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Tiffany Duo Band 0119

Kathleen Creighton

Leidenschaft in starken Armen

PROLOG

Aus dem Tagebuch von Charlene Elizabeth Phelps – Lesen unter Androhung der Todesstrafe verboten – ja, du bist gemeint!

13. April 1978

Liebes Tagebuch,

heute gehe ich aus diesem gottverlassenen Ort für immer weg. Tante Dobie sagt, dass alles, was mir passiert ist, Gottes Wille ist, und dass Er bestimmt noch etwas Wichtiges mit mir vorhat und mich deshalb auf die Probe stellen will.

Schön, wenn das wirklich so ist, werde ich es in Kalifornien tun, denn dorthin gehe ich jetzt. Und wenn ich nie mehr einen Fuß nach Mourning Spring, Alabama, setzen muss, bin ich froh.

Gedanke des Tages: Ein Ort muss nicht unbedingt hässlich sein, um gottverlassen zu sein.

1. KAPITEL

4. Juni 1977

Liebes Tagebuch,

es ist so blöd, einem Buch zu schreiben, als wäre es eine Person, aber Tante Dobie hat mir dich geschenkt und gesagt, dass du dazu da bist, deshalb muss ich es jetzt wohl auch tun, nehme ich an. Nicht dass es je jemand erfahren würde, weil es nämlich vertraulich ist, und das soll auch so bleiben.

Aber egal, auf jeden Fall ist heute mein sechzehnter Geburtstag, und ich bin es wirklich leid, ständig gefragt zu werden, ob ich schon mal geküsst worden bin, haha. Als ob ich es jemandem erzählen würde. Aber dir kann ich es ja sagen, dass ich nicht daran interessiert bin, da müsste schon John Travolta oder sein Zwillingsbruder kommen. Heute Abend gehen Colin und Kelly Grace und ich wieder einmal in “Saturday Night Fever”. Ich habe den Film schon sechs Mal gesehen. Ich schwöre, ich könnte ihn noch sechzig Mal sehen und würde ihn trotzdem nicht sattbekommen.

Tante Dobie hat gesagt, dass ich mir für jeden Tag einen Gedanken aufschreiben soll, und hier ist er: Da es in Mourning Spring niemanden gibt, der John T. auch nur im Entferntesten das Wasser reichen kann, fürchte ich, ungeküsst ins Grab gehen zu müssen, wenn ich nicht irgendwann von hier wegkomme.

Das Ausfahrtsschild war so mit wild wuchernden Geißblattranken zugewachsen, dass Charly es um ein Haar übersehen hätte. Sie fuhr um eine Kurve und da war es: Mourning Spring, Stadtgrenze.

Nach einer Viertelmeile kam sie wieder an einem Schild vorbei, auf dem “Aussichtspunkt” stand, mit einem Pfeil, der nach rechts zeigte. Sie manövrierte ihren gemieteten Ford Taurus in die Parkbucht und machte den Motor aus. Sie hatte den Platz für sich allein: Die Hartriegel-Saison war vorbei, und es würde ein langer schwüler Sommer werden, bevor sich die Blätter in den nördlichen Bergen von Alabama wieder verfärbten.

Sie stieg nicht aus, sondern saß für ein paar Minuten einfach nur da und schaute durch die Windschutzscheibe auf die Berge und das kleine Städtchen, das da im Tal zwischen den sattgrünen Rinderweiden und den Eichenwäldern lag, während durchs geöffnete Fenster eine leichte Junibrise hereinwehte und ihr wie eine Federboa über die Schultern strich. Von ihrem Platz aus konnte sie fünf Kirchtürme zählen.

Sie hatte ganz vergessen, wie schön es hier war.

“Oh, Gott, wie ich dieses Nest hasse.” Diese Worte stieß sie, hilflos das Steuer umklammernd, laut aus, während ihr die Kehle eng wurde und die Tränen in die Augen schossen.

Gottverlassen. So hatte sie Mourning Spring doch einmal genannt, oder nicht? Oh, ja, das hatte sie, vor langer Zeit an dem Tag, an dem sie ihre Heimatstadt verließ. Für immer, wie sie damals geglaubt hatte.

Wenn es einen Ort auf der Welt gab, in den Charly Phelps nie mehr in ihrem Leben einen Fuß setzen wollte, dann war es Mourning Spring, Alabama. Und dass sie jetzt hier war, hatte sie allein Mirabella Waskowitz zu verdanken. Letztes Jahr zu Weihnachten hatte ihre beste Freundin ihren Verstand und, was nicht weniger schlimm war, ihren guten Geschmack verloren und sich Hals über Kopf in den Truck-Fahrer verliebt, der auf einem eingeschneiten Highway in Texas ihrem Baby ans Licht der Welt verholfen hatte. Deshalb hatte Mirabella ihre beste Freundin Charly bekniet, bei ihrer Hochzeit die Ehrenjungfrau zu spielen, und sie, Charly, hatte sich breitschlagen lassen – obwohl sie dafür in den Süden runterkommen musste. Die Worte nach Hause würden ihr nie über die Lippen kommen.

Allerdings war es so, dass Mirabellas Hochzeit in Georgia stattfinden sollte, und zwar erst in einer Woche. Charly hätte niemandem erklären können, warum sie sich bereits eine Woche vorher einen Flug nach Atlanta gebucht und sich dort einen Mietwagen genommen hatte, um nach Alabama zu fahren.

Aber Charly hielt ohnehin nichts davon, sich anderen zu erklären. Und sich selbst auch nicht. Das hatte sie schon seit vielen Jahren aufgegeben.

Sie setzte sich aufrecht hin, wischte sich mit dem Handrücken ihre Tränen ab und suchte dann im Rückspiegel sorgfältig ihr Gesicht nach verräterischen Spuren ihrer vorübergehenden Schwäche ab. Dann holte sie tief Atem, startete den Motor und fuhr langsam aus der Parkbucht auf die kurvige Straße.

Charly fuhr langsam und versuchte alles in sich aufzunehmen, während sie gleichzeitig auf die Straße achtete, obwohl von starkem Verkehr weiß Gott nicht die Rede sein konnte. Das immerhin hatte sich nicht verändert. Sie wusste nicht, worüber sie sich mehr wundern sollte … über die Dinge, die sich im Lauf der Jahre verändert hatten, oder über diejenigen, die selbst nach zwanzig Jahren noch immer genauso waren wie in ihrer Erinnerung.

Gott sei Dank hatten immerhin die Fast-Food-Ketten ihren Weg nach Mourning Spring gefunden! Sowohl ein Burger King als auch ein Kentucky Fried Chicken hatten sich schlauerweise direkt gegenüber der Highschool niedergelassen.

Aber B.B.’s Barn, zu Charlys Zeiten besser als Beer and Boogie bekannt, stand noch immer schäbig und heruntergekommen wie der Dorfaußenseiter am Ortseingang. Und die großen alten viktorianischen Backsteinhäuser mit den weißen Fensterrahmen auf der Main Street waren noch ganz die alten, obwohl vor einigen jetzt, eingepflanzt in die Geranienbeete in den Vorgärten, drollige handgemalte Schilder prangten, auf denen The Good Mourning Bed And Breakfast oder Mourning Glory Inn und Ähnliches zu lesen war.

Doch die Schmetterlinge in ihrem Bauch begannen erst aufzuflattern, als sie den Marktplatz umfuhr. Er war immer noch so malerisch, dass es sich bei ihm um ein Gemälde von Norman Rockwell hätte handeln können, überschattet von großen alten Eichen, mit dem weißen Musikpavillon in der Mitte, der aussah wie etwas, das eine Hochzeitstorte krönte. Und ja, da war auch immer noch das Konföderiertenmahnmal, unübersehbar ein Phallussymbol, das sich am entgegengesetzten Ende des Platzes aus den Blumenbeeten erhob. Und dem üppigen Blumenschmuck nach zu urteilen, der von jedem Lichtmast und jedem Straßenschild herunterfloss, versuchten die beiden rivalisierenden Gartenclubs der Stadt noch immer, sich gegenseitig zu beweisen, wer den grüneren Daumen hatte.

Charly fand das höchst amüsant. Sie war überzeugt gewesen, dass die meisten der alten Fregatten das Zeitliche bereits gesegnet hatten.

Mit hämmerndem Herzen fuhr sie zweimal um das alte Gerichtsgebäude mit seinen eindrucksvollen weißen Säulen herum. Ob er wohl dort war? Es war schon nach Büroschluss, aber er hatte oft noch spät abends in seinem Zimmer hinter dem Gerichtssaal im zweiten Stock gearbeitet. Im Winter, wenn die Bäume kahl waren und es früh dunkel wurde, hatte sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus das Licht in seinen Fenstern sehen können.

Nein. Sie holte tief Atem. Er würde nicht da sein. Bestimmt war er schon längst im Ruhestand.

Nachdem sie eine zweite Runde um den Marktplatz gedreht hatte, suchte Charly sich einen Parkplatz und machte den Motor aus. Ihre Handflächen waren feucht und ihr Mund war trocken, und sie befürchtete, dass ihre Beine einknicken würden, wenn sie versuchte, auf ihnen zu stehen.

Jetzt bereute sie es inständig, hierhergekommen zu sein. Sie musste verrückt geworden sein. Es war eine Schnapsidee. Völlig idiotisch.

Aber sie hatte es getan, und wie sollte sie je wieder in den Spiegel schauen, wenn sie es jetzt nicht auch durchstand? Es war eben nicht ihre Art, sich einfach umzudrehen und unverrichteter Dinge wegzufahren. Nicht nach allem, was passiert war. Dafür hatte sie einen zu weiten Weg zurückgelegt, nicht nur in Meilen. Sie musste es zu Ende bringen. Das war sie sich schuldig … zumindest einen sauberen Schlussstrich zu ziehen.

Aber bevor sie ihm gegenübertrat, musste sie sich erst einmal beruhigen. Sie würde ganz kühl und gelassen bleiben. Erwachsen. Sie durfte ihn ihre Verletzlichkeit nicht spüren lassen. Sie kannte ihn. Sie durfte sich keine Blöße geben, denn das würde er sofort ausnutzen.

Charly stieg aus dem Wagen und schloss ihn ab – eine Angewohnheit, die ihr, da sie ihr ganzes Erwachsenenleben in Los Angeles verbracht hatte, zur Selbstverständlichkeit geworden war –, dann blieb sie einen Moment stehen und schaute nachdenklich auf das Lokal an der Ecke auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Schild darüber, auf dem noch immer Coffee Shop stand, war dasselbe wie früher. Aber damals hatte das kleinere, handgemalte Schild im Schaufenster verkündet, dass es sich um Dottie’s Diner handelte. Jetzt war es Kelly’s Kitchen.

Das kann nicht sein, dachte Charly. Oder vielleicht doch? Sie wurde von alten Erinnerungen durchgeschüttelt wie Turnschuhe in einem Wäschetrockner.

Endlich überquerte sie, zum ersten Mal mit einem leisen Lächeln auf den Lippen, seit sie die Stadtgrenze passiert hatte, die Straße und ging in das Lokal.

