Windstoß, der vom Canyon heraufkam, an seinem Wagen. Er warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Fast sechs. Cassie traf sicher schon die ersten Vorbereitungen fürs Abendessen.

Drinnen im Haus war es warm und gemütlich. Er hatte Hunger, und als ihm der Essensduft in die Nase stieg, lief ihm das Wasser im Mund zusammen … Cassies leckere Hackfleischbällchen, wenn ihn nicht alles täuschte. Er hängte seinen Stetson an einen der Garderobenhaken neben der Tür, dann ging er in die Küche. Seine kleine Schwester stand an dem großen Profiherd, den er letztes Jahr auf ihren Wunsch hin angeschafft hatte, und rührte in einer Pfanne.

Als er hereinkam, schaute sie auf und lächelte ihn an. “Das Essen ist gleich fertig.”

“Riecht köstlich.” Bei Cassies Anblick verspürte Matt die vertrauten Gewissensbisse in sich aufsteigen. Sie sollte eigentlich ihr eigenes Zuhause haben und für einen Mann und Kinder kochen, statt ihr Leben damit zu verplempern, sich um ihn und Lucy zu kümmern.

Und wenn er sich in Melanie nicht so getäuscht hätte, würde sie jetzt genau das tun.

Es war kein neuer Gedanke. In den letzten zehn Jahren hatte er sich oft gewünscht, dass alles anders wäre. Cassie hätte eigentlich aufs College gehen sollen … oder wenigstens auf eine Kochschule, weil sie so gern kochte. Aber jedes Mal, wenn er das Thema auf ihre Zukunft brachte, beharrte sie darauf, dass sie es genauso wollte, wie es war.

Und wie sollte er überzeugend dagegenhalten, wenn er sich nicht sicher war, wie er allein mit Lucy zurechtkam?

Vielleicht wäre es anders, wenn Jesse öfter hier wäre. Dann könnte er seinem jüngeren Bruder ein paar Verantwortlichkeiten übertragen, und er selbst könnte sich mehr ums Haus und um Lucy kümmern. Aber Jesse verfolgte andere Ziele, und für die Ranch hatte er sich nie interessiert. Er träumte davon, die Welt vor den Bösen zu retten, und das war etwas, was ihm Matt nicht gerade zum Vorwurf machen konnte.

“Wo ist Lucy?”, fragte er.

“Oben in ihrem Zimmer, nehme ich an. Sie ist fix und fertig und konnte es gar nicht abwarten, bis du endlich aus der Schule zurückkommst.”

“Sie hat auch allen Grund, fix und fertig zu sein”, knurrte er ungehalten.

Cassie schaute erstaunt auf. “Hoppla. Ist es so schlimm? Was hat sie denn angestellt?”

“Wenn ich es dir erzähle, wirst du es nicht glauben”, brummte er und ging zur Treppe. “Ich gehe nur schnell hoch und rede mit ihr, dann kommen wir zum Essen runter.”

Als er nach einem kurzen Anklopfen Lucys Zimmer betrat, fand er seine Tochter auf dem Bett liegend vor. Sie schaute ihn durch einen langen dunklen Haarvorhang aus großen beunruhigten Augen an. Und zur Beunruhigung hatte sie nach Lage der Dinge auch allen Grund.

“Hi, Erbse.”

“Hi”, flüsterte sie. Mit leicht zitternden Händen hob sie Sigmund, den dicken gescheckten Kater, den sie großgezogen hatte, hoch und setzte ihn sich auf den Schoß.

“Ich komme eben aus der Schule. Du weißt ja, dass mich Miss McKenzie hinbestellt hat.”

Lucy spähte ihn zwischen den Ohren des Katers hindurch forschend an. Sie räusperte sich. “Was … äh … was wollte sie denn?”

“Ich bin mir sicher, du weißt es ganz genau, stimmt’s?”

Sie nickte mit bangem Blick.

“Kannst du mir vielleicht verraten, was das soll?”

Sie schien es einen Moment in Erwägung zu ziehen, dann schüttelte sie schnell den Kopf. Er musste sich über so viel Ehrlichkeit ein Grinsen verkneifen. “Ist ja ein Ding. Sag’s mir trotzdem.”

“Ich weiß nicht.”

“Raus damit, Luce. Was hast du dir dabei gedacht, mich für dieses Vorbereitungskomitee vorzuschlagen, ohne vorher auch nur ein einziges Wort mit mir darüber gesprochen zu haben?”

“Es war Dylans Idee”, murmelte das Mädchen.

Riesenüberraschung. Dylan Webster war eine Miniaturausgabe ihrer unmöglichen Mutter. “Warum?”

“Weil sie denkt, dass du es gut kannst, und weil hier alle Leute nach deiner Pfeife tanzen. Sagt ihre Mom jedenfalls.”

Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie Ellie Webster die kecke Nase hoch in die Luft reckte, während sie das sagte.

“Außerdem haben wir uns vorgestellt, dass es bestimmt Spaß macht”, fügte Lucy hinzu und streichelte den schnurrenden Kater. “Das ganze Fest vorzubereiten und so. Du und ich und Dylan und ihre Mom, wir alle zusammen. So eine Art Band zwischen uns allen eben.”

Eine Art Band? Himmel, das Letzte, was er brauchte, war ein Band zwischen sich und Ellie Webster, egal welcher Art.

“Was soll das denn jetzt? Wie kommst du denn auf so eine Idee?”

Lucy zuckte die Schultern. “Dylan sagt, dass gerade in unserem Alter der positive Einfluss von Eltern ganz wichtig ist. Und dass es für uns eine gute Gelegenheit ist, Führungsqualitäten zu entwickeln.”

Na toll. Jetzt setzte Ellie Websters Satansbraten seiner Tochter auch noch mit irgendwelchem Psychologengeschwafel einen Floh ins Ohr. Matt atmete hörbar aus. “Und du?”

Sie zwinkerte. “Ich?”

“Du hast mir zwar genau erklärt, wie Dylan die Sache sieht, aber was ist mit dir? Warum hast du mitgemacht?”

Lucy widmete sich ausführlich dem Fell des Katers. “Ich weiß nicht”, murmelte sie.

“Na, komm schon. Das kannst du doch besser.”

Sie nagte an ihrer Unterlippe, dann schaute sie auf den Kater. “Weil wir beide nie was zusammen machen.”

Er stutzte. “Wovon redest du eigentlich? Wir machen eine ganze Menge zusammen. Immerhin warst du erst letzten Samstag den ganzen Tag lang mit mir in Idaho Falls.”

Sie verdrehte die Augen. “Weil du dir einen neuen Truck gekauft hast, Dad. Echt toll! Ich will auch mal was anderes mit dir machen. Was nichts mit der Ranch zu tun hat.” Sie machte eine Pause, dann fügte sie leise hinzu: “Was bloß mit mir zu tun hat.”

Ah, noch mehr Schuldgefühle! Genau das, was er jetzt brauchte. Die Kleine war noch nicht einmal ganz zehn, aber sie verstand es bereits meisterhaft, ihm Schuldgefühle einzuflößen. Er seufzte.

Das Schlimme daran war nur, dass sie hundertprozentig recht hatte und dass er das auch wusste. Er hatte längst nicht genug Zeit für seine Tochter, auch wenn er sich redlich Mühe gab. Aber mit der ganzen Arbeit auf der Ranch war seine freie Zeit so rar wie im Januar die Sonne.

“Wäre es nicht besser gewesen, wenn du mir das alles vorher gesagt hättest? Dann hätten wir wenigstens erst einmal darüber reden können, und ich wäre nicht in so einer blöden Situation gewesen.”

