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Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Teil I: Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung und tiergestützter Interventionen

1 Geschichte tiergestützter Interventionen

2 Begrifflichkeiten und Definitionen

3 Die Mensch-Tier-Beziehung und Wirkmechanismen

4 Tiergestützte Interventionen und Salutogenese

5 Qualitätsstandards als Rahmenbedingungen

6 Rechtliche Grundlagen

7 Ethik und tiergestützte Interventionen

8 Tierschutz

9 Tierquälerei und zwischenmenschliche Gewalt

10 Klinikhygiene

Teil II: Tiere in der tiergestützten Intervention

11 Pferde

11.1 Pferdegestützte Interventionen

11.2 Besonderheiten der Mensch-Pferd-Beziehung

12 Hunde

12.1 Hundegestützte Interventionen

12.2 Besonderheiten der Mensch-Hund-Beziehung

13 Katzen

14 Kleintiere

15 Lamas, Alpakas, Kamele

16 Farmtiere

17 Wildtiere und Exoten

Teil III: Praxis tiergestützter Interventionen: Konzepte – Anwendungsfelder – Einsätze

18 Tiergestützte Pädagogik

18.1 Schulhunde

18.2 Leseförderung

18.3 Lernen und Konzentration

18.4 Stress-Bissprävention

19 Sonder-/Heilpädagogische Interventionen

19.1 Hunde in der Sozialen Arbeit

19.2 Autismus-Spektrum-Störungen

19.3 Tiergestützte Interventionen bei AD(H)S

19.4 Ganzheitliche Sonderpädagogische Förderung

20 Tiergestützte Psychotherapie

20.1 Depression und Burnout

20.2 Sucht

20.3 Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter

20.4 Trauma und posttraumatische Belastungsstörung

20.5 Bindung und Persönlichkeit

21 Schädel-Hirn-Trauma

22 Palliativversorgung

23 Gerontologie, Demenz

24 Physiotherapie

25 Ergotherapie

26 Sonderformen Tiergestützter Arbeit

26.1 Tiergestützte Intensivtherapiewochen

26.2 Tierbesuchsdienste

26.3 Tierhaltung in Institutionen

26.4 Grenzwertige Programme

26.5 Mit Green Care zurück in die Zukunft

27. Assistenzhunde

28 Finanzierung

Abschließende Anmerkungen

Autorenverzeichnis

Sachregister

Abkürzungsverzeichnis

ABA Applied Behavior Analysis
ADEu Assistance Dogs Europe
ADI Assistance Dogs International
ADL Activities of Daily Living
ArbSchG Arbeitsschutzgesetz
ASS Autismus-Spektrum-Störung
AVMA American Veterinary Medical Association
BBG Bundesbehindertengesetz (Österreich)
BGB Bürgerliches Gesetzbuch
BioStoffV Biostoffverordnung
BPST emotional-instabile PST vom Borderline Typ
BudgetV Budgetverordnung
CPT Cognitive Processing Theory
DGUV Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
DKThR Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V.
DMT Deutscher Motorik-Test
DOKR Deutsches Olympiade-Komitee für Reiterei
DOSB Deutscher Olympischer Sportbund
DSM-5 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders
DVE Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V.
EASC European Association for Supervision und Coaching
EAT Equine Assisted Therapy
EATA European Association for Transactional Analysis
EF exekutive Funktionen
EMDR Eye Movement Desensitization and Reprocessing
ESAAT European Society for Animal Assisted Therapy
FAPP Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie
FATP Forum der Ausbildungsträger einer Therapie mit dem Pferd
FN Fédération Équestre Nationale, hier: Deutsche Reiterliche Vereinigung e. V.
G-BA Gemeinsamer Bundesausschuss
GefHG Gesetz zur Vorbeugung und Abwehr der von Hunden ausgehenden Gefahren
GefStoffV Gefahrstoffverordnung
GKV Gesetzliche Krankenversicherung
HeilprG Heilpraktikergesetz
HFP Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd
HOPE Deutsches Register zur Hospiz- und Palliativerhebung
HSG Hundegestützte Soziale Gruppenarbeit
Hund[e]G Landeshundegesetze (bundesländerunabhängig)
IAHAIO International Association of Human-Animal Interaction Organizations
ICD-10 International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems
ICF Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit
IfSG Infektionsschutzgesetz
IGDF International Guide Dog Federation
ISAAT International Society for Animal Assisted Therapy
ISAZ International Society for Anthrozoology
ITAA International Transactional Analysis Association
KDA Kuratorium Deutsche Altershilfe
LHundG Hundegesetz für das Land
NRW Nordrhein-Westfalen
LMHV Lebensmittelhygiene-Verordnung
MBCT Mindfulness-Based Cognitive Therapy/Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie
MCS Minimally Conscious State (Minimaler Bewusstseinszustand)
MFT Münchner Fitnesstest
MTB Mensch-Tier-Beziehung
MTI Mensch-Tier-Interaktion
NET Narrative Expositionstherapie
NHBPS Nursing Home Behavior Problem Scale
NHundG Niedersächsisches Gesetz über das Halten von Hunden
OKTR Österreichisches Kuratorium Therapeutisches Reiten
PE Prolonged Exposure Therapy
PRT Pivotal Response Treatment
PST Persönlichkeitsstörungen
PTBS Posttraumatische Belastungsstörung
R.E.A.D. Reading Education Assistance Dogs
RKI Robert-Koch-Institut
SGB Sozialgesetzbuch
SG-TR Schweizer Gruppe Therapeutisches Reiten
SHEA Society for Healthcare Epidemiology of America
SHT Schädel-Hirn-Trauma
SOC Sense of Coherence
StVO Straßenverkehrsordnung
TAT Tiere als Therapie
TEACCH Treatment and Education of Autistic and Related Communication Handicapped Children
TGA Tiergestützte Aktivität
TGI Tiergestützte Intervention
TGP Tiergestützte Pädagogik
TGT Tiergestützte Therapie
TierSchG Tierschutzgesetz
TierSchHuV Tierschutzhundeverordnung
TRBA Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe
TRGS Technische Regeln für Gefahrstoffe
WHO World Health Organization (Weltgesundheitsorganisation)
WIAD Wissenschaftliches Institut der Ärzte Deutschlands e. V.

Sämtliche Gesetze beziehen sich, soweit nicht anders gekennzeichnet, auf deutsches Recht.

Vorwort

Tiergestützte Interventionen (TGI) sind in den verschiedensten Disziplinen anzutreffen, z. B. in der Psychotherapie, Pädagogik, Sonder-/Heilpädagogik, Physiotherapie, Ergotherapie, Rehabilitation oder Gerontologie. Oft scheint es für Interessierte in diesem Feld schwierig, sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen – nicht nur über die Einsatzmöglichkeiten bei verschiedenen Erkrankungen, Störungsbildern oder pädagogischen Anliegen oder die eingesetzten Tierarten, sondern auch über den Stand der Forschung und Hintergrundwissen über Wirkungen und zugrundeliegende Mechanismen.

Das vorliegende Handbuch soll zum einen Interessierten als Einführung in die TGI dienen, zum anderen als Grundlagenwerk für die Aus- und Weiterbildung in tiergestützten Interventionen Basiswissen zu den verschiedenen Themen vermitteln. Jedes Kapitel kann nur als Einführung in ein Thema verstanden werden – die Praxis der TGI in bestimmten Spezialgebieten bedarf der Beschäftigung mit weiterführender Literatur, welche in den im jeweiligen Kapitel empfohlenen Veröffentlichungen zu finden ist.

Das Handbuch ist in drei Teile gegliedert.

