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Tiffany Duo Band 0152

Beverly Bird

Der blutrote Rubin

PROLOG

Es ist nicht leicht, ein Engel zu sein.

Belles spezielles Problem als Engel bestand eigentlich nicht darin, dass sie ein Hund war – und ihre Aufträge stets mit Menschen zu tun hatten. Gut, Menschen beherrschten nicht die Hundesprache, was Belles Meinung nach jedoch nicht viel ausmachte. Denn die Menschen ließen sich ohnehin von niemandem etwas sagen. Sie hatten so viele vorgefasste Ansichten, wie Belle manchmal Flöhe hatte.

Belles Problem war vielmehr, dass die Menschen nie ihren Instinkten folgten – so viel also zum Thema überlegene Intelligenz einer Spezies. Duftstoffe, dachte Belle. Das ist doch etwas Vernünftiges. Menschen aber ignorierten die Macht der Düfte. Da waren sie den Hunden und Katzen wirklich weit hinterher.

Und darum benötigten die Menschen von Zeit zu Zeit einen Wink des Schicksals, der sie aufeinander aufmerksam machte – und wenn das fehlschlug, musste man eben nachhelfen. Das war Belles Spezialität.

Sie wartete vor der Cathedral Basilica an der Achtzehnten Straße in Philadelphia auf die Menschen, denen sie zugeteilt worden war. Es war ein herrlicher Dezembertag, die ersten Schneeflocken des Winters fielen lautlos zu Boden. Belle schaute nach rechts, nach links – und dann sah sie ihn um die Ecke aus der Race Street kommen: den Mann, den sie hatte finden sollen.

C. Fox Whiteley hatte eine schwarze Lederjacke an, seine Hände waren tief in den Taschen vergraben. Zu seiner schwarzen Jeans trug er Cowboystiefel. Belle hoffte, dass die Stiefel nur Schau waren. In Fox Whiteleys Biografie war mit keinem Wort von Pferden die Rede gewesen. Seit sie vor gut hundert Jahren einen kräftigen Huftritt abbekommen hatte, mochte Belle Pferde überhaupt nicht. Dumme Gäule!, dachte sie und schnaubte verächtlich.

Schneeflocken landeten auf Whiteleys dunklem Haar und schmolzen sofort. Belle konnte sehen, wie er grinste. Seine weißen Zähne blitzten auf. Der braucht wahrscheinlich keine Duftstoffe, dachte sie. Die Weibchen seiner Spezies würden nur einen Blick in dieses attraktive Gesicht werfen müssen und dem Mann sofort zu Füßen liegen.

Gut. Belle fühlte, wie sie sich entspannte. Aus Erfahrung wusste sie, dass so attraktive Männer wie Whiteley nur selten von den Frauen fasziniert waren, die ihnen zu Füßen lagen. Männer wie er tendierten eher zu jenen, die sich ihnen entzogen – Frauen beispielsweise wie Tara Cole.

Belle wedelte einmal mit dem Schwanz, als Tara Cole mit einem Handy ans Ohr gedrückt auf der Achtzehnten Straße auftauchte. Ihr Haar war einen Ton dunkler als das von Whiteley. Wie lang sie es trug, konnte Belle nicht genau erkennen, da Tara es in den Kragen gesteckt hatte. Ihre Augen waren dunkel, und sie war sehr hübsch. Belle kam zu dem Entschluss, dass Duftstoffe hier überflüssig waren. Tara Cole war eindeutig der Typ Frau, dem die Männer hinterherliefen.

Tara hatte das Telefongespräch nun beendet und verstaute das Handy in ihrer Handtasche. Aha, jetzt heißt es aufgepasst, dachte Belle, als Tara sich Whiteley näherte. Die Voraussetzungen waren nicht schlecht, denn Tara hatte den Blick noch immer auf ihre Handtasche gerichtet und achtete nicht auf den Weg vor sich. Vielleicht würden die beiden zusammenstoßen?

Aber nein, was sollte das denn? Tara bog nach links in die Race Street ein, ohne Whiteley überhaupt anzusehen. Und Whiteley machte sich auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung zum Logan Circle. Halt! Stehen bleiben! Konnten die beiden sich denn nicht wittern? Fühlten sie denn überhaupt nichts?

Innerhalb weniger Augenblicke waren sie bereits meterweit voneinander entfernt und bewegten sich weiter in entgegengesetzter Richtung. Belle seufzte. Also keine Begegnung mit Liebe auf den ersten Blick. Das wäre ja auch zu einfach gewesen! Verärgert verließ sie ihren Platz und trottete nach Norden.

Na ja, noch war nicht aller Tage Abend. Jeder anständige Engel hatte mehr als einen Pfeil in seinem Köcher.

1. KAPITEL

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der richtigen Planung. Tara hatte stets an diesen Satz geglaubt – so sehr, dass sie ihr ganzes Leben danach ausrichtete. Nur leider gehörte ihr Stiefbruder zu der Sorte Mensch, die sich jedem Versuch einer Planung entzogen.

Sie holte ihr Handy aus der Manteltasche, als sie sich auf dem Heimweg von ihrem Marketingunternehmen auf der Achtzehnten Straße befand. Mit dem Daumen tippte sie Stephens Nummer ein.

“Wir müssen uns über diese Sache unterhalten”, sagte sie, als er den Hörer abnahm.

Stephen Carmel lachte. “Soll ich dir eine Kopie der Gerichtsentscheidung zufaxen? Vielleicht hast du sie ja nicht erhalten.”

“Das ist nur ein Stück Papier. Ich rede hier über Prinzipien, Ethik, Ehre.”

“Und ich rede über Geld.”

“Ich weiß.” Allein der Gedanke, dass Stephen die “Blutende Rose” verkaufen wollte, schmerzte Tara zutiefst. Natürlich hatte sie diese Möglichkeit – diese Wahrscheinlichkeit – in Erwägung gezogen. Es gab kaum etwas, was Stephen mehr interessierte als Dinge, die man sich mit Geld kaufen konnte. Aus diesem Grund hatte Tara für den schlimmsten Fall vorgesorgt.

“Gib es auf”, sagte Stephen. “Die ‘Blutende Rose’ gehört mir. Jedes einzelne Karat. Deine Mutter hat sie mir vererbt.”

Das hätte Mom nie getan. Dieser Gedanke hatte Tara nicht losgelassen, seit sie vor fast vier Jahren begonnen hatte, sich mit Stephen um ihr Erbe zu streiten. Er war im Besitz eines Testaments, demzufolge Letitia Cole Carmel ihm, ihrem Stiefsohn, den Rubin vermachte. Vor wenigen Stunden hatte ein Gericht entschieden, dass das von Stephen vorgelegte Testament Vorrang vor dem hatte, das Tara hatte vorweisen können.

Doch ihre Mutter hätte Stephen niemals die “Blutende Rose” vermacht. Letitia hätte sie nur an Tara weitergegeben, weil das ein Teil der Legende war – und des Fluchs. Ihre Urgroßmutter Tzigane hatte bestimmt, dass ihr Juwel niemals in andere Hände als die ihrer Nachfahren gelangen durfte.

“Ich weiß nicht, wie es dir gelungen ist, Moms Testament so glaubhaft zu fälschen”, sagte Tara etwas leiser.

Wieder lachte Stephen. “Das Dokument trägt die Unterschrift deiner Mutter. Und meine Zeugen haben alle eine blütenreine Weste.”

Das stimmte – sie alle waren hochkarätige erfolgreiche Geschäftsleute. Den Detektiven, die Tara auf sie angesetzt hatte, war es nicht gelungen, auch nur die mindeste Ungereimtheit aufzudecken. Sie atmete tief durch. “Ich kaufe dir den Stein ab.”

Diese Bemerkung ließ Stephen einen Moment lang verstummen. “Du gibst Geld aus, um ihn zurückzubekommen?”

“Er gehört mir”, sagte sie nur. “Ich weiß, dass du ihn sowieso verkaufen wirst. Warum also nicht an mich?”

Er zögerte einen Moment. “Wie viel?”

“Viereinhalb Millionen.” Lasst die Spiele beginnen, dachte sie verbittert.

“Sechs”, gab Stephen zurück.

“So hoch wird man die ‘Rose’ nicht schätzen.”

“Mich kümmert nicht, was der Stein auf dem freien Markt wert ist. Wie viel ist er dir wert?”

Er hatte ihren wunden Punkt erwischt. “Wir treffen uns heute Abend. Ich werde sehen, wie viel ich bis dahin noch zusammenkratzen kann.”

Diesmal hatte sein Zögern eine andere Bedeutung. “Wo kratzt du es denn zusammen?”

“Von einem Investor. Jemandem, der das Vermächtnis des Steins zu schätzen weiß.”

“Dein Onkel Charlie.”

Taras Schweigen war Antwort genug. Charlie Branigan war kein Blutsverwandter von ihr. Er hatte Taras Mutter sechs wilde und aufregende Monate lang umworben, bevor Letitia ihn für den grundsoliden Scott Carmel hatte sitzen lassen. Tara war sicher, dass sie Charlie damit das Herz gebrochen hatte. Dennoch war er immer für sie beide da gewesen, zumindest dann, wenn man ihn finden konnte. Denn Charlie, von Natur aus recht exzentrisch, hatte die Angewohnheit, ohne jegliche Vorwarnung abzutauchen. Als sie das letzte Mal seine Spur verloren hatten, war er vor dem Great Barrier Reef entdeckt worden, wo er mit Haien tauchte – mit zweiundsiebzig Jahren.

Charlie Branigan war auch das Geld und die Macht hinter dem Hoyt Museum in Philadelphia. Wenn er mit den Fingern schnippte, sprang der gesamte Vorstand. Tara teilte seine Meinung, dass es nicht schaden konnte, das Juwel im Museum auszustellen, sobald sie es zurückerhalten hatte. Charlie und sie waren beide zu dem Schluss gekommen, dass Tzigane nichts dagegen haben würde, die Schönheit und den Ruhm der “Blutenden Rose” mit der Welt zu teilen, solange der Stein Tara wenigstens gehörte.

Dass Charlie dahintersteckt, wird über kurz oder lang ohnehin herauskommen, sagte sie sich. Vielleicht wäre es sogar von Vorteil für sie, wenn sie es früher zugab. Sie und Charlie wollten kein Geschäft machen, es ging ihnen nur um Tradition und Erinnerung. Stephen würde bald einsehen, dass er von keinem Investor annähernd so viel für den Rubin bekommen würde. Und ihr Stiefbruder wusste, dass Tara nicht genug Geld besaß, um den Kauf selbst durchzuziehen. Einen Großteil ihres Erbes – der Anteil ihrer Mutter am Vermögen von Stephens Vater – hatte sie dafür ausgegeben, dieses angebliche Testament von Letitia anzufechten, das sich im Besitz von Stephen befand.

“Also gut”, sagte er schließlich nachdenklich. “Komm um sieben Uhr vorbei, dann unterhalten wir uns.”

“Ich werde da sein.” Tara beendete das Telefonat, ohne sich zu verabschieden.