Lucy versuchte, Sigmund am Aufspringen zu hindern, der offenbar keine Lust mehr hatte, noch weiter in diese Sache hineingezogen zu werden. Er entkam ihr mit einem empörten Miauen, sprang vom Bett und stakste aus dem Zimmer.

Lucy wartete, bis seine Schwanzspitze um die Ecke verschwunden war, bevor sie mit einer leisen, beschämten Stimme antwortete: “Dylan hat gesagt, dass ihr beide es bestimmt nie macht, wenn wir euch vorher fragen. Wir haben uns gedacht, dass es wahrscheinlich einfacher geht, wenn Miss McKenzie denkt, dass ihr einverstanden seid.”

“Das war nicht besonders fair, weder mir noch Dr. Webster gegenüber, meinst du nicht?” Er versuchte es mit einem Vergleich: “Was würdest du denn sagen, wenn ich dich mit einem der Pferde für ein Reitturnier anmelden würde, ohne dir vorher etwas davon zu sagen?”

Sie schüttelte sich, so sehr grauste es ihr bei der Vorstellung. Sie stand nicht gern im Mittelpunkt, dafür war sie zu schüchtern. Matt musste Miss McKenzie Recht geben – Dylan Webster war gut für seine Tochter, weil sie es schaffte, Lucy zumindest ein bisschen aus ihrem Schneckenhaus herauszulocken.

“Wie schrecklich.”

“Na, siehst du. Und mir gefällt das, was du getan hast, kein bisschen besser. Ich sollte mich sofort aus dieser ganzen Sache zurückziehen.”

“Dad, das kannst du doch nicht machen!”, protestierte sie. “Du machst alles kaputt.”

Er betrachtete sie einen Moment, dann ergab er sich mit einem Aufseufzen. Er liebte seine Tochter über alles. Sie war die größte Freude seines Lebens, viel, viel wichtiger als die Ranch. Und wenn sie das Gefühl hatte, zu kurz zu kommen, hatte er sich eben nicht genug Mühe gegeben.

“Bist du wirklich echt total böse auf mich?”, fragte Lucy kleinlaut.

“Vielleicht nicht wirklich echt total, aber böse schon.” Er grinste sie schief an. “Aber wart’s nur ab. Ich werde es dir schon heimzahlen. Und dann wirst du es bereuen, überhaupt je von diesem Fest gehört zu haben.”

Ihre Augen wurden wieder groß, diesmal jedoch vor Freude. “Heißt das, dass du mitmachst?”

“Das heißt es. Auch wenn ich denke, dass wir es beide noch bereuen werden.”

Doch allzu viel Reue konnte er nicht aufbringen, zumindest im Augenblick nicht, weil seine Tochter mit einem Jubelschrei vom Bett sprang und ihm die Arme fest um die Taille schlang.

“Oh, danke, Daddy! Danke, danke, danke! Du bist der beste Dad auf der ganzen Welt.”

Zumindest in diesem Moment fühlte er sich auch so.

“So, und wie sieht’s heute Vormittag aus?”, fragte Ellie Sue Ann. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie nicht nur die beste Assistentin, die sie sich wünschen konnte, gefunden hatte, sondern darüber hinaus auch noch eine wunderbare Freundin.

“Du wirst es nicht für möglich halten, aber du hast tatsächlich zwei Patienten.”

“Was? Wir werden doch wohl nicht einen Rekord aufstellen?”

Sue Ann kicherte und zückte mit Schwung zwei Patientenkarten. “In Untersuchungsraum eins haben wir Sasha, Mary Lou McGilverys Husky.”

“Was ist mit ihr?”

“Mit ihm. Es ist ein Er. Er kratzt sich ständig, und Mary Lou hat Angst, dass er Flöhe haben könnte.”

“Äußerst unwahrscheinlich um diese Jahreszeit. Dafür ist es zu kalt.”

“Das habe ich ihr auch schon gesagt. Auf jeden Fall möchte sie, dass du ihn dir mal ansiehst.”

Hunde waren nicht unbedingt Ellies Fachgebiet, weil sie Tierärztin für Großtiere war, aber für eine Hauterkrankung reichten ihre Kenntnisse allemal aus. “Und Patient Nummer zwei?”

Ihre Assistentin räusperte sich vielsagend. “Cleo.”

“Cleo?”

“Jeb Thackers afrikanische Bergziege. Sie hat eine … Persönlichkeitsstörung.”

“Wie bitte?”

“Na ja, Ben hat irgendwann mal gesagt, dass sie, wenn sie ein Mensch wäre, schon längst in der Klapse gelandet wäre.”

Ellie grinste, während sie sich vorstellte, wie Ben Nichols, der ihr die Praxis verkauft hatte, das sagte. Ben war ein echtes Original. Seit sie sich vor einigen Jahren auf einer Konferenz kennengelernt hatten, hatten sie sich nicht mehr aus den Augen verloren, weil sie sich auf Anhieb sympathisch gewesen waren. Was schließlich dazu geführt hatte, dass Ben ihr seine Praxis zu einem extrem günstigen Preis angeboten hatte, nachdem er beschlossen hatte, sich in Arizona zur Ruhe zu setzen.

“Was fehlt Cleo denn?”

“Jeb hat ziemlich herumgedruckst. Als ich versuchte, etwas Näheres in Erfahrung zu bringen, wurde er knallrot und murmelte irgendwas von Frauenproblemen.”

Eine persönlichkeitsgestörte Ziege mit einem Frauenproblem. Und sie hatte schon angenommen, es würde ein ruhiger Vormittag werden.

Nachdem Ellie bei dem Husky einen schlimmen Fall von Schuppenflechte festgestellt hatte, gab sie Mary Lou ein medizinisches Shampoo, von dem sie hoffte, dass es das Problem beseitigen würde. Dann zog sie ihren Mantel über und ging nach draußen zu den Pferchen hinter dem Haus, um sich die neurotische Ziege anzuschauen. Cleo wirkte eigentlich lammfromm. Die braunweiß gescheckte Ziege stand in einem der kleineren Pferche und nagte an dem obersten Querbalken des Zauns herum.

Ellie blieb einen Moment lang neben dem Zaun stehen und redete leise auf sie ein. Cleo drehte sich um und warf ihr aus riesigen langbewimperten braunen Augen einen Blick zu, in dem sich – Ellie hätte es beschwören mögen – reine Verachtung spiegelte.

Langsam und vorsichtig betrat Ellie den Pferch und ging, immer noch beruhigend auf das Tier einredend, darauf zu. Nicht weit entfernt blieb sie stehen. Obwohl sie die Ziege erst noch untersuchen musste, glaubte sie schon zu sehen, was das Problem war: Eins von Cleos Eutern war stark angeschwollen und gerötet. Wahrscheinlich eine Mastitis.

Da Cleo sie jetzt nicht mehr beachtete, pirschte sich Ellie noch ein bisschen näher heran. “Du bist doch ein ganz liebes Mädchen, nicht wahr?”, murmelte sie. “Das stimmt ja gar nicht, was alle über dich sagen.” Dabei streckte sie die Hand aus, aber noch ehe sie der Ziege übers Fell streicheln konnte, wirbelte Cleo blitzschnell herum. Ellie hatte keine Zeit mehr auszuweichen und landete, ehe sie es sich versah, in einer Pfütze, von der sie inständig hoffte, dass sie nur aus Wasser bestand.

Die Ziege wandte sich mit einem zufriedenen Meckern wieder der Querstange des Zauns zu.

“Hat Sie niemand vor Cleo gewarnt?”, fragte eine tiefe männliche Stimme.

Oh, Gott, genau der hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt.

3. KAPITEL

Matt betrat den Pferch, wobei er sorgfältig darauf achtete, zwischen sich und Jeb Thackers notorisch schlecht gelaunter Ziege einen Sicherheitsabstand einzuhalten.