In Teil 1 werden die Grundlagen tiergestützter Interventionen und Hintergrundwissen vorgestellt, wie die Geschichte der TGI, Begriffe und Definitionen, Theorien der Mensch-Tier-Beziehung, Salutogenese, und Rahmenbedingungen von TGI, inklusive rechtlichen Aspekten, Tierschutz, Ethik, Gefährdungsprävention und Zoonosen – und Themen wie die Eignung von Tieren oder Wissen über den Zusammenhang von Tierquälerei und zwischenmenschlicher Gewalt.

Teil 2 widmet sich den Tieren in der TGI: den verschiedenen Tierarten wie Hunden, Pferden, Katzen, Lamas/Alpakas, Kleintieren, und landwirtschaftlichen Nutztieren. Es wird jedoch auch der Einsatz von Wildtieren und Exoten in der TGI kritisch beleuchtet.

In Teil 3 folgen dann Kapitel zur eigentlichen Praxis der TGI; zum einen in der Pädagogik, zum anderen im medizinischen und therapeutischen Bereich.

Die Themen zur tiergestützten Pädagogik umfassen: Schulhunde, Leseförderung mit Hund, Leistungs- und Konzentrationsförderung sowie Bissprävention und artgerechter Hundeumgang. Weiterhin werden im Bereich der Sonder-/Heilpädagogischen TGI Tiere im Strafvollzug, bei Autismus, ADHS oder im Rahmen ganzheitlicher sonderpädagogischer Förderung angesprochen.

Im Themenblock „Psychologie und Psychotherapie“ werden TGI bei Depression/ Burn Out, Sucht, Adipositas, PTBS/Trauma und Persönlichkeitsstörungen behandelt.

Es folgen Informationen zur tiergestützten Praxis bei Schädel-Hirn-Trauma, in der Palliativmedizin/im Hospiz, bei Demenz, in der Physiotherapie und Ergotherapie.

Zusätzlich wurden Kapitel zu Sonderformen tiergestützten Arbeitens – wie tiergestützte Intensiv-Therapiewochen, Tierbesuchsdienste, Tierhaltung auf Stationen und andere, grenzwertige Programme sowie Lehrbauernhöfe oder Assistenzhunde aufgenommen. Den dritten Teil abschließend gibt es ein Kapitel zur Finanzierung von TGI.

In jedem der Kapitel wird versucht, einen Einblick in die Praxis und den Stand der Forschung zu TGI beim jeweiligen Störungsbild zu geben.

Wir hoffen, mit dem vorliegenden Handbuch zur TGI eine große Bandbreite an wichtigen Themen in diesem Feld abgedeckt zu haben – auch wenn uns bewusst ist, dass nicht alle interessanten Themen Berücksichtigung finden konnten.

Ein Aspekt, der uns bei der TGI sehr wichtig erscheint – und dem dieses Werk auch Respekt zollen soll – ist der One-Health-Gedanke, so wie er von der International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO, 2014, S. 7., Übers. d. A.) für die Mensch-Tier-Beziehung allgemein und für tiergestützte Interventionen im Besonderen beschrieben wird:

„Die Gesundheit und das Wohlergehen von Tieren, Menschen und der Umwelt ist untrennbar miteinander verbunden.“

Daher können Menschen langfristig nur dann von TGI profitieren und sich dieses Arbeitsfeld halten, wenn es auch den Tieren im Rahmen der TGI gut geht. Die Tiere sind Partner und Mitarbeiter der menschlichen Fachkraft – und die Qualität dieser Beziehung zwischen TGI-Fachkraft und Tier bedingt auch die Qualität und Effektivität der TGI für den Klienten.

Dieses Buch ist unserem Freund, Mentor und Kollegen Prof. Dr. Erhard Olbrich gewidmet, der Pionierarbeit für die tiergestützten Interventionen im deutschsprachigen Raum geleistet hat.

Juni 2018
Andrea Beetz, Meike Riedel und Rainer Wohlfarth

Teil I: Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung und tiergestützter Interventionen

1 Geschichte tiergestützter Interventionen

Von Dennis C. Turner, Rainer Wohlfahrt, Andrea Beetz

Eine Beschäftigung mit der Geschichte tiergestützter Interventionen muss zwangsläufig mit der Geschichte des akademischen und praxis-orientierten Interesses an Mensch-Tier-Beziehungen in der angelsächsischen Welt beginnen. Seit Jahrtausenden profitieren wir Menschen – größtenteils unbewusst – von der Anwesenheit von und der Kameradschaft mit Tieren.

Schon im neunten Jahrhundert integrierten Familien im Sinne einer „Therapie naturelle“ Tiere in die Betreuung von Menschen mit Behinderung. Im 18. Jahrhundert gaben im York Retreat Quäker psychisch kranken Menschen Tiere zum Versorgen, um die Selbstwirksamkeit zu fördern.

Trotzdem wuchs das formelle Interesse an der Mensch-Tier-Beziehung und ihren Konsequenzen für unsere Gesundheit erst ab den 1960er Jahren deutlich an. Impulsgebend waren die Publikationen von Boris Levinson (1962) und Sam Corson und Elisabeth O´Leary Corson (1978) in den USA, welche u. a. die Rolle eines Hundes in der kommunikativen Öffnung eines Patienten und beim Aufbau einer Beziehung zwischen Patient und Therapeut dokumentierten.

Seither gab es sehr viele Publikationen, z. T. anekdotische und populäre, z. T. wissenschaftliche, welche die Bedeutung und Wirkung von Heimtieren auf Menschen teils sehr gepriesen haben. Das öffentliche Interesse an „Tieren als Co-Therapeuten“ war enorm und kam über den Atlantik nach Europa und (später) über den Pazifik nach Asien. Verschiedene Organisationen mit Besuchstieren wurden gegründet, die erste und bekannteste war die Delta Society (nun Pet Partners) in den USA, im deutschen Sprachraum folgten etwa Tiere helfen Menschen e. V. in Deutschland, Tiere als Therapie (TAT) in Österreich und der Verein Therapiehunde (VTHS) in der Schweiz.

Doch die human-medizinische Fachwelt und die Gesundheitsministerien waren skeptisch bis zum Erscheinen einiger wegweisender Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, die Gesundheitseffekte von Heimtierhaltung untersuchten, wie zum Beispiel: Friedmann et al. (1980), Baun et al. (1984), Serpell (1991), Anderson et al. (1992) und Friedmann und Thomas (1995).

Als erstes reagierte das US Gesundheitsministerium (National Institute of Health, NIH) mit einer Konferenz, respektive einem ‚Technology Assessment Workshop’ über die gesundheitsfördernden Wirkungen von Heimtieren (US National Institutes of Health, 1987). Diese Konferenz kam schon damals zum Schluss, dass es genügend Evidenz für gesundheitsförderliche Wirkungen gibt, um weitere Forschung zu initiieren. In der Folge wurden viele Forschungsprojekte, wie auch die Gründung der wichtigsten Gesellschaften auf dem Gebiet der Mensch-Tier-Beziehung, von der Heimtiernahrungsmittel-Industrie, allen voran von Mars Petcare/Waltham, finanziell unterstützt. Im Jahr 2008 gingen dann das US National Institute of Child Health and Human Development, eine Unterorganisation des NIH, und das National Institute of Nursing Research eine Public-Private-Partnerschaft mit dem Waltham Centre ein, um Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung offiziell zu fördern. Die Auswahl der Projekte unterlag ab diesem Zeitpunkt den strengen Anforderungen des NIH, welches die Projekte auch größtenteils finanziert.