Sie klappte das Handy zu und steckte es in ihre Handtasche. Dieses Testament ist nicht der Wille meiner Mutter, dachte sie. Letitia hatte bestimmt nicht gewusst, was sie unterschrieben hatte. Auch Onkel Charlie war dieser Überzeugung. Irgendwie hatte Stephen ihre Mutter hintergangen. Oder vielleicht hatte er sie erpresst? In den letzten Wochen ihres Lebens hatte Letitia immer sehr gereizt gewirkt. Hatte sie ein Geheimnis gehabt, das so schlimm war, dass sie es ihrer eigenen Tochter verschweigen musste? Tara hatte immer wieder darüber nachgedacht, vergebens. Sie wusste einfach nicht, was geschehen war.

Fakt war, dass die “Blutende Rose” nun Stephen gehörte. Ihre “Rose”, der Stein, den sie so geliebt hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Wir müssen ihn jetzt wieder weglegen, Baby. Aber eines Tages wird er dir gehören.

Tara ging um die Ecke in die Race Street.

Sie würde das Juwel zurückbekommen, ganz sicher.

Taras Taxi hielt um sechs Minuten nach sieben Uhr vor Stephens Haus.

Das Gebäude bestand aus drei ausladenden Etagen, die alle so hell erleuchtet waren, dass selbst noch der Schnee auf dem Rasen funkelte. Tara war hier aufgewachsen, nachdem ihre Mutter Stephens Vater geheiratet hatte. Letitia hatte Stephen zum rechtmäßigen Erben des Hauses gemacht. Das stand auch in dem Testament, das Tara besaß. Die Villa hatte seinem Vater und davor dessen Vater gehört. Er war der legitime Erbe, so wie sie die rechtmäßige Erbin der “Rose” war.

Sie starrte das Haus so lange an, bis sich der Taxifahrer räusperte. “Oh, danke. Entschuldigen Sie.” Sie zahlte den Fahrpreis und gab ein großzügiges Trinkgeld.

“Soll ich auf Sie warten?”, fragte der Fahrer mit Blick auf die Summe, die er von ihr erhalten hatte.

“Nein, vielen Dank.” Tara hatte das Gefühl, dass es eine ganze Weile dauern würde, um sich mit Stephen zu einigen.

Sie stieg aus und blieb für einen Moment auf dem Bürgersteig stehen. Dann ging sie durch die große Einfahrt langsam zum Haus.

Als sie an der Haustür angelangt war, sah sie, dass sie offen stand. An einem Dezemberabend? Sicher, Stephen war arrogant und stellte seinen Reichtum gerne zur Schau. Aber er war auch geizig. Er würde nicht mehr für Heizkosten ausgeben als unbedingt nötig. Tara ging zur Tür.

“Hallo?”, rief sie.

Obwohl alles hell erleuchtet war, antwortete niemand. Tara trat in den kleinen Vorraum ein und ging durch die nächste Tür in den großen Flur.

“Hallo?”, rief sie erneut. “Stephen, was hast du vor? Willst du ganz Philadelphia heizen?”

Noch immer bekam sie keine Antwort. Sie ging langsam durch den Flur. Jetzt wurde sie allmählich ärgerlich. Was hatte Stephen vor?

Sie rief weiter seinen Namen, während sie durch den Flur ging und die Bibliothek betrat, in der sich Stephen am liebsten aufhielt. Da erstarrte sie mitten in der Bewegung. “Was soll denn das?”

Stephen lag auf dem Boden. Langsam ging sie zu ihm hinüber.

“Stephen, das ist lachhaft.” Mit der Schuhspitze berührte sie ihn leicht an seiner Schulter. “Steh auf.” Sie wollte sagen: Steh auf, sonst gehe ich augenblicklich. Aber das würde sie natürlich nicht machen. Nicht ohne den Stein, das wussten sie beide.

Stephen regte sich nicht.

Langsam kniete sich Tara neben ihn, dann zuckte sie zusammen. Der Schürhaken für den Kamin lag auf dem Boden und war voll mit Blut.

Ihr Körper reagierte, noch bevor ihr Verstand registrierte, was sie sah. Ihr Herz begann wie wild zu rasen. Ihre Kehle zog sich zusammen, und ihr wurde eiskalt.

“Nein, nein, nein”, flüsterte sie. “Stephen?” Sie fasste sein Handgelenk, konnte aber keinen Puls finden.

Er ist tot.

Die Erkenntnis durchfuhr sie wie ein Stromschlag. Sie empfand keine Trauer, nicht für diesen Mann, der so viele Jahre ihr gegenüber so grausam gewesen war. Dennoch war sie schockiert.

Was sollte sie nur tun? Ruf einen Krankenwagen, dachte sie. Aber – Stephen war nicht einfach nur tot. Er war ermordet worden, und sie hatte ihn gefunden. Die Medien hatten sich mit jedem Detail ihres Kampfs vor Gericht befasst. Und sie hatte dem Taxifahrer ausdrücklich gesagt, er solle nicht auf sie warten. Außerdem hatte sie ihm so viel Trinkgeld gegeben, dass er guten Grund hatte, misstrauisch zu werden.

Tara spürte, wie sie in Panik geriet. Da kam ihr eine Idee: Sie würde anonym den Notruf wählen und dann verschwinden.

Sie sprang auf und eilte zu Stephens Schreibtisch, auf dem ein Telefon stand.

“Ich … ja”, stammelte sie, als sich eine Stimme meldete. “Hier ist eine Leiche. Jemand ist tot. Sie müssen …” Tara hielt inne und drückte ihre zittrige Hand gegen die Schläfe, als ihr etwas in den Sinn kam. Die “Blutende Rose”! Ist Stephen deswegen ermordet worden? “Der Rubin!”

Sie knallte den Hörer auf und sah zu Stephens Safe. Er stand offen. Sie machte einen Schritt darauf zu, als sie auf etwas Rundes und Festes trat, etwas, das sie mit ihrem Gewicht in den Teppich drückte, sie aber gleichzeitig mit dem Fuß umknicken ließ. Tara stöhnte vor Schmerz auf und sah nach unten.

Die “Rose”. Auf dem Fußboden?

Sie bückte sich und hob den Rubin auf. Dann hörte sie ein Geräusch. Irgendwo da drüben, dachte sie. Nahe dem Fenster.

Der Mörder ist noch immer hier, und ich befinde mich im selben Zimmer wie er!

Ihr Instinkt sagte ihr, sich ruhig zu verhalten, doch Tara zitterte so sehr, dass sogar ihre Zähne zu klappern begannen. Dann hörte sie es wieder, eine Art … Vibrieren. Ein Knurren? Sie ging zurück zur Wand und bewegte sich an ihr entlang vorsichtig weiter. In dem Moment hörte sie ein helles Kläffen, das ihr Herz einen Moment stillstehen ließ.

Es war ein Hund. Offenbar hatte sich Stephen ein Haustier zugelegt.

“Das glaube ich nicht”, flüsterte sie. Doch dann sah sie den Hund, als er hinter der schweren Samtgardine hervorkam. Es war ein …

… ein Chihuahua?

Sie hatte wenigstens einen richtigen Wachhund erwartet, der geeignet war, den Stein zu bewachen. Aber dieser Hund war winzig, er hatte eine lange schmale Schnauze und viel zu große dunkle Augen. Seine Augen standen weit ab und waren fast halb so groß wie sein ganzer Körper. Tara hätte schwören können, dass der Hund sie angrinste.

Sie hatte den Notruf gewählt, die Polizei würde jeden Moment hier auftauchen. Höchste Zeit, das Haus zu verlassen.

Tara stürmte aus dem Zimmer, während der Hund bellend hinter ihr her eilte. Sie schaffte es nur bis zur Tür, als sie spürte, wie sich spitze kleine Zähne in ihren rechten Unterschenkel bohrten. Sie unterdrückte einen Schrei und hielt sich am Türrahmen fest, um ihr Bein zu schütteln. Der kleine Hund umklammerte ihr Bein so fest, dass er auf und nieder gerissen wurde.

“Nein!” Sie schlug mit der Hand nach dem Tier, in der sie den Stein hielt. “Hör auf damit! Lass mich los!” Und da passierte es: Für einen kurzen unvorsichtigen Moment lockerte Tara den Griff um den Stein, und er fiel ihr sofort aus der Hand.

Irgendwo in einer Ecke nahe dem Fenster prallte er mit einem dumpfen Geräusch gegen die Wand. Nahezu zeitgleich mit dem Aufprall ließ auch der Hund von ihr ab. Als ob er nur darauf gewartet hätte, dass sie den Stein verlor …

Aus dem vorderen Teil des Hauses hörte Tara eine durchdringende Männerstimme.

“Hallo? Hier ist die Polizei!”

Tara wusste, dass sie sich herausreden konnte. Sie konnte sich aus allem herausreden, das war ihre Gabe. Aber sie wusste, dass sie es gar nicht erst versuchen durfte, wenn so viel auf dem Spiel stand.

Daher lief sie los.

Aus dem Foyer gleich hinter der Haustür waren Schritte zu hören. Tara eilte leise durch die Schatten im Flur und erreichte die Tür zur Küche in dem Moment, da sie den Polizisten erneut rufen hörte. Die Zeit wurde knapp. Sie würde es nicht aus dem Haus schaffen, sie musste sich hier verstecken.

Die Vorratskammer! Tara war mit einem Satz an der weiß gestrichenen Tür gleich neben dem Herd. Dahinter befanden sich eine Geheimtür und ein kleiner Hohlraum, den eines der Kindermädchen ihr einmal gezeigt hatte. Als Kind hatte sie sich dort gerne vor Stephen versteckt. Wenn er den Raum bloß seitdem nicht entdeckt und hatte zunageln lassen …

Tara kniete sich hin und kroch unter den untersten Regalboden. Mit einer zitternden Hand drückte sie fest gegen die Rückwand.

Sie knarrte leise und gab nach!

Seit kurz vor sieben saß C. Fox Whiteley in seinem Lieblingspub Remmick’s. Der Barkeeper hatte gerade die zweite Runde Drinks gebracht, als Fox über die rechte Schulter der Blondine auf dem Hocker neben ihm sah und Raphael Montiel entdeckte. Er stellte sein Glas ab, ohne daraus getrunken zu haben.

Wenn Rafe herkam, um nach ihm zu suchen, dann musste es schlechte Nachrichten geben. Sie waren Partner in der Eliteeinheit der Abteilung für Raubmord des Philadelphia Police Department. Fox trat von der Theke zurück und winkte Rafe zu. Auf halber Strecke trafen sie sich.

“Wie läuft’s?”, fragte Raphael trocken, als er die Blondine entdeckte, die auf dem Platz neben Fox saß.

“Sie hat Potenzial.”

Fox stammte aus dem Süden, aus Savannah. Die Frauen aus dem Norden neigten zu einem aggressiven Touch, an den er sich nie völlig hatte gewöhnen können. Adelia war die einzige Ausnahme gewesen, doch sechs Wochen vor ihrer Hochzeit war sie an Leukämie gestorben.

Zehn lange Jahre war er von der Trauer über ihren Tod wie gefangen gewesen. Doch jetzt war Fox entschlossen, einen Neuanfang zu wagen. Irgendwo in Philadelphia musste es doch eine Frau wie Adelia geben, die ihn heiraten würde.