“Warten Sie, ich helfe Ihnen beim Aufstehen.” Er streckte Ellie die Hand entgegen.

“Geht schon”, brummte sie ungehalten und stand ohne seine Hilfe auf, dann rieb sie sich verstohlen die Kehrseite.

Matt räusperte sich. “Alles okay?”

“Ich hatte schon angenehmere Vormittage, aber ich werde es überleben.”

“Sie sind ganz schön hart hingeschlagen. Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verletzt haben?”

“Ja. Höchstens mein Stolz hat was abbekommen”, sagte sie trocken. Sie schwieg einen Moment, dann lächelte sie widerstrebend und fügte hinzu: “Der Anblick war wahrscheinlich zum Schießen.”

Übermäßig ernst schien sie sich offenbar nicht zu nehmen. Matt ertappte sich dabei, dass er sie dafür mochte. Er schaute auf ihr Haar, das teilweise aus der Haarspange herausgerutscht war, und den kleinen Dreckspritzer auf ihrer Wange. Ihre Augen funkelten belustigt. Himmel, in diesem Augenblick war sie einfach das niedlichste Ding, das er seit langer Zeit gesehen hatte.

Als er nichts sagte, stieg ihr eine leise Röte in die Wangen, dann streckte sie die Hand aus, um ihr ungezähmtes Haar wieder zu ordnen. “Wollten Sie etwas von mir, Mr Harte?”

Ihm wurde klar, dass er sie anstarrte wie ein Bauerntrampel, der noch nie ein hübsches Mädchen gesehen hat. Er wurde rot, entsetzt über sich selbst und diese völlig unerwartete Welle von Anziehungskraft, von der er überschwemmt wurde.

“Wenn wir jetzt schon dieses blöde Fest zusammen organisieren müssen, können Sie genauso gut Matt zu mir sagen.”

Ihre großen grünen Augen, die ihn an Espenlaub im Frühling erinnerten, weiteten sich noch ein bisschen mehr. “Dann haben Sie also tatsächlich vor, mitzumachen?”

“Das habe ich doch gesagt, oder?”, brummte er.

Sie grinste. “Und wie begeistert Sie dabei klingen!”

“Wenn Sie auch noch Begeisterung wollen, müssen Sie sich jemand anders suchen.”

“Wie kommt’s, dass Sie Ihre Meinung geändert haben?”

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte, davon abgesehen ging es sie nichts an. Er hatte gesagt, dass er es machen würde, oder? Was wollte sie noch mehr? Aber dann verwandelte sich die scharfe Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, unversehens in etwas anderes.

“Miss McKenzie hat recht”, sagte er schließlich versöhnlich. “Lucy macht sich dieses Jahr in der Schule besser denn je. Für so etwas hätte sie sich früher niemals freiwillig gemeldet. Ich möchte die Fortschritte, die sie macht, nicht behindern. Davon abgesehen bittet sie mich nur selten um etwas. Wenn es sie glücklich macht, ist der Preis nicht zu hoch.”

Ellie Webster legte den Kopf auf die Seite und betrachtete den Mann wie ein seltenes Tier, das sie noch nie gesehen hatte.

“Was ist?”, fragte er, plötzlich verärgert, weil er sich so in die Ecke gedrängt fühlte.

“Nichts. Sie stecken nur voller Überraschungen, Mr Harte.”

“Matt”, brummte er. “Ich sagte, Sie sollen mich Matt nennen.”

“Matt.” Sie lächelte plötzlich, es war das natürlichste, wunderbarste Lächeln, das er je gesehen hatte. Matt fühlte sich plötzlich, als ob er eben ein paar Stunden ohne Hut in der glühenden Sonne verbracht hätte.

“Sind Sie deshalb gekommen?”, fragte sie. “Um mir zu sagen, dass Sie beschlossen haben, bei diesem Fest mitzuhelfen?”

Er zuckte die Schultern und befahl seinem Herzen, sich zusammenzureißen. “Ich war bei der Post. Und da ich jetzt sowieso schon mal da bin, dachte ich mir, ich könnte Sie fragen, ob Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit haben. Wenn Sie möchten, könnten wir uns drüben im Restaurant bei einer Tasse Kaffee ein paar Gedanken machen, wie wir am besten anfangen.”

Wieder wirkte sie überrascht, doch sie nickte. “Gute Idee. Aber wenn es Ihnen nur um den Kaffee geht, können wir auch in meiner Praxis reden. Sue Ann macht den besten Kaffee diesseits der Rockys.”

“Nichts dagegen. Gefrühstückt habe ich bereits. Sie … äh … müssen Sie sich erst ein bisschen saubermachen oder so?”

Sie schaute an sich hinunter, dann verzog sie das Gesicht und warf einen Blick auf die Ziege. “Können Sie zehn Minuten warten? Da ich jetzt ohnehin schon schmutzig bin, kann ich mir Cleo genauso gut auch gleich ansehen.”

Er dachte an die tausend Dinge, die er auf der Ranch zu tun hatte – die Käufer, die am Nachmittag kommen würden, die drei Pferde, die beschlagen werden mussten, den nervigen Papierkram, mit dem er sich ständig konfrontiert sah.

Er sollte eigentlich das, was er noch zu erledigen hatte, erledigen und einfach später noch einmal zurückkommen, aber aus irgendeinem überraschenden Grund nickte er. Seine nächste Frage überraschte ihn noch mehr. “Kann ich Ihnen irgendwie helfen?”

Wieder lächelte sie dieses süße freundliche Lächeln. “Das wäre toll. Ich fürchte, Cleo ist nicht sehr erbaut darüber, dass sie zum Tierarzt muss.”

Gute fünfzehn Minuten später saßen sie, jeder mit einer dampfenden Tasse Kaffee vor sich, in Ellies Sprechzimmer.

“Danke, dass Sie mir mit Cleo geholfen haben”, sagte Ellie.

“Nichts zu danken. Es war interessant zu sehen, wie Sie sie untersucht haben.”

Sie hob eine Augenbraue. “Warum ‘interessant’?”

Er zuckte die Schultern. “Weil ich ständig darauf gewartet habe, dass Sie diese Nadeln herausholen oder mit was für einem Kram Sie da normalerweise hantieren.”

“Kram, mit dem ich normalerweise hantiere?” In ihrer Stimme waren plötzlich genauso viele Eiszapfen wie an seinem Stalldach.

“Na ja, Sie wissen schon, dieser Akupunkturkram. Dann benutzen Sie ihn also nicht immer?”

Alle Freundlichkeit wich aus ihrem Gesicht, und plötzlich wurde sie wieder wachsam. “Nur wenn die Situation es erfordert.”

“Und die hier hat es nicht erfordert?”

Um ihre Lippen spielte ein kühles Lächeln. “Sehen Sie dieses Diplom dort an der Wand? Ich bin Tierärztin mit mehreren Jahren Erfahrung in traditioneller Tiermedizin. Der Akupunkturkram, wie Sie es nennen, ist eine Zusatzausbildung, die ich gemacht habe. Ich greife nur darauf zurück, wenn traditionelle Behandlungsmethoden versagt haben oder mir nicht angemessen erscheinen.”

“Und wann ist das?”

“Sie sind doch nicht hier, um sich eine Vorlesung in Tierakupunktur anzuhören, Mr Harte.”

“Es interessiert mich aber.”

Sie zögerte einen Moment, bevor sie ihm einen groben Überblick über verschiedene Behandlungsmethoden bei Pferden gab und mit den Worten schloss: “Sie würden überrascht sein, wie wirkungsvoll Akupunktur in manchen Fällen sein kann.”