1990 war ein wichtiges Jahr für das Fachgebiet „Mensch-Tier-Beziehungen“, da in diesem Jahr die International Association of Human-Animal Interaction Organizations (IAHAIO; www.iahaio.org, 08.06.2018) in Toronto gegründet wurde, welche ursprünglich zwölf nationale Organisationen umfasste. Heute zählt die IAHAIO fast neunzig Mitgliedsorganisationen, die weit über 100.000 Mitglieder rund um die Welt vertreten. Die IAHAIO will das Fachgebiet „Mensch-Tier-Interaktion“ durch Forschung, Bildung und Praxisentwicklung fördern und hat immer dafür plädiert, dass die Praktiker und Forscher miteinander kommunizieren und gemeinsam an internationalen Kongressen und Symposien teilnehmen. Diese Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis spiegelt sich auch in ihrem Open Access Journal „People and Animals: The International Journal of Research and Practice“ (PAIJ). Im deutschen Sprachraum sind die beiden Institute für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT-Österreich, IEMT-Schweiz) und der Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft (Deutschland) Gründungsmitglieder der IAHAIO.

Während die IAHAIO ein Dachverband von Organisationen ist, wurde ebenfalls 1990 die Idee eines Zusammenschlusses von Forschern und Akademikern geboren. 1991 wurde anlässlich eines Symposiums in Cambridge, UK, die International Society for Anthrozoology (ISAZ; www.isaz.net, 08.06.2018) gegründet. Die ISAZ und ihre Mitglieder fördern das Studium der Mensch-Tier-Interaktionen und -Beziehungen (heute wird es als Fachgebiet „Anthrozoologie“ betitelt) durch die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen und die Organisation wissenschaftlicher Tagungen. Der fachliche Austausch wird auch über die Fachzeitschrift „Anthrozoös“ gefördert, welche von der ISAZ herausgegeben wird. Sie gilt mittlerweile als wissenschaftlich renommierte Fachzeitschrift mit einem relativ hohen „impact factor“.

Aufgrund des zunehmenden Interesses und der Praxis von „tiergestützter Therapie“ und „tiergestützten Aktivitäten“ wuchs der Bedarf nach Standards in der Aus- und Weiterbildung. Im Oktober 2004 wurde ESAAT – European Society for Animal Assisted Therapy – ein Verein zur Erforschung und Förderung der therapeutischen, pädagogischen und salutogenetischen Wirkung der Mensch-Tier-Beziehung mit Sitz in Wien an der Veterinärmedizinischen Universität Wien – gegründet (www.esaat.org, 28.06.2018). Ziel war es, die Aus- und Fortbildung auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie zu vereinheitlichen und die Anerkennung der tiergestützten Therapie als Therapieform sowie die Schaffung eines eigenen Berufsbildes zu erreichen. Heute stehen die Etablierung von Qualitätsstandards und Leitlinien sowie die Akkreditierung von Aus- und Weiterbildungen im Zentrum der Aktivitäten. Akkreditiert werden von der ESAAT berufsbegleitende/universitäre Fortbildungen zur Fachkraft für tiergestützte Interventionen und Basis-Ausbildungen z. B. zum Therapiebegleithunde-Team. Die ESAAT umfasst im Mai 2018 17 Mitgliedsinstitutionen aus dem Bereich tiergestützter Intervention.

Auf globaler Ebene wurde 2006 die International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT; www.aat-isaat.org, 08.06.2018) in Zürich durch Vertreter von Universitäten und Privatinstitutionen aus Japan, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz gegründet. ISAAT hat eine von der Organisation unabhängige, internationale „Akkreditierungs-Kommission“, welche die schriftlichen Gesuche nach den ISAAT-Standards beurteilt und eine Empfehlung an das ISAAT Board macht. Im Mai 2018 sind zwölf Programme – inklusive einiger universitärer Lehrgänge – akkreditiert. Seit 2017 werden Hunde „Basis Team-“ Ausbildungsprogramme beurteilt und zertifiziert.

Es ist das erklärte Ziel beider Organisationen, ESAAT und ISAAT, in Zukunft enger zusammen zu arbeiten, um das Fachgebiet und die Praxis zu fördern. Als ein erster Schritt wurden gemeinsame Leitlinien zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung veröffentlicht (Wohlfarth & Olbrich 2014).

Es bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass sich die Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen und Institutionen im Feld tiergestützter Interventionen verbessert und sich Praxis und Forschung vermehrt gegenseitig „befruchten“.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Geschichte tiergestützter Interventionen ist noch sehr jung. Sie hat ihre Wurzel in den USA, dort begann die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Mensch-Tier-Beziehung wie auch der praktische Einsatz von Tieren. Erst in den 1990er Jahren begannen erste Organisationen in den deutschsprachigen Ländern zunächst Therapiebegleithunde nach US-amerikanischem Vorbild auszubilden und einzusetzen. Erst nach und nach kamen dann auch andere Tiere in tiergestützten Interventionen zum Einsatz. Erst in den 2000er Jahren wurden in Europa Dachverbände gegründet, welche sich dafür einsetzen, die Qualität der Aus- und Weiterbildungen zu vereinheitlichen und zu verbessern.

Für die Zukunft tiergestützter Intervention ist es wichtig, dass sich die Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen und Institutionen im Feld tiergestützter Interventionen verbessert und sich Praxis und Forschung vermehrt gegenseitig „befruchten“.

Anderson, W., Reid, C. & Jennings, G. (1992). Pet ownership and risk factors for cardiovascular disease. Medical Journal of Australia, 157, 298–301.

Baun, M., Bergstrom, N., Langston, N. & Thoma, L. (1984). Physiological effects of human/companion animal bondings. Nursing Research, 33(3), 126–129.

Corson, S. A. & O’Leary Corson, M. S. E. (1978). Pets as mediators of therapy. Current Psychiatric Therapies, 18, 195–205.

Friedmann, E., Katcher, A., Lynch, J. & Thomas, S. (1980). Animal companions and one-year survival of patients after discharge from a coronary care unit. Public Health Reports, 95(4), 307–312.

Friedmann, E. & Thomas, S. (1995). Pet ownership, social support, and one-year survival after acute myocardial infarction in the Cardiac Arrythmia Suppression Trial (CAST). American Journal of Cardiology, 76, 1213–1217.

Levinson, B. (1962). The dog as a „co-therapist“. Mental Hygiene, 46, 59–65. Serpell, J. (1991). Beneficial effects of pet ownership on some aspects of human health and behaviour. Journal of Royal Society Medicine, 84, 717–720.

US National Institutes of Health, Technology Assessment Workshop (1987). Health benefits of pets: Summary of the working group. Washington, D. C.: US Department of Health and Human Services.

Wohlfarth, R. & Olbrich, E. (2014). Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Praxis tiergestützter Interventionen – ein Leitfaden. Wien/Zürich: Eigenverlag ESAAT und ISAAT.

2 Begrifflichkeiten und Definitionen

Von Andrea Beetz, Dennis C. Turner und Rainer Wohlfarth

Historische Entwicklung

Wer aufmerksam die Fachliteratur studiert oder populäre Berichte in Zeitschriften liest, bemerkt schnell, wie schwierig es ist, eine griffige und korrekte Bezeichnung oder Definition für Tiere als therapeutische oder pädagogische Begleiter zu finden. Dies ist vor allem darin begründet, dass die therapeutischen oder pädagogischen Felder, in denen Tiere eingesetzt werden, sehr heterogen und oft kaum miteinander vergleichbar sind. Da keine rechtlichen Vorgaben bestehen, gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Begriffe, Ausbildungen und Vorgehensweisen.

Die erste Definition im Bereich der tiergestützten Interventionen legte 1996 die amerikanische Organisation Delta Society (Delta Society, 1996 – seit 2012: Pet Partners, www.petpartners.org, 25.05.2018) vor. In dieser Definition wurde grob zwischen tiergestützter Therapie (Animal Assisted Therapy, AAT) als zielgerichtetem Einsatz eines Tieres in einem professionellen Kontext und tiergestützten Aktivitäten (Animal Assisted Activities, AAA) als nicht zielgerichtetem Einsatz von Tieren durch Ehrenamtliche unterschieden.