Einen Moment lang war das Gefühl des Déjà-vu so überwältigend, dass ihr ganz schwindlig wurde. Da waren derselbe schwarzweiße Linoleumboden, der wie ein Schachbrett aussah, dieselben Resopaltische mit den Chromeinfassungen, dieselbe Theke, dieselben roten Plastikbänke. Vier Jugendliche – zwei Pärchen – schäkerten im hinteren Teil des Raumes in einer Nische herum, ohne dem Elton-John-Song, der aus einer Musikbox erschallte, Aufmerksamkeit zu schenken. In dem Alkoven rechts neben den Toiletten vertrieb sich ein weiterer Jugendlicher seine Zeit mit einem Videospiel. Früher hatte dort ein Flipper gestanden, aber alles andere war genauso, wie sie es erinnerte, einschließlich der Tatsache, dass die Luft trotz des eingeschalteten Deckenventilators stickig war und nach Bratfett roch.

Hinter dem Tresen war eine hübsche Blondine damit beschäftigt, die Kuchenvitrine aufzufüllen. Als sie Charly hereinkommen hörte, drehte sie sich halb um, wobei sich ihr Gesicht automatisch zu einem Willkommensgruß aufhellte, und rief dann in einem freundlichen Singsang: “Hey! Suchen Sie sich schon mal einen Platz, ich bin sofort da, okay?”

Gleich darauf kam es Charly so vor, als hätten außerirdische Wesen die Herrschaft über ihren Körper übernommen. Sie hatte das Gefühl, jäh zermalmt zu werden. Und über ihre Stimme schienen diese Außerirdischen ebenfalls die Herrschaft übernommen zu haben, denn als sie schließlich sprach, kamen die Worte viel lauter und schriller heraus als normalerweise, mit einem stärkeren Alabamaakzent, als sie ihn je in den letzten zwanzig Jahren aus ihrem eigenen Mund gehört hatte. “Kelly? Kelly Grace, bist du das wirklich?”

Daraufhin schien die blonde Frau ebenfalls zermalmt zu werden und starrte Charly eine ganze Weile in sprachloser Verwirrung an. Dann riss sie den Mund auf, presste sich beide Hände aufs Herz und keuchte: “Oh, mein Gott, ich fasse es nicht!”

Sie rannte mit ausgebreiteten Armen auf Charly zu, wobei sie gleichzeitig einen markerschütternden Schrei ausstieß, der jeden sich in Hörweite befindlichen Menschen veranlasst hätte, schnurstracks die 911 zu wählen, bis auf die Leute aus dem Süden, die an derlei Gefühlsausbrüche gewöhnt waren und seelenruhig mit dem, womit sie gerade beschäftigt waren, weitermachten. Tatsächlich wurde der Schrei von den Pärchen in der Ecke und dem Jungen, der sich nur ein paar Schritte weiter mit dem Videospiel vergnügte, komplett ignoriert.

“Charlene Elizabeth Phelps, bist du das wirklich? Oh, Mann, ich schwör’s, das überlebe ich nicht. Ach, du meine Güte, lass dich anschauen, Menschenskind, du hast dich ja kein bisschen verändert, nicht das kleinste bisschen. Wo in aller Welt hast du denn die ganzen Jahre über gesteckt? Oh, mein armes Herz rast wie ein Hochgeschwindigkeitszug. Warum hast du denn nie geschrieben? Ach du liebes Lieschen, ich glaube, ich muss mich sofort hinsetzen oder ich falle um. Charlene Phelps, ich könnte dich auf der Stelle erwürgen, wirklich, ich schwör’s …”

Obwohl dies alles von so viel Lachen, Freudentränen und Umarmungen begleitet und in einer Lautstärke vorgebracht wurde, die jedem ohrenbetäubenden Fabriklärm hätte Konkurrenz machen können, und gewiss war, dass sich kein sprichwörtlicher verlorener Sohn – oder keine Tochter – mehr hätte wünschen können, überraschte es Charly nicht. Da Kelly Grace vor all diesen Jahren ihre beste Freundin gewesen war und sie schon damals zu Gefühlsausbrüchen neigte, war es genau das, was sie erwartet hatte.

“Ich heiße jetzt Charly”, warf sie schnell ein, als Kelly Grace nach Luft schnappen musste. “Es tut mir leid, dass ich nicht geschrieben habe, wirklich …” Na schön, okay, auch wenn sie es nicht gern zugab, aber ein bisschen gerührt war sie schon.

Kelly Grace machte eine Handbewegung, als wolle sie eine lästige Fliege verscheuchen. “Ach, Menschenskind, sag nichts, sag jetzt bloß nichts. Ich weiß doch, wie es ist, ich weiß es wirklich … ich bin ja selbst genauso schrecklich. Aber hättest du mir nicht wenigstens Bescheid sagen können, dass du kommst?”

“Tja also …”, murmelte Charly, “es war so eine Art spontane Entscheidung.”

Kelly Grace wischte sich die Freudentränen ab, dann trocknete sie sich die Hände an ihrer Schürze und griff nach Charlys Händen. “Schön, aber jetzt musst du mir alles erzählen, auf der Stelle. Und du nennst dich jetzt Charly, sagst du? Oh, das ist süß, es gefällt mir wirklich … aber du weißt, dass ich es nie über mich bringen würde, dich anders als Charlene zu nennen. Komm, setz dich doch. Hast du Hunger? Kann ich dir etwas zu trinken bringen? Wie wär’s mit einem gesüßten Eistee? Oh, Vater im Himmel, weißt du noch, wie gern du früher Kirschcoke getrunken hast? Trinkst du immer noch so’n Zeug?”

“Vielleicht wenn du ein bisschen Bourbon reintust”, erwiderte Charly, nicht ganz im Scherz.

Kelly Grace lachte und fächelte sich mit der Hand Luft zu. “Ach, du meine Güte, du hast dich wirklich kein bisschen verändert.” Sie legte den Kopf schräg und unterzog Charly einer eingehenden Musterung. “Und noch kein einziges graues Haar auf dem Kopf.”

“Das wird auch so bleiben, solange nur ein Funken Leben in mir ist.”

Kelly Grace lachte wieder. “Na, ich schwöre, dass du noch genauso aussiehst wie damals auf der Highschool.”

“Du auch”, schwindelte Charly, während sie in eine Bank rutschte.

“Ach jetzt hör aber auf, ich doch nicht. Ich habe seit meiner Scheidung mindestens zwanzig Pfund zugelegt …”

“Oh, Kelly Grace, das tut mir leid.”

“Ja … mir auch. Obwohl es schon eine Weile her ist. Inzwischen bin ich darüber weg … es hat sich als das Beste herausgestellt, weißt du.”

“Hast du …?” Charly zögerte, weil ihr der Name entfallen war.

“Bobby Hanratty”, half Kelly Grace ihr auf die Sprünge, während sie sich Charly gegenübersetzte und die Arme über den schweren Brüsten verschränkte. Ihr Lächeln und ihre Grübchen waren noch dieselben wie früher, aber ihre Augen wirkten müde und ein bisschen traurig. Sie zuckte die Schultern. “Tja … du weißt ja, wie es ist. Wir heirateten gleich nachdem wir unseren Abschluss gemacht hatten. Vielleicht war das ein Fehler, wir waren wirklich noch sehr jung und naiv damals. Aber ich war auch schwanger …” Ihre Augen verdunkelten sich plötzlich, sie beendete ihren Satz nicht, sondern platzte heraus: “Oh, Gott, Charlene, es tut mir so leid. Ich wollte dich nicht …”

Charly verzog das Gesicht. “Menschenskind, Kelly Grace, stell dich nicht so an, es ist doch schon eine Ewigkeit her.” Sie zauberte ein strahlendes Lachen auf ihr Gesicht. “Dann hast du also Kinder? Jungen oder Mädchen? Wie viele sind es denn? Los, mach schon, erzähl.”

Sie hatte das Richtige gesagt. Kelly Grace strahlte wieder. “Oh, ja, ich hab zwei, eins von jeder Sorte. Aber jetzt sind sie fast schon erwachsen … meine Güte, wie die Zeit vergeht … Bobby Junior hat nächste Woche Abschlussprüfung, und Sara Louise ist nur ein Jahr jünger.”

“Das glaube ich nicht!”

“Ich weiß, es kommt einem unmöglich vor, stimmt’s? Mir kommt es immer noch so vor, als wären wir erst gestern zusammen auf der Highschool gewesen und mit Bobby und … oh, mein Gott, jetzt fange ich schon wieder an. Charlene, es tut mir so leid. Ich sollte wirklich meine große Klappe halten …”

“He, ich hab dir doch gesagt, dass es okay ist. Es ist lange her.”

“Jaa …” Kelly Graces Blick lag auf ihr, wobei ein leichtes Stirnrunzeln all die Fältchen sichtbar machte, nach denen Charly bei sich selbst in letzter Zeit Ausschau hielt. Das ist verrückt, dachte sie. Wie kann meine beste Freundin Falten haben? Als wir uns zum letzten Mal sahen, waren wir sechzehn. Sechzehn.

“Und wie ist es dir ergangen?”, fragte Kelly Grace verunsichert. “Was hast du die ganzen Jahre über getrieben? Hast du jemals … na, du weißt schon …”

Da war sie. Die ewige Frage. “Geheiratet? Kinder bekommen?”, gab Charly mit gespielter Munterkeit zurück. “Nein, bis jetzt noch nicht. Schätze, ich hatte bisher einfach keine Zeit dafür.”

Nachdem diese Frage vom Tisch war, entspannte sich Kelly Grace sichtlich und richtete sich auf ihrer Bank ein wie eine Bruthenne in ihrem Nest, um jetzt in aller Ruhe zu den weniger schwerwiegenden Fragen zu kommen. “Und was hast du gemacht? Wo hast du gesteckt? He, warst du je in Kalifornien? Du hast ständig rumgetönt, dass du eines Tages hingehst.”

“Ich habe es gemacht.” Charly unterstrich ihre Worte mit einem heftigen Nicken. “Dort lebe ich jetzt. Ich bin Rechtsanwältin.”

“Im Leben nicht! Hör sofort auf, mich zu veräppeln! Das bist du nicht!”

“Ich veräpple dich nicht. Ich bin wirklich Anwältin”, sagte Charly lachend. “Ich schwöre es. Tja … wer hätte das gedacht, stimmt’s?”

“Anwältin! Oh, mein Gott, ich halt’s nicht aus! Der Richter muss ja die Motten gekriegt haben, als er davon erfuhr.”

Das Lachen erstarb. Charly stützte die Ellbogen auf den Tisch und presste ihre gefalteten Hände gegen die Lippen. Nach einem Moment räusperte sie sich und sagte: “Er weiß es nicht.”

Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille. Dann beugte sich Kelly Grace vor und sagte leise: “Du meinst, du hast ihm nie …”

“Nein.” Charly schüttelte den Kopf. “Ich habe ihn weder gesehen noch mit ihm gesprochen. Zwanzig Jahre lang.”

Kelly Grace riss ungläubig die Augen auf. “Dann hast du also auch nie …” Sie unterbrach sich und presste die Lippen aufeinander, während ihr Blick nervös durch den Raum huschte.

Charly sah es und versuchte es wegzulachen. “He, gib mir noch ein paar Minuten, ja? Ich bin ja eben erst angekommen. Du bist der erste Mensch, mit dem ich gesprochen habe.”

“Aber du hast es doch vor, oder? Ich meine, na ja … du gehst doch zu ihm, oder?”

“Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben”, gab Charly trocken zurück. “Aber ein Sonntagsspaziergang wird es wahrscheinlich nicht werden.”

Kelly Grace rutschte unbehaglich auf der Bank herum. “Nein, ich schätze nicht.”