Das wagte er zu bezweifeln. Auch wenn er nicht allzu skeptisch klingen wollte, weil er die nächsten paar Monate mit ihr zusammenarbeiten musste, hielt er das Ganze doch für ausgemachten Blödsinn. Ihre kalifornische Klientel mochte Ellie Webster diesen neumodischen Quatsch vielleicht abkaufen, aber die Leute in Wyoming hatten dazu eine etwas andere Einstellung.

Einen Moment lang erwog er, den Mund zu halten und das Thema zu wechseln, aber dann dachte er an seine Lucy und wie sehr sie Ellies Tochter mochte. Wenn ihre Praxis einging und sie mit Dylan wegzog, würde seine Tochter ihre beste Freundin verlieren.

Er räusperte sich. “Also, fassen Sie es bitte nicht falsch auf, Dr. Webster, aber ich würde Ihnen raten, sich in dieser Gegend besser auf die herkömmlicheren Behandlungsmethoden zu beschränken und den Rest von diesem Kr… äh … dieser Akupunktur in Kalifornien zu lassen.”

Sie presste die Lippen fest aufeinander. “Danke für den Rat”, sagte sie in einem Ton, der ihn über ihre wahren Gefühle nicht im Unklaren ließ. Welche mit Dankbarkeit nichts zu tun hatten.

Er hätte nichts weiter sagen sollen, aber irgendetwas trieb ihn dazu, noch eins draufzusetzen. “Sehen Sie, es ist kein Geheimnis, dass Sie eine Menge Patienten an Bens Neffen Steve Nichols verloren haben. Himmel, ich gehe ja selbst zu ihm. Viele Leute verstehen nicht, warum Ben Ihnen die Praxis verkauft hat statt seinem Neffen. Auf jeden Fall bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie einen Teil der Leute wieder zurückholen könnten, wenn Sie sich nicht so auf Akupunktur konzentrieren.”

“Ich sage Ihnen ja auch nicht, wie Sie Ihre Ranch führen sollen”, sagte sie leise, wobei sie ihre Hände fest auf ihrem Schreibtisch faltete. “Deshalb sagen Sie mir bitte auch nicht, wie ich meine Praxis führen soll.”

Er lehnte sich zerknirscht zurück. Dabei hatte er es nur gut gemeint! “Entschuldigung”, brummte er. “Natürlich geht es mich nichts an. Ich dachte einfach nur, Sie sollten wissen, dass wir hier draußen dazu neigen, das Altbewährte vorzuziehen. Besonders wenn es um unser Vieh geht.”

“Das brauchen Sie mir nicht zu sagen.”

“Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.”

Sie zuckte die Schultern. “Sie sagen mir nur ins Gesicht, was alle anderen hinter meinem Rücken sagen. Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen. Können wir jetzt über das Fest sprechen?”

“Oh, ja, sicher.”

Wer hätte sich vor vierundzwanzig Stunden träumen lassen, dass er ein Valentinstagsfest als ein sicheres Thema für eine Unterhaltung betrachten könnte?

4. KAPITEL

Nur ein paar Minuten, nachdem Matt sich verabschiedet hatte, hörte Ellie, dass wieder jemand die Praxis betrat. Von ihrem Platz aus konnte sie nicht sehen, um wen es sich handelte, aber sie beobachtete, wie Sue Anns einladendes Lächeln verblasste und ihr Gesicht sich verschloss.

Neugierig, wer sich von der Frau, die die Freundlichkeit erfunden zu haben schien, einen derart frostigen Blick verdient hatte, stand Ellie auf und ging durch ihr Zimmer zur Tür.

Steve Nichols, der Neffe des Tierarztes, der ihr die Praxis verkauft hatte, schloss gerade die Tür hinter sich.

Das hätte sie sich gleich denken können. Sue Ann hatte für jeden in der Stadt ein gutes Wort übrig, außer für Bens Neffen. Wenn es um Steve ging, war sie so halsstarrig wie Jeb Thatchers Ziege.

Ellie war absolut schleierhaft, was Sue Ann gegen Steve hatte. Von ihrem ersten Tag in Salt River an hatte er alles in seiner Macht Stehende getan, um es ihr so angenehm wie möglich zu machen – indem er sie wie eine Freundin und geschätzte Kollegin behandelte, und beileibe nicht wie eine Konkurrentin, die ihm die Praxis seines Onkels vor der Nase weggeschnappt hatte.

“Hallo, Steve”, begrüßte sie ihn fast überschwänglich, um ihn für Sue Anns nicht zu übersehenden Mangel an Begeisterung zu entschädigen.

Er verzog den Mund unter dem buschigen blonden Schnurrbart zu einem Lächeln, dann deutete er auf den Parkplatz und fragte: “War das eben Matt Harte?”

Obwohl es Ellie ganz und gar unbegreiflich war, warum, spürte sie, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. “Äh … ja.”

“Ist was mit einem seiner Tiere? Irgendetwas, das ich wissen sollte?”

“Oh, nein. Nichts dergleichen.” Ellie hätte es gern dabei belassen, aber Steve schaute sie so erwartungsvoll an, dass sie schließlich erklärte: “Unsere Töchter sind in einer Klasse, und wir arbeiten zusammen an einem Schulprojekt. Wir haben nur ein paar Einzelheiten besprochen.”

“Ach, ja? Was ist das denn für ein Projekt?”

Ellie verstand nicht, warum es ihr so widerstrebte, ihm zu antworten, aber sie brachte es einfach nicht über sich.

“Sie organisieren zusammen das diesjährige Valentinstagsfest”, brach Sue Ann schließlich mit eisigem Gesichtausdruck das Schweigen.

Steve blieb vor Überraschung der Mund offen stehen, dann lachte er auf. “Soll das ein Witz sein? Matt Harte organisiert ein Schulfest? Das ist das Absurdeste, was ich jemals gehört habe. Als Nächstes erzählen Sie mir noch, dass er in der Stadt einen Schönheitssalon eröffnet.”

Steves Reaktion ähnelte ihrer eigenen, warum also war sie jetzt so verärgert? Und warum fühlte sie sich plötzlich bemüßigt, einen anmaßenden Rancher in Schutz zu nehmen, der offenbar nicht aufhören konnte, seine Nase in ihre Angelegenheiten zu stecken?

“Er macht es für seine Tochter”, sagte sie mit einer Kühle, die sich mit Sue Anns Kühle durchaus messen konnte. “Was ist daran so lustig?”

“Es scheint mir nur nicht unbedingt Matts Ding zu sein, mehr nicht.”

Sie wollte nicht weiter darüber sprechen, deshalb wechselte sie abrupt das Thema. “Wollten Sie etwas Bestimmtes, Steve?”

Er zuckte die Schultern. “Brauche ich einen bestimmten Grund, um auf einen Sprung bei meiner Lieblingstierärztin vorbeizuschauen?”

Sue Ann, die hinter ihm stand, gab ein verächtliches Schnauben von sich, das sie schnell mit einem Hüsteln zu kaschieren versuchte. Ellie brauchte keine Hellseherin zu sein, um ihre wenig freundlichen Gedanken erraten zu können.

Und in der Tat: Sue Ann machte den Mund auf, wahrscheinlich um etwas Bissiges zu sagen, aber Ellie brachte sie mit einem warnenden Blick zum Schweigen.

“Natürlich brauchen Sie keinen Grund für einen Besuch, Steve. Das wissen Sie”, versicherte sie ihm eilig, um allen Problemen vorzubeugen. “Sie sind hier immer willkommen. Aber bestimmt sind Sie doch nicht mitten in Ihrer Sprechstunde nur hergekommen, um ein bisschen zu plaudern, richtig?”