Diese grundlegende Unterscheidung wurde in den folgenden Jahren auch in den deutschsprachigen Ländern als tiergestützte Therapie bzw. tiergestützte Aktivitäten übernommen. Später wurden die zwei Begriffe noch durch den Terminus tiergestützte Pädagogik ergänzt, um deutlich zu machen, dass Tiere auch in anderen Feldern außerhalb des therapeutischen Kontextes professionell eingesetzt werden.

Otterstedt (2017) ergänzte diese drei Formulierungen noch um den Begriff der tiergestützten Förderung. Diese kann von Personen ohne therapeutischen, pädagogischen oder sozialen Grundberuf – wie z. B. Biologen oder Landwirten – durchgeführt werden, die sich in tiergestützten Interventionen weitergebildet haben. Es werden dann keine spezifischen therapeutischen, pädagogischen Methoden oder Methoden der Sozialen Arbeit eingesetzt, sondern es wird eine zielgruppenspezifische Förderung im Sinne einer Aktivierung, Motivierung und Förderung der Kommunikation durchgeführt. Der Begriff der tiergestützten Förderung ist aus unserer Sicht nicht klar genug definiert und weitet das Feld tiergestützter Interventionen zu sehr aus. Unseres Erachtens sollte er nicht mehr verwendet werden.

Definition der International Association of Human Animal Interaction Organizations (IAHAIO)

2013 hat die International Association of Human Animal Interaction Organizations (IAHAIO), in der sich weltweit Organisationen zusammengeschlossen haben, welche sich mit der Mensch-Tier-Beziehung beschäftigen, eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um eine global gültige Terminologie zu erarbeiten. Die Definition, welche eine multiprofessionelle Arbeitsgruppe vorlegte, wurde im sogenannten IAHAIO Weissbuch 2014 veröffentlicht (IAHAIO 2014).

Tiergestützte Intervention (TGI): Eine Tiergestützte Intervention ist der Oberbegriff für alle zielgerichteten und strukturierten Interventionen, die bewusst Tiere in Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und Soziale Arbeit einbeziehen und integrieren, um psychische, kognitive oder soziale Verbesserungen bei Menschen zu erreichen. Tiergestützte Interventionen beziehen Teams von Mensch und Tier in formale Ansätze wie Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP) und tiergestütztes Coaching, sowie, unter bestimmten Voraussetzungen, auch Tiergestützte Aktivitäten (TGA) ein.

Tiergestützte Therapie (TGT): Tiergestützte Therapie ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention, die von professionell im Gesundheitswesen, der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit ausgebildeten Personen im Rahmen ihrer Praxis angeleitet oder durchgeführt wird. Fortschritte im Rahmen der Intervention werden gemessen und professionell dokumentiert. TGT wird von beruflich qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebiets durchgeführt und/oder angeleitet. TGT strebt die Verbesserung physischer, kognitiver, verhaltensbezogener und/oder sozio-emotionaler Funktionen bei individuellen Klienten an. Die Fachkraft, welche TGT durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.

Tiergestützte Pädagogik (TGP) oder auch Tiergestützte Erziehung: Tiergestützte Pädagogik (TGP) ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte Intervention, die von in allgemeiner Pädagogik oder Sonderpädagogik qualifizierten Lehrpersonen, professionellen Pädagogen oder gleich qualifizierten Personen angeleitet und/oder durchgeführt wird. TGP wird von in allgemeiner Pädagogik oder Sonderpädagogik qualifizierten Lehrpersonen durchgeführt. Der Fokus der Aktivitäten liegt auf akademischen Zielen, auf prosozialen Fertigkeiten und kognitiven Funktionen. Fortschritte werden gemessen und dokumentiert. Die Fachkraft, welche TGP durchführt, einschließlich der regulären Lehrkraft (oder des Betreuers der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.

Tiergestütztes Coaching (TGC): Tiergestütztes Coaching ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte tiergestützte Intervention, die von einer professionell ausgebildeten Coachingfachperson durchgeführt und/oder angeleitet wird. Die Fortschritte im Rahmen der Interventionen werden gemessen und professionell dokumentiert. TGC wird von beruflich (durch Lizenz, Hochschulabschluss oder Äquivalent) qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebietes durchgeführt und/oder angeleitet. TGC strebt die Verbesserung von persönlichem innerem Wachstum, eine Verbesserung der sozialen und/oder sozio-emotionalen Funktionen individueller Coachee(s) an und bietet Unterstützung bei gruppenbildenden Prozessen. Die Fachkraft, welche TGC durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/ der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.

Tiergestützte Aktivitäten (TGA): TGA sind geplante und zielorientierte informelle Interaktionen/Besuche, die von Mensch-Tier-Teams mit motivationalen, erzieherischen/bildenden oder entspannungs- und erholungsfördernden Zielsetzungen durchgeführt werden. Die Mensch-Tier-Teams müssen wenigstens ein einführendes Training, eine Vorbereitung und eine Beurteilung durchlaufen haben, um im Rahmen von informellen Besuchen aktiv zu werden. Mensch-Tier-Teams, die TGA anbieten, können auch formal und direkt mit einem professionell qualifizierten Anbieter von gesundheitsfördernden, pädagogischen oder sozialen Leistungen hinsichtlich spezifischer und dokumentierter Zielsetzungen zusammenarbeiten. In diesem Fall arbeiten sie im Rahmen einer TGT oder TGP, die von einer professionellen, einschlägig ausgebildeten Fachkraft in ihrem jeweiligen Fachgebiet durchgeführt wird.

Eine Differenzierung

Zusätzlich zur den fünf von der IAHAIO vorgeschlagenen Begrifflichkeiten werden noch zahlreiche andere Begriffe verwendet, z. B. tiergestützte Förderung, tiergestützte Didaktik, tiergestützte Erziehung und tiergestützte Fördermaßnahmen.

Dies macht deutlich, dass es kaum möglich ist, alle Settings, in denen Tiere eingesetzt werden, adäquat durch die Definition der IAHAIO zu beschreiben. Es stellt nur ein grobes Raster dar, welches letztlich zu kurz greift. Etwa werden unter dem Begriff der tiergestützten Therapie so unterschiedliche Einsatzfelder wie Ergotherapie, Sprachtherapie, Physiotherapie oder Psychotherapie subsumiert, welche zusätzlich noch sehr unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen und deren Bezeichnungen zum Teil gesetzlich geschützt sind.

Daher schlagen wir vor, nicht mehr allgemein von tiergestützter Therapie oder Pädagogik zu sprechen, sondern „tiergestützt“ – und das legt das Adjektiv „tiergestützte“ auch nahe (Saumweber, 2009, S. 73) – lediglich als kennzeichnenden Begriff zum jeweiligen Berufsfeld zu verwenden. Also spricht man zum Beispiel von

tiergestützter Psychotherapie,

tiergestützter Physiotherapie,

tiergestützter Sprachtherapie,

tiergestützter Sozialarbeit,

tiergestützter Humanpflege,

tiergestützter Sozialpädagogik und

tiergestützter Heilpädagogik

und verwendet tiergestützte Interventionen als Oberbegriff (Saumweber, 2009).

Eine erweiterte Definition

Die IAHAIO Definition umreißt lediglich Mindestanforderungen an tiergestützte Interventionen wie Zielorientierung oder Grundberuf. Folgende Aspekte erweitern die Beschreibung des Begriffs „tiergestützt“ (Wohlfarth & Mutschler, 2017): Hier verwenden wir aus sprachlichen Gründen den neutralen Begriff „tiergestützter Einsatz“. Jeder Leser kann die Bezeichnung „Einsatz“ gedanklich durch seinen eigenen Grundberuf ersetzen.