“Wir müssen los”, sagte Rafe. “Wir haben einen Toten in Chestnut Hill. Einen schönen fetten Reichen dazu. Ein paar Polizeibeamte sind schon vor Ort. So wie es aussieht, ist auch ein Rubin von der Größe des Mount Rushmore verschwunden.”

Mit anderen Worten, dachte Fox, diese Nacht ist damit gelaufen.

Fünf Minuten später saßen sie in Fox’ altem Mustang, einem 68er Shelby Cabriolet, und fuhren in Richtung Norden. Auf dem Weg dorthin teilte ihm Raphael alles mit, was er bislang erfahren hatte.

“Wir haben einen anonymen Notruf erhalten. Eine Frau. Der Anruf wurde zu dem Haus zurückverfolgt. Sie schien anzudeuten, dass Carmel – Stephen Carmel – wegen eines Edelsteins umgebracht wurde. Ich habe das Band allerdings noch nicht gehört. Eine Streife ist hingefahren und fand in der Bibliothek eine Leiche. Bei dem fraglichen Stein handelt es sich wahrscheinlich um einen Rubin, ungeschliffen, vierundzwanzig Karat. Er wird die ‘Blutende Rose’ genannt.”

Fox runzelte die Stirn. Der Name sagte ihm irgendetwas. “Davon habe ich schon mal gehört.”

“Wenn du in den letzten Wochen die Zeitungen gelesen hast, dann musst du davon etwas mitbekommen haben. Stephen Carmel und seine Stiefschwester, eine Frau namens Tara Cole, haben sich seit rund vier Jahren um dieses Baby gestritten. Der Rubin gehörte Taras Mutter Letitia Cole Carmel, die ihn angeblich ihrem Stiefsohn vererbt hat.” Er machte eine kurze Pause. “Heute hat das Gericht entschieden. Das Testament, das Carmel vorgelegt hat, ist echt. Der Edelstein wurde ihm zugesprochen.”

“Dann sollten wir schleunigst diese Tara Cole finden und im Hauptquartier verhören.” Fox griff automatisch nach dem Funksprechgerät am Armaturenbrett.

“Dürfte nicht so einfach sein. Ich habe bereits eine Streife zu der Lady geschickt, aber es sieht so aus, als wäre sie nicht zu Hause.”

Sie fuhren vor einem Gebäude vor, das in Licht getaucht war. Die Haustür stand offen. Fox stellte den Motor ab.

“Willst du dich diesmal um den Leichnam oder um den Tatort kümmern?”, fragte Rafe.

“Ich übernehme den Tatort. Du würdest einen Edelstein nicht mal erkennen, wenn du über einen fällst. Du kannst doch nicht mal ein Stück Kandiszucker von einem Diamanten unterscheiden.”

Raphael legte die Stirn in Falten. “Ich war bei dem Fall damals nicht ganz bei der Sache.”

“Ja? Und wie geht es Kate?” Fox wusste, dass Rafe nicht bei der Sache gewesen war, weil er während dieses Falls seiner späteren Frau begegnet war.

“Schwanger”, erinnerte ihn Rafe.

“Zwischen den Zeilen gelesen: Sie ist kratzbürstig.” Fox hatte vier Schwestern, die alle noch in Savannah lebten, und kannte sich mit schwangeren Frauen daher recht gut aus. “Keine Sorge, Kumpel. Es wird erst noch schlimmer, bevor es besser wird.”

Raphael warf ihm einen durchdringenden Blick zu. “Du machst mir nur Angst, weil ich dich von Bambi fortgerissen habe.”

“Ihr Name war Candy.”

“Auch egal. Also? Machst du mir nur Angst?”

“Das hättest du wohl gerne.” Jetzt grinste Fox.

Sie stiegen aus dem Wagen aus, und während Rafe sich beeilte, ins Haus zu kommen, folgte Fox ihm mit gemächlicherem Tempo. Ein Polizist tauchte an der Tür auf. “Hallo, McGee, was war hier los?”

McGee zeigte mit dem Daumen über seine Schulter. “Das Opfer liegt in der Bibliothek hinten rechts.”

Fox trat ein, und Rafe folgte ihm bis in die Bibliothek.

Stephen Carmel lag mitten auf dem Boden. Seine Haut war noch nicht kalt, aber seine Lippen verfärbten sich bereits blau. Er war maximal seit drei Stunden tot.

Carmels hohe Stirn glänzte im Schein der Lampen der Bibliothek. “Tut mir leid. Kein schönes Ende, auch wenn ich dir nicht mal zu Lebzeiten die Hand hätte schütteln wollen.” Fox entfernte sich von dem Leichnam.

Er sah hinter die Vorhänge und in den Kamin, suchte die Stelle ab, an der sich ein winziger Teetisch befand, doch auf dem Boden war nichts zu finden.

Danach untersuchte er den offen stehenden Safe. Er fand einen Stapel Dokumente, aber nichts von Wert. Die meisten Papiere betrafen die gerichtliche Auseinandersetzung zwischen Carmel und Tara Cole.

Nachdem er das Zimmer gründlich inspiziert hatte, war Fox sicher: Hier gab es keinen Rubin.

“Ich sehe mich im Haus um”, sagte Fox. Rafe nickte ihm zu.

Nach fast einer Stunde war er durch. Nur noch die Vorratskammer. Fox öffnete die Tür und spähte hinein. Nichts. Seufzend begab er sich zurück zu seinem Partner in die Bibliothek. Mittlerweile waren auch die Männer aus dem Leichenhaus eingetroffen, und Rafe hatte Carmel zum Abtransport freigegeben.

“Okay, ich sehe den Fall folgendermaßen”, sagte er. “Miss Cole hat heute vom Gericht erfahren, dass sie den Fall verloren hat. Sie kommt in entsprechender Stimmung her und geht mit dem Schürhaken auf ihren Stiefbruder los. Vielleicht im Affekt, vielleicht aber auch geplant. Auf jeden Fall hat sie uns den Gefallen getan und den Notruf gewählt. Dann hat sie den Rubin genommen und sich aus dem Staub gemacht. Es passt alles zusammen.”

Fox fand, dass es zu gut zusammenpasste. “Hat man sie noch nicht gefunden?”

“Nein. Sie ist entweder zu Fuß oder per Bus oder Taxi unterwegs. Unseren Informationen nach hat Tara Cole kein Auto. Sie wohnt in einem Hochhaus am Poplar Drive.”

Fox nickte. Wenn er sich nicht schon als kleiner Junge in den 68er Shelby verliebt hätte, würde er in der Stadt wohl auch auf einen Wagen verzichten.

“Einige Beamte warten vor dem Hochhaus”, fuhr Rafe fort. “Wenn die Lady bis zum Morgen nicht auftaucht, haben wir einen Grund, eine Suchmeldung herauszugeben.”

Bis dahin könnte sie schon überall sein, dachte Fox. “Lassen wir ihr bis Mitternacht Zeit, und wenn sie dann nicht aufgetaucht ist, geben wir über Funk ihre Personenbeschreibung heraus.”

Er verließ die Bibliothek und ging um das Haus herum, dann noch einmal – aber keine Spur von irgendwem. Rafe fand ihn im Garten hinter dem Gebäude.

“Unsere Leute sind abmarschbereit”, sagte Rafe.

“Fahr du schon mal mit ihnen vor.”

“Willst du noch bleiben?”

Fox nickte und sah zu, wie sein Partner das Haus verließ, dann wischte er den Schnee von einer Steinbank. Einige Punkte an diesem Verbrechen ließen ihm keine Ruhe. Er setzte sich, um darüber nachzudenken.

2. KAPITEL

Tara saß noch immer hinter dem Verschlag in der Vorratskammer und lauschte.

Alles still. Die Polizisten waren gegangen. Sie quetschte sich unter dem Regalbrett hindurch und öffnete die Tür einen kleinen Spalt.

Die Küche war stockfinster. Auf Zehenspitzen schlich Tara sich in den Flur und ging dann ebenso leise zur Hintertür. Sie öffnete sie ein wenig, quetschte sich quer durch den Spalt und drückte die Tür behutsam wieder zu.

Der Stein ist fort! Sie war nicht in die Bibliothek zurückgekehrt, um nach der “Rose” zu suchen, aber das wäre auch nicht nötig gewesen. Die Polizisten mussten den Rubin auf dem Boden entdeckt haben.

Vielleicht würde sie ihn später einmal aus Stephens Nachlass zurückkaufen. Aber im Moment war sie nicht einmal sicher, wo sich der Stein befand. Tara lehnte ihre Stirn gegen die Tür und kämpfte gegen die Tränen an.

Manchmal, dachte Fox, macht es sich bezahlt, wenn man die Dinge langsam angeht. Er richtete sich auf, um die Frau zu beobachten.

Sie war wie ein Schatten, der sich in einem anderen Schatten bewegte. Alles an ihr war dunkel, vom langen Haar bis hin zu den Leggings und dem Mantel, die sie trug. Mit beiden Händen umfasste sie den Türgriff und drückte die Tür leise ins Schloss. Dann ließ sie ihre Stirn gegen das Holz sinken. Diese Geste war so von Niedergeschlagenheit geprägt, dass Fox unwillkürlich Mitgefühl für die Frau empfand.

Seine Instinkte sagten ihm, dass sie ihn noch nicht bemerkt hatte. Einen Moment später bestätigte sich seine Ahnung. Die Frau entfernte sich von der Tür und bewegte sich leise zur Ecke des Gebäudes. Fox stand von der Bank auf und folgte ihr. Er gab kein Geräusch von sich, bis er nur noch einen halben Meter hinter ihr war.

“Entschuldigen Sie, Ma’am.”

Tara wirbelte herum und begann loszurennen, noch bevor sie ihre Drehung vollendet hatte.

Fox griff instinktiv nach ihr, um sie zu fassen zu bekommen. Dabei lief sie ihm direkt in die Arme und riss ihn mit sich. Gemeinsam fielen sie auf den schneebedeckten Boden.

Wenn Fox wollte, konnte er schnell sein. Jetzt wollte er es. Mit nur einer Hand umfasste er ihre Handgelenke, als sie gerade aufspringen wollte. Er hielt sie fest, bis er über ihr war und sie auf den kalten nassen Boden drückte.

“Also gut”, sagte er keuchend. “Was hat das alles zu bedeuten?”

Die Frau holte Luft, um loszuschreien, doch Fox legte ihr rasch eine Hand auf ihren Mund.

“Hören Sie auf, sich zu wehren, ich bin …” In dem Augenblick bohrten sich ihre Zähne in den weichen Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie hatte ihn gebissen! Die Frau nutzte seine Verblüffung aus und befreite sich aus seinem Griff.

Unter anderen Umständen hätte Fox ihre Beweglichkeit bewundert. Sie rannte auf die rückwärtige Mauer des Grundstücks zu. Doch er würde sie nicht entkommen lassen, ganz gleich, wie hübsch und zart ihm ihr Gesicht erschienen war. Außerdem sagte ihm eine innere Stimme, dass er Tara Cole vor sich hatte.