“Hey”, sagte Charly mit erzwungener Munterkeit, “ich nehme nicht an, dass du vielleicht irgendwo eine Flasche Black Jack versteckt hast?”

Kelly Grace legte sich eine Hand über die Augen und stöhnte. “Oh, Himmel, das erinnert mich an was. Weißt du noch, dieser 4. Juli … Gott, ich dachte wirklich, ich sterbe.”

So viele Erinnerungen, dachte Charly. So viele Jahre war das alles jetzt her. Und vielleicht … noch längst nicht genug.

“Ich fürchte, ich muss jetzt gehen”, sagte sie und rutschte aus ihrer Bank.

Kelly Grace folgte ihrem Beispiel, aber als Charly sie anschaute, sah sie, dass ihre Freundin die Hand vor den Mund hielt, und ihre Augen glitzerten unnatürlich. Irgendwie wusste Charly, dass dieses Glitzern nicht vom Lachen kam.

Als ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf schoss, krampfte sich ihr Herz vor Angst zusammen. Sie blieb stehen, berührte Kelly Graces Arm und fragte atemlos: “Er ist doch okay, oder? Ich meine, er ist nicht … gestorben?” Und versuchte zu lachen, als ob es keine Rolle für sie spielte, ob es so war.

Kelly Grace blinzelte, dann lachte sie laut auf. “Gestorben? Der Richter? Himmel, nein. Er ist zwar jetzt schon im Ruhestand, aber soviel ich weiß, geht es ihm blendend. Nein, keine Angst, der Richter ist immer noch …”, sie zuckte die Schultern, “… der Richter.”

“Und Tante Dobie, ist sie …?”

“Tante … du meinst wohl Miss …” Wieder unterbrach sie sich. Sie schluckte, nickte und wich Charlys Blick aus. “Oh, ja, sie ist auch immer noch bestens beieinander.”

“Und die Stewarts?”

Kelly Graces Lippen verzogen sich zu einem mitfühlenden kleinen Lächeln. “Nein, Honey, sie sind beide weg, Mr. Stewart starb vor ein paar Jahren, und danach verkaufte Mrs. Stewart das Haus und zog nach Mobile, um näher bei ihren Enkelkindern zu sein. Becky und Royal – die Mädchen, erinnerst du dich? – sind beide verheiratet und leben irgendwo dort unten.”

Sie waren bei der Tür angelangt. Charly zögerte noch einen Moment und schaute die Frau an, die sich jetzt unerklärlicherweise im mittleren Alter befand und die mit sechzehn ihre beste Freundin gewesen war. Sie suchte nach Worten, aber in ihr stauten sich so viele Gefühle, dass sie keinen Ton herausbrachte. Kelly Grace schien dasselbe Problem zu haben. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, dann lachten sie beide.

“Es war herrlich, dich mal wieder zu sehen.”

“Ja, dich auch.”

Schniefend sagte Kelly Grace: “Charlene, du musst mir aber versprechen, später noch mal zurückzukommen, hörst du? Nachdem du bei ihm warst. Wir haben uns noch so viel zu erzählen. Und du musst meine Kinder kennenlernen und … Mama guten Tag sagen und …”

Charly räusperte sich, aber der Kloß in ihrem Hals wollte nicht weichen. “Oh, Kelly, ich wünschte, ich könnte es, aber es geht nicht. Ich muss zurück nach Atlanta. Ich bin nur auf einen Sprung hergekommen, um …” Sie machte den Fehler, Kelly Grace ins Gesicht zu schauen. Sie wandte sich ab und sagte dann gepresst: “Du weißt, dass es hier in dieser Stadt Leute gibt, die sich nicht gerade freuen werden, mich wiederzusehen. Ich bezweifle, dass sich daran etwas geändert hat, selbst nach all den Jahren.”

“Mein Gott, es ist jetzt zwanzig Jahre her.”

Charly holte tief Atem, dann lachte sie trocken auf. “Kelly Grace, wahrscheinlich wären fünfzig noch nicht genug. Du hast doch nicht vergessen, was alles passiert ist, oder? Mach dir nichts vor … ebenso wenig wie du haben es alle anderen vergessen.”

Es war schon viele Jahre her, seit sich die Leute aus Mourning Springs über Charly Phelps die Mäuler zerrissen hatten, und jetzt taumelte sie bereits wieder am Rand desselben Abgrunds entlang. Ich muss sofort hier weg, dachte sie panisch. Ich muss es sofort hinter mich bringen und schleunigst verschwinden. Gott, wie ich diese Stadt hasse.

“Bevor ich endgültig fahre, schaue ich noch mal rein”, versprach sie schließlich, nur um endlich wegzukommen. Sie umarmte Kelly Grace eilig und machte dann, dass sie rauskam.

Ohne sich umzuschauen, rannte sie über die Straße. Sie stieg in den Taurus, stieß rückwärts aus der Parklücke und fuhr los, ohne sich einen Gedanken an das, was vor ihr lag, zu gestatten. Auf genau dieselbe Art hatte sie Fallschirmspringen gelernt. Und wenn sie das gekonnt hatte, konnte sie das hier auch. Ich kann es. Ich kann.

Als sie schließlich die rechts und links von blühenden Blumentöpfen eingerahmte Steintreppe zum Haus ihres Vaters emporstieg, klopfte ihr Herz wie ein Presslufthammer. Sie ging über die breite Veranda, auf der weiße Korbstühle und Schaukelstühle standen, die sie an lange schwüle Sommerabende, hohe Gläser mit eisgekühltem, stark gesüßtem Tee und Glühwürmchen erinnerten.

Auf dem Fußabstreifer blieb sie stehen, schaute auf ihre Füße und trat sich dann aus alter Gewohnheit die Schuhe ab. Sie wischte sich die feuchten Handflächen an den Seiten ihrer eleganten, teuren Hose ab. Dann holte sie tief Atem, hielt ihn an und drückte entschlossen auf den Klingelknopf Sie hörte, wie das altmodische Läuten durch die hohen Räume hallte. Sie senkte den Kopf und wartete, wobei sie ihre eigenen Herzschläge zählte.

Die Haustür ging ohne Vorwarnung auf, und auf der Schwelle stand die Frau, die sie geöffnet hatte. Sie hatte noch immer dieselbe aufrechte und königliche Haltung wie in Charlys Erinnerung, obwohl sie ihr ein bisschen kleiner vorkam. Ihr kurzes, einst schwarzes Haar war jetzt schneeweiß, aber ihre braune Haut spannte sich noch immer nahezu faltenlos über einem Gesicht, das die Wände eines Pharaonengrabs hätte schmücken können.

Den tief liegenden Augen, die weise aus diesem ewig jungen Gesicht schauten, entging nichts. Sie nagelten Charly mit ihren Blicken fest, verengten sich und weiteten sich gleich darauf vor ungläubiger Überraschung. Sie hob die Hand, schnappte nach Luft und flüsterte: “Oh, lieber Herr Jesus …”

Es war keine Blasphemie, sondern ein Gebet, das aus tiefstem Herzen kam.

2. KAPITEL

10. Juni 1977

Liebes Tagebuch,

es ist so unfair! Der Richter hat meine Plateauschuhe entdeckt und sie kurzerhand in den Müll geschmissen! Er sagte, er lässt es nicht zu, dass seine Tochter so billig herumläuft, und außerdem würde ich wahrscheinlich mit ihnen hinfallen und mir den Knöchel brechen, was das Lächerlichste ist, was ich je gehört habe. Sie sind nicht billig! Alle außer mir haben solche Schuhe an. Selbst Colin sagt, dass sie galaktisch sind, und er hat einen besseren Geschmack als alle, die ich sonst kenne. Der Richter sagt, sie sind der letzte Dreck und Geldverschwendung, aber ich habe sie von meinem Geburtstagsgeld gekauft, deshalb kann ich nicht sehen, was es ihn überhaupt angeht!

Gedanke des Tages: Es ist wirklich das Allerletzte, einen Richter zum Vater zu haben.

Charly hob die Hände, versuchte sich an einem Lächeln, was jedoch nicht funktionierte, und sagte schließlich: “Hi.”

“Lieber Herr Jesus … lieber Herr Jesus …” Der Frau kullerten die Tränen über die Wangen.

Gleich würde sie auch anfangen zu weinen. In dem verzweifelten Versuch, dies zu verhindern, lachte Charly auf und sagte mit bebender Stimme: “Ja, ich bin es, Tante Dobie. Ich bin’s, Charlene. Wie geht es dir?”

Eine Hand hob sich langsam, um Charlys Wange zu berühren. “Charlene Elizabeth … bist du das?”

Dann holte dieselbe Hand aus und versetzte ihr einen harten Klaps auf den Arm. “Das bist du wirklich! Böses, böses Mädchen! Nie angerufen, nie geschrieben … ich dachte, du bist tot.”

Zitternd vor Erleichterung rieb Charly sich den Arm und sagte: “Aua!”

Zum Ausgleich gab Tante Dobie ihr noch einen Klaps auf den anderen Arm. “Ich dachte, du bist tot, und hier bist du. Komm her und lass dich anschauen. Oh, gepriesen sei der Herrgott, gepriesen sei Jesus Christus. Mein Baby ist nach Hause gekommen. Mein Baby ist wieder nach Hause gekommen.”

Einen Moment später fand sich Charly von liebenden Armen umfangen, vertrauten Armen, und eingehüllt in vertraute Gerüche – nach Kernseife und Wäschestärke, Fichtennadelöl, starkem Kaffee mit einem Schuss, nur einem kleinen Schuss Bourbon –, und mit diesen Gerüchen kamen all die alten Erinnerungen an die Zeit und den Ort zurück, die damit verknüpft waren. Plötzlich war sie wieder ein Kind, das Trost und Zuflucht suchte in diesen starken Armen, während sie innerlich vor Angst erbebte.

Obwohl sie natürlich schon seit über zwanzig Jahren kein Kind mehr war. Und nicht einmal Dobrina Ralston, die einzige Mutter, die sie je gehabt hatte, würde ihr bei dem, was jetzt auf sie zukam, helfen können.

“Tante Dobie”, begann sie, “ist er … ist mein …?” Aber ihre Stimme verriet sie. Wild entschlossen, ihre Fassung wiederzufinden, straffte sie die Schultern und nahm einen neuen Anlauf: “Ist er hier?”

“Ja, das ist er”, sagte Dobrina leise und wischte sich das Gesicht mit der großen Schürze ab. Solche Schürzen hatte sie getragen, solange sich Charly erinnern konnte. “Komm rein, Kind. Komm rein.”

Dobrina hielt Charly am Arm fest, als sie ins Haus zurückging, als ob sie befürchtete, dass diese sich auf dem Absatz umdrehen und wieder für zwanzig Jahre verschwinden könnte. Nachdem sie die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, tauchte sie ihre Hand in ihre Schürzentasche und zog ein Taschentuch hervor. Sie wischte sich hastig die Wangen ab, putzte sich die Nase und winkte Charly dann zu.

“Bleib hier, Kind, hörst du mich? Bleib hier und rühr dich nicht vom Fleck. Beweg keinen Muskel, hast du verstanden? Ich hole den Richter.” Und schon war sie weg. Selbst als sie am Ende des langen Ganges war, konnte Charly immer noch ihr “Gelobt sei Gott!” und “Ich danke dir, lieber Herr Jesus” hören.