Er warf ihr dieses charmante jungenhafte Lächeln zu. “Ertappt! Es gibt tatsächlich noch einen anderen Grund für meinen Besuch. Ich habe ein kleines Problem. Mir ist vorhin der Brucellose-Impfstoff ausgegangen und ich habe versprochen, heute noch Paul Blanchards Herde zu impfen.”

Paul Blanchard! Er war einer ihrer Kunden, einer der wenigen, die bei ihr geblieben waren, nachdem sie die Praxis von Ben übernommen hatte. Ellie sank der Mut. Noch ein Überläufer.

Sue Ann warf ihr einen vielsagenden Blick zu, doch bevor sie antworten konnte, fuhr Steve fort: “Ich habe eine Eilbestellung aufgegeben, aber vor morgen wird sie nicht eintreffen. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir nicht vielleicht bis dahin ein bisschen Impfstoff leihen könnten?”

“Sie möchten, dass ich Ihnen etwas von meinem Impfstoff gebe, damit Sie Paul Blanchards Herde impfen können?”

Steve schien sich der Unverfrorenheit seiner Bitte überhaupt nicht bewusst zu sein. Er lächelte sie bittend an. “Nur wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht. Sie brauchen den Impfstoff doch nicht vor morgen, oder?”

Sie hätte ihn gebraucht, wenn sie den Auftrag bekommen hätte, Paul Blanchards Herde zu impfen. Aber so wie es aussah, würde sie ihn wohl übrig haben. Ellie biss frustriert die Zähne zusammen. Ihr erster Impuls war es, ihm seine Bitte abzuschlagen. Sollte er sich seinen verdammten Impfstoff doch woanders besorgen. Aber im Grunde ihres Herzens wusste sie, dass es wirklich nicht Steves Schuld war, dass sie mit ihrer Praxis zu kämpfen hatte.

Genauso wenig konnte sie es ihm zum Vorwurf machen, dass er sich eine eigene Praxis aufgebaut hatte, nachdem Ben ihr seine verkauft hatte. Sie hätte an seiner Stelle dasselbe gemacht. Und vielleicht hätte sie den Eindringling nicht mit derselben Freundlichkeit behandelt, die ihr Steve entgegenbrachte.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. “Ich werde nachsehen, was ich dahabe.”

Wenig später kam sie mit dem Impfstoff zurück.

“Danke, Ellie. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen”, sagte Steve lächelnd.

“Es freut mich, dass ich Ihnen helfen konnte”, log sie und schämte sich umgehend für die Abneigung, die sie in sich aufsteigen fühlte.

“Ach, übrigens, haben Sie sich mein Angebot noch einmal überlegt?”

Sie atmete laut aus. Darüber wollte sie heute absolut nicht mit ihm reden. “Ja. Und die Antwort ist immer noch Nein, Steve. Genau wie letzten Monat.”

“Ach, kommen Sie, Ellie. Vielleicht überlegen Sie es sich ja doch noch. Wenn wir unsere Praxen zusammenlegen, könnten wir beide Zehntausende pro Jahr an laufenden Unkosten sparen. Und wenn wir unsere Arbeit rationalisieren, hätten wir beide ein bisschen weniger zu tun.”

Weniger? Sie würde jede Mehrarbeit mit Kusshand annehmen, ohne sich auch nur eine Sekunde zu beklagen. Ellie seufzte. Steves Angebot war nur vernünftig, aber es reizte sie trotzdem kein bisschen.

Sie wollte keine Gemeinschaftspraxis, weder mit Steve noch mit sonst wem. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, ihre eigenen Entscheidungen treffen und für die Konsequenzen allein geradestehen.

Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, musste sie zugeben, dass ihr leidenschaftliches Streben nach Unabhängigkeit seine Wurzeln wahrscheinlich in ihrer Kindheit hatte, als sie ohnmächtig hatte mit ansehen müssen, wie sich ihre Mutter in ein frühes Grab getrunken hatte, während sie selbst anschließend von Heim zu Heim und Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschubst worden war.

Das hier war ihre Chance. Ihre und Dylans. Jetzt hatte sie die Gelegenheit, sich das Leben aufzubauen, von dem sie schon geträumt hatte, als sie noch Käfige saubergemacht hatte.

Und diesen Traum aufzugeben war sie nicht bereit, egal ob sie Patienten hatte oder nicht.

“Ich werde meine Meinung nicht ändern, Steve”, sagte sie schließlich. “Es ist ein gutes Angebot, und ich weiß es wirklich zu schätzen, aber ich bin im Moment einfach nicht interessiert.”

Nachdem er einen Augenblick geschmollt hatte, hellte sich sein Gesicht wieder auf. “Ich werde nicht locker lassen. Irgendwann breche ich Ihren Widerstand schon noch, warten Sie es nur ab.”

Er griff nach der Schachtel mit dem Impfstoff und ging zur Tür. “Also dann, und noch mal danke. Ich bringe Ihnen den Impfstoff morgen vorbei.”

“Das wäre nett”, sagte sie.

An der Tür blieb er noch einmal stehen und schaute sie grinsend an. “Und viel Spaß bei der Zusammenarbeit mit Matt Harte. Ich bin mir zwar nicht sicher, dass er sich dafür eignet, aber es dürfte zumindest interessant werden.”

Interessant. Sie hatte das Gefühl, dass das eine riesengroße Untertreibung war.

Er versteckte sich, daran bestand kein Zweifel.

Wie ein Gesetzesloser, der sich vor der Menschenmenge versteckt, die sich um den Baum mit dem Strick versammelt hat, an dem ein Zettel mit seinem Namen flattert.

Eine Woche, nachdem er Ellie in ihrer Praxis besucht hatte, saß Matt nun hier in seinem Büro im Ranchhaus in der Falle und versuchte, sich statt auf das leise Murmeln der Frauenstimmen, das aus der Küche am Ende des Flurs kam, auf den Computer vor sich zu konzentrieren.

Wie üblich hatte er mehr als hundert bessere Dinge zu tun als hier vor dem verdammten Computer herumzusitzen und – weil er unfähig war, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen – nur dessen Brummen zu lauschen, aber er wagte es nicht, die Sicherheit seines Büros zu verlassen.

Weil sie da hinten war.

Ellie Webster. Die verstädterte Tierärztin mit dem leuchtend roten Haar, den silbriggrünen Augen und dem entschlossenen kleinen Kinn. Die Frau, die sich seit einer Woche in seine Träume schlich.

Oh nein, die Dinge liefen gar nicht nach Plan. Und er hatte das dumpfe Gefühl, dass sie das auch in Zukunft nur selten tun würden, soweit es Ellie Webster betraf. Statt wieder wegzufahren, wie sie es eigentlich hätte tun sollen, hatte sie sich offenbar auf einem der Küchenstühle niedergelassen, und jetzt konnte er hören, wie sie mit Cassie plauderte und lachte, als ob sie schon ihr ganzes Leben lang die besten Freundinnen wären.

Das machten sie jetzt schon seit einer halben Stunde, und langsam reichte es ihm.

Er räusperte sich. Seine Kehle fühlte sich so ausgedörrt an, als ob er tagelang durch die Wüste geritten wäre.

In der Küche gab es Wasser. Unmengen klares kaltes Bergwasser, direkt aus dem Wasserhahn. Er konnte einfach hineinmarschieren und sich ein großes Glas füllen, und kein Mensch würde etwas dagegen haben können.

Außer dass er sie dann wieder sehen musste.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus und wandte sich wieder dem Computer zu. Bis erneut Gelächter durch die Türritzen drang.

Jetzt reichte es ihm aber wirklich. Jetzt war Schluss. Er rutschte mit seinem Stuhl zurück, stand auf und ging zur Tür. Er wohnte schließlich hier, verdammt. Wenn ein Mann Durst hatte, sollte er in seine eigene Küche gehen können, um sich etwas zu trinken zu holen. Sie hatte kein Recht, einfach in sein Haus zu kommen und ihm alles durcheinanderzubringen.