Als „tiergestützten Einsatz“ bezeichnet man fachlich geplante Angebote mit speziell dafür ausgebildeten und artgerecht gehaltenen Tieren für Menschen jeden Alters mit und ohne physischen, psychischen, sozial-emotionalen oder kognitiven Einschränkungen und Verhaltensweisen. Diese Angebote beinhalten auch gesundheitsfördernde, präventive und rehabilitative Maßnahmen.

Basis des tiergestützten Einsatzes ist die Beziehungs- und Prozessgestaltung im Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson. Im tiergestützten Einsatz kommen Methoden, bei denen Klienten mit Tieren interagieren, über Tiere kommunizieren oder für Tiere tätig sind, zur Anwendung.

Ein tiergestützter Einsatz wird von Personen mit einer entsprechenden professionellen Grundausbildung geplant, durchgeführt und evaluiert, die eine Zusatzausbildung in tiergestützten Interventionen nach ESAAT oder ISAAT absolviert haben.

Der tiergestützte Einsatz erfolgt nach den Richtlinien des jeweiligen Grundberufs.

Die Tierethik fordert die Wahrnehmung der Tiere als fühlende Lebewesen, die Respekt verdienen, sowie eine artgerechte Tierhaltung und -ausbildung. Allgemeine Ziele eines tiergestützten Einsatzes können sein,

die körperlichen, kognitiven und emotionalen Funktionen wiederherzustellen und zu erhalten,

die Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Durchführung von Aktivitäten und Handlungen zu fördern,

das Einbezogen sein in die jeweilige Lebenssituation zu fördern und

das subjektive Wohlbefinden zu verbessern.

Damit soll erreicht werden, dass der einzelne Mensch in unterschiedlichen Lebensbereichen seinen Fähigkeiten entsprechend agieren und partizipieren kann.

Die Ziele eines tiergestützten Einsatzes orientieren sich – ausgehend von der Indikationsstellung – an den Bedürfnissen, Ressourcen und am Störungsbild sowie am Förderbedarf des jeweiligen Klienten.

Ein tiergestützter Einsatz berücksichtigt Erkenntnisse verwandter Wissenschaftsdisziplinen wie Psychotherapie, Psychologie, Medizin, Pädagogik, Ethologie und Veterinärmedizin.

Aufgabe der „Fachkraft für tiergestützte Interventionen” ist es, in ihrem grundständigen Berufsfeld oder unter fachkompetenter Einbindung durch den Einsatz eines Tieres bzw. eines Therapiebegleittier-Teams den Menschen in seinem Bedürfnis nach Linderung seiner Beschwerden, Autonomie und personaler und sozialer Integration, zu unterstützen. Die fachkompetente Einbindung erfolgt je nach Einsatzfeld u. a. durch Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen, (Sozial-) Pädagogen.

Die Fachkraft plant die Maßnahmen anhand unterschiedlichster Konzepte und Ansätze für unterschiedliche Zielgruppen, führt sie zielorientiert durch und dokumentiert sie anschließend. Der Einsatz eines Tieres basiert auf dem Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson, muss prozess- und themenorientiert gestaltet sein und durch eine fachlich fundierte Reflexion hinterfragt werden.

ZUSAMMENFASSUNG

Sowohl für den Austausch innerhalb des Feldes der TGI, als auch für die Kommunikation mit Öffentlichkeit, Entscheidungsträgern oder Wissenschaft, ist die einheitliche Verwendung von Termini und Definitionen äußerst wichtig, und dies nicht nur auf nationaler Ebene. Immer neue Wortschöpfungen für sehr spezifische oder ungewöhnliche tiergestützte Ansätze (z. B. bezüglich der eingesetzten Spezies) stehen diesem Ziel entgegen, ebenso wie die falsche Verwendung von Begriffen.

Delta Society. (1996). The human-animal health connection: standards of practice for animal-assisted activities and therapy. Bellevue: Delta Society.

IAHAIO (2014). IAHAIO Weissbuch 2014. Definitionen der IAHAIO für Tiergestützte Interventionen und Richtlinien für das Wohlbefinden der beteiligten Tiere. Zugriff am 18.06.2018 iahaio.org/wp/wp-content/uploads/2017/05/iahaio-white-paper-2014-german.pdf

Otterstedt, C. (2017). Tiergestützte Interventionen. Stuttgart: Schattauer.

Saumweber, K. (2009). Tiergestützte Pädagogik in der stationären Jugendhilfe. Norderstedt: Books on Demand.

Wohlfarth, R. & Mutschler, B. (2017). Hundegestützte Therapie: Grundlagen und Anwendung (2. Auflage). München: Ernst Reinhardt.

4 Tiergestützte Interventionen und Salutogenese

Von Andrea Beetz und Rainer Wohlfarth

Aus der Stress- und Copingforschung ist bekannt, dass Belastungen nicht nur negative Auswirkungen haben müssen, sondern auch eine persönliche Weiterentwicklung anstoßen können. Krisen können sogar Katalysatoren der Entwicklung sein (Olbrich, o. J.). Hierzu ist es jedoch notwendig, dass Menschen sich ihrer Ressourcen bewusst sind und in belastenden Situationen auf diese zugreifen können.

Belastungen können aufstören. Sie können krank machen, so Olbrich (o. J.) wenn die persönlichen und sozialen Ressourcen zu einer produktiven Auseinandersetzung mit ihnen zu schwach sind. Unter bestimmten Bedingungen aber gefährden sie die Gesundheit nicht oder nur in erstaunlich geringem Maße: Belastungen können auch soziale Unterstützung anregen, sogar zur Entwicklung von körperlichen und psychischen Potenzialen von Menschen beitragen (Bonanno, 2004).

Olbrich (o. J.) verweist in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen mit Personen, die schwere Lebenskrisen erfolgreich bewältigen konnten. Antonovsky (1979) entdeckte dabei eine charakteristische Grundorientierung, ein Grundgefühl von Zusammenhalt, Sinnhaftigkeit und Einklang, das aus seiner Sicht wesentlichen Anteil an der gelungenen Bewältigung jeglicher Anforderungen hat. Diese Grundorientierung nannte er „Kohärenzgefühl“ (sense of coherence, SOC). Olbrich (o. J.) verweist darauf, dass die von Antonovsky genannten Voraussetzungen dafür teilweise an die bewusste kognitiv-affektive Verarbeitung von Stress (Coping) gebunden sind, aber auch andere – insbesondere positive Erfahrungen der Selbstwirksamkeit – zur Entwicklung des Kohärenzgefühls beitragen. Antonovsky formulierte dieses generalisierte Bewältigungspotenzial als ein Konstrukt, welches den Menschen in die Lage versetzt, flexibel und situationsangepasst auf Krisen reagieren zu können. Diesem „Kohärenzgefühl“, häufig auch übersetzt als „Kohärenzsinn“, schreibt er universelle und transkulturelle Bedeutung zu.

Salutogenese durch äußere und innere Kohärenz

Das Erleben von Kohärenz kann nicht nur das Risiko einer psychischen und/ oder körperlichen Erkrankung bei extremen Belastungen verringern, es kann auch zur Salutogenese, zum „Gesundwerden“ beitragen. Die von Antonovsky genannten Voraussetzungen dafür sind teilweise an die bewusste kognitiv-affektive Verarbeitung von Stress (Coping) gebunden, aber auch andere – insbesondere positive Erfahrungen der Selbstwirksamkeit – tragen zur Entwicklung des Kohärenzgefühls bei. Und neben der bewussten kognitiv-affektiven Auseinandersetzung kann es zudem eine auf tieferen Schichten ablaufende Verarbeitung von Erfahrungen sein.

Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

die Anforderungen, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, voraussehbar und erklärbar sind (Verstehbarkeit).

es immer wieder Mittel und Wege gibt, gegenwärtige und auch künftige Lebensanforderungen zu meistern (Handhabbarkeit).

es sinnvoll ist, sich für eine erkannte Aufgabe aktiv und emotional beteiligt zu engagieren (Bedeutsamkeit). (Antonovsky, 1979)

Zu den personenbezogenen oder internalen Widerstandsressourcen gehören z. B. Wissen, Problemlösungsfähigkeit, Selbstvertrauen und internale Kontrollüberzeugungen. Zu den äußeren oder externalen Ressourcen werden intakte Sozialstrukturen, materielle Sicherheit und Zugang zu Ausbildung und Beruf gezählt.

Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit in ganz unterschiedlichen Arten ihrer produktiven Verarbeitung können Salutogenese anstoßen (Abb. 4.1). Das dabei beschriebene Werden von Gesundheit ist der Pathogenese entgegengesetzt (Olbrich, o. J.).

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Abb. 4.1: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit (angelehnt an Antonovsky, 1979)

DEFINITION

Pathogenese beschreibt meist das Fortschreiten von Störungen und Erkrankungen wie auch den fortschreitenden Verlust von sozialen, psychischen und körperlichen Funktionen.

Statt einer Dichotomie zwischen gesunden und kranken Menschen, also einer konsequenten Trennung zwischen Gesundheit und Krankheit, nimmt Antonovsky die Existenz eines multidimensionalen Gesundheits-Krankheits-Kontinuums an – ausgehend davon, dass sich Gesundheit und Krankheit nicht trennen lassen. Auf diesem Kontinuum bewegen sich die Menschen den Polen Gesundheit oder Krankheit entgegen und sind mehr oder weniger teilweise gesund und teilweise krank.

Über die schon oben angedeutete Beschränkung der Pathogenese auf ätiologische Faktoren hinausgehend, will die Salutogenese, nach Olbrich (o. J.), die ganze Geschichte eines Menschen erfahren, in der es auch heilsame Faktoren bzw. Ressourcen gibt und die Aufmerksamkeit nicht nur im Sinne der Pathogenese auf der Bekämpfung von Krankheitserregern und Vermeidung von Risikofaktoren liegt. Für Antonovsky stehen hier auch solche Copingressourcen im Vordergrund, durch die die Position auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum beibehalten oder verbessert werden kann (Olbrich, o. J.). Letztlich geht es darum, seine soziale, psychische und körperliche Situation so zu regulieren, dass ein subjektives Gefühl des Wohlbefindens entstehen kann.

Im Folgenden soll analysiert werden, ob und wie weit eine in einem breiter gefassten theoretischen Rahmen verstandene Salutogenese allgemein und spezifisch in Therapien mit Tieren erklärt oder sogar gestärkt werden kann. Hierzu können folgende Fragen herangezogen werden, welche von Olbrich (o. J.) aufgeworfen wurden: Vermitteln Tiere den Menschen, die in einer guten Beziehung mit ihnen leben, eine bessere Verstehbarkeit der Anforderungen, die Leben und Zusammenleben stellen? Zeigen sie auf eine ganz einfache Weise immer wieder, dass man Leben mit seinen Glückspotenzialen ebenso wie mit seinen Problemen und Belastungen handhaben, wenn auch nicht immer effizient bewältigen kann? Und lassen Tiere bei den Menschen, mit denen sie zusammen leben, nicht auch manchmal das Verständnis für einen Sinn im Leben aufkeimen, der nicht den Kriterien einer Leistungsgesellschaft entsprechen mag, wohl aber den Kriterien eines empathischen Miteinanders? Es ist die Frage, ob wir in der Tiergestützten Intervention salutogenetische Prozesse erkennen, die das produktive Umgehen mit Belastungen erleichtern, die aber auch generell zu einer gestärkten Kompetenz zum „gelingenden“ Umgehen mit den Anforderungen des alltäglichen Umfeldes beitragen (Olbrich, o. J.).

Erleben von Kohärenz in der Natur

Erhard Olbrich verweist auf Hildegard von Bingen, die als Ärztin und Naturforscherin schon im zwölften Jahrhundert von der „viriditas“ gesprochen hat. Darunter versteht Hildegard von Bingen, nach Olbrich (o. J.), eine Kraft der Natur, die sich dem Menschen anbietet und die im Bemühen um Heilung – körperliche ebenso wie psychische – wirksam wird. Beziehung zur Natur, so Hildegard von Bingen, hilft uns, dieser Kraft inne zu werden. Und Experten im 21. Jahrhundert sagen es ganz ähnlich:

„Es gibt überzeugende empirische Evidenz, die bestätigt, dass ein enger Kontakt mit der Natur, mit Tieren und Pflanzen, die Gesundheit und die Lebensqualität von Menschen fördert“ (Nilsson et al., 2007, S 5)

So zeigen Zelenski und Nisbet auf, dass Naturverbundenheit uns glücklicher macht, wenn auch glückliche Menschen einfach die Natur besser genießen können. In ihren Studien fand sich ein spezifischer Einfluss von Natur auf unser Wohlbefinden und dieser Einfluss war unabhängig von anderen Faktoren (Zelenski & Nisbet, 2014). Auch wenn die bidirektionale Beziehung zwischen Natur und Glück berücksichtigt wird, so unterstützen die Studien doch die Hypothese, „that cultivating nature relatedness could provide a unique route to increasing human happiness” (Zelenski & Nisbet, 2014, S. 19).

In weiteren Studien fanden sich vor allem positive Beziehungen zwischen Naturverbundenheit und dem menschlichen Wohlbefinden (Nisbet et al., 2011). So korrelierten positive Gefühle, Autonomie und persönliches Wachstum mit der Naturverbundenheit (Nisbet et al., 2011). Auch besaßen Menschen, welche sich mit der Natur verbunden fühlten, mehr Selbstwert und berichteten über mehr Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit in ihrem Leben (Nisbet et al., 2011). Naturerleben korrelierte dagegen nie mit Kranksein. Daher gehen Nisbet und Mitarbeiter (2011, S. 316) davon aus, “that the overall benefit of connection with nature may be sufficient to overcome negative emotions associated with worry or frustration about environmental problems […] and that NR may help to cultivate or sustain positive emotions and moderate the symptoms of various mood or affective disorders” (Übers. d. A.: … dass der grundlegende Vorteil der Verbundenheit mit der Natur ausreichend sein mag, um über negative Emotionen, die mit Sorgen oder Frustrationen über Umweltprobleme verbunden sind, hinwegzukommen […] und dass Naturverbundenheit helfen mag, positive Emotionen zu fördern oder aufrecht zu erhalten und sogar Symptome verschiedener emotionaler Störungen oder Störungen der Stimmung zu moderieren).

Neben Forschungen zum grundlegenden Einfluss von Naturerleben auf unser Wohlbefinden kann nach Olbrich (o. J.) auch auf Arbeiten von Kerstin Uvnäs-Moberg (2003) zurückgegriffen werden. Sie haben gezeigt, dass Menschen die restitutiven (wiederherstellenden) – also auch salutogenetischen – Wirkungen ihres Organismus auslösen können, wenn sie Ruhe und Verbundenheit mit anderen Lebewesen spüren beziehungsweise zum Erfahren von Ruhe und Verbundenheit geführt werden. Dies ist etwa beim Streicheln eines vertrauten Lebewesens, beim Gestreichelt-werden oder auch beim freundlichen Zusammensein mit vertrauten Menschen in einer angenehmen Situation möglich.