Jetzt klappte irgendwo eine Tür zu, und dann wurde es still, und plötzlich sah Charly sich von Gefühlen überwältigt, die sie zum größten Teil nicht verstand. Wie konnte ihr das alles so vertraut und fremd zugleich erscheinen? Alles war genau so, wie sie es erinnerte, einschließlich der Gerüche – eine Mischung aus nach Zitrone duftender Möbelpolitur, altem Holz, eingestaubten Portieren und Pfeifentabak. Sie fühlte sich wie in einer Zeitmaschine in ihre Kindheit zurückkatapultiert. Bis auf den kleinen Unterschied, dass sie kein Kind mehr war, dass sie nicht mehr in diese Zeit, an diesen Ort gehörte. Sie war fremd hier. Und in diesem Haus zu sein, in dem sie aufgewachsen war, jagte ihr ein schreckliches Gefühl von Fremdheit und Verlust ein.

Panik ergriff sie. Guter Gott, so konnte sie ihm nicht unter die Augen kommen. Nicht in diesem verletzlichen Zustand, wie ein Sozialfall in der Eingangshalle herumstehend … wie irgendjemand, der um eine milde Gabe bat!

Sie war kurz davor, Hals über Kopf die Flucht anzutreten, als sie an ihrer linken Wange etwas Warmes spürte, das einer tröstlichen Berührung glich. Sie drehte sich um und sah zu ihrer Linken das Wohnzimmer, das der Richter immer “Salon” genannt hatte, in dem eben die letzten Sonnenstrahlen des Tages ihr goldenes Licht ausschütteten. Es war dieses Licht, von dem sich Charly angezogen fühlte. War es womöglich ein gutes Omen? Wenn sie an solche Dinge geglaubt hätte!

Aber vielleicht würde es dort drin ja besser sein, dachte sie, während sich ihr rasender Herzschlag verlangsamte. Sie konnte ihm mit dem Rücken zum Fenster gegenübertreten, sodass ihr Gesicht im Schatten lag, das seine hingegen im Licht. Grundzüge der Interviewstrategie. Auf diese Weise glich sie zumindest den Heimvorteil, den er hatte, aus.

Sie betrat das Zimmer, und fast schlagartig verflog ihre Unsicherheit. Es war eine zu gediegene und vornehme Umgebung für böse Worte und Vorwürfe. Hier gab es keine bedrückenden Erinnerungen an Gefühlsausbrüche und erbitterte Konfrontationen. Und auch hier schien sich nichts verändert zu haben.

Aber dann fiel ihr Blick auf die gerahmten Fotos auf dem Kaminsims. Zumindest dort war etwas anders. Sie erinnerte sich an den silbernen Kerzenleuchter und die Uhr, die jede Viertelstunde schlug. Und die frischen Blumen in der Kristallvase, die Tante Dobie immer im Garten pflückte. Doch in Charlys Erinnerung hatte bisher immer nur eine Fotografie dort gestanden, das in Silber gerahmte Porträt ihrer Mutter Elizabeth, die eine Woche nach der Geburt gestorben war.

Aber jetzt standen noch mehr Fotos dort. Neugierig trat sie näher, um einen Blick darauf zu werfen. Sie schienen alle denselben Jungen in verschiedenen Altersstufen zu zeigen: Ein lachendes Kleinkind mit goldenen Locken, sein Lieblingsspielzeug an sich drückend; einen kleinen Pfadfinder mit Zahnlücke, der einen Baseballhandschuh hochhielt, der fast so groß wie er selbst war, einen hübschen Highschool-Jungen, der stolz sein gerahmtes Abschlusszeugnis präsentierte.

Wie seltsam, dachte Charly. Sie starrte auf die Fotos. Wer ist das? Ich kenne diesen Jungen nicht.

Um sie war es plötzlich merkwürdig still geworden, es war wie die Ruhe vor einem gewaltigen Sturm. Der Boden unter ihren Füßen schien zu schwanken, und sie streckte eine Hand nach dem Kaminsims aus, um sich festzuhalten, aber sie spürte die Marmorplatte unter ihren Fingern nicht.

Doch. Ich kenne dieses Kind. Ich weiß …

Ihr war mit einem Mal kalt … so kalt. Ihr war nicht klar, dass dies ein Schocksymptom war, sie war nur angenehm überrascht, dass sie so ruhig bleiben konnte, erfreut, dass sie nicht auseinanderfiel, dass ihre Hände nicht zitterten, dass sie keinen Schmerz fühlte. Tatsächlich fühlte sie gar nichts. Nur diese seltsam betäubende Kälte, die sie umfing.

Sie musste etwas gehört haben, irgendein Geräusch, ein schwaches Keuchen, einen lauten Atemzug. Sie spürte, wie sie sich in diesem kalten, stillen Kokon, in den sie eingehüllt war, zu dem Mann umdrehte, der auf der Schwelle stand. Irgendein Teil ihres Gehirns registrierte, dass er schwerer geworden war, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, dass sein Haar weiß war, dass seine Wangen schlaff herunterhingen und sich unter seinen Augen Tränensäcke befanden, dass er gebeugter ging als früher. Dass er alt geworden war. Doch seine Augen waren noch immer dieselben, diese Augen, die den ihren so sehr glichen, obwohl sie es immer gehasst hatte, dies zuzugeben.

Sie hatte sich absichtlich keine Gedanken darüber gemacht, was sie ihm sagen wollte, weil sie genau wusste, dass sie bei seinen ersten Worten auf der Stelle alles vergessen würde. Aber jetzt wurde ihr klar, dass es auch nichts geändert hätte, wenn sie mit einer schriftlich ausgearbeiteten Rede hierhergekommen wäre oder sich das, was sie sagen wollte, auf die Innenseite ihrer Hand tätowiert hätte. Plötzlich spielte alles keine Rolle mehr. Alles bis auf …

Die Worte kamen leise aus ihrem Mund, aber es war mehr als ein Flüstern. Eher ein Grollen. “Wer ist das?”

Sie bemerkte erst jetzt, dass sie sich das Foto, das den Jungen mit seinem Abschlusszeugnis zeigte, vor die Brust hielt wie einen Schutzschild.

Richter Charles Phelps straffte die Schultern, blähte die Nasenflügel in einer Art, wie er es immer getan hatte, wenn er die Absicht hatte, etwas zu verkünden – wenn er wieder einmal eins seiner Geschütze auffuhr, einen Erlass herausgab, ein Ultimatum stellte, einen Schuldspruch fällte. Obwohl er an diesem warmen Juniabend kein Jackett und keine Krawatte trug, sondern nur ein kurzärmliges Hemd und Hosenträger, konnte sie ihn fast in seiner Richterrobe vor sich sehen.

Diesmal jedoch verfehlte seine Einschüchterungstaktik ihre beabsichtigte Wirkung. Sie wiederholte: “Wer ist das”?

Er zog finster die Augenbrauen zusammen und hüllte sich in Schweigen. Deshalb blieb ihr nichts anderes übrig, als es noch einmal zu versuchen, wobei ihre Stimme nicht mehr als ein Krächzen war, das zwischen ihren zusammengepressten Zähnen herauskam. “Ist … das … mein … Sohn? Sag es mir. Ich habe ein Recht …”

“Du hast kein Recht!”, donnerte er. Es klang in diesem sonnenüberfluteten Zimmer so schockierend wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Seine nächsten Worte kamen wie das rumpelnde Echo, langsam und gemessen, die Verlesung eines Schuldspruchs. “Überhaupt keins. Jedes Recht, das du hattest, hast du mit deiner Unterschrift vor zwanzig Jahren abgegeben.”

Charly zuckte wie von einem Peitschenhieb getroffen zusammen, dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte: “Ist das mein S…”

Du hast kein Recht, und du hast keinen Sohn!” Seine Stimme knüppelte die ihre nieder. “Du hast das eine mit dem anderen aufgegeben.”

“Aufgegeben? Aufgegeben?” Wie lange mochte sie geweint haben? Ihr Gesicht war tränenüberströmt, und ihre Kehle fühlte sich rau an, als ob sie geschrien hätte. “Du hast mich dazu gezwungen! Du hast ihn mir weggenommen.” Sie fuhr sich mit den Händen über die Augen, und dann sah sie verschwommen, dass Dobrina, beide Hände auf den Mund gepresst, hinter dem Richter stand und ebenfalls weinte.

“Ich wollte ihn behalten”, flüsterte Charly, wobei sie alles daransetzte, ihr Schluchzen zu unterdrücken, und den Mann nicht aus den Augen ließ, den sie als Kind ebenso idealisiert wie gefürchtet hatte. “Das weißt du genau. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn niemals hergegeben.”

Er lachte zornig auf. “Ihn behalten? Und wie hättest du das bitteschön anstellen sollen? Du warst ein egoistisches, verantwortungsloses …”

“Ich war sechzehn!”

“Du warst nicht imstande, ein Kind großzuziehen, und wie es scheint, hast du dich nicht verändert. Und wenn du jetzt auch nur einen Funken Schamgefühl …” Seine Stimme versagte plötzlich, und er wandte sich schnell ab.

Verzweifelte streckte Charly die Hand aus und umklammerte seinen Arm. “Ich will ihn sehen.”

Der Richter senkte den Blick, dann schaute er sie wieder an. Plötzlich war ihr kalt bis ins Mark. Sie zog die Hand weg.

“Junge Frau”, sagte er mit der ruhigen, unpersönlichen Stimme eines Vorsitzenden Richters, einer Stimme aus Stahl, “ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie jetzt mein Haus verließen.”

Das war zu viel für Dobrina. Sie ließ mit einem Schrei des Entsetzens die Hände fallen, drehte sich auf dem Absatz um und floh. Charly, die ihren Ohren nicht trauen wollte, schüttelte fassungslos den Kopf und flüsterte: “Mein Gott. Ich bin deine Tochter.”

Ich habe keine Tochter!” Nachdem er dies gesagt hatte, drehte er sich um, diesmal endgültig.

Dann sah sie die Anzeichen der Schwäche, auf die sie gehofft hatte – die zitternden Hände und die gebeugten Schultern –, doch statt zu triumphieren empfand sie Angst, die Angst eines kleinen Mädchens, die sie wie ein Faustschlag in den Magen traf und ihr die Luft zum Atmen nahm. Sie streckte die Hand aus wie ein verlassenes Kind und flüsterte: “Daddy …”

Aber er ging unbeirrt den Flur hinunter, als ob sie nichts gesagt hätte. Als ob sie gar nicht da wäre.

Sie wusste nicht, wie sie zu ihrem Auto gekommen war. Durch einen Tränenschleier hindurch sah sie Dobrina dort stehen, hoch aufgerichtet, stolz und groß, die Arme über der weißen Schürze verschränkt. Aber Charly konnte noch immer die Tränenspuren auf ihren Wangen sehen.

Dobrina hob flehend die Hand. “Baby … oh, Baby, bitte, geh nicht … er meint es nicht so. Du weißt, dass er es nicht so meint …”

Charly machte eine abwehrende Handbewegung. Die Autoschlüssel hatte sie bereits in der Hand … noch eine Los-Angeles-Angewohnheit. Jetzt fummelte sie an dem Türschloss herum und murmelte: “Nein … nein … ich muss sofort weg hier.”

Dobrina kam zu ihr und legte ihr die Hand auf den Arm. “Aber wohin willst du denn, Kind?”