Absolut keins.

5. KAPITEL

Sobald Matt die große warme Küche betreten hatte, bereute er es auch schon.

Er kam sich vor wie der große böse Wolf, der sich in den Hühnerstall schleicht. Alle vier – Ellie, Cass und die beiden Mädchen – schauten auf, und ihr Lachen blieb in der Luft hängen wie der verführerisch süße Duft der Schokoladenplätzchen, die im Backofen buken.

“Entschuldigung, ich wollte nicht stören”, brummte er. “Ich … äh … wollte mir nur etwas zu trinken holen. Bin gleich wieder weg.”

“Du störst überhaupt nicht”, sagte Cassie. “Setz dich. Die Plätzchen sind in einer Minute fertig, und ich weiß doch, dass du sie am liebsten frisch aus dem Backofen magst.”

Eine Information, die seine kleine Schwester weiß Gott nicht in die ganze verdammte Welt hinausposaunen musste, vielen Dank. Er war doch kein siebenjähriger Junge, der sich nach der Schule Kekse stibitzt! “Ich habe zu tun”, brummte er.

“Das kann doch sicher fünf Minuten warten, oder?”

Er presste die Kiefer aufeinander, während er seine Gehirnwindungen nach einer vernünftigen Ausrede durchforstete. Aber wie zum Teufel sollte ein Mann geradeaus denken, wenn ihn vier weibliche Wesen so erwartungsvoll anschauten?

Schließlich murmelte er einen Fluch in sich hinein und zog sich einen Stuhl heraus. “Na schön, aber nur fünf Minuten.”

Fünf Minuten lang lief das Gespräch so unrund wie ein Traktormotor mit zwei kaputten Zylindern, und Matt rutschte auf seinem harten Stuhl herum und wünschte sich, überall zu sein, nur nicht hier. Er wollte eben aufspringen, um in die Sicherheit seines Büros zu fliehen – egal ob mit Ausrede oder ohne –, als Lucy ihn in einen Hinterhalt lockte.

Sie legte ihm eine Hand mit grün lackierten Fingernägeln – wo hatte sie den Nagellack her? – auf den Arm und schaute ihn aus diesen großen grauen Augen an. “Daddy, Dylan und ihre Mutter können an Thanksgiving nirgendwohin gehen, weil sie hier keine Familie haben. Ganz schön traurig, findest du nicht auch?”

Er brummte irgendetwas Unverständliches, wobei er sorgfältig darauf achtete, Ellies Blick nicht zu begegnen.

“Glaubst du nicht, dass sie vielleicht zu uns kommen könnten?”

Obwohl er sich alle Mühe gab, es zu verhindern, glitt sein Blick genau in dem Moment zu Ellie, in dem ihr vor Überraschung der Mund offen stehen blieb und sich ihre Augen entsetzt weiteten.

“Also, ich weiß nicht, Honey …”, begann er.

“Das ist eine gute Idee”, sagte Cassie im selben Moment. “Für zwei mehr ist am Tisch immer Platz, und zu essen gibt es sowieso genug.”

“Oh, nein, das ist wirklich sehr freundlich, aber es ist nicht nötig”, versicherte Ellie eilig. “Wir beide werden es uns gut gehen lassen, nicht wahr, Dylan?”

Dylan schaute ihre Mutter bittend an. “Ach, komm schon, Mom. Ich fänd’s echt cool. Und Tante Cassie kann super kochen. Bestimmt lässt sie nie was anbrennen, so wie du.”

Ellie schaute ihre Tochter an und schnitt eine Grimasse, und Matt musste ein Kichern hinunterschlucken.

“Wie auch immer.” Ellies Wangen hatten sich leicht gerötet. “Ich bin mir sicher, die Hartes wollen an Thanksgiving unter sich sein. Es ist ein Familienfest.”

“Aber nein”, beeilte sich Cassie zu widersprechen. “Wir würden uns wirklich freuen, wenn Sie kommen, nicht wahr, Matt?”

Matt räusperte sich. Und dann hatte er wieder nicht schnell genug eine Ausrede parat. “Äh … sicher.”

Ellie sah ein, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als das Angebot anzunehmen, obwohl sich Matts Begeisterung offenbar in Grenzen hielt.

“Wow, Mom. Du siehst echt toll aus”, sagte Dylan mindestens zum fünften Mal, während sie den Weg zu dem lang gestreckten Ranchhaus der Diamond Harte hinaufgingen.

Ellie kämpfte gegen ihre Befangenheit an. Matts Schwester hatte gesagt, dass es ganz salopp zugehen würde, aber ihre normale Wintergarderobe, die aus Jeans und Arbeitshemden bestand, war ihr doch nicht angemessen erschienen.

Stattdessen trug sie über weichen schwarzen Lederstiefeln ihren eleganten engen Wollrock und einen dazu passenden taubengrauen Pullover – eins ihrer wenigen schicken Outfits, das nur das Tageslicht erblickte, wenn sie an Kongressen oder Ähnlichem teilnahm. War sie womöglich viel zu elegant angezogen? Hoffentlich nicht. Weil sie auch ohne unpassende Kleidung schon nervös genug war.

Obwohl sie es nicht sein sollte. Es war immerhin nur eine Einladung zum Essen, also kein Grund, Magenkrämpfe oder einen staubtrockenen Mund zu bekommen.

Und als ihr der Gedanke kam, dass einer der Hauptgründe für ihre Nervosität Matt Harte mit seinen blauen Augen und den breiten Schultern war, räusperte sie sich verärgert.

Die Haustür wurde stürmisch aufgerissen, noch ehe sie dazu gekommen waren, sich bemerkbar zu machen. Köstliche Essensdüfte schlugen ihnen entgegen. Eine kleine Gestalt stürzte sich mit einem aufgeregten Kreischen auf Dylan.

“Na endlich!”

“Wir sind ein bisschen zu früh dran, nicht wahr?”, fragte Ellie besorgt. “Hat deine Tante nicht gesagt, dass wir um zwei essen? Jetzt ist es erst halb.”

“Keine Ahnung wie spät es ist. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten, bis du endlich kommst, Dylan. Du musst gleich mit raufkommen in mein Zimmer. Onkel Jesse hat mir die neue CD von Robbie Williams mitgebracht, und sie ist absolut traumhaft.”

Bevor Ellie noch etwas sagen konnte, ließen sie die beiden Mädchen auch schon stehen und stürmten die Treppe nach oben. Ellie stand mit ihrem Nusskuchen in der Hand in der Eingangshalle und kam sich extrem blöd vor.

Schön. Und was sollte sie jetzt tun? Sie war früher schon ein paar Mal in dem großen Farmhaus gewesen, entweder um Lucy abzuliefern oder um Dylan abzuholen, aber sie war immer durch den Hintereingang gekommen, der direkt in die Küche führte. Sie hatte keine Ahnung, wie man von hier aus dorthin kam, und es erschien ihr äußerst unhöflich, allein durch ein fremdes Haus zu laufen.

Sie stand immer noch wie gelähmt vor Unentschlossenheit da, als sie aus einem der Zimmer den Flur ein Stück weiter runter die Stimme eines Sportberichterstatters hörte, dann wurde das Spiel aus- und ein Werbespot eingeblendet – jemand pries Rasierklingen an.

“Willst du noch ein Bier?”, hörte sie Matt fragen. Das tiefe Timbre bewirkte, dass ihre Magenkrämpfe nachließen, dafür aber vibrierte ihr Magen jetzt wie eine fest gespannte Violinensaite.