Solche Befunde bieten nach Erhard Olbrich (o. J.) die Hypothese an, dass Menschen beim Erleben von Natur wie auch einer guten Beziehung zu vertrauten Lebewesen eher ein Kohärenzgefühl spüren; und dass sie, getragen davon, die Anforderungen ihrer Lebenssituation – auch Belastungen – produktiv bearbeiten können. Das wird nach Olbrich (o. J.) durch die allgemeine, allerdings nicht immer explizit bewusst werdende Erfahrung erleichtert, nämlich, dass wir verbunden sind, dass sich uns die unbelebte und die belebte Welt verstehbar und in unserem kleinen menschlichen Rahmen auch handhabbar darstellt und dass es zudem sinnvoll ist, darin zu (zusammenzu-)leben.

Wilson (1984) hat in seiner Biophilie-Hypothese ausgeführt, dass wir im Laufe der Evolution eine Affinität zu all den Formen des Lebens entwickelt haben, die uns in der Menschheitsgeschichte umgeben haben und nach wie vor umgeben. Erhard Olbrich (o. J.) verweist darauf, dass wir stets darauf angewiesen waren, das Verhalten unserer Mitlebewesen richtig lesen zu können. Wir mussten es auch bis zu einem gewissen Grad vorhersagen können, um ein gutes Miteinander zu ermöglichen. So haben wir evolutionär angelegte Möglichkeiten zum Verständnis anderer Lebewesen erworben. Und es ist vor allem Natur, die uns verstehbar erscheint. So konnte gezeigt werden, dass Menschen eine höhere spontane Aufmerksamkeit für Lebewesen als für unbelebte Objekte besitzen, unabhängig von deren aktueller Nützlichkeit (New et al. 2007). Mit Menschen und mit Tieren können wir analog kommunizieren und empathisch interagieren. Erhard Olbrich (o. J.) verweist hierzu unter anderem auf die Arbeiten von Kotrschal (2009), der auf gemeinsame „social tools“ von Menschen und Tieren aufmerksam macht, also auf neurologische Programme und von ihnen regulierte Prozesse, die in sozialen und sexuellen Kontexten, in Situationen der Versorgung des Nachwuchses, im Bindungsverhalten und beim Umgehen mit Stress Verhalten beeinflussen. Es sind allen Wirbeltieren gemeinsame und bewährte Programme und Prozesse. Und Natur ist es auch, die mit unseren sensorischen, motorischen und kognitiven Möglichkeiten handhabbar ist.

Aus diesem Wissen kann tiergestützte Therapie als Teil einer umfassenderen Naturtherapie, welche wiederum Teil der integrativen Therapien ist, verstanden werden (Petzold & Hömberg, 2014). Dabei kann einerseits der Naturbezug des Menschen fokussiert, andererseits aber auch der Mensch als Teil des Tierreiches in den Blick genommen werden (Olbrich, o. J.). Denn der Mensch verfügt, so Olbrich, über ein empathisches Wissen zu geistig-seelischen Regungen anderer Menschen und Tiere. Auch einige der höheren Säuger verfügen über eine gewisse Selbstrepräsentanz und eine „theory of mind“. So spüren sie, „wissen“ darum, was in einem „Menschenkopf“ vorgeht. Diese beiden Formen des „mind readings“ gründen tief in unserer gemeinsamen Evolutionsgeschichte als ein Wahrnehmen und Erfassen der „Gemütslage“ von anderen Lebewesen (Olbrich, o. J.). Petzold et al. (2014) verweisen darauf, dass es hier nicht nur um komplexeres kognitives Verstehen und Erklären geht, sondern vor allem um eine „Erlebnisaktivierung“, welche eine salutogenetische Begegnung darstellt.

Erleben von Kohärenz mit Tieren

Tiergestützte Interventionen bieten Möglichkeiten zur Erfahrung einer stimmigen Verbundenheit mit der lebendigen Umwelt (Olbrich, o. J.). Grundlage ist – wie schon erwähnt – eine evolutionär vorbereitete Affinität zu allen Formen des Lebens (Wilson, 1984). Die „Vehikel“ zur Erfahrung dieser Affinität und zur Kommunikation und Interaktion mit anderen Lebewesen stellen vor allem die analoge Kommunikation (Watzlawick et al., 1967) und die neurologisch und physiologisch nachweisbaren Möglichkeiten zur Empathie dar (Kotrschal, 2009; Uvnäs-Moberg, 2003). Zwar sind diese Möglichkeiten nicht immer bewusst und verbal-symbolisch repräsentiert, sie brauchen das Erfahrungssystem (Schultheiss, 2001). Tiergestützte Interventionen sind dann salutogenetisch orientiert, laut Olbrich (o. J.), wenn sie folgenden Kriterien entsprechen:

1. Tiergestützte Interventionen sollten sich an Stimmigkeit, Kohärenz, Verbundenheit, aufbauender Kommunikation orientieren. In tiergestützten Interventionen, deren Basis die gute Beziehung zu Tieren ist, können Klienten erfahren, dass eine klare, meist gut vorhersehbare und oft unverbrüchliche Überschaubarkeit im Erleben und Verhalten der Tiere und in den Interaktionen mit ihnen besteht. Verstehbarkeit von Tieren und vom Zusammenleben stellt sich nicht automatisch ein, sie setzt aktive Bezugnahme voraus. Sie fordert Wissen um das bestimmte Tier, genauso aber eine emotionale Haltung, die das Tier „wirklich meint“.

2. Tiergestützte Interventionen sollten auf attraktive Ziele oder Vorstellungen für die Klienten ausgerichtet sein. Dies bedeutet, sie sollten die Ressourcen der Klienten betonen und nach erstrebenswerten Zielen, wie z. B. Wohlbefinden, Sicherheit, Lust, Lebensqualität, Freude, Fitness, Sinnerfüllung, Weisheit fragen. Hier können Tiere helfen, indem sie Bedürfnisse nach Zusammensein, Geborgenheit, Erfahrung von Nähe, Gemeinsamkeit, Nichtalleinsein erfüllen.

3. Tiergestützte Interventionen sollten sich an den Fähigkeiten der Klienten orientieren und diese unterstützen. Zugleich sollten durch Tiere Wohlbefinden, Eigenaktivität und Motivation erzeugt werden. Zahlreiche Forschungsergebnisse (z. B. Wohlfarth et al., 2013; Julius et al., 2014) weisen darauf hin, dass Tiere die intrinsische Motivation erhöhen und über Fürsorgeverhalten die Eigenaktivität steigern.

4. In tiergestützten Interventionen sollte das Individuum nicht in eine Norm gepresst werden. Vielmehr erkennen wir das Subjektive an, die Selbstwahrnehmung, Gefühle, individuelle Ziele und fragen nach subjektiven Deutungen und Bewertungen. Dies gilt für Klient und Tier.

5. Tiergestützte Interventionen, welche salutogenetisch orientiert sind, sind dynamisch prozess-/lösungsorientiert und geben der (Selbst-)Regulation großen Raum. Damit verbunden sind eine Aufmerksamkeit für systemische/kommunikative Selbstorganisation und -regulation und der Einbezug individueller, sozialer und kultureller Erfahrungen.

Kohärenz im aktuellen Setting tiergestützter Interventionen

Auch bei der Durchführung tiergestützter Interventionen kann das Kohärenzgefühl gefördert werden. So beschreibt Vermeulen (2016) am Beispiel Demenz die Förderung des SOC in der Praxis. Die Verstehbarkeit kann gefördert werden, indem tiergestützte Interventionen als konsistentes, geordnetes und verständliches Geschehen wahrgenommen werden. Hierzu sind eine entsprechende Umgebung (vertraut, störungsfrei, ruhig) und eine gute Anleitung sowohl durch den Anbieter tiergestützter Interventionen (klare Körpersprache, angepasstes Tempo, Rituale) wie das entsprechende Tier (Ruhe ausstrahlen, Komfortverhalten zeigen, unaufdringlich sein) notwendig.