“Irgendwohin, Hauptsache weg.”

“Du kannst in diesem Zustand nicht fahren!”

“Mir geht es gut. Zumindest wird es mir gleich wieder gut gehen. Tante Dobie …” Ihre Stimme bebte so heftig, dass sie nicht weitersprechen konnte. Sie wandte sich um, nahm die ältere Frau in den Arm und flüsterte: “Es tut mir leid, Tante Dobie. Es tut mir so leid … es tut mir so leid. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Es war mein Fehler, es tut mir leid.”

Oh, Gott, ihre Tränen begannen schon wieder zu strömen, aber irgendwie schaffte sie es, ihre Autotür aufzubekommen und sich hinters Steuer zu setzen. Der Versuch, sich gegen die Tränenflut zu stemmen, erwies sich als zwecklos, deshalb wischte sie sich die Augen mit dem Ärmel ab. Als sie wieder klar sehen konnte, steckte sie den Schlüssel ins Zündschloss und machte die Scheinwerfer an, weil es mittlerweile dämmrig geworden war.

3. KAPITEL

1. Juli 1977

Liebes Tagebuch,

rat mal was! Ich glaube, Richie Wilcox mag mich. Er hat es Bobby Hanratty gesagt, und Bobby hat es Kelly Grace erzählt, und Kelly Grace hat es mir erzählt. Ich weiß nicht, ob ich Kelly Grace sagen soll, dass sie Bobby erzählen soll, dass ich Richie auch mag, damit er es Richie weitererzählt. Andererseits ist am 4. Juli das Picknick. Vielleicht fragt Richie mich ja, ob ich Lust habe, mit ihm hinzugehen, und Bobby fragt Kelly Grace, und dann gehen wir zu viert hin. Juhu!

Gedanke des Tages: Ich finde, Richie sieht ein bisschen wie J.T. aus.

Troy Starr legte gerade letzte Hand an das Kinderzimmer der kleinen Tochter seiner zukünftigen Schwägerin Mirabella, als er das Telefon läuten hörte. Da er ziemlich sicher zu wissen glaubte, wer dran war, machte er das, was er gerade tat, erst fertig und stieg dann von der Leiter, um ins Elternschlafzimmer nebenan zu gehen und abzunehmen.

“Hey”, sagte er, ohne sich mit Förmlichkeiten aufzuhalten, “wird wirklich Zeit, dass ihr euch endlich meldet. Ihr müsst ja eine Menge Spaß haben.”

Die einzige Reaktion auf seine Worte war ein lautes Einatmen, was den Verdacht nahelegte, dass es sich bei dem Anrufer vielleicht doch nicht um seinen Bruder Jimmy Joe oder dessen zukünftige Frau Mirabella handelte. Aber bevor er sich entschuldigen und noch mal von vorn anfangen konnte, fragte eine weibliche Stimme in unheilschwangerem Tonfall: “Ist dort Starr?”

“Ja, klar”, gab Troy vergnügt zurück. “Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie seien jemand anders. Was kann ich für Sie tun?”

“Kann ich Mirabella sprechen, bitte?”

“Ah, zu dumm, aber sie ist gerade nicht hier. Kann ich ihr etwas ausrichten?”

“Ist dort … Jimmy Joe?”

“Nein, ich bin sein Bruder Troy. Sie sind beide nicht da, Ma’am. Sie sind übers Wochenende nach Atlanta gefahren.” Die Stille am anderen Ende der Leitung klang irgendwie hohl, als ob die Anruferin sich keinen Rat wüsste. “He”, sagte er in dem Versuch zu helfen, “ich richte ihnen aber gern etwas aus, wenn Sie möchten.”

Er hörte sie wieder tief Atem holen, als versuchte sie, ihren ganzen Mut zusammenzunehmen. “Haben Sie vielleicht eine Nummer, wo ich sie erreichen kann?”

“Tja … leider nicht. Aber ich erwarte jeden Moment einen Anruf von ihnen. Hören Sie, was halten Sie davon, wenn Sie mir einfach Ihre Nummer geben? Dann sage ich Mirabella, dass sie Sie zurückrufen soll, wenn sie sich meldet. Wie finden Sie das, Ma’am?”

Diesmal drang ein hoher, erstickter Laut an sein Ohr, eine Mischung aus einem ironischen Schnauben und einem frustrierten Aufschrei, was in ihm den Verdacht aufkeimen ließ, dass die Person am anderen Ende der Leitung womöglich ein ganz kleines bisschen hysterisch sein könnte. “Wie bitte?”, fragte er vorsichtig.

Das anschließende kurze Auflachen belehrte ihn ebenso umgehend eines Besseren wie die Ironie, die in der Stimme mitschwang, als diese erwiderte: “Ach nichts, man hat mich nur in den letzten Stunden fast zu Tode gema’amt, das ist alles.”

Zumindest schien der Kampfgeist der Lady trotz allem, was ihr widerfahren sein mochte, noch nicht ganz erlahmt zu sein. “Nun, Ma’am”, sagte er auf gut Glück, “wenn Sie mir Ihren Namen verraten, spreche ich Sie statt mit Ma’am mit Ihrem Namen an.”

Sie zögerte, als bitte er sie um eine geheime Information. Dann gab sie mit einem fast hörbaren Seufzer zurück: “Hier spricht Charly. Charly Phelps. Mirabellas Freundin aus Kalifornien.”

Jetzt ging ihm ein Licht auf. “Oh, ja … die Ehrenjungfrau, richtig? Sie kommen doch nächste Woche?” Dann ging ihm noch ein Licht auf. “Oh, Himmel, es ist doch nächste Woche, oder? Erzählen Sie mir jetzt bloß nicht, dass wir etwas falsch verstanden haben. Wo zum Teufel sind Sie?” Wenn sie in Atlanta auf dem Flughafen saß und darauf wartete, abgeholt zu werden, würde es eine Menge erklären.

Wieder dauerte es, ehe die Antwort kam, und sie klang merkwürdig hohl. “Ich bin in Mourning Spring, Alabama.”

“In Alabama! Was zum Teufel treiben Sie denn in Alabama?” Und warum sagte sie es in einem Ton, als stehe der Weltuntergang kurz bevor? “Haben Sie sich verfahren?”

Diesmal konnte es keinen Zweifel am Charakter des Lauts geben, den sie ausstieß. Es war definitiv ein verächtliches Schnauben. “So könnte man es ausdrücken. Hören Sie, richten Sie Mirabella etwas von mir aus, wenn sie sich meldet. Sagen Sie ihr …”

“Sekunde, ich hole mir nur schnell einen Stift.”

“Sparen Sie sich die Mühe. Ich habe nicht mal eine Nummer. Hören Sie, sagen Sie ihr, dass ich im Gefängnis bin, ja?”

“Im Gefängnis? Moment mal, haben Sie eben Gefängnis gesagt? Warten Sie … legen Sie … nicht auf.” Aber er sprach zu sich selbst.

Er legte auf und fuhr sich durch sein kurz geschnittenes Haar. “Oh, Mann”, brummte er. “Oh, Gott.”

Mirabella würde einen Luftsprung machen. Gerade wo sie und Jimmy Joe es endlich einmal geschafft hatten, dem ganzen Hochzeitsvorbereitungs- und Umzugstrubel für ein paar Tage zu entfliehen. Troy kannte seine zukünftige Schwägerin noch nicht allzu gut, aber er war sich sicher, dass sie nach all dem Stress der letzten Wochen nicht viel mehr würde verkraften können, auch wenn sie sich für noch so effizient und belastbar hielt. Zuerst auf einem eingeschneiten Highway in einem Truck ein Baby zur Welt zu bringen, dann den Job in L.A. aufzugeben und mit Sack und Pack nach Georgia umzuziehen war kein Pappenstiel. Und jetzt hatte sie diese Hochzeitsvorbereitungen am Hals und versuchte nebenbei auch noch, ein ganzes Haus umzumodeln und Amy Joe ein Kinderzimmer einzurichten. Grund genug für ihn, nicht gerade erpicht darauf zu sein, ihr die Nachricht zu überbringen, dass ihre Ehrenjungfrau es irgendwie geschafft hatte, sich in Alabama ins Kittchen zu bringen.

Aber wenn Troy sich auf eins gut verstand, dann darauf, Krisen zu entschärfen. Darin war er unschlagbar. Und er brauchte keine langen Überlegungen anzustellen, um zu wissen, dass er der geeignete Mann für diese Angelegenheit war.

Und es würde viel besser sein, Mirabella erst mit den Neuigkeiten zu beglücken, nachdem er sich der Sache angenommen hatte.

Wo also lag zum Teufel Mourning Spring?

Was er brauchte, war ein Straßenatlas. Ganz sicher würde sein Bruder einen in seinem Sattelschlepper haben, der vor dem Haus in der Einfahrt parkte.

Er holte sich den Atlas und ging damit in die Küche, wo er mit Hilfe eines Vergrößerungsglases Mourning Spring in der hintersten nordöstlichen Ecke von Alabama, ganz nah an Tennessee, schließlich entdeckte. Anschließend musste er sich nur noch ein paar Sachen zusammenpacken, Mirabella und Jimmy Joe eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, alle Lichter im Haus ausmachen, und dann war er auch schon draußen.

Nur dass er Bubba, seinen braunen Labradorwelpen, vergessen hatte, der natürlich Wind davon bekommen hatte, dass irgendetwas im Busch war, Hunde hatten einen sechsten Sinn für so etwas. Bubba rannte ihm auf dem Weg die Treppe nach unten und über den Rasen immer wieder zwischen die Beine und sprang an ihm hoch vor lauter Begeisterung darüber, dass er bei etwas dabei sein durfte, was immer es auch sein mochte. Deshalb zog er Troy, als dieser die hintere Tür seines funkelnagelneuen Grand Cherokee öffnete und “Los, einsteigen!” befahl, fast die Beine weg, als er dicht an ihm vorbei mit heraushängender Zunge freudig erregt auf den Rücksitz sprang.

Zwei Stunden später stand Troy vor der Polizeiwache von Mourning Spring, die im selben Gebäude wie die Feuerwehr untergebracht war. An der Tür stand ein Schild Vor Eintritt bitte läuten.

Troy betätigte den Summer, dann probierte er, ob die Tür sich öffnen ließ, und da sie unverschlossen war, trat er ein. Er kam in eine kleine Vorhalle mit Türen zu beiden Seiten und einer Trennscheibe aus Glas, hinter der er, umgeben von quäkenden Funkgeräten und flackernden Computerbildschirmen, einen Mann an einem Schreibtisch sitzen sah. Er saß mit aufgestütztem Ellbogen da, den Kopf in den Händen vergraben, und das, was er las, schien nicht allzu spannend zu sein, da er den Eindruck erweckte, als ob er gleich einschlafen würde. Troy ging nach vorn und klopfte mit dem Finger an die Trennscheibe.

Der Polizist, der ganz allein zu sein schien, schaute auf, nickte einmal und wandte sich wieder seiner Beschäftigung zu. Als er fertig war, schwang er mit seinem Stuhl herum und erhob sich. Dann schlenderte er zu der Trennscheibe und fragte: “Ja, Sir, kann ich Ihnen behilflich sein?” Die Stimme wurde durch das Glas gedämpft und klang, als wäre sie meilenweit weg.