Sekunden später kam er, bekleidet mit einer dunkelbraunen Jeans und einem waldgrünen Anglerpullover, auf den Flur. Sie hatte eben ihrem Herzen befohlen, wieder zu schlagen, als er sich auch schon umdrehte und sah, dass Ellie dastand wie eine Idiotin.

“Hallo, Doc!”, rief er überrascht aus.

“Hallo”, murmelte sie in tödlicher Verlegenheit.

“Warum stehen Sie denn hier draußen herum? Kommen Sie doch rein.”

Weil sie nicht wusste, wie sie sich aus dieser peinlichen Situation retten sollte, hielt sie den Kuchen hoch. “Wo soll ich damit hin?”

“Wahrscheinlich in die Küche. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin, kommen Sie mit. Aber geben Sie mir vorher Ihren Mantel.”

Sie verspannte sich, als er hinter sie trat und ihr den Mantel von den Schultern zog, während sie den Kuchen von einer Hand in die andere bugsierte. Obwohl sie es zu ignorieren versuchte, war sie sich seiner Nähe überdeutlich bewusst; sie spürte die Wärme und die Kraft, die er ausstrahlte, und roch sein nach Leder duftendes Rasierwasser.

Nachdem Matt ihren Mantel in den Garderobenschrank gehängt hatte, ging er den Flur hinunter. Sie folgte ihm, wobei sie sich alle Mühe gab zu übersehen, wie seine engen Jeans seine muskulösen Beine und der Pullover diese unmöglich breiten Schultern umspannten. Irgendetwas war heute anders an ihm. Richtig, der Stetson fehlte.

Sein leicht gewelltes Haar war weich und voll. Und fühlt sich wahrscheinlich an wie Seide, überlegte sie. Der Impuls, sich davon zu überzeugen, war so stark, dass ihre Hand ganz leicht zuckte. Sie rief sich streng zur Ordnung und wandte schnell den Blick ab.

In der Küche duftete es herrlich nach Truthahn und gegrilltem Gemüse. “Oh, Ellie! Sie sind wirklich gekommen!”, rief Matts Schwester aus, während sie mit einer Hand in einem Topf rührte und mit der anderen ein Blech mit goldbraunen Brötchen aus dem Backofen holte. “Als es anfing zu schneien, befürchtete ich schon, dass Sie vielleicht beschließen, doch zu Hause zu bleiben.”

“Halb so schlimm. Es sind nur ein paar Flocken, mehr nicht. Aber die Landschaft sieht herrlich aus, wie im Märchenland.”

“Wenn Sie erst einmal ein paar Jahre hier leben, sehen Sie es bestimmt nicht mehr mit so romantischen Augen. Ist das Ihr berühmter Kuchen? Muss er in den Kühlschrank?”

“Nein. Er ist schon ordentlich ausgekühlt.”

“Gut. Ich glaube nämlich nicht, dass da noch Platz ist.” Cassie stieß den Atem aus und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr, und im selben Moment bimmelten die Zeitschaltuhren von Backofen und Mikrowelle gleichzeitig. In ihre Augen trat ein Ausdruck von Panik.

“Äh … kann ich irgendwas helfen?” fragte Matt.

Seine Schwester warf ihm einen dankbaren Blick zu. “Ja. Könntest du die Karotten und den Weißkohl raspeln? Oh, Mist!”, rief sie plötzlich aus. “Ich muss noch die Preiselbeeren aus dem Keller holen. Ellie, könnten Sie vielleicht diese Bratensoße hier ein bisschen umrühren? Ich glaube, die meisten Klumpen sind schon raus, passen Sie einfach nur auf, dass nichts anbrennt.”

“Ja, klar.”

Ellie stellte ihren Kuchen auf der völlig überfüllten Arbeitsplatte ab und nahm Cassie, die schon auf dem Weg zur Tür war, den Kochlöffel aus der Hand, dann war sie mit Matt allein.

Er machte sich sofort an die Arbeit. Die Arbeitsinsel in der Mitte der Küche, an der er stand, war vom Herd nur durch einen schmalen Gang getrennt, sodass sie Rücken an Rücken standen.

Wieder spürte sie dieses Kribbeln, das seine Nähe in ihr auslöste, aber sie gab sich alle Mühe, es zu ignorieren.

“Das Essen duftet köstlich”, sagte sie schließlich, um das verlegene Schweigen zu brechen.

“Ja, Cassidy kann wirklich toll kochen. Ich sage ihr schon immer, dass sie ein Restaurant aufmachen soll.”

“Ich wusste gar nicht, dass Cassie die Kurzform von Cassidy ist.” Ellie dachte an seinen jüngeren Bruder, der der Polizeichef von Salt River war. “Dann haben Sie also einen Bruder namens Jesse James und eine Schwester namens Cassidy? Lustig.”

Sein tiefes Auflachen ging ihr durch und durch. “Das haben wir unserem Dad zu verdanken. Matt Warner, einer seiner Vorfahren, gehörte zu Butch Cassidys wildem Haufen, und Dad ist mit diesen Geschichten groß geworden. Er war immer fasziniert davon.”

“Dann sind Sie nach diesem Vorfahren benannt?”

“Ja. Matthew Warner Harte.” In seiner Stimme schwang ein wehmütiger Unterton mit. “Und als dann die anderen kamen, hat Dad wahrscheinlich beschlossen, einfach an dem Thema festzuhalten.”

Warum überraschte es sie nicht, dass durch seine Adern das Blut eines Gesetzeslosen aus dem Wilden Westen floss? “Und was hat Ihre Mutter dazu gesagt?”

Matt trat einen Schritt zurück und streifte sie leicht, was bewirkte, dass ihr ein leiser Schauer über den Rücken rieselte. “Meine Eltern haben sich angebetet”, antwortete er. “Mom hätte ihm keinen Wunsch abgeschlagen, ebenso wie umgekehrt.”

Ellie spürte, dass er über die Schulter auf sie schaute. Sie drehte sich ebenfalls um, und dann blickten sie sich einen Moment lang lächelnd tief in die Augen. Plötzlich schien alles lauter, intensiver zu sein – das Blubbern der Bratensoße in der Pfanne, das Klappern, mit dem das Messer auf das Schneidebrett fiel, das träge Surren des Deckenventilators über ihren Köpfen.

Matts Blick fiel nur ganz kurz auf ihren Mund, und doch lange genug, um dort eine Hitze zu entfachen, die sich anfühlte, als ob er sie berührt hätte, dann schaute er ihr noch einmal tief in die Augen, bevor er sich abrupt umdrehte und sich wieder seinem Gemüse zuwandte.

Das war wirklich interessant.

Ellie suchte immer noch nach einer Bemerkung, um der Situation ihre plötzliche Spannung zu nehmen, als ihre Töchter kichernd in die Küche gestürmt kamen.

Die beiden blieben wie angewurzelt auf der Schwelle stehen, dann grinsten sie sich so verschwörerisch an, dass es Ellie angst und bange wurde. Die Mädchen führten definitiv etwas im Schilde. Und Ellie befürchtete zu wissen, was.

6. KAPITEL

“Und was verschlägt ein hübsches kalifornisches Strandgirl wie Sie in unsere Wildnis?”

Matt beugte sich leicht vor, um Ellies Antwort verstehen zu können. Wenn er ihr diese Frage gestellt hätte, hätte er wahrscheinlich nur die schnippische Antwort bekommen, dass er sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte. Die Neugier seines Bruders aber schien sie nicht im Geringsten zu stören.

Ganz im Gegenteil, sie lächelte Jesse, der links von ihr saß, sogar an. “In Bakersfield gibt es leider nicht allzu viele Strände.”

“Bakersfield? Sie kommen aus Bakersfield?”, erkundigte sich Cassie interessiert.