Er griff nach ihr, fasste aber nur in die Luft. Sie war schon halb über die Mauer, als er erneut einen Satz machte und sie an den Hüften zu fassen bekam. Er zog sie nach hinten, und abermals landeten sie beide im Schnee.

“Ich bin Polizist!”, brüllte er sie an.

Sie atmete schwer, wurde dann aber völlig ruhig. “Nein, das sind Sie nicht.”

Fox spürte, wie sein Blutdruck anstieg. “Doch, das bin ich.”

“Sie haben ‘Entschuldigen Sie’ gesagt, als Sie hinter mir aufgetaucht sind. Sie haben ‘Entschuldigen Sie, Ma’am’ gesagt. Welcher Cop sagt denn wohl ‘Entschuldigen Sie’? Ein richtiger Cop würde sagen ‘Stehen bleiben, Sie sind verhaftet’!”

“Aber Sie sind nicht verhaftet”, erwiderte er noch immer außer Atem. “Noch nicht.”

“Zeigen Sie mir Ihre Dienstmarke.”

Wenn er sie für diesen kurzen Augenblick losgelassen hätte, wäre sie sofort über die Mauer entschwunden. “Guter Versuch. Wo ist der Rubin?”

“Welcher Rubin?”

“Der Rubin, den Sie aus dem Safe entwendet haben, nachdem Sie Carmel umgebracht haben.”

“Ich habe keinen Rubin. Wo, glauben Sie, sollte ich einen Rubin verstecken?”

Fox betrachtete sie von oben bis unten. Ja, wo eigentlich? Sie trug unter dem Mantel keine Leggings, wie er zunächst gedacht hatte, sondern einen Overall, der ihren Körper wie eine zweite Haut überzog und sie verboten attraktiv aussehen ließ.

So was gibt es nur in Philadelphia, dachte er. Dann nahm er den Geruch wahr, der sie umgab. Etwas Heißes, Verführerisches, Lockendes.

“Sie haben das Recht zu schweigen”, sagte er. “Alles, was …”

“Oh, hören Sie auf. Aus welchem Grund wollen Sie mich denn verhaften?”

“Tätlicher Angriff auf einen Polizeibeamten, schwerer Raub, Mord.”

“Woher soll ich wissen, dass Sie tatsächlich ein Cop sind?”

Frustriert verstärkte Fox seinen Griff um ihre Handgelenke, richtete sich auf und zog sie mit sich hoch. “Sie haben das Recht …”

“Als ich Sie gebissen habe, wusste ich nicht, dass Sie ein Cop sind”, unterbrach sie ihn. “Sie haben sich nicht ausgewiesen. Und was das andere …”

Er würde seinen Spruch aufsagen, komme, was da wolle. “Sie haben das Recht zu schweigen. Alles …”

“Ich will meinen Anwalt sprechen.”

Fox brach mitten im Satz ab.

Am liebsten würde er die Frau zum Wagen schleifen und zum Verhör mit aufs Revier nehmen. Aber die Vernunft war stärker als sein Temperament. Sobald er die Lady über die Türschwelle ins Polizeipräsidium brachte, würde sie bestimmt nach ihrem Anwalt schreien. Und mit dem Geld, das sie wahrscheinlich hatte, würde sie sich sicherlich einen der besten Anwälte leisten können.

Fox entschied, anders vorzugehen.

Vielleicht würde er etwas Brauchbares aus ihr herausholen können, bevor sie sich hinter den Ratschlägen ihres Anwalts versteckte. Fox dachte wieder daran, wie die Frau sich gegen die Tür gelehnt hatte, nachdem sie aus dem Haus gekommen war. Sie hatte gewirkt, als ob sie eine entsetzliche Niederlage erlitten hatte. Nicht wie eine Mörderin.

Wenn er sich irrte, könnte er sie später ja immer noch festnehmen. Fox zog sie an ihrem Ärmel. “Gehen wir.”

“Sie nehmen mich fest?”

“Ich weiß noch nicht. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir tauschen Antworten aus. Ladies first, also: Was haben Sie im Haus von Stephen Carmel gemacht?”

“Wer sagt, dass ich im Haus war?”

“Ich habe selbst gesehen, wie Sie herausgekommen sind.”

“Dann verweigere ich die Aussage aus dem Grund, dass ich mich selbst belasten könnte.”

“Das können Sie nicht, weil Sie nicht vor Gericht stehen!”

“Das ist nur eine Formalität.” Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und hoffte, dass er nicht sah, wie sehr sie zitterte.

Tara wurde klar, dass dieser Mann tatsächlich nicht vorhatte, sie auf der Stelle festzunehmen. Vielleicht konnte sie sich ja aus der Sache herauswinden? Bei Stephen hatte das auch fast immer funktioniert. Taras Herz verkrampfte sich, als sie an seinen Leichnam in der Bibliothek dachte. Sie verbannte das Bild aus ihrem Kopf.

“Okay, beginnen wir noch einmal von vorne”, sagte sie. “Ich möchte wissen, mit wem ich es zu tun habe.”

Diesmal holte Fox ein kleines Lederetui hervor. Er öffnete es, stellte sich aber gleichzeitig so vor Tara, dass sie die Wand im Rücken hatte.

Tara hatte Schwierigkeiten durchzuatmen. Ihr Kopf war wie berauscht von dem Duft, der von ihm ausging, etwas Herbes und gleichzeitig Sanftes. Sie riss sich wieder zusammen und konzentrierte sich auf die Dienstmarke, die der Mann ihr hinhielt.

Abteilung für Raubmord. Das war das Erste, was sie las. C. Fox Whiteley. Tara atmete flach. “Wofür steht das ‘C’?”

“Spielt das eine Rolle?”

“Ich bin neugierig. Ich rede Menschen, die mich verhaften, gerne mit ihrem Vornamen an.”

“Vielleicht sollten Sie sich auf die Schwierigkeiten konzentrieren, in denen Sie gerade stecken.”

Und sie steckte in Schwierigkeiten! Das konnte sie allein schon an Fox’ Augen, die scharf und wachsam waren, ablesen. Ihre Zähne begannen nicht nur wegen der winterlichen Kälte zu klappern.

“M-mein Anwalt ist Calvin Mazzeone. Ich w-will ihn anrufen.”

“Halten Sie den Mund. Ich muss nachdenken.” Fox bemerkte, dass die Frau zitterte. Es erinnerte ihn daran, wie sie gewirkt hatte, als sie aus dem Haus gekommen war. “Wir fahren zu Ihnen nach Hause”, beschloss er abrupt. “Wir unterhalten uns dort.”

“Ist das nicht ein wenig unkonventionell?”

“Sie wollen es lieber konventionell? Ich habe ein Paar Handschellen in meinem Wagen.”

“Oh, ich möchte Ihnen keine Umstände machen.”

Sie spielt Spielchen, dachte er und merkte, wie das sein Temperament anstachelte. Mittlerweile waren sie um das Haus herumgegangen, und Fox führte Tara auf den Shelby zu. Er schloss die Beifahrertür auf und schob sie ins Wageninnere. “Ich habe interessante Neuigkeiten für Sie: Überall im Haus sind Ihre Fingerabdrücke.”

“Stephen ist mein Stiefbruder, ich besuche ihn oft.”

Er ließ die Tür zufallen und ging um den Wagen herum, um ebenfalls einzusteigen. “Stephen ist tot.”

“Tatsächlich?”

“Reißen Sie sich bitte zusammen. Wenn ich fahre, kann ich mich nicht mit einer so ergreifenden Trauer befassen.”

“Sind Sie immer so sarkastisch?”

“Nein, das ist Ihre Schuld.” Fox konnte sich förmlich vorstellen, wie sich irgendwo in Savannah gerade alle seine Ahnen im Grab wälzten, weil er sich so unhöflich gegenüber einer Dame benahm.

“Nun, wenn ich Ihnen so zur Last falle, dürfen Sie mich gerne da vorne an der Ecke rauslassen”, sagte sie. “Ich finde schon nach Hause.”

Fox sah sie einen Moment lang an. “Verdammt noch mal, ich habe Sie aus diesem Haus kommen sehen.” Dann blickte er wieder auf die Straße. “Wo wohnen Sie, Miss Cole?”

Natürlich wusste er längst, wer sie war. “1222 Poplar Drive.”

“Wirklich?”

“Warum sollte ich lügen?”

“Ich weiß nicht. Vielleicht, weil Sie eben Ihren Bruder umgebracht haben?”

Stiefbruder.” Sie zischte das Wort. Es war bis jetzt das erste Mal, dass er in ihrem Tonfall ein echtes Gefühl hörte.

“Und warum haben Sie ihn umgebracht?”

“Ich weigere mich zu antworten …”

“Wo ist der Rubin?”

“Ich habe ihn nicht.”

“Wo haben Sie ihn versteckt?”

“Der …” Tara verstummte. Der Typ bombardierte sie so sehr mit Fragen, dass sie beinahe geantwortet und den Hund erwähnt hätte!

Seine Fragen waren nichts weiter als eine Finte, um sie aus der Reserve zu locken. Die Cops mussten den Rubin gefunden haben, er war irgendwo auf dem Fußboden der Bibliothek gelandet und sicherlich nicht zu übersehen gewesen.

Whiteley fuhr in die Tiefgarage des Hochhauses, in dem Tara wohnte. Dem Wachmann zeigte er seine Marke, dann suchte er nach einem Parkplatz.

“Sie können sich das Parken sparen und mich aussteigen lassen.” Tara verschränkte die Arme vor der Brust. “Sie kommen sowieso nicht mit rauf.”

“Ich hoffe, Sie haben Kaffee. Es könnte eine lange Nacht werden.”

“Hören Sie, ich muss Sie nicht in meine Wohnung lassen.”

“Dann habe ich etwas, das ich Ihnen zur Last legen kann: Behinderung der Justiz. Das sollte reichen, damit Sie diese Nacht in einer Zelle verbringen.”

“Das ist doch lächerlich. Mein Anwalt holt mich innerhalb von fünf Minuten wieder raus.”

“Wollen Sie es darauf ankommen lassen?”

Das wollte sie nicht. Nachdem Fox den Wagen geparkt hatte, stieg Tara aus und warf wütend die Beifahrertür zu.

Fox folgte ihr in den Aufzug, mit dem sie in den siebten Stock fuhren. Tara presste die Lippen zusammen, während er ihr durch den Flur folgte. Sie schloss die Wohnungstür auf und wollte sie zumachen, bevor er eingetreten war, doch Fox blockierte sie mit seinem Fuß und verschaffte sich so Zutritt zu ihrem Apartment.

Er sah sich um. Von der langen Fensterreihe an der rückwärtigen Seite des Wohnzimmers hatte man einen großartigen Ausblick auf den Schuylkill River. Die Bootshäuser waren mit unzähligen Lampen geschmückt und wirkten, als wären sie direkt einem Märchen entsprungen. Das gefiel ihm. Dann betrachtete er das Wohnzimmer. Glas, kaltes weißes Leder, ein schwarzer Teppich. Die Drucke, die an den Wänden hingen, waren modern.

Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Lady mir durch die Finger gleitet, dachte Fox. Auch wenn sie Stephen Carmel nicht getötet hatte – irgendetwas war mit Tara Cole los. Immerhin hatte sie sich im Haus des Getöteten aufgehalten.

Fox ging zum Sofa und setzte sich. “Wo waren wir stehen geblieben?”

“Sie wollten gerade aufbrechen.”

“Gehen wir doch erst einmal das durch, was ich weiß. Stephen Carmel ist tot und nachdem die Polizei wieder aus dem Haus ist, schleichen Sie sich durch die Hintertür davon.”

Sie schwieg.

“Das Labor wird ein paar Stunden brauchen, um Ihre Fingerabdrücke zu identifizieren, aber bis morgen Nachmittag habe ich das Ergebnis. Und dann habe ich Sie am Wickel!”

“Ich habe doch schon gesagt …”

“Ach ja, hätte ich fast vergessen. Sie und das Opfer sind verwandt. Sie haben seine Bibliothek regelmäßig aufgesucht, also ist logischerweise alles mit Ihren Fingerabdrücken übersät.”

“Ja”, stimmte sie ihm vorsichtig zu.

“Glauben Sie, die Geschworenen werden Ihnen glauben, wenn Sie erzählen, dass Sie Carmels Schürhaken liebevoll gestreichelt haben?”

Sie sah ihn wütend an.

“Und außerdem”, fuhr er fort, “haben Sie sich der Festnahme widersetzt.” Er sah, wie sie empört den Mund öffnete, dann aber sofort wieder schloss. Kompliment, ihre Selbstbeherrschung war nicht ohne! Fox versuchte es weiter. “Und Sie haben mich angegriffen. Ich würde sagen, dass sogar Mr. Superanwalt Calvin Mazzeone mit dem Fall alle Hände voll zu tun haben wird.” Er lehnte sich zufrieden zurück.

“Das werden wir ja sehen.” Tara griff nach dem eleganten ultramodernen Telefon, das auf einem Tisch aus Glas und Chrom stand.

Fox sprang auf. “Lassen Sie den Unsinn!”

“Oder was? Werden Sie mich erschießen?”

“Führen Sie mich nicht in Versuchung.”

“Dann werfen Sie mir irgendetwas vor! Entweder haben Sie einen Grund oder nicht.”

Das Schweigen zog sich in die Länge. Schließlich zuckte Fox mit den Schultern – eine Geste, die Tara an die schwüle Hitze des Sommers denken ließ. Er kam auf sie zu. Sogar die Art, wie er ging, hatte etwas Laszives an sich.

Er nahm ihr den Hörer aus der Hand und wählte eine Nummer. Dabei sah er sie an, als wäre er der Teufel in Person und Tara etwas, was er seit langer Zeit begehrte. Ihr wurde ganz anders zumute.

“Mach dir keine Gedanken über die Stiefschwester”, sagte er plötzlich zu jemandem am anderen Ende der Leitung. “Man könnte sagen, dass ich die Situation … im Griff habe.” Er sah wieder zu ihr. “Sie hat den Rubin nicht bei sich. Glaub mir, ich bin sicher.”

Taras Herz pochte heftig. Jetzt begriff sie gar nichts mehr. Whiteley sprach so, als wüsste die Polizei nicht, wo die “Rose” war. Hatten die Cops die Bibliothek etwa nicht durchsucht?

Für einen Moment war sie so irritiert, dass sie schon sagen wollte, dass der Stein in einer Ecke der Bibliothek nahe dem Fenster liegen musste. “Vielleicht hat Stephen den Rubin fallen lassen”, gab sie stattdessen zu bedenken. “Sie wissen schon, bei dem Handgemenge.”

“Wer hat etwas von einem Handgemenge gesagt?”

“Sie. Sie haben von einem Schürhaken erzählt. Ich zähle nur eins und eins zusammen. Glauben Sie, mein Stiefbruder hätte einfach nur dagestanden und sich niederschlagen lassen?”

Sie war schlagfertig. Das gefiel Fox. “Der Stein ist nicht in Carmels Haus.”

Er bemerkte, dass sich ihre Gesichtszüge veränderten. Ihr Gesicht spiegelte nacktes Entsetzen wider. Wieder verspürte er diesen Wunsch, sie in den Arm zu nehmen.

Fox ging zur Tür. “Sie werden bis auf Weiteres die Stadt nicht verlassen, haben Sie verstanden?” Damit ging er.

Etwas verdutzt betrachtete Tara die geschlossene Tür. Sie ging hin und sah durch den Spion. Whiteley stand noch da. Offensichtlich wartete er darauf, dass sie abschloss. Doch diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun.

Schließlich gab er auf und ging. Tara drehte sich langsam um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür. Sie konnte nicht glauben, wie viel Glück sie gehabt hatte. Aber wo ist die “Rose”?

Ihr Blick fiel auf den Telefontisch, und im gleichen Moment begann ihr Herz wieder zu rasen.

Sie eilte zum Tisch und suchte die Glasplatte ab, dann kniete sie sich hin und untersuchte den Boden. Sie gab einen wütenden Schrei von sich. Das durfte nicht wahr sein!

Ihr Terminkalender war verschwunden.

3. KAPITEL

Fox erlaubte sich ein Grinsen, als er den wütenden Aufschrei hörte, der aus Taras Wohnung drang. Zum ersten Mal seit Stunden empfand er eine gewisse Befriedigung. Als er im Aufzug war, holte er den Terminkalender aus seiner Tasche. Das wird eine interessante Lektüre werden, dachte er, während er die Seiten durchblätterte. In dem Moment klingelte sein Handy.

“Du hast alles im Griff?”, fragte Rafe, als Fox sich meldete. “Was soll das heißen? Wo bist du?”

“1222 Poplar Drive. Und wo bist du?”

“Im Präsidium. Ich …” Rafe stockte. “Das ist doch die Adresse der Stiefschwester.”

“Richtig.” Fox verließ den Lift und trat in das elegante Foyer mit den teuren Perserteppichen und dem Empfang aus Marmor.

“Und wo war sie heute Nacht?”, fragte Rafe.

“Im Haus des Toten.”

Was?”

“Ich möchte sie noch nicht in die Sache hineinziehen.” Fox betrat den Fußweg am Poplar Drive und überquerte die Straße. “Sie hat ihren Stiefbruder nicht umgebracht. Das habe ich im Gefühl.”

“Hast du das?”, meinte Rafe lakonisch. “Hat sie überhaupt etwas mit dem Fall zu tun?”

“Ich denke schon. Aber ich weiß noch nicht, in welcher Weise.”

Der Schnee rund um das Gebäude leuchtete im Schein der Straßenlampen. Fox setzte sich auf eine Parkbank. Er sah zu Taras Apartment hinauf.

“Ich werde Folgendes machen”, fuhr er schließlich fort. “Wir brauchen rund um die Uhr vier Beamte. Einen in der siebten Etage, einen im Foyer, einen im Park auf der anderen Straßenseite und einen, der die Rückseite des Gebäudes im Auge behält. Die ersten beiden bleiben fest auf ihrem Posten, die anderen zwei folgen der Lady, ganz egal, wohin sie geht.”

“Ziemlich viele Leute für eine Frau, die nichts verbrochen hat.”

“Sie ist aalglatt. Und sie spuckt Gift und Galle”, erklärte Fox. “Ich möchte über jeden ihrer Schritte informiert sein. Nur auf diese Weise können wir herausfinden, was sie heute Nacht gemacht hat.” Sein Blick ruhte noch immer auf den beleuchteten Fenstern im siebten Stock.

Er hatte immer Blondinen bevorzugt. Adelia war elfenhaft, blass und zierlich gewesen. Tara Cole hätte nicht gegensätzlicher sein können. Was hatte es also mit diesem komischen Gefühl auf sich, das sich in seiner Brust breitgemacht hatte, seit er die Lady vorhin gesehen hatte?

Nachdenklich starrte er auf Taras Wohnzimmerfenster. Das Licht war ausgemacht worden, jetzt wurde es hinter dem danebenliegenden Fenster hell. Das Schlafzimmer. Tara trat ans Fenster, dann wurde rasch die Jalousie heruntergelassen.

Dennoch konnte Fox nach wie vor Taras Schatten sehen. Nach den Bewegungen zu urteilen, schälte sie sich wahrscheinlich gerade aus ihrem … aus dem Ding heraus, das sie getragen hatte, als sie aus Stephen Carmels Haus gekommen war. Fox’ Mund wurde trocken, sein Puls begann zu rasen.

“Hm?”, sagte er in sein Telefon.

Rafe hatte etwas gesagt, aber jetzt herrschte einen Moment lang Totenstille. “Hast du gerade ‘hm’ gesagt? Du?”

“Die Verbindung ist schlecht”, lenkte Fox rasch ab. “Hör zu, ich warte im Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite, bis die Observierung da ist.”

“Ich sag den Jungs gleich Bescheid.”

Im siebten Stockwerk ging zum Glück endlich das Licht aus.

Tara sah die Männer und Frauen an, die sich zu einem Treffen in ihrem Marketingunternehmen eingefunden hatten, um über Sinn und Unsinn einer Ferienanlage in Maine zu diskutieren. Auch wenn es ihr bislang gelungen war, sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren, begannen ihre Gedanken auf einmal abzuschweifen.

Die “Blutende Rose” musste sich in Stephens Bibliothek befinden … irgendwo. Wenn Whiteley den Stein nicht hatte, dann mussten die Cops ihn einfach übersehen haben. Aber wie sollte sie diesen Detective mit den blauen Augen und dem dämonischen Grinsen dazu bringen, an der Wand zu suchen, an der der Rubin liegen musste, ohne gleichzeitig einzugestehen, dass er dort gelandet war, als sie versucht hatte, den Hund abzuschütteln?

Komisch, Whiteley hatte den Hund mit keinem Wort erwähnt. Wieso nicht? Aus einem unbestimmten Grund irritierte sie das.

Eigentlich war sie mit diesem Detective ganz gut zurechtgekommen. Sicher, er hatte ihren Terminkalender mitgehen lassen, aber darin würde er sowieso nichts Weltbewegendes finden. Und Whiteley hatte sie auch nur vage aufgefordert, die Stadt nicht zu verlassen. Genau das würde sie am nächsten Montag aber machen. Sie musste für dieses Projekt nach Maine fliegen. Tara hatte zu hart dafür gearbeitet, einen Ruf für ihr Marketingunternehmen aufzubauen, als dass sie bereit gewesen wäre, sich von einem Typ Steine in den Weg legen zu lassen, der eine Initiale zum Vornamen hatte.

Aber wo ist die “Rose”?

“Hm?”, meinte sie plötzlich, als sie merkte, dass ihr Assistent Eric, der das Meeting leitete, etwas zu ihr gesagt hatte. Die anderen am Tisch warfen sich fragende Blicke zu.

Kim Koby, die in der Grafik arbeitete, räusperte sich. “Ich sage das jetzt als deine Freundin, nicht als deine Angestellte: Vielleicht solltest du ein paar Tage freinehmen.”