“Tja, ich hoffe es zumindest”, sagte Troy mit erhobener Stimme, er lächelte jedoch verbindlich. Ihm war noch nicht ganz klar, welche Karte er ausspielen sollte, aber wie man in den Wald hineinrief, so schallte es meistens auch heraus. “Ich suche Ihr Gefängnis.”

Der Officer, der laut dem Namensschild auf seiner Brust Baylor hieß, lächelte nicht zurück. Er hatte fleischige Backen, einen modischen Haarschnitt und war gebaut wie das Heck eines Trucks. “Welches Gefängnis meinen Sie, Sir?”

Troy kratzte sich am Kopf. “Himmel, keine Ahnung. Haben Sie denn mehr als eins?”

“Wir haben das County-Gefängnis unten an der Court Street, aber ich fürchte, da werden Sie schon die morgige Besuchszeit abwarten müssen, Sir. Es sei denn, Sie suchen jemand in Gewahrsam.”

“In Gewahrsam?” Auch wenn er von Leuten großgezogen worden war, die ihn nach Strich und Faden versohlt hätten, wenn er je dumm genug gewesen wäre, sich ins Gefängnis zu bringen, und deshalb seine persönlichen Erfahrungen mit solchen Dingen begrenzt waren, wusste Troy doch, was “Gewahrsam” war. Aber er beschloss, sich erst einmal dumm zu stellen.

Und die unschuldige Tour schien Wirkung zu zeigen, zumindest raffte sich Officer Baylor jetzt zu einem Lächeln auf. “Ausnüchterungszelle.”

“Aha.” Troy dachte darüber nach. So schwer vorstellbar es auch sein mochte, dass Mirabella eine Freundin hatte, die in der Ausnüchterungszelle landete, schien es doch noch weniger wahrscheinlich, dass sich eine ihrer Freundinnen eines Vergehens schuldig gemacht haben könnte, für das man sie in Untersuchungshaft steckte. “Ich will verdammt sein, wenn ich es weiß. Die Person, die ich suche, heißt Phelps. Charly. Es ist eine Frau.” Auf Verdacht fügte er hinzu: “Ungefähr Mitte dreißig.”

“Ach, die. Ja, klar, sie ist hinten.” Officer Baylor entspannte sich noch ein bisschen mehr und deutete mit dem Kopf auf die Tür rechts von Troy. “Ist schon bearbeitet. Ich warte nur noch auf die Bestätigung ihrer Personalien. Aber die Karre ist im Eimer.”

“Ach ja?”, fragte Troy ziemlich verunsichert, mehr denn je überzeugt davon, dass er sich um eine alkoholisierte Frau kümmern musste, ein Gedanke, den er alles andere als erbaulich fand. “Warum das denn?”

“Hat ihr Bestes versucht, um einen Baum damit raufzuklettern, so viel ich weiß.”

“Junge Junge.” Es fiel ihm nicht schwer, angesichts dieses Informationsschnipsels schockiert dreinzuschauen. “Ist sie selbst okay?”

“Ja klar, nur ein bisschen durchgeschüttelt. Sie wurde im Krankenhaus untersucht. Alles okay. Aber … äh …” Er legte eine Pause ein. “Es hat sich herausgestellt, dass ihr Auto als gestohlen gemeldet wurde.”

“Oh, Mann.” Du lieber Himmel, dachte Troy, das wird ja immer besser. Worauf hatte er sich da zum Teufel bloß eingelassen?

Officer Baylor, der langsam Gefallen an dem Plausch zu finden schien, hob beruhigend eine Hand. “Könnte aber durchaus sein, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Im Handschuhfach waren Papiere. Es ist ein Mietwagen.”

“Na Gott sei Dank.” Eine Betrunkene, dachte er, aber wenigstens keine Kriminelle.

“Deshalb”, fuhr der Officer fort, “kann sie gehen, wenn sie wirklich die ist, die sie zu sein behauptet. Aber wenn nicht, müssen wir sie hierbehalten.”

“Ich verstehe”, sagte Troy, obwohl er sich nicht ganz sicher war. “Wenn … sie die ist, die sie zu sein behauptet? Haben Sie denn Grund anzunehmen, dass sie es nicht ist?”

Baylor zuckte die Schultern. “Was weiß ich. Sie kann sich nicht ausweisen.”

“Sie kann sich nicht ausweisen. Sie meinen …”

“Führerschein, Ausweis, Kreditkarte, alles Fehlanzeige.”

“Aber wie …?”

“Sir.” Der Officer setzte ein strenges Gesicht auf. “Ich kann Ihnen wirklich nicht mehr sagen, es sei denn, Sie sind ihr Anwalt.”

Was Troy so vorkam, als würde man die Stalltür verschließen, nachdem man das Pferd freigelassen hatte.

“Also schön, zum Teufel, ich kann für sie bürgen”, sagte er schließlich, nachdem er entschieden hatte, dass diese ganze Sache einfach zu verrückt war, als sie sich entgehen zu lassen. Und davon abgesehen war es immer noch Mirabella, die mit ihr klarkommen musste, egal als was für ein schräger Vogel sich diese Charly Phelps auch entpuppen mochte. “Wenn das alles ist, was Sie brauchen.” Ganz wohl war ihm bei der Sache jedoch zugegebenermaßen nicht.

“Und Sie sind …?”

“Ein Freund der Familie. Mein Name ist Troy Starr.” Er holte seine Brieftasche heraus und hielt sie an die Glasscheibe, sodass der Mann einen guten Blick auf seinen Militärausweis hatte, der neben seinem Führerschein steckte.

Officer Baylor schaute auf und versuchte, nicht beeindruckt auszusehen. “Navy, hm?”

“Ja, Sir.” Er klappte seine Brieftasche wieder zu und schob sie in seine Gesäßtasche zurück, dann grinste er den Officer an. “Bin erst vor zwei Monaten ausgeschieden. Muss mich erst wieder an das Leben eines Zivilisten gewöhnen.”

“Kann ich gut verstehen, Sir.” Officer Baylor grinste verständnisinnig zurück. Dann setzte er wieder sein neutrales Polizistengesicht auf. “Okay, Sir, wenn Sie bitte durch die rechte Tür dort treten wollen? Sie können am Tresen warten, ich bringe Miss Phelps gleich heraus. Ach und …”, er hatte sich bereits mit einer Hand am Gürtel in Marsch gesetzt, aber jetzt drehte er sich noch einmal um, “… sie wird jemanden brauchen, der ihre Kaution bezahlt. Sie sind darauf vorbereitet?”

“Lassen Sie mich raten … Geld hat sie auch keins?”

“Keinen Cent.”

Troy stieß einen Seufzer aus, und dann wechselten er und Baylor einen Diese-Frauen-Blick.

“Ja, sicher”, sagte Troy. “Ich bezahle.” Er beobachtete, wie der Officer, mit seinem Schlüsselbund klappernd, durch eine andere Tür verschwand.

Die Tür zu seiner Rechten führte auf einen langen Flur mit einem Tresen, der die Zentrale zu seiner Linken abtrennte. Während er dort wartete, lauschte er mit aufgestützten Ellbogen dem Ätherrauschen und dem unverständlichen Gemurmel und Gequäke, das aus den Polizeifunkgeräten drang, wobei er sich sagte, dass es für ihn keine Rolle spielte, was für eine Krawallschachtel diese Charly Phelps war. Sein Job war es nur, sie aus diesem Gefängnis und dieser Stadt herauszuholen und bis zum Hochzeitstag wohlbehalten bei Mirabella abzuliefern. Punkt.

Es konnten nicht mehr als ein paar Minuten vergangen sein, als er hörte, wie am anderen Ende des Korridors eine Tür geöffnet wurde. Er drehte seinen Kopf in diese Richtung, dann straffte er sich und schaute Baylor und der Frau, die dieser am Arm hielt, entgegen.

Er war sich nicht ganz sicher, was es war, das er in diesem Augenblick empfand, er wusste nur, dass es etwas war, das er bisher noch nie empfunden hatte. Als er genauer hinschaute, musste er erstaunt feststellen, dass seine erste Reaktion ein fast besitzergreifender Widerwille gegen die fleischige Hand des Officers war, die den nackten Arm der Frau umfasste. Die Art von Widerwille, die ihn, wenn er in einer Bar gewesen wäre und schon ein paar Biere zu viel getrunken hätte, veranlasst haben könnte, den Typ am Kragen zu packen und zu knurren: “He, nimm die Pfoten weg, Bubi!”

Dann schaute er noch genauer hin, und da wurde es wirklich interessant. Besitzergreifend? Wie konnte das sein? Wie konnte es angehen, dass ein Mann, der eine Frau berührte, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, in ihm die Gefühle eines Neandertalers weckte?

Mit Sex konnte es nichts zu tun haben, denn der Anblick von Charly Phelps war nicht unbedingt erhebend und kaum dazu angetan, die Lust eines Mannes zu erregen, zumindest Troys Meinung nach nicht und nicht in diesem Moment. Tatsächlich sah sie ziemlich ramponiert aus.

Ihre Haare, die schwarz waren oder jedenfalls fast, fielen ihr glatt bis auf die Schultern, und es war offensichtlich, dass sie seit einer guten Weile weder Kamm noch Bürste gesehen hatten. Und ihre Kleider … schön, er war kein Experte, aber in seinen Augen wirkten sie – eine graue Hose und ein ärmelloses pfirsichfarbenes Top – teuer, vielleicht waren sie sogar aus Seide. Was eine Schande war, denn jetzt sahen sie aus wie aus einem Sack der Altkleidersammlung gezerrt. Er hatte schon Verlierer aus einem Boxkampf in einem besseren Zustand hervorgehen sehen.

Obwohl an dem Körper an sich eigentlich nichts verkehrt war, genau betrachtet. Für seinen Geschmack vielleicht ein bisschen zu groß und weniger üppig, als er es mochte, aber doch an allen entscheidenden Stellen richtig gerundet, ohne dass es allzu offensichtlich war. Und ihm gefiel, wie sie sich hielt, den Kopf hoch erhoben, die Schultern zurückgenommen und ihr elastischer, fast unverschämt selbstsicher wirkender Gang, etwas, mit dem er bei jemandem, der eben mehrere Stunden in der Ausnüchterungszelle verbracht hatte, nicht gerechnet hätte.

Oh, ja, dachte Troy, sie versucht es. Aber ihr Gesicht verriet sie, insbesondere ihre Augen, in denen unter dem Zorn und dem Trotz die Erschöpfung lauerte, und das starrsinnig vorgereckte Kinn schaffte es doch nicht, den sensiblen Mund unsichtbar zu machen. Er hatte genug von ihr gesehen, um zu wissen, dass sie zwar empfindsam war, jedoch wild entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Was auch immer der Lady passiert sein mochte, in die Knie gezwungen hatte es sie nicht. Noch nicht.

Und nachdem er mit seinen Überlegungen so weit gekommen war, dachte er, dass vielleicht dies alles seine besitzergreifenden und beschützerischen Impulse erklärte. So einfach war das.

Sie sagte kein Wort, als sie auf ihn zukam. Er beschränkte sich auf ein beiläufiges Nicken und ein vorsichtiges “Hey”.

Sie gab es nicht zurück, sondern nickte nur, während sie ihn aus den Augenwinkeln mit einem misstrauischen, aber auch leicht neugierigen Blick bedachte. Aus der Nähe sah er, dass ihre Augen von einer Farbe waren, die man im Allgemeinen als haselnussbraun bezeichnete, allerdings nur in Ermangelung einer genaueren Bezeichnung, weil sie je nach Lichteinfall und Stimmung ihre Farbe veränderten. Im Augenblick waren sie fast braun, mit genug Grün darin, um die Erinnerung an tiefe Wälder und süßlich duftende Erde aufkommen zu lassen.