Im Bereich der Handhabbarkeit geht es darum, dass tiergestützte Interventionen Spaß machen und eine anregende, dennoch beruhigende Wirkung haben sollten. Handhabbarkeit wird erreicht, wenn die Teilnehmer nicht überfordert werden, sondern der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe entsprechend dosiert wird und damit schließlich Erfolgserlebnisse und Zuversicht vermittelt werden. Sinnhaftigkeit kann sich einstellen, wenn sinnvolle, mit dem Tier zusammenhängende Aktivitäten stattfinden.

ZUSAMMENFASSUNG

Interaktionen mit Tieren können zur Salutogenese bemerkenswert viel beitragen. Als Heimtiere geben sie vielen Menschen aller Altersgruppen und Lebenssituationen Sinn, ein Gefühl der Handhabbarkeit zumindest dieses Aspekts ihres Lebens und insgesamt ein Gefühl von Kohärenz. Gerade in Krisen (wie Scheidung der Eltern bei Kindern, Verlust von Angehörigen oder Auszug der Kinder, Ruhestand) können Tiere als stabiler Bestandteil des Lebens Stabilität und Kontinuität vermitteln. Auch in tiergestützten Interventionen können Tiere das Kohärenzgefühl fördern und auf verschiedene Weise nicht nur zur Therapie von Symptomen sondern ganzheitlich zur Salutogenese von Patienten beitragen.

Antonovsky, A. (1979). Health, stress, and coping: new perspectives on mental and physical well-being. San Francisco: Jossey-Bass.

Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma and human resilience: have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28.

Julius, H., Beetz, A., Kotrschal, K., Turner, D. & Uvnäs-Moberg, K. (2014). Attachment to pets. Göttingen: Hogrefe.

Kotrschal, K. (2009). Die evolutionäre Theorie der Mensch-Tier-Beziehung. In C. Otterstedt & M. Rosenberger (Hrsg.). Gefährten – Konkurrenten – Verwandte (S. 55–77). Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht.

New, J., Cosmides, L. & Tooby, J. (2007). Category-specific attention for animals reflects ancestral priorities, not expertise. Proceedings of the National Academy of Sciences, 104(42), 16598–16603.

Nisbet, E. K., Zelenski, J. M. & Murphy, S. A. (2011). Happiness is in our nature: exploring nature relatedness as a contributor to subjective well-being. Journal of Happiness Studies, 13, 303–322.

Nilsson, K., Baines, C. & Konijnendijk, C. C. (eds.) (2007). Health and the natural outdoors: COST strategic workshop – final report. Brussels: European Cooperation in Science and Technology. Zugriff am 22.06.2018 www.umb.no/statisk/greencare/general/strategic_workshop_final_report.pdf

Olbrich, E. (o. J.). Tiere helfen heilen: Salutogenese. Unveröffentlichtes Manuskript.

Petzold, H. G. & Hömberg, R. (2014). Naturtherapie – tiergestützte, garten- und landschaftstherapeutische Intervention. Polyloge, 11. Zugriff am 20.06.2018 www.fpi-publikation.de/images/stories/downloads/polyloge/petzold-hoemberg-2014-naturtherapie-tiergestuezte-garten-u-landschaftstherap-intervention-11-2014.pdf

Schultheiss, O. C. (2001). An information processing account of implicit motive arousal. In M. L. Maehr & R. Pintrich (eds.). Advances in motivation and achievement (S. 1–41). Greenwich: JAI Press.

Uvnäs-Moberg, K. (2003). The oxytocin factor. Cambridge: Da Capo Press.

Vermeulen, D. (2016). TgI in der Geriatrie bei Menschen mit Demenz: Anregungen für die SOC Umsetzung in die TgI Praxis. Tiergestützte Interventionen, 13–15. Zugriff am 20.06.2018 sf02d64f8ba6094a.jimcontent.com/download/version/1492248730/module/11194952357/name/2016%20TGI%20Geriatrie%20Vermeulen.pdf

Watzlawick, P., Beavin, J. B. & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of human communication. New York: Norton.

Wilson, E. O. (1984). Biophilia: the human bond with other species. Cambridge: Havard University Press.

Wohlfarth, R., Mutschler, B., Beetz, A., Kreuser, F. & Korsten-Reck, U. (2013). Dogs motivate obese children for physical activity: key elements of a motivational theory of animal-assisted interventions. Frontiers in Psychology, 4, 796, doi:10.3389/fpsyg.2013.00796.

Zelenski, J. M. & Nisbet, E. K. (2014). Happiness and feeling connected: the distinct role of nature relatedness. Environment and Behavior, 46(1), 3–23.

5 Qualitätsstandards als Rahmenbedingungen

Von Rainer Wohlfarth

„Die besonderen Voraussetzungen tiergestützter Interventionen fordern ein hohes Maß an Kompetenz, fachlicher Qualität und Verantwortung sowie Identifizierung mit der Tätigkeit was im alltäglichen Sprachgebrauch oft als ‚gute Arbeit‘ bezeichnet wird. Der Begriff ‚gute Arbeit‘ wird wiederum meist im Zusammenhang mit ‚hoher‘ oder ‚guter‘ Qualität verwendet. Wenn etwas nicht gelingt, spricht man von ‚schlechter Qualität‘. Doch was kennzeichnet gute Arbeit? Was bedeutet hohe Qualität?“ (Wohlfarth et al., 2014, S. 157).

Qualitätssicherung, -entwicklung und -management zielen darauf ab, Maßnahmen im Bereich tiergestützter Interventionen bedarfs- und fachgerecht, zielgruppengerecht und tierethisch zu planen, zu gestalten und umzusetzen – und sie kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Die Diskussion über Qualität kann so genutzt werden, um innerhalb des Feldes der tiergestützten Interventionen intensiver und zielgerichteter über fachliche Standards nachzudenken. Dabei sollen Qualitätsleitlinien dazu dienen, ein Mindeststandard professionellen Handels in einem bestimmten Handlungsfeld festzulegen. Qualitätsförderung und -sicherung im Sinne kontinuierlicher Qualitätsentwicklung sollten von in tiergestützten Interventionen Tätigen als ureigene professionelle Aufgabe wahrgenommen werden.

Zunächst sind dabei die Qualitätsstandards für ein professionelles Handeln im jeweiligen beruflichen Kontext in den Blick zu nehmen. Dies bedeutet, dass zum Beispiel im psychotherapeutischen Kontext zunächst die Qualitätsanforderungen in diesem Bereich erfüllt sein und dann die Qualitätsstandards für tiergestützte Interventionen zusätzlich beachtet werden müssen – erst dann wird tiergestützte Psychotherapie durchgeführt. Ähnliches gilt für andere Bereiche wie tiergestützte Physiotherapie, tiergestützte Ergotherapie oder tiergestützte Sozialarbeit.

Eine besondere Herausforderung besteht also darin, sowohl die Qualitätsanforderungen der beruflichen Grundqualifikation und „on top“ die Qualitätskriterien tiergestützten Arbeitens zu erfüllen.

Im Bereich der tiergestützten Interventionen wurden in den letzten Jahren mehrfach versucht, Qualitätsstandards zu definieren (u. a. Schwarzkopf & Olbrich, 2006; Otterstedt, 2007; Kläschen, 2011; Wohlfarth et al., 2012; Lindau-Bank, 2013, Lauber-Karres & Heselhaus, 2019).

Wohlfarth, Olbrich und Baumeister (AAII, 2019)

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