“Warum sollte ich das denn machen?” Sie alle wussten, wie sie über Stephen gedacht hatte. Keiner von ihnen hatte erwartet, dass sie vor Trauer nicht in der Lage gewesen wäre, ihre Arbeit zu erledigen.

“Wenigstens morgen”, sagte ihre Sekretärin Debbie. “Für die Beerdigung.”

“Die ist nachmittags und dauert höchstens zwei Stunden.” Tara würde hingehen, um ihres Stiefvaters willen, aus Respekt vor dem Andenken an Scott Carmel. Aber sie konnte nicht um Stephen weinen, und sie würde es auch nicht vortäuschen. Das wussten alle.

“Mir gefällt das alles nicht”, sagte Debbie. “Seit zwei Tagen beobachtet ein Polizist den Eingang zum Gebäude.”

Tara sah sie einen Moment lang nachdenklich an, dann lief sie in den Flur und eilte in ihr Büro. Sie sah aus dem Fenster im vierten Stock, konnte zwar keinen Cop ausmachen, bemerkte aber einen Typ in khakifarbener Kleidung, der in der Nähe des Briefkastens herumlungerte. Sie wartete einige Minuten, doch der Mann ging nicht weg.

Langsam kehrte sie in den Konferenzraum zurück.

“Woher weißt du, dass er ein Cop ist?”, fragte sie Debbie. Es konnte sich auch um einen Reporter handeln, der ihr auflauerte.

Die Sekretärin nagte an ihrer Unterlippe. “Ich weiß es nicht sicher, aber er trägt eine Waffe.”

Tara spürte, wie ihr Puls in die Höhe schnellte. “Er ist bewaffnet?”

“Als der Wind seinen Mantel zur Seite geweht hat, konnte ich sehen, dass er eines von diesen Schulterhalftern trägt.”

“Warum hast du mir das nicht sofort gesagt?”, wollte sie wissen.

“Ich war der Ansicht, dass du schon genug Stress hast.”

Tara ballte die Fäuste, damit ihre Hände nicht zu zittern begannen.

Als ihre Mutter vor vier Jahren gestorben war, hatte sie sich an zwei Dinge geklammert, die ihr die Kraft gaben weiterzumachen: den Rubin und “Concepts”, dieses Unternehmen. Tara hatte es mit viel Arbeit und Mühe aufgebaut. Es war ihr Baby, geboren aus ihrem Fachwissen, ihrem Mut und ihrem Talent. In gewisser Weise waren ihre Angestellten ihre Familie.

Stephen hatte die “Rose” an sich gerissen, aber sie hatte noch immer Concepts.

“Macht euch um mich keine Sorgen, ich kann schon auf mich aufpassen”, sagte sie leise. “Wir sind hier fertig, ich bin jetzt wieder in meinem Büro.”

In ihrem Zimmer angekommen, ging sie wieder langsam zum Fenster. Sie schloss die Augen und bewegte sich weiter vor, bis ihre Handflächen das kalte Glas berührten. Dann sah sie nach unten.

Der Typ war noch immer da.

Wenigstens ist es nicht Whiteley, dachte sie. Der Kerl trug ein einfaches weißes Hemd unter dem schlecht sitzenden Mantel, den Debbie erwähnt hatte. Es war absurd, aber Tara merkte, dass sie sich daran erinnerte, wie Whiteley am Montagabend gekleidet gewesen war. Er hatte eine weiche Lederjacke getragen, die ihr so gut im Gedächtnis geblieben war, weil sie sie während des Handgemenges mehr als einmal angefasst hatte. Der Mann hatte eindeutig Stil.

Was war nur los mit ihr? Hatte sie keine anderen Sorgen, über die sie nachdenken konnte? Der Rubin war verschwunden und Whiteley war offenbar so sehr davon überzeugt, sie sei in Stephens Tod verstrickt, dass er sie beschatten ließ. Und sie hatte nichts Besseres zu tun, als daran zu denken, dass der Detective Stil hatte? Vielleicht verlor sie allmählich den Verstand. Vielleicht waren die letzten Tage doch zu viel für sie gewesen.

Tara hielt die geballte Faust vor ihren Mund, dann kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück und zwang sich, ihre Gedanken auf das Projekt in Maine zu konzentrieren.

Fox saß an seinem Schreibtisch in der Abteilung für Raubmord. Vor ihm stand ein uniformierter Polizist.

“Ich habe mit dem Pförtner gesprochen. Er war ziemlich genau über Tara Coles Tagesablauf informiert”, berichtete Vince Migliaccio. “Sie geht immer zu Fuß ins Büro, ausgenommen mittwochs.”

“Heute ist Mittwoch”, erwiderte Fox.

“Richtig, und heute nimmt sie das Taxi. Heute ist der Tag, an dem sie ihre Klamotten in die Reinigung bringt. Der Pförtner sagt, dass sie das immer mit einem Taxi erledigt.”

“Bist du sicher?”

Fox wusste, dass Rafe Migliaccio speziell für diesen Fall ausgesucht hatte, um ihm nach einem Fehlschlag im letzten Sommer eine zweite Chance zu geben. Fox hielt es für eine gute Idee, allerdings hoffte er für den jungen Mann, dass der seine Lektion gelernt hatte und sich zukünftig von den Frauen fernhielt, die in ein Verbrechen verwickelt waren.

Etwa so, wie ich selbst das gerade mache? Vor Fox’ geistigem Auge tauchte für einen Moment ein Bild von endlos langem schwarzen Haar auf. Er sah, wie es über seine Hände fiel, so wie bei dem Gerangel mit Tara Cole in Carmels Garten. Er sah ihren straffen agilen Körper, um den sich diese schwarze zweite Haut schmiegte.

“Hm?”, sagte er zu Migliaccio.

Der Officer sah ihn merkwürdig an. “Alles in Ordnung?”

“Natürlich”, erwiderte Fox.

“Sie lässt sich meistens das Mittagessen ins Büro bringen. Das sagt zumindest der Typ vom Restaurant gleich um die Ecke.”

“Wie heißt der Laden?”

“‘Ernie and Vin’s’, er befindet sich an der Brown und Vierundzwanzigste.”

“Okay, gut. Wenn wir davon ausgehen, dass sie das Büro nicht früher verlässt, dann übernehme ich um fünf Uhr die Schicht von Currey.”

“Gut, ich sage ihm Bescheid.”

Fox schlug Taras Terminkalender auf. Heute Abend war sie mit jemandem namens Charlie im “Four Seasons” zum Abendessen verabredet. Morgen Abend um neun Uhr stand ein Empfang in einer Galerie in der Nähe ihres Büros auf dem Plan. Darauf freute sich Fox. Er mochte Kunst.

Um zwanzig nach sechs stand Tara von ihrem Schreibtisch auf und trat ans Fenster.

Der Cop war fort. Tara wirbelte herum zu ihrem Schreibtisch und schaltete in aller Eile ihren Computer aus. Dann eilte sie zum Schrank, holte den Mantel heraus und zog ihn an, während sie nach der Tasche mit Wäsche griff, die auf dem Boden stand.

“Eric!”, rief sie. Als sie den Flur betrat, steckte ihr Assistent den Kopf aus seinem Büro. “Schließ für mich ab, ich muss los!”

“Ja … sicher.”

Tara rannte durch den Flur und drückte fest auf den Aufzugknopf. “Komm schon, komm schon.” Sie wusste, dass Whiteleys Leute sie spätestens zu Hause wieder im Visier haben würden, doch darum ging es ihr nicht. Sie wollte dem Detective nur eins auswischen, weil er ihren Terminkalender an sich genommen hatte.

Sie musste ihn einfach wissen lassen, dass er nicht alle Trümpfe in der Hand hielt.

Als sie das Gebäude verließ, sah sie am Straßenrand ein freies Taxi. Tara nahm den Wäschebeutel in die linke Hand und streckte den rechten Arm nach dem Türgriff aus.

“Erlauben Sie?”, sagte eine vertraute Stimme.

Tara stieß einen Schrei aus. Sie wirbelte herum und riss die Hände hoch, als wolle sie einen Schlag abwehren. Der Beutel fiel zu Boden. “Sie?”

“Frauen aus dem Norden haben große Schwierigkeiten mit Kavalieren.” Fox Whiteley ging um sie herum und öffnete die Tür des Taxis. “Ladies first.”

“Nein!” Tara spürte, wie unbändige Wut von ihr Besitz ergreifen wollte. Sie blickte zu Boden, während sie versuchte, ihre Ausgeglichenheit und Selbstbeherrschung wiederzuerlangen. Fox trug Stiefel aus Alligatorleder. Tara konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal einen Mann gesehen hatte, der so elegante Schuhe trug. Warum musste der Typ so verdammt gut aussehen?

“Ist das nicht eine vom Aussterben bedrohte Art?”, murmelte sie.

Erstaunlicherweise folgte er ihrem Gedankengang und sah ebenfalls nach unten. “Ich bin noch keinem Alligator begegnet, der es nicht verdient hätte, so getragen zu werden. Was ich von Ihrem Pelzmantel nicht sagen kann.”

Tara riss den Kopf hoch. “Er ist nicht echt.”

Fox grinste. “Wenn Sie das besser schlafen lässt.” Dann strich er mit einem Finger über den Kragen, als wolle er sich davon überzeugen.

Sie fühlte die Berührung durch den Mantel hindurch. Seine Augen erfassten ihre und hielten ihrem Blick stand, als stellten sie sich einer Herausforderung … und es kam ihr nicht so vor, als hätte das etwas mit ihrem künstlichen Pelzmantel zu tun gehabt. Fox Whiteley war wirklich der Teufel in Person. Aber einen unglaublichen Moment lang fühlte Tara sich versucht, ihre Seele an ihn zu verlieren.

Dieser Gedanke raubte ihr fast die Stimme. “Gehen Sie”, sagte sie heiser. “Ich fahre mit Ihnen nirgendwohin.”

“Gut. Dann fahren Sie mit diesem Taxi, und ich nehme das nächste. Aber, Ma’am, wir müssen uns wirklich unterhalten.”

“Warum? Ich habe Ihnen beim letzten Mal alles gesagt, was ich weiß.”

“Sie haben mir eigentlich überhaupt nichts gesagt.”

“Weil es nichts zu sagen gibt!”

“Wissen Sie, ich hatte Zeit, darüber nachzudenken, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sie sich irren.” Er machte eine Pause. “Sie waren in Carmels Haus. Können wir uns wenigstens darauf einigen?”

“Ich verweigere die Aussage, weil ich …”

Sein Blutdruck begann zu steigen. “Ich habe noch niemals erlebt, dass jemand die Aussage verweigert, nur weil ich eine völlig unschuldige Frage stelle!”

“Was Sie betrifft, ist nichts unschuldig!”

Der Satz war ihr entglitten, noch ehe sie ihn gedacht hatte. Tara sah rasch zur Seite, damit Whiteley nicht sehen konnte, wie sie rot wurde. Sie war sicher, dass er sich das für nichts in der Welt entgehen lassen würde.

Er berührte sie am Ellbogen, prompt wurde ihr Puls noch schneller. “Reden Sie mit mir”, sagte er, “und sei es nur, damit Sie Ihre hübsche Haut retten.”