“Ich bin Troy”, sagte er freundlich. “Wir haben vorhin miteinander telefoniert …”

“Okay, Ma’am. Sie müssen mir noch ein paar Sachen unterschreiben.” Officer Baylor breitete einige Formulare auf dem Tresen aus. Er deutete mit dem Kopf in Troys Richtung. “Dieser Gentleman hier ist bereit, Ihre Kaution zu bezahlen. Das hier ist Ihre Aufforderung, sich wieder zu melden. Wenn Sie es für notwendig halten, können Sie sich selbstverständlich einen Anwalt nehmen. Lesen Sie sich alles genau durch, bevor Sie unterschreiben.”

“Wo?” Ihre Stimme klang wie eingerostet, aber sie räusperte sich nicht.

“Direkt dort, Ma’am. Und hier und hier.”

“Sie nehmen doch einen Scheck?”, fragte Troy, seine Brieftasche zückend.

Officer Baylor warf ihm einen Blick zu. “Nein, Sir, nehmen wir nicht.”

Troy hatte mit der Antwort gerechnet und zählte bereits sein Bargeld durch. “Wie viel ist es?”

Der Officer sagte es ihm. Er hatte noch genug, aber er musste schleunigst versuchen, wieder an Bargeld zu kommen. Er zählte die Banknoten ab und reichte sie dem Polizisten, dann nahm er die Quittung entgegen, faltete sie zusammen und steckte sie ein. Und die ganze Zeit stand Charly schweigend neben ihm. Allerdings nicht versteinert, sondern, wie ihm schien, kochend vor Wut.

“Ist das alles?”

Officer Baylor nickte. “Ja, Sir. Ma’am, Sie können jetzt gehen.”

Kaum hatte er es gesagt, drehte sie sich auch schon auf dem Absatz um und fegte hinaus. Sie war bereits durch zwei Türen, bevor Troy überhaupt nur die Chance gehabt hätte, sie ihr zu öffnen. Draußen blieb sie so abrupt stehen, dass Troy in sie hineinrannte. Durch das künstliche Zwielicht drang ein unheimliches lang gezogenes Heulen zu ihnen herüber, das ausreichte, um sogar ihm die Nackenhaare zu Berge stehen zu lassen, obwohl er wusste, worum es sich handelte.

“Was zum Teufel ist denn das?”, krächzte Charly.

Um zu verhindern, dass sie das Gleichgewicht verlor, hatte er bei dem Zusammenprall geistesgegenwärtig nach ihren Unterarmen gegriffen. Er spürte, wie ihre Muskeln vor Spannung vibrierten, direkt unter ihrer Haut, die so weich war wie … er wusste nicht wie was. Aber es fühlte sich gut an. Die Nacht wurde wärmer.

“Das ist mein Hund, Ma’am. Entschuldigen Sie. Er weint, wenn ich ihn allein lasse.”

Sie warf ihm einen Blick von der Seite zu und brummte: “Die nächste Person, die mich Ma’am nennt, treibt die Mordstatistik in die Höhe.”

Er ließ ihre Arme los, trat in gespielter Bestürzung einen Schritt zurück und hob begütigend eine Hand. “Entschuldigung, Ma’am … es wird nicht wieder vorkommen.”

Ihre einzige Erwiderung war ein verächtliches Schnauben, ein Geräusch, das er bereits vom Telefon her kannte, während sie sich auf den Weg zum Parkplatz machte, in die Richtung, aus der der Höllenlärm kam, den Bubba veranstaltete. Troy beschleunigte seine Schritte, und als er sie eingeholt hatte, schüttelte sie den Kopf und brummte irgendetwas wie “Natürlich musste er unbedingt seinen Hund mitbringen” in sich hinein.

Troy machte sich nicht die Mühe, etwas zu entgegnen; schließlich hatte er keine andere Wahl gehabt.

Sie erreichten den Jeep. Charly blieb ruckartig stehen und sagte: “Guter G…”, während Troy in schmeichelndem Ton rief: “Hey, ol’ Bub…” Weiter kamen sie beide nicht, weil Troy mittlerweile die Tür geöffnet hatte und Bubba wie der Blitz herausschoss und ihn fast umrannte.

Charly war einen Schritt zurückgewichen und brummte noch mehr Zeugs in sich hinein, das man ihr bestimmt nicht in der Sonntagsschule beigebracht hatte. “Das ist ja kein Hund, das ist ein Ungeheuer!”

“Aber nein … Bubba ist nur ein niedliches Riesenbaby”, widersprach Troy. “Hab ich recht, alter Junge? Hast du mich vermisst, ja? Ja … ja … ich weiß.”

Er tätschelte dem Hund den Kopf und schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihn am Halsband zu packen, bevor Bubba seine Aufmerksamkeit der Lady zuwenden konnte, die offensichtlich vorhatte, seine Bekanntschaft aus gebührendem Abstand zu machen. Allerdings nicht aus Angst, dessen war Troy sich sicher. Er konnte sich nur nicht recht erklären, was sich da auf ihrem Gesicht widerspiegelte. Er versuchte, die Situation zu entspannen, indem er anfing, ihr zu erklären, dass Bubba nur ein Welpe und noch gar nicht ausgewachsen sei, aber er merkte, dass sie ihre Abwehrantennen voll ausgefahren hatte.

Sie sagte: “Er hat gelbe Augen”, in einem Ton, der irgendwo zwischen Abneigung, Ungläubigkeit und Ehrfurcht angesiedelt war.

“Ja klar”, sagte Troy. “Er ist ein Labrador. Sie haben solche Augen.”

“Und natürlich heißt er Bubba.”

Der Sarkasmus, der in ihren Worten mitschwang, war unüberhörbar. Troy schaute auf, aber sie ließ ihren Blick durch die Bäume zur Straße hinüberwandern, als ob sie hoffte, dass jede Minute ein Taxi vorbeikäme oder zumindest ein Greyhound Bus.

Nun, er war normalerweise ein geduldiger Mensch, und natürlich war ihm klar, dass ihr kürzlich ein paar Dinge zugestoßen waren, die sie höchstwahrscheinlich ziemlich aufgeregt hatten. Aber er fing an, sich über sie zu ärgern wie über einen Stein im Schuh; er war jedoch dennoch entschlossen, weiterhin Großmut walten zu lassen.

“Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern mit Bubba ein paar Schritte gehen”, sagte er vorsichtig. “Er war eine ganze Weile im Auto.”

“Tun Sie das. Ich warte.”

Während Troy die Leine aus dem Jeep holte, ging sie um das Auto herum, stieg ein und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er drehte sich noch einmal um und sah sie mit blassem und unbewegtem Gesicht dort sitzen und durch die Windschutzscheibe starren. Ein Teil von ihm wünschte sich, es nicht getan zu haben. Er glaubte, noch nie jemanden gesehen zu haben, der so verlassen wirkte. Was es ihm schwer machte, seine Verärgerung über sie aufrechtzuerhalten.

So, das war also Troy Starr. Mirabellas zukünftiger Schwager. Jimmy Joes großer Bruder. Perfekt … einfach perfekt.

Womit habe ich das bloß verdient? dachte Charly, während sie versuchte, ihre Wut unter Kontrolle zu bringen. Sie hätte am liebsten alles kurz und klein geschlagen.

Oh, es gab keinen Zweifel daran, dass er ein Prachtexemplar der männlichen Gattung war … breite Schultern, schmale Hüften und stahlharte Muskeln, wie sie aus eigener Erfahrung bezeugen konnte. Er hatte dunkelblaue Augen mit Lachfältchen und langen, dichten Wimpern, ein markantes Kinn, sowie einen Mund mit einer vollen Oberlippe, der sich in den Mundwinkeln leicht nach oben bog, als ob er gern lächelte. Seine Haare, blond wie ein Weizenfeld, würden wahrscheinlich in der Sonne glänzen, wenn er sie auf eine anständige Länge wachsen ließe. Dass sein Haaransatz bereits ganz leicht zurückwich und seine Nase aussah, als hätte er sie sich mehr als einmal gebrochen, schadete dem Gesamteindruck nicht, im Gegenteil, es verlieh seinem Gesicht Charakter und Reife und milderte das, was sonst nur reine Perfektion gewesen wäre, ein bisschen ab.

Kurz gesagt, er war ein richtiger Vorzeigeamerikaner, sauber, glattrasiert und gesund wie Hafergrütze.

Und er war alles, was Charly aus tiefstem Herzen verabscheute. Sie kannte ihn noch keine zehn Minuten und wusste bereits, dass seine Höflichkeit nicht zum Aushalten war, dass er Leute mit “hey” statt mit “hi” begrüßte und jedes weibliche Wesen über achtzehn mit “Ma’am” anredete. Er hatte einen Hund namens Bubba, der ihm auf Schritt und Tritt nachlief, wahrscheinlich schlief er sogar in einem Bett mit ihm, und er fuhr einen amerikanischen 4x4, bei dem nur deshalb die Gewehrhalterung fehlte, weil er noch so neu war und er noch keine Zeit gehabt hatte, sie anbringen zu lassen, davon war auszugehen. Er war kurz gesagt ein Südstaatler. Und auch wenn seine Berührung eine Wirkung auf sie gehabt hatte wie ein doppelter Bourbon aus Tennessee, würde sie ihn doch um nichts auf der Welt ein zweites Mal so nah an sich heranlassen. Niemals!

Aber, oje oje, hatte es sich nicht wunderbar angefühlt?

4. KAPITEL

2. Juli 1977

Liebes Tagebuch,

Himmel, ich kann es noch immer nicht glauben! Heute war der schönste Tag meines Lebens. Zuerst hatte ich schrecklich Bammel, weil ich mich doch entschlossen hatte, Richie einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben, dass ich ihn auch mag, und ich war fix und foxy deswegen. Ich meine, es hätte ja schließlich sein können, dass ich mich zum Idioten mache, oder? Aber egal, auf jeden Fall gingen Kelly Grace und ich zu Dottie, um eine Cola zu trinken, und dann kam er mit Bobby rein. Ich also nichts wie ran, womit ich sagen will, dass ich anfing, mit ihm zu flirten, aber mehr als normalerweise, verstehst du? Ich richtete es so ein, dass meine Brust rein zufällig (haha!) seinen Arm streifte, und ich kann dir sagen, ich hatte wirklich das Gefühl, als würde ich auf der Stelle sterben, als es passierte. Mein ganzer Körper fing plötzlich an zu kribbeln und mir wurde schrecklich heiß und ich bekam überhaupt keine Luft mehr! Und dann fragte er, ob er mich nach Hause begleiten dürfte und dann … bestimmt errätst du es schon, machte er es. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm am 4. Juli zu dem Picknick zu gehen! Oh Mann! Aber ich ließ ihn erst noch ein bisschen zappeln, bevor ich Ja sagte … schließlich bin ich nicht blöd.

Gedanke des Tages: Ich glaube nicht, dass die Jungs zu viel Oberwasser bekommen sollten, was meinst du?