Matt beobachtete, wie Ellies Lächeln verblasste und in ihre Augen ganz kurz ein schmerzlicher Ausdruck trat, bevor sie rasch den Blick senkte und auf ihren Teller schaute. “Bis ich sieben war. Danach bin ich oft umgezogen.”

Was war passiert, als sie sieben war? überlegte er. Und warum hatte sie gesagt Ich bin oft umgezogen und nicht Meine Familie ist oft umgezogen?

Bevor er fragen konnte, ergriff Jesse wieder das Wort: “Na schön, auch wenn Sie kein Strandgirl sind, sind Sie doch das hübscheste Mädchen, das jemals mit uns an Thanksgiving hier an diesem Tisch gesessen hat.”

Sie lachte und verdrehte bei dem Kompliment ein bisschen die Augen, während in Matt der starke Wunsch aufstieg, seinem Bruder das Gesicht in den Kartoffelbrei zu tunken.

Er wollte nicht zugeben, dass es ihn tierisch ärgerte, dass Jesse mit Ellie flirtete wie ein Weltmeister, ihr jeden Wunsch von den Lippen ablas und darauf achtete, dass ihr Glas immer voll war.

Ellie schien es zu gefallen. Sie neckte ihn, lächelte und lachte ihn an, so wie sie es bei Matt noch nie getan hatte.

Nicht dass es ihn weiter interessiert hätte. Nur machte er sich eben ein bisschen Sorgen, dass sie mit gebrochenem Herzen auf der Strecke bleiben könnte. Vielleicht sollte irgendwer sie vor Jesse warnen. Im Grunde genommen war sein kleiner Bruder kein schlechter Kerl. Bei Licht betrachtet hatte er sich alles in allem sogar ziemlich gut entwickelt, obwohl ihm der Tod ihrer Eltern damals am schlimmsten von allen zugesetzt hatte.

Matt wäre der Letzte gewesen, der bestritt, dass der Kleine als Polizeichef von Salt River gute Arbeit leistete.

Mit Frauen hatte Jesse jedoch definitiv ein Problem – er wechselte seine Freundinnen wie seine Hemden und war nie länger als ein paar Wochen mit ein und derselben Frau zusammen.

Aber wenn Ellie Webster wie alle anderen Frauen auf seinen Süßholz raspelnden Bruder hereinfiel, ging Matt das schließlich nichts an.

“Also, was hat Sie denn hierher verschlagen?”, fragte der besagte Süßholzraspler erneut.

“Meine Mom hat schon als kleines Mädchen davon geträumt, in die Berge zu ziehen und ein Cowgirl zu werden”, erklärte Ellies Tochter vorwitzig, während sie sich noch einmal von dem Kartoffelpüree nachlegte.

In Ellies Wangen stieg eine zarte Röte. “Danke, dass du es allen erzählst, Schätzchen.”

“Was ist denn?”, fragte Dylan unschuldig. “Das hast du doch gesagt, oder nicht?”

Ellie lachte verlegen. “Na ja, es stimmt. Ich wollte wirklich schon immer in den Rockys leben. Und als mir dann Ben Nichols seine Praxis anbot, griff ich natürlich mit Freuden zu.”

Das erklärte es also, warum sie nach Wyoming gekommen war. Obwohl ihn eigentlich noch viel mehr interessierte, warum sich ein so zierliches Ding wie sie ausgerechnet auf Großtiere spezialisiert hatte.

Da er davon ausging, dass ihr die Frage nicht gefallen würde, stellte er eine andere: “Wo haben Sie denn vorher gearbeitet?”

Sie schaute Matt an, als ob sie seine Anwesenheit völlig vergessen hätte. “In einer Tierklinik in der Nähe von Monterey. Das liegt an der kalifornischen Küste … von daher haben Sie mit Ihrem Strandgirl recht, Jesse, obwohl ich kaum Zeit hatte, an den Strand zu gehen.”

“Es soll ja eine herrliche Gegend sein”, warf Cassie ein.

“Ja, das stimmt.”

“Und wo ist da zwischen all diesen Golfplätzen und Touristenfallen noch Platz für Viehweiden?”, fragte Matt.

“An der Küste nicht viel, im Inland ein bisschen mehr. Aber ich habe größtenteils Reitpferde betreut.”

Dann drehte sich die Unterhaltung um Pferde, bei der Dylan, die sich sehnlichst ein Pferd wünschte, das große Wort führte, und Matt begnügte sich damit, zuzuhören und Ellie zu beobachten.

“Kommen Sie, Ellie. Jetzt dürfen wir uns vor den Fernseher setzen”, sagte Cassie, nachdem sie mit dem Essen fertig waren.

Ellie schaute auf das über den ganzen Tisch verstreute schmutzige Geschirr. “Aber ich kann doch beim Aufräumen helfen …”

“Kommt gar nicht in Frage. Um den Abwasch kümmern sich die Männer … das ist eine alte Tradition bei uns. Deshalb bemühe ich mich immer, möglichst viel Chaos zu veranstalten. Ich glaube, ich habe jeden vorhandenen Topf benutzt.”

Matt und Jesse stöhnten laut, aber Cassie stand ungerührt auf. “Dann viel Spaß, Jungs.”

Nachdem die beiden Frauen schließlich zusammen auf der Couch im Wohnzimmer saßen, war schnell klar, dass sie sich beide nicht für Football interessierten. Sie plauderten angeregt über dies und das, bis Ellie unversehens herausplatzte: “Was ist denn mit Lucys Mutter passiert?”

Dass sie die Frage laut gestellt hatte, wurde ihr erst klar, als sie sah, dass Cassie ihrer Nichte einen leicht beunruhigten Blick zuwarf. Ellie zuckte verlegen zusammen. Wann würde sie es endlich lernen, erst nachzudenken, bevor sie ihre große Klappe aufmachte? Dann registrierte sie erleichtert, dass die beiden Mädchen, die am anderen Ende des großen Zimmers an dem Billardtisch standen, sie überhaupt nicht beachteten.

“Entschuldigen Sie”, sagte sie eilig. “Das war schrecklich unhöflich von mir. Es geht mich nichts an, wirklich. Vergessen Sie meine Frage einfach.”

“Aber nein. Es ist nur ein etwas … heikles Thema.” Cassie schaute wieder auf ihre Nichte und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort: “Melanie ist mit meinem … mit einem unserer Cowboys weggegangen. Da war Lucy noch keine drei Monate alt.”

Ellie blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. Matt war von seiner Frau sitzen gelassen worden? Das schien ihr unmöglich. Ebenso unmöglich wie es ihr erschien, das eigene Kind zu verlassen. Was war das für eine Frau, die so etwas tat? Ellie dachte an die ersten Monate nach Dylans Geburt, als sie sich, ganz auf sich allein gestellt, voller Angst gefragt hatte, was ihnen die Zukunft wohl bringen mochte.

Doch trotz aller Angst war sie voller Ehrfurcht für das wunderbare Geschenk gewesen, das sie erhalten hatte. Es war ihr unbegreiflich, wie eine Frau es übers Herz bringen konnte, etwas so Erstaunliches einfach zu verlassen.

Oder einen Mann wie Matt Harte.

“Das tut mir Leid”, sagte sie, obwohl sie wusste, wie unzureichend die Worte waren.

Cassidy zuckte die Schultern und schaute auf die Mädchen. Aber als Ellie ihren Gesichtsausdruck sah, hatte sie das Gefühl, dass es bei dieser Geschichte noch um mehr ging.

“Es ist lange her”, sagte Cassie leise. “Auf jeden Fall ist Matt ohne sie besser dran, und er wäre der Erste, der Ihnen das sagt. Melanie hasste alles hier, die Ranch, Wyoming, und sie hasste es, Mutter zu sein.

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