Sie lächelte ihn provozierend an, als sie ihm wieder in die Augen sah. “Gefällt Ihnen meine Haut?” In dem Moment betätigte der Taxifahrer ungeduldig die Hupe, und Tara machte einen Satz.

Fox beugte sich ins Wageninnere. “Nur die Ruhe, Kumpel.” Er richtete sich auf und sagte zu Tara: “Steigen Sie ein.”

“Geben Sie mir zuerst meinen Kalender zurück.”

“Ich bin noch nicht durch. Ich finde, es ist sehr unterhaltsam.”

“Wenn Sie das für unterhaltsam halten, dann sollte ich wohl Mitleid mit Ihnen haben, Detective.”

Fox machte den Mund auf, um etwas zu erwidern, aber ihm fehlten die Worte. Warum brachte ihn diese Frau ständig dazu, seinen Verstand zu verlieren?

Tara stieg rasch in das Taxi und ließ sich auf der Rückbank nieder, während Fox mit seinen Gedanken immer noch ganz woanders war. Sie schlug die Tür zu und beugte sich nach vorne. “Fahren Sie los!”, rief sie dem Fahrer zu.

“Das versuche ich ja die ganze Zeit”, beklagte sich der Mann.

Tara sah sich kurz um, während das Taxi losfuhr. Detective Whiteley machte einen ziemlich wütenden Eindruck.

Sie lachte laut auf, bis ihr das Lachen im Hals stecken blieb. Ihre Tasche mit der Wäsche stand noch auf dem Fußweg. Tara sah, wie Fox die Tasche nahm und ein Taxi zu sich winkte.

Sicher würde sie ihn wiedersehen.

Fox beschloss, die gereinigte Kleidung zumindest vorübergehend zu behalten. Er brachte sie in sein Apartment, das an der Nordseite des Girard College und damit nicht weit von Taras Wohnung entfernt lag. Vom Taxi aus rief er Rafe und Migliaccio an. Letzteren schickte er los, damit er vor Taras Hochhaus Position bezog.

“Hast du alles unter Kontrolle? Brauchst du mich im Augenblick nicht?”, fragte Rafe.

Fox konnte am Tonfall seines Partners erkennen, dass der nur zum Teil seine Gedanken auf den Fall gerichtet hatte.

Er beendete das Gespräch und sah zur Tasche, die neben ihm auf dem Sitz stand. Wieder setzte dieses Pochen hinter seinen Augen ein. Wenn man die richtige Frau hat, verändert sich das Leben, dachte er. Einige Frauen aber konnten einen einfach nur zur Weißglut treiben.

Der Taxifahrer hielt vor dem Apartmentgebäude, in dem Fox lebte, und ließ ihn aussteigen. Der Shelby stand auf seinem angestammten Platz. Liebevoll strich Fox über Kurven und Rundungen, als er an dem Wagen vorbeiging. Er fuhr nicht immer mit ihm ins Büro. In der Stadt einen Parkplatz zu finden war die Hölle, und außerdem war der Wagen eher für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt, nicht für dröges Stop-and-go. So wie eine gewisse Brünette, die der Schlüssel zu diesem Verbrechen war.

Verdammt, er bevorzugte doch Blondinen.

Fox ging ins Haus, betrat sein Apartment und stellte Taras Wäschebeutel auf den Küchentisch. Neugierig zog er an einer Ecke der Tasche und warf einen Blick hinein. Pfirsichfarbener Satin. Mit Spitze.

Diese Frau brachte ihre Dessous in die Reinigung!

Fox drückte den Beutel wieder zu. Sie war nicht sein Typ. Sie war dunkelhaarig und widerborstiger als ein Stachelschwein. Diese Frau hatte keine Manieren.

Und außerdem gab es noch eine Tatsache zu berücksichtigen, den wichtigsten Grund, sie nicht attraktiv zu finden: Sie war Stephen Carmels Stiefschwester und auf irgendeine Weise in seinen Mord verwickelt. Trotzdem … er konnte sie einfach nicht aus seinem Kopf verbannen.

Fox beschloss, auch diese Nachtschicht zu übernehmen. Fünf Minuten später stand er unter der Dusche, danach verbrachte er mehr Zeit als sonst damit, seine Kleidung auszuwählen. Um genau halb acht machte er sich auf den Weg ins Stadtzentrum zum “Four Seasons”.

4. KAPITEL

Tara hatte auch den Termin in der Kunstgalerie sausen lassen. Gegen elf Uhr war Fox allmählich klar geworden, dass sie nicht kommen würde. Der Galerist hatte ihm gesagt, dass sie die Einladung angenommen und danach nicht angerufen hatte, um abzusagen. Tara hatte Fox auflaufen lassen.

Am Abend zuvor hatte sie zumindest die Reservierung für den Tisch im “Four Seasons” zurückgezogen. So hatte Fox in dem Nobelrestaurant wenigstens nur eine Viertelstunde vergeudet.

Um ein Uhr in der Nacht verließ Fox die Galerie und ließ sich von einem Taxi zum 1222 Poplar Drive bringen, wo er Migliaccio ablöste. Dann bezog er auf seiner Bank Position und wartete.

In Taras Apartment war alles dunkel. Um zwanzig Minuten nach zwei Uhr stand Fox auf und überquerte die Straße. Es war bitterkalt. Doch seine Wut half ihm dabei, ein wenig aufzutauen. Er zeigte dem Wachmann seine Dienstmarke und ging zum Aufzug. Dann drückte er auf den Knopf für die siebente Etage. Dort angekommen, ging er zu Taras Tür und klopfte. Er wollte es genau wissen.

Bestimmt war sie in irgendeinem schicken Club und tanzte dort bis zum frühen Morgen. Fox klopfte fester.

Tara öffnete die Tür.

Sie trug ein weites Sweatshirt, und mit einer Hand wischte sie ihr dunkles Haar aus der Stirn. Ihre Augen waren zunächst auf halbmast. Doch als sie Fox erkannte, war es aus mit ihrer Schläfrigkeit.

Sie stürmte auf ihn los, aber er bekam sie an den Handgelenken zu fassen, bevor ihre Fäuste irgendeinen empfindlichen Teil seines Körpers treffen konnten. “Sachte.”

“Sachte? Sachte? Es ist mitten in der Nacht! Was machen Sie hier?”

“Ganz einfach: Wenn Sie das tun würden, was Sie tun sollten, dann könnte ich jetzt auch schlafen!”

Sie sah ihn verständnislos an. “Aha, und was sollte ich Ihrer Meinung nach denn tun?”

Fox hielt noch immer ihre Handgelenke fest. Taras Haut hatte die Beschaffenheit von Rosenblättern – auch wenn sie selbst mehr den Dornen an einem Stiel glich. Ihr Puls schlug hektisch unter seinem Daumen, und ihre Haut war noch immer warm.

“Abendessen im ‘Four Seasons’”, sagte er. “Erinnert Sie das an etwas? Und was war mit der Vernissage, die Sie heute Abend hatten besuchen wollen?”

Sie riss den Mund auf. “Sie stellen mir nach?”

“Ich beschatte Sie, das ist etwas anderes.”

“Das ist es verdammt noch mal nicht. Verschwinden Sie!”

Sie riss sich aus seinem Griff los, legte ihre Hände auf seine Brust und versetzte ihm einen kräftigen Schubs. Fox machte ein paar unsichere Schritte nach hinten, und im nächsten Moment flog die Tür ins Schloss.

“Lady, das war eindeutig ein tätlicher Angriff auf einen Polizisten!”, rief er.

Hinter ihm wurde eine Tür ein Stück weit geöffnet. “Ruhe da draußen, sonst rufe ich die Polizei!”

“Ich bin die …”

Auch diese Tür wurde zugeschlagen, bevor er ausreden konnte. Diese Nacht gehörte sicherlich nicht zu den Highlights in seinem Leben …

Als sie zwölf Jahre alt war, hatte Tara in Disneyland einen Wecker geschenkt bekommen. Sie benutzte ihn noch heute. Um Viertel nach sechs umarmten sich Micky und Minnie und es ertönte fröhliche Musik – ein Klang, der Tara normalerweise mit guter Laune in den Tag starten ließ. Doch heute hatte ihr Erwachen kaum etwas Freudiges. Als sie ihre Augen öffnete, waren ihr sofort wieder die Ereignisse der letzten Nacht präsent.

Er ist mitten in der Nacht vor meiner Tür aufgetaucht! Und er hatte sie berührt! Seine Finger um ihre Handgelenke waren keineswegs eine unangenehme Empfindung gewesen, im Gegenteil …

Was ist los mit mir?

Dieser Whiteley drängte sich in ihr Leben und brachte es gründlich durcheinander. Sie musste ihn abschütteln, ehe sie sich selbst vergaß und am Ende noch glaubte, dass es wirklich von Bedeutung war, wie sich seine Finger auf ihrer Haut anfühlten.

Und eins durfte sie nicht vergessen: C. Fox Whiteley war überzeugt davon, dass sie Stephen getötet hatte. Wie sollte sie bitte einen Mann nur ansatzweise an sich heranlassen, der sie für schuldig hielt? Und wann war sie eigentlich zu der Ansicht gelangt, dass er sexy und sie einsam war?

Ihr Herz begann wie wild zu schlagen. Sie kletterte aus dem Bett, ging in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Endlich musste sie laut auflachen und spürte, wie ein Teil der Anspannung aus ihren Muskeln wich. Dieser Whiteley befand sich doch tatsächlich in dem Glauben, ihr Terminkalender sei das Evangelium!

Tara schenkte eine Tasse Kaffee ein und nahm einen Schluck. Dann ging sie zum Wohnzimmerfenster, um festzustellen, ob der Cop, der sich vor ihrem Haus aufhielt, noch da war. Natürlich! Sie trank die Tasse aus, stellte sie in die Spüle und ging unter die Dusche.

Um zehn nach acht verließ sie ihr Apartment. Sie ging wie nahezu jeden Werktag auf der Poplar in östlicher Richtung. An der ersten Ecke wurde sie langsamer, um nach ihrem Aufpasser zu sehen.

Die Luft war rein. Der Mann war verschwunden. Jedenfalls konnte sie ihn nirgends entdecken. Tara ließ ihren Plan anlaufen. Eine Frau hatte schließlich immer noch das Recht auf ein wenig Privatsphäre.

Der nächste Morgen hatte für Fox hektisch begonnen. Keine zehn Minuten nachdem Migliaccio ihn angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, dass Tara von ihrem üblichen Weg ins Büro abgewichen und in einem Spielzeuggeschäft namens “Toyland” in der Achtundzwanzigsten verschwunden war, war Fox an genau jenem Laden vorgefahren. Genau zum richtigen Zeitpunkt – Tara kam gerade raus. Mit leeren Händen.

Fox stieg unbemerkt aus dem Shelby aus und ging in die Spielwarenhandlung. Eine helle Glocke ertönte über seinem Kopf, als er die Tür öffnete und in eine winterliche Landschaft überwechselte. Hier gab es weder Lasergewehre noch Skateboards zu kaufen, auch Actionfiguren hatten keine Chance. Die Puppen, die an den Wänden entlang aufgereiht standen, hatten Köpfe und Gliedmaßen aus feinem Porzellan. Alles war alt und kostbar.

“Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?”

Fox drehte sich um und entdeckte eine Frau, die ein langes rotes Kleid und eine weiße Schürze trug. Sie hatte graue Locken und sah so aus, wie man sich die Frau vom Weihnachtsmann vorstellt. “Ja, Ma’am. Arbeiten Sie hier?”

Sie lächelte. “Mir gehört das Geschäft. Haben Sie an etwas Spezielles gedacht oder möchten Sie sich erst einmal umsehen?”

Er hasste es, ihre Illusion zu zerstören. Fast schuldbewusst zog er seine Dienstmarke heraus. “Ich habe ein paar Fragen zu der Frau, die gerade eben hier gewesen ist.

“Tara Cole?”, fragte sie.

“Sie kennen sie? Kommt sie öfters her?”

“Sie ist keine Stammkundin, wenn Sie das meinen. Aber ab und zu schaut sie schon hier rein. Miss Cole bezahlt immer mit Kreditkarte. Daher kenne ich ihren Namen.”

“Was hat sie heute gekauft?”

“Diese Wand dort.”

Die Frau machte eine ausladende Handbewegung. Fox drehte sich um. Die Regale an der Wand waren voll gestopft mit feinsten Antiquitäten. Puppen und schweres Blechspielzeug, wie man es längst nicht mehr herstellte. “Sie hat das alles gekauft? Aber sie hat doch nichts davon mitgenommen.”

“Wir packen alles ein und liefern es für sie ab. Um was geht es eigentlich? Was soll die Lady getan haben, dass sich die Polizei für sie interessiert?”

Fox steckte seine Dienstmarke ein. “Ich versuche nur, mehr über sie in Erfahrung zu bringen.” Sein Herz machte einen Satz, als er erkannte, dass dieser Satz durchaus auch privat gemeint war. Zum ersten Mal machte Fox sich Gedanken über die Kosten, die er seiner Behörde verursachte, weil er Tara Cole rund um die Uhr beschatten ließ. Glaubte er wirklich, dass diese Frau die Antwort auf den Mord an Stephen Carmel war … oder wollte er nur seine eigene Neugier befriedigen?

“Wohin wird dieses Spielzeug denn geliefert?”

“Miss Cole lässt es nach St. Phillip’s bringen. Father O’Neill veranstaltet jedes Jahr eine Weihnachtsfeier für Kinder aus armen Familien.”

Tara Cole hatte gerade eine ganze Wand voller Spielwaren gekauft, um ein gutes Werk zu tun. War die Aktion aufrichtig gemeint? Immerhin kam sie zur rechten Zeit, oder? Und Tara Cole wusste, dass sie rund um die Uhr beschattet wurde.

Der Cop in Fox wollte glauben, dass sie das nur gemacht hatte, um ihr zwielichtiges Image reinzuwaschen. Und auch der Mann in ihm wollte das so gerne glauben. Das würde den Umgang mit der Lady leichter machen. Denn Fox konnte sich besser einreden, dass Tara nicht sein Typ war, wenn sie aggressiv, dreist und unverschämt war.

Er ging zur Tür, blieb dann aber noch einmal stehen. “Eine letzte Frage”, sagte er. “Wie viel hat das alles gekostet?”

Die Frau zögerte kurz. “Dreitausendundzweiundzwanzig Dollar.”

“Und das wird alles an Father O’Neill geschickt? Nicht vielleicht ein Teil an entfernte Verwandte? Oder an die Kinder von Freunden?”

“Nein, diesmal nicht.

“Diesmal?”

“Miss Cole hat manchmal schon etwas entdeckt, was sie selbst behielt.”

“Ich verstehe. Danke.” Fox verließ das Geschäft.

Tara war mit sich zufrieden. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den Mann im Regenmantel, der unten vor dem Bürogebäude stand. Sie hatte es geschafft, sich ihrem Bewacher für eine ganze halbe Stunde zu entziehen, und freute sich so über diesen kleinen Triumph, als hätte sie eine Reise nach Hawaii gewonnen.

Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem Rubin. Da sie das Essen mit Onkel Charlie abgesagt hatte, hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, ihm zu erzählen, was alles passiert war.

Sie konnte Charlie unmöglich sagen, dass sie keine Ahnung hatte, wo die “Blutende Rose” war. Tara fühlte sich für den Stein verantwortlich – und sie hatte versagt. Bevor sie mit Charlie sprach, musste sie herausfinden, ob Fox Whiteley den Rubin vielleicht doch besaß. Wenn die Cops den Stein nicht hatten und er auch nicht mehr in der Bibliothek war, dann musste Stephens Killer ihn haben.

Sie musste einfach herausfinden, in wessen Besitz die “Rose” gerade war.

Debbies Stimme drang durch die Sprechanlage. “Mrs. Beckley von Toyland auf Leitung eins.”

“Mrs. Beckley”, Tara nahm den Hörer ab und begrüßte sie gut gelaunt.

“Ein Polizist war hier und hat sich nach Ihnen erkundigt”, sagte Mrs. Beckley ohne Umschweife. “Ich dachte, das sollten Sie vielleicht wissen.”

“Danke”, sagte Tara tonlos. “Was wollte er?” Ihr war klar, dass es sich nur um Fox Whiteley handeln konnte.

“Er hat gefragt, wohin Sie die Spielsachen liefern lassen.”

Ihr Magen verkrampfte sich augenblicklich. “Das geht die Polizei überhaupt nichts an!”

“Es tut mir leid. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie in Schwierigkeiten stecken.”

“Ich stecke in gar keinen Schwierigkeiten! Er glaubt das nur! Haben Sie es ihm gesagt?”

Das Schweigen der Frau war Antwort genug. Tara legte auf, gleich darauf klingelte das Telefon erneut. Sie riss den Hörer hoch. “Was?”

Es war wieder Debbie. “Das Mittagessen ist hier. Hühnchensalat, wie Sie es bestellt hatten.”

Tara atmete einen Moment lang tief durch. Okay, mit Whiteley würde sie sich später beschäftigen.

“Danke”, murmelte sie. “Lassen Sie es hereinbringen.” Sie hatte noch nicht aufgelegt, als bereits die Tür zu ihrem Büro geöffnet wurde.

“Ich hatte Sie eher für den Rohkostplattentyp gehalten”, sagte Fox. “Aber Hühnchen mit Mayonnaise?”

Tara zuckte zusammen, dann griff sie nach dem Briefbeschwerer und hob ihn hoch.

Whiteley duckte sich rechtzeitig, während das Wurfobjekt in den Flur segelte und mit dumpfem Knall gegen die Wand flog. Er richtete sich wieder auf und lehnte sich gegen den Türrahmen. In der Hand hielt er ihr Mittagessen.

“Was haben Sie mit dem Lieferanten gemacht?”, wollte sie wissen.

“Was haben Sie mit Stephen gemacht?”, entgegnete er. Lächelnd schlenderte er in das Zimmer hinein.

Tara stockte der Atem, als er sich über ihren Schreibtisch beugte. Irgendwie schien die Luft zu vibrieren. Die Atmosphäre war so aufgeheizt, dass es Tara kaum gewundert hätte, wenn jetzt ein Blitz eingeschlagen wäre. Sie riss ihm die Papiertüte aus der Hand, um den Bann zu brechen. “Warten Sie bloß nicht auf ein Trinkgeld.”

“Ich warte lieber auf ein paar Informationen.”

“Dann kaufen Sie sich eine Zeitung.”

“Was verheimlichen Sie?” Seine Stimme war plötzlich sanft und nachdenklich. “Und warum?”

Sag’s ihm. Der Gedanke kreiste schon den ganzen Morgen in ihrem Kopf. Wenn Fox wusste, was sich am Montagabend zugetragen hatte, würde er endlich zugeben, dass er den Rubin hatte. Vielleicht. Wenn er ihn wirklich besaß. Und wenn nicht, dann konnte er an der richtigen Stelle mit der Suche beginnen.

“Wenn ich mit Ihnen rede”, fragte sie, “werden Sie mich dann in Ruhe lassen?”

Wenn sie mit der Wahrheit herausrückt, wird dieses Katz-und-Maus-Spiel ein Ende haben, dachte Fox. Einen Moment lang verspürte er eine seltsame Enttäuschung. Und seit wann war dieses Spiel faszinierend? “Das habe ich ja bereits gesagt”, antwortete er knapp.

“Geben Sie mir ein oder zwei Tage Zeit, damit ich darüber nachdenken kann.”

Fox nickte stumm und ging aus ihrem Büro. Als er die Tür hinter sich zuzog, überkam ihn plötzlich das Gefühl, dass nichts mehr so sein würde wie bisher, wenn der Fall gelöst und er wirklich aus Taras Leben verschwunden war.

5. KAPITEL

Tara war überrascht, als sie in Begleitung von Marshall T. Ellinghusen, dem Partner ihres Anwalts Cal Mazzeone, ins Hauptquartier kam. Aus irgendeinem Grund hatte sie erwartet, dass Whiteley sie allein verhören würde.

“Ich bin Rafe Montiel”, sagte der Mann, der neben Fox stand. “Ich arbeite mit Fox zusammen. Können wir anfangen?”

Tara nickte stumm.

Rafe Montiel holte ein Diktiergerät aus einer Schreibtischschublade. Mit einem Mal sprang Whiteley auf.

“Das ist mein Part”, sagte er.

Sein Partner sah ihn fragend an und gab ihm das Gerät.

Whiteley schüttelte den Kopf. “Ich erledige das auf die altmodische Weise”, sagte er und nahm sich einen Notizblock.

Tara folgte ihnen mit unsicheren Schritten ins Verhörzimmer. Was sollte das?

Ellinghusen war dicht hinter ihr. Als sie schließlich an dem langen Metalltisch Platz genommen hatten, sagte der Anwalt: “Sie sollen wissen, dass ich meiner Mandantin nachdrücklich davon abgeraten habe herzukommen.”

Fox nickte leicht. “Das glaube ich Ihnen gern.”

“Ich möchte festhalten, dass Sie ihr nichts vorzuwerfen haben und auch keine Beweise gegen sie vorliegen.”

“Unter anderem so gut wie keine Fingerabdrücke in Carmels Haus.” Fox’ blaue Augen suchten den Kontakt zu Tara. “Ich finde, das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Sie Ihren Stiefbruder so regelmäßig besucht haben, nicht wahr, Miss Cole?”

“In dem Punkt habe ich gelogen”, gab sie zu.

Marsh Ellinghusen räusperte sich. “Ich möchte gerne unter vier Augen mit meiner Mandantin sprechen, bevor wir das hier vertiefen.”

“Nein. Es ist schon okay”, sagte Tara. Sie musste Fox Whiteley gegenüber ehrlich sein, sonst würde das nie ein Ende nehmen. Sie würde den Rubin niemals zurückbekommen, und Fox würde ständig hinter ihr her sein. “Ich habe Stephen selten besucht”, sagte sie. “Ich habe ihn gehasst.”

Whiteley notierte etwas, während Ellinghusen aufsprang. “Ich bestehe darauf …”

“I

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