Nachdem Bubba sein Geschäft verrichtet und sich ein bisschen ausgetobt hatte, ging Troy mit ihm zum Auto zurück. Weil klar war, dass es seine Beifahrerin nicht zu schätzen wissen würde, wenn ihr ein großer Welpe mit seiner nassen langen Zunge den Nacken ableckte, verfrachtete er den Hund hinten im Stauraum und band die Leine am Türgriff fest.

Sie – die Beifahrerin – sagte kein Wort, als er sich hinters Steuer setzte und den Schlüssel in die Zündung steckte. Er wartete einen Moment, dann legte er die Hände aufs Lenkrad und sagte: “Okay, wo fahren wir hin …?” Das “Ma’am” verkniff er sich gerade noch rechtzeitig.

Er hörte sie tief Atem holen und dann sprudelte es, wenn auch immer noch ein bisschen schroff, aus ihr heraus: “Hey, hören Sie, ich weiß das wirklich zu schätzen. Sie haben diesen ganzen Weg nur meinetwegen gemacht. Ich will das … ich erwarte das von niemandem. Selbstverständlich zahle ich Ihnen alles zurück, ich möchte, dass Sie das wissen.”

Er verzog keine Miene. “Davon bin ich ausgegangen.”

“Nein.” Sie hielt inne und räusperte sich. “Ich meine, ich zahle es Ihnen sofort zurück. Auf der Stelle. Ich brauche nur meine Handtasche.”

Troy hatte wieder die Hand nach dem Zündschlüssel ausgestreckt, jetzt ließ er ihn los und wandte den Kopf, um sie anzuschauen. “Sie wissen, wo sie ist? Aus dem, was der Polizist sagte, ging …”

“Ich kann es mir denken.” Sie schaute geradeaus, sodass er ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte, aber ihre Stimme hatte denselben hohlen Klang wie vorhin am Telefon, als sie “Mourning Spring” gesagt hatte.

Er trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Lenkrad herum und wartete auf eine Erklärung, wobei er sich sagte, dass er nicht mehr über ihre Angelegenheiten zu wissen brauchte, als sie bereit war, ihn wissen zu lassen. Er würde sie ganz bestimmt nicht drängen. Gleichzeitig aber war er neugierig, er wollte jedoch verdammt sein, wenn er die ganze Nacht hier auf diesem Parkplatz zubringen würde, nur um darauf zu warten, dass sie ihm einen Hinweis gab. Vielleicht konnte ja ein kleiner Schubs nicht schaden.

Er warf ihr wieder einen Blick zu und sagte dann geduldig: “Also, wohin geht die Reise? Geben Sie mir einen Tipp.”

“Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.” Er sah aus dem Augenwinkel, dass sich ihre Mundwinkel eher verächtlich als belustigt hoben. “Um diese Uhrzeit? Die Leute gehen hier mit den Hühnern ins Bett.”

“Ich habe es bemerkt.” Er erwiderte ihr Lächeln, was schiere Kraftvergeudung war, weil sie noch immer nicht die Güte hatte, ihn anzuschauen. Er wartete einen Moment, dann drängte er ein bisschen mehr. “Schön, was also wollen Sie tun? Sind Sie hungrig? Möchten Sie irgendwo etwas essen?” Daraufhin ertönte von hinten ein herzzerreißend klägliches Winseln, die Worte hungrig und essen gehörten zu den Begriffen des menschlichen Wortschatzes, die für Bubba höchste Priorität besaßen.

Charly wirkte plötzlich überrascht. “Ich bin tatsächlich ein bisschen hungrig.” Sie schaute auf die Stelle an ihrem Arm, wo eigentlich ihre Uhr hätte sein sollen, dann fiel ihr ein, dass sich diese in dem braunen Umschlag befand, den sie in der Hand hielt. “Wie spät ist es eigentlich?”

“Kurz vor Mitternacht.”

“Oje … na gut …” Sie holte tief Atem. “Das Einzige, was jetzt vielleicht noch offen hat, ist B.B’s, draußen am Highway.”

“Ich bin vorhin daran vorbeigekommen”, berichtete Troy, während er den Motor anließ. “Kann man dort etwas essen?”

“Nur das Nötigste … Hamburger, Hotdogs. Vielleicht Steaks. Zumindest hatten sie früher welche.”

“Klingt nicht übel.” Er legte den Gang ein, fuhr aus der Parklücke und bog dann links auf den Marktplatz ab. Er warf Charly einen Blick zu. “Sie kennen sich hier aus?”

Sie beantwortete seine Frage nicht. Stattdessen räusperte sie sich und sagte mit noch immer leicht eingerostet klingender Stimme: “Hören Sie, Sie müssen nicht hierbleiben. Wenn Sie zurückmüssen …” Er versuchte, sie zu unterbrechen, aber sie redete schon weiter. “Ich meine es wirklich. Sie waren so nett, mich aus dem Gefängnis herauszuholen, doch es gibt keinen Grund, weshalb Sie jetzt noch hierbleiben sollten.”

Troy ließ eine gewisse Zeit verstreichen. Dann sagte er ruhig: “Schauen Sie, Ma’am, es ist schon spät. Ich fahre heute Nacht nirgendwo mehr hin und Sie auch nicht. Ich nehme an, das Beste wird sein, wenn ich uns in diesem Motel an der Ausfahrtstraße zwei Zimmer besorge.”

“Sie meinen das Moanin’ Springs?”

Das überraschte ihn. Er lachte. “Sie kennen das Motel?”

“Nur dem Hörensagen nach, ich versichere es Ihnen.” Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, dann schaute sie schnell wieder weg. Aber sie wirkte jetzt deutlich entspannter. Vielleicht hatte sie sogar ihren Sinn für Humor wiedergefunden.

Auch wenn es schon spät war, ging es in B.B.’s Barn noch immer hoch her, zumindest der Anzahl der Fahrzeuge, der Pärchen, die sich auf dem dunklen Parkplatz herumdrückten, und des Lärms, den die Country-Band veranstaltete, nach zu urteilen.

“Wir haben es früher das Beer ‘n’ Boogie genannt”, erzählte Charly, wobei sie verächtlich den Mund verzog, während sie unter dem Arm durchschlüpfte, mit dem Troy ihr die Autotür aufhielt. “Sieht nicht so aus, als ob sich viel verändert hätte.”

Er hob eine Augenbraue. “Sie waren früher wohl oft hier?”

Sie gab wieder ein Schnauben von sich, und plötzlich wurde ihm klar, dass das wohl ihre Art zu lachen war. “Machen Sie Witze? Sie hätten mich damals noch gar nicht reingelassen. Mal davon abgesehen, dass mich mein Vater vermöbelt hätte, wenn er es erfahren hätte.”

Offensichtlich war sie hier aufgewachsen. Auffallend war nur, dass sie von ihrem Vater als “Vater” und nicht als “Daddy” sprach. Ihm war noch nie eine in den Südstaaten aufgewachsene Frau begegnet, für die ihr Vater nicht ihr Daddy war.

Als sie das rauchgeschwängerte Lokal betraten, waren eine Menge Leute auf der Tanzfläche, was es schwierig machte zu entscheiden, welche Plätze frei waren und welche nicht, aber Charly erspähte einen kleinen Tisch in einer Nische, dessen Aschenbecher nicht überquoll und auf dem auch keine Bierflaschen aufgereiht standen. Sie ging darauf zu und stellte es ihrem vorbildlichen Retter frei, ihr zu folgen oder auch nicht.

Er fing an, sie nervös zu machen, und zwar in einer Weise, die sie noch nicht ganz durchschaute. Oder warum sonst hätte sie sich, gleich nachdem sie sich gesetzt hatte, den Hals nach der Kellnerin ausrenken sollen, nur weil sie nicht zuschauen wollte, wie sich der Mann ihr gegenüber am Tisch niederließ? Weil er so verflucht gut aussah und sie sich in der waghalsigen Stimmung, in der sie sich im Augenblick befand, selbst nicht über den Weg traute?

Sie fühlte sich wirklich ziemlich seltsam. Als ob alle Drähte in ihrem System plötzlich über Kreuz liefen, zischten und spuckten und kurz vor einem Kurzschluss ständen. Und vielleicht machte es gar nichts aus, wenn sie es täten.

“Hey, Leute, wie geht’s? Ich heiße Lori. Was kann ich euch bringen?”

Eine Kellnerin in hautengen Jeans und einem Tanktop stand dicht neben Troy, auf der knochigen Hüfte ein mit Gläsern beladenes Tablett balancierend. Sie hatte stark gekräuseltes wasserstoffblondes Haar, das sie sich zu einem Stummelschwänzchen zusammengebunden hatte, und kaute Kaugummi. Charly schaute sie einen Moment forschend an, ehe sie entschied, dass sie niemand sein konnte, den sie von früher kannte. Dafür war sie zu jung.

“Hey, Lori. Wir haben einen Bärenhunger. Gibt’s noch was?” Troy zeigte bei seinem Lächeln die Zähne, als ob diese mit Brillanten besetzt wären, die er der Kellnerin zum Verkauf anbieten wollte.

Und sie war offensichtlich bereit, sie zu kaufen. Charly beobachtete in einer Mischung aus Belustigung und Verärgerung, wie Lori ihre Hüfte noch ein bisschen mehr herausstreckte und dafür sorgte, dass diese Troys Arm streifte. “Die Küche hat schon zu.” Sie schnalzte mit ihrem Kaugummi, senkte ihre Wimpern auf Halbmast und lächelte. “Aber ich schätze mal, Hotdogs und Nachos haben wir noch.”

“Okay, warum bringen Sie mir nicht zwei von diesen Hotdogs?” Troy warf Charly einen Blick zu, die die Schultern zuckte. “Und dort noch mal zwei.”

Lori unterbrach ihre Anmachversuche, um Charly einen forschenden Blick zuzuwerfen. “Mit allem?”

Mit allem. Du lieber Himmel. Es war zwanzig Jahre her, seit Charly diese Worte in diesem Zusammenhang gehört hatte, der im Süden bedeutete, dass man seine Hotdogs mit Zwiebelringen und diesem widerlichen braunen Klacks, den sie Chilisoße nannten, wollte.

“Mit allem.” Troy nickte lächelnd.

Charly wiederholte es, was reine Zeitverschwendung war, weil Lori selbstverständlich davon ausgegangen war, dass Troys Antwort für sie beide galt. “Okay”, gurrte sie und schnalzte wieder mit ihrem Kaugummi, “das wären dann vier mit allem. Und was kann ich euch zu trinken bringen?”

“Einen Black Jack mit Eis”, schnappte Charly.

Lori schaute sie an wie ein Wesen von einem anderen Stern. Sie pirschte sich noch ein bisschen näher an Troy heran, sofern das überhaupt möglich war, und sagte: “Tut mir leid, aber dies hier ist ein trockener Landkreis.”

“Sie machen Witze.”

“Nein, Ma’am. Wir dürfen nur Bier ausschenken.”

Der gute alte Troy bestellte vergnügt ein Leichtbier und Charly blieb nichts übrig, als seinem Beispiel zu folgen, dann wartete sie, bis die Kellnerin ihren hüftenwackelnden Rückzug angetreten hatte, bevor sie den Kopf schüttelte und brummte: “Ich fasse es nicht.”

Troy lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sagte gedehnt: “Ah, Teufel, das ist nichts Ungewöhnliches. Im Süden gibt es viele trockene Landkreise.”

Charly knirschte mit den Zähnen. “Wie man sieht. Und gerade jetzt würde ich meine linke …”

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